Petronella Apfelmus, Band 5

  • Hexenbuch und Schnüffelnase
  • von Sabine Städing
  • illustriert von SaBine Büchner
  • Boje Verlag  September  2017  www.boje-verlag.de
  • gebunden
  • 208 Seiten
  • 13,00 € (D)
  • ISBN 978-3-414-82488-2
  • Kinderbuch ab 8 Jahren

H E X E N H E R B S T

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein Wiederlesen mit Petronella Apfelmus, der kleinen großen Hexe mit dem schmack- haften Namen, verspricht stets erfreulich heiteren Lesegenuß, und auch der vorliegende fünfte Band hält sein Leseversprechen.

Petronella Apfelmus ist eine Apfelhexe, die „ganz standesgemäß in einem Apfel“ wohnt. Sie ist die Hüterin eines verwilderten Gartens, der eine alte Mühle, das dazugehörige Wohnhaus und den Mühlteich umgibt. In diesem Garten wachsen viele alte, fast ver- gessene Apfelbaumsorten, und Petronella kümmert sich mit Unterstützung einiger Apfelmännchen um den Baumbestand und das Grundstück.

Zu Petronellas Spezialitäten gehört es, daß sie sich nach Belieben und Bedarf ver- größern oder verkleinern kann. Dazu benutzt sie eine magische Strickleiter: Wenn man diese Strickleiter apfelbaumaufwärts klettert, wird man so klein, daß man bequem in einem Apfel wohnen kann, klettert man hingegen apfelbaumabwärts, nimmt man eine menschliche Größe an.

Seit dem ersten Band pflegt Petronella eine gute Nachbarschaft mit der Familie Kuchenbrand, die ins Müllerhaus eingezogen ist und in der alten Mühle ein florierendes Café führt. Und die Zwillingsgeschwister Lea und Luis pflegen eine lebhafte Freund- schaft mit Petronella. Die sympathische, ebenso naturverbundene wie weise Apfelhexe Petronella Apfelmus ist für Lea und Luis zugleich kluge Ratgeberin und anregende Spielkameradin, und sie nimmt regen Anteil an ihrem Leben und Wohlbefinden.

Illustration von SaBine Büchner © Boje Verlag 2017

Es sind Herbstferien, und das Wetter ist ziemlich ungemütlich. In Petronellas Wohnapfel hat ein Ast ein Loch geschlagen. Da sie ihr Hexenbuch verliehen hat, kann sie den Schaden leider nicht mit einem Zauber beheben – denn auch Apfelhexen können nicht alle Zaubersprüche auswendig. Und ihre Schwestern, denen sie das Buch geliehen hat, sind Wetterhexen und dementsprechend etwas unberechenbar und unzuverlässig. Es kann noch eine Weile dauern, bis sie ihr Buch zurückbekommt – ganz zu schweigen vom Ärger und der Strafe, die Petronella drohen, wenn die Oberhexe erfahren sollte, daß sie unerlaubterweise ihr Apfelhexenbuch verliehen hat.

Sie bittet die freundlichen Apfelmännchen, das Loch zu flicken. Die handwerklich geschickten Gesellen Gurkenhut, Spargelzahn, Bohnenhals, Rübenbach und Karotten- wams machen sich sogleich hilfbereits daran, fachapfelmännisch die Apfelhülle zu reparieren. Daß sie dabei heimlich beobachtet werden, bemerken sie nicht.

Illustration von SaBine Büchner © Boje Verlag 2017

Lea und Luis beklagen das schlechte Wetter, lungern im Haus herum und hüten den kleinen Hund von Leas Freundin, die ihren Bello nicht mit in den Urlaub nehmen konnte. In der Nacht gibt Bello plötzlich Bellalarm, aber niemand sieht, wer da durch den Garten schleicht und spioniert.

Obwohl Petronella mit der Herstellung von Heiltränken und Kräutersalz sowie ihrer regelmäßigen Tiersprechstunde ausgelastet ist, lädt sie die Kinder und die Apfel-männchen zum Kürbisköpfeschnitzen ein. Alle haben großen Spaß, zumal Petronella den fertigen Kürbisfratzen mit Hilfe einiger Körner Schmunzelzucker eine besonders lebhafte Mimik verleiht.

Am nächsten Tag sind die Apfelmännchen verschwunden. Die Kinder finden einen seltsamen Fußabdruck im Uferschlamm des Mühlteichs, und in einer Hecke findet sich ein grünes Fellbüschel. Petronella inspiziert die Fundstücke und diagnostiziert eine Entführung der Apfelmännchen durch einen Waldschrat.

Mit ihrer Kristallkugel, einer Probe des Schratfells und einem Zauberspruch gelingt es Petronella, einen Ferneinblick in den Schratkobel zu bekommen. Offenbar hat der Schrat die Apfelmännchen entführt, damit sie seinen heruntergekommenen Kobel winterfest machen.

Illustration von SaBine Büchner © Boje Verlag 2017

Nun ist ein Ausflug in den Wald unerläßlich, und Lea und Luis dürfen sogar – allerdings nur angeschnallt – auf Petronellas Besen mitfliegen. Bei der Begegnung mit dem Waldschrat kommt es zu zauberhaften Komplikationen und erfolgreichen kindlichen Improvisationen. Keine Frage, daß die Befreiung der Apfelmännchen glückt …

Sabine Städing gelingt mit der Figur von Petronella Apfelmus eine amüsante Erweiterung der Wirklichkeit um eine wohltuende Zugabe von Magie. Geschickt überträgt sie beispielsweise die Zeigefingerdaumen-Zoomfunktion moderner Telefonbildschirme auf Petronellas Umgang mit ihrer Kristallkugel. Von Kristallkugel zu Kristallkugel können Hexen übrigens auch sichtbar miteinander telefonieren, was unter Hexen kugeln heißt. Beiläufig vermittelt jedes Petronella-Abenteuer gleichwohl auch Achtsamkeit und Respekt für die Natur und ihre sichtbaren und unsichtbaren Gaben.

Die Autorin schreibt in einem einfühlsam-augenzwinkernden, wortspiel- erischen Stil, mit anschaulicher Dramaturgie, lebhaften Dialogen, phanta- sievollen Details und spielerischem Tiefsinn. Die knuffigen Schwarz-weiß-Illustrationen von Sabine Büchner greifen den heiteren Tonfall auf und übertragen ihn in spannende und warmherzige Szenerien mit detailge- treuen lustigen Charakterzeichnungen.

Hier stimmen einfach alle Zutaten für ein gelungenes Kinderbuch und eine Kinderbuchreihe, von der man sich noch viele, viele Fortsetzungen wünscht. So kommen Kinder leicht auf den apfelmusischen Lesegeschmack – inklusive Schmunzelzucker zum Leselächeln!

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/boje/buecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_6234985
Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
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Hier finden Sie zum ersten Band von Petronella Apfelmus:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/
Und hier zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/25/petronella-apfelmus-band-2/
Und hier zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/11/petronella-apfelmus-band-3/
Sowie zum vierten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/04/petronella-apfelmus-band-4/

Die Autorin:

«Sabine Städing, wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt.«  http://www.sabinestaeding.de/

Die Illustratorin:

»SaBine Büchner, geboren 1964, studierte Kommunikationsdesign in Wuppertal und Animation an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. 2006 erhielt sie das Troisdorfer Bilderbuchstipendium. Sie zeichnet und lebt heute mit ihrem Sohn in Berlin.«

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Ein Gentleman in Moskau

  • Roman
  • von Amor Towles
  • Originaltitel: »A Gentleman in Moscow«
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel
  • List Verlag  September 2017 www.list-verlag.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag
  • 560 Seiten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-471-35146-8

BROT  UND  SALZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Graf Alexander Iljitsch Rostov steht im Jahre 1922 in Moskau vor dem Notstandskomitee – angeklagt wegen des  „Verbrechens als Aristokrat geboren zu sein“. Da er in seiner Jugend einmal ein Gedicht verfaßt hat, das einen gewissen vorrevolutionären Geschmack aufweist, wird er nicht erschossen, sondern zu lebenslangem Hausarrest im Hotel Metropol, seinem derzeitigen Wohnsitz, verurteilt.

Begleitet von zwei Soldaten verläßt Rostov den Kreml, überquert den Roten Platz und bewegt sich zum Theaterplatz, an dem sich das Hotel Metropol mit Aussicht auf das Bolschoi-Theater befindet. Auf dem Weg in die Suite, die er schon seit vier Jahren bewohnt, grüßt er freundlich zugewandt die bei seinem Anblick verdutzt bis ungläubig blickenden Hotelangestellten.

Bei der Ankunft in seiner Suite wird er vom dort wartenden Hauptmann darüber informiert, daß er von nun an in einer der Dachkammern des Hotels zu wohnen habe und daß er jetzt seine persönlichen Gegenstände, soweit sie Platz dort fänden, auswählen solle, der Rest ginge ins Volkseigentum über. Besonnen sucht der Graf aus, was ihm aus praktischen und nostalgischen Gründen relevant erscheint, und richtet sich in den neun Quadratmetern seines neuen Heims ein.

Bevor er sich zum Schlafen niederlegt, bestimmt er die Tonhöhe der Bettfedern seines neuen Bettes – Gis – und erinnert sich an seine jugendlichen Reisewünsche und seine damalige Begeisterung für schmale Kojen und ihre sparsame, zweckmäßige Ausstattung – eine Betrachtungsweise, die ihn heiter stimmt und beispielhaft für des Grafen grundsätzliche Zuversicht und Lebenszugewandtheit steht.

Erst am nächsten Morgen, als er gewohnheitsmäßig seinen genüßlich-müßiggänge- rischen Tagesablauf plant, wird ihm so recht bewußt, daß sein eingeschränkter Bewegungsradius eine neue Tagesplanung erforderlich macht. Zunächst jedoch genießt er sein übliches Frühstück – eine Kanne Kaffee, zwei Haferkekse und ein wenig Obst nach der Saison – und nimmt dabei erfreut zur Kenntnis, daß der Hotelbursche, der sein Frühstück gebracht hat, sich sehr beeilt haben muß, da der Kaffee, trotz der um drei Treppenetagen verlängerten Wegstrecke, wohltemperiert ist.

Der Graf erinnert sich an den Rat seines Onkels, der besagt, „dass ein Mensch Herr seiner Umstände sein muss, wenn er nicht von ihnen beherrscht werden will…“ (Seite 43), und reflektiert über literarische Charaktere, die in Gefangenschaft geraten sind. Beim Vergleich mit Edmond Dantes, der von Rachegedanken motiviert wurde, bemerkt Rostov, daß Rache nicht sein Metier ist – da ist ihm Robinson Crusoe näher, der sich, um sein Überleben auf einer Insel zu sichern, einfach gründlich und vorausschauend um die praktischen Dinge des Lebens kümmert.

Nachdenklich betrachtet er sein vollgestelltes Kämmerchen und beschließt, seinen Besitz noch etwas weiter zu reduzieren, und verstaut überflüssige Dinge in einer der anderen leerstehenden Kammern des Dachbodens. Dann kümmert er sich um einige organisatorische Belange und bestellt per Brief feine Leinenbettwäsche, seine Lieblingsseife und ein Millefeuille. Diskret sei noch erwähnt, daß der Graf, dank der in den Beinen seines Schreibtisches verborgenen Geheimfächer, über einen gewissen Goldmünzenvorrat verfügt, der einige Jahrzehnte auskömmlichen Lebensstils erlaubt.

Um die Zeit bis zum Mittagessen zu füllen, beginnt er Montaignes Essais zu lesen, eine Lektüre, von der ihn bisher stets andere Zerstreuungen abgelenkt hatten. Doch in seiner neuen Situation sind Zerstreuungen deutlich dünner gesät.

Sein Alltag bestand vor dem Hausarrest aus „Dinieren und Debattieren. Lesen und Reflektieren. Teestunden und Plaudereien“; und all dies kann er mit Hausarrest ebenfalls tun, aber Spaziergänge im fliederduftenden Alexandergarten sowie Galerie-, Konzert- und Theaterbesuche sind nun unerreichbar. Gelegentlich bekommt er Besuch von einem vertrauten Jugendfreund mit schriftstellerischen Ambitionen, der ihn über die neuen Leitlinien und Stildispute der russischen Literatur aufklärt.

Eine willkommene Abwechslung ist die Freundschaft mit der neunjährigen Nina, „Tochter eines verwitweten Bürokraten“, die sich eines Mittags einfach an Graf Rostovs Tisch setzt, von seinem Mittagessen zu naschen verlangt und ihm Fragen zu seiner blau-blütigen Herkunft, über Prinzessinnen und Duelle, gute Manieren sowie Respekt und Dankbarkeit stellt. Er beantwortet ihre Fragen fachkundig und – obwohl erst dreißig Jahre alt – in weiser Ausgewogenheit und naheliegender Anschaulichkeit.

Im Gegenzug führt ihn Nina hinter die Kulissen des Hotels. Sie besitzt einen General-schlüssel – der viele, viele Jahre später noch ein lebensrettendes Werkzeug für Rostov sein wird –, und gemeinsam erkunden sie Kellergeschosse, Heizungsräume, Abstell-kammern, Türen hinter Türen und versteckte Galerien, von denen aus man so manche Funktionärsdiskussionen unbemerkt belauschen kann.  In Abwesenheit von Gästen erkunden sie außerdem alle Zimmer und Suiten des Hotels, um die besten Fenster-aussichten zu bestimmen.

Jahre verstreichen, Graf Rostov arbeitet inzwischen als Oberkellner im hoteleigenen Restaurant. Seine kultivierte, verfeinerte Lebensart, sein sensibler Geschmackssinn, seine Weinkenntnisse, seine gastgeberische Nonchalance und sein zwischenmensch- liches Fingerspitzengefühl prädestinieren ihn gewissermaßen für diese Arbeit. So gelingen ihm stets ebenso harmonische wie anregende Tischplatzierungen der Restaurantgäste sowie ausgewogen feinschmeckerische Menüempfehlungen.

Seine Kollegen werden im Laufe der vielen Jahre zu Freunden, ja, zu Verbündeten. Für den Grafen ergibt sich zudem eine erfreulich tragfähige, heimliche Liebschaft mit einer berühmten Schauspielerin, die regelmäßig im Hotel zu Gast ist.

Eines Tages kehrt Nina ins Hotel zurück und bittet Rostov, ihre fünfjährige Tochter Sofia für einige Wochen zu hüten. Der Graf willigt selbstverständlich ein, und aus ein paar Wochen werden viele Jahre. Es verdankt sich nur einem schicksalsironischen, büro-kratisch-geheimdienstlichen Mißverständnis, daß Graf Rostov Sofias Ziehvater bleiben darf und Sofia nicht in einem staatlichen Waisenhaus notlandet.

Sofia wächst in des Grafen Obhut auf und zeigt musikalisches Talent. Durch das Kind fühlt sich Graf Rostov gleichsam wiederbelebt und aus seinen Gewohnheiten gerissen. Er hat nun eine unverhoffte Lebensaufgabe, an der er zunehmend Gefallen und Freude findet. Außerdem beflügelt ihn die Verantwortung für Sofia zu kühnen Fluchtplänen …

„Ein Gentleman in Moskau“ ist ein leises, unaufdringlich-eindringliches Buch, dessen Faszination in erster Linie vom äußerlich und innerlich attraktiven Hauptcharakter ausströmt. Graf Rostov verkörpert den klassischen, hochgewachsenen, edlen, höflichen Aristokraten. Er ist charmant, kultiviert, gebildet, polyglott, stilvoll, tapfer, weltläufig, ein Gastgeber, Genießer, Feinschmecker und Weinkenner.

Besonders sympathisch sind seine echte Zugewandtheit und Hilfsbereit- schaft sowie sein wahrhaftiges Wohlwollen, die er klassenunabhängig jedem Menschen und sogar der einäugigen Hotelkatze und der Taube am Fensterchen seiner Dachkammer entgegenbringt.

Wir bekommen lebhaften Einblick in seine familiären Erinnerungen und seine Ansichten zu den wechselvollen Launen des Zeitgeists; zwar empfindet er Wehmut über Verlorenes, gleichwohl bleibt er offenen Herzens und erschließt sich im Mikrokosmos des Hotels persönliche Freiräume.

Ob die relativ große Nachsicht der bolschewistischen Amtsträger Graf Rostov gegenüber der historischen Situation entspricht, wage ich füglich zu bezweifeln. Da verdankt sich einiges der dichterischen Freiheit sowie der dramaturgischen Gefälligkeit eines Unterhaltungsromans.

Der Autor erzählt diese Lebensgeschichte über den Zeitraum von 1922 bis 1954 mit eleganter Eloquenz. Die Risiken und Nebenwirkungen revolutionärer gesellschaftlicher Umbauten werden in feiner ironischer Distanz formuliert.

Beispielhaft dafür ist die Szene über die ernüchternde Gleichmacherei des hoteleigenen Weinkellers. Eines Tages gibt es auf Anordnung des Kommissars für Lebensmittel nur noch Weiß- oder Rotwein, und zehn Tage lang müssen mühsam alle Etiketten von den Weinflaschen abgepult werden, um dieses „Denkmal für die Privilegien der Aristokratie“ (Seite 182) zu zerstören.

Sehr ansprechend sind zudem die unzähligen lebenserfahrenen Reflexionen und zwischenmenschlichen Betrachtungen.

»Was kann uns schließlich der erste Eindruck über einen Menschen sagen, den wir eine Minute lang in einer Hotellobby gesehen haben? Ja, was vermag uns ein erster Eindruck überhaupt zu vermitteln? Nicht mehr, als ein einzelner Akkord uns über Beethoven sagen kann oder ein Pinselstrich über Botticelli. Von Natur aus sind Menschen so launisch, so komplex, so herrlich widersprüchlich, dass sie nicht nur unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, sondern auch unsere wiederholte Betrachtung – und unsere feste Entschlossenheit, ein Werturteil zurückzuhalten, bis wir den Menschen in den verschiedensten Umständen und zu allen Tageszeiten erlebt haben. (Seite 155)

Dieser Roman bietet wohlformulierte, stilvolle Unterhaltung, dezente Spannung, nostalgisches, kulinarisch-luxuriöses Grandhotel-Flair in Verbindung mit historischem Hintergrundrauschen sowie einen feinsinnigen, würdevollen Hauptcharakter, dessen blaublütigem Charme und großzügigem Entgegenkommen man kaum widerstehen kann.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/ein-gentleman-in-moskau-9783471351468.html

Der Autor:

»Amor Towles hat in Yale und Stanford studiert. Er ist in der Finanzbranche tätig und gehört dem Vorstand der Library of America und der Yale Art Gallery an. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Manhattan.«
Auf der Webseite des Autors gibt es eine kurze, nette, scherenschnittige Romananimation zu sehen http://www.amortowles.com/  http://www.amortowles.com/

Die Übersetzerin:

»Susanne Höbel, seit über fünfundzwanzig Jahren Literaturübersetzerin, übertrug Autoren wie Nadine Gordimer, John Updike, William Faulkner, Thomas Wolfe und Graham Swift ins Deutsche. Sie lebt in Südengland.«

 

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Petronella Apfelmus, Band 4

  • Zauberhut und Bienenstich
  • von Sabine Städing
  • illustriert von SaBine Büchner
  • Boje Verlag Oktober 2016   http://www.boje-verlag.de
  • gebunden
  • mit gelbem LESEBÄNDCHEN
  • 208 Seiten
  • 13,00 € (D)
  • ISBN 978-3-414-82454-7
  • Kinderbuch ab 8 Jahren

APFELHEXEN-LÄCHELN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Petronella Apfelmus ist eine Apfelhexe, und sie lebt im verwildert-verwunschenen Obst-garten des alten Mühlhauses. Sie hegt, pflegt und beschützt zusammen mit einigen handwerklich begabten Apfelmännchen die alten Apfelsorten und alles, was sonst noch wächst und gedeiht, kreucht, fleucht und atmet in einem naturbelassenen Garten nebst erquicklichem Mühlteich.

Vor ungefähr einem Jahr war die Familie Kuchenbrand – bestehend aus Vater, Mutter und den Zwillingen Lea und Luis –  in das preiswert zu mietende Müllerhaus eingezogen. Vater Kuchenbrand hatte gerade seine Anstellung als Bäckergeselle verloren, da sein raffgieriger Arbeitgeber Bäckermeister Kümmerling alle Gesellenarbeit durch Maschinen ersetzt hatte. (siehe meine Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/)

Inzwischen betreiben die Eltern der Zwillinge ein florierendes Café in der alten Mühle, und ihre Kinder pflegen eine vertraute Freundschaft mit Petronella Apfelmus. Die Erwachsenen halten Petronella für eine etwas schrullige Nachbarin; sie ahnen nicht, wie viele glückliche Fügungen sie Petronellas magischen Nachhilfezugaben verdanken.

Die Kinder wissen, daß Petronella eine Hexe ist. Gerne besuchen sie Petronella und ihren Freund und Mitbewohner, den Hirschkäfer Lucius, in ihrem Wohnapfel. Mit Hilfe von Petronellas magischer Strickleiter wird man nämlich beim Hinaufklettern immer kleiner und paßt schließlich bequem in einen Apfelinnenraum, und beim Hinabklettern wächst man wieder in seine normale Größe zurück.

Es ist Spätsommer, und es hat lange nicht mehr geregnet. Petronella verhilft dem von Wassermangel betroffenen Mühlteich mit einer Zauberquelle zu Frischwasser und bremst den übereifrigen Obsterntefleiß von Vater Kuchenbrand mit Hilfe von magisch inszenierten Gespinstmottenschleiern.

Eines Mittags klingelt ein Makler an der Tür und informiert die Familie darüber, daß der Vermieter die Mühle verkaufen wolle. Sie hätten selbstverständlich ebenfalls die Mög- lichkeit, die Mühle zu erwerben, und bräuchten dazu nur das Kaufgebot von 500 000 Euro zu überbieten.

Der großzügige Bieter ist niemand anderes als der Bäckermeister Kümmerling. Er fährt auch schon bald mit seiner schwarzen Limousine, in Begleitung seiner tollpatschigen Leibwächter vor und inspiziert mit vorfreudig-provokanten Besitzerallüren das Grund-stück und erklärt, daß er den Garten zum Parkplatz machen wolle, den Mühlteich zum Spaßbad, und was ihm sonst noch alles an profitorientierten Modernisierungen einfällt.

Familie Kuchenbrand ist empört und verzweifelt, ihre Existenz ist bedroht und ihr finanzieller Spielraum recht bescheiden. Während der Vater vergeblich Banken mit Kreditanfragen abklappert, überlegen die Kinder gemeinsam mit Petronella und den Apfelmännchen, wie man die Mühle vor dem Zugriff Kümmerlings retten könne. Hexen können zwar kein Geld herbeizaubern, aber Petronella weiß zum Glück, daß die Besitz-verhältnisse der Mühle komplexer sind, als es auf den ersten Maklerblick scheint.

Herr Kümmerling reibt sich schon die Hände, gleichwohl hat er die Rechnung ohne Petronellas magischen Einfluß und ohne die zwischenmenschliche Kompetenz der Kinder gemacht. Am Ende geht er leer aus, und die Familie Kuchenbrand bekommt die Mühle …

Auch im vierten Band von Petronella Apfelmus gelingt es der Autorin Sabine Städing, mit phantasievollen Details, situationskomischen Zauber- pannen, witzig gereimten Zaubersprüchen und ebenso kommunikativen wie magischen Problemlösungsstrategien eine herzlich-familiäre, unterhaltsam-spannende und zauberhaft-verspielte Atmosphäre zu erschaffen.

Die knuffigen, detailverliebten schwarz-weiß Illustrationen von SaBine Büchner fügen sich dramaturgisch lebhaft in den Erzählfluß ein und korrespondieren mit ihrer warmherzigen Heiterkeit und einfühlsamen, augenzwinkernden Charakterzeichnung ganz hervorragend mit dem Text.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
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Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/luebbe-audio/hoerbuecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus/id_5891466

Hier finden Sie zum ersten Band von Petronella Apfelmus:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/
Und hier zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/25/petronella-apfelmus-band-2/
Und hier zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/11/petronella-apfelmus-band-3/
Zum fünften Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/10/03/petronella-apfelmus-band-5/

 

Die Autorin:

«Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt.«  http://www.sabinestaeding.de/

Die Illustratorin:

»SaBine Büchner, geboren 1964, studierte Kommunikationsdesign in Wuppertal und Animation an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. 2006 erhielt sie das Troisdorfer Bilderbuchstipendium. Sie zeichnet und lebt heute mit ihrem Sohn in Berlin.«

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Viele Grüße, Deine Giraffe

  • Text von Megumi Iwasa
  • Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
  • Originaltitel: »Boku wa Africa ni Sumu Kirin to Iimasu«
  • Illustrationen von Jörg Mühle
  • Moritz Verlag   Februar 2017  www.moritzverlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 112 Seiten
  • Format: 15 x 21,6 cm
  • 10,95 € (D), 11,30 (A)
  • ISBN 978-389565-337-7
  • Kinderbuch ab 6 Jahren

HINTER  DEN  HORIZONT  SCHREIBEN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Giraffe futtert Akazienblätter und schaut gelangweilt dem Sonnenuntergang in der Savanne zu. Sie sehnt sich nach Abwechslung, und ihr fällt ein, daß Pelikan kürzlich einen Postdienst eröffnet hat.

Also entscheidet sie sich, spontan einen Brief zu schreiben, einfach so ins Blaue bzw. an das erstbeste Tier, das dem Pelikan hinter dem Horizont begegnen würde. Pelikan, der sich auch schon gelangweilt hatte, freut sich über den ersten Postauftrag und macht sich aufgeregt auf den Luftpostweg.

Die Strecke ist viel weiter, als er vermutet hatte, und den Horizont hat er auch nicht erreicht, aber immerhin das Ufer des Meeres. Dort begegnet er einer freundlichen Robbe, die ebenfalls als Briefträgerin unterwegs ist. Sie übernimmt den Brief und transportiert ihn auf dem Wasserwege zu Pinguin.

Pinguin lebt in der Walsee und geht beim großkopfigen Professor Wal in die Schule. Neugierig liest Pinguin Giraffes Brief und wundert sich, denn Giraffe schreibt, sie habe einen langen Hals, und weder Pinguin noch Wal können sich unter einem Hals etwas vorstellen.

So entfaltet sich – trotz der sehr unterschiedlichen Lebenswelten – ein reger Brief-wechsel, der voller lustiger Mißverständnisse bezüglich der äußeren Erscheinung des jeweiligen Brieffreundes ist.

Schließlich will Giraffe Pinguin besuchen und sich als Zeichen besonderen Entgegen-kommens sogar als Pinguin verkleiden. In die freudig-spekulativen Vorbereitungen zur Verkleidung und zur Reise werden Pelikan, Robbe und Wal miteinbezogen, und dann kommt es zur aufschlußreichen Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Die Überraschung ist groß und löst sich in heiteres Gelächter auf. Das gemeinsame Vergnügen vertieft  die Freundschaft …

Dieser kindliche Briefroman skizziert einfühlsam die tierischen Charaktere, und Megumi Iwasa läßt sie in einfacher – gleichwohl schmunzelanspielungsreicher – Sprache zu Wort kommen.

Die Korrespondenz zwischen Giraffe und Pinguin wird in zwei unterschied- lichen, gut lesbaren „Handschriften“ graphisch dargestellt. Die durchgehend farbigen Illustrationen von Jörg Mühle geben den Figuren warmherzig und humorvoll Gestalt und eine entsprechende Kulisse.

„Viele Grüße, Deine Giraffe“ eignet sich gut als Leseanfängerbuch und bietet Kindern zudem eine anregende, verspielte Ermutigung zum Briefeschreiben sowie die erlesene Erfahrung, daß Brieffreundschaften Langeweile vertreiben und den Horizont erweitern.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.moritzverlag.de/Alle-Buecher/Erstlesebuecher/Viele-Gruesse-Deine-Giraffe.html

 

Die Autorin:

»Megumi Iwasa wurde 1958 geboren. Sie studierte Grafikdesign an der Kunsthochschule in Tokio, an der sie nach ihrem Diplom auch arbeitete. Megumi Iwasa lebt in Tokio. Die Geschichte zu Viele Grüße, Deine Giraffe hat sie zunächst geträumt und dann aufgeschrieben. «

Der Illustrator:

»Jörg Mühle, geboren 1973 in Frankfurt am Main, studierte Illustration in Offenbach und Paris. Er ist Mitglied der Ateliergemeinschaft labor und hat seine Fähigkeit, Pinguine zu zeichnen, bereits in  An der Arche um Acht  unter Beweis gestellt.«

 

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Die Gorgel

  • von Jochem Myjer
  • Originaltitel: »De Gorgels«
  • Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
  • mit farbigen Illustrationen von Rick de Haas
  • Verlag Freies Geistesleben  März 2017   http://www.geistesleben.com
  • gebunden
  • 175 Seiten
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2789-0
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 7 Jahren

J U B E L D I B A M B A M!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Jochem Myjers Kinderbuch gibt es Gorgel, kleine spitzohrige Wesen, die mit einem Holzstock bewaffnet sind und schlafende Kinder vor den giftgrünen, schädlichen Scheußlingen beschützen. Die Scheußlinge, mit ihrer unverkennbaren Duftmarke fauliger Schweißsocken, brauchen Kinder nur anzuhauchen, und schon bekommen sie eine fiese Erkältung, Bauchweh, Kopfschmerzen oder auch schlimmere Krankheiten.

Die meisten Kinder können weder die Gorgel noch die Scheußlinge sehen, und sie ahnen nichts von den freundlichen Hütern ihres Schlafes und von den Kämpfen, die gelegentlich für ihr Wohlergehen ausgefochten werden.

Doch Melle ist ein Junge, der über eine sehr gute Beobachtungsgabe verfügt; er ist sehr naturkundig, kennt viele Vögel und betrachtet die Welt mit aufgeschlossenem Herzen. So sieht er eines Nachts ein kleines Wesen mit muskulösen Ärmchen und Beinchen auf seiner Bettkante sitzen. Als das Wesen begreift, daß Melle es sehen kann, versteckt es sich blitzschnell; aber so leicht läßt sich Melle nicht abwimmeln.

Es dauert zwar eine Weile, doch schließlich kommt Melle mit dem Gorgel, der Bobba heißt, ins Gespräch. Bobba spricht mit einem lustigen Akzent und führt stolz seine Stockfechtkünste vor, und er erklärt Melle, welche wichtigen Aufgaben Wachgorgel erfüllen. Sie sorgen dafür, daß Kinder gut schlafen, sie heilen Wunden, helfen Kindern bei der Genesung, und sie beschützen sie vor dem schädlichen Einfluß der Scheußlinge.

Alle Gorgel stammen von einer nahegelegenen Insel, auf der zufällig auch Melles Großeltern zu Hause sind. Melle erfährt, daß sein Großvater bei den Gorgeln bekannt und beliebt ist, weil er als Kind ebenfalls die Gorgel sehen konnte und die Freundschaft zu ihnen pflegte.

Als Melle seinem Vater von Bobba erzählt, ist er sehr besorgt, denn rege Wachgorgel-aktivität deutet auf nahende Scheußlingsbedrohung hin. Die Sorge ist berechtigt. Schon in der nächsten Nacht dringt ein Scheußling in Melles Zimmer ein. Bobba kämpft energisch und äußerst tapfer gegen ihn und katapultiert den Scheußling aus dem Fenster, aber der hat Bobba vorher noch ins Bein gebissen, und nun sorgt sich Melle um Bobbas Gesundheit.

Melle und sein Vater beschließen, mit dem verletzten Gorgel einen Besuch bei den Großeltern zu machen. Denn Melles Großvater weiß sehr viel über Gorgel, und auf der Insel leben Bobbas Artgenossen, die ihn hoffentlich heilen können. Der Großvater läßt Melle als Erste-Hilfe-Medizin sogleich Moosbeeren sammeln, mit denen er den fiebernden Bobba füttert.

Melle macht sich mit Bobbas geschwächter Hilfe auf die Suche nach den Inselgorgeln. Dies gelingt reibungslos, die Gorgel nehmen Bobba in ihre Obhut, und sie warnen vor einer Invasion von Scheußlingen, da sie mit ihren feinen Nasen schon die nahende, fiese Duftnote einer großen Gruppe „Grönländischer Scheußlinge“ wittern. Wenn es nicht gelänge, diese Scheußlinge aufzuhalten, dann würden viele Kinder krank werden.

Der findige Melle entwickelt aus den vorhandenen Mitteln des Meeres einen raffinierten Plan, um gemeinsam mit den Inselgorgeln die Scheußlinge zu verjagen. Es erweist sich als großer Glücksfall, daß er naturkundig ist und viel über Tiere und ihre Verhaltens-weisen weiß und trickreich die Hilfe von Taschenkrebsen, Löfflern, Möwen und Seehunden in Anspruch nehmen kann.

Jochen Myjer hat mit „Die Gorgel“ eine ebenso warmherzige wie spannende und naturverbundene Geschichte geschrieben, in der trotz einiger Gefahren und Bedrohungen ein wohltuender Grundton familiärer Geborgenheit, zuverlässiger Fürsorge und inniger Freundschaftsbindung vorherrscht.

Die Gorgel  wecken auf jeden Fall spielend die kindliche Sympathie und Neugier, und ihre zwar geheimnisvoll-märchenhafte, gleichwohl handfest-tatkräftige und zugewandt-lustige Wesensart ist eine Inspiration für große und kleine Menschen mit Beschützerinstinkten und Phantasie.

Dieses Kinderbuch gibt Anlaß zum Lesejubel oder – wie man auf Gorgelisch begeistert auszurufen pflegt – JUBELDIBAMBAM!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.geistesleben.de/Buecher-die-mitwachsen/Kinderbuch/Die-Gorgel.html

 

Der Autor:

»Jochem Myjer, 1977 geboren, ist einer der bekanntesten und beliebtesten Kabarettisten und Comedians in den Niederlanden. Sein Biologiestudium gab er nach zwei Jahren auf, um sich ganz dem Kabarett zu widmen. Er war u.a. Moderator der Kindersendung «Kinderen voor Kinderen» und spricht auch im Radio. 2010 gewann er den Cabaret Award als bester Kabarettist. Er lebt mit der Sängerin Marloes Nova zusammen und hat mit ihr zwei Kinder. Sein Buch Die Gorgel wurde 2016 mit dem Prijs van den Nederlandse Kinderjury ausgezeichnet.«

Der Übersetzer:

»Rolf Erdorf, geboren 1956, studierte Romanistik, Germanistik und Niederländische Philologie und arbeitete im Anschluss einige Jahre als freier Journalist für den niederländischen Rundfunk. Seit 1989 ist er hauptberuflich niederländisch-deutscher Übersetzer mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur sowie Kunst- und Kulturgeschichte. Für seine Übersetzungen aus der niederländischen Kinder- und Jugendliteratur erhielt er mehrere Preise, darunter den renommierten niederländischen Martinus Nijhoff Prijs sowie den deutschen Jugendliteraturpreis und den Gustav-Heinemann-Friedenspreis.«

Der Illustrator:

»Rick de Haas, geboren 1960, besuchte die Kunstakademie in Den Bosch und ist heute ein sehr gefragter Illustrator für Bilder- und Kinderbücher.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mach die Biege, Fliege!

  • Text und Illustrationen von Kai Pannen
  • Tulipan Verlag Februar 2017  www.tulipan-verlag.de
  • 104 Seiten
  • Format: 24,5 x 17 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86429-339-9
  • ab 4 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen


HERAUSSPAZIERT!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Stubenfliege Bisy und Hausspinne Karl-Heinz leben seit dem letzten Weihnachtsfest in einträchtiger Wohngemeinschaft zusammen. Wie es zu dieser außergewöhnlichen Freundschaft kam, erfährt man aus dem ersten Band „Du spinnst wohl“ (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/27/du-spinnst-wohl/ ).

Es genügt zu wissen, daß Karl-Heinz Bisy zuliebe Vegetarier geworden ist und daß die Temperamente der beiden Freunde sehr unterschiedlich sind. Bisy ist quirlig, gesellig, vorwitzig, unternehmungslustig, hat ein flottes Mundwerk und kennt sich mit der Welt außerhalb des Hauses aus. Karl-Heinz ist einzelgängerisch, schüchtern, schwerfällig, vorsichtig, hat gerne seine ungestörte Ruhe und scheut Veränderungen.

Bisy wird nach den langen Wintermonaten frühjahrsmunter und sehnt sich nach mehr Aufregung und Spannung, aber Karl-Heinz hockt lieber gemütlich auf seinem Sofa und will sich von Bisy nicht zu neuen Abenteuern animieren lassen. Beide schmollen und fragen sich, ob sie auf Dauer noch zusammenpassen.

Der gnadenlos-gründliche Frühjahrsputz der Menschen zwingt die beiden zur Flucht nach draußen. Karl-Heinz reagiert zögerlich auf die Attacken von Staubwedel, Putzbürsten und Wischlappen und liest erst noch einmal in seinem „Haushaltsratgeber für Krabbeltiere“ nach, was es mit dem sogenannten Frühjahrsputz auf sich hat, und gibt sich der Illusion hin, noch ein sichereres Plätzchen im Hause zu finden.

Bisy drängt Karl-Heinz zur Eile und schwärmt ihm von der großen, weiten Welt des Gartens vor, von Freiheit, Frischluft und Pflanzenfülle. Erst als das Dröhnen des Staubsaugers immer näher kommt, rafft sich Karl-Heinz widerwillig auf und folgt Bisy zum Fenster und von dort aus in den Garten.

Auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen für ein neues Wohnnetz krabbelt der naturbanausige Karl-Heinz zum ersten Mal in seinem Leben durch Wiesengras, hört es überall rascheln und flüstern und wird von Bisy über die Lebensgefahr durch Vögel aufgeklärt. Das Wetter ist feuchtkalt und windig, und Karl-Heinzens Laune ist nicht sehr wetterfest.

Sie begegnen einer revierverteidigenden Wespenkönigin, hilfsbereiten Kellerasseln, einer Truppe preußischer Ameisensoldaten und einem Regenwurm, der das feuchte Wetter als ganz vorzüglich lobt und vor einer Aufheiterung des Wetters warnt.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Schließlich finden sie eine Buchenhecke, in deren Geäst Karl-Heinz ein unkonventionelles Netz knüpft. Die Regenwolken verziehen sich, und die Sonne scheint auf das neue Heim der ungleichen Freunde. Kaum haben sie sich „häuslich“ eingerichtet, da kreuzt eine griesgrämige Blattwanze auf und verlangt eine Baugenehmigung.

 

Bisy macht sich über das beamtische Gehabe lustig, und Karl-Heinz überlegt, ob er sich eine Ausnahme im vegetarischen Speiseplan erlauben könne – natürlich nur bei nervigen Mitinsekten, zumal Blattwanze doch ziemlich nach Gemüse klinge.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Während Bisy einen größeren Erkundungsausflug unternimmt und beinahe von einer Libelle gefangen wird, macht Karl-Heinz in der obersten Etage der Buchenhecke Bekanntschaft mit Constanze, einer molligen, kapriziösen Schmetterlingsraupendiva, die ihn „dicker Herr Spinnerich“ nennt.

Außerdem entdeckt Karl-Heinz in der näheren Umgebung den Bonbonmarkt der  Blattläuse. Sie fabrizieren aus süßen Pflanzensäften  Ahorndrops, Birkenlutscher, Efeuschlotzer, Fliederbonschen, Holunderpastillen, Kirschstangen, Ligusterheckenkamellen, Rosengutsle … So langsam findet Karl-Heinz das Leben in der Wildnis ganz attraktiv.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Er strickt für Bisy einen Wespenanzug, damit er keine Angst mehr vor Libellenangriffen haben muß, und  Bisy bastelt für Karl-Heinz ein Skateboard für seine körperliche Ertüchtigung.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Bisy organisiert heimlich eine Geburtstagsfeier für Karl-Heinz, es gibt heftigen Streit, ja, sogar Freundschaftsverrat wegen Constanze. Bisy zieht aus dem Netz aus und sucht vergeblich eine anderweitige Bleibe. Nach einigem Hin und Her und lehrreichen zwischeninsektischen Erfahrungen finden die beiden jedoch wieder zueinander.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Und das mit der Baugenehmigung klappt dann übrigens auch noch!

Sowohl zeichnerisch als auch sprachlich wartet „Mach die Biege, Fliege!“ mit einfühlsamen, farbenfröhlichen, phantasievollen und witzigen Details auf. Die 23 Einzelkapitel sind zwischen drei bis fünf Seiten lang und großzügig illustriert. Der Lesespaß dürfte somit für Vorlesenehmer, Vorlesegeber und Selbstleser garantiert sein.

Die Beziehungsdynamik zwischen den beiden schrägen Insektentypen speist sich aus ihren sehr unterschiedlichen Charakteren, ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit und den Reaktionen der Mitwelt auf ihre ungewöhnliche Verbindung. Vordergründig ist dies amüsant, skurril und oft situationskomisch. Zwischen den Zeilen enthält diese Geschichte indes gänzlich unaufdringlich eine Riesenportion beispielhafter Toleranzübung, kommunikativer Kompetenz und Herzensbildung.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://tulipan-verlag.de/mach-die-biege-fliege/

Und als Hörbuch gibt es den versponnenen Spaß (2 CDs zu 14,95 €)  auch noch:
http://www.headroom.info/neu-2-cds-mach-die-biege-fliege.html

 

Der Autor und Illustrator:

»Kai Pannen wurde am Niederrhein geboren. Er studierte Malerei und Film in Köln und arbeitet seitdem als Illustrator und Trickfilmer. In den letzten Jahren hat er zahlreiche Bücher für verschiedene Verlage illustriert. An der Animation School Hamburg war er Dozent für Animation und Storyboard. Daneben betätigt er sich als Produzent für animierte Kinder-Kurzfilme. Kai Pannen lebt mit seiner Familie in Hamburg.«
Mehr auf www.kaipannen.de.

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band mit Bisy und Karl-Heinz: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/27/du-spinnst-wohl/

Titus und der verwunschene Wald

  • Die Märchenabenteuer von Titus Haselschein
  • von Theodor Serapion
  • mit Illustrationen  von Mirjam Zels
  • erschienen bei der MÄRCHENAKADEMIE Bamberg www.maerchenakademie.de
  • konzipiert und herausgegeben von »Innovation durch Sprache«:
  • Dr. Martin Beyer/ Corporate Story & Creative Writing
  • gebunden, mit grünem LESEBÄNDCHEN
  • 160 Seiten
  • Format: 21,4 cm x 21,4 cm
  • 14,95 €
  • ISBN 978-3-00-052964-1
  • Altersempfehlung: 8 bis 12 Jahre
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MÄRCHEN  MITMACHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Märchenakademie – das wäre etwas für mich gewesen! Doch ich bin kein Kind mehr, und so bleibt mir nur der kleine Trost, eine feenstaubige Buchbesprechung zu verfassen und beiläufig die Kunde von der Märchenakademie zu verbreiten.

Der Märchenlehrling Titus Haselschein darf – im Gegensatz zu mir – die Märchenakademie besuchen. Dies tut er mit Begeisterung schon seit zwei Jahren. Der Musterschüler kann viele Märchen auswendig, und in den Fächern Ausdauererzählen, Spannung & Gänsehaut, Richtiges Atmen, Märchenbuchbinderei und Märchengesang hat er lauter Einser. Nur in Märchentanz hat er eine Vier, da ist er einfach zu schwerfällig und zu tollpatschig.

Das dritte Ausbildungsjahr ist ein Praktisches Jahr, d.h. alle Märchenlehrlinge werden zur Erweiterung ihres Märchenhorizontes in die verwunschenen und wilden Wälder rund um die Märchenakademie geschickt. Jeder muß alleine losziehen und bekommt lediglich einen Schnurberryrucksack aus echtem Piratensegeltuch, gefüllt mit Proviant und Werkzeug, sowie einen Kompaß mit. Bücher sind im Praktischen Jahr nicht erlaubt, denn es ist Sinn und Zweck dieses Jahres, Märchen am eigenen Leibe zu erfahren.

Titus ist schon ein wenig mulmig zumute, denn der Wald birgt viele geheimnisvolle Wesen, die Nächte sind richtig dunkel, und er ist ganz auf sich alleine gestellt. Doch seine erste Begegnung mit Märchenwesen beginnt ziemlich lustig mit den Sieben Zwergen.

Als diese von Titus darüber informiert werden, daß er als Märchenlehrling unterwegs sei, um spannende Abenteuer zu erleben, warnen sie ihn eindringlich vor den Gefahren, die auf ihn lauern, und bieten ihm die freigewordene Stelle als Haushälter in ihrem Häuschen an, das nach Schneewittchens Heirat ganz schön verwahrlost sei. Dort wäre er auch sicher und geschützt, und nach einem Jahre stellten sie ihm gerne ein löbliches Zeugnis aus.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Dankend lehnt Titus das wenig verlockende Angebot ab und wird kurzerhand von den Zwergen an die nächstbeste Kastanie gefesselt. Dort habe er Bedenk- und Befürchtungszeit genug, und wenn die Zwerge später aus dem Bergwerk von ihrer Arbeit zurückkämen, fragten sie ihn gerne noch einmal, ob er nicht doch ihr Haushälter sein wolle.

So hatte sich Titus seine ehrenvollen Märchenabenteuer nicht vorgestellt. Hilflos an einen Baum geschnürt, unerreichbaren Juckreizen ausgesetzt und – raschel, raschel, raschel – wer naht sich Titus da von oben aus dem Kastanienblätterdach? Rabea Wintergrün, eine Elfe, eine sehr schnippische Elfe, die sich vehement dem Klischee widersetzt, das Elfen schön, zart und hilfsbereit seien. Erst nachdem Titus ihr den Schneewittchen-Rap vorgesungen und ihn sogar mit ihr einstudiert hat, ist sie bereit, ihn zu befreien.

Von nun an bestreiten Titus und Rabea die Märchenabenteuer gemeinsam, auch wenn wir das Wort bestreiten durchaus buchstäblich verstehen dürfen. Denn die beiden können sich einfach nicht darüber einigen, ob die goldene Märchenregel, daß das Gute über das Böse triumphiere und die Gerechtigkeit siege, wahr sei oder ob alles, was geschehe, reiner Zufall sei.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Titus und Rabea begegnen einem seltsamen Hexenhausmakler (mit dem Namen Stanislaus McKimsey), Aschenputtels Stiefschwestern, diversen Prinzen und Königen, dem Bösen Wolf (der Reime reimt und Früchte verzehrt), einem Botenfrosch, Rapunzel, Dornröschen, einem überarbeiteten Schloßgärtner, dem Gestiefelten Kater, den Bremer Stadtmusikanten und mehrfach dem explosiven Rumpelstilzchen.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Die Märchencharaktere verhalten sich meist nicht der Erwartung gemäß. Titus und Rabea müssen ganz schön improvisieren, um Gefahren zu meistern und Probleme zu lösen. Das Rumpelstilzchen ist der einzige Charakter, der unverschlechterlich so agiert, wie es im Märchenbuche steht.

Nach einem Jahr und vielen unfreiwilligen Tanzstunden mit Rabea kehrt Titus an die Märchenakademie zurück; sein Professor lobt ihn besonders dafür, daß er die Freundschaft einer Elfe gewonnen hat …

Der geheimnisvolle Autor erzählt das Märchen im Märchen vergnüglich-humorvoll und mit metafiktiven Randbemerkungen, die „interprosaische“ Dialoge zwischen dem Erzähler und Titus sowie die direkte einbeziehende Ansprache der Leser ermöglichen. Die metafiktiven Einlassungen tragen zur Verzauberung des Leseerlebnisses bei und regen zu eigenen Reflexionen an.

Stilistisch bedient sich der Autor einer sprachlichen Kombination aus klassischem Märchenton und maßvoller Umgangssprache sowie amüsanten Wortspielen, witzig-rätselhaften Wortabkürzungen und anspielungsreichen Namensschöpfungen. Für zusätzliche Spannung und Heiterkeit bürgen die überraschenden, oft untypischen Verhaltensweisen der Märchenfiguren und die Beziehungsdynamik zwischen Rabea und Titus.

Voraussetzung für diesen märchenselbstironischen Lesegenuß ist selbstverständlich, daß Kinder mit den Originalmärchen vertraut sind! Das hoffe ich jedenfalls. Denn eine Kindheit ohne Märchen ist zwar möglich, aber eigentlich eine unmögliche Kindheit.

In „Titus und der verwunschene Wald“ wird ebenso anschaulich wie anregend vorgespielt, wie vielseitig sich der klassische Märchenschatz  weiterspinnen und in andere Darstellungsformen übersetzen läßt. Das zeitlose Element der Märchen kann sich mit modernen musischen Ausdrucksformen durchaus fruchtbar verbinden, wie man an den im Buch vorgestellten Märchen-Rap-Liedtexten ablesen kann. Zwei Refrains aus dem Rapunzellied mögen dies demonstrieren:

» Rapunzel lass dein Haar herunter!
Hier draußen wär‘ dein Leben bunter.
Rapunzeldidunzeldipunzeldidu,
niemand singt so traurig wie du.

Rapunzel lass Dein Haar herunter!
Jetzt wird dein Leben endlich bunter.
Rapunzeldidunzeldipunzeldidu,
niemand singt so fröhlich wie du. «

(Seite 103/104)

Wenn eine solche Märchenzubereitung heutigen Kindern die Beschäftigung mit Märchen schmackhaft macht und sie darüber hinaus dazu animiert, sich zum Mitgestalter märchenhafter Inszenierungen „ausbilden“ zu lassen und eine Karriere als Märchenerzähler anzustreben, dann finde ich das ganz zauberhaft. So ist „Titus und der verwunschene Wald“ zugleich ein originelles, spannendes, phantasieanstiftendes und vergnügliches Kinderbuch und ein charmant-verlockender Botschafter für die Märchenakademie.

 

Eine fast zwanzigminütige Vorleseprobe kann man hier belauschen:
http://maerchenakademie.de/buch/

 

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

 

Der Autor:

»Theodor Serapion ist ehemaliger Schüler der Märchenakademie. Mehr über ihn findet sich auf seiner Webseite: www.theodor-serapion.de

Die Illustratorin:

«Mirjam Zels lebt in Hamburg und illustriert und schreibt preisgekrönte Kinderbücher, unter anderem für Carlsen und für die Märchenakademie. www.mirjamzels.de «

Die Märchenakademie:

Die Märchenakademie gibt es wirklich. Sie hat ihren Sitz in Bamberg.
»Die Märchenakademie bildet aus! Schülerinnen und Schüler der 3. bis 6. Schulklassen können bei der Märchenakademie mitmachen und sich zu wunschpunschgenialen Märchenexperten ausbilden lassen: in Workshops, auf der Webseite und in weiteren Spiel- und Lernformen, die an der Universität des Saarlandes entwickelt werden!
Alle Informationen darüber gibt’s auf unserer Webseite www.maerchenakademie.de

 

PS:
Die Künstlerin Petra Pawlowsky hat auf ihrer Webseite „da sein im Netz“ https://pawlo.wordpress.com/ das Projekt KINDER IM AUFWIND initiiert.

In ihren eigenen Worten: »Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…«

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

Sie lädt weitere Blogger dazu ein, thematisch passende Texte, Bilder, Fotos, Musik, Gemälde, digitale Kunst, Gedichte, Lieder, Zitate usw. per Linkhinweis ergänzend hinzuzufügen.

Da ich der kindheitsselbsterfahrenen Überzeugung bin, daß Märchen ein elementarer Bestandteil heilsamer Herzensbildung sind und daß der kindliche Geist von Märchen beflügelt wird, reihe ich meine Rezension von „Titus und der verwunschene Wald“ gerne bei KINDER IM AUFWIND ein.

 

 

Lebensgeister

S E E L E N S C H I M M E R N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Lebensgeister“ ist ein meditatives Buch, erzählt in einer leisen, unaufgeregten Sprache, die Klarheit, Mitgefühl und Trost ausstrahlt.

Die Geschichte beginnt mit dem kompletten Text des Liedes „Lover Lover Lover“ von Leonhard Cohen. Dieses Lied erklang im Auto, als der Unfall geschah, den Sayoko schwerverletzt überlebte und der Sayokos Geliebten Yōichi das Leben kostete

Bevor Sayoko im Krankenhaus wieder zu Bewußtsein kommt, macht sie eine liebe- und lichtvolle Nahtoderfahrung und wird von ihrem verstorbenen Großvaterfreundlich, aber bestimmt dazu aufgefordert,  ins Leben zurückzukehren.

Sayoko widmet sich ihrer Genesung, kümmert sich in Kyōto um das Atelier sowie Yōichis künstlerischen Nachlaß und ist dankbar für die herzliche Geborgenheit, die ihre Eltern und Schwiegereltern ihr schenken. Das Katalogisieren von Yōichis Skulpturen und Skizzen lindert ihre Trauer, gibt ihr eine sinnvolle Beschäftigung und ein Gefühl von ferner Nähe zum verstorbenen Geliebten.

Der Unfall, die Nahtoderfahrung und die Trauer haben Sayoko verändert. Sie geht verwandelt durch die Welt, bemerkt Feinheiten und Farben, die ihr früher entgangen sind, und sie kann die Geister/Seelen der Verstorbenen sehen, die sich noch nicht ganz von der irdischen Welt gelöst haben.

Die Wahrnehmung und Begegnung mit solchen Geistern ist nicht dramatisch, sondern ganz unspektakulär, alltäglich, ja, oft friedlich und in manchen Fällen sogar ganz sympathisch. Nur Yōichi kann sie nicht sehen, da er offenbar leichten Herzens die Erde verlassen hat und nicht „herumspukt“.

Abends besucht Sayoko regelmäßig eine gemütliche Bar, um gewissermaßen rituell „ihre Wunden zu desinfizieren“, wie sie selber scherzhaft anmerkt. Der aufmerksame Barkeeper Shingaki behandelt sie sehr fürsorglich, und auch er scheint über eine Wahrnehmung zu verfügen, die über das übliche hinausgeht.

Sayoko  schmeckt zärtlich-wehmütigen Erinnerungen an Yōichi nach, aber sie schließt auch Freundschaft mit Ataru, der um seine verstorbene Mutter trauert und gleichwohl von sehr lebenszugewandter und heiterer Wesensart ist.

Langsam wächst Sayokoks Vertrauen wieder, Dankbarkeit, Hoffnung, Sehnsucht, Zuversicht und freundschaftliche Verbundenheit entstehen in einfacher Selbstverständlichkeit. Sayoko kann sich schließlich mit vertiefter Empfindsamkeit und Daseinsfreude dem Leben zuwenden und den Tod akzeptieren.

Sanftmütig, federleicht und herzenstief wird in „Lebensgeister“ mit Leben und Tod umgegangen. Ganz ohne heiligen Bimbam, unsentimental und doch feinfühlig findet Sayoko ins Leben zurück und öffnet ihr Herz weit für das Jetzt.

Zum Ausklang und zum Lesevorkosten noch drei Zitate:

»Der Tod nimmt nicht mit dem Alter zu. Er ist immer bei Dir, ganz nah. Nur das Denken an den Tod nimmt zu und nagt an der Illusion, vor dem Unausweichlichen noch eine Weile sicher zu sein.« (Seite 105)

»Wenn du zu weit nach vorne schaust, stolperst du. Verweile lieber im Moment, und gehe Schritt für Schritt deinen Weg.«  (Seite 111)

»Wir haben nur das Jetzt, Augenblick für Augenblick, aber welch eine unerschöpfliche Fülle sich allein schon in einem einzigen Moment offenbart!« (Seite 130)

 

Die Autorin:

»Banana Yoshimoto, geboren 1964, hieß ursprünglich Mahoko Yoshimoto. Ihr erstes Buch ›Kitchen‹ schrieb sie während ihres Studiums, jobbte nebenbei als Kellnerin in einem Café und verliebte sich dort in die Blüten der ›red banana flower‹, daher ihr Pseudonym. Ihr Vater Ryumei Yoshimoto war ein bekannter Essayist und Literaturkritiker. Sie schrieb zahlreiche Bücher, die auch außerhalb Japans ungewöhnlich hohe Auflagen erreichten. Ihr Debütroman verkaufte sich auf Anhieb millionenfach – ein Phänomen, für das dann die Bezeichnung ›Bananamania‹ gefunden wurde.«
Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/banana-yoshimoto/lebensgeister-9783257300420.html

Nur ein Tag

  • Eine Geschichte von Martin Baltscheit
  • mit Bildern von Wiebke Rauers
  • nach einer Idee von Anna Gabbert
  • Dressler Verlag   Januar 2016   http://www.dressler-verlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 105 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7915-2702-4
  • ab 6 Jahren
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CARPE  DIEM!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Geschichte vom warmherzigen Wildschwein und vom feschen Fuchs, die eine kleine, lebensfrohe Eintagsfliege mit einer Notlüge über die kurze Dauer ihres Daseins hinwegtäuschen, führt an einem einzigen Tag durch ein ganzes Leben.

Im Mai, zur Zeit der Morgendämmerung, sitzen Fuchs und Wildschwein auf ihren Klappstühlen am Ufer ihres Sees. Sie frühstücken genüßlich mit Tee und Trüffelpuffern und warten darauf, daß eine Eintagsfliege schlüpft. Das Wildschwein wendet ein, daß es die neue Eintagsfliege lieber nicht kennenlernen möchte, weil es schmerze, sie liebzugewinnen, und wenn sie stürbe, müsse er wieder weinen. Der Fuchs sieht das pragmatischer und meint: »Der Tod ist wie das Leben – unvermeidbar. Niemand weint über das Leben und deshalb sollte auch keiner über den Tod weinen.« (Seite 12)

 

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Also bleiben sie und schauen zu, wie aus einer Larve an einem Uferhalm eine Eintagsfliege schlüpft und ihre neugeborenen Flügel entfaltet. Es  ist ein wunderschönes Eintagsfliegenmädchen, mit rundem Gesicht und grünen Haaren, und das Wildschwein will sich schon wieder zurückziehen, um sich nicht sogleich zu verlieben. Doch dazu ist es zu spät.

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Die kleine Fliege spricht die beiden großen Tiere munter und neugierig an und erzählt ihnen, welch vollen Terminkalender sie habe. Beiläufig flirtet sie mit dem gar nicht abgeneigten Fuchs. Gerührt lauschen Fuchs und Wildschwein den hoffnungsvollen Lebenslaufplänen der kleinen Fliege und bringen es nicht übers Herz, ihr zu sagen, daß sie nur die Spanne eines einzigen Tages zur Verfügung habe.

Dementsprechend traurig schauen sie aus, und als das Eintagsfliegenmädchen sie fragt, warum sie solche Trauerklöße seien, behauptet das Wildschwein als spontane Ausrede, der Fuchs habe nur noch einen Tag zu leben.

Voller Mitgefühl vergießt die kleine Fliege einige Tränen und beschließt dann, unerschütterlich tätigkeitsfroh dabei zu helfen, diesen letzten Tag für den Fuchs zu einem besonders beglückenden Tag zu machen.

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Das Wildschwein hat Bedenken, aber die gute Laune und heitere Verspieltheit der kleinen Fliege sind nicht aufzuhalten. Gewissermaßen im Zeitraffer wird der Fuchs von der Eintagsfliege eingeschult und lernt Rechnen, bis er Muskelkater im Kopf hat. Zum Ausgleich darf er eine Runde Hühner jagen – aber nur jagen, nicht fressen -, das bittet sich die friedliebende Eintagsfliege aus.

 

 

 

Sie spielen einen ganzen Lebenszyklus durch: »Der Stundenplan der Lebens füllt sich von selbst. Babys werden groß, Erwachsene werden kleinlich. Kinder machen sich lustig. Erwachsene machen sich Sorgen. Die Jugend hat ein Ziel, die Alten wandern. Alles passt in ein Leben, alles Leben passt in einen Tag und manchmal gibt eine kleine Fliege das Tempo vor.« (Seite 69)

 

Der Tag ist schon weit fortgeschritten, als sich der Fuchs verplappert und die kleine Fliege begreift, daß der Fuchs gar nicht sterben wird, sondern daß sie ihren ein und einzigen Tag mit zwei „Lügensäcken“ verplempert hat. Sie schwirrt wütend fort und trifft auf eine andere Eintagsfliege, die den ganzen Tag über nur düster die vergehende Zeit rückwärts zählend aufsagt und vor lauter Todesangst kein Fünkchen Freude im Leben sehen kann.

Während des Gesprächs mit der trübsinnigen Zeitansage-Düsterfliege erkennt die kleine Fliege, daß es Fuchs und Wildschwein nur gut mit ihr gemeint haben und daß sie einen wunderschönen, lebenslänglichen Tag mit den beiden verbracht hat. Außerdem fällt ihr noch ein wichtiger Sinn und Zweck ihres Daseins ein, um den sie sich umgehend kümmert …

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Am späten Abend treffen sich schließlich Wildschwein, Fuchs und Eintagsfliege versöhnlich am Ufer des Sees wieder. Fuchs und Wildschwein versprechen der kleinen Fliege feierlich, auf das Ei aufzupassen, das sie inzwischen in den See gelegt hat. Zum Abschied singen die beiden der Eintagsfliege ein Einschlaflied und bleiben bis zum endgültigen Ende bei ihr.

»Man nimmt Platz und sieht die Sonne hinter den Bergen einen rosaroten Himmel malen. Es ist der letzte Vorhang für die allerliebenswerteste Eintagsfliege, die sie je in ihrem Leben kennengelernt haben.« (Seite 91)

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

Es ist eine Kunst, ernste Themen für Kinder mit heiterem Tiefsinn zu erzählen. Dies ist dem Autor hier wunderbar gelungen; die Dialoge sind ebenso amüsant wie gefühlvoll, die dramaturgische Abfolge der Erzählszenen ist flüssig und spannend, die Beziehungsdynamik psychologisch stimmig, der Humor feinsinnig und die Herzen der drei Hauptcharaktere sind sehr groß. Die Sprache ist auf leichte Weise anspruchsvoll und zugleich auf niveauvolle Weise einfach, gelegentliche Fremdwörter werden im Verlaufe der Erzählung jedoch immer beiläufig erklärt, und poetische Passagen kommen auch zu Wort.

Der Traumberuf der kleinen Eintagsfliege ist Dompteuse für fleischfressende Pflanzen. Solche einfallsreichen Details zeugen von origineller und einfühlsamer Phantasie und erfreuen das kindliche Gemüt.

Ein erwähnenswertes buchgestalterisches Detail ist die Farbgebung des Textes. Sämtliche Sprech- und Denktexte der Eintagsfliege sind in grüner Farbe gedruckt, und die Wortbeiträge der trübseligen Eintagsfliege erscheinen in dunkelblauer Farbe.

Die durchgehend farbenfrohen Illustrationen von Wiebke Rauers geben Wildschwein, Fuchs und Eintagsfliege lebhafte Gestalt. Sie sind ausdrucksvoll, witzig, gefühlsecht in Körpersprache und Mimik, und die kleine Eintagsfliege ist ihr wirklich sehr niedlich und „allerliebenswertest“ gelungen.

Die Lebensbegeisterung und Daseinsintensität der kleinen Eintagsfliege sind überaus anrührend, die Großzügigkeit, mit der sie sich dem Leben, der Freundschaft und dem Beglücken hingibt, ist geradezu vorbildlich, und zwar ebenso für kleine Kinder wie für große Kinder und für Erwachsene.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlags-Webseite, dort kann man auch einige Seiten durchblättern:
http://www.dressler-verlag.de/nc/schnellsuche/titelsuche/details/titel/1327024/14525/27951/Autor/Martin/Baltscheit/Nur_ein_Tag_.html

Der Autor:

»Martin Baltscheit ist ein ganz und gar erstaunlicher Fuchs: er schreibt Bücher, Theaterstücke, Hörbücher und macht Filme für Kinder und Jugendliche. Für seine Arbeiten hat er viele Preise erhalten, darunter alle deutschen Staatspreise, wie den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Deutschen Kurzfilmpreis und den Deutschen Jugendtheaterpreis. Jetzt liegt sein erfolgreichstes Kindertheaterstück, »Nur ein Tag«, endlich in Buchform vor. Martin Baltscheit lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.«  http://www.baltscheit.de/

Die Illustratorin:

»Wiebke Rauers, geboren 1986, studierte Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration in Düsseldorf. Nach ihrem Diplom 2011 zog sie nach Berlin und arbeitete fünf Jahre als Charakterdesignerin in einem Animationsfilmstudio. Seit 2015 ist sie Freiberuflerin in Berlin und arbeitet an Apps, Ausstellungen und allem, was mit Illustrieren zu tun hat. »Nur ein Tag« ist das erste Kinderbuch, das sie illustriert hat.«

»Für die Coverillustration des Buches „Nur ein Tag“ (Dressler) von Martin Baltscheit wurde die Illustratorin Wiebke Rauers mit dem Carl-Buch-Preis 2016 ausgezeichnet. Zum zweiten Mal wurde der Preis im Rahmen des Hamburger Lesefestes „Seiteneinsteiger“ für die beste Kinderbuch-Coverillustration verliehen. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert und wurde am 13. Oktober 2016 beim Empfang des „Seiteneinsteiger“-Lesefestes an die Illustratorin Wiebke Rauers überreicht.
http://www.dressler-verlag.de/startseite/newsdetailseite/vonseite/501/artikel/carl-buch-preis-2016-geht-an-wiebke-rauers.html
Aus der Jurybegründung:
„Eine mit interessanten Charakteren und großartigen Farben komponierte Coverillustration, die sowohl Erwachsene als auch Kinder anspricht.“«

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Illustration Wiebke Rauers © Dressler Verlag 2016

 

Querverweise:

Hier folgen ergänzende Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:

Ente, Tod und Tulpe
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/13/ente-tod-und-tulpe/
Erik und das Opa-Gespenst

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Opa Meume und ich 
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/opa-meume-und-ich/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Überall & Nirgends / Gedichte über Tod und Trauer
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/07/03/ueberall-nirgends/
Wie lange dauert Traurigsein?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/03/wie-lange-dauert-traurigsein/

Das Herz der Puppe

  • von Rafik Schami
  • Mit Bildern von Kathrin Schärer
  • Hanser Verlag  2012       www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • 192 Seiten
  • 12,90 € (D), 13,30 € (A), 18,90 sFr.
  • ISBN 978-3-446-23896-1
  • ab 8 Jahren
    Schami_23896_MR.indd

P U P P E N V E R S T E H E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Warmherzig und weise sowie mit einem stets schelmisch-verständnisvollen Blick für die kindliche und die elterliche Perspektive – so zeigt sich Rafik Schamis Erzählkunst auch in dieser Geschichte.

Die kleine Nina besucht mit ihren Eltern einen Flohmarkt. Während ihre Eltern mit einem Standinhaber über den Preis einer Lampe verhandeln, hört Nina zu, was verschiedene Stofftiere und Spielzeugfiguren ihr erzählen. Nina ist ein intuitives und empfindsames Kind, das noch die Beseeltheit der Dinge wahrnehmen kann.

Ganz verborgen, im Gekürmel unter dem Verkaufstisch entdeckt Nina eine alte Puppe mit grünen Augen und feuerroten Haaren. Für Nina ist es Liebe auf den ersten Blick, und nachdem sie den Preis von drei Euro auf zwei Euro heruntergehandelt hat, drückt sie die neue, alte Puppe an ihr Herz.

Die Puppe, die Widu heißt, hatte lange vergessen auf einem Dachboden gelegen, und sie freut sich sehr, nun wieder einem Kind Gesellschaft leisten zu können. Widu kann viele Geschichten erzählen, sie hat stets guten Rat für die alltäglichen Ängste, Probleme und Sorgen Ninas, und sie kann Nina die Angst sogar aus dem Herzen saugen. Seit Nina mit Widu im Arm schläft, haben Albträume keine lange Haltbarkeitsdauer mehr, und Nina fühlt sich weniger alleine.

Nina hat sehr liebevolle, aber vielbeschäftigte Eltern und eine warmherzige Tante. Nach dem kürzlich erfolgten Umzug sind ihre alten Kinderfreundschaften beendet, in der neuen Schule ist Nina noch nicht heimisch, und in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt leider gar kein Kind, was Widu zu der  treffenden Bemerkung veranlaßt: „Ohne Kinder ist jede Straße eine Wüste.“

Widu übt mit Nina lustige Zungenbrecher und Scherzverse,  philosophiert aber auch über ernste Themen  wie beispielsweise Leben und Tod. Dabei erfährt Nina, daß Puppen, da sie kein Herz hätten, unsterblich seien. Sie könnten sich allerdings ein Herz wünschen, doch dann wäre ihre Lebensdauer davon abhängig, wie lange das Kind, zu dem sie gehören, das Staunen nicht verlerne.

Die Verbundenheit mit Widu ermutigt Nina zu mehr Selbstvertrauen. Als Nina bei einem vorweihnachtlichen Einkaufsgehetze ihre Puppe verliert, ist sie fast untröstlich. Nach drei schlaflosen Nächten kann Nina ihre Puppe jedoch in einem ganz besonderen Fundbüro wieder abholen. Der Leiter des Fundbüros gehört jedenfalls zu der Sorte Erwachsener, die das Staunen nicht verlernt haben; aber das ist eine andere Geschichte …

Widu ist eine humorvolle und wunderbar-wortspielerische Begleiterin. Mit Widus kluger Hilfe lernt Nina, sich gegen einen aufdringlichen Schulkameraden zu wehren, und sie lernt den Unterschied zwischen echter und unechter Freundschaft.

Als Nina wegen einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus muß, kommt Widu selbstverständlich mit. Den Gesprächen  der Krankenschwestern entnimmt Widu, daß die Lage sehr ernst ist …  Zum Glück erwacht Nina aus ihrer Bewußtlosigkeit, und sie wird wieder gesund.

Das erste, was Nina spürt, als ihr Fieber sinkt, ist das Herzklopfen ihrer Puppe. Verwundert fragt Nina, warum Widu denn ihre Unsterblichkeit aufgegeben habe. Und Widu antwortet: „… Weißt du, Puppen möchten eigentlich kein Herz haben, und ich habe mir lange eingeredet, dass das auch bei mir nicht anderes sein kann. Ich habe mich versteckt, aber die Liebe findet einen doch. Sie braucht ein Zuhause, und sie braucht ein Herz.“ (Seite 183)

Keine Frage, daß Nina sich schwört, niemals ihr Kinderherz zu verlieren und auch als Erwachsene ein Kind zu bleiben! Das Rezept dafür bekommt sie von Widu:

„Solange du Raureif und Tau für ein Wunder hältst und jeden Vollmond anschaust, als stünde er zum ersten Mal am Himmel, solange du über jede Blume staunst und jeden Schmetterling und jeden Stern als einzigartiges Wunder betrachtest – so lange bleibst du ein Kind.“ (Seite 184)

Dieses Buch voller Alltag und Wunder, spielerischem Tiefsinn und poetischer Phantasie zeugt von Rafik Schamis lebendigem Kinderherzen. Ich lege es Lesern von acht bis achtundachtzig Jahren ans Herz.

Link zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-herz-der-puppe/978-3-446-23896-1/

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. 1979 promovierte Rafik Schami im Fach Chemie. Seit 2002 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste. Sein Werk wurde in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Preis „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“ (2011) und zuletzt mit dem Großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur sowie dem Preis der Stiftung Bibel und Kultur (2015). Im Hanser Kinderbuch erschien zuletzt Das Herz der Puppe (2012) und Meister Marios Geschichte (2013), im Erwachsenenprogramm des Verlages Die dunkle Seite der Liebe (Roman, 2004) Das Geheimnis des Kalligraphen (Roman, 2008), Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (2011) und Sophia oder Der Anfang aller Geschichten (2015).«
Mehr auf: http://www.rafik-schami.de/

Querverweis:

Hier geht es zu meiner Besprechung von Rafik Schamis Kinderbuch  Meister Marios Geschichte, in der sich Marionetten als Freiheitskämpfer entpuppen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/22/meister-marios-geschichte

Hier entlang zu Rafik Schamis berühmtem Bilderbuch „Der Wunderkasten“, das von der Zauberkunst handelt, mit Worten zu malen und Kinder zu lehren, mit dem Herzen zu sehen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/14/der-wunderkasten/

Und hier entlang zu seinem märchenhaft-schelmischen „Erzähler der Nacht“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/01/30/erzaehler-der-nacht/