Was man von hier aus sehen kann

  • von Mariana Leky
  • Roman
  • Dumont Buchverlag Juli 2017   http://www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 320 Seiten
  • 20,00 €
  • ISBN 978-3-8321-9839-8

B U C H S T A B E N G I R L A N D E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Was für eine wunderbare, transparente Prosa, eine generationenumarmende, sehr schneckenpostlangsame Liebesgeschichte, so warmherzig, gefühlvoll-nachdenklich, heiter-tiefsinnig und sprachschön, daß man diesen Roman nach der ersten Lektüre sofort noch einmal lesen möchte!

Die Geschichte beginnt im August 1983, als die Ich-Erzählerin zehn Jahre alt ist. Luise lebt in einem kleinen Dorf im Westerwald. Sie wohnt mit ihren Eltern im ersten Stockwerk des windschiefen Hauses von Luises verwitweter Großmutter Selma. Selma selbst wohnt im Parterre, und Luise übernachtet oft und gerne bei ihr.

Luises bester Freund ist der gleichaltrige Martin, der später Gewichtheber werden möchte und bevorzugt Luise zum Trainieren hochhebt. Selmas bester und ältester Freund ist der Optiker, der schon seit Jahrzehnten heimlich-unheimlich in Selma verliebt ist und der eine wachsende Sammlung angefangener, unabgeschickter Liebesbriefe an Selma pflegt.

Selma und der Optiker kümmern sich warmherzig und zugewandt um Luise und Martin. Sie sind es, die ihnen geduldig das Schnürsenkelschleifenbinden, Fahrradfahren und Schwimmen beibringen.

Im örtlichen Eiscafé üben die Alten mit den Kindern anhand der Eiskarte und der Zuckertütchenhoroskope das Lesen. So sind Luises erste selbstentzifferte Worte „Eisbecher Heimliche Liebe“  und die astrologische Charakterisierung des Sternzeichens Löwe.

Wenn Luise gewollt oder ungewollt sich selbst oder andere belügt, fallen stets zuverlässig Dinge von der Wand: Handharken, Makramee-Eulen, Lesetafeln, Pfannen, Schilder usw. – dann weiß Luise, daß sich die Wahrheit bemerkbar macht. Dieser eigenwillige Lügendetektor vermittelt Luise immer wieder interessante Erkenntnisse.

Da das Dorf zu klein für eine Schule ist, pendeln Luise und Martin jeden Morgen mit dem Bus ins Nachbardorf, und vom Bahnhof des Nachbardorfes fahren sie mit dem Regional-zug in die Kreisstadt zur Schule. Die viertelstündige Zugfahrt nutzen sie als spielerische Gedächtnisübung; Martin hat nach und nach alle auffälligen Landmarken auswendig gelernt und zählt sie Luise mit geschlossenen Augen, streckensekundengenau auf, was besonders bei verschneiter Landschaft reizvoll ist.

Das Dorf wird von einem übersichtlichen Soziotop bevölkert.  Da sind noch Luises Vater, der im Dorf als Arzt praktiziert, Luises Mutter, die einen Blumenladen mit dem Namen „Blütenrein“ führt, Alberto, der Inhaber des Eiscafés, Selmas abergläubische Schwägerin Elsbeth, Martins Vater, die traurige Marlies, der Einzelhändler, der Postbote, einige Bauern und sonstige Randfiguren sowie ein großer Hund namens Alaska.

Eine weitere tragende Rolle spielt das Okapi. Es ist zwar nur ein geträumtes Okapi, aber es hat in jeder Hinsicht eine nachhaltige Wirkung. Selma hat in ihrem Leben dreimal von einem Okapi geträumt, und jedesmal ist innerhalb von 24 Stunden jemand Nahes aus dem Dorf gestorben.

Nun hat Selma wieder von einem Okapi geträumt. Sie ist bemüht, dieses Omen gegenüber Luise herunterzuspielen, aber das funktioniert ganz und gar nicht. Die Nachricht über Selmas Okapitraum macht sehr schnell die Runde im Dorf. Alle Menschen sind beunruhigt und liegen mehr oder weniger auf der Lauer: Schlägt das Herz normal? Könnte einen heute eine friedliche Kuhherde überrennen? Drohen Dachziegel, Äste oder schwere Lampen vom Himmel zu fallen? Welche Wahrheit muß noch unbedingt ans Licht, bevor es vielleicht zu spät ist? Wegen der zu lüftenden Wahrheiten werden viele Briefe geschrieben und mündliche Geständnisse gemacht, die ohne die Aussicht auf den Tod weiter im Verborgenen geblüht hätten …

Zwölf Jahre später macht Luise in der Kreisstadt eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Bei einem Wochenendbesuch im Dorf läuft ihr am Waldrand der buddhistische Mönch Frederick, der gerade Gehmeditation praktiziert, über den Weg. Frederik ist Gast im „Haus der Einkehr“, einem zum Seminarhaus umfunktionierten Hof. Die beiden kommen etwas holperig und zugleich seltsam vertraut ins Gespräch, und Luise faßt sich ein Herz und bittet Frederik um seine Telefonnummer.

Fredrik lebt in einem buddhistischen Kloster in Japan. Es wird viele Ungewißheiten, Freiräume, Verstockungen, Selbstreflexionen und ausführliche Briefgespräche sowie den regelmäßigen Pulsschlag von zahlreichen Selma-Geburtstagsfeiern brauchen, bis sich Luise und Frederik wiedersehen und das Gleichgewicht der Herzen endlich erreicht ist.

Wir lesen hier keine rosa Liebeszuckergußromanze, sondern gefühlsechte, menschenkenntnisreiche, reife Herzensqualität. Die Geschenke und Verluste des Lebens gehen in diesem weisen Roman harmonisch Hand in Hand, Gefundenes wird verloren und Verlorenes wird gefunden, Vertrauen umarmt Verletzlichkeit.

Mariana Leky charakterisiert und inszeniert ihre Figuren mit einer bewundernswerten psychologischen Tiefenschärfe und einem feinen Sinn für Humor. Eine überaus zärtliche, sinnlich-schwebende Sprachmelodie und augenzwinkernde Verspieltheit erleichtert die Schwerkraft des Schicksals.

Mariana Lekys Roman wartet nicht nur mit einer der schönsten und längsten Liebeserklärungen auf, die ich je gelesen habe, sondern mit lebensechten Originalen, die man nicht so schnell vergißt, ja, die man nach Beendigung der Lektüre sogar ausdrücklich vermißt.

 

Als Leselockhäppchen folgen nun noch drei  Zitate:

»„Du gehst selbstverständlich trotzdem zur Schule“, sagte Selma, die immer wusste, was ich dachte, als hingen meine Gedanken in Buchstabengirlanden über meinem Kopf… « (Seite 18)

»„Sind noch alle da?“ fragte ich.
Selma und der Optiker sahen sich an, und dann erfand Selma die Welt zum zweiten Mal.
„Nein“, sagte sie. „Es sind nicht mehr alle da. Aber die Welt gibt es noch. Die ganze Welt minus eins.“ « (Seite 122)

»Er schaute auf seine Hände, als läge meine Frage dort, als hielte er sie, damit wir sie von allen Seiten betrachten konnten.« (Seite 198)

 

Hier entlang zum Buch und zur aussagekräftigen LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.dumont-buchverlag.de/buch/leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-9783832198398/

 

Die Autorin:

»Mariana Leky studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Bei DuMont erschienen der Erzählband ›Liebesperlen‹ (2001), die Romane ›Erste Hilfe‹ (2004) und ›Die Herrenausstatterin‹ (2010) sowie ›Bis der Arzt kommt. Geschichten aus der Sprechstunde‹ (2013). Sie lebt in Berlin und Köln. Mit ihren ersten Erzählungen gewann sie den Allegra Preis 2000. Für den 2001 bei DuMont erschienenen Erzählband ›Liebesperlen‹ wurde sie mit dem Niedersächsischen Literaturförderpreis und dem Stipendium des Landes Bayern ausgezeichnet. 2005 wurde sie für ihren Roman ›Erste Hilfe‹ mit dem Förderpreis für junge Künstler in der Sparte Dichtung/Schriftstellerei des Landes NRW ausgezeichnet.«

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Der schwarze Hund

  • Text und Illustration von Levi Pinfold
  • Originaltitel: »Black Dog«
  • Aus dem Englischen von Nicole T Stuart
  • Bilderbuch
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart  3. Auflage 2015  http://www.jacobystuart.de
  • Gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 22,5 x 29cm
  • 32 Seiten
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN  978-3-941787-86-5
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

A N S I C H T S S A C H E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Frage, ob die Angst größer ist als die befürchtete Gefahr, stellt sich immer wieder. Im Bilderbuch „Der schwarze Hund“ wird dieser Frage anschaulich und lehrreich nachgegangen.

Familie Hoop lebt in einem schönen, altmodischen Haus, das mit seinem rosafarbenen Anstrich warm aus der verschneiten Winterlandschaft hervorleuchtet. Eines Morgens kommt ein neugieriger Hund vorbei. Herr Hoop schaut aus dem Parterrefenster und erschrickt maßlos vor dem schwarzen Hund, der in seinen Augen so groß wie ein Tiger erscheint.

Herrn Hoops Angst ist ansteckend, und Frau Hoop findet gar, der Hund wäre so groß wie ein Elefant. Für jedes Familienmitglied wächst der Hund an Größe und angeblicher Gefährlichkeit. Und so beginnt die Familie, sich im Haus zu verbarrikadieren.

Illustration von Levi Pinfold © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2015

Nur das jüngste und kleinste Familienmitglied, mit dem Spitznamen Klein, betrachtet die Angelegenheit unbefangen, zieht sich winterwetterfest an und verläßt grünbestiefelt – allen ängstlich-fürchterlichen Warnungen zum Trotz – das Haus, um nach dem fremden Hund zu schauen.

Klein findet den großen, großen, schwarzen Hund, der sie freundlich beschnuppert. Und dann spielt sie mit ihm Nachlaufen und lockt ihn mit lustigen Reimen durch allerlei enge Wege, für die er einfach schrumpfen muß, um ihr folgen zu können. Schließlich kommt Klein Hoop mit einem harmlos mittelgroßen Hund wieder zu Hause an, und die überängstlichen Eltern und Geschwister schauen verlegen-betreten aus der Wäsche und erkennen ihren Irrtum. Sie haben vor lauter Angst die Wirklichkeit aus den Augen verloren.

Entspannt nimmt die ganze Familie auf dem nostalgischen Sofa am Kaminfeuer Platz und bewundert Kleins Mut. Klein sitzt auf einem Kissen vor dem Sofa, nahe bei dem lieben Hund, und sagt gelassen: „Ach, wisst ihr, da war nichts, vor dem ich mich hätte fürchten müssen“…

Illustration von Levi Pinfold © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2015

Spielerisch und phantasievoll vermittelt dieses Bilderbuch, daß Großes klein und Kleines groß sein kann und daß die Proportionen zwischen eingebildeter Gefahr und Wirklichkeit möglichst unvoreingenommen überprüft werden sollten, um ängstlichen Überreaktionen mit Besonnenheit zu begegnen.

Levi Pinfold hat für das Bilderbuchhaus sehr schöne Interieurs mit romantischer, warmbunter Vintageeinrichtung und verspielten Details gezeichnet, die eine einladende, stimmungsvoll-gemütliche Wirkung entfalten. Sein kunstvoll-präziser Malstil gibt feinste Texturen von Materialien, Hölzern, Stoffen, Fell usw. wieder. Und so wird jede Seite zu einer wahren Augenweide für Liebhaber sinnlicher Einzelheiten und Strukturen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinderbuch/bilderbuch/der-schwarze-hund/

 

Der Autor & Illustrator:

»Levi Pinfold glaubt, dass er selbst einmal einen Schwarzen Hund gesehen hat. Es kann aber auch ein Panther gewesen sein. Der schwarze Hund ist sein zweites Bilderbuch. Er gewann dafür 2013 die renommierte CILIP Kate Greenaway Medal. Für sein erstes »The Django« wurde er in Großbritannien als Bester Newcomer-Illustrator ausgezeichnet. Levi Pinfold mag Motorräder, Musik, Bäume und Katzen. Zur Zeit wohnt er mit seiner Freundin und Howard, der Eidechse, in Brisbane, Australien. In seiner Freizeit versucht er sich als Gemüsegärtner.«

 

PS:
Gerne reihe ich das Bilderbuch „Der schwarze Hund“    als Entspannungsvorbild – in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

QUERVERWEIS:

Das einfühlsam-heitere Bilderbuch „Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen“ von Alicia Potter (TEXT) und Birgitta Sif (ILLUSTRATIONEN) bietet sich zum Thema Angstüberwindung ergänzend an.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/24/henriettes-heim-fuer-schuechterne-und-aengstliche-katzen/

Anregende Ermutigung bietet außerdem das augenzwinkernd-tiefsinnige Kinderbuch „Vom mutigen Manxmaus Mäuserich“ von Paul Gallico. Der kleine Mäuserich lernt seine eigene Angst kennen, ergibt sich der Angst jedoch keineswegs, sondern nutzt sie, um seinen Mut daran zu schärfen.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/29/vom-mutigen-manxmaus-maeuserich/

 

Vor den 7 Bergen

  • Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schiefgeht
  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Mareike Engelke
  • Text von Annette Feldmann
  • KUNSTANSTIFTER Verlag  März 2017       https://kunstanstifter.de/
  • Format: 30 x 22 cm
  • 36 Seiten
  • gebunden, mit Fadenheftung
  • 22 € (D), 22,70 € (A), 26 sFr.
  • ISBN 978-3-942795-48-7
  • ab vier Jahren

KINDERSEGEN,  BERGSEHNSUCHT  &  APFELKUCHEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern und einem kleinen Hund – das kann turbulent werden. Zunächst wird auf einer Doppelseite jedes Kind mit einem kleinen Steckbrief charakterisiert, und dann beginnt die Geschichte.

Es ist Winter, und statt Schnee gibt es Regen, Regen, Regen. Die Kinder beschließen, ihre Oma, die hinter den sieben Bergen wohnt, zu besuchen – denn „im Gebirge liegt immer Schnee“. Sie rufen ihre Oma an, und diese ist begeistert und backt schon mal einen Apfelkuchen.

Mama kommt von der Arbeit an ihrem Marktstand für Äpfel nach Hause und wird von den Kindern sogleich mit der freudigen Aussicht begrüßt, daß sie bald zur Großmutter in die Berge führen. Mama findet die Idee ebenfalls gut. Alle sind voller Vorfreude, doch dann bekommen die Zwillinge Windpocken, und ein Geschwisterkind nach dem anderen steckt sich an. Der Ausflug in die Berge muß auf den Herbst verschoben werden.

Den Sommer versüßen sich Mama und die Kinder mit Eis vom attraktiven, freundlich-zugewandten Eisverkäufer Bo. Der reparierfreudige, kleine Hanno begutachtet vorsorglich schon die familiären Skier- und Schlittenbestände.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist der Herbst da, aber Mama kann sich keinen Urlaub nehmen, da die Apfelernte so übermäßig reich ausgefallen ist, daß Mama den Marktstand nicht schließen kann. Die Kinder sind schwer enttäuscht. Die Mama verkauft Äpfel über Äpfel, der Eiskäufer Bo besucht sie am Marktstand und bekommt sogar einen Apfel geschenkt.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist wieder Winter, eifrig packen sieben Kinder, eine Mama und ein kleiner Hund ALLES ein, was unbedingt mit auf die Reise zur Oma muß – inklusive siebzehn Bilderbücher, zwölf Kuscheltiere, fünf Kilogramm Äpfel, sechzehn warme Stiefel und sieben Geschenke für die Oma.

Kaum sind sie mit dem vollgepackten Kombi losgefahren, da macht es PENG, und ein Motorschaden zwingt zum unfreiwilligen Parken mitten auf der Kreuzung. Zum Glück kommt Bo zufällig vorbei  und bietet großzügig an, sie mit seinem Eiswagen über die sieben Berge zu ziehen. Ein passendes Abschleppseil ist auch schnell zur Hand, und schon geht die serpentinenreiche Fahrt los.

Nach den üblichen Fragen („Ist es noch weit?“ und „Sind wir bald da?“) sowie dem allseits bekannten, universellen Kindergequengel auf langen Reisen kommen alle wohlbehalten in den Bergen an.

Oma hat schon Apfelkuchen gebacken und den Kamin befeuert und empfängt alle Gäste mit einer herzenswarmen Umarmung…

Die Illustrationen von Mareike Engelke wirken wie Kinderzeichnungen. Dies erzeugt für kindliche Betrachter eine ganz unmittelbare, suggestive Nähe zur kindlichen Perspektive. Die Bildkomposition ist gleichwohl gekonnt, zudem unkonventionell und verspielt und bietet diverse witzige Details. Die farbig gestalteten handschriftlichen Textanteile mit ihren variablen Schriftgrößen untermalen ausdrucksvoll die eigenwillige Bilddramaturgie und bereichern den in einheitlich schwarzer Typographie gedruckten Fließtext um zusätzliche Gefühlsnoten.

Der Text von Annette Feldmann ist in einer freundlich-unverblümten Sprache geschrieben und erfreut mit kinderleichten Dialogen, die eindeutige Gefühlsansagen vermitteln.

In dieser Geschichte bewegen sich Schneewittchens Enkel in einer bodenständigen Alltagswelt, in der die einzige Zaubermacht zwischenmenschliche Nähe und Geborgenheit ist. Doch wie wir hoffentlich alle wissen und erfahren haben, ist dies ein Zauber, der sehr lange wirkt …

Und es spricht absolut nichts dagegen, daß der Märchenprinz Eisverkäufer ist.

Sehr ansprechend sind auch die Vorsatzblätter gestaltet, auf denen sich bekannte und unbekannte Apfelsortennamen tummeln: Aprilschöner, Dickapfel, Hausmütterchen, Milchapfel, Schafsnase, Schlotterapfel, Seidenhemdchen, Weißer Eisapfel – da weiß man gar nicht, wo man zuerst reinbeißen soll, und es ist eine schöne Anregung, sich mit den eigenen Kindern auf die Suche nach diesen Apfelsorten zu machen und sie zu kosten.

 

Hier entlang zum Bilderbuch auf der Verlagswebseite:
https://kunstanstifter.de/buecher/vor-den-7-bergen

PS:
Als kleine Randbemerkung möchte ich gerne noch erwähnen, daß der unabhängige KUNSTANSTIFTER Verlag alle Bücher mit mineralölfreien Farben in Deutschland drucken läßt und die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene unterstützt.

 

Die Illustratorin:

»Mareike Engelke wurde 1979 am Niederrhein geboren. Sie studierte Kommunikations-design in Essen und Krefeld und machte ein Bilderbuch-Diplom. Sie arbeitet als freie Illustratorin für Magazine und Verlage und zeichnet in ihrem Duisburger Atelierhaus mit Blick auf einen großen blauen Kran. Ansonsten geht sie gerne auf Unsinnsuche und schätzt sich glücklich, eine Gärtnerenkelin, Katzenmutter und Lieblingstante zu sein. Sie lebt mit ihrem Mann in Duisburg.«      http://www.mareikeengelke.de

Die Autorin:

»Annette Feldmann, geboren 1975 am Niederrhein, studierte Kanadistik und Vergleichende Literaturwissenschaften in Augsburg und Vancouver. Sie arbeitete zunächst bei der Rheinischen Post und seit 2008 als freie Journalistin und Autorin sowie als Texterin in einer Werbeagentur. 2014 wurde sie mit dem dritten Platz beim Moerser Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr erstes Jugendbuch „Nichts sagen“ (Divan Verlag, 2015) wurde für den Goldenen Pick nominiert. Annette Feldmann lebt mit ihrem Mann in Kempen.«   http://www.netttext.de

böse

  • Bilderbuch
  • Text: Lorenz Pauli
  • Illustration: Kathrin Schärer
  • Atlantis Verlag September 2016  www.atlantis-verlag.ch
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 23,6 cm x 28,5 cm
  • 32 Seiten
  • 14,95 € (D), 15,40 € (A), 24,90 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0720-9
  • ab 4 Jahren
    0720_Schaerer_Boese_Cover_Z.indd

EINE  GUTE  BÖSE  TAT

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das ist nun mal ein ganz anderes Bauernhof-Bilderbuchszenario. Hier wird mit einer völlig überraschenden Wendung eine perspektivische Vermessung von Gut und Böse vorgenommen.

Eine kleine hungrige Maus hockt versteckt im Stroh. Ziege, Hund, Taube, Pferd, Katze und Schweine plaudern miteinander und erzählen sich ein wenig selbstgefällig, wie lieb und brav sie sind und welche kleinen Bosheiten sie sich gelegentlich erlauben.

So erschreckt der Hund ab und an gerne den stolzen Hahn, die Ziege vergreift sich verfressen an den Gartenblumen, die Taube läßt gezielt einen Taubendreck auf den Hut des Bauern fallen usw. Alle Tiere finden das amüsant und tolerabel.

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Aus: böse © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

Gerade in dem Augenblick, als die Katze sich gegenüber dem braven Pferd mit dem Erzählen vordrängelt, traut sich die Maus aus dem Strohversteck heraus und nähert sich einigen Körnern, die in der Nähe des Pferdes auf dem Boden liegen. Die Katze schweigt und schleicht sich an die Maus heran, alle Tiere schauen wie gebannt auf die Katze, die schon zum Jagdsprung ansetzt.

„KLACK tritt das Pferd auf die Maus.“ Sogleich äußern sich die Tiere entsetzt über diese böse Gemeinheit. Die Katze zieht sich eingeschüchtert zurück und trollt sich.

Der Hund fragt, warum das Pferd die Maus zertreten habe. Das Pferd antwortet, es habe der Katze eine Lektion erteilen wollen, die aus bloßer Langeweile Mäuse jage, obwohl sie doch ihr Futter vom Bauern bekäme.

Dann hebt das Pferd vorsichtig den Vorderhuf, und die unversehrte Maus, die bequem unter dem Hufeisen Platz gefunden hatte, kommt zum Vorschein und bedankt sich. Ganz leise, damit die Katze nichts davon bemerkt, lachen alle Tiere über diese „liebste Gemeinheit der Welt.“

 

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Aus: böse © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

 

Lorenz Pauli erzählt diese hintersinnige Geschichte in kurzen, konzentrierten Sätzen mit lebhaften Dialogen in direkter Rede und mit spannender, bühnenreifer Dramaturgie. Die Illustrationen von Kathrin Schärer geben den dargestellten Tieren einen bewundernswert vielfältigen mimischen und körpersprachlichen Gefühlsausdruck.

„böse“ ist ein in mehrerer Hinsicht sehenswertes und bedenkenswertes Bilderbuch, das Kindern zeigt, daß Gut und Böse nicht immer einfach und eindeutig zu erkennen sind, sondern aus verschiedenen Perspektiven ganz unterschiedliche Schattierungen und Bewertungen erfahren, die einfühlsames Hinterfragen erfordern.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://ofv.ch/kinderbuch/detail/b%c3%b6se/102781/

 

Der Autor:

»Lorenz Pauli wurde 1967 geboren. Irgendwann wurde er Kindergärtner. Viele Jahre arbeitete und lachte er mit den Kindern. Dann wurden die Tage zu kurz, und nun lacht er nur noch: Vor seiner Tastatur und beim Erzählen auf der Bühne. 2012 stand Lorenz Pauli auf der IBBY-Honour-List für seinen Text »Oma Emma Mama« (2010, Atlantis). „Pass auf mich auf!“ (Pauli/Zedelius, 2015, Atlantis) war nominiert für den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis 2015. Pauli lebt mit seiner Familie in Bern. Mehr über ihn, seine Bibliografie und seine Auftritte auf seiner Webseite: http://www.mupf.ch «

Die Illustratorin:

»Kathrin Schärer, geboren 1969 in Basel, studierte Zeichen- und Werklehrerin an der Hochschule für Gestaltung Basel. Sie unterrichtet an einer Sprachheilschule und arbeitet als Illustratorin. Wiederholt hat sie eigene Texte illustriert und in langjähriger Zusammenarbeit und mit großem Erfolg Geschichten von Lorenz Pauli. Für ihr Gesamtwerk war Kathrin Schärer für den Hans-Christian-Andersen-Preis 2012 und für den Astrid Lindgren Award 2014 nominiert. »Johanna im Zug« (2009, Atlantis) wurde 2011 mit dem Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis ausgezeichnet. Webseite: http://kathrinschaerer.ch/ «

Querverweis:

Hier entlang zu einer weiteren Kokreation von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer:
Rigo und Rosa https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/28/rigo-und-rosa/

Hier entlang zu Katrin Schärers Bilderbuch über den Tod:
Der Tod im Apfelbaum https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/

Anton und Stups

  • Bilderbuch
  • Text von Claire Freedman
  • Aus dem Englischen von Nina Scheweling
  • Illustrationen von Kate Hindley
  • Thienemann Verlag  Juli 2016     www.thienemann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 26,6 x 26,6 cm
  • 32 Seiten
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3-522-45818-4
  • ab 4 Jahren
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D R E I E C K S B E Z I E H U N G

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Freunde finden ist ein großes Thema für kleine Kinder, besonders wenn sie, etwa durch einen Umzug, in eine neue Gegend versetzt werden, wo sie außer den Familienmitgliedern noch niemanden kennen. Das Bilderbuch „Anton und Stups“ bietet ein glaubwürdiges und warmherziges Szenario vom Suchen und Finden neuer Freunde in einer fremden Umgebung.

Antons Familie ist vom Land in die Großstadt umgezogen. Anton plagt das Heimweh nach dem gewohnten ländlichen Umfeld, und er vermißt seine Freunde, die nun für ihn unerreichbar sind.

An einem regnerischen Tage rafft er sich auf und erkundet sein Stadtviertel. Niemand nimmt Notiz von ihm, und das fühlt sich ziemlich einsam für Anton an. Da entdeckt er einen kleinen, verlorenen, durchnäßten Hund auf dem Bürgersteig. Er schleift eine rote Leine hinter sich her; und als Anton sich die Hundemarke ansieht, steht da nur der Name „Stups“. Weit und breit ist kein Herrchen oder Frauchen in Sicht.

Spontan nimmt Anton die Leine in die Hand, und Stups freut sich offensichtlich über seinen neuen Begleiter. Die beiden vertragen sich gut, und Anton nimmt Stups mit nach Hause. Fröhlich spielen und kuscheln sie miteinander; nur abends wirkt Stups etwas betrübt, und er schaut sehnsüchtig aus dem Fenster.

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Illustration von Kate Hindley © Thienemann Verlag 2016

Anton ist sich darüber im Klaren, daß ihm Stups nicht gehört und daß es jemanden gibt, der ihn schmerzlich vermißt. Gewissenhaft fertigt er Steckbriefe seines Findehundes an und verteilt diese plakativ in der Nachbarschaft, in der stillen Hoffnung, daß sich gleichwohl niemand darauf melden möge.

Tatsächlich meldet sich auch niemand. Anton macht es sich mit Stups gemütlich, und er fühlt sich gar nicht mehr einsam. Einige Tage nach der Steckbriefaktion geht Anton bei Nieselregen mit Stups in der Nähe eines kleinen Parks spazieren. Plötzlich zieht Stups heftig an seiner Leine, reißt sich los und rast auf ein kleines Mädchen zu, das traurig auf einer Schaukel sitzt. Beklommen erkennt Anton, daß dies wohl die rechtmäßige Besitzerin von Stups ist.

Das Mädchen herzt den Hund, stellt sich sehr freundlich als Lisa vor und bedankt sich bei Anton dafür, daß er so gut für Stups gesorgt hat. Tapfer hält Anton seine Tränen zurück, erwidert Lisas strahlendes Lächeln und fragt schüchtern, ob Lisa ihn denn einmal besuchen wolle. Lisa geht sehr nett darauf ein und regt an, daß sie doch sofort etwas zusammen unternehmen könnten.

In diesem Augenblick hört es auf zu regnen, und die Sonne durchdringt die Wolken. Plötzlich fühlt sich Anton nicht mehr verlassen und fremd, und auch die Stadt wirkt nicht mehr so abweisend auf ihn. Zu dritt stromern sie durch die Straßen und setzen sich in ein Eiscafé, das sogar Eisnäpfchen für Hunde anbietet …

Die Autorin erzählt Antons Geschichte in einfachen Worten, die nahe am kindlichen Herzen entlang geschrieben sind und alle Empfindungen direkt benennen. In Verbindung mit den einfühlsamen, farbenfrohen Illustrationen, ihren verspielten Details und der deutlich ablesbaren mimischen Gefühlspalette wird hier ein sehr konstruktiver Umgang mit dem Bedürfnis nach sozialem Kontakt gezeigt.

„Anton und Stups“ ist eine schöne Ermutigung für alle Kinder, die sich neue Freundschaften ersehnen oder vielleicht auch einfach „nur“ einen vierbeinigen Spielgefährten.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/anton-und-stups-isbn-978-3-522-45818-4/

Die Autorin:

»Claire Freedman verließ mit sechzehn die Schule und arbeitete anschließend als schlechteste Sekretärin aller Zeiten, Verkäuferin bei Harrods und als Zahnarzthelferin. Dann entdeckte sie endlich ihren Traumberuf und wurde Schriftstellerin. Seitdem verfasste sie über 50 erfolgreiche Bilderbücher. Sie lebt mit ihrem Mann in Essex.«

Die Übersetzerin:

»Nina Scheweling war schon während ihres Studiums der Anglistik, Germanistik und Neueren Geschichte als Literaturübersetzerin tätig. Nach ihrem Abschluss entdeckte sie ihre Liebe fürs Kinderbuch und arbeitet seitdem als freie Übersetzerin und Lektorin in Freiburg und Stuttgart.«

Die Illustratorin:

»Kate Hindley, Jahrgang 1986, studierte Illustration am Fallmouth College of Art. Heute lebt und arbeitet sie in Birmingham – neben einer Schokoladenfabrik.«

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren amüsanten Bilderbuch mit Illustrationen von Kate Hindley: „Wie man ein Wollmammut wäscht“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/29/wie-man-ein-wollmammut-waescht/

Wölfe

  • Ein Portrait
  • von Petra Ahne
  • Matthes & Seitz Verlag  Oktober 2016   http://www.matthes-seitz-berlin.de
  • Nr. 27 der Reihe NATURKUNDEN          http://www.naturkunden.de
  • 144 Seiten
  • mit zahlreichen farbigen Abbildungen
  • Kleinoktav-Format: 12 x 18 cm
  • gebunden, fadengeheftet
  • Mit schwarzem Kopfschnitt
  • 18,– € (D), 18,50 € (A), 22,90 sFr
  • ISBN 978-3-95757-333-9
    woelfe-titelbild

EIN  WOLF  IST  EIN  WOLF  IST  EIN  WOLF

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Petra Ahne nähert sich dem Wolf kulturhistorisch und vergleicht kurzweilig und facettenreich die menschliche Haltung gegenüber Wölfen im Wandel der Zeit. Dabei verrät der menschliche Blick auf die wilde Natur – selbst bei manchem Naturforscher – meist sehr viel mehr über die menschliche Werteskala und anthropozentrische Vorurteile als über das schlicht biologisch-überlebensnotwendig begründete Verhalten des Wolfes.

In der Vergangenheit galt der Wolf als böse und bedrohlich, und er wurde gnadenlos und grausam vom Menschen gejagt und verfolgt. Beiläufig diente er auch noch als Projektionsfläche für diverse ungezügelte Triebe, wie sie beispielsweise bei den erotischen Untertönen des Märchens vom Rotkäppchen (in der mündlichen Überlieferung) mitschwingen. Die Schriftstellerin Angela Carter reanimierte Ende der Siebzigerjahre mit der Geschichte „Die Gesellschaft der Wölfe“ diese leicht verstörende Urversion des Rotkäppchens.

Im Hexenhammer, dem juristischen Grundlagenwerk der Hexenverfolgung, wurde die zauberische Verwandlung von Menschen in Tiergestalten bzw. Werwölfe ausführlich erörtert, und somit war die Dämonisierung des Wolfs als Verbündeter des Teufels perfekt.

Lange noch wurde der Wolf in Generationen von Tierlexika als böswilliger Schädling und blutrünstiger, heimtückischer Jäger dargestellt, mit abschreckenden Illustrationen wurde seine Bedrohlichkeit entsprechend untermalt. Angesichts der brutalen und rücksichtslosen Jagdmethoden, die Menschen gegenüber Wölfen anwandten und die den Wolf vielerorts gänzlich ausgerottet bzw. vertrieben haben, ist die  Frage berechtigt, wer hier eigentlich die Verkörperung des Bösen ist.

Die Autorin demontiert den einst so beliebten Mythos vom Alpha-Wolf. Der amerikanische Wolfsforscher David Mech hat herausgefunden, daß intensive Dominanzhierarchie nur bei willkürlich zusammengeführten Wölfen in Gefangenschaft vorkommt. In freier Wildbahn bestehen die Rudel aus einem erweiterten Familienverband, in dem die Elterntiere als natürliche Autorität tonangebend sind.

In diesem vielfältigen Panoptikum wird auch auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Hund und Wolf eingegangen und über Jack Londons Roman „Ruf der Wildnis“, in dem ein „zivilisierter“ Hund wieder verwildert, also wölfisch wird, reflektiert.

Wölfe sind sehr anpassungsfähige Tiere, mit ausgeprägtem familiären und kommunikativen Sozialverhalten, deren Nahrung Fleisch ist (bevorzugt Wildfleisch). Daß sie damit menschlichen Jägern nach wie vor in die Quere kommen, ist verständlich; indes sind Menschen, im Gegensatz zu Wölfen, keineswegs auf fleischliche Nahrung angewiesen.

Erst in jüngerer Zeit geht die menschliche Biophilie so weit, daß auch der Wolf als schützenswert und als relevanter Bestandteil des ökologischen Gleichgewichtes positive oder zumindest faszinierte Aufmerksamkeit erfährt.

Bei manchen Menschen ist die Faszination dermaßen groß, daß sie ihr Leben den Wölfen widmen. So finden u.a. die Pianistin Hélène Grimaud und der Philosoph Mark Rowland mit ihrer Liebe zu den Wölfen Erwähnung – moderne Romantiker auf der Suche nach dem inneren Wolf, denen der Wolf als Symbol menschlicher Wildnissehnsucht erscheint.

Petra Ahne gelingt eine wohlausgewogene Perspektive, die zwischen kulturhistorischen und aktuellen zoologischen Informationen sowie naturliebhaberischer Zuneigung gekonnt changiert und uns das fremdvertraute Wolfswesen nahebringt und viele suggestive Vorurteile kompetent entkräftet.

Seit der Wolf unter Artenschutz gestellt wurde und nicht mehr verfolgt wird, kehrt er zurück. Im Bundesland Sachsen leben inzwischen die meisten Wolfsrudel Deutschlands. Hier gibt es seit dem Jahr 2003 das Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und –forschung. Mit Hilfe der Telemetrie werden per Sender die Wege der Wölfe und die Reviergröße kartographisch erfaßt. Außerdem werden Wolfskotproben untersucht, um herauszufinden welche Beutetiere gefressen wurden. Die Untersuchung mehrerer tausend Proben ergab, daß die Wölfe zu 96 Prozent Rehe, Hirsche und Wildschweine fressen und nur zu 0,6 Prozent Schafe und andere Nutztiere.

In Deutschland leben bereits in sechs Bundesländern wieder Wölfe. Für Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wird Wolfsbesiedelung erwartet, sie „gelten als Wolferwartungsland“ (Seite 96).

Zahlreiche farbige Illustrationen runden den Text anschaulich ab. Die historischen Abbildungen zeugen deutlich von der ideologischen und psychologischen Wertung, mit der die Darstellung des Wolfs auch im zeichnerischen Ausdruck erfolgte. Erst die zwölf Wolfsportraits, in denen die weltweit bekanntesten Wolfsarten (vom Eurasischen Grauwolf über den Polarwolf bis zum Mexikanischen Wolf) beschrieben werden, zeigen gegenwärtige Illustrationen von Falk Nordmann, die den Wolf, ohne menschliche Zugaben einfach Wolf sein lassen.

Besondere Erwähnung und ausdrückliches Lob verdient zudem die schöne gestalterische Ausstattung des Buches: schmeichelgriffiges Papier für Einband, Vorsatzblätter und Buchseiten, satte, lesefreundliche Typographie, farbliche Abstimmung des Kopfschnittes und der Fadenheftung mit der Farbgebung des Bucheinbandes. Hier finden wir den harmonischen Einklang von substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe Naturkunden Standard ist.

Da kommt Sammellust auf, und von den 36 bisher erschienen Titeln dieser exquisiten Buchreihe interessieren mich sogleich drei Titel brennend, drei glühend, und weitere drei funkeln mich verführerisch an …*

Zum Ausklang nun noch ein Zitat, das eine schöne Kostprobe von Petra Ahnes subtilem Sprachstil serviert:

»Es passiert etwas mit einer Landschaft, in der Wölfe leben. Ihre unsichtbare Anwesenheit ist wie eine leise Melodie, die die Stimmung verändert. Indem sie ihre Fremdheit und Ungreifbarkeit in den Wald unserer Spaziergänge tragen, machen sie aus ihm einen reicheren, geheimnisvolleren Ort. Einen, der den Menschen spüren lässt, dass hier eine größere Ordnung gilt als die, die er zu seinem Vorteil geschaffen hat; eine die ihn vom Zentrum an den Rand rückt. Es sieht so aus, als müssten wir dieses Gefühl öfter zulassen, wenn wir eine Zukunft haben wollen. Der Wolf könnte uns dabei helfen.«
(Seite 112)

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Russischer Wolf: Illustration von Falk Nordmann © Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016

Die Autorin:

»Petra Ahne, geboren 1971 in München, studierte Komparatistik, Kunstgeschichte und Publizistik in Berlin und London. Sie ist Redakteurin im Ressort Seite 3/Magazin bei der Berliner Zeitung

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/woelfe.html?lid=5

*Hier entlang zur Buchreihe NATURKUNDEN:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/reihe/naturkunden.html

Die Katze, der Hund, Rotkäppchen, die explodierenden Eier, der Wolf und Omas Kleiderschrank

  • Bilderbuch
  • von Diane und Christyan Fox
  • Originaltitel: »The Cat, the Dog, Little Red, the Exploding Eggs, the Wolf and Grandma’s Wardrobe«
  • Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
  • Verlag Freies Geistesleben Februar 2016  http://www.geistesleben.com
  • gebunden. Fadenheftung
  • 32 Seiten
  • Format: 24,5 x 28 cm
  • 15,90 € (D), 16,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7725-2791-3
  • ab 5 Jahren
    9783772527913

S U P E R R O T K Ä P P C H E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es war einmal, eine Katze, die einem Hund das Märchen vom Rotkäppchen vorlesen wollte. Der Hund war zwar ganz Ohr, aber auch ziemlich vorlaut, und unterbrach die Märchenstunde immer wieder, um Zwischenfragen zur Handlung zu stellen, die Charaktereigenschaften der Märchenfiguren zu kommentieren und eigene Ideen in die Geschichte zu schmuggeln.

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

Satz für Satz mußte die Katze die Unwissenheit, den abenteuerlichen Übermut und die eigenwilligen Interpretationen des Hundes korrigieren. So wußte der Hund nicht einmal, was Zuckerwerk sei; er unterstellte dem Rotkäppchen einerseits allerlei Superkräfte, wie beispielsweise einen „Laser der Liebenswürdigkeit“, und andererseits hielt er es für ein bißchen dumm, da es den Wolf nicht als Wolf erkannte, nur weil er die Kleidung der Großmutter angezogen hatte. Schließlich bekam der Hund sogar Mitleid mit dem bösen Wolf und fragte ernsthaft, ob sich die Katze sicher wäre, daß dies ein Kinderbuch sei.

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

Die Katze wurde von Unterbrechung zu Unterbrechung, von Mißverständnis zu Mißverständnis und von Zwischenfrage zu Zwischenfrage immer ungehaltener und pfefferte dem Hund schließlich das Märchenbuch an den Kopf; sollte er sich doch selbst ein Buch zum Lesen aussuchen …

Hier wird das gute alte Rotkäppchen mal so richtig aufgemischt, skeptischer Hinterfragung und den Einflüssen einer eigenwillig, action-betonten Perspektive ausgesetzt. Das Ergebnis ist ein witziges, originelles Bilderbuch, in dem die Beziehungsdynamik zwischen Hund und Katze, bzw. zwischen Vorlesegeber und Vorlesenehmer die Hauptrolle spielt.

Das sprachliche Niveau ist, abgesehen von den Märchenzitaten, flapsig-umgangssprachlich und dient wohl kaum der Verfeinerung des kindlichen Sprachvermögens. Gleichwohl dient diese Umgangssprachlichkeit als sprachspielerisches Kontrastmittel durchaus der Unterhaltsamkeit des Textes.

Die comicartigen Zeichnungen und die temperamentvolle Dialogstruktur des Textes bieten ein amüsant-skurriles Vorlesevergnügen mit lustigen, metafiktiven Details, die nebenbei bemerkt, sogar schon auf den Vorsatzblattseiten beginnen. Dort nämlich tauchen Hund und Katze bereits auf, und die Katze erklärt dem Hund, was das Vorsatzpapier sei.

Schließlich kann man gar nicht früh genug vermitteln, daß Lesen bildet; und wenn das, wie im vorliegenden Bilderbuch, auch noch mit Spaß und unmittelbarer Anschaulichkeit verbunden ist, umso besser.

Und wenn Sie nicht andauernd unterbrochen werden, so vorlesen Sie noch heute …

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Diane und Christyan Fox haben in den vergangenen 26 Jahren schon mehr als 40 Kinderbücher gemeinsam gestaltet. Christyan hat darüber hinaus noch 37 weitere Bücher verschiedener Autoren illustriert. Nach ihrem gemeinsamen Graphic Design-Studium an der Universität Middlesex verfolgte zunächst jeder für sich seine Karriere, bis sie herausfanden, wie gut sie zusammenarbeiteten. Sie leben mit ihren drei Kindern in der Nähe von London.«

Querverweise:

Hier findet sich noch eine weitere – leicht ernährungslehrhafte – Rotkäppchenvariation:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/26/der-liebste-wolf-der-welt/

Und hier ein sehr unkonventionelles und ausgesprochen ungezogenesRotkäppchen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/30/rotkaeppchen-hat-keine-lust/

Drei mal wir

  • Roman
  • Laura Barnett
  • Aus dem Englischen von Judith Schwaab
  • Originaltitel: »The Versions Of Us«
  • Kindler Verlag    März 2016       http://www.rowohlt.de/verlage/kindler
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 496 Seiten mit farbigen Vignetten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 19,95 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-463-40659-6
    Drei mal wir

LEBENSWEICHENSTELLUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Drei mal wir“ erzählt die Liebesgeschichte von Eva und Jim, ausgehend von ihrer ersten schicksalhaften Begegnung. Doch das, was sich aus dieser ersten Begegnung an Lebens- und Liebesabzweigungen entwickelt, erzählt die Autorin in drei unterschiedlichen Variationen.

Ein Junge (Jim Taylor) und ein Mädchen (Eva Edelstein) kommen im selben Jahr (1938) auf die Welt; zwanzig Jahre später studieren beide in Cambridge und laufen sich zufällig über den Weg. Beide haben starke musische Neigungen, Eva studiert Anglistik und möchte Schriftstellerin werden, und Jim studiert Jura, obwohl sein Herz für Kunst und Malerei schlägt.

In der ersten Variante ist Eva eilig mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Tutorium. Ein kleiner Hund, der auf dem Weg herumstromert, bringt sie dazu, auszuweichen, sie fährt über einen rostigen Nagel und hat einen platten Reifen. Sie schaut sich die Bescherung an und flucht. Ein junger Mann (Jim) tritt hinzu und bietet ihr seine Hilfe an. Die beiden kommen recht flüssig und humorvoll ins Gespräch, und Eva nimmt sein Angebot an, den Reifen zu flicken. Deutlich spürt sie, daß diese Entscheidung ihr Leben dauerhaft verändern wird.

In der zweiten Version fährt Eva denselben Weg mit dem Fahrrad, macht wegen des zerstreuten Hundes eine Vollbremsung und wird gleichwohl dafür vom Hundehalter unfreundlich angeblafft. Wieder erscheint Jim und fragt, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Sie bedankt sich distanziert bei ihm und ihre Blicke kreuzen sich flüchtig. Sie bemerkt seine ungewöhnlich dunkelblauen Augen; irgendwie kommt er ihr bekannt vor, und sie spürt kurz den Impuls, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Doch sie folgt diesem flüchtigen Impuls nicht und radelt zu ihrem Tutorium.

In der dritten Version kreuzt wieder der verspielte Hund Evas Weg. Sie klingelt und ruft, aber der Hund läuft ihr direkt vor den Vorderreifen. Eva weicht aus, fährt gegen einen Stein und stürzt mit dem Fahrrad ins Gras am Wegesrand. Jim eilt ihr zu Hilfe, sie kommen ins Gespräch und fachsimpeln über den Roman „Mrs Dalloway“ von Virginia Woolf, den Jim zufällig in der Hand hält. Spontan beschließen sie, in ein Pub zu gehen und sich länger miteinander zu unterhalten.

Die drei Versionen werden nun fortlaufend erzählerisch weitergesponnen und in  chronologischer Ordnung hintereinander gereiht. Der Leser weiß stets, welche Version „gespielt“ wird, da alle Kapitel und jede Seite mit einer Zwischentitel-Überschrift in einer bestimmten Farbe (erste Version: Rot, zweite Version: Blau und dritte Version: Grün) versehen ist. Außerdem tragen die floralen Ziervignetten, welche die unteren Seitenränder schmücken, die der jeweiligen Version zugeordnete Farbe. Das hilft bei der Orientierung, und es sieht sehr dekorativ aus.

Wem das abwechselnde Versionenlesen zu kompliziert scheint, kann auch getrost erst die eine und dann die andere Version hintereinander lesen. Man muß dann halt ein wenig blättern, bleibt aber bei einem einzigen Handlungsverlauf.

Laura Barnett ist mit diesem außergewöhnlichen Roman ein beeindruck- endes, schicksalsspielerisches Prosakunststück gelungen. Es ist ganz erstaunlich und von raffinierter Erzählkomposition, wie die Autorin in den drei Versionen mit kleinen Detailveränderungen nachhaltige Änderungen der  Lebensweichenstellungen auslöst, diese mit einigen gleichbleibenden Konstanten ausbalanciert und dabei jeder Variante eine glaubwürdige Entwicklung und Liebesdurchdringung ermöglicht.

Eine Konstante ist die unmittelbare Anziehungskraft zwischen Eva und Jim, aber die Bereitschaft, konsequent dieser Kraft zu folgen, ist mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Menschen können zusammenkommen und sich trotzdem verpassen; es gibt direkte Wege, Irrwege und Umwege …

In einer Version wird Jim ein erfolgreicher Künstler, in einer anderen nur Kunstlehrer, mal wird Eva eine sehr bekannte Schriftstellerin, mal nur Lektorin, und der geplante Roman schafft es nicht aus der Schublade heraus.

Vor wechselnden Schauplätzen (Cornwall, London, Los Angeles, NY, Rom, Paris, Sussex) erlesen wir Hochzeiten, die Geburt von Kindern, Geburtstagsfeiern, Trauerfeiern, Umzüge, Reisen, Entfremdungen und Aussöhnungen, künstlerische Entfaltung und künstlerische Stagnation, die Befreiung aus Lebenslügen, Abschiede und Neuanfänge, familiäre und berufliche Freuden und Leiden, Anfang und Ende.

In allen Versionen finden wir eine große Gefühlspalette: Liebe und Freundschaft, Verbundenheit und Einsamkeit, Treue und Untreue, Lüge und Wahrhaftigkeit, Glück und Schmerz, Sehnsucht und Sucht, Trauer und Trost, Angst und Mut, Verzweiflung und Hoffnung, Muttergefühle, Vatergefühle, Kindergefühle.

Unwillkürlich löst dieser Roman Erinnerungen und Fragen zu den eigenen Lebensverzweigungen, Entscheidungen und Schicksalsschwellen aus, und man lauscht den eigenen Echos des „Was wäre gewesen oder geworden, wenn …“ aufmerksam nach.

Die Autorin stellt ihrem Roman – gleichsam einleitend – ein Zitat von Anne Tyler (aus Im Kriege und in der Liebe) voran:

„Manchmal phantasierte er, dass er in der Stunde seines Todes, wie in einem Amateurfilm, all die Wege gezeigt bekäme, die er nicht eingeschlagen hatte, und wohin sie ihn geführt hätten.“

Das ist nichts, was sich im wirklichen Leben jemals ganz zu Ende denken ließe, aber im Rahmen eines Romans kann dieses Was-wäre-wenn- Gedankenspiel sehr gut inszeniert werden, und genau dies gelingt Laura Barnett mit „Drei mal wir“ sehr berührend, filigran-verflochten, lebensnah, wohldurchdacht und mitfühlend.

 

Die Autorin:

»Laura Barnett wurde 1982 in London geboren, wo sie zusammen mit ihrem Ehemann lebt. Sie hat Spanisch, Italienisch und Journalismus in Cambridge und London studiert. Bisher hat sie einige Kurzgeschichten veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. „Drei mal wir“ ist ihr erster Roman. Er stand in England viele Wochen unter den Top Ten der Bestsellerliste, wurde von der Presse gefeiert und in zweiundzwanzig Länder verkauft.«

Auf der Verlagswebseite gibt es allerlei Zugabe-Infos zum Buch, eine Leseprobe, ein Interview mit Laura Barnett und sogar einen Soundtrack zu allen drei Versionen: http://www.rowohlt.de/hardcover/laura-barnett-drei-mal-wir.html

Das gleichnamige Hörbuch (2 mp3 CDs zu 19,95 € ) ist im Argon Verlag erschienen, ungekürzte Lesung  (13 Stunden, 44 Minuten) von Richard Barenberg, Philipp Schepman und Uve Teschner. Hier ist der Link zur Argon-Verlagswebseite: http://www.argon-verlag.de/2016/03/barnett-drei-mal-wir/

 

Herr Eichhorn und der König des Waldes

  • BILDERBUCH
  • Text und Illustrationen von
  • Sebastian Meschenmoser
  • Thienemann Verlag Juli 2015           http://www.thienemann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 64 Seiten
  • 14,99 € (D), 15,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-522-43800-1
  • ab 4 Jahren
    Herr Eichhorn und der König des Waldes

D U F T N O T E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie freue ich mich über das Bilderbuchwiedersehen mit Herrn Eichhorn!
Denn ich bin schon seit dem ersten Band (HERR EICHHORN UND DER MOND https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/) unsterblich in Herrn Eichhorn verliebt.

Nun liegt der fünfte Band „Herr Eichhorn und der König des Waldes“ vor und becirct mich aufs neue mit dem naiven Charme seines Eichhornhauptdarstellers und den wunderbar naturbelassenen, lebendigen Zeichnungen von Sebastian Meschenmoser.

Herr Eichhorn und seine beiden besten Freunde, Igel und Bär, besuchen den alten Steinbock und lauschen ergriffen seiner Sage vom König des Waldes.

Der König des Waldes erscheine alle hundert Jahre nur einmal, er sei von tierischer Mischgestalt, könne den Körper eines Hirschen haben, den Kopf eines Fuchses, die Ohren vom Hasen. Seine Krone sei aus Laub, und der Morgenstern ziere sein weises Herz. „Was der König sagt, ist Recht und Gesetz.“ und sollte befolgt werden, weil es zu einem besseren Leben führe. Herr Eichhorn ist tief beeindruckt und träumt die ganze Nacht vom König.

 

Herr Eichhorn und der König des Waldes. NESTjpg(Anklicken vergößert die Ansicht)

Wenig später stromert ein kleiner Hund, ein Jack-Russel-Terrier, der zu kampierenden Ausflüglern gehört, durch Herrn Eichhorns Waldviertel. Er trägt ein Halsband mit einem deutlich sichtbaren Stern, und beim Herumwühlen im Unterholz haben sich zwei belaubte Zweige so in seinem Halsband verfangen, daß sie wie ein kleines Geweih hinter seinen Ohren hervorlugen. Wie es Hundeart ist, hebt er hier und da sein Bein und hinterläßt seine Duftmarke.

Dies macht er auch an Herrn Eichhorns Baumstamm. Da Eichhörnchen SEHR feine Nasen haben, erwacht Herr Eichhorn, klettert auf seinen Ausguckast und „erkennt“ staunend, daß anscheinend der König des Waldes erschienen ist. Ehrfürchtig verneigt er sich vor dem König und bittet um Anregungen für ein besseres Leben.

Der verspielte Hund führt nun anschaulich und zum Mitmachen vor, was für ihn erfüllende Tätigkeiten sind, und Herr Eichhorn sowie verschiedene weitere Waldbewohner buddeln eifrig Löcher, laufen im Kreis herum, kratzen sich an den Ohren und lassen sich darüber belehren, wie oberwichtig es ist, überall – besonders an seinem Wohnorte – seine Duftmarke zu hinterlassen. Danach verabschiedet sich der „König“, denn sein Mittagessen wartet.

Herr Eichhorn und der König des Waldes. Königsregelnjpg.(Anklicken vergrößert die Bilder)

Die Duftmarkenregel macht schnell die Runde, und alle Tiere halten sich an den Rat des Königs. Doch ein besseres Leben kommt durch diese neue Regel nicht in Sicht, im Gegenteil – der Wald beginnt zu stinken.

Herr Eichhorn hält sich dauernd die Nase zu und sehnt sich nach neuerlichem königlichen Rat, doch der ist ja erst in hundert Jahren fällig. Nach einem kräftigen Regenguß besinnen sich die Tiere des Waldes indes darauf, daß sie ganz gut auf eine solch zweifelhafte, königliche Lebensregel verzichten können.

Nun, da die Luft wieder gereinigt ist und es einfach nur angenehm nach Gras duftet, begreifen sie, daß sie schon JETZT ein schönes Leben haben und eigentlich gar kein Verbesserungsbedarf besteht.

Das ganz besondere Stilmerkmal Sebastian Meschenmosers ist seine zeichnerische Meisterschaft in der Wiedergabe der Körpersprache, Mimik und Physiognomie der dargestellten Tiere. Der gelungene Eindruck lebendiger Bewegung, die naturbelassene, dezente Farbgebung sowie die dynamische Choreographie von sparsamem Text und üppiger Bildwelt mit Texturen von Baumrinden, Flechten und Fell sind eine entdeckenswerte Augenweide.

Der skizzenhafte und doch detailverspielte, ja, an Naturstudien erinnernde Zeichenstil mit Blei- und Buntstift wird in diesem Band um drei Doppelseiten in Öltechnik ergänzt. Diese waldigen „Ölgemälde“ illustrieren die Sage vom „König des Waldes“ und sind eine absichtliche Anspielung auf die romantischen Waldansichten Caspar David Friedrichs.

In Respekt vor dem künstlerischen Schaffen Caspar David Friedrichs erschiene mir jedoch ein diesbezüglicher Hinweis im Buche angemessen. Bereits im zweiten Band HERR EICHHORN UND DER ERSTE SCHNEE gab es eine köstliche Anspielung auf das Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich.

Die Bilderbücher von Sebastian Meschenmoser eignen sich ebenso für kindliche wie für erwachsene Betrachter. Die kunsthistorischen Anspielungen sind keineswegs eine Überforderung für Kinder, sondern eine sanfte Hinführung zu alternativen künstlerischen Sichtweisen, die zumindest bei musisch veranlagten Kindern auf zusätzliche Resonanz treffen können. Auch für den Kunstunterricht in der Grundschule öffnen sich hier interessante gestalterische Spielräume, um die Bildsprache eines Malers „lesen“ zu lernen oder sich zu eigenen Bildvariationen anregen zu lassen.

Doch abgesehen von malstiltheoretischen Erwägungen ist „Herr Eichhorn und der König des Waldes“ eine heiter-nachdenkliche Geschichte, mit liebenswerten Tiercharakteren und witzigen Wendungen. Kurz: „Herr Eichhorn und der König des Waldes“ laden ein zu einem phantastisch-natürlichen Bilderbuch-Waldspaziergang, der viel Anlaß zum Schmunzeln gibt.

Mit seiner Doppelbegabung als Zeichner und Erzähler erschafft Sebastian Meschenmoser eine entzückend lebendige und warmherzige Symbiose aus Bild und Wort.

Herr Eichhorn und der König des Waldes.frische Luft.Alle Illustrationen  von Sebastian Meschenmoser ©

Der Autor und Illustrator:

»Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte freie bildende Kunst in Mainz, lebt und arbeitet in Berlin. Mit „Fliegen lernen“ veröffentlichte er 2005 bei Esslinger sein erstes Bilderbuch, das sofort viel Beachtung fand. Sein zweites Buch, „Herr Eichhorn und der Mond“, der erste Band der erfolgreichen Reihe, wurde 2007 für den Jugendliteraturpreis nominiert. Inzwischen erschienen neun Bilderbuch-geschichten, zuletzt „Gordon und Tapir“, ebenfalls nominiert für den Jugendliteraturpreis 2015 in der Sparte Bilderbuch.«
Seine künstlerische Webseite: http://www.sebastian-meschenmoser.de/

Ein nettes Interview mit Sebastian Meschenmoser gibt es hier zu besichtigen:
http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/extras-events/geschichten-detail/im-gespraech-mit-kuenstler-sebastian-meschenmoser/

 

QUERVERWEISE auf die ersten vier Bände vom Herrn Eichhorn:

HERR EICHHORN UND DER MOND
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/

HERR EICHHORN UND DER ERSTE SCHNEE
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/21/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee/

HERR EICHHORN UND DER BESUCHER VOM BLAUEN PLANETEN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/28/herr-eichhorn-und-der-besucher-vom-blauen-planeten/

HERR EICHHORN WEISS DEN WEG ZUM GLÜCK
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/26/herr-eichhorn-weis-den-weg-zum-gluck/

Ich und die Menschen, Hörbuch

  • von Matt Haig
  • Übersetzung aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • HÖRBUCH
  • Vollständige Lesung, ca. 8 Stunden, 29 Minuten
  • 1mp3-CD
  • 9,99 € (D),  11,20 € (A), 15,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1403-2
  • Sprecher: Christoph Maria Herbst
  • Regie: Oliver Versch
  • Produktion: Der Hörverlag 2013                                      http://www.hoerverlag.de
  • Buchvorlage: dtv premium April 2014
    Ich und die Menschen von Matt Haig

LIEBE   ODER   LOGIK,   DAS   IST   HIER   DIE   FRAGE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Aus Sicht einer außerirdischen Spezies, die als einzige Religion die Mathematik kennt, Gewalt und Gier längst hinter sich gelassen, und Dank überlegener Biotechnologie (Transzellulare Heilung) Unsterblichkeit erlangt hat, sind wir gegenwärtigen Menschen ziemlich unterentwickelt, und unsere Zivilisation erscheint vergleichsweise düster und lebensgefährlich. Das ist auch der Grund, warum der Friede im All bedroht ist, wenn die psychisch so unreife menschliche Gattung weitere mathematische Entdeckungen und in deren Folge technische Fortschritte macht.

Die universellen „Moderatoren“ des Planeten „Vonnandoria“ schicken einen „Geheimagenten“ auf die Erde, um den menschlichen Fortschritt aufzuhalten. Denn ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „ Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das sollte aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, das man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickeln.

Zunächst ist der außerirdische Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martins, an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen, an die Funktionen des menschlichen Körpers, den Sprachkontext, die rätselhaften Bekleidungscodes und menschlichen Verhaltensweisen anzupassen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Der Vonnadorianer hat den Auftrag, die Information spurlos zu vernichten und auch eventuelle menschliche Mitwisser unauffällig durch „natürliche“ Todesursachen zu eleminieren. Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Vorurteile und Negativeinschätzungen bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart, und er ist vollkommen überzeugt von der Rechtmäßigkeit seiner Mission.

Doch seine Gewissheiten geraten nach und nach ins Wanken. Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit „seiner“ Familie und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik und entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Die Komplexität, Widersprüchlichkeit und absolute Verletzlichkeit der menschlichen Daseinsform löst unerwartet starke Empathie, Faszination und Rührung in ihm aus.

Die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, drängen auf die Erfüllung der Mission und sein Vorschlag, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu erfahren, wird von ihnen rundweg abgelehnt.

Der Außerirdische wird schließlich entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Matt Haigs Roman „Ich und die Menschen“ hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des äußerst vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Der Schauspieler Christoph Maria Herbst spricht und spielt den Außerirdischen mit stimmlicher Vielschichtigkeit. Die Entwicklung von abwertender Überheblichkeit zu teilnahmsvoller Betroffenheit wird von ihm sehr präzise dargestellt. Am Anfang noch mit etwas tonloser, fast sprachfremdelnder Distanz und sachlich-kühlem Duktus, erwärmt sich die außerirdische Stimmlage langsam mit erwachender Emotionalität, Begeisterung und Lebhaftigkeit.

Aber auch alle anderen Rollen (sogar die weiblichen) gelingen Christoph Maria Herbst ausgesprochen gut und überzeugend.

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des „numerischen Begriffsvermögens der Menschen“ charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu,
trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der Riemannschen Vermutung handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Hörbuch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung im Abschnitt Nr. 25 anschaulich erläutert.

Querverweis:

Wer eine ausführliche Inhaltsangabe und einige Zitate lesen möchte, kann ergänzend meine BUCHbesprechung zu „Ich und die Menschen“ aufrufen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

Der Sprecher:

»Christoph Maria Herbst, 1966 in Wuppertal geboren, absolvierte eine Ausbildung als Bankkaufmann, bevor er sich für die Schauspielerei entschied. Es folgten Theaterengagements und Fernsehauftritte, u.a. bei Anke Engelkes Ladykracher, wofür er seinen ersten Deutschen Comedypreis als bester Nebendarsteller erhielt. Für seine Titelrolle in Stromberg wurde er u.a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Christoph Maria Herbst las für den Hörverlag bereits Josh Bazells Schneller als der Tod sowie Einmal durch die Hölle und zurück

Der Autor:

»Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und lebte für einige Zeit abwechselnd in London und auf Ibiza. Er arbeitete als freier Journalist für diverse Tages- und Wochenzeitungen, unter anderem für den Guardian, die Sunday Times und den Independent. 2004 erschien in England sein erstes Buch, Für immer, euer Prince, das dort zu einem Bestseller avancierte. Inzwischen hat Matt Haig mehrere Romane sowie Kinderbücher veröffentlicht. Der Autor lebt in York.«