Wie Schmetterlinge leben

  • Wundersame Verwandlungen,
  • raffinierte Täuschungen und prächtige Farbspiele
  • Text von Elke Zippel
  • Illustrationen von Johann Brandstetter
  • Haupt Verlag 2019  http://www.haupt.ch
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 19 x 25 cm
  • 224 Seiten
  • 58 Bildtafeln und 250 Abbildungen
  • 34,00 € (D), 35 € (A), 39,00 sFr.
  • ISBN 978-3-258-08144-1

S C H M E T T E R L I N G S K U N S T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Wie Schmetterlinge leben“ eröffnet uns ein anschauliches und informatives Panorama von Schmetterlingsarten mit ihren spezifischen Lebensbedürfnissen, Verhaltensweisen und Entwicklungsphasen. Zunächst werden unterschiedliche Lebensräume (Magerrasen, Hochmoore, Feuchtwiesen, Hochgebirge, Auwald, Tundra und Regenwald) mit den dazu-gehörigen typischen Schmetterlingen und einigen ausgewählten Futterpflanzen vorge- stellt.

Die Besonderheiten der jeweiligen Biotope und die Bedrohung dieser Refugien durch Zersiedelung, industrielle Landwirtschaft mit ihren sterilen Monokulturen sowie Gift- und Gülleeinträgen werden ebenfalls deutlich benannt. Angesichts der filigranen wech- selseitigen Abhängigkeitsbeziehungen zwischen bestimmten Pflanzen und Schmetter- lingen und der teilweise bis zu drei Jahre langen Puppenruhe bis zum Schlupf des ausge- wachsenen Schmetterlings wird greifbar, wie wichtig ungestörte Wildnisbereiche mit natürlicher Pflanzenvielfalt sind und daß eine zu aufgeräumte Landschaft (auch im eigenen Garten) für den Entwicklungszyklus von der Raupe zum Schmetterling kontraproduktiv ist.

(Bläulinge) Illustration © Johann Brandstetter

Auf die Beschreibung der Lebensräume folgt eine ausführliche Darstellung der zahl- reichen Schmetterlingsfamilien. Es gibt Gruppenportraits, die von einer gebündelten Texterklärung begleitet werden, sowie Einzelportraits mit den dazugehörigen Futter-
pflanzen wie beispielsweise der Eisenhut-Goldeule, die sich auf den Blauen Eisenhut spezialisiert hat und dessen hochgiftige Alkaloide zur Selbstverteidigung nutzt, oder dem Seerosenzünsler, dessen Raupen sich in einem luftgefüllten Köcher unter der Wasseroberfläche verstecken und später dort verpuppen. Auch der komplexe Entwicklungszyklus des Wiesenknopf-Ameisenbläulings, dem es durch Dufttarnung gelingt, seine Raupen von Ameisen durchfüttern zu lassen, wird in Wort und Bild anschaulich vorgeführt.

(Eisenhut-Goldeule) Illustration © Johann Brandstetter

Schmetterlinge sind Meister der Tarnung, Täuschung, Mimikry und Mimese, und zwar sowohl in optischer und olfaktorischer als auch in akustischer Hinsicht. So ahmt der Gebänderte Wollbär die Ultraschallaute anderer ungenießbarer, giftiger Nachtfalter nach und täuscht auf diese Weise Fledermäuse darüber hinweg, daß er eigentlich ungiftig und genießbar wäre.

Die Sachtexte von Elke Zippel vermitteln wohlportioniertes, spannend formuliertes Wissen über biologische Details und ökologische Zusammenhänge des Schmetterlings-lebens und geben dabei zahlreiche nützliche Hinweise, wie sich eine schmetterlings-freundliche Garten- und Kulturlandschaft gestalten läßt.

(Bärenspinner) Illustration © Johann Brandstetter

Ein alphabetisches Register der Pflanzen- und Falterarten sowie der Systematik der im Buch vorgestellten Arten hilft bei der gezielten Suche nach bestimmten Arten. Eine Literaturliste mit einer Auswahl empfehlenswerter Schmetterlingsbestimmungsbücher bietet weiterführende Hinweise zur thematischen Vertiefung.

Angesichts nur allzu offensichtlich schwindsüchtiger Schmetterlingsvorkommen zeigt uns dieses Buch, welche Schätze die Natur heute noch bietet und wie groß der Verlust ist, der uns droht, wenn nicht endlich wesentlich mehr Rücksicht auf die komplexen Lebensbedürfnisse von Schmetterlingen genommen wird.

(Großer Schillerfalter) Illustration © Johann Brandstetter

Johann Brandstetter fängt die natürliche Schönheit und Anmut der Schmetterlinge illustratorisch so meisterlich ein, als hätte er sie mit ihrem eigenen Flügelstaub gemalt. Die Farben wirken dank der speziellen Lasur- technik, die Johann Brandstetter verwendet, erstaunlich lebensecht. So verbindet sich zeichnerische, biologische Präzision mit Poesie und bietet uns faszinierende Schmetterlingsportraits, die wir in der vorhandenen Restnatur nur noch selten bewundern können.

Der Respekt vor der Kunstfertigkeit des Illustrators verschmilzt beim Betrachten und Eintauchen in dessen Bilder mit der Achtung vor der Natur, die eine solche Farben-, Formen- und Lebensfülle entstehen läßt.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.haupt.ch/Verlag/Buecher/Natur/Tiere/Wie-Schmetterlinge-leben.html?cur=1

 

Ergänzend gibt es zudem ein Postkartenbuch mit Illustrationen aus vorliegendem Buch – so lassen sich liebe Grüße auf Schmetterlingsflügeln versenden.

  • Schmetterlinge                                  
  • Das Postkartenbuch
  • von Johann Brandstetter
  • Haupt Verlag Oktober 2019
  • 40 Postkarten
  • Format: 12 x 16,5 cm
  • 19,90 € (D/A), 22,00 sFr.
  • ISBN 978-3-258-08144-1

Hier entlang zum Postkartenbuch und zur BETRACHTUNGSPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.haupt.ch/Verlag/Buecher/Natur/Tiere/Schmetterlinge-Das-Postkartenbuch.html?cur=1

 

Die Autorin:

»Dr. Elke Zippel ist Kustodin der Dahlemer Saatgutbank am Botanischen Garten Berlin. Sie ist u.a. für die Sammlung und Sicherung von Wildpflanzensamen sowie für Wiederan-siedlungen seltener Pflanzenarten verantwortlich. Elke Zippel studierte an der Freien Universität Berlin Biologie mit den Schwerpunkten systematische Botanik und Zoologie, Geobotanik und Ökologie und promovierte anschließend über Moose der Kanarischen Lorbeerwälder.«

Der Illustrator:

»Johann Brandstetter, Künstler und Illustrator, wurde schon mehrfach für seine Werke ausgezeichnet. Seit 2014 zählt er zu den „200 Best Illustrators Worldwide“. Er ist spezialisiert auf Naturthemen. Schmetterlingen gilt sein besonderes Interesse – einige Schmetterling wurden nach ihm benannt. Das 2017 gemeinsam mit Josef H. Reichholf herausgegebene Werk „Symbiosen“ wurde von Bild der Wissenschaft zum „Schönsten Wissensbuch 2017“ ernannt.«

 

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Wilde Kübel

  • unkompliziert
  • naturnah
  • insektenfreundlich
  • von Simone Kern
  • Kosmos Verlag 2020  www.kosmos.de
  • Klappenbroschur
  • Format: 241 x 171 x 13mm
  • 144 Seiten
  • 212 Farbfotos
  • 17,00 €
  • ISBN 978-3-440-16175-5

K U N T E R B U N T E   K Ü B E L K U N D E     

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Jedes Gebäude, jede noch so kleine Nische und Fuge kann zum Lebensraum werden – falls wir es zulassen. Pflanzen und Tiere sind dankbare Bewohner, wenn wir ihnen die richtige Umgebung anbieten.“ (Seite 10)

Das vorliegende Buch blättert uns vielfältige Anregungen und praktische Anleitungen zur nachhaltig-naturnahen Gestaltung von Kübelbepflanzungen auf. Anstelle von saisonweise nachzukaufenden, meist künstlich überzüchteten einjährigen Blühpflanzen werden einheimische, mehrjährige Wildpflanzen und Kräuter sowie eine kleine ergän- zende Auswahl nektar- und pollenreicher Kulturpflanzen empfohlen, die problemlos überwintern können und sich durch Samen und Ableger vermehren und reproduzieren lassen.

Nach einer einleitenden Erklärung des ökologischen Werts und Sinns einer solchen nachhaltigen Bepflanzung folgt eine kurze Kübelkunde, die verschiedene Werkstoffe (Ton, Terrakotta, Naturstein, Beton- und Kunststein, Holz, Metall und – mit Einschrän- kung – auch Kunststoff in Hinsicht) auf ihre jeweiligen Qualitätsmerkmale und ihre Zweckmäßigkeit darstellt. Auch ausgediente Emaille-Kochtöpfe, Zinkwannen, Weiden- körbe, Holzkisten, Paletten usw. lassen sich gut zu Pflanzgefäßen umfunktionieren; man sollte nur den Boden durchlöchern, damit Wasser abfließen kann, denn Staunässe muß grundsätzlich vermieden werden.

Einheimische Wildpflanzen sind Hungerkünstler und kommen mit mageren Böden zurecht; sie müssen auch deutlich weniger gegossen werden, meist vertragen sie Trockenheit besser als Nässe. Dünger – selbstverständlich nur organischer wie Horn-späne, Hornmehl oder selbstangesetzte Kräuterjauche aus Beinwell oder Brennessel – sollte sehr sparsam und nur vom späten Frühling bis frühen Sommer zum Einsatz kommen.

Abgestimmt auf sonnige und schattige Standorte gibt die Autorin Empfehlungen zum Mischungsverhältnis von Kompost, Erde, Blähton, Sand und Kies, mit denen die Kübel befüllt werden.

Aufgeteilt nach unterschiedlichen Standortbedingungen (heiß und trocken, sonnig, schattig, windig) und verschiedenen Pflanzgefäßen (große und kleine Töpfe sowie Kübel, Hängeampeln und Balkonkästen) werden anschaulich in Wort und Bild schöne Gestal-tungsbeispiele geboten. Thematisiert werden zudem vertikale Bepflanzungen, Sicht-schutzwände mit Kletterpflanzen, Kleingehölze, Stauden und Zwiebelpflanzen sowie Wasserstellen, Vogeltränken und Miniteiche sowie Sumpfbeete in Zinkwannen.
 
Die Kübel werden meist überaus reizvoll mit Kombinationen aus verschiedenen Pflanzen befüllt. So finden wir beispielsweise einen Balkonkasten mit den sieben Kräutern der berühmten „Frankfurter Grünen Soße“ (Seite 82) oder eine Wiese im Topf mit bis zu 35 Blumenarten (Seite77). Kleine Gehölze vertragen sich gut mit einer Unter- bepflanzung aus niedrig wachsenden Stauden, die den „nackten Fuß“ bedecken und natürlich beschatten. Stets werden praktische Gestaltungshinweise zur passenden Kombination und Komposition verschiedener Pflanzen gegeben, gleichwohl aber auch Pflanzen dargestellt, die als eher als Solitär im Topf zur Geltung und Entfaltung kommen.

Kurzportraits besonders geeigneter Pflanzen mit ihren Wuchseigenschaften, Standort-bedürfnissen, Substratansprüchen und ihrer Insektendienlichkeit (für Wildbienen und Schmetterlinge) bieten lebhafte Anregungen für eine erste Auswahl. Eine übersichtliche Liste mit Bezugsquellen für Blumen, Saatgut und Naturschutzprodukte sowie Organisa-tionen, die Informationen zum naturgemäßen Gärtnern zur Verfügung stellen, rundet die lebendige Wissensvermittlung ab.

„Wilde Kübel“ ist eine ebenso ganzheitlich-praktische wie ästhetisch-inspirierende Anleitung zum nachhaltigen Gärtnern mit Kübeln. Dank der lebendigen, sehr animierenden Wissensvermittlung und der Augenweiden- fotos wird hier ganz unmittelbar Lust auf praktisches, naturschützliches Tun geweckt.  Indem man auch auf kleinem Raum Insekten Nahrungs- und Lebensraum anbietet, gibt man der Natur sozusagen ein Stück Natur zurück. Finden sich an einem Ort viele solcher Lebensoasen, können sie ein Mosaik bilden, das dem Verlust der Artenvielfalt entgegenwirkt.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber-naturfuehrer/garten/gartenpraxis/10814/wilde-kuebel

 

Hier entlang zu zwei weiteren empfehlenswerten Büchern von Simone Kern:

Der antiautoritäre Garten
Gärten, die sich selbst gestalten:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/26/der-antiautoritaere-garten/
Mein Garten summt
Ein Platz für Bienen, Schmetterlinge und Hummeln

https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber-naturfuehrer/garten/gartengestaltung/8183/mein-garten-summt

 

Die Autorin:

»Simone Kern studierte Landschaftsarchitektur und hat im Allgäu ihr eigenes Planungs-büro. Schwerpunkt ihrer vielfältigen Projekte sind naturnahe Anlagen. Ein besonderes Anliegen ist ihr dabei die Schaffung von Gärten, in denen sich Menschen wohl und geborgen fühlen. Aber vor allem auch Pflanzen und Tiere sollen darin neue Lebensräume finden. Viel draußen in der Natur und im eigenen Garten sein, beobachten, Landschaften erfahren – hier holt sie sich ihre Inspiration.
Darüber hinaus engagiert sich Simone Kern seit langem im Rahmen des überregionalen „Netzwerks Blühende Landschaft“ ( https://bluehende-landschaft.de/ ) mit konkreten Projekten, insbesondere für den Schutz von Insekten. Ihr praktisches wie theoretisches Wissen gibt sie gerne in Workshops, durch Fachvorträge und Veröffentlichungen weiter.«

 

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100 Sachen, die Geschichte machten

  • Von der Bronzeaxt bis zum Roboter
  • von Dr. Patrick Henßler
  • Verlag arsEdition, September 2019 www.arsedition.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 264 x 198 mm
  • 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-8458-3192-3
  • Kindersachbuch ab 10 Jahren

GESCHICHTE  ZUM  ANFASSEN

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Unzählige Entwicklungsschritte führen von den ersten menschlichen Handabdrücken steinzeitlicher Höhlenbewohner bis zur Rechnertastatur, auf der ich jetzt diese Buch- besprechung tippe, die später auf digitalem Wege durch die Netzwelt reisen wird. „100 Sachen, die Geschichte machten“ bietet in hundert Kapiteln einen streiflichternden Überblick über die kulturhistorische Entwicklung der Menschheit von der Vor- und Frühgeschichte über die Antike, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit bis hin zur Moderne.

Jedes Kapitel beginnt mit einem der jeweiligen Zeitspanne entstammenden Gegenstand und führt von diesem Gegenstand weiter zu den Lebensbedingungen und kulturge-schichtlichen Gegebenheiten sowie zu historisch-prägenden Persönlichkeiten, gesell-schaftlichen Veränderungen, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Fortschritten der betreffenden Epoche.

Dr. Patrick Henßler © Verlag arsEdition 2019

So führt der Faustkeil durch die Steinzeit, die ersten Tongefäße zur Vorratshaltung mar-kieren den Beginn von Ackerbau und Viehzucht, und Lehmziegel zeugen von den ersten Stadtgründungen im geographischen Gebiet des sogenannten „fruchtbaren Halb- monds“. Die Erfindung des Rades wird am Beispiel des ägyptischen Streitwagens er- läutert, die Schrifttafel illustriert den Übergang von der Bilder- zur Keilschrift und führt schließlich zur Entstehung des ersten phönizischen Alphabets. Die Bronzeaxt steht exemplarisch für die Erfindung der Metallverarbeitung (Legierung) und den Wechsel von Steinwerkzeugen und –Waffen zu Bronzewaffen und –Werkzeugen.

Zum Ausklang der einzelnen Epochen faßt eine illustrierte Doppelseite mit einer infor- mativen Zeitstrahlübersicht die wichtigsten Etappen noch einmal kurz und bündig zusammen.

Zwischen den Einzelkapiteln der verschiedenen Epochen wird gelegentlich ergänzend auf einer Doppelseite die Veränderung einzelner Gegenstände oder Kulturtechniken chronologisch dargestellt. Beispielsweise finden wir eine Übersicht „Mit der Zahnbürste durch die Zeit“ eine andere, die sich mit „Musik im Wandel der Zeit“ befaßt.

Dr. Patrick Henßler © Verlag arsEdition 2019

Die beschriebenen Gegenstände weisen manchmal auf gesellschaftliche Mißstände und entsprechende Umbrüche hin. So „beleuchtet“ die Bergwerkslampe die Kinderarbeit zur Zeit der Frühindustrialisierung, und der Plastikstrohhalm steht exemplarisch für die gefährliche Plastikflut der Gegenwart.

Gleichwohl werden auch positive demokratische, zivilisatorische und freiheitliche Errungenschaften thematisiert. So etwa die Unterzeichnung des deutschen Grund- gesetzes am 23. Mai 1949. Stichwortgeber für dieses Ereignis unserer Geschichte ist der hochwertige Füller, mit dem die Mitglieder des Parlamentarischen Rates den Gesetzestext unterschrieben.

Dr. Patrick Henßler © Verlag arsEdition 2019

Dieses Sachbuch macht Geschichte einerseits anschaulich durch die An- knüpfung an konkrete Gegenstände, die mit sehr ansprechender bildlicher Begleitung in Szene gesetzt werden, andererseits durch die sehr klaren, komprimierten, kindgemäßen Erklärungen zur buchstäblich fortschritt- lichen Bedeutung und Wirkung dieser Gegenstände auf die Lebensumstände der Menschen und die wandelbaren gesellschaftlichen Herrschaftsformen, Strukturen und Regeln. 

„100 Sachen, die Geschichte machten“ ist sehr geeignet, Kindern stufen- weises und zusammenhängendes Wissen über die Vergangenheit zu vermitteln, ihren historischen Horizont zu weiten und die beachtlichen Entwicklungsschritte der Menschheit zu würdigen. Im Gegensatz zum heute üblichen kurzatmigen Geschichtsunterricht haucht dieses Buch Kindern einen deutlich längeren historischen Atem ein.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.arsedition.de/produkte/detail/produkt/100-sachen-die-geschichte-machten-9031/

 

Querverweis:

Als Ergänzung zu „100 Sachen die Geschichte machten“ empfiehlt sich das illustrierte Kindersachbuch Opa Mammut/Eine Familien-Weltgeschichte für Kinder“ von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel, in dem die Entwicklungsgeschichte der Menschheit als Familiengeschichte in 52 Generationen-Kapiteln nacherzählt wird: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/04/18/opa-mammut/

 

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Vielleicht

  • Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in jedem von uns
  • Geschrieben von Kobi Yamada
  • Illustriert von Gabriella Barouch
  • Originaltitel: »maybe«
  • Übersetzung von Gerda M. Pum
  • Adrian Verlag 2020 www.adrian-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 22,3 x 31 cm
  • 44 Seiten
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3947188-85-7
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

S E L B S T B E S T I M M U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das Bilderbuch „vielleicht“ spricht Kinder direkt an, stellt Fragen, die nach innen führen und bietet spielerisch-philosophisch Antworten an – läßt dabei gleichwohl weite Frei- räume und ermutigt ausdrücklich dazu, auf das eigene Herz zu hören, sich nicht mit der Oberfläche abzufinden und in die Tiefe zu gehen, um die eigenen Talente und Neigungen zu entdecken.

Angesichts eines Zeitgeistes übermäßiger Konformität, willkürlicher Gleichmacherei, bindungszerstörerischer Wettbewerbsmentalität und zweckbetonter Bildungsnormen ist dieses Bilderbuch ein gelungener Gegenpol, der ebenso zu Individualität und unkon- ventioneller Einzigartigkeit wie zu Empathie und Verbundenheit animiert. „Vielleicht“ setzt einfühlsam in Szene, wie es wäre, wenn man Kinder nicht in ein Korsett aus Erwartungen schnürt, sondern ihnen den Spielraum läßt, ihrer inneren Stimme und ihrer Herzenswahrheit zu lauschen und entdeckend-ausprobierend zu folgen. Gelegentliches Scheitern ist dabei ebenfalls erlaubt, denn dies gehört dazu wie Wachstumsschmerzen.  

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Die Fragen, die hier gestellt werden, weisen auf das SEIN hin, auf innere Werte, auf Achtsamkeit, Begeisterung, Entdeckungslust, Freiheit, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Lebensweite, Mut, Magie, Naturverbundenheit und Phantasie. So wird Kindern auf empfindsam-meditative Weise vermittelt, daß die Möglichkeiten und Perspektiven, die sie in sich finden, wahrnehmen und kultivieren, auch eine Bereicherung für die Gestaltung der Welt sein dürfen, ja, sogar sein sollen.

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Es ließe sich einwenden, daß der Text verhältnismäßig abstrakt bleibt, daß viele Sätze – aus erwachsener Perspektive – an kalenderspruchartige Weisheiten erinnern. Doch der kindliche Geist ist noch viel unbelesener und dürfte deutlich aufnahmebereiter für solche Ermutigungen sein – zumal sich während der Vorlesesituation und im Dialog mit dem Kind vertiefende Konkretisierungen der persönlichen Besonderheiten und Vorlieben ergeben können.

Die ausdrucksvollen Illustrationen sind konkreter als der Text, gehen mehr ins Detail, bieten eine anregend-phantasievolle und schöne Kulisse für die innere Orientierung. Sie zeigen ein Kind (ohne Namen), das eine Mütze aus Blättern trägt, in der Stirnmitte ist ein gelber Vogelschnabel aus gefaltetem Papier angebracht. Dieser Laubvogelkopf- schmuck gibt dem Kind unmittelbar eine naturverbundene und kreative Note. Man sieht sofort, daß wir es hier mit einem eigenwilligen und sensiblen Menschenwesen zu tun haben, das die Welt mit offenem Herzen betritt und dessen Schritte in der Welt deshalb noch fließender und verträumter sind als beim eher verschlossenen erwachsenen Menschen. Naturverbundenheit zeigt sich in fast allen Szenerien und spiegelt sich auch in der ständigen Begleitfigur des kleinen Schweinchens.

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Die Illustratorin benutzt eine dezente, sanftbunte Farbpalette, und sie jongliert mit Größenproportionen – so reist das Kind beispielsweise auf einer Seite in einer Nuß- schale übers Meer, und auf der nächsten Seite sitzt es bequem auf der Mondsichel und spielt mit den Sternen. Dies spiegelt anschaulich die Reichweite des Möglichen.

Dieses Bilderbuch wird vom Verlag ab dem Alter von vier Jahren empfohlen. Dem stimme ich zu, möchte aber ergänzen, daß sich diese vorbildliche Anregung zur Selbst- bestimmung und Selbstwirksamkeit auch noch gut für Jugendliche eignet, die sich dem Ende der Schulzeit nähern und sich für die nächste Lebensweichenstellung entscheiden müssen.

 

»Du bist du. So jemanden wie dich
hat es noch nie gegeben und wird
es auch nie mehr geben.
In dir steckt so viel.«

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://adrian-verlag.de/vielleicht-landing_page/

Eine weitere Besprechung aus mütterlicher Sicht gibt es bei Steffi auf LESENSLUST:
https://lesenslust.wordpress.com/2020/04/16/kinderfreuden-37-make-a-wish/

Der Autor:

»Kobi Yamada ist ein New York Times Bestsellerautor und CEO von Compendium, einem Unternehmen, wo besondere Menschen besondere Dinge kreieren. Kobi lebt glücklich mit der Liebe seines Lebens und ihren zwei superlustigen Kindern im Land des fliegenden Lachses. Dort entdeckt er jeden Tag unglaubliche Möglichkeiten. Er fragt sich oft, ob sein Leben vielleicht noch schöner ist, als er es sich je erträumt hat. «

Die Illustratorin:

»Gabriella Barouch ist eine Künstlerin, deren Arbeiten weltweit anerkannt sind. Ihr unverwechselbarer Stil kombiniert realistische Details mit magischen Elementen und Motiven auf eine ganz besondere Art. Dadurch spricht sie Menschen jeden Alters an. Gabriella lässt sich gerne von ihren gesammelten Vintage-Spielzeugen inspirieren und liebt es, an  viele verschiedene Ort zu reisen. Sie ist tief verbunden mit der Natur, vor allem mit Wäldern. „Vielleicht“ ist ihr erstes Bilderbuch.«

 

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Duette mit ihm

  • Über die Freundschaft mit einem Rotkelchen
  • von Alexandra Röhl
  • Verlag Freies Geistesleben 1968
  • 22. Auflage 2020   www.geistesleben.com
  • kartoniert
  • 103 Seiten
  • ISBN 978-3-7725-0564-5
  • 12,00 € (D), 12,40 € (A), 14,90 sFr.

E I N S T I M M U N G S F Ä H I G K E I T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Duette mit ihm“ ist schon ein etwas älteres Buch; die erste Auflage erschien im Jahre 1968. Gleichwohl ist die darin beschriebene Begegnung und freundschaftliche Annähe-rung zwischen Wildtier und Kulturmensch von zeitloser Qualität.

Die Autorin findet an einem Novembertag im Jahre 1957 am Straßenrand ein verletztes Rotkehlchen. Spontan nimmt sie es mit nach Hause, in ihr einsam gelegenes Waldhaus. Das Rotkehlchen hat eine Kopfprellung und einen gebrochenen Schenkel. Kurz erwägt die Autorin die Konsultation des Tierarztes, verwirft diesen Gedanken jedoch, da sie befürchtet, daß der lokale Landtierarzt nicht mit einem solch filigranen Patienten umzugehen wüßte.

Sie läßt den Vogel frei im Zimmer fliegen, und er sucht sich in der Fensterecke ein ver-stecktes Plätzchen. Eifrig bietet sie dem Vogel Mehlwürmer, Unkrautsamen und Regen-würmer an, doch zunächst bleibt er apathisch und stumm und fastet. Erst am dritten Tag fängt er an, jene Unkrautsamen, die in den Untersatz eines Blumentopfes gefallen und dort vom Wasser aufgequollen sind, zu fressen. Voller Zuneigung beobachtet die Autorin, wie das kleine Wesen wieder zu Kräften kommt, die „Zimmerlandschaft“ erkundet, interessiert aus dem Fenster schaut, mit dem Schnabel sein verletztes Bein „bearbeitet“ und auch aufmerksam und neugierig das menschliche Tun beäugt.

Mit Gefühl, Verstand und organisatorischer Umsicht richtet sie dem Rotkehlchen das Zimmer so artgemäß wie möglich ein, stellt einen abgedunkelten Badeplatz zu Ver- fügung und eine kleine Tanne als Schlafbaum. Sie beseitigt Gefahrenquellen, sogar ihren Tagesrhythmus paßt sie dem des Vogels an. Der Vogel wird zutraulicher, langsam heilt sein verletztes Bein, er fängt wieder an zu singen, und er lauscht gerne klassischer Musik aus dem Radio, ja, er fordert die Autorin sogar gelegentlich durch gezieltes Ansingen des Radios dazu auf, das Radio einzuschalten.

Nach und nach entwickelt sich eine wechselseitige, kommunikative Beziehung zwischen der Autorin und ihrem Rotkelchen. Die Autorin übt eifrig Pfeifen, um annähernd die Tonhöhe ihres gefiederten Gastes zu erreichen, und sie singen schließlich sogar u.a. die mozartsche Liedmelodie von „Reich mir die Hand, mein Leben“ im Duett miteinander.

Nach einem dreiviertel Jahr entläßt die Autorin den vollständig auskurierten Vogel in die Freiheit. Doch der kommunikative Kontakt bricht daraufhin zur Freude der Autorin keineswegs ab. Immer wieder wird sie draußen von ihrem Rotkelchen angesungen und besucht, auch zum Brüten kommt es in ihren Garten, und es „schimpft“, wenn Brenn- nesseln, deren Samen Rotkehlchen gerne fressen, gejätet oder wenn Holunderbeeren gepflückt werden, auf die das Rotkehlchen ebenfalls Appetit hat. Auch ihre eingeübten Duette singen sie immer wieder miteinander.

Neben den anrührenden Mensch-Vogel-Annäherungen und „Gesprächen“ ist bei diesem Bericht bemerkenswert, wie außerordentlich anpassungs- und lernwillig sich die Auto- rin an den Lebensbedürfnissen des Rotkehlchens orientiert und geradezu aufopferungs- voll ihrem kleinen Findling und seinem Wohlergehen dient. Der zärtliche Blick und die bewundernden Worte, welche die Autorin für jede kleine Lebensregung und Kontakt- aufnahme ihres Schützlings findet, zeugen anschaulich davon, wie bereichernd die mitfühlende Einstimmung auf ein anderes Wesen sein kann.

Das ebenso naturverbundene wie musikalische Buch „Duette mit ihm“ ist für alle Vogelliebhaber ein schönes und inspirierendes Geschenk.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.geistesleben.de/Wissenschaft-und-Lebenskunst/Naturwissenschaft/Duette-mit-ihm.html

 

Die Autorin:

»Alexandra Röhl wurde 1899 als Tochter eines Rittergutbesitzers in Friederikenruh (Ostpreußen) geboren. Sie studierte in Weimar Malerei und bekam auch bald Kontakt zum dortigen Bauhaus. Feininger, Klee, Schlemmer, Kandinsky gehörten zu ihren enge-ren Bekannten. Nach einigen Jahren Ehe mit Karl Peter Röhl machte sie eine Schneider-lehre, dann die Meisterprüfung und eröffnete am Kurfürstendamm in Berlin ein Mode-atelier, das bald zu hohem Renommee gelangte. Nach dem Krieg übersiedelte sie in die Nähe von Amorbach im Odenwald. Dort fand sie das Rotkehlchen, von dem sie im vor-liegenden Buch, ihrem ersten (1968), berichtet. Es folgte 1975 »Geflügelte über uns«, ihre Betrachtung über den Vogel in Mythos und Geschichte, Natur- und Geisteswissen-schaft. Zuletzt galt ihr Engagement dem Tierschutz, sie war eine erklärte Gegnerin von Tierversuchen. Alexandra Röhl starb 1976 in Buchen.«

 

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Das Evangelium der Aale

  • von Patrik Svensson
  • Hörbuch
  • ungekürzte Lesung von Johann von Bülow
  • Buchausgabe: Hanser Verlag 2020
  • Übersetzung von Hanna Granz
  • Der Audio Verlag DAV, Januar 2020  https://www.der-audio-verlag.de/
  • 1 mp3-CD in Pappklappschuber
  • Laufzeit: ca. 7 Stunden, 54 Minuten
  • 23,00 € (D), 25,80 € (A)
  • ISBN 978-3-7424-1379-6

AALFRAGEN,  AALANTWORTEN  UND  DAS  LEBEN  DAZWISCHEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Im Vergleich zu Delphinen, Walen oder Tintenfischen führen Aale in der allgemeinen naturliebhaberischen Aufmerksamkeit eher ein Schattendasein. Die Auditüre dieses Hörbuches wird dies allerdings schnell ändern und erstaunliche Einblicke in die außer- gewöhnliche Lebensweise einer nach wie vor nicht gänzlich erforschten Fischart ver- mitteln. Was wir heute über den Aal wissen, ist zwar viel, aber längst noch nicht alles.

Alle europäischen Aale stammen aus der Sargassosee. Die Sargassosee, die der Autor „als Meer im Meer“ beschreibt, ist ein Meer ohne Küsten, eingerahmt von mehreren großen Meeresströmungen, etwa 500 Millionen km² groß und stellenweise 7000 m tief und durchwachsen von großen Algenteppichen aus der Braunalge Sargassum.
  
Aale sind Virtuosen der Metamorphose und der Navigation. Als millimeterkleine, durch-sichtige Larven, die man Weidenblatt (1. Stadium) nennt, schlüpfen sie in der Sargasso-see, treiben mit der Meeresströmung zur europäischen Küste, die sie als sogenannte Glasaale (2. Stadium) erreichen. Von der Küste aus schwimmen sie in Binnengewässer, Flüsse, Seen, Teiche und Sümpfe, meistern den Wechsel  von Salz- zu Süßwasser und verwandeln sich in den Gelbaal (3. Stadium). Sie bleiben äußerst anpassungsfähig und standorttreu in dem Gewässer, das sie sich ausgesucht haben. In den ersten drei Stadien seines Lebens ist der Aal geschlechtslos.

Irgendwann nach zehn, zwanzig oder dreißig Jahren zieht es den Aal zurück in die Sargassosee, denn nur dort wird er sich fortpflanzen. Dies initiiert sein viertes und letztes Lebensstadium als Blankaal. Erst zum Zeitpunkt seiner vierten Metamorphose entwickelt sein Körper Geschlechtsorgane, das Verdauungssystem bildet sich zurück, die Hautfarbe ändert sich zu blauschwarzgrau, die Augen werden größer und wandeln ihre Farbe von schwarz zu blau, damit er auf seiner langen Reise zurück zu seinem Ursprung in der Tiefsee besser sehen kann.

Aristoteles glaubte, der Aal werde mit Hilfe von Regenwasser aus dem Schlamm geboren. Jahrhundertelang gaben die fehlenden Keimdrüsen des Aals jedem Natur- forscher Rätsel auf; sie konnten nicht ahnen, daß die Geschlechtsorgane im Stadium des Gelbaals einfach noch nicht vorhanden sind. Noch im 19. Jahrhundert sezierte der junge Zoologiestudent Sigmund Freud auf der Suche nach den Keimdrüsen dieses Fischs 400 Aale – eine vergebliche Mühe, aber auch eine köstliche Ironie des Schicksals, bedenkt man seine spätere Beschäftigung mit den psychologischen Untiefen menschlicher Geschlechtsidentität. 

1896 beobachteten die italienischen Forscher Giovanni Battista Grassi und Calandruccio zum ersten Mal die Verwandlung einer Weidenblattlarve in einen Glasaal. Nun erkannte man, daß die Weidenblattlarve keine eigenständige Fischart ist, sondern die Vorstufe des Glasaals, und daß der Aal offenbar durch den Atlantik „wandert“.

Erst dem dänischen Biologen Johannes Schmidt gelang es schließlich Anfang des zwan-zigsten Jahrhunderts, durch jahrelange, akribische Kartographierung der abnehmenden Körpergröße der Weidenblattlarven den Geburtsort der Aale in der Sargassosee zu lokalisieren.

Auch Literaten befaßten sich mit der geheimnisvollen Existenz und Wirkung des Aals, beispielsweise im Roman „Die Blechtrommel“ von  Günter Grass oder im Roman „Der Schaum der Tage“ von Boris Vian.

In Patrick Svenssons „Evangelium der Aale“ werden die bisherigen Erkenntnisse über den Aal und die manchmal abenteuerlichen Wege, die zu diesen Erkenntnissen geführt haben, ebenso spannend und vielschichtig wie wissensbereichernd dargestellt. Bei allen naturwissenschaftlichen Anekdoten und meßbaren Fakten zum Aal bleibt Raum für das unmittelbare Staunen angesichts eines Lebewesens, das sich so geschickt der menschlichen Kontrolle entzieht.

Jedem natur- oder kulturhistorischen Kapitel über die Erforschung oder Thematisierung des Aals folgt ein persönlich-biographisches Kapitel, in dem der Autor von seinen Kind-heitserinnerungen und den Aalfangerfahrungen mit seinem Vater erzählt. So ist die schrittweise Lösung der Rätsel, die der Aal aufgibt, verflochten mit Betrachtungen zur familiären Herkunft, zum sozialen Milieu, zu Erlebnissen von zwischenmenschlicher Nähe und Verbundenheit. Stimmungsvolle Naturbeschreibungen, eine detailreich-liebevolle Charakterisierung und Würdigung des Vaters und die hinterfragende Refle- xion kindlicher Wahrnehmungen vermitteln ein berührendes Lebensbild, durch das sich die theoretische und praktische Beschäftigung mit dem Aal als roter Faden schlängelt.

Johann von Bülow liest „Das Evangelium der Aale“ mit stimmlicher Klarheit, ruhiger Präsenz  und hörbarem Staunen.
 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:

Das Evangelium der Aale

Hier entlang zur Buchausgabe und LESEPORBE auf der Hanser-Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-evangelium-der-aale/978-3-446-26584-4/

Der Autor:

»Patrik Svensson, geboren 1972, ist an der schwedischen Aalküste aufgewachsen. Er studierte Sprachen und Literatur und arbeitet als Kulturjournalist. „Das Evangelium der Aale“ ist sein Debüt und löste schon vor Erscheinen einen internationalen Hype aus.«

Der Sprecher:

»Johann von Bülow, 1972 in München geboren, debütierte 1995 an der Seite von Franka Potente in 2Nach fünf im Urwald“. Darauf folgten zahlreiche Filmrollen, u.a. in „Elser“ und „Kokowäh“. Von Bülow ist zudem regelmäßig im Fernsehen zu sehen, z. B. in „Herr und Frau Bulle“ und „Mord mit Aussicht“. Für DAV las er zuletzt die „Subutex“-Trilogie von Virginie Despentes ein.«

 

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Algen

  • Ein Portrait
  • von Miek Zwamborn
  • Originaltitel: »Zeewier«
  • Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
  • mit farbigen Illustrationen von Falk Nordmann
  • Verlag Matthes & Seitz 2019, http://www.matthes-seitz-berlin.de
  • NATURKUNDEN Nr. 51 http://www.naturkunden.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Kleinoktav-Format: 12 x 18 cm
  • ISBN 978-3-95757-696-5
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)

Ü B E R L E B E N S K Ü N S T L E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Von den winzigen Kieselalgen, die einen „Großteil des Sauerstoffs in der Erdatmosphäre erzeugen“ (Seite 13), bis zu den riesigen Algenteppichen, aus der gold-braunen Algenart „Sargassum“, in denen sich in früheren Zeiten viele Schiffe buchstäblich verstrickten und die der Sargassosee ihren Namen gegeben haben, stellt uns die Autorin eine anschaulich-spannende Auswahl von Algen vor. 

Meeresalgen sind schon seit 1,7 Milliarden Jahren auf der Welt. Der botanisierende Mensch zählt sowohl die Mikro- als auch die Makroalgen zu den niederen Pflanzen. Algen finden sich in allen Klimazonen, und sie sind wahre Überlebenskünstler. Ausge- trocknete Algen lassen sich durch Bewässerung leicht reanimieren, was u.a. daran liegt, daß jede einzelne Zelle einer Alge sich autark mithilfe von Fotosynthese ernährt.   

Es gibt eine Grünalgenart (CCCryo 101-00), die nachweislich kosmische und ultraviolette Strahlung und das Vakuum im Weltall überlebt hat, da sie sechzehn Monate an der Außenseite der ISS mitgereist war. Aus den UV-Licht absorbierenden Pigmenten dieser Alge soll nun eine Sonnenschutzcreme für Menschen entwickelt werden.

Algen bieten vielen Meerestieren Nahrung und Schutz. Doch auch für Menschen sind Algen Nahrungsmittel und Heilmittel, sie eignen sich als natürlicher Dünger und als Tierfutter. Mischt man Algen unter das Viehfutter, so „mindert das den schädlichen Methanausstoß der Kühe“ (Seite 112). Manche Algenarten wie beispielswiese der Meer-salat eignen sich wegen ihrer großen Stickstoffbindekapazität zur Abwasserreinigung. Die Algenzucht könnte – regional und ökologisch betrieben – einige Probleme der Menschheit lösen, möglicherweise läßt sich sogar ein Kraftstoff aus Algen gewinnen.

Doch neben dem praktischen Algennutzen fehlt es der Autorin keineswegs an Bewun-derung und Achtung für die wellenwiegenden Wasserwesen. Sie berichtet von persön-lichen Tauchgängen und eigenen Beobachtungen, von Entdeckungsfreude, Sammellust, natürlicher Schönheit und Anmut.

Die sinnliche Farb- und Formenvielfalt der Algen findet Widerhall in künstlerischen Darstellungen vom Ausdruckstanz bis zu Stoffentwürfen. Wir finden hier Algengedichte, ja, sogar ein irisches Wiegenlied, in dem der irische Seetang den wiederkehrenden Refrain bildet.

Die Autorin berichtet vom filigranen Algenherbar der Algologin Eliza M. French (1809 – 1889) sowie vom ältesten Fotobuch der Welt, das mit erstaunlich lebendigen Cyano- typien von Algen aufwartet.

Botanische Erklärungen, historische und künstlerische Algenaspekte treffen sich in diesem Buch mit Hinweisen auf medizinische und kosmetische Verwendungsmöglich-keiten. Auch einige Algenkochrezepte, u.a. Pfeffertang-Joghurt, Knotentangbrot und Seejungfrauen-Konfetti, werden serviert.

Die Einzelporträts ausgewählter Algen (Federtang, Drahtalge, Meersalat, Trichteralge, Blasentang, Zuckertang, Fingertang, Sägetang, Purpurtang, Lappentang, Korallenmoos und Knorpeltang) beschreiben die botanischen Eigenschaften, den Nährstoffgehalt und kulinarische Verwendungsmöglichkeiten; so wird beispielsweise aus Knorpeltang das vegetarische Gelier- und Filtermittel Agar-Agar hergestellt. Ebenso botanisch-präzise wie künstlerisch-ästhetische Illustrationen von Falk Nordmann ergänzen und bereichern jede vorgestellte Algenart.

Und zum Abschluß kann ich hier wieder meinen lobeshymnischen Refrain zur buch- gestalterischen Materie der Reihe NATURKUNDEN singen. So ist auch der Band „Algen“ (NATURKUNDEN Nr. 51) aus schmeichelgriffigem Papier für Einband, Vorsatzblätter und Buchseiten hergestellt. Die Typographie ist satt und lesefreundlich, der Kopfschnitt und die Fadenheftung in dunkelgrün farblich fein abgestimmt mit der Farbgebung des Buch-einbandes, und die zahlreichen alten und neuen Illustrationen sind ebenso schön wie aussagekräftig.

Hier finden wir den harmonischen Einklang zwischen substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATURKUNDEN Standard ist. Da kommt Sammellust auf!

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der  Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/algen.html?lid=7

 

Die Autorin:

»Miek Zwamborn, geboren 1974 in Schiedam, ist bildende Künstlerin, Autorin und Übersetzerin von Arno Camenisch. Nach dem Studium der Bildenden Kunst in Amsterdam arbeitete sie 15 Jahre als Schleusenwärterin. Sie arbeitet und lebt auf der Isle of Mull, Schottland.«

Der Illustrator:

»Falk Nordmann, Zeichner und Illustrator, lebt und arbeitet in Berlin. Ab 2007 Umschlaggestaltungen und Autorenportraits, seit 2013 Tierillustrationen der Reihe Naturkunden für Matthes & Seitz Berlin.«

 

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Korallen

  • Ein Portrait
  • von Jutta Person
  • Verlag Matthes & Seitz, 2019 http://www.matthes-seitz-berlin.de
  • Naturkunden Nr. 50  www.naturkunden.de
  • Illustrationen: Falk Nordmann
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 192 Seiten
  • Kleinoktav-Format: 12 x 18 cm
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-95757-697-2

M E E R E S A R C H I T E K T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Jutta Persons Buch eröffnet einen weitverzweigten Blick in die Natur- und Kulturge-schichte der Korallen. Wir lernen Korallen kennen als Lebewesen, Sammel- und Schmuckobjekt, Amulett, Symbol sowie natürliches und schützenswertes Wunderwerk.

Die meisten Korallen gehören zu den sogenannten Blumentieren. Der äußere Körper besteht aus einem stabilen Kalkskelett, das von kleinen Korallenpolypen belebt wird, die des Nachts mit ihren Tentakeln Plankton und kleine Fische fangen und diese über ihr Schlundrohr in den Magen transportieren. Tagsüber ziehen sich diese Tentakel zurück, was erklärt, daß man lange Zeit den zoologischen Charakter der Korallen nicht erkannt hat.

So ordnete man sie zunächst seit der Antike den versteinerten Pflanzen bzw. Steinpflan-zen zu und hielt die Tentakel der Polypen für Blüten. Erst im 18. Jahrhundert entdeckte der Marseiller Naturforscher Jean-André Peyssonnel (1694 – 1758) die Korallenpolypen und „beförderte“ die Korallen vom Pflanzen- ins Tierreich.

Die rätselhafte Natur der Korallen förderte die Faszination, die sie auf den Menschen ausüben. Man betrachtete sie als Heil- und Schutzmittel und nutzte sie als Amulett. Als dekoratives Material für Gewandfibeln, Gürtel, Pferdegeschirre, Schwertgriffe und Schmuck fanden rote Edelkorallen seit der Eisenzeit Verwendung sogar in Landstrichen, die sich weit entfernt vom Meer befanden.

Der Betrachtungsbogen der Korallen-Kulturgeschichte spannt sich von weit vorchrist-lichen, mythologischen bis christlichen Traditionen der Wertschätzung von Korallen und der ihnen zugeschriebenen schützenden, heilenden und böse Kräfte abwehrenden Macht über den ikonographischen Farbtupfer der Korallen in religiösen Gemälden, wie beispiels-weise bei Piero della Francescas Gemälde „Madonna di Senigallia“ (um 1474), bis hin zu literarischen Huldigungen in Ovids Metamorphosen, bei Shakespeare, bei Jules Verne und in Joseph Roths Erzählung „Der Leviathan“, in dem ein Korallenhändler und seine innige Zuneigung zu Korallen das zentrale Thema sind.

Korallenriffe sind weltweit durch die Erhöhung der Meereswassertemperatur und die Versauerung der Ozeane gefährdet. Die rote Farbe der riffbildenden Steinkorallen ent-steht durch Symbiose mit Zooxanthellen. Diese Mikroalgen produzieren bei steigender Wassertemperatur Giftstoffe und werden daraufhin von den Korallen abgestoßen. Dies führt zum Farbverlust (Korallenbleiche) und zu einer schlechteren Energieversorgung der Korallen, die schließlich bei längerer Fortdauer der zu hohen Wassertemperatur ganz absterben.

Die Autorin nimmt uns bei ihren Tauchgängen mit in lebendige Korallenriffe und beschreibt diese faszinierenden Unterwasserwelten mit ansteckender und durchaus andächtiger Begeisterung für die kleinen Lebewesen, die ganze Meereslandschaften gestalten und als Kollektivwesen riesige Riffe bauen.

Hauptsächlich thematisiert Jutta Person die rote Edelkoralle (Corallium rubrum). In den zwölf Einzelportaits am Ende des Buches werden auch andere Korallenarten (u.a. Dädalus-Hirnkoralle, Tiefseegorgonie, Wunderkoralle) beschrieben und von Falk Nordmann anschaulich und ästhetisch illustriert. Die kultur- und naturgeschichtlichen Rückblenden werden mit entsprechenden zeitgenössischen Abbildungen garniert.

Dieses Buch ist ein animierendes Wissenskleinod, das neben inhaltlicher Vielfalt mit einem geistreich-anschmiegsamen, naturpoetischen und ge- legentlich schmunzlerischem Sprachstil aufwartet, der das Eintauchen in die Lektüre zu einem einladenden Vergnügen macht.

Und zum Abschluß kann ich hier wieder meinen lobeshymnischen Refrain zur buchge-stalterischen Materie der Reihe NATURKUNDEN singen. So ist auch der Band „Korallen“ (NATURKUNDEN Nr. 50) aus schmeichelgriffigem Papier für Einband, Vorsatzblätter und Buchseiten hergestellt. Die Typographie ist satt und lesefreundlich, der Kopfschnitt und die Fadenheftung in korallenrot sind farblich fein abgestimmt mit der Farbgebung des Bucheinbandes, und die zahlreichen alten und neuen Illustrationen sind ebenso schön wie aussagekräftig.

Hier finden wir den harmonischen Einklang zwischen substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATUR- KUNDEN Standard ist. Da kommt Sammellust auf!

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/korallen.html?lid=2

 

Die Autorin:

»Jutta Person ist Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Sie wurde 1971 in Südbaden geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Germanistik, Italianistik und Philosophie in Köln und Italien und promovierte mit einer Arbeit zur Geschichte der Physiognomik im 19. Jahrhundert. Sie schreibt für die Süddeutsche Zeitung, für Literaturen, Die Zeit und das Philosophie Magazin. Von 2004 bis 2007 war sie Redakteurin bei Literaturen, seit Oktober 2011 betreut sie das Ressort Bücher beim Philosophie Magazin. 2012 war sie Mitglied in der Jury des Deutschen Buchpreises. In der Reihe NATURKUNDEN hat sie 2013 das Portrait „Esel“ veröffentlicht. Sie lebt in Berlin.«

Der Illustrator:

»Falk Nordmann, Zeichner und Illustrator, lebt und arbeitet in Berlin. Ab 2007 Umschlaggestaltungen und Autorenportraits, seit 2013 Tierillustrationen der Reihe Naturkunden für Matthes & Seitz Berlin.«

 

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OZEANE

  • Die wunderbare Welt der Meere
  • Illustrationen von Hélène Druvert
  • Text von Emmanuelle Grundmann
  • Originaltitel: »Océan«
  • Übersetzung aus dem Französischen: Ursula Bachhausen
  • Gerstenberg Verlag, Juni 2019 www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 25,5 cm x 36,5 cm
  • 40 Seiten mit Ausklappseiten und Lasercut-Scherenschnitten
  • 26,00 € (D), 26,80 € (A), 33,40 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-6012-0
  • Sachbilderbuch ab 8 Jahren

E I N T A U C H E N

Sachbilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wenn Wissensvermittlung in solch attraktiver Verpackung angeboten wird wie im vor-liegenden Sachbilderbuch, dann können sogar Wissensmuffel angeregt werden, sich in ein Thema zu vertiefen, und Wissenswillige werden sich sowieso hellauf begeistert der hier aufzublätternden ozeanischen Lebenswelt widmen.

Die schönen Illustrationen und filigranen Scherenschnitte von Hélène Druvert sprechen den Betrachter ganz unmittelbar an und wecken andächtiges Staunen angesichts eines Lebensraumes, von dem wir meist nur einen kleinen Randbereich wie beispielsweise den Strand und die flachen Meeresuferzonen aus eigener sinnlicher Erfahrung kennen.

Die Scherenschnittseiten eröffnen eine zauberhafte räumliche Perspektive in die Unter-wasserwelt, und die teilweise sogar mehrschichtigen Aufklappseiten bieten der kind-lichen Entdeckerfreude und Neugier spielerischen Raum.

Illustration von Hélène Druvert © Gerstenberg Verlag 2019

Die Sachtexte informieren klar, komprimiert und konzentriert über die Entstehung der Ozeane, die unterschiedlichen Tiefenzonen (von der flachen, lichten Uferzone bis zur 6000 Meter tiefen dunklen Tiefseezone), über die Gezeiten, die Entstehung von Wellen, die Nahrungskette (vom Phytoplankton bis zum Hai), die Tarnstrategien von Fischen und Quallen, die Biolumineszenz von Lebewesen der Tiefseedunkelzone, den geheim- nisvollen, legendenumrankten Riesenkalmar, Korallenarten und den speziellen Lebens- raum Korallenriff, das Polarmeer, die Bedeutung der Ozeane als CO₂-Speicher, die Problematik der Wasserüberwärmung und die damit verbundene Erhöhung des Meeres-spiegels sowie die Wasserverschmutzung durch Erdöl, Schwermetalle und Plastik und über den Wasserkreislauf zwischen Land, Meer und Luft.

Illustration von Hélène Druvert © Gerstenberg Verlag 2019

Zahlreiche faszinierende Details hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. So erfahren wir beispielsweise, daß der weiße Sand auf tropischen Inseln von den Kalksteinpartikeln aus den Ausscheidungen des Papageifischs stammt, dessen Leibspeise Korallen sind.

Dieses großformatige, hochwertige Sachbilderbuch bietet ganzheitlich-komplexes, übersichtlich strukturiertes Wissen zum faszinierenden Lebensraum Ozean. Die ebenso biologisch-präzise wie künstlerisch-ästhetische Gestaltung – insbesondere die seitenüberlagernden, halb- transparenten Scherenschnittperspektiven und die vielen Auf- und Aus-klappseiten – sind ein Paradebeispiel für eine hervorragend gelungene analoge Bilderbuchanimation im Papierformat. 

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailkinderbuch&url_ISBN=9783836960120

Die Autorin:

»Emmanuelle Grundmann, geboren 1973 in Montreuil in Frankreich, ist Primatologin und forschte über Orang-Utnas auf Borneo. Sie ist häufig in Fernsehsendungen zu Gast und spricht dort über die Themen, die ihr besonders am Herzen liegen: Wald, Primaten, Artenvielfalt und Artensterben. Für „OZEANE – Die wunderbare Welt der Meere“ war sie beratend tätig.«

Die Illustratorin:

»Hélène Druvert, ausgebildete Textil-Designerin, ist seit ihrem Aschluss an der École Duperré, Paris, freiberuflich tätig. Sie lebt in Paris und im Baskenland, wi sie ihre Siebdruckwerkstatt hat. Perspektivische Scherenschnitte sind ein Schwerpunkt ihrer vielfältigen Tätigkeit. «

Querverweis:

Hier entlang zu Hélène Durverts Sachbilderbuch „Anatomie“, in dem sie die körperliche Struktur des Menschen anschaulich und amüsant mit Scherenschnitten dargestellt hat.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/07/29/anatomie/

 

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Offene See

  • Roman
  • von Benjamin Myers
  • Originaltitel: »The Offing«
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • DUMONT Verlag, März 2020 www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden mit Lesebändchen
  • 270 Seiten
  • ISBN 978-3-8321-8119-2

WORTE  BEWEGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der hochbetagte Schriftsteller Robert Appleyard schaut dankbar auf seinen bisherigen Lebensweg zurück. Er stammt aus einer einfachen Bergarbeiterfamilie, und es scheint ihm keineswegs in die Wiege gelegt zu sein, eines Tages Schriftsteller zu werden. Im Jahre 1946 nutzt der junge Robert die Wartezeit bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse seiner schulischen Abschlußprüfungen für eine Reise ans Meer. Seine Mutter packt ihm ein beschiedenes Proviantpaket und einen Waschlappen in den Rucksack, und Robert macht sich zu Fuß auf den Weg.

Lebensmittel sind in der Nachkriegszeit noch rationiert, und Robert muß sich sein Essen unterwegs als Tagelöhner erarbeiten. Seine Hilfsdienste werden durch die kriegsbeding-ten Männerverluste meist gerne angenommen und mit Kost und manchmal auch Logis vergolten. Es macht ihm jedoch nichts aus, mit seinem Schlafsack im Freien zu über-nachten, zwischen Hecken und Büschen und mit einem aus einer Plane improvisierten Zelt. Robert ist ein naturverbundener Mensch, der frische Luft und Weite schätzt, und er empfindet deutlich, daß er in der Natur seinem wahren Wesen näher ist. Die Aussicht, bald in die unvermeidlich erscheinenden Fußstapfen seines Vaters zu treten und ein anstrengendes, ewig kohlenstaubbedecktes Berufsleben unter Tage zu beginnen, gefällt ihm immer weniger.

In Yorkshire, nahe der Küste, führt ihn sein Weg zu einem Cottage, das oberhalb einer Meeresbucht gelegen ist, mit einer kleinen Terrasse, einem gepflegten Gemüse- und Blumengarten und einer stark verwilderten Wiese. Dort will Robert nach Wasser zum Auffüllen seiner geleerten Feldflasche fragen; zunächst wird er von einem wachsamen deutschen Schäferhund aufgehalten, bis eine hochgewachsene, agile ältere Dame den Hund zurückpfeift und Robert spontan zum Tee einlädt. So lernt er Dulcie Piper kennen.

Robert fragt, ob er für sie gartenpflegerische Arbeiten übernehmen könne und Dulcie erklärt, daß sie in Hinsicht auf die verwilderte Wiese durchaus Unterstützung durch junge Muskelkraft brauchen könne. So schlägt Robert sein Lager in Dulcies Garten auf. Dulcie verköstigt Robert selbstverständlich nicht nur mit Tee, sondern auch mit einem üppigen, selbstgekochten Abendessen und versetzt ihn mit ihrer außergewöhnlich gut, ja, für Nachkriegsverhältnisse geradezu luxuriös gefüllten Speisekammer in Erstaunen.

Während Robert sich in den folgenden Tagen mit dem Gelände vertraut macht und mit einer Sense die Wiese mäht, entdeckt er ein kleines, hübsches, allerdings sehr repara-turbedürftiges Atelier. Er fragt Dulcie, ob er es instandsetzen solle, weil es doch schade sei, es verfallen zu lassen. Nach kurzem Zögern stimmt Dulcie zu, und so verlängert sich sein Aufenthalt bei Dulcie um viele Wochen.

Robert und Dulcie führen bei den gemeinsamen Mahlzeiten und Teepausen lange Ge-spräche. Anfangs ist Dulcie dabei zwar deutlich eloquenter und forscher, lockert jedoch nach und nach Roberts Schüchternheit. Sie behandelt Robert freundlich-zugewandt und beeindruckt ihn mit ihrer unkonventionellen Art, ihrem Humor und ihren für ihn neuen Betrachtungsweisen von Familie, Freiheit, Freundschaft, Gesellschaft, Internationalität, Politik und Religion. Sie teilt ihr Wissen über Geschichte, Kunst und Literatur mit Robert und gibt ihm Bücher zum Lesen.

Seiner Sehnsucht nach dem Meer kann Robert beiläufig ebenfalls nachgehen. Doch er bemerkt, daß Dulcie einen Groll gegen das Meer hegt, denn immer wenn er einen Ausflug zum Strand macht und beglückt vom Schwimmen zurückkehrt, reagiert sie entgegen ihrer sonstigen Herzlichkeit etwas unwirsch.

Beim Aus- und Aufräumen des Ateliers findet Robert in einem Aktenkoffer ein maschinenschriftliches Manuskript mit Gedichten von einer Romy Landau, das Dulcie gewidmet ist. Er liest diese Gedichte, und sie berühren ihn, obwohl er sie nicht ganz versteht und ihm manche Worte unbekannt sind. Dennoch erkennt und erspürt er, wie bereichernd und lebendig – entgegen der trockenen Leseerfahrungen aus dem Schul- unterricht – Poesie sein kann. Robert liest nicht bloß Romy Landaus Gedichte, sondern er atmet sie durch die wieder und wieder wiederholte Lektüre gewissermaßen ein und aus.

„In dem Moment entfalteten sich neue Gefühle von Verwirrung und Neugier in mir, vor allem jedoch ein überwältigendes, mächtiges Bewusstsein für den Raum, diesen Raum im Hier und Jetzt, als wären die Wörter über die Seite gekrochen und vom Papier ge- fallen und hätten mich umschlungen wie Ranken, die mich zurück in das Gedicht zogen, sodass die erdachten Zeilen und die reale Welt irgendwie zu einem tieferen Porträt von Land und Meer verschmolzen.“ (Seite 148)

Robert spricht Dulcie auf das Manuskript an und fragt, ob sie es gelesen habe. Dulcie reagiert sehr aufgewühlt und beschließt, Robert bei einigen Kannen Tee von der Autorin dieser Gedichte zu erzählen.

Romy Landau war eine deutsche Exildichterin, die in den 30er-Jahren nach England emigrierte, und sie war Dulcies Freundin und Lebensgefährtin. Das Atelier hatte Dulcie für sie errichten lassen, damit sie sich dort in ungestörter Zurückgezogenheit von ihren anstrengenden Lesereisen erholen konnte. Zunächst wurde Romys Werk in England von der Literaturkritik hoch gelobt, doch mit Fortschreiten des Zweiten Weltkrieges wurde sie nicht mehr als Poetin wahrgenommen, sondern als „böse“ Deutsche, und die gleichen Kritiker, die sie zuvor gepriesen hatten, beargwöhnten sie nun. Dies und die fortgesetzt schrecklichen Geschehnisse in ihrer Heimat lösten bei Romy eine solche Sinnkrise aus, daß sie ins Meer hinausschwamm und ertrank. Zurück blieben das vollendete Manuskript und eine verlassene Dulcie, die sich bisher nicht überwinden konnte, die ihr gewidmeten Gedichte zu lesen.

Dulcie tut es sichtlich gut, von ihrem tragischen Verlust und ihrer Trauer sprechen zu können. Robert erklärt Dulcie teilnahmsvoll, wie wertvoll und ansprechend er Romys Gedichte finde, und daraufhin bittet Dulcie Robert, ihr von nun an jeden Abend ein Gedicht vorzulesen. In kleinen Portionen könne sie wohl inzwischen den Schmerz und die Schönheit dieser Poesie verkraften. Dies entpuppt sich als heilsame Entscheidung, weil sich nämlich zwischen den Zeilen eines dieser Gedichte eine wichtige, erlösende und tröstliche Botschaft für Dulcie verbirgt.

Die schicksalhafte Begegnung zwischen Robert und Dulcie führt Robert zu einer gänzlich anderen Lebensweichenstellung, für Dulcie bringt sie ein konstruktives Loslassen und für beide eine lebenslange Freundschaft.

Dieser Roman erfreut mit leise-eindringlichen, naturpoetischen Beschrei- bungen und mit feingezeichneten, herzhaften, sinnlich-greifbaren Charak- teren. Es ist eine Freude mitzuerlesen, wie Dulcie Robert nicht nur genüßlich-kulinarisch nährt, sondern auch seinen aufgeschlossenen Geist mit vielfältigen Anregungen und Ermutigungen füttert, die unvermeidlich seinen Horizont erweitern und ihn zu neuem Selbstausdruck finden lassen.

In besonderer Weise zeichnet sich dieser Roman durch die intensive Dar- stellung von Poesie als Lebenskraft aus. Er zeigt eindrucksvoll, einfühlsam und sehr atmosphärisch, welch magische Erweckungswirkung Poesie auf einen offenen Geist und ein empfindsames Herz haben kann.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dumont-buchverlag.de/buch/myers-offene-see-9783832181192/

Hier entlang zu einer weiteren Buchbesprechung von Hauke Harder vom Blog „LESESCHATZ“: https://leseschatz.com/2020/03/30/benjamin-myers-offene-see/

 

Der Autor:

»Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.«

Die Hörbuchausgabe ist im April 2020 bei DAV erschienen:

Offene See                                                                                                                             
Roman
von Bejamin Myers
NDR Kultur/ungekürzte Lesung mit Manfred Zapatka
1-mp3-CD
Länge: 8 Stunden, 37 Min.
20,00 € (D), 22,50 € (A)
Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:

Offene See

 

 

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