Kühn hat Ärger

  • von Jan Weiler
  • Roman
  • Hörbuch
  • vollständige Lesung
  • Buchvorlage: Piper Verlag  http://www.piper.de
  • Sprecher: Jan Weiler
  • Regie: Angela Kübrich
  • Produktion: Der Hörverlag  März 2018   http://www.hoerverlag.de
  • Laufzeit: 11 Stunden, 13 Minuten
  • 1 mp3-CD in Pappklappschuber
  • 20,00 € (D), 22,5o € (A), 27,90 sFr.

KÜHNS  EINBLICKE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Kühn hat Ärger“ ist  ein bemerkenswert sozialkritischer Roman. Hier werden die Gegensätze von Arm und Reich, die „Risse im gesellschaftlichen Firnis“ und die demokratisch-kapitalistischen Verwerfungen unserer Gegenwart auf konkrete Weise gezeigt, ja, teilweise sogar vorgerechnet. Solche aufregend-empörenden Abwärts- und Aufwärtsvergleiche findet man sonst eher in gesellschaftskritischen Analysen und weniger in Romanen.

Der sympathische Hauptkommissar Martin Kühn hatte nach der dramatischen Lösung des letzten Falles eine Auszeit gebraucht. Nach einer Reha-Maßnahme und einer zunächst widerwillig, dann aber doch aufgeschlossen praktizierten Gesprächstherapie hat Kühn gelernt seine assoziatives Wahrnehmungstalent sinnvoll-geordnet zu nutzen, und er fühlt sich den Herausforderungen des Lebens und seines Berufs wieder gewachsen.

Es mangelt gewiß nicht an Problemen in Kühns Leben. Er hat für sich, seine Frau und die beiden Kinder ein Haus gekauft, das sich auf der inzwischen unrühmlich-berüchtigten Weberhöhe befindet, dem ehemaligen Firmengelände eines Waffenfabrikanten aus dem Zweiten Weltkrieg. Daß das Erdreich dieses Areals großflächig massiv giftseucht ist, wurde erst offenbar, als nach starken Regenfällen übelriechende Substanzen durch die Kellerwände sickerten.

Sowohl die Baugesellschaft als auch die Finanzierungsgesellschaft drücken sich mit juristischen Raffinessen  und Verzögerungstaktiken vor der Verantwortung, und die einst fröhlich-zuversichtlichen Häuslebauer stehen vor dem finanziellen Ruin. Sie zahlen die Schulden für eine bescheidene Immobilie ab, deren Marktwerk ins Bodenlose gesunken ist. Da kommt so mancher aus Kühns Nachbarschaft auf dumme Ideen.

War im letzten Kriminalfall der gesuchte Serienmörder so nahe am Lebensumfeld Kühns gewesen, daß er ihn beinahe übersehen hätte und selbst zum Opfer geworden wäre, so führt ihn der neue Mordfall in eine weit entfernte Welt – und zwar ins Münchner Nobel- villenviertel Grünwald. Dort liegt an einer Bushaltestelle die übel zugerichtete Leiche des siebzehnjährigen Amir Bilal, der seinerseits aus einer anderen Welt kommt, einer Hochhaussiedlung in Neuperlach, einen Hochhausviertel mit eher prekärem Charme.

Kühns erkennt sofort den ungezügelten Haß, der bei diesem Mord gewissermaßen die Hauptwaffe war. Doch was war das Motiv dafür? Persönliche Rache? Fremdenhaß? Amir Bilal ist wegen Ladendiebstahls, Drogendealens und Körperverletzung bei der Polizei aktenkundig und bisher noch mit Bewährungsstrafen davongekommen.

Eine verliebte Gravur auf dem Feuerzeug des Toten führt zu Amirs Freundin, Julia van Hauten, die aus sehr, sehr gutem Hause stammt. Julias Eltern empfangen Kühn und seinen Kollegen überaus freundlich, sie sind ehrlich betroffen und ausgesprochen hilfsbereit. Das luxuriöse Anwesen, das die van Hautens bewohnen, ihre feinen Umgangsformen, ihr eleganter Stil, ihre ungekünstelte, wohlwollende Zugewandtheit und aristokratische Gelassenheit beeindrucken Kühn. Die selbstgemachte Ingwer-Minze-Limetten-Limonade, die Elfie van Hauten mit gastgeberischer Nonchalance serviert, düngt Kühn das köstlichste Getränk, das er je zu sich genommen hat.

Es stellt sich heraus, daß Julias Mutter, Elfie van Hauten, die Vorstandsvorsitzende des Münchner Sternenhimmels ist, einer wohltätigen, exklusiven Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch diverse Förderprogramme, Sprachkurse, Lehrgänge, Sportangebote etc. zu einer besseren Integration, besseren Schulabschlüssen und, ja, sogar zu Lehrstellen zu verhelfen. Die unterbeschäftigten reichen Damen der Gesellschaft wollen auf diese Weise einen Kontrapunkt zur zunehmenden Fremden- feindlichkeit bilden und sich in der begehrten Aura des sozialen Gewissens sonnen.

Amir hatte Julias Mutter vor einigen Monaten zufällig geholfen, einen Informations- stand des Münchner Sternenhimmels im Jugendzentrum von Neuperlach aufzubauen. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch Julia kennengelernt und sich zum ersten Mal in seinem Leben verliebt; Julia erwiderte diese Liebe. Die Familie van Hauten hatte Amir freundlich aufgenommen, und Amir hatte unter Julias Einfluß begonnen, seine kleinkriminellen Hobbys aufzugeben, die Schule ernst zu nehmen und einige Kursangebote des Sternenhimmels wahrgenommen.

Wenig später hatten die van Hautens ihn sogar eingeladen – natürlich nur mit dem Einverständnis von Amirs alleinerziehender Mutter -, die Sommerferien auf ihrer Finca auf Mallorca zu verbringen.

Während Kühn noch dieser großzügigen, heilen, überaus wohltätigen Welt nachsinnt, begrüßt sein rechtsradikaler Nachbar Leitz auf der Facebook-Seite des „Bürgervereins Weberhöhe“ die Hinrichtung eines vielfach vorbestraften Südländers nordafrikanischer Herkunft, nicht ohne sich jedoch von solchen gewalttätigen Selbstjustizhandlungen ausdrücklich zu distanzieren. Kühn kocht vor Wut über Leitz und ist fassungslos über die zustimmenden Kommentare auf diese Eilmeldung, die fast alle den Straftatbestand der öffentlichen Volksverhetzung, Beleidigung und Anstiftung zu einer Straftat erfüllen.

Nach und nach rekonstruiert Kühn mit seinen Kollegen die letzten 48 Stunden aus dem Leben Amir Bilals und kommt den Tätern näher. Außerdem muß Kühn widerwillig den dringenden Belehrungen des Amtsarztes wegen eines Laborbefundes bezüglich seines PSA-Wertes folgen und noch widerwilliger ein Führungskräfteseminar ertragen. Zu allem Negativüberfluß plaziert ein Erpresser in Kühns Siedlungs-Supermarkt einen mit GBL (Gamma-Butyrolacton) vergifteten Yoghurt (Apfel-Guave), und Kühn hat die undankbare Aufgabe, sich die Aufnahmen der Überwachungskamera anzuschauen und wohlbe- kannte Nachbarn beim Kauf einer verdächtigen Yoghurtsorte wiederzuerkennen …

Jan Weiler präsentiert mit „Kühn hat Ärger“ einen Gesellschaftsroman, dessen soziotopographische Psychogramme sehr anschaulich und klug die aktuellen, extremen gesellschaftlichen Schichtunterschiede sowie diverse deutsche Befindlichkeiten wiedergeben. Er thematisiert die Steuervermeidungsstrategien der Superreichen und die damit verknüpfte Aushöhlung des Gemeinwohls ebenso wie politisch zweifelhafte Erklärungsangebote von rechtsradikaler Seite, die inzwischen auch beim wirtschaftlich angezählten bürgerlichen Mittelstand fruchten.

Seine Milieu- und Charakterstudien sind einfühlsam, glaubwürdig und deutlich. So kontrastiert er die Luxussorgen um die komplizierte Qualität von Bonsaiparkett (der Quadratmeter für schlappe 4300 €) mit verzweifelten Sparversuchen durch Schwarz- fahren oder durch rechercheintensive Interneteinkaufsschnäppchen, die dem Käufer beim Einkauf einer Familienpackung von vier wetterfesten Wanderjacken ganze 17,00 € „ersparen“ – unter Inkaufnahme der Tatsache, daß alle Jacken rosafarben sind.

Die sensible Aufmerksamkeit und scharfsinnige Präzision, die Jan Weiler der Welt und ihren Details sowie den Menschen und ihren Gegebenheiten entgegenbringt, eröffnet dem Leser vermittels der mitfühlbaren Zwischen- menschlichkeit und sozialen Bedingtheit der Figuren differenzierte und vielschichtige Perspektiven auf das komplexe Verhältnis von Schuld und Unschuld, Einflußreichtum und Gerechtigkeit.

Jan Weiler liest seinen eigenen Text vorzüglich, er schlüpft einfühlsam und wandelbar-vielstimmig in alle Figuren, nuanciert sie mit Dialekt, Hoch– und Umgangssprache und Tonhöhenschattierungen sowie szenen- und charaktergemäßer Emotion, daß man ihm sogar die Frauenrollen und die Gedankenstimmen fraglos abnimmt. Hut ab – da ist der professionelle Schriftsteller wahrlich ein  stimmschauspielerisches Naturtalent, dem man ausgesprochen gerne lauscht.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Kuehn-hat-Aerger/Jan-Weiler/der-Hoerverlag/e496018.rhd

Hier entlang zur Buchausgabe und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/kuehn-hat-aerger-isbn-978-3-492-05757-8

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Roman mit Kommissar Kühn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/06/kuhn-hat-zu-tun/

Und hier entlang zu Jens Bergers erhellendem Sachbuch „Wem gehört Deutschland?“,
welches sich vorzüglich mit der sozialkritischen Thematik der Kühn-Romane ergänzt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/27/wem-gehort-deutschland/

Der Autor:

»Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete zunächst als Texter in der Werbung. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und war viele Jahre Chef-redakteur des Süddeutsche Zeitung Magazins. Jan Weiler lebt mit seiner Familie südlich von München. 2003 erschien sein erster Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“, mit dem er über Nacht zum Bestsellerautor wurde. Mit „Antonio im Wunderland“ (2005), „Gibt es einen Fußballgott?“ (2006), „In meinem kleinen Land“ (2006), „Drachensaat“ (2008), „Mein Leben als Mensch“ (2009), „Mein neues Leben als Mensch“ sowie „Das Buch der 39 Kostbarkeiten“ (beide 2011) und „Das Pubertier“ (2014) folgten weitere Bestsellertitel, die alle auch im Hörverlag erschienen sind. 2015 folgte der Roman „Kühn hat zu tun“. Außerdem hat Jan Weiler vier Originalhörspiele verfasst: „Liebe Sabine“, „MS Romantik“, „Uwes letzte Chance“ und „Das Babyprojekt“. 2010 erschien nach „Hier kommt Max!“ sein zweiter Titel für Kinder „Max im Schnee“.«
Jede Woche veröffentlicht er eine neue Geschichte unter  www.janweiler.de

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

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Der schwarze Hund

  • Text und Illustration von Levi Pinfold
  • Originaltitel: »Black Dog«
  • Aus dem Englischen von Nicole T Stuart
  • Bilderbuch
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart  3. Auflage 2015  http://www.jacobystuart.de
  • Gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 22,5 x 29cm
  • 32 Seiten
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN  978-3-941787-86-5
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

A N S I C H T S S A C H E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Frage, ob die Angst größer ist als die befürchtete Gefahr, stellt sich immer wieder. Im Bilderbuch „Der schwarze Hund“ wird dieser Frage anschaulich und lehrreich nachgegangen.

Familie Hoop lebt in einem schönen, altmodischen Haus, das mit seinem rosafarbenen Anstrich warm aus der verschneiten Winterlandschaft hervorleuchtet. Eines Morgens kommt ein neugieriger Hund vorbei. Herr Hoop schaut aus dem Parterrefenster und erschrickt maßlos vor dem schwarzen Hund, der in seinen Augen so groß wie ein Tiger erscheint.

Herrn Hoops Angst ist ansteckend, und Frau Hoop findet gar, der Hund wäre so groß wie ein Elefant. Für jedes Familienmitglied wächst der Hund an Größe und angeblicher Gefährlichkeit. Und so beginnt die Familie, sich im Haus zu verbarrikadieren.

Illustration von Levi Pinfold © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2015

Nur das jüngste und kleinste Familienmitglied, mit dem Spitznamen Klein, betrachtet die Angelegenheit unbefangen, zieht sich winterwetterfest an und verläßt grünbestiefelt – allen ängstlich-fürchterlichen Warnungen zum Trotz – das Haus, um nach dem fremden Hund zu schauen.

Klein findet den großen, großen, schwarzen Hund, der sie freundlich beschnuppert. Und dann spielt sie mit ihm Nachlaufen und lockt ihn mit lustigen Reimen durch allerlei enge Wege, für die er einfach schrumpfen muß, um ihr folgen zu können. Schließlich kommt Klein Hoop mit einem harmlos mittelgroßen Hund wieder zu Hause an, und die überängstlichen Eltern und Geschwister schauen verlegen-betreten aus der Wäsche und erkennen ihren Irrtum. Sie haben vor lauter Angst die Wirklichkeit aus den Augen verloren.

Entspannt nimmt die ganze Familie auf dem nostalgischen Sofa am Kaminfeuer Platz und bewundert Kleins Mut. Klein sitzt auf einem Kissen vor dem Sofa, nahe bei dem lieben Hund, und sagt gelassen: „Ach, wisst ihr, da war nichts, vor dem ich mich hätte fürchten müssen“…

Illustration von Levi Pinfold © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2015

Spielerisch und phantasievoll vermittelt dieses Bilderbuch, daß Großes klein und Kleines groß sein kann und daß die Proportionen zwischen eingebildeter Gefahr und Wirklichkeit möglichst unvoreingenommen überprüft werden sollten, um ängstlichen Überreaktionen mit Besonnenheit zu begegnen.

Levi Pinfold hat für das Bilderbuchhaus sehr schöne Interieurs mit romantischer, warmbunter Vintageeinrichtung und verspielten Details gezeichnet, die eine einladende, stimmungsvoll-gemütliche Wirkung entfalten. Sein kunstvoll-präziser Malstil gibt feinste Texturen von Materialien, Hölzern, Stoffen, Fell usw. wieder. Und so wird jede Seite zu einer wahren Augenweide für Liebhaber sinnlicher Einzelheiten und Strukturen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinderbuch/bilderbuch/der-schwarze-hund/

 

Der Autor & Illustrator:

»Levi Pinfold glaubt, dass er selbst einmal einen Schwarzen Hund gesehen hat. Es kann aber auch ein Panther gewesen sein. Der schwarze Hund ist sein zweites Bilderbuch. Er gewann dafür 2013 die renommierte CILIP Kate Greenaway Medal. Für sein erstes »The Django« wurde er in Großbritannien als Bester Newcomer-Illustrator ausgezeichnet. Levi Pinfold mag Motorräder, Musik, Bäume und Katzen. Zur Zeit wohnt er mit seiner Freundin und Howard, der Eidechse, in Brisbane, Australien. In seiner Freizeit versucht er sich als Gemüsegärtner.«

 

PS:
Gerne reihe ich das Bilderbuch „Der schwarze Hund“    als Entspannungsvorbild – in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

QUERVERWEIS:

Das einfühlsam-heitere Bilderbuch „Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen“ von Alicia Potter (TEXT) und Birgitta Sif (ILLUSTRATIONEN) bietet sich zum Thema Angstüberwindung ergänzend an.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/24/henriettes-heim-fuer-schuechterne-und-aengstliche-katzen/

Anregende Ermutigung bietet außerdem das augenzwinkernd-tiefsinnige Kinderbuch „Vom mutigen Manxmaus Mäuserich“ von Paul Gallico. Der kleine Mäuserich lernt seine eigene Angst kennen, ergibt sich der Angst jedoch keineswegs, sondern nutzt sie, um seinen Mut daran zu schärfen.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/29/vom-mutigen-manxmaus-maeuserich/

 

Der Besuch

  • Text und Bilder von Antje Damm
  • Moritz Verlag  Februar 2015     http://www.moritzverlag.de
  • 36 Seiten
  • Pappband, Fadenheftung
  • Format: 25,6 x 19,4 cm
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 18,60 sFr.
  • ISBN 978-3-89565-295-0
  • Bilderbuch ab 4 Jahren
    Der Besuch

R A U M P F L E G E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Antje Damm eröffnet mit diesem Bilderbuch – wortwörtlich – ganz neue Gestaltungsräume und inszeniert die Geschichte einer erfreulichen „Wiederbelebung“ mit effektvollen bühnenbildnerischen Illustrationsmethoden und in einfühlsam-einfacher sowie kindgemäßer Sprache.

Dieses feinsinnige und gestalterisch neuartige Bilderbuch führt uns in die zunächst verschlossenen und beinahe leblosen Wohn- und Gewohnheitsräume von Elise. Elise ist eine überängstliche alte Frau, die sich nicht mehr in die Welt hinauswagt und stattdessen ihr einsames Heim pflegt. Die ordentlichen Räume wirken düster und bedrückend, nur durch die Fenster scheint ein wenig freundliches Licht in die ergraute Innenwelt Elises.

Als Elise einmal zum Lüften ein Fenster geöffnet läßt, passiert etwas Unvorher- gesehenes: Ein hellblauer Papierflieger fliegt herein und landet auf Elises gepflegtem Fußboden. Elise verbrennt den Flieger ängstlich im Ofen. In der nächsten Nacht hat sie Papierfliegeralbträume, und am nächsten Morgen wagte es doch wahrlich jemand, an ihre Tür zu klopfen, obwohl dort ausdrücklich ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“ hängt.

Da ausdauernd weitergeklopft wird, öffnet Elise schließlich doch ihre Haustür, und erstaunt findet sie dort einen kleinen Jungen vor, der unbefangen nach seinem Flieger fragt und mal dringend auf die Toilette muß. Unsicher läßt Elise das Kind eintreten, beantwortet jedoch freundlich die Fragen, die der Junge ihr stellt, und sie lächelt sogar ein bißchen. Ja, sie bekommt sichtlich bessere Laune, und ein rosiger Hauch zeigt sich auf ihren Wangen und ihrer Küchenschürze.

Als der Junge neugierig und bewundernd vor Elises Bücherregal steht und darum bittet, daß sie ihm doch etwas vorlesen möge, kann sie sich tatsächlich darauf einlassen – sie liest ihm ein ganzes Märchenbuch vor, spielt mit ihm verstecken, und als er hungrig wird, schmiert sie ihm gerne ein Butterbrot.

Zum Abschied fragt der Junge nach Elises Namen und sagt ihr auch seinen Namen. Er heißt Emil. Am Abend faltet Elise frohgemut einen neuen Papierflieger für Emil, denn die Farbe, die das Kind in Elises ergrautes Leben gebracht hat, ist immer noch lebendig…

Antje Damm hat für dieses Bilderbuch Modellräume und Möbel aus Karton gebaut. Die gezeichneten und ausgeschnittenen menschlichen Figuren werden darein und dazu arrangiert. Die verschiedenen Handlungsszenen werden unterschiedlich mit – oder fast ohne – Farben ausgestattet, nach Bedarf ausgeleuchtet und schließlich photographiert.

Dies ermöglicht faszinierende Licht- und Schatteneffekte und eine optische Drei- dimensionalität, die wunderbar anschaulich ist und zusätzlich große spielerische Attraktivität entfaltet.

Es ist herzerwärmend dabei zuzusehen, wie die graue Düsternis nach und nach, Farbtupfer um Farbtupfer weicht und wie immer mehr Licht auf die Bilderbuchseiten strömt und schließlich Farben- und Lebensfreude unübersehbar in Elises Haus und Herz einziehen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.moritzverlag.de/Alle-Buecher/Der-Besuch.html

Querverweis:

Hier sind weitere Kinder- und Bilderbücher von Antje Damm zu bewundern:

Frag mich! 118 Fragen an Kinder, um miteinander ins Gespräch zu kommen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/13/frag-mich/
Hasenbrote
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/17/hasenbrote/
Regenwurmtage
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/10/regenwurmtage/
Was ist das?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/08/13/was-ist-das/

Die Autorin und Illustratorin:

»Antje Damm, geboren 1965 in Wiesbaden, studierte Architektur in Darmstadt und Florenz und lebt als Autorin von Kinderbüchern mit ihrem Mann und ihren vier Töchtern in der Nähe von Gießen.
Dank ihrer Töchter begann sie sich vermehrt für Bilderbücher zu interessieren und einige zu veröffentlichen

Für ihr Bilderbuch DER BESUCH wurde Antje Damm mit dem Leipziger Lesekompass 2015 ausgezeichnet. http://www.leipziger-buchmesse.de/lesekompass/

 

 

 

Mr Moonbloom

  • von Edward Lewis Wallant
  • Mit einem Vorwort von Dave Eggers
  • Übersetzung aus dem Englischen
  • von Barbara Schaden
  • Berlin Verlag 2012                                     http://www.berlinverlag.de
  • 978-3-8270-0974-6
  • 317 Seiten
  • 22,99  €
  • Taschenbuchausgabe       Oktober 2013
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8333-0922-9

Layout 1

H A U S W E S E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Originalausgabe von „Mr Moonbloom“ erschien bereits 1963, doch das Warten auf eine Übersetzung ins Deutsche hat sich gelohnt.

Das Bühnenbild für den Roman „Mr Moonbloom“ begegnet uns schon bei dem überaus passenden Titelbild des Schutzumschlages: ein mindestens viergeschossiges altes Haus, Backsteinmauern, dunkle Fenster, heruntergelassene Jalousien, eine eiserne Feuertreppe mit Etagengalerien, winterliches Licht, noch nicht ganz nächtlich, aber dunkel genug, um die wenigen Lichtblicke  – ein mit einer bunten Lichterkette geschmücktes Geländer und die beiden einzigen hell erleuchteten Fenster dahinter – hoffnungsvoll hervorzuheben. Die farbenfrohen Lichtfünkchen mildern den angestaubten und heruntergekommenen Eindruck, den das Gebäude macht. Eine Szenerie wie  für einen Woddy-Allen-Film! So lasse ich mich als Leserin gerne anlocken.

Ich kann es gar nicht oft genug betonen, wie wichtig ein stimmiges Titelbild ist. Wie häufig habe ich als Buchhändlerin einen hervorragenden Text mit leidenschaftlichem Plädoyer vor seinem unpassenden Buchumschlag verteidigt. Danke, Berlin Verlag, für eine Buchumschlagsgestaltung, die wirklich mit dem Romaninhalt korrespondiert.

Norman Moonbloom ist ein 32jähriger Junggeselle; nach diversen unvollendeten Studierexperimenten arbeitet er für seinen erfolgreichen Bruder Irwin als Verwalter von vier ausgesprochen maroden Mietshäusern in Manhattan. Dem Vorwort von Dave Eggers entnehme ich, daß die im Roman beschriebenen Straßen (Mott Street, 70th Street und 13th Street) heute zu den besseren und teureren Wohngegenden gehören, was jedoch in den sechziger Jahren, in denen die Geschichte spielt, genau umgekehrt war.

Die Geschichte beginnt mit einem Telefongespräch zwischen den ungleichen Brüdern. Norman Moonbloom sitzt in seinem staubigen Kellerbüro an seinem sperrmüllreifen Schreibtisch und serviert seinem Bruder Irwin eine haarsträubende Aufzählung von reparaturbedürftigen Wohnungszuständen, ja geradezu Baufälligkeiten.

Irwin, dessen Zeit nach eigenen Angaben 50 Dollar die Stunde wert ist, verweist seinen Bruder zur Problemlösung auf den mobilen Hausmeister Gaylord, der für 40 Dollar die Woche vier Häuser zu versorgen hat. Normans Einwand, daß man von einem dermaßen unterbezahlten Helfer nicht viel erwarten könne, wird von Irwin ignoriert, aber immerhin verspricht er ihm eine Überweisung von lächerlichen 500 Dollar, um die dringendsten Mängel zu beheben. Mit heiterer Resignation zieht sich Norman daraufhin innerlich von den Erfolgsforderungs-predigten seines Bruders zurück und gibt sich der Betrachtung des Augenblicks hin:

„Er saß zwischen Tagtraum und nichts und sah sich an, was es zu sehen gab. Die Sonne musste sich bücken, um hier einzufallen. Sie kam als Widerschein vom Gehsteig über ihm und wirkte fast wie künstliches Licht. Die kopflosen Körper der Passanten bildeten eine faszinierende  Parade; vollständig waren nur die Kinder.“  (Seite 16)

Anschließend macht er sich müde auf den Weg zu seiner Arbeit, die darin besteht, die wöchentliche Miete persönlich bei jedem Mieter in bar zu kassieren und zu quittieren.

„ » Dauert keine Minute «, sagte Norman, setzte sich und stellte mit seiner kleinen, bedächtigen Handschrift, die zu wohlgeformt war, um Charaktereigenschaften preiszugeben, die Quittung aus.“  (Seite 31)

Während jeder Mietkassierrunde lauscht  Moonbloom den Beschwerden über tropfende Wasserhähne, lebensgefährliche Stromleitungen, gesprungene Fliesen, verklemmte Fenster, verbotene Fahrstühle, mangelhafte Lichtquellen usw. Hinzu kommen die Klagen über Reibereien zwischen den Mietern, denn trotz der allgemein miserablen und heruntergekommenen Wohnsituation reicht die Bandbreite der mitmieterlichen Lebensarten von überkompensatorischer Hyperhygiene bis zur verwahrlosten Kakerlaken-WG. Die freundlich-unbestimmte Wesensart Moonblooms macht ihn zum Adressaten der gesammelten Schicksalsklagen und Lebensbeichten aller Mieter. So werden wir Mitleser einer bunten, meist traurigen Schicksalspalette trotzig Überlebenswilliger.

Wegen  des schmalen Etats für fällige Reparaturen und Instandsetzungen versucht es Moonbloom bei den durchaus berechtigten Klagen der Mieter mit einer verständnisvollen Verzögerungstaktik. Moonbloom geht mit einem emotionalen Schutzkokon durchs Leben und läßt weder die grausame noch die schöne Realität wirklich fühlbar an sich heran. Das gilt für die Spielarten von Einsamkeit, Enttäuschung, Verletzlichkeit, Verzweiflung, Empörung, von verzerrten Liebesgefühlen und schlimmen Kindheiten sowie für die bescheidenen Glücks- und Trostnischen, die ihm die Mieter vorführen, ebenso wie für die Wohnungsmißstände.

Das ändert sich nach einer fieberhaften Erkrankung, die ihn fünf Tage ans Bett fesselt und ihm in einer Art innerem Psychoheimkino sein bisheriges Leben vorführt. Langsam, aber unwiderruflich erkennt er, daß sein eigentliches Versagen nicht in der bescheidenen beruflichen  Situation besteht, sondern in seiner bisherigen Lebensgefühlsverweigerung. Er überschreitet die „Schmerzschwelle“, und wie aus einem sozialen Dornröschenschlaf erwacht, ergreifen ihn unvermittelt Wirklichkeit, Schmerz und Schönheit des Lebens und Fühlens.

Von Erfahrungsschritt zu Erfahrungsschritt wird er Teil der Leidensgenossenschaft seiner Mieter, und es berührt ihn, daß die Wohnungen in unzumutbar schlechtem Zustand sind. Er schaut mit neuen Augen in die Welt und hört mit neuen Ohren, was die Menschen ihm erzählen; er entwickelt ungeahnte Tatkraft. Aus einem passiven, verträumten Erdulder wird ein zupackender, zielstrebiger und mutiger Handelnder, der Einfluß auf die Wirklichkeit nimmt.

Zusammen mit dem mobilen Hausmeister Gaylord sowie einem autodidaktischen Klempner und einem einarmigen Elektriker macht sich Norman Moonbloom daran, alle Mängel zu beheben. Er organisiert die Arbeiten nicht bloß, er arbeitet mit seinen eigenen, zwar etwas ungeschickten, aber fleißigen Händen eifrig, fast besessen mit. Daß seine handwerkliche Unerfahrenheit z.B. einmal dazu führt, daß er sich beim Auftragen von Schellack auf einen Holzboden „in eine Zimmerecke hineinlackiert“ und daß er dort 12 Stunden ausharren muß, bis der Lack getrocknet ist, trägt er mit Fassung.

„Das mystische Denken, zu dem er jetzt neigte, hatte ihn zu der Überzeugung geführt, dass die Sorgen der Menschen in die Wände und Böden ihrer unmittelbaren Umgebung eindringen, weshalb die neuen Mieter neue Leinwände bekommen sollten, auf denen sie ihr Leben malen konnten. Folglich hatte er die Räume in seiner Lieblingsfarbe gestrichen, Weiß…“ (Seite 271)

Wie Norman Moonbloom nach Vollendung seines Renovierungsplans seine eigene neue Lebensleinwand bemalen wird, das verrät uns der Roman nicht mehr. Doch angesichts der menschlichen Reife und der Lebensoffenheit, zu der Moonbloom erwacht ist, können wir ihn ganz zuversichtlich seinem unbeschriebenen Schicksal überlassen.

Die besondere Gabe des Autors, Edward Lewis Wallant, liegt in der zugleich einfühlsamen wie schonungslosen Beschreibung der verschiedenen Charaktere, die seinen Roman bevölkern. Es ist bewundernswert, wie er es schafft, mit wenigen Sätzen, manchmal sogar nur mit einem einzigen Satz und einer kurzen Dialogszene einen Charakter und eine dazugehörige biografische Entwicklung in glaubwürdige Erscheinung treten zu lassen.

Nehmen wir z.B. den jungen Chinesen Jerry Wung, der den jungfräulichen Moonbloom stets mit ausführlichen Berichten über seine sexuellen Ausschweifungen nervt:

„Diese tiefen, geschwungenen Konturen eines nordchinesischen Gesichts in Kombination mit dieser Stimme erweckten den Eindruck, als sei eine Ming-Vase an einen Verstärker angeschlossen worden.“ (Seite 58)

Oder der Italienischlehrer Basellecci, der sich durch zeremoniellen Kaffegenuß und die Liebe zu den Feinheiten der Sprache kulturell über Wasser hält:

„Basellecci war ein Mann in jenem langen Lebensanschnitt, der nicht jung und nicht alt ist…Mr Baselleccis Finger, in Liebe zu den Vokalen gekrümmt, verharrten schwebend in der Luft… In der einen Hand die Kaffeetasse, während die andere seiner Passion Gestalt gab, stand er zwischen seiner heiligen und seiner profanen Liebe, und sein sachliches Gesicht kam der Verklärung so nah, wie es ihm möglich war.“ (Seite 55)

Ein Satz zu Sarah Lublin, die zusammen mit ihrem Ehemann Aaron das KZ überlebt hat:

„Ihr Gesicht war derart charakterstark, dass es keine Schminke  brauchte.“ (Seite 41)

Und auch wie Norman Moonbloom in den Augen der unterschiedlichen Mieter erscheint, kommt nicht zu kurz und wird treffend und dialogdramaturgisch geschickt in Szene gesetzt, z.B. als er bei den Jazzmusikern Stan Katz und Sidone die Miete abholt und die beiden um rücksichtvollere  musikalische Übungszeiten bittet:

„ »Wie geht’s, wie steht’s, Moonbloom? Sieh ihn dir an, Stan, wie friedlich er aussieht, wie natürlich! Man rechnet fast damit, dass er sich bewegt. Ach, diese Einbalsamierer, das sind doch Genies! « ” (Seite 35)

Oder der frustrierte  Lehrer Wade Johnson, der Moonbloom bei jedem Besuch mit alkoholisierten Poesierezitationen traktiert und dennoch die Veränderung bemerkt, die mit Moonbloom geschehen ist:

„Wade Johnson kniff unerwartet die Augen zusammen und musterte ihn. » Na so was,  Norman, Sie kleiner Kloß, Sie haben sich ja auf einmal ein Gesicht wachsen lassen. « ”
(Seite 285)

Es liegt an der ausdrucksvollen, einprägsamen Figurenzeichnung, daß man trotz der vielen Personen nie den Faden verliert. Sie sind nicht alle sympathisch, aber in ihrer Größe und ihrer Kleinheit kommen sie dem Leser nahe und spiegeln Facetten menschenmöglichen Daseins unter bedrückenden Bedingungen. Dazwischen erblüht hier und da eine melancholische, schicksalsironische Heiterkeit und aufrichtige Mitmenschlichkeit, ganz ähnlich der auf dem Titelbild gegen die Finsternis anleuchtenden Lichterkette.

 

Querverweis:

Hier geht es zu Edward Lewis Wallants zweitem Roman: Der Pfandleiher:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/01/13/der-pfandleiher

Der Autor:

»Edward Lewis Wallant wurde 1926 in New Haven, Connecticut, geboren. Nach dem Kriegsdienst studierte er in New York Gestaltung und arbeitete in der Werbung. Mit The Human Season (1960) und The Pawnbroker (1961) zählte er rasch zu den bedeutensten Autoren seiner Generation – neben Philip Roth, Norman Mailer und Saul Bellow. Noch vor der Veröffentlichung seines dritten Romans Mr Moonbloom, mit nur 36 Jahren, verstarb er überraschend an einem Gehirnschlag.«

PS:
Unwillkürlich empfindet man Bedauern, wenn man im Klappentext die Information erhält, daß der Autor im Alter von nur 36 Jahren durch einen Gehirnschlag gestorben ist und die Veröffentlichung von  „Mr  Moonbloom“  posthum erfolgte. Bleibt zu hoffen, daß die zwei anderen Romane von Edward Lewis Wallant auch noch ins Deutsche übersetzt werden. Ich jedenfalls läse sie sehr gerne – und wohl nicht nur ich.

PSS:
Die Taschenbuchausgabe ist im Oktober 2013 im selbigen Verlag erschienen – allerdings mit einem anderen Titelbild, das aber auch gut zum Inhalt paßt.

4cc8474d99.jpg Mr Moonbloom Tb

http://www.berlinverlag.de/buecher/mr-moonbloom-isbn-978-3-8333-0922-9