Bist du noch zu retten?

  • Pflanzenkrankheiten & schädliche Insekten erkennen und das Richtige tun
  • von Bärbel Oftring
  • KOSMOS Verlag    www.kosmos.de
  • Klappenbroschur
  • Fadenheftung
  • 144 Seiten
  • Format: 216 x 185 x 14mm (LxBxH)
  • 336 Farbfotos
  • 6 Farbzeichnungen
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-440-15968-2

ERSTE-HILFE-KURS  FÜR  PFLANZENSCHUTZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Bärbel Oftrings Vorgängerbuch „Wird das was – oder kann das weg?“ (siehe meine Besprechung:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/08/wird-das-was-oder-kann-das-weg/) ging es darum, im frühzeitigen Wachstumsstadium zu erkennen, welche Pflanze sich im Garten angesiedelt hat, und dementsprechend zu entscheiden, ob und in welchem Ausmaße diese Pflanze erwünscht sei oder eher nicht. In ihrem neuen Buch „Bist du noch zu retten?“ thematisiert sie die präzise Früherkennung und Behandlung von Krankheiten, Mangelerscheinungen, Insekten- und Pilzbefall an und in Pflanzen.

Dabei führt uns Bärbel Oftring auf ganzheitliche Weise durch den Garten und vermittelt kein simples Schwarz-Weiß-Bild von Nützlingen und Schädlingen, sondern eine komplexe Betrachtungsweise, die Bodenbeschaffenheit, richtige und falsche Pflanzen- standorte, Lichtverhältnisse, Feuchtigkeit, Trockenheit und Überdüngung sowie den ökologischen Sinn natürlicher Pflanzenzersetzung mit einbezieht.

Auf generelle Hinweise zum ökologischen Gärtnern und naturgemäßen Pflanzenschutz folgen steckbriefartige Darstellungen verschiedener Krankheiten und Schäden durch Mangelerscheinungen, Frost, Sonnenbrand, Insekten, Pilze und Bakterien. Fotos und kurze informative Diagnosebeschreibungen sowie praktische Empfehlungen zur Behandlung – bzw. gegebenenfalls auch Entfernung – der erkrankten Pflanze sowie Hinweise auf resistente Alternativpflanzen helfen bei der korrekten Bestimmung der Krankheit und der Wahl der naturgemäßen Pflanzenschutzmaßnahme.

Beschrieben werden u.a. Stickstoffmangel, Stickstoffüberschuß, Kali-, Magnesium- und Eisenmangel, Frostschäden und Staunässe, Apfelschorf, Birnengitterrost, Echter Mehl- tau und Falscher Mehltau, Grauschimmel, Monila, Kohlhernie, Himbeerrutenkrankheit, Rostpilze, Rußtaupilze, Kräuselkrankheit, Borkenkäfer, Dickmaulrüßler, Drahtwürmer, Gallmilben, Haselnußbohrer, Minierfliegen, Möhrenfliege, Nacktschnecken, Spinn- milben, Trauermücken, Wanzen, Blattflöhe und Blattläuse sowie die hochgefährliche  Bakterienkrankheit Feuerbrand, die sogar beim Pflanzenschutzamt meldepflichtig ist.

Verschiedene Piktogramme zeigen auf den ersten Blick, ob eine Krankheit oder ein Insektenbefall harmlos und zu tolerieren ist oder ob eine aufmerksame Kontrolle und Entwicklungsbeobachtung bzw. ein radikales Entfernen und Entsorgen befallener Pflanzen im Restmüll erforderlich sind. Ein weiteres Piktogramm weist auf Pflegefehler (falscher Standort, zuviel oder zuwenig Feuchtigkeit oder Trockenheit, Überdüngung) hin, die leicht zu beheben sind.

Ein alphabetisches Register erleichtert das Nachschlagen bei bereits diagnostizierten Schäden, und die detaillierten Fotos nebst der eingängigen, sinnvoll strukturierten Begleittexte helfen zuverlässig beim Bestimmen noch unbekannter Krankheiten und bei der Behandlung und Stärkung betroffener Pflanzen.

Für fast alle Krankheiten und Probleme bietet die Autorin natürliche Lösungen und biologische Stärkungsmittel an. Bezugsadressen für biologische Pflanzenpflegeprodukte und Nützlinge runden dementsprechend diesen anschaulichen Erste-Hilfe-Kurs für Pflanzenschutz praktisch ab.

Bärbel Oftring schreibt in einem sehr sympathischen, naturliebhaberischen Stil, der von ihrer respektvollen, achtsamen Sicht und ihrer lebendigen Erfahrung mit der Natur zeugt.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/garten/gartenpraxis/9445/bist-du-noch-zu-retten

 

Querverweis:

Hier entlang zu Bärbel Oftrings Buch „Wird das was oder kann das weg?:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/08/wird-das-was-oder-kann-das-weg/

Die Autorin:

»Bärbel Oftring ist Diplom-Biologin und setzt ihre Liebe zur Natur als Autorin, Redakteurin und Herausgeberin von Sachbüchern und Ratgebern in die Tat um. In ihrem neuesten Buch zeigt sie, welche Ursachen es haben kann, wenn Pflanzen einen ungesunden Eindruck machen und was dann zu tun ist. «

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Die „Unkräuter“ in meinem Garten

  • 21 Pflanzenpersönlichkeiten erkennen & nutzen
  • von Wolf-Dieter Storl
  • Gräfe und Unzer Verlag GmbH 2018  www.gu.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 240 Seiten
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-8338-6349-3

PFLANZENVERTRAUEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bücher von Wolf-Dieter Storl sind Nahrung für die Seele. Weit über botanische Wissens- vermittlung und Anleitung hinaus füllen sie nicht alleine den Kopf mit Informationen, sondern sie beleben die Wurzeln unseres Daseins auf Erden und machen Appetit auf Natur im weitesten Sinne.

Die Verwendung des Wortes „Unkraut“ wird vom Autor gleich zu Beginn erklärt, und zwar mit der entspannten Definition, die der Pflanzenfreund George Washington Carver einst formulierte: »Ein Unkraut ist nichts anderes als eine Blume, die am falschen Ort wächst.« (Seite7) Weitere Bezeichnungen für „Unkraut“ sind Spontanvegetation und Begleitpflanzen.

Wolf-Dieter Storl erinnert daran, daß zur Zeit der Jäger und Sammlerinnen der Begriff „Unkräuter“ keinen Sinn ergeben hätte. Alle Pflanzen waren einfach Wildpflanzen, und sie dienten wahlweise als Heilkräuter, als Faserlieferanten, als Räucherpflanzen und als pflückbare Nahrung. Alle späteren Kulturpflanzen entwickelten sich unter menschlicher Beeinflussung aus Wildpflanzen. Auch heute noch können Unkräuter eine Umdeutung und Züchtung zur Kulturpflanze durchlaufen, sofern sie eßbar und schmackhaft sind. So wurde beispielsweise der Feldsalat, der in Weinbergen als Unkraut wuchs, im 18. Jahrhundert zum Salat kultiviert.

Ein kurzer Exkurs zu den Ackerunkräutern (Ackerlichtnelke, Ackerlöwenmaul, Acker- rittersporn, Ackersenf, Kamille, Klatschmohn, Kornblume, Kornrade) verdeutlicht den lebensgefährlichen Umbau, den konventionelle, gift- und kunstdüngerlastige mono- kulturelle Anbaumethoden seit den 1950er Jahren anrichten. Waren einst noch 40 % Wildpflanzen auf den Äckern und den Ackerrandstreifen zu finden, sind es heute nur noch durch-schnittlich 4 % – mit all den Konsequenzen, die eine geringe Pflanzenvielfalt für die Insekten- und Vogelvielfalt nach sich zieht.

Dabei sind die Unkräuter nützlich und – in richtigem Maße eingesetzt – förderlich für das Wachstum von Kulturpflanzen. So sind viele Begleitpflanzen Tiefwurzler, die den Boden aufschließen und durchlockern, sie verbessern und vervielfältigen den Nähr- stoffaustausch. Sie sind Zeigerpflanzen, die Auskunft über die Bodenbeschaffenheit, den Säure-, Kalk-, Kali-, Stickstoffgehalt, Nässe und Trockenheit sowie Lehmgehalt des Erdreichs geben. Als Pionierpflanzen schützen Unkräuter den Boden vor Austrocknung und Wind- und Wassererosion.

Von Ackerhellerkraut über Brennessel, Distel, Franzosenkraut, Gundermann, Ruprechts-kraut bis Wegerich macht uns Wolf-Dieter Storl mit 21 „Unkräutern“ vertraut. Jedes Pflanzenportrait beginnt mit einer botanisch-kulturhistorischen Einleitung und einer etymologischen Erläuterung der Herkunft des Pflanzennamens, auf der folgenden Doppelseite erscheint eine kurze Beschreibung der Pflanze in unterschiedlichen Wachstumsstadien mit entsprechenden Fotos.

Die weiteren Seiten befassen sich mit besonderen Einzelheiten der Pflanze, ihrer sinnvollen Verwendung als Nahrungs- und/oder Heilmittel, ihrem Nährstoffgehalt – oder gegebenenfalls Giftgehalt – sowie ihrer ökologischen Bedeutung. Kleine Rezepte für Tees, Salben, Suppen und Quarkspeisen und pflanzenmythologische Überlieferungen runden die Pflanzenkunde ganzheitlich ab.

Die angemessene gärtnerische Vorgehensweise, damit die Unkräuter nicht angebaute Gemüse- und Obstpflanzungen bedrängen, heißt Jäten und Hacken, Jäten und nochmals Jäten, und zwar vor der Blüten- bzw. Samenbildung. Storl liefert zu jeder Pflanze die genaue Anleitung, welche Pflanzenteile auf den Kompost dürfen und welche besser im Hausmüll landen.

Selbst beim Umgang mit dem ausdauernden und sehr gesunden Giersch bleibt Storl gelassen. Er verzehrt ihn roh und gekocht mit Genuß und bleibt beim Jäten und sorg-fältigen Absammeln der Wurzelrizome als Maßnahme zur Eindämmung des wuchsfreu-digen Unkrauts. Die Begleitkräuter erfüllen einen natürlichen Sinn, sie sind keine Feinde, sondern Helfer. Man kann sich mit ihnen verbünden, ihnen Raum lassen und von ihrem natürlichen Reichtum lernen und profitieren.

Der Autor lebt diese Haltung des ganzheitlichen pflanzlichen Miteinanders glaubwürdig vor, und sie kommt auf den zahlreichen Fotos, die ihn beim Gärtnern zeigen, lebhaft zum Ausdruck. Weitere schöne, naturstimmungsvolle Fotos von Pflanzen und von Wolf-Dieter Storls Garten illustrieren und ergänzen den Text anschaulich und animierend.

Wolf-Dieter Storls tiefenentspannte, dem pflanzlichen Leben grundsätzlich freundlich-aufgeschlossen zugeneigte Perspektive durchzieht dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite. Lebendig, fundiert, wissenssatt und wissenswertvoll, voller spannender Zusammenhänge, mit kultur- psychologischer Tiefe und praktisch-bodenständigen Anregungen öffnet er uns Augen und Herz für die heilsame pflanzliche Vielfalt und Fülle.

Man liest, betrachtet, staunt, lernt und blättert – und unversehens spaziert man nicht durch bedrucktes Papier mit Buchstaben und Bildern, sondern atmet Gartenluft, Blütenduft und Pflanzenvertrauen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.gu.de/buecher/gartenratgeber/gartengestaltung-pflege/1415043-die-unkraeuter-in-meinem-garten/

 

Der Autor:

»Dr. phil. Wolf-Dieter Storl, geboren 1942, ist Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Er lehrte als Dozent an verschiedenen Universitäten, unternahm zahlreiche Studienreisen, ethnografische und ethnobotanische Feldforschungen und veröffentlichte Artikel und Bücher, darunter mehrere Bestseller. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem Einödhof im Allgäu, wo er gärtnert und den Geheimnissen der Heilkräuter und Wildpflanzen nachgeht.«   www.storl.de

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren wissenswundervollen Buch von Wolf-Dieter Storl:
Die alte Göttin in ihren Pflanzenhttps://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/18/die-alte-gottin-und-ihre-pflanzen/

 

 

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Federnlesen

  • Vom Glück, Vögel zu beobachten
  • von Johanna Romberg
  • mit Illustrationen von Florian Frick
  • Lübbe Verlag  Februar 2018     http://www.luebbe.de
  • gebunden mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 304 Seiten
  • 24,00 €
  • ISBN 978-3-431-04088-3


B E F L Ü G E L N D

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Johanna Romberg erzählt uns mit „Federnlesen“ ihre persönliche ornithologische Biographie. Von Kindheit an sowie seit ihrem ersten Vogelbestimmungsbuch „Was fliegt denn da?“ ist die Autorin stets lebhaft interessiert an der Vogelbeobachtung geblieben.

Sie ist keine Ornithologin, sondern schreibt als begeisterte und engagierte Amateurin über die Vögel, denen sie begegnet ist, die für sie mit besonderen Erlebnissen, freudiger Entdeckerlust sowie naturschützerischer Sorge verbunden sind. Auch auf den Vogelge-sang – „das Beobachten mit den Ohren“ – geht sie immer wieder animierend ein.

Die Autorin stellt uns eine übersichtliche Auswahl weitgehend alltäglicher Vögel vor, damit der Lektüre schnell praktische eigene Beobachtungen folgen können. Manche Vogelportraits, wie solche von Kohl- und Blaumeisen, Heckenbraunellen, Mauerseglern, Ringeltauben, Rotkehlchen und Zaunkönig ergeben sich sozusagen vor der Haustür und im eigenen Garten. Für andere, wie beispielweise Blauracken, Bienenfresser und Elfenbeinspecht, nimmt uns die Autorin mit auf Ausflüge zu Vogelexperten, die sie interviewt, oder zu Exkursionen, wie beispielsweise zu den Scillie-Inseln vor der Südwestspitze Cornwalls, wo viele und vielfältige Zugvögel pausieren und auch so mancher vom Winde verwehter Exot strandet.

Von passionierten Vogelbeobachtern, mit denen sich die Autorin auf den Scillies aus-tauscht, lernt sie den Ausdruck „Jizz“, der die Überschrift bildet für eine kombinierte Wahrnehmung von Größe, Form und Farbgebung der Vögel sowie für die unverkennbare Körpersprache, das Flugverhalten, die Art, sich auf dem Boden zu bewegen (hüpfend oder schreitend) kleine Ticks, wie Schwanzwippen oder Knicksen. Wer durch stetes Üben einen Blick für den Jizz entwickelt hat, kann also vertraute Vogelarten durchaus im Vorübergehen bzw. -Fliegen bestimmen.

Illustration von Florian Frick © Lübbe Verlag 2018

Die Vogelbeobachtung schenkt Lebensfreude und sinnlich-meditative, angenehm-selbstvergessene Naturerlebnisse. Wer sich der Vogelbeobachtung widmet, tritt in eine Beziehung zu Vögeln und  auch zu Pflanzen, Insekten und Landschaften, welche die Lebens- und Ernährungsgrundlage für Vögel sind. Da liegen berechtige Sorgen um den drastischen Rückgang der Vogelpopulation nicht fern – Europa hat seit 1985 ein Drittel seiner Vögel verloren, in Zahlen sind das 421 Millionen.

Zu den zerstörerischen Faktoren gehören in diesem Zusammenhang die industrielle Intensivlandwirtschaft mit Gift, Gülle und Monokulturen, die allgemeine Zersiedelung und die gnadenlose Vogeljagd, die immer noch in einigen Ländern praktiziert wird sowie der Klimawandel. Tja, und beim Stichwort Klimawandel kommen wir zum Dilemma der Windkraftanlagen.

Johanna Romberg zitiert die von den Forschern der PROGRESS-Studie ermittelten Zahlen der Schlagopfer an Windkraftanlagen. Die bisherigen Zählungen zeigen, daß es Vögel gibt, die den Rotoren ausweichen (dazu gehören Singvögel, Gänse, Schwäne, Kraniche und Rabenvögel sowie die meisten Zugvögel), und andere, die die Opferstatistik anführen. Den ersten Platz der „Pechvogelstatistik“ belegt die Ringeltaube, den zweiten die Stockente und den dritten der Mäusebussard, und auch der Rotmilan gehört zu den häufigen Schlagopfern.

Da Mäusebussard und Rotmilan zu den langlebigen Vögeln gehören, sind sie später geschlechtsreif und bekommen wenige Junge. In einer natürlichen Umgebung ist dies eine sinnvolle Fortpflanzungsstrategie, zumal sie als Raubvögel kaum natürliche Feinde haben. Doch die künstlichen Lebensrisikofallen bedrohen durch jeden einzelnen Todesfall den Bestand dieser Art. http://bioconsult-sh.de/de/projekte/progress/

Es wäre wünschenswert, wenn sich Naturschützer und Windkraftplaner gemeinsam auf die Suche nach Lösungen machten. Es sollte genug Gebiete ohne Windkraftanlagen geben und großzügige Mindestabstände zu Raubvogelhorsten. Zudem ist eine Reformierung der Verkehrspolitik – mehr Schienen als Autoverkehr – sinnvoll. Tatsächlich ist die Zahl der Bussarde und Milane, die beim Aasfressen auf Schnellstraßen zu Tode kommen, noch gar nicht bekannt.

Jedes Kapitel von „Federnlesen“ knüpft an eine persönliche Erfahrung der Autorin an, speist sich aus Erinnerungen an Vogelerlebnisse und führt von dort in die Gegenwart einer bestimmten Vogelart. Diese Vorgehensweise wird dem Thema und dem Anliegen des Buches gerecht. Denn nur wer die Natur und bestimmte Lebewesen der Natur kennt, wertschätzt, ja, eine persönliche Beziehung und Zuneigung zu ihnen entwickelt, wird sich dafür interessieren, daß sie weiterleben können, daß es sie in Zukunft auch noch geben wird und sich Kinder und Kindeskinder ähnlich daran erfreuen wie wir.

So streift die Erinnerung der Autorin zu den Mauerseglern, deren Brutpflege sie in ihrer Kindheit durch die Aussicht auf ein altes Backsteinhaus, dessen Fassade den Luftakro-baten Nistnischen bot, gerne und oft beobachtete. Nachdem das Haus renoviert und neu verputzt worden war, fanden die Mauersegler im nächsten Mai keinen Nistraum mehr vor und flogen tagelang suchend die Fassade des Hauses ab. Dies führte dazu, daß die Autorin als Kind einen Leserbrief schrieb und um architektonische Berücksichtigung von Mauersegler Bedürfnissen bat.

Dieser Kindheitserinnerung folgt schließlich der Bericht über eine Reise nach Frankfurt zu einer Vogelklinik, die seit ihrer Gründung darauf spezialisiert ist, verletzte und geschwächte Mauersegler zu behandeln und zu retten. https://www.mauersegler.com/society/

Illustration von Florian Frick © Lübbe Verlag 2018

Insgesamt flattern mehr als 150 Vogelarten durch dieses Buch, einige kommen nur streiflichternd als Statisten vor, andere ausführlich-beschaulich als Hauptdarsteller.

Jedes Kapitel ist mit einem sehr schönen, stimmungsvollen naturalistischen Vogelaquarell von Florian Frick illustriert, und die Vorsatzblätter werden von aquarellierten Vogelfedern geschmückt. Die hochwertige Buchge- staltung setzt sich zudem in der bemerkenswert schmeichelgriffigen Papierqualität, der lesefreundlichen Typographie und dem bordeauxroten Lesebändchen fort.

„Federnlesen“ ist eine persönliche Naturkunde, die ihre Leser für Vogel- beobachtung begeistern und zum Vogelschutz animieren möchte – beides gelingt. Dabei ist das Buch äußerst angenehm und spannend zu lesen, ohne mit zu viel Fachwissen zu überfordern. Die Kombination aus konzentrierten klaren Informationen und subjektiver Naturerfahrung  vermittelt mit Gefühl und Verstand sowohl nützliches Wissen als auch konstruktive Anregungen zur persönlichen Mitwirkung beim Vogelschutz sowie zur Praxis der Vogelbeobachtung.

 

PS
Es gibt nur eine sprachstilistische Kleinigkeit, bei der ich der Autorin nicht zustimme. Sie regt an und praktiziert es auch gelegentlich in ihrem Text, für den deutschen Begriff der Vogelbeobachtung den im englischen Sprachraum üblichen Begriff „birding“ einzuführen. Angesichts meiner akutchronischen Anglizismenallergie stößt diese Formulierung bei mir auf einen gewissen Widerstand. Ich habe es wahrlich bedauert, daß der Begriff „vögeln“ leider, leider schon anderweitig belegt ist und sich im orinithologischen Sinne wohl nicht so leicht durchsetzen wird – außer bei Scherzvögeln.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/natur/federnlesen/id_6061610

 

Die Autorin:

»Johanna Romberg, Jahrgang 1958, wuchs im Ruhrgebiet auf. Sie studierte Schulmusik und Hispanistik in Köln und Sevilla, bevor sie 1985/1986 die Henri-Nannen-Schule besuchte und sich zur Journalistin ausbilden ließ. Seit 1987 ist sie Redakteurin und Autorin des Magazin GEO. Für ihre Reportagen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem zweimal mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Georg von Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus und dem Journalistenpreis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Johanna Romberg hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Mann in der Lüneburger Heide.«

Der Illustrator:

»Florian Frick ist ein freischaffender Künstler aus Berlin mit den beruflichen Schwerpunkten Illustration, Design und Modellieren … «
Für mehr Information lohnt ein Besuch seiner Webseite: www.monstershome.com

 

Querverweis:

Federnlesen ergänzt sich gut mit dem poetisch-philosophischen Biologie-Buch „Alles fühlt“ von Andreas Weber, in dem die wechselwirksame Verbundenheit von Mensch und Natur zu einem ganzheitlichen und demütigen menschlichen Selbstverständnis führt. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Und auch das Handwörterbuch der Vogellaute von Peter Krauss bietet sich zur naturverbundenen, vogelgesangsspezifisch-wortschatzerweiternden Abrundung an: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/10/02/singt-der-vogel-ruft-er-oder-schlaegt-er/

 

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Die Stadtbienen

  • Wie ich Imkerin wurde und mein Leben zu summen begann
  • von Erika Mayr
  • mit Anne Kunze
  • Knaur Taschenbuch Verlag    http://www.droemer-knaur.de
  • überarbeitete Neuausgabe März 2018
  • Taschenbuch
  • 254 Seiten
  • 10,99 € (D), 11,30 € (A)
  • ISBN 978-3-426-78968-1

B I E N E N B E G E I S T E R U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In einem lebhaften, lockeren Plauderton berichtet Erika Mayr davon, wie sie bei den Bienen gelandet ist. Ihr Lebenslauf führte sie nach vollbrachter Gärtnerinnenausbildung von Bayern nach Berlin. Dort beginnt sie ein Gartenbaustudium und arbeitet nebenbei als Aushilfe in einer Bar. Sie lebt sich ein, schließt Freundschaften und beschäftigt sich u.a. mit der Biodiversität innerstädtischer Brachflächen.

Dies führt zu ersten Kontakten mit Berliner Stadtimkern und zu reger Bienenbegeister-ung. Erika Mayr findet einen erfahrenen Imkerpaten und lernt das Imkern. Inzwischen stehen ihre Bienenstöcke auf dem Dach eines Hochhauses in Kreuzberg, und Erika Mayr kann ihren lokal erzeugten „Stadtbienenhonig“ verschenken, verkaufen und gelegent- lich auch gegen eine Dienstleistung oder ein anderes Lebensmittel eintauschen.

Ebenso unterhaltsam wie spannend verknüpft Erika Mayr ihren persönlichen Weg zu den Bienen mit anschaulich-sinnenfrohem Fachwissen über Bienen und Imkerei. Wissenswabe fügt sich an Wissenswabe, und wir erlesen den Lebenszyklus der Biene, die Feinheiten ihrer Kommunikationstanzkunst, die beträchtliche Bestäubungsleistung (40 000 Blütenpflanzen sind auf Bienenbestäubung angewiesen), den Nektarertrag und die faszinierenden Einzelheiten der Wachsherstellung, Bienensterben, Bienenrettung, Bienenpflege sowie Theorie, Praxis und Geschichte des Imkerns – hinzu kommen Betrachtungen zu Land- und Stadtleben, Landwirtschaft, Naturschutz, Nachhaltigkeit und lokalen Formen des Wirtschaftens.

Zum Bienensterben formuliert die Autorin einen Gedanken, dessen Fehlen mich bei den Auseinandersetzungen zu diesem Thema schon lange gewundert hat. Der Mensch nimmt den Bienen den Wintervorrat an Honig und ersetzt ihn durch Sirup. Wir wissen, welche krankhaften Folgen der Verzehr von Industriezucker für Menschen hat; da ist es naheliegend, die Schwächung der Bienenvölker auch im Zusammenhang mit der Sirupfütterung zu sehen. Sehr wahrscheinlich wäre es für die Gesundheit und die natürliche Abwehrkraft der Bienen besser, ihnen für den Winter mehr von ihrem eigenen Honig zu überlassen.

Das urbane Imkern funktioniert, weil Städte inzwischen oft über eine größere Biodi-versität verfügen als das Land. Anstelle großflächiger Monokulturen mit regelmäßiger Giftdusche und einem zeitlich begrenzten Blütenangebot findet man in Städten kleinteilige Strukturen und eine Vielzahl unterschiedlicher Pflanzen. Es wäre gut, wenn die Bedürfnisse von Bestäuberinsekten bezüglich blühender Bäume, Sträucher und Wildblumenoasen vermehrt in die städtische Grünflächenplanung und -Gestaltung einflössen – am besten im Austausch mit örtlichen Imkern.

In der Berliner Innenstadt gibt es dank der Empfehlung des Gärtners und Imkers Karl Förster viele Trachtbäume, „die in ihrer Blütezeit alle nahtlos aufeinander folgen: Kastanie, Ahorn, Robinie und Linde.“ (Seite 163)

Mit ansteckender Begeisterung beschreibt Erika Mayr das Leben und Wirken sowie die lebenswichtige Bedeutung der Bienen und die handwerklichen Tätigkeiten und die kontemplativen, naturverbundenen Freuden des Imkerns. So vertieft sie die Hochachtung vor Bienen und die Wertschätzung für das Imkerhandwerk. Dieses Buch kann ganz gewiß Leser auf den honigsüßen Geschmack des Imkerns bringen.

Ein Glossar mit relevanten Fachbegriffen und ein informativer Hinweis auf die Initiative „Netzwerk Blühende Landschaft“ runden das Buch animierend-praktisch ab.

Beim „Netzwerk Blühende Landschaft“ kann man u.a. mehrjährige Saatgutmischungen für die Anlage von Bienenweiden und Wildblumenwiesen bestellen: http://www.bluehende-landschaft.de

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/9559439/die-stadtbienen

 

Die Autorin:

»Erika Mayr, geboren 1973, stammt aus Oberbayern. Früh zog es die gelernte Gärtnerin nach Berlin, wo sie mit dem Stadtimkern in Berührung kam. Schnell stand der Ent-schluss: „Ich möchte ein Bienenvolk.“ Seit sie ihren ersten Bienenstock bekommen hat, setzt sie sich für die sympathischen Honiglieferanten ein. In ihrem Kreuzberger Honig steckt die ganze Vielfalt der Großstadt.«  http://www.stadtbienenhonig.com

 

Querverweis:

Als bienensummende, bienenperspektivische Ergänzung leseempfiehlt sich der Roman „Die Bienen“ von Laline Paull. Dieser Roman ist ein speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

 

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Wildbienenhelfer

  • Wildbienen & Blühpflanzen
  • von Anja Eder
  • Co-Autoren: Dirk Peters und Michael Römer
  • TiPP 4 Verlag  Januar 2018   www.tipp4.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 21,5 cm x 30,4 cm
  • 39,90 €
  • ISBN 978-3-9439691-9-1

EIN  WILDBIENENBUCH  ZUM  SCHWÄRMEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Anja Eders „Wildbienenhelfer“ wird Sie mit faszinierenden Fotos, hinreißend-schönen Makroaufnahmen und sachdienlichen Informationen  wildbienenkundig machen und Ihnen dabei helfen, in Ihrem Garten oder auf Ihrem Balkon die passenden Pflanzen und Lebensbedingungen für Wildbienen zusammenzustellen.

Beim Thema Bestäuberinsekten dürfen wir nicht auf  die viel zu langsamen Weichen-stellungen der Politik oder gar auf die unwahrscheinliche lebensdienliche Einsicht marktmächtiger, profitorientierter Konzerne warten, nein, wir müssen und – vor allem – wir können selber etwas tun, um das Überleben von Wildbienen zu fördern.

Die Formel ist ganz einfach: Leben die Bienen, wächst und gedeiht auch unsere Nahrung. Sterben die Bienen, wird es knapp mit der menschlichen Ernährung. Und damit ist nicht der köstliche Honig gemeint, sondern eine Vielzahl von Gemüse- und Obstsorten, Ölsaaten, Nüssen und Kräutern sowie – bei weltweiter Betrachtung – auch der beliebte Kaffee.

Balkone, Pflanzkübel, private Gärten, Baumscheiben, öffentliche Parkanlagen und Straßengrünrandstreifen usw. lassen sich in Nektar- und Pollenimbißstuben für Wild- bienen verwandeln. „Es gilt, die Herrschaft der Monokulturen aufzubrechen.“ (Seite 6) Jede Blüte zählt und hilft, und wenn Sie wissen wollen, welche einheimischen Blüten-pflanzen und Gehölze den bienenfleißigen Bestäubern im Jahreslauf Nahrung und Schutz bieten, lesen sie Anja Eders engagiertes Buch.

Nach einer kurzen Einführung in die lebensfeindlichen Auswirkungen industrieller Landwirtschaft und Monokulturen, insbesondere in die negativen Wirkungen von Neonicotinoiden auf das Nervensystem von Insekten, folgt eine kurze Erläuterung der Koevolution von Pflanzen und Bienen sowie eine anschauliche Darstellung des Bienenkörperbaus.

Sodann beginnt das Wildbienenjahr mit dem Februar, dem ersten Monat, in dem bereits frühe Wildbienen unterwegs sind. Monat für Monat werden Wildbienen und die jahres-zeitlich passenden Blühpflanzen vorgestellt. Prägnante Beschreibungen der Erkennungs-merkmale, Lebens- und Nistraumbedürfnisse und Blütenvorlieben werden durch wunderschöne, teilweise ganzseitige Makroaufnahmen der Wildbienen illustriert. Ergänzende graphische Darstellungen zeigen die Bienen in Originalgröße.

Foto: Anja Eder © Dunkle Erdhummel und Mauer-Maskenbiene

Daran anschließend folgen die entsprechenden Blühpflanzen, welche mit kurzen schriftlichen Portraits, einer vierstufigen graphischen Darstellung des Nektar- und Pollengehalts sowie anschaulichen Fotos dokumentiert werden; dabei ist der weiße Hintergrund der Pflanzendarstellungen besonders betrachterfreundlich.

Hier wird das Füllhorn natürlichen Reichtums so liebevoll und ansprechend dargestellt, daß man es kaum abwarten kann, im Rahmen der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten für die Wildbienen aktiv zu werden. Wildbienen gibt es in der Größenordnung von 1,3 bis 30 mm, manche Arten wird man wohl erst nach dem Kennenlernen im Buch auch in der freien Wildbahn wahrnehmen und zuordnen können. Während Gartenhummeln recht groß und auffällig sind, kann man die winzigen Furchen und Maskenbienen leicht übersehen.

Weltweit gibt es bis zu 30 000 Arten von Wildbienen, in Deutschland sind es 560 Arten, von denen 30 bereits vom Aussterben bedroht sind. Viele Wildbienen leben und brüten solitär oder nur in kleinen Brutkolonien zusammen. Manche Arten sind bezüglich des Blütenpollenangebots nicht wählerisch, und sie bedienen sich bei vielen Blühpflanzen. Solchen polylektischen Wildbienen stehen die oligolektischen Wildbienen gegenüber, die nur wenige, manche sogar – wie beispielsweise die Blutweiderich-Sägehornbiene, die Eisenhut-Hummel, die Efeu-Seidenbiene, die Glänzende Natternkopf-Mauerbiene und die Lauch-Maskenbiene – nur auf eine einzige Pflanzenart spezialisiert sind. Verschwindet die Pflanze, verschwindet auch die symbiotische Biene.

Foto: Anja Eder © Efeu-Seidenbiene

Das großzügige DIN-4-Format des Buches mit dem hochwertigen LuxoArt Samt 15og/m² FSC-Papier wird den meisterhaften Fotografien, die fast alle von Anja Eder stammen, besonders gut gerecht und offenbart Einblicke in faszinierende, feinste Einzelheiten von Bienen und Blütenpflanzen. Die Betrachtung der zahlreichen Fotos schult das Auge für die Details des Bienenkörpers. So konnte ich kürzlich im März stolz wiedererkennen, daß es sich bei der gehörnten Mauerbiene in meinen Krokussen um ein Männchen handelte, da es weißes Kopfhaar und einen weißen Bart hatte, körperliche Merkmale, welche die Weibchen nicht haben.

Foto: Anja Eder © Rostrote Mauerbiene

Einige Hinweise zur Gartenpflege runden dieses nützliche und schöne Buch kompetent ab. Den selbstverständlichen Verzicht auf Insektengifte und Kunstdünger vorausgesetzt, braucht es unaufgeräumte Bereiche, in denen Laub und Tothölzer liegen bleiben dürfen; Steinhaufen, Trockenmauern und unbefestigte Gartenwege  bieten vielen Wildbienen Rückzugsorte und Nistnischen. Es empfiehlt sich zudem, abgestorbene Staudenstengel stehenzulassen, weil in den markhaltigen Stengeln oft Wildbienenbrut untergebracht wird. All diese Maßnahmen bieten außerdem auch viele geschützte Winterrückzugs-möglichkeiten für Hummeln, die vom Spätsommer bis zum nächsten Frühjahr Winterschlaf halten.

Foto: Anja Eder © schlafende Florentiner Wollbiene

Anja Eder weist deutlich darauf hin, daß viele käufliche Insektenhotels für Wildbienen nutzlos sind, da sie mehr der geschäftstüchtigen Resteverwertung von Hölzern und Lochziegeln dienen als den biologischen Notwendigkeiten einer Wildbienennistnische. So sind die Niströhren oft ausgefranst und versplittert, was für die zarten Hautflügel große Verletzungsgefahren mitbringt, oft sind die Röhrendurchmesser viel zu groß und die Röhrenlänge zu klein usw.

Als Nisthilfe besser geeignet sind dickwandige Bambusröhren mit abgeschliffenen Rändern. Bohrlöcher für Niströhren sollten nur in die Längsseite eines gut abgelagerten, harzfreien Hartholzstammes (Esche, Apfel, Pflaume, Birne, Haselnuß, Eiche) gebohrt werden, um winterliche Frostrisse zu vermeiden. Ein Schutz durch Kaninchendraht, damit Meisen und Spechte sich nicht an diesem Bienenlarvenbufett bedienen, ist ebenfalls empfehlenswert.

Mit den Informationen und Anleitungen aus diesem wertvollen Buch kann jeder zum Wildbienenhelfer werden. Also ran an die Lektüre und den animierenden Genuß fantastischer Bienenfotos und dann raus in die Praxis, um die erlesenen Kenntnisse ins Handeln zu übersetzen und ein Refugium für Wildbienen zu schaffen.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf Anja Eders Webseite:
https://www.wildbienen-garten.de/wildbienen-buch/

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.tipp4.de/e288/e1963/index_ger.html?preview=preview

Ein Euro des Verkaufspreises wird gespendet an das Projekt „Zukunft für Wildbienen & Co“ der Deutschen Umwelthilfe: http://www.duh.de/wildbiene

 

Die Autorin:

»Anja Eder ist selbständige Gafik-Designerin. Mit ihrem Partner Michael Römer führt sie unter dem Namen picnic-design ein Büro für  visuelle Kommunikation. 2010 erhielten Anja Eder und Michael Römer für ihren Entwurf der Leuchtserie „Moonjelly“ den reddot design award.«

 

Querverweise:

Zum Thema Bienen und Mitweltschutz empfehle ich zusätzlich dringend das aufklärend-informative Buch von Ute Scheub: »Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaf. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Wer sich auf anspruchsvolle Sachbuchlektüre einlassen mag, findet bei Randolf Menzels und Matthias Eckholdts Buch „Die Intelligenz der Bienen“ ebenso faszinierenden wie hochkonzentrierten Wissensnektar. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/24/die-intelligenz-der-bienen/

Des weiteren lohnt sich ein ausführlicher Besuch auf Almuths bienenfleißiger Webseite
„Natur auf dem Balkon“: https://naturaufdembalkon.wordpress.com/
Dort läßt sich lebhaft besichtigen und erlesen, wieviel weltrettende Wildbienenpflege alleine auf einem Balkon möglich ist.

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

Das geheime Netzwerk der Natur

  • Wie Bäume Wolken machen und Regenwürmer Wildschweine steuern
  • von Peter Wohlleben
  • LUDWIG Verlag   September 2017  http://www.ludwig-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 224 Seiten
  • ISBN 978-3-453-28096-0
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A)  26,9o sFr.

N A T U R L I E B H A B E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohllebens neues Buch öffnet unser Denken und unsere Sinne für die komplexen natürlichen Kreisläufe und Wechselwirkungen unserer Mitwelt. Dabei spielen große und kleine sowie kurzfristige und langfristige Zusammenhänge zwischen den zoologischen und botanischen Arten ebenso eine tragende Rolle wie geologische und klimatische Entwicklungen und der Einfluß der menschlichen Zivilisation.

Das Spektrum der anschaulichen Beispiele für natürliche Gleichgewichte und Selbst-organisationen sowie positive und negative menschliche Einflußnahmen reicht vom winzwinzigen, unterirdischen Mikroorganismus bis zum Baumriesen, vom Moospolster, das ein Vielfaches seines Gewichtes an Wasser speichern kann, bis zur Gewitterwolke, die innerhalb weniger Minuten pro Quadratkilometer bis zu 30 000 Kubikmeter Wasser abregnen lassen kann, vom CO₂- und Stickstoffkreislauf bis zum Für und Wider winterlicher Vogelfütterung, von Ameisen-Blattlaus-Lebensgemeinschaften bis zum evolutionären Hörwettbewerb zwischen Fledermäusen und Nachtfaltern …

Peter Wohlleben weckt sogleich im ersten Kapitel mit der Überschrift „ Warum Wölfe Bäumen helfen“ unsere Neugier. Denn der Zusammenhang zwischen Bäumen und Wölfen ist ja zunächst nicht offensichtlich.

Im 19. Jahrhundert wurden im Yellowstone-Nationalpark auf Druck der umliegenden Farmer systematisch alle Wölfe ausgerottet. Das hatte zur Folge, daß sich die Hirsche massiv vermehrten und insbesondere die Gräser und Baumschößlinge an den Flußufern wegfraßen. Die verödeten, pflanzenarmen Uferregionen boten zu wenig Nahrung für Vögel, deren Artenspektrum abnahm; Biber, die auf Uferbäume angewiesen sind,  verschwanden ebenfalls. Da die Uferböschungen kaum noch einen schützenden Pflanzenbewuchs hatten, wurde bei Hochwasser viel Erdreich mitgerissen, die Erosion beschleunigte sich, und die Flußläufe mäandrierten beträchtlich.

1995 wurden wieder Wölfe im Yellowstone-Nationalpark angesiedelt, und es begann eine „trophische Kaskade“, d.h. „eine Veränderung des gesamten Ökosystems über die Nahrungskette, von oben beginnend“. (Seite 11) Die Wölfe jagten die Hirsche, die Hirschpopulation nahm ab, und die verbliebenen Hirsche hielten sich nur noch kurz an den offenen Uferstreifen auf, da sie die Wölfe fürchteten und sich zum Selbstschutz bevorzugt in weniger sichtoffenen Waldarealen aufhielten.

Die Bäume und die Pflanzenvielfalt kehrten zurück, und nach einigen Jahren waren die Flußufer wieder natürlich befestigt, die Biber kehrten zurück, und in Folge der Biberstaudämme gab es mehr Tümpel, mehr Tümpel förderten die Ansiedlung von Amphibien, und auch die Vogelvielfalt wurde wieder größer …

In Anbetracht der Tatsache, daß „Deutschland auf die Fläche bezogen eines der wildreichsten Länder der Erde ist“ (Seite 16), sollten wir die Rückkehr der Wölfe also gelassen begrüßen und nicht auf hysterische Schlagzeilen gewisser Blättchen hereinfallen. Menschen gehören nicht zum Beutespektrum des Wolfs, und selbst Vieh und Haustiere machen lediglich 0,75 Prozent seiner Nahrung aus. Tatsächlich sind streunende oder verwilderte Hunde viel gefährlicher, da sie keine natürliche Scheu vor Menschen haben.

Peter Wohlleben vermittelt dem Leser eine ganzheitliche Perspektive, er berichtet ausgewogen von Chancen, Gefahren und möglichen Lösungen für menschengemachte Probleme. Er schreibt eigentlich nicht, sondern er erzählt, und dies auf eine solch lebendige, interesseweckende und faszinierende Weise, daß selbst schon sehr naturverbundene Leser nach der Lektüre mit noch wacherem Blick durch Wald und Wiesen streifen.

„Das geheime Netzwerk der Natur“ legt uns mit Gefühl die Natur ans Herz und hebt uns mit Verstand die feinverästelte Komplexität der Natur ins Bewußtsein.

Kritiker, die Peter Wohllebens einfühlsame Erzählweise als unwissenschaftlich bemängeln, verkennen in verkopfter oder profitbeschränkter Welt- und Selbstsicht unsere eigene menschliche Natur, die nämlich am erfolgreichsten durch eine emotionale Ansprache berührt und motiviert wird. Nur wer die Natur liebt, wird ihr mit Achtsamkeit und Respekt begegnen, lebensfeindliche Einmischungen vermeiden und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um ihren Erhalt und Schutz bemühen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Netzwerk-der-Natur/Peter-Wohlleben/Ludwig/e515800.rhd

Das Hörbuch ist parallel zum Lesebuch im Hörverlag erschienen, in bewährter sonorer Stimmqualität gelesen von Peter Kaempfe.

Das geheime Netzwerk der Natur

von Peter Wohlleben
gelesen von Peter Kaempfe
der Hörverlag  http://www.hoerverlag.de
Hörbuch CD (gekürzt)
6 CDs in Pappklappschachtel
Laufzeit: ca. 6 Stunden, 44 Minuten
ISBN: 978-3-8445-2727-8
19,99 € (D), 22,50 € (A) , 28,50 sFr.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Das-geheime-Netzwerk-der-Natur/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e528126.rhd

 

Querverweis:

Hier entlang zu meiner Rezension von Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/02/06/das-geheime-leben-der-baeume/ und „Das Seelenleben der Tiere“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/30/das-seelenleben-der-tiere/

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforst-verwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute eine Waldakademie in der Eifel. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Mit seinen Bestsellern Das geheime Leben der Bäume und Das Seelenleben der Tiere hat er Menschen auf der ganzen Welt begeistert.« https://wohllebens-waldakademie.de/

Das Geheimnis der Bienen

  • Alles, was wir wissen sollten
  • Mit Anleitung zum gesunden Bienenstock
  • von Rob & Chelsea McFarland
  • Originaltitel: »Save The Bees With Natural Backyard Hives«
  • Aus dem Amerikanischen von Imke Brodersen
  • GOLDMANN Verlag   Mai 2017   www.goldmann-verlag.de
  • Klappenbroschur
  • Fadenheftung
  • Format: 17 cm x 21 cm
  • 176 Seiten
  • ca. 80 farbige Fotos
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A), 20,50 sFr.
  • ISBN 978-3-442-17666-3

HONIGHANDWERK  &  BIENENPFLEGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul  ©

Vom Gärtnern zum Imkern ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Rob & Chelsea McFarland nutzten ihren Biogarten gerne als natürlichen Ausgleich zum künstlichen Streß ihres Arbeitslebens in der Medien- und Technologiebranche. Und dann erschien eines Tages ein wilder Bienenschwarm in ihrem Garten.

Sie organisierten sich professionelle Hilfe beim örtlichen Imker. Der Schwarm wurde eingefangen und in einen Bienenstock übergesiedelt. Rob & Chelsea waren so fasziniert und begeistert von den Bienen – man spricht dabei auch gerne scherzhaft vom „Bienenfieber“-, daß sie Hobbyimker wurden und 2011 die Umweltschutzorganisation HoneyLove.org ( https://honeylove.org/ )   gründeten.

Zunächst entwickelten sie eine Medienkampagne und gründeten eine Bürgerinitiative, um die Bienenhaltung in Los Angeles zu legalisieren, denn in den USA ist es nicht in jeder Stadt erlaubt, zu imkern.

Liebe zu den Bienen, Naturverbundenheit und lebendige Neugier sowie Offenheit  für ergänzende neue und unverhoffte Erkenntnisse und Perspektiven sind der rote Faden, der erfreulich ansteckend durch dieses Einsteigerbuch für Freizeitimker führt.

Elf übersichtliche Kapitel mit ebenso schönen wie informativen Fotos vermitteln Grundlagenwissen über Biologie, Verhalten und Lebenszyklus der Bienen sowie über Bienenweiden, Pollen, Nektar, Bienenbrot und Sirup. Die materielle Ausrüstung des Imkers vom Schutzanzug über den Smoker bis zum Stockmeißel sowie zwei Sorten von Bienenstöcken – die Langstroth-Beute und die kenianische Oberträgerbeute – werden mit ihren jeweiligen Vorzügen dargestellt.

Ergänzend kommen Hinweise auf Standortkriterien für Bienenstöcke und Rettungs-maßnahmen bei Problemen mit Krankheiten und Parasiten hinzu sowie auf effektive Methoden angesichts aggressiver Bienen oder auf diplomatische Strategien angesichts überängstlicher Mitmenschen.

Vorbeugend weisen die Autoren darauf hin, daß man in der Nähe von Bienenstöcken keine Bananen essen sollte, da das Verteidigungspheromon der Bienen nach süßer Banane riecht – man könnte damit einen falschen Alarm mit einem echten Bienenangriff auslösen.

Zum Abschluß folgt ein Kapitel über die Werkzeuge und das bienenschonende Verfahren der Honiggewinnung, das von anschaulichen Schritt-für-Schritt-Fotos begleitet wird.

Ein Stichwortverzeichnis hilft beim gezielten Nachlesen zu Detailfragen. Außerdem empfehlen die Autoren ausdrücklich jedem angehenden Imker, sich erfahrene Imker als Mentoren zu suchen, da Bücherlesewissen nur durch praktische Erfahrung fruchtbar wird. Die Stärke und Lebenskraft der Bienen liegt in ihrem kommunikativen und arbeitsteiligen, sozialen Miteinander; das dürfte auch für Imker gültig und dienlich sein.

Hobbyimker können einen wertvollen Beitrag gegen das weltweite Bienensterben leisten, da sie ein vielfältiges Experimentierfeld für Imkern ohne Gifteinsatz „beackern“. Da sie nicht auf kommerziellen Ertrag angewiesen sind und mehr Honig für die Überwinterung ihrer Bienenvölker reservieren, entwickeln sich widerstandsfähigere Bienenvölker, die auch mit dem Varroamilbenbefall besser fertig werden.

Das Problem der chemischen Milbenbehandlung ist, daß die Milben durch Selektion immer stärker und resistenter werden und die Bienen immer schwächer. Bio-Imker versuchen durch eine künstliche Brutpause die Milbenvermehrung auszubremsen, da sich die Milben nur in den Brutzellen des Bienenstocks entwickeln können.

Die Autoren vertreten überzeugend und sachkundig aufklärend das Prinzip der behandlungsfreien Bienenhaltung, plädieren jedoch ausdrücklich für einen konstruktiv-informativen Austausch zwischen Bio-Imkern und konventionellen Imkern, da dem Erhalt der Bienenvölker mit besserwisserischer Engstirnigkeit nicht gedient sei.

„Das Geheimnis der Bienen“ bietet mit beflügelnder Bienenbegeisterung eine ganzheitliche Kombination aus fundiertem Fachwissen und praktischen Anleitungen zur naturverbundenen Bienenhaltung.

 

»In der Kunst des Imkerns ist die Beute die Leinwand, die Bienenpflege die Farbe und die Gesundheit der Bienen unser Kunstwerk. Die einzigen Kritiker, auf die ein Imker hören sollte, sind seine Bienen.«
(Seite 170)

Im Anhang finden sich Hinweise auf Webseiten zum Thema Imkern für den deutschsprachigen Raum, von denen ich nachfolgend eine Auswahl aufliste:

www.deutscherimkerbund.de
www.die-honigmacher.de

www.mellifera.de
www.bienenkiste.de
www.schwarmboerse.de
www.bienenweidekatalog-bw.de

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Paperback/Das-Geheimnis-der-Bienen/Rob-McFarland/Goldmann-TB/e507484.rhd

Die Autoren:

»Rob & Chelsea McFarland begannen ihren beruflichen Weg in der Medien- und Technologiebranche. Nachdem sich ein wilder Bienenschwarm in ihrem Garten niedergelassen hatte, entdeckten die beiden ihre Begeisterung für das Imkern. Sie gründeten 2011 die Umweltschutzorganisation HONEYLOVE, mit der sie Aufklärung betreiben und Menschen zur urbanen Bienenhaltung anregen möchten. Seitdem arbeiten sie und ihre Mitstreiter mit Begeisterung daran, einer neuen Generation von Imkern das Geheimnis der Bienen näherzubringen.«
Mehr Informationen auf: https://honeylove.org/

 

Querverweis:

Zum Thema Bienen und Mitweltschutz empfehle ich zusätzlich dringend das aufklärerische Büchlein von Ute Scheub: »Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft«. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Wer anspruchsvolle Sachbuchlektüre braucht, findet bei Randolf Menzels und Matthias Eckholdts Buch „Die Intelligenz der Bienen“ ebenso faszinierenden wie hochkonzentrierten Wissensnektar. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/24/die-intelligenz-der-bienen/

Bienenperspektivisch ergänzend leseempfiehlt sich der Roman „Die Bienen“ von Laline Paul.
Dieser Roman ist ein speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Und Maja Lundes Roman „Die Geschichte der Bienen“. Dieser Roman hat das Potenzial, vielen Menschen fühlbar und bewußtseinsbildend zu vermitteln, wie sehr unsere Existenz vom Bienenfleiß unzähliger Bestäuberinsekten abhängt. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/09/07/die-geschichte-der-bienen/

Die Geschichte der Bienen

  • von Maja Lunde
  • Roman
  • Originaltitel: »Bienes Historie«
  • Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
  • btb Verlag März 2017    www.btb-verlag.de
  • gebunden
  • Schutzumschlag
  • 512 Seiten
  • Format: 12,5 x 20,00 cm
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-75684-1

B I E N E N E C H O

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Die Geschichte der Bienen“ hat das Potenzial, vielen Menschen fühlbar zu vermitteln, wie sehr unsere Existenz vom Bienenfleiß unzähliger Bestäuberinsekten abhängt.

Über einen Zeitraum von 150 Jahren erfahren wir von drei Familien, in deren Leben und Überleben Bienen eine schicksalhafte Rolle spielen.

Tao lebt im Jahr 2098 in China und arbeitet als Obstblütenbestäuberin. Es gibt seit dem weltweiten Bienenkollaps von 2045 keine Bienen mehr, und die damit verbundene Nahrungsmittelknappheit hat die Welt drastisch verändert; die Vormachtstellung Amerikas und Europas ist dahin, die Weltbevölkerung hat deutlich abgenommen. China hat sich als anpassungsfähiger an die neuen Umweltbedingungen erwiesen; dennoch herrscht auch in Taos Welt Mangel an Nahrung. Disziplin und durchorganisierte Verteilung ermöglichen das Überleben, Baumwolle ist ein Luxusartikel und das Internet nur noch eine Erinnerung.

Jeden Tag arbeitet Tao zwölf Stunden, einen Ruhetag gibt es nur alle paar Wochen, wenn die Obstplantagenpflichten erfüllt sind und die Arbeiter laut überregionalem Regierungskomitee-Beschluß eine solche Belohnung „verdient“ haben.

Mit äußerster Achtsamkeit – um keine wertvollen Äste abzubrechen – klettert Tao in die Birnbäume und bestäubt  mit einem feinen Federpinsel Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte mit kostbarem Blütenstaub. Diese Arbeit erfordert großes feinmotorisches Geschick, und Tao gibt sich die größte Mühe, obwohl ihre Talente deutlich mehr im intellektuell-sprachlichen Bereich liegen und nicht im handwerklichen.

Sie freut sich auf den Feierabend, auf ihren Mann Kuan und ihren kleinen, dreijährigen Sohn Wei-Wen. Tao hofft, durch frühkindliche Förderung ihrem Kind eine andere Lebensperspektive eröffnen zu können, und unterrichtet ihn im Rahmen ihrer Möglichkeiten täglich eine Stunde. Verständlicherweise will Wei-Wen aber viel lieber spielen. Wie soll sie ihrem Kind auch begreiflich machen, daß es, wenn es keine herausragende  intellektuelle Begabung zeigt, bereits im Alter von acht Jahren unvermeidlich zum Blütenbestäuber ausgebildet werden wird? Die Sicherung der Ernährungsgrundlagen hat in Taos Welt Vorrang vor höherer Bildung.

An einem ihrer wenigen freien Tage veranstalten Tao und Kuan mit Wei-Wen ein kleines Ausflugs-Picknick, bei dem Wei-Wen einen dramatischen „Unfall“ erleidet, der das Leben und die Zukunft aller verändern wird …

William lebt im Jahr 1852 in England. Er ist eigentlich Naturforscher, jedoch erfordern seine familiären Verpflichtungen eine einträgliche Arbeit, und deshalb führt er ein Geschäft für Samenhandel. Er ist rundherum unglücklich mit seinem Dasein, mit dem Geschnatter zahlreicher Töchter, seinem schwierigen Verhältnis zum einzigen mütterlich-verwöhnten Sohn und dem Verlust seiner wissenschaftlichen Leidenschaft. Gerne würde William seinem Leben eine größere, übergeordnete Bedeutung geben und eine weltbewegende Entdeckung oder Erfindung machen.

Die Lektüre eines Buches über Bienen weckt seinen Forschergeist zu frischem Leben. Er will einen neuartigen Bienenstock entwickeln, der es ermöglicht, Honig zu ernten, ohne den Bienen und ihrer Brut Schaden zuzufügen. Außerdem solle der neue Bienenstock dem Imker besseren Einblick in den Zustand des Bienenvolks verschaffen.

Voller Eifer beobachtet William das Verhalten der Bienen, zeichnet begeistert Baupläne, experimentiert mit verschiedenen Bauweisen und erfindet einen Vorläufer der heute noch üblichen Magazinbeuten mit herausnehmbaren Wabenrahmen. William ist voller Vorfreude, träumt von einem Patent für die „William-Savage-Standardbeute“, von Ruhm und Reichtum. Indes, jeder Verbesserung und Verfeinerung, die ihm einfällt, kommen stets andere Forscher in anderen Ländern mit ihren Patentanmeldungen zuvor.

George lebt im Jahr 2007 in Amerika. Er ist Berufsimker und baut seine Magazinbeuten selbst, nach einem alten Bauplan, den eine Vorfahrin seiner Familie bei der Auswande-rung nach Amerika mitgebracht hat. Seinen imkerischen Erfolg führt er u.a. auf diese liebevoll-selbstgezimmerten Bienenstöcke zurück. Dennoch ist der finanzielle Ertrag der Imkerei bescheiden, und für Investitionen braucht George Bankkredite, die abbezahlt werden müssen.

Sein Sohn Thomas studiert und möchte gerne Journalist werden. George jedoch versteift sich stur darauf, daß sein Sohn die Familientradition der Imkerei fortsetzt. Dies führt zu familiären Spannungen und Differenzen.

Als jedoch Georges Bienenvölker über Nacht vom CCD („Colony Collapse Disorder“) befallen werden und fast alle Bienen verloren sind, kommt sein Sohn auf den Hof zurück und hilft seinem Vater zu retten, was noch zu retten ist. Im Jahr 2037 wird Thomas Savage ein visionäres Buch schreiben, das sein ganzes praktisches Wissen über Bienen bündelt. Ein Buch, das Tao ein halbes Jahrhundert später lesen wird …

Maja Lunde verbindet gekonnt die Erzählung zwischenmenschlicher Beziehungen und Entwicklungen mit der Vermittlung von Wissen über Bienen. Da alle Personen um das Thema Bienen kreisen, fließen bienenbezügliche Beobachtungen, Informationen und Reflexionen selbstverständlich in die Gespräche und Gedanken der Figuren ein.

Heute ist allgemein bekannt, daß unser aller Ernährung von der unermeßlichen Bestäubungsleistung der Honig- und Wildbienen sowie diverser weiterer Bestäuberinsekten abhängt. Es gibt viele gute und wissenswerte Sachbücher und Dokumentarfilme zu diesem Thema. Damit aber dieses Wissen vom Kopf ins Herz gelangt, ist ein Roman vielleicht besser oder massentauglicher geeignet, da dieses Wissen auf eine personalisierte Weise emotional dargestellt wird.

Spannung und Abwechslung entstehen in Maja Lundes Roman durch die regelmäßig zwischen den drei Zeitebenen abwechselnden Kapitel und deren subtilen Zusammen-hänge, die sich erst nach und nach offenbaren.

Die Beschreibung  von Taos Lebensbedingungen berührt ganz unmittelbar, sie ist die Figur mit der man beim Lesen am stärksten bangt und hofft.

Den lebensgefährlichen Einflußreichtum gewisser monopolistischer Chemie- und Saatgutkonzerne auf Gesetzgebung und landwirtschaftliche Gestaltung demokratischer Staaten sowie das damit verknüpfte Verharmlosungsmarketing bezüglich bienen-gefährdender Substanzen, hätte die Autorin nach meiner Einschätzung ruhig etwas deutlicher darstellen können. Sowohl bei Taos historischen Bienenrecherchen wie bei Georges gegenwartsnahem Erzählstrang wäre in dieser Hinsicht noch informativer Spielraum gewesen.

Möge die Tatsache, daß es „Die Geschichte der Bienen“ auf Platz eins der Bestsellerliste geschafft hat, davon zeugen, daß das Bewußtsein für die essentielle Bedeutung der Bienen in der Bevölkerung gewachsen ist.

Der aufwühlende, eindringliche und bittere Vorgeschmack auf eine Welt ohne Bienen, deren Bestäubungsleistung nur begrenzt und unzureichend durch menschliche Handarbeit ausgeglichen werden kann, dürfte Warnung genug sein, um hoffentlich noch die Weichen für eine Zukunft mit Bienen zu stellen.

Wenn alle Leser von „Die Geschichte der Bienen“ wortwörtlich vor der eigenen Haustür den Schritt vom Lesen zum Pflanzen nektarreicher Blumen und Kräuter beschritten, würde tatsächlich HOFFNUNG gesät.

Jede Biene und jede Blüte zählt …

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Geschichte-der-Bienen/Maja-Lunde/btb-Hardcover/e492023.rhd

 

Die Autorin:

»Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie ist eine bekannte Drehbuch- sowie Kinder- und Jugendbuchautorin. Die Geschichte der Bienen ist ihr erster Roman für Erwachsene, der zunächst national und schließlich auch international für Furore sorgte. Er stand monatelang auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.«

 

Querverweise:

Bienenperspektivisch ergänzend empfiehlt sich der Roman „Die Bienen“ von Laline Paul.
Dieser Roman ist ein speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Zum Thema Bienen und Mitweltschutz empfehle ich zusätzlich dringend das aufklärerische Büchlein von Ute Scheub: »Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft«. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Wer anspruchsvolle Sachbuchlektüre braucht, findet bei Randolf Menzels und Matthias Eckholdts Buch „Die Intelligenz der Bienen“ ebenso faszinierenden wie hochkonzentrierten Wissensnektar.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/24/die-intelligenz-der-bienen/

Und für alle, die nicht nur lesen, sondern auch konkret und konsequent bienenförderlich handeln möchten, empfehle ich von ganzem Herzen die überaus praktikablen botanischen Anregungen, die Almuth auf ihrer bienenfleißigen Webseite „Natur auf dem Balkon“ anschaulich (feine Fotos) und liebevoll (informativ-schwärmerische Texte) vorlebt.
https://naturaufdembalkon.wordpress.com/

Die spirituelle Weisheit der Bäume

  • Eine Entdeckungsreise
  • von Pierre Stutz
  • Mit Fotografien von Andrea Göppel
  • Patmos Verlag   Februar 2017     http://www.patmos.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • Format: 17 x 26 cm
  • 64 Seiten
  • 17,– € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-8436-0875-6

B A U M W Ä R T S

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die spirituelle Weisheit der Bäume“ handelt davon, wie eine einfühlsame Baum- perspektive das menschliche Selbstverständnis ganzheitlich ausgleichen kann. Pierre Stutz erzählt im Vorwort von der lebendigen, innig vertrauten Beziehung, die er als Kind zu seinem Lieblingsbaum, einer Birke,  gepflegt hat. Als sie gefällt wurde, war der Schmerz über den Verlust dieses Vertrauenswesen groß. Die spirituelle Beziehung zu Bäumen pflegte er indes weiter, und der innere Dialog mit ihnen begleitet seinen Lebensweg.

Kurze, meditative Zeilen in ebenso einfach-zugänglicher wie zugewandter Sprache sowie die anrührend-ausstrahlungstiefen Baum-, Allee- und Waldfotografien von Andrea Göppel laden zu einem inspirierenden Waldspaziergang ein, der die fruchtbaren und heilsamen Seelenkräfte natürlicher Lebensverbundenheit und geduldigen Wachstums auslotet und beschreibt.

Manchmal greift der Autor als Ausgangspunkt seiner Texte zu einem Film (El Olivio – Der Olivenbaum, Das Geheimnis der Bäume), der sich mit dem Thema der ganzheitlichen Lebensrelevanz von Bäumen befaßt. Manchmal wählt er ein Zitat und reiht seine Gespräche mit den Bäumen in eine Tradition menschlicher Naturverbundenheit (Henry David Thoreau, Peter Wohlleben) ein.

Ganz pragmatisch weist er zudem darauf hin, daß auch das Unterschreiben von Petitionen zur Rettung der Urwälder und alltägliches solidarisches, ökologisches Handeln zu einem baumverbundenen und spirituellen Lebenswandel gehören.

Man kann dieses Buch auch sehr gut – orakelartig – an einer beliebigen Stelle aufblättern und sich von der anregenden Ausgewogenheit der Baumbetrachtungen wahlweise beflügeln oder bewurzeln lassen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.patmos.de/die-spirituelle-weisheit-der-baeume-p-8723.html

PS:
Bei einigen der verwendeten Baumfotos mit landschaftlicher Kulisse, hätte ich mir einen Hinweis auf den Ort der Aufnahme gewünscht.

 

Der Autor:

»Pierre Stutz ist einer der gefragtesten spirituellen Lehrer unserer Zeit. Er lebt am Genfer See und inspiriert in Vorträgen und Kursen im gesamten deutschsprachigen Raum die Menschen zu einer geerdeten und befreienden Spiritualität. Seine über vierzig Bücher haben eine Auflage von mehr als einer Million Exemplaren und wurden in sechs Sprachen übersetzt. Schreiben ist für Pierre Stutz ein »feu sacré«, ein inneres Feuer.«
www.pierrestutz.ch

Die Fotografin:

»Andrea Göppel ist Fotografiemeisterin und Buchgestalterin. Die Philosophie ihrer Fotografie liegt darin, „Augenblicke des Lebens, Stimmungen der Natur, kaum bemerkte Details sichtbar werden zu lassen“.«
http://www.andreagoeppel.de

Die Intelligenz der Bienen

  • Wie sie denken, planen, fühlen und was wir daraus lernen können
  • von Randolf Menzel und Matthias Eckoldt
  • Albrecht Knaus Verlag   März 2016  www.knaus-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 368 Seiten
  • 24,99 € (D), 25,70 € (A)
  • ISBN 978-3-8135-0665-5

BIENENFLEISSIGE  BIENENKUNDE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Zoologe und Neurobiologe Randolf Menzel hat sein Forscherleben den Bienen gewidmet und zusammen mit dem Schriftsteller und Rundfunkautor Matthias Eckoldt sein gesammeltes Bienenwissen in ein profundes populärwissenschaftliches Buch gepackt. In fünf Jahrzehnten Bienenforschung hat Randolf Menzel die Bienen innig kennengelernt und eine Fülle an neuen Erkenntnissen zu ihren erstaunlichen Fähigkeiten gewonnen.

Während der Lektüre ist man sowohl fasziniert und beeindruckt von den Bienen und ihren komplexen Wahrnehmungs-, Denk-, Kommunikations- und Verhaltensweisen als auch von den ausgeklügelten Experimenten und Mikromeßmethoden, die Randolf Menzel und seine Mitarbeiter für die Erforschung der Bienensinne und des nur etwa sandkornkleinen Bienengehirns entwickelt haben.

Die noch verhältnismäßig allgemein gehaltenen Informationen des ersten Kapitels dienen der einführenden Annäherung an die Biologie der Bienen und der Selbstreflexion der experimentellen Fragestellungen und Forschungsmethoden.

Das zweite Kapitel führt uns in den Aufbau des Bienengehirns ein, Kapitel drei bündelt das aktuelle Wissen über die sieben Sinne der Bienen, Kapitel vier vertieft neurologische Feinheiten über Lernvorgänge und Gedächtnisleistungen der Bienen und beschreibt komplexe neuronale Reaktionsketten, in Kapitel fünf erfahren wir Einzelheiten über die Navigation, Kommunikation und Organisation des Superorganismus des Bienenvolks, und Kapitel sechs befaßt sich mit Bienen und Umweltschutz und warnt eindringlich vor den massiven Gefahren durch Nervengifte in sogenannten Pflanzenschutzmitteln, die in der industriellen Landwirtschaft zum Einsatz kommen.

Aus der Wissensfülle dieses Sachbuches kann ich nur kurze Streiflichter hervorheben:

Viele neue – und zum Teil vorherige Lehrmeinungen umstürzende – Entdeckungen wurden alleine dadurch möglich, daß den beforschten Bienen winzige Nummernschilder appliziert wurden. Erst so konnte man sie als Individuen im Schwarm identifizieren und ihren Lebenslauf, Lernvorgänge sowie ihr facettenreiches Verhalten in einem größeren zeitlichen und sozialen Zusammenhang beobachten und auswerten.

Bienen sehen die Welt anders als wir. Ihre Komplexaugen haben keine Rezeptoren für die Farbe Rot, nehmen jedoch ultraviolettes Licht sowie die Polarisation des Lichts wahr. Dies führt zu einer von uns Menschen abweichenden Farbwahrnehmung – so erscheint beispielsweise die Sonne in Bienenaugen grün, und der für uns einfarbig blaue Himmel weist für Bienen ein kontrastreiches Muster auf, das ihnen bei der räumlichen und zeitlichen Orientierung hilft. Zusätzlich können sie das Erdmagnetfeld wahrnehmen und in ihre räumliche Zuordnung einbeziehen.

Ihr Geruchsvermögen ist äußerst präzise: »Bienen können Substanzen auseinander-halten, die sich chemisch in einem einzigen Kohlenstoffatom unterscheiden!« Und mit Hilfe ihres »topochemischen Sinns« können sie räumlich riechen. Dies dient der schnellen Nektarfindung und den organisatorischen Abläufen sowie der sozialen Duftnotenein-ordnung innerhalb des Bienenstocks.

Bienen vermitteln über den Schwänzeltanz nicht nur die Fluganweisung zu Nektarquellen, sondern auch die Lage von Wasser- und Harzstellen sowie von potenziellen neuen Niststellen. Die Bienen, die beim Schwänzeltanz in der zweiten Reihe stehen, können die getanzte Information über elektrostatische Felder, die von den Tänzerinnen ausgehen, ablesen.

Im Bienengehirn befindet sich eine Struktur, die wegen ihrer Form Pilzkörper genannt wird. Der Pilzkörper könnte – vergleichbar mit dem präfrontalen Kortex des menschlichen Hirns – »eine reflektierende Funktion im Bienenhirn« repräsentieren.

Bienen verfügen über Instinkt und Intelligenz, sie sind lernfähig, sie planen und treffen Entscheidungen, sie erkennen Muster und Regeln, und sie brauchen Schlaf, um Gelerntes im Gedächtnis zu verankern. Sie können eine kognitive Karte ihrer Umgebung erstellen und merken sich Landmarken. Dabei kombinieren sie egozentrische und allozentrische Navigationsaspekte. Bienen zeigen beim Schlafen Schwänzeltanzbewegungen, was zumindest die Vermutung nahe legt, daß sie träumen und ihren Tagesablauf neuronal rekapitulieren.

Apropos Pflanzenschutzmittel bzw. Pestizide: Neonicotinoide sind Gift fürs Gehirn! Neonicotinoide sind langlebig und haben chronische Wirkungen. Leider kommen sie immer noch in Pflanzenschutzmitteln zum Einsatz und bereits wenige Nanogramm führen bei Bienen zu »massiven Schäden der Gedächtnisbildung und des Gedächtnisabrufs … und zur Einstellung des Schwänzeltanzes«. (Seite 325) Randolf Menzel hat dies beispielsweise in Lernexperimenten mit dem Neonicotinoid Thiacloprid nachgewiesen – bereits 64 Nanogramm (64 Millardstel Gramm!) führen zu den oben genannten neurologischen Schäden.

Menzel kritisiert die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (Julius-Kühn-Institut, Braunschweig), die das Sprühmittel »Calypso« (von Bayer CropScience), welches Thiacloprid enthält, als »nicht bienengefährlich« eingestuft hat, und fordert staatliche Prüfstellen mit juristischer Autorität, die von finanziellen Zuwendungen aus der Wirtschaft unabhängig sind.

Funktionierte unsere Gesellschaft wie ein Bienenstaat, dann wäre eine Entscheidung für partikuläre finanzielle Interessen auf Kosten der allgemeinen und natürlichen Lebensgrundlage unmöglich. »Der Superorganismus ist nicht über hierarchische Befehlsketten strukturiert, sondern organisiert sich durch permanente Rückkoppelung von Informationen selbst.« (Seite 293)

»Die Intelligenz der Bienen« ist eine in naturwissenschaftlicher Hinsicht anspruchsvolle Lektüre, bei der ich gelegentlich nur an die Schwelle des durchdringenden Verstehens kam – meine lückenhafte naturwissen- schaftliche Schulbildung ließ grüßen – gleichwohl habe ich viel und gerne über Bienen dazugelernt.

Zahlreiche anatomische Zeichnungen, Fotos sowie Graphiken und Dia- gramme zu Versuchsanordnungen illustrieren und bereichern den gehaltvollen Text. Die wissenschaftliche Stoffülle ist umfänglich und detailreich und verknüpft Wissen aus Anatomie, Biologie, Biochemie, Elektrophysiologie, Neurologie, Psychophysik und Verhaltensforschung zu einer hochkomplexen Darstellung der neurobiologischen Gegebenheiten der Bienen.

Was dieses bemerkenswerte Buch zusätzlich auszeichnet, ist eine Grundhaltung des Staunens und des achtungsvollen Respekts gegenüber Bienen, wie sie beispielsweise im folgenden Zitat zum Ausdruck kommt:

»So wird noch einmal besonders deutlich, dass jeder Organismus in einer anderen Wirklichkeit lebt und andere Bilder von der Welt konstruiert. Dass wir unsere menschlichen Wirklichkeitskonstruktionen für verbindlich halten und nur allzu gern mit der Welt selbst verwechseln, scheint aus dieser Perspektive ziemlich eitel.« (Seite 38)

„Die Intelligenz der Bienen“ ist ein ebenso anspruchsvolles wie faszinierendes Sachbuch und bietet hochkonzentrierten Wissensnektar für Bienenschwärmer.

 

Hier gibt es eine 3D-Darstellung des Bienengehirns:
http://www.neurobiologie.fu-berlin.de/beebrain/

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Intelligenz-der-Bienen/Randolf-Menzel/Knaus/e473541.rhd

 

Querverweise:

Zum Thema Bienen und Mitweltschutz empfehle ich zusätzlich dringend das Büchlein von
Ute Scheub: »Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft«: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Wer es auch einmal belletristisch mit den Bienen versuchen möchte, möge an Laline Paulls Roman »Die Bienen« naschen. Dieser Roman ist ein speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Und für kindliche Bienenschwärmer kann ich noch das wunderbar illustrierte und bienenkundige großformatige Sachbilderbuch »Bienen« von Piotr Socha empfehlen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/02/bienen/

 

Die Autoren:

»Randolf Menzel, 1940 in Marienbad geboren, beschäftigt sich seit fünf Jahrzehnten mit Bienen. Der Zoologe und Neurobiologe ist eine Autorität der tierischen Intelligenz-forschung, über 30 Jahre lang leitete er das Neurobiologische Institut der Freien Universität Berlin. Es kann auf eine Fülle spektakulärer Erfolge verweisen, dort gelang unter anderem erstmals die elektrophysiologische Ableitung von Sehneuronen im Bienengehirn und die weltweit erste Anwendung eines bildgebenden Verfahrens am lernenden Gehirn. Außerdem konnte der Leibniz-Preisträger die wohl im Tierreich einmalige Navigationsweise der Bienen aufklären. „Die Intelligenz der Bienen“ ist seine erste populäre Veröffentlichung.«

»Matthias Eckoldt, 1964 in Berlin geboren, studierte Philosophie, Germanistik und Medientheorie. Er veröffentlichte Romane, Fachbücher und Essays, zuletzt Die Intelligenz der Bienen (zusammen mit dem Neurowissenschaftler Randolf Menzel) sowie den Gesprächsband Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? über die Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis. Des Weiteren verfasste Eckoldt mehr als fünfhundert Radiosendungen zu kulturphilosophischen und naturwissenschaftlichen Themen. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem idw-Preis für Wissenschaftsjournalismus ausgezeichnet. Zurzeit lehrt Eckoldt als Schreibdozent an der FU Berlin.«