Das große Fest im Häschenwald

  • Text von Ulf Stark
  • Originaltitel: »Sommar i stora skogen«
  • Übersetzung aus dem Schwedischen
  • von Birgitta Kicherer
  • Illustrationen von Eva Eriksson
  • Verlag Friedrich Oetinger Februar 2017 www.oetinger.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 124 Seiten
  • Format: 24,5 cm x 26,5 cm
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-7891-0491-6
  • Vorlesebuch ab 5 Jahren

HERZENS(T)RÄUME

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Wichtel Grantel, dessen lohnende Bekanntschaft wir schon im Dezember 2017 mit dem Vorgängerbuch „Wichtelweihnacht im Winterwald“ gemacht haben – siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/06/wichtelweihnacht-im-winterwald/ -, nimmt den ersten Mückenstich des Jahres zum Anlaß, mit dem Sommergroßputz zu beginnen. So kümmert er sich ganz hausfraulich um den schon lange menschenentleerten Hof, er lüftet, schüttelt die Bettücher aus, sammelt alle toten Fliegen ein, schrubbt die Böden mit Tannennadelseife und erinnert sich mit leiser Wehmut an das muntere Leben, das hier einst mit Eltern, Kindern und diversen Hoftieren geherrscht hat.

Jetzt gibt es hier nur eine Hummel zur freundschaftlichen Gesellschaft und Unterhaltung, die er im letzten Winter aus einem Spinnennetz gerettet hat. Auch das schöne improvisierte Weihnachtsfest, das er mit den Kaninchen aus dem benachbarten Wald verbracht hat, ist schon eine ganze Weile her. Er fragt sich, wie es den netten Kaninchengeschwistern Nina und Kalle wohl jetzt geht. Dann schnitzt er eine Weidenflöte und knurrt aus Gewohnheit mit der Hummel herum, weil sie sein Flötenspiel für mißlungen hält. Doch die Hummel, die durchschaut, daß der Wichtel nur aus zu langer Einsamkeit so sauertöpfisch geworden ist, nimmt ihm dies nicht übel.

Im Wald tollen die Kaninchen wie eh und je herum, sie haben Lust auf ein neues Fest und befragen den weisen Uhu, ob es nicht bald wieder einen Festanlaß gebe. Der Uhu erzählt von der Mittsommernacht, der hellsten und kürzesten Nacht des Jahres, von Zauber und Liebe, Küssen und Tänzen, die dazugehörten.

Nina und Kalle lernen Anton kennen, ein Kaninchen mit schwarzem Fell. Auf Anregung von Opa Kaninchen spielen sie das Spiel Gelbnäschen miteinander. Und das geht so: Man knabbert eine Butterblume ab, hält sie seinem Gegenüber vor die Nase, fordert ihn zum Riechen auf und drückt dann die Blüte gegen die Nase, die sich daraufhin unvermeidlich ganz blütenstaubgelb färbt.

Die violette Mitsommerblume blüht auch schon, aber keiner weiß genau, wann die Mittsommernacht sei. Inzwischen strecken Nina und Anton schüchtern zarte Herzensfühler nacheinander aus, und Opa Kaninchen philosophiert anschaulich über Anziehungskräfte.

Ein heftiger Sommersturm überflutet die Kaninchenhöhle und viele andere Tiernester. Alle Tiere machen sich gemeinsam auf den Weg zum Wichtel Grantel, in der Hoffnung, daß sie bei ihm auf dem Hof Unterschlupf und Hilfe finden. Nur Anton ist verschollen …

Der Wichtel staunt und grantelt und ist sodann die Hilfsbereitschaft in Person, er bereitet Schlafstätten, heizt alle Öfen, verbindet Wunden, verteilt Medizin und kocht Nesselsuppe.

Auf Bitten der Tierkinder erzählt er sogar von den Mittsommerfesten, die er früher auf dem Hof erlebt hat, und davon, daß das Mittsommerfest ein beliebter Heiratstermin war und daß einem, wenn man sich in der Mittsommernacht sieben verschiedene Blumen unters Kopfkissen legt, im Traum derjenige  erschiene, den man heiraten würde.
Das stürmische Wetter hält sich. Nina und Kalle schleichen trotzdem heimlich nach draußen, um nach Anton zu suchen, und werden dafür bei ihrer Rückkehr vom Vater ausgeschimpft.

Grantel zieht sich am Abend, als der Regen endlich aufgehört hat, zu einer kleinen Angelpartie auf sein Boot zurück. Vom Trubel mit den vielen Tieren schwirrt ihm der Kopf, und er wirft die Angel aus, um zu meditieren:
„Aber Grantel steckte keinen Wurm auf den Haken, nicht einmal einen Haken hat er an der Angel. Wichtel essen nämlich keine Tiere. Statt Fische zu angeln, angelt Grantel Gedanken, Ruhe und Frieden.“ (Seite 68)

Nachdem er genug Ruhe und Frieden getankt hat, macht er sich wieder auf den Weg zum Hof. Unterwegs hört er ein schwaches Wimmern, und so findet er Anton, der verletzt unter einem umgestürzten Baum liegt. Der Wichtel bringt den unterkühlten Anton ins Haus und wendet an Heilkräften an, was ihm zur Verfügung steht, aber Anton wacht nicht auf.

Alle sind traurig, und Grantel sagt, daß jetzt nur noch ein Wunder helfen könne. In der Nacht hat er wunderliche Träume, da einige vorwitzige Mäusekinder ihm sieben Blüten unters Kopfkissen geschummelt haben. Eine schöne Elfe in einem durchscheinenden Nebelkleid erscheint und sagt Grantel, er solle sich Bart und Zähne putzen, mit seinen Freunden Mittsommer feiern und eine Hochzeit vorbereiten …

Nina hat die ganze Nacht Antons Pfote gehalten, auf das Wunder gehofft  und ist schließlich eingeschlafen. Am nächsten Morgen ist Anton wach, munter und gesund, und er spielt lieblich auf Grantels Weidenflöte.

Nachdem der Wichtel Anton gründlich abgehorcht hat, bestätigt er die Wunderheilung. Voller Freude und Tatendrang wird nun das Mittsommerfest vorbereitet und eine Kaninchen-hochzeit noch dazu. Ein geschmückter Mittsommerbaum wird aufgestellt, es gibt Festschmaus und Spiele, eine herzige, vom Wichtel geleitete Hochzeitszeremonie sowie Küsse, Musik, Tanz und Zauber.

Am Waldrand tanzt Grantel die ganze Mittsommernacht lang mit einer Elfe im Nebelkleid, die ihm prophezeiht, daß er nie mehr einsam sein werde. Das bezweifelt er auf seine mürrische Art zwar zunächst, aber sie sagt die Wahrheit. Anton und Nina suchen sich ganz in der Nähe des Hofes eine Wohnhöhle, und es dauert nicht lange, bis Wichtel Grantel Kaninchenenkel bekommt, die mindestens so gerne mit ihm spielen wie er mit ihnen …

Ulf Stark erzählt in einfachen Worten, deren Tiefsinn und Weisheit unaufdringlich zwischen den Zeilen leuchten. Die Dialoge sind gefühlsecht, empfindsam und augenzwinkernd, der Handlungsverlauf ist zugleich spannend und humorvoll. Eine Prise Feenstaub und Wichtellaunen runden das Erzählganze mit märchenhafter Würze ab.

Die sanftmütig-feinen Illustrationen von Eva Eriksson begleiten und ergänzen den Text mit schelmisch-heiteren Szenerien, die den warmherzigen Grundton des Textes einfühlsam aufgreifen und bestätigen und den charakterstarken Figuren anschauliche mimische und körpersprachliche Gestalt geben.

In solchen Vorlesebüchern finden Kinder eigene Liebhabengefühle und Verlustängste sowie Wert und Trost von Hilfsbereitschaft und Gemeinschaft wieder. Kinder vorleseerfahren hier den Unterschied zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem und ihr kindlicher Bezug zum Zauberwunderhaften wird wohltuend genährt.

„Das große Fest im Häschenwald“ verfügt über die seltene Gabe, zugleich seelenvoll und unterhaltsam zu sein. Es dient dem Kinderherzen im Kind ebenso wie dem Kinderherzen im Erwachsenen!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:

http://www.oetinger.de/nc/schnellsuche/titelsuche/details/titel/1204916/23580/31650/Autor/Ulf/Stark/Das_gro%DFe_Fest_im_H%E4schenwald.html

Hier entlang zum Vorgängerband:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/06/wichtelweihnacht-im-winterwald/

 

Der Autor:

»Ulf Stark, 1944 in Schweden geboren, ist ein erfolgreicher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Pädagogik und Psychologie und veröffentlichte 1975 sein erstes Kinderbuch. Etliche seiner Geschichten wurden auch verfilmt. Für sein Werk wurde Ulf Stark vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem renommierten schwedischen August-(Strindberg-)Preis und dem Nils-Holgersson-Preis.«

Die Illustratorin:

»Eva Eriksson wurde 1949 in Halmstad/Schweden geboren und studierte nach dem Abitur an einer Kunstschule. Heute ist sie eine der bekanntesten und beliebtesten Kinderbuch-Illustratorinnen Schwedens und auch international erfolgreich. Sie wurde u.a. mit der Goldenen Plakette auf der Biennale der Illustrationen in Bratislava und dem Europäischen Jugendliteraturpreis „Provincia di Trento“ ausgezeichnet. Für ihr Lebenswerk erhielt Eva Eriksson den Elsa-Beskow-Preis und den Astrid Lindgren Preis des schwedischen Verlages Rabén & Sjögren.«

 

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Bist du noch zu retten?

  • Pflanzenkrankheiten & schädliche Insekten erkennen und das Richtige tun
  • von Bärbel Oftring
  • KOSMOS Verlag    www.kosmos.de
  • Klappenbroschur
  • Fadenheftung
  • 144 Seiten
  • Format: 216 x 185 x 14mm (LxBxH)
  • 336 Farbfotos
  • 6 Farbzeichnungen
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-440-15968-2

ERSTE-HILFE-KURS  FÜR  PFLANZENSCHUTZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Bärbel Oftrings Vorgängerbuch „Wird das was – oder kann das weg?“ (siehe meine Besprechung:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/08/wird-das-was-oder-kann-das-weg/) ging es darum, im frühzeitigen Wachstumsstadium zu erkennen, welche Pflanze sich im Garten angesiedelt hat, und dementsprechend zu entscheiden, ob und in welchem Ausmaße diese Pflanze erwünscht sei oder eher nicht. In ihrem neuen Buch „Bist du noch zu retten?“ thematisiert sie die präzise Früherkennung und Behandlung von Krankheiten, Mangelerscheinungen, Insekten- und Pilzbefall an und in Pflanzen.

Dabei führt uns Bärbel Oftring auf ganzheitliche Weise durch den Garten und vermittelt kein simples Schwarz-Weiß-Bild von Nützlingen und Schädlingen, sondern eine komplexe Betrachtungsweise, die Bodenbeschaffenheit, richtige und falsche Pflanzen- standorte, Lichtverhältnisse, Feuchtigkeit, Trockenheit und Überdüngung sowie den ökologischen Sinn natürlicher Pflanzenzersetzung mit einbezieht.

Auf generelle Hinweise zum ökologischen Gärtnern und naturgemäßen Pflanzenschutz folgen steckbriefartige Darstellungen verschiedener Krankheiten und Schäden durch Mangelerscheinungen, Frost, Sonnenbrand, Insekten, Pilze und Bakterien. Fotos und kurze informative Diagnosebeschreibungen sowie praktische Empfehlungen zur Behandlung – bzw. gegebenenfalls auch Entfernung – der erkrankten Pflanze sowie Hinweise auf resistente Alternativpflanzen helfen bei der korrekten Bestimmung der Krankheit und der Wahl der naturgemäßen Pflanzenschutzmaßnahme.

Beschrieben werden u.a. Stickstoffmangel, Stickstoffüberschuß, Kali-, Magnesium- und Eisenmangel, Frostschäden und Staunässe, Apfelschorf, Birnengitterrost, Echter Mehl- tau und Falscher Mehltau, Grauschimmel, Monila, Kohlhernie, Himbeerrutenkrankheit, Rostpilze, Rußtaupilze, Kräuselkrankheit, Borkenkäfer, Dickmaulrüßler, Drahtwürmer, Gallmilben, Haselnußbohrer, Minierfliegen, Möhrenfliege, Nacktschnecken, Spinn- milben, Trauermücken, Wanzen, Blattflöhe und Blattläuse sowie die hochgefährliche  Bakterienkrankheit Feuerbrand, die sogar beim Pflanzenschutzamt meldepflichtig ist.

Verschiedene Piktogramme zeigen auf den ersten Blick, ob eine Krankheit oder ein Insektenbefall harmlos und zu tolerieren ist oder ob eine aufmerksame Kontrolle und Entwicklungsbeobachtung bzw. ein radikales Entfernen und Entsorgen befallener Pflanzen im Restmüll erforderlich sind. Ein weiteres Piktogramm weist auf Pflegefehler (falscher Standort, zuviel oder zuwenig Feuchtigkeit oder Trockenheit, Überdüngung) hin, die leicht zu beheben sind.

Ein alphabetisches Register erleichtert das Nachschlagen bei bereits diagnostizierten Schäden, und die detaillierten Fotos nebst der eingängigen, sinnvoll strukturierten Begleittexte helfen zuverlässig beim Bestimmen noch unbekannter Krankheiten und bei der Behandlung und Stärkung betroffener Pflanzen.

Für fast alle Krankheiten und Probleme bietet die Autorin natürliche Lösungen und biologische Stärkungsmittel an. Bezugsadressen für biologische Pflanzenpflegeprodukte und Nützlinge runden dementsprechend diesen anschaulichen Erste-Hilfe-Kurs für Pflanzenschutz praktisch ab.

Bärbel Oftring schreibt in einem sehr sympathischen, naturliebhaberischen Stil, der von ihrer respektvollen, achtsamen Sicht und ihrer lebendigen Erfahrung mit der Natur zeugt.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/garten/gartenpraxis/9445/bist-du-noch-zu-retten

 

Querverweis:

Hier entlang zu Bärbel Oftrings Buch „Wird das was oder kann das weg?:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/08/wird-das-was-oder-kann-das-weg/

Die Autorin:

»Bärbel Oftring ist Diplom-Biologin und setzt ihre Liebe zur Natur als Autorin, Redakteurin und Herausgeberin von Sachbüchern und Ratgebern in die Tat um. In ihrem neuesten Buch zeigt sie, welche Ursachen es haben kann, wenn Pflanzen einen ungesunden Eindruck machen und was dann zu tun ist. «

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Die „Unkräuter“ in meinem Garten

  • 21 Pflanzenpersönlichkeiten erkennen & nutzen
  • von Wolf-Dieter Storl
  • Gräfe und Unzer Verlag GmbH 2018  www.gu.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 240 Seiten
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-8338-6349-3

PFLANZENVERTRAUEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bücher von Wolf-Dieter Storl sind Nahrung für die Seele. Weit über botanische Wissens- vermittlung und Anleitung hinaus füllen sie nicht alleine den Kopf mit Informationen, sondern sie beleben die Wurzeln unseres Daseins auf Erden und machen Appetit auf Natur im weitesten Sinne.

Die Verwendung des Wortes „Unkraut“ wird vom Autor gleich zu Beginn erklärt, und zwar mit der entspannten Definition, die der Pflanzenfreund George Washington Carver einst formulierte: »Ein Unkraut ist nichts anderes als eine Blume, die am falschen Ort wächst.« (Seite7) Weitere Bezeichnungen für „Unkraut“ sind Spontanvegetation und Begleitpflanzen.

Wolf-Dieter Storl erinnert daran, daß zur Zeit der Jäger und Sammlerinnen der Begriff „Unkräuter“ keinen Sinn ergeben hätte. Alle Pflanzen waren einfach Wildpflanzen, und sie dienten wahlweise als Heilkräuter, als Faserlieferanten, als Räucherpflanzen und als pflückbare Nahrung. Alle späteren Kulturpflanzen entwickelten sich unter menschlicher Beeinflussung aus Wildpflanzen. Auch heute noch können Unkräuter eine Umdeutung und Züchtung zur Kulturpflanze durchlaufen, sofern sie eßbar und schmackhaft sind. So wurde beispielsweise der Feldsalat, der in Weinbergen als Unkraut wuchs, im 18. Jahrhundert zum Salat kultiviert.

Ein kurzer Exkurs zu den Ackerunkräutern (Ackerlichtnelke, Ackerlöwenmaul, Acker- rittersporn, Ackersenf, Kamille, Klatschmohn, Kornblume, Kornrade) verdeutlicht den lebensgefährlichen Umbau, den konventionelle, gift- und kunstdüngerlastige mono- kulturelle Anbaumethoden seit den 1950er Jahren anrichten. Waren einst noch 40 % Wildpflanzen auf den Äckern und den Ackerrandstreifen zu finden, sind es heute nur noch durch-schnittlich 4 % – mit all den Konsequenzen, die eine geringe Pflanzenvielfalt für die Insekten- und Vogelvielfalt nach sich zieht.

Dabei sind die Unkräuter nützlich und – in richtigem Maße eingesetzt – förderlich für das Wachstum von Kulturpflanzen. So sind viele Begleitpflanzen Tiefwurzler, die den Boden aufschließen und durchlockern, sie verbessern und vervielfältigen den Nähr- stoffaustausch. Sie sind Zeigerpflanzen, die Auskunft über die Bodenbeschaffenheit, den Säure-, Kalk-, Kali-, Stickstoffgehalt, Nässe und Trockenheit sowie Lehmgehalt des Erdreichs geben. Als Pionierpflanzen schützen Unkräuter den Boden vor Austrocknung und Wind- und Wassererosion.

Von Ackerhellerkraut über Brennessel, Distel, Franzosenkraut, Gundermann, Ruprechts-kraut bis Wegerich macht uns Wolf-Dieter Storl mit 21 „Unkräutern“ vertraut. Jedes Pflanzenportrait beginnt mit einer botanisch-kulturhistorischen Einleitung und einer etymologischen Erläuterung der Herkunft des Pflanzennamens, auf der folgenden Doppelseite erscheint eine kurze Beschreibung der Pflanze in unterschiedlichen Wachstumsstadien mit entsprechenden Fotos.

Die weiteren Seiten befassen sich mit besonderen Einzelheiten der Pflanze, ihrer sinnvollen Verwendung als Nahrungs- und/oder Heilmittel, ihrem Nährstoffgehalt – oder gegebenenfalls Giftgehalt – sowie ihrer ökologischen Bedeutung. Kleine Rezepte für Tees, Salben, Suppen und Quarkspeisen und pflanzenmythologische Überlieferungen runden die Pflanzenkunde ganzheitlich ab.

Die angemessene gärtnerische Vorgehensweise, damit die Unkräuter nicht angebaute Gemüse- und Obstpflanzungen bedrängen, heißt Jäten und Hacken, Jäten und nochmals Jäten, und zwar vor der Blüten- bzw. Samenbildung. Storl liefert zu jeder Pflanze die genaue Anleitung, welche Pflanzenteile auf den Kompost dürfen und welche besser im Hausmüll landen.

Selbst beim Umgang mit dem ausdauernden und sehr gesunden Giersch bleibt Storl gelassen. Er verzehrt ihn roh und gekocht mit Genuß und bleibt beim Jäten und sorg-fältigen Absammeln der Wurzelrizome als Maßnahme zur Eindämmung des wuchsfreu-digen Unkrauts. Die Begleitkräuter erfüllen einen natürlichen Sinn, sie sind keine Feinde, sondern Helfer. Man kann sich mit ihnen verbünden, ihnen Raum lassen und von ihrem natürlichen Reichtum lernen und profitieren.

Der Autor lebt diese Haltung des ganzheitlichen pflanzlichen Miteinanders glaubwürdig vor, und sie kommt auf den zahlreichen Fotos, die ihn beim Gärtnern zeigen, lebhaft zum Ausdruck. Weitere schöne, naturstimmungsvolle Fotos von Pflanzen und von Wolf-Dieter Storls Garten illustrieren und ergänzen den Text anschaulich und animierend.

Wolf-Dieter Storls tiefenentspannte, dem pflanzlichen Leben grundsätzlich freundlich-aufgeschlossen zugeneigte Perspektive durchzieht dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite. Lebendig, fundiert, wissenssatt und wissenswertvoll, voller spannender Zusammenhänge, mit kultur- psychologischer Tiefe und praktisch-bodenständigen Anregungen öffnet er uns Augen und Herz für die heilsame pflanzliche Vielfalt und Fülle.

Man liest, betrachtet, staunt, lernt und blättert – und unversehens spaziert man nicht durch bedrucktes Papier mit Buchstaben und Bildern, sondern atmet Gartenluft, Blütenduft und Pflanzenvertrauen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.gu.de/buecher/gartenratgeber/gartengestaltung-pflege/1415043-die-unkraeuter-in-meinem-garten/

 

Der Autor:

»Dr. phil. Wolf-Dieter Storl, geboren 1942, ist Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Er lehrte als Dozent an verschiedenen Universitäten, unternahm zahlreiche Studienreisen, ethnografische und ethnobotanische Feldforschungen und veröffentlichte Artikel und Bücher, darunter mehrere Bestseller. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem Einödhof im Allgäu, wo er gärtnert und den Geheimnissen der Heilkräuter und Wildpflanzen nachgeht.«   www.storl.de

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren wissenswundervollen Buch von Wolf-Dieter Storl:
Die alte Göttin in ihren Pflanzenhttps://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/18/die-alte-gottin-und-ihre-pflanzen/

 

 

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Petronella Apfelmus, Band 4

  • Zauberhut und Bienenstich
  • von Sabine Städing
  • illustriert von SaBine Büchner
  • Boje Verlag Oktober 2016   http://www.boje-verlag.de
  • gebunden
  • mit gelbem LESEBÄNDCHEN
  • 208 Seiten
  • 13,00 € (D)
  • ISBN 978-3-414-82454-7
  • Kinderbuch ab 8 Jahren

APFELHEXEN-LÄCHELN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Petronella Apfelmus ist eine Apfelhexe, und sie lebt im verwildert-verwunschenen Obst-garten des alten Mühlhauses. Sie hegt, pflegt und beschützt zusammen mit einigen handwerklich begabten Apfelmännchen die alten Apfelsorten und alles, was sonst noch wächst und gedeiht, kreucht, fleucht und atmet in einem naturbelassenen Garten nebst erquicklichem Mühlteich.

Vor ungefähr einem Jahr war die Familie Kuchenbrand – bestehend aus Vater, Mutter und den Zwillingen Lea und Luis –  in das preiswert zu mietende Müllerhaus eingezogen. Vater Kuchenbrand hatte gerade seine Anstellung als Bäckergeselle verloren, da sein raffgieriger Arbeitgeber Bäckermeister Kümmerling alle Gesellenarbeit durch Maschinen ersetzt hatte. (siehe meine Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/)

Inzwischen betreiben die Eltern der Zwillinge ein florierendes Café in der alten Mühle, und ihre Kinder pflegen eine vertraute Freundschaft mit Petronella Apfelmus. Die Erwachsenen halten Petronella für eine etwas schrullige Nachbarin; sie ahnen nicht, wie viele glückliche Fügungen sie Petronellas magischen Nachhilfezugaben verdanken.

Die Kinder wissen, daß Petronella eine Hexe ist. Gerne besuchen sie Petronella und ihren Freund und Mitbewohner, den Hirschkäfer Lucius, in ihrem Wohnapfel. Mit Hilfe von Petronellas magischer Strickleiter wird man nämlich beim Hinaufklettern immer kleiner und paßt schließlich bequem in einen Apfelinnenraum, und beim Hinabklettern wächst man wieder in seine normale Größe zurück.

Es ist Spätsommer, und es hat lange nicht mehr geregnet. Petronella verhilft dem von Wassermangel betroffenen Mühlteich mit einer Zauberquelle zu Frischwasser und bremst den übereifrigen Obsterntefleiß von Vater Kuchenbrand mit Hilfe von magisch inszenierten Gespinstmottenschleiern.

Eines Mittags klingelt ein Makler an der Tür und informiert die Familie darüber, daß der Vermieter die Mühle verkaufen wolle. Sie hätten selbstverständlich ebenfalls die Mög- lichkeit, die Mühle zu erwerben, und bräuchten dazu nur das Kaufgebot von 500 000 Euro zu überbieten.

Der großzügige Bieter ist niemand anderes als der Bäckermeister Kümmerling. Er fährt auch schon bald mit seiner schwarzen Limousine, in Begleitung seiner tollpatschigen Leibwächter vor und inspiziert mit vorfreudig-provokanten Besitzerallüren das Grund-stück und erklärt, daß er den Garten zum Parkplatz machen wolle, den Mühlteich zum Spaßbad, und was ihm sonst noch alles an profitorientierten Modernisierungen einfällt.

Familie Kuchenbrand ist empört und verzweifelt, ihre Existenz ist bedroht und ihr finanzieller Spielraum recht bescheiden. Während der Vater vergeblich Banken mit Kreditanfragen abklappert, überlegen die Kinder gemeinsam mit Petronella und den Apfelmännchen, wie man die Mühle vor dem Zugriff Kümmerlings retten könne. Hexen können zwar kein Geld herbeizaubern, aber Petronella weiß zum Glück, daß die Besitz-verhältnisse der Mühle komplexer sind, als es auf den ersten Maklerblick scheint.

Herr Kümmerling reibt sich schon die Hände, gleichwohl hat er die Rechnung ohne Petronellas magischen Einfluß und ohne die zwischenmenschliche Kompetenz der Kinder gemacht. Am Ende geht er leer aus, und die Familie Kuchenbrand bekommt die Mühle …

Auch im vierten Band von Petronella Apfelmus gelingt es der Autorin Sabine Städing, mit phantasievollen Details, situationskomischen Zauber- pannen, witzig gereimten Zaubersprüchen und ebenso kommunikativen wie magischen Problemlösungsstrategien eine herzlich-familiäre, unterhaltsam-spannende und zauberhaft-verspielte Atmosphäre zu erschaffen.

Die knuffigen, detailverliebten schwarz-weiß Illustrationen von SaBine Büchner fügen sich dramaturgisch lebhaft in den Erzählfluß ein und korrespondieren mit ihrer warmherzigen Heiterkeit und einfühlsamen, augenzwinkernden Charakterzeichnung ganz hervorragend mit dem Text.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/boje/buecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_5590227

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/luebbe-audio/hoerbuecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_5891466

Hier finden Sie zum ersten Band von Petronella Apfelmus:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/
Und hier zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/25/petronella-apfelmus-band-2/
Und hier zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/11/petronella-apfelmus-band-3/

 

Die Autorin:

«Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt.«  http://www.sabinestaeding.de/

Die Illustratorin:

»SaBine Büchner, geboren 1964, studierte Kommunikationsdesign in Wuppertal und Animation an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. 2006 erhielt sie das Troisdorfer Bilderbuchstipendium. Sie zeichnet und lebt heute mit ihrem Sohn in Berlin.«

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Wie man die Zeit anhält

  • Roman
  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »How To Stop Time«
  • Deutsch von Sophie Zeitz
  • DTV Verlag April 2018   www.dtv.de
  • gebunden mit LESEBÄNDCHEN
  • 384 Seiten
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN 978-3-423-28167-6

Z E I T L U P E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Matt Haig hat eine Talent für faszinierende Außenseiterfiguren. Es sind keine unkonven-tionellen Individualisten oder snobistischen Einzelgänger, sondern Menschen, die auf eine Weise anders sind, daß sie vorsorglich ihr wahres Wesen verbergen; nicht, weil sie etwa eine Gefahr für die Menschheit wären, sondern weil die „normalen“ Menschen zur Gefahr für sie werden könnten, träte ihr wahres Sosein ins Licht der Öffentlichkeit.

In seinem Roman „Ich und die Menschen“ war es ein Außerirdischer, der die Erde besucht, unerkannt seiner interplanetaren Mission folgt und sich von seiner ursprüng-lichen Absicht durch die unerwartete Erfahrung von Liebe und Poesie ablenken läßt (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/).

Diesmal ist der Romanheld ein sterblicher Mensch, der allerdings mit einer besonderen Veranlagung zur Welt kommt: Tom Hazard altert wesentlich langsamer – ungefähr im Verhältnis 1:15 im Vergleich zur Normalterungszeit. Diese Eigenschaft zeigt sich erst ab der Pubertät, und dann fällt unvermeidlich auf, daß dieser Mensch körperlich außergewöhnlich lange unverändert jung bleibt.

Als neuer Geschichtslehrer an der Oakfield Schule in London vermittelt Tom Hazard seinen Schülern den Lehrstoff so lebhaft, als wäre er dabei gewesen, und wenn man wie er ein Alter von 439 Jahren erreicht hat, kann man bei so manchen historischen Bedingungen, Charakteren, Ereignissen und Stadtkulissen – ob ganz alltäglich oder spektakulär – aus persönlicher Lebenserfahrung mitreden.

Selbstverständlich weiß niemand außer ihm und der geheimen Albatros-Gesellschaft, daß Tom schon so alt ist, denn er sieht aus wie Anfang vierzig. Zwar hat Tom im Laufe seines Lebens bisher nur sehr, sehr selten Menschen getroffen, die so sind wie er, gleichwohl gibt es weltweit einige hundert mit dieser Veranlagung. Hendrich, der siebenhundertjährige Leiter dieser Geheimgesellschaft, organisiert und finanziert (er hatte dereinst sehr erfolgreich mit Tulpen spekuliert) den langsam alternden Artgenossen alle acht Jahre eine neue Identität, damit ihre Besonderheit kein Aufsehen erregt.

Tom Hazard wurde 1581 geboren, und man kann sich leicht vorstellen, welch große Gefahr eine solche Eigenschaft zu jener Zeit bedeutet hat. Die abergläubische Vermu- tung von Hexerei und Teufelsbund kostete seiner Mutter grausam das Leben, und Tom floh entsetzt aus dem engstirnigen Dorf. Er nahm nur seine Laute mit, und nach Tagen des Hungerns, der Schuldgefühle und Verzweiflung traf er auf einem Marktplatz die junge Obstverkäuferin Rose. Sie gewährte ihm Obdach in ihrem kleinen Haus, das sie zusammen mit ihrer Schwester bewohnte.

Vorsichtig schöpfte der frisch in Rose verliebte Tom Hoffnung auf ein normales Leben. Mit seinem Lautenspiel verdiente er in London ein wenig Geld. Kurz darauf lernte er Shakespeare kennen und spielte im Musikensemble des Globe-Theaters mit, was ihm ein sehr auskömmliches Einkommen bescherte.

Tom und Rose heirateten und bekamen eine Tochter. Doch die Tuscheleien der Nachbarn über den ewig-jungen Tom und auch das Wiederauftauchen des einstigen Hexenjägers, der den Tod von Toms Mutter verantwortet hatte, führten dazu, daß Tom die traurige Entscheidung traf, seine Familie zu verlassen, um ihr Leben zu schützen.

Er sah Rose erst an ihrem Sterbebett wieder, und sie erzählte ihm, daß seine Tochter Marion seine seltsame Alterslosigkeit geerbt habe und daß sie eines Tages einfach verschwunden sei. Rose nahm ihm das Versprechen ab, Marion wiederzufinden.

Im Laufe der Jahrhunderte lernte Tom viele Sprachen, zahlreiche Musikinstrumente, und er übte viele Berufe aus, er war Dolmetscher, Matrose, Schmied, Pianist … in gewissen Abständen änderte er seinen Wohnort, seinen Namen, Städte, Länder, Kontinente. Er fuhr mit Captain Cook zur See, traf F. Scott und Zelda Fitzgerald in einer Bar in Paris …  Oft hielt ihn nur die Hoffnung am Leben, irgendwann seine geliebte Tochter aufzuspüren, und der Trost schöner Musik.

Erst im 19. Jahrhundert kam er in Kontakt mit der geheimen Albatros-Gesellschaft, denn er hatte den Fehler begangen, sich einem Arzt anzuvertrauen. Dieser hatte einen Bericht über Toms außergewöhnliche Veranlagung – die „Anagerie“ – geschrieben, und die Albatros-Gesellschaft machte den Arzt umgehend und wortwörtlich mundtot und nahm Tom in ihren Schutzkreis auf.

Der Preis dieser Schutzgewährung ist der Verzicht auf Liebe und nähere zwischen-menschliche Bindungen sowie gewisse Gefälligkeiten gegenüber der Albatros-Gesellschaft – sei es die Entdeckung und Rekrutierung weiterer „Albas“ oder die Eliminierung von unerwünschten Mitwissern. Hendrich spricht von normalen Menschen stets geringschätzig als „Eintagsfliegen“, und er sieht keinen Unterschied zwischen der Bedrohung durch mittelalterlichen Aberglauben und moderne, medizinische Forschungslabore.

Gönnerhaft bietet Hendrich Tom alle acht Jahre ein neues Leben seiner Wahl an, und er ist mißtrauisch, weil sich Tom diesmal für ein schlichtes Lehrerdasein an einem Ort voller schmerzlicher Erinnerungen entschieden hat. Tom empfindet den angeblichen Schutz, den die Mitgliedschaft in der Albatros-Gemeinschaft bietet, zunehmend als Gefängnis, und er zweifelt heimlich an Hendrichs Regeln.

Während Tom nach und nach seinen Unterrichtsstil verfeinert und bei einigen Schülern tatsächlich Begeisterung für Geschichte wecken kann, wird er von vielen Erinnerungen geplagt, und er spürt seine Herzensverluste und seine Einsamkeit stärker als je zuvor. Die Beschreibungen väterlicher Hoffnung, Liebe, Sorge und Kindessehnsucht gehören zu den berührendsten Passagen dieses Romans. Ein Lichtblick in seinem neuen Dasein ist seine Kollegin, die Französischlehrerin Camille, in die er sich nach mehr als 400 Jahren Einsamkeit unaufhaltsam verliebt …

Matt Haig erzählt das Schicksal Tom Hazards mit geschickten Szenenwechseln von Zeiten, Orten und Ereignissen. Betrachtungen zum aktuellen Zeitgeist wechseln sich ab mit anschaulichen historischen Rückblicken und – angesichts der „Gezeiten des Mitgefühls“ (Seite 339) – berechtigtem Zweifeln am Fortschritt von Zivilisation und Mitmenschlichkeit. In diesem Roman kombiniert Matt Haig spannende Unterhaltung mit zeitloser Gesellschaftskritik und Betrachtungen zur elementaren Bedeutung von Liebe und Verbundenheit für eine bejahende Haltung zum Leben.

Gleichwohl erreicht er hiermit bei weitem nicht das Maß an Tiefsinn und Weisheit, daß ihm mit seinem Roman „Ich und die Menschen“ gelungen ist. Auch wenn es anbetracht von Toms traumatischen Erfahrungen verständlich ist, hätten ihm weniger Erinnerungskopfschmerzen und mehr Lebensreife besser gestanden. Neben den in den Erzählverlauf eingestreuten, feinen Zitaten von Michel de Montaigne erscheinen seine eigenen lebensphilosophischen Erkenntnisformulierungen schwach und bisweilen binsenweisheitlich.

Toms Biographie ist ein Balanceakt zwischen Lebens- und Todessehnsucht, das lange Leben führt zu Wiederholungsermüdungen – zu häufig erlebte neue Moden können auch langweilen, vielschichtige Erinnerungsüberlagerungen und wehmütige Echos gewesener Gefühle und Bindungen überschatten die Erfahrung der Gegenwart. Es kostet ihn viel Überwindung und dramatische Komplikationen, seine eingeübte zwischenmenschliche Reserviertheit aufzugeben und sich konsequent gegen Angst und Schmerzvermeidung für Liebe, Verletzlichkeit und Vertrauen zu entscheiden.

 

„Es mag seltsam klingen, sich wegen einer Geste zu verlieben, aber manchmal sieht man in einem einzigen Moment den ganzen Menschen. So wie man in einem Sandkorn das Universum erblicken kann. Ob es Liebe auf den ersten Blick gibt oder nicht, Liebe in einem Augenblick gibt es bestimmt.“

(Seite 282)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der DTV-Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/matt-haig-wie-man-die-zeit-anhaelt-28167/

Parallel zum Buch ist das Hörbuch beim Hörverlag erschienen.

Matt Haig
Wie man die Zeit anhält
Roman
Originaltitel: »How To Stop Time«
Deutsch von Sophie Zeitz
Hörbuch
1 mp3-CD, Laufzeit: 571 Minuten
ungekürzte Lesung von
Christoph Maria Herbst
€ 20,00  € (D), 22,50 € (A), 27,90 sFr.
ISBN: 978-3-8445-2896-1

 

Christoph Maria Herbst vorleseverkörpert virtuos alle Romanfiguren mit charakterstarkem, gefühlvollem Nuancenreichtum und in der Rolle von Camille mit sehr charmantem französischem Akzent.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Wie-man-die-Zeit-anhaelt/Matt-Haig/der-Hoerverlag/e537252.rhd

Querverweis:

Hier entlang zu Matt Haigs nachdenklich-amüsantem Roman „Ich und die Menschen“, in dem uns die außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation einen ganz besonderen Blick auf das Alltägliche verschafft: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

Und zu seinem autobiographischen Buch zum Thema Depression  „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/14/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben/

Der Autor:

»Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und hat bereits eine Reihe von Romanen und Kinderbüchern veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über 30 Sprachen übersetzt wurden. In Deutschland bekannt wurde er mit dem Bestseller „Ich und die Menschen“.«

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Kühn hat Ärger

  • von Jan Weiler
  • Roman
  • Hörbuch
  • vollständige Lesung
  • Buchvorlage: Piper Verlag  http://www.piper.de
  • Sprecher: Jan Weiler
  • Regie: Angela Kübrich
  • Produktion: Der Hörverlag  März 2018   http://www.hoerverlag.de
  • Laufzeit: 11 Stunden, 13 Minuten
  • 1 mp3-CD in Pappklappschuber
  • 20,00 € (D), 22,5o € (A), 27,90 sFr.

KÜHNS  EINBLICKE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Kühn hat Ärger“ ist  ein bemerkenswert sozialkritischer Roman. Hier werden die Gegensätze von Arm und Reich, die „Risse im gesellschaftlichen Firnis“ und die demokratisch-kapitalistischen Verwerfungen unserer Gegenwart auf konkrete Weise gezeigt, ja, teilweise sogar vorgerechnet. Solche aufregend-empörenden Abwärts- und Aufwärtsvergleiche findet man sonst eher in gesellschaftskritischen Analysen und weniger in Romanen.

Der sympathische Hauptkommissar Martin Kühn hatte nach der dramatischen Lösung des letzten Falles eine Auszeit gebraucht. Nach einer Reha-Maßnahme und einer zunächst widerwillig, dann aber doch aufgeschlossen praktizierten Gesprächstherapie hat Kühn gelernt seine assoziatives Wahrnehmungstalent sinnvoll-geordnet zu nutzen, und er fühlt sich den Herausforderungen des Lebens und seines Berufs wieder gewachsen.

Es mangelt gewiß nicht an Problemen in Kühns Leben. Er hat für sich, seine Frau und die beiden Kinder ein Haus gekauft, das sich auf der inzwischen unrühmlich-berüchtigten Weberhöhe befindet, dem ehemaligen Firmengelände eines Waffenfabrikanten aus dem Zweiten Weltkrieg. Daß das Erdreich dieses Areals großflächig massiv giftseucht ist, wurde erst offenbar, als nach starken Regenfällen übelriechende Substanzen durch die Kellerwände sickerten.

Sowohl die Baugesellschaft als auch die Finanzierungsgesellschaft drücken sich mit juristischen Raffinessen  und Verzögerungstaktiken vor der Verantwortung, und die einst fröhlich-zuversichtlichen Häuslebauer stehen vor dem finanziellen Ruin. Sie zahlen die Schulden für eine bescheidene Immobilie ab, deren Marktwerk ins Bodenlose gesunken ist. Da kommt so mancher aus Kühns Nachbarschaft auf dumme Ideen.

War im letzten Kriminalfall der gesuchte Serienmörder so nahe am Lebensumfeld Kühns gewesen, daß er ihn beinahe übersehen hätte und selbst zum Opfer geworden wäre, so führt ihn der neue Mordfall in eine weit entfernte Welt – und zwar ins Münchner Nobel- villenviertel Grünwald. Dort liegt an einer Bushaltestelle die übel zugerichtete Leiche des siebzehnjährigen Amir Bilal, der seinerseits aus einer anderen Welt kommt, einer Hochhaussiedlung in Neuperlach, einen Hochhausviertel mit eher prekärem Charme.

Kühns erkennt sofort den ungezügelten Haß, der bei diesem Mord gewissermaßen die Hauptwaffe war. Doch was war das Motiv dafür? Persönliche Rache? Fremdenhaß? Amir Bilal ist wegen Ladendiebstahls, Drogendealens und Körperverletzung bei der Polizei aktenkundig und bisher noch mit Bewährungsstrafen davongekommen.

Eine verliebte Gravur auf dem Feuerzeug des Toten führt zu Amirs Freundin, Julia van Hauten, die aus sehr, sehr gutem Hause stammt. Julias Eltern empfangen Kühn und seinen Kollegen überaus freundlich, sie sind ehrlich betroffen und ausgesprochen hilfsbereit. Das luxuriöse Anwesen, das die van Hautens bewohnen, ihre feinen Umgangsformen, ihr eleganter Stil, ihre ungekünstelte, wohlwollende Zugewandtheit und aristokratische Gelassenheit beeindrucken Kühn. Die selbstgemachte Ingwer-Minze-Limetten-Limonade, die Elfie van Hauten mit gastgeberischer Nonchalance serviert, düngt Kühn das köstlichste Getränk, das er je zu sich genommen hat.

Es stellt sich heraus, daß Julias Mutter, Elfie van Hauten, die Vorstandsvorsitzende des Münchner Sternenhimmels ist, einer wohltätigen, exklusiven Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch diverse Förderprogramme, Sprachkurse, Lehrgänge, Sportangebote etc. zu einer besseren Integration, besseren Schulabschlüssen und, ja, sogar zu Lehrstellen zu verhelfen. Die unterbeschäftigten reichen Damen der Gesellschaft wollen auf diese Weise einen Kontrapunkt zur zunehmenden Fremden- feindlichkeit bilden und sich in der begehrten Aura des sozialen Gewissens sonnen.

Amir hatte Julias Mutter vor einigen Monaten zufällig geholfen, einen Informations- stand des Münchner Sternenhimmels im Jugendzentrum von Neuperlach aufzubauen. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch Julia kennengelernt und sich zum ersten Mal in seinem Leben verliebt; Julia erwiderte diese Liebe. Die Familie van Hauten hatte Amir freundlich aufgenommen, und Amir hatte unter Julias Einfluß begonnen, seine kleinkriminellen Hobbys aufzugeben, die Schule ernst zu nehmen und einige Kursangebote des Sternenhimmels wahrgenommen.

Wenig später hatten die van Hautens ihn sogar eingeladen – natürlich nur mit dem Einverständnis von Amirs alleinerziehender Mutter -, die Sommerferien auf ihrer Finca auf Mallorca zu verbringen.

Während Kühn noch dieser großzügigen, heilen, überaus wohltätigen Welt nachsinnt, begrüßt sein rechtsradikaler Nachbar Leitz auf der Facebook-Seite des „Bürgervereins Weberhöhe“ die Hinrichtung eines vielfach vorbestraften Südländers nordafrikanischer Herkunft, nicht ohne sich jedoch von solchen gewalttätigen Selbstjustizhandlungen ausdrücklich zu distanzieren. Kühn kocht vor Wut über Leitz und ist fassungslos über die zustimmenden Kommentare auf diese Eilmeldung, die fast alle den Straftatbestand der öffentlichen Volksverhetzung, Beleidigung und Anstiftung zu einer Straftat erfüllen.

Nach und nach rekonstruiert Kühn mit seinen Kollegen die letzten 48 Stunden aus dem Leben Amir Bilals und kommt den Tätern näher. Außerdem muß Kühn widerwillig den dringenden Belehrungen des Amtsarztes wegen eines Laborbefundes bezüglich seines PSA-Wertes folgen und noch widerwilliger ein Führungskräfteseminar ertragen. Zu allem Negativüberfluß plaziert ein Erpresser in Kühns Siedlungs-Supermarkt einen mit GBL (Gamma-Butyrolacton) vergifteten Yoghurt (Apfel-Guave), und Kühn hat die undankbare Aufgabe, sich die Aufnahmen der Überwachungskamera anzuschauen und wohlbe- kannte Nachbarn beim Kauf einer verdächtigen Yoghurtsorte wiederzuerkennen …

Jan Weiler präsentiert mit „Kühn hat Ärger“ einen Gesellschaftsroman, dessen soziotopographische Psychogramme sehr anschaulich und klug die aktuellen, extremen gesellschaftlichen Schichtunterschiede sowie diverse deutsche Befindlichkeiten wiedergeben. Er thematisiert die Steuervermeidungsstrategien der Superreichen und die damit verknüpfte Aushöhlung des Gemeinwohls ebenso wie politisch zweifelhafte Erklärungsangebote von rechtsradikaler Seite, die inzwischen auch beim wirtschaftlich angezählten bürgerlichen Mittelstand fruchten.

Seine Milieu- und Charakterstudien sind einfühlsam, glaubwürdig und deutlich. So kontrastiert er die Luxussorgen um die komplizierte Qualität von Bonsaiparkett (der Quadratmeter für schlappe 4300 €) mit verzweifelten Sparversuchen durch Schwarz- fahren oder durch rechercheintensive Interneteinkaufsschnäppchen, die dem Käufer beim Einkauf einer Familienpackung von vier wetterfesten Wanderjacken ganze 17,00 € „ersparen“ – unter Inkaufnahme der Tatsache, daß alle Jacken rosafarben sind.

Die sensible Aufmerksamkeit und scharfsinnige Präzision, die Jan Weiler der Welt und ihren Details sowie den Menschen und ihren Gegebenheiten entgegenbringt, eröffnet dem Leser vermittels der mitfühlbaren Zwischen- menschlichkeit und sozialen Bedingtheit der Figuren differenzierte und vielschichtige Perspektiven auf das komplexe Verhältnis von Schuld und Unschuld, Einflußreichtum und Gerechtigkeit.

Jan Weiler liest seinen eigenen Text vorzüglich, er schlüpft einfühlsam und wandelbar-vielstimmig in alle Figuren, nuanciert sie mit Dialekt, Hoch– und Umgangssprache und Tonhöhenschattierungen sowie szenen- und charaktergemäßer Emotion, daß man ihm sogar die Frauenrollen und die Gedankenstimmen fraglos abnimmt. Hut ab – da ist der professionelle Schriftsteller wahrlich ein  stimmschauspielerisches Naturtalent, dem man ausgesprochen gerne lauscht.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Kuehn-hat-Aerger/Jan-Weiler/der-Hoerverlag/e496018.rhd

Hier entlang zur Buchausgabe und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/kuehn-hat-aerger-isbn-978-3-492-05757-8

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Roman mit Kommissar Kühn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/06/kuhn-hat-zu-tun/

Und hier entlang zu Jens Bergers erhellendem Sachbuch „Wem gehört Deutschland?“,
welches sich vorzüglich mit der sozialkritischen Thematik der Kühn-Romane ergänzt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/27/wem-gehort-deutschland/

Der Autor:

»Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete zunächst als Texter in der Werbung. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und war viele Jahre Chef-redakteur des Süddeutsche Zeitung Magazins. Jan Weiler lebt mit seiner Familie südlich von München. 2003 erschien sein erster Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“, mit dem er über Nacht zum Bestsellerautor wurde. Mit „Antonio im Wunderland“ (2005), „Gibt es einen Fußballgott?“ (2006), „In meinem kleinen Land“ (2006), „Drachensaat“ (2008), „Mein Leben als Mensch“ (2009), „Mein neues Leben als Mensch“ sowie „Das Buch der 39 Kostbarkeiten“ (beide 2011) und „Das Pubertier“ (2014) folgten weitere Bestsellertitel, die alle auch im Hörverlag erschienen sind. 2015 folgte der Roman „Kühn hat zu tun“. Außerdem hat Jan Weiler vier Originalhörspiele verfasst: „Liebe Sabine“, „MS Romantik“, „Uwes letzte Chance“ und „Das Babyprojekt“. 2010 erschien nach „Hier kommt Max!“ sein zweiter Titel für Kinder „Max im Schnee“.«
Jede Woche veröffentlicht er eine neue Geschichte unter  www.janweiler.de

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Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der seine Schnuffeldecke nicht hergeben wollte

  • Text von Sabine Bohlmann
  • Illustrationen von Kerstin Schoene
  • Thienemann Verlag   Januar 2018     www.thienemann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 29,6 cm x 23,7 cm
  • 32  Seiten
  • ISBN 978-3-522-45884-9
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A)
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

ALLE  UNTER  EINER  DECKE

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hier ist nun die dritte Niedlichkeitsavance des kleinen Siebenschläfers. Diesmal geht es nicht ums Einschlafen (siehe meine Besprechung des ersten Siebenschläfer-Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/02/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-nicht-einschlafen-konnte/) oder Aufwachen (siehe meine Besprechung des zweiten Siebenschläfer-Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/24/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-nicht-aufwachen-wollte/), sondern ums Teilen.        

Gerade hat es sich der kleine Siebenschläfer mit seiner blauen, getüpfelten Schnuffel-decke so richtig muckelig gemütlich gemacht, da spaziert das Eichhörnchen mit einer solch großen Ladung Nüsse vorbei, daß sie ihm aus den Pfoten fallen. Nur wider- strebend folgt der Siebenschläfer der Bitte des Eichhörnchens, die Schnuffeldecke „nur ganz kurz“ als Nüssetragetuch zur Verfügung zu stellen.

Kaum sind die Nüsse transportiert, da bietet sich ein weiterer Einsatz der Schnuffel- decke als Rettungssprungtuch für eine Haselmaus an. Und schon folgt die nächste Zweckentfremdung als Rettungsseil für den feststeckenden Maulwurf, als Umkleidevorhang für die Schnecke und als dramaturgische Requisite (Indianerzelt, Segel, fliegender Teppich) bei den gemeinsamen Abenteuerspielen der Tierkinder.

Bei all den „nur kurzen“ Schnuffeldeckeneinsätzen ist es Abend geworden. Der kleine Siebenschläfer hat seine Schnuffeldecke endlich wieder ganz für sich alleine. Während er sich in seine Decke einwickelt, bemerkt er, daß den anderen Tierkindern kalt wird. Da sagt er: „Wäre meine Schnuffeldecke nicht eine wunderbare Alleuntereinerdeckedecke?“

Freudig kuscheln sich daraufhin alle gemeinsam unter die Schnuffeldecke und diesmal ganz lange.

Der Konflikt zwischen der Anhänglichkeit des kleinen Siebenschläfers an seine persönliche Schnuffeldecke und der situativ-gebotenen sozialen Hilfeleistung für seine Freunde wird durch den rhythmisch in jeder neuen Anforderungsszene wiederholten Ausruf: „Meine Schnuffeldecke? Meine schnuffelige, knuffelige, wuschelige Schnuffeldecke?“ und die ritualisierte Antwort: „Nur ganz kurz!“ einfühlsam inszeniert. Außerdem kommen solche textstrukturellen Wiederholungen bei Kindern gut an, und sie werden auch gerne später aufgegriffen und mitgesprochen.

Kerstin Schoenes Illustrationen der Tierkinder sind streichel-possierlich, mimisch und körpersprachlich ausdrucksvoll und abwechslungsreich. Sie vermitteln eine unbeschwerte, heiter-liebenswerte Stimmung, die hervorragend mit dem warmherzig-liebevollen Erzähltext von Sabine Bohlmann harmoniert.

Dieses schnuffelige, knuffelige, wuschelige Bilderbuch sollte man unbedingt in Kombination mit einer Schnuffeldecke verschenken …


Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:

http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/der-kleine-siebenschlaefer-die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-seine-schnuffeldecke-nicht-hergeben-wollte-isbn-978-3-522-45884-9/

Die Autorin:

»Geboren wurde Sabine Bohlmann in München, der schönsten Stadt der Welt. Als Kind wollte sie immer Prinzessin werden. Stattdessen wurde sie (nachdem sie keinen Prinzen finden konnte und der Realität ins Auge blicken musste) Schauspielerin, Synchron-sprecherin und Autorin und durfte so zumindest ab und zu mal eine Prinzessin spielen, sprechen oder über eine schreiben.
Geschichten fliegen ihr zu wie Schmetterlinge. Überall und zu allen Tages- und Nachtzeiten (dann eher wie Nachtfalter). Sabine Bohlmann kann sich nirgendwo verstecken, die Geschichten finden sie überall. Und sie ist sehr glücklich, endlich alles aus ihrem Kopf rausschreiben zu dürfen. Auf ein blitzeblankes, weißes – äh – Computer-dokument. Und das Erste, was sie tut, wenn ein neues Buch in der Post liegt: Sie steckt ihre Nase ganz tief hinein und genießt diesen wunderbaren Buchduft.« www.sabinebohlmann.de

Und hier gibt es ein Interview mit der Autorin:
http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/extras-events/geschichten-detail/der-alltag-einer-kinderbuchautorin/

Die Illustratorin:

»Kerstin Schoene, geboren 1981 in Haan, studierte Kommunikationsdesign an der Bergischen Universität Wuppertal. Schwerpunkt ihres Studiums war Illustration bei Wolf Erlbruch. Seit ihrem erfolgreichen Abschluss arbeitet sie freiberuflich als Illustratorin und Grafikdesignerin. Sie zeichnet für verschiedene Verlage, schreibt und illustriert eigene Kinderbücher. Sie lebt, unter Beobachtung eines Fellknäuels, in Haan.«
www.kerstinschoene.de

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Federnlesen

  • Vom Glück, Vögel zu beobachten
  • von Johanna Romberg
  • mit Illustrationen von Florian Frick
  • Lübbe Verlag  Februar 2018     http://www.luebbe.de
  • gebunden mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 304 Seiten
  • 24,00 €
  • ISBN 978-3-431-04088-3


B E F L Ü G E L N D

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Johanna Romberg erzählt uns mit „Federnlesen“ ihre persönliche ornithologische Biographie. Von Kindheit an sowie seit ihrem ersten Vogelbestimmungsbuch „Was fliegt denn da?“ ist die Autorin stets lebhaft interessiert an der Vogelbeobachtung geblieben.

Sie ist keine Ornithologin, sondern schreibt als begeisterte und engagierte Amateurin über die Vögel, denen sie begegnet ist, die für sie mit besonderen Erlebnissen, freudiger Entdeckerlust sowie naturschützerischer Sorge verbunden sind. Auch auf den Vogelge-sang – „das Beobachten mit den Ohren“ – geht sie immer wieder animierend ein.

Die Autorin stellt uns eine übersichtliche Auswahl weitgehend alltäglicher Vögel vor, damit der Lektüre schnell praktische eigene Beobachtungen folgen können. Manche Vogelportraits, wie solche von Kohl- und Blaumeisen, Heckenbraunellen, Mauerseglern, Ringeltauben, Rotkehlchen und Zaunkönig ergeben sich sozusagen vor der Haustür und im eigenen Garten. Für andere, wie beispielweise Blauracken, Bienenfresser und Elfenbeinspecht, nimmt uns die Autorin mit auf Ausflüge zu Vogelexperten, die sie interviewt, oder zu Exkursionen, wie beispielsweise zu den Scillie-Inseln vor der Südwestspitze Cornwalls, wo viele und vielfältige Zugvögel pausieren und auch so mancher vom Winde verwehter Exot strandet.

Von passionierten Vogelbeobachtern, mit denen sich die Autorin auf den Scillies aus-tauscht, lernt sie den Ausdruck „Jizz“, der die Überschrift bildet für eine kombinierte Wahrnehmung von Größe, Form und Farbgebung der Vögel sowie für die unverkennbare Körpersprache, das Flugverhalten, die Art, sich auf dem Boden zu bewegen (hüpfend oder schreitend) kleine Ticks, wie Schwanzwippen oder Knicksen. Wer durch stetes Üben einen Blick für den Jizz entwickelt hat, kann also vertraute Vogelarten durchaus im Vorübergehen bzw. -Fliegen bestimmen.

Illustration von Florian Frick © Lübbe Verlag 2018

Die Vogelbeobachtung schenkt Lebensfreude und sinnlich-meditative, angenehm-selbstvergessene Naturerlebnisse. Wer sich der Vogelbeobachtung widmet, tritt in eine Beziehung zu Vögeln und  auch zu Pflanzen, Insekten und Landschaften, welche die Lebens- und Ernährungsgrundlage für Vögel sind. Da liegen berechtige Sorgen um den drastischen Rückgang der Vogelpopulation nicht fern – Europa hat seit 1985 ein Drittel seiner Vögel verloren, in Zahlen sind das 421 Millionen.

Zu den zerstörerischen Faktoren gehören in diesem Zusammenhang die industrielle Intensivlandwirtschaft mit Gift, Gülle und Monokulturen, die allgemeine Zersiedelung und die gnadenlose Vogeljagd, die immer noch in einigen Ländern praktiziert wird sowie der Klimawandel. Tja, und beim Stichwort Klimawandel kommen wir zum Dilemma der Windkraftanlagen.

Johanna Romberg zitiert die von den Forschern der PROGRESS-Studie ermittelten Zahlen der Schlagopfer an Windkraftanlagen. Die bisherigen Zählungen zeigen, daß es Vögel gibt, die den Rotoren ausweichen (dazu gehören Singvögel, Gänse, Schwäne, Kraniche und Rabenvögel sowie die meisten Zugvögel), und andere, die die Opferstatistik anführen. Den ersten Platz der „Pechvogelstatistik“ belegt die Ringeltaube, den zweiten die Stockente und den dritten der Mäusebussard, und auch der Rotmilan gehört zu den häufigen Schlagopfern.

Da Mäusebussard und Rotmilan zu den langlebigen Vögeln gehören, sind sie später geschlechtsreif und bekommen wenige Junge. In einer natürlichen Umgebung ist dies eine sinnvolle Fortpflanzungsstrategie, zumal sie als Raubvögel kaum natürliche Feinde haben. Doch die künstlichen Lebensrisikofallen bedrohen durch jeden einzelnen Todesfall den Bestand dieser Art. http://bioconsult-sh.de/de/projekte/progress/

Es wäre wünschenswert, wenn sich Naturschützer und Windkraftplaner gemeinsam auf die Suche nach Lösungen machten. Es sollte genug Gebiete ohne Windkraftanlagen geben und großzügige Mindestabstände zu Raubvogelhorsten. Zudem ist eine Reformierung der Verkehrspolitik – mehr Schienen als Autoverkehr – sinnvoll. Tatsächlich ist die Zahl der Bussarde und Milane, die beim Aasfressen auf Schnellstraßen zu Tode kommen, noch gar nicht bekannt.

Jedes Kapitel von „Federnlesen“ knüpft an eine persönliche Erfahrung der Autorin an, speist sich aus Erinnerungen an Vogelerlebnisse und führt von dort in die Gegenwart einer bestimmten Vogelart. Diese Vorgehensweise wird dem Thema und dem Anliegen des Buches gerecht. Denn nur wer die Natur und bestimmte Lebewesen der Natur kennt, wertschätzt, ja, eine persönliche Beziehung und Zuneigung zu ihnen entwickelt, wird sich dafür interessieren, daß sie weiterleben können, daß es sie in Zukunft auch noch geben wird und sich Kinder und Kindeskinder ähnlich daran erfreuen wie wir.

So streift die Erinnerung der Autorin zu den Mauerseglern, deren Brutpflege sie in ihrer Kindheit durch die Aussicht auf ein altes Backsteinhaus, dessen Fassade den Luftakro-baten Nistnischen bot, gerne und oft beobachtete. Nachdem das Haus renoviert und neu verputzt worden war, fanden die Mauersegler im nächsten Mai keinen Nistraum mehr vor und flogen tagelang suchend die Fassade des Hauses ab. Dies führte dazu, daß die Autorin als Kind einen Leserbrief schrieb und um architektonische Berücksichtigung von Mauersegler Bedürfnissen bat.

Dieser Kindheitserinnerung folgt schließlich der Bericht über eine Reise nach Frankfurt zu einer Vogelklinik, die seit ihrer Gründung darauf spezialisiert ist, verletzte und geschwächte Mauersegler zu behandeln und zu retten. https://www.mauersegler.com/society/

Illustration von Florian Frick © Lübbe Verlag 2018

Insgesamt flattern mehr als 150 Vogelarten durch dieses Buch, einige kommen nur streiflichternd als Statisten vor, andere ausführlich-beschaulich als Hauptdarsteller.

Jedes Kapitel ist mit einem sehr schönen, stimmungsvollen naturalistischen Vogelaquarell von Florian Frick illustriert, und die Vorsatzblätter werden von aquarellierten Vogelfedern geschmückt. Die hochwertige Buchge- staltung setzt sich zudem in der bemerkenswert schmeichelgriffigen Papierqualität, der lesefreundlichen Typographie und dem bordeauxroten Lesebändchen fort.

„Federnlesen“ ist eine persönliche Naturkunde, die ihre Leser für Vogel- beobachtung begeistern und zum Vogelschutz animieren möchte – beides gelingt. Dabei ist das Buch äußerst angenehm und spannend zu lesen, ohne mit zu viel Fachwissen zu überfordern. Die Kombination aus konzentrierten klaren Informationen und subjektiver Naturerfahrung  vermittelt mit Gefühl und Verstand sowohl nützliches Wissen als auch konstruktive Anregungen zur persönlichen Mitwirkung beim Vogelschutz sowie zur Praxis der Vogelbeobachtung.

 

PS
Es gibt nur eine sprachstilistische Kleinigkeit, bei der ich der Autorin nicht zustimme. Sie regt an und praktiziert es auch gelegentlich in ihrem Text, für den deutschen Begriff der Vogelbeobachtung den im englischen Sprachraum üblichen Begriff „birding“ einzuführen. Angesichts meiner akutchronischen Anglizismenallergie stößt diese Formulierung bei mir auf einen gewissen Widerstand. Ich habe es wahrlich bedauert, daß der Begriff „vögeln“ leider, leider schon anderweitig belegt ist und sich im orinithologischen Sinne wohl nicht so leicht durchsetzen wird – außer bei Scherzvögeln.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/natur/federnlesen/id_6061610

 

Die Autorin:

»Johanna Romberg, Jahrgang 1958, wuchs im Ruhrgebiet auf. Sie studierte Schulmusik und Hispanistik in Köln und Sevilla, bevor sie 1985/1986 die Henri-Nannen-Schule besuchte und sich zur Journalistin ausbilden ließ. Seit 1987 ist sie Redakteurin und Autorin des Magazin GEO. Für ihre Reportagen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem zweimal mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Georg von Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus und dem Journalistenpreis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Johanna Romberg hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Mann in der Lüneburger Heide.«

Der Illustrator:

»Florian Frick ist ein freischaffender Künstler aus Berlin mit den beruflichen Schwerpunkten Illustration, Design und Modellieren … «
Für mehr Information lohnt ein Besuch seiner Webseite: www.monstershome.com

 

Querverweis:

Federnlesen ergänzt sich gut mit dem poetisch-philosophischen Biologie-Buch „Alles fühlt“ von Andreas Weber, in dem die wechselwirksame Verbundenheit von Mensch und Natur zu einem ganzheitlichen und demütigen menschlichen Selbstverständnis führt. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Und auch das Handwörterbuch der Vogellaute von Peter Krauss bietet sich zur naturverbundenen, vogelgesangsspezifisch-wortschatzerweiternden Abrundung an: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/10/02/singt-der-vogel-ruft-er-oder-schlaegt-er/

 

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Die Stadtbienen

  • Wie ich Imkerin wurde und mein Leben zu summen begann
  • von Erika Mayr
  • mit Anne Kunze
  • Knaur Taschenbuch Verlag    http://www.droemer-knaur.de
  • überarbeitete Neuausgabe März 2018
  • Taschenbuch
  • 254 Seiten
  • 10,99 € (D), 11,30 € (A)
  • ISBN 978-3-426-78968-1

B I E N E N B E G E I S T E R U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In einem lebhaften, lockeren Plauderton berichtet Erika Mayr davon, wie sie bei den Bienen gelandet ist. Ihr Lebenslauf führte sie nach vollbrachter Gärtnerinnenausbildung von Bayern nach Berlin. Dort beginnt sie ein Gartenbaustudium und arbeitet nebenbei als Aushilfe in einer Bar. Sie lebt sich ein, schließt Freundschaften und beschäftigt sich u.a. mit der Biodiversität innerstädtischer Brachflächen.

Dies führt zu ersten Kontakten mit Berliner Stadtimkern und zu reger Bienenbegeister-ung. Erika Mayr findet einen erfahrenen Imkerpaten und lernt das Imkern. Inzwischen stehen ihre Bienenstöcke auf dem Dach eines Hochhauses in Kreuzberg, und Erika Mayr kann ihren lokal erzeugten „Stadtbienenhonig“ verschenken, verkaufen und gelegent- lich auch gegen eine Dienstleistung oder ein anderes Lebensmittel eintauschen.

Ebenso unterhaltsam wie spannend verknüpft Erika Mayr ihren persönlichen Weg zu den Bienen mit anschaulich-sinnenfrohem Fachwissen über Bienen und Imkerei. Wissenswabe fügt sich an Wissenswabe, und wir erlesen den Lebenszyklus der Biene, die Feinheiten ihrer Kommunikationstanzkunst, die beträchtliche Bestäubungsleistung (40 000 Blütenpflanzen sind auf Bienenbestäubung angewiesen), den Nektarertrag und die faszinierenden Einzelheiten der Wachsherstellung, Bienensterben, Bienenrettung, Bienenpflege sowie Theorie, Praxis und Geschichte des Imkerns – hinzu kommen Betrachtungen zu Land- und Stadtleben, Landwirtschaft, Naturschutz, Nachhaltigkeit und lokalen Formen des Wirtschaftens.

Zum Bienensterben formuliert die Autorin einen Gedanken, dessen Fehlen mich bei den Auseinandersetzungen zu diesem Thema schon lange gewundert hat. Der Mensch nimmt den Bienen den Wintervorrat an Honig und ersetzt ihn durch Sirup. Wir wissen, welche krankhaften Folgen der Verzehr von Industriezucker für Menschen hat; da ist es naheliegend, die Schwächung der Bienenvölker auch im Zusammenhang mit der Sirupfütterung zu sehen. Sehr wahrscheinlich wäre es für die Gesundheit und die natürliche Abwehrkraft der Bienen besser, ihnen für den Winter mehr von ihrem eigenen Honig zu überlassen.

Das urbane Imkern funktioniert, weil Städte inzwischen oft über eine größere Biodi-versität verfügen als das Land. Anstelle großflächiger Monokulturen mit regelmäßiger Giftdusche und einem zeitlich begrenzten Blütenangebot findet man in Städten kleinteilige Strukturen und eine Vielzahl unterschiedlicher Pflanzen. Es wäre gut, wenn die Bedürfnisse von Bestäuberinsekten bezüglich blühender Bäume, Sträucher und Wildblumenoasen vermehrt in die städtische Grünflächenplanung und -Gestaltung einflössen – am besten im Austausch mit örtlichen Imkern.

In der Berliner Innenstadt gibt es dank der Empfehlung des Gärtners und Imkers Karl Förster viele Trachtbäume, „die in ihrer Blütezeit alle nahtlos aufeinander folgen: Kastanie, Ahorn, Robinie und Linde.“ (Seite 163)

Mit ansteckender Begeisterung beschreibt Erika Mayr das Leben und Wirken sowie die lebenswichtige Bedeutung der Bienen und die handwerklichen Tätigkeiten und die kontemplativen, naturverbundenen Freuden des Imkerns. So vertieft sie die Hochachtung vor Bienen und die Wertschätzung für das Imkerhandwerk. Dieses Buch kann ganz gewiß Leser auf den honigsüßen Geschmack des Imkerns bringen.

Ein Glossar mit relevanten Fachbegriffen und ein informativer Hinweis auf die Initiative „Netzwerk Blühende Landschaft“ runden das Buch animierend-praktisch ab.

Beim „Netzwerk Blühende Landschaft“ kann man u.a. mehrjährige Saatgutmischungen für die Anlage von Bienenweiden und Wildblumenwiesen bestellen: http://www.bluehende-landschaft.de

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/9559439/die-stadtbienen

 

Die Autorin:

»Erika Mayr, geboren 1973, stammt aus Oberbayern. Früh zog es die gelernte Gärtnerin nach Berlin, wo sie mit dem Stadtimkern in Berührung kam. Schnell stand der Ent-schluss: „Ich möchte ein Bienenvolk.“ Seit sie ihren ersten Bienenstock bekommen hat, setzt sie sich für die sympathischen Honiglieferanten ein. In ihrem Kreuzberger Honig steckt die ganze Vielfalt der Großstadt.«  http://www.stadtbienenhonig.com

 

Querverweis:

Als bienensummende, bienenperspektivische Ergänzung leseempfiehlt sich der Roman „Die Bienen“ von Laline Paull. Dieser Roman ist ein speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Wildbienenhelfer

  • Wildbienen & Blühpflanzen
  • von Anja Eder
  • Co-Autoren: Dirk Peters und Michael Römer
  • TiPP 4 Verlag  Januar 2018   www.tipp4.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 21,5 cm x 30,4 cm
  • 39,90 €
  • ISBN 978-3-9439691-9-1

EIN  WILDBIENENBUCH  ZUM  SCHWÄRMEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Anja Eders „Wildbienenhelfer“ wird Sie mit faszinierenden Fotos, hinreißend-schönen Makroaufnahmen und sachdienlichen Informationen  wildbienenkundig machen und Ihnen dabei helfen, in Ihrem Garten oder auf Ihrem Balkon die passenden Pflanzen und Lebensbedingungen für Wildbienen zusammenzustellen.

Beim Thema Bestäuberinsekten dürfen wir nicht auf  die viel zu langsamen Weichen-stellungen der Politik oder gar auf die unwahrscheinliche lebensdienliche Einsicht marktmächtiger, profitorientierter Konzerne warten, nein, wir müssen und – vor allem – wir können selber etwas tun, um das Überleben von Wildbienen zu fördern.

Die Formel ist ganz einfach: Leben die Bienen, wächst und gedeiht auch unsere Nahrung. Sterben die Bienen, wird es knapp mit der menschlichen Ernährung. Und damit ist nicht der köstliche Honig gemeint, sondern eine Vielzahl von Gemüse- und Obstsorten, Ölsaaten, Nüssen und Kräutern sowie – bei weltweiter Betrachtung – auch der beliebte Kaffee.

Balkone, Pflanzkübel, private Gärten, Baumscheiben, öffentliche Parkanlagen und Straßengrünrandstreifen usw. lassen sich in Nektar- und Pollenimbißstuben für Wild- bienen verwandeln. „Es gilt, die Herrschaft der Monokulturen aufzubrechen.“ (Seite 6) Jede Blüte zählt und hilft, und wenn Sie wissen wollen, welche einheimischen Blüten-pflanzen und Gehölze den bienenfleißigen Bestäubern im Jahreslauf Nahrung und Schutz bieten, lesen sie Anja Eders engagiertes Buch.

Nach einer kurzen Einführung in die lebensfeindlichen Auswirkungen industrieller Landwirtschaft und Monokulturen, insbesondere in die negativen Wirkungen von Neonicotinoiden auf das Nervensystem von Insekten, folgt eine kurze Erläuterung der Koevolution von Pflanzen und Bienen sowie eine anschauliche Darstellung des Bienenkörperbaus.

Sodann beginnt das Wildbienenjahr mit dem Februar, dem ersten Monat, in dem bereits frühe Wildbienen unterwegs sind. Monat für Monat werden Wildbienen und die jahres-zeitlich passenden Blühpflanzen vorgestellt. Prägnante Beschreibungen der Erkennungs-merkmale, Lebens- und Nistraumbedürfnisse und Blütenvorlieben werden durch wunderschöne, teilweise ganzseitige Makroaufnahmen der Wildbienen illustriert. Ergänzende graphische Darstellungen zeigen die Bienen in Originalgröße.

Foto: Anja Eder © Dunkle Erdhummel und Mauer-Maskenbiene

Daran anschließend folgen die entsprechenden Blühpflanzen, welche mit kurzen schriftlichen Portraits, einer vierstufigen graphischen Darstellung des Nektar- und Pollengehalts sowie anschaulichen Fotos dokumentiert werden; dabei ist der weiße Hintergrund der Pflanzendarstellungen besonders betrachterfreundlich.

Hier wird das Füllhorn natürlichen Reichtums so liebevoll und ansprechend dargestellt, daß man es kaum abwarten kann, im Rahmen der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten für die Wildbienen aktiv zu werden. Wildbienen gibt es in der Größenordnung von 1,3 bis 30 mm, manche Arten wird man wohl erst nach dem Kennenlernen im Buch auch in der freien Wildbahn wahrnehmen und zuordnen können. Während Gartenhummeln recht groß und auffällig sind, kann man die winzigen Furchen und Maskenbienen leicht übersehen.

Weltweit gibt es bis zu 30 000 Arten von Wildbienen, in Deutschland sind es 560 Arten, von denen 30 bereits vom Aussterben bedroht sind. Viele Wildbienen leben und brüten solitär oder nur in kleinen Brutkolonien zusammen. Manche Arten sind bezüglich des Blütenpollenangebots nicht wählerisch, und sie bedienen sich bei vielen Blühpflanzen. Solchen polylektischen Wildbienen stehen die oligolektischen Wildbienen gegenüber, die nur wenige, manche sogar – wie beispielsweise die Blutweiderich-Sägehornbiene, die Eisenhut-Hummel, die Efeu-Seidenbiene, die Glänzende Natternkopf-Mauerbiene und die Lauch-Maskenbiene – nur auf eine einzige Pflanzenart spezialisiert sind. Verschwindet die Pflanze, verschwindet auch die symbiotische Biene.

Foto: Anja Eder © Efeu-Seidenbiene

Das großzügige DIN-4-Format des Buches mit dem hochwertigen LuxoArt Samt 15og/m² FSC-Papier wird den meisterhaften Fotografien, die fast alle von Anja Eder stammen, besonders gut gerecht und offenbart Einblicke in faszinierende, feinste Einzelheiten von Bienen und Blütenpflanzen. Die Betrachtung der zahlreichen Fotos schult das Auge für die Details des Bienenkörpers. So konnte ich kürzlich im März stolz wiedererkennen, daß es sich bei der gehörnten Mauerbiene in meinen Krokussen um ein Männchen handelte, da es weißes Kopfhaar und einen weißen Bart hatte, körperliche Merkmale, welche die Weibchen nicht haben.

Foto: Anja Eder © Rostrote Mauerbiene

Einige Hinweise zur Gartenpflege runden dieses nützliche und schöne Buch kompetent ab. Den selbstverständlichen Verzicht auf Insektengifte und Kunstdünger vorausgesetzt, braucht es unaufgeräumte Bereiche, in denen Laub und Tothölzer liegen bleiben dürfen; Steinhaufen, Trockenmauern und unbefestigte Gartenwege  bieten vielen Wildbienen Rückzugsorte und Nistnischen. Es empfiehlt sich zudem, abgestorbene Staudenstengel stehenzulassen, weil in den markhaltigen Stengeln oft Wildbienenbrut untergebracht wird. All diese Maßnahmen bieten außerdem auch viele geschützte Winterrückzugs-möglichkeiten für Hummeln, die vom Spätsommer bis zum nächsten Frühjahr Winterschlaf halten.

Foto: Anja Eder © schlafende Florentiner Wollbiene

Anja Eder weist deutlich darauf hin, daß viele käufliche Insektenhotels für Wildbienen nutzlos sind, da sie mehr der geschäftstüchtigen Resteverwertung von Hölzern und Lochziegeln dienen als den biologischen Notwendigkeiten einer Wildbienennistnische. So sind die Niströhren oft ausgefranst und versplittert, was für die zarten Hautflügel große Verletzungsgefahren mitbringt, oft sind die Röhrendurchmesser viel zu groß und die Röhrenlänge zu klein usw.

Als Nisthilfe besser geeignet sind dickwandige Bambusröhren mit abgeschliffenen Rändern. Bohrlöcher für Niströhren sollten nur in die Längsseite eines gut abgelagerten, harzfreien Hartholzstammes (Esche, Apfel, Pflaume, Birne, Haselnuß, Eiche) gebohrt werden, um winterliche Frostrisse zu vermeiden. Ein Schutz durch Kaninchendraht, damit Meisen und Spechte sich nicht an diesem Bienenlarvenbufett bedienen, ist ebenfalls empfehlenswert.

Mit den Informationen und Anleitungen aus diesem wertvollen Buch kann jeder zum Wildbienenhelfer werden. Also ran an die Lektüre und den animierenden Genuß fantastischer Bienenfotos und dann raus in die Praxis, um die erlesenen Kenntnisse ins Handeln zu übersetzen und ein Refugium für Wildbienen zu schaffen.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf Anja Eders Webseite:
https://www.wildbienen-garten.de/wildbienen-buch/

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.tipp4.de/e288/e1963/index_ger.html?preview=preview

Ein Euro des Verkaufspreises wird gespendet an das Projekt „Zukunft für Wildbienen & Co“ der Deutschen Umwelthilfe: http://www.duh.de/wildbiene

 

Die Autorin:

»Anja Eder ist selbständige Gafik-Designerin. Mit ihrem Partner Michael Römer führt sie unter dem Namen picnic-design ein Büro für  visuelle Kommunikation. 2010 erhielten Anja Eder und Michael Römer für ihren Entwurf der Leuchtserie „Moonjelly“ den reddot design award.«

 

Querverweise:

Zum Thema Bienen und Mitweltschutz empfehle ich zusätzlich dringend das aufklärend-informative Buch von Ute Scheub: »Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaf. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Wer sich auf anspruchsvolle Sachbuchlektüre einlassen mag, findet bei Randolf Menzels und Matthias Eckholdts Buch „Die Intelligenz der Bienen“ ebenso faszinierenden wie hochkonzentrierten Wissensnektar. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/24/die-intelligenz-der-bienen/

Des weiteren lohnt sich ein ausführlicher Besuch auf Almuths bienenfleißiger Webseite
„Natur auf dem Balkon“: https://naturaufdembalkon.wordpress.com/
Dort läßt sich lebhaft besichtigen und erlesen, wieviel weltrettende Wildbienenpflege alleine auf einem Balkon möglich ist.

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