Schnee

  • von Maxence Fermine
  • Roman
  • Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel: »Neige«
  • Aus dem Französischen von Monika Schlitzer
  • Unionsverlag  Juli  2016   www.unionsverlag.com
  • in Leinen gebunden
  • 112 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A), 24,00 sFr.
  • ISBN 978-3-293-00509-9
schnee-von-maxence-fermine-unions-verlag-2016

Illustration von Catharina Turk (Vogel) und Heike Ossenkop © Unionsverlag 2016

WORTE  BALANCIEREN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie bespreche ich ein Buch, das so schneeleise und so beinahe weiß auf weiß geschrieben wurde? Eine in der Schwebe bleibende, fast spurlose Spur von Worten, wie Schneeflocken sanft aufs Papier getuscht …

Wer sich mit Haikus auskennt, wird wissen, was ich meine. Das Haiku ist eine japanische Gedichtform, die aus siebzehn Silben besteht, die nach der Silbenzahl 5 / 7  / 5   auf drei Zeilen verteilt werden. Gerne wird über das Haiku gesagt, daß es „im Ungesagten das Unsagbare sage“… Andeutung, Naturbetrachtung, meditative Stille und seelisch-geistige Flügelspannweite gehören zum Schreiben eines Haikus, indes auch zum Lesen und Erleben eines Haikus.

Den ersten sieben Kapiteln dieses Buches ist jeweils ein Haiku klassischer, japanischer Haiku-Dichter vorangestellt. So wird der geneigte Leser angemessen eingestimmt.

Wir schreiben das Jahr 1884. Der siebzehnjährige Yuko lebt auf der Insel Hokkaido im Norden Japans. Sein Vater ist Shinto-Priester und erwartet von seinem Sohn, sich entweder für den Beruf des Priesters oder den des Kriegers zu entscheiden, wie es die Familientradition verlange.

Doch Yuko hat nur zwei Dinge im Sinn: Haikus und Schnee; und er äußert entschlossen seinen Wunsch, Dichter zu werden. Sein Vater ist verwundert, da er die Poesie nur für einen Zeitvertreib hält, aber er gewährt seinem Sohn eine Zeit der Besinnung. Diese Zeit nutzt Yuko, um siebenundsiebzig Haikus zu verfassen und sich seiner poetischen Berufung noch sicherer zu werden.

Die Kunde von Yukos Haiku-Eifer spricht sich bis zum Meiji-Hofe herum, und der kaiserliche Hofdichter macht sich auf den Weg, um die Qualität von Yukos Haikus zu prüfen. Yukos Vater fühlt sich angesichts des Besuchs dieses kaiserlichen Würdenträgers und dessen Lobes für die Haikus seines Sohnes sehr geehrt. Doch Yuko ist noch nicht zufrieden mit seinen bisherigen Dichtungen, er hält sie für Skizzen und Vorübungen.

Auch der Hofdichter beklagt das Fehlen von Farbe in Yukos ansonsten unvergleichlich schönen Versen, und er rät Yuko, beim alten Meister Soseki in die Lehre zu gehen, um seine Poesie zu vervollkommnen. Sein Hinweis: „Die Poesie ist vor allem anderen die Malerei, die Choreografie, die Musik und die Kalligrafie der Seele. Ein Gedicht ist zugleich das Bild, ist der Tanz, die Musik und die Schrift der Schönheit.“ (Seite 32), überzeugt den jugendlichen Dichter zwar nicht ganz, gleichwohl macht er sich am nächsten Tag auf den langen Weg in den Süden Japans zu Meister Soseki.

Yuko muß die japanischen Alpen überqueren und gerät in einen Schneesturm. Schicksalhaft findet er Schutz unter einem Felsüberhang und erblickt unter einer meterdicken Eisschicht die überirdisch schöne Gletscherleiche einer blonden, europäischen Frau und verliebt sich augenblicklich in sie. Tief berührt markiert er die Fundstelle und setzt seinen Weg fort.

Der erblindete Meister Soseki nimmt Yuko nach einer kurzen Prüfung als Schüler an. Er lehrt ihn das Sehen mit dem Herzen und unterweist ihn darin, daß der wahre Dichter ein „Seiltänzer der Sprache“ werden müsse…

Wie ein Haiku ist dieses Buch in drei Abschnitte gegliedert. Der erste Teil konzentriert sich auf Yukos Befindlichkeiten und Wahrnehmungen, der zweite Teil enthüllt die Vergangenheit des Meisters und seine Liebe zu einer französischen Seiltänzerin namens Neige. Nach dem tragischen und zu frühen Tod von Neige widmet sich der ehemalige Samurai Soseki nur noch der Erziehung seiner Tochter, Schneeflocke im Frühling, und den Künsten. Wieder und wieder versucht er mit jeder Kunstform, jedoch speziell mit der Malerei, die besondere Anmut und überirdische Schönheit seiner verunglückten Frau wiederzufinden. So wächst er in seiner künstlerischen Meisterschaft.

Im dritten Teil besuchen Yuko und Soseki den Fundort der Gletscherleiche; und hier am eisigen Grab seiner geliebten Seiltänzerin endet ganz friedlich auch Sosekis Lebenskreis. Für Yuko hingegen beginnt, nachdem er zu seinem Vater zurückgekehrt ist, ein neuer Lebenskreis und eine lebendige Liebe, denn er begegnet Schneeflocke im Frühling …

Zur Feinheit des Textes gesellt sich die harmonische und sehr stimmige äußere Gestaltung des Buches. Das asiatisch-minimalistische Aquarell eines kleinen Vogels, der im Schneegestöber auf einem Zweig sitzt, wurde als Titelbild direkt auf den Leinenbuchdeckel gedruckt. So gibt es kein lästiges Schutzumschlaggerutsche, sondern man faßt gleich sehr angenehm griffig den feinen stoffummantelten Buchdeckel an. Die dezente Farbgebung in Kombination mit der zarten Leinenstruktur hat zudem einen sehr attraktiven Transparenzeffekt.

„Schnee“ von Maxence Fermine balanciert – wie ein Haiku – zwischen dem Sagbaren und Unsagbaren. Es ist ein Buch zum Innehalten, zum stillen Mitschwingen und eine poetische Liebeserklärung an den Schnee und seine zauberhafte Gestaltungskraft.

 

Zum Ausklang nun noch mein Haiku zum Buch:

 

SCHNEELEISE

Flocke um Flocke

weiß auf weiß kalligraphiert

Worte fallen still

Ulrike Sokul ©
12/ 2016

 

 

Der Autor:

»Maxence Fermine, geboren 1968 in Albertville, machte mit seinem Debütroman Schnee in Frankreich auf Anhieb Furore. Das Buch erhielt glänzende Besprechungen und wurde von dem französischen Literaturpapst Bernard Pivot hoch gelobt. Nach Aufenthalten in Paris und Afrika lebt Maxence Fermine heute mit seiner Familie in Savoyen. Mittlerweile sind seine Bücher in zahlreiche Sprachen übersetzt.«

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=7520

Was das Gedicht alles kann: Alles

  • Eine Führung durch das Haus der Poesie
  • von Robert Gernhardt
  • 5 Poetikvorlesungen / Live-Mitschnitt
  • Sprecher: Robert Gernhardt
  • Produktion: Der Hörverlag 2002   www.hoerverlag.de
  • erschienen Januar 2010
  • Buchvorlage S. Fischer
  • 5 CDs in Pappschuber
  • Laufzeit ca. 290 Minuten
  • 29,95 € (D), 33,60 € (A), 41,90 sFr
  • ISBN 978-3-86717-347-6
    Was das Gedicht alles kann Alles von Robert Gernhardt

NEHMEN  SIE  RUHIG  MAL  WIEDER  EIN  GEDICHT  IN  DEN  MUND

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist eine LUST, Robert Gerndhardts ebenso heiteres wie kluges Plädoyer für die Poesie zu lauschen!

Gernhardt beginnt seine fünfteilige Poetikvorlesung, indem er dem Wort Gedicht auf den Zahn fühlt, es umgangssprachlich durchkaut – „dieser Kuchen ist ja ein Gedicht“ – und sich und uns fragt, wieso in unserer Zeit – selbst bei „kapitalen Kulturmenschen“ – eine solch beträchtliche Lyrikignoranz herrsche. Und – wie uns Gernhardt wissen läßt – selbst Goethe klagte schon in einem Brief an Schiller, daß das Großstadtpublikum viel zu zerstreuungssüchtig sei, um sich mit der gebotenen Sammlung und Konzentration der Poesie zu widmen.

Launig zitiert Gernhardt literaturwissenschaftliche Standardwerke und ihre Poetikdefinitionen, um sie sodann mit praktischen Gedichtbeispielen zu konterkarieren. Gekonnt versteht er es, das selbst Gelesene mit selbst Geschriebenem geistreich und amüsant zu verbinden.

Sein Streifzug durch das Haus der Poesie führt uns in viele Zimmer, wenn auch nicht in alle. Diese architektonische Ordnung ist anschaulich und thematisch sowie wortwörtlich raumfüllend. Wir beginnen mit der Krabbelstube und dem Kinderzimmer und belauschen Stabreim und Endreim-Gedichte, im Schulzimmer lernen wir mit Merkversen, und im Clubraum wird es langsam anspruchsvoller: Xenien und Distichen werden erklärt und mit Gedichtproben erläutert.

Im Lesesaal geht es um Dichtung als Gesellungsmedium, um Dichter, die auf Dichter antworten, um Terzinen und Alexandriner, um Nachgedichtetes und Gegengedichtetes, beiläufig auch um Lyrikkritik sowie um die Möglichkeit der Kommunikations-beschleunigung und -Veredelung durch den lyrisch belesenen und kennerischen, pingpong-mäßigen Austausch von Gedichtzeilen.

In der Werkstatt vermittelt Gernhardt Wissenswertes zum Handwerk des Dichtens, zu Ordnung, Systematik, Vers, Zeile, Strophe, Reim, Reimfolgen und Rhythmus. Er betont die suggestive Kraft des Reims, der sich äußerst vielseitig einsetzen läßt in beispielsweise wenig kunstvollen, doch einprägsamen Paarreimen für Demo-Transparente und Werbesprüche  oder – wesentlich komplexer und kunstvoller – durch Terzinen und Stanzen.

Hingebungsvoll schwärmt er vom Sonett und unterscheidet ungeniert zwischen ordentlichen und verwahrlosten Sonetten. Vollends entzückt zeigt er sich von den – leider vergriffenen –  Kriminal-Sonetten von Ludwig Rubiner, Friedrich Eisenlohr und Livingstone Hahn aus dem Jahr 1913.

Gernhardt führt uns weiter in den Schlafraum der Lieder, ins Sterbezimmer, ins Krankenzimmer, in den Fundus, ins Kuriositätenkabinett, in den Elfenbeinturm und in die Schatzkammer.

Auch Anagramm und Akrostichon werden in ihrem abgelegenen Winkel besucht und angemessen gewürdigt.

In seinen Poesievorlesungen macht Gernhardt Literaturgeschichte ebenso lehrreich wie vergnüglich lebendig. Mit Esprit und freudiger Wortverspieltheit, trefflichen Zitaten, unkonventionellen Verknüpfungen und Selbstironie streift er von Goethe zu Schiller und Hölderlin, von Heine zu Brecht, von Enzensberger zu Eichendorff, von Peter Rühmkorf zu Ernst Jandl …

Er lustwandelt von Komik zu Ernst, von Lob zu Tadel, von Bewunderung zu Parodie, von Reflexion zu Paraphrase und von Nonsens zu Tiefsinn.

Wer bei Robert Gernhardts köstlicher Vorlesung nicht auf den Geschmack der Gedichte kommt, der ist für die Poesie wohl für immer verloren.

Mit seinem begeisterten, sprachsouveränen und zugewandten Vortragsstil bringt er Wort und Text nuancenreich zum Klingen. Gernhardt verfügt über eine poetische Präsenz, die in diesen O-Ton Aufnahmen geradezu ansteckend zum Ausdruck kommt.

Läßt sich Liebe zur Lyrik wirksamer wecken?

 

Und hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Was-das-Gedicht-alles-kann:-Alles/Robert-Gernhardt/der-Hoerverlag/e386642.rhd

Der Autor:

»Robert Gernhardt, geboren 1937 in Reval/Estland, hatte viele Talente. Er studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin; er war Maler, Zeichner, Schriftsteller, Satiriker und Cartoonist. Seine größten Erfolge feierte er mit seinen satirischen Cartoons in Zeitschriften wie PARDON und TITANIC; außerdem sind mehrere Bände mit satirischen Texten von ihm erschienen, z.B. Die Toscana-Therapie und Kippfigur. Einem breiteren Publikum wurde er als Drehbuchautor der Otto-Filme bekannt. Er starb 2006.
Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt „Toscana mia“ (2011) und „Hinter der Kurve“ (2012). Gernhardt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Neben „In Zungen reden“ sind von Robert Gernhardt im Hörverlag erschienen: „Ostergeschichte“, „Die Falle“, „Was das Gedicht alles kann: Alles“ und „Versonnen blickt der Borstenigel“

Querverweis:

Hier entlang für weitere O-Ton-Poetisierungen von Robert Gernhardt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/18/in-zungen-reden/

 

 

In Zungen reden

  • Stimmenimitationen von Gott bis Jandl
  • von Robert Gernhardt
  • Buchvorlage: S. Fischer Verlag
  • Produktion: Der Hörverlag 2001
  • Live-Mitschnitt
  • Gesamtlaufzeit: ca. 1 Stunde 25 Minuten
  • der Hörverlag     April 2016        http://www.hoerverlag.de
  • 2 CDs
  • 9,99 € (D), 11,20 € (A), 14,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2126-9
    In Zungen reden von Robert Gernhardt

DES  DICHTERS  UND  DES  DICHTENS  STIMMEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dichter und Schriftsteller, die ihr Werk gekonnt selbst vortragen können, bereiten stets doppelten, vielleicht sogar dreifachen Genuß – wenn man die Sympathie für die Sprechstimme des Schriftstellers als drittes Element gelten lassen mag.

Robert Gernhardt ist ein Kenner und ein Könner vieler literarischer Gattungen und serviert im vorliegenden Hörbuch köstliche Parodien, Weiterdichtungen und Paraphrasen alter Meister. Dies tut er stilvoll und in literarischer Formvollendung mit einer wortwörtlichen sprachlichen Anschmiegsamkeit, die das imitierte Vorbild zugleich würdigt und augenzwinkernd in einen amüsanten Bezug zur Gegenwart stellt.

Wir hören Sonette, Terzinen, den sogenannten hohen Theaterton der Deutschen Bühne um 1800, Märchen, Fabeln, Lieder, Schulfibel-Texte, Leserbriefe und Scherzfragen, eine Ballade sowie Vokal-Variationen von Ernst Jandls berühmtem Mops-Gedicht.

Robert Gernhardt imitiert Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Wilhelm Busch, Bertolt Brecht, Giovanni Boccaccio und Dante und sogar den lieben Gott, dem nachträglich noch ein Elftes Gebot eingefallen ist.

Es ist ein vergnügliches Fest, Robert Gernhardt zu lauschen, und en passant wird uns lächelnd der poetische Horizont erweitert. Charmant, burlesk und geistreich macht er uns literarische Formen schmackhaft und spart weder an freundlichem Spott noch an nonchalanter Selbstironie. Sein verbindlich-kommunikativer Umgang mit dem Publikum erinnert etwas an Hanns Dieter Hüschs Vortragsweise,  zugleich ist er sprachlich und stimmlich von außerordentlich abwechslungsreicher Vielfalt und dramaturgischer Souveränität.

Ausnahmslos jedes Stück hat mir gefallen, doch am allerliebsten sind mir „Das Elfte Gebot“ und Gernhardts kongeniale Giovanni-Boccaccio-Novelle „Ein Florestan-Fragment“.

Das Elfte Gebot Gott-Gernhardts lautet: „Du sollst nicht Lärmen!“
Und weil man es keinesfalls verpassen sollte, füge ich einen Link zum Lauschen ein:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/In-Zungen-reden/Robert-Gernhardt/der-Hoerverlag/e499034.rhd

Da die Hörprobe nur einen Teil des Elften Gebotes wiedergibt, ergänze ich noch eine meiner Lieblingspassagen:

»Und der Herr sprach mit Gernhardt und sprach also zu ihm: Rede mit deinen Leuten, aber schön ruhig. Ihr sollt keine Radios mit euch tragen, so ihr den Fuß aus dem Hause setzt. Ihr sollt keinen Walkman in Bahnen und Zügen benutzen, denn siehe: Der Walkman ist ein Blendwerk des Satans, zu verwirren die Sinne des Menschen, auf dass er glaube, er könne seinen Kopf mit Musik vollknallen, ohne dass sein Nächster davon höre. Ich aber sage euch: Und ob er was mithört!  …

Diese sollen euch in Bahnen und Bussen ebenfalls unrein sein unter den Piepsgeräten, welche Knöpfe haben und die man in die Tasche stecken kann: das Computerspiel, das Handy und der Laptop. Denn alles, was ihr Pieps beschallt, das wird unrein. Und alles Gerät, das gepiepst hat, soll man ins Wasser tun, es ist unrein bis zum Abend und danach unbrauchbar. In euren Wohnungen aber sollen diese Geräte nicht unrein sein.«

 

Der Autor und Sprecher:

»Robert Gernhardt, geboren 1937 in Reval/Estland, hatte viele Talente. Er studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin; er war Maler, Zeichner, Schriftsteller, Satiriker und Cartoonist. Seine größten Erfolge feierte er mit seinen satirischen Cartoons in Zeitschriften wie PARDON und TITANIC; außerdem sind mehrere Bände mit satirischen Texten von ihm erschienen, z.B. Die Toscana-Therapie und Kippfigur. Einem breiteren Publikum wurde er als Drehbuchautor der Otto-Filme bekannt. Er starb 2006.
Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt „Toscana mia“ (2011) und „Hinter der Kurve“ (2012). Gernhardt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Neben „In Zungen reden“ sind von Robert Gernhardt im Hörverlag erschienen: „Ostergeschichte“, „Die Falle“, „Was das Gedicht alles kann: Alles“ und „Versonnen blickt der Borstenigel“

Emily Dickinson Gedichte

  • Emily Dickinson
  • Gedichte
  • englisch und deutsch
  • Herausgegeben, übersetzt
  • und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler
  • Carl Hanser Verlag 2006                          www.hanser.de
  • in Leinen gebunden, Fadenheftung
  • mit Schutzumschlag
  • 560 Seiten, Dünndruck
  • 45 € (D), 46,30 € (A), 59,90 sFr.
  • ISBN 978-3-466-20782-0
    Dickinson

EIN  SCHWERER  SCHMETTERLING

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Emily Dickinson (1830 – 1886) hat einer – bis in unsere Tage – staunenden Nachwelt fast 1800 Gedichte und mindestens 1200 Briefe hinterlassen.

Ihre Gedichte erschließen sich nicht dem flüchtig-oberflächlichen Blick, sondern nur der verbindlich-zugewandten Lektüre. Doch dann öffnen sich wunderbare Bedeutungshorizonte, und man hört das Herzenspochen unsterblicher Poesie.

I dwell in Possibility –     
A fairer House than Prose –                          
More numerous of Windows – 
Superior – for Doors –  

Of Chambers as the Cedars –
Impregnable of eye –
And for an everlasting Roof    
The Gambrels of the Sky –

Of Visitors – the fairest –
For Occupaton – This – 
The spreading wide my narrow Hands 
To gather Paradise –   

Emily Dickinson: GEDICHT Nr. 466

Die vorliegende Gedichtsammlung enthält mehr als 600 Gedichte Emily Dickinsons im englischen Original und in deutscher Übersetzung. Dies ist die bisher umfangreichste Gedichtauswahl für deutsche Leser. Die chronologische Ordnung und Numerierung der Texte basiert auf dem aktuellen Stand der amerikanischen Forschung zu Emily Dickinson. Ralph W. Franklins »Reading Edition« aus dem Jahre 1999, in der jedes Gedicht stets nur in seiner letzten Fassung wiedergeben wird, bildet die Grundlage für diese deutsche Ausgabe.

Das einfühlsame Nachwort der Übersetzerin Gunhild Kübler informiert komprimiert über Emily Dickinsons Lebensumstände, Bezugspersonen, Brieffreundschaften sowie über die speziellen poetischen Besonderheiten der Dickinsonschen Lyrik und die komplizierte, verzögerte – von familiären Eingriffen und Streitigkeiten erschwerte – Editionsgeschichte.

Warum Emily Dickinson keine Veröffentlichung ihrer Gedichte angestrebt hat, werden wir wohl nie erfahren. Die Schriftstellerin Helen Hunt Jackson, mit der sie eine innige Brieffreundschaft verband, hat sie deutlich zur Publikation aufgefordert: »Du bist eine große Dichterin – und Du tust dem Tag unrecht, an dem Du lebst, wenn Du nicht laut singen willst(Seite 531)

Stattdessen verwahrte Emily Dickinson ihre Werke in einer Kommodenschublade. In die Welt schickte sie Abschriften ihrer Gedichte lediglich als Beilagen zu ihrer umfangreichen und intensiv gepflegten Korrespondenz mit verschiedenen Brieffreunden.

So kam der Ruhm posthum, doch dafür umso nachhaltiger. Emily Dickinson wird inzwischen längst zu den größten englischsprachigen Dichtern gezählt. Mit dieser großzügigen Gedichtauswahl und einer so sensiblen Übersetzung, wie sie uns Gunhild Kübler hier vorlegt, kann die Dichterin nun auch ausführlicher von deutschsprachigen Leserinnen und Lesern entdeckt werden.

Auf Emily Dickinsons Gedichte muß man sich einlassen, sie sind eigenwillig und vielschichtig. Obwohl diese Texte schon fast 150 Jahre alt sind, wirken sie jung und sehr lebendig – keineswegs angestaubt, sondern zeitlos herzensfrisch.

Wiederholte Lektüre und auch der Vergleich zwischen englischem Original und deutscher Übersetzung vertiefen das Verständnis der Texte und zugleich die Hochachtung für die tiefsinnige, poetische Übersetzungsleistung von Gunhild Kübler. Ich geriet beim Lesen in eine Art Wachtrance, als würde ich auf die Dichterin eingestimmt und mit ihrem Sprachkosmos vertraut gemacht.

Diese Gedichte sind erstaunlich ungezähmt, magisch, unkonventionell, rätselhaft, manchmal traurig, manchmal verspielt, liebesstolz und liebesweh, widersprüchlich, schonungslos, empfindsam, verwegen, geheimnisvoll und mehrdeutig.

Auch stilistisch geht Emily Dickinson sehr variabel und ausgesprochen originell vor – so verzichtet sie konsequent auf Gedichtüberschriften und erlaubt sich die Überschreitung von Sprach- und Grammatikregeln, wenn es der hintersinnigen Schreibabsicht dient.

Ein passender Oberbegriff für Emily Dickinsons Werk wäre wohl WEITE – alle Gedichte Emily Dickinsons ATMEN Weite. Diese Weite erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, daß die Dichterin ihr ganzes Leben in der Kleinstadt Amherst, Massachusetts, verbracht hat. Die weltferne Isolation der häuslichen „Beschränktheit“ und der puritanische familiäre Hintergrund haben Emily Dickinson nicht daran gehindert, ihren Geist fliegen zu lassen und das Große im Kleinen und das Kleine im Großen zu erkennen und ihrem lebhaften Fühlen und Denken zumindest sprachlich Gestalt zu geben.

Es gibt nur eine einzige Photographie von Emily Dickinson: Der Konvention der Zeit entsprechend trägt sie ein schlichtes, steifes schwarzes Kleid, das Haar ist streng gescheitelt und eng an den Kopf geschmiegt. Gestalt und Gesicht wirken zart, gleichwohl selbstbewußt-aufmüpfig; sie erscheint nonnenhaft, fast asketisch und zugleich zärtlich-verträumt und feenhaft. Emily Dickinsons Portrait changiert zwischen allerlei Gegensätzen.

So wie auch ihre Gedichte zwischen Kontrasten changieren. Sie changieren zwischen Lebensglut und Todessehnsucht, zwischen Einsamkeit und Verbundenheit, zwischen Liebessehnsucht und Selbstgenügsamkeit, Nähe und Distanz, Himmel und Erde, Desillusionierung und Träumerei, Schmerz und Heiterkeit, Präzision und Zauberspruch.

Wir lesen feine Naturbetrachtungen, zwischenmenschliche Auslotungen, Denkspiele, Klagelieder, radikale religiöse Infragestellungen, märchenhafte Minidramen, vielstimmige Naturbilder, „liebesbriefige“ Gedichte, Psychogramme und lebensreife Weisheiten.

In folgendem Gedicht zeigt sich eine frühe bemerkenswert, ironisch-gelassene Unabhängigkeit von Publicity:

I‘ m Nobody! Who are you? 
Are you – Nobody – too?     
Then there’s a pair of us!    
Dont tell! they’d advertise – you know!    

How dreary – to be – Somebody!   
How public – like a Frog –  
To tell ons’s name – the livelong June – 
To an admiring Bog!      

Emily Dickinson: GEDICHT Nr. 260

In Anbetracht der Tatsache, daß Emily Dickinsons Gedichte zu ihren Lebzeiten nur im Verborgenen geblüht haben, mutet das folgende Gedicht geradezu prophetisch an, was den erst spät (posthum) erfolgten blühenden dichterischen Ruhm betrifft.Indes, vielleicht beschreibt dies Gedicht auch nur einen ersten Liebeskuß oder eine durchaus doppelsinnig-sinnliche Naturbetrachtung der Blütenbestäubung:

Come slowly – Eden!   
Lips unused to Thee –  
Bashful – sip thy Jessamines –  
As the fainting Bee – 

Reaching late his flower,    
Round her chambers hums –
Counts his nectars –   
Enters – and is lost in Balms. 

Emily Dickinson: GEDICHT Nr. 205

Es ist reizvoll, daß diese Lyrik solchermaßen in der Schwebe bleibt, sich nicht entblößt, sondern unser geduldiges, mitlesendes Einfühlen verlangt. Oder, wie Gunhild Kübler in ihrem Nachwort über die dichterische Ausstrahlung Emily Dickinsons so treffend schreibt:

Diese Erfahrung einer beinahe körperlich spürbaren Intoxikation macht unweigerlich, wer sich in Dickinsons Lyrik vertieft. Noch bevor sie ganz von Bewußtsein verstanden sind, ziehen diese Texte ihre Leser in einen inneren Dialog, der das Gedicht über den Abgrund seiner zeitlichen Entrücktheit hinweg aus dem Vorrat des persönlichen Erlebens ergänzt. Was erfrischend wirkt auf die eigenen Erfahrungskräfte und eine Steigerung der Lebensintensität mit sich bringt.“ (Seite 544)

Emily Dickinsons Gedichte haben uns viel zu sagen – es lohnt sich, über ihren seltsamen Verschwiegenheiten zu brüten, bis sich in uns selbst etwas davon offenbart.

 

Touch lightly Nature’s sweet guitar  
Unless thou know’st the Tune   
Or every Bird will point at thee  
Because a Bard too soon –   

Emily Dickinson: GEDICHT Nr. 1403

We never know we go when we are going-
We jest and shut the Door –
Fate – following – behind us bolts it –      
And we accost no more –         

Emily Dickinson: GEDICHT Nr. 1546

Die Übersetzerin:

»Gunhild Kübler studierte Anglistik und Germanistik und promovierte bei Peter von Matt. Sie lebt in Zürich. Ihre 2008 mit dem Paul-Scheerbart-Preis ausgezeichnete Dickinson-Auswahl enthält ein Drittel des Gesamtwerks

PS:
Für diejenigen Leserinnen und Leser, die noch mehr von Emily Dickinson lesen möchten, habe ich die erfreuliche Nachricht, daß am 23.2.2015 eine GESAMTAUSGABE ihrer Gedichte im Hanser Verlag erscheinen wird, in der erstmals ALLE Gedichte ins Deutsche übersetzt sind.

  • Emily Dickinson
  • Sämtliche Gedichte
  • Zweisprachig
  • Übersetzt von Gunhild Kübler
  • Nachwort von Gunhild Kübler
  • Herausgegeben von Gunhild Kübler
  • 1408 Seiten
  • 49,90 €(D), 51,30 € (A), 66,90 sFr.
  • ISBN : 978-3-446-24730-7
    HANSER Verlag    23.2.2015             http://www.hanser-literatur-verlage.de

Nachfolgend ein Zitat aus der Verlagsvorankündigung:

»Die erste deutsche Gesamtausgabe von Emily Dickinsons rund 1800 Gedichten zeigt die ganze Vielfalt ihrer Themen, ihren Einfallsreichtum im Formalen und ihre überraschende Entwicklung. Ihr lyrisches Werk kam zu früh für ihre engstirnige puritanische Umgebung in den USA. Kein Wunder, dass Dickinson ihre Zeitgenossen auf Distanz und ihre Lyrik unter Verschluss hielt – ihre Gedichte sind voller Ketzerei und Spottlust, ihr Werk mutig, frei und radikal im Nachdenken über die Grundfragen unserer Existenz. Die Übersetzerin Gunhild Kübler zeichnet im Nachwort ein Bild vom Leben dieser großen amerikanischen Dichterin.«