Die Bienen

  • Roman
  • Laline Paull
  • Originaltitel: The Bees
  • Aus dem Englischen von Hannes Riffel
  • Lizenz: Klett Cotta Verlag
  • Taschenbuch Droemer Knaur Verlag  Januar 2016    www.droemer-knaur.de
  • 352 Seiten
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-426-30478-5
    9783426304785

MIT  BIENEN  AUF  NEKTARFÜHLUNG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die Bienen“ ist eine abenteuerliche Lebens- und Liebesgeschichte der etwas anderen Art.

Wir befinden uns hier in einem streng organisierten Matriarchat: Alles dreht sich um die Bienenkönigin, die als göttliche Mutter verehrt wird und das Überleben des Schwarmes lenkt. Beim Lenken wird sie von der Sippe der Melissen, welche die Priesterinnen-Kaste bilden, unterstützt. Jede Biene gehört zu einer Sippe mit unterschiedlich spezialisierten Aufgaben und entsprechendem Blumennamen. Die Karden kümmern sich um die Brut, die tapferen Disteln bewachen den Eingang und die Landebahn des Bienenstocks, und die Floras entfernen Schmutz, Abfall und Leichen. 

Flora 717 ist eine Säuberungsbiene. Schon gleich nach dem Schlupf aus der Larvenwabe fällt sie wegen ihrer ungewöhnlichen Größe auf. Sie ist zwar nur eine Hygienebiene, und diese haben einen niederen Rang im Bienenstock, aber Schwester Salbei, eine Biene, die zur Kaste der Priesterinnen gehört, möchte ein Experiment mit ihr wagen und nimmt sie mit zur Kinderstation. Es stellt sich heraus, daß Flora Fähigkeiten besitzt, die bei den Mitgliedern ihrer Sippe normalerweise nicht vorhanden sind.

Eine Weile darf sie die Schlüpflinge füttern, was eine ehrenvolle Aufgabe ist, zumal sich die Kinderstation in der Nähe der Gemächer der Bienenkönigin befindet und die aromatische Liebesaura der Königin hier besonders stark ist. Wenn Flora diesen königlichen Duft einatmet, weiß sie sich geliebt, und der Dienst für das Wohl des Schwarms ist ihr absolut selbstverständlich: „Arbeiten, gehorchen, dienen.“

Doch Flora fällt in Ungnade, als sie den Befehl, eine mißgebildete Larve zu töten, nicht befolgt, sondern sogar versucht, das „Larvenkind“ zu beschützen. Flora 717 wird zu ihrer Sippe geschickt und dient nun als Säuberungsbiene.

Bei einem Wespenangriff auf den Stock kämpft Flora 717 so tapfer gegen den Feind, daß ihr eine Audienz bei der Bienenkönigin gewährt wird, und sie Einblick in die „Bibliothek“ nehmen darf, in der die Geschichte des Schwarms auf Wachstafelbildern chiffriert festgehalten ist.

Der Sommer ist ungewöhnlich kalt und verregnet, und Nektar und Blütenpollen werden knapp. Flora 717 darf mit den Sammlerinnen den Stock verlassen und auf Nahrungs-suche fliegen. Entzückt folgt sie dem Duft der Blüten und lernt ihre Eigenheiten kennen. Eine sterbende Sammlerin, Lilie 500, vererbt Flora ihre gesammelten Blumen- und Geländekenntnisse, indem sie sie über ihre Fühlerantennen überträgt, Kenntnisse, die Flora 717 sehr dabei helfen, auch entlegene Nahrungsquellen ausfindig zu machen und die Vorratskammern des Schwarms zu füllen.

Das Sakrament der Geburt steht alleine der Königin zu; keine Biene käme auf den Gedanken dies in Frage zu stellen und ein Ei zu legen. Doch es kommt immer häufiger zu Krankheiten und Todesfällen bei den Larven, und die heilsame und schwarmverbindende Ausstrahlungskraft der Königin läßt nach.

Flora 717 geschieht es einfach, daß sie ein Ei „gebiert“ und kaum ist es da, erwachen ihre Mutterinstinkte und übertönen sogar ihr Schwarmbewußtsein. Sie versucht ihr Kind zu retten, und letzten Endes ist ihre Tochter sogar die Rettung für den Schwarm; aber dies ist noch eine lange und aufregende Geschichte, die ich hier nicht aussummen werde…

Dieser Roman transportiert uns in eine ebenso fremde wie vertraute Welt. Die Autorin überträgt das biologische Verhalten der Bienen auf eine zwischenmenschliche Gefühlsebene, die es uns leicht macht, uns auf Flora 717 einzulassen. Dichterische Freiheit erlaubt es, die Bienen in Worten sprechen zu lassen; zugleich wird aber auch ausführlich und sehr poetisch die bienenspezifische Kommunikation und Orientierung über Duftsignale, Frequenzen, Vibrationen, Magnetfelder und Schwänzeltänze beschrieben, ja, fast erlebbar gemacht.

Und wenn die Sammlerbienen von grünen Wüsten und fremdartigen, sterilen Blüten berichten, in denen kein Nektar vorkommt, weiß man, daß sie von sterilen Monokulturen sprechen. Und wenn sie ergiebige Nektar- und Pollenpflanzen beschreiben, spürt man ihre Liebe für Blüten und Blumen.

Die hierarchische Struktur des Bienenstocks, das religiöse Verhältnis zur Allmutter Bienenkönigin und die instinktive schwesterliche Verbundenheit und hingebungsvolle Opferbereitschaft zum Wohle des Schwarmüberlebens bringt die Autorin durch den abgestuften Einsatz des Pluralis Majestatis, des Ihrzens, Siezens und Duzens sowie durch würdevolle Anreden und Redewendungen zum Ausdruck.

So ist eine geläufige Abschiedsformel für sterbende Bienen: „Sterbet, ach, mit Würde, Schwestern.“ Und die Drohnen werden mit Knicks und „Ehre Eurer Männlichkeit!“ begrüßt. Das schönste Wort und ein beliebter Gruß in der Bienensprache ist „Frühling“.

Außerdem beten die Bienen ein „Mutter unser“, das mit folgenden Worten beginnt: „Unsere Mutter, die du in den Wehen liegst, gesegnet sei dein Schoß, deine Hochzeit geschehe, dein Königreich komme …“

„Die Bienen“ ist ein faszinierender, speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien: Spannend, voller Lebens-gefahren und tapferer Kämpfe wie ein Abenteuerroman, komplexe, beziehungsdynamische Verhältnisse wie in einer Familiengeschichte, berührend, gefühlvoll und sinnlich wie eine Liebesgeschichte und dabei betörend-duftbetont und auch mit einigen Prisen Humor bestäubt.

Mit Sicherheit werden Sie durch die Lesebekanntschaft mit Flora 717 den nächsten Honig mit größerer Demut und Dankbarkeit naschen.

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.droemer-knaur.de/buch/8572329/die-bienen

Die Autorin:

»Laline Paull studierte Englisch und Theaterwissenschaften in Oxford, Los Angeles und London, wo sie auch für das Royal National Theatre tätig war. Sie lebt mit ihrer Familie in England. Die Bienen ist ihr Debütroman.«

Querverweis:

Dieser Roman ergänzt sich gut mit dem lebendig erzählten Sachbuch über Hummeln von Dave Goulson »Und sie fliegt doch«: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/

Drei mal wir

  • Roman
  • Laura Barnett
  • Aus dem Englischen von Judith Schwaab
  • Originaltitel: »The Versions Of Us«
  • Kindler Verlag    März 2016       http://www.rowohlt.de/verlage/kindler
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 496 Seiten mit farbigen Vignetten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 19,95 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-463-40659-6
    Drei mal wir

LEBENSWEICHENSTELLUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Drei mal wir“ erzählt die Liebesgeschichte von Eva und Jim, ausgehend von ihrer ersten schicksalhaften Begegnung. Doch das, was sich aus dieser ersten Begegnung an Lebens- und Liebesabzweigungen entwickelt, erzählt die Autorin in drei unterschiedlichen Variationen.

Ein Junge (Jim Taylor) und ein Mädchen (Eva Edelstein) kommen im selben Jahr (1938) auf die Welt; zwanzig Jahre später studieren beide in Cambridge und laufen sich zufällig über den Weg. Beide haben starke musische Neigungen, Eva studiert Anglistik und möchte Schriftstellerin werden, und Jim studiert Jura, obwohl sein Herz für Kunst und Malerei schlägt.

In der ersten Variante ist Eva eilig mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Tutorium. Ein kleiner Hund, der auf dem Weg herumstromert, bringt sie dazu, auszuweichen, sie fährt über einen rostigen Nagel und hat einen platten Reifen. Sie schaut sich die Bescherung an und flucht. Ein junger Mann (Jim) tritt hinzu und bietet ihr seine Hilfe an. Die beiden kommen recht flüssig und humorvoll ins Gespräch, und Eva nimmt sein Angebot an, den Reifen zu flicken. Deutlich spürt sie, daß diese Entscheidung ihr Leben dauerhaft verändern wird.

In der zweiten Version fährt Eva  denselben Weg mit dem Fahrrad, macht wegen des zerstreuten Hundes eine Vollbremsung und wird gleichwohl dafür vom Hundehalter unfreundlich angeblafft. Wieder erscheint Jim und fragt, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Sie bedankt sich distanziert bei ihm und ihre Blicke kreuzen sich flüchtig. Sie bemerkt seine ungewöhnlich dunkelblauen Augen; irgendwie kommt er ihr bekannt vor, und sie spürt kurz den Impuls, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Doch sie folgt diesem flüchtigen Impuls nicht und radelt zu ihrem Tutorium.

In der dritten Version kreuzt wieder der verspielte Hund Evas Weg. Sie klingelt und ruft, aber der Hund läuft ihr direkt vor den Vorderreifen. Eva weicht aus, fährt gegen einen Stein und stürzt mit dem Fahrrad ins Gras am Wegesrand. Jim eilt ihr zu Hilfe, sie kommen ins Gespräch und fachsimpeln über den Roman „Mrs Dalloway“ von Virginia Woolf, den Jim zufällig in der Hand hält. Spontan beschließen sie, in ein Pub zu gehen und sich länger miteinander zu unterhalten.

Die drei Versionen werden nun fortlaufend erzählerisch weitergesponnen und in  chronologischer Ordnung hintereinander gereiht. Der Leser weiß stets, welche Version „gespielt“ wird, da alle Kapitel und jede Seite mit einer Zwischentitel-Überschrift in einer bestimmten Farbe (erste Version: Rot, zweite Version: Blau und dritte Version: Grün) versehen ist. Außerdem tragen die floralen Ziervignetten, welche die unteren Seitenränder schmücken, die der jeweiligen Version zugeordnete Farbe. Das hilft bei der Orientierung, und es sieht sehr dekorativ aus.

Wem das abwechselnde Versionenlesen zu kompliziert scheint, kann auch getrost erst die eine und dann die andere Version hintereinander lesen. Man muß dann halt ein wenig blättern, bleibt aber bei einem einzigen Handlungsverlauf.

Laura Barnett ist mit diesem außergewöhnlichen Roman ein beeindruck- endes, schicksals-spielerisches Prosakunststück gelungen. Es ist ganz erstaunlich und von raffinierter Erzählkomposition, wie die Autorin in den drei Versionen mit kleinen Detailveränderungen nachhaltige Änderungen der  Lebensweichenstellungen auslöst, diese mit einigen gleichbleibenden Konstanten ausbalanciert und dabei jeder Variante eine glaubwürdige Entwicklung und Liebesdurchdringung ermöglicht.

Eine Konstante ist die unmittelbare Anziehungskraft zwischen Eva und Jim, aber die Bereitschaft, konsequent dieser Kraft zu folgen, ist mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Menschen können zusammenkommen und sich trotzdem verpassen; es gibt direkte Wege, Irrwege und Umwege …

In einer Version wird Jim ein erfolgreicher Künstler, in einer anderen nur Kunstlehrer, mal wird Eva eine sehr bekannte Schriftstellerin, mal nur Lektorin, und der geplante Roman schafft es nicht aus der Schublade heraus.

Vor wechselnden Schauplätzen (Cornwall, London, Los Angeles, NY, Rom, Paris, Sussex) erlesen wir Hochzeiten, die Geburt von Kindern, Geburtstagsfeiern, Trauerfeiern, Umzüge, Reisen, Entfremdungen und Aussöhnungen, künstlerische Entfaltung und künstlerische Stagnation, die Befreiung aus Lebenslügen, Abschiede und Neuanfänge, familiäre und berufliche Freuden und Leiden, Anfang und Ende.

In allen Versionen finden wir eine große Gefühlspalette: Liebe und Freundschaft, Verbundenheit und Einsamkeit, Treue und Untreue, Lüge und Wahrhaftigkeit, Glück und Schmerz, Sehnsucht und Sucht, Trauer und Trost, Angst und Mut, Verzweiflung und Hoffnung, Muttergefühle, Vatergefühle, Kindergefühle.

Unwillkürlich löst dieser Roman Erinnerungen und Fragen zu den eigenen Lebensverzweigungen, Entscheidungen und Schicksalsschwellen aus, und man lauscht den eigenen Echos des „Was wäre gewesen oder geworden, wenn …“ aufmerksam nach.

Die Autorin stellt ihrem Roman – gleichsam einleitend – ein Zitat von Anne Tyler (aus Im Kriege und in der Liebe) voran:

„Manchmal phantasierte er, dass er in der Stunde seines Todes, wie in einem Amateurfilm, all die Wege gezeigt bekäme, die er nicht eingeschlagen hatte, und wohin sie ihn geführt hätten.“

Das ist nichts, was sich im wirklichen Leben jemals ganz zu Ende denken ließe, aber im Rahmen eines Romans kann dieses Was-wäre-wenn- Gedankenspiel sehr gut inszeniert werden, und genau dies gelingt Laura Barnett mit „Drei mal wir“ sehr berührend, filigran-verflochten, lebensnah, wohldurchdacht und mitfühlend.

 

Die Autorin:

»Laura Barnett wurde 1982 in London geboren, wo sie zusammen mit ihrem Ehemann lebt. Sie hat Spanisch, Italienisch und Journalismus in Cambridge und London studiert. Bisher hat sie einige Kurzgeschichten veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. „Drei mal wir“ ist ihr erster Roman. Er stand in England viele Wochen unter den Top Ten der Bestsellerliste, wurde von der Presse gefeiert und in zweiundzwanzig Länder verkauft.«

Auf der Verlagswebseite gibt es allerlei Zugabe-Infos zum Buch, eine Leseprobe, ein Interview mit Laura Barnett und sogar einen Soundtrack zu allen drei Versionen: http://www.rowohlt.de/hardcover/laura-barnett-drei-mal-wir.html

Das gleichnamige Hörbuch (2 mp3 CDs zu 19,95 € ) ist im Argon Verlag erschienen, ungekürzte Lesung  (13 Stunden, 44 Minuten) von Richard Barenberg, Philipp Schepman und Uve Teschner. Hier ist der Link zur Argon-Verlagswebseite: http://www.argon-verlag.de/2016/03/barnett-drei-mal-wir/

 

Über uns das Meer

  • von Sabine Giebken
  • Jugendbuch
  • Magellan Verlag   September 2014          http://www.magellanverlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen
  • 477 Seiten
  • 17,95 € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN 978-3-7348-5601-3
  • ab 15 Jahren
    Über uns das Meer

M E E R E S T I E F J A U C H Z E N D

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Lou, die Icherzählerin in dieser Geschichte, versucht herauszufinden, was sie eigentlich will. Da ihre Eltern im diplomatischen Dienst tätig sind, hat sie schon in diversen Ländern gelebt und besuchte bis vor kurzem ein deutsches Privatinternat. Doch Marie-Louise fühlt sich ihrer Familie nicht richtig zugehörig, seitdem sie herausgefunden hat, daß sie einst adoptiert worden war. Erschwerend kommt hinzu, daß ihre jüngere Schwester, Sophie, nicht adoptiert wurde, und Lou meint, daß Sophie leichter die anspruchsvollen Erwartungen der Eltern zu erfüllen bereit sei.

Um endlich einmal das Gefühl zu haben, selbst über ihr Leben zu bestimmen, schmeißt sie ihr Abi und verschwindet heimlich nach Elba. Dort versteckt sie sich bei Capoliveri in der alten Villa ihrer verstorbenen Großmutter und leckt alte Kindheitswunden. Außerdem findet sie Arbeit in einer örtlichen Tauchschule, da sie eine recht erfahrene Taucherin ist.

In dieser Tauchschule gibt es zur Zeit nur ein Thema, nämlich den nächste Weltrekord im Apnoetauchen (Freitauchen, ohne Atemgerät). Ein attraktiver, geheimnisvoller Taucher, der sich „Angel“ nennt, will das Wagnis eingehen, 100 Meter in die Tiefe zu tauchen. Für dieses Ziel wird eifrig trainiert, und außerdem braucht man zusätzliche Hilfstaucher, die an tauchstrategisch gefährlichen Schwellen am Sicherungsseil postiert werden, um gegebenenfalls rettend eingreifen zu können.

Zwischen Lou und Angel entsteht augenblicklich eine starke gegenseitige Anziehungs-kraft, und da Lou schnell Fortschritte dabei macht, selbst mehrere Minuten ohne Sauerstoffflasche unter Wasser zu bleiben, gehört sie schnell zu den Sicherheitstauchern. Sie macht schöne und gefährliche Erfahrungen beim Tauchen und erlebt ein Wechselbad aus Nähe und Distanz in Bezug auf Angel.

Angel geht sehr konsequent seinen eigenen Weg und erfüllt ebenfalls nicht alle Erwartungen, die andere an ihn haben… Lou söhnt sich schließlich mit ihrer Adoptivfamilie aus und kommt sich selbst und auch Angel näher.

In diesem Buch erfährt man viel über das Apnoetauchen, die komplexe Organisation und medienwirksame Vermarktung von Sportwettbewerben und über zwischenmenschliche Untiefen in Zusammenhang mit der Transparenz sozialer Netzwerke.

Die sehr atmosphärischen Beschreibungen der Unterwasserwelt, der körperlichen Empfindungen beim Tauchen, der spannende und gefährliche Rausch der Tiefe und das Gefühl des Grenzenauflösens in meerestiefer Umarmung haben eine starke Lektüresogwirkung.

Die vage Liebesgeschichte von Lou und Angel bleibt dagegen – für mein Empfinden – an der emotionalen Oberfläche. Schließlich muß sich nicht jeder mit der in Jugendbüchern häufig gepflegten, ziemlich bewußtlosen Liebesanziehungskraft ohne wirkliches KennenLERNEN und ohne Vertrauenskoordinaten zufriedengeben.

In einem tiefen Atemzug: „Über uns das Meer“ ist eine spannende, meergestimmte jugendliche Liebes- und Selbstfindungsgeschichte – genau die richtige Ferien- und Strandlektüre, die eventuell anschließend dazu verlocken könnte, sich für einen Tauchkurs anzumelden.

 

PS:
Die äußere Gestaltung dieser Meeresliebesgeschichte ist äußerst attraktiv: Wir sehen einen Schutzumschlag mit vielen feingezeichneten, bunten Fischchen, die vor mattschwarzem Hintergrund aufleuchten, und einen weißen, mit Relieflack beschichtete Titelschriftzug.
Die Vorsatzblätter sind türkisfarben und mit einem Seetangmuster in weiß geschmückt, und zur Krönung gibt es ein leuchtend orangegelbes Stofflesebändchen.

 

Die Autorin:

»Sabine Giebken wurde 1979 in München geboren und lebt mit ihrer Familie in Bayern. Schon als Kind konnte sie an keiner Buchhandlung vorbeigehen, ohne wenigstens einen Blick hineinzuwerfen, und schrieb eigene Geschichten in Schulhefte. Später machte sie ihr Diplom in Betriebswirtschaft, doch während eines Aufenthalts auf einer kleinen kanadischen Forschungsinsel flammte ihre alte Leidenschaft für das Schreiben wieder auf. Am liebsten lässt sie sich auf ihren Reisen von abenteuerlichen Landschaften, wilden Tieren und ungewöhnlichen Menschen inspirieren.«

Im Hause Longbourn

  • Roman
  • von Jo Baker
  • Originaltitel: »Longbourn«
  • Aus dem Englischen von Anne Rademacher
  • Knaus Verlag, September 2014                          http://www.knaus-verlag.de
  • 448 Seiten
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8135-0616-7
    Im Hause Longbourn von Jo Baker

FINGERSPITZENGEFÜHLE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieser klassengesellschaftliche Perspektivwechsel im Jane-Austen-Gewand ist wunderbar gelungen und fasziniert vom ersten bis zum letzten Satz.

Jo Baker stellt in ihrem Roman die Menschen in den Mittelpunkt, die in „Stolz und Vorurteil“ fast unsichtbar hinter den Kulissen wirken. So findet nun die „herrschaftliche“ Handlung von „Stolz und Vorteil“ in Hintergrund statt und bildet die Kulisse für die Schicksale des Personals, das im Haus Longbourn, dem Wohnsitz der Familie Bennet, arbeitet.

Die Autorin erzählt uns die Liebesgeschichte des Hausmädchens Sarah und des Hausdieners und Kutschers James, die beide im Hause Longbourn arbeiten. Und wenn ich hier schreibe arbeiten, so meine ich keine 40-Stunden-Woche mit sechs Wochen bezahltem Jahresurlaub, sondern ich meine eine Arbeit von sehr früh morgens bis sehr spät abends, und wenn die Herrschaften weit nach Mitternacht von einem festlichen Ball zurückkehren, chauffiert von einem schlaflosen Kutscher, muß selbstverständlich auch jemand vom Hauspersonal aufbleiben und den tanzerschöpften Familien- mitgliedern die Haustür aufhalten, Tee und Gebäck servieren und anschließend noch beim Auskleiden behilflich sein…

Doch das ist harmlos, verglichen mit den Strapazen des wöchentlichen Waschtages, mit dem die Autorin uns in Sarahs Arbeitsalltag einführt. Sarah schleppt morgens um halb fünf zwei schwere Wassereimer von der Wasserpumpe über den Hof in die Waschküche und macht sich durchaus widerspenstige Gedanken darüber, die schmutzige Wäsche anderer Leute waschen zu müssen. Wir lernen viel über die Mühsal des Waschens zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ein Kraftakt, der nicht nur die Hände auslaugte.

Die Haushälterin und Köchin Mrs Hill, der Butler Mr Hill und das zwölfjährige (!) zweite Hausmädchen Polly vervollständigen den Haushaltspersonalreigen.

Die Charaktere werden differenziert, mit schlüssiger biographischer Entwicklung und sehr einfühlsam dargestellt. Wir nehmen lebhaft Anteil an ihren Freuden, Leiden, ihren emotionalen Überlebensstrategien, und wir verfolgen gebannt das Hindernisrennen um ein Stückchen Horizonterweiterung, Selbstbestimmung, Lebensglück und Liebeserfüllung.

Die arbeitsrechtliche Abhängigkeit von launischen Herrschaften war kein Zuckerschlecken, trotz gelegentlicher Anwandlungen von Großzügigkeit, z.B. wenn die Damen des Hauses neu eingekleidet wurden und ihre alten, aber dennoch guten Kleider an die Hausmädchen verschenkten.

„Jane und Elizabeth waren beide reizend, fast schon Lichtgestalten. Und Sarah, die nun rasch über den Dienstbotenflur zur Treppe und nach oben lief, um ihr neues Kleid aufzuhängen, war nur einer der vielen Schatten, die um die Ränder ihres Lichtscheins huschten
.“ ( Seite 75)

James, der vor seinem Arbeitsantritt in Longbourn als Soldat in den napoleonischen Kriegen gekämpft hat, weiß sogar von noch viel härteren Arbeitsbedingungen, Ungerechtigkeiten und menschlichen Grausamkeiten.

Aus Sicht der Hausangestellten erscheinen die Bennets in deutlich schattigerem Licht; schließlich wissen sie genau, was alles unter den Teppich gekehrt wird. Das Verhältnis zwischen Herr und Diener sowie zwischen Herrin und Dienerin ist auf paradoxe Weise intim und distanziert zugleich. Das An- und Auskleiden und Frisieren sowie die Pflege der Wäsche bedingen zwangsläufig viel körperliche Nähe.

Mrs Bennet reklamiert auch gerne tröstliches Händchenhalten und therapeutisches Zuhören bei ihrer Haushälterin, die sich indessen mit stummer Verärgerung fragt, ob der vorbereitete Brotteig in der Küche schon versteinert ist.

Die Autorin kontrastiert in ihrem Roman die Ansprüche und Bedürfnisse von Mitgliedern unterschiedlicher Gesellschaftsklassen, ohne zu polarisieren. Es ist ganz einfach von Anfang an klar, wem unsere Hauptanteilnahme gilt, ohne daß die „standesgemäßen“ Personen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – als unsympathisch dargestellt werden.

Jo Bakers Sprache – in der Übersetzung von Anne Rademacher – ist anmutig, geschmeidig und lebendig, bei der Wiedergabe der wechselnden Jahreszeiten- stimmungen ist sie geradezu bezaubernd naturpoetisch. Die aufblühende Liebe zwischen Sarah und James wird sehr feinsinnlich, herzenswarm und zart ausgedrückt. Auch rauhe, ausgelaugte Hände sind voller Empfindsamkeit und Fingerspitzengefühl, und die Sehnsucht des Herzens schlägt in allen Menschen gleich.

Jane Austens Heldin Elizabeth ist eigenwillig, stolz und vorwitzig – doch Jo Bakers Sarah ist tapfer, verletzlich und verwegen und verdient viel eher die Bezeichnung Heldin.

 

Die Autorin:

»Jo Baker wurde in Lancashire geboren und studierte an der Oxford University und der Queen’s University in Belfast, wo sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte. Seither veröffentlichte sie fünf Romane, die ihr in der Presse viel Lob einbrachten. Mit „Im Hause Longbourn“ gelang ihr der internationale Durchbruch. Jo Baker lebt mit ihrer Familie in Lancaster.«

PS:
Als kleine Zugabe enthält dieses Buch noch interessante, sehr instruktiv und scharfsinnig formulierte Informationen über die Haushaltswerkzeuge zu Beginn des 19.Jahrhunderts und eine Kurzeinführung in die Handlung von Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ sowie in die klassengesellschaftlichen Rahmenbedingungen des damaligen „Heiratsmarktes“.

PPS:

Dieser Roman ist absolut bestsellerverdächtig – zumindest in „DOWNTON ABBEY“-Freundeskreisen 😉

 

Der Sommernachtsball

  • von Stella Gibbons
  • Aus dem Englischen von Gertrud Wittich
  • DEUTSCHE  ERSTAUSGABE
  • Originaltitel: »Nightingale Wood«
  • MANHATTAN Verlag  2013      http://www.manhattan-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 558 Seiten
  • 18,99 € (D),  19,60 € (A),   25,90  sFr.
  • ISBN 978-3-442-5426-5
    Der Sommernachtsball von Stella Gibbons

WER   KRIEGT   WEN   UND   WARUM

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 Der Sommernachtsball“ von Stella Gibbons ist eine vergnügliche Lektüre mit gleichwohl nachdenklichen Seiten. Die englische Originalausgabe erschien in den 1930er-Jahren; bei der nun vorliegenden Übersetzung von Gertrud Wittich handelt es sich um die deutsche Erstausgabe. Vordergründig bekommen wir hier eine Aschenputtelvariante zu lesen:

Liebliches armes Frauchen begegnet auf einem Wohltätigkeits-Sommernachtsball dem begehrtesten, reichsten und charmantesten Männchen, sie tanzen miteinander und fühlen sich zueinander hingezogen. Einen Ball bzw. ein ländliches Gartenfest später kommt es zu einvernehmlichen, heimlichen Küssen.

Ein lästiges Hindernis ist die Tatsache, daß der Herr des Herzens bereits mit einer anderen verlobt ist, aber solche Besitzansprüche lassen dennoch genug Raum für Liebesträume. Nach umfänglichem Herzeleid, Ungewißheiten, Sehnsuchtszerreißproben, Tränen, Mißverständnissen, Gewissensfragen und rettenden Wahre-Liebe-Antworten unter dramatischen Begleitumständen wird wunderschön und mit dem standesübergreifenden Segen von Groß- und Kleinbürgertum geheiratet.

In Stella Gibbons Roman ist das Aschenputtelthema die ROMANtische Verpackung für eine scharfsinnige, selbstironisch-sozialkritische Darstellung zwischenmenschlicher Stärken und Schwächen. Die Charaktere werden uns geschminkt und ungeschminkt vorgeführt. Es bleibt uns nichts erspart: keine Dummheit, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, keine männlichen und weiblichen Klischees, aber auch keine echte Herzensöffnung. Die Entwicklung der Figuren bekommt dadurch eine angenehm-desillusionierende, amüsante und zeitlose Glaubwürdigkeit.

Die Einblicke in die hintersten Hinterstübchen ihrer Gedanken (Seite 44) gehören zu den psychologischen Stilmitteln, die diesem Roman einen besonderen und augenzwinkernd- bissigen Reiz verleihen.

Klassenunterschiede bei den Damen werden z.B. durch die Erwähnung der Preisklasse ihrer Gesichtscremes illustriert, was einer anschaulichen und treffenden, sozialbuchhalterischen Bestandsaufnahme gesellschaftlicher und finanzieller Verhältnisse gleichkommt.

Das Aschenputtel, die junge, frisch verwitwete und verarmte Viola Withers, ist auf die Gnade ihrer Schwiegereltern angewiesen. Diese leben zusammen mit zwei überreifen, unverheirateten Töchtern auf einem ländlichen Anwesen in Essex. Der Hausherr ist gehoben-mittelständisch wohlhabend, aber geizig, sein Horizont eher kleinkariert:
„Elf Gänseblümchen, elf unordentliche Gänseblümchen, wuchsen noch immer illegal auf seinem Rasen.“
(Seite 34/35)

Die Schwiegertochter wird im Witherschen Haushalt aufgenommen und mit durchgefüttert, aber wirklich willkommen ist sie nicht. Schon die Entscheidung des verstorbenen Sohnes, eine „kleine Verkäuferin“ zu heiraten, war den Schwiegereltern unbegreiflich und peinlich; und man unterstellte Viola unmoralische Verführungskünste und parasitäre Absichten.

Die beiden Schwägerinnen verkörpern unterschiedliche Frauentypen: Madge ist der sportlich-robuste Kumpeltyp; ihr Sehnen gilt einem eigenen Hund und dessen Erziehung. Tina ist der zarte, empfindsam-nachdenkliche Frauentyp; sie sehnt sich nach Liebeserfüllung, und sie ist das einzige Familienmitglied, das sich über den Einzug von Viola freut.

Saxon ist der Chauffeur und Gärtner der Withers und der ehrgeizigste, schönste und sympathischste Mann im ganzen Roman.

Aschenputtels Prinz, der attraktive und elegante Victor Spring, entspringt der reichsten und geldadeligsten Familie der Gegend und wohnt – wenn er nicht gerade geschäftlich in London unterwegs ist  –  auf dem benachbarten und deutlich luxuriöseren Anwesen.

Dort leben außer ihm noch seine verwitwete Mutter, die nur hübsches Personal beschäftigt, um ihre Stimmung täglich aufzuhellen, und seine Cousine Hetty, die von den gedankenlosen Vergnügungen ihrer reichen Familie angeödet ist. Cousine Hetty  zieht die Gesellschaft von Büchern der Gesellschaft von Menschen vor, und sie liest lieber über Gefühle, als selbst wirkliche Gefühle zu spüren oder Zeuge von Gefühlsausbrüchen anderer Menschen zu werden.

Phyllis Barlow, die elegante, stilsichere und verwöhnte Verlobte Victor Springs, tanzt von Vergnügen zu Vergnügen und läßt Männer im allgemeinen und Victor Spring im besonderen nach ihrer Pfeife tanzen.

Viola-Aschenputtel-Withers ist jung und schön, aber im Gegensatz zu Phyllis Barlow stilunsicher, warmherzig, intellektuell eher schlicht – ja einfach ganz naiv-romantisch und aufrichtig.

Eine wichtige Nebenfigur ist der alte, rücksichtslos-unbekümmerte Landstreicher Dick Falger, der die Aufgabe  erfüllt, unaussprechliche Geheimnisse lautstark auszusprechen. Denn Viola ist nicht die einzige, die sich Liebesskandale und unstandesgemäße Lebensformen leistet. Parallel zu Violas Liebesdrama reift die Liebesgeschichte von Tina und Saxon, ein willkommener Tratschstoff im ansonsten ereignislosen Landleben.

Zum allseitigen Happy-End gibt es eine feierliche Märchenhochzeit, die der Autorin als Kulisse dient, um alle Figuren und Hochzeitsgäste noch einmal Revue passieren zu lassen und den zukünftigen Fortgang der familiären Beziehungen im Zeitraffer weiterzuerzählen.

Das snobistische Schlußwort überlasse ich gerne Lady Dovewood :

„Was für ein nettes Mädchen, diese Viola, nicht aus der obersten Schublade, natürlich, aber was kann man heutzutage schon erwarten…“  (Seite 540)

Die Autorin:

»Stella Dorothea Gibbons, 1902 in London geboren und 1989 in London verstorben, besuchte die North London Collegiate School und studierte Journalismus am University College in London. Sie arbeitete für diverse Zeitungen und Zeitschriften, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Ihre erste Veröffentlichung im Jahr 1930 war eine Gedichtsammlung unter dem Titel »The Mountain Beast«. 1932 erschien ihr erster und zugleich bekanntester Roman »Cold Comfort Farm«.
1938 erschien  »Der Sommernachtsball«  unter dem Originaltitel »Nightingale Wood«.«

Hier folgt der Link zur Verlagswebseite:
http://www.randomhouse.de/Buch/Der-Sommernachtsball/Stella-Gibbons/Manhattan-Hardcover/e422796.rhd

Delirium

  • (amor deliria nervosa)
  • Band 1 der AMOR-Trilogie
  • von Lauren Oliver
  • Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
  • Carlsen Verlag 2011                               http://www.carlsen.de
  • 978-3-551-58232-4
  • 409 Seiten, 18,90 €
  • Taschenbuchausgabe, März 2013
  • 978-3-551-31200-6
  • 8,99 €
  • ab 14 Jahren
    9783551582324

STAATSFEIND  NUMMER 1: LIEBE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Lena lebt in einer äußerst restriktiven Gesellschaft, in der Liebe als ansteckende und tödlich endende Krankheit definiert wird. Dementsprechend werden alle Menschen durch einen neurologischen Eingriff gegen diese die gesellschaftliche Stabilität und Volksgesundheit gefährdende Krankheit immunisiert.

Klassiker der Weltliteratur wie z. B. „Romeo und Julia“ sind schulische Pflichtlektüre im Fach Gesundheitslehre, um vor den Gefahren und tödlichen Folgen unkontrollierter Emotionen zu warnen. In den Schulen herrscht strikte Geschlechtertrennung, um einem Aufkeimen der Krankheit „ Amor deliria nervosa“ so wenig Gelegenheit wie nur möglich zu geben. Die neurologische Operation, die vor der Liebe schützen soll, kann frühestens mit achtzehn Jahren erfolgen, und somit gelten alle Kinder und Jugendlichen als Ungeheilte, die des besonderen Schutzes und der besonderen Kontrolle bedürfen.

Es gibt jedoch Menschen, bei denen der Eingriff nicht funktioniert und die nach wie vor ein lebendiges Gefühlsspektrum zur Verfügung haben. Wenn es ihnen nicht gelingt, ihre Gefühle zu verbergen, werden sie entweder erneut zwangsoperiert oder, in unheilbaren Fällen, in sogenannte Grüfte weggesperrt. So wurde Lenas Mutter von einer Patrouille dabei beobachtet, wie sie über einem Foto ihres verstorbenen Mannes weinte. Angeblich zog sie den Freitod der Gefangenschaft und Unterdrückung vor.

Das ist der Grund, warum Lenas sozialer Status besonders verletzlich ist, allein ihre Herkunft und genetische Mitgift machen sie verdächtig. Wäre Lena nicht von ihrer Tante aufgenommen worden, müßte sie in einem staatlichen Waisenhaus leben; für diese Rettung vor dem endgültigen sozialen Abstieg ist sie dankbar.

Die amerikanische Küstenstadt, in der Lena lebt, ist von einem bewachten hohen Elektrozaun umgeben, der die Stadt von der Wildnis abgrenzt. In dieser Wildnis leben noch Menschen, die nicht gegen Liebe bzw.  „Amor diliria nervosa“ immun sind und die das von der Gesellschaft verordnete  „Heilmittel“  ablehnen. Offenbar gab es vor der Errichtung des Schutzzaunes eine Massenflucht von Menschen, die der Liebe treu bleiben wollten. Diese „Wilden“ gelten als Staatsfeinde und werden abfällig als „Invalide“  bezeichnet.

Auch bei den „geheilten“  Mitgliedern der Gesellschaft gibt es noch „ Sympathisanten“ der Liebe. Wobei in der Bezeichnung Sympathisant eine unfreiwillige Selbstironie des liebesfeindlichen Systems liegt, denn die Vertreter und insbesondere die exekutiven Vertreter dieser Gesellschaftsordnung sind ausgesprochen unsympathisch und zeigen im harmlosesten Fall einfach keine Empathie und im schlimmsten Fall ausdrücklichen Sadismus.

Es gibt sehr grausame Strafen, Umerziehungsmaßnahmen, Sperrstunden, Kontrollen, Razzien und den gebührenfreien Deliria-Präventionsnotruf: eine Einladung zur Denunziation von Personen, die angeblich Symptome der „Amor deliria nervosa“  zeigen.

Die Geschichte beginnt 95 Tage vor Lenas Immunisierungseingriff. Lena geht auf dem Weg zum Prüfungslabor mit ihrer Tante noch einmal die einstudierten Antworten für das Evaluierungsgutachten durch. Diese Gesinnungsprüfung und peinliche Begutachtung, bei der die Prüflinge, nur mit einem durchsichtigen Plastikkittel bekleidet, befragt, betrachtet und nach einem Punktesystem bewertet werden, hat entscheidenden Einfluß auf die zukünftigen beruflichen Möglichkeiten und die Zuordnung eines passenden Ehepartners. Die Gutachter entscheiden sogar darüber, wieviele Kinder ein Paar zu bekommen hat.

„Wir werden erwachsen sein, geheilt, markiert, etikettiert, identifiziert, mit einem Partner versehen und ordentlich auf unseren Lebensweg gesetzt, perfekte runde Murmeln, die in gleichmäßigen, gespurten Bahnen rollen.“

Während Lenas Befragung kommt es zu einer Störung: Plötzlich rennt eine Herde panischer Kühe durch die Laborräume, Lena rettet sich hinter einen OP-Tisch, die Kühe knabbern die Notizen der Gutachter an, und im allgemeinen Chaos bemerkt nur Lena den unbekannten Jungen, der von der Tribüne aus amüsiert diesen Sabotageakt beobachtet und ihr zuzwinkert.

Am  nächsten Tag bespricht Lena mit Hana, ihrer besten und einzigen Freundin, den Vorfall im Labor. In den offiziellen Nachrichten  ist von einem Lieferfehler die Rede. Hana, die eigenwilliger und rebellischer ist als Lena, macht sich über die offizielle Erklärung lustig. Sie erwartet  keineswegs sehnlich den bevorstehenden Immunisierungseingriff, sondern hinterfragt ihn kritisch.

Lena, die sich bemüht, alle Regeln zu befolgen und nicht negativ aufzufallen, reagiert ängstlich und abwehrend auf Hanas Freiheitsverlangen. Als Hana auch noch von einer ganzen Subkultur berichtet, wo sich Mädchen und Jungen heimlich an entlegenen Orten zu Konzerten und Tanz treffen und unkontrolliert begegnen, fühlt sich Lena einsamer als je zuvor.

Verwirrt und widerwillig folgt Lena Hana zu einer solchen Veranstaltung und ist schon allein durch die ungewohnt emotionale  – und natürlich verbotene – Musik,  die sie dort zu hören bekommt, so aufgewühlt, daß sie gleich wieder fortgehen will. Doch dann trifft sie den geheimnisvollen und anziehenden Jungen aus dem Labor wieder. Sie kommen ins Gespräch, tanzen sogar miteinander, und Lena zeigt erste Anzeichen von „Amor deliria  nervosa“ 

Es dauert eine Weile,  bis sich Lena von dem indoktrinierten Glauben an die Krankhaftigkeit der Liebe und der damit verbundenen körperlichen Symptome freimachen kann. Doch schließlich entwickelt sich, trotz der widrigen Umstände, eine schöne, gefühlvolle – allerdings auch tragische – Liebesgeschichte.

Ob dieses vorläufig tragische Ende eine positive Wende nehmen wird, erlesen wir dann hoffentlich in der Fortsetzung…

Lauren Oliver beschreibt sehr anrührend, wie Lena sich von den inneren und äußeren Verboten, Vorschriften und Vorurteilen emanzipiert und – nach anfänglichem Zögern und verständlicher Unsicherheit – ihrem  Herzen folgt und lernt, ihren Gefühlen zu trauen.

 „Sie können Mauern bis zum Himmel bauen, und ich werde doch darüber hinwegfliegen. Sie können mich mit hunderttausend Armen festhalten, und ich werde mich doch wehren. Und es gibt viele von uns da draußen, mehr als ihr denkt. Menschen, die in einer Welt ohne Mauern leben und lieben. Menschen, die gegen Gleichgültigkeit und Zurückweisung anlieben, aller Vernunft zum Trotz und ohne Angst.“

Auch in ihrem zweiten Jugendroman erweist sich Lauren Oliver als eine überzeugende und leidenschaftliche Anwältin der Liebe.

Querverweis:

Hier entlang zur Rezension des ersten Jugendromans von Lauren Oliver:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/wenn-du-stirbst-zieht-dein-ganzes-leben-an-dir-bei-sagen-sie/

Und hier geht es zur Fortsetzung von Delirium:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/24/pandemonium/ von


Die Autorin:

»Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Lauren Oliver lebt in Brooklyn.«

Die Herrlichkeit des Lebens

  • von Michael Kumpfmüller
  • Kiepenheuer & Witsch, Köln, August 2011
  • ISBN 978-3-462-04326-6
  • 240 Seiten, 18,95 €
  • Taschenbuchausgabe bei Fischer, Januar 2013
  •  ISBN 978-3-596-19360-8
  • 9,99 €
    Herrlichkeit


UND WENN SIE AUCH GESTORBEN SIND, SO LIEBEN SIE NOCH HEUTE!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In „Die Herrlichkeit des Lebens“ widmet sich Michael Kumpfmüller Kafkas letztem Lebensjahr und seiner Begegnung mit Dora Diamant, die ihn bis zu seinem Tod treu und hingebungsvoll begleitet.

Im Sommer 1923 verbringt Franz Kafka in schwesterlich-familiärem Kreis einige Wochen zur Erholung in einem Ostseebad und lernt dort Dora Diamant kennen und lieben. Die beiden Verliebten sind sich gegenseitig Wunder und Geschenk, Sehnsucht und Erfüllung und ziehen gemeinsam nach Berlin.

Die äußeren Bedingungen sind alles andere als rosig: Weimarer Republik, Hyperinflation, schwierige Wohnverhältnisse, antisemitische Gesellschaftstendenzen, abzuwehrende familiäre Einmischungsversuche, schriftstellerische Selbstzweifel, sehr bescheidene Finanzen, die zunehmende körperliche Schwäche Kafkas und schließlich der Neuausbruch seiner Tuberkulose. Es folgen Sanatoriumsaufenthalte und vergebliche Therapieanstrengungen, bis Kafka schließlich in Doras Armen stirbt.

Doch was der Liebesgeschichte an zeitlicher Dauer fehlt, macht sie durch tiefe Empfindsamkeit, ein überaus zartfühlendes seelisches Einverständnis und eine lichte Liebesgewißheit wett. Die beiden lieben sich über alle Widrigkeiten und Schwierigkeiten hinweg, freuen sich an kleinsten Kleinigkeiten und sind dankbar für jeden Tag, den sie noch miteinander teilen können. Dora und Franz stellen sich mit tapferer Aufrichtigkeit der Verletzlichkeit des Lebens.

Michael  Kumpfmüller  gelingt in diesem  Roman das Kunststück, den Personen Franz  Kafkas und Dora Diamants ganz den Vortritt zu lassen; diese sprachliche und inhaltliche Anschmiegsamkeit an die Charaktere ist wunderbar und von einer selten zu lesenden Selbstlosigkeit. Mein erster Impuls nach der Lektüre war es, Kafka wieder neu zu lesen und neu zu entdecken; erst mein zweiter Impuls war der, nach weiteren Büchern von Herrn Kumpfmüller Ausschau zu halten.

Ausgesprochen schön ist in diesem Werk zudem die Ausgewogenheit von männlicher und weiblicher Liebesperspektive.

Von Dumas ist folgendes Zitat überliefert: „Durch die Liebe und den Tod berührt der Mensch das Unendliche.“ Diese Unendlichkeit anzudeuten und zart zwischen den Zeilen mitschwingen zu lassen – das ist Micheal Kumpfmüller mit diesem Text sehr gut geglückt.

Mein Fazit: Ein beeindruckend berührendes Buch, das ich nur wärmstens empfehlen kann, und eine atmende, poetische und feine Sprache, die mich zu Tränen gerührt hat.

Der Autor:

»Michael Kumpfmüller, geboren 1961 in München, lebt als Schriftsteller in Berlin. Im Jahr 2000 debütierte er mit dem viel diskutierten Ost-West-Roman Hampels Fluchten. 2003 folgte das zweite Buch Durst nach einem wahren Kriminalfall, 2008 der Gesellschaftsroman Nachricht an alle, der mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde.«

Tante Julia und der Kunstschreiber

  • von Mario Vargas Llosa
  • HÖRSPIEL
  • der Hörverlag  November 2010    http://www.hoerverlag.de
  • 10 CDs
  • Spielzeit: 723 Minuten
  • Sprecher: André Jung, Herlinde Latzko, Christoph Bantzer u.a.
  • 29,95 € (D),  29,95 (A),  41,90 sFr.
  • ISBN 978-3-86717-725-2

978-3-86717-725-2

APPLAUS!  BRAVO!!  DA  CAPO!!!

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul  ©

Applaus – für  diese großartige Hörspielproduktion des Schweizer Radios DRS aus dem Jahre 2002! Acht Jahre vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an Mario Vargas Llosa wurde seinem Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ mit dieser Hörspielfassung  kongenial die Ehre gegeben.

Unter der Regie von Claude Pierre Salmony und der sehr originaltextnahen Hörspielbearbeitung und Co-Regie von Daniel Howald  ist ein geistreicher und opulenter Ohrenschmaus entstanden. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Dialoge mit Originalaufnahmen aus Lima hinterlegt. Die Geräusche von Straßen, Cafés und Kirchen sowie gelegentliche musikalische Einstreuungen tragen sehr zur dramaturgischen Einstimmung bei und werden durch die wiederkehrende, sehr tänzerische Einspielmelodie vor jedem neuen Kapitel ergänzt.

In „Tante Julia und der Kunstschreiber“ erzählt Vargas Llosa die autobiographisch inspirierte Liebesgeschichte von Mario und Julia. Im Lima der Fünfzigerjahre studiert Mario nachlässig Jura, arbeitet als Nachrichtenredakteur für Radio Panamericana und träumt davon, als Schriftsteller in einer Mansarde in Paris zu leben. Seine Erzählungen landen zwar meist im Papierkorb, aber Mario ist von seiner schriftstellerischen Berufung überzeugt. Er wohnt bei seinen Großeltern und ißt bei den diversen Tanten und Onkeln seines ausufernden Familienclans zu Mittag. Bei einem dieser Essen trifft er auf seine angeheiratete Tante Julia, die frisch geschieden nach Lima gekommen ist, um einen neuen Ehemann zu finden.

Am gleichen Tag hört er zudem zum ersten Mal von Pedro Camacho, dem neuen Hörspielautoren des Radiosenders. Die leibhaftige Begegnung mit dem Hörspielwunder läßt nicht lange auf sich warten, und Mario beobachtet staunend die unglaubliche Produktionsmenge und Schnelligkeit des eigenwilligen Schreibers. Pedro Camacho verfaßt und inszeniert neun Hörspielepisoden täglich und verschafft dem Sender große Hörerzuwächse und entsprechend höhere Werbeeinnahmen.

Pedro Camacho kultiviert diverse Manierismen: er trinkt Kamillentee mit Pfefferminze, er zelebriert höfische Verbeugungen und pflegt in jedes Hörspiel gnadenlos seine persönlichen Zu- und Abneigungen einzubauen;  so ist die jeweilige Hauptfigur grundsätzlich „ in der Blüte seiner Jahre, nämlich 50“, also genau in Pedro Camachos Alter, und immer gibt er seiner Verachtung gegenüber Argentinien Ausdruck, indem er mit irgendeiner abwertenden Bemerkung über angeblich argentinische Sitten aufwartet.

Bei der Schöpfung seiner Hörspielcharaktere scheut er kein Klischee – egal ob religiös, medizinisch, soziologisch, psychologisch oder romantisch –  je extremer und gegensätzlicher, desto besser, und entsprechend reißerisch und monströs entfaltet sich die jeweilige Handlung.

Des weiteren garniert er seine Seifenopern mit pathetischen Schnörkeln wie : „ -Fluch , der auf einer Familie lastet, von der nicht einmal der Name überdauern wird -“oder: „-Burschen aus der Gosse, die durch Hartnäckigkeit bis zum Nobelpreis gelangen -“ und unfreiwillig komischen Metaphern wie : „ Die Richter – Nachgiebigkeit von Zuckerrohr, das im journalistischen Winde tanzt -“ und „Blässe einer Frau, die von einem Vampir geküßt wurde.“
 
Vargas Llosa wechselt die Kapitel der wirklichen Liebesgeschichte von Mario und Julia mit den fiktiven Hörspielepisoden von Pedro Camacho ab.

Die Liebesgeschichte zwischen dem 18-jährigen Mario und seiner 14 Jahre älteren Tante Julia schreitet von anfänglich nur spielerischem Flirt zu leidenschaftlicher Liebe fort und führt, gegen den Willen der Familie, bis zur illegalen Heirat.

Die Hörspielkarriere von Pedro Camacho bekommt einen katastrophalen Knick, als er  –  Opfer seines hyperkreativen Geistes  – anfängt, die Namen, Charaktere und Handlungsfäden seiner Figuren zu verwechseln, und schließlich das gesamte Personenpotpourri durch eine apokalyptische Erdbebenepisode ins Jenseits befördert.

Der Schauspieler André Jung gibt der jungenhaften Männlichkeit Marios eine sympathische, jugendlich begeisterte und eifrige Stimme.

Tante Julia wird charmant, sinnlich und mit weiblicher Selbstironie von Herlinde Latzko gesprochen.

Christoph Bantzer verstimmlicht die Rolle des Pedro Camacho mit eindrucksvoller Treffsicherheit. Es ist eine Meisterleistung, nur über das Medium der Stimme, die Kombination aus fanatischer Selbstdisziplin, herrischer Subjektivität, hilfloser Überheblichkeit und idiosynkratischer Überspanntheit wiederzugeben!

Pedro Camachos Bemerkung  „Meine Schriften erhalten sich an einem unauslöschlicheren Ort, als Bücher es sind. Im Gedächtnis der Radiohörer.“ kann ich nur bestätigen. Ich werde nie wieder Mario Vargas Llossas Roman lesen können, ohne dabei Christoph Bantzers Stimme im Ohr zu haben.

Überdies nutzt sich die facettenreiche Geschichte auch bei mehrmaligem Hören keineswegs ab. Ich habe mir dieses „Hörspiel-Kino“ bereits dreimal gegönnt, und jedesmal fielen mir wieder neue Raffinessen und Wortspielereien auf. Ich möchte sogar sagen, daß es mir von Mal zu Mal immer besser gefällt, was in meinen Ohren ein weiteres Zeichen für die Qualität dieses  Hörspiels ist.

Die Verpackung des Hörspiels ist dem Hörverlag sehr schön gelungen. Die graphische Gestaltung gibt den Zeitgeist der Fünfzigerjahre wieder, die Verteilung der 10 CDs auf fünf Doppelhüllen macht das Raumvolumen handlich, und der Pappschuber umrahmt ein rundherum stimmiges Werk.

Eine Hörkostprobe können Sie sich unter dem nachfolgendem Link genehmigen:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Tante-Julia-und-der-Kunstschreiber/Mario-Vargas-Llosa/der-Hoerverlag/e387011.rhd

Der Autor:

»Mario Vargas Llosa, 1936 im peruanischen Arequipa geboren, studierte Sprachen in Lima und Madrid und arbeitete dann als Journalist in Paris.
1962 erschien sein erster Roman „Die Stadt und die Hunde“, der bereits zu einem internationalen Erfolg wurde. Auch seine weiteren Romane wie „Das grüne Haus“ oder „Der Krieg am Ende der Welt“ fanden weltweit bei Kritik und Lesepublikum Beachtung. Mario Vargas Llosa erhielt 2010 den Nobelpreis für Literatur.«