Die Kinderbuchbrücke

  • von Jella Lepman
  • Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek http://www.ijb.de
  • unter Mitarbeit von Anna Becchi
  • Neuausgabe Verlag Antje Kunstmann, September 2020 www.kunstmann.de
  • 25,00 € (D), 25,70 € (A)
  • gebunden
  • 303 Seiten
  • mit zahlreichen Fotos
  • 25,00 € (D), 25,70 € (A)
  • ISBN 978-3-95614-392-2

VON  KINDERBÜCHERN,  KINDERHERZEN  UND  WELTVERBUNDENHEIT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In diesem autobiografischen Buch lernen wir eine eigenwillige, emanzipierte Frau kennen, die es verdient, mehr ins historische Bewußtsein gehoben zu werden. Jella Lepmans Engagement und Begeisterung für Kinder- und Jugendbücher sowie ihrem versöhnlich-ausgleichenden Umgang mit dem besiegten Nachkriegsdeutschland verdanken wir die Gründung der Internationalen Jugendbibliothek (http://www.ijb.de).

Jella Lepman war in Deutschland aufgewachsen. Als Jüdin durfte sie im nationalsoziali-stischen Deutschland ihren journalistischen Beruf nicht mehr ausüben und emigrierte 1936 über Italien nach London. Sie war früh verwitwet und alleinerziehende Mutter zweier Kinder.

1945 wird Jella Lepman gebeten, als „Adviser“ bzw. „Berater für die kulturellen und erzieherischen Belange der Frauen und Kinder in der amerikanischen Besatzungszone“ zu arbeiten. Der amerikanischen Besatzungsmacht schien es wohl angeraten, für die „Umerziehung der Deutschen“ und eine kulturelle Neuausrichtung auch eine mütter- lich-familiäre, weibliche Perspektive einzubeziehen. Nach einer aufwühlenden Bedenk- zeit überwiegt bei Jella Lepman das Mitgefühl mit den Kindern, und sie sagt ihre Mitarbeit zu.

Jella Lepman beschreibt die deutsche Nachkriegssituation und die damaligen zwischen-menschlichen Gestimmtheiten sehr differenziert, und ebenso differenziert betrachtet sie die amerikanische Einflußdominanz auf die deutsche Gesellschaft. Es herrscht Woh- nungsnot, es mangelt an Nahrung, Heizmaterial, Kleidung und Kinderbetreuungsmög- lichkeiten. Sie trifft auf ehrlich Reumütige, Ewiggestrige, echte und unechte „Wider- standskämpfer“ und die übliche Melange der Mitläufer in jede Richtung.

Neben dem leiblichen Hunger gibt es jedoch auch Lesehunger und kindlichen Wissensdurst. Zwölf Jahre Diktatur, Zensur und Bücherverbrennungen sowie die massiven Ausbombungen haben den Kinderbuchfundus deutscher Kinder drastisch reduziert. Nach und nach reift in Jella Lepman die Idee, eine Wanderausstellung der besten internationalen Kinder- und Jugendbücher zu organisieren und so den deutschen Kindern die weite Welt aus Kinderbuchperspektive näherzubringen.

Zwei Jungen in der Stuttgarter Ausstellung 1946 © Stiftung Internationale Jugendbibliothek

Sie schreibt Bittbriefe an diplomatische Vertretungen, Ministerien und Verlage. Neben erzählerischen Werken bittet sie um Bilderbücher, weil diese eine geringere Sprach-barriere bedeuten, und um Kinderzeichnungen und Kinderbilder, weil Kinder auf diesem Wege unabhängig von Fremdsprachenkenntnissen miteinander kommunizieren können. Die internationale Resonanz ist sehr gut, die Bücherspenden fließen großzügig.

Am 3. Juli 1946 eröffnet schließlich die „Internationale Jugendbuchausstellung“ im Haus der Kunst in München und zieht mehr als eine Million Besucher an. Die Ausstellung wandert – soweit sich passende Räumlichkeiten finden lassen – weiter nach Stuttgart, Frankfurt, Hamburg und Berlin. Das rege Interesse der deutschen Bevölkerung und die lebhafte Aufgeschlossenheit der Kinder bestätigen Jella Lepman darin, aus dieser Ausstellung eine dauerhafte Internationale Jugendbibliothek hervorgehen zu lassen.

Mit bewundernswerter Hartnäckigkeit, Zielstrebigkeit und Charme überwindet Jella Lepmann unzählige bürokratische und finanzielle Hürden, findet Mitstreiter, Sponsoren und prominente Befürworter, u.a. Theodor Heuss, Erich Kästner, Eleanor Roosevelt, die Rockefeller Foundation und die ALA, die „American Library Association“.

Am 14. September 1949 kann die „Internationale Jugendbibliothek“ zunächst in einer Villa in der Kaulbachstraße in München eröffnet werden. Von Anfang an werden dort neben Büchern auch Buchdiskussions- und Theaterspielgruppen, Puppentheaterauf-führungen, Elternabende, Sprachkurse und ein Malatelier angeboten. Außerdem dürfen die Kinder selbst Buchkritiken schreiben, die zum Teil sogar im Jugendfunk gesendet werden.

Kinder in der neueröffneten Internationalen Jugenbibliothek am 14. September 1949 © Stiftung Internationale Jugendbibliothek Foto: Otfried Schmidt

Jella Lepmans ausdrückliche Wertschätzung von Kinderliteratur als „Lebensmittel“ zur Herzensbildung und ihre Bemühungen, Kinderbücher als Boten von Fantasie, Freiheit, Frieden, Mitmenschlichkeit, Toleranz und Vielfalt einzusetzen, regten einen lebhaften internationalen Bücheraustausch an und entsprechende wechselseitige Übersetzungen, wie sie uns heutzutage selbstverständlich erscheinen.

Zudem initiierte sie den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Hans Christian Andersen Preis, und sie regte die Gründung des „IBBY“, des International Board on Books für Young People, eines internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch, an, was den gesell-schaftlichen Stellenwert und die positive öffentliche Wahrnehmung von Kinder- und Jugendbüchern erhöhte.

Es ist bewundernswert, mit welcher Unermüdlichkeit und welch großen Idealismus Jella Lepman die deutschen Kinder der Nachkriegszeit mit konstruktiver geistiger Nahrung versorgte. Die nachhaltige Wirkung und internationale Anerkennung, die mit der Institution der Internationalen Jugendbibliothek nach wie vor erreicht wird, bestätigen ihr Wirken.

Jella Lepman (links), Elisabeth Ekström (Geschäftsleiterin des Arbeitskreises für Jugendliteratur in München), Astrid Lindgren und die Bibliothekarin Elsa Olenius auf dem IBBY Kongress in Stockholm 1956 © Foto: privat Familie Lepman-Mortara

„Die Kinderbuchbrücke“ ist ein bemerkenswertes Dokument der Versöhnung, Hoffnung und unerschütterlichen Zielstrebigkeit. Jella Lepman schreibt mit weitem Herzen, gro- ßem Weitblick, scharfer Beobachtungsgabe und Humor. Einfühlsam schildert sie ihre Erfahrungen in Deutschland von der Trümmerzeit bis zur Wirtschaftswunderzeit, freut sich daran, wie aus hohlen Kinderwangen wieder runde Bäckchen werden, und beschreibt anrührende Szenen kindlich-begeisterter Reaktionen auf Bücher. Bei all ihrer organisatorischen und argumentativen Arbeit fand sie sogar noch die Muße, für Erich Kästners Kinderbuch „Die Konferenz der Tiere“ Ideen beizusteuern.

Die Neuausgabe der „Kinderbuchbrücke“ wird um ausführliche Anmerkungen ergänzt, die personelle und historische Zusammenhänge erläutern, sowie um eine Kurzbiografie von Anna Becchi, welche Jella Lepmans Lebensstationen jenseits ihres Engagements für die Internationale Jugendbibliothek nachzeichnet. Zahlreiche Fotos der Autorin und ihrer hilfreichen Wegbegleiter sowie hingebungsvoll in Bücher vertiefter Kinder ergänzen und bereichern Jella Lepmans Bericht um anschauliche, anrührende und aussagekräftige Zeitzeugnisse.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kunstmann.de/buch/jella_lepman-die_kinderbuchbruecke-9783956143922/t-2/

 

Die Autorin:

»Jella Lepman (1891–1970) wuchs in Stuttgart auf. Die jüdische Journalistin und Kinderbuch- autorin emigrierte 1936 nach England und wurde 1945 von der amerikanischen Militär- regierung als Beraterin für den Wiederaufbau nach Deutschland geholt. 1949 gründete sie die Internationale Jugendbibliothek in München, die weltweit größte Spezialbibliothek für inter- nationale Kinder- und Jugendliteratur, sowie 1951 IBBY (International Board on Books for Young People), eine internationale Organisation zur Förderung der Kinder- und Jugendliteratur.«

Querverweis:

Alljährlich erscheint im Verlag edition momente „Der Kinder Kalender“, herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek. Für diesen Kalender treffen die Bibliotheks-Lektoren aus dem Kinderbuchfundus eine Auswahl von Kindergedichten, die in ihrer jeweiligen Landes- sprache und -Schrift, der dazugehörigen Illustration und einer deutschen Übersetzung jeweils ein Kalenderwochenblatt füllen. So wird Jella Lepmans Idee der Völkerverständigung von Kind zu Kind auf poetische Weise fortgesetzt und in deutsche Kinderzimmer transportiert und weitergesagt.
Den Kinder Kalender für das laufende Jahr (2021) können Sie unter nachfolgendem Link gerne besichtigen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/11/12/der-kinder-kalender-2021/

 

 

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Als Nino fast in den Zirkuswagen zog

  • von Sigrid Zeevaert
  • Illustrationen von Julie Völk
  • Gerstenberg Verlag Juni 2018 http://www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Format: 16 x 21,5 cm
  • 176 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A), 18,00 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5607-9
  • zum Selberlesen ab 7 Jahren
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren

K I N D E R L E I C H T – K I N D E R S C H W E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nino ist das jüngste Kind unter vier Geschwistern. Flori, sein nur vierzehn Monate älterer und nur vier Zentimeter größerer  Bruder, behandelt Nino oft, als wäre er noch kleiner und jünger als er ist, und auch seine beiden älteren Schwestern, Mira und Jana, bezeichnen ihn manchmal als „Mamakind“, weil er recht schnell weint und naiver ist als die großen Kinder.

Während sich Flori oft draufgängerisch, großspurig, sportlich und risikobereit verhält, ist Nino empathisch, vorsichtig, rücksichtsvoll und sehr sensibel. Da sich die beiden Brüder ein Zimmer teilen, gibt es immer wieder Reibereien zwischen ihnen, und Flori äußert neuerdings sogar ausdrücklich den Wunsch nach einem eigenen Zimmer für sich alleine.   

Die Eltern verkünden beim familiären Abendbrot, daß ihnen Großtante Ella ihren Zirkus-wagen geschenkt habe. Großtante Ella ist Künstlerin und Buchillustratorin, und sie hat sich früher gerne zum Malen in diesen Zirkuswagen zurückgezogen. Doch inzwischen ist sie alt, braucht mehr Unterstützung im Lebensalltag, und zieht deshalb in ein Senioren-heim und trennt sich von Dingen, die sie nicht mehr braucht.

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Die Kinder sind begeistert von der Aussicht, bald einen echten Zirkuswagen im eigenen Garten stehen zu haben. In der Schule erzählt Nino sofort seinem Freund Joshua davon und lädt ihn ein, in den nächsten Tagen einmal bei ihm im Zirkuswagen zu spielen.

Als Joshua Nino besucht, hat Flori den Zirkuswagen schon mit zweien seiner Fußball-freunde „besetzt“, und die Rabauken lehnen es ab, mit den „Kleinen“ zu spielen. Nino zieht sich gekränkt mit Joshua ins Kinderzimmer zurück und leiht ihm später den voll-automatischen Sattelschlepper seines Bruders, ohne dafür um Erlaubnis zu fragen.

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Nicht zum ersten Mal denkt Nino darüber nach, wie es wäre, keinen Bruder zu haben und ganz alleine zu leben. Doch dann ist er gleichwohl wieder ganz anhänglich, denn Flori ist schließlich nicht immer gegen ihn, sondern auch oft zugewandt-brüderlich. So beschließen die beiden, am Wochenende zusammen im Zirkuswagen zu übernachten. Nachdem die Eltern und die Schwestern ihnen gute Nacht gesagt haben, sind die Brüder ganz alleine im Dunkeln, und eine Menge ungewohnter, unheimlicher Nachtgeräusche sorgen für Aufregung. Diesmal ist jedoch Nino der Mutigere, und er besteht darauf, daß sie nicht ins Haus zurückgehen; und schließlich schläft Nino ein und träumt lebhaft von Tante Ella.

Am nächsten Morgen stellt Nino fest, daß er alleine im Zirkuswagen liegt und sein Bruder sich heimlich wieder ins Haus geschlichen hat. Erstaunt bemerkt Nino, daß Flori offenbar nicht so groß und mutig ist, wie er immer behauptet. Als Nino zum Frühstück ins Haus kommt, ist Flori verheult und verstimmt, da die Eltern mit ihm geschimpft haben, weil er Nino in der Nacht einfach im Stich gelassen hat.

Da angesichts der momentanen familiären Stimmung nicht mit spielfreudigen Ge-schwistern zu rechnen ist, macht Nino einen Spaziergang zum Park. Er braucht sowieso etwas Abstand, um seine Gedanken zu ordnen und sich an sein neues mutiges Selbst-bewußtsein zu gewöhnen. So geht er – von Betrachtungen über seine Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit beflügelt – viel weiter als geplant und verläuft sich prompt.

Da wird es ihm doch mulmig, und ein paar Tränen kann er nicht zurückhalten. Zwei Passanten erklären ihm freundlich den Rückweg. Zwar ist Nino unsicher, ob er sich die Hinweise richtig merken kann, aber er ist wild entschlossen, es alleine zu schaffen. Dennoch ist die Erleichterung groß, als er seine Schwester Mira und seinen Bruder Flori sieht, die schon nach ihm gesucht haben und sich aufrichtig freuen, daß sie ihn endlich wiedergefunden haben.

Einträchtig gehen sie nach Hause, und Nino findet es schön, nicht mehr alleine unter- wegs zu sein. Später planen sie, für den 16. Geburtstag der älteren Schwester Jana Zirkuskunststücke einzuüben und sie mit einer echten Zirkusaufführung zu über- raschen. Ninos Freund Joshua darf auch mitmachen und einige seiner Zaubertricks zeigen …

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Dieses Kinderbuch behandelt sehr einfühlsam und familienszenisch-anschaulich die Themen Geschwisterliebe und Geschwisterrivalität, Streit und Versöhnung, Angst und Mut, Bindungsbedürfnisse und Freiheitsbedürf- nisse, familiäre Anhänglichkeit und Geborgenheit, Freundschaft, zwischen- menschliche Abgrenzung und das Zusammenspiel unterschiedlicher Temperamente sowie emotionale Reifungsschritte.

Die nostalgisch-zärtlichen, mit verspielten Details angereicherten Schwarz-weiß-Illustrationen von Julie Völk begleiten und untermalen den Text harmonisch und geben den Figuren kindgerechte Gestalt.

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Wir erlesen hier Familienalltagsleben. Abgesehen von der Requisite Zirkus- wagen geschieht nichts Spektakuläres, und doch macht Nino elementare, bedeutungsvolle Erfahrungen, die den Radius seines Herzens über den rein familiären Bezugskreis hinaus erweitern. Der Autorin Sigrid Zeevaert gelingt mit leichten Worten, einfachem Satzgefüge und lebhaften Dialogen eine glaubwürdige und anrührende, ebenso schmunzlerische wie ernsthafte erzählerische Darstellung kindlicher Bedürfnisse, Entwicklungsspielräume, Gefühle und Gedanken.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836956079

 

Die Autorin:

»Sigrid Zeevaert lebt mit ihrer Familie in Aachen. Schon während des Studiums begann sie mit dem Schreiben; ihre Kinder- und Jugendbücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Für ihr Gesamtwerk erhielt sie den Friedrich-Bödecker-Preis. Bei Gerstenberg ist von ihr außerdem das Kinderbuch „Annabel und Anton – Tür an Tür in Haus Nr. 9“ erschienen.« www.sigridzeevaert.de

Die Illustratorin:

»Julie Völk, geb. 1985 in Wien, wuchs im ländlichen Niedersachsen auf. Sie studierte an der HAW in Hamburg Illustration. Ihr Debüt Das Löwenmädchen ist gleich mit dem Nachwuchspreis Serafina und dem Troisdorfer Bilderbuchpreis 2015 ausgezeichnet worden. Für ihr zweites Bilderbuch Guten Morgen, kleine Straßenbahn! erhielt sie den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017. Die Künstlerin lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich.« www.julievoelk.de

Querverweis:

Hier entlang zu „Annabel und Anton – Tür an Tür in Haus Nr. 9“, einem weiteren Kinderbuch von Sigrid Zeevaert, das einfühlsam und humorvoll von einer neuen Kinderfreundschaft durch nachbarschaftlichen Zuzug zu erzählen weiß. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/04/30/annabel-und-anton/

 

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Das kleine weiße Pferd

  • von Elizabeth Goudge
  • Die englische Originalausgabe erschien 1946
  • unter dem Titel »The Little White Horse«
  • bei University of London Press Ltd.
  • Aus dem Englischen von Sylvia Brecht-Pukallus
  • Mit den Illustrationen der englischen Originalausgabe
  • von C. Walter Hodges
  • Umschlagillustration von Robin Corfield
  • Neuausgabe August 2018 Verlag Freies Geistesleben www.geistesleben.com
  • gebunden
  • 320 Seiten
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 16,00 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2723-4
  • Kinderbuch ab 9 oder 10 Jahren (für versierte Leser)
  • sonst eher ab 11 oder 12 Jahren

MO N D L I C H T Z A U B E R

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Braucht ein Kinderbuchklassiker noch eine weitere Empfehlung, wenn es das öffentlich erklärte Lieblingskinderbuch von Joanne K. Rowling ist? Ich finde eine etwas ausführ-lichere Empfehlung meinerseits indes durchaus angebracht und mache mich gerne und mit Vergnügen ans Werk.

Die dreizehnjährige Maria Merryweather reist im Jahre des Herrn 1842 mit ihrer Gouver-nante Miss Jane Heliotrope und Wiggins, ihrem verwöhnten King-Charles-Spaniel, von London nach Devonshire. Nach dem Tod ihres Vaters – die Mutter starb schon, als Maria noch ein Säugling war – hat ihr Vetter zweiten Grades, Sir Benjamin Merryweather, Maria eingeladen, auf seinem Herrensitz Moonacre Manor zu leben.

Auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause fährt die Kutsche durch den weitläufigen nächt-lichen Park von Moonacre Manor, und auf einer mondbeschienenen Lichtung erspäht Maria flüchtig ein kleines weißes Pferd, das einige Tage später in einem dramatischen Moment eine wegweisende Rolle spielen wird.

Schon bald werden die Damen nebst Hündchen sehr warmherzig von Sir Benjamin Merryweather im Herrenhaus empfangen. Maria und ihr Vetter sind sich auf den ersten Blick sympathisch, und auch Miss Heliotrope fühlt sich herzlich angenommen. Maria wird ein schön eingerichtetes Turmzimmer zugewiesen, das für ihre zierliche, beinahe feenhafte Gestalt maßgeschneidert zu sein scheint. Es hat eine gerippte Gewölbedecke, in deren Mitte eine von Sternen umrahmte Mondsichel eingemeißelt ist.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Die anfängliche Sorge, das Landleben könne unbequem sein, erweist sich als gänzlich unbegründet. Das Anwesen ist wunderschön und von vielen Gärten und einem groß- zügigen Park umgeben, und der eigenwillige, zwergenhafte Küchenchef Marmaduke Scarlet zaubert die köstlichsten Speisen.

Obwohl sich Sir Benjamin und Marmaduke Scarlet auf ihre chronisch-junggesellige Art rühmen, daß seit zwanzig Jahren kein weibliches Wesen mehr auf Schloß Moonacre weilte, sind sie doch sehr freundlich zugewandt und aufmerksam gegenüber Maria und Miss Heliotrope und bemühen sich ebenso sehr um ihre Behaglichkeit wie um ihre Zerstreuung.

Äußerst verständige Tiere gehören ebenfalls zum Haushalt; da wären der prächtige Kater Zacharias, der sogar schreiben kann, Wrolf, ein sehr, sehr großer Hund, der eigentlich ein Löwe ist, die weiße Häsin Serena sowie einige Pferde und Ponys.

Maria fühlt sich schnell heimisch. Sir Benjamin zeigt ihr das nahegelegene Dorf Silvery-dew, und nach dem ersten Sonntagsgottesdienst lernt sie den unkonventionellen und musikalischen Pfarrer, Louis de Fontanelle, kennen und schätzen. Im Hirtenjungen Robin findet sie einen treuen Freund und Helfer, und Robins Mutter Loveday ist beinahe so etwas wie eine gute Fee, auch wenn sie ganz menschlich ist.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Zunächst erscheint alles in geradezu paradiesischer Harmonie, doch nach und nach zeigt sich, daß sich schlechte Taten aus lang vergangener Zeit bis in die Gegenwart als böse Schatten, Unfrieden und Gefahr für das liebliche Tal und seine Bewohner auswirken.

In der Dorfkappelle betrachtet Maria die lebensgroße Steinskulptur, die den Sarkophag ihres Urahnen Sir Wrolf Merryweather bedeckt. Die Skulptur zeigt einen Ritter in voller Montur, mit einem echten, eisernen Schwert an seiner Seite.

Vor vielen Jahrhunderten eignete sich dieser Urahn aus Habgier das Grundstück und das fruchtbare Weideland des nahegelegenen Klosters, das auf dem Paradiesberg rund um eine heilige Quelle errichtet worden war, widerrechtlich an. Die Mönche wurden vertrie-ben und das Kloster verfiel.

Außerdem trug Sir Wrolf Merryweather eine langjährige, erbitterte Fehde mit Sir William Cocq de Noir aus, dem die Kiefernwälder gehörten, die hinter Schloß Moonacre zur Bucht von Merryweather führen. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen gab es böse Kämpfe, Hinterlist, wahre und unwahre Liebe, tragische Mißverständnisse und ungeklärte Todesfälle.

Eine Folge dieser historischen Altlast ist, daß die Nachfahren von Sir William Cocq de Noir den Bewohnern von Silverydew den Zugang zum Meer verwehren und daß sie sich dreist räuberisch an den Feldfrüchten der Dorfbewohner bedienen und hemmungslos überall grausame Fallen aufstellen und wildern.

In jeder Merryweather-Generation, so geht die Sage, gäbe es eine Mondprinzessin, in deren Herz und Hand es läge, diese familiäre Verstrickung zu lösen und eine Aus- söhnung herbeizuführen. Bisher ist dies jedoch immer mißlungen.

Maria hegt nicht den geringsten Zweifel daran, daß es nun ihre Aufgabe sei, diese ver-worrenen Konflikte zu bereinigen, und sie bekommt von Robin, Loveday, dem Pastor und den weisen Tieren lebhafte Unterstützung. Sie muß nun Geheimisse entschlüsseln und sich Gefahren stellen, ihre Angst überwinden und auch ihren eigenen Stolz. Doch dank ihres gesunden Menschenverstandes und ihrer Intuition findet sie einen für alle gangbaren Weg des Ausgleichs und der Versöhnung – aus Feinden werden Freunde und gute Nachbarn und schließlich werden viele Herzen geheilt …

„Das kleine weiße Pferd“ ist ein niveauvolles Kinderbuch, das mit vielschichtigen inhalt-lichen und sprachlichen Feinheiten sowie fantasievollem Detailreichtum aufwartet. Die verschnörkelt abzweigungsreiche Geschichte wird mit beschaulicher Spannung und Dramaturgie gemächlich erzählt – von andante zu andantino bis zum abschließenden Gloria tutti.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Dieses Buch ist im Jahre 1946 erschienen und verfügt über einen überaus reizvoll-blumigen altmodischen Charme. Den sinnlichen und appetitanregenden Beschreibun- gen der Speisen kann man eine Wertschätzung für Nahrungsmittel ablesen, die sich gewiß aus der Erfahrung der Autorin mit kriegs- und nachkriegsbedingter Nahrungs- mittelknappheit speist.

Die feinlinierten, an alte Stiche erinnernden Schwarz-Weiß-Illustrationen von C. Walter Hodges geben die dunkel-geheimnisvollen und gemütlich-heiteren Aspekte der Hand- lung textgetreu wieder. Das vordere Vorsatzblatt ziert eine detailgetreue Zeichnung des Moonacre Anwesens und das hintere Vorsatzblatt eine Übersichtskarte mit den wesent-lichen Schauplätzen rund um Moonacre. Die feenstaubig-silbrigen Glitzereffekte auf dem Buchdeckel passen vorzüglich zum zauberhaften Buchinhalt.

Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert, und dementsprechend sind die Umgangsformen und die Geschlechterrollen ausgestaltet. Drei misogyne Bemerkungen aus launiger Jung-geselligkeit kann auch die heutige Leserin gelassen und traumafrei abperlen lassen, zu-mal die Herren sich in ihrem tatsächlichen Handeln gegenüber Frauen als durchwegs freundlich, gütig und zugeneigt erweisen.

Maria Merryweather ist ein selbstbewußtes, sensibles und neugieriges Mädchen. Sie ist feenhaft zart und zugleich tapfer, trotz kleiner Eitelkeiten nicht oberflächlich, sondern mitfühlend und hilfsbereit. Ihre blaublütig edle Gesinnung verträgt sich durchaus mit ganz natürlicher, leiblich-kulinarischer Genußfreude.

Der Schauplatz des Geschehens ist märchenhaft zeitlos. Das Reich von Moonacre verfügt über Daseinsbedingungen, die man sonst eher dem Feenreich zuordnet; so blühen jahreszeitenübergreifend alle möglichen Blumen, und Ebereschen tragen schon im Früh-jahr rote Beeren. Es gibt ganz selbstverständlich zwergenhafte Hausbedienstete, und Tieren wird großer Respekt entgegengebracht – wenn man einmal großzügig darüber hinwegsieht, daß bei den ausgiebigen Mahlzeiten doch recht viel Fleisch verzehrt wird.

Obwohl die Menschen in diesem Buch dem christlichen Glauben angehören, ist die Geschichte mit zahlreichen, sehr naturverbundenen, vorchristlich-keltischen Symbolen verflochten. Die Beschreibungen der häuslichen und landschaftlichen Kulissen sind von lebhaftester Anschaulichkeit und erfüllt von einer geheimnisvollen mythischen Präsenz.

Gleichwohl geht die stärkste Ausstrahlungskraft von der meisterlichen Charakterzeich-nung der Figuren aus. Die differenzierte, köstlich-augenzwinkernde Darstellung der Personen zeugt von großer Menschenkenntnis und bereitet ein delikates Lesevergnü- gen. Es ist wunderbar, wie Elizabeth Goudge wechselwirksam vom Inneren zum Äußeren und vice versa der verschiedenen Persönlichkeiten berichtet – so entsteht eine gleichsam greifbare Nähe zu den Charakteren. Sie bleiben uns durch ihre zwischen- menschliche Einzigartigkeit in unvergeßlich-leuchtender Leseerinnerung.

 

»Sie (Maria) ging von einer Ecke zu anderen, legte ihren Mantel, ihr Häubchen und den Muff in eine der Truhen, strich vor dem Spiegel ihr Haar glatt, wusch sich die Hände in dem Wasser, das sie aus der kleinen Silberkanne in die Silberschale goss,und berührte all die schönen Dinge mit den Fingerspitzen, als könnte sie sich mit dieser Liebkosung in ihrem Herzen bei den Menschen bedanken, die das alles geschaffen und hergerichtet hatten.«  (Seite 35)

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: https://www.geistesleben.de/Buecher-die-mitwachsen/Kinderbuch/Das-kleine-weisse-Pferd.html

Die Autorin:

»Elizabeth Goudge (1900 – 1984), war als Kunstgewerbelehrerin tätig, bis sie das Schreiben als ihren Beruf erkannte. Ihr erster Roman Inselzauber erschien 1934. Seither sind ihre Bücher in Millionen Exemplaren in der ganzen Welt erschienen.«

 

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