Giesbert in der Regentonne

  • Text und Illustrationen von Daniela Drescher
  • Kinderbuch
  • Verlag Urachhaus August 2016  www.urachhaus.com
  • 112 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 17 x 24 cm
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7988-5
  • ab 5 Jahren
    giesbert-in-der-regentonne-titelbild

W A S S E R T R E U

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Daniela Dreschers neues Kinderbuch lädt uns in Wort und Bild in ihren eigenen Garten ein. Ob es der echte Garten oder der Garten ihres Herzens ist, kann ich nicht beurteilen, aber es gefällt mir zauberhaft gut darin.

Die Autorin erzählt, wie eines Regentages Giesbert, ihr hauseigener Regenrinnen-Wicht, so heftig durch die Regenrinne ins Regenfaß gespült wird, daß dabei seine Flöte zerbricht. Giesbert ist untröstlich und weint und klagt und jammert und schreit,  bis ihm der alte Holundergeist, der im Holunderstrauch neben der Regentonne wohnt, eine neue Flöte schnitzt. Da kehrt wieder Ruhe ein, und Giesbert spielt überglücklich eine lustige Danke-schön-Melodie für den alten Holundergeist.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Außer fürs Flötespielen hat der Regentonnen-Wicht eine Vorliebe für selbstgemachte Gedichte, Schnittlauchbrot und Wasserstreiche. Im Kontakt mit den Tieren des Gartens erweist er sich als ebenso hilfsbereit wie verspielt.

 

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Er füttert ein verletztes Rotkehlchen, er veranstaltet ein Schneckenwettkriechen, er hilft einem vergeßlichen Eichhörnchen beim Wiederfinden von Haselnußverstecken, er diszipliniert feuchtfröhlich einen aufdringlichen Waschbären, er ärgert den Kater und verträgt sich wieder mit ihm, er kämpft mit dem verstopften Gartenschlauch, er rettet eine Goldfischdame und begleitet den Quakgesang eines Froschprinzenfroschs mit der Flöte …

Die Heilpflanzengeister (Huflattich und Spitzwegerich) heilen Giesberts Husten, und ein lebenserfahrener Igel hilft ihm, seinen Liebeskummer wegen der unerreichbaren Blumenelfe Gisela zu überwinden.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Die Menschen unterstützt Giesbert – wie der Name schon andeutet – beim Gießen der Pflanzen, und die Regentonne ist immer gefüllt, auch wenn seit langem kein Regen mehr gefallen ist. So ein Regentonnen-Wicht ist halt nur im Wasser ganz in seinem Element. Allerdings kann er – wenn er sehr wütend wird – jedes Wasser zum Überlaufen bringen. Das kommt jedoch nur selten vor, und er hilft auch reumütig beim Aufwischen, wenn es in der Küche oder im Bad zu kleinen Überschwemmungen kommt. Denn sonst hätte die Autorin Giesbert gewiß nicht dazu eingeladen, den Winter in ihrer häuslichen Badewanne zu verbringen. Während draußen das Wasser in der Regentonne vereist und im Garten die Schneeflocken tanzen und wirbeln, sitzt Giesbert gemütlich am Fenster und dichtet:

»Leise fallen Sterne nieder.
Tausend fallen immer wieder!
Jeder bringt uns einen Traum
aus dem großen Weltenraum.
Tausend Träume – immer wieder –
fallen als Schneeflocken nieder.
Und ein Traum, der ist sicherlich
ganz allein und nur für mich

Daniela Drescher ©
  (Seite 110)

Giesberts heiter-umtriebiges Wesen und Wirken wird in kurzen Kapiteln erzählt, die mit einem Umfang von vier bis acht Seiten eine angenehme Vorleselänge haben. Die zahlreichen märchenhaft-schönen – teilweise ganzseitigen –  Begleitbilder sind eine anregende Augenweide.

Daniela Dreschers aquarellierte Illustrationen sind sehr atmosphärisch und zeugen – in ihrer botanischen sowie zoologischen Stimmigkeit – von sehr tiefer Naturverbundenheit und einer entsprechenden Beobachtungsgabe.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

„Giesbert in der Regentonne“ bietet unbeschwerte, warmherzige Vorlesekost. In jeder Episode finden sich für Kinder leicht mitzuempfindende Gefühle und Regungen sowie konstruktive Interaktionen und Problemlösungen.

Der Regentonnen-Wicht, zahlreiche sprechende Tiere und knollennasig-knuffige Pflanzengeister-Wichtel garantieren hier die Verzauberung des Gartenalltags und die Beflügelung der kindlichen Phantasie. Der augenzwinkernd-witzige, sich in die kleinen Nöte und großen Freuden des Regentonnen-Wichts einfühlende Erzählton trägt zusätzlich zur gelungenen Vorlesegeborgenheit bei.

Und ich werde mich nun einmal nach einer Regentonne für meinen Garten umschauen …

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlags-Webseite:
http://trapped.geistesleben.de/buecher/9783825179885/giesbert-in-der-regentonne

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durchihre Illustrationen inzwischen weltweit bekannt. Von den USA über ganz Europa bis China sind ihre Bücher in den Kinderzimmern zu Hause – eine Künstlerin, die ihr Spektrum immer wieder erweitert und sich neu erfindet. Daniela Drescher gestaltet die Kinderseite im Lebensmagazin a tempo. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.«
http://www.danieladrescher.de

Querverweis:

Hier entlang zu Daniela Dreschers erstem und ebenfalls sehr lesens- und sehenswertem Erzählbuch „Abenteuer mit Ungeheuer“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/16/abenteuer-mit-ungeheuer/
»Eine romantisch-poetisch gestimmte und gelungene Symbiose aus Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Märchen.«

Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds

  • Bilderbuch
  • Text von Gundi Herget
  • Illustrationen von Nikolai Renger
  • Magellan Verlag Juli 2016    http://www.magellanverlag.de
  • gebunden, fadengeheftet
  • Format: 24,5 x 24,5 cm
  • 32 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7348-2024-3
  • ab 3 Jahren
    Mozart und Robinson Titelbild

MONDANSCHAUUNGEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Glaube, daß der Mond aus Käse sei, ist ein weitverbreitetes Wunschdenken in der Bilderbuchtierwelt, und im vorliegenden Bilderbuch beflügelt er zwei Mäuse gar zum Weltraumflug – doch ich greife vor, denn noch kennen Sie die beiden kleinen Helden nicht. Darf ich vorstellen: Mozart Hausmaus und Robinson Feldmaus.

Mozart Hausmaus führt ein gepflegtes, kultiviertes Leben in der geborgenen Sicherheit eines Menschenhauses. „Nach draußen geht Mozart nie. Viel zu gefährlich!“

Robinson Feldmaus führt ein freies, wildes Leben auf dem Feld, das sich an den Garten  von Mozart Hausmausens Haus anschließt. „Ins Haus geht Robinson nie. Viel zu gefährlich!“

Mozart Hausmaus ist ganz alleine zu Haus, da seine Zweibeiner gerade in Urlaub gefahren sind. Von seinem Lieblingsfensterplatz aus bewundert er den Vollmond. Im Mondlicht auf der Wiese sieht er etwas herumspringen, und die Neugier treibt ihn, ganz gegen seine vorsichtigen Gewohnheiten, hinaus in den Garten.

Mozart und Robinson Streitgespräch

Illustration Nikolai Renger © Magellan Verlag 2016 „Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds“

Erstaunt stellt er fest, daß eine Maus dort im Kreise herumtanzt. Höflich stellt sich Mozart Hausmaus vor, und Robinson Feldmaus erwidert die Vorstellung. Robinson erklärt Mozart weltmausmännisch, daß er einen Tanz für den großen, mächtigen Käsemond tanze. Und schon streiten sie lebhaft darüber, ob der Mond aus Käse sei, wie Robinson es von seinem Opa weiß oder aus Stein, wie Mozart es aus dem Fernsehen weiß.

Als Robinson Feldmaus einen Beweis für Mozarts Theorie verlangt, hat Mozart Hausmaus eine abenteuerliche Idee und läuft ins Haus zurück. Robinson folgt zögerlich und hilft unter Mozarts kundiger Bastelanleitung eifrig dabei, eine Rakete aus einer Klopapierpapprolle zu bauen. Einem Erkundungsflug zum Mond steht nun nichts mehr im Wege.

Mozart und Robinson Flug

Illustration Nikolai Renger © Magellan Verlag 2016 „Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds“

Die beiden tragen ihre Rakete aufs Dach, und mit Hilfe einer gummibandbetriebenen Startrampe schaffen sie einen kühnen, mondbeschienenen Flug durch die Luft und landen ziemlich schnell in einem Käseschlaraffenland.

Robinson fängt gleich an zu futtern, während Mozart bezweifelt, daß sie wirklich auf dem Mond gelandet sind. Doch dem leckeren Käseduft kann er nicht widerstehen, und er nascht eifrig mit. Während sie schmatzend diskutieren, ob sie auf dem Mond sind oder nicht, fällt der Schatten eines Menschen auf sie, gefolgt von einem „Igitt! Mäuse!“-Ausruf. Eilig flüchten die kleinen Helden von der Käseplatte, die Teil eines Gartenfeierbufetts im nachbarlichen Garten ist.

Verborgen im heimischen Garten teilen sie sich freundschaftlich ein Stück Beutekäse. Der Mond bescheint die kleinen Käseweltenbummler, und eigentlich ist es nun ganz egal, ob der Mond aus Käse oder aus Stein ist.

Diese herzig-humorvolle Freundschaftsgeschichte wird von der Autorin Gundi Herget in anschaulichen Worten und lustigen Dialogen erzählt. Und die farbenfrohen, heiteren Illustrationen von Nikolai Regner geben den originellen Mäusecharakteren einfühlsam und witzig mimische und körpersprachliche Gestalt. Auf den Vorsatzblättern des Bilderbuches befindet sich zudem eine präzise und kindgerechte Bastelanleitung für eine Klopapierrollenrakete, was den kindlichen Erlebnishorizont in erfreulich analoger Weise um eine greifbare Erfahrung erweitert.

Was will man mehr?  Ganz einfach, man will mehr von Hausmaus Mozart und Feldmaus Robinson lesen, da sie einem mit ihrer liebenswerten Wesensart ganz tüchtig ans Herz gewachsen sind. Und wie schön, daß ich Ihnen nun schon verraten darf, daß „Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds“ der gelungene Auftakt zu einer neuen Bilderbuch-Reihe ist. Und die Wartezeit auf den Folgeband können Sie sich ja mit etwas Käse versüßen …

 

Die Autorin:

»Gundi Herget beschlich mit  vier Jahren zum ersten Mal das Gefühl, dass Bücher mit ihren vielen Seiten voller schwarzer Striche, Punkte und Kringel das Aufregendste sein könnten, das es gibt. Und so war es dann auch. Mit zehn Jahren wollte sie schon Schriftstellerin werden, hat dann aber erst mal Abitur gemacht, in München und Pisa Literatur studiert, Schlagzeug spielen gelernt, Redakteurin gelernt, die Welt bereist und ein Kind bekommen, was sie an den Vorsatz ihres zehnjährigen Ichs erinnert hat. Sie schreibt seitdem vor allem Kinderbücher.«

Der Illustrator:

»Nikolai Renger wurde in Karlsruhe geboren und studierte Visuelle Kommunikation an der HFG in Pforzheim. Er ist als freiberuflicher Illustrator für verschiedene Verlage und Agenturen tätig und arbeitet seit 2013 im Atelier Remise in Karlsruhe.«

Querverweis:

Schon in Sebastian Meschenmosers Bilderbuch „Herr Eichhorn und der Mond“ bot die Annahme, daß der Mond aus Käse sei, köstlichen Erzählstoff.
Hier entlang zum Besprechungslink:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/

 

Ein Garten für den Wal

  • von Toon Tellegen
  • Illustrationen von Annemarie van Haeringen
  • Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
  • Gerstenberg Verlag Januar 2016      http://www.gerstenberg-verlag.de
  • 64 Seiten
  • Format: 18,5 x 24 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 16,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5901-8
  • ab 7 Jahren zum Selberlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
    Ein Garten für den Wal Titelbild

W Ü N S C H E N S W E R T E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Vorstellung eines erfüllten Wunsches kann manchmal schöner sein als seine tatsächliche Verwirklichung. Diese elementare Lebenslektion wird in „Ein Garten für den Wal“ in Wort und Bild anschaulich vorgeführt.

Eigentlich ist der Wal mitten im Ozean ganz und gar in seinem Element. Er hat endlos Platz, und das Wasser wiegt ihn wohlig in Schlaf, wo immer er sich gerade treiben läßt. Eigentlich fehlt ihm nichts, aber da ist doch noch sien Wunsch nach einem kleinen Garten. Immerhin hat er bereits einen Springbrunnen, der würde fein mit einer Holzbank und bunten Blumen harmonieren.

Wenn der Wal in schlaflosen Nächten hinauf in den Himmel schaut, stellt er  sich gerne vor, daß der Mond mit den Sternen ein Fest im Himmelsgarten feiert, und vielleicht – so träumt der Wal – würde er  auch einmal dorthin eingeladen.

Wal mit Mond

Illustration von Annemarie van Haeringen © Gerstenberg Verlag 2016

Der Wunsch nach einem Garten auf seinem eigenen Walrücken ist schließlich so groß, daß der Wal einen Brief an den Grashüpfer schreibt und alles gartenmögliche Zubehör bestellt. Der Grashüpfer nimmt diese Bestellung sehr ernst und macht sich mit seinem vollgeladenen Boot auf den Weg zum Wal.

Freudig wird er vom Wal begrüßt, und eifrig beginnt der Grashüpfer, den Garten anzulegen. Der Wal stellt derweil schon mal seinen Springbrunnen an und fragt den Grashüpfer, ob er auch Veilchen dabeihabe und einen Sonnenschirm, eine Schaukel, Flieder und Geißblatt undundund … doch der Grashüpfer hat wirklich an alles gedacht, was zu einem einladenden Garten gehört.

Als der Garten fertig gestaltet ist, hat der umsichtige Grashüpfer sogar einen Spiegel dabei, damit der Wal den Garten überhaupt besichtigen kann. Erschöpft ruht sich der Grashüpfer auf der Gartenbank gegenüber vom Walspringbrunnen aus, und der Wal malt sich vorfreudig aus, wer ihn bald alles besuchen käme und seinen Garten bewundere.

Ein Garten für den Wal: Wal im Wasser

Illustration von Annemarie van Haeringen © Gerstenberg Verlag 2016

Zunächst kommen viele Fische vorbeigeschwommen und bestaunen den Garten, und ein Albatros landet auf der Gartenbank und sagt, er habe noch nie einen so schönen Garten gesehen.

In der Nacht fällt dem Wal zwar auf, daß er sich nicht auf den Rücken drehen kann, um die Sterne zu betrachten, aber das nimmt er hin. Der Grashüpfer hatte ihn auch bereits ermahnt, nicht zu laut zu lachen, da sonst der ganze Garten wackle und bebe.

Am nächsten Morgen verabschiedet sich der Grashüpfer, und kurz darauf kommen zwei neue Besucher: Das Nilpferd und das Nashorn. Die beiden verhalten sich leider etwas trampelig, sind aber große Bewunderer der schönen Gartenaussicht. Der nächste Besucher ist das Walroß, welches es sogar schafft, sich im Garten zu verlaufen und dabei einige Blumen zu zertrampeln. Anschließend unterhalten sich der Wal und das Walroß angeregt über das Leben im Meer.

Nach einer Weile wird dem Wal bewußt, daß alle außer ihm seinen Garten genießen können, und kurzentschlossen macht er einen großen Sprung aus dem Wasser in die Luft und tief ins Meer zurück. Der ganze Garten wird von seinem Rücken weggespült, und die Garteneinzelteile treiben auf den Wellen davon. Der Wal schaut ihnen gelassen nach und merkt, daß er keinen Garten braucht. Er hat seinen Springbrunnen und das weite, weite Meer. Er ist glücklich mit all dem, was er schon immer hatte.

Manche Wünsche fallen offensichtlich besser ins Wasser, aber der Wal muß dies über den Umweg der Wunscherfüllung ganz praktisch selbst erfahren, um eine angemessenere Perspektive auf die Lebensbedingungen zu belangenen, die bereits erfüllend sind.

Toon Tellegen erzählt diese Geschichte mit einfachen Worten auf herzliche Weise und mit leisetönender Heiterkeit. Die farbigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen geben dem ebenso klugen wie verträumt-poetischen Text sehr stimmig spielerische Gestalt und lebhafte Dynamik.

Ein Garten für den Wal: Grashüpfer schaukelt

Illustration von Annemarie van Haeringen © Gerstenberg Verlag 2016

 

Der Autor:

»Toon Tellegen, geboren 1941, arbeitete als Arzt in Kenia und Amsterdam, wo er noch immer lebt. Die Tiergeschichten erzählte er ursprünglich seiner Tochter. Tellegen erhielt alle großen niederländischen Preise: mehrere Goldene und Silberne Griffel, den Woutertje-Pieterse-Preis, die Goldene Eule und den Theo-Thijssen-Preis

Die Illustratorin:

»Annemarie van Haeringen, geboren 1959, wuchs zwischen Hunden, Katzen, Fröschen und Schildkröten auf. Sie studierte Kunst an der Rietveld-Akademie. Für ihre Werke wurde sie dreimal mit dem Goldenen Pinsel, dem wichtigsten niederländischen Preis für Illustration, ausgezeichnet. 2015 wurde sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.«

Die Übersetzerin:

»Andrea Kluitmann, geb. 1966, studierte Germanistik in Bochum und Amsterdam. Seit 1993 arbeitet sie als Literatur- und Fachübersetzerin aus dem Niederländischen. Sie lebt seit vielen Jahren sehr gerne in Amsterdam.«

Als der Sommer eine Farbe verlor

  • von Maria Regina Heinitz
  • Roman
  • Berlin Verlag  April 2015             http://www.berlinverlag.de
  • 496 Seiten
  • Taschenbuchausgabe
  •  9,99 € (D),  10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8333-1020-1
    Als der Sommer eine Farbe verlor

ZWISCHEN  DEN  ZEILEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Als der Sommer eine Farbe verlor“ erzählt in einer sinnlich-vielschichtigen, lasierenden Sprache von Nähe und Ferne, Lösung und Bindung, Imagination und Wirklichkeit, Schmerz und Heilung, Verlust und Geborgenheit sowie von Familie und Freundschaft, Liebe, Tapferkeit und Hoffnung. Dieser Roman ist berührend, ohne zu belasten, er enthüllt, ohne zu entblößen und er macht ein komplexes Gefühlsspektrum wunderbar sichtbar.

Die dreizehnjährige Bénédicte, kurz Bicky genannt, verbringt mit ihrem kleinen Bruder Marcel einen sommerlichen, heiter-verspielten Ferientag. Die Kinder sind einfach glücklich, alles blüht, zwitschert und lebt, der Jasmin duftet vor blauem Himmel, und ihre geliebte Großmutter, zärtlich Mamique genannt, ist bei ihnen in Hamburg zu Besuch.

Aimée, die Mutter der Kinder, ist eine bekannte Malerin, deren Gemüt sich immer wieder verdunkelt und die sich dann aus dem familiären Leben zurückzieht und in ihr Atelier verkriecht, um ihre emotionale Not auf die Leinwand zu bannten.

Die Kinder sind mit diesen mütterlichen Stimmungen vertraut und nennen sie „Farfadetnoir“ (schwarzer Kobold). Der Vater arbeitet als Mediziner und bittet in den Farfadetnoir-Notfällen Mamique, seine Schwiegermutter, um familiären Beistand.

Übermütig tollen die Kinder mit ihrer rüstigen Großmutter durch den Garten, anschließend bereitet Mamique ihnen ihre köstlichen Blaubeerpfannkuchen zu, und die Kinder futtern sich die Bäuche rund. Bicky wird mit einer Portion Blaubeerpfannkuchen ins Atelier geschickt, damit ihre Mutter auch in den Genuß dieser Lieblingsspeise kommt.

Im Atelier betrachtet Bicky nachdenklich das Bild, an dem ihre Mutter seit Monaten malt, und eine Ahnung schmerzlicher familiärer Verstrickung streift ihr Bewußtsein und weckt Fragen in ihr. Da die Mutter nicht im Atelier ist, vermutet Bicky sie im Badezimmer und steht nach wenigen Schritten in einer Blutlache, die der Selbstmordversuch der Mutter hinterlassen hat. Die Mutter kann gerettet werden und kommt in ein „Sanatorium“. Wie erholen sich die Kinder von einem solchen Schock?

Der Vater beschließt, ein Arbeitsangebot als Leiter einer psychiatrischen Klinik in einer Kleinstadt anzunehmen und Hamburg zu verlassen. Bereits zwei Wochen später zieht die Restfamilie von Hamburg nach Sprede, „eine heile Was-will-man-mehr-Kleinstadt“. Sie wohnen in einer alten Villa in unmittelbarer Nähe zur neuen Arbeitsstelle des Vaters. Den großen, verwilderten Garten, der die Villa umgibt, nennt der Vater eine „Paradies für Kinder“, aber zunächst fühlen sich die entmutterten Kinder alles andere als paradiesisch.

Mamique, die sie nicht begleiten kann, verspricht aber, wieder zu Besuch zu kommen. Eine resolute Haushälterin wird eingestellt, die für äußere Ordnung und geregelte Mahlzeiten sorgt. Einen Fernseher gibt es nicht, aber der Vater installiert in jedes Zimmer unsichtbare Lautsprecher und beschallt die Bewohner mit klassischer Musik („Brahms ordnet die Gedanken!“) und mit den täglichen Radionachrichten. So läßt die Autorin im Verlaufe des Romanhandlungszeitraums immer wieder streiflichternd die Nachrichtenereignisse der Jahre 1976 bis 1978 einfließen.

Fürsorglich bemuttert Bicky ihren kleinen Bruder, und die Geschwister richten sich eine gewisse Geborgenheit miteinander ein; sie freunden sich mit den neuen Räumen an und erkunden nach und nach entdeckungslustig die Umgebung. Die Mutter schreibt ihren Kindern regelmäßig Briefe (in Schriftform für Bicky und in Bildform für Marcel, der noch nicht lesen kann).

Bicky leidet nicht nur an dem Verlust der mütterlichen Zuwendung, sondern auch daran, daß die Erwachsenen ihr Zusammenhänge verschweigen. Sie tun dies zwar, um sie zu schonen, aber die Unstimmigkeiten und Unklarheiten bezüglich des Aufenthaltsortes der Mutter und der Hintergründe der mütterlichen Depression führen zu phantasievollen Vermutungen und kindlichen Fehlschlüssen, die ihr eigenes psychologisches Belastungspotential haben.

Zweimal wöchentlich geht Bicky auf Anordnung ihres Vaters zu einer Kinderpsychologin, um ihr Trauma zu verarbeiten. Doch sie hat längst eigene Wege gefunden, sich zu ermutigen und den Herausforderungen des Lebens konstruktiv und kreativ zu begegnen, beispielsweise ihre Methode der Eintagsfliegentage, die es ihr ermöglicht, Neues und Unerwartetes zu tun, weil es für die Verwirklichung mancher Dinge exakt nur diesen einen Moment gebe und sonst keinen. Diese Jetzt-oder-nie-Haltung hilft ihr über so manche Alltags- und Angsthürde hinweg.

Dank ihrer Feinfühligkeit erkennt sie die emotionalen Gegebenheiten, Charakterstärken und -Schwächen anderer Menschen sehr genau und beschreibt diese auf eine einleuchtend anschauliche, musisch-malerische Weise.

Und dann lernt sie Susi Engel kennen. Dieses hochbegabte, eigenwillige Mädchen wird ihre beste Freundin, mit der sie wirklich alles besprechen kann. Die beiden Einzelgängerinnen sind wie füreinander geschaffen, und gemeinsam forschen sie den abgründigen und romantischen Geheimnissen ihres Umfeldes nach.

Zwischen Bickys Spurensuche und ihren phantasievollen Versuchen, Ordnung in ihr aufgewühltes Gefühlsleben zu bringen, liegt ein weiteres Geheimnis, das erst ganz zum Schluß offensichtlich wird und den Leser erhellend überrascht. Tatsächlich sind die Hinweise auf diese verborgene Erlebnisebene wohldosiert und unauffällig über den Verlauf der ganzen Geschichte verstreut und werden uns Lesern erst im Rückblick so recht DEUTLICH.

Bicky lernt gewissermaßen SEHEN, sie reift und wächst, begeistert sich fürs Theater und sie verliebt sich in den Jungen Misha, der dort als Statist arbeitet. Misha kennt sich aus mit Verlust und Trauer; er hat bereits beide Eltern verloren und lebt bei seiner Tante. Die Liebesannäherung von Bicky und Misha ist von anrührender Zärtlichkeit und ein ganz großes Glück für Bickys Herzensheilung und Wahrheitsfindung.

Mit Mishas Hilfe tritt Bicky aus dem Schatten der mütterlichen Verstrickung und der verschwiegenen Vergangenheit heraus und betritt endlich ihre Gegenwart und ihren eigenen hoffnungsvollen Weg.

Dieser außergewöhnliche Roman ist von einer schwebenden Leichtigkeit, die man dem ernsten Thema kaum zugetraut hätte. Das Gleichgewicht von Ernst und Heiterkeit, Kinderspiel und Kindertragik, Verletzlichkeit und Tapferkeit, die geschickte Figurenchoreographie, die einfühlsamen Dialoge, der lebendige Spannungsbogen, die stimmungsvollen Szenerien und die sinnlich-musische Perspektive „malen“ eine sehr lesens- und sehenswerte Geschichte.

Zum Ausklang nun ein Zitat, das die poetische Bildhaftigkeit illustrieren mag:  

»Meine Träume in dieser Nacht waren verschachtelter als die, durch die ich mich sonst hindurchträumen musste. Sie waren wie unzählige Meeresoberflächen, durch die man auftaucht und meint, Luft holen zu können, das Ende erreicht zu haben, endlich Sauerstoff zu atmen. Traumende, und dann geht es doch weiter, immer weiter, ohne an den Eingang der Wirklichkeit zu gelangen, aber immer knapp davor.« (Seite 143)

 

Die Autorin:

»Maria Regina Heinitz, geboren 1968 in Isny (Allgäu), studierte Deutsche Sprache, Literatur und Französisch, arbeitete als Artbuyerin und Fotoproduzentin und erhielt 2009 den Literaturförderpreis der Kulturbehörde der Hansestadt Hamburg. Sie lebt in Hamburg.«
http://www.mariareginaheinitz.de/

QUERVERWEIS:

Eine feine Ergänzung zu diesem Roman ist das Sachbuch „Das bleibt in der Familie“ von Sandra Konrad, in dem die Risiken und Chancen transgenerationaler Übertragung einleuchtend dargestellt werden. Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/

Mr Gum, Band 1 bis 3

  • von Andy Stanton
  • Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
  • Mit Illustrationen von  David Tazzyman
  • dtv junior  2012 und 2013                                               http://www.dtv.de
  • Band 1: Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum!
  • ISBN 978-3-423-71506-5
  • 196 Seiten, 6,95 €
  • Band 2: Mr Gum und der Mürbekeksmilliardär
  • ISBN 978-3-423-71522-5
  • 198 Seiten, 6,95 €
  • Band 3: Der entsetzliche Mr Gum und die Kobolde
  • ISBN 978-3-423-71550-8
  • 214 Seiten, 6,95 €
  • ab 8 Jahren

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BÖSE  BÖSEWICHTER  UND  HELDIGE  HELDEN  UND  HELDINNEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das Lesen dieser Buchbesprechung ist für Kinder verboten: Eltern haften für ihre Buchkaufentscheidung! Es handelt sich um eine ganz schrecklich-lustige Buchreihe mit übersichtlicher Textmenge und komischen, demonstrativ-undekorativen Zeichnungen, die ausgezeichnet zum Text passen.

Das Leben in der kleinen Stadt „Bad Lamonisch an der Bibber“ könnte so friedlich sein, gäbe es nicht den alten Kinderschreck Mr Gum. Mr Gum ist STINKfaul, und das ist nicht bloß metaphorisch gemeint. Er wohnt in einem total verkommenen Haus, macht nie sein Bett und putzt sich nie und nimmer die Zähne. Er guckt alles und jeden stets nur grimmig und knurrig an, und wenn er überhaupt mal etwas tut, so klaut er Kindern die Spielsachen und macht sie kaputt, denn das verschafft ihm einsame Genugtuung. So lernen wir im ersten Band „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum“ den schlechten Menschen Mr Gum kennen und fürchten.

Nur sein Garten ist der hübscheste, grünlichste, geblümteste, gartenartigste Garten von ganz Bad Lamonisch.  Was niemand außer uns Lesern erfährt, ist folgendes: Mr Gum steht unter der SCHLAGfertigen Fuchtel einer Fee, die ihn mit der Bratpfanne traktiert, wenn er den Garten nicht hübsch pflegt.

Ein häufiger und gern gesehener Gast in der ländlichen Kleinstadtidylle ist der Hund Jakob. Ein großer, pelziger, kinderfreundlicher und fröhlicher Hund, der zu niemand Bestimmtem gehört und bei Kindern und den meisten Erwachsenen sehr beliebt ist und der mit kleinen Leckereien durchgefüttert wird.

Eines schönen Tages (nicht, daß Mr Gum einen schönen Tag zu würdigen wüßte) entdeckt Jakob Mr Gums Garten und bringt dort alles durcheinander, und zwar drei Wochen lang täglich, mit Ausnahme von Mittwoch, denn „mittwochs haben Hunde bekanntlich frei“ . Mr Gum wird durch die „Streicheleinheiten“ mit Bratpfanne, die seine Gartenaufsichtsfee ihm gnadenlos verabreicht, aus seinem Faulenzerdasein gerissen und überlegt sich einen teuflischen Plan, um den Hund loszuwerden.

Er besucht Willi Wilhelm den Dritten, den örtlichen Metzger, der noch ekliger ist als Mr Gum und der mit seinen widerlichen Fleischwaren schon die halbe Bevölkerung Bad Lamonischs  zu unfreiwillig- freiwilligen Vegetariern gemacht hat. Dort kauft er gammelige Kuhherzen, die er zusätzlich noch in Rattengift mariniert, um sie am nächsten Tag dem „Köterhund“  zum Fraß vorzusetzen.

Böse Geschichte bis jetzt – nicht wahr?

Aber nun kommen die guten Teile der Geschichte ( „wir sind hier ja schließlich in einem Kinderbuch“ ) : Es ist nun Zeit für den Auftritt von Polly, einem neunjährigen Mädchen mit goldenem Herzen, tapferer Gesinnung und mit mehr als zwanzig weiteren Namen, die ich Ihnen der Einfachheit halber jetzt nicht aufliste. Diese Polly bekommt Wind von Mr Gums hundemörderischen Absichten und beschließt heldinnenhaft, den Hund zu retten. Denn sie war tapfer und ehrlich und treu, und wenn sie lachte, blitzte der Sonnenschein auf ihren hübschen Zähnen wie Diamanten auf der Suche nach Abenteuern.“

Unterstützung bekommt sie dabei von Freitag O‘Leary, einem geheimnisvollen alten Knaben, der am Stadtrand bzw. am Waldrand in einer Hütte wohnt. Er ist gutmütig, weise und etwas vergeßlich, verzwirbelt beim Nachdenken seinen imaginären Schnurrbart und ruft immer mal wieder:Die Wahrheit ist ein Zitronenbaiser!“

Weitere Verbündete im Kampf gegen die Mächte des Bösen sind Frau Lieblich, die Inhaberin des örtlichen Süßwarenladens, und ein Junge, der sich „Geist des Regenbogens“ nennt und der immer dann auftaucht, wenn nur noch übernatürliches Eingreifen die Dinge zum Guten wenden kann.

Im weiteren Verlauf der Geschichte bekommen die Bösen ganz schön einen auf den Deckel, und der liebe Jakob wird durch den Einsatz von Zauberschokolade reanimiert.

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Kommen wir nun zum 2. Band: Mr Gum und der Mürbekeksmilliardär“. Nachdem die vereinigten Kräfte des Guten im vorherigen Band Jakobs Hundeleben gerettet haben und Freitag O’Leary Frau Lieblich geheiratet hat und sich alle – außer den beiden Fieslingen – in ihrem Sieg gesonnt haben, nähert sich der Sommer in Bad Lamonisch an der Bibber dem Herbst.

Polly fängt gerade an, sich ein wenig zu langweilen, da trifft sie auf Björn Schneyder, einen kleinen, knusprigen Lebkuchenmann mit elektrischen Muskeln und Rosinenaugen. Er ist ein neuer Einwohner der Stadt und hat ein Herrenhaus auf dem Angeberhügel gebaut, und er ist SEHR reich. Aus einer Keksdose, die er stets mit sich herumträgt, verteilt er großzügig Geld an jeden, den er trifft, und er lädt die ganze Stadt zu einem Begrüßungsfestrummel ein.

In seiner naiven Erwartung, von jedem gemocht zu werden, wenn er entsprechend mit Geld um sich wirft, lädt er leider sogar Mr Gum und Willi Wilhelm den Dritten ein. Diese beiden freuen sich schon DIEBISCH darauf, den Mürbekeksmilliardär um seine Keksdose zu erleichtern und dann nach Frankreich zu fliehen.

Freitag O’Leary und Polly besuchen den Mürbekeksmilliardär in seinem beeindruckenden Haus und nehmen anschließend begeistert am Festrummel teil. Vom Riesenrad aus beobachten sie, wie Mr Gum und Willi Wilhelm (verkleidet als Hot-Dog-Mann) den geplanten Raubüberfall in die grobschlächtige Tat umsetzten.

Als wahre Helden und Freunde machen sie sich an die Verfolgung der Übeltäter und müssen so manches unangenehme Hindernis überwinden, bis sie die gruselige Schmugglerbucht finden, von der aus die Diebe schon in See gestochen sind.

Doch in ihrer selbstgefälligen Stinkfauligkeit lassen sich die Keksdosendiebe nur von der Strömung in Richtung Frankreich treiben. Durch das unerklärliche, aber sehr nützlich-praktische und rettende Erscheinen von Jakob dem Hund schwimmschiffen Polly und der Mürbekeksmilliardär den Bösewichtern hinterher und verhindern deren endgültige Flucht.

Björn Schneyder, geläutert durch die Erfahrung  der echten und unbezahlbaren Freundschaftsbeweise von Polly und Freitag O’Leary, übergibt den Inhalt seiner Keksdose dem Wind. „ Alle sahen in ehrfürchtiger Scheu zu, wie das Geld herausflatterte und über den Ozean flog wie kostspielige Möwen.“

Unsere lieben Helden und Heldinnen kommen genau rechtzeitig zum Blätterfest nach Bad Lamonisch zurück, und nachdem Björn Schneyder öffentlich verkündet hat, daß er nun kein Geld mehr hat und in dem ihm verbliebenen Herrenhaus eine Armenschule einrichten will, wird er feierlich zum Herbstkönig gekrönt. Alle feiern bis zum Umfallen und träumen wahrscheinlich schon vom nächsten Abenteuer. Denn Mr Gum und Willi Wilhelm haben mit ihren fiesen scharfen Fingernägeln ihre Fesseln durchtrennt und sind stinkflinkfüßig mal wieder verduftet.

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Im dritten Band Der entsetzliche Mr Gum und die Kobolde, ist der Winter in Bad Lamonisch an der Bibber eingezogen. Polly, Freitag O’Leary und Björn Schneyder sitzen in der Taverne » Zum Teufel « und grübeln herum, wer zum Teufel Frau Lieblich beim Kräutersuchen auf dem Koboldberg wohl so übel verhauen und erschreckt hat.

Björn Schneyder vermutet zu Recht, daß Kobolde die Übeltäter waren. Freitag O’Leary und Polly beschließen, auf dem Koboldberg  diesbezüglich Nachforschungen anzustellen, und verabschieden sich feierlich von Björn Schneyder, der Frau Lieblich gesundpflegen und ihr Gesellschaft leisten will.

Auf dem Weg zum Koboldberg begegnen die beiden wieder dem Geist des Regenbogens. Dieser schenkt ihnen zwei magische Utensilien, die sie bei ihrer Mission unterstützen sollen. Solcherart ermutigt meistern Polly und Freitag  „drei unmögliche Herausforderungen“ und freunden sich mit einem netten wilden Kaninchen an. Doch als sie auf dem Koboldberg übernachten wollen, werden sie von einer Horde Kobolde überwältigt, in einen Sack gestopft und zum Koboldkönig geschleppt.

Dieser Koboldkönig ist ein alter, miesmuffiger Bekannter: Mr Gum höchstpersönlich! Mr Gum und sein Schurkenkumpel Willi Wilhelm haben sich nicht nur die Macht über die Kobolde unter den dreckigen Nagel gerissen, sondern auch einen Plan zur Eroberung von Bad Lamonisch ausgedreckt – äh – ausgeheckt. Durch einen unterirdischen Tunnel, den die Kobolde schon ganz eifrig bis an den Stadtrand gegraben haben, wollen sie sich heimlich anschleichen, die Stadt überfallen und sie in „Kobold City“ verschandeln.

Polly und Freitag landen als Gefangene in einem alten Brunnenschacht und würden dort wahrscheinlich vergammeln, wenn nicht ein liebes, kleines Kaninchen und ein lieber, großer Hund (Jakob natürlich) als Fluchthelfer schon bald zur Stelle wären.

Unglaublich abenteuerlich, dramatisch, tollkühn und wunderbar kann die Eroberung von Bad Lamonisch abgewendet werden. Mr Gum und Willi Wilhelm können zwar entkommen, aber die Kobolde verwandeln sich unter dem Einfluß des „Fruchtgummis von Babylon“   in herzlich harmlose Kinder, die es gar nicht abwarten können, Björn Schneyders Armenschule zu bereichern.

Die ganze Stadt feiert ein rauschendes Freudenfest.

ENDE

Was für ein Ende? Also in Anbetracht der flüchtigen Bösewichte, nur ein vorläufiges Ende.

Der nächste Mr Gum-Einfall deutet sich schon an und heißt „Mr Gum und die Kristalle des Unheils“. Das Buch erscheint aber erst im Dezember 2013, Sie können sich also vorläufig entspannt zurücklehnen und etwas anderes lesen, z.B. meine unübertrefflichen Buchbesprechungen…

Das außergewöhnlich KAUZIGE und SCHRÄGE dieser Mr Gum-Buchreihe wird in mehrfacher Hinsicht durch den Schreibstil inszeniert:
Der Autor kombiniert den Handlungsverlauf der Geschichten mit typographischen Spezialeffekten, z.B. liebliche Schnörkelbuchstaben für die Beschreibung schöner Elemente, gaaanz kleine Buchstaben, wenn es was zu flüstern gibt, comicartige Lautmalereien bei dramatischen Szenen und Frakturschrift bei altertümlichen Formulierungen. Das unterstreicht auf abwechslungsreiche Weise die Ausdruckskraft des Textes.

Wortspielereien finden sich in den Mr Gum-Büchern wie das sprichwörtliche Heu im Heuhaufen, und dieser ganze improvisatorisch-spontan wirkende, flapsige Erzählstil und die irrwitzigen Wendungen und „lakomischen“ Randbemerkungen erinnern mich ein bißchen an die Werke von Helge Schneider.

Darüber hinaus spielt der Autor mit metafiktiven Text-Unterbrechungen und spricht die kindlichen Leser direkt an. Er behauptet z.B., es gäbe keine Bonusgeschichte zum Abschluß, und demonstriert das mit fast leeren Seiten, auf denen solch ermutigende Sätze stehen wie: „Siehst du? Leere, unbedruckte Seiten.“  Das macht natürlich erst recht weiterleseneugierig…

Andy Stantons Geschichten bekommen mit den eigenwilligen und charakterstarken Zeichnungen von David Tazzyman haargenau die richtige Zugabe.

Apropos Zugabe  –  Wie bitte?  Was höre ich da? Diese Bücherbesprechung ist aber la a aa a ng. Na, wenn Sie wüßten, was ich Ihnen alles verschwiegen habe, würden Sie sich nicht trauen, das auch nur zu denken.

Jede Menge skurriler Nebenfiguren mit ihren kleinen Nebenhandlungstätigkeiten habe ich hier vollkommen unerwähnt gelassen. Außerdem habe ich die vielen Lieder- und Gesangseinlagen verheimlicht, ganz zu schweigen von meinem absoluten Lieblingsabsatz:

„Die Hexe bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Zentimeter pro Minute vorwärts. Während die Reisenden sie beobachteten, wurde sie von einer toten Schnecke überholt.“

 

 Der Autor:

»Andy Stanton lebt in London. Nach einem abgebrochenen Englischstudium in Oxford arbeitete er unter anderem als Stand-up-Comedian, Drehbuchautor und Cartoonzeichner. ›Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum‹ ist sein erstes Buch.«

Der Illustrator:

»David Tazzyman lebt in Süd-London mit seiner Freundin Melanie und seinem (und ihrem) Sohn Stanley. Er wuchs in Leicester auf, studierte Illustration an der Manchester Metropolitan University und bereiste dann Asien, bevor er 1997 nach London zog. «

 

PS:
Und hier geht es weiter zu Band Nr. 4
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/11/mr-gum-und-die-kristalle-des-unheils/

Der letzte Tiger

  • Bilderbuch
  • Text und Illustration von Rebecca Elliott
  • Ins Deutsche übertragen von Annette Moser
  • KERLE Verlag,  Februar 2013                                  http://www.kerle.de
  • 32 Seiten, gebunden
  • Format 21,5  x  26 cm
  • 12,99 € (D), 19,50 sFr.
  • ISBN 978-3-451-71158-9
  • ab 4 Jahren
    978-3-451-71158-9_PF01_U_V4_CS5_5.indd

IM  GARTEN  DES  HERZENS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Rettung oder Erhaltung der Welt ist ganz gewiß ein Thema für Kinder, werden sie doch wahrscheinlich noch viel länger mit der Welt auskommen müssen als wir Erwachsene.

Rebecca Elliott erzählt mit wenigen, aber wesentlichen Worten und mit stimmungsvollen Bildern ein zeitgemäßes Märchen:

Ein kleiner Junge namens Luka lebt in einer städtischen, leblosen, ergrauten Welt, in der die Menschen die Natur vergessen haben und in der Pflanzen und Tiere fast nicht mehr vorkommen. Eines Nachts verfängt sich die Pfote des letzten Tigers in einer Blechbüchse. Luka hört es scheppern, und er entdeckt den Tiger. Er hilft ihm, sich von dem Schrott zu befreien, und der Tiger läuft fort. Luka verfolgt ihn bis zu einer verborgenen Höhle. Dort schenkt derTiger dem Jungen eine wunderschöne Blume zum Dank.

Die beiden freunden sich an und spielen ausgelassen miteinander. Die Doppelseite in der Mitte des Bilderbuches mit den ausdrucksvoll verspielten und warmherzigen Freundschaftsszenen finde ich ganz besonders gut gelungen.

Doch das Geheimnis der beiden ungleichen Freunde bleibt nicht lange geheim; der Tiger wird gefangen und in einem Käfig der Schaulust der Menschen preisgegeben.

Luka  sucht in seiner Verzweiflung die Tigerhöhle auf und findet am anderen Ende der Höhle einen Garten mit Pflanzen, Tieren und den vielfältigen Farben des Lebens.

Es gelingt Luka, die Menschen mit dem Versprechen auf „Etwas ganz Besonderes“ dazu zu bewegen, den Tiger freizulassen.

Gemeinsam führen sie die Menschen in das vergessene Paradies. Die Menschen bekommen Sehnsucht nach der natürlichen Schönheit der Welt und wollen sie wieder „zum Leben erwecken“.

So beginnen sie mit Hilfe des Tigers, die Welt in eine – ich bezeichne es einmal ganz überparteilich – grüne Richtung zu verändern.

„Der letzte Tiger “  ist ein liebevoll gestaltetes Bilderbuch, das ich nur jedem empfehlen kann, der möchte, daß konstruktive, naturverbundene geistige Samen in Kinderherzen gelegt werden.

 

 

Die Autorin:

»Rebecca Elliott, geb. 1979, hat ursprünglich Philosophie studiert. Nach einem langweiligen Bürojob erfüllte sie sich 2002 ihren Kindheitstraum und wurde zunächst als Illustratorin, später auch als Autorin tätig. Seither hat sie viele schöne Bücher veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Suffolk/England.«