Das kleine weiße Pferd

  • von Elizabeth Goudge
  • Die englische Originalausgabe erschien 1946
  • unter dem Titel »The Little White Horse«
  • bei University of London Press Ltd.
  • Aus dem Englischen von Sylvia Brecht-Pukallus
  • Mit den Illustrationen der englischen Originalausgabe
  • von C. Walter Hodges
  • Umschlagillustration von Robin Corfield
  • Neuausgabe August 2018 Verlag Freies Geistesleben www.geistesleben.com
  • gebunden
  • 320 Seiten
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 16,00 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2723-4
  • Kinderbuch ab 9 oder 10 Jahren (für versierte Leser)
  • sonst eher ab 11 oder 12 Jahren

MO N D L I C H T Z A U B E R

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Braucht ein Kinderbuchklassiker noch eine weitere Empfehlung, wenn es das öffentlich erklärte Lieblingskinderbuch von Joanne K. Rowling ist? Ich finde eine etwas ausführ-lichere Empfehlung meinerseits indes durchaus angebracht und mache mich gerne und mit Vergnügen ans Werk.

Die dreizehnjährige Maria Merryweather reist im Jahre des Herrn 1842 mit ihrer Gouver-nante Miss Jane Heliotrope und Wiggins, ihrem verwöhnten King-Charles-Spaniel, von London nach Devonshire. Nach dem Tod ihres Vaters – die Mutter starb schon, als Maria noch ein Säugling war – hat ihr Vetter zweiten Grades, Sir Benjamin Merryweather, Maria eingeladen, auf seinem Herrensitz Moonacre Manor zu leben.

Auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause fährt die Kutsche durch den weitläufigen nächt-lichen Park von Moonacre Manor, und auf einer mondbeschienenen Lichtung erspäht Maria flüchtig ein kleines weißes Pferd, das einige Tage später in einem dramatischen Moment eine wegweisende Rolle spielen wird.

Schon bald werden die Damen nebst Hündchen sehr warmherzig von Sir Benjamin Merryweather im Herrenhaus empfangen. Maria und ihr Vetter sind sich auf den ersten Blick sympathisch, und auch Miss Heliotrope fühlt sich herzlich angenommen. Maria wird ein schön eingerichtetes Turmzimmer zugewiesen, das für ihre zierliche, beinahe feenhafte Gestalt maßgeschneidert zu sein scheint. Es hat eine gerippte Gewölbedecke, in deren Mitte eine von Sternen umrahmte Mondsichel eingemeißelt ist.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Die anfängliche Sorge, das Landleben könne unbequem sein, erweist sich als gänzlich unbegründet. Das Anwesen ist wunderschön und von vielen Gärten und einem großzü-gigen Park umgeben, und der eigenwillige, zwergenhafte Küchenchef Marmaduke Scarlet zaubert die köstlichsten Speisen.

Obwohl sich Sir Benjamin und Marmaduke Scarlet auf ihre chronisch-junggesellige Art rühmen, daß seit zwanzig Jahren kein weibliches Wesen mehr auf Schloß Moonacre weilte, sind sie doch sehr freundlich zugewandt und aufmerksam gegenüber Maria und Miss Heliotrope und bemühen sich ebenso sehr um ihre Behaglichkeit wie um ihre Zerstreuung.

Äußerst verständige Tiere gehören ebenfalls zum Haushalt; da wären der prächtige Kater Zacharias, der sogar schreiben kann, Wrolf, ein sehr, sehr großer Hund, der eigentlich ein Löwe ist, die weiße Häsin Serena sowie einige Pferde und Ponys.

Maria fühlt sich schnell heimisch. Sir Benjamin zeigt ihr das nahegelegene Dorf Silvery-dew, und nach dem ersten Sonntagsgottesdienst lernt sie den unkonventionellen und musikalischen Pfarrer, Louis de Fontanelle, kennen und schätzen. Im Hirtenjungen Robin findet sie einen treuen Freund und Helfer, und Robins Mutter Loveday ist beinahe so etwas wie eine gute Fee, auch wenn sie ganz menschlich ist.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Zunächst erscheint alles in geradezu paradiesischer Harmonie, doch nach und nach zeigt sich, daß sich schlechte Taten aus lang vergangener Zeit bis in die Gegenwart als böse Schatten, Unfrieden und Gefahr für das liebliche Tal und seine Bewohner auswirken.

In der Dorfkappelle betrachtet Maria die lebensgroße Steinskulptur, die den Sarkophag ihres Urahnen Sir Wrolf Merryweather bedeckt. Die Skulptur zeigt einen Ritter in voller Montur, mit einem echten, eisernen Schwert an seiner Seite.

Vor vielen Jahrhunderten eignete sich dieser Urahn aus Habgier das Grundstück und das fruchtbare Weideland des nahegelegenen Klosters, das auf dem Paradiesberg rund um eine heilige Quelle errichtet worden war, widerrechtlich an. Die Mönche wurden vertrie-ben und das Kloster verfiel.

Außerdem trug Sir Wrolf Merryweather eine langjährige, erbitterte Fehde mit Sir William Cocq de Noir aus, dem die Kiefernwälder gehörten, die hinter Schloß Moonacre zur Bucht von Merryweather führen. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen gab es böse Kämpfe, Hinterlist, wahre und unwahre Liebe, tragische Mißverständnisse und ungeklärte Todesfälle.

Eine Folge dieser historischen Altlast ist, daß die Nachfahren von Sir William Cocq de Noir den Bewohnern von Silverydew den Zugang zum Meer verwehren und daß sie sich dreist räuberisch an den Feldfrüchten der Dorfbewohner bedienen und hemmungslos überall grausame Fallen aufstellen und wildern.

In jeder Merryweather-Generation, so geht die Sage, gäbe es eine Mondprinzessin, in deren Herz und Hand es läge, diese familiäre Verstrickung zu lösen und eine Aus- söhnung herbeizuführen. Bisher ist dies jedoch immer mißlungen.

Maria hegt nicht den geringsten Zweifel daran, daß es nun ihre Aufgabe sei, diese ver-worrenen Konflikte zu bereinigen, und sie bekommt von Robin, Loveday, dem Pastor und den weisen Tieren lebhafte Unterstützung. Sie muß nun Geheimisse entschlüsseln und sich Gefahren stellen, ihre Angst überwinden und auch ihren eigenen Stolz. Doch dank ihres gesunden Menschenverstandes und ihrer Intuition findet sie einen für alle gangbaren Weg des Ausgleichs und der Versöhnung – aus Feinden werden Freunde und gute Nachbarn und schließlich werden viele Herzen geheilt …

„Das kleine weiße Pferd“ ist ein niveauvolles Kinderbuch, das mit vielschichtigen inhalt-lichen und sprachlichen Feinheiten sowie fantasievollem Detailreichtum aufwartet. Die verschnörkelt abzweigungsreiche Geschichte wird mit beschaulicher Spannung und Dramaturgie gemächlich erzählt – von andante zu andantino bis zum abschließenden Gloria tutti.

Illustration von C. Walter Hodges © Verlag Freies Geistesleben 2018

Dieses Buch ist im Jahre 1946 erschienen und verfügt über einen überaus reizvoll-blumigen altmodischen Charme. Den sinnlichen und appetitanregenden Beschreibun- gen der Speisen kann man eine Wertschätzung für Nahrungsmittel ablesen, die sich gewiß aus der Erfahrung der Autorin mit kriegs- und nachkriegsbedingter Nahrungs- mittelknappheit speist.

Die feinlinierten, an alte Stiche erinnernden Schwarz-Weiß-Illustrationen von C. Walter Hodges geben die dunkel-geheimnisvollen und gemütlich-heiteren Aspekte der Hand- lung textgetreu wieder. Das vordere Vorsatzblatt ziert eine detailgetreue Zeichnung des Moonacre Anwesens und das hintere Vorsatzblatt eine Übersichtskarte mit den wesent-lichen Schauplätzen rund um Moonacre. Die feenstaubig-silbrigen Glitzereffekte auf dem Buchdeckel passen vorzüglich zum zauberhaften Buchinhalt.

Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert, und dementsprechend sind die Umgangsformen und die Geschlechterrollen ausgestaltet. Drei misogyne Bemerkungen aus launiger Jung-geselligkeit kann auch die heutige Leserin gelassen und traumafrei abperlen lassen, zu-mal die Herren sich in ihrem tatsächlichen Handeln gegenüber Frauen als durchwegs freundlich, gütig und zugeneigt erweisen.

Maria Merryweather ist ein selbstbewußtes, sensibles und neugieriges Mädchen. Sie ist feenhaft zart und zugleich tapfer, trotz kleiner Eitelkeiten nicht oberflächlich, sondern mitfühlend und hilfsbereit. Ihre blaublütig edle Gesinnung verträgt sich durchaus mit ganz natürlicher, leiblich-kulinarischer Genußfreude.

Der Schauplatz des Geschehens ist märchenhaft zeitlos. Das Reich von Moonacre verfügt über Daseinsbedingungen, die man sonst eher dem Feenreich zuordnet; so blühen jahreszeitenübergreifend alle möglichen Blumen, und Ebereschen tragen schon im Früh-jahr rote Beeren. Es gibt ganz selbstverständlich zwergenhafte Hausbedienstete, und Tieren wird großer Respekt entgegengebracht – wenn man einmal großzügig darüber hinwegsieht, daß bei den ausgiebigen Mahlzeiten doch recht viel Fleisch verzehrt wird.

Obwohl die Menschen in diesem Buch dem christlichen Glauben angehören, ist die Geschichte mit zahlreichen, sehr naturverbundenen, vorchristlich-keltischen Symbolen verflochten. Die Beschreibungen der häuslichen und landschaftlichen Kulissen sind von lebhaftester Anschaulichkeit und erfüllt von einer geheimnisvollen mythischen Präsenz.

Gleichwohl geht die stärkste Ausstrahlungskraft von der meisterlichen Charakterzeich-nung der Figuren aus. Die differenzierte, köstlich-augenzwinkernde Darstellung der Personen zeugt von großer Menschenkenntnis und bereitet ein delikates Lesevergnü- gen. Es ist wunderbar, wie Elizabeth Goudge wechselwirksam vom Inneren zum Äußeren und vice versa der verschiedenen Persönlichkeiten berichtet – so entsteht eine gleichsam greifbare Nähe zu den Charakteren. Sie bleiben uns durch ihre zwischen- menschliche Einzigartigkeit in unvergeßlich-leuchtender Leseerinnerung.

 

»Sie (Maria) ging von einer Ecke zu anderen, legte ihren Mantel, ihr Häubchen und den Muff in eine der Truhen, strich vor dem Spiegel ihr Haar glatt, wusch sich die Hände in dem Wasser, das sie aus der kleinen Silberkanne in die Silberschale goss,und berührte all die schönen Dinge mit den Fingerspitzen, als könnte sie sich mit dieser Liebkosung in ihrem Herzen bei den Menschen bedanken, die das alles geschaffen und hergerichtet hatten.«  Seite 35)

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: https://www.geistesleben.de/Buecher-die-mitwachsen/Kinderbuch/Das-kleine-weisse-Pferd.html

Die Autorin:

»Elizabeth Goudge (1900 – 1984), war als Kunstgewerbelehrerin tätig, bis sie das Schreiben als ihren Beruf erkannte. Ihr erster Roman Inselzauber erschien 1934. Seither sind ihre Bücher in Millionen Exemplaren in der ganzen Welt erschienen.«

 

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Die Schneeschwester

  • Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Kapiteln
  • von Maja Lunde
  • Originaltitel: »Snøsøsteren«
  • aus dem Norwegischen von Paul Berf
  • Buchvorlage:  btb Verlag
  • Hörbuch Oktober 2018 der Hörverlag  www.hoerverlag.de
  • vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag 2018
  • Regie: Caroline Neven Du Mont
  • gelesen von Axel Milberg
  • Laufzeit: ca. 3 Stunden und 40 Minuten
  • 3 CDs
  • 14,99 € (D), 16,90 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-3246-3
  • Kinderbuch ab 10 Jahren aufwärts bis 100 Jahren

DIESSEITS  VON  WEIHNACHTEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die Schneeschwester“ ist eine außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte, die das Herz zum Schmelzen bringt und die Daseinsdankbarkeit wachküßt. Dieses Hörbuch ist advents-kalendermäßig in 24 Kapitel eingeteilt, bietet jedoch keine leichte Süßkost, sondern tiefberührende, gefühlsechte, ernste und heitere, schmerzliche und freudige Lebensgeschmacksvielfalt.

Julian ist ein Weihnachtskind, denn er kam am Heiligen Abend zur Welt, und da in Norwegen Weihnachten Jul heißt, trägt er den Namen Julian. Seine kleine Schwester heißt nach dieser familiären Namenstradition Augusta und seine große Schwester Juni. Julian liebt Weihnachten und das ganze stimmungsvoll-gemütliche und kulinarische Zubehör: Kaminfeuerwärme, Kerzenlicht, Pfefferkuchen, Räucherwerk, Sternchen-dekoration, Zimt, Schnee, Tannenbaum, Musik, Gesang, Geschenke und Kakao sowie das geborgene und heitere familiäre Miteinander.

Dieses Jahr wird Julian zehn Jahre alt – ein runder Geburtstag und Heilig Abend! Dies könnte eigentlich ein Anlaß für besonders viel Vorfreude sein. Doch im Sommer ist Julians große Schwester gestorben, und die Familie befindet sich in Trauererstarrung. Alle Lebensäußerungen sind gedämpft, und manchmal hat Julian den Eindruck, daß seine Eltern nur noch leblose Kopien sind, die zwar den Alltag ordentlich regeln, aber nicht wirklich da sind. In einer Woche ist nun Weihnachten, aber die häusliche Situation wirkt, als fiele das Fest dieses Jahr aus. Noch nicht einmal der Adventskerzenhalter ist bisher aufgestellt worden.

Bezüglich des großen Verlustes herrscht familiäre Sprachlosigkeit, und auch mit seinem besten Freund kann Julian nicht über das sprechen, was ihm auf dem Herzen liegt. Dabei hatten sie sich früher immer endlos viel zu sagen gehabt.

Julian dreht seine Schwimmrunden im Hallenbad. Beim Schwimmen muß er sich ganz auf seinen Atemrhythmus und die Bewegungsabläufe konzentrieren, was eine willkommene Ablenkung von den betrüblichen Gedanken und Gefühlen ist, die ihn seit Junis Tod begleiten und belasten.

Während einer Schwimmpause sieht er ein Mädchen mit rotem Mantel, das mit leuch-tenden grün-grauen Augen von draußen durch die Glaswand in die Schwimmhalle hineinschaut. Nach diesem überraschenden Blickkontakt winkt sie ihm zu, und Julian winkt spontan zurück. Daraufhin schenkt ihm das unbekannte Mädchen ein solch strahlend-offenes Lächeln, daß er das Lächeln einfach erwidern muß.

Als er nach dem Schwimmen die Halle verläßt, wartet das Mädchen am Eingang auf ihn. Sie empfängt ihn überschwenglich, stellt sich als Hedvig Hansen vor, redet wie ein Wasserfall auf ihn ein und schwärmt ihm von der Schönheit Weihnachtens vor. Sie lädt Julian in ihr Elternhaus, die Villa Mistel, ein. Dort ist schon alles weihnachtsfestlich ge-schmückt und so warmherzig eingerichtet, daß sich Julian sehr wohlfühlt. Hedvig kocht Kakao für sie, und so beginnt eine wunderbare Freundschaft, die in Julian endlich wieder zarte Fünkchen von Freude hervorruft.

Mit Hedvig kann Julian sogar über seine verstorbene Schwester reden. Hedvig scheut das schmerzliche Thema nicht und reagiert sehr einfühlsam auf alles, was Julian ihr erzählt. Ihr Mitgefühl und ihre lebensfrohe Zugewandtheit bekommen ihm gut, und die Kinder verbringen eine anregende Zeit miteinander.

Julian wundert sich gelegentlich über altmodische Worte, die Hedvig benutzt, und trotz all der verspielten Heiterkeit und eloquenten Munterkeit hat auch Hedvig ihre Verletz- lichkeiten und verschwiegenen Geheimnisse; beispielsweise kann sie nicht schwimmen. Dies gibt Julian die Gelegenheit, ihr Schwimmunterricht zu geben und dabei die Erfahrung zu machen, wie schön es sein kann, jemandem zu helfen.

Bestärkt durch die intensive Freundschaftserfahrung und Hedvigs ansteckende Lebens-lust, fühlt sich Julian dazu ermutigt, die Gefühlserstarrung seiner Eltern in Frage zu stellen und zu überwinden. Außerdem ist seine Herzensbildung inzwischen so ausge-prägt, daß er alleine schon seiner kleinen Schwester zuliebe unbedingt dafür sorgen will, daß die vertraute familiäre Weihnachtstradition fortgesetzt wird. Das ist nicht leicht und bedarf mehrerer zunächst vergeblicher Anläufe, aber schließlich gelingt es ihm, indem er seine Eltern auf sehr kreative Weise mit seiner liebevollen Erinnerung an seine Schwester Juni überwältigt.

Julian entschlüsselt nach und nach auch Hedvigs Geheimnis. Die Loslaßübung, bei der er am Ende Hedvig liebevoll unterstützt, wird auch für ihn eine tiefe, ja, transformierende Erfahrung, die sein Leben bereichert. Hier wird das Leben bejaht, ohne den Tod zu verneinen.

Das subtil übersinnliche Element, welches mit der Figur von Hedvig verknüpft ist, wird von der Autorin virtuos von Anfang an in zahlreichen Anspielungen angedeutet, die sich indes erst in der Leserückblende voll und ganz erschließen.

Maja Lunde schreibt sehr nahe und glaubwürdig am kindlichen Herzen entlang, ihre Sprache ist empfindsam, anschaulich und sehr zärtlich, die Charaktere sind lebhaft und ausstrahlungsstark und verfügen über eine reichhaltige emotionale Bandbreite. Sehr positiv aufgefallen ist mir zudem, daß die Autorin dem Unerklärlichen unausgesproch- enen Raum zwischen den Zeilen läßt.

Die Liebe zum Leben überwindet die Schwerkraft der Trauer – von nichts weniger handelt dieses bemerkenswerte Buch. Angesichts des Todes das Leben zu verneinen ist ebenso unheilsam und unsinnig wie angesichts des Lebens den Tod zu verneinen. Schmerzlichen Gefühlen sollte ebenso Ausdruck gegeben werden dürfen wie schönen Erinnerungen und der Dankbarkeit für das Gewesene. Diese Lektion begreift Julian durch die Begegnung mit Hedvig früher als seine Eltern.

Ja, diese Geschichte wird Sie zum Weinen bringen – und dennoch trösten. „Die Schnee- schwester“ gehört zu der kostbaren Sorte Kinderbuch, für die man niemals zu alt ist.

Axel Milberg liest „Die Schneeschwester“ in einem warmherzigen basso continuo, mit unaufdringlichen Gefühlsausschlägen und einfühlsamen figur- und situationsbezogenen Nuancen. Man könnte einwenden, daß eine erwachsene Stimme für den kindlichen Ich-Erzähler zu alt sei, aber in meinen Ohren klingt der Sprecher sehr wahrhaftig.

Zum Ausklang lasse ich gerne Hedvigs poetisches Bild der Freude zu Wort kommen:

„Es ist, als würde das Herz auf Schlittschuhen stehen
 und sich in Pirouetten drehen und drehen,
 bis mir ganz schwindelig wird – wunderbar schwindelig.“

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Die-Schneeschwester/Maja-Lunde/der-Hoerverlag/e553153.rhd

 

Die Autorin:

»Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Ihr Roman „Die Geschichte der Bienen“ wurde mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet, in 30 Länder verkauft und sorgte auch international für Furore. Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und war der meistverkaufte Roman des Jahres 2017. Im Frühjahr 2018 erschien mit „Die Geschichte des Wassers“ der zweite Teil ihres literarischen Klima-Quartetts, das sich mit den Folgen menschlichen Handelns für die Natur beschäftigt.«

Der Übersetzer:

»Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, Kjell Westö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.«

Der Sprecher:

»Axel Milberg war bis 1997 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele und arbeitete mit Regisseuren wie Dieter Dorn, Thomas Langhoff oder Peter Zadek. Mitte der 90er-Jahre wandte sich der wandelbare Schauspieler verstärkt Film und Fernsehen zu. Seither war er in zahlreichen erfolgreichen Produktionen zu sehen, z. B. in „Jahrestage“ (2000), „The International“ (2009), „Ludwig II.“ (2012), „Hannah Arendt“ (2012). Seit 2003 ist Axel Milberg außerdem in seiner Heimatstadt Kiel als „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski auf Verbrecherjagd.«

 

Die BUCHAUSGABE ist im btb-Verlag erschienen
Die Schneeschwester
von Maja Lunde
aus dem Norwegischen von Paul Berf
durchgehend farbig illustriert von Lisa Aisato
gebunden
mit Schutzumschlag
Format: 21,5 x 24,3 cm
200 Seiten
15,00 € (D), 15,50 € (A), 21,50 sFr.
ISBN 978-3-442-75827-2
Kinderbuch ab 10 Jahren aufwärts bis 100 Jahren
Hier entlang zur BUCHAUSGABE und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Schneeschwester/Maja-Lunde/btb-Hardcover/e552755.rhd

 

 

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Petronella Apfelmus Mein weihnachtliches Back- und Bastelbuch

  • Text von Sabine Städing
  • Illustrationen von SaBine Büchner
  • Boje Verlag  September 2018  www.boje-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 80 Seiten
  • 9,00 €
  • ISBN: 978-3-414-82522-3
  • Kinderbuch ab 6 Jahren

APFELMUSISCHE WEIHNACHTEN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Sollten Sie noch nicht die Lesebekanntschaft von Petronella Apfelmus gemacht haben, können Sie sich bei den unter dieser Besprechung eingefügten Besprechungs-Links einen lebhaften Eindruck ihrer naturverbundenen und warmherzigen Wesensart verschaffen.

Petronella Apfelmus ist eine Apfelhexe und dementsprechend die Hüterin eines alten Apfelgartens, der zu einer alten Mühle nebst Mühlteich und Müllerhaus gehört. Zusam-men mit einigen Apfelmännchen pflegt sie Pflanzen und Tiere, fabriziert köstliche Kuchen, Marmeladen und Heiltränke und kümmert sich auch gerne um die benach- barten Zwillinge Lea und Luis, die im Müllerhaus wohnen.

Lea und Luis haben schon viel mit ihrer heimlichen Freundin Petronella erlebt und so manches Problem – mit etwas magischer Nachhilfe – gelöst. Stets hexelt, menschelt und wichtelt es ganz ordentlich in und um Petronellas Apfelgarten.

Nach sechs Petronella-Apfelmus-Büchern, in denen zwischen zauberhaft-abenteuerlichen Geschehnissen kulinarische Genüsse den entspannenden und sozialverbindenden Gegenpol bilden, ist es konsequent, nun auch ganz konkrete Rezepte anzubieten. So können Kinder einige der bereits erlesenen Köstlichkeiten von Petronella Apfelmus selber nachbacken.

Ergänzt um weihnachtliche Dekorationsideen und Anregungen für selbstgebastelte Weihnachtsgeschenke, läßt sich die Vorweihnachtszeit mit diesem Buch genüßlich und kreativ gestalten.

Eine Doppelseite informiert zudem noch über weihnachtliche Hexentraditionen, von denen hier nur der Haferbrei mit Zaubermandel erwähnt sei, der sich im hohen Norden großer Beliebtheit erfreut.

Die drei Buchkapitel (Rezepte aus der Hexenküche, Bastelspaß und Geschenkideen) werden von einer fortlaufenden kurzen Erzähl-Geschichte („Hexenweihnacht im Apfel“) eingerahmt und mit bekannten und beliebten Charakteren aus den früheren Petronella-Apfelmus-Geschichten schelmisch illustriert.

In drei Abstufungen wird der Schwierigkeitsgrad der Rezepte und Bastelanleitungen angegeben: Ein Apfel steht für leichten, zwei Äpfel signalisieren mittleren Schwierig- keitsgrad und drei Äpfel Profiaufgaben, bei denen hier und da ausdrücklich die Mitwirkung von Erwachsenen angezeigt ist.

Bei den Rezepten finden sich viele Klassiker wie Bratäpfel, Gebrannte Mandeln, Lebku- chen, Rosinenschnecken, Vanillekipferl, Zimtsterne, aber auch Holunderbeerensirup, Mandarinen-Smoothie, Schokoknusperflocken und Weihnachtsapfelpunsch.

In der Bastelabteilung tummeln sich u.a. getrocknete Orangenscheiben neben Knopf- bäumen, Tannenzapfen-Landschaften, Vogelfutterspendern und Wäscheklammer-Sternen. Von dort sind die Übergänge fließend zu den Geschenkideen, z.B. selbstgestal- teten Weihnachtskarten und Plätzchentüten, zauberhaften Teelichtern, verschiedenen Schlüsselanhängern, Schneekugeln und duftenden Hexenbesen aus Kräutern.

Die Anleitungen sind klar, kindlich-entgegenkommend formuliert und geben auch den einen oder anderen nützlichen Küchentipp mit.

Lesen kann so lecker sein …

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/boje/buecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_6959918

 

Hier entlang zu den ersten fünf Petronella-Büchern:

Hier finden Sie zum ersten Band von Petronella Apfelmus:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/
Und hier zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/25/petronella-apfelmus-band-2/
Und hier zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/11/petronella-apfelmus-band-3/
Sowie zum vierten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/04/petronella-apfelmus-band-4/
Zum fünften Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/10/03/petronella-apfelmus-band-5/

Die Autorin:

»Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt. « http://www.sabinestaeding.de/

Die Illustratorin:

»Sabine Büchner, geb. 1964, studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Illustration in Wuppertal und Animation an der HFF in Babelsberg. 2006 erhielt sie das Troisdorfer Bilderbuchstipendium und ist seitdem als freie Illustratorin für verschiedene Verlage tätig. Mit ihren so liebevollen wie witzigen Bildern hat sie Petronella Apfelmus und ihrer Welt vom ersten Band an einen ganz eigenen Zauber verschafft. «

 

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Giesbert hört das Gras wachsen

  • Text und Illustration von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus   August 2018  www.urachhaus.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 104 Seiten
  • Format: 17 x 24 cm
  • 18,00 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-5174-4
  • Kinderbuch ab 5 Jahren

LIEBENSWERTER GARTENGESELLE

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das Wiederlesen mit dem Regenrinnen-Wicht Giesbert ist die reine Freude und beglückt mit schelmischem Humor, Naturverbundenheit und lebhaftem Miteinandersein.

Falls Sie Giesbert noch nicht kennen, nehmen Sie doch erst einmal eine Leseabzweigung zu meiner Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/10/giesbert-in-der-regentonne/

Giesbert lebt nun schon eine ganze Weile im Hause der Autorin und Illustratorin Daniela Drescher. In der warmen Jahreszeit wohnt er im Garten und planscht in seiner Regen-tonne, in der kalten Jahreszeit wohnt er im Haus und planscht in der Badewanne.

Er ist ein freundlicher und hilfsbereiter kleiner Naturgeist, der voller Lebensfreude und Entdeckerlust ist und dankbar die Annehmlichkeiten jeden Tages wahrnimmt, auf seiner Gartenschaukel schaukelt, fröhliche Melodien auf seiner Holunderholzflöte spielt und gelegentlich, z.B. nach dem Kosten frisch gekochter Himbeermarmelade oder einer philosophischen Begegnung mit einem Raben, ein kleines Gedicht reimt.

Illustration Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2018

In dreizehn Episoden nehmen wir Leseanteil an Giesberts Alltag, seinen konstruktiven Problemlösungen, seiner Fähigkeit, einfache Freuden wertzuschätzen, und seinem freundschaftlichen Miteinander mit benachbarten Wichteln, Pflanzen und Tieren.

Illustration Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2018

Allerdings kann er auch mal wütend werden, z.B. wenn ein frecher Ziegenbock störrisch seine Regentonne attackiert. Giesberts Wut äußert sich dann darin, daß er einen roten Kopf bekommt und Wasser zum Überlaufen bringt. Im Falle des unnachgiebigen Ziegen-bocks entsteht sogar eine kleine Regenwolke, die exakt auf den Ziegenbock abregnet, und das wirkt ungemein abschreckend.

Illustration Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2018

Giesbert lernt einen klugen Raben kennen, der seine Frage, warum der Himmel blau sei, damit beantwortet, daß Blau die Lieblingsfarbe der Vögel sei. Ein verirrter Wolf bekommt von Giesbert astronomische Wegweisung in den Norden, ein eigenbröt- lerischer, staubiger Eckenwicht wird mit Hilfe von Haferkeksen zu etwas mehr Umgänglichkeit bestochen.

Als Giesbert eines blühenden Frühlingsmorgens eine tote Amsel findet, wird sie von ihm und zwei Mitwichteln würdevoll beerdigt. Giesbert wird vom Kätzchen Ilvi nach einem Sturm aus dem Baum, in den der Wind ihn geweht hat, gerettet. Und am schönsten ist die spontane Geburtstagsfeier für Giesbert, der eigentlich garnicht weiß, wann er Geburtstag hat und wie alt er ist.

„Giesbert hört das Gras wachsen“ bietet auch praktische Anregungen zur Beschäftigung in und mit der Natur. So erklärt er der Autorin fachwichtelmännisch, wie man einen Lausche-Tag verbringt: Man schließe die Augen, sehe sich die Welt mit den Ohren an und sammle die Geräusche, die man dabei hört.

Die Erzählkapitel haben einen vorleseangenehmen Textumfang von vier bis acht Seiten, und sie werden von zahlreichen, teilweise ganzseitigen Bildern harmonisch begleitet.

Daniela  Dreschers atmosphärisch-naturverbundenen, botanisch und zoologisch ebenso präzise wie verspielten Illustrationen verzaubern kleine und große Betrachter auf den ersten Blick.

Giesberts lebensfröhliches Wesen und Wirken, sprechende Tiere, farben- frohe, wildwüchsige Vegetation und knollennasig-knuffige Pflanzen- und Hausgeister-Wichtel sowie gelegentlich augenzwinkernde metafiktive Kommentare der Autorin vermitteln ein warmherziges und schelmisches Lese- und Vorlesevergnügen mit behutsam-beiläufigen, naturmagischen Anregungen und Andeutungen, welche die kindliche Vorstellungskraft lebhaft bereichern. So werden Märchen wahr.

 

Zum Ausklang noch ein Gedicht von Giesbert:

»Warum ist der Rabe schlau?
Und warum ist der Himmel blau?

Wieso können Wale singen
und das Meer zum Schwingen bringen?

Woher weiß das Spinnenkind,
wie Netze gut zu spinnen sind?

Wie viel Duft ist in der Blüte?
So viele Fragen – meine Güte!

Ist die Welt nicht irgendwie
voller Wunder und Magie?«

Daniela Drescher ©
(Seite 45)

Illustration Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2018

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE und zum anschaulichen Buchtrailer auf der Verlagswebseite: https://www.urachhaus.de/Lesen-was-die-Welt-erzaehlt/Kinderbuch/Giesbert-hoert-das-Gras-wachsen.html

Hier entlang zum ersten Giesbert-Band „Giesbert in der Regentonne“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/10/giesbert-in-der-regentonne/

Die Autorin und Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durch ihre Illustrationen inzwischen weltweit bekannt. Von den USA über ganz Europa bis China sind ihre Bücher in den Kinderzimmern zu Hause – eine Künstlerin, die ihr Spektrum immer wieder erweitert und sich neu erfindet. Daniela Drescher gestaltet die Kinderseite im Lebensmagazin a tempo. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.« http://www.danieladrescher.de

Querverweis:

Hier entlang zu Daniela Dreschers erstem und ebenfalls sehr lesens- und sehenswertem Erzählbuch „Abenteuer mit Ungeheuer“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/16/abenteuer-mit-ungeheuer/
Eine romantisch-poetisch gestimmte und gelungene Symbiose aus Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Märchen.

Petronella Apfelmus, Band 5

  • Hexenbuch und Schnüffelnase
  • von Sabine Städing
  • illustriert von SaBine Büchner
  • Boje Verlag  September  2017  www.boje-verlag.de
  • gebunden
  • 208 Seiten
  • 13,00 € (D)
  • ISBN 978-3-414-82488-2
  • Kinderbuch ab 8 Jahren

H E X E N H E R B S T

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein Wiederlesen mit Petronella Apfelmus, der kleinen großen Hexe mit dem schmack- haften Namen, verspricht stets erfreulich heiteren Lesegenuß, und auch der vorliegende fünfte Band hält sein Leseversprechen.

Petronella Apfelmus ist eine Apfelhexe, die „ganz standesgemäß in einem Apfel“ wohnt. Sie ist die Hüterin eines verwilderten Gartens, der eine alte Mühle, das dazugehörige Wohnhaus und den Mühlteich umgibt. In diesem Garten wachsen viele alte, fast ver- gessene Apfelbaumsorten, und Petronella kümmert sich mit Unterstützung einiger Apfelmännchen um den Baumbestand und das Grundstück.

Zu Petronellas Spezialitäten gehört es, daß sie sich nach Belieben und Bedarf ver- größern oder verkleinern kann. Dazu benutzt sie eine magische Strickleiter: Wenn man diese Strickleiter apfelbaumaufwärts klettert, wird man so klein, daß man bequem in einem Apfel wohnen kann, klettert man hingegen apfelbaumabwärts, nimmt man eine menschliche Größe an.

Seit dem ersten Band pflegt Petronella eine gute Nachbarschaft mit der Familie Kuchenbrand, die ins Müllerhaus eingezogen ist und in der alten Mühle ein florierendes Café führt. Und die Zwillingsgeschwister Lea und Luis pflegen eine lebhafte Freund- schaft mit Petronella. Die sympathische, ebenso naturverbundene wie weise Apfelhexe Petronella Apfelmus ist für Lea und Luis zugleich kluge Ratgeberin und anregende Spielkameradin, und sie nimmt regen Anteil an ihrem Leben und Wohlbefinden.

Illustration von SaBine Büchner © Boje Verlag 2017

Es sind Herbstferien, und das Wetter ist ziemlich ungemütlich. In Petronellas Wohnapfel hat ein Ast ein Loch geschlagen. Da sie ihr Hexenbuch verliehen hat, kann sie den Schaden leider nicht mit einem Zauber beheben – denn auch Apfelhexen können nicht alle Zaubersprüche auswendig. Und ihre Schwestern, denen sie das Buch geliehen hat, sind Wetterhexen und dementsprechend etwas unberechenbar und unzuverlässig. Es kann noch eine Weile dauern, bis sie ihr Buch zurückbekommt – ganz zu schweigen vom Ärger und der Strafe, die Petronella drohen, wenn die Oberhexe erfahren sollte, daß sie unerlaubterweise ihr Apfelhexenbuch verliehen hat.

Sie bittet die freundlichen Apfelmännchen, das Loch zu flicken. Die handwerklich geschickten Gesellen Gurkenhut, Spargelzahn, Bohnenhals, Rübenbach und Karotten- wams machen sich sogleich hilfbereits daran, fachapfelmännisch die Apfelhülle zu reparieren. Daß sie dabei heimlich beobachtet werden, bemerken sie nicht.

Illustration von SaBine Büchner © Boje Verlag 2017

Lea und Luis beklagen das schlechte Wetter, lungern im Haus herum und hüten den kleinen Hund von Leas Freundin, die ihren Bello nicht mit in den Urlaub nehmen konnte. In der Nacht gibt Bello plötzlich Bellalarm, aber niemand sieht, wer da durch den Garten schleicht und spioniert.

Obwohl Petronella mit der Herstellung von Heiltränken und Kräutersalz sowie ihrer regelmäßigen Tiersprechstunde ausgelastet ist, lädt sie die Kinder und die Apfel-männchen zum Kürbisköpfeschnitzen ein. Alle haben großen Spaß, zumal Petronella den fertigen Kürbisfratzen mit Hilfe einiger Körner Schmunzelzucker eine besonders lebhafte Mimik verleiht.

Am nächsten Tag sind die Apfelmännchen verschwunden. Die Kinder finden einen seltsamen Fußabdruck im Uferschlamm des Mühlteichs, und in einer Hecke findet sich ein grünes Fellbüschel. Petronella inspiziert die Fundstücke und diagnostiziert eine Entführung der Apfelmännchen durch einen Waldschrat.

Mit ihrer Kristallkugel, einer Probe des Schratfells und einem Zauberspruch gelingt es Petronella, einen Ferneinblick in den Schratkobel zu bekommen. Offenbar hat der Schrat die Apfelmännchen entführt, damit sie seinen heruntergekommenen Kobel winterfest machen.

Illustration von SaBine Büchner © Boje Verlag 2017

Nun ist ein Ausflug in den Wald unerläßlich, und Lea und Luis dürfen sogar – allerdings nur angeschnallt – auf Petronellas Besen mitfliegen. Bei der Begegnung mit dem Waldschrat kommt es zu zauberhaften Komplikationen und erfolgreichen kindlichen Improvisationen. Keine Frage, daß die Befreiung der Apfelmännchen glückt …

Sabine Städing gelingt mit der Figur von Petronella Apfelmus eine amüsante Erweiterung der Wirklichkeit um eine wohltuende Zugabe von Magie. Geschickt überträgt sie beispielsweise die Zeigefingerdaumen-Zoomfunktion moderner Telefonbildschirme auf Petronellas Umgang mit ihrer Kristallkugel. Von Kristallkugel zu Kristallkugel können Hexen übrigens auch sichtbar miteinander telefonieren, was unter Hexen kugeln heißt. Beiläufig vermittelt jedes Petronella-Abenteuer gleichwohl auch Achtsamkeit und Respekt für die Natur und ihre sichtbaren und unsichtbaren Gaben.

Die Autorin schreibt in einem einfühlsam-augenzwinkernden, wortspiel- erischen Stil, mit anschaulicher Dramaturgie, lebhaften Dialogen, phanta- sievollen Details und spielerischem Tiefsinn. Die knuffigen Schwarz-weiß-Illustrationen von Sabine Büchner greifen den heiteren Tonfall auf und übertragen ihn in spannende und warmherzige Szenerien mit detailge- treuen lustigen Charakterzeichnungen.

Hier stimmen einfach alle Zutaten für ein gelungenes Kinderbuch und eine Kinderbuchreihe, von der man sich noch viele, viele Fortsetzungen wünscht. So kommen Kinder leicht auf den apfelmusischen Lesegeschmack – inklusive Schmunzelzucker zum Leselächeln!

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/boje/buecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_6234985
Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/luebbe-audio/hoerbuecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_6396976

 

Hier finden Sie zum ersten Band von Petronella Apfelmus:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/
Und hier zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/25/petronella-apfelmus-band-2/
Und hier zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/11/petronella-apfelmus-band-3/
Sowie zum vierten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/04/petronella-apfelmus-band-4/

Die Autorin:

«Sabine Städing, wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt.«  http://www.sabinestaeding.de/

Die Illustratorin:

»SaBine Büchner, geboren 1964, studierte Kommunikationsdesign in Wuppertal und Animation an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. 2006 erhielt sie das Troisdorfer Bilderbuchstipendium. Sie zeichnet und lebt heute mit ihrem Sohn in Berlin.«

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Manolito

  • Ein fantastischer Märchen-Roman
  • von Friedrich Hechelmann
  • Knesebeck Verlag September 2017   www.knesebeck-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • Format: 19,5 x 23,00 cm
  • 176 Seiten
  • mit 10 schwarzweißen Abbildungen
  • und 30 farbigen Abbildungen
  • ISBN 978-3-95728-060-2
  • 29,95 € (D), 30,80 € (A)
  • ab 10 Jahren

LE B E N S K R Ä F T E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Friedrich Hechelmann ist Maler und Buchillustrator, und er hat für das vorliegende Buch nicht nur zum Pinsel, sondern auch selbst zur Feder gegriffen. Achtsame Liebe zur Natur, Ehrfurcht vor der Schöpfung und eine naturmagisch-poetische Perspektive lassen sich an seinen Bildern ablesen.

Mit seinem Märchen-Roman-Debüt „Manolito“ erzählt Friedrich Hechelmann in Wort und Bild ein modernes Märchen über die Bedrohung der Natur und des Lebens durch menschliche Herzenskälte und Profitgier und über eine mögliche Bewußtseinswende durch heilsame, naturgeistige Lebenskräfte.

Knuth Rabenhorst arbeitet in einem wissenschaftlichen Versuchslabor der Pharma-industrie und führt gehorsam die verlangten Versuche an den „Probanden“ durch. Des Nachts meldet sich bei ihm jedoch angesichts der Qualen der Versuchskaninchen immer häufiger das Gewissen, denn eigentlich ist Knuth ein empfindsamer Mensch – so pflegt er beispielsweise eine Fütter-Freundschaft mit einem dem Raben Kasimir, der ihn regelmäßig auf seinem Balkon besucht.

Doch erst als Knuth seine Anstellung verliert, kommt er ernsthaft  zur Besinnung. In seiner Labor-Kitteltasche findet er den heimlich entflohenen Probanden Nr. 226. Nr. 226 ist nur kichererbsenklein, er hat eine menschliche Gestalt und fleht Knuth an, ihn nicht wieder in das schreckliche Labor zurückzubringen. Knuth läßt endlich sein Mitgefühl zu und verspricht Nr. 226 Schutz und Hilfe und gibt ihm den Namen „Manolito“.

Manolito freut sich, daß er keine Nummer mehr ist, und Knuth freut sich über die anre-gende Gesellschaft Manolitos. Sie diskutieren lebhaft das menschliche, lebensfeindliche Verhalten gegenüber den natürlichen Geschöpfen, und Knuth überlegt sich berufliche Alternativen, da er sich an diesem Zerstörungswerk nicht mehr beteiligen mag.

Während sich Knuth auf Arbeitssuche begibt, erkundet Manolito sein neues Zuhause und freundet sich mit der Hausspinne Liesa und dem Raben Kasimir an. Manolito ist die körperliche Miniaturausgabe eines Menschen, indes hat er die Seele eines Elfen, und deshalb kann er mit allen Tieren sprechen. So erfährt er auch, daß sich immer mehr Tiere auf den geheimen Kontinent Aronia zurückziehen, um der menschlichen Grausamkeit und den durch Umweltverschmutzung lebensverarmten und zerstörten Lebensräumen zu entkommen.

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

Der Zugang nach Aronia wurde vor vielen Jahrtausenden von den Elfen hinter einer für Menschen unsichtbaren Wasserwand verborgen. Tiere finden den Weg nach Aronia jedoch instinktiv, und die wenigen Elfen, die noch als Botschafter in der Menschenwelt unterwegs sind, haben selbstverständlich ebenfalls leichten Zugang. Und so landet Manolito nach einer dramatischen Wende unvermittelt in Aronia.

Die Hummelkönigin Klara nimmt Manolito als Flugpassagier auf und zeigt ihm die wilden, menschenleeren Landschaften Aronias, in denen außer den noch in der Menschenwelt existierenden Tieren auch ausgestorbene Tiere und fast vergessene Fabelwesen leben und wirken. Im Herzen Aronias liegt der Elfenwald. Dort erfährt Manolito mehr über seine Herkunft und seine Bestimmung, und er bekommt ein wertvolles Geschenk, das ihm bei der Erfüllung seiner Aufgabe dienlich sein wird.

So groß, weitläufig und verborgen Aronia auch ist, es ist nicht unverwundbar. Die menschliche Gier nach Bodenschätzen unterhöhlt buchstäblich auch dieses Refugium, und es besteht die akute Gefahr, daß Aronias Schutzschleier gelüftet wird. Aronia benötigt elementare Unterstützung, um sich gegen einen Angriff und eine drohende Invasion der Menschen zu verteidigen.

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

Der Zentrale Rat der Vereinigten Arten Aronias beauftragt Manolito, die Hummelkönigin Klara, die Grasmücke Mathilde, die Fledermaus Philomena und weitere tierische Ver-bündete zum Meister des Windes zu reisen und um seine Unterstützung zu bitten. Die Bewohner Aronias werden ihr Refugium nicht kampflos den „Paarfüßlern“ – so werden die Menschen von den Tieren genannt – überlassen.

Es wird eine sehr abenteuerliche Reise mit harten Bewährungsproben und mit unverhofft-hilfreichen und inspirierenden Begegnungen. So weiß beispielsweise der Delphin Ody, der sie beim Überqueren des Meeres vor dem Ertrinken rettet, weitsichtige Worte über das Wasser zu sagen:

»Ich weiß es vom Wasser … Es hat die gesamte Geschichte der Erde und seiner Bewohner gespeichert. Dem Wasser kann man nichts vormachen. Was man dem Wasser antut, tut man sich selbst an. Bei Luft und Erde ist es dasselbe. Das haben die Paarfüßler nur bis heute nicht begriffen.« (Seite 111)

Die spannende, märchenhafte Handlungsinszenierung fügt sich wunderbar in die vielfältigen Landschaften, ja, eigentlich Seelenlandschaften, die Friedrich Hechelmann entwirft. Dabei eröffnet er einfühlsam Perspektiven der Tiere auf das Handeln der Menschen.

Die katastrophal-zerstörerischen Folgen lebensabgehobener Naturentfremdung werden deutlich formuliert, indes fehlt es keineswegs an weisen Anregungen zu einem Leben in naturachtsamer, wechselseitiger Verbundenheit.

Friedrich Hechelmanns phantastische Illustrationen bieten der Imagination des Lesers ein einladendes Bühnenbild voll geheimnisvoller Lebenstiefe und poetischer Vielschichtigkeit. Sein Erzählstil ist im Vergleich dazu schnörkellos und präzise sowie in den Dialogpassagen gelegentlich etwas schelmisch. Er benutzt klare Worte und kurze Sätze. „Manolito“ ist ein leseleichter, gleichwohl substanzieller und inspirierender Märchen-Roman für kleine und große Menschen, denen die Natur am Herzen liegt. Ich würde die Lesealtersangabe des Verlages dahingehend korrigieren, daß „Manolito“ eine Lektüre von 10 bis 100 Jahren ist.

Zum Ausklang lasse ich uns gerne die Hummelkönigin Klara ihre Vision ins Ohr summen:

»Ich wollte, die Menschen fänden zu ihrer Bestimmung zurück und gingen achtsam mit der Natur um, würden die Geschöpfe und alles, was lebt, bewahren und lieben. Die Erde wird auch dann kein Paradies sein. Solange der Planet um sich selbst und um die Sonne kreist, wird es Tag und Nacht geben. Jedes Ereignis, jedes Lebewesen wird eine dunkle und eine helle Seite haben. Aber im Kern jeden Lebewesens sollte der Respekt vor dem Geheimnis des Lebens stehen. Wenn es so weit ist, werden auch die Elfen ihre Isolation aufgeben und zu uns zurückkehren, zum Wohle aller.« (Seite 90)

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.knesebeck-verlag.de/manolito/t-1/594

Querverweis:

Hier entlang zu einer von Friedrich Hechelmann illustrierten Märchensammlung
Das Buch der Märchen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/01/28/das-buch-der-maerchen/

 

Der Autor und Illustrator:

»Friedrich Hechelmann wurde 1948 in Isny im Allgäu geboren. Er studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und zählt seither zu den bedeutendsten Malern des Realismus. In der Kunsthalle im Schloss Isny im Allgäu, wo er heute lebt und arbeitet, hat er einen besonderen Ort gefunden, den er durch großes Engagement zu einem kulturellen Zentrum verwandelt hat. In den mit großer Liebe zum Detail restaurierten Räumen des Schlosses stellt er seine Originalwerke aus, darunter auch Buchillustrationen. Denn Friedrich Hechelmann wurde auch als Illustrator zahlreicher Bücher populär, wie Michael Endes Momo (2009), Cornelia Funkes Die Geisterritter (2011) oder Selma Lagerlöfs Nils Holgersson (Knesebeck, 2013). Manolito ist der erste Roman des Künstlers.«
Besuchen Sie Friedrich Hechelmann auf seiner Webseite: www.hechelmann.de

 

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Die unsichtbaren Welten mikroskopisch kleiner Tiere

  • von Hélène Rajcak und Damien Laverdunt
  • Originaltitel »Les mondes invisibles des animaux microscopiques«
  • Wissenschaftliche Berater:
  • Cédric Hubas und Christine Rollard vom
  • Nationalen Naturkundemuseum in Paris
  • Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart   Februar 2017 www.jacoystuart.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 25 x 32 cm
  • Mit 10 Ausklappseiten
  • durchgehend farbig
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-946593-27-0
  • Kindersachbuch ab 9 Jahren

KLEINE WELTEN – GROSSES STAUNEN

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Dieses sorgfältig gestaltete Sachbuch gewährt uns faszinierende Einblicke in mikro-skopische Weltenräume, die mit dem bloßen Auge kaum oder gar nicht zu erkennen sind. Die präzise gezeichneten Mikroorganismen werden in bis zu 150facher Vergrößerung in ihrem jeweiligen Biotop dargestellt.

Wir besichtigen zehn verschiedene Lebensräume, in denen sich Mikroorganismen tummeln. Vom „Wasserballett des Planktons“ geht es zum Strand und von dort zum Meeresgrund. Weitere drei Lebensräume, die uns die Mikroorganismen sehr nahe bringen, sind das heimische Bett (Hausstaubmilbe & Co), die menschliche Haut und die Küche. Draußen geht es  weiter mit dem Waldboden, dem Moosbewuchs an Baum-stämmen, stillen Tümpelgewässern und dem strömenden Flußbiotop.

Mikroorganismen erfüllen unzählige lebensdienliche Aufgaben, wie beispielsweise für die Bildung von Humus (Hornmilben, Springschwänze, Rollasseln) oder die Sauerstoff-produktion (Kieselalgen). Manche sind aus menschlicher Perspektive auch lausig lästig und unangenehm (Flöhe, Krätzmilben, Zecken).

Einige Mikroorganismen, wie beispielsweise das nur 0,4 mm große Bärtierchen oder das nur 0,2 mm kleine Korsettierchen, nennt man extremophil, weil sie über eine Anpass-ungsfähigkeit verfügen, die sie extreme Temperaturen und Druckverhältnisse und sogar Sauerstoffmangel sowie absolute Dunkelheit überleben läßt.

Illustration aus „Die unsichtbaren Welten mikroskopisch kleiner Tiere“ von Hélène Rajcak und Damien Laverdunt © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2017

Infotafel aus „Die unsichtbaren Welten mikroskopisch kleiner Tiere“ von Hélène Rajcak und Damien Laverdunt © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2017

Anschauliche Szenenwechsel vom Makrokosmos zum Mikrokosmos führen den Betrachter von Doppelklappseite zu Doppelklappseite in verborgene Kleinstlebens- räume und ihre Bewohner ein. Deren körperlich oft bizarr anmutende Gestalten werden hier in bunter, detaillierter Formenvielfalt wiedergegeben. Ein kurzer Einführungstext erklärt das jeweilige Mikroökosystem, und numerierte informative Steckbriefbe- schreibungen der dazugehörigen Mikroorganismen helfen beim Zuordnen und Wiederfinden auf dem szenischen Wimmelbild des Minibiotops.

Die verwendete Maßstabgröße wird jedesmal deutlich angegeben und eingezeichnet. Besonders anschaulich werden die Größenordnungen jedoch illustratorisch beispiels-weise beim vergleichenden Nebeneinander eines Salzkornfelsens und einiger Staubmilbchen – das öffnet dem aufmerksamen Betrachter wirkungsvoll die Augen fürs Unsichtbare.

Ein lexikalischer Anhang erläutert alle Fachbegriffe, die zuvor zur Sprache gekommen sind, und zeigt auf Schautafeln Milben, Krebstiere und Protisten* sowie eine kleine Geschichte der Mikroskopie von mittelalterlichen Lesesteinen (Lupen) bis zum Elektronenmikroskop.

„Die unsichtbaren Welten mikroskopisch kleiner Tiere“ vermittelt durch die spannende zeichnerische Inszenierung und die leicht zugängliche Textbe- gleitung auf lebhafte Weise Wissen, Bewunderung und Respekt für die Vielfalt des Lebens, das seit eh und je vom Kleinen zum Großen und vom Großen zum Kleinen kreist.

Wenn Sie dieses Buch für Ihr Kind oder Enkelkind kaufen, kalkulieren Sie in weiser Voraussicht schon einmal die Kosten für ein Mikroskop mit ein …

 

*Protisten sind einzellige, aquatische Lebewesen, die nicht eindeutig dem Tier- oder Pflanzenreich zugeordnet werden können. Dazu gehören u.a. Amöben, Foraminiferen, Glockentierchen, Pantoffeltierchen und Rädertierchen.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinder-jugendsachbuch/kindersachbuch/die-unsichtbaren-welten-mikroskopisch-kleiner-tiere/

Die Autoren & Illustratoren:

»Hélène Rajcak ist 1981 geboren. Sie hat in Paris Illustration und Textildesign studiert und arbeitet dort heute als Illustratorin für die Presse und für Kinderbücher.
Damien Laverdunt ist 1978 geboren. Er hat Angewandte und Dekorative Kunst studiert, lebt und arbeitet in Paris als Autor, Zeichner und Grafiker und lehrt Angewandte Kunst an einem Gymnasium.«

 

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Die wilde Sophie

  • von Lukas Hartmann
  • mit Illustrationen von Susann Opel-Götz
  • Neuausgabe Diogenes Verlag September 2017   www.diogenes.ch
  • Originalausgabe Verlag Nagel & Kimche 1990
  • gebunden
  • Format: 11,6cm x 18,4cm
  • 256 Seiten
  • ISBN 978-3-257-01199-9
  • 16.00 € (D), 16,50 € (A), 21,00 sFr.
  • Kinderbuch
  • zum Selbsterlesen ab 9 Jahren
  • zum Vorlesen ab 6 Jahren

LEBENSVERHÜTENDE  KINDESÜBERWACHUNG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Manche Menschen kommen mit der Verletzlichkeit, die mit der Elternschaft unvermeidlich einhergeht, nicht zurecht und finden für den Umgang mit ihrem Kind kein ausgewogenes Verhältnis zwischen fürsorglichem Schutz und freier, lebendiger Erfahrungsentfaltung ihres Nachwuchses. In der vorliegenden Geschichte liefert der überängstliche, kontrollsüchtige König Ferdinand ein extremes und abschreckendes Beispiel für Überbehütung.

Kaum ist der kleine Thronfolger geboren, da entdeckt König Ferdinand so viele mögliche und unmögliche Gefahren für seinen Sohn, daß seine Schutzmaßnahmen das ganze Königreich und auch das Kind in Mitleidenschaft ziehen.

Zunächst wird die schaukelnde Wiege durch einen Bettkasten mit abgerundeten Ecken und gepolsterten Wänden ersetzt, damit der kleine Prinz Jan keinesfalls aus dem Bett fallen könne. Der erste Mückenstich wird zum Anlaß genommen, alle Fenster zuzunageln und einen hauptamtlichen Insektenjäger einzustellen.

Als Jan mit dem Laufen beginnt, werden zwei Nebenhergeher und je ein Hinterher- und Vorausgeher engagiert, um das eventuell stolpernde Kind aufzufangen. Ein Wegfrei-räumer, ein Kleideranwärmer, ein Lebertranverwalter, ein Treppenhochträger und diverses zusätzliche im ganzen Schloß verteilte Wachpersonal sowie die beiden alten Diener, Raimund und Stanislaus, die abwechselnd des Nachts Jans Schlaf beaufsichtigen, sollen die Unversehrtheit des Kindes garantieren.

Das Kind lebt eingesperrt im Schloß und kennt Himmel, Wolken, Sonne, Mond und Sterne, Wind, Wetter und Natur nur aus Büchern und aus den Erzählungen der beiden alten Diener. Kindliche Spielkameraden muß Jan ebenfalls entbehren. Und auch jenseits des Säuglingsalters bekommt der Prinz seine Nahrung nur in Breiform serviert, auf daß er sich nicht an einer Faser oder einem Kirschkern verschlucke.

Seine Mutter, Königin Isabella, streitet regelmäßig mit dem König über diese unange-messene Überbehütung, kann jedoch nur klitzekleine Freiheiten für ihren Sohn erkämpfen. So darf Jan an seinem siebten Geburtstag endlich einen Ausflug zur alten Eiche im Schloßhof machen. Begleitet von der üblichen Entourage von Sicherheits- kräften, tritt Jan ins Freie und ist beglückt von der frischen Luft, dem Licht- und Schattenspiel des Eichenlaubs und von der Weite des blauen Himmels.

Während sich im Schloß alles um das Wohlbefinden des Prinzen dreht, müssen die Untertanen unter der Last unermüdlich erhöhter Steuern leiden. Denn all die Sicherheitsvorkehrungen, Baumaßnahmen und der erhöhte Militäretat für die zusätzlichen Wachsoldaten kosten Geld.

Otto, dem königlichen Zwetschgenkompottlieferanten, der seine Steuern in Form von Kompott abzuliefern hat, bleiben kaum noch ein paar Gläser für den eigenen Bedarf übrig. Seine Tochter Sophie, die nur wenige Tage nach dem Prinzen zur Welt kam, ist unvoreingenommen neugierig auf den Prinzen und möchte ihn gerne kennenlernen. Sie verfügt über einen wachen Geist und stellt die herrschenden Verhältnisse unbefangen in Frage.

Jan darf inzwischen an bestimmten Tagen, selbstverständlich strengstens beschützt-wacht, in einer gläsernen Kutsche umherfahren, um Land und Leute kennenzulernen.

Sophie steht mit dem Winkevolk am Wegesrand und streitet mit einem Soldaten wegen einer groben Ungerechtigkeit. Jan ist beeindruckt von Sophies unverblümter Wesensart und ihrem Mut. Von Kind zu Kind entsteht per intensivem Blickkontakt ein stilles, solidarisches Einverständnis, und Sophie wäre nicht die wilde Sophie, wenn sie nicht einen Weg fände, Jan in seinem goldenen Käfig zu besuchen.

In Sophies geheimer Gesellschaft stellt sich Jan so mancher gefährlichen Herausforde-rung und körperlichen Anstrengung und emanzipiert sich so von der väterlichen Bevormundung. Ihre Lektionen in Zivilcourage hinterlassen einen solch nachhaltigen Eindruck, daß er Sophies waghalsigem Fluchtplan zustimmt. Unverhoffte Unterstützung bekommen die Kinder von der zauberkundigen alten Köchin und den beiden alten Dienern Raimund und Stanislaus, die schon lange heimliche Zweifel an den königlichen Erziehungsmethoden hegen.

So erheben sich die Kinder schließlich buchstäblich in die Freiheit …

Die Originalausgabe dieses Buches ist 1990 beim Verlag Nagel & Kimche erschienen. Damals gab es den Begriff „Helikoptereltern“ noch nicht, gleichwohl wird das Phänomen übereifriger Kindesüberwachung und die damit verbundenen negativen Folgen für die kindliche Lebendigkeit und Selbständigkeit auf fast schon seherische Weise erkannt und beschrieben.

Prinz Jans Lebensregungen werden systematisch ausgebremst, selbstwirksames Handeln und Selbsterfahrung verhindert, und jeder kleine Ungehorsam wird durch noch mehr Freiheitsentzug bestraft – alles im Namen liebender Fürsorge und zwangskontroll- hafter Machtausübung. Als erwachsener Leser möchte man König Ferdinand am liebsten zum Therapeuten zerren, um seine ausgeprägte Angstneurose und mangelhafte Empathie behandeln zu lassen.

Der Autor ist beeindruckend nah am Kinderherzen, wenn er die emotionalen kindlichen Reaktionen beschreibt – unser ganzes Lesemitgefühl gilt Jans Lebenssehnsucht und Sophies Lebensmut. Durch den feinsinnigen Erzählstil mit seinen nuancierten, gleichwohl kindgemäßen, poetischen Sprachbildern und seinem spannenden dramaturgischen Aufbau bietet sich dieses Buch auch hervorragend als Vorlesestoff für jüngere Kinder an.

Die warmherzig-humorvollen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Susann Opel-Götz ergänzen die Geschichte um stimmungsharmonische, detailgetreue Szenenbilder.

„Die wilde Sophie“ ist ein märchenhaftes Lehrstück über den unwiderstehlichen Duft der Freiheit und die lebenserhaltende Kraft konstruktiven Ungehorsams gegen ungerechte und lebensgefährliche Herrschaftsansprüche. Das sind wünschenswerte Vorbilder für Kinder, aus denen dereinst mündige und mutige Menschen erwachsen können.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/lukas-hartmann/die-wilde-sophie-illustriert-von-susann-opel-goetz-9783257011999.html

Der Autor:

«Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmäßig auf der Bestsellerliste.«

 

Sehr gerne widme ich diese Kinderbuchbesprechung Petra Pawlofskys wertvoller Sammlung „Kinder im Aufwind“:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/fundgrube-3-kurzvorstellung-der-beitraege-ab-juli-2017/

 

Querverweis:

Als Lesekontrastprogramm zur Überbehütung bietet sich das Kinderbuch „Die wilde Meute“ von Ilse Bos an, in dem dreizehn Kinder ohne alltägliche elterliche Aufsicht auf einem am Ufer einer verwilderten Landzunge verankerten Schiff hausen. Das Buch handelt von einer Art Pippi-Langstrumpf-WG, in der die Grenze zwischen ‚Kindern etwas zuzutrauen′ und ‚Kindern etwas zuzumuten′ fließend ist. Es wird ausgelotet, wie weit kindliche Selbstbestimmung und Selbstversorgung funktionieren, und wie wünschenswert – bei aller Liebe zur Freiheit – zuverlässige, liebevolle und ANWESENDE erwachsene Bezugspersonen sind.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/18/die-wilde-meute/

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Wie kommt die Kunst ins Museum

  • Ein Wimmelsachbuch über die Kunst
  • Autoren: Ondřej Chrobák, Rostislav Koryčánek und Martin Vaněk
  • Originaltitel: »Jak se dělá galerie«
  • Aus dem Tschechischen von Lena Dorn
  • llustrationen von David Böhm
  • Gastillustrator: Jiři Franta (S. 22 – 25)
  • Format: 24 x 34 cm
  • 72 Seiten
  • gebunden, Halbleinen
  • Fadenheftung
  • LESEBÄNDCHEN
  • Karl Rauch Verlag  2017  http://www.karl-rauch-verlag.de
  • ISBN 978-3-7920-0368-8
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)
  • ab 8 Jahren

M U S E U M S M U N T E R M A C H E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Wie kommt die Kunst ins Museum“ ist ein Sachbilderbuch, das Kindern anschaulich vermittelt, wie ein Museum funktioniert und wie interessant, bereichernd, kommunikativ und begegungsvielseitig ein Museumsbesuch sein kann.

Zunächst wird erklärt, daß öffentliche Museen, wie wir sie heutzutage kennen, eine verhältnismäßig neue gesellschaftliche Einrichtung sind. Früher gab es Adlige, die private Sammlungen mit Kunstwerken und Kuriositäten anlegten und diese auch von einem Verwalter pflegen und inventarisieren ließen. Diese Gemäldegalerien und Kuriositätenkabinette waren jedoch nur einem privilegierten Publikum und einigen Künstlern zugänglich und dienten – abgesehen von der Sammellust – dem Prestige des Sammlers.

Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Viele Städte erhöhen gerne ihr kulturelles Prestige und ihre touristische Attraktivität durch gepflegte öffentliche Museen und besonders publikumswirksame Ausstellungen. Auf einer ausklappbaren Doppelseite zeigt das Buch steckbriefartig eine Auswahl von repräsentativen Museumsgebäuden vom Jahre 1471 an bis heute.

Nachdem wir solche historischen Hintergründe und Entwicklungen absolviert haben, können wir endlich ein Museum aufblättern und einen ausführlichen und detaillierten Blick in die Ausstellungsräume und hinter die Kulissen werfen.

Hier gibt es vielfältige Arbeitsfelder: Von der Museumsdirektorin und dem Kurator über Verwaltungsangestellte, Restauratoren, Fotografen, Kassenpersonal, Museumsaufsicht und Hausmeister bis zur Raumpflegerin wird das Museumspersonal ebenfalls steckbrief-artig gleichsam aus dem Arbeitsleben gegriffen und in seinen jeweiligen Arbeitsbe- reichen dargestellt. Dabei kommentiert ein jeder seine Tätigkeit.

Neben der stillen Betrachtung einer Ausstellung bietet ein Museum auch geführte Besichtigungen an, außerdem museumspädagogische Werkstätten für Kinder und Erwachsene, in denen sich Besucher selber kreativ betätigen können. Vorträge zu museumsnahen Themen und auch künstlerische Aufführungen runden das kulturell-kommunikative Angebot ab.

„Wie kommt die Kunst ins Museum“ thematisiert zudem die Museumssicherheits- technik, den Erwerb und die sachgemäße Lagerung, Archivierung und Restaurierung von Kunstwerken sowie die unterschiedlichen Möglichkeiten, eine Sammlung zu präsentieren – also beispielsweise chronologisch oder thematisch.

Mehrere Seiten widmen sich der Vorbereitung und Präsentation einer neuen Ausstellung, die von der ersten Idee bis zur Vernissage in ihrer komplexen organisa- torischen, personellen und logistischen Leistung Schritt für Schritt beschrieben und gezeigt werden.

Die letzten Buchseiten enthalten ein bebildertes Glossar all der berühmten Kunstwerke, die in den vorhergehenden Szenerien zu sehen waren. Der Illustrator hat sie zwar in seinem flächigen Malstil nachgemalt, dennoch sind sie für den Kunstkenner unverkennbar zuzuordnen und für den kindlichen Betrachter wimmelsuchbildgemäß spielerisch wiederzufinden.

Das geschickte Layout bietet mit seinem farblichen und strukturellen Abwechslungsreichtum eine ebenso kunterbunt-verspielte wie klar-geordnete Perspektive auf dem Lebensraum eines Kunstmuseums. Die anschauliche Korrespondenz zwischen Text und graphisch-illustratorischer Darstellung unterstützt die kindgerechte Informationsvermittlung.

Die Texterläuterungen sind leicht zugänglich und konzentriert-informativ; sie werden mit amüsanten kleinen Anekdoten abgerundet. So habe ich etwa dazugelernt, daß die Eremitage in Sankt Petersburg das einzige Museum ist, in dem Katzen wohnen dürfen, und daß die Menschen, die Vernissagen eher wegen der Häppchen und Getränke besuchen als wegen der Kunst, Taubengeschwader genannt werden.

„Wie kommt die Kunst ins Museum“ lädt in Bild und Text zum vergnüg- lichen Entdecken ein und so kommt vielleicht neben der Kunst auch so manches Kind ins Museum.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://karl-rauch-verlag.de/buecher/wie-kommt-die-kunst-ins-museum/

Die Autoren:

»Ondřej Chrobák ist Kunsthistoriker und war Kurator u.a. der Grafischen Sammlung der National Galerie Prag.
  Rotislav Koryčánek ist Kunsthistoriker, hat für verschiedene Museen gearbeitet und Ausstellungen kuratiert.
  Ondřej Chrobák ist Kunsthistoriker und war Kurator u.a. der Grafischen Sammlung der National Galerie Prag.«

Der Illustrator:

»David Böhm ist Absolvent der Akademie für Bildende Künste in Prag. Sein umfangreiches künstlerisches Werk wurde bereits in Galerien in New York, Berlin und Kiew ausgestellt.«

 

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Das große Fest im Häschenwald

  • Text von Ulf Stark
  • Originaltitel: »Sommar i stora skogen«
  • Übersetzung aus dem Schwedischen
  • von Birgitta Kicherer
  • Illustrationen von Eva Eriksson
  • Verlag Friedrich Oetinger Februar 2017 www.oetinger.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 124 Seiten
  • Format: 24,5 cm x 26,5 cm
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-7891-0491-6
  • Vorlesebuch ab 5 Jahren

HERZENS(T)RÄUME

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Wichtel Grantel, dessen lohnende Bekanntschaft wir schon im Dezember 2017 mit dem Vorgängerbuch „Wichtelweihnacht im Winterwald“ gemacht haben – siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/06/wichtelweihnacht-im-winterwald/ -, nimmt den ersten Mückenstich des Jahres zum Anlaß, mit dem Sommergroßputz zu beginnen. So kümmert er sich ganz hausfraulich um den schon lange menschenentleerten Hof, er lüftet, schüttelt die Bettücher aus, sammelt alle toten Fliegen ein, schrubbt die Böden mit Tannennadelseife und erinnert sich mit leiser Wehmut an das muntere Leben, das hier einst mit Eltern, Kindern und diversen Hoftieren geherrscht hat.

Jetzt gibt es hier nur eine Hummel zur freundschaftlichen Gesellschaft und Unterhaltung, die er im letzten Winter aus einem Spinnennetz gerettet hat. Auch das schöne improvisierte Weihnachtsfest, das er mit den Kaninchen aus dem benachbarten Wald verbracht hat, ist schon eine ganze Weile her. Er fragt sich, wie es den netten Kaninchengeschwistern Nina und Kalle wohl jetzt geht. Dann schnitzt er eine Weidenflöte und knurrt aus Gewohnheit mit der Hummel herum, weil sie sein Flötenspiel für mißlungen hält. Doch die Hummel, die durchschaut, daß der Wichtel nur aus zu langer Einsamkeit so sauertöpfisch geworden ist, nimmt ihm dies nicht übel.

Im Wald tollen die Kaninchen wie eh und je herum, sie haben Lust auf ein neues Fest und befragen den weisen Uhu, ob es nicht bald wieder einen Festanlaß gebe. Der Uhu erzählt von der Mittsommernacht, der hellsten und kürzesten Nacht des Jahres, von Zauber und Liebe, Küssen und Tänzen, die dazugehörten.

Nina und Kalle lernen Anton kennen, ein Kaninchen mit schwarzem Fell. Auf Anregung von Opa Kaninchen spielen sie das Spiel Gelbnäschen miteinander. Und das geht so: Man knabbert eine Butterblume ab, hält sie seinem Gegenüber vor die Nase, fordert ihn zum Riechen auf und drückt dann die Blüte gegen die Nase, die sich daraufhin unvermeidlich ganz blütenstaubgelb färbt.

Die violette Mitsommerblume blüht auch schon, aber keiner weiß genau, wann die Mittsommernacht sei. Inzwischen strecken Nina und Anton schüchtern zarte Herzensfühler nacheinander aus, und Opa Kaninchen philosophiert anschaulich über Anziehungskräfte.

Ein heftiger Sommersturm überflutet die Kaninchenhöhle und viele andere Tiernester. Alle Tiere machen sich gemeinsam auf den Weg zum Wichtel Grantel, in der Hoffnung, daß sie bei ihm auf dem Hof Unterschlupf und Hilfe finden. Nur Anton ist verschollen …

Der Wichtel staunt und grantelt und ist sodann die Hilfsbereitschaft in Person, er bereitet Schlafstätten, heizt alle Öfen, verbindet Wunden, verteilt Medizin und kocht Nesselsuppe.

Auf Bitten der Tierkinder erzählt er sogar von den Mittsommerfesten, die er früher auf dem Hof erlebt hat, und davon, daß das Mittsommerfest ein beliebter Heiratstermin war und daß einem, wenn man sich in der Mittsommernacht sieben verschiedene Blumen unters Kopfkissen legt, im Traum derjenige  erschiene, den man heiraten würde.

Das stürmische Wetter hält sich. Nina und Kalle schleichen trotzdem heimlich nach draußen, um nach Anton zu suchen, und werden dafür bei ihrer Rückkehr vom Vater ausgeschimpft.

Grantel zieht sich am Abend, als der Regen endlich aufgehört hat, zu einer kleinen Angelpartie auf sein Boot zurück. Vom Trubel mit den vielen Tieren schwirrt ihm der Kopf, und er wirft die Angel aus, um zu meditieren:
„Aber Grantel steckte keinen Wurm auf den Haken, nicht einmal einen Haken hat er an der Angel. Wichtel essen nämlich keine Tiere. Statt Fische zu angeln, angelt Grantel Gedanken, Ruhe und Frieden.“ (Seite 68)

Nachdem er genug Ruhe und Frieden getankt hat, macht er sich wieder auf den Weg zum Hof. Unterwegs hört er ein schwaches Wimmern, und so findet er Anton, der verletzt unter einem umgestürzten Baum liegt. Der Wichtel bringt den unterkühlten Anton ins Haus und wendet an Heilkräften an, was ihm zur Verfügung steht, aber Anton wacht nicht auf.

Alle sind traurig, und Grantel sagt, daß jetzt nur noch ein Wunder helfen könne. In der Nacht hat er wunderliche Träume, da einige vorwitzige Mäusekinder ihm sieben Blüten unters Kopfkissen geschummelt haben. Eine schöne Elfe in einem durchscheinenden Nebelkleid erscheint und sagt Grantel, er solle sich Bart und Zähne putzen, mit seinen Freunden Mittsommer feiern und eine Hochzeit vorbereiten …

Nina hat die ganze Nacht Antons Pfote gehalten, auf das Wunder gehofft  und ist schließlich eingeschlafen. Am nächsten Morgen ist Anton wach, munter und gesund, und er spielt lieblich auf Grantels Weidenflöte.

Nachdem der Wichtel Anton gründlich abgehorcht hat, bestätigt er die Wunderheilung. Voller Freude und Tatendrang wird nun das Mittsommerfest vorbereitet und eine Kaninchen-hochzeit noch dazu. Ein geschmückter Mittsommerbaum wird aufgestellt, es gibt Festschmaus und Spiele, eine herzige, vom Wichtel geleitete Hochzeitszeremonie sowie Küsse, Musik, Tanz und Zauber.

Am Waldrand tanzt Grantel die ganze Mittsommernacht lang mit einer Elfe im Nebelkleid, die ihm prophezeiht, daß er nie mehr einsam sein werde. Das bezweifelt er auf seine mürrische Art zwar zunächst, aber sie sagt die Wahrheit. Anton und Nina suchen sich ganz in der Nähe des Hofes eine Wohnhöhle, und es dauert nicht lange, bis Wichtel Grantel Kaninchenenkel bekommt, die mindestens so gerne mit ihm spielen wie er mit ihnen …

Ulf Stark erzählt in einfachen Worten, deren Tiefsinn und Weisheit unaufdringlich zwischen den Zeilen leuchten. Die Dialoge sind gefühlsecht, empfindsam und augenzwinkernd, der Handlungsverlauf ist zugleich spannend und humorvoll. Eine Prise Feenstaub und Wichtellaunen runden das Erzählganze mit märchenhafter Würze ab.

Die sanftmütig-feinen Illustrationen von Eva Eriksson begleiten und ergänzen den Text mit schelmisch-heiteren Szenerien, die den warmherzigen Grundton des Textes einfühlsam aufgreifen und bestätigen und den charakterstarken Figuren anschauliche mimische und körpersprachliche Gestalt geben.

In solchen Vorlesebüchern finden Kinder eigene Liebhabengefühle und Verlustängste sowie Wert und Trost von Hilfsbereitschaft und Gemeinschaft wieder. Kinder vorleseerfahren hier den Unterschied zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem und ihr kindlicher Bezug zum Zauberwunderhaften wird wohltuend genährt.

„Das große Fest im Häschenwald“ verfügt über die seltene Gabe, zugleich seelenvoll und unterhaltsam zu sein. Es dient dem Kinderherzen im Kind ebenso wie dem Kinderherzen im Erwachsenen!

 

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Der Autor:

»Ulf Stark, 1944 in Schweden geboren, ist ein erfolgreicher Schriftsteller und Drehbuchautor. Er studierte Pädagogik und Psychologie und veröffentlichte 1975 sein erstes Kinderbuch. Etliche seiner Geschichten wurden auch verfilmt. Für sein Werk wurde Ulf Stark vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem renommierten schwedischen August-(Strindberg-)Preis und dem Nils-Holgersson-Preis.«

Die Illustratorin:

»Eva Eriksson wurde 1949 in Halmstad/Schweden geboren und studierte nach dem Abitur an einer Kunstschule. Heute ist sie eine der bekanntesten und beliebtesten Kinderbuch-Illustratorinnen Schwedens und auch international erfolgreich. Sie wurde u.a. mit der Goldenen Plakette auf der Biennale der Illustrationen in Bratislava und dem Europäischen Jugendliteraturpreis „Provincia di Trento“ ausgezeichnet. Für ihr Lebenswerk erhielt Eva Eriksson den Elsa-Beskow-Preis und den Astrid Lindgren Preis des schwedischen Verlages Rabén & Sjögren.«

 

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