Aus der Lesevorratskammer Nr. 3

Buchbesprechungssammelsurium von Ulrike Sokul ©


Weihnachten naht oder droht – je nachdem, wie ausgeprägt der organisatorische Weitblick bezüglich der Geschenkideen ist  – ; da will ich doch gerne ein buntes Büchersortiment aus der Vorratskammer holen und hier paradieren lassen. Bestimmt ist etwas nach dem Geschmack Ihrer Lieben dabei oder auch nach Ihrem eigenen Gusto – schließlich mag man nicht nur gerne schenken, sondern gerne auch beschenkt werden.

 

Ich fange gleich gaaanz hochpreisig an – mit dem passenden Buch zum PORSCHE:

Es gibt noch mehr im Leben als Autos bauen
von Peter Daniell Porsche
232 Seiten
Hanser Verlag  August 2012
19,90 €

148_HV Porsche_04 .inddPeter Daniell Porsche ist ein Urenkel aus der Familie Porsche und zu einem Achtel Anteilseigner an der Firma Porsche, und überraschenderweise ist er nicht Betriebswirt, Ingenieur, Rennfahrer oder gar Liegestuhlmillionär, sondern Musiktherapeut und Waldorfpädagoge.

Damit hat er zunächst einmal gründlich einige meiner Vorurteile zerstreut und mich zur Lektüre seines Buches angeregt.

Es ist ein autobiographisches Buch, dabei sympathisch authentisch sowie dezent persönlich und keinesfalls peinlich enthüllerisch. Peter Daniell Porsche stellt seinen eigenwilligen Standpunkt zu bestimmten familiären, gesellschaftlichen und auto-technischen Themen dar und beschreibt, wie er seine Wertekoordinaten entwickelt hat.

Die Überscheidung gesellschaftlicher Parallelwelten und die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie sind wesentliche Themen dieser AUTO-BIO-GRAPHIE.

„Zwar bin ich ein Porsche und gehöre damit einer Industriedynastie an, aber ich versuche zu zeigen, dass man Geld erwirtschaften und sozial ausgeben kann.“ (Seite 207)

Hier entlang fahren zur ausführlichen Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/05/14/es-gibt-noch-mehr-im-leben-als-autos-bauen/

Wer sich keinen Porsche zum ebengenannten Buche leisten kann, dem empfiehlt sich eine Abenteuerreise zur „Schatzinsel“; denn solch ein erlesener Klassiker, noch dazu im Hörspielformat, ist immer eine Bereicherung … DUKATEN, DUKATEN … 😉 :

Die Schatzinsel
von Robert Louis Stevenson
Buchvorlage HANSER Verlag
Übersetzung & Herausgabe von Andreas Nohl
Hörspiel
der Hörverlag Oktober 2014
4 CDs
Laufzeit 3 Stunden und 59 Minuten
19,95 €

Die Schatzinsel von Robert Louis StevensonDie vorliegende Hörspielinszenierung des hessischen Rundfunks unter der Regie von Leonhard Koppelmann wird der plakativen Aussage auf der Rückseite der CD-Hülle: »SO haben Sie die SCHATZINSEL noch NIE gehört!« wahrlich gerecht. Die Rollenbesetzungsliste (Maximilian von der Groeben, Sylvester Groth, Ulrich Noethen, Udo Wachtveitl u.v.a.) ließ mich bereits frohlocken, doch die „ganzheitliche Darreichungsform“ dieses Hörspiels hat mir ganz und gar und prächtig gefallen.

Es kommt nicht nur die Romanhandlung zu Wort, sondern auch die Entstehungsgeschichte der Schatzinsel.

Neben einer virtuos-atmosphärischen musikalischen Untermalung und Begleitung wurden auch einige Lieder hinzugefügt und eingesungen, die stilistisch wunderbar mit der Schatzinselstimmung und der schillernden Figur des Long John Silver harmonieren. Überhaupt geben die hier und da wiederholt einfließenden Lieder oder auch auch nur Lied- und Melodiefetzen der ganzen Geschichte zusätzlichen, sehr attraktiven Schwung.

Die überaus geschickt in den Handlungsverlauf eingeschobenen Ausflüge in die Entstehungsgeschichte der Schatzinsel erweitern die Abenteuergeschichte um den zwischenmenschlich-literarischen Hintergrund Robert Louis Stevensons.

Für vertiefende InsPIRATion, AHOI, hier entlang gesegelt zur ausführlichen Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/13/die-schatzinsel/

Nach Luxusthemen, wie unbezahlbaren Autos und Schatzinselreisen, kann ein wenig Egomontage in Form einer spirituellen Heilsleere 😉 nur heilsam sein:

Heilung braucht Wahrheit
Was du nicht lebst, lässt dich nicht leben
von Klaus Konstantin
Sheema Medien Verlag 2011
gebunden, 195 Seiten
23 €

Heilung braucht WahrheitHeilung braucht Wahrheit“  ist eine im besten Sinne ENTtäuschende Lektüre:
Keine Heiligenscheinverpackung für Egowünsche, kein Erleuchtungswettbewerb, keine Karmakonkurrenz, also auch keine Karmalorbeeren, keine Engelsschwingen, keinerlei Beweihräucherung, sondern die nackte Wahrheit, kein Kuschelstoff, sondern eine bittersüße Medizin, gleichwohl herausfordernd und befreiend ego-auflösend.

Um es gleich schonungslos vorwegzunehmen: Der Superporsche als krönende Belohnung für ein geheiltes Mangelbewußtsein kommt in diesem Ratgeber nicht vor. Solche Heilswerbebotschaften können Sie sich ungetrost abschminken.

„Es gibt keine Heilung für das Ich, sondern nur eine Heilung von der Illusion eines Ichs.“
(Seite 8)

„Alles, was in deinem Leben geschieht, ist jederzeit perfekt auf die Erkenntnisprozesse abgestimmt, die nötig sind, um dich zurück in deine innere Ordnung zu bringen.“
(Seite 177)

Nur Mut, trauen Sie sich an diese desillusionierende Lektüre. Sie haben nichts zu verlieren, außer Ihrem Ego.

Hier entlang zur vollen Leseladung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/02/26/heilung-braucht-wahrheit/

Nach so viel bodenständiger Egomontage lohnt sich ein Blick ins All bzw. ein Blick aus dem All auf unsere sogenannte Zivilisation:

Ich und die Menschen
Roman
von Matt Haig
Taschenbuch   August 2015 DTV Verlag
352 Seiten
9,95 €

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Eine außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation hat ihren ganz eigenen Reiz. Sie verschafft uns den besonderen Blick auf das Alltägliche.

Aus Sicht einer außerirdischen Spezies, die als einzige Religion die Mathematik kennt, Gewalt und Gier längst hinter sich gelassen, und Dank überlegener Biotechnologie (Transzellulare Heilung) Unsterblichkeit erlangt hat, sind wir gegenwärtigen Menschen ziemlich unterentwickelt, und unsere Zivilisation erscheint vergleichsweise düster und lebensgefährlich. Das ist auch der Grund, warum der Friede im All bedroht ist, wenn die psychisch so unreife menschliche Gattung weitere mathematische Entdeckungen und in deren Folge technische Fortschritte macht.

Der Ich-Erzähler in „Ich und die Menschen“ ist ein Vonnadorianer, und er kommt von sehr, sehr weit her; um Zahlen sprechen zu lassen: der Planet Vonnadoria befindet sich in 8 653 178 431 Lichtjahren Entfernung zum Planeten Erde…

Der Gast aus dem All hat eine Mission zu erfüllen: Um des universellen Friedens willen soll der menschliche Fortschritt aufgehalten werden. Ein irdischer Mathematikprofessor hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ soll unbedingt verhindert werden, daß die Menschen noch mehr Erfindungen machen, die sie anschließend nicht mehr in den Griff bekamen (die Atombombe, das Internet, das Semikolon)…“ (Seite 100)

Wenn man zu einer Lebensform gehört, die unsterblich ist, ewigen Tag, ewigen Frieden, kein Wetter, keinen Schmerz und nur heilbare Krankheiten kennt, kann man schon Rührung und Faszination und sogar Bewunderung empfinden angesichts der absoluten Verletzlichkeit, Endlichkeit, Komplexität und Widersprüchlichkeit der menschlichen Daseinsform – besonders wenn man angefangen hat, Bindungsgefühle und Empathie für bestimmte Menschen (und Hunde) zu entwickeln.

Mathematisch-wissenschaftlich-kollektive Überlegenheit, mit tiefgekühltem Gefühlshaushalt, trifft auf Menschen, deren psychosozialer und logischer Entwicklungsstand teilweise Lichtjahre zu wünschen übrig läßt, gleichwohl trifft er aber auch Menschen, deren Herzensqualitäten ihn positiv überraschen. Der Außerirdische wird entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt …

Hier beamen Sie sich bitte zur vollständigen Rezension (dort wird auch ansatzweise erklärt, was die Riemannsche Vermutung ist): https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

 

Vielleicht schaffen wir es mit dem nachfolgenden Sachbuch sogar, unsere Welt zu retten:

50 einfache Dinge, die sie tun können, um die Welt zu retten, und wie sie dabei Geld sparen
von Andreas Schlumberger
WESTEND VERLAG  Juni 2013
256 Seiten
12,99 €

9783864890413_300dpiAndreas Schlumberger berührt viele wichtige Themen: Behausung und Wohnen, Strombedarf, Wasser, Heizung, grüner Gärtnern, Tier- und Landschaftsschutz, Müll, Mobilitätskarussell, Nahrung, Reisen, Energieeffizienz von Haushaltsgeräten, Konsum und Lebensstil und die unter ökologischen und sozialen Aspekten so gar nicht lustige „Unterhaltungselektronik“.

Dabei verschont er uns nicht vor deutlichen Wahrheiten und erschreckenden Zahlen über die bedrohte Lebendigkeit unserer Mitwelt. Doch nach der kurzen und bündigen Aufklärung über die jeweiligen Sachverhalte kommen ausgesprochen praktikable Hinweise auf die Veränderungsmacht, die jeder Einzelne für sich und seinen persönlichen Weltenkreis ergreifen kann. Wir erhalten viele konstruktive und machbare Anregungen, anschauliche Erklärungen und Zahlenvergleiche sowie nützliche Verweise auf hilfreiche weiterführende Internetseiten; wie z.B die Online-Datenbank http://www.spargeraete.de

Andreas Schlumberger belegt darüber hinaus glaubwürdig, wie viel Geld wir dadurch kurz- und langfristig sparen können.

Ein simples Beispiel: Allein der verschwenderische „Stand-by-Modus“ beträgt in Privathaushalten durchschnittlich 10% des Stromverbrauchs. Hochgerechnet auf ganz Deutschland arbeiten zwei Großkraftwerke nur für diesen sinnlosen „Dauerbereitschaftsdienst“ von Fernsehgeräten & Co.

Möge dieser notwendige, informative und sinnvolle Ratgeber viele Ratnehmer und Ratbeherziger finden, die jetzt bitte alle brav und folgsam den Link zur ganzen Buchbesprechung anklicken:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/09/11/50-einfache-dinge-die-sie-tun-konnen-um-die-welt-zu-retten-und-wie-sie-dabei-geld-sparen/

 

Schreiten wir vom Irdischen ins Unterirdische und erforschen Höhlen:

Irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht
Eine Erzählung über das Geheimnis der Höhlen
von Andreas Pflitsch und Dirk Steinhöfel
Arena Verlag Juni 2014
Format: 25,8 cm x 32,7 cm

48 Seiten
gebunden, Fadenheftung

19,99 €

Irgendwo in der Tiefe gibt es ein LichtDer Höhlenforscher Prof. Dr. Andreas Pflitsch hat gemeinsam mit dem Illustrator Dirk Steinhöfel eine faszinierende Einführung in das Thema Höhlenforschung geschrieben. Hier wird auf spannende Weise Wissen vermittelt und mit beeindruckendem Bildmaterial Forscherdrang und Entdeckerfreude geweckt.

Die fundierten Kenntnisse und die wunderbaren Photos des Höhlenforschers bilden in diesem Sachbuch eine überwältigende Synthese mit dem magischen Realismus der graphischen Bildgestaltung des Illustrators.

Die vielfältige Wechselwirkung zwischen Wasser, Gestein, Kohlensäure, Kohlendioxyd und Mikroorganismen bei der Auflösung und Neuentstehung von Gesteinen und der Entstehung und Gestaltung von Höhlen wird sehr plastisch beschrieben, und man bekommt eine zarte Ahnung von den „geduldigen“ erdgeschichtlichen  Z   e   i   t   r   ä   u   m   e   n, die sie in Anspruch nehmen.

Die Erzählung wird von phantastischen Photographien, imaginativen Illustrationen und einem raffinierten, computergraphisch montierten Layout untermalt. Es entsteht der Eindruck eines alten Forschertagebuches, mit dokumentierten Fundstücken, Erläuterungsnotizen und einleuchtenden Graphiken.

Zum Weiterstaunen bitte hier klicken:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/08/irgendwo-in-der-tiefe-gibt-es-ein-licht/

Da wir es gerade so gemütlich naturwissenschaftlich haben, können wir auch noch lernen, was Pflanzen wissen:

Was Pflanzen wissen
Wie sie sehen, riechen und sich erinnern

von Daniel Chamovitz
Hanser Verlag 2013
gebunden, mit Schutzumschlag
206 Seiten, mit Illustrationen
17,90 €

Chamovitz_Was_Pflanzen_Wissen_P05DEF.inddDaniel Chamovitz ist Biologe und Direktor des „Manna Center for Plant Biosciences“ an der Universität von Tel Aviv. Der Autor verknüpft in jedem Kapitel geschickt historische Forschung mit moderner Forschung, und er stellt stets die menschliche Körperlichkeit der pflanzlichen Körperlichkeit gegenüber. Dieser Vergleich macht die sehr komplexen Darstellungen anschaulich und faszinierend.

Wir erfahren, daß Pflanzen auf genetischer Ebene komplexer sind als viele Tiere, doch sie verfügen weder über ein Gehirn noch über ein zentrales Nervensystem. Dennoch haben Pflanzen die Fähigkeit der Eigenwahrnehmung (Propriozeption), und sie können sehen, riechen, fühlen und sich erinnern.

Dieses Buch ist anspruchsvoll und kommt nicht um Fremdwörter wie Circumnutation (der „Spiraltanz“ der Pflanzen), Phototropismus, Photosynthese, Gravirezeptoren usw. aus, aber es wird immer alles akkurat und zum Teil durchaus heiter erklärt, und auch die epigenetischen und biochemischen Spezialitäten der pflanzlichen Wahrnehmungs- fähigkeiten werden ausführlich erläutert.

Die Lektüre von „Was Pflanzen wissen“ bereichert den Leser mit interessanten Informationen über das Innenleben von Pflanzen und ihre Wahrnehmungsbesonderheiten.

Die ausführliche Besprechung können Sie unter folgendem Link aufblättern:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/06/11/was-pflanzen-wissen/

 

Nach der schweren Lesekost tut ein wenig musische Entspannung mit einem Bilderbuch für Erwachsene gut:

Aus der Ferne/Auf der Kippe
Bilder und Texte
von Wilhelm Genazino
DTV Verlag Juli 2012
132 Seiten
14,90 €

aus_der_ferne_auf_der_kippe-9783423141260Der Schriftsteller Wilhelm Genazino hat alte Photographien ausgesucht und zusammen- gestellt, die ihn zu kleinen assoziativen Geschichten, möglichen Deutungen und imaginierten Psychogrammen angeregt haben. Es sind professionelle Photos, Postkarten und ganz private, angestaubte Aufnahmen, die er auf Flohmärkten und in Antiquariaten aufgestöbert hat. Egal ob künstlerisch komponiert, laienhaft inszeniert oder unscharf und verwackelt: Jedes Bild kommt zu Wort.

Die Ergebnisse von Genazinos Versenkung in bedeutungsvolle Nebensächlichkeiten stehen in Form kleiner, sehr dichter Texte von maximal einer Seite Länge neben den jeweiligen Photographien.

So kommt es zu interessanten Miniaturen der Merkwürdigkeiten des menschlichen Lebens und der scheinbar sprachlosen Dinge, die in Wirklichkeit sehr vielsagend sein können.

Die anspielungsreiche Inanspruchnahme der Bilder durch Worte und die damit verbundene einladende Aufforderung, nicht flüchtig, sondern genau hinzuschauen, gewährt den verblassenden Dokumenten vergangener Lebensaugenblicke und dem willigen Mitbetrachter und Leser eine Atempause mit durchaus tiefsinnigen Einsichten.

Dieses Buch ist ein passendes Geschenk für alle an Photographie Interessierten. Die Verbindung von Bild und hintersinniger Textreflexion verspricht und hält abwechslungsreiche Kurzweil.

Und hier können Sie die komplette Rezension anknipsen:

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/05/21/aus-der-ferne-auf-der-kippe/

Und nun folgt ein märchenhaftes Weihnachtsbilderbuch für die lieben Kleinen:

Die kleine Elfe feiert Weihnachten
Bilderbuch
von Daniela Drescher
Verlag Urachhaus
24 Seiten
12,90 €

9783825177409_Elfe und WeihnachtenDie kleine Elfe Flirr sucht ein Winterquartier. Sie wandert durch den eingeschneiten Wald und begegnet einigen hilfsbereiten Tieren.

Als die kleine Elfe vor dem Schneegestöber hinter einem Baum Schutz sucht, findet sie ein frierendes und hungriges Zwergenkind, das dem Weihnachtmann entgegengehen wollte und sich dabei verirrt hat. Fürsorglich teilt sie ihre bescheidenen Vorräte mit dem Zwergenkind, und sie gehen gemeinsam weiter.

Nach einer Weile treffen sie den Weihnachtsmann, der mit seinem Esel und dem berühmten Sack mit den vielen Geschenken unterwegs ist. Die beiden dürfen auf dem Esel reiten und begleiten den Weihnachtsmann…

„Die kleine Elfe feiert Weihnachten“ ist ein warmherziges, empfindsam illustriertes Bilderbuch, in dem es um Hilfsbereitschaft und das Glück einfacher, elementarer und geteilter Freuden geht.

Hier geht der Zauber weiter:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/18/die-kleine-elfe-feiert-weihnachten/

Und nun noch ein feinfeiner Leckerbissen für poetische Gemüter:

Emily Dickinson
Gedichte
englisch und deutsch

Herausgegeben, übersetzt
und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler
Hanser Verlag 2006
in Leinen gebunden, Fadenheftung
560 Seiten
45 € (D), 46,30 € (A), 59,90 sFr.

DickinsonEmily Dickinson (1830 – 1886) hat einer – bis in unsere Tage – staunenden Nachwelt fast 1800 Gedichte und mindestens 1200 Briefe hinterlassen.

Ihre Gedichte erschließen sich nicht dem flüchtig-oberflächlichen Blick, sondern nur der verbindlich-zugewandten Lektüre. Doch dann öffnen sich wunderbare Bedeutungshorizonte, und man hört das Herzenspochen unsterblicher Poesie.

Das einfühlsame Nachwort der Übersetzerin Gunhild Kübler informiert komprimiert über Emily Dickinsons Lebensumstände, Bezugspersonen, Brieffreundschaften sowie über die speziellen poetischen Besonderheiten der Dickinsonschen Lyrik und die komplizierte, verzögerte – von familiären Eingriffen und Streitigkeiten erschwerte – Editionsgeschichte.

Auf Emily Dickinsons Gedichte muß man sich einlassen, sie sind eigenwillig und vielschichtig. Obwohl diese Texte schon fast 150 Jahre alt sind, wirken sie jung und sehr lebendig – keineswegs angestaubt, sondern zeitlos herzensfrisch.

Wiederholte Lektüre und auch der Vergleich zwischen englischem Original und deutscher Übersetzung vertiefen das Verständnis der Texte und zugleich die Hochachtung für die tiefsinnige, poetische Übersetzungsleistung von Gunhild Kübler. Ich geriet beim Lesen in eine Art Wachtrance, als würde ich auf die Dichterin eingestimmt und mit ihrem Sprachkosmos vertraut gemacht.

Diese Gedichte sind erstaunlich ungezähmt, magisch, unkonventionell, rätselhaft, manchmal traurig, manchmal verspielt, liebesstolz und liebesweh, widersprüchlich, schonungslos, empfindsam, verwegen, geheimnisvoll und mehrdeutig.

Ein passender Oberbegriff für Emily Dickinsons Werk wäre wohl WEITE – alle Gedichte Emily Dickinsons ATMEN Weite. Diese Weite erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, daß die Dichterin ihr ganzes Leben in der Kleinstadt Amherst, Massachusetts, verbracht hat. Die weltferne Isolation der häuslichen „Beschränktheit“ und der puritanische familiäre Hintergrund haben Emily Dickinson nicht daran gehindert, ihren Geist fliegen zu lassen und das Große im Kleinen und das Kleine im Großen zu erkennen und ihrem lebhaften Fühlen und Denken zumindest sprachlich Gestalt zu geben.

Emily Dickinsons Poeme changieren zwischen Lebensglut und Todessehnsucht, zwischen Einsamkeit und Verbundenheit, zwischen Liebessehnsucht und Selbstgenügsamkeit, Nähe und Distanz, Himmel und Erde, Desillusionierung und Träumerei, Schmerz und Heiterkeit, Präzision und Zauberspruch.


Für ausführliche Poetisierung bitte folgendem Link folgen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/18/emily-dickinson-gedichte/

Zum Ausklang lege ich Ihnen nun ganz sprachmusikalisch Mozart ans Herz:

Herr Mozart wacht auf
Roman
von Eva Baronsky
Aufbau Verlag  2011
8,99 €

herr-mozart-wacht-auf-grossestitelbildMozart entschläft auf seinem Sterbebett und erwacht in einer StudentenWG im Jahr 2006. Anfänglich wähnt er sich im Vorzimmer zum Paradies. Er bestaunt viele ihm völlig unbekannte und unerklärliche Dinge, wie z.B.  den elastischen Hosenbund der Jogginghose, die man ihm überlassen hat, die feine Seidenglätte des Schreibpapieres und einen Kugelschreiber, der „über einen mirakulösen Vorrat an Tinte verfügt“.

Nach und nach begreift er, daß er einen unfreiwilligen Zeitsprung erlitten hat und versucht sich zu orientieren, ohne seine Identität preiszugeben. Piotr, ein polnischer Stehgeiger, nimmt sich seiner an, läßt ihn bei sich wohnen und beschafft ihm Arbeit in einer Jazzbar.

Mozart nennt sich fortan Wolfgang Mustermann und improvisiert sich aufgeschlossen und neugierig durch die fremde Zeit, er nutzt die Gelegenheit, in Bibliotheken und auf CDs seinem Ruhm nachzuforschen, besucht Opernaufführungen und macht sich lustig über Mozartkugeln.

Eva Baronsky läßt Mozart so sprechen, wie man ihn aus den zahlreichen erhaltenen Briefen kennt, und allein dies ist schon sehr amüsant.

Die besondere Qualität des Buches liegt darin, daß es der Autorin einfühlsam gelingt, sich in Mozarts Zeitperspektive hineinzuversetzen und all die – für uns alltäglichen Gegebenheiten (elektronische Geräte, sanitäre Anlagen, Umgangsformlosigkeiten) – völlig neu zu sehen und zu hören und in Mozarts Tonfall wiederzugeben.

Hiermit dirigiere ich Sie zur vollständigen Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/14/herr-mozart-wacht-auf/

 

In der Hoffnung, daß die dargebotene Geschmacksvielfalt groß genug ist, ziehe ich mich jetzt genüßlich zum Weihnachts- geschenkeverpacken zurück. Ich nämlich habe lääääängst alle Geschenke in meiner Geschenkevorratskammer … 😉

 

 

 

 

 

 

 

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Aus der Lesevorratskammer Nr. 2

Buchbesprechungssammelsurium von Ulrike Sokul ©

Meiner Meinung nach werden Neuerscheinungen maßlos überbewertet. Daher nutze ich die Publizierungsfreiheit, über die ich hier verfüge, um einige ältere Titel aus der Lesevorratskammer ins Rampenlicht der Leseaufmerksamkeit zu stellen.
Außerdem ist Sommerferienzeit, da ist vielleicht – dank größeren Zeitwohlstandes – der Leseappetit ebenfalls größer.

Ich eröffne den Reigen mit leichter Lesekost:

Stella Gibbons
Der Sommernachtsball
Roman
MANHATTTAN Verlag
558 Seiten

Der Sommernachtsball von Stella Gibbons

Der „Sommernachtsball“ von Stella Gibbons ist eine vergnügliche Lektüre mit gleichwohl nachdenklichen Seiten. Die englische Originalausgabe erschien in den 1930er-Jahren; bei der nun vorliegenden Übersetzung von Gertrud Wittich handelt es sich um die deutsche Erstausgabe. Vordergründig bekommen  wir hier eine Aschenputtelvariante zu lesen:

In Stella Gibbons Roman ist das Aschenputtelthema die ROMANtische Verpackung für eine scharfsinnige, selbstironisch-sozialkritische Darstellung zwischenmenschlicher Stärken und Schwächen. Die Charaktere werden uns geschminkt und ungeschminkt vorgeführt. Es bleibt uns nichts erspart: keine Dummheit, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, keine männlichen und weiblichen Klischees, aber auch keine echte Herzensöffnung. Die Entwicklung der Figuren bekommt dadurch eine angenehm-desillusionierende, amüsante und zeitlose Glaubwürdigkeit.

Die Einblicke in die hintersten Hinterstübchen ihrer Gedanken (Seite 44) gehören zu den psychologischen Stilmitteln, die diesem Roman einen besonderen und augenzwinkernd-bissigen Reiz verleihen.

Hier geht es zur vollständige Rezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/01/15/der-sommernachtsball/

 

Ein Roman für kinderliebe Erwachsene:

Der beste Freund, den man sich denken kann
Roman
von Matthew Dicks
Berlin Verlag
448 Seiten
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„Der beste Freund, den man sich denken kann“   –  nämlich ein imaginärer Kindheitsfreund  – vermittelt in diesem Buch einen lebhaften, humorvoll-nachdenklichen Eindruck vom Leben und Umgang mit dem Asperger-Syndrom.

Budo ist der imaginäre Freund des neunjährigen Max. Max hat das Asperger-Syndrom und keine Freunde, da Sozialkontakte für ihn ein fast unüberwindliches Problem bzw. – genauer ausgedrückt  –  ein schwer zu lösendes Rätsel sind. Was für die meisten Menschen eine selbstverständliche und einfache Angelegenheit ist, erscheint für Max kompliziert, beängstigend und verwirrend undurchschaubar.

Budo liefert uns folgende Erklärung: „Max mag Menschen nun mal nicht so gern wie andere Kinder es tun. Er mag Menschen schon, aber es ist eine andere Art von mögen. Er mag sie von Weitem.“  (Seite 16)

Max ist gerne alleine und spielt gerne alleine, aber seinen imaginären Freund hat er sich maßgeschneidert zu seinen Bedürfnissen ausgedacht und ihn mit großer Sorgfalt gestaltet. Deshalb sieht Budo aus wie ein richtiger Junge und nicht wie ein Stofftier, eine Märchengestalt oder ein nur flüchtig hingekritzeltes Strichmännlein.

Das tragende Element von Maxens und Budos Beziehung ist, daß Budo kein Bedürfnis hegt, Max zu verändern, und ihn einfach so sein läßt, wie er ist. Das ist etwas, was die meisten anderen Menschen, einschließlich Maxens Eltern, nicht oder nur zum Teil können.

Ich verbringe fast den ganzen Tag mit ihm und sehe, wie anders er ist verglichen mit den Kindern in seiner Klasse. Max lebt auf der Innenseite, und die anderen Kinder leben auf der Außenseite. Das macht ihn so anders. Max hat keine Außenseite. Max besteht komplett aus Innenseite.“ (Seite 28)

Hier geht es zur vollständigen Rezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/06/26/der-beste-freund-den-man-sich-denken-kann/

Und immer heiter weiter:

Mein innerer Elvis
Roman
von Jana Scheerer
Verlag Schöffling & Co
245 Seiten
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„Das Glück ist wie das Licht, es braucht den Schatten des Leides!“

Das ist mein Lieblingssatz aus Jana Scheerers Buch:„Mein innerer Elvis“. Diese Weisheit leitet eine sehr amüsante Szene ein, bei der Antje von ihrer kleinen, sechsjährigen Schwester Klara dazu aufgefordert wird, mit ihr „Paartherapie“ zu spielen.

Antje wird bald 16 und hat am gleichen Tag wie Elvis Geburtstag, und sie liebt Elvis und seine Musik. Und sie will nach Graceland, um selbst herauszufinden, ob Elvis noch lebt oder nicht.

Antjes Vater ist Dozent und sehr dick, vielleicht sogar fett. Das Thema Übergewicht spielt eine ungewisse Rolle in der weiteren Geschichte, denn ich war mir nie ganz sicher, ob Antje und ihr Vater wirklich sooo fett sind oder ob Antjes Wahrnehmung übertrieben ist.

Die  schlanke Mutter ist Psychologin und wartet ein wenig zu häufig mit psychologischen Erklärungen auf, die meist eine eher peinliche, als hilfreiche Wirkung haben, aber in der töchterlichen Reflexion sehr treffend ironisch gebrochen werden.

Die Familie verbringt ihren Sommerurlaub in Amerika und besucht einen ehemaligen Kollegen des Vaters, der vor einigen Jahren an einem Forschungsprojekt in Deutschland teilgenommen hat und dessen Tochter Nelly ein Jahr mit Antje zur Schule gegangen ist.

Die pädagogisch verordnete Freundschaft der beiden Mädels funktioniert in beiderseitiger Ablehnung kein bißchen, aber bis nach Graceland raufen sie sich doch mehr oder weniger zusammen …

Außerdem erfreut uns das Buch mit sehr gelungenen, scharfsinnigen Kommentaren zur unterschiedlichen deutschen und amerikanischen Mentalität.

Hier geht es zur vollständigen Rezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/14/mein-innerer-elvis/

 

Jetzt wird es ernst:

Wem gehört Deutschland?
Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen
von Jens Berger
WESTEND Verlag
218 Seiten

Wem gehört Deutschland
Alljährlich können wir in zahlreichen Veröffentlichungen von Banken und in der Tagespresse nachlesen, um wie viel das Geldvermögen der privaten Haushalte wieder einmal gestiegen sei. Viel seltener liest man dagegen etwas über die Spreizung der Vermögensschere und die Reichtumsunmäßigkeiten in unserem reichen Land.

Jens Berger befaßt sich in seinem Buch „Wem gehört Deutschland?“ ausführlich damit, diesen statistischen Reichtum den tatsächlichen Vermögensinhabern zuzuordnen. Außerdem faßt er aufschlußreich zusammen, welcher EinflußREICHTUM auf Politik und Gesellschaft damit in Verbindung steht.

Die mehr als 5 Billionen Euro privaten Geldvermögens sind leider kein Ruhekissen fürs Volk, sondern sie konzentrieren sich zum größten Teil bei einer elitären Minderheit. Das Statistische Bundesamt untersucht keine Haushalte, deren Einkommen mehr als 18 000 Euro pro Monat beträgt. Während Armut statistisch lückenlos erfaßt und präzise definiert wird, gibt es offenbar für die Superreichen einen Schonraum.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit der Unterstellung von Neidgefühlen. Vermögen ist nicht einfach nur Geld. Es geht hier nicht um das Geld, das in existenziellen oder luxuriösen Konsum umgesetzt wird, sondern um sehr viel äußerst „überflüssiges“ Geld. Solche großen Vermögen bedeuten Macht und großen Einfluß auf die Politik unseres Landes.

Viele der auflagenstärksten Tageszeitungen sind im Besitz von Personen und Familien, deren Vermögen sich in drei bis vierstelliger Millionenhöhe befindet. Da brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, wessen Interessen in den entsprechenden Medien vertreten werden und daß Themen wie die extreme Öffnung der Vermögensschere oder gar die Wiedereinführung der Vermögenssteuer keine Berichtenswertigkeit haben.

Jens Berger beschreibt in klaren Worten und mit überdeutlichen Zahlen, wie sich in unserem Verteilungssystem privater Reichtum und öffentliche Armut wechselseitig bedingen.

Vollständige Rezension: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/27/wem-gehort-deutschland/

Auch Schwermut kann ich Ihnen nicht ersparen:

Die Brandungswelle
Roman
von Claudie Gallay
btb Verlag
557 Seiten

Die Brandungswelle von Claudie Gallay
„Die Brandungswelle“
wird von einem Ich erzählt, dessen Namen wir bis zum Schluß nicht erfahren, doch das fällt mir erst jetzt beim Schreiben dieser Buchbesprechung auf. Auch der verstorbene Liebste der Erzählerin, an den sie manchmal unmittelbar das Wort richtet, bleibt für uns Leser ein namenloses Du.

Die Erzählerin ist Biologiedozentin, hat sich nach dem Tod ihres Mannes von der Universität beurlauben lassen und sichtet nun im Auftrag eines ornitologischen Zentrums Vögel an der nordwestlichen Küste der Normandie. In dem kleinen Hafenort La Hague wohnt sie im ersten Stockwerk eines Hauses, das gefährlich nah am Meer steht. Im Stockwerk darunter wohnt der Bildhauer Raphaël zusammen mit seiner jüngeren Schwester Morgane. Diese drei Zugereisten leben familiär-freundschaftlich beieinander.

Jeder ist auf seine Weise in La Hague gestrandet und vorläufig geblieben. Jeder respektiert den verletzlichen Gefühlsraum und das Schweigen des anderen, überbrückt aber auch die individuelle Einsamkeit durch eine Form des Mitgefühls, die mehr in körperlichen Gesten als in tiefschürfenden Worten  zum Ausdruck kommt.

Lambert,  ein neuer Gast in La Hague, erweckt die vorsichtige Neugier der Erzählerin und sorgt bei den Einheimischen für Unruhe. Er bezieht das alte Ferienhaus seiner Eltern, und wir erfahren, daß er als Kind bei einem tragischen Bootsunfall seine Eltern und seinen kleinen Bruder verloren hat …

Während Lambert seine Nachforschungen vorantreibt und auch die Erzählerin ihren Anteil am Entwirren der Schicksalsfäden hat, kommen sich diese beiden verlustgeprüften Menschen sehr behutsam und langsam näher.

Die Sprache, in der diese Geschichte vom Verlieren und Finden gestaltet ist, verdient besondere Beachtung; sie ist von ganz außergewöhnlicher Textur. Wie der Bildhauer Raphaël mit seinen Figuren unausgesprochenen Gefühlen sichtbare Gestalt gibt, so meißelt die Autorin ihre Geschichte aus der Sprache heraus: schnörkellos, karg, rauh, elementar, durchatmet von einer beeindruckenden Demut. Sie erschafft damit eine naturbelassene Gefühlslandschaft von starker und unmittelbarer Präsenz.

Vollständige Rezension: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/die-brandungswelle/

 

Und nun zur geistreich-heiteren Entspannung ein moderner Klassiker im vollendeten Hörspielgewand:

Tante Julia und der Kunstschreiber
Roman
von Mario Vargas Llosa
Hörspiel
der Hörverlag
10 CDs
Spielzeit 723 Minuten
Sprecher: André Jung, Herlinde Latzko, Christoph Bantzer u.a.

978-3-86717-725-2
Applaus – für  diese großartige Hörspielproduktion des Schweizer Radios DRS aus dem Jahre 2002! Acht Jahre vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an Mario Vargas Llosa wurde seinem Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ mit dieser Hörspielfassung  kongenial die Ehre gegeben.

Unter der Regie von Claude Pierre Salmony und der sehr originaltextnahen Hörspielbearbeitung und Co-Regie von Daniel Howald ist ein geistreicher und opulenter Ohrenschmaus entstanden. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Dialoge mit Originalaufnahmen aus Lima hinterlegt. Die Geräusche von Straßen, Cafés und Kirchen sowie gelegentliche musikalische Einstreuungen tragen sehr zur dramaturgischen Einstimmung bei und werden durch die wiederkehrende, sehr tänzerische Einspielmelodie vor jedem neuen Kapitel ergänzt.

In „Tante Julia und der Kunstschreiber“ erzählt Vargas Llosa die autobiographisch inspirierte Liebesgeschichte von Mario und Julia. Im Lima der Fünfzigerjahre studiert Mario nachlässig Jura, arbeitet als Nachrichtenredakteur für Radio Panamericana und träumt davon, als Schriftsteller in einer Mansarde in Paris zu leben. Seine Erzählungen landen zwar meist im Papierkorb, aber Mario ist von seiner schriftstellerischen Berufung überzeugt. Er wohnt bei seinen Großeltern und ißt bei den diversen Tanten und Onkeln seines ausufernden Familienclans zu Mittag. Bei einem dieser Essen trifft er auf seine angeheiratete Tante Julia, die frisch geschieden nach Lima gekommen ist, um einen neuen Ehemann zu finden.

Am gleichen Tag hört er zudem zum ersten Mal von Pedro Camacho, dem neuen Hörspielautoren des Radiosenders. Die leibhaftige Begegnung mit dem Hörspielwunder läßt nicht lange auf sich warten, und Mario beobachtet staunend die unglaubliche Produktionsmenge und Schnelligkeit des eigenwilligen Schreibers. Pedro Camacho verfaßt und inszeniert neun Hörspielepisoden täglich und verschafft dem Sender große Hörerzuwächse und entsprechend höhere Werbeeinnahmen.

Pedro Camacho kultiviert diverse Manierismen: er trinkt Kamillentee mit Pfefferminze, er zelebriert höfische Verbeugungen und pflegt in jedes Hörspiel gnadenlos seine persönlichen Zu- und Abneigungen einzubauen; so ist die jeweilige Hauptfigur grundsätzlich „in der Blüte seiner Jahre, nämlich 50“, also genau in Pedro Camachos Alter.

Vargas Llosa wechselt die Kapitel der wirklichen Liebesgeschichte von Mario und Julia mit den fiktiven Hörspielepisoden von Pedro Camacho ab …

Und hier ist der Weg zur vollständigen Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/tante-julia-und-der-kunstschreiber/

 

Für freche, etwas lesefaule, aber doch wortspielerisch ansprechbare Leser ab 8 Jahren habe ich noch etwas ganz Besonderes auf Lager:

Die Mr Gum-Reihe von Andy Stanton
mit charakterstarken Zeichnungen von David Tazzyman:
Band 1: Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum!
Band 2: D Mr Gum und der Mürbekeksmilliardär
Band 3:Der entsetzliche Mr Gum und die Kobolde
DTV Verlag

sie_sind_ein_schlechter_mensch_mr_gum-9783423715065 mr_gum_und_der_muerbekeksmilliardaer-9783423715225
der_entsetzliche_mr_gum_und_die_kobolde-9783423715508Das Lesen dieser Buchbesprechung ist für Kinder verboten: Eltern haften für ihre Buchkaufent-scheidung! Es handelt sich um eine ganz schrecklich-lustige Buchreihe mit übersichtlicher Textmenge und komischen, demonstrativ-undekorativen Zeichnungen, die ausgezeichnet zum Text passen.

Das Leben in der kleinen Stadt „Bad Lamonisch an der Bibber“ könnte so friedlich sein, gäbe es nicht den alten Kinderschreck Mr Gum. Mr Gum ist STINKfaul, und das ist nicht bloß metaphorisch gemeint. Er wohnt in einem total verkommenen Haus, macht nie sein Bett und putzt sich nie und nimmer die Zähne. Er guckt alles und jeden stets nur grimmig und knurrig an, und wenn er überhaupt mal etwas tut, so klaut er Kindern die Spielsachen und macht sie kaputt, denn das verschafft ihm einsame Genugtuung. So lernen wir im ersten Band „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum“ den schlechten Menschen Mr Gum kennen und fürchten.

Nur sein Garten ist „der hübscheste, grünlichste, geblümteste, gartenartigste Garten von ganz Bad Lamonisch“.  Was niemand außer uns Lesern erfährt, ist folgendes: Mr Gum steht unter der SCHLAGfertigen Fuchtel einer Fee, die ihn mit der Bratpfanne* traktiert, wenn er den Garten nicht hübsch pflegt.

Ein häufiger und gern gesehener Gast in der ländlichen Kleinstadtidylle ist der Hund Jakob. Ein großer, pelziger, kinderfreundlicher und fröhlicher Hund, der zu niemand Bestimmtem gehört und bei Kindern und den meisten Erwachsenen sehr beliebt ist und der mit kleinen Leckereien durchgefüttert wird.

Eines schönen Tages (nicht, daß Mr Gum einen schönen Tag zu würdigen wüßte) entdeckt Jakob Mr Gums Garten und bringt dort alles durcheinander, und zwar drei Wochen lang täglich. Mr Gum wird durch die „Streicheleinheiten“ mit Bratpfanne, die seine Gartenaufsichtsfee ihm gnadenlos verabreicht, aus seinem Faulenzerdasein gerissen und überlegt sich einen teuflischen Plan, um den Hund loszuwerden …

Der Autor kombiniert den Handlungsverlauf der Geschichten mit typographischen Spezialeffekten, z.B. liebliche Schnörkelbuchstaben für die Beschreibung schöner Elemente, gaaanz kleine Buchstaben, wenn es was zu flüstern gibt, comicartige Lautmalereien bei dramatischen Szenen und Frakturschrift bei altertümlichen Formulierungen. Das unterstreicht auf abwechslungsreiche Weise die Ausdruckskraft des Textes.

Wortspielereien finden sich in den Mr Gum-Büchern wie das sprichwörtliche Heu im Heuhaufen, und dieser ganze improvisatorisch-spontan wirkende, flapsige Erzählstil und die irrwitzigen Wendungen und „lakomischen“ Randbemerkungen erinnern mich ein bißchen an die Werke von Helge Schneider.

Und hier müssen Sie weiterlesen, sonst Bratpfanne* … (s.o.) 😉 :
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/10/21/mr-gum-band-1-bis-3/

 

Aber auch für zartfühlende Gemüter ab 8 Jahren habe ich etwas:

Lola auf der Erbse
von Annette Mierswa
Tulipan Verlag
195 Seiten
ab 8 Jahren

  Lola

„Lola auf der Erbse“ ist keine Prinzessin auf der Erbse, sondern ein achtjähriges Mädchen, das mit seiner Mutter auf einem Hausboot lebt.

Lola ist klein für ihr Alter und wird oft für viel jünger gehalten, als sie ist. Die kleine Lola will nicht mehr wachsen, seitdem ihr Vater vor drei Jahren die Familie verlassen hat. Sie weigert sich auch, ihren Hals zu waschen, weil sie den letzten Kuß ihres Vaters dort gleichsam aufbewahrt. Außerdem trägt sie stets Schuhe mit einem weißen und einem schwarzen Schnürsenkel, um sich daran zu erinnern, „dass ihr Vater zuletzt gesagt hatte, alles habe zwei Seiten und sie solle immer darauf achten, beide zu sehen. Denn es gebe keinen Schatten ohne Licht, keinen schönen Tag ohne einen trüben und keine Mama ohne einen Papa.“ (Seite 7)

Kurz vor Lolas neuntem Geburtstag kommt es zu einer familiären Krise, weil Lolas Mutter sich neu verliebt hat. Lola ist wild entschlossen ist, den neuen Mann nicht zu mögen.

Die kindliche Anhänglichkeit und Solidarität mit dem Vater, die unterschwellige Hoffnung, der Vater möge vielleicht doch irgendwie zurückkehren, das Festhalten an alten Erinnerungsschätzen und die dennoch langsam aufkeimende Sympathie zu dem neuen Partner der Mutter werden sehr feinfühlig und in all ihrer aufwühlenden Widersprüchlichkeit erzählt.

„Lola auf der Erbse“  ist ein wunderbar warmherziger Kinderroman, in dem die Kinder Kinder sind und in dem die Erwachsenen  –  auf erfreulich unneurotische Weise  – erwachsen sind und eine zwischenmenschliche Orientierung bieten, an der ein Kind wahrlich wachsen kann.

Hier ist die vollständige Rezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/17/lola-auf-der-erbse/

Für ganz kleine Bücherlinge habe ich noch ein zauberhaftes Papp-Bilderbuch:

Heute bin ich Tigermaus
Allererste Vorlesegeschichten
von Stefanie Dahle
Arena Verlag
ab 2 ½ Jahren

978-3-401-09630-8.jpg Heute bin ich Tigermaus
Der kleine Mäuserich Friedrich lebt mit einigen Mitmäusen in einem gemütlichen Trödelladen. Des Nachts erkundet er das schöne Sammelsurium heimatloser Dinge.

In der Einstiegsgeschichte weckt eine rot-goldene Puderdose seine Mäuseneugier. Da er weiß, daß die Menschen sich mit Puder verschönern, beschließt er, sich ebenfalls mit diesem Puder anzuhübschen. Außerdem hofft er, damit nicht mehr so langweilig mausbraun auszusehen und  die Aufmerksamkeit der kleinen Mäusedame Milla zu erregen. Vor dem Schlafengehen bestäubt er sich ausgiebig mit dem Puder bis sein Fell vor lauter Puder glänzt und glitzert.

Als Friedrich in der nächsten Nacht aufwacht (zweite Geschichte), hat er ein Tigerfell. Offenbar enthält die Puderdose keinen gewöhnlichen Schminkpuder, sondern einen geheimnisvollen Zauberpuder. Stolz präsentiert er sich den anderen Mäusen als starke Tigermaus, aber die machen sich – mit Ausnahme von Milla – über ihn lustig. Und dann riecht er auch noch nach Katze, das ist gar nicht mäusemäßig. Also bestäubt er sich in der Hoffnung auf eine bessere Verwandlung erneut mit dem Zauberpuder…

„Heute bin ich Tigermaus“ von Stefanie Dahle  ist ein schönes, phantasievolles und warmherziges Vorlesebuch mit kurzen und trotzdem handlungsreichen Geschichten. Die ganzseitigen Illustrationen sind romantisch-verträumt, freundlich-bunt und im besten Sinne niedlich…

Link zur vollständigen Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/09/25/heute-bin-ich-tigermaus/

 

Und zu guter Letzt noch ein Bücherbuch für erwachsene Leser:

Ein Buchladen zum Verlieben
von Katarina Bivald
btb Verlag
445 Seiten

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

Der Roman „Ein Buchladen zum Verlieben“ ist eine Liebeserklärung an Menschen (und ihre Schwächen) und eine Liebeserklärung an Bücher (und ihre Stärken). Das Buch handelt davon, wie Leseerfahrung zu Lebenserfahrung und Lebenserfahrung zu Leseerfahrung führen kann.

Es ist eine unterhaltsame Lektüre, die uns eine sympathisch unglamouröse, amerikanische Kleinstadtmilieustudie und ganz besondere alltägliche Menschen aufblättert.

Man nehme eine arbeitslose, mauerblumige Buchhändlerin (Sara) aus Schweden, die sich mehr mit Büchern als mit Menschen verbunden fühlt, die jedoch eine vertrauensvolle Brieffreundschaft mit einer belesenen, weise-abgeklärten alten Dame (Amy) aus einer angestaubten Kleinstadt (Broken Wheel) in Iowa (USA) pflegt. Amy lädt Sara sehr herzlich zu einer dreimonatigen Auszeit zu sich nach Hause ein, und Sara kommt gerade noch rechtzeitig in Broken Wheel an, um an Amys Begräbnis teilzunehmen.

Sara wird von Amys Freundes- und Nachbarschaftskreis dazu eingeladen, trotz des Todesfalles eine Weile zu bleiben und im Hause ihrer verstorbenen Gastgeberin zu wohnen.

Zögerlich läßt sich Sara auf dieses Abenteuer ein und lernt die Menschen, die sie aus Amys brieflichen Beschreibungen kennt, nun im wirklichen Leben kennen und nach und nach wirklich schätzen. Fast jedes Kapitel wird durch einen Brief Amys ergänzt, so daß die zwischenmenschlichen Vorgeschichten der relevanten Charaktere nacherzählt werden.

Da Sara die ihr entgegengebrachte allgemeine Großzügigkeit gerne erwidern möchte, kommt sie auf die Idee, in einem der vielen leerstehenden Ladenlokale der einzelhändlerisch fast ausgestorbenen Haupt- und Geschäftsstraße mit dem Büchernachlaß von Amy eine Buchhandlung zu eröffnen …

Hier entlang zu vollständigen Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/13/ein-buchladen-zum-verlieben

 

 

Aus der Lesevorratskammer Nr.1

Buchbesprechungssammelsurium von Ulrike Sokul ©

Da Weihnachten naht, will ich nachfolgend die „Was-schenke-ich-bloß-Verlegenheit“ sowie die „Was-wünsche-ich-mir-Unentschlossenheit“ ein bißchen lindern und 10 ausgewählte Bücher, zwei Hörbücher, die sechsbändige Thursday-Next-Serie und drei Bilderbücher sowie eine MUSIK-CD aus meinem Besprechungsfundus noch einmal besonders hervorheben.

 

Im Hause Longbourn
von Jo Baker
448 Seiten
Knaus Verlag

Im Hause Longbourn von Jo BakerDieser klassengesellschaftliche Perspektivwechsel im Jane-Austen-Gewand fasziniert vom ersten bis zum letzten Satz durch inhaltliches und stilistisches Fingerspitzengefühl.

Jo Baker stellt in ihrem Roman die Menschen in den Mittelpunkt, die in „Stolz und Vorurteil“ fast unsichtbar hinter den Kulissen wirken. So findet nun die „herrschaftliche“ Handlung von „Stolz und Vorteil“ in Hintergrund statt und bildet die Kulisse für die Schicksale des Personals, das im Haus Longbourn, dem Wohnsitz der Familie Bennet, arbeitet.

Die Autorin erzählt uns die Liebesgeschichte des Hausmädchens Sarah und des Hausdieners und Kutschers James, die beide im Hause Longbourn arbeiten. Und wenn ich hier schreibe arbeiten, so meine ich keine 40-Stunden-Woche mit sechs Wochen bezahltem Jahresurlaub, sondern ich meine eine Arbeit von sehr früh morgens bis sehr spät abends, und wenn die Herrschaften weit nach Mitternacht von einem festlichen Ball zurückkehren, chauffiert von einem schlaflosen Kutscher, muß selbstverständlich auch jemand vom Hauspersonal aufbleiben und den tanzerschöpften Familienmitgliedern die Haustür aufhalten, Tee und Gebäck servieren und anschließend noch beim Auskleiden helfen …

Die ideale Lektüre für Jane-Austen-Liebhaber und Dowton-Abbey-Gucker!
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/09/09/im-hause-longbourn/

 

Das Buch der Kinder
von A.S. Byatt
896 Seiten
S.Fischer Verlag
u1_978-3-10-004417-4.2097263.jpg Das Buch der Kinder
Dieser Künstlerroman schüttet ein Füllhorn an idealistischen Vorstellungen und „Zeitgeistern“ des Fin de siècle und der künstlerischen Ideale der „Arts and Crafts“ – Bewegung (William Morris, John Ruskin) vor dem Leser aus und bietet ein opulentes, kultiviertes und ästhetisch gedecktes Lesebüfett.

„Das Buch der Kinder“ ist ein sinnlicher Roman, detailverliebt ausführlich sowohl in der Darstellung der Charaktere als auch in der Wiedergabe alltäglicher und künstlerischer Gegenstände, der Räume, Möbel, Kleidungsstile, Schmuckstücke, Buchumschläge und Illustrationen, Keramikgefäße und Skulpturen, Stoffe, Farben, Muster, Texturen und Ornamente.

Dabei liegt der Schwerpunkt des Romans auf der Entwicklung der Kinder, die den Wider-sprüchen und Auswirkungen der unkonventionellen Beziehungsexperimente und Sozialreformen ihrer Eltern ausgesetzt sind. Es gibt dunkle Geheimnisse, zahlreiche Verstrickungen, eheliche, uneheliche und Kuckuckskinder.

Es ist ein hochinteressantes, lebendiges und wissensvolles Buch, das sich nicht für die Lektüre in kleinen Häppchen vor dem Schlafen eignet, sondern für ausführliche Schmökersofastunden, in denen man sich ganz auf die komplexe Geschichte und die vielfältigen und verschlungenen Wege einlassen kann.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/26/das-buch-der-kinder/

Das Schweigen des Sammlers
von Jaume Cabré
845 Seiten
Insel Verlag

17522_CabreDie Familie, von der in diesem anspruchsvoll ausführlichen Roman erzählt wird, ist klein: Vater, Mutter und Sohn. Adrià Ardèvol ist ein hochbegabtes Einzelkind, das in einem geistig-kulturell üppig ausgestatteten Elternhaus in Barcelona aufwächst, in dem es Anerkennung für intellektuelle Leistungen, aber keine Liebe gibt und keine elterliche Wahrnehmung für das Kindsein eines Kindes.

Adriàs Vater betreibt ein luxuriöses Antiquitätengeschäft in Barcelona, doch der Erwerb so mancher der Kostbarkeiten fand nicht unbedingt zu fairen und legalen Bedingungen statt. Die wertvollsten Funde schmücken als unverkäufliche Sammlerstücke das väterliche Arbeitszimmer. Und hier kommen die Schicksalsfäden, die mit bestimmten Gegenständen zusammenhängen, zu Wort und Wirkung: eine Storioni-Geige von 1764, ein uraltes goldenes Amulett, einige Bilder und diverse alte Urkunden und Handschriften sind gewissermaßen weitere Familienmitglieder und haben einen beträchtlichen biographischen Einfluß auf die Familie Ardèvol.

Die Dinge aus der Privatsammlung seines Vaters sind mehr Fluch als Segen für ein unbe-schwertes und unschuldiges Leben, denn die Art und Weise ihrer Entstehung, die Schicksale früherer Eigentümer, kurz: die Geschichten, die in diesen Dingen stecken, haben Nachwirkungen bis in die Gegenwart.

Jaume Cabré wechselt immer wieder zwischen der Ich-Erzählerperspektive und der Allwissenden-Erzählperspektive, und er wechselt – teilweise völlig übergangslos – die Zeitebenen und Schauplätze: Barcelona im 20. Jahrhundert, die Klöster Santa Maria de Gerri und Sant Pere de Burgal im 14. und 15. Jahrhundert, die Orte Pardàc, Cremona und Paris im 17. und 18. Jahrhundert, Rom von 1914 bis 1918 und Ausschwitz-Birkenau 1944.

Dieses wortwörtlich changierende Textgewebe ist faszinierend, äußerst komplex, spannend und einfach virtuos. Was für ein genialer Kunstgriff, die verschiedenen Charaktere, Zeitebenen und Schauplätze durch eine palimpsestartige Schreibweise ineinander übergehen und unterschiedliche Schichten der Vergangenheit durchschimmern zu lassen!

Dieser Roman beansprucht eine möglichst ununterbrochene Leseaufmerksamkeit – dann ist er fesselnd, und man findet sich auch in den wechselnden, changierenden Erzähl- und Zeiträumen sowie der außergewöhnlichen Textstruktur zurecht. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/24/das-schweigen-des-sammlers/

Montedidio
von Erri de Luca
224 Seiten
List Verlag

MONTEDIDIOcsm_9783548611877_cover_d14b42011b„Montedidio“ ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Abschied und Neubeginn, von ersten Lebensgefahren und -Rettungen, Wundern und Verwundungen.

Der Ich-Erzähler ist ein dreizehnjähriger Junge, der von seinem Vater einen Bumerang aus Akazienholz zum Geburtstag geschenkt bekommen hat und diesen hütet wie einen geheimen Schatz. Er lebt mit seinen Eltern in Neapel, im Stadtteil Montedidio; der Lebensabschnitt, von dem hier berichtet wird, spielt zeitlich Anfang der 60er Jahre.
Mit unwillkürlicher Selbstverständlichkeit kommen zudem gute Wünsche, böse Flüche, luftige Geister und ratgebende Engel zu Wort.

All das wird in einer zutiefst achtsamen, ungekünstelten Sprache erzählt: feinfühlig, lebensreif, sinnlich, wortwörtlich mit Hand und Fuß und zugleich poetisch und andächtig sowie mit einer elementaren Männlichkeit, die in der heutigen Literatur ganz selten anzutreffen ist.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/09/montedidio/

Montedidio ist eine Lektüre, die sich vorzüglich mit dem nachfolgenden Hörbuch „paart“:

Das Decamerone
von Giovanni Boccaccio
HÖRBUCH
der Hörverlag

Das DECAMERONE Hörbuch46 Geschichten aus dem Decamerone und vorzügliche Sprecher bieten fast 12 Stunden lang eine kultivierte Auditüre des berühmten Klassikers von Giovanni Boccaccio.

Der galante und elementare Eros, die tiefe Menschenkenntnis dieser Episoden und das unerwartet moderne Menschenbild Giovanni Boccaccios sind wahrlich eine Bereicherung des Herzenshorizontes.

Die schöne, sehr stilvolle Sprache und der filigran ziselierte Satzbau fügen sich zu einer Geschichtenschatztruhe mit feinen Intarsien aus Poesie, Humor, Sinnlichkeit, Komik, Tragik, Lebensfreude, Liebeslust, Glück und Leid, Seufzern und Tränen, Körper und Seele, Weisheit und Dummheit, Wahrheit und Lüge, Sein und Schein – kurz: vielgestaltig, lebensbunt und mitmenschlich.

Alle Sprecher und Sprecherinnen dieser – bisher vollständigsten Lesung des Decamerone – treffen ganz wunderbar und sehr fein nuanciert den schelmisch-burlesken sowie den empfindsamen Tonfall Boccaccios. Besonders hervorzuheben sind der »König der Vorleser« Gerd Westphal, der die Rahmenhandlung liest und die besondere Gestimmtheit des Decamerone ganz unvergleichlich evoziert, und Uwe Friedrichsen, der – frivol, kecklich und augenzwinkernd – die Rolle des Dioneo spricht.

Sprachkunst und Sprechkunst finden sich in diesem Hörbuch zu beiderseitigem, befruchtendem Entzücken vorzüglich zusammen!
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/09/17/das-decamerone/

Und die nachfolgende Musik-CD-Besprechung führt den Liebesreigen heiter weiter:

Lieder von Liebe, Wein und Tod
von Carl Michael Bellman
Doppel-CD

BellmancdcoverDer schwedische Nationaldichter und Komponist , Carl Michael Bellman (1750 – 1795) gilt als „Urvater des Liedermachers“

Die „Lieder von Liebe, Wein und Tod“ von Petter Udland Johansen und dem Ensemble Pratum Musicum ist die umfassendste Sammlung von Carl Michael Bellman Liedern, die bisher in deutscher Sprache erschienen ist.

Carl Michael Bellman schrieb über die Welt in der er zu Hause war, beim sogenannten „bunten Volk“, dessen Leben sich in Tavernen, Spelunken und der freien Natur abspielte. Seine Lieder sind Miniaturepen und -Dramen, welche die Freuden und Leiden einfacher Menschen durch Vers, Wort und Musik in Szene setzen. Die Texte sind lebensvoll und todesmutig, deftig, frivol, verspielt, herzhaft, sinnlich, humorvoll, elegisch, fröhlich, poetisch, selbstironisch, zärtlich, naturliebhaberisch und sehr trunken.

Neben dem „anspruchsvollen Rokoko-Gesang“ auch all diesen Gefühlsfacetten schauspielerisch-stimmlich Ausdruck zu geben ist überzeugend gelungen. Der Zusammenklang von Musik und Sprache hat bei dieser Bellman-Wiederbelebung eine fast schon berauschende Unmittelbarkeit. Die künstlerische Sorgfalt, mit der bei dieser Produktion vorgegangen wurde, erstreckt sich auch auf das ausführliche CD-Beiheft, das auf seinen 47 Seiten alle Liedtexte, Informationen zu Leben und Werk Carl Michael Bellmans sowie zeitgenössische Illustrationen und Kommentare wiedergibt.

Die Verpackungshülle der Doppel-CD – geschmückt mit dem Gemälde „Galante Szene“ (1744) von Jean-Marc Nattier (le Jeune) – ist graphisch und ästhetisch sehr harmonisch gestaltet und korrespondiert trefflich mit dem musikalischen Inhalt.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/10/06/lieder-von-liebe-wein-und-tod/

Firmin
von Sam Savage
211 Seiten
List Verlag

9783548609218_cover.jpg Frimin großDie kleine Ratte, die auf den Papierfetzen von „Finneganns Wake“, das Licht der Welt bzw. das Flimmerlicht einer Neonröhre im Keller einer Antiquariatsbuchhandlung erblickt – das ist Firmin, der tierisch literarische Held des Romans von Sam Savage.

Wir schreiben die frühen sechziger Jahre, und die Buchhandlung befindet sich in einem heruntergekommenen Stadtteil, dem Scollay Square in Boston.

Firmin ist etwas zarter besaitet als seine zwölf Geschwister und bekommt zu wenig Rattenmuttermilch. Der Hunger treibt ihn dazu, Bücher anzunagen, und nach einiger Zeit entdeckt Firmin bei dieser Bücherdiät, daß er lesen kann. Während seine Geschwister und seine Mutter das Nest verlassen, richtet sich Firmin, wissenshungrig und neugierig, in der Zwischendecke der Buchhandlung ein, beobachtet das Geschäftsleben, lernt die Stammkunden kennen und lauscht interessiert und teilnahmsvoll den Gesprächen der Menschen.

Durch ausgiebige Lektüre und heimliche nächtliche Kinobesuche bildet sich Firmin weiter: „Mein Verstand wurde schärfer als meine Zähne.“ In seinen Tagträumen bewegt er sich auf Augenhöhe zwischen Charakteren aus den Klassikern der Weltliteratur und führt geistreiche Gespräche.

Firmin lebt ein einsames Leben, er ist der unbeobachtete Beobachter und der absolute Außenseiter. Seinen Artgenossen ist er zu humanistisch, und Menschen sehen nur ein Tier – ja sogar Ungeziefer – in ihm.

Firmins geistige Größe steht im krassen Gegensatz zu seiner wortwörtlichen Sprachlosigkeit, doch er sucht tapfer nach einer Möglichkeit, die Sprachbarriere zu überwinden. Schließlich kommt er auf die Idee, sich der Taubstummenzeichensprache zu bedienen, ein entsprechendes Handbuch hat die Buchhandlung auf Lager. Nach tapferen Proben, in denen er unter Ganzkörpereinsatz eine menschliche Hand darzustellen versucht, reichen seine Fähigkeiten jedoch nur für zwei leserliche Zeichen: „Auf Wiedersehen“ und „Reißverschluß“ …  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/26/firmin/

Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
von Meir Shalev
288 Seiten
Diogenes Verlag

978-3-257-24200-3.jpg Meine russische GroßmutterDie besten Geschichten schreibt immer noch das Leben, man muß sie nur erzählen, weitersagen und weitergeben. Tatsachen dienen dabei als Rankhilfe für alle möglichen Geschichtenverästelungen, Wörterblütenschmuck und Phantasiefrüchte.

Der israelische Romancier Meir Shalev schöpft für den Roman „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“ bewegliche Wahrheiten aus dem biographischen Brunnen seiner Vorfahren und Verwandten.

Die Hauptperson ist seine Großmutter Tonia, die Hauptsache ist ein Staubsauger, und die Haupthandlung dreht sich ums Putzen.

Zwischen diesen drei Eckpunkten knüpft Meir Shalev ein facettenreiches, interessantes und menschenkenntnisreiches Geschichtennetz. Die Großmutter erzählt, der Großvater, die Mutter, der Vater, die Onkel, die Tanten: Alle erzählen gern und viel und haben keine Scheu, die tatsächlichen Tatsachen nur als Vorwort für eigenwillige und kreative Ausschmückungen, Ergänzungen, Interpretationen und Variablen der Wahrheit zu nutzen. In Meir Shalevs Buch kommen sie alle zu Wort, und so mäandern um die Geschichte des Staubsaugers viele Nebengeschichten, die jedoch einen anschaulichen und sinnvollen Beitrag zum Gesamtbild liefern.

Sprachlich besonders reizvoll und amüsant sind die familientypischen Redewendungen und die grammatischen Eigenwilligkeiten der Großmutter, die der Autor stilistisch aufgreift und mit denen wir als Leser bald ganz selbstverständlich und vertraut auf Du sind. Ein paar liebenswürdige und schmackhafte Prisen Jiddisch bekommen wir außerdem serviert.

Die Figuren dieses Romans erscheinen so echt, leibhaftig und greifbar lebendig, daß man nach Beendigung der Lektüre das Gefühl hat, sie wirklich kennengelernt zu haben. Das liegt nicht nur daran, daß es wirkliche Menschen sind und wir auch einige Photographien zur Illustration angeboten bekommen, sondern an der malerischen, sinnlichen, warmherzigen und humorvollen Erzählweise. Shalevs Erzählton hat eine starke Ausstrahlung, die sich dem Gedächtnis lebhaft einprägt und die Leseerfahrung beinahe in Lebenserfahrung verwandelt.

Und auch die Belehrung über das richtige und geschlechtsspezifische Auswringen des Putzlappens auf Seite 84 hat eine gewisse pragmatische Faszination, die mir ein unwillkürliches Schmunzeln entlockte und mich – das gebe ich gerne zu – in Versuchung führte, diese Anleitung praktisch zu überprüfen.

Die ideale Lektüre für Putzteufel und für Leser, die biographische Romane mögen.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/31/meine-russische-grosmutter-und-ihr-amerikanischer-staubsauger/

Stich ins Wespennest
D.E. Stevenson
350 Seiten
Manhattan Verlag

Stich ins Wespennest von D E StevensonBeim „Stich ins Wespennest“ handelt es sich um eine sehr geschickt konstruierte Geschichte in der Geschichte oder, kurz zitiert, um „einen Roman über eine Frau, die einen Roman über eine Frau geschrieben hat, die einen Roman geschrieben hat.“

Es ist eine vergnügliche Lektüre der leichten Muse, gleichwohl aber nicht gedankenlos.

Der Schauplatz des Romans ist ein kleines englisches Dorf namens Silverstream zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Die unscheinbre Miss Barbara Buncle, die aus Geldnot einen Roman mit dem Titel „Der Störenfried“ verfasst hat und die dabei auf das in ihrem Dorf befindliche Figurenpersonal zurückgegriffen hat, mischt die Dorfbewohner tüchtig auf.

Zwar hat sie die Namen verändert und den Roman unter dem Pseudonym John Smith veröffentlicht, aber ihre gute Beobachtungsgabe und scharfsinnige Menschenkenntnis – in Verbindung mit einer naiven Wahrheitstreue in der schriftlichen Wiedergabe – führen dazu, daß sich die Personen aus dem Roman leicht den realen Vorbildern zuordnen lassen.

Niemand verdächtigt die unscheinbare Miss Buncle, obwohl sie selbst in ihrem Buch auch vorkommt. Allerdings hat sie eine deutliche charmantere und selbstsichere Version ihrer Person entworfen, und das ist zunächst die beste Tarnung.

Miss Buncle, die von allen sympathischen Personen im Dorf geschätzt und von den Unsympathischen chronisch unterschätzt wird, schreibt munter an einer Fortsetzung des „Störenfrieds“ und benutzt die aktuellen, aufgeregten Nachforschungen und dörflichen Geschehnisse als weitere Bausteine für die Romanfortsetzung. Durch den inzwischen zum Bestseller avancierten Erfolg ihres Romans bessert sich Miss Buncles finanzielle Situation, sie kann sich neu und geschmackvoller kleiden, und sie wird selbstbewußter und mutiger.

Im weiteren fließenden Übergang von Fiktion zu Wirklichkeit und umgekehrt, läuten auch schon bald die Hochzeitsglocken für Miss Buncle …    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/stich-ins-wespennest/

Die Spieluhr
Novelle
von Ulrich Tukur
150 Seiten
Ullstein Verlag

csm_9783550080302_cover_ Die Spieluhr175f6ec799„Die Spieluhr“ von Ulrich Tukur ist eine musische, malerische und musikalische Geschichte, poetisch, geheimnisvoll und vielschichtig; sprachlich wunderbar geschliffen, anziehend altmodisch, niveauvoll – ja: ELEGANT. Ich bin hingerissen, solches Sprachgut bei einem Autoren der Gegenwart erlesen zu dürfen!

Der Autor erzählt von den Dreharbeiten zur Filmbiographie der Malerin Séraphine Louis. Im Film verkörpert er Wilhelm Uhde, einen deutschen Kunstsammler, der 1912 bei einem Urlaubsaufenthalt in der französischen Kleinstadt Senlis das außergewöhnliche Maltalent von Séraphine entdeckt und fördert.

Es gibt ein Problem bei den Dreharbeiten: Der Filmarchitekt hat trotz umfänglicher Hausbesichtigungen noch nicht den passenden Drehort für die Inszenierung von Séraphines Unterkunft gefunden.

Der Regieassistent Jean-Luc, der fertiges Filmmaterial nach Paris zum Entwickeln bringen soll, verschwindet spurlos und taucht sichtlich erschüttert zwei Tage später wieder auf und erzählt, daß er unterwegs zufällig ein verborgenes Schloß entdeckt habe. Dort befände sich ein Raum, der sich perfekt als Séraphines Filmzimmer eigne.

Jean-Luc versucht seine irrlichternden Erfahrungen mit dem geheimnisvollen Schloß und seinen mysteriösen Bewohnern in Worte zu fassen; nicht ganz zu Unrecht befürchtet er, von seinen Zuhörern für verrückt gehalten zu werden; zumal es ihm nicht gelingt, den Weg zum Schloß wiederzufinden, und er von den Kollegen damit aufgezogen wird, was er denn geraucht habe. Empört macht er sich daraufhin alleine wieder auf die Suche und einige Zeit später folgt der Autor den Spuren Jean-Lucs.

Er findet das wirklich-unwirkliche Schloß und betritt eine Reihe von changierenden Räumen; Gobelins führen in wirkliche Landschaften, und Landschaften wieder in geschlossene Räume, Menschen gelangen in Bilder und Bilder in Menschen, man weiß nicht mehr, ob Menschen Bilder betrachten oder umgekehrt. Die Spieluhr spielt nach einer traumwandlerischen Choreographie mit Raum und Zeit und Leben …

Auch die äußere Gestaltung dieses faszinierenden Buches ist außergewöhnlich hochwertig-bibliophil: Es ist in puderig-blaugrünes Leinen gebunden, mit einem floralen Motiv im Goldprägedruck als Titelbild, die Vorsatzblätter sind aus schwarzem, atlasseidig anmutendem Papier, die Serifen-Typographie »Centaur« ist reizvoll antiquarisch, gleichwohl gut und sehr klar leserlich. Das Verlagslogo ist unauffällig, beinahe unsichtbar ins Leinen eingeprägt, und es gibt ein LESEBÄNDCHEN.

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/01/29/die-spieluhr/

 

Thursday-Next-Reihe
von Jasper Fforde
6 Bände
2429 Seiten
dtv Verlag

Geben Sie es ruhig zu: Wenn Sie könnten, würden Sie auch mal gerne wortwörtlich in ein Buch einsteigen und mitspielen. In der Buchreihe mit der LiteraturAgentin Thursday Next bekommen Sie einen metafiktiven Vorgeschmack, wie das aussehen könnte …

der_fall_jane_eyre-9783423212939.jpg Der Fall Jane Eyrein_einem_anderen_buch-9783423212946.jpgThursday Next 2
Thursday Next, die weibliche Hauptfigur in diesen buchstäblich hinterlisterarischen Kriminalromanen, arbeitet als „LiteraturAgentin“, und in dieser Rolle sucht sie nicht nach verheißungsvollen neuen Schriftstellertalenten, sondern sie und ihre Kollegen beschützen die vorhandene Literatur vor unbefugten, verbrecherischen Eingriffen wie Raubdrucken, gefälschten Manuskripten und sonstigen Manipulationen, die gegen die literarische Ordnung verstoßen. Für außergewöhnliche Komplikationen sorgt dabei zusätzlich der Umstand, daß die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit durchlässiger sind, als bisher vermutet.

Gleich im ersten Band wird Jane Eyre aus ihrem Buch heraus entführt …

Thursday Next arbeitet für „SpecOps-27 (LiteraturAgenten)“, einer ihrer Lieblingskollegen arbeitet für „SpecOps-17(Vampir- und Werwolfentsorgung)“ und trägt den –  für literarisch Eingeweihte – vielsagenden Namen Spike Stoker.
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Eine große Rolle spielt außerdem „SpecOps-12“, die „ChronoGarde“, deren Aufgabe es ist, den korrekten Ablauf der „StandardEreignisLinie“ zu überwachen, Zeitfalten auszubügeln und dann und wann Apokalypsen zu vermeiden. Die zeitreisebefähigten Agenten kommen also negativen oder unerwünschten Ereignissen nachträglich zuvor.

Dann ist da noch Onkel Mycroft, der geniale Erfinder des Legosteinfilters für Staubsauger und des „ ProsaPortals“:  eine Erfindung, die es ermöglicht, buchstäblich in ein Buch einzusteigen. Und es gibt die  „Goliath Corporation“, einen skrupellosen, profitgierigen Großkonzern, der systematisch die Demokratie untergräbt und um jeden Preis seine Macht auf die fiktionale Welt ausdehnen will.

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In Jasper Ffordes Buchmultiversum ist die sogenannte wirkliche Welt schon reichlich schräg, aber die Buchwelt übertrifft sich hier gewissermaßen selbst. Wie dramatisch es hinter den Kulissen der gedruckten Buchstaben, Worte und Sätze zugeht, das weiß Jasper Fforde mit funkelndem Einfallsreichtum und Liebe zum kleinsten literarischen Detail spannend und sehr amüsant zu erzählen. Der bürokratische Verwaltungsapparat und Sicherheitsdienst (Jurisfiktion) der Buchwelt ist mindestens so papierkramreich wie in der Außenwelt, ganz zu schweigen von den logistischen und technischen „BackStory“- Herausforderungen. Also ohne mobiles „Fußnotofon“ geht schon mal gar nichts; und haben Sie gewußt, daß das ISBN-System den „JurisfiktionAgenten“ zur Ortung von Büchern  dient?

wo_ist_thursday_next-9783423214537Jasper Fforde verfügt über eine geistreiche und humorvolle Kombinationsgabe; von Band zu Band steigert er sich mit einfallsreichen Ideen, komplex konstruiert bis ins kleinste erlesene Detail. Die historischen und literarischen Arrangements, die er gestaltet, sind abenteuerlustig, wunderbar wortspielerisch und vielschichtig.

Die Wiederbegegnung mit bekannten literarischen Figuren, Themen und Schauplätzen, die von Jasper Fforde gekonnt in den Handlungsverlauf seiner Thursday Next Geschichte eingewoben werden, bietet anregenden Spielraum für fantasievolle und heiter-ironische Neuinterpretationen und kuriose Assoziationen. Neben vielen englischen Klassikern finden z.B. auch Eichendorff, Kafka und Konrad Duden Erwähnung.

Garniert wird das Ganze noch mit dem Thema Zeitreisen und den sich daraus ergebenden Paradoxien und Schlußfolgerungsvariablen.

Für Liebhaber geistreich-skurriler Metafiktion bietet Jasper Ffordes Thursday-Next-Serie buchstäblich vielseitige und verführerisch unterhaltsame LekTÜREN …

Gebündelte Besprechung der Bände 1 -5
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/
Besprechung von Band 6
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/03/wo-ist-thursday-next/

 

Das Geheimnis der Heilung
Wie altes Wissen die Medizin verändert
von Joachim Faulstich
351 Seiten
Droemer Knaur Verlag

Faulstich, Das Geheinis der HeilungDer Autor Joachim Faulstich offeriert mit „DAS GEHEIMNIS DER HEILUNG“ eine faszinierende Sammlung und Beschreibung teilweise jahrtausendealter Heilungsmethoden, wie z.B. die schamanische Trancereise oder die Macht der Imagination. Dieses alte Wissen kombiniert er mit modernen Erkenntnissen, z.B. aus der Hirnforschung, die entdeckt hat, daß es auf gehirnphysiologischer Ebene keinen Unterschied zwischen einer gedachten oder tatsächlich ausgeführten Handlung gibt. Das wiederum ist eine wissenschaftliche Bestätigung der Wirkungsweise von Imagination.

Die Lektüre des Therapeutikums macht den Leser/die Leserin unabhängig von monokausalen, einseitigen Erklärungsmodellen. Sie eröffnet viele Wege zur Heilung, stellt sie vor und bringt sie miteinander in Verbindung.

Krankheit und Heilung stehen in einem nur teilweise sichtbaren Zusammenhang; eine maßgebliche Rolle spielen dabei die unendlich komplexen Wechselwirkungen und Rückkopplungen zwischen Körper, Geist und Seele, aber auch die Beziehung, die Kommunikationstiefe und das Vertrauensverhältnis zwischen Heiler und Heilungssuchendem sowie die generellen Lebensbedingungen des Betroffenen.

Die wesentlichsten Zutaten für eine integrierende Heilkunde sind die geistig-seelische Aufgeschlossenheit für altes und neues Heilwissen und die Entwicklung einer möglichst vielschichtigen Bewußtseinstransparenz, die der Komplexität unseres Lebensgewebes umfassender gerecht werden. Das Buch „Das Geheimnis der Heilung“ ist selbst das beste Beispiel für eine wertschätzende und würdigende Betrachtungsweise, bei der Spiritualität und Wissenschaft Hand in Hand gehen und den Spielraum für Heilung erweitern.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/15/das-geheimnis-der-heilung/

„Das Geheimnis der Heilung“ ergänzt sich fein mit dem nachfolgenden TIGERBERICHT:

Der Tigerbericht
von Dietrich Wild
65 Seiten mit 2 CDs
Sheema Medien Verlag

buchcover_tigerberichtBeim Tigerbericht, der in Kombination von Textbuch und Hörbuch vorliegt, bietet sich die Gelegenheit, je nach Neigung lesend zu lauschen oder lauschend zu lesen. In jedem Falle werden sich die KonZENtration, die erfrischende Weite und die weise Gelassenheit dieser Geschichte wohltuend offenbaren.

Der Erzähler erzählt, wie er bei einer einsamen Wanderung durch die Wüste Sinai an einer Oase rastet und einem Meister begegnet. Zunächst wird er ohne Worte unterrichtet, durch freundliches, achtsames Wahrgenommensein und alltägliche Verrichtungen: Wasser holen, Feuer machen, Teetrinken, Lächeln, Verbeugungen und durch einfaches miteinander Schweigen.

Die schmucklose Sprache ist von einer poetischen und philosophischen Präzision, die Inhalt und Form zu einer stillen Harmonie vereint und gerade durch das Weglassen übergewichtigen Wortgepäcks eine Ruhe und kontemplative Präsenz hervorzurufen vermag, die den Leser – weit über jedes Wort hinaus – zuhören lehrt.

Der Tigerbericht ist eine gute Medizin, wenn man mal wieder in komplizierten Gedankengebäuden herumirrt und sich selbst zu ernst und das Leben zu schwer nimmt. Er räumt die Gedanken auf, klärt und leert den aufgewühlten Geist, schärft die Sinne und erinnert mit unaufdringlicher Eindringlichkeit an das Wesentliche: an das Dasein und Dabeisein im Jetzt und an die heilsame Selbstvergessenheit im reinen Tun.

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/der-tigerbericht/

 

Und für die lieben Kleinen noch kurz und bündig drei oberputzige Bilderbücher:

Der Bücherschnapp
Jeder braucht eine Gutenachtgeschichte
ab 4 Jahren
Ellermann Verlag

9783770745005.jpg Der Bücherschnapp

Hier wird mit vorbildlichen Vorleseinterieurs, lustigen Reimen und liebevoll-lebhaften Illustrationen das lauschige Vorleseglück mit unwiderstehlicher Anziehungskraft in Szene gesetzt.

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/31/der-bucherschnapp/

Stille Nacht
Das leise Weihnachtsbuch
ab 3 Jahren
Gerstenberg Verlag

Stille Nacht TITELBILD


Mit „Stille Nacht“ machen wir einen sehr empfehlenswerten Bilderbuchausflug, der mit leisen Worten sowie leisebunten und leiseleichten Bildern eine Atmosphäre atmender Stille hervorruft und dabei gleichwohl zum An- und Aussprechen von Gefühlen anregt.

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/22/stille-nacht/

Der letzte Tiger
a
b 4 Jahren
Kerle Verlag

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Dieses Bilderbuch legt konstruktive, naturverbundene geistige Samen in Kinderherzen, was ein durchaus wichtiger Aspekt zu einer enkeltauglichen Rettung der Erde ist.

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/09/18/der-letzte-tiger/

 

So, und jetzt ran an die WUNSCHZETTEL … es sind noch 18 Tage bis zur Bescherung! Meinen bescheidenen Beitrag für entspanntes Schenken habe ich hiermit hoffentlich geleistet.