Bist du noch zu retten?

  • Pflanzenkrankheiten & schädliche Insekten erkennen und das Richtige tun
  • von Bärbel Oftring
  • KOSMOS Verlag    www.kosmos.de
  • Klappenbroschur
  • Fadenheftung
  • 144 Seiten
  • Format: 216 x 185 x 14mm (LxBxH)
  • 336 Farbfotos
  • 6 Farbzeichnungen
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-440-15968-2

ERSTE-HILFE-KURS  FÜR  PFLANZENSCHUTZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Bärbel Oftrings Vorgängerbuch „Wird das was – oder kann das weg?“ (siehe meine Besprechung:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/08/wird-das-was-oder-kann-das-weg/) ging es darum, im frühzeitigen Wachstumsstadium zu erkennen, welche Pflanze sich im Garten angesiedelt hat, und dementsprechend zu entscheiden, ob und in welchem Ausmaße diese Pflanze erwünscht sei oder eher nicht. In ihrem neuen Buch „Bist du noch zu retten?“ thematisiert sie die präzise Früherkennung und Behandlung von Krankheiten, Mangelerscheinungen, Insekten- und Pilzbefall an und in Pflanzen.

Dabei führt uns Bärbel Oftring auf ganzheitliche Weise durch den Garten und vermittelt kein simples Schwarz-Weiß-Bild von Nützlingen und Schädlingen, sondern eine komplexe Betrachtungsweise, die Bodenbeschaffenheit, richtige und falsche Pflanzen- standorte, Lichtverhältnisse, Feuchtigkeit, Trockenheit und Überdüngung sowie den ökologischen Sinn natürlicher Pflanzenzersetzung mit einbezieht.

Auf generelle Hinweise zum ökologischen Gärtnern und naturgemäßen Pflanzenschutz folgen steckbriefartige Darstellungen verschiedener Krankheiten und Schäden durch Mangelerscheinungen, Frost, Sonnenbrand, Insekten, Pilze und Bakterien. Fotos und kurze informative Diagnosebeschreibungen sowie praktische Empfehlungen zur Behandlung – bzw. gegebenenfalls auch Entfernung – der erkrankten Pflanze sowie Hinweise auf resistente Alternativpflanzen helfen bei der korrekten Bestimmung der Krankheit und der Wahl der naturgemäßen Pflanzenschutzmaßnahme.

Beschrieben werden u.a. Stickstoffmangel, Stickstoffüberschuß, Kali-, Magnesium- und Eisenmangel, Frostschäden und Staunässe, Apfelschorf, Birnengitterrost, Echter Mehl- tau und Falscher Mehltau, Grauschimmel, Monila, Kohlhernie, Himbeerrutenkrankheit, Rostpilze, Rußtaupilze, Kräuselkrankheit, Borkenkäfer, Dickmaulrüßler, Drahtwürmer, Gallmilben, Haselnußbohrer, Minierfliegen, Möhrenfliege, Nacktschnecken, Spinn- milben, Trauermücken, Wanzen, Blattflöhe und Blattläuse sowie die hochgefährliche  Bakterienkrankheit Feuerbrand, die sogar beim Pflanzenschutzamt meldepflichtig ist.

Verschiedene Piktogramme zeigen auf den ersten Blick, ob eine Krankheit oder ein Insektenbefall harmlos und zu tolerieren ist oder ob eine aufmerksame Kontrolle und Entwicklungsbeobachtung bzw. ein radikales Entfernen und Entsorgen befallener Pflanzen im Restmüll erforderlich sind. Ein weiteres Piktogramm weist auf Pflegefehler (falscher Standort, zuviel oder zuwenig Feuchtigkeit oder Trockenheit, Überdüngung) hin, die leicht zu beheben sind.

Ein alphabetisches Register erleichtert das Nachschlagen bei bereits diagnostizierten Schäden, und die detaillierten Fotos nebst der eingängigen, sinnvoll strukturierten Begleittexte helfen zuverlässig beim Bestimmen noch unbekannter Krankheiten und bei der Behandlung und Stärkung betroffener Pflanzen.

Für fast alle Krankheiten und Probleme bietet die Autorin natürliche Lösungen und biologische Stärkungsmittel an. Bezugsadressen für biologische Pflanzenpflegeprodukte und Nützlinge runden dementsprechend diesen anschaulichen Erste-Hilfe-Kurs für Pflanzenschutz praktisch ab.

Bärbel Oftring schreibt in einem sehr sympathischen, naturliebhaberischen Stil, der von ihrer respektvollen, achtsamen Sicht und ihrer lebendigen Erfahrung mit der Natur zeugt.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/garten/gartenpraxis/9445/bist-du-noch-zu-retten

 

Querverweis:

Hier entlang zu Bärbel Oftrings Buch „Wird das was oder kann das weg?:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/08/wird-das-was-oder-kann-das-weg/

Die Autorin:

»Bärbel Oftring ist Diplom-Biologin und setzt ihre Liebe zur Natur als Autorin, Redakteurin und Herausgeberin von Sachbüchern und Ratgebern in die Tat um. In ihrem neuesten Buch zeigt sie, welche Ursachen es haben kann, wenn Pflanzen einen ungesunden Eindruck machen und was dann zu tun ist. «

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Federnlesen

  • Vom Glück, Vögel zu beobachten
  • von Johanna Romberg
  • mit Illustrationen von Florian Frick
  • Lübbe Verlag  Februar 2018     http://www.luebbe.de
  • gebunden mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 304 Seiten
  • 24,00 €
  • ISBN 978-3-431-04088-3


B E F L Ü G E L N D

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Johanna Romberg erzählt uns mit „Federnlesen“ ihre persönliche ornithologische Biographie. Von Kindheit an sowie seit ihrem ersten Vogelbestimmungsbuch „Was fliegt denn da?“ ist die Autorin stets lebhaft interessiert an der Vogelbeobachtung geblieben.

Sie ist keine Ornithologin, sondern schreibt als begeisterte und engagierte Amateurin über die Vögel, denen sie begegnet ist, die für sie mit besonderen Erlebnissen, freudiger Entdeckerlust sowie naturschützerischer Sorge verbunden sind. Auch auf den Vogelge-sang – „das Beobachten mit den Ohren“ – geht sie immer wieder animierend ein.

Die Autorin stellt uns eine übersichtliche Auswahl weitgehend alltäglicher Vögel vor, damit der Lektüre schnell praktische eigene Beobachtungen folgen können. Manche Vogelportraits, wie solche von Kohl- und Blaumeisen, Heckenbraunellen, Mauerseglern, Ringeltauben, Rotkehlchen und Zaunkönig ergeben sich sozusagen vor der Haustür und im eigenen Garten. Für andere, wie beispielweise Blauracken, Bienenfresser und Elfenbeinspecht, nimmt uns die Autorin mit auf Ausflüge zu Vogelexperten, die sie interviewt, oder zu Exkursionen, wie beispielsweise zu den Scillie-Inseln vor der Südwestspitze Cornwalls, wo viele und vielfältige Zugvögel pausieren und auch so mancher vom Winde verwehter Exot strandet.

Von passionierten Vogelbeobachtern, mit denen sich die Autorin auf den Scillies aus-tauscht, lernt sie den Ausdruck „Jizz“, der die Überschrift bildet für eine kombinierte Wahrnehmung von Größe, Form und Farbgebung der Vögel sowie für die unverkennbare Körpersprache, das Flugverhalten, die Art, sich auf dem Boden zu bewegen (hüpfend oder schreitend) kleine Ticks, wie Schwanzwippen oder Knicksen. Wer durch stetes Üben einen Blick für den Jizz entwickelt hat, kann also vertraute Vogelarten durchaus im Vorübergehen bzw. -Fliegen bestimmen.

Illustration von Florian Frick © Lübbe Verlag 2018

Die Vogelbeobachtung schenkt Lebensfreude und sinnlich-meditative, angenehm-selbstvergessene Naturerlebnisse. Wer sich der Vogelbeobachtung widmet, tritt in eine Beziehung zu Vögeln und  auch zu Pflanzen, Insekten und Landschaften, welche die Lebens- und Ernährungsgrundlage für Vögel sind. Da liegen berechtige Sorgen um den drastischen Rückgang der Vogelpopulation nicht fern – Europa hat seit 1985 ein Drittel seiner Vögel verloren, in Zahlen sind das 421 Millionen.

Zu den zerstörerischen Faktoren gehören in diesem Zusammenhang die industrielle Intensivlandwirtschaft mit Gift, Gülle und Monokulturen, die allgemeine Zersiedelung und die gnadenlose Vogeljagd, die immer noch in einigen Ländern praktiziert wird sowie der Klimawandel. Tja, und beim Stichwort Klimawandel kommen wir zum Dilemma der Windkraftanlagen.

Johanna Romberg zitiert die von den Forschern der PROGRESS-Studie ermittelten Zahlen der Schlagopfer an Windkraftanlagen. Die bisherigen Zählungen zeigen, daß es Vögel gibt, die den Rotoren ausweichen (dazu gehören Singvögel, Gänse, Schwäne, Kraniche und Rabenvögel sowie die meisten Zugvögel), und andere, die die Opferstatistik anführen. Den ersten Platz der „Pechvogelstatistik“ belegt die Ringeltaube, den zweiten die Stockente und den dritten der Mäusebussard, und auch der Rotmilan gehört zu den häufigen Schlagopfern.

Da Mäusebussard und Rotmilan zu den langlebigen Vögeln gehören, sind sie später geschlechtsreif und bekommen wenige Junge. In einer natürlichen Umgebung ist dies eine sinnvolle Fortpflanzungsstrategie, zumal sie als Raubvögel kaum natürliche Feinde haben. Doch die künstlichen Lebensrisikofallen bedrohen durch jeden einzelnen Todesfall den Bestand dieser Art. http://bioconsult-sh.de/de/projekte/progress/

Es wäre wünschenswert, wenn sich Naturschützer und Windkraftplaner gemeinsam auf die Suche nach Lösungen machten. Es sollte genug Gebiete ohne Windkraftanlagen geben und großzügige Mindestabstände zu Raubvogelhorsten. Zudem ist eine Reformierung der Verkehrspolitik – mehr Schienen als Autoverkehr – sinnvoll. Tatsächlich ist die Zahl der Bussarde und Milane, die beim Aasfressen auf Schnellstraßen zu Tode kommen, noch gar nicht bekannt.

Jedes Kapitel von „Federnlesen“ knüpft an eine persönliche Erfahrung der Autorin an, speist sich aus Erinnerungen an Vogelerlebnisse und führt von dort in die Gegenwart einer bestimmten Vogelart. Diese Vorgehensweise wird dem Thema und dem Anliegen des Buches gerecht. Denn nur wer die Natur und bestimmte Lebewesen der Natur kennt, wertschätzt, ja, eine persönliche Beziehung und Zuneigung zu ihnen entwickelt, wird sich dafür interessieren, daß sie weiterleben können, daß es sie in Zukunft auch noch geben wird und sich Kinder und Kindeskinder ähnlich daran erfreuen wie wir.

So streift die Erinnerung der Autorin zu den Mauerseglern, deren Brutpflege sie in ihrer Kindheit durch die Aussicht auf ein altes Backsteinhaus, dessen Fassade den Luftakro-baten Nistnischen bot, gerne und oft beobachtete. Nachdem das Haus renoviert und neu verputzt worden war, fanden die Mauersegler im nächsten Mai keinen Nistraum mehr vor und flogen tagelang suchend die Fassade des Hauses ab. Dies führte dazu, daß die Autorin als Kind einen Leserbrief schrieb und um architektonische Berücksichtigung von Mauersegler Bedürfnissen bat.

Dieser Kindheitserinnerung folgt schließlich der Bericht über eine Reise nach Frankfurt zu einer Vogelklinik, die seit ihrer Gründung darauf spezialisiert ist, verletzte und geschwächte Mauersegler zu behandeln und zu retten. https://www.mauersegler.com/society/

Illustration von Florian Frick © Lübbe Verlag 2018

Insgesamt flattern mehr als 150 Vogelarten durch dieses Buch, einige kommen nur streiflichternd als Statisten vor, andere ausführlich-beschaulich als Hauptdarsteller.

Jedes Kapitel ist mit einem sehr schönen, stimmungsvollen naturalistischen Vogelaquarell von Florian Frick illustriert, und die Vorsatzblätter werden von aquarellierten Vogelfedern geschmückt. Die hochwertige Buchge- staltung setzt sich zudem in der bemerkenswert schmeichelgriffigen Papierqualität, der lesefreundlichen Typographie und dem bordeauxroten Lesebändchen fort.

„Federnlesen“ ist eine persönliche Naturkunde, die ihre Leser für Vogel- beobachtung begeistern und zum Vogelschutz animieren möchte – beides gelingt. Dabei ist das Buch äußerst angenehm und spannend zu lesen, ohne mit zu viel Fachwissen zu überfordern. Die Kombination aus konzentrierten klaren Informationen und subjektiver Naturerfahrung  vermittelt mit Gefühl und Verstand sowohl nützliches Wissen als auch konstruktive Anregungen zur persönlichen Mitwirkung beim Vogelschutz sowie zur Praxis der Vogelbeobachtung.

 

PS
Es gibt nur eine sprachstilistische Kleinigkeit, bei der ich der Autorin nicht zustimme. Sie regt an und praktiziert es auch gelegentlich in ihrem Text, für den deutschen Begriff der Vogelbeobachtung den im englischen Sprachraum üblichen Begriff „birding“ einzuführen. Angesichts meiner akutchronischen Anglizismenallergie stößt diese Formulierung bei mir auf einen gewissen Widerstand. Ich habe es wahrlich bedauert, daß der Begriff „vögeln“ leider, leider schon anderweitig belegt ist und sich im orinithologischen Sinne wohl nicht so leicht durchsetzen wird – außer bei Scherzvögeln.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/natur/federnlesen/id_6061610

 

Die Autorin:

»Johanna Romberg, Jahrgang 1958, wuchs im Ruhrgebiet auf. Sie studierte Schulmusik und Hispanistik in Köln und Sevilla, bevor sie 1985/1986 die Henri-Nannen-Schule besuchte und sich zur Journalistin ausbilden ließ. Seit 1987 ist sie Redakteurin und Autorin des Magazin GEO. Für ihre Reportagen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem zweimal mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Georg von Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus und dem Journalistenpreis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Johanna Romberg hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Mann in der Lüneburger Heide.«

Der Illustrator:

»Florian Frick ist ein freischaffender Künstler aus Berlin mit den beruflichen Schwerpunkten Illustration, Design und Modellieren … «
Für mehr Information lohnt ein Besuch seiner Webseite: www.monstershome.com

 

Querverweis:

Federnlesen ergänzt sich gut mit dem poetisch-philosophischen Biologie-Buch „Alles fühlt“ von Andreas Weber, in dem die wechselwirksame Verbundenheit von Mensch und Natur zu einem ganzheitlichen und demütigen menschlichen Selbstverständnis führt. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Und auch das Handwörterbuch der Vogellaute von Peter Krauss bietet sich zur naturverbundenen, vogelgesangsspezifisch-wortschatzerweiternden Abrundung an: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/10/02/singt-der-vogel-ruft-er-oder-schlaegt-er/

 

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Das geheime Netzwerk der Natur

  • Wie Bäume Wolken machen und Regenwürmer Wildschweine steuern
  • von Peter Wohlleben
  • LUDWIG Verlag   September 2017  http://www.ludwig-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 224 Seiten
  • ISBN 978-3-453-28096-0
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A)  26,9o sFr.

N A T U R L I E B H A B E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohllebens neues Buch öffnet unser Denken und unsere Sinne für die komplexen natürlichen Kreisläufe und Wechselwirkungen unserer Mitwelt. Dabei spielen große und kleine sowie kurzfristige und langfristige Zusammenhänge zwischen den zoologischen und botanischen Arten ebenso eine tragende Rolle wie geologische und klimatische Entwicklungen und der Einfluß der menschlichen Zivilisation.

Das Spektrum der anschaulichen Beispiele für natürliche Gleichgewichte und Selbst-organisationen sowie positive und negative menschliche Einflußnahmen reicht vom winzwinzigen, unterirdischen Mikroorganismus bis zum Baumriesen, vom Moospolster, das ein Vielfaches seines Gewichtes an Wasser speichern kann, bis zur Gewitterwolke, die innerhalb weniger Minuten pro Quadratkilometer bis zu 30 000 Kubikmeter Wasser abregnen lassen kann, vom CO₂- und Stickstoffkreislauf bis zum Für und Wider winterlicher Vogelfütterung, von Ameisen-Blattlaus-Lebensgemeinschaften bis zum evolutionären Hörwettbewerb zwischen Fledermäusen und Nachtfaltern …

Peter Wohlleben weckt sogleich im ersten Kapitel mit der Überschrift „ Warum Wölfe Bäumen helfen“ unsere Neugier. Denn der Zusammenhang zwischen Bäumen und Wölfen ist ja zunächst nicht offensichtlich.

Im 19. Jahrhundert wurden im Yellowstone-Nationalpark auf Druck der umliegenden Farmer systematisch alle Wölfe ausgerottet. Das hatte zur Folge, daß sich die Hirsche massiv vermehrten und insbesondere die Gräser und Baumschößlinge an den Flußufern wegfraßen. Die verödeten, pflanzenarmen Uferregionen boten zu wenig Nahrung für Vögel, deren Artenspektrum abnahm; Biber, die auf Uferbäume angewiesen sind,  verschwanden ebenfalls. Da die Uferböschungen kaum noch einen schützenden Pflanzenbewuchs hatten, wurde bei Hochwasser viel Erdreich mitgerissen, die Erosion beschleunigte sich, und die Flußläufe mäandrierten beträchtlich.

1995 wurden wieder Wölfe im Yellowstone-Nationalpark angesiedelt, und es begann eine „trophische Kaskade“, d.h. „eine Veränderung des gesamten Ökosystems über die Nahrungskette, von oben beginnend“. (Seite 11) Die Wölfe jagten die Hirsche, die Hirschpopulation nahm ab, und die verbliebenen Hirsche hielten sich nur noch kurz an den offenen Uferstreifen auf, da sie die Wölfe fürchteten und sich zum Selbstschutz bevorzugt in weniger sichtoffenen Waldarealen aufhielten.

Die Bäume und die Pflanzenvielfalt kehrten zurück, und nach einigen Jahren waren die Flußufer wieder natürlich befestigt, die Biber kehrten zurück, und in Folge der Biberstaudämme gab es mehr Tümpel, mehr Tümpel förderten die Ansiedlung von Amphibien, und auch die Vogelvielfalt wurde wieder größer …

In Anbetracht der Tatsache, daß „Deutschland auf die Fläche bezogen eines der wildreichsten Länder der Erde ist“ (Seite 16), sollten wir die Rückkehr der Wölfe also gelassen begrüßen und nicht auf hysterische Schlagzeilen gewisser Blättchen hereinfallen. Menschen gehören nicht zum Beutespektrum des Wolfs, und selbst Vieh und Haustiere machen lediglich 0,75 Prozent seiner Nahrung aus. Tatsächlich sind streunende oder verwilderte Hunde viel gefährlicher, da sie keine natürliche Scheu vor Menschen haben.

Peter Wohlleben vermittelt dem Leser eine ganzheitliche Perspektive, er berichtet ausgewogen von Chancen, Gefahren und möglichen Lösungen für menschengemachte Probleme. Er schreibt eigentlich nicht, sondern er erzählt, und dies auf eine solch lebendige, interesseweckende und faszinierende Weise, daß selbst schon sehr naturverbundene Leser nach der Lektüre mit noch wacherem Blick durch Wald und Wiesen streifen.

„Das geheime Netzwerk der Natur“ legt uns mit Gefühl die Natur ans Herz und hebt uns mit Verstand die feinverästelte Komplexität der Natur ins Bewußtsein.

Kritiker, die Peter Wohllebens einfühlsame Erzählweise als unwissenschaftlich bemängeln, verkennen in verkopfter oder profitbeschränkter Welt- und Selbstsicht unsere eigene menschliche Natur, die nämlich am erfolgreichsten durch eine emotionale Ansprache berührt und motiviert wird. Nur wer die Natur liebt, wird ihr mit Achtsamkeit und Respekt begegnen, lebensfeindliche Einmischungen vermeiden und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um ihren Erhalt und Schutz bemühen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Netzwerk-der-Natur/Peter-Wohlleben/Ludwig/e515800.rhd

Das Hörbuch ist parallel zum Lesebuch im Hörverlag erschienen, in bewährter sonorer Stimmqualität gelesen von Peter Kaempfe.

Das geheime Netzwerk der Natur

von Peter Wohlleben
gelesen von Peter Kaempfe
der Hörverlag  http://www.hoerverlag.de
Hörbuch CD (gekürzt)
6 CDs in Pappklappschachtel
Laufzeit: ca. 6 Stunden, 44 Minuten
ISBN: 978-3-8445-2727-8
19,99 € (D), 22,50 € (A) , 28,50 sFr.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Das-geheime-Netzwerk-der-Natur/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e528126.rhd

 

Querverweis:

Hier entlang zu meiner Rezension von Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/02/06/das-geheime-leben-der-baeume/ und „Das Seelenleben der Tiere“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/30/das-seelenleben-der-tiere/

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforst-verwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute eine Waldakademie in der Eifel. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Mit seinen Bestsellern Das geheime Leben der Bäume und Das Seelenleben der Tiere hat er Menschen auf der ganzen Welt begeistert.« https://wohllebens-waldakademie.de/

Wird das was – oder kann das weg?

  • Erwünschte & unerwünschte Gartenpflanzen erkennen
  • von Bärbel Oftring
  • Kosmos Verlag Februar 2017   www.kosmos.de
  • Klappenbroschur
  • Fadenheftung
  • 144 Seiten
  • 307 Farbfotos
  • 10 Farbzeichnungen
  • Format: 21,5 cm x 18,5 cm
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-440-15303-1

PFLANZENKINDERGARTEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Wird das was – oder kann das weg?“ ist ein anschaulicher, interessanter und nützlicher Gartenratgeber, der uns hilft die einheimische Flora, die sich uneingeladen im eigenen Garten ansiedelt, frühzeitig richtig einordnen und besser wertschätzen zu können. Dabei lernen wir zudem ganz entspannt Wildwuchs zu genießen und teilweise auch einfach zu verspeisen.

Eine ausgewachsene Pflanze mit einem Bestimmungsbuch richtig einzuordnen ist verhältnismäßig leicht. Die meisten Pflanzenratgeber zeigen „erwachsene“ Pflanzen, eventuell noch Blüten, Früchte, Samen und Wurzeln – doch wie schauen die Sämlinge aus?

Diese botanische Wissenslücke füllt nun das Buch „Wird das was – oder kann das weg?“.
Übersichtlich, gut strukturiert und kompetent stellt Bärbel Oftring 100 der häufigsten Pflanzen vor, die sich gerne von selbst im Garten einfinden und ihn meist sinnvoll bereichern.

Jedes Pflanzenportrait zeigt die Pflanze in drei Wachstumsphasen: frisch ausgetrieben, halbwüchsig nach zwei bis sechs Wochen und ausgewachsen blühend.

Ringelblumenkeimling Foto © Manfred Ruckszio

Ringelblume, halbwüchsig Foto © Manfred Ruckszio

 

 

 

 

 

 

 

Ringelblume, blühend Foto © Manfred Ruckszio

Sieben Piktogramme illustrieren auf den ersten Blick den ökologischen Wert als Nektar- und Pollenquelle für Bienen & Co, die Heilkraft, Eßbarkeit sowie Giftigkeit für den Menschen, die Blühfreudigkeit, den Ausbreitungsradius sowie – gelegentlich – den Alarmknopf für Pflanzen, die man unbedingt und möglichst frühzeitig entfernen sollte (Riesen-Bärenklau, Beifuß-Traubenkraut).

Viele Bewohner meines Gartens fand ich trefflich beschrieben und sehr gut erkennbar fotografiert: Acker-Schachtelhalm, Akelei, Berg-Flockenblume, Fingerhut, Gänseblümchen, Gänsefingerkraut, Hirtentäschel, Jungfer im Grünen, Kornblume, Löwenzahn, Ringelblume, Schnittlauch, Spitzwegerich, Vergißmeinnicht, Persischer Ehrenpreis, Pfennigkraut, Schafgarbe, Stockrose, Stinkender Storchschnabel …

Weitere Pflanzen kannte ich vom Sehen, und einige wenige waren mir noch unbekannt: Acker-Hellerkraut, Echtes Labkraut, Guter Heinrich und Spornblume.

Auf jeweils einer Doppelseite findet sich ein Steckbrief mit den wichtigsten botanischen Daten der Pflanze. Die jeweils drei Fotografien haben präzise Begleittexte mit kurzen, konzentrierten Zusatzinformationen. Ein etwas ausführlicherer Fließtext mit weiteren botanischen Details sowie ergänzenden Hinweisen zu Blühfreudigkeit, Heilwirkungen, ökologischer Relevanz und Pflegetipps rundet jedes Portrait ab. So lassen sich beispielsweise die Blätter des Spitzwegerichs als „Erste-Hilfe-Pflaster bei Wunden oder Blasen verwenden“ (Seite 63).

Wegwarte, Zichorie Foto © Manfred Ruckszio

Wegwarte, Zichorie,  Blattrosette Foto © Manfred Ruckszio

 

 

 

 

 

 

 

 

Wegwarte, Zichorie, blühend Foto © Manfred Ruckszio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die wenigen wirklich invasiven Pflanzen kann man nun dank Früherkennung sofort entfernen. Wenn man ihnen maßvoll Raum geben möchte, läßt sich die Ausbreitung dieser Wildkräuter durch Rückschnitt nach der Blüte (um die Aussamung zu verhindern)  oder durch Wurzelsperren minimieren.

Die Autorin schreibt in einem sehr sympathischen, naturliebhaberischen Stil, der von ihrer respektvollen, achtsamen Sicht auf die Natur zeugt. In der Einleitung betont sie den Wert und die konstruktiven Konsequenzen pflanzlicher Vielfalt:

„So bringt jede neue heimische Pflanze zehn neue heimische Tiere in Ihren Garten – und das ist nicht nur gut, sondern angesichts der Rückgänge bei Insekten, Vögeln und anderen heimischen Tierarten in Größenordnungen von 80 % innerhalb der letzten 50 Jahre äußerst wichtig.“ (Seite 9/10)

Das spornt mich nun dazu an, die Pflanzenpalette meines Gartens noch unbedingt um Königskerzen, Nachtkerzen und Glockenblumen zu erweitern.

Sowohl Gartenanfänger wie Gartenerfahrene können mit diesem kenntnisreichen und ganzheitlich orientierten Ratgeber ihren Pflanzenhorizont praktisch, sinnvoll und lebensdienlich erweitern.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/garten/gartenpraxis/8181/wird-das-was-oder-kann-das-weg

Die Autorin:

»Bärbel Oftring ist Diplom-Biologin mit den Schwerpunkten Botanik, Zoologie und Paläontologie und setzt ihre Liebe zur Natur als Autorin, Redakteurin und Herausgeberin von Sachbüchern und Ratgebern in die Tat um. In ihrem neuesten Buch zeigt sie, welche Pflanzenkinder es im Garten zu entdecken gibt.«

 

Wölfe

  • Ein Portrait
  • von Petra Ahne
  • Matthes & Seitz Verlag  Oktober 2016   http://www.matthes-seitz-berlin.de
  • Nr. 27 der Reihe NATURKUNDEN          http://www.naturkunden.de
  • 144 Seiten
  • mit zahlreichen farbigen Abbildungen
  • Kleinoktav-Format: 12 x 18 cm
  • gebunden, fadengeheftet
  • Mit schwarzem Kopfschnitt
  • 18,– € (D), 18,50 € (A), 22,90 sFr
  • ISBN 978-3-95757-333-9
    woelfe-titelbild

EIN  WOLF  IST  EIN  WOLF  IST  EIN  WOLF

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Petra Ahne nähert sich dem Wolf kulturhistorisch und vergleicht kurzweilig und facettenreich die menschliche Haltung gegenüber Wölfen im Wandel der Zeit. Dabei verrät der menschliche Blick auf die wilde Natur – selbst bei manchem Naturforscher – meist sehr viel mehr über die menschliche Werteskala und anthropozentrische Vorurteile als über das schlicht biologisch-überlebensnotwendig begründete Verhalten des Wolfes.

In der Vergangenheit galt der Wolf als böse und bedrohlich, und er wurde gnadenlos und grausam vom Menschen gejagt und verfolgt. Beiläufig diente er auch noch als Projektionsfläche für diverse ungezügelte Triebe, wie sie beispielsweise bei den erotischen Untertönen des Märchens vom Rotkäppchen (in der mündlichen Überlieferung) mitschwingen. Die Schriftstellerin Angela Carter reanimierte Ende der Siebzigerjahre mit der Geschichte „Die Gesellschaft der Wölfe“ diese leicht verstörende Urversion des Rotkäppchens.

Im Hexenhammer, dem juristischen Grundlagenwerk der Hexenverfolgung, wurde die zauberische Verwandlung von Menschen in Tiergestalten bzw. Werwölfe ausführlich erörtert, und somit war die Dämonisierung des Wolfs als Verbündeter des Teufels perfekt.

Lange noch wurde der Wolf in Generationen von Tierlexika als böswilliger Schädling und blutrünstiger, heimtückischer Jäger dargestellt, mit abschreckenden Illustrationen wurde seine Bedrohlichkeit entsprechend untermalt. Angesichts der brutalen und rücksichtslosen Jagdmethoden, die Menschen gegenüber Wölfen anwandten und die den Wolf vielerorts gänzlich ausgerottet bzw. vertrieben haben, ist die  Frage berechtigt, wer hier eigentlich die Verkörperung des Bösen ist.

Die Autorin demontiert den einst so beliebten Mythos vom Alpha-Wolf. Der amerikanische Wolfsforscher David Mech hat herausgefunden, daß intensive Dominanzhierarchie nur bei willkürlich zusammengeführten Wölfen in Gefangenschaft vorkommt. In freier Wildbahn bestehen die Rudel aus einem erweiterten Familienverband, in dem die Elterntiere als natürliche Autorität tonangebend sind.

In diesem vielfältigen Panoptikum wird auch auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Hund und Wolf eingegangen und über Jack Londons Roman „Ruf der Wildnis“, in dem ein „zivilisierter“ Hund wieder verwildert, also wölfisch wird, reflektiert.

Wölfe sind sehr anpassungsfähige Tiere, mit ausgeprägtem familiären und kommunikativen Sozialverhalten, deren Nahrung Fleisch ist (bevorzugt Wildfleisch). Daß sie damit menschlichen Jägern nach wie vor in die Quere kommen, ist verständlich; indes sind Menschen, im Gegensatz zu Wölfen, keineswegs auf fleischliche Nahrung angewiesen.

Erst in jüngerer Zeit geht die menschliche Biophilie so weit, daß auch der Wolf als schützenswert und als relevanter Bestandteil des ökologischen Gleichgewichtes positive oder zumindest faszinierte Aufmerksamkeit erfährt.

Bei manchen Menschen ist die Faszination dermaßen groß, daß sie ihr Leben den Wölfen widmen. So finden u.a. die Pianistin Hélène Grimaud und der Philosoph Mark Rowland mit ihrer Liebe zu den Wölfen Erwähnung – moderne Romantiker auf der Suche nach dem inneren Wolf, denen der Wolf als Symbol menschlicher Wildnissehnsucht erscheint.

Petra Ahne gelingt eine wohlausgewogene Perspektive, die zwischen kulturhistorischen und aktuellen zoologischen Informationen sowie naturliebhaberischer Zuneigung gekonnt changiert und uns das fremdvertraute Wolfswesen nahebringt und viele suggestive Vorurteile kompetent entkräftet.

Seit der Wolf unter Artenschutz gestellt wurde und nicht mehr verfolgt wird, kehrt er zurück. Im Bundesland Sachsen leben inzwischen die meisten Wolfsrudel Deutschlands. Hier gibt es seit dem Jahr 2003 das Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und –forschung. Mit Hilfe der Telemetrie werden per Sender die Wege der Wölfe und die Reviergröße kartographisch erfaßt. Außerdem werden Wolfskotproben untersucht, um herauszufinden welche Beutetiere gefressen wurden. Die Untersuchung mehrerer tausend Proben ergab, daß die Wölfe zu 96 Prozent Rehe, Hirsche und Wildschweine fressen und nur zu 0,6 Prozent Schafe und andere Nutztiere.

In Deutschland leben bereits in sechs Bundesländern wieder Wölfe. Für Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wird Wolfsbesiedelung erwartet, sie „gelten als Wolferwartungsland“ (Seite 96).

Zahlreiche farbige Illustrationen runden den Text anschaulich ab. Die historischen Abbildungen zeugen deutlich von der ideologischen und psychologischen Wertung, mit der die Darstellung des Wolfs auch im zeichnerischen Ausdruck erfolgte. Erst die zwölf Wolfsportraits, in denen die weltweit bekanntesten Wolfsarten (vom Eurasischen Grauwolf über den Polarwolf bis zum Mexikanischen Wolf) beschrieben werden, zeigen gegenwärtige Illustrationen von Falk Nordmann, die den Wolf, ohne menschliche Zugaben einfach Wolf sein lassen.

Besondere Erwähnung und ausdrückliches Lob verdient zudem die schöne gestalterische Ausstattung des Buches: schmeichelgriffiges Papier für Einband, Vorsatzblätter und Buchseiten, satte, lesefreundliche Typographie, farbliche Abstimmung des Kopfschnittes und der Fadenheftung mit der Farbgebung des Bucheinbandes. Hier finden wir den harmonischen Einklang von substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe Naturkunden Standard ist.

Da kommt Sammellust auf, und von den 36 bisher erschienen Titeln dieser exquisiten Buchreihe interessieren mich sogleich drei Titel brennend, drei glühend, und weitere drei funkeln mich verführerisch an …*

Zum Ausklang nun noch ein Zitat, das eine schöne Kostprobe von Petra Ahnes subtilem Sprachstil serviert:

»Es passiert etwas mit einer Landschaft, in der Wölfe leben. Ihre unsichtbare Anwesenheit ist wie eine leise Melodie, die die Stimmung verändert. Indem sie ihre Fremdheit und Ungreifbarkeit in den Wald unserer Spaziergänge tragen, machen sie aus ihm einen reicheren, geheimnisvolleren Ort. Einen, der den Menschen spüren lässt, dass hier eine größere Ordnung gilt als die, die er zu seinem Vorteil geschaffen hat; eine die ihn vom Zentrum an den Rand rückt. Es sieht so aus, als müssten wir dieses Gefühl öfter zulassen, wenn wir eine Zukunft haben wollen. Der Wolf könnte uns dabei helfen.«
(Seite 112)

woelfe-innenabbildung-russischer-wolf

Russischer Wolf: Illustration von Falk Nordmann © Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016

Die Autorin:

»Petra Ahne, geboren 1971 in München, studierte Komparatistik, Kunstgeschichte und Publizistik in Berlin und London. Sie ist Redakteurin im Ressort Seite 3/Magazin bei der Berliner Zeitung

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/woelfe.html?lid=5

*Hier entlang zur Buchreihe NATURKUNDEN:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/reihe/naturkunden.html

Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

  • Das geheime Leben der Insekten
  • von Dave Goulson
  • Originaltitel: »A Buzz in the Meadow«
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • Hanser Verlag   Februar 2016  http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 320 Seiten
  • 21,90 € (D), 22,60 € (A)
  • ISBN 978-3-446-44700-4
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I N S E K T E N R E I C H

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dave Goulson ist Biologe und Hummelforscher und ein sehr guter Erzähler. Bereits in seinem ersten Buch „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“ (siehe: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/ ) vermittelte er sein umfängliches Wissen in anschaulicher und allgemeinverständlicher Weise und umrahmte sein Thema seines Sachbuches mit persönlichen Naturerfahrungen und dem dringenden Appell zum Naturschutz im allgemeinen und zum Hummelschutz im besonderen.

Auch in seinem neuen Buch trägt die persönliche Note des Autors sehr zur Leseannehmlichkeit und gleichsam spielerischen Wissensvermittlung bei. Im Jahr 2003 erwarb der Autor das alte französisches Landhaus „Chez Nauche“ mit 13 Hektar Wiesenfläche und richtete dort nach und nach ein privates Naturschutzgebiet ein, frei von den vernichtenden Belastungen der modernen Landwirtschaft.

Zunächst ging es ihm hauptsächlich um die Einrichtung geschützter Habitate für Hummeln, seine Lieblingsforschungsobjekte. Die hummelfreundliche Gestaltung der Wiesen, die Wildblumenvielfalt und die Einrichtung von Teichen lockten auch zahlreiche weitere Insekten ins kleine Paradies „Chez Nauche“.

Dorthin lädt uns der Autor zu einem Wiesenspaziergang ein und öffnet uns die Augen für die Vielfalt der Insektenfamilien und die faszinierenden Erkenntnisse, die wir bereits über sie und ihre Rolle im Lebensgefüge erlangt haben. Sehr deutlich weist er darauf hin, daß all unser naturkundliches Wissen nur die Spitze des Eisberges darstellt und daß der Einsatz giftiger Chemikalien (in der Landwirtschaft) schon mehr zerstört hat, als unserem ganzheitlichen Lebensgefüge gut tut.

Zum Teil wissen wir gar nicht, welche Spezies schon ausgelöscht sind und mit ihnen all die geheimnisvollen Gaben und Funktionen, die sie im komplexen, ökologischen Beziehungsgeflecht erfüllt haben.

Hätten Sie gewußt oder auch nur geahnt, daß der  Gescheckte  Nagekäfer mit seinen Füßen hört? Oder daß der Schaum, in dem sich die Nymphen der Schaumzikaden verbergen, so bitter schmeckt, daß Vögel keine Neigung verspüren, die Nymphen aus ihrem „Schaumbad“ herauszupicken? Oder daß manche Blumen (z.B. Magnolien, Lilien, Krokusse und Löwenmäulchen) nicht nur Pollen und Nektar anbieten, sondern auch Wärme erzeugen und deshalb von  wärmebedürftigen Hummeln und Bienen bevorzugt werden? Außerdem werden die Bestäuber während des Blütenaufenthaltes nicht nur gewärmt, sondern auch der Nektar ist angewärmt – eine schöne Belohnung fürs fleißige Bestäuben an kalten Tagen.

Es ist das Anliegen des Autors, unsere Achtung vor dem Mikrokosmos der Insekten zu vergrößern, und dies gelingt ihm sogar bei den unappetitlichen Vertretern wie z.B. der Stubenfliege, die zwar unhygienische Tischmanieren hat, aber irgendwer muß ja auch den organischen Abfall wegfressen und als Vogelfutter dienen.

Ameisen, Bienen, Blattläuse, Glühwürmchen, Gottesanbeterinnen, Grillen, Grashüpfer, Hummeln, Käfer, Libellen, Nagekäfer, Papierwespen, Schmetterlinge, Tanzfliegen, Stielaugenfliegen, Schwebfliegen und Wanzen … sie alle werden von Dave Goulson kürzer oder länger beschrieben, erklärt und in ihre natürlichen Zusammenhänge eingeordnet.

Stets klingt die Bewunderung des Autors für seine Gartenbewohner und Studienobjekte, ihre Lebens- und Überlebenskunst sowie ihre komplexen Wechselwirkungen anregend mit. Atmosphärisch und einfühlsam weckt er das Interesse des Lesers und erzählt spannend und lebensliebevoll von der wissenswerten Vielfalt des Insekten- und Pflanzenreichs.

Eindringlich geht er auch auf das Bienensterben und den  Einfluß der Neonicotinoide in Insektiziden ein. Dieses Kapitel birgt angesichts behördlicher und agrochemischer Ignoranz und Verharmlosung zugunsten von Konzerninteressen aufregendes,  aufwühlendes und hoffentlich aufweckendes Informationsmaterial.

Er zitiert E.O. Wilson, den berühmtesten lebenden Entomologen:

»Wenn irgendwann die ganze Menschheit verschwinden sollte, würde sich die Natur regenerieren und wieder in jenen artenreichen Balancezustand gelangen, der noch vor 10 000 Jahren existierte. Würden jedoch die Insekten verschwinden, würde die Natur ins Chaos versinken.« (Seite 47)

Dave Goulson ist mit „Chez Nauche“ ein Biotop geglückt, sozusagen ein „Schöner Wohnen mit Insekten“. Er weiß, daß es nur eine Insel im Meer weltweiter Zerstörung ist. Doch je mehr lebensdienliche Inselbiotope es überall gibt desto bessere Lebenschancen und Lebensqualität haben alle Mitgeschöpfe. Und sei es nur der eigene Balkon oder Garten, oder im günstigsten Falle sogar ein Biobauernhof, ein Bioforst oder ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet.

Möge jeder dort beginnen, wo er selber etwas Naheliegendes bewahren und bewirken kann.

„Ich hoffe, Sie haben inzwischen erkannt, dass jedes Lebewesen seine eigene Geschichte hat und dass die meisten Geschichten erst noch erzählt werden müssen.“ (Seite 229)

Wenn wir der Natur RAUM geben, sorgen wir dafür, daß noch viele, viele Geschichten erzählt werden können.

 

Gerne weise ich in diesem Zusammenhang auf die bienenfleißige  und hummelsummende Webseite von Almuth hin: »NATUR AUF DEM BALKON«: https://naturaufdembalkon.wordpress.com/ . Dort kann man bewundernd zuschauen (klasse Fotos) und mitlesen (heiter-informative Texte), wie gut man die Welt auch auf kleinem Raum retten kann … und sich zu eigenem Mitwirken inspirieren lassen.

 

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite, dort findet sich auch ein Insektenfragequiz, bei dem man ein luxuriöses Insektenhotel gewinnen kann: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/wenn-der-nagekaefer-zweimal-klopft/978-3-446-44700-4/

Der Autor:

»Dave Goulson, Jahrgang 1965, ist Hummelforscher und einer von Englands bekanntesten Naturschützern. Sein „Sunday Times“-Bestseller „A Sting in the Tale“ stand auf der Shortlist des Samuel Johnson Prize, des renommiertesten Sachbuchpreises Großbritanniens. Bei Hanser erschien 2014 „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“. Dave Goulson lebt in Blackboys, East Sussex.«

www.sussex.ac.uk/lifesci/goulsonlab
https://twitter.com/DaveGoulson

Querverweis:

Hier entlang zu Dave Goulsons erstem Werk: „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“ : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/

Und hier entlang zu einer weiteren fundierten Rezension aus der Blognachbarschaft:

Dave Goulson: Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

 

 

 

 

Die Unglückseligen

  • Roman von
  • Thea Dorn
  • Hörbuch, Vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag, erschienen Februar 2016   http://www.hoerverlag.de
  • Regie: Roman Neumann
  • Sprecherin: Bibiana Beglau
  • Buchvorlage Knaus
  • 2 mp3-CDs
  • Gesamtlaufzeit: 18 Stunden, 48 Minuten
  • 24,99 € (D), 28,10 € (A), 35,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2213-6
    Die Unglueckseligen von Thea Dorn

UNSTERBLICH  STERBLICH
oder: Von wannen kommt Euch jene Wissenschaft?

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hier hören wir einen Leckerbissen für Sprachliebhaber! Jede der drei Hauptfiguren verfügt über eine ihr maßgeschneiderte Sprache. Mit diesem kunstvollen sprachkompositorischen Stilmittel illustriert Thea Dorn dem Leser/Hörer die unterschiedlichen Charaktere sowie die überaus reiche Ausdruckskraft der deutschen Sprache. Die weitverzweigte Handlung ist keine leichte Lesekost – gleichwohl ist sie nicht unverdaulich.

Am Anfang dieses Romans ergreift sogleich der Teufel das Wort; er spricht in rhythmischem Versmaße und schaut sich das irdische Treiben an. Er beschreibt, kommentiert, kritisiert, lamentiert, retrospektiert und spekuliert darüber, was die beiden menschlichen Hauptcharaktere erleben. Gerne spricht er auch den Hörer/Leser metafiktiv-zugeneigt direkt an und seufzt beispielsweise über die veränderten Lesegewohnheiten unserer Gegenwart, in der das Lesen von Frakturschrift schon nicht mehr zu den selbstverständlichen Kulturtechniken gehört. Eigenwilliger, unkonventioneller Exegesen zu Schöpfung, Paradies, Sündenfall und Gottessöhnen kann er sich ebenfalls nicht ganz enthalten.

Die weibliche Hauptfigur ist Johanna Mawet, eine Molekularbiologin, die ein gängiges Alltagsdeutsch spricht, durchsetzt mit naturwissenschaftlichem Fachvokabular und Anglizismen.

Die männliche Hauptfigur, Johann Wilhelm Ritter, spricht das kultivierte, poetisch-empfindsame, höfliche, ja, schwärmerische – satzbaulich manchmal etwas umständliche – Deutsch des 18. Jahrhunderts.

Das Problem, um das alle kreisen, ist die Unsterblichkeit. Der Wunsch nach Unsterblichkeit scheint eine unheilbare Krankheit zu sein. Und als Stoff für einen Roman ist es eine mehr als abendfüllende Beschäftigung. Die beiden menschlichen Hauptfiguren im vorliegenden Roman vertreten gegensätzliche Haltungen zur Möglichkeit oder Unmöglichkeit sowie zu Sinn und Unsinn der Unsterblichkeit, und die dritte Hauptfigur, der Teufel ganz persönlich, beobachtet und beschreibt – amüsiert bis konsterniert -, wie sich diese beiden Streithähne wissenschaftlich und zwischenmenschlich zusammenraufen.

Wie bereits gesagt: Der Wunsch nach Unsterblichkeit scheint eine unheilbare Krankheit zu sein. Seitdem der DNA-Code geknackt ist, arbeiten Genetiker, Mediziner, Molekularbiologen & Co an der Optimierung der Regenerationskraft von Zellen und der Verlängerung der Überlebenschancen des biologischen Körpers.

Es gibt einige Tierarten, die über eine außerordentliche Zellerneuerungsfähigkeit verfügen, z.B. Zebrafische. Diese können nicht nur verletzte Flossen wiederherstellen, sondern sogar Herzmuskelfasern vollständig erneuern. Zebrafische sind also ein beliebtes Forschungsobjekt, wenn es um – zumindest lebensverlängernde – Fortschritte geht.

Im vorliegenden Roman hat die Molekularbiologin Johanna Mawet bereits erfolgreich Zebrafisch-Gene in Mäuse-DNA eingefügt, und, es ist ihr damit gelungen, die Lebensdauer „ihrer“ Mäuse signifikant zu erhöhen.

Für Johanna ist die Sterblichkeit des Menschen eine Zumutung, Krankheit und Alter eine persönliche Beleidigung. Sie forscht mit verbissenem Eifer an der Abschaffung der Zellalterung. Ein nennenswertes Privatleben hat sie nicht, sie ist nicht besonders sozialkompetent, und Empathie kann sie höchstens buchstabieren. Distanziert naturwissenschaftlich und sehr streng bewertet sie die Menschen und ihre unsterbliche Dummheit. Natürlich ernährt sie sich möglichst gesund sowie maßvoll und bezeichnet durchaus treffend viele industrielle Lebensmittel als „Lebensverkürzungsmittel“ und Supermärkte als „Umschlagplätze des Todes“.

Johann Wilhelm Ritter hingegen, die männliche Hauptfigur, scheint unsterblich zu sein. Er wurde im Jahre 1776 geboren und sieht immer noch aus wie ein knapp Vierzigjähriger. Gleichwohl ist er darüber nicht glücklich, denn er würde gerne sterben, zumal er sich in der modernen Welt nicht zu Hause fühlt und ihm die Geisteshaltungen, Umgangsformen und Sprachgewohnheiten unserer Gegenwart fremd, verwirrend und teils auch abstoßend erscheinen.

Er ist auch Naturwissenschaftler, Physiker gar, und er hat seinerzeit – also zur Zeit der Frühromantik – allerlei Experimente an seinem eigenen Leibe vorgenommen, die wohl seine körperliche Regenerationskraft übernatürlich verbessert haben. Nur weiß er nicht, welches Experiment tatsächlich ausschlaggebend für seine Unsterblichkeit gewesen ist, und er rätselt  verzweifelt herum, was diese – in seinen Augen verfluchte – Überlebenskraft ausgelöst hat. Sein wechselvolles Leben hat ihn nach Amerika verschlagen, wo er als Witwentröster ein zurückgezogenes Leben führt.

Zu Beginn der Geschichte hält sich Johanna wegen eines Forschungsauftrages in den USA auf und kauft im Supermarkt einige gesunde Vorräte ein. Ein dort angestellter Taschenpacker fällt ihr wegen seines ungewöhnlich alterslosen Aussehens und seines merkwürdig ausdrucksstarken Gesichts auf. Er hat ein Gesicht, wie man es eigentlich nur von alten Ölgemälden her kennt, aber „solche Gesichter wurden heutzutage nicht mehr gemacht“.

Nach turbulenten Mißgeschicken und Mißverständnissen lernt Johanna schließlich diesen seltsamen Mann näher kennen, der behauptet, Johann Wilhelm Ritter zu sein. Zunächst hält sie ihn für einen Spinner, zumal dieser Ritter laut Wikipedia-Eintrag 1810 an den Folgen seiner galvanischen Selbstversuche verstorben ist.

Seine altmodische Redeweise und seine Berichte vom einstigen regen Austausche mit Goethe, Alexander von Humboldt, Brentano und Novalis überzeugen sie nicht, indes weckt seine offensichtlich schnelle Wundheilungsfähigkeit ihre wissenschaftliche Neugier. Sie nimmt Ritter bei sich auf und gibt ihn als ihren Onkel aus. Sie läßt heimlich seine DNA sequenzieren, und als ihre Kollegen anfangen, unbequeme Fragen zu stellen, beschließt sie, mit Ritter nach Deutschland zurückzukehren und an ihrem heimatlichen Institut das Geheimnis von Ritters Unsterblichkeit zu entschlüsseln.

Außerdem nimmt sie mit Ritters Hilfe die gleichen galvanischen und ziemlich selbstquälerischen Experimente an sich vor, die Ritter einst an sich vollzog – alles in der irren Hoffnung, damit eine ebensolche Zellerneuerungsfähig zu gewinnen. Johannas wissenschaftlicher Eifer verwandelt sich in leidenschaftlichen Wahn …

Der Roman „Die Unglückseligen“ regt sehr dazu an, über den Unterschied zwischen dem Machbaren und dem Wünschenswerten nachzudenken.

Besonders entlarvend ist das Kapitel, in dem Johanna an einem „Weltkongress der Immortalisten“ teilnimmt, um dort einen Vortrag über ihre Forschung zur Überwindung der Zellalterung zu halten. Die dort versammelten teils wissenschaftlichen, teils kommerziellen und teils spirituellen Heilslehren, nebst fanatischen Christen als Gegendemonstranten, illustrieren ebenso erschreckend wie unterhaltsam, die seltsamen Hybrisblüten unserer Zeit.

Eine vorzügliche kulturkritische und zugleich amüsante Szene ergibt sich, als Ritter bei der Ankunft auf dem Münchner Flughafen angesichts der zahllosen englischsprachigen Hinweisschilder und Werbetafeln, die er konsterniert vorliest, „nimmer nicht“ glauben mag, tatsächlich in Deutschland gelandet zu sein.

Johanna als Vertreterin eines neuzeitlich-wissenschaftlichen Strebens nach berechenbarer Kontrolle über Alter und Krankheit sowie Leben und Tod steht in eklatantem Gegensatz zu Ritter, der eine demütigere und ganzheitlichere Weltsicht hat und Johanna vorwirft, mit ihren kalten Zahlenspielen nur „Bruchteilpfuscherei“ zu betreiben und des „Lebens heil’gen Sinn“ vollkommen zu  verpassen.

Johanna und Ritter streiten oft, ihre Weltanschauungen sind einfach nicht vereinbar. Wo Johanna willkommene Berechenbarkeit, Meßbarkeit  und Funktionalität sieht und sich an Fortschritt und Erkenntnisgewinn berauscht, sieht Ritter unheilsame Detailkrämerei, die das Ganze – den „Weltenatem“ – vergißt. Während Ritter eine genießerische und sinnliche Naturverbundenheit spürt und durch ausgiebige Spaziergänge pflegt, schaut Johanna tagelang auf den Bildschirm ihres „Apfelkastens“ und analysiert Ritters Gene, um jene Mutationen zu finden, die seine unglaubliche Zellregenerationskraft bedingen.

Oft ergeht sich Ritter in wehmütigen Retrospektiven, die uns einen interessanten Einblick in die naturwissenschaftlichen Gepflogenheiten und die Lebenswelt der Romantik gewähren, und wir werden Zeugen seiner Schuldgefühle gegenüber all den Lieben, die längst vor ihm den Weg alles Irdischen gegangen sind.

Ritter ist empfänglich für den Zauber verborgener Harmonien und das zyklische Wesen der Natur. Johanna hingegen sieht in der Natur einen tödlichen Feind, den es zu überlisten gilt. Johanna schimpft Ritter einen Schwärmer und Träumer, und Ritter bezeichnet sie wiederum als maschinengläubig, da sie sich in so vieler Hinsicht auf die Rechenkünste des Computers verläßt.

„Dass die Gegenwart auf Schritt und Tritt sich mit Artefakten umgab, deren Innenleben sie nicht im Ansatz begriff, damit hatte er sich längst abgefunden. Aber zu erfahren, dass unterdessen auch die Wissenschaft sich, gleich einer Küchenmagd, genügte, Maschinen zu bedienen, anstatt sie zu begreifen, dies erschütterte ihn bis ins Mark.“

Die Vorleserin dieses komplexen Werkes ist die Schauspielerin Bibiana Beglau. Mit ihrer angerauhten Stimme belebt sie Charakter- und Gefühlsnuancen von zartester Empfindsamkeit bis zu eiskalter Wut. Ihre stimmliche Klaviatur umfaßt das nonchalante und manchmal auch exaltierte Versmaßräsonieren des Teufels, die kühle Herablassung und wissenschaftliche Nüchternheit Johannas, die zärtliche Wehmut und liebevolle Hingabe Ritters oder gar das piepsige Plappern einer Fledermaus, die eine kurze Beobachter-Nebenrolle spielt, als Johanna sich vergeblich bemüht, den Teufel zu beschwören.

„Die Unglückseligen“ ist ein in jeder Hinsicht und „Hörsicht“ außergewöhnlicher Roman. Mit seiner sprachlichen Spannbreite, seinen anschaulichen Figuren, seinen lebensweltlichen Retrospektiven, seinen historischen und zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Darbietungen und seiner Liebe zum verspielten Detail entwickelt er eine eigenwillige Dynamik und faszinierende Komplexität.

Sprachkompositorisch und dramaturgisch ist er bewundernswert und trotz einiger etwas sperriger Passagen (z.B. einige langatmige Exkurse zu den teils grausamen, teils abstrusen psychiatrischen Behandlungsmethoden des 18. und 19. Jahrhunderts) bleibt die Handlung bis zum Ende spannend und überraschend.

Ob körperliche Unsterblichkeit ein erstrebenswertes Ziel ist, mag jeder für sich selbst entscheiden – die ethischen, wissenschaftlichen und zwischenmenschlichen Aspekte dieser unmöglichen Möglichkeit werden hier lebhaft diskutiert. Nachdenken, Nachspüren und eine eigene Haltung finden – das darf der Leser nach eigenem Gusto.

Die Schwermut dessen, der indes die Erfahrung von Unsterblichkeit längst gemacht und das „Alphabet des Kummers“ zur Genüge schon buchstabiert hat, kommt vielleicht in keinem Satze Ritters so deutlich zum Ausdruck wie im folgenden:

„Wie wollt ihr je lieben?“,  fragte er so leise, dass Johanna ihn kaum hören konnte. „Wie wollt ihr je lieben, wenn ihr ewiglich an euch selbst genug habt?“

 

Ein informatives Interview mit der Autorin findet sich hier:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/der-Hoerverlag/e502952.rhd#|trailer

Link zur Hörprobe auf der Verlagswebseite: http://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/der-Hoerverlag/e502952.rhd

Buchvorlage:

Thea Dorn
Die Unglückseligen
Knaus Verlag Februar 2016
Gebunden mit Schutzumschlag
560 Seiten
Format: 13,5 x 21,5 cm
24,99 € (D), 25,70 € (A), 33,90 sFr.
ISBN: 978-3-8135-0598-6

Link zum Buch aus der Verlagswebseite:
http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/Knaus/e446553.rhd#\|biblios

Querverweise:

Eine weitere Rezension gibt es bei Mina: https://aigantaigh.wordpress.com/2016/04/12/rezension-thea-dorn-die-unglueckseligen/

Link zum Wikipediaeintrag über Johann Wilhelm Ritter: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Wilhelm_Ritter

Die Autorin:

»Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller (u.a. „Die Hirnkönigin“), Theaterstücke, Drehbücher und Essays (u.a. „Die neue F-Klasse – Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“) und zuletzt mit Richard Wagner den Sachbuch-Bestseller „Die deutsche Seele“. Sie moderierte die Sendung „Literatur im Foyer“ im SWR-Fernsehen und kuratierte unter dem Motto „Hinaus ins Ungewisse!“ das „forum:autoren“ beim Literaturfest München 2012. Der Film „Männertreu“, zu dem sie das Drehbuch geschrieben hat, wurde 2014 mit dem „Deutschen Fernsehpreis“ als bester Fernsehfilm des Jahres und 2015 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Thea Dorn lebt in Berlin.«

Die Sprecherin:

»Bibiana Beglau, 1971 geboren, erhielt ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Seit 1995 arbeitet sie fürs Theater. Als Bibiana Beglau in Thomas Ostermeiers „Disco Pigs“ auf der Bühne stand, wurde sie von Volker Schlöndorff entdeckt und für die Hauptrolle im Kinofilm „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) engagiert, für die sie u. a. mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. 2007 erhielt sie mit dem TV-Film „Unter dem Eis“ den Grimme-Preis. Seit 2011 gehört sie zum Ensemble des Residenztheaters München. 2012 hat sie den Kurt-Meisel-Preis in Anerkennung ihrer großen Schauspielkunst am Residenztheater erhalten. 2014 wurde Bibiana Beglau von der renommierten Zeitschrift „theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Beim Hörverlag ist sie u. a. in der hochgelobten Hörbuchinszenierung von „Sturmhöhe“ (2012) in der Rolle der Nelly Dean zu hören, sie spricht Paula Dalys „Die Schuld einer Mutter“ sowie Sue Monk Kidds „Die Erfindung der Flügel“.«

Das Buch der Märchen

P I N S E L Z A U B E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein Leben ohne Märchen ist möglich, aber langweilig!

Ich hatte das Glück, daß meine vorlesefreudigen Eltern meinen kindlichen Geist reichlich und vielfältig mit Märchen- und Geschichtenessenzen gewässert haben. So war es ein Freudenfest für mich und mein Kinderherz, wieder einmal tief in Märchenwelten einzutauchen und mich von Worten und Bildern verzaubern zu lassen.

Der Maler Friedrich Hechelmann hat für das vorliegende Buch ein vielseitiges Märchenpotpourri zusammengestellt und illustriert: Zwölf Märchen der Gebrüder Grimm, drei Märchen von Wilhelm Hauff, sechs von Ludwig Bechstein und von Eduard Mörike „Die Historie von der schönen Lau“.

Hechelmann Märchen Seite 258 Wasserlichttreppe

Illustration von Friedrich Hechelmann ©


Begleitet von vollkommen märchenhaften und ebenso meditativ-besinnlichen wie dramatisch-bewegten Illustrationen verläuft man sich gerne in ihren wildromantischen Tiefen, unwegsamen Wäldern, verborgenen Höhlen, duftigen Lüften, glitzerndem Tau, moosigem Leuchten, unauslotbaren Gewässern, schicksalhaften Verwandlungen und geheimnisvollen Seelenräumen. Hier kann man noch träumen, Licht- und Schattengestalten erleben, auf Wunder hoffen und Zauberkräfte entdecken.

Hechelmann Märchen Seite 227 Güldene Lichtung

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 205 Kutsche auf nächtlichem Waldwege

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Kunstauffassung Friedrich Hechelmanns zitiere ich gerne aus der kurzen werkbiographischen Notiz, die sich am Ende des Buches findet:

»Über Jahrtausende war die Betrachtung der Natur das große Thema der Malerei. Dass wir dieses Thema heute als niedlich abtun, zeigt unsere Arroganz und Selbstüberheblichkeit, unsere Naturentfremdung«, sagt Friedrich Hechelmann und malt mit seiner ganzen Kraft gegen diese Entwicklung an. Denn seine Kunst lebt aus der Ehrfurcht vor der Schöpfung. «

Hechelmann Märchen Seite 224 Lichtöffnung im Fels

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 240 Nebelsee

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Illustrationen von Friedrich Hechelmann erweisen sich nicht nur als kongeniale Begleitung und künstlerische Übersetzung der Märchentexte in ein sichtbares Medium, sondern sie breiten der eigenen Imagination ein einladendes Bühnenbild voller naturmagischer Anziehungskraft und geheimnisvoller Lebenstiefe: lichtfunkelnd, schattenspielend, ganz elementar und ungezähmt sowie von befreiend-aufatmender Weite und Vielschichtigkeit.

Die zahlreichen, farbigen Illustrationen sind stets ganzseitig, gelegentlich auch doppelseitig und von sehr guter Druckqualität. Ich habe lediglich ein oder zwei Lesebändchen vermißt, diese hätten der feinen und hochwertigen Märchensammlung gut zu Gesicht gestanden, und praktisch wären sie auch. Vielleicht eine Anregung für die nächste Auflage?

Hechelmann Märchen Seite 18 Kaminfeuer

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Hechelmann Märchen Seite 124 Blumenwaldwiese

Illustration Friedrich Hechelmann ©

 

 

 

 

 

Die faszinierenden Bilder Friedrich Hechelmanns erschaffen eine beeindruckend-betörende Märchengestimmtheit, die der zeitlosen Poesie der Märchen entspricht. Ja ich finde sogar, daß die luzide, zwischen Wort und Bild changierende Darstellungsweise den Blick für das Unsichtbare schärft.

So wurden denn auch die vorzüglich passenden Zeilen von Novalis als Vorwort gewählt:

»Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und die in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.«

– Novalis –

 

Hechelmann Märchen Seite 55 Kaskadenbrunnen

Illustration Friedrich Hechelmann ©

Der Illustrator:

»Friedrich Hechelmann illustrierte 1972 sein erstes – und noch immer lieferbares – Märchenbuch Zwerg Nase. Zahlreiche preisgekrönte Buchillustrationen folgten, außerdem Ausstellungen, Bühnenbilder, Filme und Publikationen. Der Künstler lebt und arbeitet im Allgäu. Mit der ständigen Ausstellung seiner Werke in der Kunsthalle im Schloss Isny   http://kunsthalle-schloss-isny.de/hauptnavigation/kunsthalle/impressionen/  hat er seinem großen, begeisterten Anhängerkreis ein lebendiges künstlerisches Forum geschaffen. Zuletzt unter anderem veröffentlicht: Geisterritter (Illustration des Buches von Cornelia Funke), im Thiele Verlag Ein Weihnachtstraum (2014) und Ein Sommernachtstraum (2014).«

Besuchen Sie Friedrich Hechelmann auf seiner Webseite: www.hechelmann.de

Und hier geht es zur Verlagsinfo zum Buch:
http://www.thieleverlag.com/cms/programm/geschenkbuch/das-buch-der-maerchen-kopie/detailseite.html

 

Das Buch der Märchen (HECHELMANN)

 

CRADLE TO CRADLE

  • Einfach intelligent produzieren
  • von Michael Braungart und William McDonough
  • Aus dem Amerikanischen von
  • Karin Schuler und Ursula Pesch
  • Neuauflage Piper Verlag, Februar 2014               www.piper.de
  • Taschenbuchausgabe
  • 236 Seiten
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN 978-3-492-30467-2
  • E-Buch-Ausgabe WMEPUB
  • 8,99 € (D), 8,99 € (A), 10,00 sFr.
  • ISBN  978-3-492-96479-1
    Cradle to Cradle

NATURGETREU   UND   ENKELTAUGLICH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es gibt Bücher, die mich allein schon wegen der ihnen vorangestellten Widmung unmittelbar ansprechen und zum Weiterlesen verlocken; so ist es mir auch bei diesem Buch geschehen. Ich zitiere die Widmung:

„Für unsere Familien und für alle Kinder aller Lebewesen für alle Zeiten“

Die ganzheitliche BetrachtungsWEISE, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt, durchzieht das gesamte Buch.

Die Autoren nehmen sich die Stoffkreisläufe der Natur zum Vorbild. In der Natur wird kein Müll produziert; abgestorbene pflanzliche und tierische Materialien dienen als Nahrung und Wiege für weitere Lebensformen. Die Produktionsweise der Natur folgt dem Prinzip „von der Wiege zur Wiege“ (cradle to cradle), und der Müll ist kein Müll, sondern ein Nährstoff. Das einfachste Beispiel für diese sinnvolle und lebensdienliche Art der Verwertung findet sich im Atem: Menschen und Tiere atmen Sauerstoff ein und Kohlendioxid aus. Die Pflanzen nehmen das Kohlendioxid auf und nutzen es für ihr Wachstum und „atmen“ im Austausch Sauerstoff aus.

Im Gegensatz dazu haben die meisten menschlichen Produkte eine begrenzte Lebenszeit – „von der Wiege bis zur Bahre“ -, belasten durch zahlreiche giftige Bestandteile oder ihre nur schwer bis gar nicht auflösbare Verbindung von biologischen und technischen Stoffen die Mitwelt und verschwenden zugleich wertvolle Rohstoffe.

Auf unseren Müllhalden lagern viele sogenannte »Monsterhybriden«, Dinge, die aus zusammengemischten technischen und biologischen Materialien bestehen, die nicht mehr zurückgewonnen werden können und oft auch noch toxische Nebenwirkungen haben. Ein konventionell hergestellter Schuh aus chromgegerbtem Leder mit einer Sohle aus bleihaltigen Polymeren belastet die Mitwelt bei der Herstellung (giftige Abwässer und giftige Arbeitsbedingungen), beim Tragen des Schuhs (durch Abriebpartikel der Sohle und durch den krebserregenden Chromkontakt mit der Haut des Schuhverbrauchers), und schließlich landet der abgetragene Schuh dann auf der Müllhalde oder in der Müllverbrennung.

Michael Braungart ist Chemiker, und William McDonough Architekt. Die beiden Autoren haben schon verschiedene Materialien, Produktions- und Gebäudesysteme entwickelt, welche die langfristigen Wirkungen und regenerativen Möglichkeiten von Form und Funktion eines Produktes von Anfang an berücksichtigen. Sie gehen also weit über die nachträgliche Installation ökoeffizienter Verbesserungen hinaus, die ein schlechtes Produkt lediglich etwas weniger schlecht machen, aber nicht grundsätzlich das Einbahnstraßensystem einer Wegwerf- und Verschmutzungsproduktion beenden.

„Was wäre geschehen, fragen wir uns manchmal, wenn die industrielle Revolution in Gesellschaften stattgefunden hätte, in denen die Gemeinschaft höher geschätzt wurde als das Individuum und in denen die Menschen nicht an einen Lebenszyklus von der Wiege bis zur Bahre geglaubt hätten, sondern an Reinkarnation?“ ( Seite 135)

Die deutschsprachige Ausgabe dieses Buches ist zu hundert Prozent auf wiederverwertetem Altpapier gedruckt; dies bezeichnen die Autoren als „ein Beispiel für Öko-Effizienz – Optimierung des Bestehenden anstatt echter Innovation.“ (Seite 11) Diesen Kerngedanken erläutern sie im folgenden Zitat:

Stellen wir uns ein Buch vor, das kein Baum ist. Nicht einmal Papier. Stattdessen besteht es aus Kunststoff, der unter einem völlig anderen Materialparadigma entwickelt worden ist, aus Polymeren, die ohne Qualitätseinbuße praktisch unendlich oft recycelbar sind – bei denen ihr weiteres Leben bei der Entwicklung im Vordergrund gestanden hat und nicht erst als unangenehme nachträgliche Überlegung eingeflossen ist. Dieses »Papier« braucht keine gefällten Bäume und kein Chlor, das dann in die Gewässer fließt. … es kann recycelt werden, und was noch wichtiger ist, es hat das Potenzial zum Upcycling: Es kann auseinandergenommen und als qualitativ hochwertiges, nützliches Polymer wiederverwendet werden. (Seite 98f)

Dieses Buchmaterial hat zudem die praktische Nebenwirkung, daß man es in der Badewanne lesen kann, da es wasserfest ist.

Das Design-Konzept der Autoren trägt die Überschrift Öko-Effektivität. „Öko-effektive Planer erweitern ihr Blickfeld und haben neben dem vorrangigen Zweck eines Produkts oder Systems auch das Ganze im Auge. Was sind die Ziele und die möglichen Wirkungen, sowohl direkt wie auch in größeren zeitlichen und räumlichen Zusammenhängen? Zu welchem – kulturellen, wirtschaftlichen, ökologischen – Großsystem werden dieses produzierte Ding und dieser Produktionsprozess gehören?“
(Seite 109)

Es werden viele ermutigende Beispiele für wirklich nachhaltige Materialentwicklungen und Produktionsprozesse vorgestellt. Verpackungen können selbst ein nützliches Produkt sein, wie z.B. Senf- oder Marmeladengläser, die sich anschließend als Trinkgläser nutzen lassen, oder Verpackungen können aus leicht und ungiftig verrottendem Material (Reisstroh, ungiftige Polymere) hergestellt sein, das zusätzlich mit einheimischen Pflanzensamen versehen wird. Diese Verpackungen (einschließlich der Samen) können wiederum in die Landschaft (oder auf den Komposthaufen) geworfen werden, wo sie schnell biologisch abgebaut werden, den Boden als Nährstoff bereichern und zur Verbreitung von Pflanzen beitragen.

In jeder Hinsicht klimafreundliche Grasdächer werden vorgestellt, intelligente Lüftungs- und Kühlsysteme, die kluge Nutzung natürlichen Sonnenlichts – allein aufgrund der Einbeziehung der solaren Südausrichtung von Gebäuden, Windschutzhecken, die schön aussehen und zahlreichen Kleintieren Lebensraum bieten, raffinierte Abwasserklärmethoden, die altes landwirtschaftliches Wissen mit moderner Ingenieurskunst kombinieren …

Manches bleibt noch im Ideenstadium, wie z.B. eine Waschmaschine, die das Waschmittel zurückgewinnt. Oder wie wäre es mit Autos, die die Luft reinigen, anstatt sie zu verschmutzen?

„Produkte können entweder aus Materialien bestehen, die biologisch bzw. physikalisch abbaubar sind und so zu Nahrung für biologische Kreisläufe werden, oder aus technischen Materialien, die in geschlossenen technischen Kreisläufen bleiben, in denen sie fortwährend als wertvolle Nährstoffe für die Industrie kreisen. Damit diese beiden Metabolismen intakt, produktiv und nutzbringend bleiben, muss die Kontamination des einen durch den anderen unbedingt vermieden werden.“ (Seite 136)

Angestrebt wird ein Design, das Abfall grundsätzlich vermeidet, weil die verwendeten Materialien problemlos wieder in den biologischen oder technischen Stoffkreislauf eingespeist werden können.

Ein weiterer lebensdienlicher Aspekt ist die Berücksichtigung unterschiedlicher lokaler Gegebenheiten und Materialien sowie die Einbeziehung natürlicher und kultureller Vielfalt. Es gibt nicht eine Lösung, die für die ganze Welt funktioniert, sondern vielfältige kleine und große Möglichkeiten mit regionalen Besonderheiten und sinnvollen nachhaltigen Spezialitäten. Als willkommene Nebenwirkung bringen solche Produkte und Produktionsformen für Produzenten und Konsumenten eine bessere und wesentlich gesündere Lebensqualität.

„Statt die Natur als reines Werkzeug für menschliche Ziele zu benutzen, können wir alles daran setzen, Werkzeuge der Natur zu werden, die auch ihren Zielen dienen.“ (Seite 193)

Michael Braungart und William McDonough verlangen Erfindergeist, speziesübergreifende Empathie, ein Wirtschaften des wechselseitigen Gebens und Nehmens – wie es uns die Natur vorbildlich vorlebt – und die Bereitschaft zu einer industriellen Re-Evolution.

Dies wird unser aller Kräfte erfordern, und es wird eine ewige Aufgabe sein. Aber schließlich ist ja genau das die Chance für uns Menschen und für alle Lebewesen auf dieser wunderschönen kleinen Erde.“ (Seite 227)

Die Autoren:

»Michael Braungart ist Chemiker und Präsident des Hamburger Umweltinstituts und Professor für Chemische Verfahrenstechnik und Stoffstrommanagement an der Fachhochschule Lüneburg sowie Wissenschaftlicher Leiter der 1987 von ihm gegründeten EPEA Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg. Er ist Mitbegründer von McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC) in Charlottesville, Virginia, USA und des Hamburger Umwelt-Instituts (HUI). Seine Arbeiten sind in zahlreichen Zeitschriften in Europa und in den USA veröffentlicht worden, und er hält regelmäßig Vorträge und unterrichtet als Gastdozent an internationalen Universitäten.«

»William McDonough war von 1994 bis 1999 Professor für Architektur an der University of Virginia. Er ist Gründer von William McDonough & Partners, eines international operierenden Architekturbüros für ökologisch, sozial und ökonomisch intelligente Bauweise. Er ist Mitbegründer von McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC) in Charlottesville, Virginia.
1996 erhielt er den Presidential Award for Sustainable Development, 2003 den Presidential Green Chemistry Challenge Award und 2004 den National Design Award – drei hohe Ehrungen im Bereich Umweltschutz, die vom amerikanischen Präsidenten vergeben werden.«

PS:
Die einzige Ungeschicklichkeit, in Bezug auf die deutschsprachige Ausgabe des Buches, liegt in der unübersetzten Übernahme des englischen Titels. Ich bezweifle sehr, daß der Titel spontane Allgemeinverständlichkeit garantiert.

Die alte Göttin und ihre Pflanzen

  • Wie wir durch Märchen zu unserer Urspiritualität finden
  • von Wolf-Dieter Storl
  • Kailash Verlag 2014             http://www.kailash-verlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 13,5 x 17,5 cm
  • 272 Seiten
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A), 24,50 sFr.
  • ISBN 978-3-424-63080-0


W A L D E S W U R Z E L N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit seinem Buch „Die alte Göttin und ihre Pflanzen“ öffnet uns Wolf-Dieter Storl einen Weg zu uralten Wurzeln unseres Daseins. Auf seine lebendig-erzählende Weise ermöglicht er uns eine „reanimierende“ Spurenlese in unserer kollektiven Seelenlandschaft, in der Geistiges und Körperliches sowie Pflanzliches, Tierisches und Menschliches nicht getrennt, sondern „kommunikativ“ verbunden sind.

Er verknüpft Erkenntnisse der Anthropologie, Botanik, Ethnologie sowie Etymologie und erklärt mit einfühlsamem Gespür den symbolischen Gehalt und den Zusammenhang alter Märchen und Zauberpflanzen.

Die Neuzeit umfaßt nur einen sehr kurzen Zeitraum, die Steinzeit hingegen – nach den neuesten archäologischen Erkenntnissen – fast drei Millionen Jahre.

Die Menschen liefen zu Fuß auf der lebendigen Haut der Erde und kommunizierten mit ihr. Diese innige Naturnähe hat uns zutiefst geprägt. Beinahe 99 Prozent unseres Daseins als Homo sapiens verbrachten wir Menschen auf diese Weise als freie, durch die Natur streifende Jäger und Sammlerinnen.“ (Seite 18)

Unsere mitteleuropäische Kultur wuchs in einer lebensgrünen Landschaft mit waldreicher Vegetation. Die durch das Kontinentalklima bedingten großen Temperaturschwankungen teilten den Jahreslauf in vier deutlich unterscheidbare Jahreszeiten. So erläutert uns der Autor zunächst anschaulich „Das Medizinrad der europäischen Waldvölker“.

Die vier Kardinalpunkte Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleichen sowie Sommer- und Winter-Sonnenwenden bilden das Sonnenkreuz. Man nennt es auch das keltische Radkreuz oder Slawenkreuz, dessen senkrechte Achse den Stamm des Weltenbaums darstellt.“ (Seite 24) „Zwischen den vier Kardinalpunkten des Jahresrads wurden vier weitere eingefügt, die sogenannten Kreuzvierteltage in Februar, Mai, August und November.“ (Seite 24)

Diese acht Zeiträume des keltischen Jahres mit ihren Übergangsfesten und Ritualen sowie den damit verbundenen mehrdimensionalen Schnittstellen zwischen der Menschen, Götter- und Geisterwelt haben – wenn auch in christianisierter Verkleidung, verstandesüberbetonter Beschränktheit und Oberflächlichkeit – bis in unsere Zeit überlebt.

Für die Kelten begann der neue Jahreszyklus im November zu Samhain…“ „In der Samhain-Nacht (englisch: Halloween) schwärmen die Totengeister aus und betteln um milde Gaben und SpeisungDas altheidnische Fest lebt weiter in Allerseelen, Allerheiligen, Volkstrauertag und anderen Totengedenktagen.“ (Seite 26)

Unter fast allen gegenwärtigen Jahresfesten schimmert noch immer die naturzyklische, beseelte Sichtweise unserer Ahnen hindurch. Viele Märchen und Sagen überliefern ebenfalls die wesentlich naturverbundenere Kultur und Weltanschauung der indigenen europäischen Waldvölker (Kelten, Germanen, Slawen). Der Glaube an eine dreifaltige Göttin (Jungfrau, Mutter, weise Alte) und ihren befruchtenden männlichen Gefährten gehört dazu sowie die Zuordnung bestimmter Pflanzen und Tiere zu bestimmten Gestaltwerdungen und „Mondphasen“ der Göttin.

Das Leben wurde als Kreislauf des Keimens, Werdens, Blühens, Reifens, Fruchtens, Welkens und Vergehens und wieder Neuwerdens betrachtet und erfahren, so wie es jeder, der heute noch einen Garten pflegt oder der aufmerksam MIT der Natur lebt, noch immer erleben kann, wenn er einfach seine Sinne nutzt und seine Seele „einschaltet“.

Viele Märchen erlauben zudem eine schamanische Lesart. Diese Lesart einleuchtend, sehr anschaulich und faszinierend darzustellen ist das große Verdienst des Autors.

Beispielsweise ist der Weg der Goldmarie im Märchen von Frau Holle eigentlich ein Initiationsweg: Die Spindel, die in den Brunnen fällt, kann als Symbol für den Lebensfaden betrachtet werden. Der Brunnen führt von der Oberwelt (Diesseits) in die Unterwelt (Jenseits), und hier zeigt sich, in Goldmaries Handlungen, wes Geistes Kind sie ist. Sie dient der Frau Holle, die eine Verkörperung der Göttin als Herrin über Leben und Tod ist. Nach einer gewissen Zeit der seelischen Reifung darf Goldmarie – belohnt mit Gold – ihren Lebensfaden wieder aufnehmen (bzw. wiedergeboren werden) und in die Welt zurückkehren – wobei man hier das Gold nicht wörtlich verstehen sollte, sondern eher als seelischen Glanz und Reichtum.

Frau Holle ist mit dem Holunderstrauch verknüpft, der wiederum die helle und die dunkle Seite der Göttin illustriert: Zur Mittsommerzeit erfreuen uns die lieblichen Blütendolden, die wie zartes, brautschleieriges Spitzengewebe aussehen, und im reifen Spätsommer schenken uns die dunklen, herbschmeckenden Beeren Heilkräfte für den bevorstehenden Winter.

Wolf-Dieter Storl erzählt allseits bekannte Märchen, bettet diese in ihre jeweiligen botanischen, ethnologischen, etymologischen und symbolischen Bezüge und erschließt somit eine wesentlich elementarere Einsicht in die alten Märchenüberlieferungen.

Aus der angebotenen Wissensfülle dieses Buches kann ich hier nur einige Stichworte streifen:

Den drei Verkörperungen der Göttin entsprechen die Farben Weiß, Rot und Schwarz. Schneewittchens Mutter wünscht sich ein Kind „so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.
Kraniche, Störche und Schwäne gelten als Seelenvögel, die zwischen den Welten vermitteln können. Und sagen wir nicht auch heute noch, wenn uns eine AHNUNG befällt „Mir schwant etwas…“ ?
Aschenputtels Schuhe symbolisieren ein gutes, bodenständiges Verhältnis zu Mutter Erde.
Immergrüne Pflanzen (Tannenbaum, Stechpalme) bestärken in dunklen Winterzeiten die Hoffnung auf die Wiedergeburt des Lichtes (oder des Sonnenkindes).

Welch vielschichtige Bedeutung Apfelbäume, Bären, Brennesseln, Drachen, Farn, Fliegenpilz, Gänseblümchen, Haselstrauch, Hirsche, Johanniskräuter, Marienkäfer, Mistelzweige, Raben, Schneeglöckchen, Wachholderbeeren, Weißdorn usw. haben, dürfen Sie sich gerne selbst erlesen…

Die ganzheitliche Weltanschauung der vorchristlichen Zeit ist keineswegs ausgestorben sondern sie sagt sich – märchenhaft verborgen – bis heute weiter.

Die Lektüre von „Die alte Göttin und ihre Pflanzen“ hat mich ganz wunderbar genährt.Und ich bin von größter und erneuerter Dankbarkeit erfüllt, daß meine Eltern mir eine märchen- und naturverbundene Kindheit ermöglicht haben, so daß die Erkenntnisse aus vorliegendem Buch für mich nicht theoretisch bleiben, sondern ganz und gar lebendig sind und mich zutiefst berühren, begeistern, beflügeln und bewurzeln. Göttin sei Dank!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-alte-Goettin-und-ihre-Pflanzen/Dr-Wolf-Dieter-Storl/Kailash/e437088.rhd

Der Autor:

» Dr. Wolf-Dieter Storl, geboren 1942, ist Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Er wanderte 1954 mit seinen Eltern in die USA (Ohio) aus, wo er die meiste Zeit in der Waldwildnis verbrachte. Nach dem Studium der Botanik und Völkerkunde an der Ohio State Universitiy lehrte er als Dozent für Soziologie und Anthropologie an der Kent State University. 1974 promovierte er als Doktor der Ethnologie in Bern.
Seine zahlreichen Reisen und Feldforschungen prägten sein Denken und fanden ihren Niederschlag in vielen erfolgreichen Büchern. Wolf-Dieter Storl lebt seit 1988 mit seiner Familie auf einem Einsiedlerhof im Allgäu.
Gärtnern, aber noch mehr die wilde, ursprüngliche Natur, die Wildpflanzen und Tiere, waren immer schon eine Quelle der Inspiration für ihn und formten seine Lebensphilosophie. Von den Cheyenne und anderen traditionellen Völkern in Asien und Afrika, sowie von den Überlieferungen und Erzählungen europäischer Bauern und Kräuterkundigen, erfuhr er viel über das Wesen der Pflanzen, über ihre »spirituellen« Dimensionen. Pflanzen sind für ihn nicht nur botanische Gegenstände, sondern haben, durch ihre Wechselbeziehung mit den Menschen, auch eine kulturelle, sprachliche, heilkundliche und mythologische Identität.
Die traditionelle Pflanzenheilkunde der indigenen europäischen Waldvölker, der Kelten, Germanen und Slawen sowie des frühchristlichen Mittelalters, sind gegenwärtig seine Hauptinteressensgebiete. Diese Forschungen machen den Inhalt des Großteils seiner Bücher aus. «

PS:
Auf youtube abzurufen ist zudem ein sehr interessantes Webinar – ein 90-minütiges Frage-Antwort-Gespräch/Interview mit Wolf-Dieter Storl und dem Moderator Thomas Schmelzer von mystica.tv über sein Buch „Die alte Göttin und ihre Pflanzen“
vom 2. November 2014: http://youtu.be/IWccfXdj6d0

Im Heyne Verlag ( www.randomhouse.de/heyne ) sind außerdem folgende Bücher
von Wolf-Dieter Storl erschienen:

Mit Pflanzen verbunden
Meine Erlebnisse mit Heilkräutern und Zauberpflanzen
ISBN: 978-3-453-70100-7
8,95€ (D), 9,20 € (A) 13,50 sFr.

Ich bin ein Teil des Waldes
Der „Schamane aus dem Allgäu“ erzählt sein Leben
ISBN: 978-3-453-70098-7
8,95 E (D), 9,20 € (A) 13,50 sFr.

Hier folgt eine Auflistung weiterer Bücher von Wolf-Dieter Storl, die alle im
AT-Verlag ( www.at-verlag.ch ) erschienen sind:

Borreliose natürlich heilen
ISBN 978-3-03800-360-1
19,90 € (D), 20,50 € (A), 29,90 sFr.

Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor
ISBN 978-3-85502-693-7
17,90 € (D), 18,40 € (A), 26,90 sFr.

Naturrituale
Mit schamanischen Ritualen zu den eigenen Wurzeln finden
ISBN 978-3-85502-964-8
23,90 € (D), 24,60 (A), 34,90 sFr.

Pflanzen der Kelten
Heilkunde, Pflanzenzauber, Baumkalender
ISBN 978-3-85502-705-7
25,90 € (D), 26,70 € (A), 39,90 sFr.

Pflanzendevas
Die geistig-seelischen Dimensionen der Pflanzen
ISBN 978-3-85502-763-7
23,90 €(D), 24,60 € (A), 34,90 sFr.