Der Wunderkasten

  • von Rafik Schami
  • mit Bildern von Peter Knorr
  • Bilderbuch Sonderausgabe
  • Edition Bracklo 2017    www.edition-bracklo.de
  • in rotes Leinen gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 27,9 × 19,5 × 1,0 cm
  • 52 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 29,80 €
  • ISBN 978-3-9817443-2-3
  • ab 6 Jahren

MULTIMEDIA  DES  HERZENS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das orientalische Geschichtenerzählen ist eine alte Kunst, die Rafik Schami bereits seit Jahrzehnten gekonnt und warmherzig nach Deutschland und in die Gegenwart transportiert. „Der Wunderkasten“ erschien zum ersten Mal im Jahr 1990 im Verlag Beltz & Gelberg. In diesem Jahr präsentiert uns die Edition Bracklo eine luxuriöse Sonderaus-gabe in edler, bordeauxroter Leinenbindung und mit neuen Illustrationen von Peter Knorr.

Rafik Schami erzählt, wie er als Kind voller Hingabe und Verzauberung dem alten Geschichtenerzähler lauschte, der regelmäßig durch die Gassen Damaskus‘ wanderte und Kinder für einen Piaster oder ein Glas Wasser in seinen Wunderkasten schauen ließ. Die Kinder konnten durch eine kleine Glasscheibe eine Bilderrolle mit alten Zeichnungen sehen, eine Luke im Kasten diente als spärliche Beleuchtung.

„Der Wunderkasten“ von Rafik Schami, Illustration von Peter Knorr © Edition Bracklo 2017

Während der Geschichtenerzähler langsam die Bilderrolle drehte, erzählte er mit gekonnter Stimmdramaturgie die märchenhafte Liebesgeschichte zwischen dem armen Hirten Sami und der rosenschönen Leila aus reichem Hause. Sami muß schwere Prüfungen bestehen, bis er und Leila heiraten dürfen. Er muß sie aus Räuberhand befreien, ihrem Vater Löwenmilch zur Genesung bringen und sogar 300 Kamele aufbieten, bis der Vater widerwillig dieser unerschütterlichen Liebe nachgibt.

Und wie es in orientalischen Geschichten üblich ist, ranken sich um die Hauptgeschichte kleine Nebenschicksale und Zugabeerzählungen, die nur kurz angedeutet werden, um ein anderes Mal vielleicht ebenfalls zu Wort zu kommen. Manchmal drängelt sich die Geschichte in der Geschichte auch vor, das erweitert die Erzählrichtung und erschafft ein buntes und komplexes Textgewebe.

Die schönen klassischen Zeichnungen der Bilderrolle sind mit der Zeit verblaßt und wurden durch moderne Reklameschnipsel und Zeitschriftenfotos geflickt und ausgebessert, was der traditionellen Erzählweise nicht gut bekam. Die Kinder hörten nicht mehr richtig zu, sie plapperten die passenden Werbesprüche und Reklamelieder zu den neuen Bildern, und der alte Mann zog sich traurig und beschämt zurück.

Nach einer längeren Abwesenheit, die für viele Spekulationen Raum bot, kam er jedoch eines Tages wieder. Sein Kasten enthielt nun gar keine Bilderrolle mehr.  Die Kinder folgten gleichwohl neugierig und gespannt seiner munteren Geschichteneinladung, lauschten der Stimme des alten Erzählers, schauten dabei in den dunklen Kasten, und am Ende der Geschichte strahlten sie und sprachen von den Wundern, die sie „gesehen“ hatten.

Das ist ja eben die Zauberkunst, mit Worten zu malen und Kinder zu lehren, mit dem Herzen zu sehen!

Die feinen Illustrationen von Peter Knorr spiegeln die Rahmenhandlung und die märchenhafte Geschichte in der Geschichte stimmungsvoll wider. Die Charaktere und die Handlung werden ebenso einfühlsam wie schelmisch erfaßt und bis in kleinste Details achtsam in Bilder und Farben übertragen, die den warmherzigen, heiter-abenteuerlichen Erzählstil Rafik Schamis harmonisch abrunden.

Auch die Materialgestalt dieser Sonderausgabe verdient ausdrücklich-lobende Erwähnung:

Der rote Leineneinband ist sozusagen der Theatervorhang; schlägt man ihn auf, betritt man auf den Vorsatzblättern orientalische Fliesen und blättert sich von Seite zu Seite auf angenehm weichgriffigem Papier durch ein belebtes Altstadtviertel Damaskus‘ sowie durch das bunte Märchen der Liebesgeschichte von Leila und Sami. Und ganz zum Schluß schaut uns das charakterstarke, lebenserfahrene und gütige Gesicht des alten Geschichtenerzählers unmittelbar ins Herz.

Der Wunderkasten“ von Rafik Schami, Illustration von Peter Knorr © Edition Bracklo 2017

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.edition-bracklo.de/?product=der-wunderkasten-leinengebundenes-bilderbuch-von-rafik-schami-mit-bildern-von-peter-knorr

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und wanderte 1971 in die Bundesrepublik Deutschland ein. Er studierte Chemie in Heidelberg und schloss sein Studium 1979 mit der Promotion ab. – Heute zählt er zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache und gilt als der Wortzauberer und Geschichtenerzähler schlechthin. Seine zahlreichen Bücher für Kinder und Erwachsene erschienen in 29 Sprachen und wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. Seit 2002 ist Rafik Schami Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.«

Der Illustrator:

»Peter Knorr wurde 1956 in München geboren. Er studierte in Mainz Kunsterziehung. Heute arbeitet Peter Knorr als freischaffender Illustrator und Grafiker. Er hat eine Vielzahl an Kinderbüchern illustriert und Bucheinbände gestaltet, u.a. für Werke von Erich Kästner, Peter Härtling, Kirsten Boie, Paul Maar und Rafik Schami. Peter Knorr ist außerdem bekannt als Zeichner für die beliebte ZDF-Kinderserie „Siebenstein“. Für seine Arbeiten wurde Peter Knorr bereits im Rahmen des Wettbewerbes „Die schönsten Deutschen Bücher“ von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.«

 

PS:
Gerne reihe ich diese Bilderbuchbesprechung in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

 

 

 

 

Der Nussknacker

  • illustriert von Valeria Docampo
  • Präsentiert vom New York City Ballet
  • Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
  • Mixtvision Verlag  Oktober  2016  http://www.mixtvision.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 40 Seiten
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3-95854-093-4
  • laut Verlag: ab 3 Jahren
  • meiner Einschätzung nach: ab 4 Jahren
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B I L D E R B U C H B A L L E T T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Nussknacker“ ist der schwungvoll illustrierte Auftakt einer neuen Reihe des New York City Ballets mit den schönsten Ballett-Märchen für Kinder.

E.T.A. Hoffmanns Weihnachtsmärchenklassiker „Nußknacker und Mausekönig“ wurde vor fast 125 Jahren vom Komponisten Piotr Iljitsch Tschaikowski und den Choreographen Marius Petipa und Lew Iwanow als Ballett inszeniert. Der Uraufführung am 18. Dezember 1892 am Mariinski Theater in Sankt Petersburg war damals kein Erfolg beschieden.

1954 – in gutes halbes Jahrhundert später – choreographierte George Balanchine das Ballett für das New York City Ballett neu, und seine Version des „Nußknackers“ kam so gut beim Publikum an, daß sie auch heute noch dort gespielt wird.

Der Text des vorliegenden Bilderbuches basiert auf George Balanchines Inszenierung.

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Illustration Valeria Docampo © MIXTVISION Verlag 2016

Es ist Weihnachten und es herrscht allgemeine Feststimmung. Die kleine Marie bekommt von ihrem Patenonkel, Herrn Drosselmeier, der in seinem Auftreten ein bißchen an einen Zauberer erinnert, einen hölzernen Nußknacker geschenkt. Marie gefällt der Nußknacker sehr und sie mag auch den hübschen Sohn ihres Patenonkels.

Um Mitternacht erwacht Marie und wundert sich, daß der Weihnachtsbaum so groß geworden ist – offenbar ist sie auf Spielzeuggröße geschrumpft.  Ein Mäuseheer, angeführt vom siebenköpfigen Mäusekönig, greift plötzlich an, die Spielzeugsoldaten von Maries Bruder werden lebendig und kämpfen unter der kundigen Führung des ebenfalls belebten Nußknackers gegen die Mäuse.

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Illustration von Valeria Docampo © MIXTVISION Verlag 2016

 

Marie entscheidet schließlich durch einen geschickten Pantoffelwurf den Kampf zugunsten des Nußknackers. Als sich der Nußknacker die Krone des Mäusekönigs aufsetzt, ist der Fluch, der ihn in die hölzerne Gestalt des Nußknackers gebannt hatte, gebrochen, und er verwandelt sich in einen wunderschönen Prinzen, der dem Neffen von Herrn Drosselmeier verdächtig ähnlich sieht.

Die Kinder wandern Hand in Hand durch den Winterwald und gelangen ins Land der Süßigkeiten, wo sie von der Zuckerfee freundlich begrüßt werden. Sie läßt ihre Gäste mit köstlichen Süßspeisen bewirten, und zur Feier des Sieges über den Mäusekönig werden verschiedene bunte Tänze vorgeführt: Ein spanischer heißer Schokoladentanz, ein arabischer Kaffeetanz und ein chinesischer Teetanz. Dazu gesellen sich akrobatische Zuckerstangen, flötende Marzipan-Schäferinnen, kleine Clowns sowie eine Tautropfenfee mit ihrer Zuckerblütentanztruppe.

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Illustration von Valeria Docampo © MIXTVISION Verlag 2016

Auch die Zuckerfee zeigt mit ihrem edlen Kavalier eine Kostprobe ihres anmutigen Tanzvermögens. Zum Abschied finden sich alle zu einem letzten gemeinsamen Tanz zusammen, und Marie kehrt mit ihrem kleinen Prinzen zurück in die wirkliche Welt…

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Illustration von Valeria Docampo © MIXIVISION Verlag 2016

Die Illustratorin Valeria Docampo hat für dieses Bilderbuch eine weitgehend warme, weichzeichnerische Farbpalette gewählt. Die unterschiedlichen Tanzszenerien, die im Land der Zuckerfee spielen, sind sehr, sehr rosapurpurrotbetont und für meinen Geschmack etwas zu dekorativ geraten.

Von den tänzerischen Figuren werden viele klassische Balletthaltungen eingenommen. Auf dem Titelbild sieht man Marie beispielsweise in der Haltung der Arabesque. Auf zwei zusätzlichen Seiten wird die Geschichte (unter der Überschrift: „Magische Fakten“) um interessante bühnentechnische sowie kostümbildnerische Details zur Inszenierung des Balletts unter der Choreographie George Balanchines ergänzt.

Die Illustrationen sind dynamisch-bewegt und zugleich etwas steif, was angesichts der formalisierten Bewegungsabläufe der Ballettdisziplin durchaus eine gewisse Berechtigung findet. Die an der Körpersprache der Figuren deutlich ablesebaren Umgangsförmlichkeiten haben einen eigenwillig-altmodischen Charme.

Der Schneeflockenwalzer wird im Text nicht ausdrücklich erwähnt, sondern schwebt eher beiläufig angedeutet als Bild vorbei.

Dieses dramaturgisch abwechslungsreiche, traumtänzerische Bilderbuchballett ist für Kinder eine schöne Einführung in das Märchen vom „Nußknacker und Mäusekönig“ und eignet sich gut als Vorbereitung auf den Besuch einer entsprechenden Ballettaufführung.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://mixtvision.de/buecher/der-nussknacker/

 

Und ganz ausnahmsweise hier einmal einige tänzerische YouTube-Links zum Ballett:

STREIFLICHTER aus der aktuellen Inszenierung des New York City Balletts in der George-Blanchine-Choreographie vom 25. November 2016 bis 31.Dezember 2016:

Verbindlichen Dank an den Maestro von der sprachmusikalischen Websaite Random Randomsenhttps://randomrandomsen.wordpress.com/  für den dienlichen Hinweis auf den nachfolgenden anmutig-präzisen Ballettauftritt von Nina Kaptsova:

Tanz der Zuckerfee (Nina Kaptsova / Bollschoi Ballett 2010):

 

 

Die Illustratorin:

»Die Inspiration für ihre Illustrationen findet Valeria Docampo im Alltag: der Blick eines Hundes, das Rauschen des Regens im Herbst oder der Duft des Frühstücks. Geboren wurde sie in Buenos Aires, Argentinien, wo sie auch ihr Diplom in Grafikdesign und visueller Kommunikation machte. Seit 2003 widmet sie sich ganz der Illustration für Kinderbücher, immer auf der Suche nach neuen grafischen Techniken.«

 

Querverweis:

Hier entlang zu zwei weiteren Bilderbuchwerken von Valeria Docampo:
Die große Wörterfabrik
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/08/die-grose-worterfabrik/
Der Bär und das Wörterglitzern
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/04/der-baer-und-das-woerterglitzern/

 

 

Titus und der verwunschene Wald

  • Die Märchenabenteuer von Titus Haselschein
  • von Theodor Serapion
  • mit Illustrationen  von Mirjam Zels
  • erschienen bei der MÄRCHENAKADEMIE Bamberg www.maerchenakademie.de
  • konzipiert und herausgegeben von »Innovation durch Sprache«:
  • Dr. Martin Beyer/ Corporate Story & Creative Writing
  • gebunden, mit grünem LESEBÄNDCHEN
  • 160 Seiten
  • Format: 21,4 cm x 21,4 cm
  • 14,95 €
  • ISBN 978-3-00-052964-1
  • Altersempfehlung: 8 bis 12 Jahre
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MÄRCHEN  MITMACHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Märchenakademie – das wäre etwas für mich gewesen! Doch ich bin kein Kind mehr, und so bleibt mir nur der kleine Trost, eine feenstaubige Buchbesprechung zu verfassen und beiläufig die Kunde von der Märchenakademie zu verbreiten.

Der Märchenlehrling Titus Haselschein darf – im Gegensatz zu mir – die Märchenakademie besuchen. Dies tut er mit Begeisterung schon seit zwei Jahren. Der Musterschüler kann viele Märchen auswendig, und in den Fächern Ausdauererzählen, Spannung & Gänsehaut, Richtiges Atmen, Märchenbuchbinderei und Märchengesang hat er lauter Einser. Nur in Märchentanz hat er eine Vier, da ist er einfach zu schwerfällig und zu tollpatschig.

Das dritte Ausbildungsjahr ist ein Praktisches Jahr, d.h. alle Märchenlehrlinge werden zur Erweiterung ihres Märchenhorizontes in die verwunschenen und wilden Wälder rund um die Märchenakademie geschickt. Jeder muß alleine losziehen und bekommt lediglich einen Schnurberryrucksack aus echtem Piratensegeltuch, gefüllt mit Proviant und Werkzeug, sowie einen Kompaß mit. Bücher sind im Praktischen Jahr nicht erlaubt, denn es ist Sinn und Zweck dieses Jahres, Märchen am eigenen Leibe zu erfahren.

Titus ist schon ein wenig mulmig zumute, denn der Wald birgt viele geheimnisvolle Wesen, die Nächte sind richtig dunkel, und er ist ganz auf sich alleine gestellt. Doch seine erste Begegnung mit Märchenwesen beginnt ziemlich lustig mit den Sieben Zwergen.

Als diese von Titus darüber informiert werden, daß er als Märchenlehrling unterwegs sei, um spannende Abenteuer zu erleben, warnen sie ihn eindringlich vor den Gefahren, die auf ihn lauern, und bieten ihm die freigewordene Stelle als Haushälter in ihrem Häuschen an, das nach Schneewittchens Heirat ganz schön verwahrlost sei. Dort wäre er auch sicher und geschützt, und nach einem Jahre stellten sie ihm gerne ein löbliches Zeugnis aus.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Dankend lehnt Titus das wenig verlockende Angebot ab und wird kurzerhand von den Zwergen an die nächstbeste Kastanie gefesselt. Dort habe er Bedenk- und Befürchtungszeit genug, und wenn die Zwerge später aus dem Bergwerk von ihrer Arbeit zurückkämen, fragten sie ihn gerne noch einmal, ob er nicht doch ihr Haushälter sein wolle.

So hatte sich Titus seine ehrenvollen Märchenabenteuer nicht vorgestellt. Hilflos an einen Baum geschnürt, unerreichbaren Juckreizen ausgesetzt und – raschel, raschel, raschel – wer naht sich Titus da von oben aus dem Kastanienblätterdach? Rabea Wintergrün, eine Elfe, eine sehr schnippische Elfe, die sich vehement dem Klischee widersetzt, das Elfen schön, zart und hilfsbereit seien. Erst nachdem Titus ihr den Schneewittchen-Rap vorgesungen und ihn sogar mit ihr einstudiert hat, ist sie bereit, ihn zu befreien.

Von nun an bestreiten Titus und Rabea die Märchenabenteuer gemeinsam, auch wenn wir das Wort bestreiten durchaus buchstäblich verstehen dürfen. Denn die beiden können sich einfach nicht darüber einigen, ob die goldene Märchenregel, daß das Gute über das Böse triumphiere und die Gerechtigkeit siege, wahr sei oder ob alles, was geschehe, reiner Zufall sei.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Titus und Rabea begegnen einem seltsamen Hexenhausmakler (mit dem Namen Stanislaus McKimsey), Aschenputtels Stiefschwestern, diversen Prinzen und Königen, dem Bösen Wolf (der Reime reimt und Früchte verzehrt), einem Botenfrosch, Rapunzel, Dornröschen, einem überarbeiteten Schloßgärtner, dem Gestiefelten Kater, den Bremer Stadtmusikanten und mehrfach dem explosiven Rumpelstilzchen.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Die Märchencharaktere verhalten sich meist nicht der Erwartung gemäß. Titus und Rabea müssen ganz schön improvisieren, um Gefahren zu meistern und Probleme zu lösen. Das Rumpelstilzchen ist der einzige Charakter, der unverschlechterlich so agiert, wie es im Märchenbuche steht.

Nach einem Jahr und vielen unfreiwilligen Tanzstunden mit Rabea kehrt Titus an die Märchenakademie zurück; sein Professor lobt ihn besonders dafür, daß er die Freundschaft einer Elfe gewonnen hat …

Der geheimnisvolle Autor erzählt das Märchen im Märchen vergnüglich-humorvoll und mit metafiktiven Randbemerkungen, die „interprosaische“ Dialoge zwischen dem Erzähler und Titus sowie die direkte einbeziehende Ansprache der Leser ermöglichen. Die metafiktiven Einlassungen tragen zur Verzauberung des Leseerlebnisses bei und regen zu eigenen Reflexionen an.

Stilistisch bedient sich der Autor einer sprachlichen Kombination aus klassischem Märchenton und maßvoller Umgangssprache sowie amüsanten Wortspielen, witzig-rätselhaften Wortabkürzungen und anspielungsreichen Namensschöpfungen. Für zusätzliche Spannung und Heiterkeit bürgen die überraschenden, oft untypischen Verhaltensweisen der Märchenfiguren und die Beziehungsdynamik zwischen Rabea und Titus.

Voraussetzung für diesen märchenselbstironischen Lesegenuß ist selbstverständlich, daß Kinder mit den Originalmärchen vertraut sind! Das hoffe ich jedenfalls. Denn eine Kindheit ohne Märchen ist zwar möglich, aber eigentlich eine unmögliche Kindheit.

In „Titus und der verwunschene Wald“ wird ebenso anschaulich wie anregend vorgespielt, wie vielseitig sich der klassische Märchenschatz  weiterspinnen und in andere Darstellungsformen übersetzen läßt. Das zeitlose Element der Märchen kann sich mit modernen musischen Ausdrucksformen durchaus fruchtbar verbinden, wie man an den im Buch vorgestellten Märchen-Rap-Liedtexten ablesen kann. Zwei Refrains aus dem Rapunzellied mögen dies demonstrieren:

» Rapunzel lass dein Haar herunter!
Hier draußen wär‘ dein Leben bunter.
Rapunzeldidunzeldipunzeldidu,
niemand singt so traurig wie du.

Rapunzel lass Dein Haar herunter!
Jetzt wird dein Leben endlich bunter.
Rapunzeldidunzeldipunzeldidu,
niemand singt so fröhlich wie du. «

(Seite 103/104)

Wenn eine solche Märchenzubereitung heutigen Kindern die Beschäftigung mit Märchen schmackhaft macht und sie darüber hinaus dazu animiert, sich zum Mitgestalter märchenhafter Inszenierungen „ausbilden“ zu lassen und eine Karriere als Märchenerzähler anzustreben, dann finde ich das ganz zauberhaft. So ist „Titus und der verwunschene Wald“ zugleich ein originelles, spannendes, phantasieanstiftendes und vergnügliches Kinderbuch und ein charmant-verlockender Botschafter für die Märchenakademie.

 

Eine fast zwanzigminütige Vorleseprobe kann man hier belauschen:
http://maerchenakademie.de/buch/

 

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

 

Der Autor:

»Theodor Serapion ist ehemaliger Schüler der Märchenakademie. Mehr über ihn findet sich auf seiner Webseite: www.theodor-serapion.de

Die Illustratorin:

«Mirjam Zels lebt in Hamburg und illustriert und schreibt preisgekrönte Kinderbücher, unter anderem für Carlsen und für die Märchenakademie. www.mirjamzels.de «

Die Märchenakademie:

Die Märchenakademie gibt es wirklich. Sie hat ihren Sitz in Bamberg.
»Die Märchenakademie bildet aus! Schülerinnen und Schüler der 3. bis 6. Schulklassen können bei der Märchenakademie mitmachen und sich zu wunschpunschgenialen Märchenexperten ausbilden lassen: in Workshops, auf der Webseite und in weiteren Spiel- und Lernformen, die an der Universität des Saarlandes entwickelt werden!
Alle Informationen darüber gibt’s auf unserer Webseite www.maerchenakademie.de

 

PS:
Die Künstlerin Petra Pawlowsky hat auf ihrer Webseite „da sein im Netz“ https://pawlo.wordpress.com/ das Projekt KINDER IM AUFWIND initiiert.

In ihren eigenen Worten: »Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…«

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

Sie lädt weitere Blogger dazu ein, thematisch passende Texte, Bilder, Fotos, Musik, Gemälde, digitale Kunst, Gedichte, Lieder, Zitate usw. per Linkhinweis ergänzend hinzuzufügen.

Da ich der kindheitsselbsterfahrenen Überzeugung bin, daß Märchen ein elementarer Bestandteil heilsamer Herzensbildung sind und daß der kindliche Geist von Märchen beflügelt wird, reihe ich meine Rezension von „Titus und der verwunschene Wald“ gerne bei KINDER IM AUFWIND ein.

Hier folgen die bisherigen gesammelten Beitragslinks der anderen aufwindigen Teilnehmer:

Petra Pawlowsky

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/22/liebevolle-wegbegleiteraffectionate-company/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/25/von-zeitdruck-hektik-und-ruhe/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/30/kinderrechte-childrens-rights/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/02/die-widerstandskraft-staerken-1/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/07/die-widerstandskraft-staerkenstrengthening-resilience-2/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/10/generationenreigen-round-dance-of-generations/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/13/malen-singen-rhythmus-unbedingt/

https://pawlo.wordpress.com/2016/10/04/die-kraft-in-der-ruhe-strength-in-calm-1/

https://pawlo.wordpress.com/2016/10/08/die-kraft-in-der-ruhestrength-in-calm-2/

https://pawlo.wordpress.com/2016/11/05/geborgen-in-security/

Random Randomsen

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/19/kia-1-%e2%80%a2-die-kinderwelt-ist-klang/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/23/kia-2-%e2%80%a2-pity-the-child/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/28/%e2%98%85-kia-3-liebeserklaerung/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/09/08/kia-4-%e2%80%a2-eternity-in-progress/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/09/15/kia-5-%e2%80%a2-lebenslaeufe/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/11/13/kia-6-%e2%80%a2-tomine-tyler/

Sylvia Kling

https://wiedaslebenklingt.wordpress.com/2015/11/19/kinder-erfahren-und-eltern-sprechen/

https://sckling.wordpress.com/2016/08/22/schluesselerlebnis-kinder-im-aufwind-children-upwind/

https://sckling.wordpress.com/2016/10/15/unverbraucht-kinder-im-aufwind/

Annes Lesetagebuch
https://anneslesetagebuch.wordpress.com/2016/08/19/rainer-engelmann-kinder-ausgegrenzt-und-ausgebeutet-in-zusammenarbeit-mit-amnesty-international/

Leselebenszeichen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/24/henriettes-heim-fuer-schuechterne-und-aengstliche-katzen/

Mitzi Irsaj
https://mitziirsaj.wordpress.com/2016/08/26/kinder-im-aufwind-ein-projekt-von-petra-pawlofski-und-ein-kleiner-beitrag-von-mir/

Vro jongliert
http://vrojongliert.blogspot.de/2016/09/kinder-sind-keine-prufung-ein-pladoyer.html

Diana Klute https://artscope.de/2016/06/28/you-are-my-home/

Gerda Kazakou  https://gerdakazakou.com/2016/10/16/wie-die-alten-sungen/

 

 

 

Rotkäppchen hat keine Lust

  • Bilderbuch
  • von Sebastian Meschenmoser
  • Thienemann Verlag  September 2016     http://www.thienemann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 21,5 x 28 cm
  • 32 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A), 18,90 sFr.
  • ISBN 978-3-522-45827-6
  • ab 4 Jahren
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UNGEZOGENES  ROTKÄPPCHEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Als altes Märchen hat man es heute nicht leicht. Immer wieder wird man persifliert, anders interpretiert und illustrativ neu tapeziert! Gleichwohl funktioniert dies nur, wenn man das Original kennt. Also dient es doch dem Erhalt und der wertvollen Weitergabe der Märchenkultur.

Sebastian Meschenmoser, der seine Bilderbücher selber zeichnet und schreibt, ist mir mit seinen genialen Herr-Eichhorn-Bilderbüchern (siehe die unten unter Querverweis eingefügten Besprechungslinks) bereits sehr ans Rezensentenherz gewachsen.

In diesem Bilderbuch beginnt das Märchen mit der Wolfsperspektive. Der Wolf ist einsam, hungrig und verbittert und erinnert sich an das Rezept seiner Großmutter, bei Bitterkeitsgefühlen ein süßes Kind zu verspeisen. Also verläßt er seine schützende Höhle und legt sich am Rande eines Waldweges auf die Lauer.

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Illustration von Sebastian Meschenmoser © Thienemann Verlag 2016

Er feilt noch an einem raffinierten Ansprechspruch, als auch schon ein ziemlich energisch ausschreitendes kleines Mädchen mit rotem Käppchen und Korb vorbeisaust. Auf die Frage des Wolfs, wohin sie denn wolle, antwortet das mürrische Kind, es besuche seine Großmutter zum Geburtstag. Sie beklagt sich, ihr ganzer Sonntag sei verschwendet, weil sie ihre verrückte Oma besuchen müsse, die einsam mitten im Wald wohne, in Gesellschaft zahlloser Hühner und langweiliger Fotoalben.

Galant fragt der Wolf nach den Geschenken, die sie wohl im Korb mitbringe. Als das  Mädchen „einen Ziegelstein, eine Socke und einen Kaugummi“ aufzählt, ist der Wolf entsetzt. Sogleich pflückt er einen schönen, bunten Waldblumenstrauß zusammen und belehrt das ungezogene Enkelkind darüber, was angemessene Geburtstagsgeschenke für eine alte Dame seien. Widerwillig schaut das Rotkäppi zu, wie der Wolf einen Kuchen backt und auch noch eine Flasche guten Weins organisiert.

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Illustration von Sebastian Meschenmoser © Thienemann Verlag 2016

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Illustration von Sebastian Meschenmoser © Thienemann Verlag 2016

Gemeinsam besuchen sie nun endlich die Großmutter, die sich sehr über die schönen Gaben und den haarigen Überraschungsgast freut. Während sich Großmutter und Wolf blendend verstehen, Kuchen und Wein genießen, Fotoalben durchblättern und sich köstlich amüsieren, schmollt das Mädchen vor sich hin, ärgert sich über den aus ihrer Sicht verschwendeten Sonntag und verläßt griesgrämig die heitere Runde.

Spät in der Nacht bringt der Wolf die Großmutter zu Bett und nimmt gerne ihr Angebot an, bei ihr einzuziehen. Von nun an backt er täglich einen Kuchen, die Großmutter zeigt ihm, wie man Socken strickt, und beide hungern fortan weder nach unterhaltsamer Gesellschaft noch nach leckeren Speisen.

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Illustration von Sebastian Meschenmoser © Thienemann Verlag 2016

Und das kleine Mädchen zieht in die verlassene Wolfshöhle und wird eine gefürchtete Räuberin, die jeden Sonntag frei hat …

Auch in seinem neuen Bilderbuch zeigt sich Sebastian Meschenmosers bewundernswerte Gabe, mit Bildern und mit Worten malen zu können. Gestik und Mimik der Charaktere sprechen lebhaft für sich selbst. Der Text umrahmt augenzwinkernd die Zeichnungen und ergänzt humorvoll und märchenironisch, was nicht in Bildersprache dargestellt wird.

Herr Eichhorn muß sich in dieser Geschichte mit einer Rolle als Kulissenfigur bescheiden, aber immerhin hat er zwei Auftritte.

Diese unkonventionelle Märchenversion, in der das Rotkäppchen verwildert und der Wolf vermenschlicht, ist eine amüsante und anregende Bereicherung der Märchenleseperspektive.

Hier entlang zum Buch auf der Verlags-Webseite: http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/rotkaeppchen-hat-keine-lust-isbn-978-3-522-45827-6/

Der Autor und Illustrator:

»Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte freie bildende Kunst in Mainz, lebt und arbeitet in Berlin. Mit „Fliegen lernen“  veröffentlichte er 2005 bei Esslinger sein erstes Bilderbuch, das sofort viel Beachtung fand. Sein zweites Buch „Herr Eichhorn und der Mond“, der erste Band der erfolgreichen Reihe, wurde 2007 für den Jugendliteraturpreis nominiert. Inzwischen erschienen neun Bilderbücher, zuletzt „Gordon und Tapir“, ebenfalls nominiert für den Jugendliteraturpreis 2015 in der Sparte  Bilderbuch.«

Querverweise zu den fünf Herr-Eichhorn-Bilderbüchern:

HERR EICHHORN UND DER MOND
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/

HERR EICHHORN UND DER ERSTE SCHNEE
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/21/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee/

HERR EICHHORN UND DER BESUCHER VOM BLAUEN PLANETEN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/28/herr-eichhorn-und-der-besucher-vom-blauen-planeten/

HERR EICHHORN WEISS DEN WEG ZUM GLÜCK
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/26/herr-eichhorn-weis-den-weg-zum-gluck/

HERR EICHHORN UND DER KÖNIG DES WALDES
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/22/herr-eichhorn-und-der-koenig-des-waldes/

Querverweis zu zwei weiteren Rotkäppchen-Bilderbuch-Variationen:

Die Katze, der Hund, Rotkäppchen, die explodierenden Eier, der Wolf und Omas Kleiderschrank:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/24/die-katze-der-hund-rotkaeppchen-die-explodierenden-eier-der-wolf-und-omas-kleiderschrank/

Der liebste Wolf der Welt
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/26/der-liebste-wolf-der-welt/

Die Katze, der Hund, Rotkäppchen, die explodierenden Eier, der Wolf und Omas Kleiderschrank

  • Bilderbuch
  • von Diane und Christyan Fox
  • Originaltitel: »The Cat, the Dog, Little Red, the Exploding Eggs, the Wolf and Grandma’s Wardrobe«
  • Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
  • Verlag Freies Geistesleben Februar 2016  http://www.geistesleben.com
  • gebunden. Fadenheftung
  • 32 Seiten
  • Format: 24,5 x 28 cm
  • 15,90 € (D), 16,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7725-2791-3
  • ab 5 Jahren
    9783772527913

S U P E R R O T K Ä P P C H E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es war einmal, eine Katze, die einem Hund das Märchen vom Rotkäppchen vorlesen wollte. Der Hund war zwar ganz Ohr, aber auch ziemlich vorlaut, und unterbrach die Märchenstunde immer wieder, um Zwischenfragen zur Handlung zu stellen, die Charaktereigenschaften der Märchenfiguren zu kommentieren und eigene Ideen in die Geschichte zu schmuggeln.

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

Satz für Satz mußte die Katze die Unwissenheit, den abenteuerlichen Übermut und die eigenwilligen Interpretationen des Hundes korrigieren. So wußte der Hund nicht einmal, was Zuckerwerk sei; er unterstellte dem Rotkäppchen einerseits allerlei Superkräfte, wie beispielsweise einen „Laser der Liebenswürdigkeit“, und andererseits hielt er es für ein bißchen dumm, da es den Wolf nicht als Wolf erkannte, nur weil er die Kleidung der Großmutter angezogen hatte. Schließlich bekam der Hund sogar Mitleid mit dem bösen Wolf und fragte ernsthaft, ob sich die Katze sicher wäre, daß dies ein Kinderbuch sei.

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

Die Katze wurde von Unterbrechung zu Unterbrechung, von Mißverständnis zu Mißverständnis und von Zwischenfrage zu Zwischenfrage immer ungehaltener und pfefferte dem Hund schließlich das Märchenbuch an den Kopf; sollte er sich doch selbst ein Buch zum Lesen aussuchen …

Hier wird das gute alte Rotkäppchen mal so richtig aufgemischt, skeptischer Hinterfragung und den Einflüssen einer eigenwillig, action-betonten Perspektive ausgesetzt. Das Ergebnis ist ein witziges, originelles Bilderbuch, in dem die Beziehungsdynamik zwischen Hund und Katze, bzw. zwischen Vorlesegeber und Vorlesenehmer die Hauptrolle spielt.

Das sprachliche Niveau ist, abgesehen von den Märchenzitaten, flapsig-umgangssprachlich und dient wohl kaum der Verfeinerung des kindlichen Sprachvermögens. Gleichwohl dient diese Umgangssprachlichkeit als sprachspielerisches Kontrastmittel durchaus der Unterhaltsamkeit des Textes.

Die comicartigen Zeichnungen und die temperamentvolle Dialogstruktur des Textes bieten ein amüsant-skurriles Vorlesevergnügen mit lustigen, metafiktiven Details, die nebenbei bemerkt, sogar schon auf den Vorsatzblattseiten beginnen. Dort nämlich tauchen Hund und Katze bereits auf, und die Katze erklärt dem Hund, was das Vorsatzpapier sei.

Schließlich kann man gar nicht früh genug vermitteln, daß Lesen bildet; und wenn das, wie im vorliegenden Bilderbuch, auch noch mit Spaß und unmittelbarer Anschaulichkeit verbunden ist, umso besser.

Und wenn Sie nicht andauernd unterbrochen werden, so vorlesen Sie noch heute …

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Diane und Christyan Fox haben in den vergangenen 26 Jahren schon mehr als 40 Kinderbücher gemeinsam gestaltet. Christyan hat darüber hinaus noch 37 weitere Bücher verschiedener Autoren illustriert. Nach ihrem gemeinsamen Graphic Design-Studium an der Universität Middlesex verfolgte zunächst jeder für sich seine Karriere, bis sie herausfanden, wie gut sie zusammenarbeiteten. Sie leben mit ihren drei Kindern in der Nähe von London.«

Querverweise:

Hier findet sich noch eine weitere – leicht ernährungslehrhafte – Rotkäppchenvariation:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/26/der-liebste-wolf-der-welt/

Und hier ein sehr unkonventionelles und ausgesprochen ungezogenesRotkäppchen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/30/rotkaeppchen-hat-keine-lust/

Das Leben der Elfen

  • Roman
  • von Muriel Barbery
  • Originaltitel:»La vie des elfes«
  • Übersetzung aus dem Französischen
  • von Gabriela Zehnder
  • DTV Verlag  März 2016    http://www.dtv.de
  • gebunden mit Schutzumschlag und
  • LESEBÄNDCHEN
  • 304 Seiten
  • 22,90 € (D)  23,60 € (A)
  • ISBN 978-3-423-28074-7
    Das Leben der Elfen 9783423280747

E L F E N S A L A T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Natürlich ist das ein Märchen, aber es ist auch die Wahrheit. Wer kann diese Dinge schon auseinanderhalten?“ (Seite 34)

Dieses Zitat – verführerisch und in großen Lettern auf die Buchrückseite gedruckt – hat mich sogleich geködert.

Mit diesem Roman liest man sich in eine Trance, die noch lange nachklingt. Das Instrument der Sprache ist hier ganz auf Kunst, Poesie, Musik und eine archaisch-magische Naturverbundenheit gestimmt, trotzdem hat die Lektüre nur einen geringen Sättigungswert.

Zunächst etwas zur Handlung der Geschichte: Zwei eigenwillig-elfenhafte Mädchen, Maria und Clara, kommen zur Welt. Sie wachsen getrennt voneinander als Findelkinder bei fremden Menschen auf, weil ihre geheimnisvollen Gaben und ihre innere Verbundenheit vor der Außenwelt vorläufig verborgen bleiben sollen.

Maria lebt auf einem Bauernhof im Burgund und wird von einer sehr liebevollen Pflegefamilie gehütet. Sie ist höchst naturverbunden, verfügt über heilende Kräfte und kann mit Tieren sprechen. Seit ihrer geheimnisvollen Ankunft im Dorf wachsen alle Pflanzen üppiger, und die zwischenmenschliche Harmonie sowie der kooperative Zusammenhalt der Dorfbewohner sind deutlich besser geworden.

Wunderbar beschreibt die Autorin Marias Ziehfamilie: Einfache Landmenschen mit einer elementaren Verbundenheit zur Erde, zu den Jahreszeiten, zum natürlichen Werden und Vergehen, erfüllt von demütiger Dankbarkeit und Tapferkeit und einer tiefen instinktiven Liebe für das magische Findelkind. Die Darstellungen der Familienmitglieder vermitteln faszinierende, sinnliche Portraits zutiefst archetypischer Männlichkeit und Weiblichkeit.

Clara, die höchstmusikalisch ist, lebt zunächst verborgen in einem Bergdorf in den Abruzzen und wird später für ihre musikalische Ausbildung und zu ihrem Schutz von ihren Elfenpaten nach Rom geholt.

In den ersten elf Jahren ihres Lebens gehen die beiden Mädchen ganz auf in ihren Talenten, lernen vieles rein intuitiv und verströmen geradezu ihre unerklärlich harmonisierende Kraft. Beide spüren jedoch, daß diese lebendige Harmonie in Gefahr ist und bedroht wird und daß sie durch die Bündelung ihrer Kräfte eine entscheidende Schlüsselrolle dabei spielen, welche Seite den Kampf gewinnt.

Der Informationsgehalt der Erzählung bleibt jedoch nebulös, rätselhaft, oft von einer ermüdenden Andeuteritis, die kaum zu entschlüsseln ist. Von Brücken zwischen den Welten ist die Rede, von Liebe und Haß, von Krieg und Frieden, von Kunst, Poesie und Musik, von musischen Harmonien und Symmetrien, von Bündnissen und Verrat, von Menschenelfen und Elfenmenschen. Auch Maria und Clara müssen sich mit Wissensbruchstücken und Traumvisionen zu Erkenntnissen, Bedeutungen und Zusammenhängen durcharbeiten, ja, zum Teil durchquälen.

Der Kampf, der hier tobt, bleibt ziemlich undurchschaubar. Wer ist der Feind? Ist es das moderne, mechanistische Weltbild, Technikgläubigkeit, kapitalistischer Profit-Autismus, Liebesferne oder trennendes Denken, das keine Ganzheitlichkeit mehr spürt??? Nie wird der Feind definiert.

Wenn es – wie die Autorin im Interview zum Buch formuliert – ihre Absicht war, der Entzauberung der Welt etwas entgegenzusetzen, so ist es ihr zwar gelungen, einen sehr dichten, märchenhaft-changierenden Text zu verfassen, aber eine wirkliche Antwort auf die Entzauberung und wer und was sie bewirkt, bleibt sie uns schuldig.

Die Elfen in diesem Roman sind mir im übrigen entschieden zu menschlich, trotz der feinsinnigen Idee, ihnen im Hintergrund ihrer körperlich-menschlichen Erscheinungsform tierische Mehr- und Wechselgestaltigkeiten mitschwingen zu lassen.

Verschwimmende Wirklichkeitsebenen, chronologische Sprünge und Rätsel, flimmernde Charaktere, lose Erzählfragmente und traumwandlerische Wahrnehmungen haben ihren poetischen Reiz, aber wenn die Puzzleteile kein sinnvolles Bild, ja, noch nicht einmal die Aussicht auf ein solches Bild ermöglichen, geht die Aussagekraft einer Erzählung verloren.

Die Autorin findet keinen Zauberspruch der Hoffnung, und das ist verschenktes Prosapotential; es bleibt eine unbefriedigende Leere und vage Unaussprechlichkeit, die für mich den Geschmack von Pseudotiefsinn hat.

Die stilistische Schönheit des Textes kann die schwächelnde Substanz und den Mangel an inhaltlicher Klarheit sowie das Fehlen eines beflügelnden Appells nicht aufwiegen. An perlenden Sätzen fehlt es gleichwohl nicht, wie die nachfolgenden Zitate zeigen:

»Die Mauern waren mit Geißblatt bedeckt, das sich in einer duftenden Kaskade bis auf die Pflastersteine ergoss, und die Fenster warfen ihre langen, durchscheinenden Gardinen in die Abenddämmerung.« (Seite 57)

»Kein Erwachsener hätte das Präludium so spielen können, denn Erwachsene sind nicht mehr fähig, zum Zauber dessen vorzudringen, was gleichzeitig jung und alt ist
(Seite 60)

»Marias Worte entsprangen dem jahrhundertealten Bewusstsein, dass die Welt älter ist als die Menschen und folglich nicht bis ins Letzte erklärt werden kann.« (Seite 89)

»Die Anmut mancher Frauen rührt von einer Art Echowirkung her, die sie einzigartig und zugleich vielgestaltig macht, als wären sie in sich selbst und zugleich in der langen weiblichen Ahnenreihe verkörpert.« (Seite 241)

Die Autorin:

»Muriel Barbery wurde 1969 in Casablanca geboren, studierte Philosophie in Frankreich, lebte einige Jahre in Kyoto und wohnt heute wieder in Frankreich. 2000 veröffentlichte sie ihr viel beachtetes Romandebüt  ›Die letzte Delikatesse‹. Ihr zweiter Roman, ›Die Eleganz des Igels‹, wurde zu einem großen literarischen Bestseller, in mehr als 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Der lang erwartete dritte Roman, ›Das Leben der Elfen‹, erschien 2015 in Frankreich.«

Hier gibt es ein Interview mit der Autorin zu ihrem Roman: http://www.dtv.de/special/muriel_barbery_das_leben_der_elfen/das_leben_der_elfen/interview/2408/
Und hier gibt es eine Leseprobe:
http://www.dtv.de/special/das_leben_der_elfen/leseprobe/2410/

Eine weitere stimmige Rezension findet sich bei LAPISMONT:
https://lapismont.wordpress.com/2016/05/24/elfen-helfen-tueren-oeffnen/#comments

Querverweis:

Wer ein gelungenes Buch über die wechselseitige Befruchtung von Natur, Poesie und Leben lesen möchte, ist mit dem philosophisch-biologischen Sachbuch „Alles fühlt“ von Andreas Weber wesentlich besser bedient. Hier folgt der Link zu meiner Besprechung:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Das Buch der Märchen

P I N S E L Z A U B E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein Leben ohne Märchen ist möglich, aber langweilig!

Ich hatte das Glück, daß meine vorlesefreudigen Eltern meinen kindlichen Geist reichlich und vielfältig mit Märchen- und Geschichtenessenzen gewässert haben. So war es ein Freudenfest für mich und mein Kinderherz, wieder einmal tief in Märchenwelten einzutauchen und mich von Worten und Bildern verzaubern zu lassen.

Der Maler Friedrich Hechelmann hat für das vorliegende Buch ein vielseitiges Märchenpotpourri zusammengestellt und illustriert: Zwölf Märchen der Gebrüder Grimm, drei Märchen von Wilhelm Hauff, sechs von Ludwig Bechstein und von Eduard Mörike „Die Historie von der schönen Lau“.

Hechelmann Märchen Seite 258 Wasserlichttreppe

Illustration von Friedrich Hechelmann ©


Begleitet von vollkommen märchenhaften und ebenso meditativ-besinnlichen wie dramatisch-bewegten Illustrationen verläuft man sich gerne in ihren wildromantischen Tiefen, unwegsamen Wäldern, verborgenen Höhlen, duftigen Lüften, glitzerndem Tau, moosigem Leuchten, unauslotbaren Gewässern, schicksalhaften Verwandlungen und geheimnisvollen Seelenräumen. Hier kann man noch träumen, Licht- und Schattengestalten erleben, auf Wunder hoffen und Zauberkräfte entdecken.

Hechelmann Märchen Seite 227 Güldene Lichtung

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 205 Kutsche auf nächtlichem Waldwege

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Kunstauffassung Friedrich Hechelmanns zitiere ich gerne aus der kurzen werkbiographischen Notiz, die sich am Ende des Buches findet:

»Über Jahrtausende war die Betrachtung der Natur das große Thema der Malerei. Dass wir dieses Thema heute als niedlich abtun, zeigt unsere Arroganz und Selbstüberheblichkeit, unsere Naturentfremdung«, sagt Friedrich Hechelmann und malt mit seiner ganzen Kraft gegen diese Entwicklung an. Denn seine Kunst lebt aus der Ehrfurcht vor der Schöpfung. «

Hechelmann Märchen Seite 224 Lichtöffnung im Fels

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 240 Nebelsee

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Illustrationen von Friedrich Hechelmann erweisen sich nicht nur als kongeniale Begleitung und künstlerische Übersetzung der Märchentexte in ein sichtbares Medium, sondern sie breiten der eigenen Imagination ein einladendes Bühnenbild voller naturmagischer Anziehungskraft und geheimnisvoller Lebenstiefe: lichtfunkelnd, schattenspielend, ganz elementar und ungezähmt sowie von befreiend-aufatmender Weite und Vielschichtigkeit.

Die zahlreichen, farbigen Illustrationen sind stets ganzseitig, gelegentlich auch doppelseitig und von sehr guter Druckqualität. Ich habe lediglich ein oder zwei Lesebändchen vermißt, diese hätten der feinen und hochwertigen Märchensammlung gut zu Gesicht gestanden, und praktisch wären sie auch. Vielleicht eine Anregung für die nächste Auflage?

Hechelmann Märchen Seite 18 Kaminfeuer

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 124 Blumenwaldwiese

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

Die faszinierenden Bilder Friedrich Hechelmanns erschaffen eine beeindruckend-betörende Märchengestimmtheit, die der zeitlosen Poesie der Märchen entspricht. Ja ich finde sogar, daß die luzide, zwischen Wort und Bild changierende Darstellungsweise den Blick für das Unsichtbare schärft.

So wurden denn auch die vorzüglich passenden Zeilen von Novalis als Vorwort gewählt:

»Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und die in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.«

– Novalis –

 

Hechelmann Märchen Seite 55 Kaskadenbrunnen

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Der Illustrator:

»Friedrich Hechelmann illustrierte 1972 sein erstes – und noch immer lieferbares – Märchenbuch Zwerg Nase. Zahlreiche preisgekrönte Buchillustrationen folgten, außerdem Ausstellungen, Bühnenbilder, Filme und Publikationen. Der Künstler lebt und arbeitet im Allgäu. Mit der ständigen Ausstellung seiner Werke in der Kunsthalle im Schloss Isny   http://kunsthalle-schloss-isny.de/hauptnavigation/kunsthalle/impressionen/  hat er seinem großen, begeisterten Anhängerkreis ein lebendiges künstlerisches Forum geschaffen. Zuletzt unter anderem veröffentlicht: Geisterritter (Illustration des Buches von Cornelia Funke), im Thiele Verlag Ein Weihnachtstraum (2014) und Ein Sommernachtstraum (2014).«

Besuchen Sie Friedrich Hechelmann auf seiner Webseite: www.hechelmann.de

Und hier geht es zur Verlagsinfo zum Buch:
http://www.thieleverlag.com/cms/programm/geschenkbuch/das-buch-der-maerchen-kopie/detailseite.html

 

Das Buch der Märchen (HECHELMANN)

 

Die Schneekönigin

  • von Hans Christian Andersen
  • Hörbuch
  • gekürzte Lesung
  • Sprecher: Ulrich Noethen
  • Textfassung/Regie: Annelie Knoblauch
  • Produktion: Kulturkontor e.V. / Der Hörverlag 2010 http://www.hoerverlag.de
  • 1 CD
  • Laufzeit ca. 76 Minuten
  • 9,95 € (D), 11,20 € (A), 16,90 sFr.
  • ISBN 978-3-86717-588-3
  • ab 6 Jahren
    Die Schneekoenigin von Hans Christan Andersen

HERZENSKRAFT, HERZENSMUT  UND  HERZENSTREUE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Märchen sind Seelennahrung für Kinder und für Erwachsene. Die Schneekönigin ist eines der Märchen, das sich mir in meiner märchenvollen Kindheit besonders eingeprägt hat.

Dieses Märchen handelt davon, wie sich ein kleines Mädchen namens Gerda auf die abenteuerliche Suche nach ihrem geliebten Kindheitsfreund Kay macht. Kay hatte beim Rodeln übermütig seinen Schlitten an den Schlitten der Schneekönigin gebunden, und diese hatte ihn mit zwei Küssen gebannt, die ihn gegen die Kälte unempfindlich machten und die Erinnerungen an sein vorheriges Leben verblassen ließen. So folgte er willenlos der Schneekönigin in ihr eisiges Reich und leistete ihr Gesellschaft.

Das Märchen ist in sieben Einzelgeschichten aufgeteilt. Die erste Geschichte ist eine Vorgeschichte, die ich wegen ihres bemerkenswerten psychologischen Tiefsinnes kurz zusammenfasse: Der Teufel erschuf einst einen großen Spiegel, der alles Gute und Schöne, was er widerspiegelte, verschwinden ließ, und alles, was fehlerhaft, häßlich, schlecht und böse war, wurde überdeutlich hervorgehoben.

Die Gehilfen des Teufels hatten ihre boshafte Freude an diesem Meisterwerk und wollten den Spiegel in den Himmel transportieren, um sich so auch über Gott lustig zu machen. Doch als sie bereits in größer Höhe waren, entglitt ihnen der Spiegel, stürzte zur Erde und zerbarst in hundert Millionen und mehr Stücke. Manche Splitter waren so klein wie Sandkörner und manche so groß, daß man Fensterscheiben und Brillengläser daraus machen konnte. Jeder einzelne Spiegelsplitter verfügte über die gleiche böse, verzerrende Kraft wie der einstige Spiegel. Bekam ein Mensch einen Spiegelsplitter ins Auge, sah er die ganze Welt nur noch verkehrt, und bekam ein Mensch gar einen Splitter ins Herz, so wurde sein Herz zu einem Klumpen Eis.

Im weiteren Verlauf des Märchens lernen wir Gerda und Kay kennen, zwei Nachbarskinder, die innig freundschaftlich – ja, beinahe paradiesisch – miteinander verbunden sind. Doch dann bekommt Kay einen Spiegelsplitter ins Auge und ins Herz, die kindliche Harmonie zerbricht, und im Winter verschwindet Kay schließlich mit der Schneekönigin.

Im nächsten Frühjahr verfolgt Gerda die Spuren Kays. Sie meistert Gefahren, Irrwege und Verzögerungen, findet Verbündete und begegnet freundlich-hilfsbereiten Pflanzen und Tieren. Schließlich erreicht sie den Eispalast der Schneekönigin. Die Kraft ihrer Liebe und die heißen Herzenstränen, die sie beim Anblick des erstarrten Kindheitsfreundes vergießt, lösen den eisigen Bann und spülen die Spiegelsplitter aus Kays Auge und Herz fort.

Gereift und auf das herzlichste wiedervereint kehren Gerda und Kay nach Hause zurück.

Ulrich Noethen liest dieses vielschichtige, poetische Märchen mit wohlproportionierter, lebhaft-einfühlsamer Akzentuierung und spricht mit seiner warmherzigen Stimme kindliche und erwachsene Hörer gleichermaßen an.

 

Der Autor:

»Hans Christian Andersen wurde am 2. April 1805 als Sohn eines Schuhmachers in Odense (Dänemark) geboren. Armut und Einsamkeit prägten seine Kindheit, Depressionen und andere Krankheiten verfolgten ihn bis ins Erwachsenenalter.
Er konnte kaum die Schule besuchen, bis ihm der Dänenkönig Friedrich VI., dem seine Begabung aufgefallen war, 1822 den Besuch der Lateinschule in Slagelsen ermöglichte. Bis 1828 wurde ihm das Universitätsstudium bezahlt. Andersen unternahm Reisen durch Deutschland, Frankreich und Italien, die ihn zu lebhaften impressionistischen Studien anregten. Seine insgesamt 168 Märchen begründeten seinen Weltruhm.
Sein künstlerisches Talent wurde am Königlichen Theater in Kopenhagen entdeckt, wo er bereits als 14jähriger Unterricht als Sänger und Tänzer nahm. Im Jahr 1835 erschien das erste seiner Märchenbücher, das ihn mit einem Schlag bekannt machte. Andersens erste Märchen sind stark von Volksmärchen beeinflusst. Später schuf Andersen sich einen ganz eigenen, manchmal fast umgangssprachlichen Märchenton, der ihn zum berühmtesten Dichter seines Landes und zu einem der meistübersetzten Autoren machte. Er starb am 4.August 1875 in Kopenhagen. Andersens Beerdigung im Jahr 1875 glich in Dänemark einem Staatsbegräbnis.«

Der Sprecher:

»Ulrich Noethen, geboren 1959 in München, ist ein vielseitiger Schauspieler, der den Bösewicht genauso überzeugend verkörpert wie den gutmütigen Kinderstar. Das junge Publikum kennt Ulrich Noethen als Herr Taschenbier in der Verfilmung der Sams-Bücher und als Vater Bernhard in den Bibi Blocksberg-Filmen. Mit seiner melodiösen, warmen Erzählstimme hat er viele Hörbücher gesprochen. Nach seiner Schauspielausbildung an der Hochschule für Darstellende Kunst in Stuttgart spielte er auf vielen Bühnen klassische und moderne Rollen. In den letzten zehn Jahren war er zunehmend und mit großem Erfolg als Filmschauspieler tätig. Er wurde u.a. mit dem Goldenen Löwen, dem Bayerischen Filmpreis und dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.«

Abenteuer mit Ungeheuer

  • Text und Illustration von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus   August 2015     http://www.urachhaus.com
  • 144 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 17 x 24 cm
  • 19,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7937-3
  • ab 5 Jahren
    Abenteuer mit Ungeheuer

M U T E R T Ü C H T I G  U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Daniela Dreschers erstes Erzählbuch „Abenteuer mit Ungeheuer“ ist eine romantisch-poetisch gestimmte und gelungene Symbiose aus Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Märchen.

Piff, das Eichhörnchen, klopft aufgeregt an die Eingangstür zur Wurzelbehausung des Wichtels Tock und berichtet atemlos von einem schrecklichen Ungeheuer, das in der vergangenen Nacht rücksichtslos seine Eichelvorräte geklaut habe. Der weise Wichtel lädt Piff und den mitaufgeschreckten Maulwurf Eduard erst einmal zum ausgiebigen Frühstück ein, um in Ruhe die Einzelheiten aus dem Bericht des Eichhörnchens zu sortieren.

Tocks Haustür

Illustration von Daniela Drescher ©

Danach besichtigen die drei den „Tatort“, und sie müssen erkennen, daß wahrlich ein großes Wesen seine Wühlspuren hinterlassen hat. Tapfer fassen die kleinen Freunde den Entschluß, das diebische Ungeheuer zu verfolgen.

Waldweg am Tage

Illustration von Daniela Drescher ©

Das flinke Eichhörnchen hüpft die erste Wegstrecke locker zweimal ab, während sich Tock und Eduard mit ihren kurzen Beinchen über Stock und Stein und Kraut abmühen müssen. Ungeduldig treibt Piff die Freunde zur Eile an; aber schließlich wird auch er müde, und gemeinsam verbringen sie die erste Nacht im Walde.

Nachtwald

Illustration von Daniela Drescher ©

Die Verfolgung des Ungeheuers dauert länger, als sie sich zunächst gedacht haben. Nebenbei müssen sie sich noch mit Waldzauseln herumärgern, die das Prädikat „kleine Ungeheuer“ durchaus verdient hätten.

Waldzausel

Illustration von Daniela Drescher ©

(Anklicken vergrößert die Bildansicht)

Unterwegs treffen sie einen Dachs und ein Kaninchen, die beide ebenfalls von den ungeheuerlichen Spuren eines fremden Lebewesens erzählen, das offenbar auf dem Weg zum dunklen Weiher sei. Nun sinkt den Freunden der Mut, denn der Weiher des alten Wassermann-Königs gilt als sehr gefährlich, und kaum jemand hat es bisher gewagt, sich ihm zu nähern.

Während eines schrecklichen Gewitters finden sie Unterschlupf bei einem freundlichen Kräuterweiblein, der Waldgundel. Diese bewirtet sie köstlich und warmherzig und amüsiert sich still über die ganze Ungeheueraufregung und meint seelenruhig, es gebe kein Ungeheuer. Näher erläutert sie ihr geheimnisvolles Wissen zwar nicht, aber sie versorgt die drei kleinen Freunde großzügig mit Proviant und gibt ihnen ein verschnürtes Päckchen mit, das sie öffnen sollen, wenn sie es brauchen.

Waldgundelstube

Illustration von Daniela Drescher ©

Von einem Uhu bekommen sie die Information, daß das Ungeheuer sich ungehobelt im Schlamm gewälzt habe und inzwischen schon am dunklen Weiher angekommen sein müßte. Doch als sie schließlich den einsamen Weiher inmitten einer lieblichen Waldlichtung erreichen, sind sie überrascht, wie schön und friedlich und gar nicht dunkel es dort ist.

Piff ist sogleich wieder übermütig, fällt bei der Suche nach dem Ungeheuer ins Wasser und muß von seinen Freunden gerettet werden. Doch – oh Schreck! – da bittet noch jemand um Hilfe – und das ist das Ungeheuer, das im Uferschlamm feststeckt und eigentlich sogar sehr höflich – wenn auch etwas seltsam – spricht.

Piff ist mißtrauisch, Eduard hilfsbereit, und Tock packt flink und geistesgegenwärtig das Geschenk der Waldgundel aus: Eine kleine Flöte. Tock bläst in die Flöte, eine wunderschöne Melodie erklingt, und mit ihr taucht der Wassermann-König nebst Nixengefolge aus der Tiefe des Weihers auf. Der Wassermann-König schaut zunächst streng umher, wer ihn da in seiner Ruhe zu stören wage, aber er ist dennoch recht umgänglich. Die Besucher müssen sich der Reihe nach vorstellen und ihre Geschichte erzählen.

Das Ungeheuer nennt sich Lionel Wildschwein und kommt von weither … So erfahren die kleinen Helden, daß ihr Ungeheuer keinerlei feindliche oder böse Absichten hat, sondern einfach nur fremd in ihrem Wald ist und nicht wußte, daß es die Eichelvorräte von Piff gefressen hatte. Schließlich bieten sie dem einsamen Lionel aufrichtig ihre Freundschaft an und kehren gemeinsam zum Ausgangspunkt zurück, bereichert um die Erkenntnis, daß die meisten Ungeheuer nur in Gedanken und Vorstellungen ihr Unwesen treiben.

Wildschweinritt

Illustration von Daniela Drescher ©

Der feinsinnige Erzählton sowie die harmonisch begleitenden, atmosphärschen Bilder von Daniela Drescher offenbaren märchenhafte Vielschichtigkeit, eine detailliert-kenntnisreiche Liebe zur Natur und eine überaus warmherzige  Mitgeschöpflichkeit.

Zahlreiche einheimische, namentlich erwähnte sowie zeichnerisch dargestellte Pflanzen und Kräuter geben dem waldigen Abenteuer sinnliche Würze.

Akelei

Illustration von Daniela Drescher ©

Abenteuer mit Ungeheuer“ ist ein ideales Vorlesebuch, geschrieben und gemalt von einer Künstlerin, die weiß, wie eine Vorlesegeschichte für Kinder sinnvoll strukturiert sowie handlungs- und dialogdramaturgisch lebhaft inszeniert werden sollte.

Dazu gehört die gelungene Beziehungsdynamik zwischen dem sowohl innerlich wie äußerlich sprunghaften und wichtigtuerischen Eichhörnchen Piff, dem behäbig-verträumten, diplomatischen Maulwurf Eduard und dem besonnenen, fürsorglichen und tapferen Wichtel Tock. Auch die rituellen Wiederholungen, wie z.B. das allabendliche Pfeifchenpaffen von Tock, das in seiner Rauchwölkchenbildung die jeweiligen Tagesgeschehnisse reflektiert, sind für den Vorleserhythmus geradezu maßgeschneidert.

Sehr ansprechend sind zudem die gelegentlichen metafiktiven, ja, philosophischen Abzweigungen des Erzählverlaufs, in denen die Autorin aus dem Buch heraus ins wirkliche Leben greift, so wie in den nachfolgenden Zitaten:

„Er sah, dass es Tock sehr ernst damit war, und niemand, nicht einmal Piff, wagte es, dem Wichtelmann zu widersprechen. So wie man dem Weihnachtsmann nicht widerspricht, oder dem ersten Schnee, dem Frühlingssturm oder dem Duft der Pfefferminze.“
(Seite 21)

Eduards Seele war berührt vom Zauber des Wachsens. Denn wenn die Seele größer wird, wird man immer auch ein wenig traurig … Weißt du, was ich meine? Etwa so, wie sich das Wachsen deiner Knochen mit einem leisen Ziehen bemerkbar macht.“
(Seite 139)

 

Die Autorin & Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durch ihre Illustrationen weltweit bekannt, von den USA über ganz Europa bis China sind ihre Bücher in den Kinderzimmern zu Hause. Neben ihren eigenen Bilderbüchern ha sie mehrere Klassiker der Weltliteratur illustriert und gestaltet die Kinderseite im Lebensmagazin a tempo. Abenteuer mit Ungeheuer ist ihr erstes erzählendes Kinderbuch, das sie selbst geschrieben und illustriert hat.«
Mehr Informationen auf ihrer Webseite: http://www.danieladrescher.de

Querverweise:

Hier folgen die Links zu drei weiteren sehens- und lesenswerten Kinderbüchern mit Illustrationen von Daniela Drescher:

Die Wichtelreise  (Denys Watkins-Pitchford)
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/09/22/die-wichtelreise/

Ein Sommernachtstraum (William Shakespeare)
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/09/ein-sommernachtstraum/

Die kleine Elfe feiert Weihnachten (Text und Illustration von Daniela Drescher)
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/18/die-kleine-elfe-feiert-weihnachten/

TEO

  • von Lorenza Gentile
  • Aus dem Italienischen
  • von Annette Kopetzki
  • DTV Verlag  1.Mail 2015               www.dtv.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • und LESEBÄNDCHEN
  • 200 Seiten
  • 18,90 € (D), 19,50 € (A), 26,90 sFr
  • ISBN 978-3-423-28051-8
    teo-9783423280518

Z E I C H E N S P R A C H E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine Geschichte über ein Kind, das seinen Selbstmord plant, dürfte zunächst lektüreabschreckend wirken, aber ich verrate hier hemmungslos, daß die Geschichte ein gutes Ende nehmen wird. Damit Sie nun nicht denken, bei diesem Buch handele es sich eine reißerisch-hilflose Betroffenheitsjammerklageschrift, verrate ich außerdem, daß Teo kein Opfer ist, sondern ein kleiner tapferer Held, der sich mutig und einfallsreich für die Menschen einsetzt, die ihm am Herzen liegen.

„Aber ich mag es, wen ich mich was trauen muss, besonders wenn es um was Wichtiges geht.“ (Seite 11)

Der achtjährige Teo vermißt seit geraumer Zeit ein glückliches Familienleben. Seine Eltern streiten viel miteinander und scheinen sich immer weiter voneinander zu entfernen. Von seinen Klassenkameraden, die bereits Lebenserfahrung mit geschiedenen Eltern haben, weiß er, daß es drei elterliche Verhaltensphasen gibt: In der ersten Phase wird lautstark gestritten, in der zweiten Phase herrscht Schweigen, und in der dritten Phase verläßt ein Elternteil die familiäre Wohnung – und dann kommt die Scheidung.

Da sich die häusliche Stimmung in Teos Familie bereits der dritten Phase annähert, will und muß Teo irgendwie seine „Eltern retten“. In einem Buch über Napoleon hat Teo kürzlich gelesen, daß dieser Feldherr alle Schlachten gewonnen habe – allerdings hat Teo das Buch noch nicht ganz ausgelesen und ahnt noch nichts von Waterloo.

Teo möchte unbedingt Napoleon um Rat fragen, wie er die Schlacht für den Erhalt seiner Familie gewinnen könne. Zwar ist Napoleon schon gestorben, aber Teo kennt auch die Sage von Orpheus. Wenn es dem alten Griechen Orpheus gelungen ist, ins Jenseits zu gehen, um seine verstorbene Frau zurückzuholen, warum sollte Teo dann nicht auch Napoleon aufsuchen und befragen können?

Doch wo genau ist das Jenseits?

Teo forscht und sucht nach Orientierung. Im sonntäglichen Gottesdienst stellt er Gott fünfmal die gleiche Frage (als Kind muß man hartnäckig fragen, das kennt er schon von menschlichen Erwachsenen, und warum sollte ein göttlicher Erwachsener da über eine bessere Zuhörbegabung verfügen?), doch er bekommt keine Antwort. Er beschwert sich bei seiner Mutter über Gottes Schweigsamkeit, und seine Mutter erklärt ihm, daß Gott sich weniger durch direkte Rede äußere, sondern mehr durch Zeichen, die er einem schicke und die man dann entsprechend zu deuten habe.

Das Warten auf ein Zeichen Gottes wird für Teo zu einer ziemlichen Geduldsprobe, und er sorgt sich, ob Gott, da er ja schon sehr alt ist, vielleicht genauso vergeßlich wie Teos Großmutter geworden sei.

Sein fernöstliches Kindermädchen bereichert seine spirituelle Nachfrage mit Informationen zur Reinkarnation, die er, weil er sich das Wort nicht merken kann, einfach „Religion des Kreislaufs“ nennt.

Sein bester Freund Xian, der ein kleines Mathegenie ist und allen Menschen einen Zahlenwert zuordnet, erklärt Teo, daß man, wenn man stirbt, einfach eine negative Zahl werde, man gehe über die Null, wechsle die Seite und würde unsichtbar.

Eine Klassenkameradin behauptet folgende Adresse für das Paradies:
„Es ist ganz oben im letzten Stockwerk des Himmels, und nur Gottes Flugzeug kommt da hin.“ (Seite 32)

Die gesammelten Informationspuzzleteilchen über Gott und die Welt, Gut und Böse, Sünde, Beichte und Vergebung, Hölle und Paradies, die Wirkungskraft von Träumen und die indirekte Sichtbarkeit des Unsichtbaren führen zu kindlich vereinfachten, indes durchaus erfrischend-naheliegenden kosmologischen Schlußfolgerungen. Teo faßt seine Erkenntnisse u.a. folgendermaßen zusammen:

» KATHOLIKEN:
     HÖLLE: wenn du böse bist und NICHT beichtest

     PARADIES: böse oder gut, Hauptsache, du beichtest

RELIGION DES KREISLAUFS:
     Gut sein: du wirst als Mensch wiedergeboren
     Böse sein: du wirst als Tier, Gemüse oder Gießkanne
     wiedergeboren (das sind bloß Beispiele, es gibt un-
     endlich viele Möglichkeiten, so viele wie Eissorten)
     …

ATHEISTEN:
     Nichts, null, Leere   «
(Seite 136)

Dieser verwirrende Spielraum macht die Suche nach Napoleon leider nicht einfacher. Teo muß nicht nur herausfinden, ob Napoleon gut oder böse war – also im Himmel oder in der Hölle weilt. Sondern falls falls die Buddhisten recht haben, muß Teo herausfinden, in was sich Napoleon möglicherweise verwandelt hat.

Doch egal welche Glaubensrichtung Teo einschlägt: Der Weg ins Jenseits bedeutet, daß Teo sterben muß. Kurz bevor Teo seine Absicht in die Tat umsetzt, schenkt er spontan einem Penner einen Fünf-Euro-Schein – auch mit dem Hintergedanken, mit dieser kleinen guten Tat seine Chancen auf den Zutritt ins Paradies zu verbessern. Der Penner bedankt sich lächelnd, und die beiden kommen ins Gespräch. Dieses zufällige Gespräch rettet Teo das Leben und offenbart sich als das ermutigende Zeichen, auf das Teo sehnsüchtig gehofft hat.

Teo begreift, daß er als Lebender viel mehr bewirken kann und daß es mit dem Sterben – weiß Gott – noch längst nicht eilt.

„Ich muss mir nur vorstellen, dass mein Leben ein Buch ist und jeder Tag eine Seite, und wenn ich die von heute umblättere, steht da geschrieben: NOCH DAS GANZE LEBEN.“ (Seite 195)

Lorenza Gentile gelingt in dieser Geschichte eine subtile inhaltliche und stilistische Balance zwischen dem tiefen Ernst des kindlichen Anliegens und dem unbefangenen, naiven Charme der kindlichen Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen. Offenbar konnte sich die Autorin den unbestechlichen Kinderblick auf das Verhalten der Erwachsenen bewahren.

„Teo“ ist ein kurzes Buch, ein modernes Märchen, ein leichter Lesehapps für einen Nachmittag, gleichwohl mit einem lebhaften Nachgeschmack von Herzensbildung und philosophischem Humor.

Das wolkenschwebende Titelbild ist eine passende Illustration der unaufdringlichen Weisheit, die den Text umschwebt.

 

Die Autorin:

»LORENZA GENTILE wurde 1988 in Mailand geboren. Ihre Leidenschaft für Literatur und das Theater entstand schon in der Kindheit, die sie in Florenz und Mailand verbrachte. Sie studierte Drama und Theaterwissenschaften an der Goldsmith University, London, und besuchte die internationale Theaterschule Jacques Lecoq in Paris. Teo ist Lorenza Gentiles erster Roman.«

Ein sympathisches Interview mit der Autorin finden Sie unter:
http://www.dtv.de/special/lorenza_gentile­_teo/interview/2222/

Die Übersetzerin:

»ANNETTE KOPETZKI, geboren 1954 in Hamburg, war Universitätsdozentin und Journalistin in Italien. Sie übersetzt seit vielen Jahren Belletristik und Lyrik aus dem Italienischen, darunter Pier Paolo Pasolini, Erri De Luca, Andrea Camilleri und Alessandro Baricco.«