Die Ecke

  • von ZO-O
  • Verlag Urachhaus, Juli 2021 www.urachhaus.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 14,7 x 28,2 cm
  • 64 Seiten
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-5278-9
  • Bilderbuch ab 3 Jahren (laut Verlag)
  • Bilderbuch ab 5 Jahren (nach meiner Einschätzung)

Die Ecke Titelbild
VON  DRINNEN  NACH  DRAUSSEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das Bilderbuch „Die Ecke“ kommt weitgehend ohne Text aus – es erzählt sich durch die szenische Bilderabfolge in anschaulicher Stille selbst und eröffnet dabei einen beacht-lichen Interpretationsspielraum. 

Eine kleine Krähe betrachtet die Ecke eines kahlen Raumes mit weißen Wänden. Sie setzt sich in diese Ecke, dann legt sich dort hin, und schließlich schiebt sie ein Sofa heran. Dem Sofa folgen ein kleines Bücherregal, einige Bücher, ein runder hellblauer Teppich, eine Lampe und eine kleine Zimmerpflanze in einem Topf. So schaut es schon richtig gemütlich aus. Die Krähe liest ein Buch, gießt die Zimmerpflanze, macht ein Nickerchen, knabbert Nüsse und überlegt, was sie sonst noch braucht.

Die Ecke Innenabbildung Wandbemalung

Illustration von ZO-O © Verlag Urachhaus 2021

Mit einem orangegelben Kreidestift beginnt die Krähe die weißen Wände mit syme-trischen Quadraten und Rechtecken zu bemalen, die den Wänden eine lichtere Aus-strahlung geben und ihnen optische Fenstersilhouetten „einbauen“.

In den Pausen der Wandgestaltung hört die Krähe Musik und flattertanzt auf ihrem blauen Teppich umher. Das Vergehen der Zeit zeigt sich im deutlichen Wachstum der Zimmerpflanze.

Als die Wände bis zur Decke vollgemalt sind, bemerkt die Krähe, daß ihr immer noch etwas fehlt. Kurzentschlossen sägt sie ein Fenster in die Mauer, und nun fällt endlich echtes Tageslicht ins Zimmer. Zunächst sonnt sich die Krähe auf ihrem Teppich im hereinscheinenden Sonnenlicht. Doch dann tritt sie ans Fenster und schaut hinaus. Draußen steht ein weißer Vogel mit rundlichem Schnabel, der die Begrüßung der Krähe freundlich erwidert.

Die Ecke Innenabbildung Pflanze

Illustration von ZO-O © Verlag Urachhaus 2021

Die zarten Buntstiftzeichnungen wirken ruhig und meditativ. Eine leise Spannung er-wächst aus der sich langsam füllenden Ecke und der sich ausbreitenden Wandbemalung. Ein feiner Nebeneffekt ist, daß die Buchfalzung in der Mitte jeder Doppelseite exakt die illustrierte Ecke spiegelt.

Wenn man dieses Bilderbuch gemeinsam mit einem Kind durchblättert, bietet es sich an, mit offenen Fragen an die Bilderabfolge heranzugehen und das Kind beschreiben zu lassen, was es sieht, vermutet oder erwartet. Man kann einfach nur der szenischen Bildabfolge nachgehen oder auch abschweifend fragen, wie und womit denn das Kind einen zunächst leeren Raum füllen würde, um sich dort wohlzufühlen.

Daß eine behagliche persönliche Einrichtungsgestaltung und die Anwesenheit schöner Dinge alleine nicht ausreichen, um sich gut zu fühlen, dürfte auch schon einem kleinen Kind verständlich und nachvollziehbar sein.

Dieses Bilderbuch illustriert buchstäblich, wie man sich selbstfürsorglich und selbstge-nügsam nach innen zurückzieht und dort wohlig einrichtet. Aber fehlt nicht trotzdem noch etwas? Ja, es fehlt die Anregung durch die Außenwelt und der Kontakt mit anderen Wesen. Denn beide Wege ergänzen sich, und somit wird sowohl das Bedürfnis nach Einsamkeit, Rückzug und Selbstbesinnung als auch das Bedürfnis nach Begegnung, Kommunikation und Verbundenheit befriedigt.

Ob ein dreijähriges Kind bereits die sinnbildliche Ebene dieses Bilderbuches erfassen kann, sei einmal dahingestellt oder dem aufgeschlossenen Versuch überlassen. Zumin-dest wird in diesem zarten Alter jedoch die kindliche Anteilnahme an der wohnlichen Gestaltung der geborgenen Ecke zu erwarten sein. 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.geistesleben.de/Lesen-was-die-Welt-erzaehlt/Bilderbuch/Die-Ecke.html

Hier entlang zum Buchwerbefilmchen:
https://www.youtube.com/watch?v=_rxqVzlAQ3E

Die Illustratorin:

»ZO-O (das Pseudonym der Illustratorin steht für» Krähen-Zoo«) wurde 1988 in Gunpo in der Provinz Gyeonggi-do in Südkorea geboren und studierte an der HILLS-Akademie Illustration. Sie gilt in Korea als eine der talentiertesten Neuentdeckungen, 2017 gewann sie den ersten Preis beim renommierten Wow-Bookfest in Seoul. Seither hat sie an    verschiedenen Independent-Projekten mitgearbeitet und 2020 mit „Die Ecke“ ihr erstes Bilderbuch veröffentlicht. Instagram: @crow­­_zoo_illustration «

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Von Raben und Krähen

  • Text und Illustrationen von Britta Teckentrup
  • Verlag Jacoby & Stuart 2021 www.jacobystuart.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig
  • 160 Seiten
  • Format: 18 x 25 cm
  • 29,00 € (D), 29,90 € (A)
  • ISBN 978-3-96428-089-3

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R A B E N K U N D E

Rezension von Ulrike Sokul ©

Britta Teckentrup zeugt mit ihrem  Buch „Von Raben und Krähen“ in Wort und Bild von ihrer Zuneigung und Faszination für die Rabenvögel. Raben und Krähen gehören zoolo-gisch zur selben Vogelfamilie, den Corvidae. Die kleineren Rabenvögel werden meist Krähen genannt und die größeren, wie beispielsweise Erzrabe und Kolkrabe, als Raben.

»Rabenvögel sind die höchstentwickelte Gattung der Vogelwelt.« (Seite 14)

Zunächst stellt uns die Autorin und Illustratorin in kurzen Portraits eine ganze Reihe von bekannten und auch weniger bekannten Rabenvögeln vor, u.a. Kolkrabe, Ameri- kanerkrähe, Spatelbaumelster, Elster, Rabenkrähe, Nebelkrähe, Dohle, Saatkrähe, Schildrabe, Erzrabe und Hawaikrähe. Die ganzseitigen Illustrationen vermitteln einen ebenso anschaulichen wie stimmungsvollen Eindruck der komprimiert-informativ beschriebenen Vögel. Einige Doppelseiten zeigen tafelartig nur Zeichnung und Name diverser Rabenvögel ohne nähere Erläuterungen.

Hochinteressant ist der Hinweis auf die Bedeutung des weitgehend schwarzen Gefieders
der Rabenvögel: „Tatsächlich sind schwarze Federn stabiler als weiße Federn und nutzen sich weniger stark ab. Für Feinde, wie zum Beispiel den Habicht oder den Falken, signali-siert die schwarze Farbe auch Ungenießbarkeit; Vögel, deren Gefieder einen hohen Melaninanteil hat, scheinen also weniger schmackhaft zu sein.“ (Seite 18)

Ein kurzes Kapitel widmet sich der unterschiedlichen mythologischen Bewertung der Rabenvögel. Stets wird dem Raben magische Macht zugeschrieben. Je nach Kulturkreis und Epoche pendeln diese Zuschreibungen zwischen Unglücksbote, Todesbegleiter, Weisheitsverkünder und Erinnerungshüter.

So gelten sie bei den Inuit als Welterschaffer, bei den Wikingern und den alten Römern glaubte man an die prophetischen Gaben der Raben, und bei den Germanen wird der Göttervater Odin von zwei Raben begleitet; der eine Rabe „Hugin“ verkörpert die Gabe des Vorausdenkens und der andere Rabe „Munin“ die Gabe des Gedächtnisses. Die christliche Tradition wiederum verteufelt die Rabenvögel und bringt sie mit Hexerei in Zusammenhang.

Im nächsten Kapitel wird endlich mit dem falschen Begriff der „Rabeneltern“ aufge- räumt. Diese Fehlbezeichnung entstand aus der falschen Deutung des natürlichen Verhaltens der Nestlinge, die das Nest schon verlassen, bevor sie selbständig über- lebensfähig sind. Man sieht dann kleine, hilflos wirkende Küken auf dem Boden oder auf einem Ast sitzen und könnte meinen, sie seien von den Rabeneltern verlassen und sich selbst überlassen worden. Dem ist keineswegs so,  denn die Rabeneltern füttern, beschützen und belehren ihre Nestlinge auch außerhalb des Nests.

Rabenvögel sind sozial organisierte Vögel mit differenzierten kommunikativen Fähig-keiten, und sie gehen sehr aufmerksam und fürsorglich mit ihrem Nachwuchs um. Manchmal bleiben die jungen Krähen noch mehrere Jahre in der Nähe ihrer Eltern und pflegen sowohl die Beziehung zu den Eltern wie auch zu den nachfolgenden Geschwis- tern und weiteren Mitgliedern der Großfamilie und auch zu Vögeln jenseits der eigenen Familie. Die familiäre Bindungsfähigkeit trägt auch dazu bei, daß Krähen und Raben gut voneinander lernen und erworbenes Wissen weitergeben können.

Weitere Kapitel befassen sich mit den beachtlichen sprachlichen Fähigkeiten der Krähen, die eng mit ihren sozialen Verhaltensweisen verknüpft sind, und mit der außer- gewöhnlichen Intelligenz, Lernfähigkeit und Empathiefähigkeit der Krähen. Sie erken- nen sich selbst im Spiegel und verfügen über ein individuelles Bewußtsein. Krähen nutzen nicht nur Werkzeug, sie stellen ihr Werkzeug teilweise auch selber her – beispielsweise bearbeitet die Neukaledonienkrähe Zweige so, daß sie sich als Larven- stocher eignen; darüber hinaus bewahrt sie sich ihr Werkzeug sorgfältig auf.

Raben und Krähen können durch Beobachtung lernen und schlußfolgern. So verstehen sie beispielsweise die Farbfunktionen einer Ampel und legen Nüsse in der Rotphase auf die Straße, lassen die Nüsse in der Grünphase von den Autoreifen knacken und holen sich in der nächsten Rotphase den schnabelgerecht, freigelegten Nußinhalt. Bemer- kenswert ist zudem ihre Fähigkeit, sich menschliche Gesichter und das dazugehörige „böse“ oder „gute“ Verhalten des Menschen langfristig zu merken.

Im vorletzten Kapitel kommen Rabenvögel in literarischer „Verarbeitung“ zu Wort, u.a. in Edgar Allan Poes berühmten Poem „Der Rabe“, Krähengedichten von Friedrich Nietzsche, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz und Nadja Küchenmeister.

Zum Ausklang folgen einige Betrachtungen zum Verhältnis zwischen Rabenvögeln und Menschen. Denn als Kulturfolger kommen uns diese Vögel durchaus nahe und lassen sich fast überall leicht beobachten.

Britta Teckentrups Illustrationen sind naturalistisch und stets sehr atmosphärisch in Szene gesetzt. Besonders schön sind ihr die dunkelbunten Farbschattierungen des schwarzen Gefieders gelungen.

„Von Raben und Krähen“ ist ein Sachbuch, bei dem die Begeisterung der Autorin für ihre Lieblingsvögel stets mitschwingt. Gekonnt und hochkonzentriert verbindet sie biolo- gische und kulturelle Information und vermittelt auf sehr lebendige Weise wohlportio- niertes und wertvolles Wissen über Rabenvögel, das zudem noch Neugier auf thema- tische Vertiefung weckt.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite: https://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/sachbuch/von-raben-und-kraehen-2/

Die Autorin und Illustratorin:

»Britta Teckentrup, geboren 1969 in Hamburg, hat am Central Saint Martins College of Art and Design und am Royal College of Art in London Kunst und Illustration studiert. Sie ist Autorin und Illustratorin zahlreicher erzählender Bilderbücher sowie Sachbücher und ist vielfach ausgezeichnet worden. Heute lebt sie zusammen mit ihrem schottischen Ehemann und ihrem Sohn Vincent in Berlin. Ihre Bücher sind in sehr viele Sprachen übersetzt.« http://www.brittateckentrup.com/

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Wolken, Luft und Sterne

  • Von der Erde bis ins All
  • Text in Zusammenarbeit mit Juliette Einhorn
  • Illustrationen und Scherenschnitte von Hélène Druvert
  • Originaltitel: »Le Ciel«
  • Aus dem Französischen von Ursula Bachhausen
  • Gerstenberg Verlag, Juli 2021  www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 40 Seiten, durchgehend farbig
  • mit Ausklappseiten und Lasercut-Scherenschnitten
  • Format: 25,5 x 36,5 cm
  • ISBN 978-3-8369-6133-2
  • 26,00 € (D), 26,80 € (A), 33,40 sFr.
  • Sachbilderbuch ab 8 Jahren

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VON  WINDGESCHWIND  BIS  LICHTGESCHWIND

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das Sachbilderbuch „Wolken, Luft und Sterne“ spannt einen weiten Wissensbogen von den mythologischen Himmelsvorstellungen der alten Ägypter, Griechen und Maya bis zu moderner Weltraumerkundungstechnik.

Neben der anschaulichen Beschreibung der unterschiedlichen Erdatmosphären- schichten (Troposphäre, Stratosphäre, Mesosphäre, Thermosphäre, Exosphäre) werden viele Themen, die mit den „Luftetagen“ unseres Lebensraumes in Zusammenhang stehen, dargestellt; so u.a. die Wolkenarten und Niederschlagsformen (Eiskristalle, Regen, Schnee), die Entstehung des Windes und verschiedene Windarten bis hin zum Tornado, Gewitter, Blitz und Donner sowie das Phänomen des Regenbogens, die Windbe-stäubung von Pflanzen und der Vogel- und Insektenflug.

Wolken, Luft und Sterne Wolkentypen mit Sonne

Illustration von Hélène Druvert © Gerstenberg Verlag 2021

Wolken, Luft und Sterne Wolkentypen

Illustration von Hélène Druvert © Gerstenberg Verlag 2021

Ein Kapitel widmet sich der Eroberung des Luftraumes durch den Menschen ab dem Jahr 1783 mit Hilfe diverser Luftschiffe (Montgolfière, Zeppelin), der Erfindung von Fallschirm und Gleitfallschirm (Parafoil), des ersten motorisierten Flugs der Brüder Wright 1903 bis hin zum Flyboard Air aus dem Jahr 2016.

Weitere Kapitel befassen sich mit dem Mond, der Entstehung von Mond- und Sonnen-finsternissen, den Polarlichtern, Sternschnuppen, dem Sonnensystem, den Sternbildern und der astronomischen Kartierung des Himmels, dem natürlichen Treibhauseffekt und dem durch menschlich-industrielle Einwirkung verstärkten Treibhauseffekt und möglichen Gegensteuermaßnahmen durch erneuerbare Energiequellen.

Die didaktische Darstellung dieser durchaus komplexen Themen ist sehr eingängig und kindgemäß verständlich. Als gutes Beispiel möge nachfolgendes Zitat dienen, in dem erklärt wird, warum uns Sonne und Mond gleich groß erscheinen.

»Der Mond ist 400-mal kleiner als die Sonne, aber auch 400-mal näher an der Erde. Daher wirken Sonne und Mond von der Erde aus gesehen gleich groß.«

Die ebenso attraktiven wie aussagekräftigen Illustrationen mit ihren aufklappbaren Seiten und filigranen Scherenschnitten unterstützen den Lerneffekt durch klare Struk- turierung und den optischen Eindruck räumlicher Perspektive. Bemerkenswert ist zudem die großformatige, hochwertige Ausstattung und sehr reizvolle visuelle Gestaltung aller angesprochenen Themen, die ein gelungenes Beispiel analoger Bilderbuchanimation im Papierformat bieten.

Über den reinen Informationsgehalt hinaus vermittelt dieses Sachbilderbuch eine recht anschauliche Ahnung von der Weite des Himmelsraumes, von faszinierenden natür- lichen Kreisläufen und Wechselwirkungen, aber auch vom empfindlichen Gleichgewicht der Erdatmosphäre, die uns unser Leben erst ermöglicht.

Es ist ein Vergnügen, dieses wissenswerte Sachbilderbuch zu betrachten und zu lesen und daran erinnert zu werden, welch ausgewogene Architektin Mutter Natur ist. Es bleibt zu hoffen, daß der hier ebenfalls beeindruckend dargestellte technische Fort- schritt hinsichtlich Raumfahrt und Raumerforschung geistig nicht den irdischen Boden unter den abgehobenen Füßen verliert.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.gerstenberg-verlag.de/Kinderbuch/Sachbuch/Wolken-Luft-und-Sterne.html?noloc=1

Querverweis:

Hier entlang zu drei weiteren beachtenswerten Sachbilderbüchern, die Hélène Druvert illustriert hat:

ANATOMIE: Anatomie
EIN NEUES LEBEN ENTSTEHT: Ein neues Leben entsteht
OZEANE: Ozeane

Die Illustratorin:

»Hélène Druvert, ausgebildetet Textil-Designerin, ist seit ihrem Abschluss an der Ècole Duperreé, Paris, freiberuflich tätig. Sie lebt in Paris und im Baskenland, wo sie ihre Siebdruckwerkstatt hat. Perspektivische Scherenschnitte sind ein Schwerpunkt ihrer vielfältigen Tätigkeit.«

Die Autorin:

»Juliette Einhorn ist Dozentin für redaktionelles Schreiben an der Hochschule für Informationsberufe in Paris. Als freischaffende Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten Kindersachbuch und Lifestyle ist sie für verschiedene Zeitschriften und Buchverlage tätig.«

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Wunderwelt Wald

  • Text von Jan Paul Schutten
  • Illustrationen von Medy Oberendorff
  • Originaltitel: »Wonderbos«
  • Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
  • Gerstenberg Verlag, Januar 2022 www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 24,5 x 32,5 cm
  • 80 Seiten
  • durchgehend farbig
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A), 29,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-6138-7
  • Sachbilderbuch ab 8 Jahren

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DEN  WALD  SEHEN  LERNEN

Sachbilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In elf Kapiteln führt das Sachbilderbuch „Wunderwelt Wald“ durch die botanische, zoologische und ökologische Welt des Waldes. Das zwölfte Kapitel bietet die Möglichkeit, die korrekte visuelle und namentliche Zuordnung einiger zuvor kennengelernter botanischer und zoologischer Spezies noch einmal zu überprüfen.

Jedes Kapitel beginnt mit  einer Doppelseite, welche eine sehr detailreiche Bleistiftzeich-nung eines Waldstücks zeigt. Lassen wir dort unseren Blick geduldig wandern, ent- decken wir neben pflanzlichen Einzelheiten nach und nach diverse verborgene Tiere. Dieser Waldwimmelbild-Sehschulung folgt eine  Doppelseite mit einem Text, der sich dem jeweiligen Kapitelthema widmet.

Wunderwelt Wald Wimmelbild

Illustration von Medy Oberendorff © Gerstenberg Verlag 2022

Die verschiedenen Kapitel thematisieren u.a. Artenvielfalt, Baumwachstumsbesonder-heiten, Photosynthese, die Bedeutung von Bäumen für das Klima, die Sprache von Pflanzen und Insekten, Winterschlafvariationen, den Kreislauf der Jahreszeiten, eßbare Waldpflanzen sowie Spiel- und Bastelanregungen mit Naturmaterialien aus dem Wald.

Auf den Fließtext folgt eine weitere Doppelseite mit mehreren farbigen Einzelzeich- nungen und kurzen ergänzenden Detailerläuterungen zum jeweiligen Kapitelthema.

Wunderwelt Wald Detailbild

Illustrationen von Medy Oberendorff, Texte von Jan Paul Schutten © Gerstenberg Verlag 2022

Die Texte von Jan Paul Schutten sind in einem heiteren, lockeren und gelegentlich auch durchaus kindgemäß ironisierenden Plauderton geschrieben, der Kindern gleichwohl anschaulich, sachkundig und eingängig ökologische Zusammenhänge und naturwissen-schaftliche Details sowie Wertschätzung für die Natur vermittelt. Die didaktisch bemer-kenswert geschickte Darstellung des Stoffes ist auf animierende Weise sehr lehrreich.

Die Zeichnungen von Medy Oberendorff sind naturalistisch präzise und zugleich stim-mungsvoll. Da in jedem Kapitel eine überschaubare Anzahl von Pflanzen und Tieren präsentiert wird, ist es kinderleicht, die Bestimmung dieser Arten zu lernen. Im besonderen Maße faszinierend sind die Schwarz-Weiß-Wimmelbildseiten, die Kindern einen attraktiv-geheimnisvollen visuellen Spielraum zum Entdecken bieten und ihnen einen sensibilisierenden Blick für die Natur und ihre staunenswerten Lebewesen eröffnet.

Es liegt nahe, nach dem Bücherblättern einen Waldspaziergang zu machen und vertraute Naturbekanntschaften aus diesem Sachbilderbuch nun in der Wirklichkeit wiederzufinden.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.gerstenberg-verlag.de/Kinderbuch/Sachbuch/Wunderwelt-Wald.html?noloc=1

Der Autor:

»Jan Paul Schutten, 1970 geboren, studierte Kommunikationswissenschaft in Utrecht. Heute ist er ein preisgekrönter Sachbuchautor. Zweimal wurde Schutten mit dem Goldenen Griffel ausgezeichnet. Sein internationaler Bestseller „Evolution oder Das Rätsel  von allem, was lebt“ war u.a. für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.«

Die Übersetzerin:

»Verena Kiefer, geboren in Saarbrücken, arbeitete als Buchhändlerin, bevor sie Literatur- und Sprachwissenschaft studierte. Seit 1997 ist sie freie Übersetzerin und inzwischen auch Lehrbeauftragte für Niederländisch an der Universität Siegen.«

Die Illustratorin:

»Medy Oberendorff, geboren 1975 in den Niederlanden, hat an der Maastrichter Akademie der Bildenden Künste ihren Master in Wissenschaftlicher Illustration absolviert. Ihr Markenzeichen sind realistische und dabei sehr atmosphärische Bilder der Tier- und Pflanzenwelt«

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren von Medy Oberendorff gekonnt illustrierten naturkundlichen Sachbilderbuch „Die wunderbare Welt der Insekten“: Die wunderbare Welt der Insekten

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Pflanzen für ein naturnahes Leben

  • Ein Leitfaden zur Gartengestaltung
  • von Jane Moore
  • Originaltitel: »Planting for Wildlife«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Linde Wiesner
  • Illustrationen Umschlag und Kapitelaufmacher  von James Weston Lewis
  • Illustrationen im Text von Holly Astle
  • Gerstenberg Verlag, März 2022  http://www.gerstenberg-verlag.de
  • Format: 14 x 19  cm
  • Fadenheftung
  • 144 Seiten
  • 20,00 €, 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-1687-5

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NATURVERBUNDEN  GÄRTNERN

Rezension von Ulrike Sokul ©

Wenn Sie den Einfluß, den Sie auf die Gestaltung Ihres Gartens haben, dazu nutzen möchten, Artenvielfalt und ökologische Nischen zu fördern, dann finden Sie dafür in Jane Moores Gartenleitfaden eine sehr überschaubare und praxisnahe Anleitung.

Neben empfehlenswerten Pflanzen, die Wildtieren und Insekten sowohl Rückzugs- und Nistmöglichkeiten als auch Nahrung bieten, gibt die Autorin dienliche Hinweise auf strukturelle Gestaltungselemente, die den Lebensbedürfnissen von Wildtieren ent- gegenkommen.

So ist – sofern die Gartengröße es erlaubt – das Pflanzen zumindest eines Baumes stets  sinnvoll, da Bäume vielen Lebewesen einen guten Lebensraum und Nahrung bieten. Tot-holzhaufen geben ebenfalls vielen Mikroorganismen, Pilzen und Insekten Raum und Nahrung, und die Insekten wiederum dienen Vögeln und Kleinsäugern als Nahrung. Da grundsätzlich KEIN Kunstdünger verwendet werden soll, braucht es zudem einen Kom-posthaufen, der mit Hilfe von natürlichen Mikroorganismen organischen Dünger „herstellt“.

Generell ist eine deutlich weniger strenge Ordnung, mit ungemähten Rasenbereichen und verwilderten, ungestörten Nischen sowie der absolute Verzicht  auf tödliche Pestizide der natürlichen Lebenskraft des Gartens förderlich. 

Die Attraktivität für Wildtiere wächst zudem durch das Angebot von flachen Wasser- stellen zum Trinken und Baden und besonders durch einen Teich. Die Autorin widmet ein ganzes Kapitel der Anlage eines Teichs und empfiehlt auch passende Wasser- und Uferpflanzen.

Bei allen Gestaltungsmaßnahmen und Pflanzenempfehlungen beschreibt die Autorin, wie sich der Nutzen für Wildtiere mit praktischem gärtnerischen Nutzen und gärtne- rischer Ästhetik sinnvoll ergänzt. Ihre Pflanzenempfehlungen umfassen ein- bis mehr- jährige Stauden und Kräuter, diverse Kletterpflanzen, Sträucher, Obstbäume und Heckenpflanzen.

Pflanzen für ein naturnahes Leben. Hecken

Illustration von Holly Astle © Gerstenberg Verlag 2022

Erfreulich fand ich besonders Jane Moores Loblied auf den Efeu, der sich als guter Bodendecker eignet und als Kletterpflanze. Efeu ist immergrün, bietet vielen Tieren Unterschlupf, und seine Blätter sind für viele Schmetterlingsarten Raupenfutter. Außerdem blüht er erst im Herbst und serviert Insekten und Bienen viel Nektar und Pollen. Die entsprechend später reifenden Beeren ernähren anschließend im Winter wiederum Vögel. Diese positive Efeubilanz kann ich für meinen Garten nur bestätigen.

Einige sachdienliche Hinweise über die wichtige Rolle der Regenwürmer für die Boden-qualität, zu Igelschlupfwinkeln, Insektenhotels, Vogelfutterstellen und Vogeltränken sowie Tipps zum erfolgreichen Beobachten von Wildtieren im eigenen Garten runden das naturförderliche Informationspaket stimmig ab.

Die Illustrationen sind graphisch-stilisiert und sehr dekorativ. Für ein botanisches Bestimmungsbuch wären sie nicht angemessen präzise, indes sind sie für die hier vorliegenden Gartengestaltungsanregungen durchaus passend.

Jane Moore gelingt es mit unaufdringlicher Beiläufigkeit, daß man bei der Lektüre den eigenen Garten verstärkt aus der Perspektive eines Wildtieres wahrnimmt. Eine solcher-art angeregte Empathie erleichtert die Entscheidung für mehr Wildnis und beflügelt zum naturnahen Gärtnern. 

»Eine naturnahe und ökologische Gartengestaltung hilft Ihnen dabei, dass nach und nach eine stabile Nahrungskette und im Garten ein eigenes Ökosystem entsteht.«
(Seite 46)

»Wildtiere schätzen Gärten, in denen sie Schutz und Deckung, gute Nahrungs- und Wasserquellen und einen sicheren Schlafplatz finden.« (Seite 88)

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.gerstenberg-verlag.de/Erwachsenenbuch/GartenLust/Pflanzen-fuer-ein-naturnahes-Leben.html?noloc=1

Die Autorin:

»Jane Moore ist seit 30 Jahren engagierte Gärtnerin. Einst beaufsichtigte sie den Garten einer Benediktinerabtei, später wurde sie Autorin für Gartenmagazine und Redakteurin für Gartensendungen der BBC. Moore verfügt über ein erstaunliches Pflanzenwissen, das sie mit Begeisterung an andere weitergibt.«

Querverweis:

Ergänzend weise ich zudem gerne noch auf Jane Moores Buch „Pflanzen für Schmetterlinge“ hin: Pflanzen für Schmetterlinge

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Die Non-Paul-Temples

  • von Francis Durbridge
  • Übersetzungen von Hanns Hammelmann, Marianne de Barde, Max Faber
  • 4 Hörspiele:
  • Der Fall Greenfield SDR (heute: SWR) 1961
  • Nur über meine Leiche SDR (heute: SWR) 1963
  • La Boutique SWF (heute: SWR)/hr 1967
  • Tief in der Nacht MDR 2000
  • Sprecher: Friedrich Schönfelder, Lotte Betke, Heinz Schimmelpfennig,
  • Peter Fricke, Irm Hermann, Friedhelm Ptok u.v.a.
  • DAV Verlag, April 2022 www.der-audio-verlag.de
  • 1 mp3-CD
  • in Pappklappschuber
  • Laufzeit: 4 Stunden, 35 Minuten
  • 15,00 €
  • ISBN 978-3-7424-2329-0

Non-Paul-Temples Hörspiele
R A D I O – N O S T A L G I E

Hörbuchrezension von Ulrike Sokul ©

Meine erste Bekanntschaft mit den legendären Francis-Durbridge-Kriminalhörspielen und dem Privatdetektiv Paul Temple machte ich erst im Jahr 2000. Bei den Radioerstaus-strahlungen aus den 50er- und 60er-Jahren war ich noch nicht auf dieser Welt oder noch ein Kleinkind.

Doch ab dem Jahr 2000 wurden einige dieser Hörspiele nach und nach – beim Hörverlag und DAV-Verlag – als Hörspiel-CDs neu aufgelegt. Ich war sogleich begeistert und habe diese Hörspiele eines nach dem anderen regelrecht„verschlungen“.

Die vorliegenden Non-Paul-Temple-Hörspiele sind zwar kürzer als die klassischen Paul-Temple-Hörspiele und dementsprechend ist die Handlung nicht so ausführlich und die Figurenzeichnung knapper, gleichwohl sind die Dramaturgie und der spezielle Stil von Francis Durbridges Dialogführung nicht zu überhören.

„Der Fall Greenfield“ handelt von der Rekonstruktion und Neubewertung eines älteren Mordfalls in Zusammenhang mit einem verrückten Schriftsteller, der sich mehrfach fälschlich selbst des Mordes bezichtigt hatte.

„Nur über meine Leiche“ ist eine Krimimalkomödie und wartet mit amüsanter Genre-selbstironie auf. Ein Theaterschauspieler-Pärchen beklagt sich bei der Autorin der Stücke, für die sie seit Jahr und Tag auf der Bühne stehen, daß ihre Fälle klischeehaft seien und sie doch bitte einmal etwas anders – sprich Lebensnahes – schreiben solle. Sie hätten die „abgegriffenen Figuren“ wie den unerschrockenen Privatdetektiv, seine adrette Gattin, den geheimnisvollen Professor, den geistesabwesenden Doktor etc. satt.

Doch dann stolpern die beiden auf dem Weg in den Urlaub über eine Leiche in einen echten Mordfall und erfahren lebhaft exakt die Klischees, die sie für konstruiert und überzogen gehalten hatten. Nach der Aufklärung des Falls sind sie mit ihrer Autorin wieder versöhnt.

 „La Boutique“ ist mit 130 Minuten das  längste Hörspiel dieser Sammlung und weist die größte Ähnlichkeit zu den klassischen Paul-Temple-Fällen auf. Der Fall ist sehr komplex mit vielen, verschlungenen verdächtigen Fährten. Kommissar Robert Bristol will den Mord an seinem Bruder Lewis Bristol, der ein bekannter Musiker war, aufklären. Der Tote wurde im Modesalon „La Boutique“ seiner Exfrau gefunden. Robert Bristols ehemalige Schwägerin ist erschüttert, gerät jedoch wegen einiger Unstimmigkeiten in ihren Aussagen in Verdacht.

Lewis Bristol hatte den Gürtel eines Damensommerkleids in seiner Manteltasche, worauf sich zunächst niemand einen Reim machen kann. Nach und nach tauchen noch weitere solcher Gürtel auf … ein geheimnisvoller Brief, eine schöne Unbekannte und ein zwielichtiger Millionär sorgen für dramatische Mißverständnisse und Verwicklungen, die nicht leicht aufzulösen sind.

Im vierten Fall „Tief in der Nacht“ gerät der Hotelier Carl Houston auf dem Rückflug von Australien in eine Flugzeugentführung. Dabei kann er das Leben seines Sitznachbarn Ronnie Sheldon retten, und er selbst kommt mit einem gehörigen Schrecken davon.

Zurück in England wird Carl Houston von Scotland Yard zu einem Koalaplüschtier befragt, das sich angeblich in seinem Handgepäck befunden habel. Da das Handgepäck jedoch während der Flugzeugentführung verloren ging und Houston wirklich nichts von einem solchen Plüschtier weiß, wundert er sich über die Hartnäckigkeit, mit welcher der Inspektor auf diesem Thema herumreitet und ihn zudem noch wie einen Verdächtigen behandelt. Als jedoch ein Mordversuch auf Carl Houston und seine Frau verübt wird, bemerkt auch der ahnungslose Houston, daß er unfreiwillig in kriminelle Machen- schaften eingebunden wurde…

Bei allen vier Hörspielen befindet sich die schauspielstimmliche Leistung durchgehend auf bewundernswert hohem Niveau und vermittelt gekonnt und prägnant Charme, Humor, Ironie, Rätselhaftigkeit, vielsaitige emotionale und intellektuelle Zwischentöne sowie die typische Durbridge-Zeitgeistatmosphäre mit sehr männlichen Herren und sehr weiblichen Damen. Altmodische Telefonwählscheibengeräusche und -Klingeltöne, Barmusik, Feuerzeugklicken, Käuzchenrufe, Verfolgungsjagden mit quietschenden Reifen und zerklirrenden Glasscheiben, Schüsse und klappernde Schreibmaschinen lassen unwillkürlich die passenden Schwarz-weiß-Bilder im Kopf entstehen und bereichern die ebenso dramatisch-spannende wie unterhaltsam-nostalgische Auditüre.

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.der-audio-verlag.de/hoerbuecher/die-non-paul-temples-durbridge-francis-978-3-7424-2329-0/

Der Autor:

»Francis Durbridge (1912 – 1998) geboren in Yorkshire, studierte Altenglisch und Volkswirt- schaft. Zunächst arbeitete er als Börsenmakler, wandte sich aber bald dem Schreiben zu. Er veröffentlichte zahlreiche Romane und Drehbücher und wurde erfolgreicher Hörspielautor der BBC. Seine Hörspielserie »Send for Paul Temple« erreichte Kultstatus. Die  Fernsehmehrteiler »Das Halstuch« oder »Das Messer« wurden europaweit zu Straßenfegern und legten das öffentliche Leben lahm.«

Querverweis:

Ergänzend empfiehlt sich zudem die Neuinszenierung des verschollenen alten Francis-Durbridge-Kriminalhörspiels „Der Fall Gregory“ durch BASTIAN PASTEWKA & KOMPLIZEN aus dem Jahr 2014: Paul Temple und der Fall Gregory
Das erste ins Deutsche übersetzte Kriminalhörspiel von Francis Durbridge, „Paul Temple und der Fall Gregory“, wurde 1949 gesendet und verschwand aus den Rundfunkarchiven. Einzig eine Karteikarte mit Löschvermerk blieb erhalten. Leider wurden auch bei der BBC zahlreiche Aufzeichnungs-Bänder gelöscht, und erst als das deutsche Skript wieder- gefunden worden war, konnte eine Rekonstruktion ins magische Auge gefaßt werden.
Diese rekonstruierte Paul-Temple-Version wartet mit einem geschickt choreographier- ten Drehbuch im Drehbuch auf, das sowohl mit der Hommage an die Kriminalrezeptur Francis Durbridges als auch mit den metafiktiven Kommentaren und der inszenierten Gruppendynamik der gegenwärtigen Darsteller einen ganz eigenen Reiz entfaltet.

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Die Galaxie und das Licht darin

  • von Becky Chambers
  • Originaltitel: »The Galaxy and the Ground Within«
  • Aus dem Englischen von Karin Will
  • WAYFARER-UNIVERSUM, Band 4
  • Fischer TOR, Mai 2022 http://www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 400 Seiten
  • 13,00 €
  • ISBN 978-3-596-70701-0

Die Galaxie und das Licht darin

INTERGALAKTISCHES  KAMMERSPIEL

Rezension von Ulrike Sokul ©

Der vierte und leider auch letzte Band der Wayfarer-Reihe spielt auf dem Planeten Gora. Dieser Planet der Galaktischen Union (kurz: GU) liegt in unmittelbarer Nähe eines inter-galaktischen Transitknotenpunkts und bietet Reisenden während der Wartezeit auf ihren Wurmlochsprung die Gelegenheit, sich auszuruhen, Vorräte wie beispielsweise Algenkraftstoff oder Comptech-Ersatzteile nachzufüllen, Reparaturdienste zu nutzen oder ein Restaurant aufzusuchen. Da man auf Gora nur unter Habitatkugeln leben kann, buchen die Reisenden im voraus ein Motel oder eine Lounge und docken dort mit ihrem Raumschiff oder Shuttle an.

Das „Five-Hop One-Stop“-Motel gehört nicht zur Luxusklasse, wird jedoch von Ouloo und ihrem Kind Tupo mit viel warmherzigem Engagement, Improvisationstalent und großem multispeziären Einfühlungsvermögen geführt. Ouloo gehört zur Spezies der Laru. Laru sind sehr langlebig, sie sind befellt und verfügen über extrem bewegliche Gliedmaßen („wie animierte Nudeln“) sowie einen langen Hals, der es ihnen ermöglicht, ihren Kopf bei Bedarf auf den Rücken zu drehen.

Kurz hintereinander landen drei sehr unterschiedliche Gäste bei Ouloo:

Als alte Bekannte aus den Vorgängerbänden erscheint die Äluonerin Captain Pei Tem. Äluoner haben eine annähernd humanoide Körperform, sie sind haarlos und haben eine feine silbrige Schuppenhaut. Äluoner können nicht hören, sie kommunizieren nicht über Laute, sondern über die Farbschattierungen ihrer Gesichtshaut. Da dies jedoch die Inter-aktion mit anderen Spezies fast unmöglich macht, verfügen sie über ein auditorisches Implantat und eine Sprachbox, die sie mental steuern können. Eine bunte Umgebung wirkt auf Äluoner anstrengend und ermüdend – vergleichbar der Wirkung, die ein zu lautes Umfeld auf hörende Spezies hat.

Der zweite Gast ist Roveg. Roveg ist ein Quelin, und er lebt im Exil, da er sich zu kritisch gegenüber seiner – vorsichtig ausgedrückt – hyperhierarchisch-bürokratischen Regierung geäußert hat. Er hat Facettenaugen, ein kobaltblaues Exoskelett und viele Beine, sein bevorzugter Sinn ist der Geruchssinn, und er ist ein echter Feinschmecker.

Der dritte Gast ist Speaker. Sie gehört zum unfreiwillig nomadisch lebenden Volk der Akaraks. Die Akaraks sind nur etwa 30 Zentimeter groß, und ihre Lebenserwartung beträgt nur 20 bis 25 Jahre. Da sie Methan atmen, ist sauerstoffhaltige Luft für sie Gift. Deshalb besteigen Akaraks für den direkten Kontakt mit anderen Spezies einen mecha-nischen Anzug, der durchschnittliche Zweibeiner-Größe hat. Im Kopfbereich des Mech-Anzugs befinden sich die Steuerung und das Aussichtsfenster, so daß auch eine wechsel-seitige visuelle Wahrnehmung gegeben ist.

Normalerweise ist der Aufenthalt auf Gora nur kurz, da die Wartezeiten auf den Zugang zu den Übergängen zwischen den Wurmlöchern nicht länger als maximal einen halben GU-Standardtag betragen. Um Unfälle zu vermeiden, werden die Zugänge ebenso technisch-akribisch wie bürokratisch von der GU-Transitbehörde kontrolliert und die Reisenden auf die ihnen bestimmten Flugbahnen gelotst. Ein dichtes Netz von Satelliten unterstützt die reibungslose Koordination dieser Transite.

Kurz nach der Ankunft der Gäste kommt es zu einer plötzlichen Kaskadenkollision der Orbit-Satelliten, der ein weitgehender Ausfall des benötigten Datentransfers folgt. Ein vorläufiges Flugverbot ist unvermeidlich. Pei, Roveg und Speaker sind nun gezwungen, mehrere Tage auszuharren, bis das planetarische Satelliten-Netzwerk wieder funktioniert.

Ouloo ist lebhaft bemüht, ihren Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie wendet sich jedem Gast mit wahrer Aufmerksamkeit zu und tischt, neben diversen süßen typischen Laru-Dessert-Spezialitäten, alle multispeziären Köstlichkeiten auf, die ihre Speisekammer hergibt. Die Gäste können sich im Kuppelgarten ergehen, Tupos kleines „Goranisches Museum für Naturgeschichte“ besuchen oder zur Entspan-nung das Badehaus mit passenden Installationen für die unterschiedlichsten anato-mischen Bedürfnisse verschiedener Spezies aufsuchen.

Tupo ist sehr neugierig und fragt die Gäste recht unbefangen nach ihren Berufen und Reisezielen und erkundet ihre besonderen speziesspezifischen Fähigkeiten. Doch die Gäste sind auch untereinander durchaus kontaktfreudig und kommunikativ. In der GU wird von fast allen Spezies die universelle Sprache „Klip“ gesprochen, was die allgemeine Verständigung erleichtert.

Die Geselligkeit verläuft zwar nicht gänzlich reibungslos und unkompliziert, doch Ouloo ist eine sehr gute Gastgeberin und versteht es, eine diplomatisch-vermittelnde Stimmung zu schaffen, die von den Gästen dankbar und respektvoll aufgenommen wird. Die Gäste lernen sich im Verlauf des um fünf Tage verlängerten Aufenthalts tiefer kennen, was sogar zu unerwarteten neuen Freundschaften und Verbundenheiten führt.

Es ist bemerkenswert, wie hier sowohl biologisch als auch wesensgemäß sehr unter-schiedliche Charaktere miteinander umgehen, voneinander lernen und dabei zugleich auch einiges über sich selbst erkennen, was für alle eine Bereicherung ist.

Ouloos zufällig zusammengewürfelte Gäste sind allerdings auch besonders aufge-schlossen, hilfsbereit, lebenserfahrungsreif, respektvoll und tolerant. Wenn sie Menschen wären, würde ich sie als philanthropisch bezeichnen.

Amüsant ist die Perspektive der Außerirdischen auf die Spezies Mensch. Roveg sagt beispielsweise, er liebe Menschen, so ähnlich wie wir sagen, daß wir Eichhörnchen, Delphine, Hunde, Katzen, Pferde, Schmetterlinge oder Vögel lieben. Pei, die von ihrer Liebesbeziehung mit einem Menschen (Ashby Santoso, der Kapitän des Raumschiffs Wayfarer, siehe Band 1 der Serie Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten) erzählt, wird von Roveg gefragt, ob es denn tatsächlich Käse gäbe. Denn Käse ist für nichtmenschliche Spezies etwas Unvorstellbares. Veganer kommen an dieser Stelle köstlich auf ihre Kosten. (Seite 105 – 108)

Pei erklärt, daß Käse aus Milch hergestellt wird, und Speaker vermutet daraufhin, daß Käse also ein Lebensmittel für Kinder sei. Als Pei verneint und von der Vorliebe der erwachsenen Menschen für Käse berichtet, wird dies von den Zuhörern mit den unter-schiedlichsten Lauten des Ekels kommentiert. Der Prozeß der Käseherstellung mit Hilfe von Bakterien trägt auch nicht gerade dazu bei, sonderlich appetitanregend zu wirken. Doch die Information, daß Menschen nicht ihre eigene Milch, sondern die von anderen Säugetieren nehmen, erscheint den Außerirdischen schier unglaublich.

Dieser Roman wartet nicht mit spektakulärer Spannung auf, sondern mit der gemäch-lichen kommunikativen und emotionalen Annäherung verschiedener Spezies. Alle haben ihre individuellen Vorgeschichten und Beweggründe, die in streiflichternden Rückblenden Erwähnung finden. Da zwischenmenschlich nicht die korrekte Bezeichnung ist, will ich hier einmal mit  dem Wort „zwischenwesenlich“ improvisieren. Die zwischen- wesenliche Ebene des Fremdelns, Annäherns, wechselseitigen mitfühlenden Verstehens und des selbstreflexiven Auseinandersetzens mit kontrastierenden und harmonieren- den Facetten der Mitlebewesen und ihrer soziokulturellen Prägungen spielt in dieser Geschichte die Hauptrolle.   

Becky Chambers zeigt hier wieder ihre besondere schriftstellerische Stärke in der ebenso einfühlsamen wie faszinierenden Gestaltung und Charakterisierung ver- schiedener Spezies und ihrer unterschiedlichen biologischen und kulturellen Gegeben- heiten und sprachlichen Feinheiten sowie in der anschaulichen Darstellung der verschiedenen Perspektiven, die diese auf sich selbst und auf andere Spezies haben.

Technische Science-Fiction-Aspekte sind in dieser Geschichte eher Kulisse und neckisches Beiwerk. Der Schwerpunkt liegt auf einer Zukunftsvision des einfühlsamen Aufeinanderzugehens und Miteinanderlebens, das am Beispiel der zwar nicht unkom- plizierten, aber dennoch wachsenden Nähe zwischen den Romanfiguren und den sich daraus ergebenden Entwicklungen und zwischenwesenlichen Horizonterweiterungen differenziert und attraktiv inszeniert wird.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/becky-chambers-die-galaxie-und-das-licht-darin-9783596707010

Hier entlang zum ersten Band des WAYFARER-UNIVERSUMS:
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Zum zweiten Band:  Zwischen zwei Sternen
Zum dritten Band: Unter uns die Nacht

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrt-technikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg. Seitdem wurde sie für zahlreiche Preise nominiert und hat einige davon gewonnen, u.a. den Hugo Award für die beste Serie.«

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BRAVER HUND! FRECHE KATZE!

  • Gedichte über das Wesen der Tiere
  • Text von Bette Westera
  • Illustrationen von Mies van Hout
  • Originaltitel: »BRAVE HOND! STOUT KAT!«
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • aracari Verlag, Frühjahr 2022 www.aracari.ch
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Querformat: 23,6 x 30 cm
  • 40 Seiten
  • durchgehend farbig
  • 14,00 € (D), 14,50 € (A), 18,00 sFr.
  • ISBN 978-3-907114-23-0
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

Braver Hund! Freche Katze! Titelbild

K O N T R A S T P R O G R A M M

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses Bilderbuch inszeniert gekonnt die Spannung zwischen Gegensätzen. Kontrast-paare wie beispielsweise langsam-schnell, vorsichtig-sorglos, reinlich-schmutzig, gehor-sam-bockig, unfreundlich-freundlich, prächtig-unscheinbar, häuslich-reiselustig usw. werden durch Tierpaare dargestellt.

So dient eine Schildkröte der Darstellung von Langsamkeit und ein Gepard zeigt Schnelligkeit. Eine Spinne ist geduldig und eine Fliege ruhelos, eine Katze ist frech und ein Hund brav, eine Grille ist laut und eine Assel ist still, ein Dreifingerfaultier ist bedächtig und eine Ameise ist geschäftig …

Braver Hund! Freche Katze Schildkröte und Gepard

Illustration von Mies van Hout, Text von Bette Westera © aracari Verlag 2022

Die bunten Illustrationen von Mies van Hout geben den verschiedenen Tieren auf witzig-charakteristische und gegebenenfalls dynamische oder statische Art körpersprachlichen und mimischen Ausdruck.

Bette Westera läßt jedes Tier mit einer gereimten Selbstbeschreibung zu Wort kommen. Die oft zwei- bis vierstrophigen, meist vierzeiligen und gelegentlich zudem lebhaft laut-malerischen Verse verleihen den Tierstimmen Rhythmus und Schwung. So äußert sich etwa die bockige Ziege im lebhaften Kontrast zum gehorsamen Schaf:

»Der Stall? Da geh ich doch nicht rein!
Stattdessen steig ich oben drauf.
Das bisschen Klettern nehme ich
für die Aussicht gern in Kauf.

Das Futter? Nein, das fress ich nicht.
Es schmeckt nach alten Socken.
Lieber geh ich in den Garten,
wo die Karotten locken.«

Obwohl in diesem Bilderbuch Tiere bestimmte Eigenschaften verkörpern, ist es nahe-liegend, diese Eigenschaften auch auf den bereits Kindern geläufigen zwischenmensch-lichen Bezugsrahmen auszudehnen. Ich bin mir sicher, daß Kindern bei der Betrachtung der Bilder und beim Vorlesen der Verse die eine oder andere Person einfällt, auf welche die tierische Selbstbeschreibung annähernd zutrifft.

Dieses Bilderbuch bietet eine amüsant-animierende Gesprächsbasis, um über gegen-sätzliche Wesensmerkmale und ihre Bedeutung zu reflektieren.

 

Hier entlang zum Buch und zur Betrachtungsprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.aracari.ch/page/de/buecher/detail?id=301

 

Die Autorin:

»Bette Westera wurde 1958 in Velp, Niederlanden, geboren. Sie studierte Pädagogik, wechselte dann aber zu Psychologie über und arbeitete 12 Jahre lang (von 1991 bis 2003) an einem sozialen Projekt in Stoutenburg.
Schon als Kind dachte sie sich fantasievolle Geschichten aus und schrieb sie auf. Sie liebt es, mit der Sprache zu spielen. 1999 debütierte sie mit ihrem ersten Kinderbuch «Wil je met me trouwen?» («Willst du mich heiraten?»). Seitdem hat sie mehr als 30 Kinder- und Bilderbücher veröffentlicht, diverse davon mit Gedichten.
Ihre Bücher wurden in zehn Sprachen übersetzt und mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Ihr bekanntestes Werk ist «Doodgewoon» («Überall und nirgends»), das 2015 den «Goldenen Griffel» erhielt. «Was de aarde vroeger plat?» wurde 2018 mit der Flämischen »Gouden Poeziemedaille» und dem «Silbernen Griffel» ausgezeichnet.
Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit komponiert Bette Westera zusammen mit ihrem Mann Diederik van Essel Kinderlieder und übersetzt zudem Bilderbücher und Lyrik aus dem Englischen, Französischen, Dänischen, Deutschen und Norwegischen ins Niederländische. Bette Westera lebt in Amersfoort.«

Die Illustratorin:

»Mies van Hout wurde 1962 geboren und studierte an der Kunstakademie in Groningen Grafikdesign. Seit 1989 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin und Grafikdesignerin und hat seitdem viele Bilderbücher illustriert. Ihr Buch »Brave Ben« wurde mit dem niederländischen Kinderbuchpreis ausgezeichnet.«

 

Querverweis:

Gerne weise ich nachfolgend auch auf Bette Westeras Buch „Überall und nirgends – Gedichte über Tod und Trauer“ hin.
„Bette Westera wagt es, sich einen Reim auf den Tod zu machen. Ihre Gedichte über Tod und Trauer formulieren viele Gefühlsfacetten. Sie öffnen das Herz und bringen Tränen zum Fließen. Die einfühlsamen, ebenso tief ernsthaften wie zuweilen auch sanft schmunzlerischen Gedichte „sprechen“, wo sonst oft Schweigen herrscht.“
Hier entlang zu meiner vollständigen Rezension:
Überall und nirgends

 

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Wär ich doch …

  • Text und Illustrationen von Mies van Hout
  • Originaltitel: »Was ik maar …«
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • aracari Verlag, Frühjahr 2021 www.aracari.ch
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 24 x 29 cm
  • 32 Seiten
  • durchgehend vierfarbig
  • 14,00 € (D), 14,50 € (A), 18,00 sFr.
  • ISBN 978-3-907114-17-9
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

Wär ich doch

JEMAND  ANDERES  SEIN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es kommt nicht selten vor, daß wir selbstverständlich vorhandene Fähigkeiten und Gegebenheiten nicht in der ihnen gebührenden Wertigkeit wahrnehmen und statt- dessen sehnsüchtig bis neidvoll auf die Talente schauen, die anderen mitgegeben sind.

So denkt das Kind in diesem Bilderbuch, es wäre lieber ein Schmetterling, weil es dann überall hinfliegen könne. Der bunte Schmetterling wäre dagegen lieber ein gutgetarnter Wandelnder Ast, und dieser wiederum beneidet den Kreiselkäfer, der einfach übers Wasser tanzen kann. Der Kreiselkäfer glaubt, wenn er leuchten könne wie ein Glüh- würmchen, dann verginge seine Angst vor der Dunkelheit, und das Glühwürmchen wiederum sehnt sich nach der Gemeinschaftlichkeit der Bienen.

Wär ich doch - Glühwürmchen, Bienen

Text und Illustration von Mies van Hout © aracari Verlag 2021

So zieht sich der Wunsch nach vermeintlichen Fähigkeitsvorteilen weiter von Spinne zu Marienkäfer, zu Ameise, zu Gehäuseschnecke, zu Grille und zu Libelle. Mit der Libelle schließt sich der Kreis, denn die Libelle wäre gerne ein Kind und meint: »Dann könnte ich rennen, lachen, springen, mich verstecken, zählen, bauen … und noch viel mehr.«

Für jede Doppelseite hat Mies van Hout ein farbenfrohes Naturbühnenbild gestaltet, auf dem immer ein Tier mit zwei prägnanten Aussagesätzen zu Wort kommt. Auf der letzten Doppelseite tummeln sich viele spielende Kinder, und alle Tiere, die zuvor ihren Auftritt hatten, sind mehr oder weniger offensichtlich ebenfalls dabei.

Mit diesem Bilderbuch läßt sich sehr anschaulich vermitteln, daß jedes Wesen über ganz spezielle und artgemäß passende Eigenschaften und Fähigkeiten verfügt und dennoch meinen kann, ihm fehle noch eine fremde Gabe zum Lebensglück. Die kommunikative Überleitung zu Fähigkeiten, die nun dem eigenen Kinde attraktiv erscheinen, liegt nahe und wird gewiß interessante Kinderwünsche ans Licht bringen.

Dabei können neben unerreichbar märchenhaften Eigenschaften wie z.B. Unsichtbarkeit auch durchaus Fähigkeiten erwünscht sein, die kurz- oder langfristig erlernt und geübt werden können.

Außerdem kann man gemeinsam mit dem Kind auch aufmerksam aufzählen, was es schon alles kann. Auch wenn dies zunächst sehr alltäglich erscheint, dient es doch der spielerischen Bewußtseinsbildung für das Guthaben im Ausgleich zum vermeintlichen Defizit. Denn die Wunschliste der Libelle enthält ja gerade solche ganz alltäglichen kindlichen Fähigkeiten wie rennen, lachen, springen, sich verstecken … 

Ebenso spannend ist die Frage, wie der Wunsch nach einer bestimmten Fähigkeit mit der Persönlichkeit des Kindes korrespondiert. Was ist mir zueigen? Was fällt mir leicht und was fällt mir schwer? Was habe ich noch nicht ausprobiert? Und von welcher Gabe möchte ich weiterträumen, auch wenn sie nur ein Luftschloß bleibt?

„Wär ich doch…“ ist ein Bilderbuch, das zu lebhafter kommunikativer Interaktion und zu spielerischer kindlicher Selbsterkenntnis einlädt.

Hier entlang zum Buch und zur Betrachtungsprobe auf der Verlagswebseite: https://www.aracari.ch/page/de/buecher/detail?id=295

Die Autorin & Illustratorin:

»Mies van Hout wurde 1962 geboren und studierte an der Kunstakademie in Groningen Grafikdesign. Seit 1989 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin und Grafikdesignerin und hat seitdem viele Bilderbücher illustriert. Ihr Buch »Brave Ben« wurde mit dem niederländischen Kinderbuchpreis ausgezeichnet.«
Anregungen und Zeichen-Workshops zum Buch finden Sie unter: https://www.miesvanhout.nl/de

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Worauf fliegst du?

  • Tierparadiese pflanzen und pflegen
  • von Bärbel Oftring
  • KOSMOS Verlag, 1. Auflage 2021 www.kosmos.de
  • Klappenbroschur
  • Fadenheftung
  • Format: 215 x 185 x 14 mm
  • 250 Farbfotos
  • 144 Seiten
  • 18,00 €
  • ISBN 978-3-440-17263-6

Ausgezeichnet mit  dem „Deutschen Gartenbuchpreis 2022“ in der Kategorie „Tiere im Garten“

Worauf fliegst du

TIERFREUNDLICHE  INFRASTRUKTUREN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Worauf fliegst du?“ bietet eine komprimierte und übersichtliche Anleitung für die tier-freundliche Gartengestaltung. Dabei kommt es nicht nur auf die Auswahl standortge- rechter einheimischer Pflanzen an, die mit einem guten Nektar-, Blütenpollen- und Früchtevorrat aufwarten, sondern auch auf diverse Kleinstrukturen, die Vögeln, Insek- ten und gegebenenfalls auch Igeln, Eichhörnchen, Siebenschläfern, Haselmäusen, Kröten, Fröschen und Molchen sowie Blindschleichen und Eidechsen einen angemessen- en Lebensraum eröffnen.

Ausreichende pflanzliche Nahrungsquellen sind lebenswichtig, doch ungestörte Rück-zugsräume beispielsweise für den Jahreslauf der Entwicklungsphasen von Insekten, frostschützende Überwinterungsgelegenheiten in Spalten und Löchern von Totholz und Schichten von Laubstreu, sind gleichermaßen wichtig, ja, notwendig für den Lebens- zyklus zahlreicher Insekten. Vögel brauchen zum erfolgreichen Nisten dichte, gerne auch dornige Gehölze und Wildsträucher, Hecken sowie Bäume. Mauer- und Wandbe- grünungen mit Efeu oder anderen Rankpflanzen bieten ebenfalls gute Nist- und Lebensräume für Vögel und Insekten. Der Garten sollte nicht von steriler Ordnung geprägt sein, sondern von einer natürlich gestalteten Wildnis.

»Eine große Vielfalt an Pflanzen genügt nicht, Tiere brauchen auch verschiedene Struk-turen, in denen sie sich verstecken, schützen und vermehren können. In jedem Garten gibt es genügend Platz für viele solche Kleinstlebensräume, die durch weniger Aufräumen auch von selbst entstehen.«

Zu den allgemeinen Empfehlungen gehört der absolute Verzicht auf Insektizide, Herbi- zide und Fungizide sowie mineralische Dünger. Außerdem wird viel Freiraum für Blumenrasen und Blumenwiesen anstelle von „ordentlicher“ Rasenmonokultur empfohlen. Verwelkte Sommerblumen, abgeblühte Stauden und Gräser sollten den Herbst und Winter über weitgehend stehenbleiben, da deren Samenvorrat noch so manchen Vogel durchfüttern kann und weil in hohlen Pflanzenstängeln viele Insek- tenlarven überwintern, die sonst beim „Aufräumen“ entsorgt werden, so daß im Früh- jahr diese neue Insektengeneration ausfällt. Außerdem schützt eine geschlossene Pflanzendecke nebst Laubstreu den Boden vor Erosion und dient den Bodenorganismen als natürlicher Dünger.

»Pflanzengerecht düngen heißt, Regenwürmer und alle anderen Bodenlebewesen mit organischen Materialien zu ernähren.« (Seite 6)

Weitere für Tiere einladende Gartenbedingungen sind Reisig-, Geäst und Totholzhaufen, Holzstapel, alte Wurzelstöcke, offene, möglichst trockene, sandige oder lehmige Boden-bereiche für bodennistende Wildbienen, lose Steinhaufen und Trockenmauern aus Natursteinen mit offenen Fugen und Hohlräumen und einige Wasserstellen – sei es in Form eines Teichs und/oder durch Wasserschalen -, die zahlreichen Tieren als Tränke und „Badeanstalt“ dienen.
 
Nacheinander werden im Buche die Lebensbedürfnisse von Vögeln, Insekten, Bienen und Wespen, Schmetterlingen sowie Igeln, Eichhörnchen und Co. erläutert. Übersicht- liche Einzelportraits beschreiben auf jeweils einer Doppelseite die Lebensbedürfnisse weitverbreiteter Tierarten, nebst individueller Nahrungs- und Nistplatzvorlieben und typischer Verhaltensweisen. Zahlreiche Farbfotos und eine steckbriefartige Beschrei- bung helfen bei der Tierbestimmung. Dabei wird jedem Tier eine besonders passende Pflanze zugeordnet, die ebenfalls abgebildet und mit ihren botanischen Eigenschaften vorgestellt wird.

So lernen wir über 80 Gartentiere und Pflanzen kennen und können, je nachdem welche Tiere sich vielleicht bereits im Garten gezeigt haben oder welche wir gerne noch ein- laden möchten, entsprechende förderliche botanische und gartenstrukturelle Gestaltungen vornehmen.

Ein alphabetisches Register hilft beim gezielten Nachschlagen. Einige Seiten mit Steck-briefen weiterer empfehlenswerter Gartenpflanzen sowie eine Nahrungspflanzen-Über-sichtstabelle mit aufgelistetem Bienenweidenwert für Honigbienen ergänzen das gärtnerische Wissensspektrum. 

Bärbel Oftring zeichnet sich auch bei diesem Ratgeber wieder durch einen fundierten und sehr anschaulich-lebendigen Schreibstil aus, der ökolo- gische Wissensvermittlung und praktische Informationen gekonnt mit naturliebhaberischer Motivation verbindet.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber-naturfuehrer/garten/gartenpraxis/11835/worauf-fliegst-du

Die Autorin:

»Bärbel Oftring ist Diplom-Biologin mit den Schwerpunkten Botanik, Zoologie und Paläontologie. Ihre Liebe zur Natur setzt sie heute als Autorin, Redakteurin und Heraus-geberin von zahlreichen Sachbüchern für Kinder und Erwachsene sowie in erlebnisreichen Naturforscheraktionen in die Tat um. Ihre Bücher vermitteln auf anschauliche und interessante Weise, was es alles über Tiere und Pflanzen in der Natur und im Garten zu entdecken gibt. Viele wurden bereits ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Die engagierte Naturforscherin lebt mit ihrer Familie und ihrem Hund bei Böblingen.«

Querverweis:

Eine harmonische Ergänzung mit dem Schwerpunkt auf insektenfreundliches Gärtnern bieten folgende Sachbücher von Simone Kern:

„Mein Garten summt!“ sowie der JAHRESPLANER „Mein Garten summt“
Mein Garten summt
„Wilde Kübel – unkompliziert, naturnah, insektenfreundlich“
Wilde Kübel
„Der antiautoritäre Garten/Gärten, die sich selbst gestalten“
Der antiautoritäre Garten

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