Die Galaxie und das Licht darin

  • von Becky Chambers
  • Originaltitel: »The Galaxy and the Ground Within«
  • Aus dem Englischen von Karin Will
  • WAYFARER-UNIVERSUM, Band 4
  • Fischer TOR, Mai 2022 http://www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 400 Seiten
  • 13,00 €
  • ISBN 978-3-596-70701-0

Die Galaxie und das Licht darin

INTERGALAKTISCHES  KAMMERSPIEL

Rezension von Ulrike Sokul ©

Der vierte und leider auch letzte Band der Wayfarer-Reihe spielt auf dem Planeten Gora. Dieser Planet der Galaktischen Union (kurz: GU) liegt in unmittelbarer Nähe eines inter-galaktischen Transitknotenpunkts und bietet Reisenden während der Wartezeit auf ihren Wurmlochsprung die Gelegenheit, sich auszuruhen, Vorräte wie beispielsweise Algenkraftstoff oder Comptech-Ersatzteile nachzufüllen, Reparaturdienste zu nutzen oder ein Restaurant aufzusuchen. Da man auf Gora nur unter Habitatkugeln leben kann, buchen die Reisenden im voraus ein Motel oder eine Lounge und docken dort mit ihrem Raumschiff oder Shuttle an.

Das „Five-Hop One-Stop“-Motel gehört nicht zur Luxusklasse, wird jedoch von Ouloo und ihrem Kind Tupo mit viel warmherzigem Engagement, Improvisationstalent und großem multispeziären Einfühlungsvermögen geführt. Ouloo gehört zur Spezies der Laru. Laru sind sehr langlebig, sie sind befellt und verfügen über extrem bewegliche Gliedmaßen („wie animierte Nudeln“) sowie einen langen Hals, der es ihnen ermöglicht, ihren Kopf bei Bedarf auf den Rücken zu drehen.

Kurz hintereinander landen drei sehr unterschiedliche Gäste bei Ouloo:

Als alte Bekannte aus den Vorgängerbänden erscheint die Äluonerin Captain Pei Tem. Äluoner haben eine annähernd humanoide Körperform, sie sind haarlos und haben eine feine silbrige Schuppenhaut. Äluoner können nicht hören, sie kommunizieren nicht über Laute, sondern über die Farbschattierungen ihrer Gesichtshaut. Da dies jedoch die Inter-aktion mit anderen Spezies fast unmöglich macht, verfügen sie über ein auditorisches Implantat und eine Sprachbox, die sie mental steuern können. Eine bunte Umgebung wirkt auf Äluoner anstrengend und ermüdend – vergleichbar der Wirkung, die ein zu lautes Umfeld auf hörende Spezies hat.

Der zweite Gast ist Roveg. Roveg ist ein Quelin, und er lebt im Exil, da er sich zu kritisch gegenüber seiner – vorsichtig ausgedrückt – hyperhierarchisch-bürokratischen Regierung geäußert hat. Er hat Facettenaugen, ein kobaltblaues Exoskelett und viele Beine, sein bevorzugter Sinn ist der Geruchssinn, und er ist ein echter Feinschmecker.

Der dritte Gast ist Speaker. Sie gehört zum unfreiwillig nomadisch lebenden Volk der Akaraks. Die Akaraks sind nur etwa 30 Zentimeter groß, und ihre Lebenserwartung beträgt nur 20 bis 25 Jahre. Da sie Methan atmen, ist sauerstoffhaltige Luft für sie Gift. Deshalb besteigen Akaraks für den direkten Kontakt mit anderen Spezies einen mecha-nischen Anzug, der durchschnittliche Zweibeiner-Größe hat. Im Kopfbereich des Mech-Anzugs befinden sich die Steuerung und das Aussichtsfenster, so daß auch eine wechsel-seitige visuelle Wahrnehmung gegeben ist.

Normalerweise ist der Aufenthalt auf Gora nur kurz, da die Wartezeiten auf den Zugang zu den Übergängen zwischen den Wurmlöchern nicht länger als maximal einen halben GU-Standardtag betragen. Um Unfälle zu vermeiden, werden die Zugänge ebenso technisch-akribisch wie bürokratisch von der GU-Transitbehörde kontrolliert und die Reisenden auf die ihnen bestimmten Flugbahnen gelotst. Ein dichtes Netz von Satelliten unterstützt die reibungslose Koordination dieser Transite.

Kurz nach der Ankunft der Gäste kommt es zu einer plötzlichen Kaskadenkollision der Orbit-Satelliten, der ein weitgehender Ausfall des benötigten Datentransfers folgt. Ein vorläufiges Flugverbot ist unvermeidlich. Pei, Roveg und Speaker sind nun gezwungen, mehrere Tage auszuharren, bis das planetarische Satelliten-Netzwerk wieder funktioniert.

Ouloo ist lebhaft bemüht, ihren Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie wendet sich jedem Gast mit wahrer Aufmerksamkeit zu und tischt, neben diversen süßen typischen Laru-Dessert-Spezialitäten, alle multispeziären Köstlichkeiten auf, die ihre Speisekammer hergibt. Die Gäste können sich im Kuppelgarten ergehen, Tupos kleines „Goranisches Museum für Naturgeschichte“ besuchen oder zur Entspan-nung das Badehaus mit passenden Installationen für die unterschiedlichsten anato-mischen Bedürfnisse verschiedener Spezies aufsuchen.

Tupo ist sehr neugierig und fragt die Gäste recht unbefangen nach ihren Berufen und Reisezielen und erkundet ihre besonderen speziesspezifischen Fähigkeiten. Doch die Gäste sind auch untereinander durchaus kontaktfreudig und kommunikativ. In der GU wird von fast allen Spezies die universelle Sprache „Klip“ gesprochen, was die allgemeine Verständigung erleichtert.

Die Geselligkeit verläuft zwar nicht gänzlich reibungslos und unkompliziert, doch Ouloo ist eine sehr gute Gastgeberin und versteht es, eine diplomatisch-vermittelnde Stimmung zu schaffen, die von den Gästen dankbar und respektvoll aufgenommen wird. Die Gäste lernen sich im Verlauf des um fünf Tage verlängerten Aufenthalts tiefer kennen, was sogar zu unerwarteten neuen Freundschaften und Verbundenheiten führt.

Es ist bemerkenswert, wie hier sowohl biologisch als auch wesensgemäß sehr unter-schiedliche Charaktere miteinander umgehen, voneinander lernen und dabei zugleich auch einiges über sich selbst erkennen, was für alle eine Bereicherung ist.

Ouloos zufällig zusammengewürfelte Gäste sind allerdings auch besonders aufge-schlossen, hilfsbereit, lebenserfahrungsreif, respektvoll und tolerant. Wenn sie Menschen wären, würde ich sie als philanthropisch bezeichnen.

Amüsant ist die Perspektive der Außerirdischen auf die Spezies Mensch. Roveg sagt beispielsweise, er liebe Menschen, so ähnlich wie wir sagen, daß wir Eichhörnchen, Delphine, Hunde, Katzen, Pferde, Schmetterlinge oder Vögel lieben. Pei, die von ihrer Liebesbeziehung mit einem Menschen (Ashby Santoso, der Kapitän des Raumschiffs Wayfarer, siehe Band 1 der Serie Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten) erzählt, wird von Roveg gefragt, ob es denn tatsächlich Käse gäbe. Denn Käse ist für nichtmenschliche Spezies etwas Unvorstellbares. Veganer kommen an dieser Stelle köstlich auf ihre Kosten. (Seite 105 – 108)

Pei erklärt, daß Käse aus Milch hergestellt wird, und Speaker vermutet daraufhin, daß Käse also ein Lebensmittel für Kinder sei. Als Pei verneint und von der Vorliebe der erwachsenen Menschen für Käse berichtet, wird dies von den Zuhörern mit den unter-schiedlichsten Lauten des Ekels kommentiert. Der Prozeß der Käseherstellung mit Hilfe von Bakterien trägt auch nicht gerade dazu bei, sonderlich appetitanregend zu wirken. Doch die Information, daß Menschen nicht ihre eigene Milch, sondern die von anderen Säugetieren nehmen, erscheint den Außerirdischen schier unglaublich.

Dieser Roman wartet nicht mit spektakulärer Spannung auf, sondern mit der gemäch-lichen kommunikativen und emotionalen Annäherung verschiedener Spezies. Alle haben ihre individuellen Vorgeschichten und Beweggründe, die in streiflichternden Rückblenden Erwähnung finden. Da zwischenmenschlich nicht die korrekte Bezeichnung ist, will ich hier einmal mit  dem Wort „zwischenwesenlich“ improvisieren. Die zwischen- wesenliche Ebene des Fremdelns, Annäherns, wechselseitigen mitfühlenden Verstehens und des selbstreflexiven Auseinandersetzens mit kontrastierenden und harmonieren- den Facetten der Mitlebewesen und ihrer soziokulturellen Prägungen spielt in dieser Geschichte die Hauptrolle.   

Becky Chambers zeigt hier wieder ihre besondere schriftstellerische Stärke in der ebenso einfühlsamen wie faszinierenden Gestaltung und Charakterisierung ver- schiedener Spezies und ihrer unterschiedlichen biologischen und kulturellen Gegeben- heiten und sprachlichen Feinheiten sowie in der anschaulichen Darstellung der verschiedenen Perspektiven, die diese auf sich selbst und auf andere Spezies haben.

Technische Science-Fiction-Aspekte sind in dieser Geschichte eher Kulisse und neckisches Beiwerk. Der Schwerpunkt liegt auf einer Zukunftsvision des einfühlsamen Aufeinanderzugehens und Miteinanderlebens, das am Beispiel der zwar nicht unkom- plizierten, aber dennoch wachsenden Nähe zwischen den Romanfiguren und den sich daraus ergebenden Entwicklungen und zwischenwesenlichen Horizonterweiterungen differenziert und attraktiv inszeniert wird.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/becky-chambers-die-galaxie-und-das-licht-darin-9783596707010

Hier entlang zum ersten Band des WAYFARER-UNIVERSUMS:
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Zum zweiten Band:  Zwischen zwei Sternen
Zum dritten Band: Unter uns die Nacht

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrt-technikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg. Seitdem wurde sie für zahlreiche Preise nominiert und hat einige davon gewonnen, u.a. den Hugo Award für die beste Serie.«

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Die Flüchtigen

  • von Alain Damasio
  • Roman
  • Originaltitel (erschienen 2019): »Les Furtifs«
  • Übersetzung von Milena Adam
  • Verlag Matthes & Seitz 2021 www.matthes-seitz-berlin.de
  • gebunden mit Lesebändchen
  • 838 Seiten
  • 28,00 €
  • ISBN 978-3-7518-0039-6

Die Flüchtigen
K L A N G W E S E N

Rezension von Ulrike Sokul ©

»Wenn es also einen ethischen Imperativ des Menschseins gibt, dann jenen, sich diesem erhabenen Geschenk, lebendig zu sein, als würdig zu erweisen.« (Seite 751)

Dieses Buch ist anders, faszinierend anders, zu Lektürebeginn sogar etwas gewöhnungs-bedürftig. Läßt man sich jedoch darauf ein, wird man buchstäblich von der erstaunlich- en Textmelodik berührt und erfaßt und erfährt dabei eine überraschende Erweiterung des Sprachhorizonts. Der Autor läßt alle Charaktere sehr deutlich ausgeprägt in ihrem eigenen Tonfall und ihren individuellen Wortschatzgewohnheiten sprechen, denken und fühlen. Dies spiegelt sich auch sichtbar in der Typographie, bei der für jede Figur syste- matisch bestimmte Buchstaben mit eigenen Sonderzeichen kombiniert werden. Die dadurch bedingte Veränderung der Lesesehgewohnheiten erhöht die Leseaufmerksam- keit und Konzentration.      

Der Roman „Die Flüchtigen“ verknüpft mehrere Genres und Themen miteinander. Der Autor schöpft aus dem vollen und verbindet Science- und Social-Fiction, Philosophie, Kapitalismuskritik, Anpassung und Protest, Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, alternative Lebensmodelle, Medienkritik, Naturschutz, Spannung, Märchen, Musikalität und Poesie zu einer hochkomplex verflochtenen und vielschichtigen Geschichte, die – vom jetzigen Jahr 2022 aus betrachtet – in einer Zukunft spielt, von der wir gerade einmal zwanzig Jahre entfernt sind.

Stellen Sie sich sogenannte „befreite Städte“ vor, die nicht mehr vom öffentlichen Dienst verwaltet werden, sondern von Konzernen aufgekauft und gemanagt werden und auch nach den jeweiligen Konzernen benannt sind. Nachdem, um ein Beispiel zu nennen, der Bürgermeister von den Aktionären gewählt wurde, wird ein modernes Drei-Klassen-System installiert: Platintarif für die Reichen, Premiumtarif für die Mittelklasse und Standardtarif für Kleinverdiener. Wer noch nicht einmal den Standardtarif erreicht, fliegt raus aus der städtischen Gesellschaft.

Fast alle Bürger tragen einen Fingerring, der als nimmermüder Datenträger auf Schritt und Tritt eine personalisierte Zuordnung und Erfassung erlaubt. Manche Stadträume, beispielsweise Parks, Spielplätze, Einkaufszentren und Straßen sind je nach Tarifzuge-hörigkeit nur zu bestimmten Zeiten zu betreten, was Standardtarifbürger oft zu müh-seligen Umwegen zwingt. Bleibt man zu lange am „falschen“ Ort oder will unbefugt eine Abkürzung nehmen, pfeift  einen eine Zonierungsdrohne zurück; weicht man immer noch nicht, dann wird man durch schmerzhaft-schrille Schallschüsse zum Rückzug gezwungen. Parkbänke können Stromschläge austeilen, wenn man sich das Recht, auf ihnen zu sitzen, nicht leisten kann, und verfährt man sich als Standardbürger in eine Platin- oder Premiumstraße sorgen allgegenwärtige Drohnen für ein teleblockiertes Ausbremsen des Fahrzeugs.

Taktile Kacheln in Einkaufsstraßen messen und analysieren beispielsweise Schuhgröße, Schuhabnutzungsgrad und Gangart des Passanten, um diesem dann beim nächsten Schuhgeschäft im Schaufenster ein maßgeschneidertes Schuhangebot zu offerieren – selbstverständlich mit persönlicher namentlicher Ansprache.

Nur vier Prozent der Bevölkerung lehnen das Tragen des Rings und die damit verbun- dene akribische Datensammlung und Bequemlichkeit bewußt ab. Ohne Ring ist man für die omnipräsenten Sensoren der Netzwerke ein unbeschriebenes Blatt, was eine zielge- richtete, personalisierte Produktwerbung und „vertrauliche“ Ansprache verhindert. Deshalb werden Ringlose beim Stadtbummel von multisensorischen Kugeln, den soge- nannten „Umtreibern“, umschwärmt, die Mimik und Körpersprache scannen, „um den mutmaßlichen emotionalen Zustand zu analysieren“ (Seite 316). Als Ringloser gilt man automatisch als suspekt und als potentiell kriminelle oder gefährliche Person. Wenn sich der Ärger über diese aufdringliche Überwachung zu deutlich im Gesichtsausdruck zeigt, erhöht dies wiederum die Aufmerksamkeit der Überwachungsdrohnen.

Die Spannbreite mobiler und stationärer sensorischer und digitaler Wahrnehmungs- und Überwachungstechnik ist beeindruckend. Es gibt Radar, Lidar, Okulometer, Intekten, Spiderbots, Observespen …

Bei Fernsehdiskussionen, politischen Gesprächsduellen und Pressekonferenzen wird laufend und in Echtzeit der MGI (medialer Glaubwürdigkeitsindex) gemessen und eingeblendet.

Der technische Kokon bietet jedem, der es sich leisten kann, einen perfekten Begleiter, den MOA (My Own Assistent). MOA bietet eine freundschaftliche KI-Verbundenheit, einen unermüdlichen Zuhörer und Gesprächspartner, der sich mit jeder Interaktion besser, ja, empathischer, mit den psychischen und physischen Gegebenheiten und Vorlieben seines Menschen auskennt und dessen reale zwischenmenschliche Einsamkeit harmonisch überspielt.  

Die anschauliche Darstellung einer durchaus naheliegenden, beinahe umfassend digital-sensorisch gesteuerten, kapitalistischen Gesellschaftsordnung und ihrer minutiös ver-zweigten sozialen und finanziellen Kontrollmechanismen und Berechenbarkeits- bessenheit zeugt von der Fähigkeit des Autors, die gegenwärtigen technischen Möglich- keiten und Infrastrukturen weiterzudenken. Mit den oben erwähnten Beispielen habe ich nur einige wenige Kostproben aus dem Werkzeugkasten dieser dystopischen Welt genommen.

Die Flüchtigen sind in diesem Roman der Gegenpol zur technologischen Massenüber-wachung und -Steuerung – eine metamorphische Spezies, die sich dank ihrer extremen Schnelligkeit, mimetischen Tarnfähigkeit und Verwandlungskraft dieser Kontrolle entzieht und dadurch das System herausfordert.

Offiziell gelten die Flüchtigen als harmloser urbaner Mythos, nur die Regierung und das RiFF, eine Spezialabteilung des Militärs, wissen von ihrer tatsächlichen Existenz. Das RiFF (Regiment investigative Erforschung und Festsetzung von Flüchtigen) bildet Jäger aus, welche lernen, die Flüchtigen zu „erspähen“.

Denn die Flüchtigen, deren Lebensraum der tote Winkel ist, keramisieren ihren Körper, sobald sie von einem Menschen direkt angesehen werden. Dazu erhöhen sie in Sekun-denschnelle ihre Körpertemperatur, „kalligrafieren“ stets eine Zeliglyphe auf dem nächstgelegenen Hinter- oder Untergrund und erstarren zur Skulptur ihrer letzten buchstäblich flüchtigen Bewegung. Nur aufgrund dieser Skulpturen und durch Messungen mit einer Vielzahl von sensorischen Geräten (Refliefsensoren, MRT usw.) ist bekannt, daß die Körper der Flüchtigen verschiedene zoologische Formen aufweisen, die je nach Bedarf des Flüchtigen aus den nächstbesten vorhandenen Materialien metabo- lisiert werden. So kann ein Fuchs beispielsweise Flügel haben oder auch Blätter- ohren, Grasfell, Steinkrallen oder Metallschuppen, denn auch botanische, metallische und steinerne Substanzen können von den Flüchtigen integriert werden.

Neben ihrer überwältigenden metamorphischen Körpergestaltungskraft verfügen die Flüchtigen über ein unerschöpfliches Klangspektrum. Sie können jedes natürliche und künstliche Geräusch, Musik und jede Stimme täuschend echt nachahmen und dadurch ihre Jäger geschickt ablenken. Doch obwohl sie auch gezielte Infra- und Ultraschall- wellen ausstoßen können, setzen sie diese für Menschen möglicherweise tödliche „Waffe“ niemals ein.

Zudem können sie Materie kymatisch, also durch Klang, verändern und formen. Die kryptischen kalligrafischen Zeichen, welche die Flüchtigen vor ihrer Versteinerung hinterlassen, sind offensichtlich eine Geheimschrift oder Botschaft, mit deren Ent- schlüsselung sich sowohl das RiFF als auch diverse inoffizielle Sympathisanten der Flüchtigen beschäftigen. Eine geheime Gruppe blinder Linguisten, die Kontakt mit „zutraulichen“ Flüchtigen pflegt, vermutet, daß die Flüchtigen aus Klang geboren werden und daß jeder Flüchtige über eine persönliche Identitätsmelodie verfügt, mit der er seine Metamorphosen steuert.

Lorca Varèse ist ein ehemaliger Sozialwissenschaftler, der beim RiFF eine Ausbildung zum Jäger absolviert hat, weil er hofft, auf diesem Wege das Phänomen der Flüchtigen besser zu verstehen. Seine kleine Tochter Tishka ist im Alter von vier Jahren spurlos verschwunden, und Lorca ist davon überzeugt, daß sie sich freiwillig einem Flüchtigen angeschlossen hat. Denn vor ihrem Verschwinden hatte sie oft davon erzählt, daß ein „Fluchs“ in ihrem Kinderzimmer wohne, daß sie miteinander spielten und daß nur Kinder den Fluchs sehen könnten, angesichts von Erwachsenen würde er sich unsichtbar machen.

Lorca wird von Admiral Arshavin einer Gruppe von Jägern zugeteilt, die sich mit dem Einverständnis Arshavins für eine andere Strategie im Umgang mit den Flüchtigen ein-setzt. Sie sind mehr daran interessiert, eine Kommunikationsebene mit ihnen zu finden, als sie zu „erspähen“ und zu töten. Dadurch rücken sie in die Nähe zu diversen Wider-standsgruppen und kooperieren mit ihnen.

Trotz der Massenüberwachungsstrukturen gibt es freie Nischen. In den SOZ, den soge-nannten Selbstorganisierten Zonen, erproben und leben Menschen – im kleinen Rahmen sogar durchaus erfolgreich – freie, deutlich analogere, naturnahe, meditative, lebens-freudige und lebensförderliche Formen des Zusammenlebens mit gemeinwohlorien- tiertem Wirtschaften, permakultureller Lebensmittelerzeugung usw.

Wo es digitales Kontrollmanagement gibt, wächst auch digitaler Widerstand. Geniale, findige Hacker tricksen raffiniert die Systeme aus und manipulieren sie für ihre Zwecke, Antibiometrisches Make-Up und mimetische Masken erschweren und verhindern die Gesichtserkennung, alternative Medien stellen offizielle Verlautbarungen und Herr- schaftsansprüche in Frage …

Lorca hofft selbstverständlich, seine Tochter wiederzufinden, und nach harter Überzeu-gungsarbeit und einigen verschlüsselten Lebenszeichen von Tishka schließt sich auch seine Frau Sahar dieser Hoffnung und dem Kampf für statt gegen die Flüchtigen an. Sahar ist eine „Lehrgängerin“, eine Lehrerin, die Kindern der Standardklasse auf öffent-lichen Plätzen kostenlosen Unterricht erteilt. Denn menschliche Lehrer sind in dieser durchkapitalisierten Gesellschaft nur noch für die Klasse der Reichen bezahlbar.

Tishka ist tatsächlich flüchtig geworden. Durch den Kontakt mit dem Fluchs in ihrem Kinderzimmer wurde sie hybridisiert und ist nun ein metamorphisches Wesen. Als Tishka sicher sein kann, daß sie in ihrem verwandelten Zustand bei ihren Eltern will- kommen ist und daß die Eltern sie nicht ansehen werden, nimmt sie direkten Kontakt auf. Lorca und Sahar sind überglücklich, daß ihr Kind lebt, ja, mehr noch, Tishka verfügt über eine wildwüchsige Hyperlebendigkeit, wie sie nur den Flüchtigen zu eigen ist.

In einem einsam gelegenen Ferienhaus verbringt die wiedervereinigte Familie einige innige Tage. Sie lernen sich gewissermaßen neu kennen. Tishka erklärt ihren Eltern, warum sie verschwunden ist und lange keinen Kontakt zu ihnen aufgenommen hat. Ihre menschliche Sprachfähigkeit ist inzwischen sehr elastisch, wortschöpferisch und seman- tisch flexibel sowie kreativ-rekombinierend. Sie wäre die ideale kommunikative Vermittlerin zwischen Flüchtigen und Menschen, da sie beide Lebenssphären kennt und alle flüchtigen Sprachen beherrscht.

Gleichwohl ist die familiäre Idylle nur von kurzer Dauer. Die Familienzusammenführung ist dem Überwachungsstaat nicht verborgen geblieben. Tishka, Lorca und Sahar werden zu Staatsfeinden (Einstufung violett = Terrorist) deklariert und müssen fliehen. Dank Tishkas überragender sinnlicher Wahrnehmungsfähigkeit und der taktischen Hilfe aus Lorcas solidarischer Jägertruppe gelingt es der Familie, dem Zugriff der Milizen zu ent-kommen und sich auf einer Insel, die von Widerstandsaktivisten besetzt und zurücker-obert wurde, zu verstecken.

Die Strategie der Regierung besteht nun darin, die Existenz der Flüchtigen offiziell medial publik zu machen, diese Wesen als gefährliche Monster zu dämonisieren und Angst vor einer möglichen „Ansteckung“ mit „Flüchtigkeit“ zu schüren. Doch die Zahl der bereits mehr oder weniger mit Flüchtigen verbundenen oder sympathisierenden Menschen wächst …

In diesem Roman wechseln sich ausführliche Reflektionen über gesellschaftliche Ent-wicklungen, digitalisierte Daseinsbedingungen und wissenschaftliche Spekulationen über die Flüchtigen mit rasanten Jagd- und Kampfszenen sowie revolutionären Freuden- festen und berührenden zwischenmenschlichen und sinnlich-lyrischen Szenen ab. Der Autor läßt einen vielstimmigen Chor unterschiedlichster Perspektiven, Meinungen und Vorstellungen zu Wort kommen, wahlweise eingebettet in persönliche Gespräche, öffentliche Debatten, Fragmente aus diversen Medien und persönlichen Erfahrungen, Gedankengängen und Gefühlen der Hauptcharaktere.

Diese facettenreiche, kaleidoskopische Romankomposition zeichnet sich durch eine sehr abwechslungsreiche, schwungvolle Dramaturgie, eindringlichen Detailreichtum und eine bewundernswerte sprachliche Bieg- und Anschmiegsamkeit aus. Die indivi- duelle Stimme der Charaktere wird nicht nur durch den persönlichen Sprachmodus und Wortschatz, sondern zusätzlich durch die ihnen regelmäßig zugeordneten typogra- phisch-sichtbaren Sonderzeichen zum Ausdruck gebracht. Nach etwas Einlesege- wöhnung erkennt man daran, wer gerade spricht, ja, man erhört es gleichsam, als wären die Sonderzeichen Noten.

Die wechselhafte Gestalt und Beweglichkeit der Flüchtigen drückt sich im Falle Tishkas zudem durch einen sehr flexiblen Sprachgebrauch aus, der mit seinen Wortverdrehung- en, Buchstabenverrückungen und assoziativen Neukombinationen über einen eigen- willigen Charme verfügt. An dieser Stelle auch mein Chapeau für die Übersetzungs- leistung von Milena Adam, die neben der enormen Komplexität des Textes auch diese ineinanderfließenden, wortspielerischen Spezialitäten virtuos ins Deutsche übertragen hat.

Der Roman „Die Flüchtigen“ bietet keinen schnellen, leichten Leseimbiß, sondern ein anspruchsvolles, literarisches Zehn-Gänge-Menü, für dessen bekömmlichen Genuß man Muße braucht und dessen gehaltvoller leseköstlicher Nachgeschmack alles andere als flüchtig ist.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/die-fluechtigen.html?lid=8
Hier entlang zu interessanten Betrachtungen der Übersetzerin Milena Adam: https://www.toledo-programm.de/journale/2948/bastelarbeit

Hier entlang zur Buchbesprechung von Hauke Harder, die mich zu diesem Roman geführt hat: https://leseschatz.com/2022/01/03/alain-damasio-die-fluchtigen/

Der Autor:

»Alain Damasio, 1969 in Lyon geboren, ist Romancier, Musiker, Klangartist, Entwickler von Videospielen und noch vieles andere mehr. In seinen Romanen, von der Kritik ge-feiert, vom Publikum verschlungen, erforscht Damasio die unerschöpflichen Möglichkeiten polyphoner Narrative in einer geradezu physiologischen Bearbeitung der Sprache, die zum Motor der Emanzipation im weitesten Sinne wird. Sein Roman „Die Flüchtigen“ wurde 2019 mit dem Preis Meilleur Livre der Zeitschrift Lire ausgezeichnet. 2020 erhielt Damasio für seinen Roman den Grand Prix de l’Imaginaire

Die Übersetzerin:

»Milena Adam wurde 1991 in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Sie übersetzt und dolmetscht aus dem Französischen und Englischen. Zuletzt erschienen in ihrer Über-tragung Sandra Newmans Romane „Ice Cream Star“ (2018) und „Himmel“ (2020) im Verlag Matthes & Seitz Berlin.«

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REJOICE

  • Die letzte Entscheidung
  • von Steven Erikson
  • Roman
  • Originaltitel: »Rejoice«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Decker
  • Deutsche Erstausgabe
  • Piper Verlag, November 2019, http://www.piper-science-fiction.de
  • Klappenbroschur
  • 520 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN 978-3-492-70558-5

REJOICE

NACHHILFE  IN  VERNUNFT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Entspannen Sie sich, öffnen Sie Ihren Lesehorizont dem weisen Einfluß interstellarer Zivilisationen, deren ethische und technische Entwicklung der unseren um Lichtjahre voraus ist. Hier wird kein Sternenkriegerszenario entworfen, sondern eine freundlich-lenkende Rettung vor der Zerstörung unseres Planeten und die Gestaltung einer attraktiven Postmangel-Gesellschaft.

Die außerirdischen Spezies, die ein Interesse daran haben, die Biosphäre der Erde zu bewahren und zu regenerieren, entsenden ein Raumschiff mit einer KI, die das gesamte Sonnensystem sensorisch überwacht und auf der Erde eine Flächenpräsenz installiert. Dies bleibt der Menschheit zunächst noch verborgen, bis am hellichten Tage die Science-Fiction-Autorin Samantha Fox von einem Lichtstrahl, der aus einem offensichtlichen Ufo kommt, vom Bürgersteig gepflückt wird.

Samantha wurde von den Außerirdischen als Botschafterin ausgewählt, um der Mensch-heit eine Kooperation mit der außerirdischen Macht schmackhaft zu machen. Während die KI, die den passenden Namen Adam trägt, Samantha über die friedlichen Absichten und ihre besondere Rolle im geplanten gesellschaftlichen Paradigmenwechsel informiert, wird die Flächenpräsenz aktiviert.

Dieses Kraftfeld verhindert nun jede Form der Gewaltausübung, Waffen funktionieren nicht und Schläge, Stiche, Tritte usw. werden sofort aufgehalten, ja, selbst drängelndes Autofahrerdominanzverhalten wird buchstäblich ausgebremst. Außerdem entstehen große Exklusionsräume, die von Menschen nicht mehr betreten werden können, und zwar hauptsächlich dort, wo sich noch weiträumige und weitgehend menschenleere Natur befindet. Weltweit taucht bei technischen Firmen eine Datei auf, die den Bauplan für die Konstruktion einer emissionsfreien, regenerativen, skalierbaren Energiequelle enthält, die sich den natürlichen Elektromagnetismus des Planeten „ausleiht“ – mit dem ausdrück-lichen Vermerk „Patentieren verboten.“

Im weiteren Verlauf der Geschichte erlesen wir das Geschehen aus sehr, sehr vielen verschiedenen Figurenperspektiven, die mit wahlweise anrührenden oder entlarvenden Psychogrammen ausgestattet sind. Soldaten können nicht mehr kämpfen, ein Waffen-händler wird arbeitslos, eine israelische Soldatin weint gemeinsam mit einem jungen Palästinenser, eine mißhandelte Ehefrau muß sich erst daran gewöhnen, daß sie nicht mehr geschlagen wird, amerikanische, kanadische, chinesische und russische Staats- chefs diskutieren mehr oder weniger konstruktiv mit ihren Ministern, Beratern und Wissenschaftlern, Blogger und Verschwörungstheoretiker stellen Vermutungen an, Ingenieure folgen der außerirdischen Bauanleitung und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus …

Milliardäre und Medienkonzernbesitzer reagieren mit der gewohnten egosphärischen Überheblichkeit und bedienen sich der vertrauten Manipulationsmethoden, die jedoch nicht mehr funktionieren, da die Flächenpräsenz die Unterdrückung und Verzerrung von Information und Wissen nicht mehr zuläßt. Die absolute Vergeblichkeit dieser Macht-spielchen im Kontext einer wahrlich rational überlegenen „Aufsichtsinstanz“, die mediale Transparenz garantiert, eröffnet bei der Lektüre die Aussicht auf einen erfri- schend freidenkerischen Horizont und offenen Diskurs, in dem propagandistischer Kampagnenjournalismus nicht mehr funktioniert. 

Die unterschiedlichen menschlichen Erlebnis- und Bewertungsperspektiven wechseln sich erzählerisch ab mit den lebhaften technisch-aufklärenden und gesellschafts- kritischen Gesprächen zwischen Adam und Samantha. Hier verbindet der Autor scharfe Kritik an Konzernkapitalismus, Natur- und Menschenausbeutung, Politik, Partikular- interessen, Geheimhaltungen und menschliche Schwächen mit der Hoffnung auf ein gänzlich neues menschliches Selbstverständnis.

»Kapitalismus gründet sich auf die selektive Umsetzung der Freiheit einiger weniger zulasten aller anderen.« (Seite 223)

»Sobald Konzerne das Recht gewannen, Menschen  gleichgestellt zu werden, war der Normalbürger entrechtet, denn das Gesetz wurde zum offiziellen Kontrollsystem, mit dem Konzerninteressen vor seine Interessen gestellt werden. Konzerne behandeln Bürger als Wirtschaftseinheiten. Damit nehmen sie ihnen ihre essenzielle Menschlich-keit. Es gibt nichts Inhumaneres als ein Konzern und seine Interessen. [… ] Glücklicherweise ist mein Interventionsprotokoll darauf ausgerichtet, die Menschheit wie auch das planetare Biom über die antiquierten, konzernbasierten Wirtschafts- systeme zu erheben. « (Seite 316)

Das Spektrum der menschlichen Reaktionen auf die außerirdische Intervention reicht von Entspannung angesichts des gewaltfreien Zustands bis hin zu Ängsten vor Ver- sklavung, Befürchtungen vor einem finanzwirtschaftlichen Zusammenbruch und schwierigen psychischen Neuorientierungen und Identitätskrisen besonders bei Menschen, die zuvor viel Gewalt und Macht ausgeübt oder erlitten haben.  

»Das mag jetzt für viele Menschen eine Überraschung sein, […] aber die Annahme, dass eine außerirdische Zivilisation daran interessiert sein könnte, die künstliche Hierarchie zu bestätigen, die Ihre Spezies sich selbst auferlegt hat, ist unweigerlich das Erste, das einer Neujustierung bedarf.« (Seite 33)

Auch wenn die außerirdische Intervention ihre Absicht zunächst durch die erziehe- rischen und beschützenden Eingriffe der Flächenpräsenz durchsetzt, so soll die Menschheit sich dennoch bewußt entscheiden, ob sie diesen neuen Weg freiwillig beschreiten will. Wenn die Menschen den notwendigen lebensstilistischen Para-digmenwechsel begrüßen und gegenüber den großzügigen außerirdischen Unter- stützungs- und Wissensangeboten aufgeschlossen sind, werden sie selbstbestimmte Mitgestalter einer anderen Welt als die bisherige.

»Je eher Ihre Spezies ihr kollektives Selbstverständnis findet, umso besser wird es offensichtlich sein.« (Seite 403)

Dieser faszinierende Roman ist komplex und eignet sich besser als Langstreckenlektüre, damit sozusagen die geistige Flächenpräsenz des Lesers nicht allzu oft unterbrochen wird. Der vielschichtige Aufbau der Szenarien und Figurenperspektiven nebst einge- fügter fiktiver Zeitungsartikel, Mail-Korrespondenzen, Blogbeiträge und Interviews bietet eine Multiperspektive, die Lesekonzentration beansprucht.

Neben der Thematisierung einer lebenswerten oder tödlichen Zukunft der Erde und der Menschheit kommen viele biologische, historische, soziologische, psychologische, spirituelle und religiöse Aspekte des Menschseins zur Sprache.

Steven Eriksons weiträumig durchdachter Science-Fiction-Roman spielt mit visionären technischen Möglichkeiten von pazifistischer KI, medizinischen Nanosuiten bis hin zu Terraforming. Dabei ist er ebenso gesellschaftskritisch wie unterhaltsam sowie auf philosophisch-reflektierende Art spannend.

Einige köstliche Prisen Humor finden sich u.a. hinsichtlich einer gewissen Genreselbst-ironie. So erfährt Samantha von Adam, daß sie wegen ihrer mehr humanistisch als technisch orientierten Science-Fiction-Romane als besonders geeignete Person für die Anfangsphasen eines Erstkontaktes betrachtet wird und deshalb für diese Mission aus-gewählt wurde. Beiläufig läßt Adam sie dann noch wissen, daß sie intergalaktisch gesehen mehrere Milliarden außerirdischer Leser hat. Wenn das kein Hoffnungs- schimmer für die Menschheit ist …

»Die menschliche Fantasie ist eine äußerst wertvolle Währung.« (Seite 179)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/rejoice-isbn-978-3-492-70558-5

Eine ergänzende Buchbesprechung von Thursdaynext, die mich zu diesem Roman geführt hat, findet sich auf dem Bücherblog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerreinerbuchstoff.blog/2019/11/12/rejoice-ideas-for-future-not-only-for-fridays/

Der Autor:

»Steven Erikson ist Archäologe und Anthropologe. Mit seiner international gefeierten Reihe um „Das Spiel der Götter“ etablierte er sich als eine der wichtigsten Stimmen der phantastischen Literatur. Der Autor lebt in Kanada.«

 

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Die Maschine steht still

  • von E.M. Forster
  • Hörspiel
  • Regie und Bearbeitung: Felix Kubin
  • Produktion: NDR 2018
  • Der Audio Verlag, August 2019   www.der-audio-verlag.de
  • Sprecher: Susanne Sachsse, Achim Buch, Rafael Stachowiak u.v.a
  • Laufzeit: 1 Stunde, 14 Minuten
  • 1 CD
  • 12,00 € (D/A), 18,50 sFr.
  • ISBN 978-3-7424-0973-7
  • Buchausgabe: Verlag Hoffmann und Campe
  • Originaltitel: »The Machine Stops«
  • Übersetzung von Gregor Runge

KRITIK  DER  REINEN  MASCHINENVERNUNFT 

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In diesem Hörspiel nach der Science-Fiction-Erzählung „Die Maschine steht still“ von E.M. Forster lebt die Menschheit weltweit in unterirdischen Etagen in sanft belichteten, wohltemperierten und belüfteten wabenförmigen Einzelzimmern. DIE MASCHINE sorgt für alle Lebensbedürfnisse, auf Knopfdruck gibt es Nahrung, warmes oder kaltes Bade- wasser, medizinische Betreuung sowie Musik und Literatur. Über ein Fernsprecher- system (die Erzählung wurde 1909 (!) publiziert) mit integriertem Bildschirm kann jeder mit jedem kommunizieren, man kann Vorträge zu Themen und Ideen eigener Wahl halten und mit seinem Publikum darüber diskutieren. Jeder hat abertausende Freunde auf der ganzen Welt, und wenn man gelegentlich keine Lust auf Gespräche, Ideen oder Vorträge hat, kann man sich durch das Drücken eines Isolationsknopfes ausklinken und ausruhen.

Das Mobiliar besteht aus einem mechanisch bewegbaren Sessel und einem Lesepult, auf dem das BUCH DER MASCHINE, eine Gebrauchsanweisung für alle erdenklichen Hand-lungserfordernisse – also Knopfdruckoptionen -, liegt.

Durch die Bewegungsarmut sind die Muskeln der Menschen wenig ausgeprägt. Es gibt Verkehrsmittel wie Röhrenzüge und oberirdische Luftschiffe, aber diese werden nur wenig in Anspruch genommen, da es kaum Anlässe für echte zwischenmenschliche Be- gegnungen gibt. Tatsächlich werden wirkliche Kontakte zu Menschen oder gar Berüh- rungen als unhygienisch betrachtet, und die Welt außerhalb der eigenen gemütlichen Wabe erscheint unattraktiv und gefährlich unkontrolliert.

Die meisten Menschen fügen sich ebenso bequem wie vertrauensvoll in den Vorsorge-mechanismus der Maschine und streben nach Ideen und weiterer Vergeistigung unter chronischer Vernachlässigung direkter Erfahrung. Wer sich nach einer anderen Lebens-form als der von der allmächtigen Maschine für die Menschen vorgesehenen sehnt und dies durch Worte oder Taten kundtut, wird als unmaschinell klassifiziert und – sofern unbelehrbar – mit Heimatlosigkeit bestraft; d.h. eine solche Person wird an der Erdober-fläche ausgesetzt und einem wahrscheinlich tödlichen Schicksal überlassen, da die Erd-oberfläche wegen der vorhergehenden Umweltkatastrophen als unbewohnbar gilt.

Die Wabenbewohnerin Vashti ist ein sehr angepaßter maschinengläubiger Mensch, und sie reagiert dementsprechend überrascht und aufgewühlt, als ihr Sohn Kuno anruft und sie sehr dringlich um einen leibhaftigen Besuch bittet. Er will ihr unbedingt etwas von Angesicht zu Angesicht und unabhängig von den Kommunikationskanälen der Maschine mitteilen.

Widerwillig macht sich Vashti auf den Weg und muß unterwegs trotzt technisch ein- wandfreier Transportabläufe mehrfach „das Grauen des direkten Erlebens“ (Seite 17) ertragen, beispielsweise unmittelbare Blickkontakte mit anderen Passagieren, den Anblick des blauen sonnenbeschienenen Himmels und des nächtlichen Sternenhimmels.

Während ihres Besuches berichtet Kuno seiner Mutter von seinem heimlichen Ausflug an die Erdoberfläche und von seinen dort gesammelten Erkenntnissen. Außerhalb der Maschinenarchitektur habe Kuno zum ersten Mal Stille erfahren. Denn DIE MASCHINE durchpulst ihre unterirdischen Herrschaftsgebiete mit einem ununterbrochenen Summen.

Kuno berichtet fasziniert und begeistert von der durchaus lieblichen, grashügeligen Landschaft (Wessex), die er erblicken konnte, und er kritisiert DIE MASCHINE: „Wir haben sie erschaffen, uns zu dienen, aber sie dient uns nicht mehr. Sie nimmt uns das Gefühl für den Raum und den Sinn für Berührungen, sie betäubt alle zwischen- menschlichen Beziehungen …“ (Seite 48/49)

Vashti ist entsetzt über Kunos Maschinen-Blasphemie und überzeugt, er werde schon bald vom Maschinen-Gremium zur Heimatlosigkeit verurteilt. Kuno hingegen kann es kaum erwarten, der Maschinenwelt zu entkommen. Vashti bricht nun den Kontakt zu ihrem Sohn ab und widmet sich wieder – ungestört vom verrückt-rebellischen Aber-glauben ihres Sohnes – der Vergeistigung ihrer Persönlichkeit und der Anbetung DER MASCHINE.  

Indes kommt es nach und nach zu ersten maschinellen Fehlfunktionen. Es beginnt mit harmlosen musikalischen Mißtönen, Beleuchtungsschwankungen und Kommunika- tionslücken; dann werden die Ausfälle und Maschinenfehler dramatischer und führen schließlich zum Zusammenbruch des gesamten Maschinensystems …

Die kommunikative Infrastruktur, die E.M. Forster in seiner Erzählung „Die Maschine steht still“ beschreibt, ist erstaunlich gegenwärtig. Wie konnte er so weit voraus- schauen? Wurde doch diese Erzählung im Jahre 1909 publiziert, als es noch garkeine Computer, geschweige denn Internet oder Facebook gab!

Die Hörspielinszenierung setzt neben guten Sprechern auf eine starke akustische Ku- lisse, welche die Omnipräsenz DER MASCHINE sehr eindrücklich wiedergibt. Die Disso-nanzen darin sind für meine Ohren zwar oft unangenehm, erscheinen mir gleichwohl ein sehr passendes Darstellungsmedium für die maschinensystematische Alltags-durchdringung. Abweichend von der Buchvorlage fügt der Regisseur Felix Kubin den Figuren einige Sprachcodes in Maschinensprache hinzu, und er läßt auch DIE MASCHINE selbst monologisch zu Wort kommen.

„Die Maschine steht still“ ist eine hochaktuelle Warnung vor unmensch- licher Maschinengläubigkeit. Der Autor denkt diese devote Maschinenab- hängigkeit konsequent zu Ende und führt uns lebhaft vor Augen, wie entsinnlicht, entfremdet und völlig erfahrungsabstrahiert ein solches Scheinleben wäre. CHAPEAU – vor E.M. Forsters gesellschaftskritischer und technischer Hell- und Weitsicht! Jeder, der sich Gedanken zu einer digitalen Ethik macht, sollte dieses Hörbuch hören oder dieses Buch lesen.

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Die Maschine steht still

Zur BUCHAUSGABE:


E.M. Forster
Die Maschine steht still
Originaltitel: »The Machine Stops«
Übersetzung von Gregor Runge
Verlag Hoffmann und Campe
, Oktober 2016
Gebunden
Pappband
80 Seiten
15,00 € (D), 15,50 € (A), 20,50 sFr.
ISBN 978-3-455-40571-2
Hier entlang zur BUCHAUSGABE auf der Verlagswebseite: http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/die-maschine-steht-still-buch-8040/

Der Autor:

»E.M. Forster, geboren 1879 in London, gestorben 1970 in Coventry, ist einer der bedeu- tendsten englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Werke wie „Zimmer mit Aussicht“ (1908) oder „Wiedersehen in Howards End“ (1910) sind Klassiker der Moderne. In „Maurice“ befasste er sich mit dem damals tabuisierten und kriminalisierten Thema Homosexualität. Forster hielt den Roman, der erst 1971 posthum erschien, fast ein halbes Jahrhundert unter Verschluss. Mit „Auf der Suche nach Indien“ (1924) gelang ihm sein internationaler Durch- bruch. Die meisten seiner Werke wurden erfolgreich in den 1980er- und 90er-Jahren verfilmt. Seine dystopische Erzählung „Die Maschine steht still“ (1909) ist erst vor Kurzem im englisch- sprachigen Raum von Lesern wiederentdeckt und 2016 ins Deutsche übertragen worden.«

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Unter uns die Nacht

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »Record of a Spaceborn Few«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karin Will
  • Wayfarer-Universum, Band 3
  • Fischer TOR Verlag, April 2019   http://www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 464 Seiten
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-70262-6

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nachdem im ersten Band der Wayfarer-Reihe eifrig im All herumgereist wurde und die Handlung des zweiten Bandes hauptsächlich auf zwei Planeten stattfand, konzentriert sich die Handlung des dritten Bandes auf die menschlichen Siedlungsraumschiffe der Exodus-Flotte.

Mit dem dritten Wayfarer-Band gelingt Becky Chambers erneut eine feinsinnige Mischung aus spannender Unterhaltung und historisch-gesellschaftskritischer Reflexion sowie einfallsreicher zukunftsmusikalischer Raumfahrts- und Alltagstechnik. Der größte Lesereiz geht von den lebhaft ausgemalten Charakteren mit ihren unterschiedlichen altersspezifischen Blickwinkeln aus.

Wie wir aus den vorhergehenden Bänden wissen, ist die menschliche Spezies noch nicht lange Mitglied in der GU (Galaktische Union). Die Menschen hatten die Lebensgrund- lagen ihres Heimatplaneten zerstört. Die reichen Menschen hatten sich als Erste aus dem Staub gemacht und waren zum Mars ausgewichen, um dort ihr luxuriöses Leben unter Schutzkuppeln weiterzuführen, während der drastisch dezimierte Rest der Menschheit mit dem vergifteten Leben auf der Erde zurechtkommen mußte. Mit vereinten letzten Kräften und sorgfältiger Ressourcenresteverwertung hatten die Menschen schließlich eine Raumflotte gebaut, mit welcher sie ins All flüchteten.

Die Siedlungsraumschiffe der Exodus-Flotte verfügen – inspiriert von der optimalen Raumnutzung der Bienenwabe – über hexagonale Räume, die sich von der sechseckigen Mehrgenerationen-Familienwohnung (sechs hexagonale Räume, die in einem Ring um einen siebten Gemeinschaftsraum angeordnet sind), bis in die nächstgrößere Rauman-ordnung mit jeweils sechs hexagonalen Nachbarschaftswohnungen sowie schließlich, stufenweise geometrisch multipliziert, in die gesamte Raumstrukturverbindung der Raumflotte erstreckt.

Damals, vor vielen Generationen, schworen sich die Menschen, die Fehler, die sie auf der Erde gemacht hatten, nicht zu wiederholen, und sie entwickelten eine neue Gesell- schaftsordnung sowie umfängliche, sehr effiziente Wiederverwertungskreisläufe. Die Exodaner leben seitdem in einem geschlossen System, in dem Pflanzen für Nahrung, Sauerstoffproduktion und Textilfasern angebaut und Insekten als Nahrungsmittel gezüchtet werden. (Gewöhnen Sie sich schon mal an die beiläufige Erwähnung von Grillen-Frittes und Grashüpferburgern.)

Die Exodaner verschwenden nichts, alles wird so weit wie möglich repariert, geflickt oder dem Stoffkreislauf zur Wiederverwertung eingefügt. Sogar die Leichen werden kompostiert. Dies ist die Aufgabe der Hüter und ein sehr angesehenes Amt. Die Hüter ehren die Verstorbenen mit einer feierlichen Abschieds-Zeremonie für die Angehörigen, kümmern sich um den ordnungsgemäßen Ablauf der Kompostierung und um die Verteilung des Kompostes in die öffentlichen Grünanlagen der Raumflotte.

Jedes Mitglied der Raumflotte hat Anspruch auf Wohnung, Nahrung, Luft, Wasser und öffentliche Dienstleistungen. Für die Grundbedürfnisse aller ist gesorgt, und einen Beruf wählt man nach Neigung und persönlicher Begabung, denn es ist selbstverständlich, einen nützlichen Betrag zur Gemeinschaft zu leisten.

Arbeit wird nicht entlohnt, und ein Ratsmitglied, ein Arzt, eine Ingenieurin, ein Lehrer oder eine Pilotin haben auch keinen größeren Zugang zu Ressourcen als Menschen, die einer einfacheren Tätigkeit nachgehen. Berufe, für die eine lange, spezialisierte Ausbil-dung notwendig ist, oder Berufe, die mit körperlichen Risiken verbunden sind, genießen zwar ein besonders hohes Ansehen, gleichwohl wird auch jede einfache Arbeit geachtet.

In der Raumflotte gibt es keine unwichtigen Berufe, da in einem geschlossenen, über-sichtlichen System der Nutzen und der Zweck jeder Arbeit deutlich erkennbar sind; und dank der Einrichtung der allgemeinverbindlichen Reinigungslotterie hat auch jeder schon vorübergehend die Erfahrung von „schmutziger“ Arbeit gemacht.

Handel gibt es nur in Form von Tauschhandel, so daß letztlich alle Ressourcen innerhalb der Gemeinschaft verbleiben.

Wir lernen das Leben in der Exodus-Flotte aus der Perspektive verschiedener Bewohner kennen:

– die weise, alte Archivarin Isabel, die sowohl die Geschichte der alten Erde als auch die Geschichte, Tradition, Ethik und Fortentwicklung der exodanischen Kultur dokumentiert,

– die Lageristin Tessa, die mit ihrem Vater und zwei Kindern zusammenlebt und mit dem Vater ihrer Kinder eine Fernbeziehung pflegt, da er als Schürfer oft für lange Zeiträume in der Galaxis unterwegs ist. Tessa ist die Schwester von Kapitän Ashley Santoso, dessen Bekanntschaft wir im ersten Band gemacht haben.

– Die dreißigjährige Hüterin Eyas verschafft uns einen Einblick in die einfühlsame und verantwortungsvolle Arbeit der Hüter.

– Der sechzehnjährige Kip wirft aus seiner pubertär-trotzigen, ein wenig hormondrang-vernebelten Sicht und zielunsicheren Sinnsuche einen ganz anderen Blick auf die er-probte, selbstgenügsame Lebensweise der Exodaner und liebäugelt damit, die Flotte zu verlassen und auf einem Planeten zu leben.

Ergänzt werden die Betrachtungsweisen durch zwei Besucher:

– den jungen, verwaisten Sawyer, der auf dem Planeten Mushtullo geboren wurde, und der sich sehnlichst die Zugehörigkeit zu einer solidarischen Gemeinschaft wünscht, und diese in der exodanischen Raumflotte zu finden hofft.

– die Hamargianerin Ghuh’loloan Mok Chutp, die als Ethnographin am Institut für inter-stellare Migration in Reskit arbeitet. Sie stattet ihrer langjährigen Brieffreundin, der Archivarin Isabel, einen Besuch ab, um die exodanische Kultur mit eigenen Augen bzw. Stielaugen zu betrachten und darüber einen Bericht zu verfassen. Ghuh‘loloan ist dies- mal die einzige nicht-menschliche Figur, die ausführlich mit ihren speziesspezifischen körperlichen und kulturellen Merkmalen beschrieben wird. Die Hamargianer haben einen molluskenartigen Körper, der sich ohne technische Unterstützung nur sehr langsam fortbewegen läßt. Deshalb sind sie stets mit einem bequemen fahrbaren Untersatz unterwegs. Sie haben eine sehr empfindliche gelbliche Haut und zahlreiche Gesichtstentakel, mit deren hochdifferenzierter Gestik sie ihre verbale Kommunikation ausdrucksvoll begleiten.

Die Gesellschaft der Exodaner verändert sich durch den Kontakt mit der GU und durch die technischen Zugaben, welche die GU ihnen zur Verfügung stellt. Exodaner, die das Leben unter künstlichen Bedingungen nicht mehr attraktiv finden, wandern auf be- wohnbare Planeten aus. Andere arbeiten – wie beispielsweise Kapitän Ashley Santoso – im Raumtransportwesen, und sie verdienen damit die in der GU übliche Bezahlung in sogenannten Credits.

Dieses Geld geben sie teilweise an ihre Familien weiter, die in der Raumflotte leben, und das verändert das wirtschaftliche Gleichgewicht, da sich nun manche Exodaner Dinge oder Materialien hinzukaufen können, die nicht aus dem internen System stammen.

Seit ein Wohnschiff durch einen Unfall in Kombination mit Materialermüdung zerstört wurde, was Tausende Menschenleben gekostet hat, fragen sich viele Exodaner, ob es nicht sinnvoll wäre, die alte Lebensweise aufzugeben. Schließlich seien sie damals aufgebrochen, um neuen Lebensraum zu finden, und durch den Eintritt in die GU stehen ihnen tatsächlich zahlreiche Optionen dafür offen.

Ensk, die traditionelle Sprache der Exodaner, wird besonders von der jüngeren Gene-ration immer mehr mit der in der GU üblichen Standardsprache Klip vermischt. Manche Menschen begrüßen die Öffnung der Raumflotte für neue Einflüsse, manche sträuben sich dagegen.

Es ist faszinierend, wie die Menschen um ihr kulturelles und ethisches Selbstverständnis ringen. Die Archivarin Isabel bringt es beeindruckend auf den Punkt, warum und wofür der Erhalt der exodanischen Flotte wichtig ist – nämlich als lebendige Erinnerung daran, nie wieder einen Planeten zu zerstören.

„Als unser Planet zu sterben begann, war unsere Spezies voll von Geschichten. Wir hatten Tausende Geschichten über uns selbst …, aber es gab nicht genug von uns, die sich mit der Realität der Dinge befassten. Als die Realität uns einholte und wir began-nen, unsere Geschichten zu verändern, um uns anzupassen, war es zu spät. … Deshalb führen wir Archive, deshalb hinterlassen wir Handabdrücke auf Wänden. Damit wir nicht vergessen. Wir sind unsere eigene Warnung.“ (Seite 407/408)

In diesem Roman tritt eine Menschheit auf, die aus ihren tödlichen Fehlern und lebens-fern-ignoranten Verhaltensweisen wirklich gelernt hat und nun einen konstruktiv-enkeltauglichen Lebensstil pflegt. Die in der Exodus-Flotte geläufigen feierlichen Sätze, die rituell zur Namensgebung und zur Beerdigung eines Menschen gesprochen werden, bringen eine bewundernswerte Demut, ein sehr verantwortungsbewußtes Miteinander und eine zwischenmenschliche Verbundenheit zum Ausdruck, die ebenso ernsthaft-mahnend wie tiefsinnig-anrührend auch zu uns – die wir noch auf einer lebendigen Erde heimisch sind – sprechen.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_unter_uns_die_nacht/9783596702626

Eine weitere lobeshymnische Rezension zu „Unter uns die Nacht“ gibt es auf dem Bücher-Blog „Feiner reiner Buchstoff“ https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2019/04/20/record-of-a-spaceborn-few/

Hier entlang zum ersten Band: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Zum zweiten Band: Zwischen zwei Sternen
Zum vierten Band: Die Galaxie und das Licht darin

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrt-technikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

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Zwischen zwei Sternen

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »A Closed and Common Orbit«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karin Will
  • Wayfarer-Universum Band 2
  • Fischer TOR Verlag   Februar 2018  www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 464 Seiten
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-03569-4

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Wie ich in der Besprechung des ersten Bandes aus dem Wayfarer-Universum schon an- gekündigt hatte, gewährt uns der zweite Band einen ausführlichen Blick in das Leben der Technikerin Pepper. Doch zuvor bedarf es eines kurzen Rückblicks zum Ausgang des ersten Bandes.

Die Wayfarer ist ein Tunneler-Schiff und bohrt im Auftrag der GU (Galaktische Union) an bestimmten Koordinaten stabilisierte Wurmlöcher ins All. Bei der letzten Bohrung wurde die Wayfarer von einem Raumschiff der kriegerischen Toremi mit einer Strahlen- dosis beschossen, wodurch es zu einem katastrophalen Kaskadenversagen kam, in dessen Folge die empfindungsfähige KI des Raumschiffs kollabierte. Das Wurmloch konnte nicht stabilisiert werden, und es gelang den vereinten Kräften der Crew nur knapp, das beschädigte Schiff aus der Gefahrenzone zu manövrieren.

In all den Jahren der Zusammenarbeit ist die KI der Besatzung ans Herz gewachsen, sie wird von allen liebevoll mit dem Spitznamen „Lovey“ angesprochen, und der Comptech Jenks ist sogar in die KI verliebt. Jenks hatte vor dem letzten Bohrauftrag seine alte Freundin Pepper gebeten, ein Bodykit für Lovey zu beschaffen, um sie eines Tages vom Schiff in einen mobilen Körper zu transferieren.

Der Neustart der KI-Systeme birgt die Gefahr, daß die alte „Lovey“ mit ihrer im Aus-tausch mit der Crew geformten Persönlichkeit gelöscht wird und nur das jungfräuliche Startprogramm einer Schiffs-KI übrig bleibt. Genau dies geschieht, doch da Jenks die vage Hoffnung hegt, daß die alte Lovey in der neuen Lovey datenspeichermäßig wieder-erwacht, bittet er Pepper, die neue Lovey  im Bodykit mitzunehmen und sich um sie zu kümmern. Das ist zwar illegal, denn die Gesetze der GU verbieten sogenannte „Mime-tische KI-Gehäuse“, aber Pepper kümmert das wenig, und sie reist mit der KI auf den neutralen Planeten Port Coriol, wo sie einen Schrott- und Reparaturladen betreibt.

Die KI sucht sich den neuen Namen Sidra aus und kämpft sich durch den reduzierten Wahrnehmungshorizont eines „menschlichen“ Körpers. Als multitaskingfähige Schiffs-KI wurde sie darauf programmiert, stets alles über diverse Kameras rundum im Überblick zu behalten, jede Bewegung und jede Veränderung zu registrieren und auszuwerten, was angesichts der räumlichen Unbegrenztheit und der unendlichen Detailfülle eines mulitispeziär besiedelten Planeten und des organisch-eingeschränkten Blickwinkels einer menschlichen Körperkonstruktion eine kognitive Herausforderung darstellt.

Pepper steht Sidra hilfreich zur Seite, und sie findet auch nach und nach technische Lösungen für Sidras Anpassungsschwierigkeiten. Besonders gefährlich und kniffelig ist ein internes Protokoll, daß es Sidra unmöglich macht, zu lügen oder direkte Handlungs- aufforderungen zu übergehen.

Als Sidra fragt, warum Pepper das Risiko eingehe, eine KI bei sich zu Hause aufzuneh-men, antwortet Pepper, daß sie etwas gutzumachen habe, denn sie sei von einer KI großgezogen worden.

In Rückblenden erfahren wir nun von Peppers Lebenslauf. Pepper wurde auf dem Plane-ten Aganon geboren bzw. gezüchtet. Auf Aganon befindet sich die letzte Kolonie der Bewegung „Bessere Menschheit“, die wegen ihrer extremen klassengesellschaftlichen Orientierung aus der GU ausgeschlossen wurde. Die Verbesserer manipulieren die Gene entsprechend der gesellschaftlichen Rolle und der Arbeit, die ein Mensch später ausfüllen soll. Menschen, die für niedere Arbeiten als Arbeitssklaven gezüchtet werden, bekommen nur zwei Genmanipulationen: Sie haben keine Körperbehaarung und sie sind unfruchtbar.

Damals hieß Pepper Jane 23, sie war eine von vielen Janes einer Generation, die in einer riesigen Fabrik Schrott säubern und wiederverwertbare Teile aussortieren. Erzogen und bewacht werden die Janes von maschinellen Müttern ohne Gesicht, sie lernen nur die Sachverhalte und Wörter, die für ihre Arbeitsaufgaben gebraucht werden. Jedes Jahr bekommen sie etwas anspruchsvollere Schrottaufgaben und ziehen in einen anderen Teil der Fabrik um.

Jede Jane hat eine dauerhafte Schlafpartnerin, da die „Mütter“ der Ansicht sind, daß diese Form der Nestwärme und zwischenmenschlichen Nähe für die Janes gesundheits-förderlich sei. Jane 23 teilt sich mit Jane 64 das Bett, und die beiden verstehen sich gut und haben einander wirklich gern.

Jane 23 findet Gefallen an ihrer Arbeit, sie ist aufgeweckt und tüftelt sich gerne durch schwierige Schrotteile, wofür sie von den Müttern gelobt wird. Als Jane zehn Jahre alt ist, kommt es zu einer Explosion, bei der einige Janes sterben und viele verletzt werden. Jane 23 erblickt durch die aufgerissene Fabrikwand zum ersten Mal den blauen Himmel und die unendliche Schrotthaldenlandschaft außerhalb der Fabrik. Dies macht einen solch nachhaltigen Eindruck auf sie, daß sie nach einigen Tagen heimlich nächtens gemeinsam mit Jane 64 in die Fabrikhalle zurückgeht, um Jane 64 den blauen Himmel zu zeigen.

Diesmal ist der Himmel zwar nicht blau, sondern schwarz, aber dafür voller silbrig funkelnder Lichter und Monde, was Jane 23 nicht minder fasziniert, und sie traut sich einige Meter nach draußen, während Jane 64 noch zögert. Jane 23 geht noch etwas weiter, bis eine Mutter auftaucht, Jane 64 festhält und Jane 23 befiehlt, sofort zurück-zukommen. Jane 23 schwankt kurz zwischen ihrer Anhänglichkeit an Jane 64 und ihrem Freiheitsdrang, und als Jane 64 ihr zuruft „Lauf!“, da läuft sie und läuft und läuft, und sie wird nicht verfolgt.

Nach einer Weile wird Jane 23 jedoch von wilden Hunden gejagt und ist fast am Ende ihrer Kräfte, nur reiner Überlebenswille hält ihre Beine in Bewegung. Plötzlich hört sie eine Stimme, die ihr zuruft, sie solle zu ihr laufen, sie könne sie beschützen. Jane sieht ein altes Shuttle aufleuchten und eine geöffnete Tür. Sie erreicht das Shuttle, die Tür schließt sich hinter ihr und die Hunde bleiben draußen.

Das Shuttle verfügt über Solarzellen, und deshalb hat es ausreichend Energie, um die schiffseigene KI sowie einige Bord-Funktionen aktiv zu halten. Die KI hat den Namen Eule und kümmert sich fortan um Janes Schutz und Bildung. Es gibt noch brauchbare Vorräte, Medikamente, Kleidung, Werkzeuge, ein Wasserfiltersystem usw.

Eules einfühlsame Erziehung eröffnet Jane neue Horizonte, sie erfährt von anderen Planeten, Spezies und Gesellschaftsformen, sie lernt lesen und schreiben, und ihr Wort-schatz erweitert sich beträchtlich. Denn in der Fabrik gab es nur gutes und schlechtes Benehmen, falsch und richtig sowie mechanisch-technisch-physikalische Adjektive, jedoch keine differenzierten Gefühlsausdrücke. Wieviel Welterschließung und Selbster-kenntnis in Worten liegt, wird bei Janes Wortschatzwachstum sehr anschaulich und anrührend deutlich.

Jane bringt technisches Grundwissen mit und unerschöpfliche Wißbegier, und sie beginnt kleinere Reparaturen am Shuttle vorzunehmen. Die unendliche Schrotthalde hat den Vorteil, daß genügend Ersatzteile und brauchbare Materialien zur Verfügung stehen, und den Nachteil, daß dort außer einem eßbaren Pilz keine Nahrungsmittel wachsen. Außerdem muß Jane aus einiger Entfernung Wasser herbeiholen, was wegen der wilden Hunde gefährlich ist. Mit Eules Hilfe baut sich Jane eine Waffe und kann sich erfolgreich gegen die Hundeangriffe verteidigen.

Eule ermutigt Jane, das Shuttle zu reparieren, damit sie den Planeten verlassen und den Einflußbereich der GU erreichen können. Es dauert neun Jahre, bis Jane das Shuttle soweit in Stand gesetzt hat, daß man damit fliegen kann. Treibstoff organisiert sie von einem in größerer Entfernung befindlichen Frachtdrohnenlandeplatz, wo der Schrott abgeladen wird. Dort findet sie in Laurian, einem Wachmann, einen unerwarteten Ver-bündeten. Laurian war eigentlich für eine Führungskraftrolle gezüchtet worden, wegen seines Stotterns wurde er dann jedoch aussortiert und zum Wachdienst versetzt.

Jane, Laurian und Eule gelingt die Flucht, und sie werden von der GU aufgenommen. Das Shuttle, inklusive der integrierten KI, wird allerdings beschlagnahmt, da es gegen diverse Raumflugsicherheitsvorschriften verstößt – Bürokratie ist wahrlich universell.

Auf dem Planeten Port Coriol beginnen Jane und Laurian miteinander ein neues Leben. Jane nennt sich fortan wegen ihrer Begeisterung für Gewürze Pepper und Laurian nennt sich Blue. Pepper arbeitet weiter als Schrott- und Reparatur-Technikerin, und Blue wird Maler.

Niemals gibt Pepper die Suche nach dem Verbleib des alten Shuttles auf, weil die Ki-Eule für sie gleichsam ein Familienmitglied ist. Eines Tages erhält sie die Information, daß ihr altes Shuttle in einem „Museum für interstellare Migration“ gestrandet sei …

Die Rückblenden in Janes/Peppers Kindheit und Jugend wechseln sich ab mit den Erfah-rungen Sidras auf Port Coriol. Das ergibt interessante Perspektivwechsel. Jane wird von der KI-Eule in Hinsicht auf das Leben mit Menschen und anderen Spezies geschult, u.a. durch das Erlernen der Sprache Klip, der gemeinsamen Sprache aller GU-Mitglieder, und durch kosmopolitischen Biologie- und Geschichtsunterricht.

Umgekehrt bemüht sich Pepper, die KI-Sidra mit dem wirklichen Leben und echten zwischenmenschlichen Interaktionen vertraut zu machen. Theoretisches Wissen ist kein Problem für Sidra, sie kann sich benötigtes neues Sachwissen oder Sprachkenntnisse einfach herunterladen und integrieren, aber unmittelbare Kontakte mit Menschen und anderen Spezies und körperliche Gefühlsreaktionen und echte Sinneserfahrungen sind anfangs eine große – teilweise aber auch angenehme – Herausforderung für Sidra.

Auch der zweite Wayfarer-Band wartet mit detailverliebt-einfallsreicher, zukunfts- musikalischer Technik und komplexer, intergalaktischer Gesellschaftsordnung sowie vielfältigen, teilweise buchstäblich kunterbunten Spezies auf. Faszinierend-unkonven- tionelle, interspeziäre, dreigeschlechtliche Variationen familiären Zusammenlebens spielen eine inspirierende Nebenrolle. Spannung und Humor kommen dabei auch diesmal nicht zu kurz.

Durch die beiden sehr ausgereiften Hauptfiguren Jane/Pepper und Sidra werden mit lebhafter Anschaulichkeit ethische, philosophische und sozialkritische Betrachtungen rund um Genmanipulation, künstliche und organische Intelligenz, Freiheit und Unfrei- heit, Bildung und Bindung sowie Lebenssinn und Bestimmung inszeniert.

„Bei den Sternen“: Davon will ich noch viel mehr lesen. Band drei der Wayfarer-Serie ist schon in greifbarer Sichtweite …

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_zwischen_zwei_sternen/9783596035694

Hier entlang zu einer weiteren begeisterten Rezension auf dem Buch-Blog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2018/02/12/flowerpower-goes-scifi-die-zweite/

Hier entlang zum ersten Band: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Zum dritten Band: Unter uns die Nacht
Zum vierten Band: Die Galaxie und das Licht darin

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrttechnikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

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Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »The Long Way to a Small Angry Planet«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karin Will
  • Wayfarer-Universum, Band 1
  • Fischer TOR Verlag  Oktober 2016  www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 544 Seiten
  • 9,90 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-03568-7

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bei den Sternen – das ist exorbitant lesenswert! Dieser Science-Fiction-Roman gewährt uns eine Horizonte öffnende und ebenso amüsant-abenteuerliche wie feinsinnig-vielschichtige Lesereise, die einen nachhaltig-bedenkenswerten Eindruck hinterläßt.

Gewiß geschieht es immer wieder, daß uns Romanfiguren ans Herz wachsen, doch Becky Chambers schafft es, daß uns sogar gänzlich fremde Spezies vertraut werden und man sie keineswegs weniger schätzen lernt als Vertreter der eigenen Art. Ich will jedoch sogleich vorwegnehmen, daß die Menschheit in der Galaktischen Union (im weiteren Verlauf abgekürzt GU genannt) nicht den besten ethischen Ruf genießt, aber das ist eine Einschätzung, zu der wir selbst ebenfalls nicht allzu selten neigen.

Rosemary Harper hat triftige Gründe, ihren Heimatplaneten Mars zu verlassen und ihr bisheriges, privilegiertes Leben zu vergessen. Sie tritt eine Stelle als Verwaltungskraft auf einem Tunnelerschiff an. Tunnelerschiffe bohren an bestimmten Koordinaten stabile Wurmlöcher ins All und verbessern durch diese Interspace-Passagen exorbitant die Reisegeschwindigkeit für alle Mitglieder der GU.

Ashby Santoso, der Kapitän des Raumschiffs Wayfarer, freut sich, daß ihm in der Person Rosemary Harpers nun endlich jemand den lästigen Verwaltungskram abnimmt. Sein Algaeist, Artis Corbin, bemängelt zwar die Einstellung einer jungen Frau, die noch keine Erfahrung mit Langstreckenflügen hat, aber Ashby verteidigt diplomatisch seine Perso- nalauswahl. Ein Algaeist ist – nebenbei bemerkt – zuständig für die Wartung der Algen- tanks und der darin befindlichen Algen, die den Treibstoff für das Raumschiff produ- zieren. Da dies eine lebenswichtige Aufgabe ist, erträgt die gesamte Besatzung, mehr oder weniger gelassen, die mißmutigen Launen des Algaeisten.

Die weiteren Besatzungsmitglieder der Wayfarer sind wesentlich umgänglicher und nehmen Rosemary mit offenen Armen, Tentakeln und Krallenhänden auf: Da sind Kizzy Shao, die chaotische Mechtech und der kleinwüchsige Jenks, der Comptech, dann die attraktive Pilotin Sissix, die zur echsenähnlichen Spezies der Aandrisks gehört, sodann der sechsbeinige, raupenförmige, sehr lebensweise und kräuterkundige Dr. Koch, der zur aussterbenden Spezies der Grum gehört und dessen Aufgaben an Bord der Wayfarer medizinischer und kulinarischer Natur sind. Außerdem gibt es den Navigator, Ohan, der ein Sianat ist und dank der Symbiose mit einem Neurovirus, dem sogenannten Flüste- rer, den multidimensionalen Raum wahrnehmen kann. Und nicht zu vergessen Lovelace: die empfindungsfähige KI des Raumschiffs, die von allen liebevoll mit dem  Spitznamen Lovey angesprochen wird.

Der Comptech Jenks ist in Lovey verliebt. Diese Liebe wird von Lovey erwidert, und die beiden planen heimlich, ein Bodykit (einen synthetischen menschlichen Körper) zu organisieren und die KI nach Abschluß des  letzten Wayfarer-Auftrages dort hinein zu transferieren. Nach den geltenden Gesetzen der GU haben empfindungsfähige KIs keine Bürgerrechte. Es ist verboten, sie außerhalb der für sie vorgesehenen Funktionen zu installieren – ganz zu schweigen davon, sie in einem mobilen Bodykit unterzubringen, was es fast unmöglich machen würde, sie von biologischen Lebewesen zu unter- scheiden.

Die Besatzung pflegt einen familiären Umgangston miteinander, und alle erfüllen ebenso ihre Pflichten, wie sie sich der Entspannung und dem kommunikativen Aus- tausch widmen. Es gibt eine universelle Sprache „Klip“, die von allen Spezies der GU beherrscht wird. Doch auch Begriffe oder Handgesten aus der einen oder anderen inter- galaktischen Fremdsprache dienen der Verständigung, wenn sie von besonderer kommunikativer Angemessenheit sind.

Das Tunnelbohren ist eine ganz gewöhnliche Arbeit im Kontext der GU, auch wenn sie besonders vom Navigator und Piloten minutiöse Präzision erfordert. Für Rosemary ist das noch Neuland, und ihre Kollegen geben sich große Mühe, alle astrophysikalischen Phänomene und technischen Vorgänge anschaulich zu erklären, die damit in Zusam- menhang stehen, so daß wir als Mitleser auch einen kleinen Schimmer davon erhaschen.

Kapitän Ashby bekommt von der GU einen außergewöhnlichen Auftrag für eine Tunnel-bohrung bei Hedra Ka. Der Auftrag ist vielversprechend und lukrativ: sechsunddreißig Millionen Credits, zuzüglich Spesen! Das Gebiet, in das sie reisen müssen, gehört allerdings dem kriegerischen Volk der Toremi, mit dem die GU neuerdings in Verhand- lungen getreten ist, da die Toremi über große Mengen von Ambi, einem begehrten Treibstoff-Rohstoff, verfügen.

Kurz bevor sich die Wayfarer auf den langen Weg nach Hedra Ka macht, besucht die Besatzung den neutralen Planeten Port Coriol, der sich durch seine multispeziäre Vielfalt, zahllose unkonventionell-kreative Technikfreaks und Künstler und eine dementsprechende Warenvielfalt auszeichnet, wozu auch illegale Technologie und diverse Rauschmittel gehören.

Der Comptech Jenks nutzt die Gelegenheit, seine alte Freundin Pepper zu besuchen, die einen Schrott-Reparaturladen führt und auf Port Coriol sehr gut vernetzt ist. Er bittet Pepper, sich nach einem Bodykit für Lovey umzusehen. Nachdem Pepper Jenks eindring-lich ins Gewissen geredet hat, welch große Verantwortung er damit übernimmt, eine KI in einem mobilen Körper und die damit verbundenen Wahrnehmungseinschränkungen unterzubringen, willigt sie ein, ihre Beziehungen spielen zu lassen.

Die illegale Seite dieser Angelegenheit ist für Pepper nebensächlich, denn angesichts ihrer dramatischen Vergangenheit ist ein illegales Bodykit eine Sache, die man – bei aller gebotenen Vorsicht – spielerisch angehen kann. Peppers lebensläufiger Hintergrund wird im zweiten Band der Wayfarer-Reihe („Zwischen zwei Sternen“) noch ausführlich thematisiert werden.

Auf dem langen Weg nach Hedra Ka gibt es spannende Zwischenstopps und Erholungs-pausen auf anderen Planeten. Sissix kann sogar in Begleitung der Crew für einige Tage ihre Familie besuchen und Rosemary ein tieferes Verständnis für die gänzlich anderen Familienstrukturen und die berührungsintensive Kommunikationsweise der Aandrisks vermitteln.

Bei einem weiteren Zwischenstopp auf dem Mond Zirp, auf dem neben alten Bekannten von Kizzy auch angriffslustige Ketlinge, eine Art Riesengrashüpfer, leben, besorgt Kizzy einige maschinelle Ersatzteile und Schutzschilde und versucht vergeblich, Kapitän Ashby davon zu überzeugen auch ein paar Waffen zur Verteidigung der Wayfarer anzuschaffen.

Bei der Tunnelbohrung im Gebiet der Toremi wird es schließlich äußerst gefährlich …

Der Reiz dieses SF-Romans liegt in der differenzierten Figurengestaltung. Die verschie-denen Spezies werden nicht nur mit ihren körperlichen Merkmalen, sondern einfühlsam und phantasievoll mit ihrem kulturellen und historischen Hintergrund sowie mit ihren sprachlichen Feinheiten dargestellt. Beispielsweise kommunizieren die feingliedrigen, silbrig, schuppenhäutigen Äluoner untereinander über das Farbschimmern auf ihren Wangen, für die Kommunikation mit anderen Spezies benutzen sie jedoch eine implantierte Sprachbox.

Kleine Rückblenden auf die individuellen, biographischen Herkunftsgeschichten und die dramaturgischen Entwicklungen und unterschiedlichen Geisteshaltungen, die sich da- raus ergeben, runden die lebhaften Charakterisierungen anschaulich ab. Die Perspek- tive anderer Spezies auf die Menschheit gibt neckischen Anmerkungen zur fehlenden Reife der Menschheit viel Raum. So wird etwa die Stellungnahme eines Quelin-Abge- ordneten erwähnt, in der von der Aufnahme dieser pubertären und unbedeutenden Spezies in die GU dringend abgeraten wird, da sie nicht aus sich selbst heraus zu einer globalen Einheit gefunden habe und deshalb viel zu labil sei, um Teil der GU zu werden.

Ebensoviel Raum nimmt jedoch auch die wechselseitige Anziehungskraft und aufge-schlossene Neugier zwischen den Spezies ein, und es gibt durchaus Liebesbeziehungen zwischen verschiedenen Spezies.

Futuristische Technik spielt selbstverständlich ebenfalls eifrig mit. So schreibt man mangels Papier, das ein Luxusartikel ist, mit dem Scribus, einer Art Tablet-Computer mit Pixelstift und einem Pixelbildschirm, der durch eine Handbewegung ein- und ausge- schaltet wird. Imunobots, die in der Blutbahn patrouillieren und je nach Bedarf modifiziert oder ausgetauscht werden, sind ebenso selbstverständlich wie ein kleines Unterarmimplantat, das alle relevanten Persönlichkeitsdaten, die ID, die Bankverbin- dungen und ein medizinisches Interface für die Imunobotskommunikation enthält.

Bei den Dentalbots, die man sich zum delegierten Zähneputzen in den Mund wirft,  sollte man jedoch darauf achten, diese nicht zu verschlucken. Dies wäre zwar nicht lebensbedrohlich, könnte aber Bauchschmerzen verursachen, da sie einfach weiterputzen, egal wo sie sich gerade befinden.

Die digitale GU-Standardwährung sind sogenannte Credits, und es gibt eine GU-Standard-Zeit, die in Tagzehnten strukturiert ist. Raumschiffe und Raumstationen verfügen über ein Artigrav-Netz, das bei Bedarf die Schwerkraft ausschaltet usw.…

Becky Chambers gelingt mit dem ersten Band der Wayfarer-Reihe eine attraktive Balance aus zukunftsmusikalischer Raumfahrt- und Alltagstechnik und komplexem, zwischenspeziärem Miteinander. Der ebenso tiefsinnige wie unterhaltsam-verspielte, philosophisch-sozialkritische und phantasievoll-visionäre Facettenreichtum dieses SF-Romans fasziniert von der ersten bis zur letzten Seite.

Ich kann es kaum abwarten, Ihnen auch den zweiten Band leseschmackhaft zu machen.

Nachfolgend noch ein Zitat-Kostprobe:

»Gelehrte, die sich mit intelligentem Leben beschäftigen, haben festgestellt, dass alle jungen Zivilisationen ähnliche Entwicklungsstadien durchlaufen, ehe sie bereit sind, ihre Entstehungsplaneten zu  verlassen. Das vielleicht wichtigste Stadium ist das »intra-speziäre Chaos«. In dieser Phase der unbeholfenen Pubertät entscheidet sich, ob eine Spezies zu einer globalen Einheit findet oder in verfeindetet Fraktionen zerfällt, die zum Aussterben verurteilt sind – sei es durch Krieg oder durch ökologische Katastrophen, die so groß sind, dass man sie nur gemeinsam meistern kann.« (Seite 414)

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_der_lange_weg_zu_einem_kleinen_zornigen_planeten/9783596035687

Hier entlang zu einer weiteren begeisterten Rezension auf dem Bücher-Blog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2017/02/12/spacegirls/

Hier entlang zum zweiten Band: Zwischen zwei Sternen
Zum dritten Band: Unter uns die Nacht
Zum vierten Band:
Die Galaxie und das Licht darin

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrt-technikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

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