Magnus und der Nachtlöwe

  • Bilderbuch
  • Text und Illustration von Sanne Dufft
  • Verlag Urachhaus  März 2017  www.urachhaus.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 32 Seiten
  • Format: 21 x 23,5 cm
  • 13,90 € (D), 14,30 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-5113-3
  • ab 4 Jahren

LÖWE  UND  SCHWERT

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Manchmal können symbolische Requisiten Kindern dabei helfen, der Angst mit Mut zu begegnen.

Der kleine Magnus hat einen Hut und ein Schwert, und tagsüber fühlt er sich damit groß und mutig, ja, während seiner Ritterspiele, sogar übermütig. Doch ein nächtlicher Albtraum, in dem ihm im dunklen Wald ein übergroßer Räuber sein Schwert und seinen Hut stehlen will, dämpft seine ritterliche Verwegenheit beträchtlich. Mamas liebevolle Umarmung und ihre beruhigenden Worte spenden Magnus Trost, dennoch ist er ziemlich verzagt.

Illustration Sanne Dufft © Verlag Urachhaus 2017

Am nächsten Tag schenkt ihm seine Großmutter einen Stofftierlöwen und sagt: „Weißt du, manchmal braucht man einen Löwen. Besonders wenn es dunkel ist.“ Magnus freut sich über dieses Überraschungsgeschenk und spielt den ganzen Tag mit dem kleinen Stofftier.

Illustration Sanne Dufft © Verlag Urachhaus 2017

Abends kuschelt er sich mit seinem Löwen ins Bett, und als die Angst vor dunklen nächtlichen Gestalten wiederkommt, ist Magnus nicht mehr alleine, und sein Löwe ist so groß geworden, daß er auf ihm reiten kann. Gemeinsam stellen sie sich der Gefahr und schlagen den Räuber in die Flucht.

Illustration Sanne Dufft © Verlag Urachhaus 2017

Hut und Schwert haben nicht ausgedient, aber der Löwe steckt Magnus am stärksten mit Mut an, und selbst die Dunkelheit schreckt ihn nun nicht mehr.

Illustration Sanne Dufft © Verlag Urachhaus 2017

Die einfühlsamen Illustrationen und die einfachen, kurzen Begleittexte von Sanne Dufft inszenieren die Handlung und die Gefühlsregungen auf alltäglich anschauliche Weise und bieten Kindern breiten Identifikationsspielraum.

Angst vor der Nacht, vor Dunkelheit und vor phantasierten, bedrohlichen Figuren kennt wohl fast jedes Kind. Mit diesem Bilderbuch können Kinder dazu angeregt werden, die Richtung ihrer Vorstellungskraft zu beeinflussen. Sie können von beängstigenden Vorstellungen zu ermutigenden Vorstellungen wechseln. Wenn es dazu der Unterstützung durch ein „magisches“ Stofftier bedarf, so läßt sich dies leicht herbeizaubern.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825151133/magnus-und-der-nachtloewe

 

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Sanne Dufft, geboren 1974, absolvierte in Glencraig, Nordirland, eine Ausbildung zur Heilpädagogin. Anschließend studierte sie Diplom-Kunsttherapie in Nürtingen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Tübingen. Ihr Debüt Der Sandelefant wurde bereits in mehrere Sprachen übersetzt.«

Querverweis:

Hier geht es zu Sanne Duffts erstem Bilderbuch „Der Sandelefant“, in dem die Macht der Phantasie ebenfalls eine tragende Rolle spielt:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/26/der-sandelefant/

Was ist das?

  • Ein Spiel- und Ratebuch
  • Antje Damm
  • Pappbilderbuch
  • Gerstenberg Verlag  4. Auflage Januar 2017  http://www.gerstenberg-verlag.de
  • 48 Seiten
  • Format: 15 x 15 cm
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A), 13,30 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5231-6
  • ab 2 Jahren

W A N D E L B A R

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Auf der ersten Seite sehen wir zwei schlanke Möhrchen; drehen wir die Seite um, sehen wir einen in Kreide hinzugezeichneten Hasen, und die Möhrchen sind jetzt seine Öhrchen.

So geht es von Seite zu Seite, von Verwandlung zu Verwandlung. Die Überraschung gelingt gänzlich ohne Worte und ist dabei eine amüsante Schule des Sehens.

Bildgestalterische Mischtechniken sind Antje Damms Spezialität. Sie kombiniert und arrangiert alltägliche Gegenstände mit ergänzenden Zeichnungen, diversen Bastel- und Naturmaterialien und verwandelt solcherart einen Gartenschlauch in eine Schlange,  eine grüne Wäscheklammer in ein Krokodil, ein Brötchen in eine Schildkröte, eine Gemüsebürste in einen Igel, bunte Bonbons in Käfer, ein Wollknäuel in ein Schaf usw.

Illustration Antje Damm © Gerstenberg Verlag 2017

Illustration Antje Damm © Gerstenberg Verlag 2017

Kinder werden mit diesem Bilderbuch dazu angeregt, neugierig mitzuraten, Dinge neu, anders und in ungewohnten Verbindungen zu erkennen sowie das verborgene „Leben“ einer Form oder Struktur spielerisch weiterzudenken. Vielleicht bekommen sie sogar Lust, selber solche Bilderrätsel herzustellen.

Dank der übersichtlichen Darstellungsweise, der dicken Pappseiten und dem handlichen Format ist „Was ist das?“ ein Bilderbuch, mit dem schon kleine Kinder ab zwei Jahren vergnüglich die inszenierten Verwandlungen betrachten und „beraten“ können.

Ich will bloß hoffen, daß sich meine Zahnbürste gleich nicht in einen Tausendfüßler verwandelt – indes, Sie merken jetzt schon, daß die Beschäftigung mit solchen Büchern nicht nur bei Kindern ganz schön die Phantasie anregt …

 

Querverweis:

Hier sind weitere Kinder- und Bilderbücher von Antje Damm zu bewundern:

Der Besuch
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/06/der-besuch/
Frag mich!
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/13/frag-mich/
Hasenbrote
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/17/hasenbrote/
Regenwurmtage
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/10/regenwurmtage/

 

Die Autorin:

«Antje Damm wurde in Wiesbaden geboren. Sie studierte Architektur in Darmstadt und Florenz und lebt heute mit ihrer Familie, ihrem Mann und vier Kindern, in der  Nähe von Gießen. Nach den Geburten ihrer ersten beiden Töchter begann sie mit dem Schreiben und Zeichnen von Bilderbüchern und ist damit außerordentlich erfolgreich.«

Tanz Jerusalem!

  • Unsere Lieder auf Deinen Lippen
  • Musik: Ensemble Noisten
  • Texte: Meister Eckhart, Rumi, Martin Buber u.a.
  • gelesen von Nina Hoger & Felix von Manteuffel
  • Textauswahl: Claus Schmidt
  • Griot Hörverlag  März 2017    www.griot-verlag.de
  • 1 CD in Pappklappschuber
  • 20seitiges CD-Begleitheft
  • Spielzeit: 75 Minuten
  • 19,80 € (D), 20,00 € (A), 31,50 sFr.
  • ISBN 978-3-95998-015-9

VIELSAITIGER  TRIALOG!

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mystik und Musik haben sich schon immer wechselseitig inspiriert. Die Mystiker, gleich welcher religiösen Tradition sie entstammten, wuchsen mit ihrer geistig-seelischen Flügelspannweiter stets über die Beschränktheit der dogmatischen Religionsriten und Regeln weit hinaus, wobei sie meist von der orthodoxen Religion nicht gern gesehen und gehört wurden.

Den Musikern des Ensemble Noisten und den Textsprechern Nina Hoger und Felix von Manteuffel gelingt mit der CD „Tanz Jerusalem!“ eine anregende, abwechslungsreich-harmonische Kombination aus christlicher, islamischer und jüdischer Musik im Zusammenspiel mit Zitaten mystischer Meister aus den drei abrahamitischen Weltreligionen. Die hier zitierten Mystiker vertreten ein spirituelles Menschen- und Gottesbild, das keineswegs fundamentalistisch ist, sondern überaus herzensweit, gütig und bisweilen ausgesprochen schelmisch.

Eröffnet wird der Reigen beschwingt mit MOSHES FREYLACH, einer fröhlichen (frylekher), traditionellen jiddischen Gruppentanzmusik. Sodann folgt je ein Text von Meister Eckhart, Rumi und Martin Buber.

Die Vielsaitigkeit der musikalischen Wurzeln ertönt in den Instrumenten und Melodien. Wir hören Orgel, Kontrabaß, Tabla, Genjira, Gaddam, Djembe, Darbuka, Gitarre, Bouzouki, Klarinette, Baßklarinette und Ney, die arabisch-türkisch-persische Bambusflöte.

So wechseln sich Klezmer-Klänge, Sufi-Ney-Klänge und Bach-Choräle sowie tiefsinnige, mystische Gedanken, Erkenntnisse und Gleichnisse ausgewogen ab.

Die Textauswahl von Claus Schmidt offenbart große Gemeinsamkeiten und kleine Unterschiede zwischen den zitierten Mystikern; oft gibt es deutliche philosophische Parallelen, gelegentlich Variationen, meist inhaltliche Harmonie. Die Einsichten und Betrachtungs-weisen ergänzen und verbinden sich, die Einheit in der Vielheit läßt sich ahnen.

Mein nachfolgend zitiertes Lieblingsbeispiel von Daniel Lifschitz möge als pars pro toto für alle Texte auf dieser CD sprechen:

»Rabbi Moshe von Kobryn besuchte einmal seinen Freund … Der führte ihm sein Söhnchen Abraham Jakob vor, damit der Rabbi Moshe es segne.
Als sich der Kobryner von der Klugheit des Jungen überzeugt hatte, küßte er ihn und reichte ihm einen Rubel: „Sag mir dafür, wo Gott wohnt.“
Abraham antwortete: „Ich gebe zwei Rubel, wenn du mir sagst, wo Gott nicht wohnt.“«

Nina Hoger und Felix von Manteuffel tragen die Texte wohlakzentuiert vor und lassen sie in stimmungsvoller Empfindungsbandbreite lebhaft, gelassen, heiter, meditativ, poetisch und weise erklingen.

Das 20seitige CD-Begleitheft ist sehr zusatzinformativ und stellt kurz und prägnant die zitierten Mystiker, die verwendeten musikalischen Traditionen, das Ensemble  Noisten und die beiden Gastmusiker Murat Çakmaz (NEY) und Robert Mäuser (ORGEL) vor.

„Tanz Jerusalem!“ bietet dem geneigten Lauscher eine interkulturell-spirituelle Auditüre, deren Echo noch lange in Herz und Geist nachklingt.

 

Hier entlang zur CD und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
http://griot-verlag.de

Die Tournee des Ensemble Noisten mit Nina Hoger begann am 26.03.2017 in Köln.

Am 10.09.2017 um 18.00 Uhr tritt das Ensemble Noisten in Wuppertal auf.

Stadthalle Wuppertal
Im Rahmen der Wuppertaler Orgelakzente
Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel
www.stadthalle.de

Am 04.11.2017  um 20.00 Uhr tritt das Ensemble Noisten in Krefeld auf.

Friedenskirche
Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel
www.friedenskirche-krefeld.de

Hier geht es zur Webseite des Ensemble Noisten, wo Sie sich über weitere Konzerttermine informieren können: http://www.ensemble-noisten.de/

 

Querverweis:

Vom Ensemble Noisten gibt es zudem eine klezmer-musikalisch begleitete  Vertonung von Else Lasker-Schüler Gedichten, Prosatexten, Briefen und biographischen Eckdaten, gelesen von Nina Hoger.

Else Lasker-Schüler
Tiefer beugen sich die Sterne
1 CD, Spielzeit: 72 Minuten
19,80 € (D), 20,00 € (A), 31,90 sFr.
ISBN  3-78-3-941234-00-0

Hier entlang zur CD auf der Griot-Verlagswebseite:
http://griot-verlag.de/tiefer-beugen-sich-die-sterne.html

Der Galgen von Tyburn

  • Band 6 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »The Hanging Tree«
  • Deutsch von Christine Blum
  • DTV Verlag  Mai 2017    www.dtv.de
  • 416 Seiten
  • 10,95 € (D), 11,30 € (A), 15,50 sFr.
  • ISBN 978-3-423-21668-5

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  NR. 6

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Polizeiarbeit ist gefährlich. Polizeiarbeit in Kombination mit Magie ist vielleicht noch gefährlicher, jedenfalls wenn der kriminelle Gegner ebenfalls magische Fähigkeiten mitbringt.

Für diejenigen, die hier zum ersten Male von Police Constable Peter Grant lesen, erlaube ich mir einen freundlichen Hinweis auf meine ausführliche Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Ansonsten genügt es zu wissen, daß die Metropolitan Police von London neben all den normalerweise üblichen kriminalistischen Abteilungen auch über eine spezielle Abteilung für magieverdächtige Verbrechen verfügt. Diese befindet sich in einem separaten Gebäude, dem altehrwürdigen Folly. Detective  Chief Inspector Thomas Nightingale führt diese Abteilung für „abstrusen Scheiß“, wie die anderen Abteilungsleiter gerne abfällig witzeln, und Peter Grant befindet sich in der Ausbildung zum Zauberpolizisten, da seine natürliche Begabung für Magie ihn dafür prädestiniert.

Das Kollegium wird ergänzt durch den Kryptopathologen Dr. Walid und seine Assistentin Dr. Jennifer Vaughan. Neben dem ernsthaften Studium der Magie gehören lebhafte Kontakte zu allerlei magischen und halbmagischen Wesen, der sogenannten Demimonde, sowie zu diversen Naturgöttern und -Göttinnen zum Alltag von Peter Grant und Thomas Nightingale.

Erzfeind ist seit dem ersten Band der sogenannte „Gesichtslose“, ein ethisch-fragwürdiger Magier, der beiläufig im vierten Band (»Der Böse Ort«) die einstige Kollegin Peters, Lesley May, auf seine Seite der Macht gezogen hat – ein Verrat und Verlust, der Peter schwer getroffen hat.

Peter ist mit einer sehr attraktiven Flußgöttin, Beverly Brook, liiert, die ihrerseits die jüngere Schwester der Flußgöttin Lady Tyburn ist, die wiederum Peter einst im dritten Band (»Ein Wispern unter Baker Street«) das Leben gerettet hat. Diese unsterblichen Flußgöttinnen haben ganz und gar menschliche und sehr attraktive Gestalt, aber durchaus elementare magische Fähigkeiten, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Und wenn sie einem das Leben gerettet haben, schuldet man ihnen einen Gefallen als Ausgleich.

Peter Grant hat stets einen scharfen sozioarchitektonischen Blickwinkel auf die Stadtentwicklung Londons. Diesmal führen ihn seine Ermittlungen in die Immobilie Hyde Park Nummer Eins, der er „die Eleganz und den Charme eines Kopiergeräts“
(Seite 14) attestiert. In einer dieser „teuersten Wohnungen Großbritanniens“ kam eine Jugendliche durch eine Drogenüberdosis zu Tode.

Eine Gruppe reicher, verwöhnter Jugendlicher hatte sich illegal Zutritt zu einer ungenutzten Wohnung in Hyde Park Nummer Eins verschafft und dort ein bißchen Party gemacht. Leider hatte ein Dealer den Jugendlichen anstelle von Ecstasy sogenannte Magic Babas verkauft, die einen stärkeren Wirkstoff enthalten, der jedoch langsamer wirkt und deshalb immer wieder zu tödlichen Überdosierungen führt, da der Nutzer meint, die erste Pille sei ein wirkungsloser Blindgänger gewesen.

Ausgerechnet Lady Tys Tochter Olivia ist in diesen Fall verwickelt, da sie ebenfalls Gast auf dieser Party war, und Peter soll sie nach Lady Tys Wunsch aus den Ermittlungen heraushalten. Das gestaltet sich schwierig, weil die Personalien längst aktenkundig sind und Olivia auch noch freiwillig gesteht, daß sie ahnungslos diese Drogen gekauft habe.

Peter sitzt mal wieder zwischen den Stühlen und versucht so diplomatisch wie nur möglich, etwas mehr Licht in den Fall zu bringen. Außerdem sind Peter und Nightingale auf der Suche nach einem gestohlenen magisch-alchemistischen Buch (die dritte Principia), das keinesfalls in die falschen Hände gelangen darf. Reynard Foxman, ein „anthropomorphes Fabelwesen“, will dieses Buch verkaufen und trickstert auch sonst noch lebhaft durch die Geschichte.

Schneller als ihnen lieb ist, sind auch andere magisch bewanderte Menschen auf der Jagd nach diesem geheimnisvollen Buch. Eine Gruppe vierschrötiger Amerikaner und eine der Heilkunst verschriebene Hexe, Lady Helena, und ihre fliegende Hexentochter bemühen sich nach allen Regeln der magischen Kunst, die dritte Principia, die vom Geheimnis des ewigen Lebens handelt, in ihren Besitz zu bringen.

Der Gesichtslose steht in unvermutet naher Beziehung zum Opfer der Drogenüberdosis und sucht auf seine rücksichtslose Weise nach dem Drogendealer. Olivia erweist sich als unschuldig, enthüllt jedoch überraschende Beziehungsdynamiken.

Im Verlauf der Ermittlungen muß Peter sogar gegen Lesley kämpfen, die nicht nur ihr Gesicht –  verdächtig feenhäutig verschönert – zurückbekommen, sondern auch ihre Zauberkampfkünste durchaus verfeinert hat, während es Nightingale und Lady Helena mit dem Gesichtslosen aufnehmen. Dabei werden ein Kaufhaus, ein Parkhaus voller Luxuskarossen und einige Häuser demoliert.

Wer das Alchemie-Buch schließlich bekommt, sei hier nicht verraten. Lesley und der Gesichtslose tauchen unter, und Peter hat ein sehr ernstes, aber versöhnliches Gespräch mit Lady Ty …

Dieser sechste Fall mit dem attraktiven, sinnlich-übersinnlichen Peter Grant ist unterhaltsam, spannend und skurril, aber er erreicht nicht die spritzig-witzige, detailverliebte, quecksilbrige Lesemagie und Stringenz der Vorgängerbände.

Zu viele Zauberkundige verderben die klare Linie, zu viele Anspielungen auf die vorherigen Fälle machen den Handlungsverlauf zähflüssig und diffus. Im übrigen sind die magischen Spezialeffekte bescheiden und die witzigen Dialoge etwas eingerostet. Sehr viele Fragen bleiben offen, als wäre der sechste Band das Vorwort für den siebten …

Gleichwohl kündige ich deshalb Ben Aaronovitch gewiß nicht die Lesetreue. Ich gehe zuversichtlich davon aus, daß sich die Inspiration des Autors bis zum siebten Band wieder erholt.


Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:

https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-galgen-von-tyburn-21668/
Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis zudem eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde  in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane  oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie  DOCTOR WHO verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

 

Hier geht es chronologisch geordnet zu meinen Besprechungen der ersten fünf Peter-Grant-Krimis:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

 

 

Ramas Flucht

  • Bilderbuch
  • Bilder von Nizar Ali Badr
  • Text von Margriet Ruurs
  • Arabischer Text von Falah Raheem
  • Originaltitel »Stepping Stones. A Refugee Family’s Journey«
  • Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günter
  • Deutsch-arabische Ausgabe
  • Gerstenberg Verlag  Januar 2017    http://www.gerstenberg-verlag.de
  • Format: 18,5 x 24 cm
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 48 Seiten
  • ISBN 978-3-8369-5973-5
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 16,90 sFr.
  • ab 4 Jahren

DIE  STIMMEN  DER  STEINE

Bilderbuchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

„Ramas Flucht“ ist ein Bilderbuch, das Steine sprechen läßt, den Horizont weitet, das Herz öffnet.

Der syrische Bildhauer Nizar Ali Badr hat für die Geschichte von Ramas Flucht Steincollagen gelegt, deren tiefe, elementare  Ausdruckskraft überrascht und beein-druckt. Seine Bildkompositionen aus einfachen Kieselsteinen sind erstaunlich beredt.
Die menschlichen Figuren strahlen durch ihre steinerne Körpersprache sehr differenziert bewegte und bewegende Gefühle aus, und an manchen Stellen bringt Nizar Ali Badr sogar Steine zum Blühen.

Rama erzählt vom glücklichen Lebensalltag ihrer Familie, der Vater arbeitet auf dem Feld, der Großvater geht fischen und erzählt abends unter dem häuslichen Orangenbaum von den Ahnen, die Mutter näht und kocht, die Kinder spielen fröhlich miteinander, man kauft auf dem Markt ein, und man trinkt gelegentlich Tee mit den Nachbarn und plaudert.

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Dann kommt der Krieg, Bomben fallen, Lebensmittel werden knapp, die ersten Nachbarn verlassen das Dorf, die Abschiede und Verluste häufen sich, die Angst wächst, und schließlich flieht auch Ramas Familie vor Gewalt und Unfreiheit.

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Die Mühsalen, Gefahren und Schmerzen der Flucht zu Land und zu Meer werden beschrieben, aber auch die Hoffnung auf ein anderes Leben an einem Ort, an dem Frieden herrscht. Ramas Familie findet ein neues Zuhause und Menschen, die ihnen helfen …

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Die Autorin Margriet Ruurs hat für Ramas Geschichte einen feinen, leise-eindringlichen, poetischen und zugleich präzisen Tonfall gefunden, der wunderbar mit der empfindsamen Kraft der Steinbilder harmoniert. Der Text erscheint zudem zweisprachig auf Deutsch und Arabisch.

Dieses außergewöhnliche Bilderbuch wird dem Anspruch gerecht, den es mit dem vorangestellten Zitat von Albert Einstein erhebt:

„Frieden kann nicht durch Gewalt erhalten werden.
Er kann nur durch Verständnis erreicht werden.“

„Ramas Flucht“ eignet sich hervorragend, um Kindern das Thema Flucht begreifbar und verständlich zu machen. Die Stein-Collagen sind anrührend und ergreifend, aber nicht abschreckend wie beispielsweise Nachrichtenfotos. Außerdem ist diese Art der Bildgestaltung auch eine kreative Anregung für den Kunstunterricht und/oder für therapeutische Ausdrucksformen – insbesondere für Kinder, die selbst Fluchterfahrungen hinter sich haben.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836959735&highlight=ramas+flucht

 

PS:
Die außergewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Nizar Ali Badr und Margriet Ruurs ist ein schönes Beispiel für die Überwindung von Grenzen. Margriet Ruurs entdeckte die kunstvollen Steinbilder Nizar Ali Badrs im Internet und wollte eine Geschichte dazu schreiben. Sie bemühte sich geduldig um Kontakt. Nach einigen Umwegen und vermittels eines englischsprachigen Freundes des syrischen Künstlers konnte dieses Buchprojekt schließlich verwirklicht werden.

PPS:
Auf Karins Sternschnuppen-Blog finden sich drei kurze, sehenswerte YouTube-Filme über die Arbeiten von Nizar Ali Badr:
https://11sternschnuppe11.wordpress.com/2017/07/25/pictures-of-the-east/

PPPS:
Gerne reihe ich auch diese Bilderbuchbesprechung in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

Der Illustrator:

»Nizar Ali Badr, geboren 1964 in Latakia, Syrien, lebt auch heute noch in der syrischen Hafenstadt. Er ist Künstler und Bildhauer. Badr sammelt Steine in der näheren Umgebung, aus denen er im Atelier auf dem Dach seines Hauses eindrucksvolle Kunstwerke schafft.«

Die Autorin:

»Margriet Ruurs, geboren 1952 in den Niederlanden, lebt schon lange in Kanada. Sie schreibt Gedichte, Bilder-, Sach- und Schulbücher. Heute wohnt sie auf Saltspring Island, einer kleinen Insel im Pazifik, wo sie ein Bed & Breakfast für Buchliebhaber betreibt.«

 

 

Der Wunderkasten

  • von Rafik Schami
  • mit Bildern von Peter Knorr
  • Bilderbuch Sonderausgabe
  • Edition Bracklo 2017    www.edition-bracklo.de
  • in rotes Leinen gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 27,9 × 19,5 × 1,0 cm
  • 52 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 29,80 €
  • ISBN 978-3-9817443-2-3
  • ab 6 Jahren

MULTIMEDIA  DES  HERZENS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das orientalische Geschichtenerzählen ist eine alte Kunst, die Rafik Schami bereits seit Jahrzehnten gekonnt und warmherzig nach Deutschland und in die Gegenwart transportiert. „Der Wunderkasten“ erschien zum ersten Mal im Jahr 1990 im Verlag Beltz & Gelberg. In diesem Jahr präsentiert uns die Edition Bracklo eine luxuriöse Sonderaus-gabe in edler, bordeauxroter Leinenbindung und mit neuen Illustrationen von Peter Knorr.

Rafik Schami erzählt, wie er als Kind voller Hingabe und Verzauberung dem alten Geschichtenerzähler lauschte, der regelmäßig durch die Gassen Damaskus‘ wanderte und Kinder für einen Piaster oder ein Glas Wasser in seinen Wunderkasten schauen ließ. Die Kinder konnten durch eine kleine Glasscheibe eine Bilderrolle mit alten Zeichnungen sehen, eine Luke im Kasten diente als spärliche Beleuchtung.

„Der Wunderkasten“ von Rafik Schami, Illustration von Peter Knorr © Edition Bracklo 2017

Während der Geschichtenerzähler langsam die Bilderrolle drehte, erzählte er mit gekonnter Stimmdramaturgie die märchenhafte Liebesgeschichte zwischen dem armen Hirten Sami und der rosenschönen Leila aus reichem Hause. Sami muß schwere Prüfungen bestehen, bis er und Leila heiraten dürfen. Er muß sie aus Räuberhand befreien, ihrem Vater Löwenmilch zur Genesung bringen und sogar 300 Kamele aufbieten, bis der Vater widerwillig dieser unerschütterlichen Liebe nachgibt.

Und wie es in orientalischen Geschichten üblich ist, ranken sich um die Hauptgeschichte kleine Nebenschicksale und Zugabeerzählungen, die nur kurz angedeutet werden, um ein anderes Mal vielleicht ebenfalls zu Wort zu kommen. Manchmal drängelt sich die Geschichte in der Geschichte auch vor, das erweitert die Erzählrichtung und erschafft ein buntes und komplexes Textgewebe.

Die schönen klassischen Zeichnungen der Bilderrolle sind mit der Zeit verblaßt und wurden durch moderne Reklameschnipsel und Zeitschriftenfotos geflickt und ausgebessert, was der traditionellen Erzählweise nicht gut bekam. Die Kinder hörten nicht mehr richtig zu, sie plapperten die passenden Werbesprüche und Reklamelieder zu den neuen Bildern, und der alte Mann zog sich traurig und beschämt zurück.

Nach einer längeren Abwesenheit, die für viele Spekulationen Raum bot, kam er jedoch eines Tages wieder. Sein Kasten enthielt nun gar keine Bilderrolle mehr.  Die Kinder folgten gleichwohl neugierig und gespannt seiner munteren Geschichteneinladung, lauschten der Stimme des alten Erzählers, schauten dabei in den dunklen Kasten, und am Ende der Geschichte strahlten sie und sprachen von den Wundern, die sie „gesehen“ hatten.

Das ist ja eben die Zauberkunst, mit Worten zu malen und Kinder zu lehren, mit dem Herzen zu sehen!

Die feinen Illustrationen von Peter Knorr spiegeln die Rahmenhandlung und die märchenhafte Geschichte in der Geschichte stimmungsvoll wider. Die Charaktere und die Handlung werden ebenso einfühlsam wie schelmisch erfaßt und bis in kleinste Details achtsam in Bilder und Farben übertragen, die den warmherzigen, heiter-abenteuerlichen Erzählstil Rafik Schamis harmonisch abrunden.

Auch die Materialgestalt dieser Sonderausgabe verdient ausdrücklich-lobende Erwähnung:

Der rote Leineneinband ist sozusagen der Theatervorhang; schlägt man ihn auf, betritt man auf den Vorsatzblättern orientalische Fliesen und blättert sich von Seite zu Seite auf angenehm weichgriffigem Papier durch ein belebtes Altstadtviertel Damaskus‘ sowie durch das bunte Märchen der Liebesgeschichte von Leila und Sami. Und ganz zum Schluß schaut uns das charakterstarke, lebenserfahrene und gütige Gesicht des alten Geschichtenerzählers unmittelbar ins Herz.

Der Wunderkasten“ von Rafik Schami, Illustration von Peter Knorr © Edition Bracklo 2017

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.edition-bracklo.de/?product=der-wunderkasten-leinengebundenes-bilderbuch-von-rafik-schami-mit-bildern-von-peter-knorr

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und wanderte 1971 in die Bundesrepublik Deutschland ein. Er studierte Chemie in Heidelberg und schloss sein Studium 1979 mit der Promotion ab. – Heute zählt er zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache und gilt als der Wortzauberer und Geschichtenerzähler schlechthin. Seine zahlreichen Bücher für Kinder und Erwachsene erschienen in 29 Sprachen und wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. Seit 2002 ist Rafik Schami Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.«

Der Illustrator:

»Peter Knorr wurde 1956 in München geboren. Er studierte in Mainz Kunsterziehung. Heute arbeitet Peter Knorr als freischaffender Illustrator und Grafiker. Er hat eine Vielzahl an Kinderbüchern illustriert und Bucheinbände gestaltet, u.a. für Werke von Erich Kästner, Peter Härtling, Kirsten Boie, Paul Maar und Rafik Schami. Peter Knorr ist außerdem bekannt als Zeichner für die beliebte ZDF-Kinderserie „Siebenstein“. Für seine Arbeiten wurde Peter Knorr bereits im Rahmen des Wettbewerbes „Die schönsten Deutschen Bücher“ von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.«

 

PS:
Gerne reihe ich diese Bilderbuchbesprechung in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

 

 

 

 

Vor den 7 Bergen

  • Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schiefgeht
  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Mareike Engelke
  • Text von Annette Feldmann
  • KUNSTANSTIFTER Verlag  März 2017       https://kunstanstifter.de/
  • Format: 30 x 22 cm
  • 36 Seiten
  • gebunden, mit Fadenheftung
  • 22 € (D), 22,70 € (A), 26 sFr.
  • ISBN 978-3-942795-48-7
  • ab vier Jahren

KINDERSEGEN,  BERGSEHNSUCHT  &  APFELKUCHEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern und einem kleinen Hund – das kann turbulent werden. Zunächst wird auf einer Doppelseite jedes Kind mit einem kleinen Steckbrief charakterisiert, und dann beginnt die Geschichte.

Es ist Winter, und statt Schnee gibt es Regen, Regen, Regen. Die Kinder beschließen, ihre Oma, die hinter den sieben Bergen wohnt, zu besuchen – denn „im Gebirge liegt immer Schnee“. Sie rufen ihre Oma an, und diese ist begeistert und backt schon mal einen Apfelkuchen.

Mama kommt von der Arbeit an ihrem Marktstand für Äpfel nach Hause und wird von den Kindern sogleich mit der freudigen Aussicht begrüßt, daß sie bald zur Großmutter in die Berge führen. Mama findet die Idee ebenfalls gut. Alle sind voller Vorfreude, doch dann bekommen die Zwillinge Windpocken, und ein Geschwisterkind nach dem anderen steckt sich an. Der Ausflug in die Berge muß auf den Herbst verschoben werden.

Den Sommer versüßen sich Mama und die Kinder mit Eis vom attraktiven, freundlich-zugewandten Eisverkäufer Bo. Der reparierfreudige, kleine Hanno begutachtet vorsorglich schon die familiären Skier- und Schlittenbestände.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist der Herbst da, aber Mama kann sich keinen Urlaub nehmen, da die Apfelernte so übermäßig reich ausgefallen ist, daß Mama den Marktstand nicht schließen kann. Die Kinder sind schwer enttäuscht. Die Mama verkauft Äpfel über Äpfel, der Eiskäufer Bo besucht sie am Marktstand und bekommt sogar einen Apfel geschenkt.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist wieder Winter, eifrig packen sieben Kinder, eine Mama und ein kleiner Hund ALLES ein, was unbedingt mit auf die Reise zur Oma muß – inklusive siebzehn Bilderbücher, zwölf Kuscheltiere, fünf Kilogramm Äpfel, sechzehn warme Stiefel und sieben Geschenke für die Oma.

Kaum sind sie mit dem vollgepackten Kombi losgefahren, da macht es PENG, und ein Motorschaden zwingt zum unfreiwilligen Parken mitten auf der Kreuzung. Zum Glück kommt Bo zufällig vorbei  und bietet großzügig an, sie mit seinem Eiswagen über die sieben Berge zu ziehen. Ein passendes Abschleppseil ist auch schnell zur Hand, und schon geht die serpentinenreiche Fahrt los.

Nach den üblichen Fragen („Ist es noch weit?“ und „Sind wir bald da?“) sowie dem allseits bekannten, universellen Kindergequengel auf langen Reisen kommen alle wohlbehalten in den Bergen an.

Oma hat schon Apfelkuchen gebacken und den Kamin befeuert und empfängt alle Gäste mit einer herzenswarmen Umarmung…

Die Illustrationen von Mareike Engelke wirken wie Kinderzeichnungen. Dies erzeugt für kindliche Betrachter eine ganz unmittelbare, suggestive Nähe zur kindlichen Perspektive. Die Bildkomposition ist gleichwohl gekonnt, zudem unkonventionell und verspielt und bietet diverse witzige Details. Die farbig gestalteten handschriftlichen Textanteile mit ihren variablen Schriftgrößen untermalen ausdrucksvoll die eigenwillige Bilddramaturgie und bereichern den in einheitlich schwarzer Typographie gedruckten Fließtext um zusätzliche Gefühlsnoten.

Der Text von Annette Feldmann ist in einer freundlich-unverblümten Sprache geschrieben und erfreut mit kinderleichten Dialogen, die eindeutige Gefühlsansagen vermitteln.

In dieser Geschichte bewegen sich Schneewittchens Enkel in einer bodenständigen Alltagswelt, in der die einzige Zaubermacht zwischenmenschliche Nähe und Geborgenheit ist. Doch wie wir hoffentlich alle wissen und erfahren haben, ist dies ein Zauber, der sehr lange wirkt …

Und es spricht absolut nichts dagegen, daß der Märchenprinz Eisverkäufer ist.

Sehr ansprechend sind auch die Vorsatzblätter gestaltet, auf denen sich bekannte und unbekannte Apfelsortennamen tummeln: Aprilschöner, Dickapfel, Hausmütterchen, Milchapfel, Schafsnase, Schlotterapfel, Seidenhemdchen, Weißer Eisapfel – da weiß man gar nicht, wo man zuerst reinbeißen soll, und es ist eine schöne Anregung, sich mit den eigenen Kindern auf die Suche nach diesen Apfelsorten zu machen und sie zu kosten.

 

Hier entlang zum Bilderbuch auf der Verlagswebseite:
https://kunstanstifter.de/buecher/vor-den-7-bergen

PS:
Als kleine Randbemerkung möchte ich gerne noch erwähnen, daß der unabhängige KUNSTANSTIFTER Verlag alle Bücher mit mineralölfreien Farben in Deutschland drucken läßt und die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene unterstützt.

 

Die Illustratorin:

»Mareike Engelke wurde 1979 am Niederrhein geboren. Sie studierte Kommunikations-design in Essen und Krefeld und machte ein Bilderbuch-Diplom. Sie arbeitet als freie Illustratorin für Magazine und Verlage und zeichnet in ihrem Duisburger Atelierhaus mit Blick auf einen großen blauen Kran. Ansonsten geht sie gerne auf Unsinnsuche und schätzt sich glücklich, eine Gärtnerenkelin, Katzenmutter und Lieblingstante zu sein. Sie lebt mit ihrem Mann in Duisburg.«      http://www.mareikeengelke.de

Die Autorin:

»Annette Feldmann, geboren 1975 am Niederrhein, studierte Kanadistik und Vergleichende Literaturwissenschaften in Augsburg und Vancouver. Sie arbeitete zunächst bei der Rheinischen Post und seit 2008 als freie Journalistin und Autorin sowie als Texterin in einer Werbeagentur. 2014 wurde sie mit dem dritten Platz beim Moerser Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr erstes Jugendbuch „Nichts sagen“ (Divan Verlag, 2015) wurde für den Goldenen Pick nominiert. Annette Feldmann lebt mit ihrem Mann in Kempen.«   http://www.netttext.de

Manchmal rot

  • Roman
  • von Eva Baronsky
  • Aufbau Verlag April 2017  www.aufbau-verlag.de
  • Taschenbuch
  • 353 Seiten
  • 9,99 € (D)
  • ISBN 978-3-7466-3240-7

VORHER – NACHHER
MAL  GANZ  ANDERS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wer wird man, wenn man nicht mehr weiß, wer man war? Ohne Hindernisparcours aus Gedankenbremsen, Glaubenssätzen und Gewohnheitsbewertungen wäre der Blick auf Welt und Menschen weitgehend ungetrübt von einer persönlichen Vorgeschichte. Es wäre eine großartige Chance, Ungewagtes zu wagen, Unverhofftes zu hoffen und seine Fähigkeiten, Neigungen, Stärken und Schwächen frisch auszumessen, zu erproben und vielleicht sogar eine zuvor unmögliche Möglichkeit zu wählen.

Eine solche Selbstneubestimmung in Verbindung mit den poetischen Besonderheiten synästhetischer Wahrnehmung wird in „Manchmal rot“ anschaulich und faszinierend sowie mit sprachlicher Virtuosität durchgespielt und beiläufig mit der extremen sozialen Spaltung unserer Gesellschaft verknüpft.

Zunächst erscheint es, als wäre Angelina Niemann, die weibliche Hauptfigur des Romans, weit davon entfernt, musische Neigungen zu entwickeln, die über die Betrachtung von Spielfilmen und einen ausgeprägten Sinn für Farben hinausgehen.

Angelina kommt auf dem Weg zu ihrer Putzstelle an einem Wollgeschäft vorbei und verliebt sich auf den ersten Blick in zwei Wollknäuel mit blautürkispetrolem Farbverlauf. Die Wolle ist preisreduziert auf vier Euro, doch nach einem schnellen kopfrechnerischen Kassensturz nimmt sie betrübt Abstand vom Kauf der Wolle. Sie tröstet sich damit, daß sie heute wenigstens in „ihrer“ schönen Lieblingswohnung aufräumt und saubermacht.

Zweimal wöchentlich kümmert sie sich um diese luxuriöse Penthouse-Wohnung mit grandioser Aussicht auf den Main. Den Besitzer der Wohnung hat sie noch nie gesehen, seine Freundin hatte sie eingestellt, und nachdem diese offensichtlich ausgezogen ist, hat sich an dem illegalen Arbeitsverhältnis nichts geändert.

Immer wartet ein Fünfziger an der vereinbarten Stelle auf dem Küchentresen und manchmal eine Notiz mit Sonderwünschen. Diese Notizen bedeuten Streß für Angelina, denn sie kann nicht richtig lesen und muß die Hilfe ihrer Freundin Mandy in Anspruch nehmen, der sie die Nachricht per Handyfoto sendet.

Mandy ruft dann zurück und erklärt ziemlich genervt, was auf dem Zettel steht. Diesem Telefonat kann man deutlich anmerken, daß Angelinas Selbstbewußtsein ausgesprochen bescheiden ist. Sie ist ängstlich, unsicher und menschenscheu und zieht sich zur Entspannung gerne zum Stricken auf ihr Sofa zurück. Von ihrem erputzten Schwarzgeld profitiert ihr Freund Pit, der immer nur dann aufkreuzt, wenn ihm das Spielgeld ausgegangen ist oder er gewisse hormonelle Bedürfnisse an ihr austobt.

Dr. Christian von Söchting ist der Besitzer der gediegenen Wohnung. Er arbeitet als erfolgreicher Anwalt in einer internationalen Wirtschaftskanzlei, hat ein Jahresgehalt von gut 500.000 Euro und steht kurz vor der nächsthöheren Karrierestufe, für die er allerdings seinen Seniorchef und einstigen Mentor bei den Fusionsplänen mit einer amerikanischen Kanzlei austricksen muß.

Er fährt einen Porsche 911, und in seiner Wohnung steht ein echter Steinway-Flügel, den er einst für seine künstlerisch-ambitionierte Exfreundin Charlotte als Geschenk gekauft hatte. Dennoch hat Charlotte ihn wegen eines Kulturprofessors verlassen und ist nach Berlin gezogen. Neuerdings leidet Christian an Flugangst, was sehr anstrengend für ihn ist, da er berufsbedingt mindestens zweimal wöchentlich mit dem Flieger unterwegs ist.
Schwächen, Unsicherheiten und Fehler kann er sich in keiner Form leisten, denn seine Berufswelt ist ein Haifischbecken.

Neben seinem Liebeskummer wegen Charlotte hat Christian auch verzweifelte finanzielle Probleme. Wohin mit der illegalen Provision von 1,5 Millionen Euro in bar, und wie soll er unauffällig das schweizerische Schwarzgeldkonto seines Vaters mit immerhin 30 Millionen Euro nach Deutschland transferieren? Ja, diese Leistungsträger tragen schon schwer an der existenziellen Notwendigkeit, gutes Geld vor bösen Steuern zu beschützen.

Bis auf den indirekten dienstleistungsbezogenen Kontakt gibt es keine lebensweltlichen Berührungspunkte zwischen Angelina und Christian. Doch dies ändert sich wortwörtlich schlagartig, als Angelina beim Auswechseln einer defekten Glühbirne einen Stromschlag bekommt und in Christians Wohnung von der Leiter fällt. Christian findet die bewußtlose Putzfrau und veranlaßt ihre Einlieferung ins Krankenhaus.

Angelina erwacht nach einer längeren Bewußtlosigkeit und weiß nicht mehr, wer sie ist. Doch sie sieht Stimmen, Laute und Musik ganz deutlich in farbigen Mustern und Bildern. Die Klinikneurologin macht einige Tests mit ihr. Angelinas Faktenwissen ist intakt, nur ihr biographisches Gedächtnis funktioniert nicht. Sie müsse Geduld mit sich haben, ihre Lebenserinnerungen kämen sehr wahrscheinlich nach und nach zurück.

Christian besucht Angelina im Krankenhaus und erzählt ihr, daß sie seine Putzfrau sei, und wenn sie wolle, könne sie sich nach ihrer Genesung gerne weiter um seine Wohnung kümmern. Er bringt auch ihre Handtasche mit, die in seiner Wohnung liegengeblieben war. Angelina muß erst die Scheu überwinden, einen Blick in diese ihr fremde Handtasche zu werfen. Das Gefühl, sich sozusagen unbefugt in einem fremden Leben zu bewegen, begleitet sie noch lange.

Sie forscht der Vorher-Angelina nach, läßt sich von ihrer Mutter und von Mandy erzählen, wie und wer sie sei, aber ihr fehlt der emotionale Bezug. Die Nachher-Angelina ist wesentlich willensstärker und zielstrebiger sowie mangels Vergangenheitsbezügen sehr gegenwärtig.

Die nette ältere Dame, die das Bett neben Angelina belegt, benutzt häufig altmodische Wörter, und Angelina schmeckt diese Worte aufmerksam für sich ab und findet Gefallen an Formulierungen wie „unbeugsame Beharrlichkeit“. Mit unbeugsamer Beharrlichkeit bringt sie sich während des vierwöchigen Krankenhausaufenthalts selbst das Lesen und Schreiben bei, Buchstabe für Buchstabe, Silbe für Silbe.

In der zur Klinik gehörenden Kirche findet täglich ein Gottesdienst statt, bei dem Schwester Benedicta Orgel spielt. Diese Gottesdienste werden zusätzlich im Fernsehen übertragen. Als Angelina diese Musik hört, ist sie hingerissen, und es zeigt sich ihre klangfarbensynästhetische Wahrnehmung – sie kann Musik sehen:

„Lange Bänder in Grün und Blau, die kennt sie, hat sie schon mal gehört, aber jetzt wachsen Punkte mit fedrigen Spitzen raus, fliegen zu Blüten zusammen und tanzen herum. Jede Blüte hat acht Töne, das weiß ich, ohne zu zählen, und obwohl alle grün und blau sind, hat jede eine andere Farbe. Als sie die Augen aufmacht, sieht sie im Fernseher die Tasten. Schwarz und weiß, sie braucht gar nicht hinzugucken, um zu wissen, dass es immer abwechselnd Zweier- und Dreierpacks sind, damit kenn ich mich aus, dazwischen weiße, also eigentlich fünf und sieben, macht zwölf, zwei Hände, die darauf spielen, ganz groß im Bild. Sobald ein Ton da ist, weiß sie genau, welche Taste als Nächstes kommt.“ (Seite 115)

Später wird sie von Schwester Benedicta dreimal wöchentlich praktisch und theoretisch musikalisch unterrichtet werden und täglich auf Christians verwaistem Steinway-Flügel Etüden üben …

Christian hat derweil einige komplizierte und knifflige Verträge zu überprüfen, jagt von Mandant zu Mandant, von Sitzung zu Sitzung,  beäugt mißtrauisch seine Kanzleikollegen und fädelt seine rücksichtslose, geheime Vorteilsnahme in die Vorverhandlungen für die angestrebte Kanzleifusion ein. Ein Versteck für die 1,5 Millionen in gebündelten Hunderteuroscheinen hat er auch spontan gefunden – solche Noten würde man doch niemals im Inneren eines Steinway vermuten oder gar suchen.

Angelina kehrt, begleitet von Mandy, in ihre eigene Wohnung zurück und versucht vergeblich ihr Leben wiederzuerkennen. Zum Befremden ihrer Freundin spricht sie nur in der dritten Person Singular von Angelina und erkundigt sich nach den Einzelheiten ihres Lebens. Offenbar war die liebste Freizeitbeschäftigung der Vorher-Angelina das Stricken, doch die Nachher-Angelina findet das langweilig.

Die neue Angelina ist wißbegierig und wird eine eifrige Leserin. Sie entdeckt die Schönheit der Sprache für sich: „… in diesem Buch gibt es massenhaft Sätze, die sie nicht auf Anhieb kapiert. Aber wenn sie die Stelle zwei- oder dreimal gelesen hat, kann’s passieren, dass einer zu leuchten anfängt und sie staunen muss, wie viel Schönheit man aus so ein paar Buchstaben zusammensetzen kann, es ist, als würde vor lauter Schönheit auch in ihr drin was zu leuchten anfangen.“ (Seite 190)

Plötzlich steht Angelinas angeblicher Freund Pit vor der Tür und reklamiert ihre lange Abwesenheit. Mit analytischer Distanz betrachtet sie sein unverschämtes Gebaren und denkt, daß sie Mandys Einschätzung, daß sie Pit getrost vergessen könne, innerlich zustimmt. Sie wird gewissermaßen doppelt wütend auf sich selbst und auf die alte Angelina, die sich eine solche grobmaschige Machobehandlung hat gefallen lassen.

Als sie sich verbal und körperlich deutlich von ihm abgrenzt, wird er gewalttätig, und Schlimmeres wird nur dadurch verhindert, daß sie kein Bier im Kühlschrank für ihn bevorratet hat und er erst mal abzischt, welches zu kaufen – natürlich mit ihrem Geld. Geistesgegenwärtig packt sie eine Tasche mit dem Nötigsten und flüchtet in Christian von Söchtings Wohnung, über deren Schlüssel sie nach wie vor verfügt.

Christian ist zunächst nicht amüsiert beim häuslichen Feierabend, seine Putzfrau vorzufinden. Sie tritt ihm gegenüber selbstbewußter auf, als sie sich fühlt, und sagt frech, daß sie vorübergehend das Gästezimmer beziehen werde. Seinen Hinweis, daß er die Polizei rufen könne, um sie loszuwerden, kontert sie mit einem dezenten Hinweis auf die Banknoten, die sie im Steinway gefunden habe, und auf die ungesicherte Strom-leitung, der sie ihren Stromschlag verdanke; sie habe schließlich nichts zu verbergen …

Ausschlaggebend für Christians Einverständnis mit Angelinas Einzug in seine Wohnung ist jedoch, daß er ihre Verletzlichkeit spürt, und dies weckt zu seiner eigenen Verwunderung Beschützerinstinkte in ihm.

Während Christian beruflich wie gewohnt weitermacht, kümmert sich Angelina um den Haushalt, liest sich durch Christians Bücherschrank, hört seine Musik-CDs und übt eifrig und unermüdlich Klavierspielen. Sie probiert Gewürze und verschiedene Kaffeevarianten aus und findet heraus, was ihrem Geschmack entspricht und was nicht.

Angelina formt und festigt ihr neues Ich. Sie entwickelt einen bemerkenswert klaren Blick auf ihre Mitmenschen, sie durchschaut ihre Masken und inneren Beweggründe. Abends stellt sie Christian viele Fragen zu Wörtern und Themen, die sie in Büchern gefunden und nicht ganz verstanden hat, und Christian beantwortet diese gerne.

Ihr Auffassungsvermögen ist sehr gut und ihre Folgefragen sind durchaus originell und zeugen von einem ausgeprägten Sinn für sprachliche Mehrdeutigkeiten und Zwischentöne. Angelinas Attraktivität wächst in Christians Augen, und er versteht gar nicht mehr, warum er sie früher für unscheinbar hielt …

„Manchmal rot“ ist das komplexe Psychogramm zweier Charaktere, deren soziale, lebensweltliche Distanz extrem ist. Geschickt gibt die Autorin jedem Charakter einen eigenen Sprachausdruck: Angelinas Sprache ist eher umgangssprachlich, direkt und mit einfachem Vokabular. Ihr Denken und Fühlen kreist um zwischenmenschliche Belange, um Resonanz und Sympathie, um ihre sinnliche und synästhetische Wahrnehmung sowie um ihre Selbstentdeckung und ihre Hingabe an die Musik als Ausdruckskraft.

Christians Sprache ist anspruchsvoller, gebildet und durchsetzt mit Wirtschaftsenglisch. Sein Denken und Fühlen ist bestimmt von Ehrgeiz, Konkurrenz, Leistung, Mißtrauen, Status, berechnendem Taktieren und monetären Werten sowie von gelegentlichen Selbstzweifeln und Angst. Er ist mehr im Haben zu Hause und Angelina mehr im Sein.

Sowohl inhaltlich als auch sprachlich ist „Manchmal rot“ von außer gewöhnlicher Einfühlsamkeit und eröffnet dem Leser lebhaft-sinnlich fremde Perspektiven. Romanfiguren mit synästhetischer Wahrnehmung gibt es nicht oft. Da ich selbst Synästhetin bin, fand ich diese spezielle Thematik selbstverständlich besonders ansprechend und gelungen.

Wer aufgrund der Überbrückung der großen sozialen Distanz zwischen Angelina und Christian ein romantisches Ende à la „Pretty Woman“ erwartet, wird mit dem offenen Ende der Geschichte hadern. Wer jedoch gerne miterlesen möchte, wie sich eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen beherzt emanzipiert, zu Selbstbewußtsein kommt und sich durch ihre Klangfarbensynästhesie einen neuen musikalischen Horizont erschließt, der findet in  „Manchmal rot“ eine ebenso berührende wie seltenheitswerte Charakterstudie mit wohldosierten Prisen trefflicher Gesellschaftskritik.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/manchmal-rot-3982.html

 

Querverweis:

Bereits Eva Baronskys erster Roman „Herr Mozart wacht auf“ spielte virtuos und amüsant mit der außergewöhnlichen Perspektive eines zeitgereisten Mozarts, der unversehens in der heutigen Gegenwart erwacht.
Hier entlang zu meiner Rezension von „Herr Mozart wacht auf“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/14/herr-mozart-wacht-auf/

Die Autorin:

»Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren überraschenden und sehr erfolgreichen Debütroman „Herr Mozart wacht auf“ (2009) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Nach „Magnolienschlaf“ (2011) erschien 2015 ihr dritter Roman „Manchmal rot“

Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet

  • Die 100 häufigsten Fragen und Antworten
  • von Sylvia Harke
  • Verlag Via Nova     März 2016  www.verlag-vianova.de
  • kartoniert
  • 286 Seiten
  • Format: 15,5 x 22 cm
  • 18,95 € (D), 19,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86616-356-0

ENDLICH  HOCHGESCHÄTZT: HOCHSENSIBILTÄT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zum Thema Hochsensibilität gibt es noch reichlich aufklärerischen Bedarf, sowohl für Menschen, die mit dieser neurologisch bedingten Gabe ausgestattet sind, als auch für die sogenannten Normalsensiblen – schließlich müssen wir alle miteinander auskommen, und gegenseitiges Verständnis ist hilfreich, erleichtert die Kommunikation und das Zusammenleben.

Hochsensibilität ist nicht ansteckend, denn sie ist keineswegs eine Krankheit, Neurose oder Heulsusigkeit, sondern ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das bei ungefähr 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung auftritt. Hochsensible Menschen HABEN nicht Hochsensibilität, sondern sie SIND hochsensibel!

Hochsensible verfügen über eine sehr differenzierte Wahrnehmung und ausgeprägte Empathie. Sie denken in größeren Zusammenhängen, sie neigen zu Reflexion, zu Verantwortungsbewußtsein und Sorgfalt, zu schöngeistigen Interessen und zu Naturverbundenheit. Meist sind sie empfindsame Idealisten, denen Wettbewerbs-mentalität fremd ist und die Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitssinn wertschätzen. Tiefsinnige Gespräche und Qualitätsbeziehungen liegen ihnen deutlich näher als oberflächlicher „Smalltalk“ und flüchtige Bekanntschaften.

Oft interessieren sie sich schon in der Kindheit für metaphysische und philosophische Fragen und haben Freude an künstlerischem Selbstausdruck. Phantasie, Intuition und Selbstgenügsamkeit sind vertraute und zuverlässige Begleiter hochsensibler Menschen, sofern man ihnen diese Begabungen nicht „aberzieht“.

Die kognitive und sensorische Wahrnehmung ist bei Hochsensiblen intensiver und detailreicher. Dies führt einerseits zu einer wesentlich tieferen und komplexeren neurologischen Informationsverarbeitung und zu einem sehr guten Gedächtnis; andererseits ist der Punkt der Reizüberflutung schneller erreicht. Daher rührt u.a. die Abneigung Hochsensibler gegenüber Lärm, Hektik, Menschenmassen und Gewalt (etwa Gewaltszenen in Filmen und Büchern).

Wenn alle  Erfahrungen einen langen und nachhaltigen, emotionalen Nachgeschmack hinterlassen, ist es ratsam, die Reizmenge zu dosieren und für ausreichenden Entspannungsausgleich zu sorgen.  Die kommerzialisierte, laute, naturentfremdete, stumpfherzige und konkurrenzbetonte neoliberale Arbeits- und Lebenswelt ist für Hochsensible besonders belastend. Es gelingt nicht jedem, sich gegenüber ungesunden Normierungen abzugrenzen, und die Anpassung an wesensfremde Bedingungen kann auf die Dauer zu Chronischer Erschöpfung, Depression und Burn-out führen.

Das vorliegende Buch bietet eine eingängige Einführung in die Hochsensibilität und gibt gezielt und komprimiert Antwort auf 100 Einzelfragen. Die Fragen sind nach sinnvollen Oberbegriffen geordnet und erlauben ein direktes Nachschlagen bei den Themen, die den jeweiligen Leser besonders ansprechen. Es werden die Lebensbereiche Beruf, Partnerschaft, Kindheit, Streßverarbeitung, Gesundheit, Gesellschaft und Spiritualität aufgegriffen. Jedes Kapitel klingt mit einer Liste konstruktiver Affirmationen aus.

Im Kapitel „Hochsensible und ihr Gefühlsleben“ findet sich zudem eine bemerkenswert klare und einleuchtende tabellarische Darstellung der wissenswerten Unterschiede zwischen emotionaler Intensität (Hochsensibilität) und emotionaler Instabilität (Bipolare Störung, Borderline, Folgen komplexer Traumatisierungen und anderer Persönlichkeitsstörungen).

Im Kapitel „Hochsensible Kinder“ listet eine ebenfalls sehr stringente tabellarische Darstellung die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ADHS und Hochsensibilität auf. Dies sind wichtige Informationen, die ein Kind vor Fehldiagnosen bewahren können.

Dieses Buch entstand als Fortsetzung zu Sylvia Harkes erstem Buch „Hochsensibel – Was tun?“ (erschienen 2014 beim Verlag Via Nova:
https://www.verlag-vianova.de/hochsensibel-was-tun.html).

Die Autorin hat die vielen neuen und zum Teil auch provokanten Fragen zum Thema Hochsensibilität, die im Verlauf ihrer Seminar– und Vortragstätigkeit an sie gestellt wurden, gesammelt und im vorliegenden, sehr praxisbezogenen Buch schlüssig und lösungsorientiert beantwortet.

„Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet“ informiert umfassend über das Phänomen der Hochsensibilität, erklärt kompetent viele Detailfragen und erfreut durch lebensnahe Anregungen zum konstruktiven Umgang mit feinfühligen „Antennen“ und filterloser Wahrnehmung. Die Autorin ermutigt Hochsensible zu Selbsterkenntnis und zur Selbstwertschätzung ihrer hochsensiblen Eigenschaften sowie zur Selbstrücksichtnahme auf die persönlichen, empfindsamen Bedürfnisse.

Hochsensibilität birgt ein reiches Bündel achtsamer, empathischer, harmonisierender, idealistischer, kommunikativer, musischer, sozialkompetenter und zwischen- menschlicher Fähigkeiten, die für jede Gesellschaft bereichernd und im Idealfall wegweisend sind.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.verlag-vianova.de/hochsensibel-ist-mehr-als-zartbesaitet.html

Die Autorin:

»Sylvia Harke ist Diplom-Psychologin und selbst hochsensibel. Sie lebt in Süddeutschland und gründete mit ihrem Mann Arno die hsp academy. Gemeinsam halten sie Vorträge und Seminare zur Hochsensibilität. Die Autorin ist Expertin in den Bereichen HSP Coaching, Kreativitätsförderung und Kinderpsychologie.«
mehr unter: www.hsp-academy.de

Querverweis:

Ein weiteres leselohnendes Buch über Hochsensibilität habe ich voriges Jahr rezensiert.
»Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potenzial entfalten«
von Eliane Reichardt: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/20/hochsensibel/
Das Thema hat SEHR große Publikumsresonanz und einen ellenlangen Kommentarschweif (da fanden sich viele Hochsensible) ausgelöst …

Musikalischer Querverweis:

Die Stuttgarter Sängerin und Liedermacherin Rebekka Adam kann sogar ein Lied von Hochsensibilität singen: https://beckyadam.wordpress.com/2013/10/17/13/

Weiterführende Webseiten zur Hochsensibilität:

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität,
IFHS e.V. in Deutschland, Österreich und der Schweiz:
www.hochsensibel.org
www.zartbesaitet.net
www.ifhs.ch

(Berufs-)verband pro Sensitivität und Empathie im Beruf,  VSEB e.V.: www.vseb.org

Hilfe für hochsensible Kinder und Jugendliche: www.hochsensiblehilfe.de

Wer gerne wissen möchte, ob er hochsensibel ist, kann den nachfolgenden kleinen Test absolvieren. HSP-Test-Fragebogen: http://www.zartbesaitet.net/survey/site.php?a=su_onepage&su_id=1

Wer mag, kann mir seine hochsensible Punktezahl in der Kommentarsektion kundtun.
Ich habe 282 ……………………………………………………………………………………………………………………….

 

 

 

Die Gorgel

  • von Jochem Myjer
  • Originaltitel: »De Gorgels«
  • Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
  • mit farbigen Illustrationen von Rick de Haas
  • Verlag Freies Geistesleben  März 2017   http://www.geistesleben.com
  • gebunden
  • 175 Seiten
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2789-0
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 7 Jahren

J U B E L D I B A M B A M!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Jochem Myjers Kinderbuch gibt es Gorgel, kleine spitzohrige Wesen, die mit einem Holzstock bewaffnet sind und schlafende Kinder vor den giftgrünen, schädlichen Scheußlingen beschützen. Die Scheußlinge, mit ihrer unverkennbaren Duftmarke fauliger Schweißsocken, brauchen Kinder nur anzuhauchen, und schon bekommen sie eine fiese Erkältung, Bauchweh, Kopfschmerzen oder auch schlimmere Krankheiten.

Die meisten Kinder können weder die Gorgel noch die Scheußlinge sehen, und sie ahnen nichts von den freundlichen Hütern ihres Schlafes und von den Kämpfen, die gelegentlich für ihr Wohlergehen ausgefochten werden.

Doch Melle ist ein Junge, der über eine sehr gute Beobachtungsgabe verfügt; er ist sehr naturkundig, kennt viele Vögel und betrachtet die Welt mit aufgeschlossenem Herzen. So sieht er eines Nachts ein kleines Wesen mit muskulösen Ärmchen und Beinchen auf seiner Bettkante sitzen. Als das Wesen begreift, daß Melle es sehen kann, versteckt es sich blitzschnell; aber so leicht läßt sich Melle nicht abwimmeln.

Es dauert zwar eine Weile, doch schließlich kommt Melle mit dem Gorgel, der Bobba heißt, ins Gespräch. Bobba spricht mit einem lustigen Akzent und führt stolz seine Stockfechtkünste vor, und er erklärt Melle, welche wichtigen Aufgaben Wachgorgel erfüllen. Sie sorgen dafür, daß Kinder gut schlafen, sie heilen Wunden, helfen Kindern bei der Genesung, und sie beschützen sie vor dem schädlichen Einfluß der Scheußlinge.

Alle Gorgel stammen von einer nahegelegenen Insel, auf der zufällig auch Melles Großeltern zu Hause sind. Melle erfährt, daß sein Großvater bei den Gorgeln bekannt und beliebt ist, weil er als Kind ebenfalls die Gorgel sehen konnte und die Freundschaft zu ihnen pflegte.

Als Melle seinem Vater von Bobba erzählt, ist er sehr besorgt, denn rege Wachgorgel-aktivität deutet auf nahende Scheußlingsbedrohung hin. Die Sorge ist berechtigt. Schon in der nächsten Nacht dringt ein Scheußling in Melles Zimmer ein. Bobba kämpft energisch und äußerst tapfer gegen ihn und katapultiert den Scheußling aus dem Fenster, aber der hat Bobba vorher noch ins Bein gebissen, und nun sorgt sich Melle um Bobbas Gesundheit.

Melle und sein Vater beschließen, mit dem verletzten Gorgel einen Besuch bei den Großeltern zu machen. Denn Melles Großvater weiß sehr viel über Gorgel, und auf der Insel leben Bobbas Artgenossen, die ihn hoffentlich heilen können. Der Großvater läßt Melle als Erste-Hilfe-Medizin sogleich Moosbeeren sammeln, mit denen er den fiebernden Bobba füttert.

Melle macht sich mit Bobbas geschwächter Hilfe auf die Suche nach den Inselgorgeln. Dies gelingt reibungslos, die Gorgel nehmen Bobba in ihre Obhut, und sie warnen vor einer Invasion von Scheußlingen, da sie mit ihren feinen Nasen schon die nahende, fiese Duftnote einer großen Gruppe „Grönländischer Scheußlinge“ wittern. Wenn es nicht gelänge, diese Scheußlinge aufzuhalten, dann würden viele Kinder krank werden.

Der findige Melle entwickelt aus den vorhandenen Mitteln des Meeres einen raffinierten Plan, um gemeinsam mit den Inselgorgeln die Scheußlinge zu verjagen. Es erweist sich als großer Glücksfall, daß er naturkundig ist und viel über Tiere und ihre Verhaltens-weisen weiß und trickreich die Hilfe von Taschenkrebsen, Löfflern, Möwen und Seehunden in Anspruch nehmen kann.

Jochen Myjer hat mit „Die Gorgel“ eine ebenso warmherzige wie spannende und naturverbundene Geschichte geschrieben, in der trotz einiger Gefahren und Bedrohungen ein wohltuender Grundton familiärer Geborgenheit, zuverlässiger Fürsorge und inniger Freundschaftsbindung vorherrscht.

Die Gorgel  wecken auf jeden Fall spielend die kindliche Sympathie und Neugier, und ihre zwar geheimnisvoll-märchenhafte, gleichwohl handfest-tatkräftige und zugewandt-lustige Wesensart ist eine Inspiration für große und kleine Menschen mit Beschützerinstinkten und Phantasie.

Dieses Kinderbuch gibt Anlaß zum Lesejubel oder – wie man auf Gorgelisch begeistert auszurufen pflegt – JUBELDIBAMBAM!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.geistesleben.de/buecher/9783772527890/die-gorgel

 

Der Autor:

»Jochem Myjer 1977 geboren, ist einer der bekanntesten und beliebtesten Kabarettisten und Comedians in den Niederlanden. Sein Biologiestudium gab er nach zwei Jahren auf, um sich ganz dem Kabarett zu widmen. Er war u.a. Moderator der Kindersendung «Kinderen voor Kinderen» und spricht auch im Radio. 2010 gewann er den Cabaret Award als bester Kabarettist. Er lebt mit der Sängerin Marloes Nova zusammen und hat mit ihr zwei Kinder. Sein Buch Die Gorgel wurde 2016 mit dem Prijs van den Nederlandse Kinderjury ausgezeichnet.«