Bei dir

  • Text und Illustrationen von Milja Praagman
  • Originaltitel: »Bij jou«
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • Verlag Freies Geistesleben, August 2021 www.geistesleben.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 28,6 x 24,3 cm
  • 32 Seiten
  • 16,00 € (D), 16,59 € (A)
  • ISBN 978-3-7725-2915-3
  • Bilderbuch ab 3 JahrenBei dir Titelbild

S E H N S U C H T S W E G E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein Bär und ein Maulwurf schlafen aneinandergeschmiegt in ihrer gemeinsamen Winter-höhle. Doch der Bär wird plötzlich ganz munter und verläßt die Höhle, um die schönen Bilder, die er im Traum gesehen hat, draußen zu suchen.

Er trifft eine Biene und erzählt ihr von der Schönheit seines Traumes. Die Biene weist den Bären auf eine schöne Blume hin, aber die ist zu klein, und auch der Hinweis auf den großen Wald paßt nicht zum gesuchten Traumbild. Da führt die Biene den Bären auf eine große, bunte Frühlingsblumenwiese, und diese Szenerie entspricht nun endlich dem Traumbild des Bären.

Genüßlich und zufrieden legt sich der Bär auf die Wiese. Der Sommer kommt und bringt dem Bären Sommerküsse von der Biene, der Herbst folgt mit buntem Blätterreigen, und da verspürt der Bär nun ein neues Sehnsuchtskribbeln, und er erkennt, daß er den Maulwurf vermißt. Also macht er sich begleitet, von den ersten Schneeflocken, auf den Rückweg zur Winterhöhle.

Bei dir Weg zurück

Illustration von Milja Praagman © Verlag Freies Geistesleben 2021

Freudig wird der Bär vom Maulwurf begrüßt und in der vom Maulwurf inzwischen eigens vergrößerten Höhle willkommen geheißen, denn die Träume des Bären sollen auch Platz in der Höhle finden.

Nach dem  gemeinsamen Winterschlaf führt der Bär den Maulwurf zur Frühlingswiese.  Der Maulwurf findet die Wiese traumhaft, und der Bär gesteht, daß er am liebsten bei und mit dem Maulwurf träume.

Bei dir Frühlingsblumenwiese

Illustration von Milja Praagman © Verlag Freies Geistesleben 2021

Dieses Bilderbuch umkreist anschaulich die Jahreszeiten. Zeichnerisch drückt sich dies in einer der jeweiligen Jahreszeit entsprechenden bota- nischen Kulisse und Farbgebung aus, und auch das Bärenfell ist mit den passenden Blättern und Blüten geschmückt. Das Thema Freundschaft und die Spannung zwischen der Liebe zum Vertrauten und der Sehnsucht nach Neuem spielen ebenfalls mit.

Der Erzähltext ist einfach und zurückhaltend und besteht hauptsächlich aus den kurzen Dialogen zwischen Bär, Maulwurf und Biene. Die farbenfrohen Bilder sind wesentlich sprechender und laden spielerisch dazu ein, den sparsamen Text  mit eigenen Beobachtungen und Detailentdeckungen zu ergänzen.

„Bei dir“ wartet mit einer zärtlichen Grundstimmung und heiteren Illu- strationen auf, die es kleinen Kindern leicht machen, der Bärensehnsucht, den vier Jahreszeiten und den freundschaftlich geteilten Freuden anteil- nehmend zu folgen.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.urachhaus.de/Buecher-die-mitwachsen/Bilderbuch/Bei-dir.html

Die Autorin & Illustratorin:

»Milja Praagman wuchs in einem alten Haus auf einem Deich in den Niederlanden mit vielen Tieren und noch mehr Platz um sich herum auf. Sie studierte Grafikdesign an der Academy of Visual Arts in Breda, arbeitete anfangs für Zeitungen und Zeitschriften und später auch fürs Fernsehen. Nach einigen Arbeiten für andere Autorinnen und Autoren begann sie selbst, Geschichten zu ersinnen. Eine dieser Geschichten war ihr erstes Bilderbuch „Meneer Po“. Seither ist sie zum Glück nicht mehr zu stoppen und hat schon zahlreiche wunderbare Bücher veröffentlicht, in denen stets die Liebe zur Natur, den Tieren und eine Prise Humor zu finden ist.« www.miljapraagman.nl

Die Übersetzerin:

»Eva Schweikart absolvierte eine Übersetzerausbildung und arbeitete zunächst etliche Jahre im Lektorat eines Verlages, bevor sie sich 1997 als Literaturübersetzerin aus dem Nieder- ländischen und Englischen selbstständig machte. Seither hat sie über 100 Bücher aus den Bereichen Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur sowie Sachbuch übersetzt. 2010 war sie mit „Chatroom-Falle“ (Loewe-Verlag) zum Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, für ihre Über- setzung von „Emilia und der Junge aus dem Meer“ (Thienemann Verlag) erhielt sie 2019 den Christoph Martin Wieland-Übersetzerpreis. Eva Schweikart lebt in Hannover.« https://eva-schweikart.de/

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Rico, Oskar und das Mistverständnis

  • fünfter Rico-und-Oskar-Band
  • von Andreas Steinhöfel
  • mit farbigen Illustrationen von Peter Schössow
  • CARLSEN Verlag 2020 www.carlsen.de
  • gebunden
  • Format: 15 x 21 cm
  • 336 Seiten
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 23,50 € sFr.
  • ISBN 978-3-551-55783-4
  • Kinderbuch ab 10 Jahren

Rico, Oskar und das Mistverständnis

FREUNDSCHAFT  MIT  NOSTALGIE-EFFEKTEN

Kinderbuchrezension von Ulrike Sokul ©

Rico und Oskar sind zwei sehr ungleiche Freunde. Rico ist tiefbegabt, Oskar hingegen hochbegabt. Rico ist ein einfühlsamer Herzmensch, er hat eine Rechtslinksschwäche, verheddert sich auch oft in den Himmelsrichtungen und verirrt sich zudem gelegentlich im Assoziationsfeuerwerk seiner sensiblen Detailwahrnehmung. Oskar jedoch ist ein wissensvoller Kopfmensch, der anspruchsvolle Sachbücher liest und sogar versteht, klassischer Musik (momentan Eric Satie) lauscht und andere Kinder und Erwachsene gerne belehrt.

Während Oskar wortgewandt und schlagfertig ist, ist Rico ausgesprochen wortkreativ und schreibt neue Begriffe, die er gelernt hat, stets in originellen Worterklärungs- kästchen auf. Das hört sich dann folgendermaßen an:

» CHARISMA: Eine gewinnende Ausstrahlung. Manche Leute haben eine eher verlierende Ausstrahlung, aber dafür gibt es kein passendes Fremdwort. Tja, Pech gehabt.«
(Seite 148)

Die beiden Freunde ergänzen sich mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen. Ihre innige Freundschaft hat sich seit dem vorherigen Band (siehe meine Besprechung vom 14.12. 2017 Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch) um einen beachtlichen Kreis von Kindern erweitert, die sich regelmäßig auf einem alten Hinterhof mit einem heruntergekom- menen – gleichwohl für die Kinder attraktiven – Spielplatz treffen. Dieser Hinterhof ist eine von einer Mauer umgebene Baulücke mit einem schmalen Zugang vom Bürgersteig aus.

Nun soll dieses Grundstück verkauft und bebaut werden. Die Kinder sind bestürzt und überlegen gemeinsam, was sie tun könnten, um Magda Pommer, die Besitzerin des Grundstücks und des Nebenhauses, umzustimmen. Von einer Mieterin erfahren sie, daß Magda Pommer in der Vergangenheit einige tragische zwischenmenschliche Verluste erlitten habe – u.a. sei ihr Bruder vor fünfzig Jahren spurlos verschwunden. Deshalb sei sie kühl und unnahbar geworden. Dennoch habe sie durchaus Mitgefühl; so wurden von ihr beispielsweise die Mieten für die langjährigen Mieter nicht erhöht.

Dies läßt die Kinder hoffen. Doch da Rico und Oskar in einen heftigen Streit geraten und beide eine ganze Weile unversöhnlich bleiben, gehen Rico und Oskar diesmal getrennte Wege, um das Problem zu lösen. Oskar beschattet gemeinsam mit der jugendlichen Hackerin Miray und einigen anderen Kindern den suspekten Immobilienmakler, und Rico folgt zusammen mit Sarah einigen Hinweisen, die zum geheimen Aufenthaltsort des verschollenen Bruders von Magda Pommer führen könnten.

Diese Nachforschungen erfordern sogar eine Reise nach Hessen, was sich zufällig her-vorragend mit den Reiseplänen von Frau Dahling, Ricos Nenn-Oma, zusammenfügt. Frau Dahling will nämlich ihren Verlobten in der Rehaklinik in Bad Wildungen besuchen und ist einer Entourage aus Rico und dem „Checker“, dem ältesten Jungen aus der Kinder-gruppe, sehr zugeneigt.

Frau Dahling hat als Reiselektüre zwei Romane von Hedwig Courths-Mahler mitge-nommen, und Rico verschlingt auf der Zugfahrt ihren Roman „Griseldis“ und ist ganz hingerissen vom „kurzgemalerten“ Schreibstil und dem altmodischen Zeitkolorit. Dies hat weitreichende Folgen für die Art, wie in diesem Band, die unterschiedlichen parallelen Handlungsstränge erzählt werden.

Alle Rico-und-Oskar-Bände wurden bisher immer aus Ricos Perspektive erzählt. Doch diesmal erzählt Rico phasenweise aus der Perspektive Oskars ganz im Stile von Hedwig Courths-Mahler und versetzt die Berliner Stadtkulisse, alle Personen und alle Requisiten in den Anfang des 20. Jahrhunderts, was zudem durch den Einsatz einer altertümlichen Typographie und Druckfarbe anschaulich untermalt wird.

So streift also ein begehrockter Oskar mit „elastischem Hirn“ durch das alte droschken-befahrene, von Gaslaternen belichtete Berlin und „eruiert“ mit Hilfe der Telefonistin Miray, daß der dubiose Immobilienmakler mit manipulierten Telefonnummern ein nicht existentes Maklerbüro simuliert und betrügerische Absichten bezüglich des anstehen- den Verkaufs von Magda Pommers Grundstück hegt.

Es ist wahrlich eine originelle Leseköstlichkeit, wie der Autor bzw. Rico die nostalgischen Handlungspassagen sprachlich an den romantisch-empfindsamen Stil der Hedwig-Courths-Mahler-Romane anschmiegt. So wird aus Magda Pommer die „Gräfin Magdalene von Pommery“, aus dem Checker wird der „Blicker“ und aus der Hackerin Miray eine junge Telefonistin, die mit Oskar über die rasante technische Entwicklung des Telefo-nierens und die Aussicht auf eine dereinst mögliche Selbstwählvermittlung fachsimpelt. Und Oskar weint Rico mit folgenden wehmütigen Worten nach „… jenem guten Freund, den das Schicksal ihm vor einigen Jahren zugesellt, nun aber grausam wieder entrissen hatte.“ (Seite 106)

In „Rico, Oskar und das Mistverständnis“ führen die detektivischen Ermittlungen der Kinder zur Verhinderung eines großen Betrugs, zur guten Lösung einer alten, tragischen familiären Verstrickung und zur Klärung des Mißverständnisses, das zum Streit zwischen Rico und Oskar geführt hat. Neben den spannenden Handlungselementen werden kindgemäß tiefsinnige Gedanken und Erkenntnisse über Freundschaft, Eifer- sucht, Streit, Versöhnung, Mitgefühl und Liebe formuliert. Die zunächst zerbrochene freundschaftliche Harmonie zwischen Rico und Oskar fügt sich zu neuem und besserem Selbst- und Fremdverständnis und vertieft schließlich diese Freundschaft.

Gewiß ist diese Lektüre anspruchsvoller, als es die vorhergehenden vier Bände waren. Die parallelen Handlungsstränge pendeln zwischen dem Sprachstil und den Gegeben-heiten der Gegenwart und denen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zudem sind die altmodischen Passagen mit dem romantischen, ja, edelkitschigen, gleichwohl aber auch seltsam attraktiven Zuckerguß des Hedwig-Courths-Mahler-Stils garniert. Die nostal- gischen Kostproben anschaulich in Szene gesetzter höflicher Umgangsformen und Redewendungen dürften nicht nur amüsieren, sondern vielleicht sogar ein wenig abfärben.   

Eine solche Lektüre erweitert den sprachlichen und historischen Horizont und vermittelt Kindern auf leichtfüßige Weise eine wünschenswerte Variationsbreite sprachlichen und emotionalen Ausdrucksvermögens.

Wie mit goldener Tinte war jedes einzelne Wort, das er mit ihr im Flackerschein der Straßenlaternen gewechselt hatte, seiner jungen Seele eingeschrieben.“ (Seite 265)

Mit „Rico, Oskar und das Mistverständnis“ ist Andreas Steinhöfel erneut eine warmherzige Komposition aus spannender, humorvoller Handlung und abwechslungsreichen zwischenmenschlichen Begegnungen gelungen. Hier tragen nicht nur die vielfältigen lebensechten Charaktere, Milieuschilde-rungen und einfühlsamen Darstellungen kindlicher Gefühls- und Wahr- nehmungsperspektiven zur Herzensbildung und Welterschließung bei, sondern ebenso der wahrlich feinköstliche Sprachspielsinn.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE oder wahlweise auch HÖRPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-mistverstandnis-rico-und-oskar-5/978-3-551-55783-4

Hier entlang zum Vorgängerband „Rico Oskar und das Vomhimmelhoch“:
Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

Der Autor:

»Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren. Er ist Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z. B. »Die Mitte der Welt«. Für »Rico, Oskar und die Tieferschatten« erhielt er u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis. Nach Peter Rühmkorf, Loriot, Robert Gernhardt und Tomi Ungerer hat Andreas Steinhöfel 2009 den Erich Kästner Preis für Literatur verliehen bekommen. 2013 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und 2017 folgte der James-Krüss-Preis. Zudem wurde er für den ALMA und den Hans-Christian-Andersen-Preis nominiert. Andreas Steinhöfel ist als erster Kinder- und Jugend-buchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Serie über Rico und Oskar wurde sehr erfolgreich fürs Kino verfilmt. Zusätzlich zu seiner Autoren-tätigkeit arbeitet er als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher. Seit 2015 betätigt er sich in seiner Filmfirma sad ORIGAMI als Produzent von Kinderfilmen.«

Der Illustrator:

»Peter Schössow, Jahrgang 1953, gehört zu den renommiertesten deutschen Illustratoren. Nach seinem Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg arbeitete er unter anderem für Spiegel, Stern und »Die Sendung mit der Maus«. Darüber hinaus hat er eine Vielzahl von Kinderbüchern verfasst und illustriert, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Peter Schössow lebt in Hamburg.«

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Schneeglück verschenken

  • Text und Illustration von Heyjin Go
  • Atlantis Verlag, September 2020 www.atlantis-verlag.ch
  • Originaltitel: »Gift Box of Bear«
  • Deutsche Textfassung von Eva Roth und Hans ten Doornkaat
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 44 Seiten
  • Format: 25 x 24 cm
  • 17,00 € (D), 17,50 € (A), 24,90 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0795-7
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

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WENN EIN GESCHENK VOM WINTER IN DEN SOMMER REIST

Bilderbuchrezension von Ulrike Sokul ©

Herr Bär pflegt eine Freundschaft mit zwei Girlitzen. Im Herbst fliegen seine gefiederten Freunde in wärmere Gefilde. Herr Bär und die Girlitze winken sich noch einmal zu, und dann zieht sich Herr Bär in den Winterschlaf zurück.

Der Winter kommt und mit ihm eine Menge Schnee. Einige Waldtiere, die keinen Winter-schlaf halten, veranstalten an einem sonnigen Wintertag eine lustige und unüberhör- bare Schneeballschlacht. Herr Bär wird wach, schimpft über die Ruhestörung und marschiert ärgerlich hinaus. Doch draußen in der verschneiten Landschaft verfliegt sein Ärger, und er staunt über den verwandelten Wald, schmeckt Schneeflocken ab und springt und tanzt freudig umher – denn Schnee sieht er zum ersten Mal.

Herr Bär begegnet bei seiner Schnee-Erkundung einer Maus und erklärt ihr, daß er dieses Schneewunder gerne den Girlitzen zeigen möchte. Die Maus regt an, einen Schneemann zu bauen und diesen an die Girlitze zu schicken. Sie hilft auch eifrig mit, dafür Schneekugeln zu rollen, bis ihr die Pfötchen zu kalt werden und sie sich verab- schiedet. Der Bär bedankt sich und baut weiter an seinem Geschenkschneemann.

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Illustration von Heyjin Go © 2020 Atlantis Verlag, Zürich

Ein Hase kommt vorbei und spendiert eine schöne Möhre als Nase und zusätzlich einen seiner Wollhandschuhe. Sodann stellt Herr Bär den Schneemann in ein großes Einmach-glas und macht sich auf den Weg zur Post. Unterwegs trifft er einen Fuchs, der für die Ausstattung des Schneemanns einen Hut spendiert, und ein Schwein, das der Schnee-mannbekleidung noch einen roten Schal hinzufügt.

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Illustration von Heyjin Go © 2020 Atlantis, Zürich

Nun reist der Schneemann mit all seinen Accessoires per Postpaket vom Winter in den Sommer. Die Girlitze freuen sich sehr über das Paket von Herrn Bär. Bis zu seiner Ankunft hat sich das Schneegeschenk selbstverständlich sehr verändert. Der Schnee-mann ist geschmolzen, im Einmachglas schwimmt der Hut zusammen mit Schal und Handschuh auf dem Wasser.

Die Girlitze deuten Herrn Bärs Geschenk als Teich und den Hut als Boot, das ausge-polstert mit dem roten Schal ein komfortabeles Plätzchen für die Girlitze bietet. So  geht der Wunsch Herrn Bärs, seine Schneefreude mit den Girlitzen zu teilen, bei aller Verwandlung doch noch in Erfüllung.

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Illustration von Heyjin Go © 2020 Atlantis, Zürich

Die Illustrationen hat Heyjin Go in einer Kombination aus Buntstift- zeichnungen und digitaler Collage gestaltet. Die landschaftliche Kulisse erscheint bei den Szenen im Winterwald in gedeckten, winterlichen Farbschattierungen und hellem Schneeweiß, die Tierfiguren in natürlichen Fellfarben – eine witzige Ausnahme sind die Schweine, die hier keine borstigen Wildschweine sind, sondern rosige Hausschweine.

Vereinzelte Farbtupfer, wie beispielsweise die kupferorange Farbtönung der Fuchsfelle und der rote Wollschal heben sich vor diesem Hintergrund kontrastreich ab. Die sommerlichen Szenen bei den Girlitzen erstrahlen hingegen in warmen, grünen und sonnigen Farbtönen, die gut zur sonnen- gelben Färbung der Girlitze passen.

Die Autorin und Illustratorin Heyjin Go erzählt eine heitere, leichte und lebensbejahende Geschichte über die Freude des Schenkens. Herr Bär zeigt anschaulich seine Freude und Dankbarkeit angesichts einer neuen beglück- enden Erfahrung, und er ist sogleich davon erfüllt, diese Freude mit anderen zu teilen. Und auch die anderen Tiere, die freigiebig etwas zum Schneemanngeschenk beitragen, sind offensichtlich fähig und bereit zur Mitfreude.

„Schneeglück verschenken“ ist ein schönes Bilderbuch für alle kleinen und großen Freudenverteiler.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.atlantisverlag.ch/heyjin-go-schneeglueck-verschenken/

Die Autorin & Illustratorin:

»HEYJIN GO lebt in Südkorea. Sie studierte Grafikdesign und liebt es, sich in ihren Büchern mit der Welt der Kinder und Naturthemen auseinanderzusetzen. Sie gewann die Silbermedaille des koreanischen Hans-Christian-Andersen-Preises 2015 mit ihrem Bilderbuch A Happy Fox. 2016 war sie für den Bologna Ragazzi Award nominiert, und 2017 gewann sie einen Preis des internationalen Bilderbuch-Illustrationswettbewerbs Nami Island.«

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Sternflüstern

  • Die Geschichte eines Neuanfangs
  • von Paula Carlin
  • Roman
  • Diederichs Verlag, August 2021 www.diederichs-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 288 Seiten
  • Format: 12,5 x 20,0 cm
  • 18,00 € (D), 18,59 € (A), 25,90 sFr.
  • ISBN 978-3-424-35116-3

Sternflüstern

MOSAIKSTÜCKE UND LICHTBLICKE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Irith arbeitet am Empfang eines kleinen Hotels in Berlin. Da sie über eine ausgeprägte künstlerische Ader verfügt, hat sie auch an der innenarchitektonischen Ausstattung der Hotelräume mitgewirkt. Gerald, der Inhaber und Direktor des Hotels, schätzt die kleinen Mosaiken und Collagen, die Irith aus allen möglichen Resten, Scherben und Naturfund-stücken gestaltet. Deshalb bittet er Irith, für die Wand der Hotelempfangshalle ein großes Mosaik zu kreieren. Dafür solle sie mit den von ihr bevorzugten Materialien arbeiten, außerdem mit den gesammelten Überbleibseln der Hotelgäste: Bonbon- papierchen, Eintrittskarten, Filmrollen, Knöpfe, Haarklammern, Schlüssel, Stadtplan- fetzen, Münzen usw…

Doch Irith ist noch von der schmerzlichen Trauer um den Verlust ihres langjährigen Freundes Lunis geschwächt und fühlt sich zudem der sehr großen Wandfläche nicht gewachsen. Lunis war ein Künstler, der filigrane, transparente Landschaften in Glas-objekte ritzte, und sie hatte ihn kennengelernt, als ihm auf seinem Handwerkermarkt-stand eine bunte Schale heruntergefallen war und er ihr spontan die Scherben schenkte. Damals entstand aus diesen Scherben ihr erstes Mosaik.

Die Beziehung zu Lunis wuchs – ausgehend von Freundschaft – in Liebe hinein. Dennoch lebten sie in räumlicher Distanz und stets nur phasenweise miteinander. Lunis weilte zumeist in seiner abgeschiedenen Waldhütte mit Wintergarten und Werkstatt, und Irith durfte ihn dort regelmäßig besuchen. Sein großes Bedürfnis nach Einsamkeit und Freiheit hatte er Irith von Anfang an deutlich gemacht, und auch seine weitgehende Verschwiegenheit über seine Vergangenheit mußte respektiert werden.

Irith fühlte sich trotz des nicht geteilten Alltags bei Lunis gut aufgehoben, er war Ent-decker, Freund, Ermutiger, Genießer des Einfachen, Horizontöffner, Liebhaber und musischer Mentor und regte sie zu mehr Eigenwilligkeit, künstlerischen Experimenten und unkonventionellem Selbstausdruck an. Solange er lebte, spielte die räumliche Ent-fernung keine Rolle. Irith und Lunis waren inspirativ verbunden, und für Irith war Lunis der vertraute Bezugsrahmen für ihre eigene Kreativität und beständige Aussicht auf Austausch und lange Nächte unter Sternenhimmel mit tiefen Gesprächen und Stern- flüstern.

Lunis‘ plötzlicher Tod und seine testamentarische Verfügung, daß Irith über die Dinge in seiner Waldhütte und Werkstatt verfügen möge, wie sie wolle, und der posthume Auf-trag, ein Päckchen an eine ihr unbekannte Frau namens Alix zu schicken, lösen einen Stillstand in Iriths Entscheidungsfähigkeit aus. Sie konzentriert sich auf die Arbeit im Hotel, fügt Tag an Tag an Tag und weicht der Bitte ihres Chefs wegen des Hotelfoyer-Mosaiks aus.

Auf dem Rückweg vom Hotel zu ihrer Wohnung verläßt Irith eines sommerhitzigen Abends einige Haltestellen früher den stickigen Bus und geht ein Stück zu Fuß. An einem schönen alten Haus, das von einem großen verwilderten Garten eingerahmt wird, meint sie Lunis‘ Stimme zu hören.

Sie sieht ein Verkaufsschild für das leerstehende Haus und schleicht sich heimlich in den verwunschenen Garten. Die Atmosphäre dort ist trotz einiger Verfallserscheinungen an-genehm friedlich, und auf dem ausgedörrten Rasen funkeln im Abendsonnenlicht einige bunte Glasscherben von der zerbrochenen Verglasung der Hausterrasse. Diese Glas-scherben erscheinen Irith wie ein ferner Gruß von Lunis, und sie packt sie vorsichtig ein.

Dieser Zufall ist ein erster Lichtblick des Neuanfangs – auch wenn Irith dies zunächst noch nicht erkennt. Der nächste Lichtblick steht zwei Wochen später leibhaftig vor Irith am Hoteltresen, fragt nach einem freien Zimmer und betrachtet außergewöhnlich lange Iriths Namenschild. Es ist eine zierliche junge Frau, namens Sophie, die einst auf einem Flohmarkt ein kleines Mosaik von Irith gekauft hat. Und da Lunis Irith stets dazu ange-halten hatte, ihre Werke zu signieren, freut sich Sophie nun über diese zufällige Begeg-nung, und auch Iriths Neugier ist geweckt, und sie reagiert aufgeschlossen auf das unverhoffte Kontaktangebot der jungen Frau.

Es stellt sich heraus, daß Sophie aus Holzresten und Holzabfällen, alten Fenster- und Türrahmen sowie Totholz Rahmen herstellt. Auch Iriths kleines Mosaik hat sie einge-rahmt, und Irith ist von der harmonischen Wirkung berührt und begeistert. So bietet sie Sophie an, gemeinsam mit ihr das große Mosaik für die Hotelempfangshalle zu kompo- nieren. Sophie ist sogleich Feuer und Flamme, und in Irith regt sich wieder die Freude der Inspiration und des gemeinsamen Gestaltens.

Im Garten des alten Hauses „organisieren“ sie genug herabgefallene Äste für die Ein-rahmung und viele Scherben von zerbrochenen Blumentöpfen und zersprungen Glas- bausteinen für die Darstellung der Stadtsilhouette, die ebenfalls Bestandteil des Mosaiks werden soll. 

Sophie befindet sich ebenso wie Irith an einem Wendepunkt ihres Lebens und muß sich neu finden und orientieren. Während der Vor- und Hauptarbeiten am Hotelmosaik freunden sich die beiden Frauen an. Das Mosaik entwickelt sich gut und ermutigt vom freudigen schöpferischen Schub nimmt Irith endlich Kontakt zu der unbekannten Frau auf, der sie Lunis‘ Paket schicken soll …

Man könnte an diesem Roman kritisieren, daß es zu viele beinahe märchenhafte, vorhersehbare  glückliche Fügungen gibt, aber meiner Einschätzung nach, sind solche Fügungen durchaus möglich.

„Sternflüstern“ bietet sich besonders für musische Menschen an sowie für Menschen, die einen zwischenmenschlichen Verlust verkraften müssen. Im Roman folgen nach der Schwere der Trauer das heilsame Loslassen und die dankbare Würdigung des Gewesen- en sowie der nicht zu unterschätzende Trost inniger, freundschaftlicher, ja, schicksal- hafter Verbundenheit. So können Leichtigkeit und Lebensfreude wiederkehren und sogar neue sternflüsternde Augenblicke.

Besonders bemerkenswert ist der zärtliche Blick, mit dem beispielsweise Irith die künst-lerischen Möglichkeiten weggeworfener Bruchstücke erkennt, wie sie Reste, Scherben und zusammenhanglose Überbleibsel in eine neue konstruktive und ästhetische Ordnung bringt. Die liebevoll-wertschätzende, detailreiche Betrachtung der Natur und die lebhafte Aufmerksamkeit, mit der sowohl Irith als auch Sophie die Farben, Formen, Konturen, Muster und Texturen der Dinge wahrnehmen, ist anregend und sinnlich, ebenso die einfühlsame Art, wie sie im verlassenen Haus den Lebensspuren des einstigen Besitzers nachspüren – das ist eine große Lesefreude und zeugt von weiser Lebensbejahung angesichts der Vergänglichkeit.

»Wir sind alle aus Teilen zusammengesetzt, die scheinbar nicht zusammenpassen und doch ein interessantes Bild ergeben. Bei den Menschen gilt das meist eher innerlich als äußerlich. Aber stell dir vor, man könnte es sehen!« (Seite 59)


Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Sternfluestern/Paula-Carlin/Diederichs/e589085.rhd

Die Autorin:

»Paula Carlin ist das Pseudonym der deutschen Spiegel-Bestsellerautorin Patricia Koelle. Sie wurde 1964 in Alabama/USA geboren und lebt seit 1965 in Berlin. Ihre größte Leidenschaft gilt dem Schreiben, in dem sie ihr immerwährendes Staunen über das Leben, die Menschen und unseren sagenhaften Planeten zum Ausdruck bringt.« https://paula-carlin.life/

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Ein Mädchen namens Willow

  • von Sabine Bohlmann
  • mit Illustrationen von Simona Ceccarelli
  • PLANET! Verlag, Januar 2020 www.planet-verlag.de
  • gebunden
  • 256 Seiten
  • Format: 148 x 210 mm
  • 13,00 € (D), 13,40 € (A), 19,50 sFr.
  • ISBN 978-3-522-50664-9
  • Kinderbuch ab 10 Jahren

VON  HEXE  ZU  HEXE

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses Kinderbuch wahrt eine zauberhafte Balance zwischen Magie und Wirklichkeit und vermittelt eine positive Vorstellung von Hexen als weisen und heilkundigen Frauen. Naturbeziehungsfähigkeit und elementare Zauberkräfte gehen hier Hand in Hand mit kindlicher Lebensfreude, Entdeckungslust, Freundschaftsfindung und Humor.

Das Mädchen Willow zieht mit ihrem Vater in ein altes Haus, das er von seiner Tante Alwina geerbt hat. Willow hatte schon als kleines Kind in diesem Haus gelebt; doch nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Mutter zog es der Vater vor, an anderen Orten zu leben, da ihn dieser heimatliche Ort auf Schritt und Tritt an seine verstorbene Frau erinnerte. Die Arbeit als Auslandskorrespondent brachte es mit sich, daß er und Willow häufig den Wohnort wechselten. Nun will er jedoch an diesen vertrauten Ort zurückkehren und der inzwischen elfjährigen Willow ein beständiges Zuhause bieten.

Tante Alwina hat den zum Haus gehörigen Wald ausdrücklich ihrer Nichte Willow vererbt, und diese erkundet mit aufgeschlossenem Herzen für die Schönheit der Natur ihr neues Reich. Unterwegs bemerkt sie einen Fuchs, der sie neugierig beobachtet. Nach und nach erinnert sie sich auch wieder an ihre Tante, an bestimmte Bäume und an ihre kindlichen Spiele in diesem Zauberreich. Am nächsten Tag setzt Willow die Inspektion ihres Erbes fort und begegnet wieder dem zutraulichen Fuchs. Diesmal führt er sie zu einem verborgenen, von Efeu und Heckenrosen umrankten kleinen Holzhaus.

In diesem malerischen Hexenhäuschen findet Willow u.a. geheimnisvolle alte Bücher, die sich unerklärlicherweise nicht öffnen lassen, und ein Foto, das ihre noch junge Tante zusammen mit drei weiteren jungen Frauen zeigt, sowie eine kleine abgeschlossene Holztruhe, in die Willows Name hineingeschnitzt wurde.

Im Inneren der Truhe liegt ein dickes, ledergebundenes Buch, das auf seiner Buch-deckelmitte ein Muster aus ineinander verwobenen Spiralen trägt und in den vier Ecken des Buchdeckels vier unterschiedliche Symbole für die vier Elemente. Die Truhe enthält außerdem eine Glaskugel, eine Kupferschale, einen Flacon und vier Ketten mit Amu- letten, die vier Symbole zeigen, welche denen vom Dekor des Buches entsprechen. Die größte Überraschung ist für Alwina allerdings der an sie adressierte Brief ihrer Tante.

Aus diesem Brief erfährt Willow, daß sie die Hexenkraft ihrer Tante geerbt habe. Der Brief enthält präzise und liebevoll formulierte Anweisungen, wie diese Kraft – sofern Willow willens ist, sie anzunehmen und konstruktiv zu nutzen – auf sie übertragen werden kann. Als zuverlässiger Ratgeber fungiert das Buch mit den Symbolen. Dieses Buch mit dem Namen „Grimmoor“ beschriftet sich selbst – in federleichter Schönschrift – und beantwortet auf diese buchstäbliche Weise Willows Fragen, gibt Hinweise auf die nächsten magischen Schritte, erklärt Rituale und gemahnt freundlich und bestimmt, immer wieder daran, daß Willow für Problemlösungen, Beurteilungen und Entschei- dungen aufmerksam ihr Herz befragen solle.

So erfährt Willow beim Hexenkraftübertragungsritual, daß ihr Element das Feuer ist und ihr Krafttier der Fuchs. Um die volle Hexenkraft zu erreichen, muß sie drei weitere Mäd-chen finden, die ebenfalls über eine familiäre Hexenbegabung verfügen und die den drei Elementen Luft, Wasser und Erde zugehörig sind.

Die Suche nach diesen Hexenmädchen führt zu einigen Mißverständnissen, da Willow anfangs noch allzu vordergründig und naiv vorgeht. Doch sie lernt aus den Fehlern und Komplikationen und findet nach und nach die richtigen Hexentalente: Die luftige Valentina ist die erste Verbündete, dann folgt Gretchen, die das Wasser beherrscht, und schließlich Lotti, die für das Element Erde zuständig ist. Von Vollmondritual zu Voll- mondritual wachsen die vier Elemente zusammen, und auch die Freundschaft und Vertrautheit zwischen den Mädchen vertieft sich. 

Die Bündelung der Kräfte kommt genau zur rechten Zeit, denn geschäftstüchtige Immobilieninvestoren wollen Willows Vater das Waldgrundstück abkaufen und den Wald abholzen, um dort ein Einkaufszentrum zu bauen. Doch dank Hexenbuchweisheit und vereinter Hexenkraft wachsen in Willows Wald gleich vier seltene und gefährdete Pflanzen, die auf der Roten Liste stehen. Somit wird der Wald zu einem privaten Naturschutzgebiet, und ein Verkauf und eine Abholzung kommen keinesfalls mehr in Frage. Diese gute Nachricht nehmen die Junghexen sogleich zum Anlaß, ein kleines Freudenfest mit Mondlicht-Picknick zu feiern.

Sabine Bohlmann erzählt eine spannende und herzerwärmende Geschichte über Freundschaft, Naturverbundenheit und Magie. Sie wartet ebenso mit phantasievollen Details und attraktiven Zauberrequisiten auf wie mit scha- manischen Anfängerkenntnissen, Mondphasen- und Heilpflanzenwissen.  

Die verwendeten Anrufungen, Hexensprüche und Zauberformeln erscheinen in einfachen Reimen. Auch wenn das Versmaß manchmal etwas hinkt und stolpert, so trägt die Reimform dennoch wesentlich zu einer magischeren Sprachklangebene bei.

Die Illustrationen von Simona Ceccarelli geben den Charakteren und ele- mentaren Saiten der vier Hexenmädchen, den magischen Requisiten und den Krafttieren anschaulich Gestalt. Bemerkenswert sind zudem die illustrierten Buchseiten mit den nächtlichen Szenen, auf denen der Text weiß auf schwarz gedruckt ist, und deren „Lichteffekte“ ganz besonders geheimnisvoll wirken.

Der rote Faden dieser Geschichte ist keineswegs die aggressive Machtaus- übung mit Hilfe von Magie, sondern zwischenmenschliches sowie natur- verbundenes Feingefühl und Miteinander und eine ausgeprägte Herzens- orientierung, die das Werkzeug Magie gleichermaßen in den Dienst des persönlichen menschlichen Lebens wie in den des umfassenderen natürlichen Lebens stellt.

»Es gibt Wissende, Unwissende, glaubende Wissende und wissende Wissende, und dann sind da noch die hoffenden Unwissenden, Scharlatane und Möchtegern-Magier, aber die echten, wissenden wissenden Magier, die Hexen, Hexer, Zauberer und Zauberinnen, arbeiten alle mit der Energie der Erde.« (Seite 173)

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.thienemann-esslinger.de/planet/buecher/buchdetailseite/ein-maedchen-namens-willow-isbn-978-3-522-50664-9/

Die Autorin:

»Geboren wurde Sabine Bohlmann in München, der schönsten Stadt der Welt. Als Kind wollte sie immer Prinzessin werden. Stattdessen wurde sie (nachdem sie keinen Prinzen finden konnte und der Realität ins Auge blicken musste) Schauspielerin, Synchronsprecherin und Autorin und durfte so zumindest ab und zu mal eine Prinzessin spielen, sprechen oder über eine schreiben. Geschichten fliegen ihr zu wie Schmetterlinge. Überall und zu allen Tages- und Nachtzeiten (dann eher wie Nachtfalter). Sabine Bohlmann kann sich nirgendwo verstecken, die Geschichten finden sie überall. Und sie ist sehr glücklich, endlich alles aus ihrem Kopf rausschreiben zu dürfen. Auf ein blitzeblankes, weißes – äh- Computerdokument. Und das Erste, was sie tut, wenn ein neues Buch in der Post liegt: Sie steckt ihre Nase ganz tief hinein und genießt diesen wunderbaren Buchduft.« https://www.sabinebohlmann.com/

Die Illustratorin:

»Nach einem halben Leben als Medizinalchemikerin hat Simona Ceccarelli den Laborkittel gegen den Bleistift eingetauscht, um ihrem Kindheitstraum nachzugehen. Ausgerüstet mit einem Diplom in Illustration und Concept Art der Academy of Arts University in San Francisco illustriert sie seit 2016 Bücher, Spiele und andere Produkte für Kinder. Simona Ceccarelli lebt mit ihrem Mann, zwei Kindern, drei Nationalitäten und vier Sprachen in Basel.« https://www.smceccarelli.com

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Offene See

  • Roman
  • von Benjamin Myers
  • Originaltitel: »The Offing«
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • DUMONT Verlag, März 2020 www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden mit Lesebändchen
  • 270 Seiten
  • 20,00 € (D)
  • ISBN 978-3-8321-8119-2

WORTE  BEWEGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der hochbetagte Schriftsteller Robert Appleyard schaut dankbar auf seinen bisherigen Lebensweg zurück. Er stammt aus einer einfachen Bergarbeiterfamilie, und es scheint ihm keineswegs in die Wiege gelegt zu sein, eines Tages Schriftsteller zu werden. Im Jahre 1946 nutzt der junge Robert die Wartezeit bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse seiner schulischen Abschlußprüfungen für eine Reise ans Meer. Seine Mutter packt ihm ein beschiedenes Proviantpaket und einen Waschlappen in den Rucksack, und Robert macht sich zu Fuß auf den Weg.

Lebensmittel sind in der Nachkriegszeit noch rationiert, und Robert muß sich sein Essen unterwegs als Tagelöhner erarbeiten. Seine Hilfsdienste werden durch die kriegsbeding-ten Männerverluste meist gerne angenommen und mit Kost und manchmal auch Logis vergolten. Es macht ihm jedoch nichts aus, mit seinem Schlafsack im Freien zu über-nachten, zwischen Hecken und Büschen und mit einem aus einer Plane improvisierten Zelt. Robert ist ein naturverbundener Mensch, der frische Luft und Weite schätzt, und er empfindet deutlich, daß er in der Natur seinem wahren Wesen näher ist. Die Aussicht, bald in die unvermeidlich erscheinenden Fußstapfen seines Vaters zu treten und ein anstrengendes, ewig kohlenstaubbedecktes Berufsleben unter Tage zu beginnen, gefällt ihm immer weniger.

In Yorkshire, nahe der Küste, führt ihn sein Weg zu einem Cottage, das oberhalb einer Meeresbucht gelegen ist, mit einer kleinen Terrasse, einem gepflegten Gemüse- und Blumengarten und einer stark verwilderten Wiese. Dort will Robert nach Wasser zum Auffüllen seiner geleerten Feldflasche fragen; zunächst wird er von einem wachsamen deutschen Schäferhund aufgehalten, bis eine hochgewachsene, agile ältere Dame den Hund zurückpfeift und Robert spontan zum Tee einlädt. So lernt er Dulcie Piper kennen.

Robert fragt, ob er für sie gartenpflegerische Arbeiten übernehmen könne und Dulcie erklärt, daß sie in Hinsicht auf die verwilderte Wiese durchaus Unterstützung durch junge Muskelkraft brauchen könne. So schlägt Robert sein Lager in Dulcies Garten auf. Dulcie verköstigt Robert selbstverständlich nicht nur mit Tee, sondern auch mit einem üppigen, selbstgekochten Abendessen und versetzt ihn mit ihrer außergewöhnlich gut, ja, für Nachkriegsverhältnisse geradezu luxuriös gefüllten Speisekammer in Erstaunen.

Während Robert sich in den folgenden Tagen mit dem Gelände vertraut macht und mit einer Sense die Wiese mäht, entdeckt er ein kleines, hübsches, allerdings sehr repara-turbedürftiges Atelier. Er fragt Dulcie, ob er es instandsetzen solle, weil es doch schade sei, es verfallen zu lassen. Nach kurzem Zögern stimmt Dulcie zu, und so verlängert sich sein Aufenthalt bei Dulcie um viele Wochen.

Robert und Dulcie führen bei den gemeinsamen Mahlzeiten und Teepausen lange Ge-spräche. Anfangs ist Dulcie dabei zwar deutlich eloquenter und forscher, lockert jedoch nach und nach Roberts Schüchternheit. Sie behandelt Robert freundlich-zugewandt und beeindruckt ihn mit ihrer unkonventionellen Art, ihrem Humor und ihren für ihn neuen Betrachtungsweisen von Familie, Freiheit, Freundschaft, Gesellschaft, Internationalität, Politik und Religion. Sie teilt ihr Wissen über Geschichte, Kunst und Literatur mit Robert und gibt ihm Bücher zum Lesen.

Seiner Sehnsucht nach dem Meer kann Robert beiläufig ebenfalls nachgehen. Doch er bemerkt, daß Dulcie einen Groll gegen das Meer hegt, denn immer wenn er einen Ausflug zum Strand macht und beglückt vom Schwimmen zurückkehrt, reagiert sie entgegen ihrer sonstigen Herzlichkeit etwas unwirsch.

Beim Aus- und Aufräumen des Ateliers findet Robert in einem Aktenkoffer ein maschinenschriftliches Manuskript mit Gedichten von einer Romy Landau, das Dulcie gewidmet ist. Er liest diese Gedichte, und sie berühren ihn, obwohl er sie nicht ganz versteht und ihm manche Worte unbekannt sind. Dennoch erkennt und erspürt er, wie bereichernd und lebendig – entgegen der trockenen Leseerfahrungen aus dem Schul- unterricht – Poesie sein kann. Robert liest nicht bloß Romy Landaus Gedichte, sondern er atmet sie durch die wieder und wieder wiederholte Lektüre gewissermaßen ein und aus.

„In dem Moment entfalteten sich neue Gefühle von Verwirrung und Neugier in mir, vor allem jedoch ein überwältigendes, mächtiges Bewusstsein für den Raum, diesen Raum im Hier und Jetzt, als wären die Wörter über die Seite gekrochen und vom Papier ge- fallen und hätten mich umschlungen wie Ranken, die mich zurück in das Gedicht zogen, sodass die erdachten Zeilen und die reale Welt irgendwie zu einem tieferen Porträt von Land und Meer verschmolzen.“ (Seite 148)

Robert spricht Dulcie auf das Manuskript an und fragt, ob sie es gelesen habe. Dulcie reagiert sehr aufgewühlt und beschließt, Robert bei einigen Kannen Tee von der Autorin dieser Gedichte zu erzählen.

Romy Landau war eine deutsche Exildichterin, die in den 30er-Jahren nach England emigrierte, und sie war Dulcies Freundin und Lebensgefährtin. Das Atelier hatte Dulcie für sie errichten lassen, damit sie sich dort in ungestörter Zurückgezogenheit von ihren anstrengenden Lesereisen erholen konnte. Zunächst wurde Romys Werk in England von der Literaturkritik hoch gelobt, doch mit Fortschreiten des Zweiten Weltkrieges wurde sie nicht mehr als Poetin wahrgenommen, sondern als „böse“ Deutsche, und die gleichen Kritiker, die sie zuvor gepriesen hatten, beargwöhnten sie nun. Dies und die fortgesetzt schrecklichen Geschehnisse in ihrer Heimat lösten bei Romy eine solche Sinnkrise aus, daß sie ins Meer hinausschwamm und ertrank. Zurück blieben das vollendete Manuskript und eine verlassene Dulcie, die sich bisher nicht überwinden konnte, die ihr gewidmeten Gedichte zu lesen.

Dulcie tut es sichtlich gut, von ihrem tragischen Verlust und ihrer Trauer sprechen zu können. Robert erklärt Dulcie teilnahmsvoll, wie wertvoll und ansprechend er Romys Gedichte finde, und daraufhin bittet Dulcie Robert, ihr von nun an jeden Abend ein Gedicht vorzulesen. In kleinen Portionen könne sie wohl inzwischen den Schmerz und die Schönheit dieser Poesie verkraften. Dies entpuppt sich als heilsame Entscheidung, weil sich nämlich zwischen den Zeilen eines dieser Gedichte eine wichtige, erlösende und tröstliche Botschaft für Dulcie verbirgt.

Die schicksalhafte Begegnung zwischen Robert und Dulcie führt Robert zu einer gänzlich anderen Lebensweichenstellung, für Dulcie bringt sie ein konstruktives Loslassen und für beide eine lebenslange Freundschaft.

Dieser Roman erfreut mit leise-eindringlichen, naturpoetischen Beschrei- bungen und mit feingezeichneten, herzhaften, sinnlich-greifbaren Charak- teren. Es ist eine Freude mitzuerlesen, wie Dulcie Robert nicht nur genüßlich-kulinarisch nährt, sondern auch seinen aufgeschlossenen Geist mit vielfältigen Anregungen und Ermutigungen füttert, die unvermeidlich seinen Horizont erweitern und ihn zu neuem Selbstausdruck finden lassen.

In besonderer Weise zeichnet sich dieser Roman durch die intensive Dar- stellung von Poesie als Lebenskraft aus. Er zeigt eindrucksvoll, einfühlsam und sehr atmosphärisch, welch magische Erweckungswirkung Poesie auf einen offenen Geist und ein empfindsames Herz haben kann.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dumont-buchverlag.de/buch/myers-offene-see-9783832181192/

Hier entlang zu einer weiteren Buchbesprechung von Hauke Harder vom Blog „LESESCHATZ“: https://leseschatz.com/2020/03/30/benjamin-myers-offene-see/

Der Autor:

»Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.«

Die Hörbuchausgabe ist im April 2020 bei DAV erschienen:

Offene See                                                                                                                             
Roman
von Bejamin Myers
NDR Kultur/ungekürzte Lesung mit Manfred Zapatka
1-mp3-CD
Länge: 8 Stunden, 37 Min.
20,00 € (D), 22,50 € (A)
Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
Offene See Hörbuchausgabe

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Petronella Apfelmus, Band 7

  • Hexenfest und Waldgeflüster
  • von Sabine Städing
  • mit Illustrationen von Sabine Büchner
  • Boje Verlag, September 2019   www.boje-verlag.de
  • gebunden mit LESEBÄNDCHEN
  • 208 Seiten
  • 13,00 € (D)
  • ISBN 978-3-414-82546-9
  • Kinderbuch ab 8 Jahren zum Selberlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen

ZAUBERHAFTE  GASTGEBERIN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Apfelbaumhexe Petronella Apfelmus ist ganz aus dem Apfel-Häuschen angesichts der Aufgabe, das Fest der diesjährigen Walpurgisnacht auszurichten. Außerdem ist sie für den „Goldenen Hexenzopf“ nominiert worden, was in Hexenkreisen als sehr ehren- volle Auszeichnung gilt, da es eine Vorbedingung dafür ist, eines Tages auch in den Hexenrat aufgenommen zu werden.

Wer mit den Gegebenheiten rund um Petronella Apfelmusens Apfelgarten und ihre fleißigen Apfelmännchen sowie ihre Freundschaft mit den Zwillingen Lea und Luis noch nicht vertraut ist, möge sich bitte zu meiner Besprechung des ersten Bandes bemühen, um sich kundig zu machen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/

Zu Petronellas Spezialitäten gehört es, daß sie sich nach Belieben und Bedarf vergrö- ßern oder verkleinern kann. Dazu benutzt sie eine magische Strickleiter: Wenn sie diese apfelbaumaufwärts klettert, wird sie so klein, daß sie bequem in einem Apfel wohnen kann, klettert sie hingegen apfelbaumabwärts, nimmt sie eine menschliche Größe an. Für unterwegs hat sie außerdem ein Döschen mit silbernen Apfelkernen, mit denen sich ebenfalls zauberhaft verkleinern oder vergrößern läßt.

Neben der sorgfältigen Pflege der alten, seltenen Apfelbäume betreibt Petronella auch eine regelmäßige Sprechstunde für kranke und verletzte Tiere. So kümmert sie sich trotz der vielen organisatorischen Arbeiten für das Hexenfest fürsorglich um eine verletzte Haselmaus, die ihre Schwanzspitze in einer Mausefalle eingebüßt hat.

Lea und Luis sind zwar enttäuscht, daß sie als Menschenkinder nicht am Walpurgis- nacht-Hexenfest teilnehmen dürfen, gleichwohl helfen sie gerne bei den Vorbereitungen mit und stapeln mit Feuereifer Bruchholz für das große Hexenfeuer auf, denn laut Hexenverordnung dürfen bestimmte festliche Vorarbeiten tatsächlich nicht mit Hilfe von Zauberei ausgeführt werden.

Illustration von SaBine Büchner © Petronella Apfelmus Band 7, Boje Verlag 2019

Der Festplatz ist eine große Wiese, die sich direkt an den Apfelgarten anschließt. Dieses Areal wird von Petronella mit einem Zauberschleier vor unbefugten Blicken geschützt; wenn alle Hexengäste eingetroffen sind, kommt noch ein undurchdringlicher Bannkreis hinzu, der mit folgendem Zauberspruch gezogen wird:

»Regenwand mit Blitz und Donner,
schütze Festplatz, Baum und Feen.
Lass nur magische Geschöpfe
durch dein Zaubertürchen gehn.«
(Seite 100)

Nun, ganz so undurchdringlich ist der Bannkreis dann aber doch nicht. Denn Lea und Luis gelangen mit Hilfe von Petronellas Cinderella-Zauber doch noch heimlich auf das Fest. Sie bestaunen die hübschen Marktstände, die allerlei Zauberzutaten feilbieten, und die zahlreich anwesenden unterschiedlichen Hexentypen und Zauberer. Die miß- günstige, klatschsüchtige und intrigante Hexe Hexobine Höckerbein, deren unange- nehme Bekanntschaft die Zwillinge in einer früheren Episode bereits gemacht haben, ist auch unter den geladenen Gästen.

 

Illustration von SaBine Büchner © Petronella Apfelmus Band 7, Boje Verlag 2019

Ausgerechnet gegen diese Hexobine Höckerbein muß nun Petronella Apfelmuß zum Wettkampf um den „Goldenen Hexenzopf“ antreten. Die Prüfung besteht darin, den zuvor vom Hexenrat raffiniert in der magischen Welt versteckten „Goldenen Hexenzopf“ wiederzufinden und zum Festplatz zurückzubringen. Beide Hexen bekommen einen rätselhaften Zettel, auf dem Ortsangaben zu entschlüsseln sind. Lea hilft Petronella bei dieser Entschlüsselung der seltsamen Buchstabenfolgen, während sich Hexobine und ihr Hilfszauberer damit schwertun. Dies verschafft Petronella einen kleinen Vorsprung beim Zugang zur magischen Welt.

Illustration von SaBine Büchner © Petronella Apfelmus Band 7, Boje Verlag 2019

Durch Kristallkugeln verfolgen das Hexenpublikum und die Zwillinge gespannt, wie sich die Suche der beiden Hexen gestaltet. Hexobine arbeitet, wie es ihre Unart ist, mit fiesen Tricks und Rücksichtslosigkeit und bringt Petronella durchaus in die eine oder andere Bedrängnis; doch schließlich findet Petronella in einem Feenhügel den „Goldenen Hexenzopf“ und wird bei ihrer Rückkehr feierlich empfangen und geehrt.

Endlich kann der vergnügliche Teil des Hexenfestes beginnen, und Lea und Luis tanzen begeistert mit ums Hexenfeuer.

Die Autorin erzählt diese Geschichte in einem einfühlsam-augenzwinkern- den Stil, mit spannender Dramaturgie, lebhaften Dialogen, phantasievollem Abwechslungsreichtum und amüsanten Zauberspruchreimen. Die knuffigen Schwarz-weiß-Illustrationen von Sabine Büchner greifen den heiteren Tonfall auf und übertragen ihn in text- und detailgetreue Szenerien mit wiedererkennungseffektvollen Charakterzeichnungen.

Auch der siebte Band der Petronella-Reihe bietet wieder märchenhaften Stoff für die kindliche Herzensbildung. Ebenso anschaulich wie unauf- dringlich-spielerisch werden hier zwischenmenschliche Werte wie Empathie, Freundschaft, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Mit- und Lebensfreude sowie Naturverbundenheit vermittelt.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/boje/buecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus-hexenfest-und-waldgefluester/id_6615088

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/luebbe-audio/hoerbuecher/kinderbuecher/petronella-apfelmus-hexenfest-und-waldgefluester/id_6615120

 

Die Autorin:

»Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt.« http://www.sabinestaeding.de/

Die Illustratorin:

»Sabine Büchner, geb. 1964, studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Illustration in Wuppertal und Animation an der HFF in Babelsberg. 2006 erhielt sie das Troisdorfer Bilderbuchstipendium und ist seitdem als freie Illustratorin für verschiedene Verlage tätig. Mit ihren so liebevollen wie witzigen Bildern hat sie Petronella Apfelmus und ihrer Welt vom ersten Band an einen ganz eigenen Zauber verschafft.«

 

Hier entlang zu den sechs vorherigen Petronella-Apfelmus-Bänden:

Band 1: Verhext und festgeklebt
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/07/petronella-apfelmus/
Band 2: Zauberschlaf und Knallfroschchaos
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/25/petronella-apfelmus-band-2/
Band 3: Schneeballschlacht und Wichtelstreiche
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/11/petronella-apfelmus-band-3/
Band 4: Zauberhut und Bienenstich
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/04/petronella-apfelmus-band-4/
Band 5: Hexenbuch und Schnüffelnase
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/10/03/petronella-apfelmus-band-5/
Band 6: Schnattergans und Hexenhaus
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/10/30/petronella-apfelmus-band-6/

 

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Der kleine Siebenschläfer Eine Schnuffeldecke voller Gutenachtgeschichten

  • Text von Sabine Bohlmann
  • Illustrationen von Kerstin Schoene
  • 19 Gutenachtgeschichten
  • Thienemann Verlag, Juli 2019  www.thienemann.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 17,3 cm x 24,5 cm
  • 128 Seiten
  • 12,00 € (D), 12,40 € (A), 17,90  sFr.
  • ISBN 978-3-522-18533-2
  • Vorlesebuch ab 4 Jahren

MUNTERE  GUTENACHTGESCHICHTEN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der kleine Siebenschläfer, der titelgebende kleine Held einer ebenso beliebten wie possierlichen Bilderbuchreihe von Sabine Bohlmann (Text) und Kerstin Schoene (Illustration), dürfte inzwischen kinderzimmerweltweit bekannt sein. Falls Sie ihn noch nicht kennen, wird es höchste Zeit.

Das vorliegende Buch ist diesmal kein Bilderbuch, sondern eine Sammlung von neun- zehn Gutenachtgeschichten. Es gibt also mehr Vorlesestoff als bei den Bilderbuch- ausgaben, gleichwohl aber auch zahlreiche Begleitillustrationen.

Der kleine Siebenschläfer erwartet ungeduldig die Ankunft der Haselmaus. Vorfreudig bereitet er für sich und seinen besten Freund ein kuscheliges Schlafnest  vor und quen-gelt gegenüber seiner Mutter herum, warum die Sonne ausgerechnet heute sooo langsam unterginge. Endlich kommt die Haselmaus an, und nach Absolvierung einiger unerläßlicher haselmäusiger Zubettgeh-Rituale fehlt  der Haselmaus zum Einschlafen nur noch eines: eine Gutenachtgeschichte.

Doch der kleine Siebenschläfer weiß noch nicht einmal eine einzige klitzekleine Gute-nachtgeschichte. Also macht er sich tapfer auf den Weg, für die schlaflose kleine Haselmaus eine Gutenachtgeschichte zu finden.

Im nächtlichen Wald trifft er viele Tiere. Einige kennt er schon, andere lernt er kennen; er unterhält sich mit ihnen, hilft ihnen und bekommt umgekehrt auch von den Tieren Hilfe, z.B. als er sich verirrt hat und ihm die Pfötchen vom vielen Laufen wehtun. Doch egal, welches Tier er bei diesen Begegnungen nach einer Gutenachtgeschichte fragt: Keines hat eine Gutenachtgeschichte auf Lager – weder der Frosch noch die Fledermaus, auch die Nachtigall nicht und der Igel, der Fuchs, der Biber, der Maulwurf, die Spinne, der Specht, die Schildkröte, der Wolf oder die Eule …

Illustration von Kerstin Schoene © Thienemann Verlag 2019

So kehrt der kleine Siebenschläfer schließlich müde zurück und berichtet der Hasel- maus, daß er leider keine Gutenachtgeschichte gefunden habe. Die Haselmaus fragt ihn, was er denn unterwegs erlebt habe, und da merkt der kleine Siebenschläfer plötzlich ganz be-glückt, daß er eine ganze Menge kleiner erzählenswerter Geschichten gefunden hat. Und so beginnt der kleine Siebenschläfer, der Haselmaus eine Geschichte nach der anderen zu erzählen.

Sabine Bohlmanns Text ist einfühlsam und sehr warmherzig. Thematisch kreisen die Geschichten um die Themen Freundschaft und Zuneigung, Hilfsbereitschaft und Mitge-fühl, Toleranz und Perspektivwechsel, Individualität und Gemeinschaft. Der Seitenum- fang liegt, bei großzügiger Schriftgröße, zwischen sechs und zehn Seiten, wobei diese durch ganz- und halbseitige Illustrationen aufgelockert werden.

Der amüsante Sprachwitz der Autorin, beispielsweise in der Geschichte vom verliebten Frosch, der immer die Buchstaben verdreht und „suzammen“ mit der „schunderwöhnen Kröte Gliefen gänft“, erheitert große Vorleser ebenso wie kleine Zuhörer. Phantasie- volle Details, wie beispielsweise die flotte Ameisenflüsterpost, bieten weitere schöne i-Tüpfelchen fürs Kinderherz.

Die knuffig-naturalistischen Illustrationen von Kerstin Schoene spiegeln die heitere Warmherzigkeit und ausdrückliche Zärtlichkeit der siebenschläfrigen Gutenacht- geschichten harmonisch wider.

Als märchenhafte Gestaltungszugabe sind auf dem Buchdeckel der Titelschriftzug und der abgebildete Vollmond nebst Sternen mit einer Nachtleuchtfarbe überzogen, so daß das Buch im Dunkeln sanft aufleuchtet.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.thienemann-esslinger.de/produkt/eine-schnuffeldecke-voller-gutenachtgeschichten-isbn-978-3-522-18533-2

Illustration von Kerstin Schoene © Thienemann Verlag 2019

Hier entlang zu den vorhergehenden siebenschläfrigen Bilderbüchern:

Band 1: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der nicht einschlafen konnte
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/02/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-nicht-einschlafen-konnte/
Band 2: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der nicht aufwachen wollte
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/24/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-nicht-aufwachen-wollte/
Band 3: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der seine Schnuffeldecke nicht hergeben wollte  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/05/09/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-seine-schnuffeldecke-nicht-hergeben-wollte/
Band 4: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der den ganzen Tag lang grummelig war  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/08/12/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-den-ganzen-tag-lang-grummelig-war/

Die Autorin:

»Geboren wurde Sabine Bohlmann in München, der schönsten Stadt der Welt. Als Kind wollte sie immer Prinzessin werden. Stattdessen wurde sie (nachdem sie keinen Prinzen finden konnte und der Realität ins Auge blicken musste) Schauspielerin, Synchronsprecherin und Autorin und durfte so zumindest ab und zu mal eine Prinzessin spielen, sprechen oder über eine schreiben.
Geschichten fliegen ihr zu wie Schmetterlinge. Überall und zu allen Tages- und Nacht-zeiten (dann eher wie Nachtfalter). Sabine Bohlmann kann sich nirgendwo verstecken, die Geschichten finden sie überall. Und sie ist sehr glücklich, endlich alles aus ihrem Kopf rausschreiben zu dürfen. Auf ein blitzeblankes, weißes – äh – Computerdokument. Und das Erste, was sie tut, wenn ein neues Buch in der Post liegt: Sie steckt ihre Nase ganz tief hinein und genießt diesen wunderbaren Buchduft.« www.sabinebohlmann.com

Die Illustratorin:

»Kerstin Schoene, geboren 1981 in Haan, studierte Kommunikationsdesign an der Bergischen Universität Wuppertal. Schwerpunkt ihres Studiums war Illustration bei Wolf Erlbruch. Seit ihrem erfolgreichen Abschluss arbeitet sie freiberuflich als Illustratorin und Grafikdesignerin. Sie zeichnet für verschiedene Verlage, schreibt und illustriert eigene Kinderbücher. Sie lebt, unter Beobachtung eines Fellknäuels, in Haan.«  www.kerstinschoene.de

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Das Dunkle und das Helle

  • Text von Kerstin Hau
  • Illustrationen von Julie Völk
  • NordSüd Verlag, Juli 2019 www.nord-sued.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 21,5 x 28 cm
  • 40 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A), 19,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10460-2
  • Bilderbuch ab 4 Jahren (laut Verlag)
  • Bilderbuch ab 6 Jahren (nach meiner Einschätzung)

A N N Ä H E R U N G E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Illustratorin Julie Völk hat sich bei ihren vorherigen Bilderbüchern als eine Spezialistin für Geschichten gezeigt, die sich alleine über ihre detailreich-verspielte, phantasievolle Bildersprache – ohne Erzähltext – mitteilen. Beim nun vorliegenden Bilderbuch gibt es einen fortlaufenden Erzähltext der Autorin Kerstin Hau, den Julie Völk einfühlsam illustratorisch begleitet.

Die beiden Hauptfiguren, das Struppige und das Zarte, leben in verschiedenen Welten. Das Struppige ist in der dunkeldüsteren Finsternis zuhause und das Zarte im lichten, bunten Sonnenschein. Diese Lebensräume grenzen aneinander, und sowohl das Struppige als auch das Zarte sind neugierig auf die jeweils andere Seite. Unabhängig voneinander beschließen sie zum Rand ihres Lebensraumes zu gehen und einen forschenden Blick auf die andere Seite zu werfen.

Zunächst bleibt es bei vorsichtigen Blicken, zögerlichen Annäherungen und ängstlichen Rückzügen, doch schließlich begegnen sich beide ebenso aufgeregt wie aufgeschlossen in der dämmergraublauen Grenzstreifenzone und freunden sich miteinander an.

Das helle Zarte lädt das dunkel Struppige auf seine Sonnenseite ein. Ausgestattet mit einem Sonnenschirm betritt das Struppige an der Hand des Zarten die Welt des Farben-leuchtens, und beim Spaziergang durch das Helle färbt sogar etwas Helligkeit auf den dunklen Pelz des Struppigen ab.

Illustration von Julie Völk © NordSüd Verlag 2019

Eines Tages wartet das Struppige vergebens auf das Zarte und traut sich zum ersten Mal alleine in den Sonnenschein hinaus. Stolz geht das Struppige zum Haus seines Freundes, aber das Haus ist in einem dunklen Loch verschwunden. Erschrocken flieht das Struppige zurück zu seinem eigenen Haus in der Finsternis. Dort steht überraschend das Zarte vor seiner Tür und weint, weil es sich fremd  und verloren fühlt.

Freundlich nimmt nun das Struppige das Zarte an die Hand und macht es mit der Welt der Dunkelheit vertraut. Das helle Fell des Zarten bekommt nun auch dunkle Schattie-rungen, und nach einer Weile hat das Zarte keine auch Angst mehr vor der Dunkelheit.

Schließlich betreten beide wieder die Dämmerungszone und trauen sich Schritt für Schritt zurück ins Helle. Sie bauen sich dort in hellen Farbenleuchten ein neues Haus und behalten gleichwohl das Haus in der Finsternis.

Dieses vielschichtige Bilderbuch entzieht sich eindeutigen Zuordnungen, es handelt von Freundschaft, Licht und Schatten, Leichtigkeit und Schwere, Trauer und Trost, Freude und Verbundenheit, von der Erweiterung des Horizonts durch die Überwindung von Angst und von wachsendem Vertrauen durch das Betreten neuer Erfahrungsräume – soweit die für den erwachsenen Leser interpretierbaren Grundanliegen.

Gleichwohl bleibt die gute Absicht in Hinsicht auf die vom Verlag zugeordnete Alters-gruppe (ab vier Jahren) auf der Strecke. Die Erzählweise der Autorin Kerstin Hau ist einerseits nebulös-mehrdeutig und anderseits bei kleinen Details sinnlich-konkret. Das fängt schon mit den „Namen“ der beiden Charaktere an: Das Gegensatzpaar des Strup-pigen und des Zarten erscheint mir recht weit hergeholt, um Kindern die wechselseitige Bedingtheit der Gegensätze zu vermitteln; da hilft es auch nicht wesentlich weiter, daß das Struppige einen Sonnenschirm mit sich trägt und das Zarte eine Taschenlampe.  

Der Versuch oder das bemühte Bemühen, das Helle und das Dunkle durch figürliche Per- sonifikationen von der abstrakten Ebene auf eine konkretere kindgemäße Ebene zu transportieren führt hier meiner Ansicht nach – trotz der durchaus zartfühlenden Be- ziehungsdynamik – nur zu weiteren Abstraktionsabzweigungen und diffusen Andeu- tungen, die Kinder wohl eher überfordern oder zumindest verwirren.

Für die Darstellung der Dunkelbilder hat Julie Völk mit der alten fotografischen Technik der Cyanotypie (Blaudruck) gearbeitet. Dafür wird in einem abgedunkelten Raum Solar-papier mit Blüten, Gräsern usw. belegt oder mit einer durchsichtigen Folie, auf der sich eine Zeichnung befindet. Wenn das Bild solcherart arrangiert ist, wird es einige Minuten ins Sonnenlicht gelegt. Dann wird das sonnenbelichtete Solarpapier wieder ins Dunkle gebracht und mit Wasser abgespült, und das Negativ der Blüten oder Gräser oder der Folienzeichnung wird als hellblauer bis weißer Abdruck auf dem tiefblauen Papier sichtbar.

Die Verwendung der Cyanotypie illustriert hier also buchstäblich, wie das Dunkel ebenso die Leinwand für das Licht ist, wie das Licht die Leinwand für das Dunkel ist. In Kombi- nation mit den farbenfrohen Buntstiftzeichnungen zeigt sich ein vielschichtiges visu- elles Bilderbuchbühnenbild, das mit den unterschiedlichen emotionalen Schattierungen des Erzähltextes harmonisch Hand in Hand geht.  

Es gibt ein Zitat des schwedischen Schriftstellers Erik Blomberg, das sehr gut zu dieser Geschichte paßt und dem ich nachfolgend gerne das Schlußwort überlasse:

 

„Fürchte nicht die Dunkelheit, dort ruht das Licht sich aus.“

Eric Blomberg ©

 

 

Hier entlang zum Buch und zur großzügigen LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://nord-sued.com/programm/das-dunkle-und-das-helle/
Dieses Bilderbuch ist beim NordSüd Verlag übrigens auch auf Englisch erhältlich:
https://nord-sued.com/programm/the-dark-and-the-light/
Hier entlang zu einem illustren Interview mit Julie Völk:
https://nord-sued.com/2019/07/30/vorhang-auf-fuer-julie-voelk/

Die Autorin:

»Kerstin Hau, geboren 1974, lebt in Darmstadt. Sie arbeitete u.a. als Physiotherapeutin, Fitnesstrainerin und Fachjournalistin. Sie bekam einen Sohn und ist Absolventin der Akademie für Kindermedien. Kerstin Hau lernte, dass alles Neue der Dunkelheit ent-springt und wahre Liebe unsterblich ist. Daraus webt sie ihre Geschichten. Seit 2015 schreibt sie als freie Autorin für kleine und große Leute.«

Die Illustratorin:

»Julie Völk wurde 1985 in Wien geboren. Sie studierte Illustration an der HAW Hamburg. Völks Bücher sind vielfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und von der Stiftung Buchkunst. Julie Völk lebt und zeichnet in der Nähe von Wien.« https://julievoelk.de

 

Querverweis:

Hier entlang zu weiteren Bilderbüchern von Julie Völk:

„Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/04/guten-morgen-kleine-strassenbahn/
„Stille Nacht, fröhliche Nacht“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/18/stille-nacht-froehliche-nacht/
Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/10/28/wenn-ich-in-die-schule-geh-siehst-du-was-was-ich-nicht-seh/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Die Tage mit Bumerang

POSTKARTENIDYLLE  MIT  SCHAF

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dies ist eine Geschichte mit eigenwilligen, sympathisch schrägen Charakteren, in der es um ein plötzliches Vorher/Nachher-Dasein, um die zähflüssige Überwindung von Schock-starre, Schuldgefühlen und Selbstbestrafung, um Verletzlichkeit und Vergebung, Er- wachsenwerden, Freundschaft und Wahlverwandtschaften und um eine neue Liebe geht. Ein Rettungssanitäter namens Kalle, ein Schaf namens Bumerang, ein Hund namens Helsinki und finnische Tangos spielen dabei mit und eine ganze Menge Schnee.

Annu hat ein besonders inniges Verhältnis zu Schnee. Der erste Schneetag des Jahres ist stets ein familiärer Feiertag gewesen, und diese Tradition setzt Annu auch nach dem Tod der Eltern gerne fort. 

Ihr finnischer Vater war Sportreporter und ihre Mutter Biathlon-Skilangläuferin. Nach- dem Annu zur Welt kam, zogen die Eltern in ein schiefes Haus am Waldrand, das zu einem kleinen bayrischen Dorf mit nur siebenundachtzig Einwohnern gehört.

Ein Vierteljahrhundert später lebt Annu, die inzwischen als freie Übersetzerin arbeitet,  zwar alleine in diesem Haus, aber sie ist keineswegs einsam. Annu hat lebhafte Erin-nerungen an ihre Eltern und führt oft innere Dialoge mit ihnen, wobei der Vater nie mit seinen bemerkenswerten finnischen Sprichwörtern spart.

Außerdem wohnt ihr ältester und bester Kindheitsfreund Lars in der unmittelbaren Nachbarschaft, und die beiden pflegen ihre Freundschaft u.a. durch den wöchentlichen Austausch von Frage-Antwort-Postkartenmitteilungen. Lars ist ein köstlich eigen- williger Mensch, der sich Anglizismen gegenüber konsequent verweigert und beispiels- weise statt Aftershave »Nachduft«, statt Smartphone »Schlautelefon«, statt Cliffhanger »Spannungsklippe« und statt Brunch »Spätstück« sagt. Auch mit Lars‘ Frau Birte ver- steht sich Annu gut, und zu Lars und Birtes kleinem Sohn Aron hat sie ebenfalls ein sehr herzlich-zugewandtes Verhältnis.

Lars und Birte veranstalten regelmäßig kulinarische Abendgesellschaften, bei denen Lars durchschaubar oft alleinstehende junge Männer hinzulädt, um sie erfolglos mit Annu zu verkuppeln. Annu behauptet, sie käme sehr gut ohne Mann zurecht, und Lars behauptet, sie sei einfach zu anspruchsvoll, erwarte ein vergleichbar schicksalhaftes Zusammenfinden, wie es einst bei ihren Eltern war; ganz zu schweigen von ihrem aus- geklügelten Fragenkatalog mit sage und schreibe vierundsiebzig Fragen, um herauszu- finden, ob der Kandidat eine ausreichend große Werte- und Interessensschnittmenge mit ihr habe.

Eines Tages holt Annu mit dem alten Volvo ihres Vaters, in dessen Rekorder seit Jahren eine Musikkassette mit finnischen Tangos von Numminen festgeklemmt ist, ein ausran-giertes Sofa bei Lars und Birte ab. Beim Rückwärtsausparken vergißt sie den Schulter-blick und übersieht Aron, der in der Ausfahrt mit Kreide den Asphalt bemalt.

Das Kind ist zwar nicht lebensgefährlich verletzt, aber seine Beine sind gebrochen, und dann kommt eine postoperative Wundinfektion mit resistenten Keimen hinzu, die den Heilungsprozeß sehr in die Länge zieht.

Durch den Unfall ist die vertraute Geborgenheit der wahlverwandtschaftlichen Nähe und alltäglichen kommunikativen Verbundenheit schmerzlich unterbrochen. Lars und Birte ziehen vorübergehend in die Stadt, in der sich die behandelnde Klinik befindet, und Annu versinkt in Sorge um Aron, in Schuldgefühlen und Schwermut. Die Dorfbe- wohner meiden Annu nach dem Unfall, nur der freundliche Rettungssanitäter Kalle besucht Annu und versucht, sie aufzumuntern und dabei näher kennenzulernen. Aber Annu konzentriert sich lieber auf ihre Arbeit, führt Selbstgespräche, quält sich mit Selbstvorwürfen und will niemanden mehr nahe an sich heran lassen. Eines Morgens steht ein entlaufenes Schaf in ihrem Garten. Dieses tollpatschig-sture Schaf bleibt und bringt Ablenkung und Bewegung in Annus Zurückgezogenheit, und es zieht weitere ungebetene – tierische und menschliche – Gäste nach sich …

Es dauert neun Monate, bis Aron wieder ganz gesund wird, Annu und Lars ihre innige Freundschaft erneuern, Annu und Kalle ihren wechselseitigen Nähe-Distanz-Parcours überwinden und der Neuschnee für alle voller Hoffnungsschimmern funkelt.

Dieser Roman wartet mit einem ernsten Thema auf, ohne niederzudrücken. Die Figuren müssen zwar leiden und eine Lebenskrise durchstehen, aber sie verirren sich nicht im Schmerz. Die Gefühlspalette reicht von lähmendem Selbstmitleid bis zu heilsamer Selbstironie, von kindlicher Begeisterung bis zu erwachsener Kleinkariertheit, von dunkler Verzweiflung bis zu spielerischer Zuversicht, von angestaubter Wehmut bis zu frischgelüftetem Lebensmut.

All diese Facetten fügen sich szenisch und dialogisch zu einem gelungenen atmosphä-rischen Ganzen, das neben menschenkenntnisreichem Tiefsinn genug Spielraum für Situationskomik und Schmunzelmomente läßt. Die Autorin erzählt mit sprachlicher Leichtigkeit, mit einer ungewöhnlichen Verbindung von konkreter, sinnlicher Alltäg- lichkeit und zärtlich-melancholischer Poesie.

Als literarische Beilage gibt es zudem einen sehr sättigenden Vorrat finnischer Weisheitssprüche.

„Guter Rat ist wie Schnee, je leiser er fällt, desto länger bleibt er liegen“ (Seite 152)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-tage-mit-bumerang/978-3-446-26446-5/

Die Autorin:

»Nina Sahm, geboren 1980 in Heilbronn, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik in Leipzig und Budapest und arbeitet als Verlagsredakteurin. Ihr Debütroman „Das letzte Polaroid“ erschien 2014. Nina Sahm lebt mit Freund und Hund in München.« http://www.ninasahm.de/

 

Und hier noch – mit Herzensdank an Random Randomsen  https://randomrandomsen.wordpress.com/ für die kompetente Recherche –
die
Klangkostprobe eines finnischen Tangos von Numminen:

 

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/