Die Füchse von Hampstead Heath

  • Eine Abigail Kamara-Story
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »What Abigail Did That Summer«
  • Deutsche Übersetzung von Christine Blum
  • DTV Verlag, September 2021 www.dtv.de
  • Taschenbuch
  • Format: 12 x 19 cm
  • 224 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21959-4

Die Füchse von Hampstead Heath
SPRECHENDE  FÜCHSE  UND  HAUSBESATZUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit „Die Füchse von Hamstead Heath“ hat Ben Aaronvitch erneut eine amüsante Abzweigung der magisch-kriminalistischen Peter-Grant-Reihe geschrieben. Wer mit den magischen Rahmenbedingungen dieser Krimiserie noch nicht vertraut ist, möge sich bitte unter dem nachfolgenden Link durch die Lektüre meiner Besprechung des ersten Bandes kundig machen:  Die Flüsse von London

Diesmal löst Peter Grants vorwitzige und magisch hochbegabte Cousine Abigail einen magieverdächtigen Fall, bei dem mehrere Jugendliche auf mysteriöse Weise verschwin-den und unversehrt und ohne Erinnerungen, aber doch seltsam manipuliert zurück-kehren.

Die Geschichte beginnt recht harmlos. Abigail ist mit einer Schulkameradin verabredet, die am vereinbarten Treffpunkt  jedoch nicht erscheint. Simon, ein gutaussehender Junge, der ebenfalls dort wartet, spricht Abigail spontan an, und sie stellen fest, daß sie offenbar beide versetzt wurden. Simon lädt Abigail zum Tee zu sich nach Hause ein, und Abigail bemerkt, daß er – im Gegensatz zu ihr – sehr wohlhabend und überbehütet auf-wächst. Er ist jedoch dank seines naiven Charmes und seiner exorbitanten Kletter- künste gut in der Lage, sich auch bei Hausarrest Freiheiten von der mütterlichen Beaufsichtigung und Fürsorge zu verschaffen. In Abigail findet er eine sehr kompatible Komplizin hinsichtlich Ausweichmanövern gegenüber solchen elterlichen Kontroll- absichten.

Es stellt sich wenig später heraus, daß die Schulkameraden, mit denen sie verabredet waren, zwei Tage als vermißt galten und polizeilich gesucht wurden. Plötzlich aber tauchen sie wohlbehalten wieder auf, können sich jedoch nicht erinnern, wo sie gewesen sind und was mit ihnen geschehen ist. Abigails magische Antennen wittern, daß ein sogenannter Falcon-Effekt, also ein magischer Einfluß ursächlich für dieses unerklärliche Verschwinden ist.

Abigail beginnt zu recherchieren – unterstützt von Simon und von einer ganzen Schar sprechender Füchse. Mit sprechenden Füchsen hat Abigail schon in vorherigen Fällen zusammengearbeitet und ihr füchsiges Informationsnetz im Austausch gegen Käse-bällchen und Streicheleinheiten genutzt.

So finden sie den „Tatort“, ein altes, vierstöckiges Haus, das hinter einem Bauzaun, Gerüsten und Plastikplanen seiner Kernsanierung harrt. Selbstverständlich inspizieren Abigail, Simon und Abigails Begleitfüchsin Indigo unbefugt das Haus. Sie finden kahle Wände, herumliegende Leitungen, Schutthaufen – kurz: eine verlassene Baustelle.

Doch plötzlich verändert sich der Raum und sieht wieder tapeziert, möbliert, gepflegt und wohnlich aus, und es erscheint eine harmlose, ja, fröhlich-gesellige Szene – gewissermaßen eine Erinnerung des Hauses an das dort einst stattgefundene Alltags- leben. Allerdings spielen in dieser Szene echte gegenwärtige Menschen die Rollen der einstigen Hausbewohner. Abigail erkennt u.a. einen weiteren verschwundenen Jugend- lichen in der Rolle des Hausherrn, bevor sie selbst in die Szene hineinrutscht und mitspielt. Indigo holt Abigail durch einen Biß ins Bein in die Gegenwart zurück. Doch bevor sie endlich das Haus verlassen können, durchlaufen sie noch verschiedene andere Hausszenen, die zeitlich zwischen den 40er- und 70er-Jahren changieren.

Nun weiß Abigail, daß das Haus bzw. der dortige Genius loci, die Jugendlichen zu sich ins Gebäude lockt und sie dort, je nachdem welchen Raum sie betreten, bestimmte vergan-gene Lebensszenen reanimieren läßt. Es ist schwer, diesem verführerischen Einfluß zu widerstehen, aber immerhin hat das Haus bisher noch niemanden länger als zwei Tage gefangen gehalten.

Abigail traut sich ein zweites Mal zurück in das Haus, um den Anknüpfungspunkt der magischen Anziehungskraft zu finden. Beinahe verirrt sie sich dabei gänzlich in den verschiedenen buchstäblichen Zeiträumen, die bis ins viktorianische Zeitalter zurück-reichen.

Als schließlich Simon und Indigo im Haus verschwinden, wagt sich Abigail nur mit guter Vorbereitung, unkonventioneller „Bewaffnung“ und unter Einbeziehung von Simons Mutter ein drittes Mal in das Haus …

Abigail erweist sich als pfiffige, einfühlsame Ermittlerin, auch wenn sie hinsichtlich organisatorischer Absicherungen angesichts magischer Gefahrensituationen noch dazu-lernen muß, wie DCI Thomas Nightingale, Meistermagier und Chef der magischen Polizeiabteilung, zu Recht in einer fürsorglich-strengen nachträglichen Fallanalyse konstatiert.

Verglichen mit den Fällen, die Peter Grant zu lösen hat, sind die Gefahren, denen Abigail sich aussetzt, relativ harmlos, aber dennoch aufregend. Besonders faszinieren die unter-schiedlichen Hauserinnerungsszenen, die mit einer sehr anschaulichen, der jeweiligen Zeitphase entsprechenden Kulisse und deren zeitgemäßen Sprachgewohnheiten ausge-stattet sind.

„Die Füchse von Hampstead Heath“ verfügt über das gewisse magische Etwas, das die kriminalistische Aufklärung mit zauberhaft-fantasievollen, detailreichen Zugaben und interessanten magischen Wesen und Persönlichkeiten bereichert. Die Figurenzeich- nungen sind sehr gelungen und zwischenmenschlich lebensecht, die Dialoge knackig, schlagfertig und wortwitzig, und die flotte Dramaturgie ist wie immer filmreif.

Besonders hervorzuheben ist Ben Aaronovitchs ironisch-kreativer Sprachstil, der abwechslungsreich zwischen unterschiedlichen Sprachebenen changiert und mit einigen sehr amüsanten und geistreichen Formulierungen aufwartet. So etwa bei Abigails Beschreibung von Simons Lächeln:

»Gegen so ein Lächeln kommt man nicht an. Da kann man nur hoffen, dass der Besitzer einen heiligen Eid geschworen hat, es bloß zu guten Zwecken einzusetzen.« (Seite 29)  

Oder bei Abigails Fußnoten*, in denen sie für ältere Leser typische jugendsprachliche Ausdrücke fachkundig erklärt:

»voll* Kurz für »vollkommen«, aber mit einem Unterton äußerster Verblüffung oder großem Nachdruck, je nach Zusammenhang. Die jungen Leute haben ein Talent, sehr viel Bedeutung in eine einzelne Silbe zu packen.« (Seite 48)

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-die-fuechse-von-hampstead-heath-21959/

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter ›Doctor Who‹, geschrie- ben und als Buchhändler gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben. Er lebt nach wie vor in London. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.«

Die Übersetzerin:

»Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. Für dtv überträgt sie u. a. Ben Aaronovitch ins Deutsche.«

Hier entlang zu den vorhergehenden und nachfolgenden Bänden:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON Die Flüsse von London
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHOSchwarzer Mond über Soho
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET Ein Wispern über Baker Street
Band 4: DER BÖSE ORT Der böse Ort
Band 5: FINGERHUT-SOMMER Fingerhut-Sommer
Band 6: DER GALGEN VON TYBORN Der Galgen von Tyborn
Band 7: DIE GLOCKE VON WHITECHAPEL Die Glocke von Whitechapel
Band 8: EIN WEISSER SCHWAN IN TABERNACLE STREET
Ein weisser Schwan in Tabernacle Street
Band 9: DIE SILBERKAMMER IN DER CHANCERY LANE
Die Silberkammer in der Chancery Lane

Hier entlang zu einer kurzen Peter-Grant-Geschichte, etwas außerhalb der Reihe:
GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE/Eine Peter-Grant-Stoy Geister auf der Metropolitan Line
Hier entlang zu Ben Aaronovitchs Schreibausflug in deutsche Gefilde:
DER OKTOBERMANN/Eine Tobi-Winter-Story  Der Oktobermann
Hier entlang zu einer Peter-Grant-Kurzgeschichten-Sammlung: 
DER GEIST IN DER BRITISH LIBRARY UND ANDERE GESCHICHTEN AUS DEM FOLLY 
Der Geist in der British Library

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Sternflüstern

  • Die Geschichte eines Neuanfangs
  • von Paula Carlin
  • Roman
  • Diederichs Verlag, August 2021 www.diederichs-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 288 Seiten
  • Format: 12,5 x 20,0 cm
  • 18,00 € (D), 18,59 € (A), 25,90 sFr.
  • ISBN 978-3-424-35116-3

Sternflüstern

MOSAIKSTÜCKE UND LICHTBLICKE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Irith arbeitet am Empfang eines kleinen Hotels in Berlin. Da sie über eine ausgeprägte künstlerische Ader verfügt, hat sie auch an der innenarchitektonischen Ausstattung der Hotelräume mitgewirkt. Gerald, der Inhaber und Direktor des Hotels, schätzt die kleinen Mosaiken und Collagen, die Irith aus allen möglichen Resten, Scherben und Naturfund-stücken gestaltet. Deshalb bittet er Irith, für die Wand der Hotelempfangshalle ein großes Mosaik zu kreieren. Dafür solle sie mit den von ihr bevorzugten Materialien arbeiten, außerdem mit den gesammelten Überbleibseln der Hotelgäste: Bonbon- papierchen, Eintrittskarten, Filmrollen, Knöpfe, Haarklammern, Schlüssel, Stadtplan- fetzen, Münzen usw…

Doch Irith ist noch von der schmerzlichen Trauer um den Verlust ihres langjährigen Freundes Lunis geschwächt und fühlt sich zudem der sehr großen Wandfläche nicht gewachsen. Lunis war ein Künstler, der filigrane, transparente Landschaften in Glas-objekte ritzte, und sie hatte ihn kennengelernt, als ihm auf seinem Handwerkermarkt-stand eine bunte Schale heruntergefallen war und er ihr spontan die Scherben schenkte. Damals entstand aus diesen Scherben ihr erstes Mosaik.

Die Beziehung zu Lunis wuchs – ausgehend von Freundschaft – in Liebe hinein. Dennoch lebten sie in räumlicher Distanz und stets nur phasenweise miteinander. Lunis weilte zumeist in seiner abgeschiedenen Waldhütte mit Wintergarten und Werkstatt, und Irith durfte ihn dort regelmäßig besuchen. Sein großes Bedürfnis nach Einsamkeit und Freiheit hatte er Irith von Anfang an deutlich gemacht, und auch seine weitgehende Verschwiegenheit über seine Vergangenheit mußte respektiert werden.

Irith fühlte sich trotz des nicht geteilten Alltags bei Lunis gut aufgehoben, er war Ent-decker, Freund, Ermutiger, Genießer des Einfachen, Horizontöffner, Liebhaber und musischer Mentor und regte sie zu mehr Eigenwilligkeit, künstlerischen Experimenten und unkonventionellem Selbstausdruck an. Solange er lebte, spielte die räumliche Ent-fernung keine Rolle. Irith und Lunis waren inspirativ verbunden, und für Irith war Lunis der vertraute Bezugsrahmen für ihre eigene Kreativität und beständige Aussicht auf Austausch und lange Nächte unter Sternenhimmel mit tiefen Gesprächen und Stern- flüstern.

Lunis‘ plötzlicher Tod und seine testamentarische Verfügung, daß Irith über die Dinge in seiner Waldhütte und Werkstatt verfügen möge, wie sie wolle, und der posthume Auf-trag, ein Päckchen an eine ihr unbekannte Frau namens Alix zu schicken, lösen einen Stillstand in Iriths Entscheidungsfähigkeit aus. Sie konzentriert sich auf die Arbeit im Hotel, fügt Tag an Tag an Tag und weicht der Bitte ihres Chefs wegen des Hotelfoyer-Mosaiks aus.

Auf dem Rückweg vom Hotel zu ihrer Wohnung verläßt Irith eines sommerhitzigen Abends einige Haltestellen früher den stickigen Bus und geht ein Stück zu Fuß. An einem schönen alten Haus, das von einem großen verwilderten Garten eingerahmt wird, meint sie Lunis‘ Stimme zu hören.

Sie sieht ein Verkaufsschild für das leerstehende Haus und schleicht sich heimlich in den verwunschenen Garten. Die Atmosphäre dort ist trotz einiger Verfallserscheinungen an-genehm friedlich, und auf dem ausgedörrten Rasen funkeln im Abendsonnenlicht einige bunte Glasscherben von der zerbrochenen Verglasung der Hausterrasse. Diese Glas-scherben erscheinen Irith wie ein ferner Gruß von Lunis, und sie packt sie vorsichtig ein.

Dieser Zufall ist ein erster Lichtblick des Neuanfangs – auch wenn Irith dies zunächst noch nicht erkennt. Der nächste Lichtblick steht zwei Wochen später leibhaftig vor Irith am Hoteltresen, fragt nach einem freien Zimmer und betrachtet außergewöhnlich lange Iriths Namenschild. Es ist eine zierliche junge Frau, namens Sophie, die einst auf einem Flohmarkt ein kleines Mosaik von Irith gekauft hat. Und da Lunis Irith stets dazu ange-halten hatte, ihre Werke zu signieren, freut sich Sophie nun über diese zufällige Begeg-nung, und auch Iriths Neugier ist geweckt, und sie reagiert aufgeschlossen auf das unverhoffte Kontaktangebot der jungen Frau.

Es stellt sich heraus, daß Sophie aus Holzresten und Holzabfällen, alten Fenster- und Türrahmen sowie Totholz Rahmen herstellt. Auch Iriths kleines Mosaik hat sie einge-rahmt, und Irith ist von der harmonischen Wirkung berührt und begeistert. So bietet sie Sophie an, gemeinsam mit ihr das große Mosaik für die Hotelempfangshalle zu kompo- nieren. Sophie ist sogleich Feuer und Flamme, und in Irith regt sich wieder die Freude der Inspiration und des gemeinsamen Gestaltens.

Im Garten des alten Hauses „organisieren“ sie genug herabgefallene Äste für die Ein-rahmung und viele Scherben von zerbrochenen Blumentöpfen und zersprungen Glas- bausteinen für die Darstellung der Stadtsilhouette, die ebenfalls Bestandteil des Mosaiks werden soll. 

Sophie befindet sich ebenso wie Irith an einem Wendepunkt ihres Lebens und muß sich neu finden und orientieren. Während der Vor- und Hauptarbeiten am Hotelmosaik freunden sich die beiden Frauen an. Das Mosaik entwickelt sich gut und ermutigt vom freudigen schöpferischen Schub nimmt Irith endlich Kontakt zu der unbekannten Frau auf, der sie Lunis‘ Paket schicken soll …

Man könnte an diesem Roman kritisieren, daß es zu viele beinahe märchenhafte, vorhersehbare  glückliche Fügungen gibt, aber meiner Einschätzung nach, sind solche Fügungen durchaus möglich.

„Sternflüstern“ bietet sich besonders für musische Menschen an sowie für Menschen, die einen zwischenmenschlichen Verlust verkraften müssen. Im Roman folgen nach der Schwere der Trauer das heilsame Loslassen und die dankbare Würdigung des Gewesen- en sowie der nicht zu unterschätzende Trost inniger, freundschaftlicher, ja, schicksal- hafter Verbundenheit. So können Leichtigkeit und Lebensfreude wiederkehren und sogar neue sternflüsternde Augenblicke.

Besonders bemerkenswert ist der zärtliche Blick, mit dem beispielsweise Irith die künst-lerischen Möglichkeiten weggeworfener Bruchstücke erkennt, wie sie Reste, Scherben und zusammenhanglose Überbleibsel in eine neue konstruktive und ästhetische Ordnung bringt. Die liebevoll-wertschätzende, detailreiche Betrachtung der Natur und die lebhafte Aufmerksamkeit, mit der sowohl Irith als auch Sophie die Farben, Formen, Konturen, Muster und Texturen der Dinge wahrnehmen, ist anregend und sinnlich, ebenso die einfühlsame Art, wie sie im verlassenen Haus den Lebensspuren des einstigen Besitzers nachspüren – das ist eine große Lesefreude und zeugt von weiser Lebensbejahung angesichts der Vergänglichkeit.

»Wir sind alle aus Teilen zusammengesetzt, die scheinbar nicht zusammenpassen und doch ein interessantes Bild ergeben. Bei den Menschen gilt das meist eher innerlich als äußerlich. Aber stell dir vor, man könnte es sehen!« (Seite 59)


Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Sternfluestern/Paula-Carlin/Diederichs/e589085.rhd

Die Autorin:

»Paula Carlin ist das Pseudonym der deutschen Spiegel-Bestsellerautorin Patricia Koelle. Sie wurde 1964 in Alabama/USA geboren und lebt seit 1965 in Berlin. Ihre größte Leidenschaft gilt dem Schreiben, in dem sie ihr immerwährendes Staunen über das Leben, die Menschen und unseren sagenhaften Planeten zum Ausdruck bringt.« https://paula-carlin.life/

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Als Larson das Glück wiederfand

  • Text von Martin Widmark
  • Illustrationen von Emilia Dziubak
  • Originaltitel: »Huset som vaknade«
  • Aus dem Schwedischen übersetzt von Ole Könnecke
  • Verlag arsEdition, August 2018  www.arsedition.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 288 mm x 222 mm
  • 40 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-8458-2599-1
  • Bilderbuch ab 5 Jahren

L I C H T B L I C K E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wenn die eigene Lebenszeiterwartung nur noch kurz ist und der Verlust geliebter Weg-gefährten die Einsamkeit vergrößert, kann dieser Schmerz dazu führen, daß sich ein Mensch dem Leben verschließt. So praktiziert es jedenfalls Larson aus dem vorlie- genden Bilderbuch.

Larson ist alt und verwitwet, seine Kinder sind erwachsen und ausgezogen. Alleine streift Larson durch das große leere Haus und geht ebenso schönen wie wehmütigen Erinnerungen an seine Lieben nach. Jedes Zimmer eröffnet uns einen Einblick in die biographische Vergangenheit Larsons. Während die Räume in der Gegenwart dunkel, angestaubt, muffig, ja, sogar seltsam unterirdisch-höhlenartig erscheinen, sind die Erinnerungsbilder von einem sanften Lichtschein begleitet.

Illustrationen von © Emilia Dziubak, Verlag arsEdition 2018

Gerade als sich Larson zum Schlafen hingelegt hat, klopft es an seine Haustür. Ärgerlich und unwillig steht er auf und schaut nach, wer es da wagt, ihn zu stören. Ein Nachbars-junge mit einem Blumentopf steht lächelnd vor der Tür. Er überreicht Larson den Blu-mentopf, in dem außer Erde noch nichts zu sehen ist, und bittet Larson, während seines Urlaubs den Topf regelmäßig zu wässern, damit seine Blume wachse. Larsons Wider-spruch hört der Junge garnicht mehr, da er schon flugs zum abfahrbereiten Auto seiner Eltern gelaufen ist. Vor sich hin schimpfend stellt Larson den Blumentopf auf den Küchentisch, gießt aber doch etwas Wasser auf die Erde.

Am nächsten Morgen betrachtet Larson beim Frühstück den Topf, entdeckt ein erstes Keimblatt und spürt eine gewisse Neugier, welche Blume denn dort wachsen werde. Plötzlich fällt ihm auf, daß er unbedingt lüften sollte, und er beläßt es nicht nur beim Lüften, sondern putzt auch die schmutzigen Fenster. Endlich kann wieder Sonnenlicht ins Haus dringen, und schon erscheint der Alltag deutlich heller.

Illustrationen von © Emilia Dziubak, Verlag arsEdition 2018

Am Abend fragt sich Larson noch immer, welche Blume in diesem Topf wachsen könnte. Besser gelaunt und geradezu beschwingt beginnt dann der nächste Tag, und zu Larsons Freude taucht sein zuvor entlaufener Kater wieder auf und will offensichtlich auch bleiben. Larson räumt das Haus auf, entstaubt, fegt und beobachtet mit lebhafter Anteilnahme das Wachstum der Pflanze.

Von Tag zu Tag wird die Blume größer, bildet neue Blätter und eine Knospe, und Larson freut sich darüber. Er überlegt sogar, ob er demnächst den Flur mit einer hellgelben Ta-pete neu tapezieren lassen sollte. Larsons frühere Betrübnis und Müdigkeit sind verflo-gen, und genau an dem Morgen, als sich die Blüte öffnet, kehrt der Nachbarsjunge zurück.

Fröhlich lächelt der Junge Larson an und bewundert gemeinsam mit ihm die Schönheit seiner Blume. Dann richtet er dem alten Nachbarn eine Einladung seiner Eltern aus, doch auf ein Glas Wein herüberzukommen. Larson bietet dem Jungen das Du an, und Hand in Hand gehen Larson und der Blumenjunge in strahlendem Sonnenlicht durch den Garten…

Mit diesem Bilderbuch können sich Kinder behutsam der Perspektive eines alten, einsamen und schwermütigen Menschen nähern. In Wort und Bild wird anschaulich dargestellt, wie sich Larson in seinen ausgetretenen Pfaden und Erinnerungen bewegt und der Gegenwart wenig Aufmerk- samkeit schenkt.

Durch die kindlich unbefangene Unterbrechung seiner Verschlossenheit und die unfreiwillige Pflege der Blume keimt auch in Larson langsam wieder neues Leben und vor allem neuer Lebensschwung. So entstaubt und lüftet er nicht nur sein Haus, sondern erfrischt auch sein Gemüt. Da Larson nun das Leben nicht mehr aussperrt, kann er sich neuen Begegnungen öffnen und die Einladung der Nachbarn freudig annehmen.

Der Autor erzählt diese Geschichte in einfachen, berührenden, wesent- lichen Worten, die in den Dialog-Passagen mit zartem Schmunzeln kombiniert werden.

Die Illustrationen von Emilia Dziubak sind von hoher künstlerischer Qualität; sie haben eine starke, beinahe magische Ausstrahlungskraft. Die Mischung aus Andeutung und Präzision erzeugt sehr beredte und viel- schichtige Stimmungsbilder. Dabei sind die feinen Lichteffekte und poe- tischen Details, wie beispielsweise die aus der Erinnerung hereinwehenden Mohnblütenblätter, und die wunderschöne zeichnerische Symbolsprache der Traumsequenzen nachhaltig anrührend und beeindruckend. Die schrittweise Belichtung von Larsons Herz wird illustratorisch kongenial durch die von Seite zu Seite zunehmende Erhellung und Lichtdurch- dringung sichtbar.

Dieses warmherzige Bilderbuch zeigt, wie eine kleine, kindliche Geste buchstäblich den Samen zur Verwandlung in ein altes, einsames Herz legen kann. Wenn dieser Same gewässert und belichtet wird, öffnet sich ein Weg von schattigen Gefühlen hin zu sonnigen Gefühlen sowie zu neuen zwischenmenschlichen Verbindungen.

„Als Larson das Glück wiederfand“ lege ich Ihnen von ganzem Herzen ans Herz!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.arsedition.de/produkte/detail/produkt/als-larson-das-glueck-wiederfand-8035/

 

Der Autor:

»Martin Widmark gilt als einer der bedeutendsten schwedischen Kinderbuchautoren. Seit 2008 sind seine Bücher die beliebtesten Werke in Schwedens Büchereien und schon elf Mal in Folge erhielt Martin Widmark den Children’s Own Award. Seine Bücher sind stetig auf Bestsellerlisten zu finden, bekamen ausgezeichnete Kritiken und wurden schon in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Bevor Widmark ein „Vollzeit-Autor“ wurde, unterrichtete er als Lehrer in einer Mittelschule und Schwedischlehrer für Immigranten. Er schrieb auch einige Lehrbücher.«

Die Illustratorin:

»Nach Emilia Dziubaks Studium an der Posener Akademie der Schönen Künste in Polen erschien im Jahr 2011 mit dem Kochbuch “A Treat for a Picky Eater” ihr erstes Buch für Kinder. In Südkorea kam das Kochbuch in die engere Wahl für den 4. CJ Bilderbuch-Award. Emilia Dziubaks Illustrationen zierten eine Vielzahl von Zeitschriften, wie beispielsweise Art & Business, ebenso die im Verlag Nasza Księgarnia erschienenen Bücher „I Don’t Want to Be a Princess“ und „The Classics for Children“. Bereits zum zweiten Mal wurde Emilia Dziubak für den PTWK-Wettbewerb um das schönste Buch des Jahres nominiert, 2014 erhielt sie den Warschauer Literaturpreis für ihr Buch „Please Give Me a Hug“.«

Illustrationen von © Emilia Dziubak, Verlag arsEdition 2018

 

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Das schräge Haus

  • Roman
  • von Susanne Bohne
  • Rowohlt Verlag, Dezember  2019 http://www.rowohlt.de
  • Taschenbuch mit dickem Pappeinband
  • 352 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-499-00051-5

STÖPSKEN, GLÜHWÜRMCHEN  &  HERZPUCKERN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ella hat eine wunderbare Großmutter, deren Warmherzigkeit und unakademisches psychologisches Fingerspitzengefühl sie seit ihrer Kindheit erhellend und haltgebend begleiten. Sie nennt ihre Großmutter nicht Oma, sondern Mina, und Mina wiederum nennt Ella meist nicht Ella, sondern Stöpsken. Stöpsken oder Stöppken ist ein ruhr- deutscher Kosename für ein kleines Kind.

Das Verhältnis zwischen Ella und ihrer Mutter ist distanziert, da sich die Mutter deutlich mehr für Ellas kleinen Bruder interessiert. Ella nimmt trotz ihres zarten Alters von acht Jahren deutlich wahr, daß sie und ihre Mutter „an getrennten Flussufern“ stehen.

Wir lernen Ella und Mina im Sommer 1986 im Schrebergarten beim Auslesen von Stachelbeeren kennen. Mina hat eine besondere Fähigkeit, in Menschen hineinzusehen und das, was sie dort als Gefühlsgemengelage erkennt, beschreibt sie stets im Bild eines Hauses mit vielen architektonischen und innenarchitektonischen Details, Farben, Formen, Lichtverhältnissen und landschaftlichen Aussichtsperspektiven. So spiegelt die Großmutter etwa Ellas Wesen als ein kleines, blaues windschiefes Haus mit mimosen- blütenblättrigen Fensterläden, die sich sehr schnell von alleine schließen, mit zwei Eingängen – einer schmiedeeisernen Tür mit großem Riegel und einem versteckten, kleinen unverschlossenen Holztörchen …

Ella hofft, daß sie eines Tages auch in der Lage sein werde, die inneren Häuser der Menschen zu sehen, um besser zu verstehen, wie es in ihnen aussieht, und um etwas Hilfreiches für sie tun zu können.

Zum Schrebergartenkosmos gehören der ehemalige Bergmann Manfred, der Minas Rasen kleingartenvorschriftmäßig ziseliert und ansonsten freundlich-depressiv im Liegestuhl ruht und sich sonnt, und die betagte, gleichwohl ganz flotte Ilse, die so schnell spricht, daß alle Wörter ohne Punkt und Komma zu beeindruckenden Ein- wortsätzen verschmelzen, etwa so „DeinFöttchenhatgleichKirmesdatkannichdir- abbasagenwennichdicherwischedukleinerHosenscheißer!“ (Seite 29)

An diesem Sommertag 1986 findet das alljährliche Kleingartensommerfest statt. Mina brutzelt Frikadellen fürs Buffet, und Ella stromert mit ihrer besten Freundin Yvonne durch die Gartensiedlung. Yvonne ist im Gegensatz zu Ellas zurückhaltender Wesensart sehr direkt und extrovertiert und spricht furchtlos aus, was sie denkt und fühlt. Auf Ellas Frage, wie sie das mache, antwortet Yvonne, sie müsse bloß tief einatmen und dann die Worte ausatmen. Aber Ellas Worte bleiben oft auf halbem Wege stecken, weil sie das Echo fürchtet, das ihre Worte auslösen könnten. Außerdem neigt Ella dazu, in emotional belastenden oder aufregenden Situationen in einem „Zeitpudding“ zu erstarren, aus dem sie sich nicht leicht wieder befreien kann. 

Ella findet im Verlauf des Sommerfestabends einen plötzlich verstorbenen Schrebergar-tennachbarn. Dieses Erlebnis löst ein zwar unangebrachtes, aber hartnäckiges Schuldge-fühl in ihr aus, nimmt ihr die kindliche Unbeschwertheit und vertieft die „Schräglage“ ihrer Lebenseinstellung.

Sechsundzwanzig Jahre später hat Ella eine psychotherapeutische Praxis. Mit viel Zunei-gung beschreibt sie ihre Patienten und deren unterschiedliche Verschrobenheiten; sie freut sich, wenn sie ihnen zu einem heilsamen Erkenntnisschritt und besserer Selbstfür-sorge verhelfen kann. Sowohl in ihrer beruflichen Praxis als auch in ihrer persönlichen Suche nach dem passenden Liebespartner findet sie immer wieder lebhafte Bestätigung für Minas alte Weisheit: „Wenn die Menschen nur noch mit sich selbst beschäftigt sind, dann vertrocknen sie. Innerlich.“ (Seite 117) Genau diesen Vertrocknungsprozeß möchte sie bei ihren Patienten aufhalten, ja, möglichst sogar in Richtung reanimierender Bewässerung umkehren.

Dabei fehlt es Ella auch keineswegs an Selbstironie: „Sie hatten verlernt, das zu betrach-ten, was sie hatten, und weinten bloß darüber, was sie nicht hatten. So wie ich. Ich saß ja auch in diesem Kreuzfahrtschiff der Wehklagenden und ließ mich übers Tränenmeer schippern.“ (Seite 166)

Doch dat Stöpsken Ella lernt schließlich, trotzt aller Verletzlichkeit, innerer Schräglagen und unvermeidlicher Abschiedswehen, sich dem unberechenbaren Verlieren und Finden des Lebens hinzugeben, sich selbst mehr zu vertrauen und ihr Herz befreit zu öffnen. Oder wie die lebensweise Mina raten würde: „Geh raus, lüfte und hör auf zu warten.“  (Seite 201)

Die Autorin Susanne Bohne hat ihren Roman „Das schräge Haus“ in einem warmherzigen, vielsaitig-zwischenmenschlichen Tonfall geschrieben. Es gibt berührende Szenen inniger Nähe, aber auch ausgesprochen situations- komische Dialoge. Ihre Kleingartenmilieustudie ist köstlich und voller nostalgischer Details (Frisuren, Schlagerhits), die Figurenzeichnung ist äußerst lebendig und ebenso anrührend wie amüsant, und die vorbildliche Herzensbildung von Oma Mina wirkt geradezu beglückend. Dieser Roman enthält sehr anschauliche Sprachbilder für emotionale Gestimmtheiten, Verhaltensmuster und Charakterzüge und begleitet mit großherzigem Schmunzeln und gütigem Blick menschliche Stärken und Schwächen. Minas liebevolles Herzpuckern durchströmt unüberhörbar den ganzen Text!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.rowohlt.de/taschenbuch/susanne-bohne-das-schraege-haus.html

 

Die Autorin:

»Susanne Bohne, selbst ein Ruhrpott-Kind, studierte Germanistik und arbeitete als Designerin, bevor sie – inspiriert von ihrer Tochter – anfing, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren. Sie findet, dass Humor eine gute Überlebensstrategie ist und dass die kleinen Dinge des Lebens oft größer sind, als sie scheinen. Davon erzählt auch ihr Roman „Das schräge Haus“.«
Hier entlang zu Susanne Bohnes Webseite: https://halloliebewolke.com/
und hier entlang zu einem Radio-Bericht zu Buch und Autorin : https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-westblick-serien/audio-susanne-bohne-das-schraege-haus-100.html

Querverweis:

Die sehr intensive Großmutter-Enkel-Beziehung und die schrägen Charaktere erinnern leiseleicht an Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“, siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/22/was-man-von-hier-aus-sehen-kann/

 

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Das Dunkle und das Helle

  • Text von Kerstin Hau
  • Illustrationen von Julie Völk
  • NordSüd Verlag, Juli 2019 www.nord-sued.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 21,5 x 28 cm
  • 40 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A), 19,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10460-2
  • Bilderbuch ab 4 Jahren (laut Verlag)
  • Bilderbuch ab 6 Jahren (nach meiner Einschätzung)

A N N Ä H E R U N G E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Illustratorin Julie Völk hat sich bei ihren vorherigen Bilderbüchern als eine Spezialistin für Geschichten gezeigt, die sich alleine über ihre detailreich-verspielte, phantasievolle Bildersprache – ohne Erzähltext – mitteilen. Beim nun vorliegenden Bilderbuch gibt es einen fortlaufenden Erzähltext der Autorin Kerstin Hau, den Julie Völk einfühlsam illustratorisch begleitet.

Die beiden Hauptfiguren, das Struppige und das Zarte, leben in verschiedenen Welten. Das Struppige ist in der dunkeldüsteren Finsternis zuhause und das Zarte im lichten, bunten Sonnenschein. Diese Lebensräume grenzen aneinander, und sowohl das Struppige als auch das Zarte sind neugierig auf die jeweils andere Seite. Unabhängig voneinander beschließen sie zum Rand ihres Lebensraumes zu gehen und einen forschenden Blick auf die andere Seite zu werfen.

Zunächst bleibt es bei vorsichtigen Blicken, zögerlichen Annäherungen und ängstlichen Rückzügen, doch schließlich begegnen sich beide ebenso aufgeregt wie aufgeschlossen in der dämmergraublauen Grenzstreifenzone und freunden sich miteinander an.

Das helle Zarte lädt das dunkel Struppige auf seine Sonnenseite ein. Ausgestattet mit einem Sonnenschirm betritt das Struppige an der Hand des Zarten die Welt des Farben-leuchtens, und beim Spaziergang durch das Helle färbt sogar etwas Helligkeit auf den dunklen Pelz des Struppigen ab.

Illustration von Julie Völk © NordSüd Verlag 2019

Eines Tages wartet das Struppige vergebens auf das Zarte und traut sich zum ersten Mal alleine in den Sonnenschein hinaus. Stolz geht das Struppige zum Haus seines Freundes, aber das Haus ist in einem dunklen Loch verschwunden. Erschrocken flieht das Struppige zurück zu seinem eigenen Haus in der Finsternis. Dort steht überraschend das Zarte vor seiner Tür und weint, weil es sich fremd  und verloren fühlt.

Freundlich nimmt nun das Struppige das Zarte an die Hand und macht es mit der Welt der Dunkelheit vertraut. Das helle Fell des Zarten bekommt nun auch dunkle Schattie-rungen, und nach einer Weile hat das Zarte keine auch Angst mehr vor der Dunkelheit.

Schließlich betreten beide wieder die Dämmerungszone und trauen sich Schritt für Schritt zurück ins Helle. Sie bauen sich dort in hellen Farbenleuchten ein neues Haus und behalten gleichwohl das Haus in der Finsternis.

Dieses vielschichtige Bilderbuch entzieht sich eindeutigen Zuordnungen, es handelt von Freundschaft, Licht und Schatten, Leichtigkeit und Schwere, Trauer und Trost, Freude und Verbundenheit, von der Erweiterung des Horizonts durch die Überwindung von Angst und von wachsendem Vertrauen durch das Betreten neuer Erfahrungsräume – soweit die für den erwachsenen Leser interpretierbaren Grundanliegen.

Gleichwohl bleibt die gute Absicht in Hinsicht auf die vom Verlag zugeordnete Alters-gruppe (ab vier Jahren) auf der Strecke. Die Erzählweise der Autorin Kerstin Hau ist einerseits nebulös-mehrdeutig und anderseits bei kleinen Details sinnlich-konkret. Das fängt schon mit den „Namen“ der beiden Charaktere an: Das Gegensatzpaar des Strup-pigen und des Zarten erscheint mir recht weit hergeholt, um Kindern die wechselseitige Bedingtheit der Gegensätze zu vermitteln; da hilft es auch nicht wesentlich weiter, daß das Struppige einen Sonnenschirm mit sich trägt und das Zarte eine Taschenlampe.  

Der Versuch oder das bemühte Bemühen, das Helle und das Dunkle durch figürliche Per- sonifikationen von der abstrakten Ebene auf eine konkretere kindgemäße Ebene zu transportieren führt hier meiner Ansicht nach – trotz der durchaus zartfühlenden Be- ziehungsdynamik – nur zu weiteren Abstraktionsabzweigungen und diffusen Andeu- tungen, die Kinder wohl eher überfordern oder zumindest verwirren.

Für die Darstellung der Dunkelbilder hat Julie Völk mit der alten fotografischen Technik der Cyanotypie (Blaudruck) gearbeitet. Dafür wird in einem abgedunkelten Raum Solar-papier mit Blüten, Gräsern usw. belegt oder mit einer durchsichtigen Folie, auf der sich eine Zeichnung befindet. Wenn das Bild solcherart arrangiert ist, wird es einige Minuten ins Sonnenlicht gelegt. Dann wird das sonnenbelichtete Solarpapier wieder ins Dunkle gebracht und mit Wasser abgespült, und das Negativ der Blüten oder Gräser oder der Folienzeichnung wird als hellblauer bis weißer Abdruck auf dem tiefblauen Papier sichtbar.

Die Verwendung der Cyanotypie illustriert hier also buchstäblich, wie das Dunkel ebenso die Leinwand für das Licht ist, wie das Licht die Leinwand für das Dunkel ist. In Kombi- nation mit den farbenfrohen Buntstiftzeichnungen zeigt sich ein vielschichtiges visu- elles Bilderbuchbühnenbild, das mit den unterschiedlichen emotionalen Schattierungen des Erzähltextes harmonisch Hand in Hand geht.  

Es gibt ein Zitat des schwedischen Schriftstellers Erik Blomberg, das sehr gut zu dieser Geschichte paßt und dem ich nachfolgend gerne das Schlußwort überlasse:

 

„Fürchte nicht die Dunkelheit, dort ruht das Licht sich aus.“

Eric Blomberg ©

 

 

Hier entlang zum Buch und zur großzügigen LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://nord-sued.com/programm/das-dunkle-und-das-helle/
Dieses Bilderbuch ist beim NordSüd Verlag übrigens auch auf Englisch erhältlich:
https://nord-sued.com/programm/the-dark-and-the-light/
Hier entlang zu einem illustren Interview mit Julie Völk:
https://nord-sued.com/2019/07/30/vorhang-auf-fuer-julie-voelk/

Die Autorin:

»Kerstin Hau, geboren 1974, lebt in Darmstadt. Sie arbeitete u.a. als Physiotherapeutin, Fitnesstrainerin und Fachjournalistin. Sie bekam einen Sohn und ist Absolventin der Akademie für Kindermedien. Kerstin Hau lernte, dass alles Neue der Dunkelheit ent-springt und wahre Liebe unsterblich ist. Daraus webt sie ihre Geschichten. Seit 2015 schreibt sie als freie Autorin für kleine und große Leute.«

Die Illustratorin:

»Julie Völk wurde 1985 in Wien geboren. Sie studierte Illustration an der HAW Hamburg. Völks Bücher sind vielfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und von der Stiftung Buchkunst. Julie Völk lebt und zeichnet in der Nähe von Wien.« https://julievoelk.de

 

Querverweis:

Hier entlang zu weiteren Bilderbüchern von Julie Völk:

„Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/04/guten-morgen-kleine-strassenbahn/
„Stille Nacht, fröhliche Nacht“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/18/stille-nacht-froehliche-nacht/
Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/10/28/wenn-ich-in-die-schule-geh-siehst-du-was-was-ich-nicht-seh/

 

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Die Tage mit Bumerang

POSTKARTENIDYLLE  MIT  SCHAF

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dies ist eine Geschichte mit eigenwilligen, sympathisch schrägen Charakteren, in der es um ein plötzliches Vorher/Nachher-Dasein, um die zähflüssige Überwindung von Schock-starre, Schuldgefühlen und Selbstbestrafung, um Verletzlichkeit und Vergebung, Er- wachsenwerden, Freundschaft und Wahlverwandtschaften und um eine neue Liebe geht. Ein Rettungssanitäter namens Kalle, ein Schaf namens Bumerang, ein Hund namens Helsinki und finnische Tangos spielen dabei mit und eine ganze Menge Schnee.

Annu hat ein besonders inniges Verhältnis zu Schnee. Der erste Schneetag des Jahres ist stets ein familiärer Feiertag gewesen, und diese Tradition setzt Annu auch nach dem Tod der Eltern gerne fort. 

Ihr finnischer Vater war Sportreporter und ihre Mutter Biathlon-Skilangläuferin. Nach- dem Annu zur Welt kam, zogen die Eltern in ein schiefes Haus am Waldrand, das zu einem kleinen bayrischen Dorf mit nur siebenundachtzig Einwohnern gehört.

Ein Vierteljahrhundert später lebt Annu, die inzwischen als freie Übersetzerin arbeitet,  zwar alleine in diesem Haus, aber sie ist keineswegs einsam. Annu hat lebhafte Erin-nerungen an ihre Eltern und führt oft innere Dialoge mit ihnen, wobei der Vater nie mit seinen bemerkenswerten finnischen Sprichwörtern spart.

Außerdem wohnt ihr ältester und bester Kindheitsfreund Lars in der unmittelbaren Nachbarschaft, und die beiden pflegen ihre Freundschaft u.a. durch den wöchentlichen Austausch von Frage-Antwort-Postkartenmitteilungen. Lars ist ein köstlich eigen- williger Mensch, der sich Anglizismen gegenüber konsequent verweigert und beispiels- weise statt Aftershave »Nachduft«, statt Smartphone »Schlautelefon«, statt Cliffhanger »Spannungsklippe« und statt Brunch »Spätstück« sagt. Auch mit Lars‘ Frau Birte ver- steht sich Annu gut, und zu Lars und Birtes kleinem Sohn Aron hat sie ebenfalls ein sehr herzlich-zugewandtes Verhältnis.

Lars und Birte veranstalten regelmäßig kulinarische Abendgesellschaften, bei denen Lars durchschaubar oft alleinstehende junge Männer hinzulädt, um sie erfolglos mit Annu zu verkuppeln. Annu behauptet, sie käme sehr gut ohne Mann zurecht, und Lars behauptet, sie sei einfach zu anspruchsvoll, erwarte ein vergleichbar schicksalhaftes Zusammenfinden, wie es einst bei ihren Eltern war; ganz zu schweigen von ihrem aus- geklügelten Fragenkatalog mit sage und schreibe vierundsiebzig Fragen, um herauszu- finden, ob der Kandidat eine ausreichend große Werte- und Interessensschnittmenge mit ihr habe.

Eines Tages holt Annu mit dem alten Volvo ihres Vaters, in dessen Rekorder seit Jahren eine Musikkassette mit finnischen Tangos von Numminen festgeklemmt ist, ein ausran-giertes Sofa bei Lars und Birte ab. Beim Rückwärtsausparken vergißt sie den Schulter-blick und übersieht Aron, der in der Ausfahrt mit Kreide den Asphalt bemalt.

Das Kind ist zwar nicht lebensgefährlich verletzt, aber seine Beine sind gebrochen, und dann kommt eine postoperative Wundinfektion mit resistenten Keimen hinzu, die den Heilungsprozeß sehr in die Länge zieht.

Durch den Unfall ist die vertraute Geborgenheit der wahlverwandtschaftlichen Nähe und alltäglichen kommunikativen Verbundenheit schmerzlich unterbrochen. Lars und Birte ziehen vorübergehend in die Stadt, in der sich die behandelnde Klinik befindet, und Annu versinkt in Sorge um Aron, in Schuldgefühlen und Schwermut. Die Dorfbe- wohner meiden Annu nach dem Unfall, nur der freundliche Rettungssanitäter Kalle besucht Annu und versucht, sie aufzumuntern und dabei näher kennenzulernen. Aber Annu konzentriert sich lieber auf ihre Arbeit, führt Selbstgespräche, quält sich mit Selbstvorwürfen und will niemanden mehr nahe an sich heran lassen. Eines Morgens steht ein entlaufenes Schaf in ihrem Garten. Dieses tollpatschig-sture Schaf bleibt und bringt Ablenkung und Bewegung in Annus Zurückgezogenheit, und es zieht weitere ungebetene – tierische und menschliche – Gäste nach sich …

Es dauert neun Monate, bis Aron wieder ganz gesund wird, Annu und Lars ihre innige Freundschaft erneuern, Annu und Kalle ihren wechselseitigen Nähe-Distanz-Parcours überwinden und der Neuschnee für alle voller Hoffnungsschimmern funkelt.

Dieser Roman wartet mit einem ernsten Thema auf, ohne niederzudrücken. Die Figuren müssen zwar leiden und eine Lebenskrise durchstehen, aber sie verirren sich nicht im Schmerz. Die Gefühlspalette reicht von lähmendem Selbstmitleid bis zu heilsamer Selbstironie, von kindlicher Begeisterung bis zu erwachsener Kleinkariertheit, von dunkler Verzweiflung bis zu spielerischer Zuversicht, von angestaubter Wehmut bis zu frischgelüftetem Lebensmut.

All diese Facetten fügen sich szenisch und dialogisch zu einem gelungenen atmosphä-rischen Ganzen, das neben menschenkenntnisreichem Tiefsinn genug Spielraum für Situationskomik und Schmunzelmomente läßt. Die Autorin erzählt mit sprachlicher Leichtigkeit, mit einer ungewöhnlichen Verbindung von konkreter, sinnlicher Alltäg- lichkeit und zärtlich-melancholischer Poesie.

Als literarische Beilage gibt es zudem einen sehr sättigenden Vorrat finnischer Weisheitssprüche.

„Guter Rat ist wie Schnee, je leiser er fällt, desto länger bleibt er liegen“ (Seite 152)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-tage-mit-bumerang/978-3-446-26446-5/

Die Autorin:

»Nina Sahm, geboren 1980 in Heilbronn, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik in Leipzig und Budapest und arbeitet als Verlagsredakteurin. Ihr Debütroman „Das letzte Polaroid“ erschien 2014. Nina Sahm lebt mit Freund und Hund in München.« http://www.ninasahm.de/

 

Und hier noch – mit Herzensdank an Random Randomsen  https://randomrandomsen.wordpress.com/ für die kompetente Recherche –
die
Klangkostprobe eines finnischen Tangos von Numminen:

 

 

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Kühn hat Ärger

  • von Jan Weiler
  • Roman
  • Hörbuch
  • vollständige Lesung
  • Buchvorlage: Piper Verlag  http://www.piper.de
  • Sprecher: Jan Weiler
  • Regie: Angela Kübrich
  • Produktion: Der Hörverlag  März 2018   http://www.hoerverlag.de
  • Laufzeit: 11 Stunden, 13 Minuten
  • 1 mp3-CD in Pappklappschuber
  • 20,00 € (D), 22,5o € (A), 27,90 sFr.

KÜHNS  EINBLICKE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Kühn hat Ärger“ ist  ein bemerkenswert sozialkritischer Roman. Hier werden die Gegensätze von Arm und Reich, die „Risse im gesellschaftlichen Firnis“ und die demokratisch-kapitalistischen Verwerfungen unserer Gegenwart auf konkrete Weise gezeigt, ja, teilweise sogar vorgerechnet. Solche aufregend-empörenden Abwärts- und Aufwärtsvergleiche findet man sonst eher in gesellschaftskritischen Analysen und weniger in Romanen.

Der sympathische Hauptkommissar Martin Kühn hatte nach der dramatischen Lösung des letzten Falles eine Auszeit gebraucht. Nach einer Reha-Maßnahme und einer zunächst widerwillig, dann aber doch aufgeschlossen praktizierten Gesprächstherapie hat Kühn gelernt seine assoziatives Wahrnehmungstalent sinnvoll-geordnet zu nutzen, und er fühlt sich den Herausforderungen des Lebens und seines Berufs wieder gewachsen.

Es mangelt gewiß nicht an Problemen in Kühns Leben. Er hat für sich, seine Frau und die beiden Kinder ein Haus gekauft, das sich auf der inzwischen unrühmlich-berüchtigten Weberhöhe befindet, dem ehemaligen Firmengelände eines Waffenfabrikanten aus dem Zweiten Weltkrieg. Daß das Erdreich dieses Areals großflächig massiv giftseucht ist, wurde erst offenbar, als nach starken Regenfällen übelriechende Substanzen durch die Kellerwände sickerten.

Sowohl die Baugesellschaft als auch die Finanzierungsgesellschaft drücken sich mit juristischen Raffinessen  und Verzögerungstaktiken vor der Verantwortung, und die einst fröhlich-zuversichtlichen Häuslebauer stehen vor dem finanziellen Ruin. Sie zahlen die Schulden für eine bescheidene Immobilie ab, deren Marktwerk ins Bodenlose gesunken ist. Da kommt so mancher aus Kühns Nachbarschaft auf dumme Ideen.

War im letzten Kriminalfall der gesuchte Serienmörder so nahe am Lebensumfeld Kühns gewesen, daß er ihn beinahe übersehen hätte und selbst zum Opfer geworden wäre, so führt ihn der neue Mordfall in eine weit entfernte Welt – und zwar ins Münchner Nobel- villenviertel Grünwald. Dort liegt an einer Bushaltestelle die übel zugerichtete Leiche des siebzehnjährigen Amir Bilal, der seinerseits aus einer anderen Welt kommt, einer Hochhaussiedlung in Neuperlach, einen Hochhausviertel mit eher prekärem Charme.

Kühns erkennt sofort den ungezügelten Haß, der bei diesem Mord gewissermaßen die Hauptwaffe war. Doch was war das Motiv dafür? Persönliche Rache? Fremdenhaß? Amir Bilal ist wegen Ladendiebstahls, Drogendealens und Körperverletzung bei der Polizei aktenkundig und bisher noch mit Bewährungsstrafen davongekommen.

Eine verliebte Gravur auf dem Feuerzeug des Toten führt zu Amirs Freundin, Julia van Hauten, die aus sehr, sehr gutem Hause stammt. Julias Eltern empfangen Kühn und seinen Kollegen überaus freundlich, sie sind ehrlich betroffen und ausgesprochen hilfsbereit. Das luxuriöse Anwesen, das die van Hautens bewohnen, ihre feinen Umgangsformen, ihr eleganter Stil, ihre ungekünstelte, wohlwollende Zugewandtheit und aristokratische Gelassenheit beeindrucken Kühn. Die selbstgemachte Ingwer-Minze-Limetten-Limonade, die Elfie van Hauten mit gastgeberischer Nonchalance serviert, düngt Kühn das köstlichste Getränk, das er je zu sich genommen hat.

Es stellt sich heraus, daß Julias Mutter, Elfie van Hauten, die Vorstandsvorsitzende des Münchner Sternenhimmels ist, einer wohltätigen, exklusiven Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch diverse Förderprogramme, Sprachkurse, Lehrgänge, Sportangebote etc. zu einer besseren Integration, besseren Schulabschlüssen und, ja, sogar zu Lehrstellen zu verhelfen. Die unterbeschäftigten reichen Damen der Gesellschaft wollen auf diese Weise einen Kontrapunkt zur zunehmenden Fremden- feindlichkeit bilden und sich in der begehrten Aura des sozialen Gewissens sonnen.

Amir hatte Julias Mutter vor einigen Monaten zufällig geholfen, einen Informations- stand des Münchner Sternenhimmels im Jugendzentrum von Neuperlach aufzubauen. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch Julia kennengelernt und sich zum ersten Mal in seinem Leben verliebt; Julia erwiderte diese Liebe. Die Familie van Hauten hatte Amir freundlich aufgenommen, und Amir hatte unter Julias Einfluß begonnen, seine kleinkriminellen Hobbys aufzugeben, die Schule ernst zu nehmen und einige Kursangebote des Sternenhimmels wahrgenommen.

Wenig später hatten die van Hautens ihn sogar eingeladen – natürlich nur mit dem Einverständnis von Amirs alleinerziehender Mutter -, die Sommerferien auf ihrer Finca auf Mallorca zu verbringen.

Während Kühn noch dieser großzügigen, heilen, überaus wohltätigen Welt nachsinnt, begrüßt sein rechtsradikaler Nachbar Leitz auf der Facebook-Seite des „Bürgervereins Weberhöhe“ die Hinrichtung eines vielfach vorbestraften Südländers nordafrikanischer Herkunft, nicht ohne sich jedoch von solchen gewalttätigen Selbstjustizhandlungen ausdrücklich zu distanzieren. Kühn kocht vor Wut über Leitz und ist fassungslos über die zustimmenden Kommentare auf diese Eilmeldung, die fast alle den Straftatbestand der öffentlichen Volksverhetzung, Beleidigung und Anstiftung zu einer Straftat erfüllen.

Nach und nach rekonstruiert Kühn mit seinen Kollegen die letzten 48 Stunden aus dem Leben Amir Bilals und kommt den Tätern näher. Außerdem muß Kühn widerwillig den dringenden Belehrungen des Amtsarztes wegen eines Laborbefundes bezüglich seines PSA-Wertes folgen und noch widerwilliger ein Führungskräfteseminar ertragen. Zu allem Negativüberfluß plaziert ein Erpresser in Kühns Siedlungs-Supermarkt einen mit GBL (Gamma-Butyrolacton) vergifteten Yoghurt (Apfel-Guave), und Kühn hat die undankbare Aufgabe, sich die Aufnahmen der Überwachungskamera anzuschauen und wohlbe- kannte Nachbarn beim Kauf einer verdächtigen Yoghurtsorte wiederzuerkennen …

Jan Weiler präsentiert mit „Kühn hat Ärger“ einen Gesellschaftsroman, dessen soziotopographische Psychogramme sehr anschaulich und klug die aktuellen, extremen gesellschaftlichen Schichtunterschiede sowie diverse deutsche Befindlichkeiten wiedergeben. Er thematisiert die Steuervermeidungsstrategien der Superreichen und die damit verknüpfte Aushöhlung des Gemeinwohls ebenso wie politisch zweifelhafte Erklärungsangebote von rechtsradikaler Seite, die inzwischen auch beim wirtschaftlich angezählten bürgerlichen Mittelstand fruchten.

Seine Milieu- und Charakterstudien sind einfühlsam, glaubwürdig und deutlich. So kontrastiert er die Luxussorgen um die komplizierte Qualität von Bonsaiparkett (der Quadratmeter für schlappe 4300 €) mit verzweifelten Sparversuchen durch Schwarz- fahren oder durch rechercheintensive Interneteinkaufsschnäppchen, die dem Käufer beim Einkauf einer Familienpackung von vier wetterfesten Wanderjacken ganze 17,00 € „ersparen“ – unter Inkaufnahme der Tatsache, daß alle Jacken rosafarben sind.

Die sensible Aufmerksamkeit und scharfsinnige Präzision, die Jan Weiler der Welt und ihren Details sowie den Menschen und ihren Gegebenheiten entgegenbringt, eröffnet dem Leser vermittels der mitfühlbaren Zwischen- menschlichkeit und sozialen Bedingtheit der Figuren differenzierte und vielschichtige Perspektiven auf das komplexe Verhältnis von Schuld und Unschuld, Einflußreichtum und Gerechtigkeit.

Jan Weiler liest seinen eigenen Text vorzüglich, er schlüpft einfühlsam und wandelbar-vielstimmig in alle Figuren, nuanciert sie mit Dialekt, Hoch– und Umgangssprache und Tonhöhenschattierungen sowie szenen- und charaktergemäßer Emotion, daß man ihm sogar die Frauenrollen und die Gedankenstimmen fraglos abnimmt. Hut ab – da ist der professionelle Schriftsteller wahrlich ein  stimmschauspielerisches Naturtalent, dem man ausgesprochen gerne lauscht.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Kuehn-hat-Aerger/Jan-Weiler/der-Hoerverlag/e496018.rhd

Hier entlang zur Buchausgabe und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/kuehn-hat-aerger-isbn-978-3-492-05757-8

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Roman mit Kommissar Kühn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/06/kuhn-hat-zu-tun/

Und hier entlang zu Jens Bergers erhellendem Sachbuch „Wem gehört Deutschland?“,
welches sich vorzüglich mit der sozialkritischen Thematik der Kühn-Romane ergänzt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/27/wem-gehort-deutschland/

Der Autor:

»Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete zunächst als Texter in der Werbung. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und war viele Jahre Chef-redakteur des Süddeutsche Zeitung Magazins. Jan Weiler lebt mit seiner Familie südlich von München. 2003 erschien sein erster Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“, mit dem er über Nacht zum Bestsellerautor wurde. Mit „Antonio im Wunderland“ (2005), „Gibt es einen Fußballgott?“ (2006), „In meinem kleinen Land“ (2006), „Drachensaat“ (2008), „Mein Leben als Mensch“ (2009), „Mein neues Leben als Mensch“ sowie „Das Buch der 39 Kostbarkeiten“ (beide 2011) und „Das Pubertier“ (2014) folgten weitere Bestsellertitel, die alle auch im Hörverlag erschienen sind. 2015 folgte der Roman „Kühn hat zu tun“. Außerdem hat Jan Weiler vier Originalhörspiele verfasst: „Liebe Sabine“, „MS Romantik“, „Uwes letzte Chance“ und „Das Babyprojekt“. 2010 erschien nach „Hier kommt Max!“ sein zweiter Titel für Kinder „Max im Schnee“.«
Jede Woche veröffentlicht er eine neue Geschichte unter  www.janweiler.de

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Der schwarze Hund

  • Text und Illustration von Levi Pinfold
  • Originaltitel: »Black Dog«
  • Aus dem Englischen von Nicole T Stuart
  • Bilderbuch
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart  3. Auflage 2015  http://www.jacobystuart.de
  • Gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 22,5 x 29cm
  • 32 Seiten
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN  978-3-941787-86-5
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

A N S I C H T S S A C H E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Frage, ob die Angst größer ist als die befürchtete Gefahr, stellt sich immer wieder. Im Bilderbuch „Der schwarze Hund“ wird dieser Frage anschaulich und lehrreich nachgegangen.

Familie Hoop lebt in einem schönen, altmodischen Haus, das mit seinem rosafarbenen Anstrich warm aus der verschneiten Winterlandschaft hervorleuchtet. Eines Morgens kommt ein neugieriger Hund vorbei. Herr Hoop schaut aus dem Parterrefenster und erschrickt maßlos vor dem schwarzen Hund, der in seinen Augen so groß wie ein Tiger erscheint.

Herrn Hoops Angst ist ansteckend, und Frau Hoop findet gar, der Hund wäre so groß wie ein Elefant. Für jedes Familienmitglied wächst der Hund an Größe und angeblicher Gefährlichkeit. Und so beginnt die Familie, sich im Haus zu verbarrikadieren.

Illustration von Levi Pinfold © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2015

Nur das jüngste und kleinste Familienmitglied, mit dem Spitznamen Klein, betrachtet die Angelegenheit unbefangen, zieht sich winterwetterfest an und verläßt grünbestiefelt – allen ängstlich-fürchterlichen Warnungen zum Trotz – das Haus, um nach dem fremden Hund zu schauen.

Klein findet den großen, großen, schwarzen Hund, der sie freundlich beschnuppert. Und dann spielt sie mit ihm Nachlaufen und lockt ihn mit lustigen Reimen durch allerlei enge Wege, für die er einfach schrumpfen muß, um ihr folgen zu können. Schließlich kommt Klein Hoop mit einem harmlos mittelgroßen Hund wieder zu Hause an, und die überängstlichen Eltern und Geschwister schauen verlegen-betreten aus der Wäsche und erkennen ihren Irrtum. Sie haben vor lauter Angst die Wirklichkeit aus den Augen verloren.

Entspannt nimmt die ganze Familie auf dem nostalgischen Sofa am Kaminfeuer Platz und bewundert Kleins Mut. Klein sitzt auf einem Kissen vor dem Sofa, nahe bei dem lieben Hund, und sagt gelassen: „Ach, wisst ihr, da war nichts, vor dem ich mich hätte fürchten müssen“…

Illustration von Levi Pinfold © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2015

Spielerisch und phantasievoll vermittelt dieses Bilderbuch, daß Großes klein und Kleines groß sein kann und daß die Proportionen zwischen eingebildeter Gefahr und Wirklichkeit möglichst unvoreingenommen überprüft werden sollten, um ängstlichen Überreaktionen mit Besonnenheit zu begegnen.

Levi Pinfold hat für das Bilderbuchhaus sehr schöne Interieurs mit romantischer, warmbunter Vintageeinrichtung und verspielten Details gezeichnet, die eine einladende, stimmungsvoll-gemütliche Wirkung entfalten. Sein kunstvoll-präziser Malstil gibt feinste Texturen von Materialien, Hölzern, Stoffen, Fell usw. wieder. Und so wird jede Seite zu einer wahren Augenweide für Liebhaber sinnlicher Einzelheiten und Strukturen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinderbuch/bilderbuch/der-schwarze-hund/

 

Der Autor & Illustrator:

»Levi Pinfold glaubt, dass er selbst einmal einen Schwarzen Hund gesehen hat. Es kann aber auch ein Panther gewesen sein. Der schwarze Hund ist sein zweites Bilderbuch. Er gewann dafür 2013 die renommierte CILIP Kate Greenaway Medal. Für sein erstes »The Django« wurde er in Großbritannien als Bester Newcomer-Illustrator ausgezeichnet. Levi Pinfold mag Motorräder, Musik, Bäume und Katzen. Zur Zeit wohnt er mit seiner Freundin und Howard, der Eidechse, in Brisbane, Australien. In seiner Freizeit versucht er sich als Gemüsegärtner.«

 

PS:
Gerne reihe ich das Bilderbuch „Der schwarze Hund“    als Entspannungsvorbild – in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

QUERVERWEIS:

Das einfühlsam-heitere Bilderbuch „Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen“ von Alicia Potter (TEXT) und Birgitta Sif (ILLUSTRATIONEN) bietet sich zum Thema Angstüberwindung ergänzend an.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/24/henriettes-heim-fuer-schuechterne-und-aengstliche-katzen/

Anregende Ermutigung bietet außerdem das augenzwinkernd-tiefsinnige Kinderbuch „Vom mutigen Manxmaus Mäuserich“ von Paul Gallico. Der kleine Mäuserich lernt seine eigene Angst kennen, ergibt sich der Angst jedoch keineswegs, sondern nutzt sie, um seinen Mut daran zu schärfen.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/29/vom-mutigen-manxmaus-maeuserich/

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Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds

  • Text von Gundi Herget
  • Illustrationen von Nikolai Renger
  • Magellan Verlag, Juli 2016  http://www.magellanverlag.de
  • gebunden, fadengeheftet
  • Format: 24,5 x 24,5 cm
  • 32 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7348-2024-3
  • Bilderbuch ab 3 Jahren
    Mozart und Robinson Titelbild

MONDANSCHAUUNGEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Glaube, daß der Mond aus Käse sei, ist ein weitverbreitetes Wunschdenken in der Bilderbuchtierwelt, und im vorliegenden Bilderbuch beflügelt er zwei Mäuse gar zum Weltraumflug – doch ich greife vor, denn noch kennen Sie die beiden kleinen Helden nicht. Darf ich vorstellen: Mozart Hausmaus und Robinson Feldmaus.

Mozart Hausmaus führt ein gepflegtes, kultiviertes Leben in der geborgenen Sicherheit eines Menschenhauses. „Nach draußen geht Mozart nie. Viel zu gefährlich!“

Robinson Feldmaus führt ein freies, wildes Leben auf dem Feld, das sich an den Garten von Mozart Hausmausens Haus anschließt. „Ins Haus geht Robinson nie. Viel zu gefährlich!“

Mozart Hausmaus ist ganz alleine zu Haus, da seine Zweibeiner gerade in Urlaub gefahren sind. Von seinem Lieblingsfensterplatz aus bewundert er den Vollmond. Im Mondlicht auf der Wiese sieht er etwas herumspringen, und die Neugier treibt ihn, ganz gegen seine vorsichtigen Gewohnheiten, hinaus in den Garten.

Mozart und Robinson Streitgespräch

Illustration Nikolai Renger © Magellan Verlag 2016 „Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds“

Erstaunt stellt er fest, daß eine Maus dort im Kreise herumtanzt. Höflich stellt sich Mozart Hausmaus vor, und Robinson Feldmaus erwidert die Vorstellung. Robinson erklärt Mozart weltmausmännisch, daß er einen Tanz für den großen, mächtigen Käsemond tanze. Und schon streiten sie lebhaft darüber, ob der Mond aus Käse sei, wie Robinson es von seinem Opa weiß oder aus Stein, wie Mozart es aus dem Fernsehen weiß.

Als Robinson Feldmaus einen Beweis für Mozarts Theorie verlangt, hat Mozart Hausmaus eine abenteuerliche Idee und läuft ins Haus zurück. Robinson folgt zögerlich und hilft unter Mozarts kundiger Bastelanleitung eifrig dabei, eine Rakete aus einer Klopapierpapprolle zu bauen. Einem Erkundungsflug zum Mond steht nun nichts mehr im Wege.

Mozart und Robinson Flug

Illustration Nikolai Renger © Magellan Verlag 2016 „Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds“

Die beiden tragen ihre Rakete aufs Dach, und mit Hilfe einer gummibandbetriebenen Startrampe schaffen sie einen kühnen, mondbeschienenen Flug durch die Luft und landen ziemlich schnell in einem Käseschlaraffenland.

Robinson fängt gleich an zu futtern, während Mozart bezweifelt, daß sie wirklich auf dem Mond gelandet sind. Doch dem leckeren Käseduft kann er nicht widerstehen, und er nascht eifrig mit. Während sie schmatzend diskutieren, ob sie auf dem Mond sind oder nicht, fällt der Schatten eines Menschen auf sie, gefolgt von einem „Igitt! Mäuse!“-Ausruf. Eilig flüchten die kleinen Helden von der Käseplatte, die Teil eines Gartenfeierbufetts im nachbarlichen Garten ist.

Verborgen im heimischen Garten teilen sie sich freundschaftlich ein Stück Beutekäse. Der Mond bescheint die kleinen Käseweltenbummler, und eigentlich ist es nun ganz egal, ob der Mond aus Käse oder aus Stein ist.

Diese herzig-humorvolle Freundschaftsgeschichte wird von der Autorin Gundi Herget in anschaulichen Worten und lustigen Dialogen erzählt. Und die farbenfrohen, heiteren Illustrationen von Nikolai Regner geben den originellen Mäusecharakteren einfühlsam und witzig mimische und körper- sprachliche Gestalt. Auf den Vorsatzblättern des Bilderbuches befindet sich zudem eine präzise und kindgerechte Bastelanleitung für eine Klopapier- rollenrakete, was den kindlichen Erlebnishorizont in erfreulich analoger Weise um eine greifbare Erfahrung erweitert.

Was will man mehr?  Ganz einfach, man will mehr von Hausmaus Mozart und Feldmaus Robinson lesen, da sie einem mit ihrer liebenswerten Wesensart ganz tüchtig ans Herz gewachsen sind. Und wie schön, daß ich Ihnen nun schon verraten darf, daß „Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds“ der gelungene Auftakt zu einer neuen Bilderbuch-Reihe ist. Und die Wartezeit auf den Folgeband können Sie sich ja mit etwas Käse versüßen …

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.magellanverlag.de/titel/mozart-und-robinson-und-der-zauber-des-kaesemonds/156

Hier entlang zum zweiten Band: Mozart & Robinson und der gefährliche Schiffbruch
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/10/29/mozart-robinson-und-der-gefaehrliche-schiffbruch/
Und zum dritten Band: Mozart & Robinson und der waghalsige Pfannkuchenplan
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/02/06/mozart-und-robinson-und-der-waghalsige-pfannkuchenplan/

Die Autorin:

»Gundi Herget beschlich mit  vier Jahren zum ersten Mal das Gefühl, dass Bücher mit ihren vielen Seiten voller schwarzer Striche, Punkte und Kringel das Aufregendste sein könnten, das es gibt. Und so war es dann auch. Mit zehn Jahren wollte sie schon Schriftstellerin werden, hat dann aber erst mal Abitur gemacht, in München und Pisa Literatur studiert, Schlagzeug spielen gelernt, Redakteurin gelernt, die Welt bereist und ein Kind bekommen, was sie an den Vorsatz ihres zehnjährigen Ichs erinnert hat. Sie schreibt seitdem vor allem Kinderbücher.«

Der Illustrator:

»Nikolai Renger wurde in Karlsruhe geboren und studierte Visuelle Kommunikation an der HFG in Pforzheim. Er ist als freiberuflicher Illustrator für verschiedene Verlage und Agenturen tätig und arbeitet seit 2013 im Atelier Remise in Karlsruhe.«

Querverweis:

Schon in Sebastian Meschenmosers Bilderbuch „Herr Eichhorn und der Mond“ bot die Annahme, daß der Mond aus Käse sei, köstlichen Erzählstoff: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/

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Der Besuch

  • Text und Bilder von Antje Damm
  • Moritz Verlag  Februar 2015     http://www.moritzverlag.de
  • 36 Seiten
  • Pappband, Fadenheftung
  • Format: 25,6 x 19,4 cm
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 18,60 sFr.
  • ISBN 978-3-89565-295-0
  • Bilderbuch ab 4 Jahren
    Der Besuch

R A U M P F L E G E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Antje Damm eröffnet mit diesem Bilderbuch – wortwörtlich – ganz neue Gestaltungsräume und inszeniert die Geschichte einer erfreulichen „Wiederbelebung“ mit effektvollen bühnenbildnerischen Illustrationsmethoden und in einfühlsam-einfacher sowie kindgemäßer Sprache.

Dieses feinsinnige und gestalterisch neuartige Bilderbuch führt uns in die zunächst verschlossenen und beinahe leblosen Wohn- und Gewohnheitsräume von Elise. Elise ist eine überängstliche alte Frau, die sich nicht mehr in die Welt hinauswagt und stattdessen ihr einsames Heim pflegt. Die ordentlichen Räume wirken düster und bedrückend, nur durch die Fenster scheint ein wenig freundliches Licht in die ergraute Innenwelt Elises.

Als Elise einmal zum Lüften ein Fenster geöffnet läßt, passiert etwas Unvorher- gesehenes: Ein hellblauer Papierflieger fliegt herein und landet auf Elises gepflegtem Fußboden. Elise verbrennt den Flieger ängstlich im Ofen. In der nächsten Nacht hat sie Papierfliegeralbträume, und am nächsten Morgen wagte es doch wahrlich jemand, an ihre Tür zu klopfen, obwohl dort ausdrücklich ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“ hängt.

Da ausdauernd weitergeklopft wird, öffnet Elise schließlich doch ihre Haustür, und erstaunt findet sie dort einen kleinen Jungen vor, der unbefangen nach seinem Flieger fragt und mal dringend auf die Toilette muß. Unsicher läßt Elise das Kind eintreten, beantwortet jedoch freundlich die Fragen, die der Junge ihr stellt, und sie lächelt sogar ein bißchen. Ja, sie bekommt sichtlich bessere Laune, und ein rosiger Hauch zeigt sich auf ihren Wangen und ihrer Küchenschürze.

Als der Junge neugierig und bewundernd vor Elises Bücherregal steht und darum bittet, daß sie ihm doch etwas vorlesen möge, kann sie sich tatsächlich darauf einlassen – sie liest ihm ein ganzes Märchenbuch vor, spielt mit ihm verstecken, und als er hungrig wird, schmiert sie ihm gerne ein Butterbrot.

Zum Abschied fragt der Junge nach Elises Namen und sagt ihr auch seinen Namen. Er heißt Emil. Am Abend faltet Elise frohgemut einen neuen Papierflieger für Emil, denn die Farbe, die das Kind in Elises ergrautes Leben gebracht hat, ist immer noch lebendig…

Antje Damm hat für dieses Bilderbuch Modellräume und Möbel aus Karton gebaut. Die gezeichneten und ausgeschnittenen menschlichen Figuren werden darein und dazu arrangiert. Die verschiedenen Handlungsszenen werden unterschiedlich mit – oder fast ohne – Farben ausgestattet, nach Bedarf ausgeleuchtet und schließlich photographiert.

Dies ermöglicht faszinierende Licht- und Schatteneffekte und eine optische Drei- dimensionalität, die wunderbar anschaulich ist und zusätzlich große spielerische Attraktivität entfaltet.

Es ist herzerwärmend dabei zuzusehen, wie die graue Düsternis nach und nach, Farbtupfer um Farbtupfer weicht und wie immer mehr Licht auf die Bilderbuchseiten strömt und schließlich Farben- und Lebensfreude unübersehbar in Elises Haus und Herz einziehen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.moritzverlag.de/Alle-Buecher/Der-Besuch.html

Querverweis:

Hier sind weitere Kinder- und Bilderbücher von Antje Damm zu bewundern:

Frag mich! 118 Fragen an Kinder, um miteinander ins Gespräch zu kommen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/13/frag-mich/
Hasenbrote
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/17/hasenbrote/
Regenwurmtage
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/10/regenwurmtage/
Was ist das?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/08/13/was-ist-das/

Die Autorin und Illustratorin:

»Antje Damm, geboren 1965 in Wiesbaden, studierte Architektur in Darmstadt und Florenz und lebt als Autorin von Kinderbüchern mit ihrem Mann und ihren vier Töchtern in der Nähe von Gießen.
Dank ihrer Töchter begann sie sich vermehrt für Bilderbücher zu interessieren und einige zu veröffentlichen

Für ihr Bilderbuch DER BESUCH wurde Antje Damm mit dem Leipziger Lesekompass 2015 ausgezeichnet. http://www.leipziger-buchmesse.de/lesekompass/

 

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