Das kleine weiße Pferd

  • von Elizabeth Goudge
  • Die englische Originalausgabe erschien 1946
  • unter dem Titel »The Little White Horse«
  • bei University of London Press Ltd.
  • Aus dem Englischen von Sylvia Brecht-Pukallus
  • Mit den Illustrationen der englischen Originalausgabe
  • von C. Walter Hodges
  • Umschlagillustration von Robin Corfield
  • Neuausgabe August 2018 Verlag Freies Geistesleben www.geistesleben.com
  • gebunden
  • 320 Seiten
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 16,00 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2723-4
  • Kinderbuch ab 9 oder 10 Jahren (für versierte Leser)
  • sonst eher ab 11 oder 12 Jahren

MO N D L I C H T Z A U B E R

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Braucht ein Kinderbuchklassiker noch eine weitere Empfehlung, wenn es das öffentlich erklärte Lieblingskinderbuch von Joanne K. Rowling ist? Ich finde eine etwas ausführ-lichere Empfehlung meinerseits indes durchaus angebracht und mache mich gerne und mit Vergnügen ans Werk.

Die dreizehnjährige Maria Merryweather reist im Jahre des Herrn 1842 mit ihrer Gouver-nante Miss Jane Heliotrope und Wiggins, ihrem verwöhnten King-Charles-Spaniel, von London nach Devonshire. Nach dem Tod ihres Vaters – die Mutter starb schon, als Maria noch ein Säugling war – hat ihr Vetter zweiten Grades, Sir Benjamin Merryweather, Maria eingeladen, auf seinem Herrensitz Moonacre Manor zu leben.

Auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause fährt die Kutsche durch den weitläufigen nächt-lichen Park von Moonacre Manor, und auf einer mondbeschienenen Lichtung erspäht Maria flüchtig ein kleines weißes Pferd, das einige Tage später in einem dramatischen Moment eine wegweisende Rolle spielen wird.

Schon bald werden die Damen nebst Hündchen sehr warmherzig von Sir Benjamin Merryweather im Herrenhaus empfangen. Maria und ihr Vetter sind sich auf den ersten Blick sympathisch, und auch Miss Heliotrope fühlt sich herzlich angenommen. Maria wird ein schön eingerichtetes Turmzimmer zugewiesen, das für ihre zierliche, beinahe feenhafte Gestalt maßgeschneidert zu sein scheint. Es hat eine gerippte Gewölbedecke, in deren Mitte eine von Sternen umrahmte Mondsichel eingemeißelt ist.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Die anfängliche Sorge, das Landleben könne unbequem sein, erweist sich als gänzlich unbegründet. Das Anwesen ist wunderschön und von vielen Gärten und einem großzü-gigen Park umgeben, und der eigenwillige, zwergenhafte Küchenchef Marmaduke Scarlet zaubert die köstlichsten Speisen.

Obwohl sich Sir Benjamin und Marmaduke Scarlet auf ihre chronisch-junggesellige Art rühmen, daß seit zwanzig Jahren kein weibliches Wesen mehr auf Schloß Moonacre weilte, sind sie doch sehr freundlich zugewandt und aufmerksam gegenüber Maria und Miss Heliotrope und bemühen sich ebenso sehr um ihre Behaglichkeit wie um ihre Zerstreuung.

Äußerst verständige Tiere gehören ebenfalls zum Haushalt; da wären der prächtige Kater Zacharias, der sogar schreiben kann, Wrolf, ein sehr, sehr großer Hund, der eigentlich ein Löwe ist, die weiße Häsin Serena sowie einige Pferde und Ponys.

Maria fühlt sich schnell heimisch. Sir Benjamin zeigt ihr das nahegelegene Dorf Silvery-dew, und nach dem ersten Sonntagsgottesdienst lernt sie den unkonventionellen und musikalischen Pfarrer, Louis de Fontanelle, kennen und schätzen. Im Hirtenjungen Robin findet sie einen treuen Freund und Helfer, und Robins Mutter Loveday ist beinahe so etwas wie eine gute Fee, auch wenn sie ganz menschlich ist.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Zunächst erscheint alles in geradezu paradiesischer Harmonie, doch nach und nach zeigt sich, daß sich schlechte Taten aus lang vergangener Zeit bis in die Gegenwart als böse Schatten, Unfrieden und Gefahr für das liebliche Tal und seine Bewohner auswirken.

In der Dorfkappelle betrachtet Maria die lebensgroße Steinskulptur, die den Sarkophag ihres Urahnen Sir Wrolf Merryweather bedeckt. Die Skulptur zeigt einen Ritter in voller Montur, mit einem echten, eisernen Schwert an seiner Seite.

Vor vielen Jahrhunderten eignete sich dieser Urahn aus Habgier das Grundstück und das fruchtbare Weideland des nahegelegenen Klosters, das auf dem Paradiesberg rund um eine heilige Quelle errichtet worden war, widerrechtlich an. Die Mönche wurden vertrie-ben und das Kloster verfiel.

Außerdem trug Sir Wrolf Merryweather eine langjährige, erbitterte Fehde mit Sir William Cocq de Noir aus, dem die Kiefernwälder gehörten, die hinter Schloß Moonacre zur Bucht von Merryweather führen. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen gab es böse Kämpfe, Hinterlist, wahre und unwahre Liebe, tragische Mißverständnisse und ungeklärte Todesfälle.

Eine Folge dieser historischen Altlast ist, daß die Nachfahren von Sir William Cocq de Noir den Bewohnern von Silverydew den Zugang zum Meer verwehren und daß sie sich dreist räuberisch an den Feldfrüchten der Dorfbewohner bedienen und hemmungslos überall grausame Fallen aufstellen und wildern.

In jeder Merryweather-Generation, so geht die Sage, gäbe es eine Mondprinzessin, in deren Herz und Hand es läge, diese familiäre Verstrickung zu lösen und eine Aus- söhnung herbeizuführen. Bisher ist dies jedoch immer mißlungen.

Maria hegt nicht den geringsten Zweifel daran, daß es nun ihre Aufgabe sei, diese ver-worrenen Konflikte zu bereinigen, und sie bekommt von Robin, Loveday, dem Pastor und den weisen Tieren lebhafte Unterstützung. Sie muß nun Geheimisse entschlüsseln und sich Gefahren stellen, ihre Angst überwinden und auch ihren eigenen Stolz. Doch dank ihres gesunden Menschenverstandes und ihrer Intuition findet sie einen für alle gangbaren Weg des Ausgleichs und der Versöhnung – aus Feinden werden Freunde und gute Nachbarn und schließlich werden viele Herzen geheilt …

„Das kleine weiße Pferd“ ist ein niveauvolles Kinderbuch, das mit vielschichtigen inhalt-lichen und sprachlichen Feinheiten sowie fantasievollem Detailreichtum aufwartet. Die verschnörkelt abzweigungsreiche Geschichte wird mit beschaulicher Spannung und Dramaturgie gemächlich erzählt – von andante zu andantino bis zum abschließenden Gloria tutti.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Dieses Buch ist im Jahre 1946 erschienen und verfügt über einen überaus reizvoll-blumigen altmodischen Charme. Den sinnlichen und appetitanregenden Beschreibun- gen der Speisen kann man eine Wertschätzung für Nahrungsmittel ablesen, die sich gewiß aus der Erfahrung der Autorin mit kriegs- und nachkriegsbedingter Nahrungs- mittelknappheit speist.

Die feinlinierten, an alte Stiche erinnernden Schwarz-Weiß-Illustrationen von C. Walter Hodges geben die dunkel-geheimnisvollen und gemütlich-heiteren Aspekte der Hand- lung textgetreu wieder. Das vordere Vorsatzblatt ziert eine detailgetreue Zeichnung des Moonacre Anwesens und das hintere Vorsatzblatt eine Übersichtskarte mit den wesent-lichen Schauplätzen rund um Moonacre. Die feenstaubig-silbrigen Glitzereffekte auf dem Buchdeckel passen vorzüglich zum zauberhaften Buchinhalt.

Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert, und dementsprechend sind die Umgangsformen und die Geschlechterrollen ausgestaltet. Drei misogyne Bemerkungen aus launiger Jung-geselligkeit kann auch die heutige Leserin gelassen und traumafrei abperlen lassen, zu-mal die Herren sich in ihrem tatsächlichen Handeln gegenüber Frauen als durchwegs freundlich, gütig und zugeneigt erweisen.

Maria Merryweather ist ein selbstbewußtes, sensibles und neugieriges Mädchen. Sie ist feenhaft zart und zugleich tapfer, trotz kleiner Eitelkeiten nicht oberflächlich, sondern mitfühlend und hilfsbereit. Ihre blaublütig edle Gesinnung verträgt sich durchaus mit ganz natürlicher, leiblich-kulinarischer Genußfreude.

Der Schauplatz des Geschehens ist märchenhaft zeitlos. Das Reich von Moonacre verfügt über Daseinsbedingungen, die man sonst eher dem Feenreich zuordnet; so blühen jahreszeitenübergreifend alle möglichen Blumen, und Ebereschen tragen schon im Früh-jahr rote Beeren. Es gibt ganz selbstverständlich zwergenhafte Hausbedienstete, und Tieren wird großer Respekt entgegengebracht – wenn man einmal großzügig darüber hinwegsieht, daß bei den ausgiebigen Mahlzeiten doch recht viel Fleisch verzehrt wird.

Obwohl die Menschen in diesem Buch dem christlichen Glauben angehören, ist die Geschichte mit zahlreichen, sehr naturverbundenen, vorchristlich-keltischen Symbolen verflochten. Die Beschreibungen der häuslichen und landschaftlichen Kulissen sind von lebhaftester Anschaulichkeit und erfüllt von einer geheimnisvollen mythischen Präsenz.

Gleichwohl geht die stärkste Ausstrahlungskraft von der meisterlichen Charakterzeich-nung der Figuren aus. Die differenzierte, köstlich-augenzwinkernde Darstellung der Personen zeugt von großer Menschenkenntnis und bereitet ein delikates Lesevergnü- gen. Es ist wunderbar, wie Elizabeth Goudge wechselwirksam vom Inneren zum Äußeren und vice versa der verschiedenen Persönlichkeiten berichtet – so entsteht eine gleichsam greifbare Nähe zu den Charakteren. Sie bleiben uns durch ihre zwischen- menschliche Einzigartigkeit in unvergeßlich-leuchtender Leseerinnerung.

 

»Sie (Maria) ging von einer Ecke zu anderen, legte ihren Mantel, ihr Häubchen und den Muff in eine der Truhen, strich vor dem Spiegel ihr Haar glatt, wusch sich die Hände in dem Wasser, das sie aus der kleinen Silberkanne in die Silberschale goss,und berührte all die schönen Dinge mit den Fingerspitzen, als könnte sie sich mit dieser Liebkosung in ihrem Herzen bei den Menschen bedanken, die das alles geschaffen und hergerichtet hatten.«  Seite 35)

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: https://www.geistesleben.de/Buecher-die-mitwachsen/Kinderbuch/Das-kleine-weisse-Pferd.html

Die Autorin:

»Elizabeth Goudge (1900 – 1984), war als Kunstgewerbelehrerin tätig, bis sie das Schreiben als ihren Beruf erkannte. Ihr erster Roman Inselzauber erschien 1934. Seither sind ihre Bücher in Millionen Exemplaren in der ganzen Welt erschienen.«

 

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Arche Kinder Kalender 2018

  • Mit 52 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
  • Herausgegeben von der
  • Internationalen Jugendbibliothek  München  www.ijb.de
  • erschienen im ARCHE KALENDER VERLAG   www.arche-kalender-verlag.com
  • graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • WOCHENKALENDER
  • 60 Blätter
  • 52 vierfarbige Illustrationen
  • Format: 33 x 30,5 cm
  • 20,00 €, 24,90 sFr.
  • ISBN 978-3-0347-7018-7
  • Für Kinder jeden Alters

W E L T E N B U M M E L N 

Kalenderbegeisterung von Ulrike Sokul ©

Am konstruktiven internationalen Dialog kann man in politischer Hinsicht zuweilen zweifeln, doch auf den Kalenderblättern des Arche Kinder Kalenders gelingt der Dialog zweifellos und zudem noch mit Vergnügen.

Alljährlich kommen in diesem Kalender poetische Vertreter aus aller Welt friedlich und aufgeschlossen zusammen und zeugen von einer großen, kunterbunten sprachlichen und illustren Vielfalt.

Die Mitarbeiter der Internationalen Jugendbibliothek* in München wählen alljährlich aus dem umfänglichen Fundus ihrer Kinderlyrik-Sammlung diejenigen Poeme aus, die den Arche Kinder Kalender letztlich befüllen.

Stets werden die Gedichte in ihrer Originalsprache und in einfühlsamer deutscher Übersetzung wiedergegeben sowie dekorativ mit der Originalillustration grundiert. Für die graphische Gestaltung und die Formatierung zum anschaulichen Kalenderblatt trägt der Arche Hausgraphiker Max Bartholl die berufserfahrene Verantwortung.

Mit dem Arche Kinder Kalender kann man seinen Kindern Woche für Woche eine andere poetische Sprachwelt aufblättern. Über 30 Länder und Sprachen kommen zu Wort und 52 verschiedene Illustrationen.

Die farbenfrohe Palette der kindlich-lyrischen Themen enthält helle und dunkle Töne, sanfte Poesie und schlicht Prosaisches, ahnend Philosophisches und unbekümmert Albernes, sozialkritische Nachdenklichkeit und verspielte Träumerei, tänzerische Leichtigkeit und kindliche Schwermut, Gereimtes und Ungereimtes, geheimnisvoll Märchenhaftes und zärtliche Naturbetrachtung, Abenteuerlust, Geborgenheit, Lautmalereien, Miniaturdramen, Scherze, Skurrilitäten, Wortspiele … nur Langeweile werden Sie vergeblich suchen.

Die inhaltliche und stilistische Bandbreite spiegelt sich selbstverständlich in den begleitenden Illustrationen, und das eine oder andere Kalenderblatt verdient sich gewiß auch eingerahmt oder angepinnt ein musisches Plätzchen im Kinderzimmer. Als dezente Nachhaltigkeitsanregung weise ich gerne noch darauf hin, daß sich die „abgelaufenen“ Kalenderblätter hervorragend als Geschenkpapier eignen und auf diesem Wege auch noch schön „weitergesagt“ werden können.

Sehr anregend ist zudem das freigebliebene Kalenderblatt, das die Kinder selber „bedichten“ und bemalen können. Dieses selbstgestaltete Kalenderblatt kann bis zum 1. Dezember 2018 an die Internationale Kinderbibliothek gesendet werden, welche die fünf schönsten Blätter auswählt und mit einem Arche Kinder Kalender 2019 belohnt.

Diese wunderbar abwechslungsreiche und entdeckenswerte Poesiekost fürs Kinderzimmer könnte als erwünschte Nebenwirkung dazu führen, daß Sie einmal wieder ein Gedicht in den Mund nehmen und es gemeinsam mit Ihrem Kind abschmecken. Und es wäre auch ganz und gar nicht unerhört, wenn Sie es – bei besonderem Wohlgeschmack – auswendig lernten.

 

Hier geht es zum Arche Kinder Kalender auf der Verlagswebseite. Dort läßt er sich zum gefälligen Vorkosten ein wenig durchblättern:
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kinder-kalender-2018.html

 

Die Internationale Jugendbibliothek, die ihren Sitz im Schloss Blutenburg in München hat, ist die weltweit größte und renommierteste Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Sie wurde 1949 von der deutsch-jüdischen Emigrantin Jella Lepman gegründet, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, mit Kinderbüchern Brücken zwischen den Völkern und Kulturen zu bauen. Bücher sollten die Fantasie der deutschen Nachkriegskinder anregen und ihnen eine offene Weltsicht vermitteln.

Die Idee des interkulturellen Dialogs und die Liebe zu guter Literatur bestimmen seit mehr als 60 Jahren die Arbeit der Internationalen Jugendbibliothek. Sie ist ein Ort, an dem die Literaturvermittlung einen hohen Stellenwert hat und an dem mit Kindern und Erwachsenen der Diskurs über Bücher, Autoren, Illustratoren und Themen gesucht wird.«  Weitere Informationen:  http://www.ijb.de

Wer Mitglied im »Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek« wird, der bekommt u.a. im ersten Jahr den Arche Kinder Kalender als Begrüßungsgeschenk. http://www.ijb.de/ueber-uns/freundeskreis.html

PS
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der ARCHE KALENDER VERLAG außer dem hier besprochenen Kinder Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert hat:

Arche Geburtstagskalender (immerwährend)
http://arche-kalender-verlag.com/arche-geburtstagskalender.html
Arche Küchen Kalender 2018
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kuechen-kalender-2018.html
Arche Literatur Kalender 2018 
http://arche-kalender-verlag.com/arche-literatur-kalender-2018.html
Arche Musik Kalender 2018
http://arche-kalender-verlag.com/arche-musik-kalender-2018.html

Der Sommernachtsball

  • von Stella Gibbons
  • Aus dem Englischen von Gertrud Wittich
  • DEUTSCHE  ERSTAUSGABE
  • Originaltitel: »Nightingale Wood«
  • MANHATTAN Verlag  2013      http://www.manhattan-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 558 Seiten
  • 18,99 € (D),  19,60 € (A),   25,90  sFr.
  • ISBN 978-3-442-5426-5
    Der Sommernachtsball von Stella Gibbons

WER   KRIEGT   WEN   UND   WARUM

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 Der Sommernachtsball“ von Stella Gibbons ist eine vergnügliche Lektüre mit gleichwohl nachdenklichen Seiten. Die englische Originalausgabe erschien in den 1930er-Jahren; bei der nun vorliegenden Übersetzung von Gertrud Wittich handelt es sich um die deutsche Erstausgabe. Vordergründig bekommen wir hier eine Aschenputtelvariante zu lesen:

Liebliches armes Frauchen begegnet auf einem Wohltätigkeits-Sommernachtsball dem begehrtesten, reichsten und charmantesten Männchen, sie tanzen miteinander und fühlen sich zueinander hingezogen. Einen Ball bzw. ein ländliches Gartenfest später kommt es zu einvernehmlichen, heimlichen Küssen.

Ein lästiges Hindernis ist die Tatsache, daß der Herr des Herzens bereits mit einer anderen verlobt ist, aber solche Besitzansprüche lassen dennoch genug Raum für Liebesträume. Nach umfänglichem Herzeleid, Ungewißheiten, Sehnsuchtszerreißproben, Tränen, Mißverständnissen, Gewissensfragen und rettenden Wahre-Liebe-Antworten unter dramatischen Begleitumständen wird wunderschön und mit dem standesübergreifenden Segen von Groß- und Kleinbürgertum geheiratet.

In Stella Gibbons Roman ist das Aschenputtelthema die ROMANtische Verpackung für eine scharfsinnige, selbstironisch-sozialkritische Darstellung zwischenmenschlicher Stärken und Schwächen. Die Charaktere werden uns geschminkt und ungeschminkt vorgeführt. Es bleibt uns nichts erspart: keine Dummheit, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, keine männlichen und weiblichen Klischees, aber auch keine echte Herzensöffnung. Die Entwicklung der Figuren bekommt dadurch eine angenehm-desillusionierende, amüsante und zeitlose Glaubwürdigkeit.

Die Einblicke in die hintersten Hinterstübchen ihrer Gedanken (Seite 44) gehören zu den psychologischen Stilmitteln, die diesem Roman einen besonderen und augenzwinkernd- bissigen Reiz verleihen.

Klassenunterschiede bei den Damen werden z.B. durch die Erwähnung der Preisklasse ihrer Gesichtscremes illustriert, was einer anschaulichen und treffenden, sozialbuchhalterischen Bestandsaufnahme gesellschaftlicher und finanzieller Verhältnisse gleichkommt.

Das Aschenputtel, die junge, frisch verwitwete und verarmte Viola Withers, ist auf die Gnade ihrer Schwiegereltern angewiesen. Diese leben zusammen mit zwei überreifen, unverheirateten Töchtern auf einem ländlichen Anwesen in Essex. Der Hausherr ist gehoben-mittelständisch wohlhabend, aber geizig, sein Horizont eher kleinkariert:
„Elf Gänseblümchen, elf unordentliche Gänseblümchen, wuchsen noch immer illegal auf seinem Rasen.“
(Seite 34/35)

Die Schwiegertochter wird im Witherschen Haushalt aufgenommen und mit durchgefüttert, aber wirklich willkommen ist sie nicht. Schon die Entscheidung des verstorbenen Sohnes, eine „kleine Verkäuferin“ zu heiraten, war den Schwiegereltern unbegreiflich und peinlich; und man unterstellte Viola unmoralische Verführungskünste und parasitäre Absichten.

Die beiden Schwägerinnen verkörpern unterschiedliche Frauentypen: Madge ist der sportlich-robuste Kumpeltyp; ihr Sehnen gilt einem eigenen Hund und dessen Erziehung. Tina ist der zarte, empfindsam-nachdenkliche Frauentyp; sie sehnt sich nach Liebeserfüllung, und sie ist das einzige Familienmitglied, das sich über den Einzug von Viola freut.

Saxon ist der Chauffeur und Gärtner der Withers und der ehrgeizigste, schönste und sympathischste Mann im ganzen Roman.

Aschenputtels Prinz, der attraktive und elegante Victor Spring, entspringt der reichsten und geldadeligsten Familie der Gegend und wohnt – wenn er nicht gerade geschäftlich in London unterwegs ist  –  auf dem benachbarten und deutlich luxuriöseren Anwesen.

Dort leben außer ihm noch seine verwitwete Mutter, die nur hübsches Personal beschäftigt, um ihre Stimmung täglich aufzuhellen, und seine Cousine Hetty, die von den gedankenlosen Vergnügungen ihrer reichen Familie angeödet ist. Cousine Hetty  zieht die Gesellschaft von Büchern der Gesellschaft von Menschen vor, und sie liest lieber über Gefühle, als selbst wirkliche Gefühle zu spüren oder Zeuge von Gefühlsausbrüchen anderer Menschen zu werden.

Phyllis Barlow, die elegante, stilsichere und verwöhnte Verlobte Victor Springs, tanzt von Vergnügen zu Vergnügen und läßt Männer im allgemeinen und Victor Spring im besonderen nach ihrer Pfeife tanzen.

Viola-Aschenputtel-Withers ist jung und schön, aber im Gegensatz zu Phyllis Barlow stilunsicher, warmherzig, intellektuell eher schlicht – ja einfach ganz naiv-romantisch und aufrichtig.

Eine wichtige Nebenfigur ist der alte, rücksichtslos-unbekümmerte Landstreicher Dick Falger, der die Aufgabe  erfüllt, unaussprechliche Geheimnisse lautstark auszusprechen. Denn Viola ist nicht die einzige, die sich Liebesskandale und unstandesgemäße Lebensformen leistet. Parallel zu Violas Liebesdrama reift die Liebesgeschichte von Tina und Saxon, ein willkommener Tratschstoff im ansonsten ereignislosen Landleben.

Zum allseitigen Happy-End gibt es eine feierliche Märchenhochzeit, die der Autorin als Kulisse dient, um alle Figuren und Hochzeitsgäste noch einmal Revue passieren zu lassen und den zukünftigen Fortgang der familiären Beziehungen im Zeitraffer weiterzuerzählen.

Das snobistische Schlußwort überlasse ich gerne Lady Dovewood :

„Was für ein nettes Mädchen, diese Viola, nicht aus der obersten Schublade, natürlich, aber was kann man heutzutage schon erwarten…“  (Seite 540)

Die Autorin:

»Stella Dorothea Gibbons, 1902 in London geboren und 1989 in London verstorben, besuchte die North London Collegiate School und studierte Journalismus am University College in London. Sie arbeitete für diverse Zeitungen und Zeitschriften, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Ihre erste Veröffentlichung im Jahr 1930 war eine Gedichtsammlung unter dem Titel »The Mountain Beast«. 1932 erschien ihr erster und zugleich bekanntester Roman »Cold Comfort Farm«.
1938 erschien  »Der Sommernachtsball«  unter dem Originaltitel »Nightingale Wood«.«

Hier folgt der Link zur Verlagswebseite:
http://www.randomhouse.de/Buch/Der-Sommernachtsball/Stella-Gibbons/Manhattan-Hardcover/e422796.rhd

Herr Mozart wacht auf

S P R A C H M U S I K

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mozart entschläft auf seinem Sterbebett und erwacht in einer StudentenWG im Jahr 2006. Anfänglich wähnt er sich im Vorzimmer zum Paradies. Er bestaunt viele ihm völlig unbekannte und unerklärliche Dinge, wie z.B.  den elastischen Hosenbund der Jogginghose, die man ihm überlassen hat, die feine Seidenglätte des Schreibpapieres und einen Kugelschreiber, der „über einen mirakulösen Vorrat an Tinte verfügt“.

Er vermutet, daß er sein Requiem vollenden soll, bevor er in den Himmel darf, doch stattdessen fliegt er aus der WG und irrt durch ein ihm fremdes Wien bis zum St.-Stephans-Dom, dem einzigen Gebäude, das er wiedererkennt. Dort geht er zur Beichte und erfährt, daß er seit 215 Jahren tot ist und für einen von vielen Spinnern gehalten wird, die sich einbilden, Mozart zu sein.

Nun begreift er, daß er einen unfreiwilligen Zeitsprung erlitten hat und versucht sich zu orientieren, ohne seine Identität preiszugeben. Piotr, ein polnischer Stehgeiger, nimmt sich seiner an, läßt ihn bei sich wohnen und beschafft ihm Arbeit in einer Jazzbar. Mozart nennt sich fortan Wolfgang Mustermann und improvisiert sich aufgeschlossen und neugierig durch die fremde Zeit, er nutzt die Gelegenheit, in Bibliotheken und auf CDs seinem Ruhm nachzuforschen, besucht Opernaufführungen und macht sich lustig über Mozartkugeln.

„Ich mag als armer Schlucker ihr erscheinen – verfüge ich indes auch über Fertigkeiten, welche ich mir erlaube als meine Reichtümer gelten zu lassen.“ Und so ermusiziert sich Mozart Mustermann auch einige sehr lyrische Liebeserfahrungen – dezent angedeutet mit „legato – crescendo – stakkato“.

Eva Baronsky läßt Mozart so sprechen, wie man ihn aus den zahlreichen erhaltenen Briefen kennt, und allein dies ist schon sehr amüsant.

Viel Situationskomik ergibt sich aus den Begegnungen Mozarts mit modernen sanitären Anlagen, elektronischen Geräten, Damenmode und heutigen Umgangsformlosigkeiten.

Die besondere Qualität des Buches liegt darin, daß es der Autorin einfühl- sam gelingt, sich in Mozarts Zeitperspektive hineinzuversetzen und all die – für uns alltäglichen Gegebenheiten – völlig neu zu sehen und zu hören und in Mozarts Tonfall wiederzugeben.

Leser, die mit Mozarts Musik und Sprache schon vertraut sind, werden beide mit Vergnügen wiedererkennen; und wer noch kein Mozartkenner ist, könnte durchaus auf den Geschmack kommen. Dieser Roman macht sowohl musikalisch als auch sprachlich Lust auf mehr Mozart.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/herr-mozart-wacht-auf-2197.html

Hier entlang zu einem weiteren lesenswerten Roman von Eva Baronsky „Manchmal rot“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/29/manchmal-rot/

Die Autorin:

»Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren überraschenden und sehr erfolgreichen Debütroman „Herr Mozart wacht auf“ (2009) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Nach „Magnolienschlaf“ (2011) erschien 2015 ihr dritter Roman „Manchmal rot“.«

 

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