Das große Fest im Häschenwald

  • Text von Ulf Stark
  • Originaltitel: »Sommar i stora skogen«
  • Übersetzung aus dem Schwedischen
  • von Birgitta Kicherer
  • Illustrationen von Eva Eriksson
  • Verlag Friedrich Oetinger Februar 2017 www.oetinger.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 124 Seiten
  • Format: 24,5 cm x 26,5 cm
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-7891-0491-6
  • Vorlesebuch ab 5 Jahren

HERZENS(T)RÄUME

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Wichtel Grantel, dessen lohnende Bekanntschaft wir schon im Dezember 2017 mit dem Vorgängerbuch „Wichtelweihnacht im Winterwald“ gemacht haben – siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/06/wichtelweihnacht-im-winterwald/ -, nimmt den ersten Mückenstich des Jahres zum Anlaß, mit dem Sommergroßputz zu beginnen. So kümmert er sich ganz hausfraulich um den schon lange menschenentleerten Hof, er lüftet, schüttelt die Bettücher aus, sammelt alle toten Fliegen ein, schrubbt die Böden mit Tannennadelseife und erinnert sich mit leiser Wehmut an das muntere Leben, das hier einst mit Eltern, Kindern und diversen Hoftieren geherrscht hat.

Jetzt gibt es hier nur eine Hummel zur freundschaftlichen Gesellschaft und Unterhaltung, die er im letzten Winter aus einem Spinnennetz gerettet hat. Auch das schöne improvisierte Weihnachtsfest, das er mit den Kaninchen aus dem benachbarten Wald verbracht hat, ist schon eine ganze Weile her. Er fragt sich, wie es den netten Kaninchengeschwistern Nina und Kalle wohl jetzt geht. Dann schnitzt er eine Weidenflöte und knurrt aus Gewohnheit mit der Hummel herum, weil sie sein Flötenspiel für mißlungen hält. Doch die Hummel, die durchschaut, daß der Wichtel nur aus zu langer Einsamkeit so sauertöpfisch geworden ist, nimmt ihm dies nicht übel.

Im Wald tollen die Kaninchen wie eh und je herum, sie haben Lust auf ein neues Fest und befragen den weisen Uhu, ob es nicht bald wieder einen Festanlaß gebe. Der Uhu erzählt von der Mittsommernacht, der hellsten und kürzesten Nacht des Jahres, von Zauber und Liebe, Küssen und Tänzen, die dazugehörten.

Nina und Kalle lernen Anton kennen, ein Kaninchen mit schwarzem Fell. Auf Anregung von Opa Kaninchen spielen sie das Spiel Gelbnäschen miteinander. Und das geht so: Man knabbert eine Butterblume ab, hält sie seinem Gegenüber vor die Nase, fordert ihn zum Riechen auf und drückt dann die Blüte gegen die Nase, die sich daraufhin unvermeidlich ganz blütenstaubgelb färbt.

Die violette Mitsommerblume blüht auch schon, aber keiner weiß genau, wann die Mittsommernacht sei. Inzwischen strecken Nina und Anton schüchtern zarte Herzensfühler nacheinander aus, und Opa Kaninchen philosophiert anschaulich über Anziehungskräfte.

Ein heftiger Sommersturm überflutet die Kaninchenhöhle und viele andere Tiernester. Alle Tiere machen sich gemeinsam auf den Weg zum Wichtel Grantel, in der Hoffnung, daß sie bei ihm auf dem Hof Unterschlupf und Hilfe finden. Nur Anton ist verschollen …

Der Wichtel staunt und grantelt und ist sodann die Hilfsbereitschaft in Person, er bereitet Schlafstätten, heizt alle Öfen, verbindet Wunden, verteilt Medizin und kocht Nesselsuppe.

Auf Bitten der Tierkinder erzählt er sogar von den Mittsommerfesten, die er früher auf dem Hof erlebt hat, und davon, daß das Mittsommerfest ein beliebter Heiratstermin war und daß einem, wenn man sich in der Mittsommernacht sieben verschiedene Blumen unters Kopfkissen legt, im Traum derjenige  erschiene, den man heiraten würde.
Das stürmische Wetter hält sich. Nina und Kalle schleichen trotzdem heimlich nach draußen, um nach Anton zu suchen, und werden dafür bei ihrer Rückkehr vom Vater ausgeschimpft.

Grantel zieht sich am Abend, als der Regen endlich aufgehört hat, zu einer kleinen Angelpartie auf sein Boot zurück. Vom Trubel mit den vielen Tieren schwirrt ihm der Kopf, und er wirft die Angel aus, um zu meditieren:
„Aber Grantel steckte keinen Wurm auf den Haken, nicht einmal einen Haken hat er an der Angel. Wichtel essen nämlich keine Tiere. Statt Fische zu angeln, angelt Grantel Gedanken, Ruhe und Frieden.“ (Seite 68)

Nachdem er genug Ruhe und Frieden getankt hat, macht er sich wieder auf den Weg zum Hof. Unterwegs hört er ein schwaches Wimmern, und so findet er Anton, der verletzt unter einem umgestürzten Baum liegt. Der Wichtel bringt den unterkühlten Anton ins Haus und wendet an Heilkräften an, was ihm zur Verfügung steht, aber Anton wacht nicht auf.

Alle sind traurig, und Grantel sagt, daß jetzt nur noch ein Wunder helfen könne. In der Nacht hat er wunderliche Träume, da einige vorwitzige Mäusekinder ihm sieben Blüten unters Kopfkissen geschummelt haben. Eine schöne Elfe in einem durchscheinenden Nebelkleid erscheint und sagt Grantel, er solle sich Bart und Zähne putzen, mit seinen Freunden Mittsommer feiern und eine Hochzeit vorbereiten …

Nina hat die ganze Nacht Antons Pfote gehalten, auf das Wunder gehofft  und ist schließlich eingeschlafen. Am nächsten Morgen ist Anton wach, munter und gesund, und er spielt lieblich auf Grantels Weidenflöte.

Nachdem der Wichtel Anton gründlich abgehorcht hat, bestätigt er die Wunderheilung. Voller Freude und Tatendrang wird nun das Mittsommerfest vorbereitet und eine Kaninchen-hochzeit noch dazu. Ein geschmückter Mittsommerbaum wird aufgestellt, es gibt Festschmaus und Spiele, eine herzige, vom Wichtel geleitete Hochzeitszeremonie sowie Küsse, Musik, Tanz und Zauber.

Am Waldrand tanzt Grantel die ganze Mittsommernacht lang mit einer Elfe im Nebelkleid, die ihm prophezeiht, daß er nie mehr einsam sein werde. Das bezweifelt er auf seine mürrische Art zwar zunächst, aber sie sagt die Wahrheit. Anton und Nina suchen sich ganz in der Nähe des Hofes eine Wohnhöhle, und es dauert nicht lange, bis Wichtel Grantel Kaninchenenkel bekommt, die mindestens so gerne mit ihm spielen wie er mit ihnen …

Ulf Stark erzählt in einfachen Worten, deren Tiefsinn und Weisheit unaufdringlich zwischen den Zeilen leuchten. Die Dialoge sind gefühlsecht, empfindsam und augenzwinkernd, der Handlungsverlauf ist zugleich spannend und humorvoll. Eine Prise Feenstaub und Wichtellaunen runden das Erzählganze mit märchenhafter Würze ab.

Die sanftmütig-feinen Illustrationen von Eva Eriksson begleiten und ergänzen den Text mit schelmisch-heiteren Szenerien, die den warmherzigen Grundton des Textes einfühlsam aufgreifen und bestätigen und den charakterstarken Figuren anschauliche mimische und körpersprachliche Gestalt geben.

In solchen Vorlesebüchern finden Kinder eigene Liebhabengefühle und Verlustängste sowie Wert und Trost von Hilfsbereitschaft und Gemeinschaft wieder. Kinder vorleseerfahren hier den Unterschied zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem und ihr kindlicher Bezug zum Zauberwunderhaften wird wohltuend genährt.

„Das große Fest im Häschenwald“ verfügt über die seltene Gabe, zugleich seelenvoll und unterhaltsam zu sein. Es dient dem Kinderherzen im Kind ebenso wie dem Kinderherzen im Erwachsenen!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:

http://www.oetinger.de/nc/schnellsuche/titelsuche/details/titel/1204916/23580/31650/Autor/Ulf/Stark/Das_gro%DFe_Fest_im_H%E4schenwald.html

Hier entlang zum Vorgängerband:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/06/wichtelweihnacht-im-winterwald/

 

Der Autor:

»Ulf Stark, 1944 in Schweden geboren, ist ein erfolgreicher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Pädagogik und Psychologie und veröffentlichte 1975 sein erstes Kinderbuch. Etliche seiner Geschichten wurden auch verfilmt. Für sein Werk wurde Ulf Stark vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem renommierten schwedischen August-(Strindberg-)Preis und dem Nils-Holgersson-Preis.«

Die Illustratorin:

»Eva Eriksson wurde 1949 in Halmstad/Schweden geboren und studierte nach dem Abitur an einer Kunstschule. Heute ist sie eine der bekanntesten und beliebtesten Kinderbuch-Illustratorinnen Schwedens und auch international erfolgreich. Sie wurde u.a. mit der Goldenen Plakette auf der Biennale der Illustrationen in Bratislava und dem Europäischen Jugendliteraturpreis „Provincia di Trento“ ausgezeichnet. Für ihr Lebenswerk erhielt Eva Eriksson den Elsa-Beskow-Preis und den Astrid Lindgren Preis des schwedischen Verlages Rabén & Sjögren.«

 

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Petronella Apfelmus, Band 4

  • Zauberhut und Bienenstich
  • von Sabine Städing
  • illustriert von SaBine Büchner
  • Boje Verlag Oktober 2016   http://www.boje-verlag.de
  • gebunden
  • mit gelbem LESEBÄNDCHEN
  • 208 Seiten
  • 13,00 € (D)
  • ISBN 978-3-414-82454-7
  • Kinderbuch ab 8 Jahren

APFELHEXEN-LÄCHELN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Petronella Apfelmus ist eine Apfelhexe, und sie lebt im verwildert-verwunschenen Obst-garten des alten Mühlhauses. Sie hegt, pflegt und beschützt zusammen mit einigen handwerklich begabten Apfelmännchen die alten Apfelsorten und alles, was sonst noch wächst und gedeiht, kreucht, fleucht und atmet in einem naturbelassenen Garten nebst erquicklichem Mühlteich.

Vor ungefähr einem Jahr war die Familie Kuchenbrand – bestehend aus Vater, Mutter und den Zwillingen Lea und Luis –  in das preiswert zu mietende Müllerhaus eingezogen. Vater Kuchenbrand hatte gerade seine Anstellung als Bäckergeselle verloren, da sein raffgieriger Arbeitgeber Bäckermeister Kümmerling alle Gesellenarbeit durch Maschinen ersetzt hatte. (siehe meine Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/)

Inzwischen betreiben die Eltern der Zwillinge ein florierendes Café in der alten Mühle, und ihre Kinder pflegen eine vertraute Freundschaft mit Petronella Apfelmus. Die Erwachsenen halten Petronella für eine etwas schrullige Nachbarin; sie ahnen nicht, wie viele glückliche Fügungen sie Petronellas magischen Nachhilfezugaben verdanken.

Die Kinder wissen, daß Petronella eine Hexe ist. Gerne besuchen sie Petronella und ihren Freund und Mitbewohner, den Hirschkäfer Lucius, in ihrem Wohnapfel. Mit Hilfe von Petronellas magischer Strickleiter wird man nämlich beim Hinaufklettern immer kleiner und paßt schließlich bequem in einen Apfelinnenraum, und beim Hinabklettern wächst man wieder in seine normale Größe zurück.

Es ist Spätsommer, und es hat lange nicht mehr geregnet. Petronella verhilft dem von Wassermangel betroffenen Mühlteich mit einer Zauberquelle zu Frischwasser und bremst den übereifrigen Obsterntefleiß von Vater Kuchenbrand mit Hilfe von magisch inszenierten Gespinstmottenschleiern.

Eines Mittags klingelt ein Makler an der Tür und informiert die Familie darüber, daß der Vermieter die Mühle verkaufen wolle. Sie hätten selbstverständlich ebenfalls die Mög- lichkeit, die Mühle zu erwerben, und bräuchten dazu nur das Kaufgebot von 500 000 Euro zu überbieten.

Der großzügige Bieter ist niemand anderes als der Bäckermeister Kümmerling. Er fährt auch schon bald mit seiner schwarzen Limousine, in Begleitung seiner tollpatschigen Leibwächter vor und inspiziert mit vorfreudig-provokanten Besitzerallüren das Grund-stück und erklärt, daß er den Garten zum Parkplatz machen wolle, den Mühlteich zum Spaßbad, und was ihm sonst noch alles an profitorientierten Modernisierungen einfällt.

Familie Kuchenbrand ist empört und verzweifelt, ihre Existenz ist bedroht und ihr finanzieller Spielraum recht bescheiden. Während der Vater vergeblich Banken mit Kreditanfragen abklappert, überlegen die Kinder gemeinsam mit Petronella und den Apfelmännchen, wie man die Mühle vor dem Zugriff Kümmerlings retten könne. Hexen können zwar kein Geld herbeizaubern, aber Petronella weiß zum Glück, daß die Besitz-verhältnisse der Mühle komplexer sind, als es auf den ersten Maklerblick scheint.

Herr Kümmerling reibt sich schon die Hände, gleichwohl hat er die Rechnung ohne Petronellas magischen Einfluß und ohne die zwischenmenschliche Kompetenz der Kinder gemacht. Am Ende geht er leer aus, und die Familie Kuchenbrand bekommt die Mühle …

Auch im vierten Band von Petronella Apfelmus gelingt es der Autorin Sabine Städing, mit phantasievollen Details, situationskomischen Zauber- pannen, witzig gereimten Zaubersprüchen und ebenso kommunikativen wie magischen Problemlösungsstrategien eine herzlich-familiäre, unterhaltsam-spannende und zauberhaft-verspielte Atmosphäre zu erschaffen.

Die knuffigen, detailverliebten schwarz-weiß Illustrationen von SaBine Büchner fügen sich dramaturgisch lebhaft in den Erzählfluß ein und korrespondieren mit ihrer warmherzigen Heiterkeit und einfühlsamen, augenzwinkernden Charakterzeichnung ganz hervorragend mit dem Text.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/boje/buecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_5590227

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/luebbe-audio/hoerbuecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_5891466

Hier finden Sie zum ersten Band von Petronella Apfelmus:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/
Und hier zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/25/petronella-apfelmus-band-2/
Und hier zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/11/petronella-apfelmus-band-3/

 

Die Autorin:

«Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt.«  http://www.sabinestaeding.de/

Die Illustratorin:

»SaBine Büchner, geboren 1964, studierte Kommunikationsdesign in Wuppertal und Animation an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. 2006 erhielt sie das Troisdorfer Bilderbuchstipendium. Sie zeichnet und lebt heute mit ihrem Sohn in Berlin.«

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Das große Virgilius-Tulle-Buch

  • von Paul Biegel
  • mit farbigen Illustrationen von Mies van Hout
  • Deutsch von Frank Berger, Ita Maria Neuer, Marie-Thérèse Schins
  • Verlag Urachhaus   März 2017    http://www.geistesleben.com
  • gebunden
  • Halbleinen
  • 365 Seiten
  • 19,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-5123-2
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 8 Jahren


ZWERGENSCHELM

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ob man nun an Zwerge glaubt oder nicht – in vorliegendem Kinderbuch spielen Zwerge im allgemeinen und ein dicker Zwerg mit dem Namen Virgilius Tulle im besonderen die Hauptrolle. Und erwachsene Menschen mit ihrer Begriffsstutzigkeit gegenüber Zwergen machen es Virgilius Tulle bei seinen Ausflügen in die Menschenwelt wahrlich nicht leicht. Da sind so manche Tiere verständiger und kooperativer.

Der vorliegende Sammelband enthält die Bände Virgilius Tulle, Virgilius Tulle auf Tortenjagd und Virgilius Tulle überwintert bei den Menschen.

Im ersten Band will Virgilius einfach nur einmal in den Spiegel schauen und überprüfen, ob er wirklich so dick ist, wie seine Mitzwerge behaupten. Die Tulle-Zwerge sind in der Heide zu Hause, und sie haben „ein kleines Messer, zwei Scheren und einen kleinen Karren, aber keinen Spiegel“. Also macht sich Virgilius auf den Weg zum nächstge-legenen Bauernhof, um dort sein Spiegelbild zu betrachten.

Als er sich der Bauersfamilie zeigt, erschrickt sie sich, hört dem Zwerg überhaupt nicht zu und hält ihn in einem leeren Aquarium gefangen. In der Nacht hilft ihm die Hofkatze aus dem Gefängnis heraus, und eine Maus zeigt ihm, wie er mit dem Milchkannenwagen heimlich in die Stadt gelangen kann.

In der Stadt wird Virgilius von einem netten Mädchen vom Bürgersteig gepflückt. Sie hält den Zwerg für eine besonders echt wirkende Figur und stellt ihn auf ein Schränkchen neben eine Vase mit Blumen. Virgilius flieht, er landet in einem Fundbüro, er strandet in einem Park und freundet sich mit einigen Enten an, er wird von einer Möwe entführt, er steht dekorativ auf einer Hochzeitstorte und erlebt eine Menge gefährlicher Strapazen – inklusive eines Seifenbades -, nur einen Spiegel bekommt er nicht zu Gesicht.

Illustration von Mies van Hout © Verlag Urachhaus 2o17

Auf dem Rückweg in die Heide besucht er einen Jahrmarkt, dort gibt es ein Zelt mit Zerrspiegeln. Nach dieser Erfahrung findet Virgilius Spiegel völlig albern und überflüssig, da sie ja nicht die Wahrheit sagen.

Zufrieden mit den bestandenen Abenteuern und gewonnenen Erkenntnissen kehrt Virgilius zu seinen Zwergenfreunden zurück und wird herzlich empfangen. Gemütlich am Lagerfeuerchen sitzend, erzählt er von den Menschen, die Zwerge für Märchen halten und selbst dann nicht an sie glauben, wenn einer leibhaftig vor ihnen steht.

Im zweiten Band wagt sich Virgilius wieder zu den Menschen, denn er will für den ältesten der Tulle-Zwerge, der demnächst ungefähr 1000 Jahre alt wird, unbedingt eine Geburtstagstorte organisieren.

Diesmal landet Virgilius bei einer netten Familie, die nicht an seiner Existenz zweifelt und die ihm helfen will. Doch zuvor möchte der Sohn den Zwerg seinem Lehrer zeigen. Virgilius ist einverstanden und läßt sich zu diesem Zweck sogar in ein leeres Honigglas stecken und besichtigen. Doch damit beginnen die Komplikationen. Der Lehrer ist ganz aufgeregt angesichts dieses Wunders –  da es ja angeblich gar keine Zwerge gibt –  und informiert Presse, Radio und Fernsehen.

Virgilius ist empört, gibt im Presse- und Fernseh-Interview patzige Antworten und wiederholt seinen schlichten Wunsch, eine Torte zu besorgen. Nun werden Torten über Torten an den Rand der Heide gelegt in der Hoffnung, daß sich dann die anderen Zwerge zeigten. Doch die versteckten Photographen warten vergeblich darauf, daß sich die viel besser versteckten Zwerge aus der Reserve locken lassen. Sie sind halt menschenscheu – und das zu Recht, wenn man nun erfährt, wie es mit Virgilius weitergeht.

Sieben Professoren untersuchen Virgilius „wissenschaftlich“, und diesem Forschungslabor entkommt er nur, weil er entführt wird. Sein Entführer fliegt mit Virgilius in ein fernes Land und verkauft ihn dort an eine alberne Prinzessin, die Virgilius in ihre Raritäten-sammlung aufnimmt. Obwohl sie dem Zwerg ein bequemes und wohlgenährtes Leben anbietet, ist er nicht glücklich und schmiedet raffinierte Fluchtpläne.

Es gelingt ihm, sich in ein frankiertes Postpacket zu schmuggeln, das er zuvor noch mit seiner Adresse beschriftet hat: „An Virigilius Tulle. Mitten auf der Heide. Luftpost.“  Leider reicht das Porto nicht für Luftpost, und so wird das Paket mit dem tapferen Zwerg auf dem Seeweg transportiert. Auf dem Schiff macht sich Virgilius auf die Suche nach etwas Eßbarem und tappt ahnungslos in eine Rattenfalle.

Der Matrose Jan findet den verriegelten Zwerg, und nach anfänglicher Irritation befreit er Virgilius und verköstigt ihn mit einem Erdnußbutterbrot. Er erzählt Virgilius, daß sie einen Maschinenschaden haben, und die letzte noch vorhandene „Kurbelwellen- befestigungsmutter“, sei leider ins Abflußrohr gefallen und unerreichbar. Naja, da kann ein kleiner Zwerg doch ziemlich nützlich sein, und Virgilius bietet großzügig seine Hilfe an.

Zwar wird der inzwischen prominent-bekannte Wunderzwerg Virgilius sogar international von der Polizei gesucht, und der Schiffskapitän will ihn auch gehorsam ausliefern, aber der freundliche Matrose Jan trickst die Zwergenjäger aus.

Jan bringt Virgilius heimlich zur heimatlichen Heide zurück – in einer köstlichen Geburts-tagstorte verborgen – zur Freude und Feier aller endlich wiedervereinten Tulle-Zwerge.

Illustration von Mies van Hout © Verlag Urachhaus 2o17

Nach den aufregenden Strapazen der Tortenjagd hat Virgilius erst einmal genug von zwergzwischenmenschlichen Begegnungen, und das kann wirklich jedes Kind verstehen…

Im dritten Band nähert sich Virgilius jedoch wieder den Menschen. Diesmal trifft er auf eine sehr zwergenaufgeschlossene Familie, und da sie sich so gut vertragen, beschließt Virgilius, bei dieser Familie zu überwintern.

Virgilius richtet sich ein gemütliches Bett im Ballettschuh der Tochter ein, er hilft beim Kochen, sorgt für traumhaften Nachhilfeunterricht im Lernen des Kleinen Einmaleins und unterhält sich vergnügt mit „seinen“ Menschen. Er ist auch nicht eingesperrt, sondern kann durch die Katzenklappe kommen und gehen, wie es ihm gefällt.

Illustration von Mies van Hout © Verlag Urachhaus 2o17

Allen ist klar, daß sie Virgilius Anwesenheit geheimhalten müssen, damit er nicht wieder irgendwelchen Anti-Zwergen-Fanatikern, Raritätensammlern oder Wissenschaftlern in die Fänge gerät. Doch dank neugieriger Nachbarn und aufdringlicher Hunde gibt es schon bald reichlich Turbulenzen, Aufregungen und abenteuerliche Gefahren zu meistern. Selbstverständlich kommt Virgilius heil aus jedem Schlamassel raus, und es gibt dabei stets viel zu schmunzeln …

Paul Biegels herzhafte Geschichtenmixtur aus heiterer Spannung, lebensklugen Charakterstudien und phantasievoller Dramaturgie bewährt sich in allen drei Virgilius-Tulle-Bänden. Die Bücher sind in viele kurze Kapitel eingeteilt und lassen sich gut in kleinen, übersichtlichen Portionen vorlesen.

Die Illustrationen von Mies van Hout übersetzen den spielerisch-weisen Tonfall dieser Geschichten in warmherzig-pfiffige, farbenfrohe Bilder.

Paul Biegel macht sich in den Virgilius-Tulle-Bänden augenzwinkernd über menschliche Schwächen lustig und zeigt Kindern anschaulich, wie relativ man Größe betrachten kann. Virigilius Tulle ist ein gutes Vorbild dafür, wie man sich trotz der eigenen Kleinheit selbstbewußt und authentisch in der großen, weiten Welt bewegt, sich nicht unterdrücken läßt und tapfer sein Ziel erreicht.

Der eigenwillige Zwergenmut läßt Virgilius groß erscheinen, während die offensichtlichen menschlichen Eitelkeiten und „wissenschaftlichen“ Dummheiten manche Menschen ziemlich klein erscheinen lassen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.urachhaus.de/Lesen-was-die-Welt-erzaehlt/Kinderbuch/Das-grosse-Virgilius-Tulle-Buch.html

Illustration von Mies van Hout © Verlag Urachhaus 2o17

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel

Die Illustratorin:

»Mies van Hout wurde 1962 in Eindhoven geboren. Sie ist ausgebildete Kunstpädagogin und studierte Grafisches Gestalten an der Akademie Groningen. Seit 1989 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin und Grafikerin. Sie hat bereits etliche Bilderbücher veröffentlicht und wurde für den Drenste cultuurprijs nominiert.« http://www.miesvanhout.nl

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Viele Grüße, Deine Giraffe

  • Text von Megumi Iwasa
  • Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
  • Originaltitel: »Boku wa Africa ni Sumu Kirin to Iimasu«
  • Illustrationen von Jörg Mühle
  • Moritz Verlag   Februar 2017  www.moritzverlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 112 Seiten
  • Format: 15 x 21,6 cm
  • 10,95 € (D), 11,30 (A)
  • ISBN 978-389565-337-7
  • Kinderbuch ab 6 Jahren

HINTER  DEN  HORIZONT  SCHREIBEN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Giraffe futtert Akazienblätter und schaut gelangweilt dem Sonnenuntergang in der Savanne zu. Sie sehnt sich nach Abwechslung, und ihr fällt ein, daß Pelikan kürzlich einen Postdienst eröffnet hat.

Also entscheidet sie sich, spontan einen Brief zu schreiben, einfach so ins Blaue bzw. an das erstbeste Tier, das dem Pelikan hinter dem Horizont begegnen würde. Pelikan, der sich auch schon gelangweilt hatte, freut sich über den ersten Postauftrag und macht sich aufgeregt auf den Luftpostweg.

Die Strecke ist viel weiter, als er vermutet hatte, und den Horizont hat er auch nicht erreicht, aber immerhin das Ufer des Meeres. Dort begegnet er einer freundlichen Robbe, die ebenfalls als Briefträgerin unterwegs ist. Sie übernimmt den Brief und transportiert ihn auf dem Wasserwege zu Pinguin.

Pinguin lebt in der Walsee und geht beim großkopfigen Professor Wal in die Schule. Neugierig liest Pinguin Giraffes Brief und wundert sich, denn Giraffe schreibt, sie habe einen langen Hals, und weder Pinguin noch Wal können sich unter einem Hals etwas vorstellen.

So entfaltet sich – trotz der sehr unterschiedlichen Lebenswelten – ein reger Brief-wechsel, der voller lustiger Mißverständnisse bezüglich der äußeren Erscheinung des jeweiligen Brieffreundes ist.

Schließlich will Giraffe Pinguin besuchen und sich als Zeichen besonderen Entgegen-kommens sogar als Pinguin verkleiden. In die freudig-spekulativen Vorbereitungen zur Verkleidung und zur Reise werden Pelikan, Robbe und Wal miteinbezogen, und dann kommt es zur aufschlußreichen Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Die Überraschung ist groß und löst sich in heiteres Gelächter auf. Das gemeinsame Vergnügen vertieft  die Freundschaft …

Dieser kindliche Briefroman skizziert einfühlsam die tierischen Charaktere, und Megumi Iwasa läßt sie in einfacher – gleichwohl schmunzelanspielungsreicher – Sprache zu Wort kommen.

Die Korrespondenz zwischen Giraffe und Pinguin wird in zwei unterschied- lichen, gut lesbaren „Handschriften“ graphisch dargestellt. Die durchgehend farbigen Illustrationen von Jörg Mühle geben den Figuren warmherzig und humorvoll Gestalt und eine entsprechende Kulisse.

„Viele Grüße, Deine Giraffe“ eignet sich gut als Leseanfängerbuch und bietet Kindern zudem eine anregende, verspielte Ermutigung zum Briefeschreiben sowie die erlesene Erfahrung, daß Brieffreundschaften Langeweile vertreiben und den Horizont erweitern.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.moritzverlag.de/Alle-Buecher/Erstlesebuecher/Viele-Gruesse-Deine-Giraffe.html

 

Die Autorin:

»Megumi Iwasa wurde 1958 geboren. Sie studierte Grafikdesign an der Kunsthochschule in Tokio, an der sie nach ihrem Diplom auch arbeitete. Megumi Iwasa lebt in Tokio. Die Geschichte zu Viele Grüße, Deine Giraffe hat sie zunächst geträumt und dann aufgeschrieben. «

Der Illustrator:

»Jörg Mühle, geboren 1973 in Frankfurt am Main, studierte Illustration in Offenbach und Paris. Er ist Mitglied der Ateliergemeinschaft labor und hat seine Fähigkeit, Pinguine zu zeichnen, bereits in  An der Arche um Acht  unter Beweis gestellt.«

 

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Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

  • von Andreas Steinhöfel
  • illustriert von Peter Schössow
  • vierter Rico-und-Oskar-Band
  • CARLSEN Verlag  November 2017    www.carlsen.de
  • gebunden
  • 272 Seiten
  • Format: 15 x 21 cm
  • mit vierfarbigen Illustrationen
  • 14,99 € (D), 15,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-551-55665-3
  • ab 10 Jahren

KINDERHERZLICHE  NÄCHSTENLIEBE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es gibt bereits drei Bände von Rico und Oskar, und als es damals im Jahre 2011 beim Erscheinen des dritten Bandes „Rico, Oskar und das Herzgebreche“ hieß, die Reihe sei abgeschlossen, war ich betrübt, daß es mit diesen außergewöhnlich liebenswerten und originellen Kinderbuchcharakteren nicht weitergehen sollte. Nun bin ich hocherfreut, daß Andreas Steinhöfel den Leselebensfaden von Rico und Oskar doch noch weitergesponnen hat.

Der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar sind die besten Freunde füreinander. Die beiden Jungs ergänzen sich mit ihren jeweiligen Eigenheiten, Stärken und Schwächen, und sie entwickeln sich aneinander weiter.

Oskar kann ausgezeichnet kopfrechnen, weiß viel und ist ein wandelndes Lexikon. Deshalb ist er sich jedoch auch allzu vieler möglicher Lebensgefahren bewußt, was eine Neigung zum Tragen von Kopfbedeckungen (Sturzhelme, diverse Mützen) zur Folge hat. Besonders auffällig ist dies bei Bommelmützen im Hochsommer und wenn er darauf besteht, die Kopfbedeckung auch in Innenräumen nicht abzulegen. In entspanntem Zustand kann Oskar jedoch gut auf eine Kopfbedeckung verzichten.

Rico kann schlecht rechnen, weil ihm – wie er selber sagt – im Gehirn die passende Abteilung für Mathematik fehle. Bei Reizüberflutung kann er gar nicht mehr denken, weil in seinem Kopf die „Bingotrommel“ losgeht und ihn die  wild und laut herum- klackernden Bingokugeln total verwirren. Manchmal versteht er Dinge etwas zu wörtlich, was zu witzigen Mißverständnissen führt. Rico verfügt über sehr viel Einfühlungsvermögen und geht wesentlich geduldiger an seine Mitmenschen heran als Oskar, der die Begriffsstutzigkeit von Erwachsenen und Kindern nur schwer ertägt.

Mit Ricos ausgeprägtem Gefühlsspürsinn und Oskars klugem Köpfchen haben die beiden Jungs schon einige aufregende Abenteuer gut überstanden. Die Freunde wohnen in einem Altbauhaus in der „Dieffe 93“ in Berlin. Das ist ganz praktisch, zumal Rico eine ausgeprägte Rechtslinksschwäche hat und sich räumlich schnell verirrt.

Oskar wohnt bei seinem Vater Lars in der zweiten Etage. Rico lebt mit seiner Mutter und seinem frisch angeheirateten Stiefvater in einer zusammengelegten Wohnung, die sich  über die vierte und fünfte Etage erstreckt. Ricos Mutter ist hochschwanger und achtet inzwischen konsequent auf gesunde Ernährung, was Ricos Süßigkeitenkonsum drastisch einschränkt. Und kürzlich behauptete seine Mutter auch noch, er habe heimlich ihre Silberzwiebelchen weggefuttert. Mann, Mann, Mann – dabei war er wirklich unschuldig.

Wir schreiben den 24. Dezember. Rico schaut schneeflockenhypnotisiert aus dem Fenster auf das dichte Schneetreiben und ist mit seiner Geschenkevorfreude beschäftigt. Er wünscht sich einen Kriminalkoffer und eine Detektivausrüstung, schließlich hat er mit Oskar zusammen schon einige Kriminalfälle gelöst, und überdies ist sein neuer Papa  Polizist – da dürften ja wohl mal ein paar Handschellen & Co drin sein.

Um halb elf gehen Rico und Oskar zu Fuß zum Karstadt. Oskar will noch ein Geschenk für seinen Vater und für Otto kaufen, den besten Kumpel seines Vaters. Außerdem vielleicht noch eine Kleinigkeit für Anna, die neue Freundin, die Otto heute zum Festessen und Kennenlernen mitbringen wird. Rico will noch ein ganz raffiniertes, sehr um die Ecke gedachtes Geschenk für sein zukünftiges Brüderchen oder Schwesterchen kaufen – einen Schwimmreifen, mit dem es bei der Geburt durchs „Obstwasser“ schwimmen soll. Ich freue mich jetzt schon auf die Verfilmung dieses lustigen Verkaufsgesprächs …

Auf dem Weg zum verabredeten Wiedertreffpunkt in der Herrenabteilung – bei Karstadt verirrt sich Rico nämlich unerklärlicherweise nie – beobachtet Rico von der Rolltreppe aus, daß Oskar an einem Sonderangebotstisch für weiße Damenunterwäsche herum-wühlt. Rico wundert sich, fragt aber später nicht nach.

Zurück in der Dieffe 93 muß erst einmal Ricos Vater vor der im Treppenhaus einge-klemmten etwas übergroßen Weihnachtstanne gerettet werden. Das kommt davon, wenn man irgendwelche unterwegslichen Sonderangebote wahrnimmt, anstatt wie versprochen seinen Sohn zum Baumaussuchen mitzunehmen.

Doch das renkt sich alles wortwörtlich wieder ein, zumal Lars, Otto, Anna und sogar der muffelige Hausmeister Mommsen tüchtig mitanpacken. Rico darf zum Ausgleich den Baum schmücken, und Mamas beste Freundin Irina beginnt derweil ein traditionelles russisches Weihnachtsmenü vorzubereiten, denn Ricos Mama kann mit ihrem Wasserballbauchumfang nicht so lange in der Küche hantieren und soll sich lieber schonen und ausruhen.

Rico macht eine kleine Stippvisite bei Frau Dahling, seiner alten Freundin und Nachbarin aus dem dritten Stock, die sich Sorgen macht, da ihr Verehrer noch nicht da ist. Rico tröstet sie und meint, daß er wegen des vielen Schnees einfach länger unterwegs sei. Ein paar leckere Müffelchen staubt er beiläufig auch noch ab. Frau Dahling erzählt, daß Oskar bei seinem letzten Besuch eine Riesenmenge Müffelchen alleine verputzt habe. Rico wundert sich erneut über Oskars ungewohntes Verhalten.

Müffelchen sind kleine Schnittchen mit Käse und Aufschnitt, mit kulinarischer Dekoration aus Gürkchen, Oliven, Ei, Petersilie, salziger Sardelle und Silberzwiebelchen. Wenn Frau Dahling mit Rico und Oskar Filmschnulzen guckt, gibt es immer Müffelchen, und da wäre man wirklich selber gerne mal dabei.

Der Schneesturm wird immer heftiger. Rico packt liebevoll das Geschenk für sein Geschwisterchen ein und kuschelt eine Runde mit Porsche, seinem kleinen Jack-Russell-Terrier.

Rico denkt über Oskar nach, über das verschwundene Essen, über die Damenunter-wäsche und diverse weitere Auffälligkeiten. Kaum hat er richtig kombiniert, daß Oskar offenbar jemanden versteckt und durchfüttert, da klingelt Oskar und bittet seinen Freunde dringend um Hilfe …

Das wird sehr dramatisch und schneewehisch, aber auch ganz wunderwunderbar familiär und nächstenlieb – wie es sich für den Heiligen Abend gehört …

Wer eine spannende und zugleich gefühlvoll-nachdenkliche sowie humorvolle Kinderlektüre sucht, ist bei Rico und Oskar sehr gut aufgehoben. Hier finden sich ein reicher Fundus lebensechter Charaktere, ein warmherziger, wortspielerisch- er Erzählstil, eine lebenskluge Balance von perfekter Dramaturgie und emotionaler Reflektion sowie vielfältige familiäre, lustige, milieuspezifische, zwischenmenschliche und kindgemäß-geistreiche Aspekte.

Alleine schon für die Worterklärungskästchen, die Rico immer formuliert, wenn er ein neues Fremdwort gelernt hat, lohnt sich die Lektüre, wie das nachfolgende Zitat zeigt:

»PROFILNEUROSE: Wenn jemand sich vor anderen wieder und wieder darstellen muss, auch wenn die ihn schon jahrelang kennen und das langweilig finden. Es ist die Vorstufe von Narzissmus, wo einer nur noch sich selber sieht und liebt. Keine Ahnung, was das alles mit Rosen und Narzissen zu tun hat, aber es betrifft nicht nur Gärtner.« (Seite 156)

Die farbigen Illustrationen von Peter Schössow geben Rico und Oskar mit ausdrucksvollem Minimalismus anschaulich-knuffelige sowie äußerst textgetreue Gestalt, und die schneebeflockten Kapiteltrennseiten tragen zusätzlich zur winterlichen Gestimmtheit der Geschichte bei.

Im vorliegenden vierten Band von „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ sind die Kinder im Vergleich zu den ersten drei Bänden etwas reifer und selbstbe- wußter geworden. Ricos Kopfbingogekugel hat deutlich nachgelassen, und Oskar trägt nicht ständig eine Kopfbedeckung. Gleichwohl sind sie Kinder und brauchen Halt, Orientierung und Hilfe von erwachsenen Erwachsenen. Es gibt in diesem Buch sehr anrührende Szenen, welche das tiefe kindliche Bedürfnis nach familiärer Geborgenheit, Schutz, Trost und Vertrauen in anschaulichen Formulierungen wiedergeben.

Ricos Angst vor Liebesverlust durch das erwartete Geschwisterchen begegnet Oskar mit folgender sehr weisen Antwort:

»Liebe ist, glaube ich, etwas ziemlich Unerschöpfliches. Dir wird nichts weggenommen – wenn jemand Neues dazukommt, wächst für den einfach neue Liebe dazu. Deshalb muß man auch keine Vorräte anlegen, es ist immer genug für alle da.« (Seite 94)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-vomhimmelhoch-rico-und-oskar-/61384

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band „Rico, Oskar und die Tieferschatten“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-die-tieferschatten-rico-und-oskar-1/30991
zum zweiten Band: „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-herzgebreche-rico-und-oskar-2/25135
und zum dritten Band: „Rico, Oskar und das Herzgebreche“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-der-diebstahlstein-rico-und-oskar-3/23133
Hier entlang zu einem weiteren Kinderbuch von Andreas Steinhöfel, in dem sich ebenfalls zwei Außenseiter erfolgreich zusammentun: „Glitzerkatze und Stinkmaus“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/11/glitzerkatze-und-stinkmaus/

Der Autor:

»Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren, arbeitet als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher – vor allem aber ist er Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z. B. »Die Mitte der Welt«. Für »Rico, Oskar und die Tieferschatten« erhielt er u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2009 hat Andreas Steinhöfel den Erich-Kästner-Preis für Literatur verliehen bekommen, 2013 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und 2017 folgte der James-Krüss-Preis. Andreas Steinhöfel ist als erster Kinder- und Jugendbuchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Der Illustrator:

»Peter Schössow, Jahrgang 1953, gehört zu den renommiertesten deutschen Illustratoren. Nach seinem Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg arbeitete er unter anderem für Spiegel, Stern und Die Sendung mit der Maus. Darüber hinaus hat er eine Vielzahl von Kinderbüchern verfasst und illustriert, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Peter Schössow lebt in Hamburg.«

 

Meine lokale KAUFEMPFEHLUNG:

Für meine Solinger Mitleser weise ich gerne darauf hin, daß die Buchhandlung
DIE SCHATZINSEL stets einen satten Vorrat an Andreas-Steinhöfel-Büchern pflegt.
Von „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ sind sogar noch
vom Autor signierte Exemplare (von der Solinger-Steinhöfel-Lesung vom 6.11.2017) vorrätig.

Die Schatzinsel
Buch & Meer
Forststr. 1
42697 Solingen
Tel:   0212  –  38 32 95 10
Fax:  0212  –  38 32 95 11
http://www.schatzinsel-solingen.de

 

 

Irgendwo brennt ein Feuer im Eis

  • Eine Erzählung über Vulkane, Gebirge und die Schätze der Erde
  • Text und Fotos von Andreas Pflitsch
  • Illustrationen von Dirk Steinhöfel
  • Arena Verlag  Juni 2017    www.arena-verlag.de
  • 48 Seiten
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 26 cm x 32,8 cm x 1,2 cm
  • abgerundete Buchecken
  • ISBN 978-3-401-60248-6
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A)
  • ab 9 Jahren

FEUER, WASSER, ERDE, LUFT  UND  EIS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

» Aber so ist das im Leben. Manche Dinge brauchen Zeit, um sich zu entwickeln.
So wie die Gegend hier.
«  (Seite 8)

Dieses Zitat sollten wir in Anbetracht der erdgeschichtlichen Zeiträume und Zusammen-hänge, die uns in diesem erzählenden Abenteuersachbuch vermittelt werden, stets im Sinn behalten.

Wie schon im ersten Gemeinschaftswerk von Andreas Pflitsch und Dirk Steinhöfel, das uns das Geheimnis der Höhlen erschloß (siehe meine Rezension vom  Oktober 2014 https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/08/irgendwo-in-der-tiefe-gibt-es-ein-licht/), erwartet den geneigten Leser und Betrachter auch im neuen Buch eine interessante und lebendige Einführung in ein erdgeschichtliches Wissensgebiet. Hier wird auf spannende Weise Wissen vermittelt und mit beeindruckendem Bildmaterial Forscherdrang und Entdeckerfreude geweckt.

Die Geschwister Jonas und Sophie haben wieder eine Einladung von ihrem amerika-nischen Urgroßvater Elias bekommen. Diesmal geht es nach Alaska. Voll aufgeregter Vorfreude steigen sie in Anchorage aus dem Flugzeug und werden von ihrer Tante Janis herzlich in Empfang genommen.

Elias hat sich versteckt und läßt den Kindern nach und nach bruchstückhafte Botschaften und Hilfsmittel zukommen, damit sie die von ihm gestellte, zunächst ganz rätselhafte Suchaufgabe lösen. Bereits dem Einladungsbrief lag das Bruchstück einer alten Kupferplatte mit geheimnisvollen Gravierungen bei. Im Verlauf der Suche werden sich die Hinweise und die Metallplatte zu einem sinnvollen Ganzen runden.

In Begleitung ihrer Tante erkunden die Kinder die Gegend und bewundern die imposanten Berge. Viele davon sind, obwohl schneebedeckt, Vulkane – eine gute Gelegenheit, einen kleinen Exkurs über Plattentektonik, Gebirgsbildung, Gebirgsfaltung, und Vulkantypen (Schildvulkane, Schichtvulkane) ins Gespräch zu bringen.

Illustrationen von Dirk Steinhöfel © Fotos von Andreas Pflitsch © Arena Verlag 2017

Im Informationszentrum des Wrangell-St.-Elias-Nationalparks schauen sich die Kinder eine Landkarte mit eingezeichneten Kontinentalplatten an, und Tante Janis‘ Erläuterungen zur unterschiedlichen Konsistenz der Erdschichten und Erdmantel- schichten werden in anschauliche Graphiken übersetzt.

Das ist der Moment, in dem man ein bißchen das Gefühl für den festen Boden unter den Füßen verliert. Denn unser fester Boden ist eine vergleichsweise dünne Haut – die sogenannte kontinentale Kruste -, die auf der Lithosphäre liegt, und diese wiederum befindet sich auf dem Erdmantel, der aus plastischem Material besteht. Das, was wir – außer bei Erdbeben – als unbewegliche Landmasse erleben, schwimmt tatsächlich auf dem zähflüssigen Gestein des Erdmantels. Dazu kommen noch die Ozeanböden, welche die ozeanische Kruste bilden.

Ozeanböden sind schwerer als Kontinentalböden, und sie sinken nach und nach in die weichere Erdmantelschicht ab. So entstehen Risse und Spalten in der Ozeanplatte, aus denen Magma aufsteigt, und dies drückt die Ozeanplatten auseinander und läßt sie bis zu 12 cm jährlich wachsen.

Illustrationen von Dirk Steinhöfel © Fotos von Andreas Pflitsch © Arena Verlag 2017

Parallel zur Suche nach Elias wird das Thema Vulkanismus, die Entstehung von Erdbeben, Magmablasen, die Funktion von Stratovulkanen, die Rolle von Wasser und Wasserdampf sowie die Ausfällung von Metallen und die Entstehung von Gold-, Silber- und Kupferadern, aber auch unterschiedlicher Gesteinsarten und Fossilien erklärt. Daneben eröffnen sich uns großartige Ausblicke auf imposante Vulkanausbrüche, Lavaströme und wunderschöne Gebirgslandschaften.

Und die Kinder finden natürlich auch ihren Urgroßvater wieder, in einer alten verlassenen Minenstadt …

Die Verknüpfung einer zwischenmenschlichen Rahmenhandlung mit der Vermittlung von naturwissenschaftlichem Sachwissen hat den Reiz, daß die Informationen im familiären Gespräch erzählt, erörtert und rekapituliert werden. Das ist lebhafter und für Kinder gewiß anregender zu lesen als ein rein faktischer Sachbuchtext.

Das faszinierende Bildmaterial und die 3D-Optik bannen sowohl den kindlichen wie den erwachsenen Betrachter ganz unmittelbar. Bereits das außergewöhn- liche Großformat und die grafische Gestaltung von Dirk Steinhöfel, die dem Buch detailverspielt das Aussehen eines verwitterten Forschertagebuchs gibt, ist eine Einladung zum Leseabenteuer.

Dirk Steinhöfel hat die Fotografien mit eigenen Illustrationen ergänzt und teilweise collagiert und ein spannendes, computergraphisch montiertes Layout gestaltet, das den sachkundig-erzählenden Text von Andreas Pflitsch kongenial untermalt und veranschaulicht.

Ich hoffe, daß dieses wissens- und sehenswerte Buch von vielen jungen Lesern entdeckt wird und sie auf eine spannende und aufschlußreiche Lesereise in unterirdische Gefilde mitnimmt.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.arena-verlag.de/artikel/irgendwo-brennt-ein-feuer-im-eis-978-3-401-60248-6

Hier entlang zum ersten Abenteuersachbuch von Andreas Pflitsch und Dirk Steinhöfel:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/08/irgendwo-in-der-tiefe-gibt-es-ein-licht/

 

Der Autor:

» Prof. Dr. Andreas Pflitsch wurde 1958 geboren. Er lehrt in den Bereichen Geografie und Sicherheitsforschung und arbeitet als Spezialist für  Klimatologie an extremen Standorten (Gletscherhöhlen, Lavahöhlen, U-Bahntunnel). Neben Arbeiten in Alaska, den Rocky Mountains und dem Mittleren sowie Süd-Westen der USA baut er das Forschungszentrum zur Lava- und Eishöhlenforschung „Akeakamei“ auf Hawaii auf. «  http://www.andreas-pflitsch.de

Der Illustrator:

» Dirk Steinhöfel wurde 1964 geboren. Als freiberuflicher Autor und Illustrator im Bereich Kinder- und Jugendliteratur entwickelt er vor allem detaillierte Graphic Novels sowie Cover für Fantasyliteratur und Dystopien. « www.der-dreizehnte-engel.de

 

PS:

Schade finde ich, daß der Verlag offenbar bei der Herstellung nachlässig war.

Das Titelbild ist, verglichen mit dem spektakulären Bildmaterial des Buches und im Vergleich mit dem geheimnisvoll einladenden Titelbild des Vorgängerbandes, leider etwas lahm und zahm geraten. Hatte der Verlag dabei Angst vor der Angst? Vulkanismus ist nun einmal kein gemütliches Gebiet, sondern ein durchaus dramatisches und auch beängstigendes Thema, das liegt einfach in der Natur der Sache.

Wieso sind die Buchnieten, die man außen auf dem Titelbild sieht, auf den Innenseiten plötzlich verschwunden? Im Vorgängerband wurden die Blattlochungen und die Buchbindeschnur des Forschertagebuchs auch auf den Innenseiten weitergeführt, was die dreidimensionale optische Wirkung verstärkte.

Ausgerechnet bei der plakativen Autorenkurzinfo auf dem hinteren Buchdeckel fand für den Autor eine unerklärliche Umschulung zum Geologen statt. Tatsächlich ist Andreas Pflitsch jedoch Klimageograph und Höhlenforscher und beim ersten Buch wußte der Verlag das auch noch.

 

 

Enno Anders

  • Löwenzahn im Asphalt
  • von Astrid Frank
  • Illustrationen von Regina Kehn
  • Verlag Urachhaus  März 2017    http://www.urachhaus.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • 160 Seiten
  • 14,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-5122-5
  • ab 9 Jahren

ANDERS  ANDERS  ALS  ANDERE

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der elfjährige Enno Anders ist ein phantasievoller Tagträumer; nicht oberflächlich, sondern gedankentief. Allerdings ist er manchmal so sehr in seine Gedankengänge vertieft, daß er eine einfache Aufgabe, wie beispielsweise den Frühstückstisch zu decken, nicht im konventionell-ordentlichen Sinne erledigt oder eine an ihn gestellte Frage nicht hört oder sie im assoziativen Zusammenhang mit der Geschichte beantwortet, die er sich gerade ausdenkt.

Enno ist nun zum zweiten Mal in der vierten Klasse, weil seine schlechten Noten eine Klassenwiederholung geboten. Seine sehr feinen Wahrnehmungsantennen machen Enno das Leben oft schwer. In der Schule irritiert ihn das laute Knacken der Heizungs- systeme und das Geschniefe seines Sitznachbarn, und es gelingt ihm nicht immer, diese für ihn sehr intensiven Reize auszufiltern und dem Unterricht konzentriert zu folgen.

Er mag keine gewalttätigen Filme und kann während der Pausen bei den angesagten Filmen, die seine Klassenkameraden gesehen haben, nicht mitreden. Auch wettbe- werbsbetonte Spiele, in denen es Verlierer und Gewinner gibt, erfüllen ihn nicht mit Freude.

Durch sein untrügliches Gespür für Wahrhaftigkeit und hat er schon so manche Täuschung – beispielsweise seiner egozentrischen Tante – entlarvt. Doch wenn er einen solchen Verdacht äußert, glaubt ihm zunächst niemand, und wenn sich dann seine Wahrnehmung offensichtlich für alle bestätigt, schaut ihn seine Familie an, als wäre er ein unheimlicher Außerirdischer mit Röntgenblick. Dabei ist es Enno unheimlich, daß die anderen nicht mitbekommen, wenn jemand lügt.

Sein bester Freund ist – ausgerechnet – der hochbegabte Nachbarsjunge Olsen, der mit seinen elf Jahren schon in die siebte Klasse geht und nebenbei noch Vorlesungen in Mathematik und Physik besucht, damit sein Superhirn besser ausgelastet ist. Beide Jungs haben gemeinsam, daß sie Außenseiter sind und wesentlich komplexer über die Dinge nachdenken. Bei Olsen fühlt sich Enno verstanden und angenommen, einfach so wie er eben ist. Olsens Mutter ist stolz auf ihren Sohn, und Enno hat den Eindruck, daß sie Olsen gerade wegen seiner Besonderheit umso mehr liebt.

Seine eigene Mutter, das spürt Enno ganz deutlich, hätte ihn gerne anders, also normaler und funktioneller, und sie sorgt sich, was aus ihrem Sohn einmal werden solle. Seine große Schwester Elena geht erfolgreich aufs Gymnasium, und Ennos Mutter wünscht sich, daß Enno dieses Bildungsziel ebenfalls erreicht. Um jedoch eine schulische Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen, braucht Enno bessere Noten, u.a. wenigstens ein „befriedigend“ im Fach Deutsch.

Manchmal denkt Enno, daß er ein Außeririscher sei, denn so richtig zu Hause fühlt er sich in der menschlichen Gesellschaft nicht. Egal wieviel Mühe er sich gibt, die Menschenwelt mit ihren unzähligen groben Reizen, der schmerzhaften Lautstärke und den leistungsorientierten Regeln strengt ihn an, und er sehnt sich nach leiseren, langsameren, friedlicheren Gefilden.

Als kreatives Ventil dient ihm eine Geschichte, an der er schon eine Weile heimlich schreibt. In diesem fiktiven Freiraum ist Enno tatsächlich ein Außerirdischer, der das seltsame Leben der Erdmännchen und Erdweibchen erforscht und reflektiert. Die Lesekostproben, die – farblich abgesetzt – ins Buch integriert sind, offenbaren Ausdrucksstärke, Humor und Fantasie sowie einen beträchtlichen Nachholbedarf bei Rechtschreibung und Zeichensetzung.

Nachdem er seine Geschichte fertig geschrieben hat, druckt er sie für seinen Freund Olsen aus. Olsen ist begeistert und regt Enno an, den Text  bei einem Schreibwettbe- werb einzureichen, aber Enno traut sich nicht – wegen seiner schlechten Deutschnote …

Enno lebt in ständigem Konflikt zwischen seinem kindlichen Bedürfnis, von seiner Familie eine positive Resonanz auf sein Sosein zu bekommen, und dem Gefühl, sich für positive Bestätigung verstellen zu müssen. Der Konflikt spitzt sich angesichts der drohenden Empfehlungsschreiben für die weiterführende Schulart zu.

Er belauscht ein Gespräch zwischen seiner Mutter und seinem Vater. Während sein Vater der Ansicht ist, Enno müsse nicht aufs Gymnasium gehen, die Realschule täte es auch und von dort aus könne er später immer noch aufs Gymnasium wechseln, bringt seine Mutter, aufgeregt durch ein Schreiben der Klassenlehrerin, die Frage nach ADS, Entwicklungsdefiziten und sogar einer Förderschule ins Gespräch.

Auf Anregung von Olsens Mutter geht Ennos Mutter mit ihm zu Doktor Müller, dem Psychologen, der Olsens Hochbegabung festgestellt hatte. Enno ist mißtrauisch, aber der Psychologe ist sympathisch und wohlwollend. Nach einigen Tests und einfühlsamen Befragungen erklärt Doktor Müller, daß Enno über eine durchschnittliche Intelligenz mit besonderer Stärke im sprachlichen Sektor verfüge. Außerdem habe er keinerlei Entwicklungsstörungen, sondern nur eine spezielle Eigenschaft, die ihn von der Mehrzahl seiner Altersgenossen unterscheide: Er ist hochsensibel!

Ennos Mutter begreift nun, wie sehr ihre Zweifel an ihrem Sohn ihn zusätzlich belastet haben, da Hochsensible sehr genau spüren, was andere Menschen über sie denken. Die Weichen für besseres wechselseitiges Verständnis sind nun gestellt. Während Ennos Mutter die Neuigkeit für sich verarbeitet, geht Enno rüber zu Olsen, und sie recherchieren und besprechen ausführlich das Thema „Hochsensibilität“.

» „Also, du meinst, die meisten Leute sind wie Löwenzahn. Sie kommen sogar mit nicht so guten Lebensbedingungen zurecht, weil sie sich daran anpassen können. Und dann gibt es Leute, so wie mich zum Beispiel, die sind wie Orchideen. Wenn um sie herum alles total super ist, dann geht es ihnen gut und sie bringen manchmal sogar mehr zustande als die Löwenzahnmenschen.“
Olsen nickt und grinst begeistert: „Genau“, sagt er. „Aber wenn man eine Orchidee nicht gut pflegt…“ « (Seite 149)

Diese Innenansichten eines hochsensiblen Jungen bieten einen aufschlußreichen Einblick in Lebenserfahrung, Daseinsbedingungen und die besonderen zwischenmenschlichen Herausforderungen eines hochsensiblen Kindes. Die Mißverständnisse und pädagogischen Fehldeutungen, mit denen hochsensible Kinder häufig konfrontiert sind, werden deutlich thematisiert und konstruktiv korrigiert.

Ganz besonders gelungen ist die Darstellung der hohen Empathie des hochsensiblen Kindes sowie seine Schwierigkeit, die eigenen Gefühle und die des Gegenübers auseinanderzuhalten. So spürt Enno sehr wohl, daß seine Mutter ihn liebt, aber ebenso, daß sie von ihm enttäuscht wäre, wenn er beispielsweise nicht aufs Gymnasium käme. Diese Gefühlsmelange aus eigener Traurigkeit und der Traurigkeit über die Traurigkeit des anderen wird sehr anschaulich und anrührend in Szene gesetzt.

Normalsensiblen Kindern, Eltern und Betreuern kann diese Lektüre eine Ahnung von der Wahrnehmungsintensität, Denkkomplexität und Empathie- begabung hochsensibler Menschen vermitteln.

Dieses Kinderbuch bietet für hochsensible Kinder breite Identifikations- möglichkeiten und es stärkt auf einfühlsame, humorvolle und kindgerechte Weise Selbstverständnis und Selbstwertschätzung für das individuelle Anderssein sowie Vertrauen in das intuitive, hochsensible Wahrnehmungs- spektrum und die damit verbundene feinsinnig-empfindsame zwischenmenschliche Kompetenz.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825151225/enno-anders

Die Autorin:

»Astrid Frank, geboren 1966, verdiente ihr erstes eigenes Geld noch zu Schulzeiten als Tellerwäscherin in einer Krankenhausküche. Später studierte sie Biologie, Germanistik und Pädagogik und arbeitete bereits während des Studiums als Lektorin und Übersetzerin für mehrere deutsche Verlage und schreibt seit 1999 Geschichten für Kinder und Jugendliche. Sie lebt mit ihrer Familie in Köln. Im Verlag Urachhaus ist bereits ihr Jugendbuch Unsichtbare Wunden erschienen.«   http://www.astridfrank.de

PS:
Diese Buchbesprechung widme ich gerne und aus hochsensibler Selbster- fahrung und Überzeugung Petra Pawlowskys Fundgrube KINDER IM AUFWIND: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

Querverweis auf ergänzende Bücher:

Für Sachbuchstoff zum Thema Hochsensibilität linsen Sie bitte unter die nachfolgenden Links: Eliane Reichhardt: Hochsensibel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/20/hochsensibel/
Sylvia Harke: Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/23/hochsensibel-ist-mehr-als-zartbesaitet/

Querverweis auf weiterführende Webseiten zur Hochsensibilität:

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität,
IFHS e.V. in Deutschland, Österreich und der Schweiz:
http://www.hochsensibel.org/
www.zartbesaitet.net
www.ifhs.ch
(Berufs-)verband pro Sensitivität und Empathie im Beruf,
VSEB e.V.:  www.vseb.org
Hilfe für hochsensible Kinder und Jugendliche: www.hochsensiblehilfe.de

Wer gerne wissen möchte, ob er hochsensibel ist, kann den nachfolgenden kleinen Test absolvieren. HSP-Test-Fragebogen: http://www.zartbesaitet.net/survey/site.php?a=su_onepage&su_id=1

 

Die Gorgel

  • von Jochem Myjer
  • Originaltitel: »De Gorgels«
  • Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
  • mit farbigen Illustrationen von Rick de Haas
  • Verlag Freies Geistesleben  März 2017   http://www.geistesleben.com
  • gebunden
  • 175 Seiten
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2789-0
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 7 Jahren

J U B E L D I B A M B A M!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Jochem Myjers Kinderbuch gibt es Gorgel, kleine spitzohrige Wesen, die mit einem Holzstock bewaffnet sind und schlafende Kinder vor den giftgrünen, schädlichen Scheußlingen beschützen. Die Scheußlinge, mit ihrer unverkennbaren Duftmarke fauliger Schweißsocken, brauchen Kinder nur anzuhauchen, und schon bekommen sie eine fiese Erkältung, Bauchweh, Kopfschmerzen oder auch schlimmere Krankheiten.

Die meisten Kinder können weder die Gorgel noch die Scheußlinge sehen, und sie ahnen nichts von den freundlichen Hütern ihres Schlafes und von den Kämpfen, die gelegentlich für ihr Wohlergehen ausgefochten werden.

Doch Melle ist ein Junge, der über eine sehr gute Beobachtungsgabe verfügt; er ist sehr naturkundig, kennt viele Vögel und betrachtet die Welt mit aufgeschlossenem Herzen. So sieht er eines Nachts ein kleines Wesen mit muskulösen Ärmchen und Beinchen auf seiner Bettkante sitzen. Als das Wesen begreift, daß Melle es sehen kann, versteckt es sich blitzschnell; aber so leicht läßt sich Melle nicht abwimmeln.

Es dauert zwar eine Weile, doch schließlich kommt Melle mit dem Gorgel, der Bobba heißt, ins Gespräch. Bobba spricht mit einem lustigen Akzent und führt stolz seine Stockfechtkünste vor, und er erklärt Melle, welche wichtigen Aufgaben Wachgorgel erfüllen. Sie sorgen dafür, daß Kinder gut schlafen, sie heilen Wunden, helfen Kindern bei der Genesung, und sie beschützen sie vor dem schädlichen Einfluß der Scheußlinge.

Alle Gorgel stammen von einer nahegelegenen Insel, auf der zufällig auch Melles Großeltern zu Hause sind. Melle erfährt, daß sein Großvater bei den Gorgeln bekannt und beliebt ist, weil er als Kind ebenfalls die Gorgel sehen konnte und die Freundschaft zu ihnen pflegte.

Als Melle seinem Vater von Bobba erzählt, ist er sehr besorgt, denn rege Wachgorgel-aktivität deutet auf nahende Scheußlingsbedrohung hin. Die Sorge ist berechtigt. Schon in der nächsten Nacht dringt ein Scheußling in Melles Zimmer ein. Bobba kämpft energisch und äußerst tapfer gegen ihn und katapultiert den Scheußling aus dem Fenster, aber der hat Bobba vorher noch ins Bein gebissen, und nun sorgt sich Melle um Bobbas Gesundheit.

Melle und sein Vater beschließen, mit dem verletzten Gorgel einen Besuch bei den Großeltern zu machen. Denn Melles Großvater weiß sehr viel über Gorgel, und auf der Insel leben Bobbas Artgenossen, die ihn hoffentlich heilen können. Der Großvater läßt Melle als Erste-Hilfe-Medizin sogleich Moosbeeren sammeln, mit denen er den fiebernden Bobba füttert.

Melle macht sich mit Bobbas geschwächter Hilfe auf die Suche nach den Inselgorgeln. Dies gelingt reibungslos, die Gorgel nehmen Bobba in ihre Obhut, und sie warnen vor einer Invasion von Scheußlingen, da sie mit ihren feinen Nasen schon die nahende, fiese Duftnote einer großen Gruppe „Grönländischer Scheußlinge“ wittern. Wenn es nicht gelänge, diese Scheußlinge aufzuhalten, dann würden viele Kinder krank werden.

Der findige Melle entwickelt aus den vorhandenen Mitteln des Meeres einen raffinierten Plan, um gemeinsam mit den Inselgorgeln die Scheußlinge zu verjagen. Es erweist sich als großer Glücksfall, daß er naturkundig ist und viel über Tiere und ihre Verhaltens-weisen weiß und trickreich die Hilfe von Taschenkrebsen, Löfflern, Möwen und Seehunden in Anspruch nehmen kann.

Jochen Myjer hat mit „Die Gorgel“ eine ebenso warmherzige wie spannende und naturverbundene Geschichte geschrieben, in der trotz einiger Gefahren und Bedrohungen ein wohltuender Grundton familiärer Geborgenheit, zuverlässiger Fürsorge und inniger Freundschaftsbindung vorherrscht.

Die Gorgel  wecken auf jeden Fall spielend die kindliche Sympathie und Neugier, und ihre zwar geheimnisvoll-märchenhafte, gleichwohl handfest-tatkräftige und zugewandt-lustige Wesensart ist eine Inspiration für große und kleine Menschen mit Beschützerinstinkten und Phantasie.

Dieses Kinderbuch gibt Anlaß zum Lesejubel oder – wie man auf Gorgelisch begeistert auszurufen pflegt – JUBELDIBAMBAM!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.geistesleben.de/buecher/9783772527890/die-gorgel

 

Der Autor:

»Jochem Myjer 1977 geboren, ist einer der bekanntesten und beliebtesten Kabarettisten und Comedians in den Niederlanden. Sein Biologiestudium gab er nach zwei Jahren auf, um sich ganz dem Kabarett zu widmen. Er war u.a. Moderator der Kindersendung «Kinderen voor Kinderen» und spricht auch im Radio. 2010 gewann er den Cabaret Award als bester Kabarettist. Er lebt mit der Sängerin Marloes Nova zusammen und hat mit ihr zwei Kinder. Sein Buch Die Gorgel wurde 2016 mit dem Prijs van den Nederlandse Kinderjury ausgezeichnet.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mach die Biege, Fliege!

  • Text und Illustrationen von Kai Pannen
  • Tulipan Verlag Februar 2017  www.tulipan-verlag.de
  • 104 Seiten
  • Format: 24,5 x 17 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86429-339-9
  • ab 4 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen


HERAUSSPAZIERT!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Stubenfliege Bisy und Hausspinne Karl-Heinz leben seit dem letzten Weihnachtsfest in einträchtiger Wohngemeinschaft zusammen. Wie es zu dieser außergewöhnlichen Freundschaft kam, erfährt man aus dem ersten Band „Du spinnst wohl“ (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/27/du-spinnst-wohl/ ).

Es genügt zu wissen, daß Karl-Heinz Bisy zuliebe Vegetarier geworden ist und daß die Temperamente der beiden Freunde sehr unterschiedlich sind. Bisy ist quirlig, gesellig, vorwitzig, unternehmungslustig, hat ein flottes Mundwerk und kennt sich mit der Welt außerhalb des Hauses aus. Karl-Heinz ist einzelgängerisch, schüchtern, schwerfällig, vorsichtig, hat gerne seine ungestörte Ruhe und scheut Veränderungen.

Bisy wird nach den langen Wintermonaten frühjahrsmunter und sehnt sich nach mehr Aufregung und Spannung, aber Karl-Heinz hockt lieber gemütlich auf seinem Sofa und will sich von Bisy nicht zu neuen Abenteuern animieren lassen. Beide schmollen und fragen sich, ob sie auf Dauer noch zusammenpassen.

Der gnadenlos-gründliche Frühjahrsputz der Menschen zwingt die beiden zur Flucht nach draußen. Karl-Heinz reagiert zögerlich auf die Attacken von Staubwedel, Putzbürsten und Wischlappen und liest erst noch einmal in seinem „Haushaltsratgeber für Krabbeltiere“ nach, was es mit dem sogenannten Frühjahrsputz auf sich hat, und gibt sich der Illusion hin, noch ein sichereres Plätzchen im Hause zu finden.

Bisy drängt Karl-Heinz zur Eile und schwärmt ihm von der großen, weiten Welt des Gartens vor, von Freiheit, Frischluft und Pflanzenfülle. Erst als das Dröhnen des Staubsaugers immer näher kommt, rafft sich Karl-Heinz widerwillig auf und folgt Bisy zum Fenster und von dort aus in den Garten.

Auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen für ein neues Wohnnetz krabbelt der naturbanausige Karl-Heinz zum ersten Mal in seinem Leben durch Wiesengras, hört es überall rascheln und flüstern und wird von Bisy über die Lebensgefahr durch Vögel aufgeklärt. Das Wetter ist feuchtkalt und windig, und Karl-Heinzens Laune ist nicht sehr wetterfest.

Sie begegnen einer revierverteidigenden Wespenkönigin, hilfsbereiten Kellerasseln, einer Truppe preußischer Ameisensoldaten und einem Regenwurm, der das feuchte Wetter als ganz vorzüglich lobt und vor einer Aufheiterung des Wetters warnt.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Schließlich finden sie eine Buchenhecke, in deren Geäst Karl-Heinz ein unkonventionelles Netz knüpft. Die Regenwolken verziehen sich, und die Sonne scheint auf das neue Heim der ungleichen Freunde. Kaum haben sie sich „häuslich“ eingerichtet, da kreuzt eine griesgrämige Blattwanze auf und verlangt eine Baugenehmigung.

 

Bisy macht sich über das beamtische Gehabe lustig, und Karl-Heinz überlegt, ob er sich eine Ausnahme im vegetarischen Speiseplan erlauben könne – natürlich nur bei nervigen Mitinsekten, zumal Blattwanze doch ziemlich nach Gemüse klinge.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Während Bisy einen größeren Erkundungsausflug unternimmt und beinahe von einer Libelle gefangen wird, macht Karl-Heinz in der obersten Etage der Buchenhecke Bekanntschaft mit Constanze, einer molligen, kapriziösen Schmetterlingsraupendiva, die ihn „dicker Herr Spinnerich“ nennt.

Außerdem entdeckt Karl-Heinz in der näheren Umgebung den Bonbonmarkt der  Blattläuse. Sie fabrizieren aus süßen Pflanzensäften  Ahorndrops, Birkenlutscher, Efeuschlotzer, Fliederbonschen, Holunderpastillen, Kirschstangen, Ligusterheckenkamellen, Rosengutsle … So langsam findet Karl-Heinz das Leben in der Wildnis ganz attraktiv.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Er strickt für Bisy einen Wespenanzug, damit er keine Angst mehr vor Libellenangriffen haben muß, und  Bisy bastelt für Karl-Heinz ein Skateboard für seine körperliche Ertüchtigung.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Bisy organisiert heimlich eine Geburtstagsfeier für Karl-Heinz, es gibt heftigen Streit, ja, sogar Freundschaftsverrat wegen Constanze. Bisy zieht aus dem Netz aus und sucht vergeblich eine anderweitige Bleibe. Nach einigem Hin und Her und lehrreichen zwischeninsektischen Erfahrungen finden die beiden jedoch wieder zueinander.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Und das mit der Baugenehmigung klappt dann übrigens auch noch!

Sowohl zeichnerisch als auch sprachlich wartet „Mach die Biege, Fliege!“ mit einfühlsamen, farbenfröhlichen, phantasievollen und witzigen Details auf. Die 23 Einzelkapitel sind zwischen drei bis fünf Seiten lang und großzügig illustriert. Der Lesespaß dürfte somit für Vorlesenehmer, Vorlesegeber und Selbstleser garantiert sein.

Die Beziehungsdynamik zwischen den beiden schrägen Insektentypen speist sich aus ihren sehr unterschiedlichen Charakteren, ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit und den Reaktionen der Mitwelt auf ihre ungewöhnliche Verbindung. Vordergründig ist dies amüsant, skurril und oft situationskomisch. Zwischen den Zeilen enthält diese Geschichte indes gänzlich unaufdringlich eine Riesenportion beispielhafter Toleranzübung, kommunikativer Kompetenz und Herzensbildung.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.tulipan-verlag.de/Buecher/Kinderroman/Mach-die-Biege-Fliege.html?listtype=search&searchparam=biege
Und als Hörbuch gibt es den versponnenen Spaß (2 CDs zu 14,95 €)  auch noch:
http://www.headroom.info/neu-2-cds-mach-die-biege-fliege.html

 

Der Autor und Illustrator:

»Kai Pannen wurde am Niederrhein geboren. Er studierte Malerei und Film in Köln und arbeitet seitdem als Illustrator und Trickfilmer. In den letzten Jahren hat er zahlreiche Bücher für verschiedene Verlage illustriert. An der Animation School Hamburg war er Dozent für Animation und Storyboard. Daneben betätigt er sich als Produzent für animierte Kinder-Kurzfilme. Kai Pannen lebt mit seiner Familie in Hamburg.«
Mehr auf www.kaipannen.de.

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band mit Bisy und Karl-Heinz: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/27/du-spinnst-wohl/

Opa Mammut

  • Eine Familien-Weltgeschichte für Kinder
  • von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart  August 2016 http://www.jacobystuart.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig illustriert
  • 128 Seiten
  • Format: 20,1 x 25,4 cm
  • 19,95 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-946593-07-2
  • ab 10 Jahren (zum Selberlesen)
  • ab 6 Jahren (zum Vorlesen)

Z E I T R A F F E R

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Vom gemeinschaftlichen Lagerfeuer in der Wohnhöhle bis zum vereinzelnden Lichtfensterchen des Smartphones war es ein langer, langer Weg.

Illustration von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Die Autoren dieses Kinderbuches lassen einen unserer Urururururururur…–Ahnen die Menschheitsgeschichte im vertraulich-familiären Tonfall erzählen. Durch die Flammen des Feuers, dessen Beherrschung der epochale Fortschritt in der Zeit von Opa Mammut ist, schaut der altsteinzeitliche Erzähler in die Zukunft, und wir schauen mitlesend in die Vergangenheit unserer Menschheitsfamilie.

Im Vorwort sagt Opa Mammut: „Stell dir ein Buch mit tausend Seiten vor. Auf der ersten Seite wäre ich, dann käme eines meiner Kinder, danach die Kinder meiner Kinder – immer weiter durch die Zeit, auf jeder Seite eines meiner Enkelkinder, und auf der letzten Seite wärst du.“

Diese einleitenden Worte werden auf der nächsten Doppelseite mit den Stilmitteln konkreter Poesie in eine sehr gelungene graphische Zeittafeldarstellung gebracht. Erst danach erfolgt die menschheitsgeschichtliche Überlieferung aus dem Munde von Opa Mammut.

Illustration von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Zunächst berichtet Opa Mammut vom bewegungsreichen Wanderleben der Altsteinzeit, vom Sammeln und Jagen, von magischen Höhlenmalereien, vom Jagdfortschritt durch die Erfindung von Pfeil und Bogen, von Bestattungsritualen und von frühen flöten-musikalischen Bemühungen.

„Wenn ich heute daran denke, was es in der Steinzeit noch nicht gab – man musste praktisch alles selbst machen. Was man nicht konnte, gab es nicht. …  Es gab auch keinen Marmorkuchen, obwohl es ja die Steinzeit war.“ (Seite 24)

Opa Mammut berichtet vom Verschwinden der großen Mammutherden, vom Seßhaft-werden in der Jungsteinzeit, von Ackerbau und Viehzucht und von der Erfindung des Rades. Da man inzwischen auch gelernt hatte, Stoffe zu weben, kam Fellbekleidung fast ganz aus der Mode. Die Tradition des mündlichen Erzählens und Bewahrens wurde gepflegt, da es noch keine Schrift gab.

Und so schreiten wir fort von der Errichtung des geheimnisvollen Kulturdenkmals Stonehenge zum neuen Werkstoff Bronze, zur Entwicklung des Handels, zum Werkstoff Eisen und dem hohen gesellschaftlichen Ansehen, welches das Schmiedehandwerk genoß.

Es folgen: Hannibals Feldzüge, Christi Geburt, Römer und Barbaren, die Völkerwande-rung, Karl der Große, Klostergründungen, ritterliche Lebensweise, die Pest, die Erfindung des Buchdrucks, die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, die Umwälzungen der Französischen Revolution, die Industrialisierung, die Verlegung des Überseekabels auf dem atlantischen Meeresgrund, ein gemütlicher Blick in die Gründerzeit sowie ein ungemütlicher Blick in die Trümmerreste des Zweiten Weltkrieges, und schließlich betreten wir ein Wirtschaftswunder-Wohnzimmer mit Nierentisch und Schwarz-Weiß-Fernseher.

Das vorletzte, mit „Smart 2010“ betitelte Kapitel zeigt Menschen, die gebannt in ihre jeweiligen Smartphones starren und eine seltsam anmutende, äußerst abstrakte Beziehung „miteinander“ pflegen.

Illustrationen von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Licht- und Schattenseiten zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen werden beiläufig angesprochen, und auch an ironischen Kommentaren fehlt es nicht; beispielsweise wird der Feldherr Hannibal mit dem lakonischen Satz charakterisiert: „Wahrscheinlich hatte wieder einer zu viel Ehrgeiz.“ (Seite 62)

Die historischen Figuren werden nicht mit ihren Namen genannt. So erscheint Karl der Große nur unter seinem Titel Kaiser und Jesus als kleiner Junge, der im Jahre 0 geboren wurde und dessen Geburtstag zum Weihnachtsfeiertag wurde. In Anbetracht dessen, daß unsere aktuelle Kalenderzeitrechnung mit Christi-Geburt beginnt, hätte etwas mehr christliches Selbstverständnis dem Text an dieser Stelle nicht geschadet.

Andererseits könnte ich dann auch noch hinterfragen, warum die dreifaltige Muttergöttin, die in der Steinzeit und auch noch darüber hinaus verehrt wurde, überhaupt keine Erwähnungswürdigkeit fand. Doch geben wir uns zufrieden – die Themenfülle ist zu groß, um jeder historischen Neigung gerecht zu werden.

Kurze, konzentrierte Texte mit kindgemäßen Bezugsebenen und einfacher Sprache berichten von 52 Generationen der Menschheitsgeschichte; begleitet werden sie von sehr aussagekräftigen Illustrationen, die jeweils exemplarisch eine Alltagszene aus der beschriebenen Zeit zeigen. Die Zeichnungen, die Ähnlichkeit mit grobgestochenen Stahlstichen haben, ergänzen und bereichern die Textinformationen, und sie sind sehr präzise in der Darstellung der historischen Details: Architektur, Landschaft, Kleidung, Waffen, Werkzeuge etc.

Fast 20 000 Jahre Menschheitsgeschichte von Altsteinzeit, Mittelsteinzeit, Jungsteinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Mittelalter bis in die Neuzeit und unmittelbare Gegenwart werden in diesem Buch auf 128 Seiten nacherzählt. Daß dies nur streiflichternd und – für den historisch bewanderten erwachsenen Mitleser – nur mit schmerzlichen historischen Lücken möglich ist, erklärt sich von selbst.

Gleichwohl erzeugt der zugewandte, ebenso humorvolle wie nachdenkliche Plauderton eine wünschenswerte emotionale Nähe zur Vergangenheit und weckt Interesse und Neugier, sich anschließend mit der einen oder anderen Epoche oder auch generell mit Geschichte ausführlicher zu beschäftigen.

„Opa Mammut“ gelingt es, Geschichte auf vergnüglich-informative Weise anschaulich lebendig werden zu lassen und Kinder für die faszinierenden Entwicklungsschritte der Menschheitsfamilie zu sensibilisieren.

Schon Goethe erkannte in seinem West-östlichen Diwan:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben.“

Wohin das weitgehende Ausblenden der historischen Dimension gerade auch an Schulen führt, ist u.a. an der enkeluntauglich-kurzsichtigen Perspektive nicht weniger Politiker schmerzhaft abzulesen. In diesem Zusammenhang bietet „Opa Mammut“ wertvollere Bildungsförderung als manche sogenannte Lehrplanreform.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinder-jugendsachbuch/kindersachbuch/opa-mammut/

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Dieter Böge, geboren 1958, ist Zeichner, Maler und Autor. Er lehrt an der Akademie JAK in Hamburg und ist deren künstlerischer Leiter.
Bernd Mölck-Tassel, geboren 1964, ist Professor für Illustration an der HAW Hamburg.
Beide arbeiten seit über zwanzig Jahren zusammen. Von 2008 bis 2013 erschienen ihre Comicstrips Dr. Dominos Weltgeschichte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.«