Opa Mammut

  • Eine Familien-Weltgeschichte für Kinder
  • von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart  August 2016 http://www.jacobystuart.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig illustriert
  • 128 Seiten
  • Format: 20,1 x 25,4 cm
  • 19,95 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-946593-07-2
  • ab 10 Jahren (zum Selberlesen)
  • ab 6 Jahren (zum Vorlesen)

Z E I T R A F F E R

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Vom gemeinschaftlichen Lagerfeuer in der Wohnhöhle bis zum vereinzelnden Lichtfensterchen des Smartphones war es ein langer, langer Weg.

Illustration von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Die Autoren dieses Kinderbuches lassen einen unserer Urururururururur…–Ahnen die Menschheitsgeschichte im vertraulich-familiären Tonfall erzählen. Durch die Flammen des Feuers, dessen Beherrschung der epochale Fortschritt in der Zeit von Opa Mammut ist, schaut der altsteinzeitliche Erzähler in die Zukunft, und wir schauen mitlesend in die Vergangenheit unserer Menschheitsfamilie.

Im Vorwort sagt Opa Mammut: „Stell dir ein Buch mit tausend Seiten vor. Auf der ersten Seite wäre ich, dann käme eines meiner Kinder, danach die Kinder meiner Kinder – immer weiter durch die Zeit, auf jeder Seite eines meiner Enkelkinder, und auf der letzten Seite wärst du.“

Diese einleitenden Worte werden auf der nächsten Doppelseite mit den Stilmitteln konkreter Poesie in eine sehr gelungene graphische Zeittafeldarstellung gebracht. Erst danach erfolgt die menschheitsgeschichtliche Überlieferung aus dem Munde von Opa Mammut.

Illustration von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Zunächst berichtet Opa Mammut vom bewegungsreichen Wanderleben der Altsteinzeit, vom Sammeln und Jagen, von magischen Höhlenmalereien, vom Jagdfortschritt durch die Erfindung von Pfeil und Bogen, von Bestattungsritualen und von frühen flöten-musikalischen Bemühungen.

„Wenn ich heute daran denke, was es in der Steinzeit noch nicht gab – man musste praktisch alles selbst machen. Was man nicht konnte, gab es nicht. …  Es gab auch keinen Marmorkuchen, obwohl es ja die Steinzeit war.“ (Seite 24)

Opa Mammut berichtet vom Verschwinden der großen Mammutherden, vom Seßhaft-werden in der Jungsteinzeit, von Ackerbau und Viehzucht und von der Erfindung des Rades. Da man inzwischen auch gelernt hatte, Stoffe zu weben, kam Fellbekleidung fast ganz aus der Mode. Die Tradition des mündlichen Erzählens und Bewahrens wurde gepflegt, da es noch keine Schrift gab.

Und so schreiten wir fort von der Errichtung des geheimnisvollen Kulturdenkmals Stonehenge zum neuen Werkstoff Bronze, zur Entwicklung des Handels, zum Werkstoff Eisen und dem hohen gesellschaftlichen Ansehen, welches das Schmiedehandwerk genoß.

Es folgen: Hannibals Feldzüge, Christi Geburt, Römer und Barbaren, die Völkerwande-rung, Karl der Große, Klostergründungen, ritterliche Lebensweise, die Pest, die Erfindung des Buchdrucks, die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, die Umwälzungen der Französischen Revolution, die Industrialisierung, die Verlegung des Überseekabels auf dem atlantischen Meeresgrund, ein gemütlicher Blick in die Gründerzeit sowie ein ungemütlicher Blick in die Trümmerreste des Zweiten Weltkrieges, und schließlich betreten wir ein Wirtschaftswunder-Wohnzimmer mit Nierentisch und Schwarz-Weiß-Fernseher.

Das vorletzte, mit „Smart 2010“ betitelte Kapitel zeigt Menschen, die gebannt in ihre jeweiligen Smartphones starren und eine seltsam anmutende, äußerst abstrakte Beziehung „miteinander“ pflegen.

Illustrationen von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Licht- und Schattenseiten zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen werden beiläufig angesprochen, und auch an ironischen Kommentaren fehlt es nicht; beispielsweise wird der Feldherr Hannibal mit dem lakonischen Satz charakterisiert: „Wahrscheinlich hatte wieder einer zu viel Ehrgeiz.“ (Seite 62)

Die historischen Figuren werden nicht mit ihren Namen genannt. So erscheint Karl der Große nur unter seinem Titel Kaiser und Jesus als kleiner Junge, der im Jahre 0 geboren wurde und dessen Geburtstag zum Weihnachtsfeiertag wurde. In Anbetracht dessen, daß unsere aktuelle Kalenderzeitrechnung mit Christi-Geburt beginnt, hätte etwas mehr christliches Selbstverständnis dem Text an dieser Stelle nicht geschadet.

Andererseits könnte ich dann auch noch hinterfragen, warum die dreifaltige Muttergöttin, die in der Steinzeit und auch noch darüber hinaus verehrt wurde, überhaupt keine Erwähnungswürdigkeit fand. Doch geben wir uns zufrieden – die Themenfülle ist zu groß, um jeder historischen Neigung gerecht zu werden.

Kurze, konzentrierte Texte mit kindgemäßen Bezugsebenen und einfacher Sprache berichten von 52 Generationen der Menschheitsgeschichte; begleitet werden sie von sehr aussagekräftigen Illustrationen, die jeweils exemplarisch eine Alltagszene aus der beschriebenen Zeit zeigen. Die Zeichnungen, die Ähnlichkeit mit grobgestochenen Stahlstichen haben, ergänzen und bereichern die Textinformationen, und sie sind sehr präzise in der Darstellung der historischen Details: Architektur, Landschaft, Kleidung, Waffen, Werkzeuge etc.

Fast 20 000 Jahre Menschheitsgeschichte von Altsteinzeit, Mittelsteinzeit, Jungsteinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Mittelalter bis in die Neuzeit und unmittelbare Gegenwart werden in diesem Buch auf 128 Seiten nacherzählt. Daß dies nur streiflichternd und – für den historisch bewanderten erwachsenen Mitleser – nur mit schmerzlichen historischen Lücken möglich ist, erklärt sich von selbst.

Gleichwohl erzeugt der zugewandte, ebenso humorvolle wie nachdenkliche Plauderton eine wünschenswerte emotionale Nähe zur Vergangenheit und weckt Interesse und Neugier, sich anschließend mit der einen oder anderen Epoche oder auch generell mit Geschichte ausführlicher zu beschäftigen.

„Opa Mammut“ gelingt es, Geschichte auf vergnüglich-informative Weise anschaulich lebendig werden zu lassen und Kinder für die faszinierenden Entwicklungsschritte der Menschheitsfamilie zu sensibilisieren.

Schon Goethe erkannte in seinem West-östlichen Diwan:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben.“

Wohin das weitgehende Ausblenden der historischen Dimension gerade auch an Schulen führt, ist u.a. an der enkeluntauglich-kurzsichtigen Perspektive nicht weniger Politiker schmerzhaft abzulesen. In diesem Zusammenhang bietet „Opa Mammut“ wertvollere Bildungsförderung als manche sogenannte Lehrplanreform.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinder-jugendsachbuch/kindersachbuch/opa-mammut/

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Dieter Böge, geboren 1958, ist Zeichner, Maler und Autor. Er lehrt an der Akademie JAK in Hamburg und ist deren künstlerischer Leiter.
Bernd Mölck-Tassel, geboren 1964, ist Professor für Illustration an der HAW Hamburg.
Beide arbeiten seit über zwanzig Jahren zusammen. Von 2008 bis 2013 erschienen ihre Comicstrips Dr. Dominos Weltgeschichte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.«

 

Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen

  • Kinderbuch
  • Illustrationen: Marc Boutavant
  • Text: Toon Tellegen
  • Übersetzung aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
  • Carl Hanser Verlag 2015 www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden,  Fadenheftung
  • Format: 19 x 27 cm
  • 80 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-446-24677-5
  • ab 6 Jahren zum Selbsterlesen
  • ab 4 Jahren zum Vorlesen
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MUT  ZUR  WUT

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wut hat viele Gesichter und Ausdrucksformen, einige davon werden in den zwölf Geschichten des Bilderbuches „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ anschaulich vorgeführt.

Da können sich Käfer und Regenwurm nicht darüber einigen, wer von ihnen am wütendsten ist, und geraten darüber so richtig feurig-wetteifernd in Rage. Doch nachdem sie sich ausgetobt haben, können sie sich auch wieder miteinander vertragen.

Die Grille nimmt beim Käfer Nachhilfeunterricht im Wütendsein. Sie lernt den intensiv funkelnden Blick, die passende Mimik und Körperhaltung, aber sie kann sich einfach keine bösen Gedanken ausdenken. Schließlich provoziert der Käfer die Grille, indem er sie und ihr Grillenzirpen als häßlich bezeichnet. Da wird die Grille wirklich wütend und verpaßt dem Käfer eine Ohrfeige, die ihn umwirft. Freundlich hilft die Grille dem Käfer wieder auf, denn ihre bösen Gedanken sind schon wieder verflogen, und sie ist nicht nachtragend. Allerdings ist jetzt der Käfer beleidigt …

Der Elefant ist wütend auf sich selbst, weil er bei seinem Konflikt zwischen Gefühl und Verstand eine schmerzliche Erfahrung – wider besseres Wissen – wiederholt …

Der Igel hingegen wundert sich, daß er das Gefühl der Wut noch nie selbst empfunden hat und es nur aus der Beobachtung anderer Tiere kennt …

Der Klippschliefer ist wütend auf die Sonne, die jeden Abend untergeht und nicht wenigstens einmal für den Klippschliefer eine Ausnahme macht. Doch egal wie sehr er tobt und schimpft: Die Sonne macht, was sie will, und kümmert sich nicht um den Wunsch des Klippschliefers. Ja, wahrscheinlich hört sie ihm noch nicht einmal zu, gleichgültig wie böse er auf sie wird …

Das Eichhörnchen läßt sich von den Unverschämtheiten der wütenden Spitzmaus nicht zu einer Wutreaktion verleiten. Trotz der heftigen Wortattacken und Beleidigungen bleibt es  gelassen, was die Spitzmaus zum enttäuschten Rückzug veranlaßt.

Nilpferd und Nashorn begegnen sich auf einem schmalen Weg, und keines von beiden will ausweichen und den anderen vorbeilassen. Nachdem sie drohend klargestellt haben, daß keines von ihnen nachzugeben bereit ist, setzen sie sich erst einmal hin und schweigen. Dann teilen sie ihren Proviant, schließlich tanzen sie sogar miteinander, und am Abend verabschieden sie sich freundlich und versprechen sich gegenseitig gutgelaunt, einander beim nächsten Treffen auf keinen Fall aus dem Wege zu gehen.

Der Krebs kommt mit einem Musterkoffer voller Wut zur Maus ins Maleratelier und bietet seine Ware an. Die Maus entgegnet, daß sie ganz gut von alleine wütend sein könne, wenn sie das wolle, aber sie läßt sich dennoch das ganze Sortiment zeigen: „leichte, hellrote Wut, runzliger grauer Ärger, grünlicher Zorn und schneeweiße Raserei“.

Ganz unten im Koffer zieht etwas Hellblaues die Aufmerksamkeit der Maus auf sich. Das sei Wehmut, sagt der Krebs, und diese sei eigentlich unverkäuflich. Die Wehmut schaut aus wie ein halbdurchsichtiger Schal, und den wickelt sich die Maus um den kleinen Hals, und schon sagt sie seufzend „Ach…“

Die Ameise erklärt der wütenden Kröte, was sie mit ihrer Wut machen könne. Sie könne die Wut wegpusten, begraben, vergessen, aufessen, ins Meer werfen, sie wegsingen, übermalen, mit ihr tanzen, aber sie könne sie auch hegen und pflegen – doch am besten würfe sie die Wut einfach weg. Also wirft die Kröte die Wut weg, und danach unterhalten sich die beiden über die Zufriedenheit, mit der man nämlich „nie etwas tun müsste.

Die in diesem Kinderbuch versammelten Wutepisoden zeigen, daß Wut (oder sogenannte böse Gefühle und Gedanken) zum Empfindungsspektrum des Daseins gehören. Die vorgestellten Wutszenarien sind nicht todernst, sondern lustig, selbstironisch und leise philosophisch. Die Wut ist keine unausweichliche Naturgewalt, sondern sie ist beherrschbar, dosierbar und sogar verwandelbar.

Die  ausdrucksvollen Zeichnungen von Marc Boutavant geben den Figuren und ihren wechselvollen Gefühlen glaubwürdige Gestalt.

Der Autor Toon Tellegen plaudert nicht alles plakativ aus, sondern deutet an, läßt offen und weckt ein psychologisch-poetisch-philosophisches Nachspürecho, das der Reflexion und Akzeptanz eigener Wuterfahrungen dienlich sein kann. Mit diesem Bilderbuch können Kinder lernen, der eigenen und der fremden Wut mitfühlend zu begegnen und sie etwas schelmischer zu betrachten. Die zwölf Wutgeschichten eignen sich auch als Impuls, um mit Kindern über Wut und Wutanfälle zu sprechen, deren Ursachen zu entdecken und konstruktive Umgangsformen mit der Wut zu finden.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/man-wird-doch-wohl-mal-wuetend-werden-duerfen/978-3-446-24677-5/

 

Der Illustrator:

»Marc Boutavant, 1970 im französischen Dijon geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er zählt zu den stilprägenden Illustratoren seiner Generation und ist insbesondere für seine farbenfrohen Werke für Kinder bekannt. Die Geschichten um seinen Bären Mouk und den Esel Ariol wurden beide für das Fernsehen verfilmt. Im Hanser Kinderbuch erschien nach Die große Reise des kleinen Mouk (2008) das von ihm illustrierte Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen (2015).«

Der Autor:

»Toon Tellegen, am 18.11.1941 in Den Briel, Niederlande geboren, studierte Medizin in Utrecht, arbeitete als Arzt in Kenia und ließ sich als Lyriker in Amsterdam nieder. Heute ist er einer der bekanntesten Schriftsteller der Niederlande. 1997 erhielt er den Theo Thijssenprijs für Literatur, 2004 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, den Goldenen Griffel bekam er 1988 und 1994, den Silbernen Griffel 1990, 1994, 1997 und 1999. Im Hanser Kinderbuch erschienen sind Josefs Vater (1994), Richtig dicke Freunde (1999) sowie Briefe vom Eichhorn an die Ameise (Hanser 2001). 2015 folgte das von Marc Boutavant illustrierte Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“.«

Querverweis:

Hier geht es zu einem weiterem Kinderbuch von Toon Tellegen: Ein Garten für den Wal
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/27/ein-garten-fuer-den-wal/

PS:
Da der konstruktive Umgang mit Gefühlen ein wesentlicher Bestandteil  heilsamer kindlicher Herzensbildung ist, reihe ich meine Rezension von „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ gerne bei  Petra Pawlowskys Projekt KINDER IM AUFWIND ein. Die Künstlerin Petra Pawlowsky hat auf ihrer Webseite „da sein im Netz“ https://pawlo.wordpress.com/ das Projekt KINDER IM AUFWIND initiiert:
»Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…«

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

Sie lädt weitere Blogger dazu ein, thematisch passende Texte, Bilder, Fotos, Musik, Gemälde, digitale Kunst, Gedichte, Lieder, Zitate usw. per Linkhinweis ergänzend hinzuzufügen. Die bisherigen gesammelten Beitragslinks der anderen aufwindigen Teilnehmer finden sich – thematisch geordnet – hier: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

Die wilde Meute

  • von Ilse Bos
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • Originaltitel: »Troep«
  • Mit Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus  August 2016    http://www.urachhaus.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • 303 Seiten
  • 17,90 € (D), 18,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7924-4
  • zum Vorlesen ab 7 Jahren
  • zum Selbsterlesen ab 10 Jahren
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K I N D E R K O M P E T E N Z

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dreizehn Kinder, die ohne alltägliche elterliche Aufsicht auf einem am Ufer einer verwilderten Landzungenspitze verankerten Schiff hausen – das kann ja heiter werden und gefährlich. Wenn das das Jugendamt wüßte …

Doch das Jugendamt, personifiziert von der weichgerundeten Frau Weiblen, die tränenreich nahe am Wasser gebaut ist und großzügig ihr sozialpädagogisches Vorschußmitleid verteilt, hat zum Glück noch nicht herausgefunden, wie unbeaufsichtigt das Leben der Kinder wirklich ist.

Wie konnte es so weit kommen? Die zwölfjährige Pola erzählt folgende Familiengeschichte: Tineke, Polas Mutter, führte vor Polas Geburt ein reiselustiges Leben. Sie nähte und strickte Kleidung für Zirkusartisten und Schiffsbesatzungen. Auf einer Schiffsfahrt nach Reykjavik verliebte sie sich in den Maschinisten Willem Vanderwerff, und die beiden kamen sich sehr, sehr nahe. Doch ein Mißverständnis führte dazu, daß sich ihre Wege – beiderseits ungewollt – trennten.

Wenig später bemerkte Tineke, daß sie ein Kind erwartete. Sie suchte vergeblich nach Willem und kehrte zur Geburt des Kindes zur Blauschute zurück, dem Schiff ihres Vaters. Kurz nach Polas Geburt setzte Tineke ihre reisende Berufstätigkeit in Begleitung ihrer kleinen Tochter fort und suchte in vielen verschiedenen Ländern nach dem Verbleib ihrer großen Liebe Willem. Unterwegs in Kiew nahm sie Wladimir, ein verwaistes Straßenkind, mit einer ausgeprägten Begabung für Technik und Mechanik, in ihre Obhut. So bekam Pola ihren ersten Bruder.

Als Pola und Wladimir das schulpflichtige Alter erreichten, wurden sie in Amsterdam auf der Blauschute seßhaft, während ihre Mutter weiterhin weltweit arbeitete, reiste und nach Polas Vater suchte. Nach und nach strandeten noch einige sogenannte heimische Problemkinder auf der Blauschute und wurden von Tineke als offizielle Pflegekinder angenommen.

Einmal brachte sie auch eine erneute Schwangerschaft mit – als Reiseandenken eines Flirts mit einem surinamesischen Fischer. So ergänzen inzwischen die Zwillinge Flip und Tutti mit ihren Rastazöpfchen und ihrer eigenen Zwillingssprache den bunten Kinderreigen.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Nun ist Pola zwölf Jahre alt, und das Zusammenleben der Kinder funktioniert ziemlich gut, die Zähne werden geputzt, die Wäsche wird wöchentlich gewaschen, es wird regelmäßig gegessen, die Schule wird (meist) pünktlich besucht, jedes Kind kann irgendetwas besonders gut und bringt seine Fähigkeit in die Gemeinschaft ein.

Der schweigsame Knut kocht täglich einfache, leckere Gerichte, Wolke kann mit Tieren sprechen, Asala ist sehr musikalisch und singt gerne, Jan kann gut stricken, häkeln, nähen und heulen. Pola ist die Älteste und somit die Bestimmerin (auch wenn sie mal nicht weiterweiß) …  Wenn es ernste Probleme gibt, wird der Geschwisterrat einberufen, und es werden Lösungsstrategien ausdiskutiert und gefunden.

Die ungezwungenen, kinderselbstbestimmten häuslichen Verhältnisse tragen in dieser abenteuerlich-unkonventionellen Familiengeschichte dazu bei, daß sich die Einzigartigkeit der Kinder ausdrücklich entfaltet, daß sie von- und miteinander lernen und ihr Zusammenleben kooperativ gestalten: Eine Miniaturdemokratie mit Toleranz, konstruktiver Streitkultur und viel Improvisationstalent.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Die reisende Mutter schickt regelmäßig Bargeld und ruft jeden Samstagnachmittag um Punkt fünf Uhr an. Sie kommt nur noch alle drei Monate nach Hause und kümmert sich dann um die Angelegenheiten, die die Kinder nicht alleine regeln können. Allerdings war sie schon seit zwei Jahren nicht mehr beim Elternsprechtag, und dies ruft Frau Weiblen vom Jugendamt auf den Plan.

Frau Weiblen gibt Pola eine schriftliche Einladung für ihre Mutter mit; sollte die Mutter nicht beim Elternsprechtag erscheinen, drohe ein Hausbesuch des Jugendamts. Während der Geschwisterrat um eine Lösung ringt (die Mutter ist zu weit fort, um kurzfristig zu kommen), bietet sich den Kindern zufällig ein hilfsbereiter Nachbar, ein arbeitsloser Schauspieler, als Vaterfigur an. Maarten ist arbeitslos, weil er sich mit seiner Rolle immer so sehr identifiziert, daß er aus dem Rollencharakter nicht mehr herausfindet. Das ist in diesem Falle durchaus von Vorteil und nimmt Frau Weiblen erst einmal den Wind aus den sozialpädagogisch geblähten Segeln …

Es gibt aber noch andere Sorgen. In der Stadt entstehen plötzlich unerklärliche Löcher, die angeblich mit dem Bau der neuen U-Bahn-Linie in Zusammenhang stehen. Maartens Zwillingsbruder ist der Chef der U-Bahn-Tunnel-Baufirma, aber er ist verschwunden.

Außerdem müssen die Kinder einen neuen Anlegeplatz für die Blauschute ausfindig machen, da die städtische Bebauung bald das verwilderte Restrefugium „zivilisieren“ wird.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachaus 2016

Maarten hilft den Kindern, und die Kinder helfen Maarten. Und so beginnen zwei Expeditionen: Die eine, angeführt von Maarten, führt in die unterirdischen Gefilde der Stadt, um Maartens Bruder zu suchen. Die andere, angeführt von der belesenen Antonia, macht sich mit dem motorisierten Beiboot der Blauschute auf die Suche nach einem alternativen Liegeplatz.

Weitere überraschende Unterstützung kommt von den „Unbezweckten“, einer phantastischen, kollektiven Lebensform, die ihre Gestalt wechseln kann und auf zweckfreien Lebensraum angewiesen ist …

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016


Ernsthafte Gefahren müssen überstanden werden, Traum und Wirklichkeit verschwimmen ein bißchen, Rätsel lösen sich, lose Fäden werden sinnvoll verknüpft, familiäre Zusammenhänge klären sich… Alle Gesuchten werden glücklich wiedergefunden, ja, sogar Polas Vater taucht auf, und schließlich kehrt auch Polas Mutter zurück, und der künftigen Bilderbuchfamilie steht nun nichts mehr im Wege …

Sosehr die Kinder ihre wilde Freiheit und ihre weitgehende Selbständigkeit auch genießen, so sehnen sie sich doch nach beständiger, liebevoller, elterlicher Präsenz und Geborgenheit. Die Wahlgeschwister sind gewitzt, tapfer und lebenspragmatisch, aber auch verletzlich und oft genug überfordert. Es gibt Lebenslagen, da sollten Kinder unbedingt getragen und begleitet werden. Als Maarten in die Vaterrolle schlüpft, sonnen sich alle Kinder gerne an der väterlichen Herzenswärme und Tatkraft, die er ihnen bietet.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Die Geschichte der wilden Meute wird von Ilse Bos auf eine Weise erzählt, die die charakteristischen Eigenheiten und sprachlichen Spezialitäten aller Kinder ausdrücklich und lebhaft zu Wort kommen läßt. Der Autorin gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, die Charaktere und Stimmungen aus der Innenperspektive anschaulich zu machen.

Die spannende und komplexe Dramaturgie wird begleitet von heiterer Situationskomik, feinem kindlichen Wortwitz (besonders gelungen bei der Sprache der Zwillinge und dem Akzent von Wladimir) und der einfühlsamen Darstellung der geschwisterlichen Beziehungen, die nicht immer harmonisch sind, jedoch auf der Basis grundsätzlicher Solidarität und Fürsorge stehen.

Die zahlreichen Figuren und ihre verborgenen sowie offensichtlichen Beziehungen zueinander erfordern indes ein beträchtliches Maß an Lesekonzentration und Aufmerksamkeit. Angesichts des umfangreichen Personenreigens ist es nützlich, daß sich im Anschluß an die Geschichte ein Personenregister der dreizehn Geschwister mit Kurzsteckbriefen zum Nachschlagen befindet.

Die zarten, textdetailgetreuen warmherzigen Zeichnungen von Linde Faas spiegeln die Charaktere, Szenerien und das emotionale Klima subtil und farbenfroh sowie situationsweise lebhaft-dynamisch oder still-versunken wider.

„Die wilde Meute“ handelt von einer Art Pippi-Langstrumpf-WG, in der die Grenze zwischen ‚Kindern etwas zuzutrauen′ und ‚Kindern etwas zuzumuten′ fließend ist. Es wird ausgelotet, wie weit kindliche Selbstbestimmung und Selbstversorgung funktionieren, und wie wünschenswert – bei aller Liebe zur Freiheit – zuverlässige, liebevolle und ANWESENDE erwachsene Bezugspersonen sind.

Kindererziehung ist gleichwohl immer ein Abenteuer – ob in der Fiktion oder in der Wirklichkeit. Die im vorliegenden Kinderbuch vorgestellten Spielarten der Kinderkompetenz könnten überbehütete Kinder zu mehr Freiraum und Selbständigkeit ermutigen. Doch dies möchte ich nicht als Warnhinweis verstanden wissen, sondern als ausdrückliche Empfehlung.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825179274/die-wilde-meute

 

Die Autorin:

»Ilse Bos, geboren 1966, hat Sprachen und Journalismus studiert. Nach einigen Jahren des Unterrichtens hat sie sich stärker auf das Dasein als Journalistin konzentriert und irgendwann begonnen, Geschichten zu schreiben. Ilse Bos lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Amsterdam. Die wilde Meute ist ihr Debüt.«

Die Illustratorin:

»Linde Faas wurde 1985 in Zeist in den Niederlanden geboren. Nach ihrem Studium an der Kunstakademie in Breda begann sie, sich als Illustratorin einen Namen zu machen. Für den Verlag Urachhaus hat sie u.a. drei Bücher des niederländischen Autors Paul Biegel illustriert – darunter Die Prinzessin mit den roten Haaren, für das sei im Jahr 2015 mit dem begehrten »Penzberger Urmel« ausgezeichnet wurde.«

Hier entlang zu: „Die Prinzessin mit dem roten Haaren“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/11/20/die-prinzessin-mit-den-roten-haaren/

Was wir uns wünschen

  • von Ulf Stark
  • Originaltitel: »En liten bok om kärlek«
  • Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
  • Mit Schwarz-weiß-Illustrationen von Lina Bodén
  • Verlag Urachhaus     August 2016   www.urachhaus.com
  • gebunden
  • 112 Seiten
  • 12,90 € (D), 13,30 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7984-7
  • ab 7 Jahren
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MIT  GEFÜHL

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Was wir uns wünschen“ ist eine warmherzige Weihnachtsgeschichte, die in der Vergangenheit spielt und gleichwohl die Zeitlosigkeit elementarer zwischenmenschlicher Bedürfnisse zeigt.

Eine Kindheit im Krieg ist kein Zuckerschlecken; davon kann der Junge Fred ein Lied singen. Alle Lebensmittel sind rationiert, und zum alltäglichen Mangel kommt ein besonders kalter Winter belastend hinzu. Seine Mutter, zu der er ein sehr inniges Verhältnis hat, arbeitet als Straßenbahnschaffnerin, und Fred hilft nachmittags einem freundlichen Nachbarn als Ausrufer und Lieferant beim Weihnachtsbaummarktstand aus.

So kann er auch etwas zum Haushalt beitragen. Fred darf zusätzlich zu seiner kleinen Umsatzbeteiligung alle Holz- und Zweigreste mitnehmen, mit denen später der häusliche Kachelofen befeuert wird.

Fred vermißt seinen Vater, der als Soldat an der Grenze zu Finnland dient, und er ärgert sich über den Politiker mit dem kleinen schwarzen Schnurrbart, der diesen Krieg angefangen hat.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Wenn Fred wichtige Lebensfragen hat, setzt er sich in die Kleiderkammer unter den Sonntagsanzug seines Vaters und holt sich väterlichen Rat, indem er das Rauschen der Lüftungsklappe in echte Antworten uminterpretiert. Manche Dinge muß man eben von zu Mann zu Mann besprechen.

Fred ist sehr gut in Mathematik und heimlich verliebt in seine Klassenkameradin Elsa. Bei der nächsten Klassenarbeit versucht er, Elsa die Lösung für eine Rechenaufgabe, mit der sie offensichtlich nicht klar kommt, zuzustecken. Dabei wird er erwischt, und seine Absicht, sich bei Elsa beliebt zu machen, wird pompös und peinlich verfehlt.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Nach der Schule arbeitet er wieder am Weihnachtsbaumstand und bedient eine elegante, offensichtlich wohlhabende Dame. Fred trägt ihr den Weihnachtsbaum nach Hause, und sie gibt ihm ein sehr üppiges Trinkgeld. Seufzend äußert sie ihren Wunsch nach Frieden, und Fred (dessen Name Frieden bedeutet) stimmt ihr zu. Daraufhin schenkt sie ihm noch eine Tafel Schokolade und ein kristallenes Parfümfläschchen, in dem noch ein kleiner Rest von Parfüm ist. Fred hält die Dame für eine gute Fee, denn immer, wenn er ein Tröpfchen von ihrem Parfüm verreibt, fühlt er sich froh und zuversichtlich.

Fred beratschlagt sich in seinen imaginativen Gesprächen mit seinem Vater, wie er das Mogelzettelproblem lösen und Elsas Herz erreichen könne. Liebe sei nichts für Feiglinge, meint sein Vater.

Fred besteht in den folgenden Tagen eine Mutprobe ganz anderer Art als geplant. Geplant ist ein offenes Wort an Elsa; das führt jedoch, durch Freds schüchterne Wortverlegenheit, nur zu weiteren Mißverständnissen. Ungeplant und ganz spontan öffnen Fred und sein bester Kumpel Oskar heimlich die Schulvitrine mit den naturwissenschaftlichen Schauobjekten und bekleben das dortige Skelett mit einem Hitlerbärtchen aus schwarzem Isolierband.

Am nächsten Schultag gibt es auf der Suche nach den „Tätern“ ein dickes Donnerwetter vom Schuldirektor. Fred und Oskar beweisen Zivilcourage und gestehen ihren Streich. Sie bekommen eine Verwarnung und eine Fünf in Betragen. Bei der Verwarnung, die von der Klassenlehrerin für die Eltern verfaßt wird, beweist diese wiederum viel Zivilcourage durch die unkonventionelle Formulierung, die ein ausdrückliches Lob für den Schülerstreich enthält.  Dementsprechend positiv reagiert Freds Mutter, die zudem mein, daß Freds Vater stolz auf seinen Sohn wäre, wenn er von seiner „Heldentat“ erführe.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Von seinem Vater weiß Fred, daß man für die Liebe manchmal ein Opfer bringen müsse. Also packt er seine Trinkgeld-Schokolade in ein herausgerissenes Blatt aus einem alten Popeye-Comic und schreibt ein Liebesbriefchen dazu. Beide Gaben schmuggelt er am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien in Elsas Schreibpult.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Obwohl sein Brief ein wenig holperig und ungeschickt ist, kommt er entschieden positiv bei Elsa an. Sie wartet auf dem Schulhof auf Fred und begleitet ihn zum Weihnachts-baummarktstand, wo er noch einen versprochenen Restweihnachtsbaum abholen darf. Gemeinsam tragen sie den Baum zu Freds Wohnhaus. Dort umarmt Elsa Fred und schenkt ihm einen blauen Taschenspiegel mit der Bemerkung: „Wenn du da reinguckst, siehst du einen, den ich gern hab.“ (Seite 89)

Nun, diese Herzensangelegenheit ist schon mal gut eingefädelt und läßt hoffen. Und die Sehnsucht nach dem Vater wird ganz überraschend auch noch gestillt – wenigstens für Heiligabend …

Ulf Stark transportiert uns mit seinem einfühlsamen Text schnurstracks in Freds Herz. Schon nach wenigen Seiten ist der atmosphärische Zeitsprung in die Vergangenheit perfekt, und die verschiedenen Charaktere werden uns vertraut. Freds Klassenlehrerin, die eine wahre pädagogische Lichtgestalt repräsentiert, verdient ganz besondere Leseaufmerksamkeit.

Die feinen, konzentrierten Schwarz-weiß-Illustrationen von Lina Bodén bringen den Zeitgeist und die Gefühlstemperatur der Erzählung stimmungsvoll zur Geltung.

Anrührend sind außerdem die – im Vergleich zu heutigen Usancen –  bescheidenen kindlichen Weihnachtswünsche. Es geht um Schlittschuhe und eine Mundharmonika, aber ansonsten ist der Wunschtraum nach üppigen Nahrungsmitteln und nach Frieden viel ausgeprägter als der nach spielerischen Dingen. Fred zeigt auch großen Einfalls- reichtum beim Geschenkebasteln. So holt er vom Schrottplatz Messingmuttern, poliert sie blank und fädelt sie zu einem glänzenden Armband auf, das er seiner Mutter schenkt.

In einer Sprache, die einfach und zugleich ganz zartfühlend und sinnlich-greifbar ist, stellt der Autor die kindlichen Herzensregungen dar: voller Mitgefühl, mit leisem Tiefgang und mit einer freundlichen Portion schelmischen Humors.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825179847/was-wir-uns-wuenschen

Der Autor:

»Ulf Stark, geboren 1944 in Stockholm, knüpfte bereits in seiner Gymnasialzeit Kontakte zu Schriftsteller- und Künstlerkreisen und debütierte 19-jährig mit einem Lyrikband. Seit Jahrzehnten ist er freier Kinderbuchautor und seine Bücher sind nicht nur in Schweden, sondern auch in vielen anderen Ländern sehr erfolgreich und wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit der Nils-Holgersson-Plakette, dem Astrid-Lindgren-Preis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis

Die Illustratorin:

»Lina Bodén, geboren 1980 in Stockholm, hat an der traditionsreichen Beckmanns Designhochschule studiert und malt seit fast einem Jahrzehnt erfolgreich Illustrationen für Kinderbücher und Belletristik, für Zeitungen, Werbung, Verpackungen und Textildruck. Sie lebt mit ihrer Familie in Stockholm.«

Du spinnst wohl!

  • Eine außergewöhnliche Adventsgeschichte in 24 Kapiteln
  • Text und Illustrationen von Kai Pannen
  • Tulipan Verlag 2015      http://www.tulipan-verlag.de
  • 104 Seiten
  • Format: 24,5 x 17 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • mit zahlreichen farbigen Illustrationen
  • 14,95 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3.86429-231-6
  • ab 4 Jahren
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WENN DER WEIHNACHTSBRATEN DIE  FLIEGE MACHT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Du spinnst wohl!“ ist eine außergewöhnliche, köstliche Geschichten- zubereitung. Ebenso skurril wie besinnlich verkörpern hier eine Stubenfliege und eine Hausspinne den friedenstiftenden Geist der Weihnacht. In 24 Kapiteln werden aus Fremden Freunde, und  aus Feindschaft wird Nächstenliebe.

Stubenfliege Bisy geht ausgerechnet am 1. Dezember der Hausspinne Karl-Heinz ins Netz. Bisy zappelt herum, Karl-Heinz wird aus seinem Mittagsschläfchen gerissen, erhebt sich von seinem Sofa, „schlüpft in vier seiner sechs Pantoffeln“, begutachtet seine Beute und wickelt die Fliege mit Spinnfäden ein. Bisy schimpft empört herum, er habe Termine und könne sich nun gar nicht hier einwickeln lassen und einfach abhängen. Ungerührt verkündet Karl-Heinz, daß Bisy nun nur noch einen einzigen Termin zu erwarten habe, nämlich den, als Weihnachtsbraten für Karl-Heinz zu enden.

Am 2. Dezember quengelt Bisy so lange herum, bis Karl-Heinz für ihn seine Termine schriftlich – nach Diktat von Bisy – absagt.

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2o15

Am 3. Dezember leidet Bisy unter Juckreiz und behauptet, sterben zu müssen, wenn Karl-Heinz ihm nicht unverzüglich die Nase kratze. Entnervt seilt sich Karl-Heinz zu seinem zukünftigen Braten ab und kratzt ihn ganz vorsichtig. Dabei entspinnt sich ein Gespräch über die ungesellige Lebensweise der Spinnen. Bisy bedauert Karl-Heinz, der niemanden hat, der ihm den Rücken kratzt. Karl-Heinz erklärt ganz sachlich, daß Spinnen nun mal dazu neigen, alles zu fressen, was sich in ihre Nähe wage, einschließlich anderer Spinnen, und daher lebten Spinnen eben besser alleine.

 

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2o15


Am 4. Dezember  knurrt Bisys Magen so laut, daß Karl-Heinzens Ruh‘ dahin ist. Er verhungere, klagt Bisy, und Karl-Heinz ist besorgt, er will schließlich keinen verhungerten Braten essen. Also bietet er an, was seine Vorratskammer hergibt. Diverse Insektenspezialitäten werden von Bisy empört abgelehnt, aber gegen ein Honigbrot hat er nichts einzuwenden.

 

Langsam findet Karl-Heinz Gefallen daran, Bisy zu füttern, gerät in großzügige Gastgeberlaune und serviert Erdbeeren mit Sahne, Marzipantorte und Pfannkuchen. Nach dem gemeinsamen Schmaus betont Karl-Heinz jedoch, daß er Bisy nur deshalb mit seinen Leckereien gefüttert habe, damit er am Weihnachtsabend besser schmecke.

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2o15

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von  Adventskalendertag zu Adventskalendertag kommen sich Bisy und Karl-Heinz immer näher, sie diskutieren, streiten und vertragen sich wieder. Als Bisy erkrankt, entführt Karl-Heinz den Doktor (einen Skarabäus), der eine Erkältung diagnostiziert und einen Heilsaft verordnet.

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2015

Sie unternehmen kleine Ausflüge durchs Haus (Bisy bleibt dabei angeleint). Die beiden backen zusammen Weihnachtsplätzchen, tauschen Kochrezepte aus, das Netz wird weihnachtlich geschmückt, sie spielen Ich-seh-was-was-du-nicht-siehst, und sie erzählen sich gegenseitig Geschichten, Witze und Lebenserinnerungen.

 

 

Und am 24. Dezember gibt eine wirklich schöne – vegetarische – Bescherung …

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2o15

Die Idee, eine Fliege und eine Spinne miteinander zu verknüpfen ist herrlich schräg, und die farbenfrohen, lustigen Illustrationen mit ihren verspielten Details bieten eine ausdrucksvoll-dynamische Darstellung der ungleichen Charaktere und ihrer Entwicklung.

Bisy ist weltgewandt, gesellig, sehr unternehmungslustig und verfügt über kommunikativ-suggestive Geschicklichkeit. Karl-Heinz ist mißtrauisch, einzelgängerisch, häuslich, und er will unhinterfragt seinen Gewohnheiten folgen.

Während Bisy mit seinem unerschütterlichen Optimismus darauf hofft, Karl-Heinz durch neue Erfahrungen zu einer Veränderung seiner „spinnenden“ Lebenseinstellung zu bewegen und natürlich auch sein eigenes Leben zu retten, ist Karl-Heinz anfangs noch so stur seiner Spinnentradition verbunden, daß er zunächst  seine Sympathie für den zukünftigen Weihnachtsbraten nicht so recht wahrhaben will.

Bisy denkt nicht daran, sich seinem vermeintlich unabwendbaren Schicksal zu fügen. Im Gegenteil: Er besteht darauf, daß man sich selbst und seine Situation immer verändern kann. Mit seiner kommunikativen Kompetenz, seinem Ideenreichtum, seinem Humor und seinem Mitgefühl, das sogar den Freßfeind mit einbezieht, umgarnt er Karl-Heinz und bewegt ihn zu einem Sinneswandel.

Der feine Humor des Autors zeigt sich in vielen kleinen Details; so lehnt z.B. der Skarabäus-Doktor nach der Behandlung von Bisy eine Einladung zum Tee ab, da er noch einen Termin bei „einem Tausendfüßler mit Fußpilz“ habe. Oder Bisy erzählt eine Geschichte von einem schmächtigen, tapferen Spinnenmädchen und verkleidet sie mit einem Spiderman-Kostüm.

Diese schräg-charmante und zwischen den Zeilen der witzigen Dialoge durchaus tiefsinnige Adventsgeschichte läßt kleine und große Leser die Welt mit anderen Augen sehen. Das lob‘ ich mir!

 

 

Hier geht es zum Buch auf der Verlags-Webseite, dort gibt es auch einen kurzen Einblick ins Buch: http://www.tulipan-verlag.de/Buecher/Du-spinnst-wohl.html?listtype=search&searchparam=Du%20spinnst

Und als Hörbuch gibt es den versponnenen Spaß (2 CDs zu 14,95 €) auch noch:
http://www.headroom.info/du-spinnst-wohl-237.html

Und hier gibt es außerdem noch einen digitalen Adventskalender zum Buch/Hörbuch,Türchen für Türchen mit Hörproben und Überraschungen …
http://www.duspinnstwohl.de

 

Der Autor und Illustrator:

»Kai Pannen wurde am Niederrhein geboren. Er studierte Malerei und Film in Köln und arbeitet seitdem als Illustrator und Trickfilmer. In den letzten Jahren hat er zahlreiche Bücher für verschiedene Verlage illustriert. An der Animation School Hamburg war er Dozent für Animation und Storyboard. Daneben betätigt er sich als Produzent für animierte Kinder-Kurzfilme. Kai Pannen lebt mit seiner Familie in Hamburg.«
Mehr auf www.kaipannen.de.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Giesbert in der Regentonne

  • Text und Illustrationen von Daniela Drescher
  • Kinderbuch
  • Verlag Urachhaus August 2016  www.urachhaus.com
  • 112 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 17 x 24 cm
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7988-5
  • ab 5 Jahren
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W A S S E R T R E U

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Daniela Dreschers neues Kinderbuch lädt uns in Wort und Bild in ihren eigenen Garten ein. Ob es der echte Garten oder der Garten ihres Herzens ist, kann ich nicht beurteilen, aber es gefällt mir zauberhaft gut darin.

Die Autorin erzählt, wie eines Regentages Giesbert, ihr hauseigener Regenrinnen-Wicht, so heftig durch die Regenrinne ins Regenfaß gespült wird, daß dabei seine Flöte zerbricht. Giesbert ist untröstlich und weint und klagt und jammert und schreit,  bis ihm der alte Holundergeist, der im Holunderstrauch neben der Regentonne wohnt, eine neue Flöte schnitzt. Da kehrt wieder Ruhe ein, und Giesbert spielt überglücklich eine lustige Danke-schön-Melodie für den alten Holundergeist.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Außer fürs Flötespielen hat der Regentonnen-Wicht eine Vorliebe für selbstgemachte Gedichte, Schnittlauchbrot und Wasserstreiche. Im Kontakt mit den Tieren des Gartens erweist er sich als ebenso hilfsbereit wie verspielt.

 

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Er füttert ein verletztes Rotkehlchen, er veranstaltet ein Schneckenwettkriechen, er hilft einem vergeßlichen Eichhörnchen beim Wiederfinden von Haselnußverstecken, er diszipliniert feuchtfröhlich einen aufdringlichen Waschbären, er ärgert den Kater und verträgt sich wieder mit ihm, er kämpft mit dem verstopften Gartenschlauch, er rettet eine Goldfischdame und begleitet den Quakgesang eines Froschprinzenfroschs mit der Flöte …

Die Heilpflanzengeister (Huflattich und Spitzwegerich) heilen Giesberts Husten, und ein lebenserfahrener Igel hilft ihm, seinen Liebeskummer wegen der unerreichbaren Blumenelfe Gisela zu überwinden.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Die Menschen unterstützt Giesbert – wie der Name schon andeutet – beim Gießen der Pflanzen, und die Regentonne ist immer gefüllt, auch wenn seit langem kein Regen mehr gefallen ist. So ein Regentonnen-Wicht ist halt nur im Wasser ganz in seinem Element. Allerdings kann er – wenn er sehr wütend wird – jedes Wasser zum Überlaufen bringen. Das kommt jedoch nur selten vor, und er hilft auch reumütig beim Aufwischen, wenn es in der Küche oder im Bad zu kleinen Überschwemmungen kommt. Denn sonst hätte die Autorin Giesbert gewiß nicht dazu eingeladen, den Winter in ihrer häuslichen Badewanne zu verbringen. Während draußen das Wasser in der Regentonne vereist und im Garten die Schneeflocken tanzen und wirbeln, sitzt Giesbert gemütlich am Fenster und dichtet:

»Leise fallen Sterne nieder.
Tausend fallen immer wieder!
Jeder bringt uns einen Traum
aus dem großen Weltenraum.
Tausend Träume – immer wieder –
fallen als Schneeflocken nieder.
Und ein Traum, der ist sicherlich
ganz allein und nur für mich

Daniela Drescher ©
  (Seite 110)

Giesberts heiter-umtriebiges Wesen und Wirken wird in kurzen Kapiteln erzählt, die mit einem Umfang von vier bis acht Seiten eine angenehme Vorleselänge haben. Die zahlreichen märchenhaft-schönen – teilweise ganzseitigen –  Begleitbilder sind eine anregende Augenweide.

Daniela Dreschers aquarellierte Illustrationen sind sehr atmosphärisch und zeugen – in ihrer botanischen sowie zoologischen Stimmigkeit – von sehr tiefer Naturverbundenheit und einer entsprechenden Beobachtungsgabe.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

„Giesbert in der Regentonne“ bietet unbeschwerte, warmherzige Vorlesekost. In jeder Episode finden sich für Kinder leicht mitzuempfindende Gefühle und Regungen sowie konstruktive Interaktionen und Problemlösungen.

Der Regentonnen-Wicht, zahlreiche sprechende Tiere und knollennasig-knuffige Pflanzengeister-Wichtel garantieren hier die Verzauberung des Gartenalltags und die Beflügelung der kindlichen Phantasie. Der augenzwinkernd-witzige, sich in die kleinen Nöte und großen Freuden des Regentonnen-Wichts einfühlende Erzählton trägt zusätzlich zur gelungenen Vorlesegeborgenheit bei.

Und ich werde mich nun einmal nach einer Regentonne für meinen Garten umschauen …

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlags-Webseite:
http://trapped.geistesleben.de/buecher/9783825179885/giesbert-in-der-regentonne

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durchihre Illustrationen inzwischen weltweit bekannt. Von den USA über ganz Europa bis China sind ihre Bücher in den Kinderzimmern zu Hause – eine Künstlerin, die ihr Spektrum immer wieder erweitert und sich neu erfindet. Daniela Drescher gestaltet die Kinderseite im Lebensmagazin a tempo. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.«
http://www.danieladrescher.de

Querverweis:

Hier entlang zu Daniela Dreschers erstem und ebenfalls sehr lesens- und sehenswertem Erzählbuch „Abenteuer mit Ungeheuer“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/16/abenteuer-mit-ungeheuer/
»Eine romantisch-poetisch gestimmte und gelungene Symbiose aus Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Märchen.«

Titus und der verwunschene Wald

  • Die Märchenabenteuer von Titus Haselschein
  • von Theodor Serapion
  • mit Illustrationen  von Mirjam Zels
  • erschienen bei der MÄRCHENAKADEMIE Bamberg www.maerchenakademie.de
  • konzipiert und herausgegeben von »Innovation durch Sprache«:
  • Dr. Martin Beyer/ Corporate Story & Creative Writing
  • gebunden, mit grünem LESEBÄNDCHEN
  • 160 Seiten
  • Format: 21,4 cm x 21,4 cm
  • 14,95 €
  • ISBN 978-3-00-052964-1
  • Altersempfehlung: 8 bis 12 Jahre
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MÄRCHEN  MITMACHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Märchenakademie – das wäre etwas für mich gewesen! Doch ich bin kein Kind mehr, und so bleibt mir nur der kleine Trost, eine feenstaubige Buchbesprechung zu verfassen und beiläufig die Kunde von der Märchenakademie zu verbreiten.

Der Märchenlehrling Titus Haselschein darf – im Gegensatz zu mir – die Märchenakademie besuchen. Dies tut er mit Begeisterung schon seit zwei Jahren. Der Musterschüler kann viele Märchen auswendig, und in den Fächern Ausdauererzählen, Spannung & Gänsehaut, Richtiges Atmen, Märchenbuchbinderei und Märchengesang hat er lauter Einser. Nur in Märchentanz hat er eine Vier, da ist er einfach zu schwerfällig und zu tollpatschig.

Das dritte Ausbildungsjahr ist ein Praktisches Jahr, d.h. alle Märchenlehrlinge werden zur Erweiterung ihres Märchenhorizontes in die verwunschenen und wilden Wälder rund um die Märchenakademie geschickt. Jeder muß alleine losziehen und bekommt lediglich einen Schnurberryrucksack aus echtem Piratensegeltuch, gefüllt mit Proviant und Werkzeug, sowie einen Kompaß mit. Bücher sind im Praktischen Jahr nicht erlaubt, denn es ist Sinn und Zweck dieses Jahres, Märchen am eigenen Leibe zu erfahren.

Titus ist schon ein wenig mulmig zumute, denn der Wald birgt viele geheimnisvolle Wesen, die Nächte sind richtig dunkel, und er ist ganz auf sich alleine gestellt. Doch seine erste Begegnung mit Märchenwesen beginnt ziemlich lustig mit den Sieben Zwergen.

Als diese von Titus darüber informiert werden, daß er als Märchenlehrling unterwegs sei, um spannende Abenteuer zu erleben, warnen sie ihn eindringlich vor den Gefahren, die auf ihn lauern, und bieten ihm die freigewordene Stelle als Haushälter in ihrem Häuschen an, das nach Schneewittchens Heirat ganz schön verwahrlost sei. Dort wäre er auch sicher und geschützt, und nach einem Jahre stellten sie ihm gerne ein löbliches Zeugnis aus.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Dankend lehnt Titus das wenig verlockende Angebot ab und wird kurzerhand von den Zwergen an die nächstbeste Kastanie gefesselt. Dort habe er Bedenk- und Befürchtungszeit genug, und wenn die Zwerge später aus dem Bergwerk von ihrer Arbeit zurückkämen, fragten sie ihn gerne noch einmal, ob er nicht doch ihr Haushälter sein wolle.

So hatte sich Titus seine ehrenvollen Märchenabenteuer nicht vorgestellt. Hilflos an einen Baum geschnürt, unerreichbaren Juckreizen ausgesetzt und – raschel, raschel, raschel – wer naht sich Titus da von oben aus dem Kastanienblätterdach? Rabea Wintergrün, eine Elfe, eine sehr schnippische Elfe, die sich vehement dem Klischee widersetzt, das Elfen schön, zart und hilfsbereit seien. Erst nachdem Titus ihr den Schneewittchen-Rap vorgesungen und ihn sogar mit ihr einstudiert hat, ist sie bereit, ihn zu befreien.

Von nun an bestreiten Titus und Rabea die Märchenabenteuer gemeinsam, auch wenn wir das Wort bestreiten durchaus buchstäblich verstehen dürfen. Denn die beiden können sich einfach nicht darüber einigen, ob die goldene Märchenregel, daß das Gute über das Böse triumphiere und die Gerechtigkeit siege, wahr sei oder ob alles, was geschehe, reiner Zufall sei.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Titus und Rabea begegnen einem seltsamen Hexenhausmakler (mit dem Namen Stanislaus McKimsey), Aschenputtels Stiefschwestern, diversen Prinzen und Königen, dem Bösen Wolf (der Reime reimt und Früchte verzehrt), einem Botenfrosch, Rapunzel, Dornröschen, einem überarbeiteten Schloßgärtner, dem Gestiefelten Kater, den Bremer Stadtmusikanten und mehrfach dem explosiven Rumpelstilzchen.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Die Märchencharaktere verhalten sich meist nicht der Erwartung gemäß. Titus und Rabea müssen ganz schön improvisieren, um Gefahren zu meistern und Probleme zu lösen. Das Rumpelstilzchen ist der einzige Charakter, der unverschlechterlich so agiert, wie es im Märchenbuche steht.

Nach einem Jahr und vielen unfreiwilligen Tanzstunden mit Rabea kehrt Titus an die Märchenakademie zurück; sein Professor lobt ihn besonders dafür, daß er die Freundschaft einer Elfe gewonnen hat …

Der geheimnisvolle Autor erzählt das Märchen im Märchen vergnüglich-humorvoll und mit metafiktiven Randbemerkungen, die „interprosaische“ Dialoge zwischen dem Erzähler und Titus sowie die direkte einbeziehende Ansprache der Leser ermöglichen. Die metafiktiven Einlassungen tragen zur Verzauberung des Leseerlebnisses bei und regen zu eigenen Reflexionen an.

Stilistisch bedient sich der Autor einer sprachlichen Kombination aus klassischem Märchenton und maßvoller Umgangssprache sowie amüsanten Wortspielen, witzig-rätselhaften Wortabkürzungen und anspielungsreichen Namensschöpfungen. Für zusätzliche Spannung und Heiterkeit bürgen die überraschenden, oft untypischen Verhaltensweisen der Märchenfiguren und die Beziehungsdynamik zwischen Rabea und Titus.

Voraussetzung für diesen märchenselbstironischen Lesegenuß ist selbstverständlich, daß Kinder mit den Originalmärchen vertraut sind! Das hoffe ich jedenfalls. Denn eine Kindheit ohne Märchen ist zwar möglich, aber eigentlich eine unmögliche Kindheit.

In „Titus und der verwunschene Wald“ wird ebenso anschaulich wie anregend vorgespielt, wie vielseitig sich der klassische Märchenschatz  weiterspinnen und in andere Darstellungsformen übersetzen läßt. Das zeitlose Element der Märchen kann sich mit modernen musischen Ausdrucksformen durchaus fruchtbar verbinden, wie man an den im Buch vorgestellten Märchen-Rap-Liedtexten ablesen kann. Zwei Refrains aus dem Rapunzellied mögen dies demonstrieren:

» Rapunzel lass dein Haar herunter!
Hier draußen wär‘ dein Leben bunter.
Rapunzeldidunzeldipunzeldidu,
niemand singt so traurig wie du.

Rapunzel lass Dein Haar herunter!
Jetzt wird dein Leben endlich bunter.
Rapunzeldidunzeldipunzeldidu,
niemand singt so fröhlich wie du. «

(Seite 103/104)

Wenn eine solche Märchenzubereitung heutigen Kindern die Beschäftigung mit Märchen schmackhaft macht und sie darüber hinaus dazu animiert, sich zum Mitgestalter märchenhafter Inszenierungen „ausbilden“ zu lassen und eine Karriere als Märchenerzähler anzustreben, dann finde ich das ganz zauberhaft. So ist „Titus und der verwunschene Wald“ zugleich ein originelles, spannendes, phantasieanstiftendes und vergnügliches Kinderbuch und ein charmant-verlockender Botschafter für die Märchenakademie.

 

Eine fast zwanzigminütige Vorleseprobe kann man hier belauschen:
http://maerchenakademie.de/buch/

 

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

 

Der Autor:

»Theodor Serapion ist ehemaliger Schüler der Märchenakademie. Mehr über ihn findet sich auf seiner Webseite: www.theodor-serapion.de

Die Illustratorin:

«Mirjam Zels lebt in Hamburg und illustriert und schreibt preisgekrönte Kinderbücher, unter anderem für Carlsen und für die Märchenakademie. www.mirjamzels.de «

Die Märchenakademie:

Die Märchenakademie gibt es wirklich. Sie hat ihren Sitz in Bamberg.
»Die Märchenakademie bildet aus! Schülerinnen und Schüler der 3. bis 6. Schulklassen können bei der Märchenakademie mitmachen und sich zu wunschpunschgenialen Märchenexperten ausbilden lassen: in Workshops, auf der Webseite und in weiteren Spiel- und Lernformen, die an der Universität des Saarlandes entwickelt werden!
Alle Informationen darüber gibt’s auf unserer Webseite www.maerchenakademie.de

 

PS:
Die Künstlerin Petra Pawlowsky hat auf ihrer Webseite „da sein im Netz“ https://pawlo.wordpress.com/ das Projekt KINDER IM AUFWIND initiiert.

In ihren eigenen Worten: »Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…«

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

Sie lädt weitere Blogger dazu ein, thematisch passende Texte, Bilder, Fotos, Musik, Gemälde, digitale Kunst, Gedichte, Lieder, Zitate usw. per Linkhinweis ergänzend hinzuzufügen.

Da ich der kindheitsselbsterfahrenen Überzeugung bin, daß Märchen ein elementarer Bestandteil heilsamer Herzensbildung sind und daß der kindliche Geist von Märchen beflügelt wird, reihe ich meine Rezension von „Titus und der verwunschene Wald“ gerne bei KINDER IM AUFWIND ein.

Hier folgen die bisherigen gesammelten Beitragslinks der anderen aufwindigen Teilnehmer:

Petra Pawlowsky

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/22/liebevolle-wegbegleiteraffectionate-company/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/25/von-zeitdruck-hektik-und-ruhe/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/30/kinderrechte-childrens-rights/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/02/die-widerstandskraft-staerken-1/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/07/die-widerstandskraft-staerkenstrengthening-resilience-2/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/10/generationenreigen-round-dance-of-generations/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/13/malen-singen-rhythmus-unbedingt/

https://pawlo.wordpress.com/2016/10/04/die-kraft-in-der-ruhe-strength-in-calm-1/

https://pawlo.wordpress.com/2016/10/08/die-kraft-in-der-ruhestrength-in-calm-2/

https://pawlo.wordpress.com/2016/11/05/geborgen-in-security/

Random Randomsen

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/19/kia-1-%e2%80%a2-die-kinderwelt-ist-klang/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/23/kia-2-%e2%80%a2-pity-the-child/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/28/%e2%98%85-kia-3-liebeserklaerung/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/09/08/kia-4-%e2%80%a2-eternity-in-progress/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/09/15/kia-5-%e2%80%a2-lebenslaeufe/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/11/13/kia-6-%e2%80%a2-tomine-tyler/

Sylvia Kling

https://wiedaslebenklingt.wordpress.com/2015/11/19/kinder-erfahren-und-eltern-sprechen/

https://sckling.wordpress.com/2016/08/22/schluesselerlebnis-kinder-im-aufwind-children-upwind/

https://sckling.wordpress.com/2016/10/15/unverbraucht-kinder-im-aufwind/

Annes Lesetagebuch
https://anneslesetagebuch.wordpress.com/2016/08/19/rainer-engelmann-kinder-ausgegrenzt-und-ausgebeutet-in-zusammenarbeit-mit-amnesty-international/

Leselebenszeichen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/24/henriettes-heim-fuer-schuechterne-und-aengstliche-katzen/

Mitzi Irsaj
https://mitziirsaj.wordpress.com/2016/08/26/kinder-im-aufwind-ein-projekt-von-petra-pawlofski-und-ein-kleiner-beitrag-von-mir/

Vro jongliert
http://vrojongliert.blogspot.de/2016/09/kinder-sind-keine-prufung-ein-pladoyer.html

Diana Klute https://artscope.de/2016/06/28/you-are-my-home/

Gerda Kazakou  https://gerdakazakou.com/2016/10/16/wie-die-alten-sungen/

 

 

 

Nur ein Tag

  • Eine Geschichte von Martin Baltscheit
  • mit Bildern von Wiebke Rauers
  • nach einer Idee von Anna Gabbert
  • Dressler Verlag   Januar 2016   http://www.dressler-verlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 105 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7915-2702-4
  • ab 6 Jahren
    nur-ein-tag-titelbild-9783791527024

CARPE  DIEM!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Geschichte vom warmherzigen Wildschwein und vom feschen Fuchs, die eine kleine, lebensfrohe Eintagsfliege mit einer Notlüge über die kurze Dauer ihres Daseins hinwegtäuschen, führt an einem einzigen Tag durch ein ganzes Leben.

Im Mai, zur Zeit der Morgendämmerung, sitzen Fuchs und Wildschwein auf ihren Klappstühlen am Ufer ihres Sees. Sie frühstücken genüßlich mit Tee und Trüffelpuffern und warten darauf, daß eine Eintagsfliege schlüpft. Das Wildschwein wendet ein, daß es die neue Eintagsfliege lieber nicht kennenlernen möchte, weil es schmerze, sie liebzugewinnen, und wenn sie stürbe, müsse er wieder weinen. Der Fuchs sieht das pragmatischer und meint: »Der Tod ist wie das Leben – unvermeidbar. Niemand weint über das Leben und deshalb sollte auch keiner über den Tod weinen.« (Seite 12)

 

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Also bleiben sie und schauen zu, wie aus einer Larve an einem Uferhalm eine Eintagsfliege schlüpft und ihre neugeborenen Flügel entfaltet. Es  ist ein wunderschönes Eintagsfliegenmädchen, mit rundem Gesicht und grünen Haaren, und das Wildschwein will sich schon wieder zurückziehen, um sich nicht sogleich zu verlieben. Doch dazu ist es zu spät.

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Die kleine Fliege spricht die beiden großen Tiere munter und neugierig an und erzählt ihnen, welch vollen Terminkalender sie habe. Beiläufig flirtet sie mit dem gar nicht abgeneigten Fuchs. Gerührt lauschen Fuchs und Wildschwein den hoffnungsvollen Lebenslaufplänen der kleinen Fliege und bringen es nicht übers Herz, ihr zu sagen, daß sie nur die Spanne eines einzigen Tages zur Verfügung habe.

Dementsprechend traurig schauen sie aus, und als das Eintagsfliegenmädchen sie fragt, warum sie solche Trauerklöße seien, behauptet das Wildschwein als spontane Ausrede, der Fuchs habe nur noch einen Tag zu leben.

Voller Mitgefühl vergießt die kleine Fliege einige Tränen und beschließt dann, unerschütterlich tätigkeitsfroh dabei zu helfen, diesen letzten Tag für den Fuchs zu einem besonders beglückenden Tag zu machen.

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Das Wildschwein hat Bedenken, aber die gute Laune und heitere Verspieltheit der kleinen Fliege sind nicht aufzuhalten. Gewissermaßen im Zeitraffer wird der Fuchs von der Eintagsfliege eingeschult und lernt Rechnen, bis er Muskelkater im Kopf hat. Zum Ausgleich darf er eine Runde Hühner jagen – aber nur jagen, nicht fressen -, das bittet sich die friedliebende Eintagsfliege aus.

 

 

 

Sie spielen einen ganzen Lebenszyklus durch: »Der Stundenplan der Lebens füllt sich von selbst. Babys werden groß, Erwachsene werden kleinlich. Kinder machen sich lustig. Erwachsene machen sich Sorgen. Die Jugend hat ein Ziel, die Alten wandern. Alles passt in ein Leben, alles Leben passt in einen Tag und manchmal gibt eine kleine Fliege das Tempo vor.« (Seite 69)

 

Der Tag ist schon weit fortgeschritten, als sich der Fuchs verplappert und die kleine Fliege begreift, daß der Fuchs gar nicht sterben wird, sondern daß sie ihren ein und einzigen Tag mit zwei „Lügensäcken“ verplempert hat. Sie schwirrt wütend fort und trifft auf eine andere Eintagsfliege, die den ganzen Tag über nur düster die vergehende Zeit rückwärts zählend aufsagt und vor lauter Todesangst kein Fünkchen Freude im Leben sehen kann.

Während des Gesprächs mit der trübsinnigen Zeitansage-Düsterfliege erkennt die kleine Fliege, daß es Fuchs und Wildschwein nur gut mit ihr gemeint haben und daß sie einen wunderschönen, lebenslänglichen Tag mit den beiden verbracht hat. Außerdem fällt ihr noch ein wichtiger Sinn und Zweck ihres Daseins ein, um den sie sich umgehend kümmert …

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Am späten Abend treffen sich schließlich Wildschwein, Fuchs und Eintagsfliege versöhnlich am Ufer des Sees wieder. Fuchs und Wildschwein versprechen der kleinen Fliege feierlich, auf das Ei aufzupassen, das sie inzwischen in den See gelegt hat. Zum Abschied singen die beiden der Eintagsfliege ein Einschlaflied und bleiben bis zum endgültigen Ende bei ihr.

»Man nimmt Platz und sieht die Sonne hinter den Bergen einen rosaroten Himmel malen. Es ist der letzte Vorhang für die allerliebenswerteste Eintagsfliege, die sie je in ihrem Leben kennengelernt haben.« (Seite 91)

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Es ist eine Kunst, ernste Themen für Kinder mit heiterem Tiefsinn zu erzählen. Dies ist dem Autor hier wunderbar gelungen; die Dialoge sind ebenso amüsant wie gefühlvoll, die dramaturgische Abfolge der Erzählszenen ist flüssig und spannend, die Beziehungsdynamik psychologisch stimmig, der Humor feinsinnig und die Herzen der drei Hauptcharaktere sind sehr groß. Die Sprache ist auf leichte Weise anspruchsvoll und zugleich auf niveauvolle Weise einfach, gelegentliche Fremdwörter werden im Verlaufe der Erzählung jedoch immer beiläufig erklärt, und poetische Passagen kommen auch zu Wort.

Der Traumberuf der kleinen Eintagsfliege ist Dompteuse für fleischfressende Pflanzen. Solche einfallsreichen Details zeugen von origineller und einfühlsamer Phantasie und erfreuen das kindliche Gemüt.

Ein erwähnenswertes buchgestalterisches Detail ist die Farbgebung des Textes. Sämtliche Sprech- und Denktexte der Eintagsfliege sind in grüner Farbe gedruckt, und die Wortbeiträge der trübseligen Eintagsfliege erscheinen in dunkelblauer Farbe.

Die durchgehend farbenfrohen Illustrationen von Wiebke Rauers geben Wildschwein, Fuchs und Eintagsfliege lebhafte Gestalt. Sie sind ausdrucksvoll, witzig, gefühlsecht in Körpersprache und Mimik, und die kleine Eintagsfliege ist ihr wirklich sehr niedlich und „allerliebenswertest“ gelungen.

Die Lebensbegeisterung und Daseinsintensität der kleinen Eintagsfliege sind überaus anrührend, die Großzügigkeit, mit der sie sich dem Leben, der Freundschaft und dem Beglücken hingibt, ist geradezu vorbildlich, und zwar ebenso für kleine Kinder wie für große Kinder und für Erwachsene.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlags-Webseite, dort kann man auch einige Seiten durchblättern:
http://www.dressler-verlag.de/nc/schnellsuche/titelsuche/details/titel/1327024/14525/27951/Autor/Martin/Baltscheit/Nur_ein_Tag_.html

Der Autor:

»Martin Baltscheit ist ein ganz und gar erstaunlicher Fuchs: er schreibt Bücher, Theaterstücke, Hörbücher und macht Filme für Kinder und Jugendliche. Für seine Arbeiten hat er viele Preise erhalten, darunter alle deutschen Staatspreise, wie den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Deutschen Kurzfilmpreis und den Deutschen Jugendtheaterpreis. Jetzt liegt sein erfolgreichstes Kindertheaterstück, »Nur ein Tag«, endlich in Buchform vor. Martin Baltscheit lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.«  http://www.baltscheit.de/

Die Illustratorin:

»Wiebke Rauers, geboren 1986, studierte Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration in Düsseldorf. Nach ihrem Diplom 2011 zog sie nach Berlin und arbeitete fünf Jahre als Charakterdesignerin in einem Animationsfilmstudio. Seit 2015 ist sie Freiberuflerin in Berlin und arbeitet an Apps, Ausstellungen und allem, was mit Illustrieren zu tun hat. »Nur ein Tag« ist das erste Kinderbuch, das sie illustriert hat.«

»Für die Coverillustration des Buches „Nur ein Tag“ (Dressler) von Martin Baltscheit wurde die Illustratorin Wiebke Rauers mit dem Carl-Buch-Preis 2016 ausgezeichnet. Zum zweiten Mal wurde der Preis im Rahmen des Hamburger Lesefestes „Seiteneinsteiger“ für die beste Kinderbuch-Coverillustration verliehen. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert und wurde am 13. Oktober 2016 beim Empfang des „Seiteneinsteiger“-Lesefestes an die Illustratorin Wiebke Rauers überreicht.
http://www.dressler-verlag.de/startseite/newsdetailseite/vonseite/501/artikel/carl-buch-preis-2016-geht-an-wiebke-rauers.html
Aus der Jurybegründung:
„Eine mit interessanten Charakteren und großartigen Farben komponierte Coverillustration, die sowohl Erwachsene als auch Kinder anspricht.“«

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

 

Querverweise:

Hier folgen ergänzende Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:
Erik und das Opa-Gespenst

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Opa Meume und ich 
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/opa-meume-und-ich/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Wie lange dauert Traurigsein?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/03/wie-lange-dauert-traurigsein/

Der Fluch des Wüstenwolfs

  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen  von Carl Hollander
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • Verlag Urachhaus  Februar 2016   http://www.urachhaus.de
  • 189 Seiten
  • gebunden, Halbleinen
  • 16,90 € (D), 17,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7965-6
  • ab 10 Jahren
    Der Fluch des Wüstenwolfs-Titelbild

G O L D R A U S C H

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit der Geschichte vom unbestechlichen, vernunftbetonten Doktor Kroch, seinem treuherzigen Gehilfen Valet, den beiden dummheitsbegabten, gierigen Räubern Bunk und Unk, der anmutig-heiteren Sylvia und dem düster-tragischen Herzog von Wüstenwolf präsentiert Paul Biegel eine witzige Abenteuergeschichte, in der es zwischen den Zeilen so manchen tiefsinnigen, lebensweisen Schatz zu entdecken gibt.

Doktor Kroch rührt in seinem Laboratorium ein Gebräu zusammen und zitiert dabei die Anfangszeilen von Vergils Aeneis – notabene auf Latein, damit wir hier gleich wissen, wer hochgebildet ist. Valet, sein Knecht und Gehilfe, unterbricht die Konzentration des Doktors mit der Nachricht, daß eine schwere Kiste als Geschenk abgegeben worden sei.

Fluch des Wüstenwolfs Laboratorium

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

In der Kiste befindet sich ein veritabler Goldschatz: funkelnde, edelsteinbesetzte Armreifen, Ketten, Ringe, Becher, Schalen …  Valet ist sprachlos, und der Doktor fragt unwillig, was er mit dem Plunder solle und wer ihm solchen Kram schicke. Dann liest er den dazugehörigen Brief, in dem der Herzog von Wüstenwolf den „sehr geehrten Meister der Heilkunst“ um einen Hausbesuch bittet. Er möge ihn doch bitte vom Goldfieber, an dem er schon seit Jahrhunderten leide, kurieren und das mitgeschickte Gold als Anzahlung für deine Dienste akzeptieren.

Gleichgültig und kopfschüttelnd schiebt der Doktor das Gold in eine Ecke und widmet sich seinen Patienten, denn seine Sprechstunde hat begonnen. Weniger gleichgültig hat der Räuber Bunk die Inspektion der Kiste heimlich durchs Fenster beobachtet und schmiedet kurz darauf mit seinem Arbeitskollegen Unk raffinierte Pläne, wie sie sich diese vielversprechende Beute aneignen könnten.

Diese Pläne gehen grandios schief, führen jedoch Doktor Kroch zu der Erkenntnis, daß es mit dem Golde etwas Magisches auf sich hat; denn beim Blick in die goldene Schale wird das Gold durchsichtig und offenbart einen Blick auf die Burg Wüstenwolf. Nun ist des Doktors wissenschaftlicher Ehrgeiz geweckt, und er macht sich mit Valet, der den Schatz schleppen darf,  auf den Weg zur Burg. Die Räuber Bunk und Unk verfolgen sie in gewohnter Manier.

Fluch des Wüstenwolfs Bufett

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Unterwegs rasten sie in einem Kloster und erfahren dort, vom Fluch des Wüstenwolfs. Eindringlich werden sie vor den unheimlichen Kräften des Herzogs von Wüstenwolf gewarnt. Für den Doktor sind das abergläubische Lappalien, und die Reise geht weiter, nebst weiteren erfolglosen Raubversuchen der tollpatschigen Räuber.

Fluch des Wüstenwolfs Aufwachen

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Sie begegnen Sylvia, einer schönen, jungen Frau, die von einem Tanzfest auf einer prächtigen Burg zu berichten weiß und ihnen erklärt, daß sie mit Hilfe eines goldenen Ringes dorthin gelangt sei. Sie könne sich jedoch nicht erinnern, wie sie zurückgekehrt wäre, und überhaupt erschiene ihr das Ganze inzwischen etwas traumhaft. Sylvia schließt sich Doktor Kroch und Valet an, um das Geheimnis um Burg Wüstenwolf und ihre seltsamen nächtlichen Tanzausflüge zu lüften.

Die nächste Stadt, die sie erreichen, verfügt über eine Burgruine, und die Nachforschungen der Helden zur Person des Wüstenwolfs ergeben langsam einen verborgenen Sinn. Gleichwohl müssen sie alle miteinander noch einige spannende, sinnverwirrende und gefährliche Herausforderungen meistern, da die Ruine des Nachts zu gespenstischem Leben, illusionären Räumen, Geheimgängen, Wendeltreppen und unheimlichen Zeitverschiebungen erwacht. Und auch Bunk und Unk pfuschen mit ihren ständig mißlingenden diebischen Künsten dazwischen herum.

 

Fluch des Wüstenwolfs Über den Dächern

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Doch mit den vereinten Kräften von Kopf (Doktor Kroch) und Herz (Sylvia und Valet) gelingt es, den Fluch unschädlich zu machen. Das heißt zwar auch, daß das Zaubergold sich gewissermaßen in Luft auflöst; aber wer braucht schon Gold, das ihm ohnehin nicht gehört?

Die Illustrationen von Carl Hollander begleiten und bereichern die phantasievolle Erzählung mit geheimnisvoll-atmosphärischen und amüsanten Bildern, wobei die Zeichnungen der unterschiedlichen architektonischen Kulissen ganz besonders romantisch gelungen sind.

Auch in diesem Kinderbuch zeigt sich Paul Biegels einfühlsam-augenzwinkernde und lebhaft-spannende Erzählerqualität, die ganz beiläufig schatzkistenweise Herzensbildung verteilt, ohne jemals zeigefingerig daher zu kommen.

 

Querverweis:

Ich habe alle deutschsprachigen Bücher von Paul Biegel rezensiert, thematisch schließen sich hier am trefflichsten Der Räuber Hupsika und Die Prinzessin mit den roten Haaren an:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/21/der-rauber-hupsika/
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/11/20/die-prinzessin-mit-den-roten-haaren

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) – der niederländische Michael Ende – gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckmann und Annie M.G. Schmidt zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem Silbernen  und  Goldenen Griffel.«

Der Illustrator:

»Carl Hollander (1934 – 1995) studierte an der Kunstakademie in Den Haag. Nach dem Examen erhielt er schnell erste Illustrationsaufträge. Seine Zeichnungen und Aquarelle erfreuten sich einer solchen Beliebtheit, dass er sich neben den Arbeiten für die Bücher Paul Biegels auch über die Kinderbücher Annie M.G. Schmidts und Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf einen Namen machen konnte.«

Das Herz der Puppe

  • von Rafik Schami
  • Mit Bildern von Kathrin Schärer
  • Hanser Verlag  2012       www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • 192 Seiten
  • 12,90 € (D), 13,30 € (A), 18,90 sFr.
  • ISBN 978-3-446-23896-1
  • ab 8 Jahren
    Schami_23896_MR.indd

PUPPENVERSTEHER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Warmherzig und weise sowie mit einem stets schelmisch-verständnisvollen Blick für die kindliche und die elterliche Perspektive – so zeigt sich Rafik Schamis Erzählkunst auch in dieser Geschichte.

Die kleine Nina besucht mit ihren Eltern einen Flohmarkt. Während ihre Eltern mit einem Standinhaber über den Preis einer Lampe verhandeln, hört Nina zu, was verschiedene Stofftiere und Spielzeugfiguren ihr erzählen. Nina ist ein intuitives und empfindsames Kind, das noch die Beseeltheit der Dinge wahrnehmen kann.

Ganz verborgen, im Gekürmel unter dem Verkaufstisch entdeckt Nina eine alte Puppe mit grünen Augen und feuerroten Haaren. Für Nina ist es Liebe auf den ersten Blick, und nachdem sie den Preis von drei Euro auf zwei Euro heruntergehandelt hat, drückt sie die neue, alte Puppe an ihr Herz.

Die Puppe, die Widu heißt, hatte lange vergessen auf einem Dachboden gelegen, und sie freut sich sehr, nun wieder einem Kind Gesellschaft leisten zu können. Widu kann viele Geschichten erzählen, sie hat stets guten Rat für die alltäglichen Ängste, Probleme und Sorgen Ninas, und sie kann Nina die Angst sogar aus dem Herzen saugen. Seit Nina mit Widu im Arm schläft, haben Albträume keine lange Haltbarkeitsdauer mehr, und Nina fühlt sich weniger alleine.

Nina hat sehr liebevolle, aber vielbeschäftigte Eltern und eine warmherzige Tante. Nach dem kürzlich erfolgten Umzug sind ihre alten Kinderfreundschaften beendet, in der neuen Schule ist Nina noch nicht heimisch, und in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt leider gar kein Kind, was Widu zu der  treffenden Bemerkung veranlaßt: „Ohne Kinder ist jede Straße eine Wüste.“

Widu übt mit Nina lustige Zungenbrecher und Scherzverse,  philosophiert aber auch über ernste Themen  wie beispielsweise Leben und Tod. Dabei erfährt Nina, daß Puppen, da sie kein Herz hätten, unsterblich seien. Sie könnten sich allerdings ein Herz wünschen, doch dann wäre ihre Lebensdauer davon abhängig, wie lange das Kind, zu dem sie gehören, das Staunen nicht verlerne.

Die Verbundenheit mit Widu ermutigt Nina zu mehr Selbstvertrauen. Als Nina bei einem vorweihnachtlichen Einkaufsgehetze ihre Puppe verliert, ist sie fast untröstlich. Nach drei schlaflosen Nächten kann Nina ihre Puppe jedoch in einem ganz besonderen Fundbüro wieder abholen. Der Leiter des Fundbüros gehört jedenfalls zu der Sorte Erwachsener, die das Staunen nicht verlernt haben; aber das ist eine andere Geschichte …

Widu ist eine humorvolle und wunderbar-wortspielerische Begleiterin. Mit Widus kluger Hilfe lernt Nina, sich gegen einen aufdringlichen Schulkameraden zu wehren, und sie lernt den Unterschied zwischen echter und unechter Freundschaft.

Als Nina wegen einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus muß, kommt Widu selbstverständlich mit. Den Gesprächen  der Krankenschwestern entnimmt Widu, daß die Lage sehr ernst ist …  Zum Glück erwacht Nina aus ihrer Bewußtlosigkeit, und sie wird wieder gesund.

Das erste, was Nina spürt, als ihr Fieber sinkt, ist das Herzklopfen ihrer Puppe. Verwundert fragt Nina, warum Widu denn ihre Unsterblichkeit aufgegeben habe. Und Widu antwortet: „… Weißt du, Puppen möchten eigentlich kein Herz haben, und ich habe mir lange eingeredet, dass das auch bei mir nicht anderes sein kann. Ich habe mich versteckt, aber die Liebe findet einen doch. Sie braucht ein Zuhause, und sie braucht ein Herz.“ (Seite 183)

Keine Frage, daß Nina sich schwört, niemals ihr Kinderherz zu verlieren und auch als Erwachsene ein Kind zu bleiben! Das Rezept dafür bekommt sie von Widu:

„Solange du Raureif und Tau für ein Wunder hältst und jeden Vollmond anschaust, als stünde er zum ersten Mal am Himmel, solange du über jede Blume staunst und jeden Schmetterling und jeden Stern als einzigartiges Wunder betrachtest – so lange bleibst du ein Kind.“ (Seite 184)

Dieses Buch voller Alltag und Wunder, spielerischem Tiefsinn und poetischer Phantasie zeugt von Rafik Schamis lebendigem Kinderherzen. Ich lege es Lesern von acht bis achtundachtzig Jahren ans Herz.

Link zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-herz-der-puppe/978-3-446-23896-1/

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. 1979 promovierte Rafik Schami im Fach Chemie. Seit 2002 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste. Sein Werk wurde in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Preis „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“ (2011) und zuletzt mit dem Großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur sowie dem Preis der Stiftung Bibel und Kultur (2015). Im Hanser Kinderbuch erschien zuletzt Das Herz der Puppe (2012) und Meister Marios Geschichte (2013), im Erwachsenenprogramm des Verlages Die dunkle Seite der Liebe (Roman, 2004) Das Geheimnis des Kalligraphen (Roman, 2008), Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (2011) und Sophia oder Der Anfang aller Geschichten (2015).«
Mehr auf: http://www.rafik-schami.de/

Querverweis:

Hier geht es zu meiner Besprechung von Rafik Schamis Kinderbuch Meister Marios Geschichte, in der sich Marionetten als Freiheitskämpfer entpuppen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/22/meister-marios-geschichte