Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

  • von Andreas Steinhöfel
  • illustriert von Peter Schössow
  • vierter Rico-und-Oskar-Band
  • CARLSEN Verlag  November 2017    www.carlsen.de
  • gebunden
  • 272 Seiten
  • Format: 15 x 21 cm
  • mit vierfarbigen Illustrationen
  • 14,99 € (D), 15,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-551-55665-3
  • ab 10 Jahren

KINDERHERZLICHE  NÄCHSTENLIEBE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es gibt bereits drei Bände von Rico und Oskar, und als es damals im Jahre 2011 beim Erscheinen des dritten Bandes „Rico, Oskar und das Herzgebreche“ hieß, die Reihe sei abgeschlossen, war ich betrübt, daß es mit diesen außergewöhnlich liebenswerten und originellen Kinderbuchcharakteren nicht weitergehen sollte. Nun bin ich hocherfreut, daß Andreas Steinhöfel den Leselebensfaden von Rico und Oskar doch noch weitergesponnen hat.

Der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar sind die besten Freunde füreinander. Die beiden Jungs ergänzen sich mit ihren jeweiligen Eigenheiten, Stärken und Schwächen, und sie entwickeln sich aneinander weiter.

Oskar kann ausgezeichnet kopfrechnen, weiß viel und ist ein wandelndes Lexikon. Deshalb ist er sich jedoch auch allzu vieler möglicher Lebensgefahren bewußt, was eine Neigung zum Tragen von Kopfbedeckungen (Sturzhelme, diverse Mützen) zur Folge hat. Besonders auffällig ist dies bei Bommelmützen im Hochsommer und wenn er darauf besteht, die Kopfbedeckung auch in Innenräumen nicht abzulegen. In entspanntem Zustand kann Oskar jedoch gut auf eine Kopfbedeckung verzichten.

Rico kann schlecht rechnen, weil ihm – wie er selber sagt – im Gehirn die passende Abteilung für Mathematik fehle. Bei Reizüberflutung kann er gar nicht mehr denken, weil in seinem Kopf die „Bingotrommel“ losgeht und ihn die  wild und laut herum- klackernden Bingokugeln total verwirren. Manchmal versteht er Dinge etwas zu wörtlich, was zu witzigen Mißverständnissen führt. Rico verfügt über sehr viel Einfühlungsvermögen und geht wesentlich geduldiger an seine Mitmenschen heran als Oskar, der die Begriffsstutzigkeit von Erwachsenen und Kindern nur schwer ertägt.

Mit Ricos ausgeprägtem Gefühlsspürsinn und Oskars klugem Köpfchen haben die beiden Jungs schon einige aufregende Abenteuer gut überstanden. Die Freunde wohnen in einem Altbauhaus in der „Dieffe 93“ in Berlin. Das ist ganz praktisch, zumal Rico eine ausgeprägte Rechtslinksschwäche hat und sich räumlich schnell verirrt.

Oskar wohnt bei seinem Vater Lars in der zweiten Etage. Rico lebt mit seiner Mutter und seinem frisch angeheirateten Stiefvater in einer zusammengelegten Wohnung, die sich  über die vierte und fünfte Etage erstreckt. Ricos Mutter ist hochschwanger und achtet inzwischen konsequent auf gesunde Ernährung, was Ricos Süßigkeitenkonsum drastisch einschränkt. Und kürzlich behauptete seine Mutter auch noch, er habe heimlich ihre Silberzwiebelchen weggefuttert. Mann, Mann, Mann – dabei war er wirklich unschuldig.

Wir schreiben den 24. Dezember. Rico schaut schneeflockenhypnotisiert aus dem Fenster auf das dichte Schneetreiben und ist mit seiner Geschenkevorfreude beschäftigt. Er wünscht sich einen Kriminalkoffer und eine Detektivausrüstung, schließlich hat er mit Oskar zusammen schon einige Kriminalfälle gelöst, und überdies ist sein neuer Papa  Polizist – da dürften ja wohl mal ein paar Handschellen & Co drin sein.

Um halb elf gehen Rico und Oskar zu Fuß zum Karstadt. Oskar will noch ein Geschenk für seinen Vater und für Otto kaufen, den besten Kumpel seines Vaters. Außerdem vielleicht noch eine Kleinigkeit für Anna, die neue Freundin, die Otto heute zum Festessen und Kennenlernen mitbringen wird. Rico will noch ein ganz raffiniertes, sehr um die Ecke gedachtes Geschenk für sein zukünftiges Brüderchen oder Schwesterchen kaufen – einen Schwimmreifen, mit dem es bei der Geburt durchs „Obstwasser“ schwimmen soll. Ich freue mich jetzt schon auf die Verfilmung dieses lustigen Verkaufsgesprächs …

Auf dem Weg zum verabredeten Wiedertreffpunkt in der Herrenabteilung – bei Karstadt verirrt sich Rico nämlich unerklärlicherweise nie – beobachtet Rico von der Rolltreppe aus, daß Oskar an einem Sonderangebotstisch für weiße Damenunterwäsche herum-wühlt. Rico wundert sich, fragt aber später nicht nach.

Zurück in der Dieffe 93 muß erst einmal Ricos Vater vor der im Treppenhaus einge-klemmten etwas übergroßen Weihnachtstanne gerettet werden. Das kommt davon, wenn man irgendwelche unterwegslichen Sonderangebote wahrnimmt, anstatt wie versprochen seinen Sohn zum Baumaussuchen mitzunehmen.

Doch das renkt sich alles wortwörtlich wieder ein, zumal Lars, Otto, Anna und sogar der muffelige Hausmeister Mommsen tüchtig mitanpacken. Rico darf zum Ausgleich den Baum schmücken, und Mamas beste Freundin Irina beginnt derweil ein traditionelles russisches Weihnachtsmenü vorzubereiten, denn Ricos Mama kann mit ihrem Wasserballbauchumfang nicht so lange in der Küche hantieren und soll sich lieber schonen und ausruhen.

Rico macht eine kleine Stippvisite bei Frau Dahling, seiner alten Freundin und Nachbarin aus dem dritten Stock, die sich Sorgen macht, da ihr Verehrer noch nicht da ist. Rico tröstet sie und meint, daß er wegen des vielen Schnees einfach länger unterwegs sei. Ein paar leckere Müffelchen staubt er beiläufig auch noch ab. Frau Dahling erzählt, daß Oskar bei seinem letzten Besuch eine Riesenmenge Müffelchen alleine verputzt habe. Rico wundert sich erneut über Oskars ungewohntes Verhalten.

Müffelchen sind kleine Schnittchen mit Käse und Aufschnitt, mit kulinarischer Dekoration aus Gürkchen, Oliven, Ei, Petersilie, salziger Sardelle und Silberzwiebelchen. Wenn Frau Dahling mit Rico und Oskar Filmschnulzen guckt, gibt es immer Müffelchen, und da wäre man wirklich selber gerne mal dabei.

Der Schneesturm wird immer heftiger. Rico packt liebevoll das Geschenk für sein Geschwisterchen ein und kuschelt eine Runde mit Porsche, seinem kleinen Jack-Russell-Terrier.

Rico denkt über Oskar nach, über das verschwundene Essen, über die Damenunter-wäsche und diverse weitere Auffälligkeiten. Kaum hat er richtig kombiniert, daß Oskar offenbar jemanden versteckt und durchfüttert, da klingelt Oskar und bittet seinen Freunde dringend um Hilfe …

Das wird sehr dramatisch und schneewehisch, aber auch ganz wunderwunderbar familiär und nächstenlieb – wie es sich für den Heiligen Abend gehört …

Wer eine spannende und zugleich gefühlvoll-nachdenkliche sowie humorvolle Kinderlektüre sucht, ist bei Rico und Oskar sehr gut aufgehoben. Hier finden sich ein reicher Fundus lebensechter Charaktere, ein warmherziger, wortspielerisch- er Erzählstil, eine lebenskluge Balance von perfekter Dramaturgie und emotionaler Reflektion sowie vielfältige familiäre, lustige, milieuspezifische, zwischenmenschliche und kindgemäß-geistreiche Aspekte.

Alleine schon für die Worterklärungskästchen, die Rico immer formuliert, wenn er ein neues Fremdwort gelernt hat, lohnt sich die Lektüre, wie das nachfolgende Zitat zeigt:

»PROFILNEUROSE: Wenn jemand sich vor anderen wieder und wieder darstellen muss, auch wenn die ihn schon jahrelang kennen und das langweilig finden. Es ist die Vorstufe von Narzissmus, wo einer nur noch sich selber sieht und liebt. Keine Ahnung, was das alles mit Rosen und Narzissen zu tun hat, aber es betrifft nicht nur Gärtner.« (Seite 156)

Die farbigen Illustrationen von Peter Schössow geben Rico und Oskar mit ausdrucksvollem Minimalismus anschaulich-knuffelige sowie äußerst textgetreue Gestalt, und die schneebeflockten Kapiteltrennseiten tragen zusätzlich zur winterlichen Gestimmtheit der Geschichte bei.

Im vorliegenden vierten Band von „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ sind die Kinder im Vergleich zu den ersten drei Bänden etwas reifer und selbstbe- wußter geworden. Ricos Kopfbingogekugel hat deutlich nachgelassen, und Oskar trägt nicht ständig eine Kopfbedeckung. Gleichwohl sind sie Kinder und brauchen Halt, Orientierung und Hilfe von erwachsenen Erwachsenen. Es gibt in diesem Buch sehr anrührende Szenen, welche das tiefe kindliche Bedürfnis nach familiärer Geborgenheit, Schutz, Trost und Vertrauen in anschaulichen Formulierungen wiedergeben.

Ricos Angst vor Liebesverlust durch das erwartete Geschwisterchen begegnet Oskar mit folgender sehr weisen Antwort:

»Liebe ist, glaube ich, etwas ziemlich Unerschöpfliches. Dir wird nichts weggenommen – wenn jemand Neues dazukommt, wächst für den einfach neue Liebe dazu. Deshalb muß man auch keine Vorräte anlegen, es ist immer genug für alle da.« (Seite 94)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-vomhimmelhoch-rico-und-oskar-/61384

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band „Rico, Oskar und die Tieferschatten“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-die-tieferschatten-rico-und-oskar-1/30991
zum zweiten Band: „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-herzgebreche-rico-und-oskar-2/25135
und zum dritten Band: „Rico, Oskar und das Herzgebreche“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-der-diebstahlstein-rico-und-oskar-3/23133
Hier entlang zu einem weiteren Kinderbuch von Andreas Steinhöfel, in dem sich ebenfalls zwei Außenseiter erfolgreich zusammentun: „Glitzerkatze und Stinkmaus“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/11/glitzerkatze-und-stinkmaus/

Der Autor:

»Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren, arbeitet als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher – vor allem aber ist er Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z. B. »Die Mitte der Welt«. Für »Rico, Oskar und die Tieferschatten« erhielt er u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2009 hat Andreas Steinhöfel den Erich-Kästner-Preis für Literatur verliehen bekommen, 2013 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und 2017 folgte der James-Krüss-Preis. Andreas Steinhöfel ist als erster Kinder- und Jugendbuchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Der Illustrator:

»Peter Schössow, Jahrgang 1953, gehört zu den renommiertesten deutschen Illustratoren. Nach seinem Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg arbeitete er unter anderem für Spiegel, Stern und Die Sendung mit der Maus. Darüber hinaus hat er eine Vielzahl von Kinderbüchern verfasst und illustriert, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Peter Schössow lebt in Hamburg.«

 

Meine lokale KAUFEMPFEHLUNG:

Für meine Solinger Mitleser weise ich gerne darauf hin, daß die Buchhandlung
DIE SCHATZINSEL stets einen satten Vorrat an Andreas-Steinhöfel-Büchern pflegt.
Von „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ sind sogar noch
vom Autor signierte Exemplare (von der Solinger-Steinhöfel-Lesung vom 6.11.2017) vorrätig.

Die Schatzinsel
Buch & Meer
Forststr. 1
42697 Solingen
Tel:   0212  –  38 32 95 10
Fax:  0212  –  38 32 95 11
http://www.schatzinsel-solingen.de

 

 

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Pandemonium

  • (chaos, wirrnis, tumult)
  • Band 2 der AMOR-Trilogie
  • von Lauren Oliver
  • Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
  • Carlsen Verlag 2012                      http://www.carlsen.de
  • 978-3-551-58284-3
  • 349 Seiten, 17,90 €
  • ab 14  Jahren
    9783551582843.jpg pandemonium

LIEBESWUND

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine kurze Rückblende zur Erinnerung an Band 1 ( „Delirium“ ):  Für die restriktive, diktatorische Gesellschaft, in der Lena lebt, ist die Liebe Staatsfeind Nummer 1. Liebe wird als Krankheit definiert, und diese Krankheit trägt den Namen „Deliria“ . Spätestens im Alter von 18 Jahren wird daher jeder durch einen neurologischen  Eingriff gegen „Deliria“ immunisiert. Für die sogenannten noch „ungeheilten“  Kinder und Jugendlichen herrscht strikte Geschlechtertrennung, um einem möglichen Aufkeimen der „Deliria“  keine Gelegenheit zu geben.

Dieser eingezäunten, zwanghaft gefühlskontrollierten städtischen Gesellschaft steht die Wildnis gegenüber. Dort leben die Menschen, die vor der Gesellschaft geflohen sind, weil sie sich ihr Gefühlsleben nicht verbieten und zurechtstutzen lassen wollen. Für die Gesellschaft gelten die Bewohner der Wildnis als „Invalide“.

Die Wilden wollen nicht nur anders leben, sie leisten auch aktiven Widerstand gegen die Gesellschaft. Sie sind Rebellen, organisieren Sabotageakte und verfügen über ein ausgeklügeltes Netzwerk von Sympathisanten sowie über sehr kreative Kommunikatons-  und Versorgungskanäle. Die Gesellschaft ist also bei weitem nicht so gleichgeschaltet und konform, wie sie sich gerne in der Öffentlichkeit darstellt.

Nachdem im ersten Band „Delirium“ das Liebespaar, Lena und Alex, auf der Flucht in die Wildnis äußerst gewaltsam getrennt worden ist und wir nicht wissen, ob Alex überhaupt noch unter den Lebenden weilt, beschreibt der zweite Band „Pandemonium“ fast ausschließlich Lenas weiteren „verwilderten“ Weg.

Lena irrt hilflos und verletzt durch die Wildnis und wird von Raven gefunden und zu einem der geheimen Stützpunkte der Rebellen getragen und dort gesund gepflegt. Der Stützpunkt befindet sich in den Kellergewölben einer  alten Kirche. Es gibt keinen Strom, kein fließendendes Wasser, außer am Fluß, und das Nahrungsmittelangebot ist bescheiden. Nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten an die zwar freien und ungezwungenen, aber deutlich unbequemeren Lebensbedingungen fügt sie sich recht gut in ihre neue Wahlfamilie ein.

Ihr persönlicher Verlust schmerzt sie zutiefst, aber sie lernt von ihren Gefährten und Gefährtinnen, die Vergangenheit so still wie möglich ruhenzulassen und sich um das Überleben in der Gegenwart zu kümmern. Um mehr Abstand zur ihren jeweiligen alten Biographien zu bekommen, geben sich die meisten Einwohner der Wildnis sogar ganz neue Namen, und sie reden nur sehr selten und sparsam über ihre zurückgelassene Identität. Jeder, der in die Wildnis geflohen ist, hat mit einem sehr radikalen Schnitt sein altes Leben zurückgelassen. Alle haben an ihren ungeweinten Tränen und abschiedslosen Abschieden schwer zu tragen, dennoch oder gerade deshalb wollen sie für die Freiheit der Liebe kämpfen.

Außer den Rebellen und den Gesellschaftskonformen gibt es noch eine dritte Gruppierung, die Schmarotzer: ein anarchistischer, brutaler, krimineller Haufen, der keine neue Gesellschaftsordnung anstrebt, sondern nur den eigenen Vorteil und das eigene Überleben berücksichtigt. Da Solidaritätsprinzipien nicht zu ihren Vorlieben gehören, sind sie jedoch nicht so gut organisiert wie die Rebellen.

Zusammen  mit Raven und  ihrem Gefährten Tack  wird Lena von einem Rebellenstützpunkt in der Nähe von NY aus unter einer Tarnidentität wieder in die zivilisierte Gesellschaft eingeschleust.

Als Agentin des Widerstandes hat Lena den Auftrag, die „VDFA Vereinigung für ein Deliria-freies Amerika“  zu beobachten. Deren Gründer, Thomas Fineman, geht sogar noch einen Schritt weiter als die Regierung, denn er propagiert einen früheren Termin für den neurologischen Eingriff, der die Menschheit vor der Ansteckung durch „Deliria“ schützen soll. Für das Wohl der Mehrheit will er die Minderheit einfach opfern, die durch einen zeitlich vorgezogenen Einsatz des Heilmittels in Lebensgefahr geriete. Die alte Schallplatte vom Überleben der Besten, Gesündesten und Stärksten wird eifrig wiedergekäut.

Fineman ist sogar bereit, seinen eigenen Sohn, Julien, zu opfern. Julien Fineman hat seit seiner Kindheit schon mehrere Tumoroperationen überlebt, deshalb ist gerade für ihn der „Heilmitteleingriff“ ein großes Risiko.

Lena besucht eine öffentliche Versammlung, bei der Fineman seine übliche Propaganda abspult und zu einer Großkundgebung aufruft. Danach hält auch sein Sohn Julien eine mitreißende Rede und kündigt an, sich im Anschluß an die Kundgebung freudig seiner Heilungs-OP  hinzugeben –  als historischer Wegweiser zur Gesundheit der Gesellschaft.

Am Tag der Großdemonstration der VDFA ist es Lenas Aufgabe, Julien zu beschatten. Kaum hat die Kundgebung begonnen, da wimmelt es plötzlich von Schmarotzern. Julien und seine Leibwächter verschwinden in einem nahegelegenen stillgelegten U-Bahntunnel. Lena verfolgt Julien und wird schließlich mit ihm zusammen entführt und eingekerkert.

Die beiden Jugendlichen kommen sich zwangsläufig näher, und obwohl sie eigentlich Feinde füreinander sind, finden sich beide  –  zunächst heimlich und uneingestanden  –  sympathisch. Während der gefährlichen gemeinsamen Flucht und wechselseitigen Lebensrettungen keimt in Lenas Herzen eine neue Liebe auf, und Julien erlebt überhaupt zum ersten Mal das Herzklopfen der „Deliria“.  Julien ist auch gar nicht so angepaßt, wie es anfangs schien; er hat heimlich viele verbotene Bücher gelesen und sehnt sich nach einer anderen Art zu leben.

Im weitverzweigten U-Bahn-Tunnelsystem werden Lena und Julien von einer weiteren ungeahnten „Spezies“ vor ihren Verfolgern gerettet. Diese wortwörtliche Subkultur von ausgesetzten, körperbehinderten oder anderweitig nicht der gesellschaftlichen Gesundheitsnorm entsprechenden Menschen lebt zurückgezogen im Untergrund und folgt ihren eigenen Gesetzen.

Doch der Weg in die Freiheit stellt die Frischverliebten noch vor harte Bewährungsproben, Solidaritätskonflikte und ungeahnte Verstrickungen, bis sie einander in die Arme sinken dürfen.

Und damit wir uns jetzt nicht  –  genüßlich seufzend   –  auf einem Happy End ausruhen und der Spannungsfaden auch schön reißfest gespannt bleibt, erscheint auf der vorläufig letzten Seite der Geschichte  –  na, wer wohl? Dreimal dürfen Sie raten:  Liebesdreiecksdrama, ick hör‘ dir trapsen…

Lauren Olivers Jugendbücher haben einen sympathisch aufklärerischen Zug, der sich darin zeigt, daß die Personen größere gesellschaftliche Zusammenhänge und ihre eigene Mitwirkung daran erkennen. Der Wunsch nach Veränderung oder einer Revolution der Verhältnisse beginnt zwar bei der persönlichen Erfahrung von Unterdrückung und Not, geht aber letztlich weit über das jeweilige Einzelschicksal hinaus.

Auch das Problem aller Revolutionen, für ein idealistisches Zukunftsziel Menschenleben zu riskieren und zu opfern, wird von der Autorin glaubwürdig dargestellt.

Lena durchschaut, daß die Bekämpfung eines Feindes (oder Feindbildes) fast zwangsläufig zu einer gegenseitigen Spiegelung rücksichtsloser und unmenschlicher Verhaltensmuster führt: Es besteht die Gefahr, sich selbst in das zu verwandeln, was man eigentlich bekämpfen will.

Besonders bemerkenswert ist, daß Lena die innere Stärke und Entschlossenheit entwickelt, sich nicht nur von der Normgesellschaft zu emanzipieren, sondern auch von manchen Ansprüchen und Entscheidungen der Rebellen.

„Pandemonium“ ist eine sehr lesenswerte, spannende Fortsetzung von „Delirium“ , und die weibliche Hauptfigur ist ein ausgesprochen mutiges, tapferes und liebesfähiges Mädchen, an dessen Schicksal man gerne und mitbebend Anteil nimmt .

Hier folgt der Link zu meiner Besprechung des ersten Bandes:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/03/delirium/

 

Die Autorin:

»Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Lauren Oliver lebt in Brooklyn.«

Delirium

  • (amor deliria nervosa)
  • Band 1 der AMOR-Trilogie
  • von Lauren Oliver
  • Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
  • Carlsen Verlag 2011                               http://www.carlsen.de
  • 978-3-551-58232-4
  • 409 Seiten, 18,90 €
  • Taschenbuchausgabe, März 2013
  • 978-3-551-31200-6
  • 8,99 €
  • ab 14 Jahren
    9783551582324

STAATSFEIND  NUMMER 1: LIEBE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Lena lebt in einer äußerst restriktiven Gesellschaft, in der Liebe als ansteckende und tödlich endende Krankheit definiert wird. Dementsprechend werden alle Menschen durch einen neurologischen Eingriff gegen diese die gesellschaftliche Stabilität und Volksgesundheit gefährdende Krankheit immunisiert.

Klassiker der Weltliteratur wie z. B. „Romeo und Julia“ sind schulische Pflichtlektüre im Fach Gesundheitslehre, um vor den Gefahren und tödlichen Folgen unkontrollierter Emotionen zu warnen. In den Schulen herrscht strikte Geschlechtertrennung, um einem Aufkeimen der Krankheit „ Amor deliria nervosa“ so wenig Gelegenheit wie nur möglich zu geben. Die neurologische Operation, die vor der Liebe schützen soll, kann frühestens mit achtzehn Jahren erfolgen, und somit gelten alle Kinder und Jugendlichen als Ungeheilte, die des besonderen Schutzes und der besonderen Kontrolle bedürfen.

Es gibt jedoch Menschen, bei denen der Eingriff nicht funktioniert und die nach wie vor ein lebendiges Gefühlsspektrum zur Verfügung haben. Wenn es ihnen nicht gelingt, ihre Gefühle zu verbergen, werden sie entweder erneut zwangsoperiert oder, in unheilbaren Fällen, in sogenannte Grüfte weggesperrt. So wurde Lenas Mutter von einer Patrouille dabei beobachtet, wie sie über einem Foto ihres verstorbenen Mannes weinte. Angeblich zog sie den Freitod der Gefangenschaft und Unterdrückung vor.

Das ist der Grund, warum Lenas sozialer Status besonders verletzlich ist, allein ihre Herkunft und genetische Mitgift machen sie verdächtig. Wäre Lena nicht von ihrer Tante aufgenommen worden, müßte sie in einem staatlichen Waisenhaus leben; für diese Rettung vor dem endgültigen sozialen Abstieg ist sie dankbar.

Die amerikanische Küstenstadt, in der Lena lebt, ist von einem bewachten hohen Elektrozaun umgeben, der die Stadt von der Wildnis abgrenzt. In dieser Wildnis leben noch Menschen, die nicht gegen Liebe bzw.  „Amor diliria nervosa“ immun sind und die das von der Gesellschaft verordnete  „Heilmittel“  ablehnen. Offenbar gab es vor der Errichtung des Schutzzaunes eine Massenflucht von Menschen, die der Liebe treu bleiben wollten. Diese „Wilden“ gelten als Staatsfeinde und werden abfällig als „Invalide“  bezeichnet.

Auch bei den „geheilten“  Mitgliedern der Gesellschaft gibt es noch „ Sympathisanten“ der Liebe. Wobei in der Bezeichnung Sympathisant eine unfreiwillige Selbstironie des liebesfeindlichen Systems liegt, denn die Vertreter und insbesondere die exekutiven Vertreter dieser Gesellschaftsordnung sind ausgesprochen unsympathisch und zeigen im harmlosesten Fall einfach keine Empathie und im schlimmsten Fall ausdrücklichen Sadismus.

Es gibt sehr grausame Strafen, Umerziehungsmaßnahmen, Sperrstunden, Kontrollen, Razzien und den gebührenfreien Deliria-Präventionsnotruf: eine Einladung zur Denunziation von Personen, die angeblich Symptome der „Amor deliria nervosa“  zeigen.

Die Geschichte beginnt 95 Tage vor Lenas Immunisierungseingriff. Lena geht auf dem Weg zum Prüfungslabor mit ihrer Tante noch einmal die einstudierten Antworten für das Evaluierungsgutachten durch. Diese Gesinnungsprüfung und peinliche Begutachtung, bei der die Prüflinge, nur mit einem durchsichtigen Plastikkittel bekleidet, befragt, betrachtet und nach einem Punktesystem bewertet werden, hat entscheidenden Einfluß auf die zukünftigen beruflichen Möglichkeiten und die Zuordnung eines passenden Ehepartners. Die Gutachter entscheiden sogar darüber, wieviele Kinder ein Paar zu bekommen hat.

„Wir werden erwachsen sein, geheilt, markiert, etikettiert, identifiziert, mit einem Partner versehen und ordentlich auf unseren Lebensweg gesetzt, perfekte runde Murmeln, die in gleichmäßigen, gespurten Bahnen rollen.“

Während Lenas Befragung kommt es zu einer Störung: Plötzlich rennt eine Herde panischer Kühe durch die Laborräume, Lena rettet sich hinter einen OP-Tisch, die Kühe knabbern die Notizen der Gutachter an, und im allgemeinen Chaos bemerkt nur Lena den unbekannten Jungen, der von der Tribüne aus amüsiert diesen Sabotageakt beobachtet und ihr zuzwinkert.

Am  nächsten Tag bespricht Lena mit Hana, ihrer besten und einzigen Freundin, den Vorfall im Labor. In den offiziellen Nachrichten  ist von einem Lieferfehler die Rede. Hana, die eigenwilliger und rebellischer ist als Lena, macht sich über die offizielle Erklärung lustig. Sie erwartet  keineswegs sehnlich den bevorstehenden Immunisierungseingriff, sondern hinterfragt ihn kritisch.

Lena, die sich bemüht, alle Regeln zu befolgen und nicht negativ aufzufallen, reagiert ängstlich und abwehrend auf Hanas Freiheitsverlangen. Als Hana auch noch von einer ganzen Subkultur berichtet, wo sich Mädchen und Jungen heimlich an entlegenen Orten zu Konzerten und Tanz treffen und unkontrolliert begegnen, fühlt sich Lena einsamer als je zuvor.

Verwirrt und widerwillig folgt Lena Hana zu einer solchen Veranstaltung und ist schon allein durch die ungewohnt emotionale  – und natürlich verbotene – Musik,  die sie dort zu hören bekommt, so aufgewühlt, daß sie gleich wieder fortgehen will. Doch dann trifft sie den geheimnisvollen und anziehenden Jungen aus dem Labor wieder. Sie kommen ins Gespräch, tanzen sogar miteinander, und Lena zeigt erste Anzeichen von „Amor deliria  nervosa“ 

Es dauert eine Weile,  bis sich Lena von dem indoktrinierten Glauben an die Krankhaftigkeit der Liebe und der damit verbundenen körperlichen Symptome freimachen kann. Doch schließlich entwickelt sich, trotz der widrigen Umstände, eine schöne, gefühlvolle – allerdings auch tragische – Liebesgeschichte.

Ob dieses vorläufig tragische Ende eine positive Wende nehmen wird, erlesen wir dann hoffentlich in der Fortsetzung…

Lauren Oliver beschreibt sehr anrührend, wie Lena sich von den inneren und äußeren Verboten, Vorschriften und Vorurteilen emanzipiert und – nach anfänglichem Zögern und verständlicher Unsicherheit – ihrem  Herzen folgt und lernt, ihren Gefühlen zu trauen.

 „Sie können Mauern bis zum Himmel bauen, und ich werde doch darüber hinwegfliegen. Sie können mich mit hunderttausend Armen festhalten, und ich werde mich doch wehren. Und es gibt viele von uns da draußen, mehr als ihr denkt. Menschen, die in einer Welt ohne Mauern leben und lieben. Menschen, die gegen Gleichgültigkeit und Zurückweisung anlieben, aller Vernunft zum Trotz und ohne Angst.“

Auch in ihrem zweiten Jugendroman erweist sich Lauren Oliver als eine überzeugende und leidenschaftliche Anwältin der Liebe.

Querverweis:

Hier entlang zur Rezension des ersten Jugendromans von Lauren Oliver:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/wenn-du-stirbst-zieht-dein-ganzes-leben-an-dir-bei-sagen-sie/

Und hier geht es zur Fortsetzung von Delirium:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/24/pandemonium/ von


Die Autorin:

»Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Lauren Oliver lebt in Brooklyn.«

Das Handbuch für Prinzessinnen

UNTER  UNS  PRINZESSINNEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses Mädchenbuch ist nicht so rosa, wie es aussieht!

Die vier Freundinnen, die sich im  „Club der zartgrauen Prinzessinnen“ zusammenfinden, leben in bescheidenen Verhältnissen; aber mit Hilfe  eines geheimnisvollen  „Handbuches für Prinzessinnen“  machen sie gemeinsam, kreativ und mit würdevoller Tapferkeit das Beste aus ihren wenig bilderbuchmäßigen Lebensumständen. Es gibt keine Tennis- und Reitstunden oder gar Personal für die Prinzessinnen, und die magere Garderobe wird mit selbstgeschneiderten Sachen aus grauem Stoff ergänzt.

Anni, die Erzählerin der Geschichte, hat eine liebevolle Mutter, die im Rollstuhl sitzt; vom Vater gibt es nur einen Stapel alter Briefe. Missy lebt bei ihrem Vater, der einen Antiquariatsbuchladen führt; hier fehlt schmerzlich die Mutter, die in der kindlichen Fantasie zur englischen Landadeligen hochstilisiert wird. Im Gegensatz zum reduzierten Familienanhang ihrer Freundinnen verfügt Elina über eine fürsorgliche, russische Großfamilie, die das letzte Exemplar einer ausgestorbenen Rosensorte namens „Frostmond“  besitzt. Doch die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung durch den Verkauf der Rose ist sehr getrübt, da die Pflanze bedenklich kränkelt. Theresa ist wegen Liebeskummer von zu Hause ausgerissen und lebt vorübergehend bei ihrer Tante.

Bei dem „Handbuch für Prinzessinnen“ handelt es sich um acht, vergilbte, handbeschriebene Seiten, welche die Mädchen in einer Bücherkiste im Laden von Missys Vater gefunden haben: “Belle von W.:  Handbuch für Prinzessinnen, Shanghai 1942 bis Bremerhaven 1946 ,  Auflage 1 Stück, weltweit.“

Die teilweise strengen, selbstdisziplinierenden, aber auch lustigen und romantischen Regeln und Empfehlungen aus dem Handbuch verhelfen den Freundinnen zu einer reifen inneren Haltung und zu eleganten Umgangsformen (von seltenen Ausrutschern abgesehen).

Sehnlichst wünschen sich die Mädchen, einer vollständigen Ausgabe des „Handbuches  für Prinzessinnen“  habhaft zu werden; bis dahin ergänzen sie die sorgfältig  in einem Ordner abgehefteten Seiten um selbsterarbeitete, blaublütige Spielregeln. Diese Orientierungshilfe erleichtert den Freundinnen den Umgang mit der Plage der „Poloponys“, fünf hochnäsigen Mädchen aus reichen Elternhäusern, die sich stets harmonisch pastellbunt kleiden und im schulischen Klassenkampf ihre modische und soziale Scheinüberlegenheit gerne und mit Vorliebe an den „grauen Prinzessinnen“ auslassen.

Eines Wintertages beschließen die Prinzessinnen, ihre tägliche Teestunde mit selbstgebackenen „Höflingsbissen“  zu versüßen. Das dafür erforderliche Rosenwasser könnte für die Mädchen unbezahlbar sein, doch sie wollen einen Rat aus ihrem Handbuch ausprobieren, der nichts anderes ist, als eine elegant verpackte Bitte um Zahlungsaufschub. So kommt es beim freundlichen Apotheker aus der Nachbarschaft zu einer schicksalhaften Begegnung: eine ältere Dame, die vor den Mädchen bedient wird und Lavendelseife erwirbt, spricht, anstatt zu bezahlen, exakt den Text aus dem Handbuch:

Oh, so teuer mein Lieber? Ich bin es leider nicht gewohnt, so viel Bargeld mit mir herumzutragen. Ich war lange in einem Mädchenpensionat in der Schweiz, müssen Sie wissen. Dort galt es als gewöhnlich, mit Geld in der Tasche herumzulaufen… Wie dem auch sei … Meine Zofe wird  das Geld in den kommenden Tagen bringen!“

Die eifrigen Nachforschungen der Freundinnen führen – nach einigen Turbulenzen und Mißverständnissen – zu einer Einladung zum Tee bei der prinzessinnenverdächtigen Dame, die sich als einstige Verfasserin des Handbuches und als wirklich echte Prinzessin entpuppt. Die Freundinnen kommen in den Genuß des vollständigen  „Handbuches für Prinzessinnen“, und die Dame weiß auch wie „Frostmond“  behandelt werden muß, um – natürlich blaublütig – zu blühen. Nach und nach wenden sich alle Umstände und Beziehungen zum Besseren.

Die zärtliche Ironie, mit der Hilke Rosenboom ihre Figuren beschreibt, die dem Erzähltext eingefügten Passagen aus dem „Handbuch für Prinzessinnen“, die stets den passenden Kommentar oder die dringend benötigte Ermutigung zu  den laufenden Geschehnissen liefern, und die witzigen Ilustrationen von Franziska Harvey gestalten ein sehr originelles und unkonventionelles Mädchenbuch.

Besonders erwähnenswert ist eine im Buch aufgelistete Sammlung von Wortbausteinen für edle neunsilbige Flüche, die junge Leserinnen spielerisch anregt, ihren Wortschatz zu bereichern und mit eigenen neuen Wortkombinationen  zu ergänzen.

Die für alle Beteiligten glücklichen Fügungen und überraschenden Familienzusammenführungen am Ende der Geschichte, mögen vielleicht etwas märchenhaft sein, aber wünschenswert sind und bleiben sie auf jeden Fall.

Wem das nicht paßt, den verfluche ich „beim neureichen, lügenden Wangenkuss“ oder
„beim staubweichen, schnarchenden Himmelbett“ oder „beim prinzlichen, fusselnden  Pantoffel“. Für edle neunsilbige Gegenflüche kombinieren Sie sich bitte mit den Wortbausteinen auf den Seiten 58/59 selber etwas zurecht.

 

Die Autorin:

»Hil­ke Ro­sen­boom, wurde 1957 auf Juist geboren. Sie studierte in Kiel Linguistik und besuchte die Journalistenschule in Hamburg. 15 Jahre lang arbeitete sie als Reporterin beim »Stern«. Seit 1995 veröffentlichte sie als freie Publizistin viele Romane für Erwachsene und Kurzgeschichten für Kinder. Sie war verheiratet und lebte mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Hamburg und Ostfriesland. Hilke Rosenboom starb im August 2008.«

 

Die Illustratorin:

»Franziska Harvey, wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Illustration und Kalligrafie und arbeitet heute als freiberufliche Illustratorin für verschiedene Verlage und Agenturen«.

 

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

  • von Lauren Oliver
  • Übersetzung aus dem Englischen von  Katharina Diestelmeier
  • Carlsen Verlag  2010                          http://www.carlsen.de
  • 978-3-551-58231-7
  • 447 Seiten
  • 19,90  €
  •  ab 14 Jahren
  • Taschenbuchausgabe, Carlsen Verlag  März 2013
  • 978-3-551-31200-6
  • 8,99 €
    9783551582317_0.jpg Wenn du stirbst zieht

ANPROBE  FÜR  VIELE  LEBEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Samantha Kingston, die Icherzählerin dieses Jugendromans, bereitet die Leser bereits im Prolog darauf vor, daß sie hier von ihrem letzten Lebenstag erzählt. Sie tut das in einem selbstironisch-lakonischen und unkonventionellen Tonfall, der Neugier weckt und zum Weiterlesen animiert, obwohl wir wissen, wie die Geschichte enden wird.

Im ersten Kapitel lernen wir Samantha als hübsche, 16-jährige Schülerin kennen, allgemein beliebt, bewundert, aber auch gefürchtet, denn sie gehört  zu der angesagten Mädchenclique an ihrer Schule. Ihre Hauptsorge gilt der Anzahl der Rosen, die sie zum Valentinstag bekommen wird, und es gibt eine latente Unsicherheit bezüglich ihres  Entjungferungsvorhabens. Zwar ist sie mit dem ebenfalls allgemein umschwärmten Rob zusammen, aber der Impuls zum ersten Mal geht wesentlicher stärker vom Gruppenzwang ihrer Freundinnen und vom Drängen des Jungen aus als von wirklichem Begehren ihrerseits.

Am Morgen ihres letzten Lebenstages wird sie von ihren drei besten Freundinnen mit demAuto abgeholt. Lindsay, die Fahrerin und tonangebende Persönlichkeit der Mädchenclique, überholt dreist den Wagen einer anderen Schülerin und besetzt den letzten Parkplatz, der in unmittelbarer Nähe zum Haupteingang der Schule liegt.

Es ist Valentinstag, und auf dem Weg zum Unterricht begegnen ihnen einige als Liebesboten festlich kostümierte Schülerinnen der unteren Jahrgänge. Diese Liebesboten verteilen im Laufe des Schultages die Rosen und Grußkärtchen an die älteren Jahrgänge.  Die Anzahl der Rosen, die man bekommt, illustriert, in welchen Bereich des Beliebtheitsspektrums man sich einordnen darf.

Während dieses Schulalltages wird deutlich, wie normiert sich Samantha verhält, wie sie ihren sozialen Rang in der Schülerhierarchie  ängstlich überwacht und ausgesprochen oberflächlich damit beschäftigt ist, die richtigen Klamotten zu tragen, coole  Bemerkungen zu machen,  sich von den Außenseitern fernzuhalten oder sich mit ihren Freundinnen über die „Freaks“ lustig zu machen. Eine Schülerin namens Juliet ist ganz besonders Zielscheibe des Gruppenspotts, einfach deshalb, weil Lindsay eine persönliche Abneigung gegen dieses Mädchen hat.

Samantha ist eine Mitläuferin, die ihre wahren Empfindungen opfert um dazuzugehören; das geht sogar so weit, daß sie bereit ist, mit ihrem Freund Rob zu schlafen – dabei haßt sie schon die Art, wie er sie küßt!

Eine der Rosen, die Samantha bekommt, stammt von Kent. Kent ist ein selbstbewußter, kreativer Individualist und fällt somit auch in die abzuwertende Freak-Kategorie. Er gibt jedoch am Abend eine Party, und gönnerhaft beschließen die Freundinnen dort hinzugehen, denn Kent sieht immerhin gut aus, wenn er sich auch eigenwillig kleidet.

Als die Mädchen zur Party in Kents Elternhaus  erscheinen, ist schon reichlich Alkohol geflossen, und es kommt zu einer sehr häßlichen Szene zwischen der Clique und ihrem Lieblingsopfer Juliet. Kent stellt Samantha deshalb zur Rede, und sie ist aufgewühlt, weil sie spürt, wie anziehend er auf sie wirkt; und seine Kritik an ihrem Verhalten gegenüber Juliet trifft sie sehr.

Samanthas Gefühlchaos ist perfekt, das Projekt Entjungferung entfällt wegen Robs Trunkenheit, also verlassen die Mädchen schließlich in weiblichem Einvernehmen die Party. Auf der Rückfahrt geschieht schließlich der Autounfall, bei dem Samantha stirbt.

Im zweiten Kapitel erwacht Samantha morgens  in ihrem Bett, und es ist wieder Valentinstag. Irritiert vergleicht sie ihre Erinnerung an den tödlichen Autounfall mit ihrem offensichtlich lebendigen Erwachen. Handelt es sich um ein besonders ausgedehntes Déjà-vu?

Wieder wird sie von ihren Freundinnen abgeholt, es gibt jedoch, bedingt durch Samanthas Verwirrung, ein kleine Zeitverzögerung, und diesmal bekommen sie nicht den gleichen Parkplatz, was wiederum für die Schülerin, die jetzt den Parkplatz nutzen kann, positive Folgen hat, da sie pünktlich zum Unterricht erscheint und sich somit eine andere Wirkungskette entfaltet. Auch Samantha hofft durch ihre Kenntnis des Tagesablaufes und eine bewußte Verhaltensänderung, vielleicht diesmal ihr Leben retten zu können.

Siebenmal erwacht sie am gleichen Tag und nimmt kleinere und größere Änderungen vor. Samantha ist ganz auf sich selbst zurückgeworfen, was dazu führt, daß sie nach und nach ihren eigenen Empfindungen folgt und viele Selbstverständlichkeiten ihres bisherigen Daseins hinterfragt. Schöne Fassaden werden brüchig, sie entdeckt Geheimnisse und Zusammenhänge, die ihre Perspektive  dramatisch verändern: „ Ich schaudere, als ich daran denke, wie leicht  man sich vollkommen in Leuten täuschen kann – man sieht einen winzigen Teil und verwechselt das mit dem Ganzen, man sieht die Ursache und denkt, es ist die Wirkung oder andersrum.“

Ihr Wissensvorsprung gegenüber ihren Mitmenschen macht sie einsam, zugleich bringen jedoch das Wissen um ihre eigene Sterblichkeit und der damit verbundene Abschiedsblick eine seelische Tiefenschärfe und reifende Selbsterkenntnis, die in bemerkenswertem Kontrast zu ihrer vorherigen Oberflächlichkeit stehen. Sie entwickelt mehr Dankbarkeit, Liebe und Wertschätzung für die vielen Gaben und Genüßlichkeiten des Lebens;  so entdeckt sie  z. B. staunend, daß ihre kleine Schwester ein bewundernswertes Vorbild an souveräner Eigenwilligkeit verkörpert.

Ließ  Samanthas  Herzensbildung sowohl in Bezug auf  sich selbst als auch in Bezug auf andere Menschen anfangs deutlich zu wünschen übrig, absolviert sie in diesen sieben Tagen einen Intensivkurs in echter Menschenkenntnis, achtsamer Wahrnehmung und Mitgefühl. Samantha ändert ihre Wertekoordinaten und wird von Wiederholungstag zu Wiederholungstag sympathischer und wesentlicher.

Das Leben, das Samantha dann am letzten Tag wirklich rettet, ist nicht ihr eigenes, doch hiermit ist sie vollkommen im Einklang.

„Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ ist ein ungewöhnliches Buch, mit einer mutigen Herangehensweise an schmerzliche und schwierige Themen und mit einer Sprache, die den jugendlichen Ton trifft. Ernste, lustige, alberne, tiefsinnige, einfache und komplexe Gefühle, Wahrnehmungen und Erkenntnisse werden in bunter Wortvielfalt, durch lebhafte Dialoge und mit flotter Dramaturgie  wunderbar gefühlsecht dargestellt.

 

Die Autorin:

»Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Lauren Oliver lebt in Brooklyn.«