Wie Schmetterlinge leben

  • Wundersame Verwandlungen,
  • raffinierte Täuschungen und prächtige Farbspiele
  • Text von Elke Zippel
  • Illustrationen von Johann Brandstetter
  • Haupt Verlag 2019  http://www.haupt.ch
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 19 x 25 cm
  • 224 Seiten
  • 58 Bildtafeln und 250 Abbildungen
  • 34,00 € (D), 35 € (A), 39,00 sFr.
  • ISBN 978-3-258-08143-4

S C H M E T T E R L I N G S K U N S T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Wie Schmetterlinge leben“ eröffnet uns ein anschauliches und informatives Panorama von Schmetterlingsarten mit ihren spezifischen Lebensbedürfnissen, Verhaltensweisen und Entwicklungsphasen. Zunächst werden unterschiedliche Lebensräume (Magerrasen, Hochmoore, Feuchtwiesen, Hochgebirge, Auwald, Tundra und Regenwald) mit den dazu-gehörigen typischen Schmetterlingen und einigen ausgewählten Futterpflanzen vorge- stellt.

Die Besonderheiten der jeweiligen Biotope und die Bedrohung dieser Refugien durch Zersiedelung, industrielle Landwirtschaft mit ihren sterilen Monokulturen sowie Gift- und Gülleeinträgen werden ebenfalls deutlich benannt. Angesichts der filigranen wech- selseitigen Abhängigkeitsbeziehungen zwischen bestimmten Pflanzen und Schmetter- lingen und der teilweise bis zu drei Jahre langen Puppenruhe bis zum Schlupf des ausge- wachsenen Schmetterlings wird greifbar, wie wichtig ungestörte Wildnisbereiche mit natürlicher Pflanzenvielfalt sind und daß eine zu aufgeräumte Landschaft (auch im eigenen Garten) für den Entwicklungszyklus von der Raupe zum Schmetterling kontraproduktiv ist.

(Bläulinge) Illustration © Johann Brandstetter

Auf die Beschreibung der Lebensräume folgt eine ausführliche Darstellung der zahl- reichen Schmetterlingsfamilien. Es gibt Gruppenportraits, die von einer gebündelten Texterklärung begleitet werden, sowie Einzelportraits mit den dazugehörigen Futter-
pflanzen wie beispielsweise der Eisenhut-Goldeule, die sich auf den Blauen Eisenhut spezialisiert hat und dessen hochgiftige Alkaloide zur Selbstverteidigung nutzt, oder dem Seerosenzünsler, dessen Raupen sich in einem luftgefüllten Köcher unter der Wasseroberfläche verstecken und später dort verpuppen. Auch der komplexe Entwicklungszyklus des Wiesenknopf-Ameisenbläulings, dem es durch Dufttarnung gelingt, seine Raupen von Ameisen durchfüttern zu lassen, wird in Wort und Bild anschaulich vorgeführt.

(Eisenhut-Goldeule) Illustration © Johann Brandstetter

Schmetterlinge sind Meister der Tarnung, Täuschung, Mimikry und Mimese, und zwar sowohl in optischer und olfaktorischer als auch in akustischer Hinsicht. So ahmt der Gebänderte Wollbär die Ultraschallaute anderer ungenießbarer, giftiger Nachtfalter nach und täuscht auf diese Weise Fledermäuse darüber hinweg, daß er eigentlich ungiftig und genießbar wäre.

Die Sachtexte von Elke Zippel vermitteln wohlportioniertes, spannend formuliertes Wissen über biologische Details und ökologische Zusammenhänge des Schmetterlings-lebens und geben dabei zahlreiche nützliche Hinweise, wie sich eine schmetterlings-freundliche Garten- und Kulturlandschaft gestalten läßt.

(Bärenspinner) Illustration © Johann Brandstetter

Ein alphabetisches Register der Pflanzen- und Falterarten sowie der Systematik der im Buch vorgestellten Arten hilft bei der gezielten Suche nach bestimmten Arten. Eine Literaturliste mit einer Auswahl empfehlenswerter Schmetterlingsbestimmungsbücher bietet weiterführende Hinweise zur thematischen Vertiefung.

Angesichts nur allzu offensichtlich schwindsüchtiger Schmetterlingsvorkommen zeigt uns dieses Buch, welche Schätze die Natur heute noch bietet und wie groß der Verlust ist, der uns droht, wenn nicht endlich wesentlich mehr Rücksicht auf die komplexen Lebensbedürfnisse von Schmetterlingen genommen wird.

(Großer Schillerfalter) Illustration © Johann Brandstetter

Johann Brandstetter fängt die natürliche Schönheit und Anmut der Schmetterlinge illustratorisch so meisterlich ein, als hätte er sie mit ihrem eigenen Flügelstaub gemalt. Die Farben wirken dank der speziellen Lasur- technik, die Johann Brandstetter verwendet, erstaunlich lebensecht. So verbindet sich zeichnerische, biologische Präzision mit Poesie und bietet uns faszinierende Schmetterlingsportraits, die wir in der vorhandenen Restnatur nur noch selten bewundern können.

Der Respekt vor der Kunstfertigkeit des Illustrators verschmilzt beim Betrachten und Eintauchen in dessen Bilder mit der Achtung vor der Natur, die eine solche Farben-, Formen- und Lebensfülle entstehen läßt.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.haupt.ch/Verlag/Buecher/Natur/Tiere/Wie-Schmetterlinge-leben.html?cur=1

 

Ergänzend gibt es zudem ein Postkartenbuch mit Illustrationen aus vorliegendem Buch – so lassen sich liebe Grüße auf Schmetterlingsflügeln versenden.

  • Schmetterlinge                                  
  • Das Postkartenbuch
  • von Johann Brandstetter
  • Haupt Verlag Oktober 2019
  • 40 Postkarten
  • Format: 12 x 16,5 cm
  • 19,90 € (D/A), 22,00 sFr.
  • ISBN 978-3-258-08144-1

Hier entlang zum Postkartenbuch und zur BETRACHTUNGSPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.haupt.ch/Verlag/Buecher/Natur/Tiere/Schmetterlinge-Das-Postkartenbuch.html?cur=1

 

Die Autorin:

»Dr. Elke Zippel ist Kustodin der Dahlemer Saatgutbank am Botanischen Garten Berlin. Sie ist u.a. für die Sammlung und Sicherung von Wildpflanzensamen sowie für Wiederan-siedlungen seltener Pflanzenarten verantwortlich. Elke Zippel studierte an der Freien Universität Berlin Biologie mit den Schwerpunkten systematische Botanik und Zoologie, Geobotanik und Ökologie und promovierte anschließend über Moose der Kanarischen Lorbeerwälder.«

Der Illustrator:

»Johann Brandstetter, Künstler und Illustrator, wurde schon mehrfach für seine Werke ausgezeichnet. Seit 2014 zählt er zu den „200 Best Illustrators Worldwide“. Er ist spezialisiert auf Naturthemen. Schmetterlingen gilt sein besonderes Interesse – einige Schmetterling wurden nach ihm benannt. Das 2017 gemeinsam mit Josef H. Reichholf herausgegebene Werk „Symbiosen“ wurde von Bild der Wissenschaft zum „Schönsten Wissensbuch 2017“ ernannt.«

 

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Offene See

  • Roman
  • von Benjamin Myers
  • Originaltitel: »The Offing«
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • DUMONT Verlag, März 2020 www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden mit Lesebändchen
  • 270 Seiten
  • ISBN 978-3-8321-8119-2

WORTE  BEWEGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der hochbetagte Schriftsteller Robert Appleyard schaut dankbar auf seinen bisherigen Lebensweg zurück. Er stammt aus einer einfachen Bergarbeiterfamilie, und es scheint ihm keineswegs in die Wiege gelegt zu sein, eines Tages Schriftsteller zu werden. Im Jahre 1946 nutzt der junge Robert die Wartezeit bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse seiner schulischen Abschlußprüfungen für eine Reise ans Meer. Seine Mutter packt ihm ein beschiedenes Proviantpaket und einen Waschlappen in den Rucksack, und Robert macht sich zu Fuß auf den Weg.

Lebensmittel sind in der Nachkriegszeit noch rationiert, und Robert muß sich sein Essen unterwegs als Tagelöhner erarbeiten. Seine Hilfsdienste werden durch die kriegsbeding-ten Männerverluste meist gerne angenommen und mit Kost und manchmal auch Logis vergolten. Es macht ihm jedoch nichts aus, mit seinem Schlafsack im Freien zu über-nachten, zwischen Hecken und Büschen und mit einem aus einer Plane improvisierten Zelt. Robert ist ein naturverbundener Mensch, der frische Luft und Weite schätzt, und er empfindet deutlich, daß er in der Natur seinem wahren Wesen näher ist. Die Aussicht, bald in die unvermeidlich erscheinenden Fußstapfen seines Vaters zu treten und ein anstrengendes, ewig kohlenstaubbedecktes Berufsleben unter Tage zu beginnen, gefällt ihm immer weniger.

In Yorkshire, nahe der Küste, führt ihn sein Weg zu einem Cottage, das oberhalb einer Meeresbucht gelegen ist, mit einer kleinen Terrasse, einem gepflegten Gemüse- und Blumengarten und einer stark verwilderten Wiese. Dort will Robert nach Wasser zum Auffüllen seiner geleerten Feldflasche fragen; zunächst wird er von einem wachsamen deutschen Schäferhund aufgehalten, bis eine hochgewachsene, agile ältere Dame den Hund zurückpfeift und Robert spontan zum Tee einlädt. So lernt er Dulcie Piper kennen.

Robert fragt, ob er für sie gartenpflegerische Arbeiten übernehmen könne und Dulcie erklärt, daß sie in Hinsicht auf die verwilderte Wiese durchaus Unterstützung durch junge Muskelkraft brauchen könne. So schlägt Robert sein Lager in Dulcies Garten auf. Dulcie verköstigt Robert selbstverständlich nicht nur mit Tee, sondern auch mit einem üppigen, selbstgekochten Abendessen und versetzt ihn mit ihrer außergewöhnlich gut, ja, für Nachkriegsverhältnisse geradezu luxuriös gefüllten Speisekammer in Erstaunen.

Während Robert sich in den folgenden Tagen mit dem Gelände vertraut macht und mit einer Sense die Wiese mäht, entdeckt er ein kleines, hübsches, allerdings sehr repara-turbedürftiges Atelier. Er fragt Dulcie, ob er es instandsetzen solle, weil es doch schade sei, es verfallen zu lassen. Nach kurzem Zögern stimmt Dulcie zu, und so verlängert sich sein Aufenthalt bei Dulcie um viele Wochen.

Robert und Dulcie führen bei den gemeinsamen Mahlzeiten und Teepausen lange Ge-spräche. Anfangs ist Dulcie dabei zwar deutlich eloquenter und forscher, lockert jedoch nach und nach Roberts Schüchternheit. Sie behandelt Robert freundlich-zugewandt und beeindruckt ihn mit ihrer unkonventionellen Art, ihrem Humor und ihren für ihn neuen Betrachtungsweisen von Familie, Freiheit, Freundschaft, Gesellschaft, Internationalität, Politik und Religion. Sie teilt ihr Wissen über Geschichte, Kunst und Literatur mit Robert und gibt ihm Bücher zum Lesen.

Seiner Sehnsucht nach dem Meer kann Robert beiläufig ebenfalls nachgehen. Doch er bemerkt, daß Dulcie einen Groll gegen das Meer hegt, denn immer wenn er einen Ausflug zum Strand macht und beglückt vom Schwimmen zurückkehrt, reagiert sie entgegen ihrer sonstigen Herzlichkeit etwas unwirsch.

Beim Aus- und Aufräumen des Ateliers findet Robert in einem Aktenkoffer ein maschinenschriftliches Manuskript mit Gedichten von einer Romy Landau, das Dulcie gewidmet ist. Er liest diese Gedichte, und sie berühren ihn, obwohl er sie nicht ganz versteht und ihm manche Worte unbekannt sind. Dennoch erkennt und erspürt er, wie bereichernd und lebendig – entgegen der trockenen Leseerfahrungen aus dem Schul- unterricht – Poesie sein kann. Robert liest nicht bloß Romy Landaus Gedichte, sondern er atmet sie durch die wieder und wieder wiederholte Lektüre gewissermaßen ein und aus.

„In dem Moment entfalteten sich neue Gefühle von Verwirrung und Neugier in mir, vor allem jedoch ein überwältigendes, mächtiges Bewusstsein für den Raum, diesen Raum im Hier und Jetzt, als wären die Wörter über die Seite gekrochen und vom Papier ge- fallen und hätten mich umschlungen wie Ranken, die mich zurück in das Gedicht zogen, sodass die erdachten Zeilen und die reale Welt irgendwie zu einem tieferen Porträt von Land und Meer verschmolzen.“ (Seite 148)

Robert spricht Dulcie auf das Manuskript an und fragt, ob sie es gelesen habe. Dulcie reagiert sehr aufgewühlt und beschließt, Robert bei einigen Kannen Tee von der Autorin dieser Gedichte zu erzählen.

Romy Landau war eine deutsche Exildichterin, die in den 30er-Jahren nach England emigrierte, und sie war Dulcies Freundin und Lebensgefährtin. Das Atelier hatte Dulcie für sie errichten lassen, damit sie sich dort in ungestörter Zurückgezogenheit von ihren anstrengenden Lesereisen erholen konnte. Zunächst wurde Romys Werk in England von der Literaturkritik hoch gelobt, doch mit Fortschreiten des Zweiten Weltkrieges wurde sie nicht mehr als Poetin wahrgenommen, sondern als „böse“ Deutsche, und die gleichen Kritiker, die sie zuvor gepriesen hatten, beargwöhnten sie nun. Dies und die fortgesetzt schrecklichen Geschehnisse in ihrer Heimat lösten bei Romy eine solche Sinnkrise aus, daß sie ins Meer hinausschwamm und ertrank. Zurück blieben das vollendete Manuskript und eine verlassene Dulcie, die sich bisher nicht überwinden konnte, die ihr gewidmeten Gedichte zu lesen.

Dulcie tut es sichtlich gut, von ihrem tragischen Verlust und ihrer Trauer sprechen zu können. Robert erklärt Dulcie teilnahmsvoll, wie wertvoll und ansprechend er Romys Gedichte finde, und daraufhin bittet Dulcie Robert, ihr von nun an jeden Abend ein Gedicht vorzulesen. In kleinen Portionen könne sie wohl inzwischen den Schmerz und die Schönheit dieser Poesie verkraften. Dies entpuppt sich als heilsame Entscheidung, weil sich nämlich zwischen den Zeilen eines dieser Gedichte eine wichtige, erlösende und tröstliche Botschaft für Dulcie verbirgt.

Die schicksalhafte Begegnung zwischen Robert und Dulcie führt Robert zu einer gänzlich anderen Lebensweichenstellung, für Dulcie bringt sie ein konstruktives Loslassen und für beide eine lebenslange Freundschaft.

Dieser Roman erfreut mit leise-eindringlichen, naturpoetischen Beschrei- bungen und mit feingezeichneten, herzhaften, sinnlich-greifbaren Charak- teren. Es ist eine Freude mitzuerlesen, wie Dulcie Robert nicht nur genüßlich-kulinarisch nährt, sondern auch seinen aufgeschlossenen Geist mit vielfältigen Anregungen und Ermutigungen füttert, die unvermeidlich seinen Horizont erweitern und ihn zu neuem Selbstausdruck finden lassen.

In besonderer Weise zeichnet sich dieser Roman durch die intensive Dar- stellung von Poesie als Lebenskraft aus. Er zeigt eindrucksvoll, einfühlsam und sehr atmosphärisch, welch magische Erweckungswirkung Poesie auf einen offenen Geist und ein empfindsames Herz haben kann.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dumont-buchverlag.de/buch/myers-offene-see-9783832181192/

Hier entlang zu einer weiteren Buchbesprechung von Hauke Harder vom Blog „LESESCHATZ“: https://leseschatz.com/2020/03/30/benjamin-myers-offene-see/

 

Der Autor:

»Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.«

Die Hörbuchausgabe ist im April 2020 bei DAV erschienen:

Offene See                                                                                                                             
Roman
von Bejamin Myers
NDR Kultur/ungekürzte Lesung mit Manfred Zapatka
1-mp3-CD
Länge: 8 Stunden, 37 Min.
20,00 € (D), 22,50 € (A)
Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:

Offene See

 

 

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Die Schneiderin des Nebels

  • Text: Agnès de Lestrade
  • Illustrationen: Valeria Docampo
  • Originaltitel: »La fileuse de brume«
  • Deutsche Übersetzung von Anna Taube
  • mixtvision Verlag Oktober  2018  www.mixtvision.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 48 Seiten
  • 17,90 € (D), 18,40 € (A)
  • ISBN 978-3-95854-130-6
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

DEN  NEBEL  LICHTEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Jeder hat seine persönliche Strategie, um mit den Leerstellen und Verletzungen des Herzens umzugehen. Das Mädchen Rosa fängt jeden Morgen mit ihrem Schmetterlings-netz Nebel, verspinnt ihn zu Hause an ihrem Spinnrad zu Fäden und webt aus diesen Nebelfäden Stoffe.

Illustration von Valeria Docampo © mixtvision Verlag 2018 © Text von Agnès de Lestrade

Die Nachfrage nach Rosas Nebelstoffen ist groß; eine Kundin will ihren Spiegel damit verkleiden, um ihre Falten nicht mehr sehen zu müssen, ein anderer will seine Schulden verstecken. Jeder hat Gründe für emotionale Verschleierungstaktiken, und bald ist alles von Nebelschleiern bedeckt.

Eines Tages erhält Rosa einen Brief. Sie erkennt sogleich die Handschrift ihres Vaters und legt einen Nebelschal auf diesen Brief, um den aufkeimenden Schmerz abzuwehren. Doch dann läßt sie doch einen Rückblick auf ihre Kindheit zu, erinnert sich an familiäres Glück, heitere Geborgenheit, elterlichen Streit, an die traurige Trennung ihrer Eltern, das Gefühl des Verlassenseins und das Schweigen der Mutter über den Verbleib des Vaters.

Rosa stellt sich dem alten Schmerz und öffnet den Brief, mit dem ihr Vater warmherzig seinen Besuch ankündigt. Die Nebelschleier beginnen sich zu lichten. „Mit einem Mal ist Rosas Herz eine Sonne“, und sie webt eine leuchtend gelbe Decke aus Sonnenstrahlen als Willkommensgeschenk für ihren Vater.

Das Wiedersehen ist innig und vertraut. Während sich Vater und Tochter liebevoll um- armen, durchdringt immer mehr Sonnenlicht das Nebelgrau, und nach und nach lichtet sich der Nebel im ganzen Land. Von nun an wird Rosa Stoffe aus Sonnenstrahlen weben.

Illustration von Valeria Docampo © mixtvision Verlag 2018

Die Illustrationen von  Valeria Docampo begleiten den Erzähltext zu Beginn mit zurückhaltender Farbgebung, bis auf Rosas gelbe Kleidung ist alles in Schwarz-weiß-grau und Graugrün getönt. Vereinzelte Transparentpapier- seiten, auf denen abwechselnd Text oder Zeichnungen erscheinen, lassen den Betrachter buchstäblich im Nebel blättern und verleihen dem Geschehen eine reizvolle poetische Unschärfe. Je mehr sich Rosas Herz öffnet, desto lichter werden die Bilderbuchseiten, und strahlend sonnige, fast goldglänzende Gelbtöne und sanftes Orange erwärmen die Szenerie.

Agnès de Lestrade erzählt Rosas Geschichte auf leichte, luftige Weise; auch einfache Worte können Poesie transportieren. Nur wenige Zeilen, manch- mal sogar nur eine einzige wohlgesetzte Zeile genügen, um eine anrührende Stimmung hervorzurufen.

„Die Schneiderin des Nebels“ ist ein zärtlich-poetisches Bilderbuch, das anschaulich vermittelt, wie sich im (Sonnen)licht der Liebe Entfremdung in Nähe verwandeln kann. Für Kinder während oder nach einer Scheidung kann diese Geschichte ein Lichtblick sein und sie darin bestätigen, daß ihre kindliche Sehnsucht nach väterlicher Zuwendung selbstverständlich ebenso erfüllt werden sollte wie die nach mütterlicher Zuwendung.

Die besondere buchgestalterische Feinheit mit den transparenten Nebel- seiten, die unmittelbare Farbsprache und die poetische Prosa dieser Vater-Tochter-Geschichte erzeugen ein nachhaltiges Herzensecho.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://mixtvision.de/buecher/die-schneiderin-des-nebels/

Querverweis:

Hier entlang zum bisher bekanntesten Bilderbuch von Agnès de Lestrade und
Valeria Docampo:
Die Wörterfabrik                                 https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/08/die-grose-worterfabrik/
Und noch ein feines Werk aus der bewährten Kooperation von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo: Der Bär und das Wörterglitzern
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/04/der-baer-und-das-woerterglitzern/
Sowie noch ein Weihnachtsmärchenklassiker-Bilderbuch, mit Illustrationen von Valeria Docampo: Der Nußknacker
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/12/18/der-nussknacker/

Die Autorin:

»Agnès de Lestrade schreibt Bücher, erfindet Gesellschaftsspiele und dichtet Lieder. Seit ihrem Debüt 2003 erschienen zahlreiche erfolgreiche Bücher in französischer Sprache. Bei Mixtvision sind inzwischen drei poetische Bilderbücher lieferbar.«

Die Illustratorin:

»Valeria Docampo findet die Inspiration für ihre Illustrationen im Alltag. Geboren wurde sie in Buenos Aires, Argentinien, wo sie auch ihr Diplom in Grafikdesign machte. Seit 2003 widmet sie sich ganz der Illustration von Kinderbüchern.«

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Namiko und das Flüstern

  • von Andreas Séché
  • Roman
  • Jubiläumsausgabe Juli 2018 ars vivendi Verlag  www.arsvivendi.com
  • gebunden
  • bedruckter Leineneinband
  • Fadenheftung
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 176 Seiten
  • 16,00 €(D), 16,90 €(A)
  • ISBN 978-3-86913-976-0

LI E B E S F L ÜS T E R N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Warten ist geflüstertes Sein.“
(Seite 174)

„Namiko und das Flüstern“ ist eine feine Lektüre für Liebhaber leiser Töne, für japanophile Poeten, meditative Philosophen und konZENtrierte Romantiker.

Ein deutscher Journalist fliegt nach Kyoto, um eine Reportage über japanische Gärten zu schreiben. Während seiner Gartenbesichtigungen lernt er eine junge Japanerin namens Namiko kennen, die Germanistik studiert und dem mit der japanischen Kultur unvertrauten Reporter freundlich-entgegenkommend die metaphorische Bedeutung japanischer Pflanzen- und Gartengestaltungsfeinheiten erläutert.

Wechselseitig auf stille Weise voneinander angezogen, freunden sich die beiden an und unternehmen ebenso lehrreiche wie vergnügliche Ausflüge in verschiedene Gärten und Landschaften Japans. Namiko wird für den Journalisten zu seiner persönlichen Reise- führerin in die japanische Kultur und schließlich auch in die Tiefe seines eigenen Herzens.

Namiko übersetzt dem staunenden Reporter die in den Gartenkompositionen offen-sichtlich ablesbaren Geschichten und philosophischen Betrachtungsweisen. So lernt er, die Gärten gleichsam zu lesen. Namiko ist eine eigenwillige, unkonventionelle und phantasievoll-verspielte Begleiterin. Sie beobachtet gerne fremde Menschen und denkt sich Lebensläufe zu ihnen aus, und sie flüstert häufig.

„Flüstern, sagte Namiko immer, das sei betonen, indem man gerade nicht betone. Wenn man die Stimme zurücknehme, verlagere sich das Gewicht  von der Form des Gesagten auf seinen Inhalt und verleihe dem, was man ausdrücken wolle, den unaufdringlichen Hauch des Bedeutungsvollen.“ (Seite 8)
 
Als Denkknacknuß schreibt sie dem Reporter ein Koan auf eine Serviette, nur um ihm später zu erklären, daß ein Koan gerade nicht mit dem Verstand zu lösen sei, sondern das Bewußtsein vom Denken fort zum Sein hinlenken solle.

Streiflichternd malt Namiko asiatische Schriftzeichen und Piktogramme, die auch im Fließtext als Schriftzeichen dargestellt werden,  in den Sand und erklärt sehr anschaulich ihre Bedeutung und Zusammensetzung sowie den langen historischen Atem, den diese Zeichen bis in die Gegenwart tragen. Sie weist auf bemerkenswerte japanische Begriffe hin wie beispielsweise „Fukan-bi“, was übersetzt lautet: „Schönheit, die sich aus der Vogelperspektive offenbart“.  (Seite 47)

Namiko vermittelt dem Reporter auf verspielte, naturverbundene Weise neue sinnliche Erfahrungen, nicht in einem vordergründig erotischen Sinne, sondern als Vertiefung der natürlichen körperlichen Präsenz und Sinneswahrnehmung.

Die Annäherung der beiden Liebenden erfolgt langsam und voller Achtsamkeit. Beim Fest des gewundenen Bachlaufs, bei dem sie wechselseitig poetische Botschaften füreinander schreiben und diese auf einem wunderkerzenbeleuchteten Holzschiffchen zueinander fließen lassen, wird klar, daß ihre Herzen eine gemeinsame Sprache sprechen.

„Namikos Liebkosungen schienen kein Ziel zu haben. Ihr Kuss war ein Kuss und nicht die Vorbereitung auf mehr, jedenfalls empfand ich es so. Er war nicht wie ein Vorspeisenteller, den man schnell leert, ohne ihn wirklich zu genießen, weil man auf dem Tisch Platz für das Hauptgericht schaffen will.“ (Seite 112)

Dieses Buch ist erfüllt von einer Haltung der Wertschätzung, die sich aus der Faszination für die japanische Kultur und einer überaus zärtlichen Daseinsdankbarkeit sowie dem Bewußtsein des Abschieds ergibt. Es ist ein schmerzlich-schöner Nachruf auf eine tiefe Liebe, deren poetisch-philosophisches Echo berührt und inspiriert und den Leser zu lebhafter Selbstreflexion anregt.

Andreas Séchés behutsame Erzählweise beleuchtet in mondlichtsanfter Tonart die Erfahrung wachsender zwischenmenschlicher Nähe und gelebter Poesie.

 

Hier entlang zum Buch und zur großzügigen LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://arsvivendi.com/Buch/Search/9783869139760-Namiko-und-das-Fluestern-Jubilaeumsausgabe

 

Der Autor:

»Andreas Séché, geboren 1968, schrieb als Journalist für Tageszeitungen und war zwölf Jahre lang Redakteur bei einer Zeitschrift in München, bevor er in seine Heimat, das Rheinland, zurückkehrte. Heute lebt er als Schriftsteller am Niederrhein. Bei ars vivendi sind bisher seine Romane Namiko und das Flüstern (2011), Zwitschernde Fische (2012) und Zeit der Zikaden (2013) erschienen.« http://andreas-seche.de
Hier entlang zum Roman „Zwitschernde Fische“ von Andreas Séché:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/03/28/zwitschernde-fische/

Querverweis:

Eine harmonische, meditative Lektüreergänzung zu diesem Roman ist „Der Tigerbericht“ von Dietrich Wild, der das zen-buddhistische Thema der Gedankenstille noch deutlich vertieft: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/der-tigerbericht/

Was das Gedicht alles kann: Alles

  • Eine Führung durch das Haus der Poesie
  • von Robert Gernhardt
  • 5 Poetikvorlesungen / Live-Mitschnitt
  • Sprecher: Robert Gernhardt
  • Produktion: Der Hörverlag 2002   www.hoerverlag.de
  • erschienen Januar 2010
  • Buchvorlage S. Fischer
  • 5 CDs in Pappschuber
  • Laufzeit ca. 290 Minuten
  • 29,95 € (D), 33,60 € (A), 41,90 sFr
  • ISBN 978-3-86717-347-6
    Was das Gedicht alles kann Alles von Robert Gernhardt

NEHMEN  SIE  RUHIG  MAL  WIEDER  EIN  GEDICHT  IN  DEN  MUND

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist eine LUST, Robert Gerndhardts ebenso heiteres wie kluges Plädoyer für die Poesie zu lauschen!

Gernhardt beginnt seine fünfteilige Poetikvorlesung, indem er dem Wort Gedicht auf den Zahn fühlt, es umgangssprachlich durchkaut – „dieser Kuchen ist ja ein Gedicht“ – und sich und uns fragt, wieso in unserer Zeit – selbst bei „kapitalen Kulturmenschen“ – eine solch beträchtliche Lyrikignoranz herrsche. Und – wie uns Gernhardt wissen läßt – selbst Goethe klagte schon in einem Brief an Schiller, daß das Großstadtpublikum viel zu zerstreuungssüchtig sei, um sich mit der gebotenen Sammlung und Konzentration der Poesie zu widmen.

Launig zitiert Gernhardt literaturwissenschaftliche Standardwerke und ihre Poetik- definitionen, um sie sodann mit praktischen Gedichtbeispielen zu konterkarieren. Gekonnt versteht er es, das selbst Gelesene mit selbst Geschriebenem geistreich und amüsant zu verbinden.

Sein Streifzug durch das Haus der Poesie führt uns in viele Zimmer, wenn auch nicht in alle. Diese architektonische Ordnung ist anschaulich und thematisch sowie wortwört- lich raumfüllend. Wir beginnen mit der Krabbelstube und dem Kinderzimmer und belauschen Stabreim und Endreim-Gedichte, im Schulzimmer lernen wir mit Merk- versen, und im Clubraum wird es langsam anspruchsvoller: Xenien und Distichen werden erklärt und mit Gedichtproben erläutert.

Im Lesesaal geht es um Dichtung als Gesellungsmedium, um Dichter, die auf Dichter antworten, um Terzinen und Alexandriner, um Nachgedichtetes und Gegengedichtetes, beiläufig auch um Lyrikkritik sowie um die Möglichkeit der Kommunikationsbeschleuni- gung und -Veredelung durch den lyrisch belesenen und kennerischen, pingpongmäßigen Austausch von Gedichtzeilen.

In der Werkstatt vermittelt Gernhardt Wissenswertes zum Handwerk des Dichtens, zu Ordnung, Systematik, Vers, Zeile, Strophe, Reim, Reimfolgen und Rhythmus. Er betont die suggestive Kraft des Reims, der sich äußerst vielseitig einsetzen läßt in beispiels- weise wenig kunstvollen, doch einprägsamen Paarreimen für Demo-Transparente und Werbesprüche  oder – wesentlich komplexer und kunstvoller – durch Terzinen und Stanzen.

Hingebungsvoll schwärmt er vom Sonett und unterscheidet ungeniert zwischen ordentlichen und verwahrlosten Sonetten. Vollends entzückt zeigt er sich von den – leider vergriffenen –  Kriminal-Sonetten von Ludwig Rubiner, Friedrich Eisenlohr und Livingstone Hahn aus dem Jahr 1913.

Gernhardt führt uns weiter in den Schlafraum der Lieder, ins Sterbezimmer, ins Krankenzimmer, in den Fundus, ins Kuriositätenkabinett, in den Elfenbeinturm und in die Schatzkammer.

Auch Anagramm und Akrostichon werden in ihrem abgelegenen Winkel besucht und angemessen gewürdigt.

In seinen Poesievorlesungen macht Gernhardt Literaturgeschichte ebenso lehrreich wie vergnüglich lebendig. Mit Esprit und freudiger Wortverspieltheit, trefflichen Zitaten, unkonventionellen Verknüpfungen und Selbstironie streift er von Goethe zu Schiller und Hölderlin, von Heine zu Brecht, von Enzensberger zu Eichendorff, von Peter Rühmkorf zu Ernst Jandl …

Er lustwandelt von Komik zu Ernst, von Lob zu Tadel, von Bewunderung zu Parodie, von Reflexion zu Paraphrase und von Nonsens zu Tiefsinn.

Wer bei Robert Gernhardts köstlicher Vorlesung nicht auf den Geschmack der Gedichte kommt, der ist für die Poesie wohl für immer verloren.

Mit seinem begeisterten, sprachsouveränen und zugewandten Vortragsstil bringt er Wort und Text nuancenreich zum Klingen. Gernhardt verfügt über eine poetische Präsenz, die in diesen O-Ton Aufnahmen geradezu ansteckend zum Ausdruck kommt.

Läßt sich Liebe zur Lyrik wirksamer wecken?

 

Und hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Was-das-Gedicht-alles-kann:-Alles/Robert-Gernhardt/der-Hoerverlag/e386642.rhd

Der Autor:

»Robert Gernhardt, geboren 1937 in Reval/Estland, hatte viele Talente. Er studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin; er war Maler, Zeichner, Schriftsteller, Satiriker und Cartoonist. Seine größten Erfolge feierte er mit seinen satirischen Cartoons in Zeitschriften wie PARDON und TITANIC; außerdem sind mehrere Bände mit satirischen Texten von ihm erschienen, z.B. Die Toscana-Therapie und Kippfigur. Einem breiteren Publikum wurde er als Drehbuchautor der Otto-Filme bekannt. Er starb 2006.
Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt „Toscana mia“ (2011) und „Hinter der Kurve“ (2012). Gernhardt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Neben „In Zungen reden“ sind von Robert Gernhardt im Hörverlag erschienen: „Ostergeschichte“, „Die Falle“, „Was das Gedicht alles kann: Alles“ und „Versonnen blickt der Borstenigel“

Querverweis:

Hier entlang für weitere O-Ton-Poetisierungen von Robert Gernhardt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/18/in-zungen-reden/

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

Arche Kinder Kalender 2017

  • Mit 53 Gedichten und Bildern
  • aus der ganzen Welt
  • Herausgegeben und ausgewählt von der
  • Internationalen Jugendbibliothek, München  http://www.ijb.de
  • erschienen im ARCHE KALENDER VERLAG  www.arche-kalender-verlag.com
  • graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • WOCHENKALENDER
  • 60 Blätter
  • 53 vierfarbige Illustrationen
  • Format: 33 x 30,5 cm
  • 18,– €
  • ISBN 978-3-0347-7017-0
  • Für Kinder jeden Alters
    arche-kinder-kalender-2017

AUS  ALLER  HERZEN  LÄNDER

Kalenderbegeisterung von Ulrike Sokul ©

Der Arche Kinder Kalender verknüpft 53 Kindergedichte aus mehr als 30 Ländern zu einem kunterbunten, polyglotten fliegenden Teppich der Poesie. Jedes Gedicht wird jeweils in der Originalsprache und in Begleitung seiner Originalillustration sowie in einer deutschen Textübersetzung dargestellt.

Die Mitarbeiter der Internationalen Jugendbibliothek*, München, schöpfen für die alljährliche, vielsprachige Gedichtauswahl des Arche Kinder Kalenders aus den „grenzenlosen“ Fundus ihrer Kinderlyrik-Sammlung.

Mit diesem Kalender kann man seinem Kinde jede Woche ein illustres Gedicht schmackhaft machen: durch Vorlesen, Anschauen, Drübersprechen und bei besonderem Wohlgefallen sogar durchs Auswendiglernen.

Das Spektrum der Nationalitäten und Kulturen ist ebenso abwechslungsreich wie die lyrischen Stimmungen. Es gibt laute und leise Töne, gereimte und ungereimte Verse, Humor und Wortwitz, Albernheiten und Tiefsinn, Philosophie und Rätsel, Menschliches, Tierisches und Pflanzliches, Alltag und Phantasie, Deutliches und Angedeutetes …

Die stilistische Bandbreite zeigt sich auch bei den originellen Illustrationen. Den bewährten graphischen Feinschliff  und die Formatierung zum Kalenderblatt besorgt der Arche-Verlags-Hausgraphiker Max Bartholl.

Wir lesereisen per Poesiefahrplan von Chile nach China, von Dänemark nach Deutschland, von Grönland nach Griechenland, von Indien nach Italien, von Korea nach Kanada, von den Niederlanden nach Norwegen, von Polen nach Portugal, von Rußland in die Ukraine …  Aus Kindersicht dürfte zudem den teilweise exotischen Schriftzeichen der Originalgedichte eine faszinierende Sehenswürdigkeit innewohnen.

Dank der Übersetzungen und der universellen Bildersprache finden wir eine allen Menschen gemeinsame Kindlichkeit. So mag sich – unter der Flagge der Poesie – Kinderherz mit Kinderherz verbinden.

Im Arche Kinder Kalender 2017 findet sich erstmals ein freigebliebenes Kalenderblatt, das die Kinder selber „bedichten“ und bemalen können. Dieses selbstgestaltete Kalenderblatt kann bis zum 1. Dezember 2017 an die Internationale Jugendbibliothek gesendet werden, welche die fünf schönsten Blätter auswählt und mit einem Arche Kinder Kalender 2018 belohnt.

 

Hier geht es zum Arche Kinder Kalender auf der Verlagswebseite. Dort entblättert er sich auch ein wenig zum Kennenlernen:
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kinder-kalender-2017.html

 

arche-kinder-kalender-april-2017arche-kinder-kalender-mai-2017

 

 

 

 

 

 

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Die Internationale Jugendbibliothek, die ihren Sitz im Schloss Blutenburg in München hat, ist die weltweit größte und renommierteste Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Sie wurde 1949 von der deutsch-jüdischen Emigrantin Jella Lepman gegründet, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, mit Kinderbüchern Brücken zwischen den Völkern und Kulturen zu bauen. Bücher sollten die Fantasie der deutschen Nachkriegskinder anregen und ihnen eine offene Weltsicht vermitteln.
Die Idee des interkulturellen Dialogs und die Liebe zu guter Literatur bestimmen seit mehr als 60 Jahren die Arbeit der Internationalen Jugendbibliothek. Sie ist ein Ort, an dem die Literaturvermittlung einen hohen Stellenwert hat und an dem mit Kindern und Erwachsenen der Diskurs über Bücher, Autoren, Illustratoren und Themen gesucht wird

Weitere Informationen:  http://www.ijb.de
Wer Mitglied im »Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek« wird, der bekommt u.a. im ersten Jahr den Arche Kinder Kalender als Begrüßungsgeschenk. http://www.ijb.de/ueber-uns/freundeskreis.html

PS:
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Arche Verlag außer dem besprochenen Kinder Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert hat:

Arche Geburtstagkalender (immerwährend)
http://arche-kalender-verlag.com/arche-geburtstagskalender.html

Arche Küchen Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kuechen-kalender-2017.html

Arche Literatur Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-literatur-kalender-2017.html

Arche Musik Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-musik-kalender-2017.html

 

 

Die Liebesbriefe Dylan Thomas

  • Dylan Thomas
  • Originalausgabe: »The Love Lettters of Dylan Thomas«
  • Aus dem Englischen von Margit Peterfy
  • Mit einem Nachwort von Elke Heidenreich
  • Fischer Taschenbuch Verlag Mai 2008  www.fischerverlag.de
  • 116 Seiten
  • 7,95 € (D), 8,20 € (A)
  • ISBN 978-3-596-17513-0
    Die Liebesbriefe Dylan Thomas

WÖRTERSCHWÄRME  UND  SCHWÄRMWÖRTER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bei so manchem Dichter ist die Liebe auf dem Papier tragfähiger als im wirklichen Leben. Diesen Eindruck bekommt man auch bei der Lektüre von Dylan Thomas‘ Liebesbriefen.

Seine Briefe sind ausführlich und spannend, lebhaft, überschwenglich, selbstironisch, übervoll mit Ideen und Betrachtungen zu seinen eigenen Texten, aber auch zu den Werken anderer Dichter. Er philosophiert, schwadroniert und kritisiert geistreich und launisch. In originellen Worten beschreibt er seine Befindlichkeiten, Geldnöte, Katerzustände und seine Eindrücke von Land und Leuten.

Besonders beeindruckend sind die Briefe an Pamela Hansford Johnson, seine erste Freundin und Dichterkollegin. Die jugendliche Frische und assoziations-ekstatische, wortspielerische Gewandtheit sind ein inspirierender Genuß und zeugen von Dylan Thomas‘ unkonventionellem Geist und wildem Herzen.

Dylan Thomas‘ Liebesgefühle kommen in schwärmerischen Komplimenten für die jeweils Angebetete zu Wort, in sehnsüchtigen Heraufbeschwörungen vergangener Nähe, Lust, Heiterkeit und Wärme sowie in großzügigen Liebesewigkeits- und Einzigartigkeits-beteuerungen. Die Briefe erscheinen gleichsam einfach drauflosgeschrieben; gleichwohl indes wirken sie raffiniert komponiert.

Seine Liebesbriefe wenden sich an verschiedene Frauen. Dylan Thomas scheint leicht entflammbar gewesen zu sein, und Treue zählte nicht zu seinen Tugenden, obwohl er, wenn er auf Reisen war, auch viele sehnsüchtige Briefe an seine Frau Caitlin schrieb. Das ist die Sorte Liebe, die nur auf Entfernung funktioniert und harmoniert und an alltäglicher Nähe scheitert.

Als Nachleser dieser Briefe erlebt man die Liebesschwüre an seine Frau mit gemischten Gefühlen, da man weiß, wie wechselhaft und unbeständig sein Lieben war, wie fadenscheinig seine Liebesversprechungen.

Dylan Thomas war ein Süchtiger, er trank unmäßig, rauchte und bewegte sich stets am Saum der Selbstzerstörung. So ist er auch ein Liebessüchtiger und fleht in seinen Briefen immer wieder um Liebesbestätigung. Da schreibt kein liebeVOLLES, sondern ein zutiefst hungriges und einsames Herz.

Dylan Thomas‘ Liebesbriefe sind wortüberwältigend und intensiv. In ihrer Stärke und Schwäche, Hoffnung und Verzweiflung, ihrem Ernst und ihrer Verspieltheit, ihrem Scharfsinn und ihrer Verschmitztheit offenbaren sie einen äußerst schreibschöpferischen – vielleicht sogar überregen – Geist.

Es ist eine Freude und ein Abenteuer, seiner Formulierungslust zu folgen, seinem Übermut, seiner Wortfindungskraft, seiner spontan improvisierten prosaischen Poesie.

 

Querverweis:

Hier geht es zur Rezension von Dylan Thomas‘ weltberühmtem, ohrenbetörenden Hörspiel »Unter dem Milchwald«:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/24/unter-dem-milchwald-under-milk-wood/

 

Der Autor:

»Dylan Thomas, 1914 in Swansea geboren, ging 1934 nach London, wo er für Zeitschriften und die BBC arbeitete. Ab 1949 lebte er mit seiner Frau Caitlin und den drei Kindern in dem Fischerort Laugharne in Süd-Wales. Weltberühmt wurde er mit ›Unter dem Milchwald‹ (1953). Dylan Thomas starb 1953 während einer Vortragsreise in New York.«

Und hier ist ein interessanter FAZ-Artikel von Jakob Strobel y Serra über Dylan Thomas‘ Lebenspuren in Wales, nebst einer fünfminütigen O-Ton-Gedichtlesung des Dichters:
http://www.faz.net/aktuell/reise/wales-auf-den-spuren-von-dylan-thomas-13222261-p6.html

 

PS:
Ich liebe Liebesbriefe und möchte gerne in Zukunft weitere Bücher lesen und rezensieren, in denen Liebesbriefe eine bedeutende Rolle spielen. Gerne dürfen es auch Liebesbriefsammlungen oder Sachbücher zur Kultur des Liebesbriefes sein.

Wer also ein empfehlenswertes Liebesbrief-Buch kennt, möge es mir bitte in der Kommentarsektion nennen.

Folgende Bücher liegen mir bereits vor:

»Ich küsse dich von Kopf bis Fuß…«
Liebesbriefe berühmter Männer und Frauen
Hrsg. von Werner Fuld
DIANA Taschenbuchverlag 2000

Dieter Hildebrandt: Die Kunst, Küsse zu schreiben.
Eine Geschichte des Liebesbriefs
Sachbuch, HANSER Verlag 2014

Cathleen Schine: Der Liebesbrief
Roman, HANSER Verlag 1996

A. Raffelsberg: Lieber Schatz!
Briefsteller und Ratgeber für die gesamte Liebeskorrespondenz
unter besonderer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Sitte und des feinen Taktes
Rudolph’sche Verlagsbuchhandlung Dresden 1921

Das Leben der Elfen

  • Roman
  • von Muriel Barbery
  • Originaltitel:»La vie des elfes«
  • Übersetzung aus dem Französischen
  • von Gabriela Zehnder
  • DTV Verlag  März 2016,  http://www.dtv.de
  • gebunden mit Schutzumschlag und
  • LESEBÄNDCHEN
  • 304 Seiten
  • 22,90 € (D)  23,60 € (A)
  • ISBN 978-3-423-28074-7
    Das Leben der Elfen 9783423280747

E L F E N S A L A T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Natürlich ist das ein Märchen, aber es ist auch die Wahrheit. Wer kann diese Dinge schon auseinanderhalten?“ (Seite 34)

Dieses Zitat – verführerisch und in großen Lettern auf die Buchrückseite gedruckt – hat mich sogleich geködert.

Mit diesem Roman liest man sich in eine Trance, die noch lange nachklingt. Das Instrument der Sprache ist hier ganz auf Kunst, Poesie, Musik und eine archaisch-magische Naturverbundenheit gestimmt, trotzdem hat die Lektüre nur einen geringen Sättigungswert.

Zunächst etwas zur Handlung der Geschichte: Zwei eigenwillig-elfenhafte Mädchen, Maria und Clara, kommen zur Welt. Sie wachsen getrennt voneinander als Findelkinder bei fremden Menschen auf, weil ihre geheimnisvollen Gaben und ihre innere Verbun- denheit vor der Außenwelt vorläufig verborgen bleiben sollen.

Maria lebt auf einem Bauernhof im Burgund und wird von einer sehr liebevollen Pflege- familie gehütet. Sie ist höchst naturverbunden, verfügt über heilende Kräfte und kann mit Tieren sprechen. Seit ihrer geheimnisvollen Ankunft im Dorf wachsen alle Pflanzen üppiger, und die zwischenmenschliche Harmonie sowie der kooperative Zusammenhalt der Dorfbewohner sind deutlich besser geworden.

Wunderbar beschreibt die Autorin Marias Ziehfamilie: Einfache Landmenschen mit einer elementaren Verbundenheit zur Erde, zu den Jahreszeiten, zum natürlichen Werden und Vergehen, erfüllt von demütiger Dankbarkeit und Tapferkeit und einer tiefen instink- tiven Liebe für das magische Findelkind. Die Darstellungen der Familienmitglieder vermitteln faszinierende, sinnliche Portraits zutiefst archetypischer Männlichkeit und Weiblichkeit.

Clara, die höchstmusikalisch ist, lebt zunächst verborgen in einem Bergdorf in den Abruzzen und wird später für ihre musikalische Ausbildung und zu ihrem Schutz von ihren Elfenpaten nach Rom geholt.

In den ersten elf Jahren ihres Lebens gehen die beiden Mädchen ganz auf in ihren Talenten, lernen vieles rein intuitiv und verströmen geradezu ihre unerklärlich harmo- nisierende Kraft. Beide spüren jedoch, daß diese lebendige Harmonie in Gefahr ist und bedroht wird und daß sie durch die Bündelung ihrer Kräfte eine entscheidende Schlüsselrolle dabei spielen, welche Seite den Kampf gewinnt.

Der Informationsgehalt der Erzählung bleibt jedoch nebulös, rätselhaft, oft von einer ermüdenden Andeuteritis, die kaum zu entschlüsseln ist. Von Brücken zwischen den Welten ist die Rede, von Liebe und Haß, von Krieg und Frieden, von Kunst, Poesie und Musik, von musischen Harmonien und Symmetrien, von Bündnissen und Verrat, von Menschenelfen und Elfenmenschen. Auch Maria und Clara müssen sich mit Wissens- bruchstücken und Traumvisionen zu Erkenntnissen, Bedeutungen und Zusammen- hängen durcharbeiten, ja, zum Teil durchquälen.

Der Kampf, der hier tobt, bleibt ziemlich undurchschaubar. Wer ist der Feind? Ist es das moderne, mechanistische Weltbild, Technikgläubigkeit, kapitalistischer Profit-Autismus, Liebesferne oder trennendes Denken, das keine Ganzheitlichkeit mehr spürt??? Nie wird der Feind definiert.

Wenn es – wie die Autorin im Interview zum Buch formuliert – ihre Absicht war, der Entzauberung der Welt etwas entgegenzusetzen, so ist es ihr zwar gelungen, einen sehr dichten, märchenhaft-changierenden Text zu verfassen, aber eine wirkliche Antwort auf die Entzauberung und wer und was sie bewirkt, bleibt sie uns schuldig.

Die Elfen in diesem Roman sind mir im übrigen entschieden zu menschlich, trotz der feinsinnigen Idee, ihnen im Hintergrund ihrer körperlich-menschlichen Erscheinungs- form tierische Mehr- und Wechselgestaltigkeiten mitschwingen zu lassen.

Verschwimmende Wirklichkeitsebenen, chronologische Sprünge und Rätsel, flimmernde Charaktere, lose Erzählfragmente und traumwandlerische Wahrnehmungen haben ihren poetischen Reiz, aber wenn die Puzzleteile kein sinnvolles Bild, ja, noch nicht einmal die Aussicht auf ein solches Bild ermöglichen, geht die Aussagekraft einer Erzählung verloren.

Die Autorin findet keinen Zauberspruch der Hoffnung, und das ist verschenktes Prosapotential; es bleibt eine unbefriedigende Leere und vage Unaussprechlichkeit, die für mich den Geschmack von Pseudotiefsinn hat.

Die stilistische Schönheit des Textes kann die schwächelnde Substanz und den Mangel an inhaltlicher Klarheit sowie das Fehlen eines beflügelnden Appells nicht aufwiegen. An perlenden Sätzen fehlt es gleichwohl nicht, wie die nachfolgenden Zitate zeigen:

»Die Mauern waren mit Geißblatt bedeckt, das sich in einer duftenden Kaskade bis auf die Pflastersteine ergoss, und die Fenster warfen ihre langen, durchscheinenden Gardinen in die Abenddämmerung.« (Seite 57)

»Kein Erwachsener hätte das Präludium so spielen können, denn Erwachsene sind nicht mehr fähig, zum Zauber dessen vorzudringen, was gleichzeitig jung und alt ist
(Seite 60)

»Marias Worte entsprangen dem jahrhundertealten Bewusstsein, dass die Welt älter ist als die Menschen und folglich nicht bis ins Letzte erklärt werden kann.« (Seite 89)

»Die Anmut mancher Frauen rührt von einer Art Echowirkung her, die sie einzigartig und zugleich vielgestaltig macht, als wären sie in sich selbst und zugleich in der langen weiblichen Ahnenreihe verkörpert.« (Seite 241)

 

NACHTRAG:
Die gebunden Ausgabe ist inzwischen vergriffen, hier entlang zur TASCHENBUCHAUSGABE und zur LESEPROBE:
https://www.dtv.de/buch/muriel-barbery-das-leben-der-elfen-14619/
und zur Autorenseite: https://www.dtv.de/muriel-barbery/c-14

Die Autorin:

»Muriel Barbery wurde 1969 in Casablanca geboren, studierte Philosophie in Frankreich, lebte einige Jahre in Kyoto und wohnt heute wieder in Frankreich. 2000 veröffentlichte sie ihr viel beachtetes Romandebüt  ›Die letzte Delikatesse‹. Ihr zweiter Roman, ›Die Eleganz des Igels‹, wurde zu einem großen literarischen Bestseller, in mehr als 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Der lang erwartete dritte Roman, ›Das Leben der Elfen‹, erschien 2015 in Frankreich.«

Eine weitere stimmige Rezension findet sich bei LAPISMONT:
https://lapismont.wordpress.com/2016/05/24/elfen-helfen-tueren-oeffnen/#comments

Querverweis:

Wer ein gelungenes Buch über die wechselseitige Befruchtung von Natur, Poesie und Leben lesen möchte, ist mit dem philosophisch-biologischen Sachbuch „Alles fühlt“ von Andreas Weber wesentlich besser bedient. Hier folgt der Link zu meiner Besprechung:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

 

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Der Gesandte des Mondlichts

  • Autor: Jean-Marie Robillard
  • Illustratorin: Marie Desbons
  • Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
  • TintenTrinker Verlag, Oktober 2015 http://www.tintentrinker.de
  • Format: 27 cm x 27 cm
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 44 Seiten
  • 18 € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN 978-3-9816323-6-1
  • Bilderbuch ab 5 Jahren
    Der Gesandte des Mondlichts Titelbild

F L Ü S T E R B L Ä T T  E R

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Im Bilderbuch „Der Gesandte des Mondlichts“ ist auf 44 Seiten Papier eine ganze Welt angedeutet, eine märchenhafte Welt mit exotischer Botanik (Bambus, Ylang-Ylang-Blüten, Mangobäumen, Reisfeldern …), naturmagischer Inspiration vom Feinsten und traumwandlerischer Phantasie. Folgen Sie einfach dem Duft der Mondblütenblätter …

Der weise, alte Dichter Sastrawane Mandia tritt zu seinem Dienst beim Radscha an. In regelmäßigen Abständen schenkt er seinem Herrn Geschichten, die er sich ausgedacht hat. Diesmal hat Sastrawane Mandia etwas Herzklopfen vor der Begegnung mit dem Radscha, denn er bringt ihm ein Buch mit weißen Seiten, dessen Einband aus gefloch- tenen Akazienblättern und einem schmückenden Fächer blauer Vogelfedern besteht.

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Illustration Marie Desbons © TintenTrinker Verlag 2015

Der Große Radscha sitzt in seinem Palastgarten, neben dem Seerosenbassin, und wartet schon ungeduldig und vorfreudig auf Sastrawanes Erscheinen. Nach einer zeremoniellen Begrüßung überreicht Sastrawane seine Gabe. Der Herrscher bewundert zunächst die schöne äußere Verzierung des Buches und schlägt es dann erwartungsvoll auf: lauter Blätter aus blumenduftendem Papier, aber kein einziges Wort.

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Illustration Marie Desbons © TintenTrinker Verlag 2015

Erzürnt fragt er Sastrawane, ob er sich über ihn lustig machen wolle. Demütig antwortet dieser, daß er ihm gerne die Geschichte dieses seltsamen Buches erzählen wolle. Der Radscha willigt ein und leiht ihm sein Ohr.

Nun erzählt der alte Dichter eine sehr alte Geschichte über einen Geschichtenerzähler, der zum Geschichtenschreiben immer nächtens in seinen stillen Garten ging, um, begleitet vom Duft der Blüten und beleuchtet vom Licht der Sterne, seine Inspiration zu empfangen. Einmal schlief er jedoch ein – er war nicht mehr der Jüngste, sondern eher einer der Ältesten – und Flügelrascheln weckte ihn wieder auf.

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Illustration Marie Desbons © TintenTrinker Verlag 2015

( Anklicken vergrößert die Bilderansicht )

Er sah einen wunderschönen, weißgefiederten Vogel, der einen sanft schimmernden, blauen Stein im Schnabel trug. Der Vogel war keineswegs scheu, er vergrub den Stein in der Erde und suchte sogar für einen Augenblick Blickkontakt zum Geschichtenerzähler bevor er sich wieder in die Lüfte erhob.

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Illustration Marie Desbons © TintenTrinker Verlag 2015

Staunend beobachtete der Geschichtenerzähler, wie ein großer Baum aus dem vergrabenen Stein hervorwuchs, dessen mondfarbenes Laub aus unbeschriebenen Bücherblättern bestand. Diese leeren Blätter füllten sich nach und nach mit den den Aromen, Farben, Düften, Schattierungen,Texturen, Klängen, Stimmen und Stimmungen von Pflanzen, Tieren und Menschen, bis der Baum „vom Rauschen aller Schönheit der Welt erfüllt“ war.

Der Wind löste Blatt um Blatt vom Mondbaum ab und trug sie in die geöffneten Handflächen des alten Geschichtenerzählers, der fortan die schönsten Erzählungen und Märchen schrieb, denn er brauchte nur hinzuhören, was die Blätter ihm erzählten…

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Illustration Marie Desbons © TintenTrinker Verlag 2015

„ … Das Herz der Welt schlagen hören … Und sich tragen lassen.“ Das sind die Abschiedsworte des Dichters. Sastrawane hat Glück, sein Herr ist empfänglich für die Poesie der schlafenden Geschichten, die Sastrawanes Abschiedsgeschenk sind und die den Radscha so lange ins Märchenland begleiten werden, wie er bereit ist, in stiller Hingabe dem Duft der unbeschriebenen Mondlichtblätter zu lauschen.

Die Naturverbundenheit und sensitive Achtsamkeit, die dem Autor Jean-Marie Robillard aus jedem Satz seiner weiseleisen Märchengeschichte quellen, finden im floralen Filigran und der ausdrucksvollen Farbenpracht der Illustrationen von Marie Desbons eine harmonische Entsprechung. Marie Desbons hat die Bilder in einer Mischtechnik aus Mal- und Collagen- elementen zu märchenhaft-meditativen Szenerien mit vielen feinen Details gestaltet, die ebenso verzaubern wie die Schönheit der Worte und die Poesie des Textes.

Da kann ich mich nur noch dankbar verneigen:
Namasté

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.tintentrinker.de/gesamtkatalog/62-der-gesandte-des-mondlichts-9783981632361.html

 

Der Autor:

»Jean-Marie Robillard arbeitete 40 Jahre als Grundschullehrer und scheibt fast schon so lange auch Geschichten für Kinder. Er hat ein besonderes Faible für märchenhafte Erzählungen, die in fremden Welten spielen. Nach Großvaters Stern ist Der Gesandte des Mondlichts sein zweites Buch im TintenTrinker Verlag.«

Die Illustratorin:

»Marie Desbons studierte Design und Kommunikation. Ihr erstes Buch erschien im französischen Partnerverlag Le buveur d’encre im Jahre 2007. Seitdem arbeitet sie für viele renommierte Kinderbuchverlage Frankreichs, darunter Gautier-Langereau. Sie lebt und arbeitet in Poitiers.«

Anmerkungen zum Verlag:

Der TintenTrinker Verlag gehört zusammen mit den konzernunabhängigen Verlagen aracari, Baobab Books, Jacoby & Stuart und mixtvision zur Vertriebskooperation Indiekids   http://indiekids.de/.

Der Verlag in seinen eigenen Worten:
»Der TintenTrinker Verlag wurde 2013 als Schwesterverlag des französischen Kinder- und Jugendbuchverlags Le buveur d´encre gegründet.
Der TintenTrinker Verlag steht für das typisch französische Kinderbuch mit universellen Themen, illustriert anhand origineller und abwechslungsreicher Techniken wie Collagen, Ölfarben und Radierungen. Für Bücher, in denen das Bild- und Textprogramm ganz neu zusammenspielt, z.T. sprachlich ungewöhnlich anspruchsvoll, für universelle, aber auch philosophische Themen. Und dazu gehört auch die äußere Form mit neuen Formaten, anderem Layout, abwechslungsreichen Papieren sowie einer anders anmutenden Typographie.
Im Dezember 2015 erhielt der TintenTrinker Verlag gemeinsam mit seinem Schwesterverlag den deutsch-französischen Preis der Kultur- und Kreativwirtschaft in Paris.«

Und in meinen Worten:
Der TintenTrinker Verlag bietet ein außergewöhnlich sehenswertes, künstlerisch-anspruchsvolles und originelles Buchprogramm, das ich Ihnen gerne ans Herz lege.

Hier entlang zur Verlagswebseite: http://www.tintentrinker.de

 

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Das Buch der Märchen

P I N S E L Z A U B E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein Leben ohne Märchen ist möglich, aber langweilig!

Ich hatte das Glück, daß meine vorlesefreudigen Eltern meinen kindlichen Geist reichlich und vielfältig mit Märchen- und Geschichtenessenzen gewässert haben. So war es ein Freudenfest für mich und mein Kinderherz, wieder einmal tief in Märchenwelten einzutauchen und mich von Worten und Bildern verzaubern zu lassen.

Der Maler Friedrich Hechelmann hat für das vorliegende Buch ein vielseitiges Märchen- potpourri zusammengestellt und illustriert: Zwölf Märchen der Gebrüder Grimm, drei Märchen von Wilhelm Hauff, sechs von Ludwig Bechstein und von Eduard Mörike „Die Historie von der schönen Lau“.

Hechelmann Märchen Seite 258 Wasserlichttreppe

Illustration von Friedrich Hechelmann ©

 

Begleitet von vollkommen märchenhaften und ebenso meditativ-besinn- lichen wie dramatisch-bewegten Illustrationen verläuft man sich gerne in ihren wildromantischen Tiefen, unwegsamen Wäldern, verborgenen Höhlen, duftigen Lüften, glitzerndem Tau, moosigem Leuchten, unauslot- baren Gewässern, schicksalhaften Verwandlungen und geheimnisvollen Seelenräumen. Hier kann man noch träumen, Licht- und Schattengestalten erleben, auf Wunder hoffen und Zauberkräfte entdecken.

Hechelmann Märchen Seite 227 Güldene Lichtung

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 205 Kutsche auf nächtlichem Waldwege

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Kunstauffassung Friedrich Hechelmanns zitiere ich gerne aus der kurzen werkbio- graphischen Notiz, die sich am Ende des Buches findet:

»Über Jahrtausende war die Betrachtung der Natur das große Thema der Malerei. Dass wir dieses Thema heute als niedlich abtun, zeigt unsere Arroganz und Selbstüberheblich- keit, unsere Naturentfremdung«, sagt Friedrich Hechelmann und malt mit seiner ganzen Kraft gegen diese Entwicklung an. Denn seine Kunst lebt aus der Ehrfurcht vor der Schöpfung. «

Hechelmann Märchen Seite 224 Lichtöffnung im Fels

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 240 Nebelsee

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Illustrationen von Friedrich Hechelmann erweisen sich nicht nur als kongeniale Begleitung und künstlerische Übersetzung der Märchentexte in ein sichtbares Medium, sondern sie breiten der eigenen Imagination ein einladendes Bühnenbild voller naturmagischer Anziehungskraft und geheimnisvoller Lebenstiefe: lichtfunkelnd, schattenspielend, ganz elementar und ungezähmt sowie von befreiend-aufatmender Weite und Vielschichtigkeit.

Die zahlreichen, farbigen Illustrationen sind stets ganzseitig, gelegentlich auch doppel- seitig und von sehr guter Druckqualität. Ich habe lediglich ein oder zwei Lesebändchen vermißt, diese hätten der feinen und hochwertigen Märchensammlung gut zu Gesicht gestanden, und praktisch wären sie auch. Vielleicht eine Anregung für die nächste Auflage?

Hechelmann Märchen Seite 18 Kaminfeuer

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 124 Blumenwaldwiese

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

Die faszinierenden Bilder Friedrich Hechelmanns erschaffen eine beein- druckend-betörende Märchengestimmtheit, die der zeitlosen Poesie der Märchen entspricht. Ja ich finde sogar, daß die luzide, zwischen Wort und Bild changierende Darstellungsweise den Blick für das Unsichtbare schärft.

So wurden denn auch die vorzüglich passenden Zeilen von Novalis als Vorwort gewählt:

»Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.«

– Novalis –

 

Hechelmann Märchen Seite 55 Kaskadenbrunnen

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Der Illustrator:

»Friedrich Hechelmann illustrierte 1972 sein erstes – und noch immer lieferbares – Märchenbuch Zwerg Nase. Zahlreiche preisgekrönte Buchillustrationen folgten, außerdem Ausstellungen, Bühnenbilder, Filme und Publikationen. Der Künstler lebt und arbeitet im Allgäu. Mit der ständigen Ausstellung seiner Werke in der Kunsthalle im Schloss Isny  https://kunsthalle-schloss-isny.de/ hat er seinem großen, begeisterten Anhängerkreis ein lebendiges künstlerisches Forum geschaffen. Zuletzt unter anderem veröffentlicht: Geisterritter (Illustration des Buches von Cornelia Funke), im Thiele Verlag Ein Weihnachtstraum (2014) und Ein Sommernachtstraum (2014).«  www.hechelmann.de

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.thiele-verlag.com/buch/das-buch-der-m%C3%A4rchen-sonderausgabe

 

Das Buch der Märchen (HECHELMANN)

 

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