Die Tage mit Bumerang

POSTKARTENIDYLLE  MIT  SCHAF

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dies ist eine Geschichte mit eigenwilligen, sympathisch schrägen Charakteren, in der es um ein plötzliches Vorher/Nachher-Dasein, um die zähflüssige Überwindung von Schock-starre, Schuldgefühlen und Selbstbestrafung, um Verletzlichkeit und Vergebung, Er- wachsenwerden, Freundschaft und Wahlverwandtschaften und um eine neue Liebe geht. Ein Rettungssanitäter namens Kalle, ein Schaf namens Bumerang, ein Hund namens Helsinki und finnische Tangos spielen dabei mit und eine ganze Menge Schnee.

Annu hat ein besonders inniges Verhältnis zu Schnee. Der erste Schneetag des Jahres ist stets ein familiärer Feiertag gewesen, und diese Tradition setzt Annu auch nach dem Tod der Eltern gerne fort. 

Ihr finnischer Vater war Sportreporter und ihre Mutter Biathlon-Skilangläuferin. Nach- dem Annu zur Welt kam, zogen die Eltern in ein schiefes Haus am Waldrand, das zu einem kleinen bayrischen Dorf mit nur siebenundachtzig Einwohnern gehört.

Ein Vierteljahrhundert später lebt Annu, die inzwischen als freie Übersetzerin arbeitet,  zwar alleine in diesem Haus, aber sie ist keineswegs einsam. Annu hat lebhafte Erin-nerungen an ihre Eltern und führt oft innere Dialoge mit ihnen, wobei der Vater nie mit seinen bemerkenswerten finnischen Sprichwörtern spart.

Außerdem wohnt ihr ältester und bester Kindheitsfreund Lars in der unmittelbaren Nachbarschaft, und die beiden pflegen ihre Freundschaft u.a. durch den wöchentlichen Austausch von Frage-Antwort-Postkartenmitteilungen. Lars ist ein köstlich eigen- williger Mensch, der sich Anglizismen gegenüber konsequent verweigert und beispiels- weise statt Aftershave »Nachduft«, statt Smartphone »Schlautelefon«, statt Cliffhanger »Spannungsklippe« und statt Brunch »Spätstück« sagt. Auch mit Lars‘ Frau Birte ver- steht sich Annu gut, und zu Lars und Birtes kleinem Sohn Aron hat sie ebenfalls ein sehr herzlich-zugewandtes Verhältnis.

Lars und Birte veranstalten regelmäßig kulinarische Abendgesellschaften, bei denen Lars durchschaubar oft alleinstehende junge Männer hinzulädt, um sie erfolglos mit Annu zu verkuppeln. Annu behauptet, sie käme sehr gut ohne Mann zurecht, und Lars behauptet, sie sei einfach zu anspruchsvoll, erwarte ein vergleichbar schicksalhaftes Zusammenfinden, wie es einst bei ihren Eltern war; ganz zu schweigen von ihrem aus- geklügelten Fragenkatalog mit sage und schreibe vierundsiebzig Fragen, um herauszu- finden, ob der Kandidat eine ausreichend große Werte- und Interessensschnittmenge mit ihr habe.

Eines Tages holt Annu mit dem alten Volvo ihres Vaters, in dessen Rekorder seit Jahren eine Musikkassette mit finnischen Tangos von Numminen festgeklemmt ist, ein ausran-giertes Sofa bei Lars und Birte ab. Beim Rückwärtsausparken vergißt sie den Schulter-blick und übersieht Aron, der in der Ausfahrt mit Kreide den Asphalt bemalt.

Das Kind ist zwar nicht lebensgefährlich verletzt, aber seine Beine sind gebrochen, und dann kommt eine postoperative Wundinfektion mit resistenten Keimen hinzu, die den Heilungsprozeß sehr in die Länge zieht.

Durch den Unfall ist die vertraute Geborgenheit der wahlverwandtschaftlichen Nähe und alltäglichen kommunikativen Verbundenheit schmerzlich unterbrochen. Lars und Birte ziehen vorübergehend in die Stadt, in der sich die behandelnde Klinik befindet, und Annu versinkt in Sorge um Aron, in Schuldgefühlen und Schwermut. Die Dorfbe- wohner meiden Annu nach dem Unfall, nur der freundliche Rettungssanitäter Kalle besucht Annu und versucht, sie aufzumuntern und dabei näher kennenzulernen. Aber Annu konzentriert sich lieber auf ihre Arbeit, führt Selbstgespräche, quält sich mit Selbstvorwürfen und will niemanden mehr nahe an sich heran lassen. Eines Morgens steht ein entlaufenes Schaf in ihrem Garten. Dieses tollpatschig-sture Schaf bleibt und bringt Ablenkung und Bewegung in Annus Zurückgezogenheit, und es zieht weitere ungebetene – tierische und menschliche – Gäste nach sich …

Es dauert neun Monate, bis Aron wieder ganz gesund wird, Annu und Lars ihre innige Freundschaft erneuern, Annu und Kalle ihren wechselseitigen Nähe-Distanz-Parcours überwinden und der Neuschnee für alle voller Hoffnungsschimmern funkelt.

Dieser Roman wartet mit einem ernsten Thema auf, ohne niederzudrücken. Die Figuren müssen zwar leiden und eine Lebenskrise durchstehen, aber sie verirren sich nicht im Schmerz. Die Gefühlspalette reicht von lähmendem Selbstmitleid bis zu heilsamer Selbstironie, von kindlicher Begeisterung bis zu erwachsener Kleinkariertheit, von dunkler Verzweiflung bis zu spielerischer Zuversicht, von angestaubter Wehmut bis zu frischgelüftetem Lebensmut.

All diese Facetten fügen sich szenisch und dialogisch zu einem gelungenen atmosphä-rischen Ganzen, das neben menschenkenntnisreichem Tiefsinn genug Spielraum für Situationskomik und Schmunzelmomente läßt. Die Autorin erzählt mit sprachlicher Leichtigkeit, mit einer ungewöhnlichen Verbindung von konkreter, sinnlicher Alltäg- lichkeit und zärtlich-melancholischer Poesie.

Als literarische Beilage gibt es zudem einen sehr sättigenden Vorrat finnischer Weisheitssprüche.

„Guter Rat ist wie Schnee, je leiser er fällt, desto länger bleibt er liegen“ (Seite 152)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-tage-mit-bumerang/978-3-446-26446-5/

Die Autorin:

»Nina Sahm, geboren 1980 in Heilbronn, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik in Leipzig und Budapest und arbeitet als Verlagsredakteurin. Ihr Debütroman „Das letzte Polaroid“ erschien 2014. Nina Sahm lebt mit Freund und Hund in München.« http://www.ninasahm.de/

 

Und hier noch – mit Herzensdank an Random Randomsen  https://randomrandomsen.wordpress.com/ für die kompetente Recherche –
die
Klangkostprobe eines finnischen Tangos von Numminen:

 

 

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Wer sich verändert, verändert die Welt

  • Für ein achtsames Zusammenleben
  • von Christophe André
  • Jon Kabat-Zinn
  • Matthieu Ricard
  • Pierre Rabhi
  • Herausgegeben von Ilios Kotsou und Caroline Lesire
  • Aus dem Französischen von Elisabeth Liebl
  • Kösel Verlag, Juli 2018 www.koesel.de
  • gebunden
  • Format: 13,5 x 21,5 cm
  • 224 Seiten
  • mit zahlreichen s/w-Fotos
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 28,90 sFr.
  • ISBN 978-3-466-34736-0

GLÜCKLICHE  GENÜGSAMKEIT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ermutigungen tun gut. Angesichts einer bedrohten Welt sind Ermutigungen zu selbst-wirksamen Veränderungen, die wiederum heilsam auf die Welt ausstrahlen, erfreulich lebensdienlich.

»Eines Tages, so erzählt eine indianische Legende,
brach ein riesiger Waldbrand aus. Bestürzt und
ohnmächtig sahen die Tiere dem Wüten des Feuers
zu. Allein der kleine Kolibri machte sich zu schaffen
und flog immer wieder, um ein paar Tropfen Wasser
zu holen, die er aus seinem Schnabel auf die Flammen
fallen ließ. Nachdem das Gürteltier seinem unsinnigen
Treiben einige Zeit zugesehen hatte, rief es
ihm zornig zu: „He, Kolibri! Bist du eigentlich noch
ganz bei Trost? Mit deinen paar Tropfen Wasser
wirst du dieses Feuer niemals löschen!“ Daraufhin
blickte ihm der Kolibri geradewegs in die Augen und
sagte: „Kann sein. Aber ich tue, was ich tun kann.“  «
(Seite 11)

Mit der obig zitierten indianische Legende wird das Buch „Wer sich verändert, verändert die Welt“ eingeleitet.

Wir können und wir dürfen vom Kleinen zum Großen hin wirken. Achtsamkeitsübungen und Meditation sind dann keineswegs Weltflucht, sondern geistiges Muskeltraining gegen die mentalen Umweltgifte unserer Zeit. Wenn durch innere Sammlung, klärende Selbsterkenntnis und Präsenz sowohl unser Mitgefühl für uns selbst als auch unser Mitgefühl mit anderen Menschen und Mitgeschöpfen wächst, finden wir zu einem konstruktiveren Umgang mit den uns gegebenen Möglichkeiten und Bedingungen.

Im ersten Kapitel benennen die Herausgeber Ilios Kotsou und Caroline Lesire die unge-rechte Wirtschafts- und Sozialordnung, die Ausbeutung und Zerstörung von Natur, Tieren und Menschen, die Fehlentwicklungen und gefährlichen Umweltveränderungen in Hinsicht auf „Klimawandel, Abbau der Ozonschicht, Landnutzung, Süßwasserver- brauch, Verlust der Artenvielfalt, Übersäuerung der Ozeane, Stickstoff- und Phosphor- eintrag in Biosphäre und Meere, Aerosolgehalt der Atmosphäre, Belastung durch Chemi- kalien“ (Seite 33/34) sowie „die Irrwege der industriellen Fleischproduktion“ (Seite 35).

In den folgenden Kapiteln beschreiben Christophe André, Jon Kabat-Zinn und Matthieu Ricard u.a. anhand aktueller psychologischer Studien, wie Achtsamkeitspraxis und Meditation unseren Geist vor den schädlichen Ablenkungen, Zwängen und gewollten Frustrationen des Materialismus, der künstlichen Unzufriedenheit, des Zeitdrucks, des Egoismus und Konkurrenzdenkens schützen können und zugleich hinführen zu mehr Altruismus, Dankbarkeit, Einfachheit, Großzügigkeit, Heilung, Gemeinwohlorientierung und sozialer Verbundenheit sowie zu einem langfristigen Denken, das wesentlich größere Zusammenhänge einbezieht als das sekundenkurze Denken der globalen Finanzwelt.

Pierre Rabhi erweitert den Achtsamkeitsaspekt auf den Umgang mit der Erde und die Kultivierung von Humus, um die Lebenskraft und Fruchtbarkeit der Böden zu bewahren. Durch das kooperative Miteinander zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Natur kommen wir zudem einem zyklischen Zeitverständnis wieder nahe, finden zu „glücklicher Genügsamkeit“ und sind nicht länger bewußtlose Konsummarionetten auf der sinnlosen Jagd nach Selbstwertprothesen.

Die von den Autoren angeregte „Achtsamkeitsrevolution“ wirkt der Natur-  und Selbst-entfremdung entgegen, nährt und bestätigt die in uns angelegten Samen der Liebe, Güte und der Empathie und fördert unsere ganzheitliche Erkenntnisfähigkeit. Das harmonische Zusammenwirken von Geist und Herz führt zu mehr Gelassenheit und Zufriedenheit.

Jeder der Autoren verweist ergänzend auf für ihn vorbildliche Persönlichkeiten, die ihn inspirieren und wartet mit ganz praktischen, unkomplizierten Anregungen für den Lebensalltag auf.

Der Anhang zum Buch informiert kurz und bündig über vielfältige „Projekte, die die Welt bewegen“, nebst entsprechenden Linkadressen und Literaturhinweisen, wie beispiels-weise: www.colibris-lemouvement.org
www.siebenlinden.de
www.mbsr-verband.de
www.foodsharing.de
www.slowfood.de
www.slowfoodyouth.de

»Die Utopie zu leben, das heißt vor allen Dingen zu akzeptieren, dass etwas im Werden begriffen ist. Ein Geschöpf voller Achtsamkeit und Mitgefühl zu sein, ein Geschöpf, das mit seiner Intelligenz, seiner Fantasie und seinen Händen dem Lob des Lebens dient … « (Seite 157)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPORBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Wer-sich-veraendert-veraendert-die-Welt/Christophe-Andre/Koesel/e459714.rhd

Die Autoren:

»Christophe André ist Arzt, Psychiater und Autor erfolgreicher Bücher über die Kraft der Emotionen. Als einer der Ersten hat er Achtsamkeitsmeditation in die Psychotherapie integriert.«

»Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor für Medizin und Bestsellerautor, gilt als Vater der modernen Achtsamkeitsmeditation. Sein Programm MBSR (Stressbewältigung durch Achtsamkeit) wird weltweit unterrichtet.«

»Pierre Rabhi ist Poet, Philosoph und Begründer der Agro-Ökologie, einer von Menschlich-keit geprägten Landwirtschaft. Er entwickelt Projekte für Länder, die an Wassermangel leiden.«

»Matthieu Ricard, Naturwissenschaftler und anerkannter Fotograf, lebt seit über 25 Jahren als buddhistischer Mönch. Der Übersetzer des Dalai Lama setzt sich für zahlreiche humanitäre Projekte ein.«

 

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AYLA

  • Meine ungewöhnliche Freundschaft mit einem jungen Fuchs
  • von Silje Elin Matnisdal und Leiv Magnus Grøtte
  • Originaltitel: »Ayla the Fox – Reven som sjarmerte en hel verden«
  • übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrike Strerath-Bolz
  • Knaur Verlag April 2019 www.droemer-knaur.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • 120 farbige Abbildungen
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-426-21452-7

U N G E Z Ä H M T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Silje Elin Matnisdal kauft einen Fuchswelpen aus einer Pelztierfarm frei und gewährt ihm dadurch ein Leben in größerer, wenn auch nicht gänzlich freier Freiheit. Sie nimmt den Fuchswelpen schon im zarten Alter von fünf Wochen zu sich, damit das Tier eine Bindung zu ihr entwickeln kann, und stellt ihr Leben weitgehend auf die Bedürfnisse des kleinen Wildfangs ein. Sie nennt die Füchsin Ayla, nach der Titelheldin der AYLA-Stein- zeitsaga von Jean M. Auel. Ayla ist eine Goldfüchsin – eine Mischung aus Rot- und Silberfuchs.

Silje zeigt von Anfang an Fotos von Ayla auf Instagram und erzeugt mit dieser foto-grafischen Niedlichkeitsoffensive eine unerwartet große Resonanz. Es folgen Zeitungs- berichte, Fernsehreportagen und YouTube-Kurzvideos. Die Faszination speist sich gleichermaßen aus den eindrucksvollen Fotos und Nahaufnahmen und der Geschichte des Zusammenlebens eines Menschen mit einem Fuchs. Nach wenigen Wochen ist Ayla weltberühmt.

Im vorliegenden Buch werden wir durch zahlreiche Fotos und erläuternde Texte Zeugen von Aylas Aufwachsen in menschlicher Obhut. Anfangs sorgt Alya für schlaflose Nächte, da sie ständig körperlichen Kontakt und Streicheleinheiten braucht, um sich sicher zu fühlen. Silje trägt den Welpen viel mit sich herum und läßt ihn nahe bei sich in einer ausgepolsterten Schachtel schlafen.

Foto: Silje Elin Matnisdal © Knaur Verlag 2019

Später wird Ayla selbständiger, folgt Silje bei Spaziergängen und erkundet aufmerksam Hof und Garten. Das Wohnzimmer wird fuchsgerecht leergeräumt, da nichts vor den scharfen Zähnen und der Neugier Aylas sicher ist; außerdem markiert sie lückenlos alles mit ihrem Urin.

Aylas Bewegungsradius wird größer, doch sie kehrt stets zurück zu Silje. Als Ayla einen großen Hund aus der Nachbarschaft „provoziert“, zäunt Silje einen großen Bereich als Freigehege für Ayla ein.

Ayla ist zutraulich, läßt sich streicheln und von Hand füttern, gleichwohl macht Silje mehrfach schmerzhafte Bekanntschaft mit Aylas messerscharfen Raubtierzähnen. Silje gewöhnt Ayla sanft an weitere Menschen, aber die kleine Füchsin ist eigenwillig und nicht so anpassungsfähig wie ein Hund; sie folgt auf Ruf, wenn sie es will.

Foto: Silje Elin Matnisdal © Knaur Verlag 2019

Als Ayla größer geworden ist, nimmt Silje sie auf ausgedehnte Wanderungen mit und zeltet auch mit ihr, wobei Ayla schnell herausfindet, wie man die Zeltheringe heraus- zieht und das Zelt zu Fall bringt. Ayla kommt problemlos mit ein oder zwei zusätzlichen menschlichen Begleitpersonen und sogar mit deren Hunden zurecht, aber nicht mit großen Menschenansammlungen. Ayla ist eine ebenso schelmische wie unberechenbare Persönlichkeit, die auch von Silje Anpassungsfähigkeit verlangt.

Silje leint Ayla bei solchen Ausflügen mit einer sehr langen Schleppleine an, um nicht völlig die Kontrolle über die Füchsin zu verlieren, die in der freien Natur ganz in ihren Instinkten aufgeht und ausgelassen Mäuse jagt oder mit den befreundeten Hunden spielt.

Foto: Silje Elin Matnisdal © Knaur Verlag 2019

Bei einer Wanderung kurz vor Drucklegung des vorliegenden Buches entwischt Ayla mitsamt der Schleppleine. Wochenlang geht Silje die Wanderstrecke entlang und sucht unermüdlich nach Ayla, sie legt Futterköder aus und bittet über Facebook und Insta- gram um Hilfe. Doch trotz Suchplakaten, zahllosen freiwilligen Helfern und über- regionaler Berichterstattung und Anteilnahme bleibt Ayla verschwunden.

Vier Wochen nach ihrem Verschwinden findet ein Wanderer die tote Füchsin unter einem Wacholderbusch. Ayla hatte sich von ihrer langen Leine befreit und sich dennoch in ihr verheddert und dadurch stranguliert.

Das Buch dokumentiert Aylas Leben mit faszinierenden und anrührenden Fotos sowie Erfahrungsberichten und Anekdoten. Sachinformationen über Füchse und ihre Lebens- bedürfnisse sowie über die Grenzen der Zähmbarkeit eines Wildtiers runden Aylas Lebensgeschichte ab.

Es bleibt eine ethisch strittige Frage, ob man ein Wildtier als Haustier halten sollte. Ayla hatte bei Silje auf jeden Fall ein besseres und längeres Leben, als sie es in der Pelztier-farm gehabt hätte.

Silje partizipiert über die innige Verbundenheit und Nähe zu Ayla an deren Wildheit und instinktiver Wahrnehmung. Sie vertieft über den Tierkontakt gewissermaßen ihr eignes Naturerleben. Silje betont oft, wie sehr ihr Gefühl von Freiheit, Lebendigkeit und Natur-verbundenheit durch die Anwesenheit Aylas erweitert wurde. Wir können nicht wissen, wie Ayla die Anwesenheit von Silje empfunden hat. Auf den Fotos erscheint Ayla als Welpe anschmiegsam, verletzlich und schutzbedürftig und als ausgewachsene Füchsin ebenso verspielt und zugeneigt wie wild und ungezähmt – nur die Leine, die manchmal sichtbar ist, erscheint als Fremdkörper.

Es ist nicht leicht, Tierliebe von menschlicher Selbstfürsorge und Selbstbezogenheit zu trennen. Wer die Freiheit anleint, muß offenbar noch loslassen lernen!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/silje-elin-matnisdal-leiv-magnus-groette-ayla-meine-ungewoehnliche-freundschaft-mit-einem-jungen-fuchs-9783426214527

 

Die Halterin von Ayla:

»Silje Elin Matnisdal lebt auf einem Bauernhof unweit von Stavanger in südwestnorwegen und arbeitet als Logistikerin bei einem großen Maschinenbauunternehmen. Sie ist eine große Naturliebhaberin und Tierfreundin.«

Der Autor:

»Leiv Magnus Grøtte lebt in Hundvåg bei Stavanger und arbeitet in einer Werbeagentur. Er hat Silje und Ayla über Monate hinweg mit seiner Kamera begleitet.«

Querverweis:

Das Fotobuch von Cameron Bloom und Bradley Trevor GreivePenguin Bloom. Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“ illustriert in Wort und Bild, daß die Rettung eines Wildtiers auch dann ein Menschenleben bereichern und heilsam ergänzen kann, wenn man dem liebgewonnenen Tier nach einer Phase der Schutzbedürftigkeit und Pflege die Freiheit läßt, wiederzukommen oder fernzubleiben. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/10/15/penguin-bloom/

 

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KARMA COOKING

  • Koch dich glücklich!
  • von Diana Johannsen und
  • Shirley Michaela Seul
  • TRINITY Verlag   März 2017  www.trinity-verlag.de
  • gebunden
  • Format: 13,5 cm x 17,5 cm
  • 240 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN 978-3-95550-225-6

D A S E I N S R E Z E P T E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Karma Cooking“ ist ein Kochbuch für Körper, Geist und Seele.

Hier geht es weniger um Rezepte und Zutatenlisten, sondern vielmehr um die geistige Haltung und liebevolle Präsenz bei der Zubereitung von Nahrung, also um die mentale und emotionale Würze, die Sie – bewußt oder unbewußt – den Speisen hinzufügen.

Fragen Sie sich selbst, ob Sie beim Kochen mit Liebe, Bewußtheit und Dankbarkeit bei der Sache sind oder gehetzt, beiläufig und abgelenkt sowie belastet von Sorgen, Streß und negativen Gedanken oder schlichter Kochunlust. Die vorherrschende Stimmung beim Kochen überträgt sich und lädt das Essen entsprechend auf.

So regt die Autorin einleuchtend dazu ein, vor dem Kochen die Hände und die Gedanken zu waschen, und serviert eine Fülle weiterer Anregungen, die Speisen und das dazu verwendete Wasser konstruktiv zu  besprechen, zu segnen und mit verschiedenen Symbolen, Licht- und Farbvisualisierungen aufzuladen.

Eine weitere lebenswichtige Zutat ist das entspannt-konzentrierte Dasein und ganze Dabeisein beim Kochen. Die Autorin zündet dafür als Zentrierungsanker eine Kerze in ihrer Küche an und praktiziert die Yogi-Vollatmung. Es genügt jedoch auch, wenn man sich seines Atems gewahr ist und ihn allein dadurch vertieft. Die Hauptsache ist, daß sich die Gedanken beruhigen und daß nun gekocht oder gebacken wird und nichts anderes sonst.

Es tut gut, wenn die Gedanken das, was wir in der Küche gerade tun, begleiten und nicht zur Steuererklärung, der kritischen politischen Weltlage oder einer noch ungeklärten Streitfrage abschweifen. Sind wir mit Körper, Geist und Seele anwesend, werden die Zutaten sinnlich wahrgenommen, dankbar gewürdigt, übersichtlich geordnet, gesäubert und verarbeitet. Schritt für Schritt und genußvoll schon bei der Zubereitung nährt die Hingabe an den Augenblick die liebevolle Präsenz.

Mit welchen Symbolen man die fertige Speise oder die einzelnen Zutaten „bestrahlen“ möchte, entscheidet man am besten nach persönlichem Empfinden. Die Blume des Lebens, das Reiki-Energie-Symbol Cho Ku Rei, das Unendlichkeitssymbol oder einfach ein gemaltes Herz seien hier als Anregung genannt. Ob man als spirituelle Zugabe eine Affirmation, ein Mantra, ein Gebet oder einen Segensspruch, eine Farb- oder Licht- visualisierung oder eine Kombination dieser Zugaben anwendet, bleibt der eigenen Experimentierfreude und religiösen Vorliebe frei überlassen.

„Karma Cooking“ wartet mit  achtundzwanzig veganen Koch- und Backrezepten auf, deren Zutatenlisten neben den materiell-irdischen Zutaten um zwei bis drei himmlische Zutaten – beispielsweise Liebe, Freude, Demut, Dankbarkeit, Glück, Gesundheit, Mut, Vertrauen, Zufriedenheit, Zuversicht – ergänzt werden. Die Zubereitungsbeschreibungen sind übersichtlich und praxiserprobt. Es sind leichte, unkomplizierte, alltagstaugliche Rezepte wie Apfelkuchen, Auberginenmus, Erdbeermarmelade, Gemüsebrühe, Indische Linsensuppe, Kartoffelgratin, Kartoffelsuppe, Pizza Buschetta con Rucola, Risotto, Rübli-Geburtstagskuchen und Rohkost-Schokoladenkuchen.

Wer mit veganer Ernährung fremdelt, braucht keine Angst vor den Ernährungshin- weisen und Rezepten zu haben. Die Autorin erläutert ihre Entscheidung für eine vegane Ernährungsweise ohne missionarische Attitude – „… wir sind hier nicht beim Rechthaberwettessen.“ (Seite 80) -, sondern bittet einfach nur um eine Erweiterung und Ergänzung des Kochhorizontes auch für vegane Speisen.

Die Autorin schreibt aus einer von der Yoga-Philosophie geprägten Geisteshaltung des Mitgefühls mit allen Wesen und der Verbundenheit allen Lebens. Die Erfahrungsberichte aus ihrer privaten und beruflichen Kochtätigkeit sind authentisch und erklingen in heiterer Leichtigkeit.

Der beste Ernährungsratgeber und Kochassistent ist nach Ansicht der Autorin unsere innere Weisheitsinstanz. Sie nennt diese Instanz „Little Guru“. Diese innere Stimme spricht leise, doch in meditativer Gestimmtheit und achtsamer Aufgeschlossenheit kann man sie nicht überhören und so manchen lebensdienlichen Impuls empfangen.

Geben Sie Ihren Speisen den Geschmack von Liebe, machen Sie ein Rezept zum Gebet, rühren Sie Gegenwärtigkeit, Güte, Heilung, Hoffnung, Kraft, Lebensfreude, Sinnlichkeit, Vertrauen und Wertschätzung in Ihr Essen – es ist keine Frage, daß man den Unterschied schmecken kann!

Ich kann dies aus langjähriger eigener Erfahrung bestätigen, denn es ist mir keineswegs neu, meine Speisen zu segnen und mit Symbolkräften anzureichern. Eine meiner Lieb-lingssegnungsformeln beim Kochen und Backen lautet: „Liebe Speise, munde fein, sollst ein Genuß für alle sein!“ So spreche ich zum Kuchenteig, zum Eintopf, zur Gemüse-pfanne, zur Pizza, zur Suppe, zu den Nudeln, der Soße, dem Salat, dem Nachtisch und zum selbstgemachten Brotaufstrich.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.trinity-verlag.de/Buecher/243/KarmaCooking.html

Die Autorin:

»Diana Johannsen ist Wasserbotschafterin, Yoga-Lehrerin und Inhaberin der Koch-Community Karma Cooking in Herrsching am Ammersee. Sie gibt energetisch-vegane Kochkurse und betreibt einen veganen Cateringservice. Zusammen mit ihrem Mann Percy Johannsen organisiert sie das Namasté Yogafestival namaste-yoga.de .«  www.karmacooking.de

Die Co-Autorin: Shirley Michalea Seul  http://www.shirley-michaela-seul.de

Querverweis:

„KARMA COOKING“ ergänzt sich harmonisch mit dem Sachbuch „YOGAN“ von Dominik Grimm, das Yogapraxis und vegane Ernährungsprinzipien ausgewogen miteinander vereint: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/21/yogan/

Wer das Thema des achtsamen Daseins im Hier & Jetzt gerne vertiefen möchte, dem empfehle ich zusätzlich das konZENtrativ-inspirierende  Buch „DER TIGERBERICHT“ von Dietrich Wild: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/der-tigerbericht/

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Manolito

  • Ein fantastischer Märchen-Roman
  • von Friedrich Hechelmann
  • Knesebeck Verlag September 2017   www.knesebeck-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • Format: 19,5 x 23,00 cm
  • 176 Seiten
  • mit 10 schwarzweißen Abbildungen
  • und 30 farbigen Abbildungen
  • ISBN 978-3-95728-060-2
  • 29,95 € (D), 30,80 € (A)
  • ab 10 Jahren

LE B E N S K R Ä F T E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Friedrich Hechelmann ist Maler und Buchillustrator, und er hat für das vorliegende Buch nicht nur zum Pinsel, sondern auch selbst zur Feder gegriffen. Achtsame Liebe zur Natur, Ehrfurcht vor der Schöpfung und eine naturmagisch-poetische Perspektive lassen sich an seinen Bildern ablesen.

Mit seinem Märchen-Roman-Debüt „Manolito“ erzählt Friedrich Hechelmann in Wort und Bild ein modernes Märchen über die Bedrohung der Natur und des Lebens durch menschliche Herzenskälte und Profitgier und über eine mögliche Bewußtseinswende durch heilsame, naturgeistige Lebenskräfte.

Knuth Rabenhorst arbeitet in einem wissenschaftlichen Versuchslabor der Pharma-industrie und führt gehorsam die verlangten Versuche an den „Probanden“ durch. Des Nachts meldet sich bei ihm jedoch angesichts der Qualen der Versuchskaninchen immer häufiger das Gewissen, denn eigentlich ist Knuth ein empfindsamer Mensch – so pflegt er beispielsweise eine Fütter-Freundschaft mit einem dem Raben Kasimir, der ihn regelmäßig auf seinem Balkon besucht.

Doch erst als Knuth seine Anstellung verliert, kommt er ernsthaft  zur Besinnung. In seiner Labor-Kitteltasche findet er den heimlich entflohenen Probanden Nr. 226. Nr. 226 ist nur kichererbsenklein, er hat eine menschliche Gestalt und fleht Knuth an, ihn nicht wieder in das schreckliche Labor zurückzubringen. Knuth läßt endlich sein Mitgefühl zu und verspricht Nr. 226 Schutz und Hilfe und gibt ihm den Namen „Manolito“.

Manolito freut sich, daß er keine Nummer mehr ist, und Knuth freut sich über die anre-gende Gesellschaft Manolitos. Sie diskutieren lebhaft das menschliche, lebensfeindliche Verhalten gegenüber den natürlichen Geschöpfen, und Knuth überlegt sich berufliche Alternativen, da er sich an diesem Zerstörungswerk nicht mehr beteiligen mag.

Während sich Knuth auf Arbeitssuche begibt, erkundet Manolito sein neues Zuhause und freundet sich mit der Hausspinne Liesa und dem Raben Kasimir an. Manolito ist die körperliche Miniaturausgabe eines Menschen, indes hat er die Seele eines Elfen, und deshalb kann er mit allen Tieren sprechen. So erfährt er auch, daß sich immer mehr Tiere auf den geheimen Kontinent Aronia zurückziehen, um der menschlichen Grausamkeit und den durch Umweltverschmutzung lebensverarmten und zerstörten Lebensräumen zu entkommen.

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

Der Zugang nach Aronia wurde vor vielen Jahrtausenden von den Elfen hinter einer für Menschen unsichtbaren Wasserwand verborgen. Tiere finden den Weg nach Aronia jedoch instinktiv, und die wenigen Elfen, die noch als Botschafter in der Menschenwelt unterwegs sind, haben selbstverständlich ebenfalls leichten Zugang. Und so landet Manolito nach einer dramatischen Wende unvermittelt in Aronia.

Die Hummelkönigin Klara nimmt Manolito als Flugpassagier auf und zeigt ihm die wilden, menschenleeren Landschaften Aronias, in denen außer den noch in der Menschenwelt existierenden Tieren auch ausgestorbene Tiere und fast vergessene Fabelwesen leben und wirken. Im Herzen Aronias liegt der Elfenwald. Dort erfährt Manolito mehr über seine Herkunft und seine Bestimmung, und er bekommt ein wertvolles Geschenk, das ihm bei der Erfüllung seiner Aufgabe dienlich sein wird.

So groß, weitläufig und verborgen Aronia auch ist, es ist nicht unverwundbar. Die menschliche Gier nach Bodenschätzen unterhöhlt buchstäblich auch dieses Refugium, und es besteht die akute Gefahr, daß Aronias Schutzschleier gelüftet wird. Aronia benötigt elementare Unterstützung, um sich gegen einen Angriff und eine drohende Invasion der Menschen zu verteidigen.

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

Der Zentrale Rat der Vereinigten Arten Aronias beauftragt Manolito, die Hummelkönigin Klara, die Grasmücke Mathilde, die Fledermaus Philomena und weitere tierische Ver-bündete zum Meister des Windes zu reisen und um seine Unterstützung zu bitten. Die Bewohner Aronias werden ihr Refugium nicht kampflos den „Paarfüßlern“ – so werden die Menschen von den Tieren genannt – überlassen.

Es wird eine sehr abenteuerliche Reise mit harten Bewährungsproben und mit unverhofft-hilfreichen und inspirierenden Begegnungen. So weiß beispielsweise der Delphin Ody, der sie beim Überqueren des Meeres vor dem Ertrinken rettet, weitsichtige Worte über das Wasser zu sagen:

»Ich weiß es vom Wasser … Es hat die gesamte Geschichte der Erde und seiner Bewohner gespeichert. Dem Wasser kann man nichts vormachen. Was man dem Wasser antut, tut man sich selbst an. Bei Luft und Erde ist es dasselbe. Das haben die Paarfüßler nur bis heute nicht begriffen.« (Seite 111)

Die spannende, märchenhafte Handlungsinszenierung fügt sich wunderbar in die vielfältigen Landschaften, ja, eigentlich Seelenlandschaften, die Friedrich Hechelmann entwirft. Dabei eröffnet er einfühlsam Perspektiven der Tiere auf das Handeln der Menschen.

Die katastrophal-zerstörerischen Folgen lebensabgehobener Naturentfremdung werden deutlich formuliert, indes fehlt es keineswegs an weisen Anregungen zu einem Leben in naturachtsamer, wechselseitiger Verbundenheit.

Friedrich Hechelmanns phantastische Illustrationen bieten der Imagination des Lesers ein einladendes Bühnenbild voll geheimnisvoller Lebenstiefe und poetischer Vielschichtigkeit. Sein Erzählstil ist im Vergleich dazu schnörkellos und präzise sowie in den Dialogpassagen gelegentlich etwas schelmisch. Er benutzt klare Worte und kurze Sätze. „Manolito“ ist ein leseleichter, gleichwohl substanzieller und inspirierender Märchen-Roman für kleine und große Menschen, denen die Natur am Herzen liegt. Ich würde die Lesealtersangabe des Verlages dahingehend korrigieren, daß „Manolito“ eine Lektüre von 10 bis 100 Jahren ist.

Zum Ausklang lasse ich uns gerne die Hummelkönigin Klara ihre Vision ins Ohr summen:

»Ich wollte, die Menschen fänden zu ihrer Bestimmung zurück und gingen achtsam mit der Natur um, würden die Geschöpfe und alles, was lebt, bewahren und lieben. Die Erde wird auch dann kein Paradies sein. Solange der Planet um sich selbst und um die Sonne kreist, wird es Tag und Nacht geben. Jedes Ereignis, jedes Lebewesen wird eine dunkle und eine helle Seite haben. Aber im Kern jeden Lebewesens sollte der Respekt vor dem Geheimnis des Lebens stehen. Wenn es so weit ist, werden auch die Elfen ihre Isolation aufgeben und zu uns zurückkehren, zum Wohle aller.« (Seite 90)

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.knesebeck-verlag.de/manolito/t-1/594

Querverweis:

Hier entlang zu einer von Friedrich Hechelmann illustrierten Märchensammlung
Das Buch der Märchen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/01/28/das-buch-der-maerchen/

 

Der Autor und Illustrator:

»Friedrich Hechelmann wurde 1948 in Isny im Allgäu geboren. Er studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und zählt seither zu den bedeutendsten Malern des Realismus. In der Kunsthalle im Schloss Isny im Allgäu, wo er heute lebt und arbeitet, hat er einen besonderen Ort gefunden, den er durch großes Engagement zu einem kulturellen Zentrum verwandelt hat. In den mit großer Liebe zum Detail restaurierten Räumen des Schlosses stellt er seine Originalwerke aus, darunter auch Buchillustrationen. Denn Friedrich Hechelmann wurde auch als Illustrator zahlreicher Bücher populär, wie Michael Endes Momo (2009), Cornelia Funkes Die Geisterritter (2011) oder Selma Lagerlöfs Nils Holgersson (Knesebeck, 2013). Manolito ist der erste Roman des Künstlers.«
Besuchen Sie Friedrich Hechelmann auf seiner Webseite: www.hechelmann.de

 

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Wie man die Zeit anhält

  • Roman
  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »How To Stop Time«
  • Deutsch von Sophie Zeitz
  • DTV Verlag April 2018   www.dtv.de
  • gebunden mit LESEBÄNDCHEN
  • 384 Seiten
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN 978-3-423-28167-6

Z E I T L U P E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Matt Haig hat eine Talent für faszinierende Außenseiterfiguren. Es sind keine unkonven-tionellen Individualisten oder snobistischen Einzelgänger, sondern Menschen, die auf eine Weise anders sind, daß sie vorsorglich ihr wahres Wesen verbergen; nicht, weil sie etwa eine Gefahr für die Menschheit wären, sondern weil die „normalen“ Menschen zur Gefahr für sie werden könnten, träte ihr wahres Sosein ins Licht der Öffentlichkeit.

In seinem Roman „Ich und die Menschen“ war es ein Außerirdischer, der die Erde besucht, unerkannt seiner interplanetaren Mission folgt und sich von seiner ursprüng-lichen Absicht durch die unerwartete Erfahrung von Liebe und Poesie ablenken läßt (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/).

Diesmal ist der Romanheld ein sterblicher Mensch, der allerdings mit einer besonderen Veranlagung zur Welt kommt: Tom Hazard altert wesentlich langsamer – ungefähr im Verhältnis 1:15 im Vergleich zur Normalterungszeit. Diese Eigenschaft zeigt sich erst ab der Pubertät, und dann fällt unvermeidlich auf, daß dieser Mensch körperlich außergewöhnlich lange unverändert jung bleibt.

Als neuer Geschichtslehrer an der Oakfield Schule in London vermittelt Tom Hazard seinen Schülern den Lehrstoff so lebhaft, als wäre er dabei gewesen, und wenn man wie er ein Alter von 439 Jahren erreicht hat, kann man bei so manchen historischen Bedingungen, Charakteren, Ereignissen und Stadtkulissen – ob ganz alltäglich oder spektakulär – aus persönlicher Lebenserfahrung mitreden.

Selbstverständlich weiß niemand außer ihm und der geheimen Albatros-Gesellschaft, daß Tom schon so alt ist, denn er sieht aus wie Anfang vierzig. Zwar hat Tom im Laufe seines Lebens bisher nur sehr, sehr selten Menschen getroffen, die so sind wie er, gleichwohl gibt es weltweit einige hundert mit dieser Veranlagung. Hendrich, der siebenhundertjährige Leiter dieser Geheimgesellschaft, organisiert und finanziert (er hatte dereinst sehr erfolgreich mit Tulpen spekuliert) den langsam alternden Artgenossen alle acht Jahre eine neue Identität, damit ihre Besonderheit kein Aufsehen erregt.

Tom Hazard wurde 1581 geboren, und man kann sich leicht vorstellen, welch große Gefahr eine solche Eigenschaft zu jener Zeit bedeutet hat. Die abergläubische Vermu- tung von Hexerei und Teufelsbund kostete seiner Mutter grausam das Leben, und Tom floh entsetzt aus dem engstirnigen Dorf. Er nahm nur seine Laute mit, und nach Tagen des Hungerns, der Schuldgefühle und Verzweiflung traf er auf einem Marktplatz die junge Obstverkäuferin Rose. Sie gewährte ihm Obdach in ihrem kleinen Haus, das sie zusammen mit ihrer Schwester bewohnte.

Vorsichtig schöpfte der frisch in Rose verliebte Tom Hoffnung auf ein normales Leben. Mit seinem Lautenspiel verdiente er in London ein wenig Geld. Kurz darauf lernte er Shakespeare kennen und spielte im Musikensemble des Globe-Theaters mit, was ihm ein sehr auskömmliches Einkommen bescherte.

Tom und Rose heirateten und bekamen eine Tochter. Doch die Tuscheleien der Nachbarn über den ewig-jungen Tom und auch das Wiederauftauchen des einstigen Hexenjägers, der den Tod von Toms Mutter verantwortet hatte, führten dazu, daß Tom die traurige Entscheidung traf, seine Familie zu verlassen, um ihr Leben zu schützen.

Er sah Rose erst an ihrem Sterbebett wieder, und sie erzählte ihm, daß seine Tochter Marion seine seltsame Alterslosigkeit geerbt habe und daß sie eines Tages einfach verschwunden sei. Rose nahm ihm das Versprechen ab, Marion wiederzufinden.

Im Laufe der Jahrhunderte lernte Tom viele Sprachen, zahlreiche Musikinstrumente, und er übte viele Berufe aus, er war Dolmetscher, Matrose, Schmied, Pianist … in gewissen Abständen änderte er seinen Wohnort, seinen Namen, Städte, Länder, Kontinente. Er fuhr mit Captain Cook zur See, traf F. Scott und Zelda Fitzgerald in einer Bar in Paris …  Oft hielt ihn nur die Hoffnung am Leben, irgendwann seine geliebte Tochter aufzuspüren, und der Trost schöner Musik.

Erst im 19. Jahrhundert kam er in Kontakt mit der geheimen Albatros-Gesellschaft, denn er hatte den Fehler begangen, sich einem Arzt anzuvertrauen. Dieser hatte einen Bericht über Toms außergewöhnliche Veranlagung – die „Anagerie“ – geschrieben, und die Albatros-Gesellschaft machte den Arzt umgehend und wortwörtlich mundtot und nahm Tom in ihren Schutzkreis auf.

Der Preis dieser Schutzgewährung ist der Verzicht auf Liebe und nähere zwischen-menschliche Bindungen sowie gewisse Gefälligkeiten gegenüber der Albatros-Gesellschaft – sei es die Entdeckung und Rekrutierung weiterer „Albas“ oder die Eliminierung von unerwünschten Mitwissern. Hendrich spricht von normalen Menschen stets geringschätzig als „Eintagsfliegen“, und er sieht keinen Unterschied zwischen der Bedrohung durch mittelalterlichen Aberglauben und moderne, medizinische Forschungslabore.

Gönnerhaft bietet Hendrich Tom alle acht Jahre ein neues Leben seiner Wahl an, und er ist mißtrauisch, weil sich Tom diesmal für ein schlichtes Lehrerdasein an einem Ort voller schmerzlicher Erinnerungen entschieden hat. Tom empfindet den angeblichen Schutz, den die Mitgliedschaft in der Albatros-Gemeinschaft bietet, zunehmend als Gefängnis, und er zweifelt heimlich an Hendrichs Regeln.

Während Tom nach und nach seinen Unterrichtsstil verfeinert und bei einigen Schülern tatsächlich Begeisterung für Geschichte wecken kann, wird er von vielen Erinnerungen geplagt, und er spürt seine Herzensverluste und seine Einsamkeit stärker als je zuvor. Die Beschreibungen väterlicher Hoffnung, Liebe, Sorge und Kindessehnsucht gehören zu den berührendsten Passagen dieses Romans. Ein Lichtblick in seinem neuen Dasein ist seine Kollegin, die Französischlehrerin Camille, in die er sich nach mehr als 400 Jahren Einsamkeit unaufhaltsam verliebt …

Matt Haig erzählt das Schicksal Tom Hazards mit geschickten Szenenwechseln von Zeiten, Orten und Ereignissen. Betrachtungen zum aktuellen Zeitgeist wechseln sich ab mit anschaulichen historischen Rückblicken und – angesichts der „Gezeiten des Mitgefühls“ (Seite 339) – berechtigtem Zweifeln am Fortschritt von Zivilisation und Mitmenschlichkeit. In diesem Roman kombiniert Matt Haig spannende Unterhaltung mit zeitloser Gesellschaftskritik und Betrachtungen zur elementaren Bedeutung von Liebe und Verbundenheit für eine bejahende Haltung zum Leben.

Gleichwohl erreicht er hiermit bei weitem nicht das Maß an Tiefsinn und Weisheit, daß ihm mit seinem Roman „Ich und die Menschen“ gelungen ist. Auch wenn es anbetracht von Toms traumatischen Erfahrungen verständlich ist, hätten ihm weniger Erinnerungskopfschmerzen und mehr Lebensreife besser gestanden. Neben den in den Erzählverlauf eingestreuten, feinen Zitaten von Michel de Montaigne erscheinen seine eigenen lebensphilosophischen Erkenntnisformulierungen schwach und bisweilen binsenweisheitlich.

Toms Biographie ist ein Balanceakt zwischen Lebens- und Todessehnsucht, das lange Leben führt zu Wiederholungsermüdungen – zu häufig erlebte neue Moden können auch langweilen, vielschichtige Erinnerungsüberlagerungen und wehmütige Echos gewesener Gefühle und Bindungen überschatten die Erfahrung der Gegenwart. Es kostet ihn viel Überwindung und dramatische Komplikationen, seine eingeübte zwischenmenschliche Reserviertheit aufzugeben und sich konsequent gegen Angst und Schmerzvermeidung für Liebe, Verletzlichkeit und Vertrauen zu entscheiden.

 

„Es mag seltsam klingen, sich wegen einer Geste zu verlieben, aber manchmal sieht man in einem einzigen Moment den ganzen Menschen. So wie man in einem Sandkorn das Universum erblicken kann. Ob es Liebe auf den ersten Blick gibt oder nicht, Liebe in einem Augenblick gibt es bestimmt.“

(Seite 282)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der DTV-Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/matt-haig-wie-man-die-zeit-anhaelt-28167/

Parallel zum Buch ist das Hörbuch beim Hörverlag erschienen.

Matt Haig
Wie man die Zeit anhält
Roman
Originaltitel: »How To Stop Time«
Deutsch von Sophie Zeitz
Hörbuch
1 mp3-CD, Laufzeit: 571 Minuten
ungekürzte Lesung von
Christoph Maria Herbst
€ 20,00  € (D), 22,50 € (A), 27,90 sFr.
ISBN: 978-3-8445-2896-1

 

Christoph Maria Herbst vorleseverkörpert virtuos alle Romanfiguren mit charakterstarkem, gefühlvollem Nuancenreichtum und in der Rolle von Camille mit sehr charmantem französischem Akzent.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Wie-man-die-Zeit-anhaelt/Matt-Haig/der-Hoerverlag/e537252.rhd

Querverweis:

Hier entlang zu Matt Haigs nachdenklich-amüsantem Roman „Ich und die Menschen“, in dem uns die außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation einen ganz besonderen Blick auf das Alltägliche verschafft: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

Und zu seinem autobiographischen Buch zum Thema Depression  „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/14/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben/

Der Autor:

»Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und hat bereits eine Reihe von Romanen und Kinderbüchern veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über 30 Sprachen übersetzt wurden. In Deutschland bekannt wurde er mit dem Bestseller „Ich und die Menschen“.«

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Das Herz der Puppe

  • von Rafik Schami
  • mit Bildern von Kathrin Schärer
  • Hanser Verlag  2012   https://www.hanser-literaturverlage.de/
  • gebunden
  • 192 Seiten
  • 12,90 € (D), 13,30 € (A), 18,90 sFr.
  • ISBN 978-3-446-23896-1
  • ab 8 Jahren
    Schami_23896_MR.indd

P U P P E N V E R S T E H E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Warmherzig und weise sowie mit einem stets schelmisch-verständnisvollen Blick für die kindliche und die elterliche Perspektive – so zeigt sich Rafik Schamis Erzählkunst auch in dieser Geschichte.

Die kleine Nina besucht mit ihren Eltern einen Flohmarkt. Während ihre Eltern mit einem Standinhaber über den Preis einer Lampe verhandeln, hört Nina zu, was verschiedene Stofftiere und Spielzeugfiguren ihr erzählen. Nina ist ein intuitives und empfindsames Kind, das noch die Beseeltheit der Dinge wahrnehmen kann.

Ganz verborgen, im Gekürmel unter dem Verkaufstisch entdeckt Nina eine alte Puppe mit grünen Augen und feuerroten Haaren. Für Nina ist es Liebe auf den ersten Blick, und nachdem sie den Preis von drei Euro auf zwei Euro heruntergehandelt hat, drückt sie die neue, alte Puppe an ihr Herz.

Die Puppe, die Widu heißt, hatte lange vergessen auf einem Dachboden gelegen, und sie freut sich sehr, nun wieder einem Kind Gesellschaft leisten zu können. Widu kann viele Geschichten erzählen, sie hat stets guten Rat für die alltäglichen Ängste, Probleme und Sorgen Ninas, und sie kann Nina die Angst sogar aus dem Herzen saugen. Seit Nina mit Widu im Arm schläft, haben Albträume keine lange Haltbarkeitsdauer mehr, und Nina fühlt sich weniger alleine.

Nina hat sehr liebevolle, aber vielbeschäftigte Eltern und eine warmherzige Tante. Nach dem kürzlich erfolgten Umzug sind ihre alten Kinderfreundschaften beendet, in der neuen Schule ist Nina noch nicht heimisch, und in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt leider gar kein Kind, was Widu zu der treffenden Bemerkung veranlaßt: „Ohne Kinder ist jede Straße eine Wüste.“

Widu übt mit Nina lustige Zungenbrecher und Scherzverse, philosophiert aber auch über ernste Themen wie beispielsweise Leben und Tod. Dabei erfährt Nina, daß Puppen, da sie kein Herz hätten, unsterblich seien. Sie könnten sich allerdings ein Herz wünschen, doch dann wäre ihre Lebensdauer davon abhängig, wie lange das Kind, zu dem sie gehören, das Staunen nicht verlerne.

Die Verbundenheit mit Widu ermutigt Nina zu mehr Selbstvertrauen. Als Nina bei einem vorweihnachtlichen Einkaufsgehetze ihre Puppe verliert, ist sie fast untröstlich. Nach drei schlaflosen Nächten kann Nina ihre Puppe jedoch in einem ganz besonderen Fund- büro wieder abholen. Der Leiter des Fundbüros gehört jedenfalls zu der Sorte Erwach- sener, die das Staunen nicht verlernt haben; aber das ist eine andere Geschichte …

Widu ist eine humorvolle und wunderbar-wortspielerische Begleiterin. Mit Widus kluger Hilfe lernt Nina, sich gegen einen aufdringlichen Schulkameraden zu wehren, und sie lernt den Unterschied zwischen echter und unechter Freundschaft.

Als Nina wegen einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus muß, kommt Widu selbstverständlich mit. Den Gesprächen der Krankenschwestern entnimmt Widu, daß die Lage sehr ernst ist …  Zum Glück erwacht Nina aus ihrer Bewußtlosigkeit, und sie wird wieder gesund.

Das erste, was Nina spürt, als ihr Fieber sinkt, ist das Herzklopfen ihrer Puppe. Verwun- dert fragt Nina, warum Widu denn ihre Unsterblichkeit aufgegeben habe. Und Widu antwortet: „… Weißt du, Puppen möchten eigentlich kein Herz haben, und ich habe mir lange eingeredet, dass das auch bei mir nicht anderes sein kann. Ich habe mich ver- steckt, aber die Liebe findet einen doch. Sie braucht ein Zuhause, und sie braucht ein Herz.“ (Seite 183)

Keine Frage, daß Nina sich schwört, niemals ihr Kinderherz zu verlieren und auch als Erwachsene ein Kind zu bleiben! Das Rezept dafür bekommt sie von Widu:

„Solange du Raureif und Tau für ein Wunder hältst und jeden Vollmond anschaust, als stünde er zum ersten Mal am Himmel, solange du über jede Blume staunst und jeden Schmetterling und jeden Stern als einzigartiges Wunder betrachtest – so lange bleibst du ein Kind.“ (Seite 184)

Dieses Buch voller Alltag und Wunder, spielerischem Tiefsinn und poetischer Phantasie zeugt von Rafik Schamis lebendigem Kinderherzen. Ich lege es Lesern von acht bis achtundachtzig Jahren ans Herz.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-herz-der-puppe/978-3-446-23896-1/

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. 1979 promovierte Rafik Schami im Fach Chemie. Seit 2002 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste. Sein Werk wurde in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Preis „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“ (2011) und zuletzt mit dem Großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur sowie dem Preis der Stiftung Bibel und Kultur (2015). Im Hanser Kinderbuch erschien zuletzt Das Herz der Puppe (2012) und Meister Marios Geschichte (2013), im Erwachsenenprogramm des Verlages Die dunkle Seite der Liebe (Roman, 2004) Das Geheimnis des Kalligraphen (Roman, 2008), Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (2011) und Sophia oder Der Anfang aller Geschichten (2015).«
Mehr auf: http://www.rafik-schami.de/

Querverweis:

Hier geht es zu Rafik Schamis Kinderbuch Meister Marios Geschichte, in der sich Marionetten als Freiheitskämpfer entpuppen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/22/meister-marios-geschichte

Hier entlang zu Rafik Schamis berühmtem Bilderbuch „Der Wunderkasten“, das von der Zauberkunst handelt, mit Worten zu malen und Kinder zu lehren, mit dem Herzen zu sehen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/14/der-wunderkasten/

Und hier entlang zu seinem märchenhaft-schelmischen „Erzähler der Nacht“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/01/30/erzaehler-der-nacht/

 

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Vom Ende der Einsamkeit

  • von Benedict Wells
  • Roman
  • Diogenes Verlag März 2016   http://www.diogenes.ch
  • in Leinen gebunden
  • Schutzumschlag
  • 368 Seiten
  • 22,– € (D), 22,70 € (A), 30,– sFr.
  • ISBN 978-3-257-06958-7
    Vom Ende der EinsamkeitTitelbild

HERZENSVERHALTUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein sensibler Roman, der auslotet, was uns vom Leben und Lieben trennt und was uns wieder mit dem Leben und Lieben verbinden kann.

Was der Ich-Erzähler in diesem Roman erlebt, erleidet und erliebt, führt vom kindlich-hoffnungsvollen Lebensmut und liebevoller-familiärer Geborgenheit zu schmerzlichem Verlust, Lebensentmutigung und Einsamkeit und schließlich wieder zu erwachsener Lebensermutigung, Liebe und Verbundenheit sowie adäquatem Selbstausdruck.

Jules, ein Mann mittleren Alters, liegt nach einem Motorradunfall im Krankenhaus und erinnert sich aus einer gereiften, gleichwohl auch noch nach Erkenntnis suchenden Perspektive an seine Kindheit, seine Jugend, sein Studium, berufliche Stolperschritte, mißglückte Beziehungen und an die eine sehr erfüllte Liebe seines Lebens. Vor allem aber widmet er sich der Betrachtung seines kindlichen Verlusttraumas und der Wirkungen, die es auf seine Lebensgestaltung und seine Liebesfähigkeit hatte.

Sehr atmosphärisch und empfindsam werden wir in Jules‘ Familie eingeführt: Der Vater kommt aus Frankreich und arbeitet als Wirtschaftsprüfer, sein Herz schlägt jedoch sehr für die Fotografie und für das Familienleben, die Mutter ist Deutsche, Lehrerin und sehr musikalisch. Jules ist das jüngste Kind, sein einzelgängerischer Bruder Marty das mittlere und seine sehr attraktive und ein wenig theatralische Schwester Liz das älteste Kind.

Die Familie lebt in München, und die Sommerferien werden stets im Hause der Oma in Südfrankreich verbracht. Unausgesprochene familiäre Geheimnisse um einen frühverstorbenen Onkel deuten sich zwar an, kommen aber niemals wirklich ans Licht.

Die Kinder wachsen geliebt, behütet und in ihren Talenten bestärkt auf, bis die Eltern bei einem Autounfall sterben. Jules ist zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt, und sein Vertrauen ins Leben und in sich selbst ist zutiefst erschüttert.

Bis zum Abitur besuchen die Geschwister ein staatliches Internat, das ihre Tante für sie ausgesucht hat. Sie entfernen sich trotz der räumlichen Nähe emotional voneinander, jeder entwickelt eine eigene Strategie im Umgang mit dem schmerzlichen Verlust. Zu einer heilsamen Inanspruchnahme therapeutischer Unterstützung kommt es bei Jules und seinem älteren Bruder Marty erst später im Erwachsenenleben.

Jules verbirgt sich scheu und verängstigt in innerer Einsamkeit und äußerlicher, unbeschwerter Umgänglichkeit. Der einzige, tröstliche Lichtblick ist die intensive Freundschaft zu seiner Klassenkameradin Alva. Auch an Alva nagt ein schwerer Schicksalsschmerz, und der Ernst und die Verträumtheit von Jules sprechen sie an.

Alva liebt Bücher und wünscht sich, sie wäre eine Figur in einem Roman, und sie ist bis zum Schulabschluß Jules‘ engste Vertraute, Erstleserin seiner Kurzgeschichten und auch ein wenig Familienersatz. Beide versäumen es jedoch, einander die Fragen zu stellen, die ein tieferes Öffnen des Herzens und Sich-Annäherns ermöglichen könnten, und verlieren sich für lange Zeit aus den Augen und aus dem Herzen.

Jules‘ eigenbrötlerischer Bruder Marty entwickelt sich zum Computernerd und Kontrollfreak und pflegt kleine zwanghafte Ticks. Er studiert Informatik, gründet zusammen mit seinem Zimmernachbarn Toni eine erfolgreiche Internetplattform und wird ziemlich reich.

Jules‘ attraktive Schwester Liz ist die Rebellin, sie kostet das Leben exzessiv aus, nimmt eine Weile Drogen, fängt sich wieder – auch dank der Unterstützung von Marty – und ergreift schließlich sogar einen bürgerlichen Beruf. Sie verschleißt jedoch noch viele Jahre lang bindungslos einen Liebhaber nach dem anderen.

Jules strandet nach einem abgebrochenen Jurastudium und vergeblichen Versuchen als Fotograf mehr zufällig als absichtlich bei einem Berliner-Musiklabel und betreut Musikbands. Er hat nur oberflächliche Beziehungen, die ihn nicht tief berühren.

Marty hat inzwischen die Frau fürs Leben gefunden. Elena ist Psychologin, und ihre ruhige, sanft wegweisende Wesensart ist eine große Hilfe für Marty und Jules. Jules rafft sich auf, wieder Kontakt zu Alva aufzunehmen, und nach der Überwindung diverser langwieriger, herzzerreißender innerer und äußerer Hindernisse, finden sie endlich zueinander.

Sie heiraten und Alva bringt Zwillinge zur Welt, ein Mädchen und einen Jungen. Außerdem ermutigt Alva Jules, wieder mit dem Schreiben anzufangen. Jules ist glücklich mit Alva, er ist erfüllt von der wachsenden Vertrautheit, der tiefen Nähe und vom lebhaften Familienleben. Das Schreiben tut ihm gut und scheint das ihm gemäße Ausdrucksmittel zu sein. Auch die Geschwister, Jules, Marty und Liz, nähern sich nach und nach wieder an, verkehren freundschaftlich, schließlich sogar wirklich herzlich und tatkräftig anteilnehmend miteinander und wachsen zu einer Art von freiwilliger Großfamilie zusammen.

Acht Jahre später erkrankt Alva an Krebs, und Jules muß sich dem erneuten endgültigen Abschied von einem geliebten Menschen stellen, der tiefen Trauer und der Verantwortung für seine beiden Kinder, die erst sieben Jahre alt sind, als sie ihre Mutter verlieren. Es fällt Jules nicht in den Schoß, aber er überwindet den Abgrund der Verletzlichkeit und Angst, er wird erwachsen, kommt wirklich in seinem Leben an, und er ist bereit, trotz der erlittenen Schicksalsschläge seinen Kindern Lebens- und Liebesmut zu vermitteln. Jules hat gelernt, sich gegenüber der Unberechenbarkeit des Lebens konstruktiv zu verhalten und sein Herz nicht mehr zu verschließen.

Benedict Wells hält in diesem Roman eine gute Balance zwischen gefühlvollen und nachdenklichen Elementen. Es gibt anrührende Szenen zwischenmenschlichen Scheiterns und Gelingens, amüsante familieninterne Sprachcodes, sinnlich-atmosphärische Details, kindliche Schuldgefühle, erwachsene Reue, tröstliche Einsichten, lebhafte Assoziationen, einleuchtende Rückblenden, anschauliche Beziehungsportraits, poetische Reflexionen, emotional-treffsichere Psychogramme und eine sehr stimmige Entwicklung und Reifung der Figuren.

Dieser Roman ist wie in einem befreienden, langen, tiefen Atemzug geschrieben, und genauso habe ich ihn gelesen.

Als Leseköder folgen nun zwei meiner Lieblingstextstellen:

„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“
(Seite 9)

„Und dann dachte ich an den Tod und wie ich mir früher oft vorgestellt hatte, er wäre eine unendliche Weite, wie eine Schneelandschaft, über die man flog. Und dort, wo man das Weiße berührte, füllte sich das Nichts mit den Erinnerungen, Gefühlen und Bildern, die man in sich trug, und bekam ein Gesicht. Manchmal war das Entstandene so schön und eigentümlich, dass die Seele hineintauchte, um dort zu verweilen, bis sie schließlich weiterzog, auf ihrem Weg durch das Nichts.“ (Seite 306)

 

Weitere schöne Rezensionen zu diesem Roman finden sich bei LESESCHATZ:
https://leseschatz.wordpress.com/2016/03/07/benedict-wells-vom-ende-der-einsamkeit/
und bei KATHALOG:
https://kathalogisch.wordpress.com/2016/09/02/vom-ende-der-einsamkeit/

 

Der Autor:

»Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Im Alter von sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayerische Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vielbeachtetes Debüt ›Becks letzter Sommer‹ erschien 2008, wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. Sein dritter Roman ›Fast genial‹ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Nach Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen wieder in Berlin.«

PS:
Erwähnenswert erscheint mir noch, Benedict Wells‘ Haltung zu E-Büchern. Er will nicht, daß seine Romane als Dateien erscheinen, weil er Bücher und Buchhandlungen liebt und ihr Überleben verteidigen möchte. Hierin drückt sich eine Haltung aus, die mir sehr sympathisch ist.

Nachfolgend noch ein informatives und sympathisches Interview mit dem Autor:  http://diogenesverlag.tumblr.com/post/139902289010/für-mich-persönlich-das-wichtigste-buch-das-ich

Parallel zum Buch ist auch das Hörbuch erschienen:
Hörbuch gelesen von Robert Stadlober                                                  Vom Ende der Einsamkeit Hörbuch
Diogenes Verlag
6 CDs in Klappdeckelschachtel
7 Std. 35 Min.
25,00 €, 34,00 sFr.
ISBN 978-3-257-80372-3

 

Querverweis:

Dieser Roman ergänzt sich beiläufig auch mit dem feinsinnigen Sachbuch über transgenerationale Übertragungen von Sandra Konrad „Das bleibt in der Familie“.
Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/

 

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Annabel und Anton

  • Tür an Tür in Haus Nr. 9
  • von Sigrid Zeevaert
  • Illustrationen von Eva Muszynski
  • Gerstenberg Verlag  Januar 2015   www.gerstenberg-verlag.de
  • 128 Seiten
  • Format: 16 x 21,5 cm
  • gebunden
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 18,60 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5848-6
  • ab 7 Jahren zum Selbsterlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
    Anabel und Anton

K L O P F Z E I C H E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Einfühlsam und authentisch beschreibt die Autorin Sigrid Zeevart im ersten Kapitel, wie Annabel sich von ihrer Familie ungerecht behandelt fühlt, weil sie immer die einzige ist, die ihr Zimmer aufräumen muß. Außerdem hätte sie viel lieber ein Pony oder ein Pferd und KEINE zwei kleinen Brüder. Nachdem sie ausgiebig ihren Kater, die Möbel, den Teddy und ihre Puppe ausgeschimpft und immer noch nicht genug Wut abgeleitet hat, schleicht sie sich heimlich aus der Wohnung und wandert nach Afrika aus – allerdings nicht ganz, zuvor will sie doch noch einmal auf den nahegelegenen Spielplatz gehen und schaukeln.

Nachdem sie eine zukünftige berufliche Karriere als Schaukelprüferin in Erwägung gezogen und sich danach leider beim Abspringen von der Schaukel einen Fuß und ein Knie leicht verletzt hat, verschiebt sie ihre Reise nach Afrika vorläufig und humpelt wieder nach Hause. Die Welt ist zwar ungerecht zu Annabel, aber die mütterlichen Pfannkuchen schmecken trotzdem vorzüglich.

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

Am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder etwas rosiger aus, Annabel hat ein paar brüderfreie Frühstücksminütchen mit ihrer Mutter, und in die leere Wohnung von nebenan ist eine neue Familie mit einem Kind eingezogen. Daß dieses Kind ausge- rechnet ein Junge in ihrem Alter ist, findet Annabel jedoch wieder ungerecht – schließlich hat sie mit ihren kleinen Brüdern genug Jungs, die sie nur ärgern.

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

Zunächst freut sie sich jedoch auf den Abend, denn da kommt Lena, um auf die Kinder aufzupassen, während Annabelas Eltern ins Konzert gehen. Annabel bewundert Lena und stellt sich vor, später auch als Babysitterin zu arbeiten. Doch diesmal hat Lena schlimmen Liebeskummer und schläft weinend auf dem Sofa ein. Vorbildlich lieb und leise spielen Annabel und ihre Brüder Mensch-ärgere-dich-nicht – bis sich doch einer ärgert und das Spielbrett vom Tisch fliegt und eine Bodenvase anstößt, die daraufhin mit großem Getöse zu Bruch geht.

Nun sind alle wach und alle weinen. Zum Glück klingelt die neue Nachbarin besorgt und hilft Lena, die Scherben zusammenzufegen und die Kinder zu beruhigen.

Annabels Eltern verlangen am folgenden Tag von ihren Kindern eine originelle und – wie ich finde – sehr empfehlenswerte Art und Weise der Wiedergutmachung: Was, wenn sich jeder von euch etwas einfallen lässt, womit er anderen eine Freude macht?“ ( Seite 43)

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

Die Kinder sind begeistert, und Annabel beschließt, den Hund eines alten, schwer- hörigen Nachbarn auszuführen und Anton zu fragen, ob er vielleicht mitkommen mag. Dann kann sie ihm auch gleich die nähere Umgebung zeigen und erklären, denn schließlich kennt er sich ja noch nicht aus. Anton nimmt Annabels Kontaktangebot freundlich an. Sie besichtigen den Spielplatz und die örtliche Bäckerei. Danach hilft Annabel Anton beim Auspacken der Umzugskartons. Schließlich schenkt Anton ihr auch noch einen glitzernden Stein, den er einmal in einer Höhle gefunden hat. Von Stund‘ an ist dieser Stein für Annabel ein ganz besonderer Wunschstein…

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

Die wachsende Verbundenheit mit Anton tut Annabel gut, sie kann über so manche Ungerechtigkeit hinwegsehen und fühlt sich besser wahrgenommen. Die beiden können einträchtig den Kopf schütteln über Lenas Liebeskummer und Wiederverliebung, sie finden den entlaufenen, schwerhörigen Hund des alten, schwerhörigen Nachbarn wieder, sie schmieden Weltreisepläne, und sie erkunden gemeinsam die geheimen Schätze des Dachbodens. Sie gehen zusammen zur Schule, und abends vorm Einschlafen geben sie sich heimlich Klopfzeichen von Wand zu Wand. Ein bißchen Herzklopfen ist auch mit dabei – doch das ist nur eine Nebenwirkung des Glücks.

Bei diesem Kinderbuch wird man als erwachsener Leser ganz wunderbar in die kindliche Perspektive versetzt, und als Kind fühlt man sich gewiß wunderbar verstanden und erkannt. Die erzählerische Inszenierung der kindlichen Weltsicht, der Gefühle und Gedanken ist hervorragend gelungen. Die Ausdrucksweise ist glaubwürdig und anrührend sowie zum Schmunzeln, nimmt jedoch – bei aller Heiterkeit – die kindlichen Bedürfnisse ernst.

Die quirligen Zeichnungen von Eva Muszynksi mit ihrem gefühlsbetonten mimischen Ausdruck spiegeln die psychologische Dramaturgie dieser Freundschaftsgeschichte überaus stimmig wider.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836958486&highlight

 

Annabel und Anton-Nudeln

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

 

Die Autorin:

»Sigrid Zeevaert, geboren 1960, lebt mit ihrer Familie in Aachen. Schon während des Lehramtsstudiums begann sie mit dem Schreiben. Ihr erstes Buch (Max, mein Bruder) entstand als Teil der Abschlussprüfungen. Weitere Bücher folgten, und so führte sie ihr Weg statt in die Schule in die schriftstellerische Selbstständigkeit. Neben zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern, die in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet wurden, entstanden Texte für den Hörfunk, für Anthologien, ein Drehbuch und mehrere Kindertheaterstücke. Für ihr Gesamtwerk erhielt sie den Friedrich-Bödecker-Preis. Bei Gerstenberg ist von ihr erschienen: Liebe, liebe Fanni.«  www.sigridzeevaert.de

Die Illustratorin:

»Eva Muszynski wurde 1962 in Berlin geboren und studierte Grafikdesign an der Hochschule der Künste Berlin. Früher zeichnete sie Comics für Erwachsene, seit 1997 illustriert sie Kinderbücher, zu denen sie auch eigene Geschichten schreibt. Bei Gerstenberg ist von ihr erschienen: Gilberts grausiges Getier

 

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Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden

  • von Luis Sepúlveda
  • Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
  • Mit farbigen Bildern von Sabine Wilharm
  • gebunden, Fadenheftung
  • 96 Seiten
  • Februar 2014, Fischer KJB Verlag                 http://www.fischerverlage.de
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A), sFr.19,50
  • ISBN 978-3-596-85628-2
  • ab 8 Jahren zum Selbsterlesen
  • und ansonsten für jedes Alter
    u1_978-3-596-85628-2.jpg Wie der Kater und die Maus

MAX,   MIX   UND  MEX

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Man könnte sagen, dass Mix der Kater von Max ist; aber auch, dass Max der Mensch von Mix ist. Da das Leben uns jedoch lehrt, dass es nicht recht ist, als Mensch Besitzer eines anderen Menschen oder eines Tieres zu sein, sagen wir also, dass Max und Mix, oder Mix und Max einander mögen.“ (Seite 7)

„Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden“ begeistert schon mit diesen einleitenden Sätzen, und ich kann Ihnen versprechen, daß die Begeisterung bis zum Schluß hält.

Max bekommt als kleiner Junge einen kleinen Kater, den er Mix nennt. Die beiden werden dicke Freunde und wachsen gemeinsam auf. Wechselseitige Fürsorge und Anteilnahme sind die Basis ihres Miteinanders. Naturgemäß ist Kater Mix schon ein alter Kater, als er zusammen mit dem inzwischen zum jungen Studenten herangewachsenen Max in eine Studentenwohnung umzieht.

Während Max eifrig studiert und wissensdurstig Bücher wälzt, erkundet Mix über eine Leiter, die zur Dachluke führt, die Dächer der Umgebung und genießt bei der Rückkehr von seinen Ausflügen die vertraute wohngemeinschaftliche Zweisamkeit mit „seinem“ Menschen.

Die Kommunikation zwischen Max und Mix ist eine rührende Kombination aus körpersprachlichen Gesten und sensibler gegenseitiger Einfühlung.

Doch Mix wird müder und träger, und eines Tages läuft er vor eine herumstehende Bücherkiste. Besorgt bringt Max den Kater zum Tierarzt, und dieser diagnostiziert, daß der Kater erblindet sei.

Max hält daraufhin strikt die für den Kater gewohnte Anordnung der Möbel bei, denn mit seinem Gedächtnis und seinem intakten Geruchssinn kann sich Mix immer noch gut in der Wohnung bewegen und orientieren. Außerdem verfeinert sich sein Gehörsinn, und er lauscht mit Vergnügen den Geigenübungen einer benachbarten Musikstudentin und den Stimmen und Gesprächen anderer Hausbewohner.

So erfährt Mix auch, daß den Nachbarskindern die mexikanischen Mäuse entlaufen sind, doch das beschäftigt ihn nicht sonderlich. Gemütlich liegt er unter der Heizung und betrachtet seine Erinnerungen. Doch in die Erinnerungsbilder trippeln ganz leise Pfötchenschritte, und als die Schritte nahe genug herangekommen sind, greift Mix mit flinker Tatze zu und fängt eine Maus.

Diese Maus ist vorwitzig und behauptet, sie sei eine eklige Nacktschnecke und überhaupt nicht bekömmlich. Amüsiert und nachsichtig entgegnet der Kater, er habe noch nie eine Schnecke „mit Ohren, Schnurrbart und Schwanz“ erlebt. Kleinlaut gesteht die Maus daraufhin, daß sie eine der Gefangenschaft entlaufene mexikanische Maus sei und sich bloß ein paar Müslikrümel einverleiben wolle.

Der gutmütige Kater läßt die Maus frei, gibt ihr den Namen Mex, und die beiden freunden sich an. Mix schickt Mex auf die Fensterbank und läßt sich ausführlich beschreiben, was auf der Straße passiert, und dafür schubst Mix sogar eine Schachtel köstliche Haferflocken aus dem Speisekammerregal auf den Boden.

Max entdeckt die Haferflockenbescherung, und Mix zeigt Max das Schlafnest von Mex (im Bücherregal hinter einem dicken Roman von Jules Verne). Einfühlsam schlußfolgert Max, daß er nun ein zweites Haustier zu versorgen habe, und stellt neben das Schälchen mit Katzenfutter für Mix ein kleineres Futterschälchen mit Haferflocken für Mex hin.

Einmal schlagen Mix und Mex sogar sehr raffiniert und supermäuschenmutig einen Einbrecher in die Flucht. Schließlich wagt sich Mix – navigiert von Mex – wieder über die Leiter aufs Dach. Jeden Tag erfahren die ungleichen Freunde die Ermutigung und freudige Lebendigkeit wahrer Freundschaft.

In der Zeit, die Kater und Maus zusammen verbrachten – egal, wie kurz oder lang sie war, denn das Leben bemisst sich nach der Intensität, mit der es gelebt wird – sah Mix mit den Augen seines kleinen Freundes, und Mex wurde stark durch die Kraft, die von seinem großen Freund ausging.
Und beide waren glücklich, da sie wussten, dass wahre Freunde das Beste teilen, was sie besitzen
.“
(Seite 93)

Der weise-witzige, ja geradezu zärtlich-charmante Erzählton von Luis Sepúlveda wird von der Illustratorin Sabine Wilharm in stimmige heiter-augenzwinkernde, lebhafte Bilder übersetzt.

Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden“ ist eine warmherzige Geschichte für große und kleine Leser sowie Vorleser, Betrachter und Zuhörer. Es ist ein altersloses Loblied auf den Wert wahrer Freundschaft und Verbundenheit – und dank der harmonisch begleitenden Illustrationen eine Bereicherung für Herz und  Auge.

 

Der Autor:

»Luis Sepúvelda, geboren 1949 in Nordchile, ging nach politischem Engagement in der Studenten- und Gewerkschaftsbewegung ins Exil nach Ecuador, gründete Theatergruppen in Peru, Ecuador und Kolumbien, arbeitete als Journalist. Er lebt heute in Spanien. Luis Sepúlveda schreibt Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Sein Werk wurde mit mehreren literarischen Preisen ausgezeichnet.«

Die Illustratorin:

»Sabine Wilharm, geboren 1954, studierte Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und arbeitet als freie Illustratorin vorwiegend für Kinderbuchverlage.
Für Fischer hat sie u.a. auch Luis Sepúlvedas Kinderroman „Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte“ illustriert.«

Der Übersetzer:

»Willi Zurbrüggen, geboren 1949 in Borghorst, Westfalen, absolvierte eine Sparkassenlehre und arbeitete bei einer Investmentbank in Frankfurt am Main. Er bereiste den Maghreb und den Vorderen Orient, bevor er zwei Jahre in Mexiko und Mittelamerika lebte .Seit 1980 ist er freier Literaturüber-setzer aus dem Spanischen. Für seine Übersetzungen wurde er mehrfach ausgezeichnet.«