Einfach Mensch sein

  • Von Tieren lernen
  • von Sy Montgomery
  • aus dem Amerikanischen von Heide Sommer
  • Originaltitel: »How to Be a Good Creature. A Memoir in Thirteen Animals«
  • mit Illustrationen von Rebecca Green
  • und einem Nachwort von Donna Leon
  • DIOGENES Verlag  März 2019   http://www.diogenes.ch
  • in Leinen gebunden
  • mit Schutzumschlag
  • 208 Seiten
  • 22,00 € (D). 22,70 € (A), 30,00 sFr
  • ISBN 978-3-257-07064-4

BIOGRAPHISCHE  TIERSCHAU

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Sy Montgomery ist durch ihre Arbeit als Wissenschafts- und Umweltjournalistin weit in der Welt und der Natur herumgekommen. Für das vorliegende Buch „Einfach Mensch sein“ berichtet sie von verschiedenen Tieren, die ihr auf Expeditionen begegnet sind, und von Tieren, die ihr Privatleben geteilt und begleitet haben. Dabei geht sie lebens- chronologisch vor.

Mit der Scotchterrier-Hündin „Molly“ beginnt der Reigen tierischer Freunde, ja, Familien-mitglieder. Sy Montgomery bekam im zarten Alter von drei Jahren von ihren Eltern diesen Welpen geschenkt, und die innige Kind-Hund-Beziehung begründete ihre lebens-lange Tierliebe. Während es Montgomerys Mutter lieber gewesen wäre, wenn ihre Tochter mehr „Mädchenhaftigkeit“ entwickelt hätte, strebte Sy Montgomery nach mehr „Hündchenhaftigkeit“, bewunderte Mollys Fähigkeiten und ihre Wildheit und wollte so weit wie menschenmöglich daran teilhaben.

Viele Jahre später „adoptierte“ die Autorin ein Ferkel, einen sogenannten „Kümmerling“, der kränkelte und nur halb so groß wie seine Geschwister war. Gemeinsam mit ihrem Mann päppelte sie das kleine Sorgenkind, nannte es Christopher Hogwood, und nach fünf Jahren wog das Schwein, das einst in einen Schuhkarton gepaßt hatte, mehr als siebenhundert Pfund. Begeistert erzählt Sy Montgomery von der speziesübergreifenden Kontaktfreudigkeit Christopher Hogwoods und schwört, daß sie die kommunikativen Nuancen seines Schweinegrunzens verstehen konnte.

Auch in der Wildnis geht die Autorin nahe an Tiere heran. Während einer Expedition in Australien gelingt es ihr, mit geduldiger Ausdauer und langsamer Gewöhnung das Ver- trauen von drei wilden Emus zu gewinnen und sich ihnen bis auf einen Meter Entfern- ung zu nähern und sogar an ihrem Schlafplatz zu verweilen. Stets ist sie mit weit geöffnetem Herzen und allen Sinnen bei den Tieren und voller Dankbarkeit für das lebendige Wissen, das sich in ihnen offenbart.

Egal ob es um ihre häuslichen Hühner geht oder um Vogelspinnen, um seltene Baum- kängurus, einen Oktopus, ein vorwitziges Wiesel oder diverse Hunde – stets begegnet sie jedem Lebewesen auf Augenhöhe oder, besser gesagt, auf Herzenshöhe.

Die den Text begleitenden verspielten Zeichnungen von Rebecca Green spiegeln gekonnt die überaus zärtlich-zugewandte und fürsorgliche Naturperspektive der Autorin.

Dieses Buch wird naturverbundene Tierfreunde unmittelbar ansprechen. Die Autorin unterscheidet nicht zwischen possierlichen und weniger possierlichen Tieren. Sie öffnet ihr Herz gewiß weiter und konsequenter für alle Tiere als der durchschnittliche Mensch.

Die achtsame Berührung mit Tieren verbindet uns Menschen wieder mit dem wilden Herzen des Lebens und lehrt uns Respekt, Staunen und natürliche Demut. Ob sich Sy Montgomerys extrem intensive Mensch-Tier-Verbundenheit einer quasi-religiösen Über-höhung nähert, die zwischenmenschliche Beziehungen eher erschweren mag, sollte jeder Leser selbst entscheiden. Unstreitig sind indes die zutiefst beeindruckenden lebhaften Tierportraits.

Mit ihren ebenso berührenden wie biologisch-informativen, sinnlich-stimmungsvollen, tiereinfühlsamen Beschreibungen vermittelt sie anschaulich und glaubhaft, daß Tiere über Charakter, Individualität und Seelenstärke verfügen und daß wir, wenn wir uns wirklich auf sie einlassen, von ihnen ergänzende Wahrheiten erfahren können, die unser Leben bereichern und inspirieren.

„Eine Spinne kann die Welt mit ihren Füßen erschmecken. Vögel sehen ungeahnte Farbnuancen. Eine Grille kann mit den Beinen singen und mit den Knien hören. Ein Hund kann Töne wahrnehmen, die weit über den Frequenzen des menschlichen Hörvermögens liegen, und spürt, wenn man verärgert ist, noch ehe man es selber weiß.“ (Seite 10)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/sy-montgomery/einfach-mensch-sein-illustriert-von-rebecca-green-9783257070644.html

 

Die Autorin:

»Sy Montgomery, geboren 1958 in Frankfurt am Main, ist die Autorin des Bestsellers Rendezvous mit einem Oktopus. Zur Recherche für ihre Bücher war sie mit Piranhas, rosa Delphinen, Zitteraalen und Schneeleoparden unterwegs – um dann die wahren Wunder der Natur vor dem eigenen Fenster zu entdecken. Montgomery lebt in New Hampshire.
2019 wurde sie mit dem „Award for Environmental Excellence“ der Antioch New England Graduate School, Fachbereich Umweltwissenschaften für herausragende Beiträge für Umwelt und Nachhaltigkeit gewürdigt.«

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Die Glocke von Whitechapel

  • Band 7 der übersinnlichen Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Lies Sleeping«
  • Übersetzung ins Deutsche von Christine Blum
  • DTV Verlag Mai 2019  www.dtv.de
  • Taschenbuch
  • 416 Seiten
  • 10,95 € (D), 11,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21766-8

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  NR. 7

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Erweiterung der alltäglichen Wirklichkeit um eine magische Dimension macht den faszinierenden Reiz dieser phantasievollen Krimi-Serie aus. So wie hier die menschlichen Ermittler der Spezialabteilung der Metropolitan Police von London über magische Fähig-keiten und zauberhafte Kompetenzen verfügen, so tragen die vielfältigen magischen Charaktere durchaus menschliche Züge nebst entsprechend mehr oder weniger liebens-werten Schwächen, und das wiederum läßt die magischen Wesen trotz ihrer übersinn-lichen Überlegenheit fast normal erscheinen.

Für diejenigen, die hier zum ersten Male von Police Constable Peter Grant lesen, erlaube ich mir einen freundlichen Hinweis auf meine ausführliche Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Im siebten Band hat Peter Grants Karriere bei der Metropolitan Police von London Fort-schritte gemacht; er ist nun staatlich geprüfter Police Detective. Die geheime Sonderab-teilung, für die er dank seiner natürlichen magischen Begabung arbeitet, wird inzwischen auch vom „normalen“ Polizeibetrieb mit Respekt betrachtet, zumal sich die realen Gefahren magieverdächtiger Kriminalfälle nicht mehr ignorieren lassen.

Peter Grants unmittelbarer Vorgesetzter und Meister ist der elegante Detective Chief Inspector Thomas Nightingale, der Peter und einige weitere Magiebegabte in prak- tischer und theoretischer Magie und magischer Kampfkunst sowie übersinnlicher Wahrnehmung ausbildet.

Neben dem ernsthaften Studium der Magie und alter Sprachen gehören lebhafte Kon- takte zu allerlei magischen und halbmagischen Wesen, der sogenannten Demimonde, sowie zu diversen Naturgöttern und -Göttinnen zum Alltag von Peter Grant und Thomas Nightingale.

Peter ist mit einer sehr attraktiven Flußgöttin, Beverly Brook, liiert, die ihrerseits die jüngere Schwester der Flußgöttin Lady Tyburn ist, die wiederum Peter einst im dritten Band (»Ein Wispern unter Baker Street«) das Leben gerettet hat. Diese unsterblichen Fluß- göttinnen haben ganz und gar menschliche und sehr attraktive Gestalt, aber durchaus elementare magische Fähigkeiten, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Und wenn sie einem das Leben gerettet haben, schuldet man ihnen einen Gefallen als Ausgleich.

Erzfeind ist seit dem ersten Band der sogenannte „Gesichtslose“, ein ethisch fragwürdi-ger Magier, der – beiläufig – im vierten Band (»Der Böse Ort«) die einstige Kollegin Peters, Lesley May, auf seine Seite der Macht gezogen hat – ein Verrat und Verlust, der Peter schwer getroffen hat.

Im vorhergehenden sechsten Band („Der Galgen von Tyborn“) konnten die Identität und die üppigen finanzmächtigen Verstrickungen des „Gesichtslosen“ aufgedeckt werden. Leider konnten der „Gesichtlose“ Martin Chorley und seine Komplizin Lesley May der Polizei jedoch entkommen. Immerhin sind nun wenigstens einige Verbündete Martin Chorleys bekannt, und diese werden nun ebenso akribisch wie diskret beobachtet.

Die einvernehmliche Einschätzung, daß Martin Chorley seine unerfreulichen Macht- pläne weiterhin verfolgt, findet im Zusammenhang mit einem magisch-ferngesteuerten Mord und dem gehäuften Diebstahl archäologischer Fundstücke (Ziegel von ehemaligen römischen Kultstätten, die sich auf Londoner Stadtgebiet befanden) Bestätigung.

Die Spuren führen zu einer Glockengießerei, der vom Mordopfer eine Spezialanfertigung in Auftrag gegeben wurde. Bei der Untersuchung erkennt Peter Grant, daß diese Glocke eindeutig „Vestigia“ ausstrahlt. Magische Handlungen und magische Wesen hinterlassen nämlich sogenannte „Vestigia“, magische Spuren, die sich in Materialien, Gegenständen und Gebäuden speichern und von zauberkundig Eingeweihten abgelesen bzw. abgespürt werden können.

Will Martin Chorley etwa ein neues Zeitalter einläuten? Und welche weiteren Machtzu-taten muß er sich dafür beschaffen? Dies herauszufinden und zu verhindern erweist sich als komplex und schwierig. Die magischen Hintergrundrecherchen erfordern die nicht ganz ungefährliche, aber lohnende Kontaktaufnahme mit einigen magischen Wesen, die sich – mehr oder weniger kapriziös – kooperativ verhalten und Peter anschauliche Einblicke in die Stadtgeschichte Londons gewähren.

Singende Schwerter, eine malerisch-musische Fae namens Fingerhut, sprechende Füchse, blutige, rituelle Opferungen, eine Dose Vampirkonfekt und alte Bekannte, wie Mr. Punch, der mörderische Geist des Aufruhrs und der Rebellion, und eine widersprüch- lich taktierende Lesley May sowie eine rätselhafte Prophezeiung machen ihre Aufwartung und halten Peter Grant und seine Kollegen auf Trab.

Vor der vom Autor stets lakonisch, sozioarchitektonisch illustrierten Stadtkulisse Londons erlesen wir rasante Verfolgungsjagden mit dramatischen zauberkampfkünst- lichen Duellen, bei denen sich zeigt, daß Peter in angewandter Magie deutliche Fort- schritte gemacht hat, auch wenn im Vergleich zu Thomas Nightingales langlebiger Zauberbeherrschung immer noch Luft nach oben ist.

„Die Glocke von Whitechapel“ bietet reichlich mitreißende Dramaturgie, lebhafte, kontrastierende Charaktere, phantasievoll-raffinierte Details, amüsante Dialoge, einige köstliche Prisen Genreselbstironie und außergewöhnliches Londoner Lokalkolorit.

Ben Aaronovitch serviert mit dem siebten Peter-Grant-Band eine spannende, quecksilbrige, magische Mischung, in der sich Überraschungs-, Gänsehaut- und Schmunzeleffekte schwungvoll und unterhaltsam abwechseln.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-die-glocke-von-whitechapel-21766/

Hier entlang zur interessanten und informativen DTV-Webseite zur Peter-Grant-Serie:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter „Doctor Who“, ge- schrieben und als Buchhändler gearbeitet. Seine Urban-Fantasy-Serie um Peter Grant ist nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland sensationell erfolgreich und führt regelmäßig die Bestsellerlisten an. Inzwischen widmet sich Ben Aaronovitch ganz dem Schreiben, zur Freude seiner zahlreichen Fans. Er lebt nach wie vor in London.«

Hier entlang zu den Vorgängerbänden:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBORN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

Hier entlang zu einer kurzen Peter-Grant-Geschichte, etwas außerhalb der Reihe:
GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/28/geister-auf-der-metropolitan-line/

 

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Zwischen zwei Sternen

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »A Closed and Common Orbit«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von
  • Karin Will
  • Wayfarer-Universum Band 2
  • Fischer TOR Verlag   Februar 2018  www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 464 Seiten
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-03569-4

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Wie ich in der Besprechung des ersten Bandes aus dem Wayfarer-Universum schon an- gekündigt hatte, gewährt uns der zweite Band einen ausführlichen Blick in das Leben der Technikerin Pepper. Doch zuvor bedarf es eines kurzen Rückblicks zum Ausgang des ersten Bandes.

Die Wayfarer ist ein Tunneler-Schiff und bohrt im Auftrag der GU (Galaktische Union) an bestimmten Koordinaten stabilisierte Wurmlöcher ins All. Bei der letzten Bohrung wurde die Wayfarer von einem Raumschiff der kriegerischen Toremi mit einer Strahlen- dosis beschossen, wodurch es zu einem katastrophalen Kaskadenversagen kam, in dessen Folge die empfindungsfähige KI des Raumschiffs kollabierte. Das Wurmloch konnte nicht stabilisiert werden, und es gelang den vereinten Kräften der Crew nur knapp, das beschädigte Schiff aus der Gefahrenzone zu manövrieren.

In all den Jahren der Zusammenarbeit ist die KI der Besatzung ans Herz gewachsen, sie wird von allen liebevoll mit dem Spitznamen „Lovey“ angesprochen, und der Comptech Jenks ist sogar in die KI verliebt. Jenks hatte vor dem letzten Bohrauftrag seine alte Freundin Pepper gebeten, ein Bodykit für Lovey zu beschaffen, um sie eines Tages vom Schiff in einen mobilen Körper zu transferieren.

Der Neustart der KI-Systeme birgt die Gefahr, daß die alte „Lovey“ mit ihrer im Aus-tausch mit der Crew geformten Persönlichkeit gelöscht wird und nur das jungfräuliche Startprogramm einer Schiffs-KI übrig bleibt. Genau dies geschieht, doch da Jenks die vage Hoffnung hegt, daß die alte Lovey in der neuen Lovey datenspeichermäßig wieder-erwacht, bittet er Pepper, die neue Lovey  im Bodykit mitzunehmen und sich um sie zu kümmern. Das ist zwar illegal, denn die Gesetze der GU verbieten sogenannte „Mime-tische KI-Gehäuse“, aber Pepper kümmert das wenig, und sie reist mit der KI auf den neutralen Planeten Port Coriol, wo sie einen Schrott- und Reparaturladen betreibt.

Die KI sucht sich den neuen Namen Sidra aus und kämpft sich durch den reduzierten Wahrnehmungshorizont eines „menschlichen“ Körpers. Als multitaskingfähige Schiffs-KI wurde sie darauf programmiert, stets alles über diverse Kameras rundum im Überblick zu behalten, jede Bewegung und jede Veränderung zu registrieren und auszuwerten, was angesichts der räumlichen Unbegrenztheit und der unendlichen Detailfülle eines mulitispeziär besiedelten Planeten und des organisch-eingeschränkten Blickwinkels einer menschlichen Körperkonstruktion eine kognitive Herausforderung darstellt.

Pepper steht Sidra hilfreich zur Seite, und sie findet auch nach und nach technische Lösungen für Sidras Anpassungsschwierigkeiten. Besonders gefährlich und kniffelig ist ein internes Protokoll, daß es Sidra unmöglich macht, zu lügen oder direkte Handlungs- aufforderungen zu übergehen.

Als Sidra fragt, warum Pepper das Risiko eingehe, eine KI bei sich zu Hause aufzuneh-men, antwortet Pepper, daß sie etwas gutzumachen habe, denn sie sei von einer KI großgezogen worden.

In Rückblenden erfahren wir nun von Peppers Lebenslauf. Pepper wurde auf dem Plane-ten Aganon geboren bzw. gezüchtet. Auf Aganon befindet sich die letzte Kolonie der Bewegung „Bessere Menschheit“, die wegen ihrer extremen klassengesellschaftlichen Orientierung aus der GU ausgeschlossen wurde. Die Verbesserer manipulieren die Gene entsprechend der gesellschaftlichen Rolle und der Arbeit, die ein Mensch später ausfüllen soll. Menschen, die für niedere Arbeiten als Arbeitssklaven gezüchtet werden, bekommen nur zwei Genmanipulationen: Sie haben keine Körperbehaarung und sie sind unfruchtbar.

Damals hieß Pepper Jane 23, sie war eine von vielen Janes einer Generation, die in einer riesigen Fabrik Schrott säubern und wiederverwertbare Teile aussortieren. Erzogen und bewacht werden die Janes von maschinellen Müttern ohne Gesicht, sie lernen nur die Sachverhalte und Wörter, die für ihre Arbeitsaufgaben gebraucht werden. Jedes Jahr bekommen sie etwas anspruchsvollere Schrottaufgaben und ziehen in einen anderen Teil der Fabrik um.

Jede Jane hat eine dauerhafte Schlafpartnerin, da die „Mütter“ der Ansicht sind, daß diese Form der Nestwärme und zwischenmenschlichen Nähe für die Janes gesundheits-förderlich sei. Jane 23 teilt sich mit Jane 64 das Bett, und die beiden verstehen sich gut und haben einander wirklich gern.

Jane 23 findet Gefallen an ihrer Arbeit, sie ist aufgeweckt und tüftelt sich gerne durch schwierige Schrotteile, wofür sie von den Müttern gelobt wird. Als Jane zehn Jahre alt ist, kommt es zu einer Explosion, bei der einige Janes sterben und viele verletzt werden. Jane 23 erblickt durch die aufgerissene Fabrikwand zum ersten Mal den blauen Himmel und die unendliche Schrotthaldenlandschaft außerhalb der Fabrik. Dies macht einen solch nachhaltigen Eindruck auf sie, daß sie nach einigen Tagen heimlich nächtens gemeinsam mit Jane 64 in die Fabrikhalle zurückgeht, um Jane 64 den blauen Himmel zu zeigen.

Diesmal ist der Himmel zwar nicht blau, sondern schwarz, aber dafür voller silbrig funkelnder Lichter und Monde, was Jane 23 nicht minder fasziniert, und sie traut sich einige Meter nach draußen, während Jane 64 noch zögert. Jane 23 geht noch etwas weiter, bis eine Mutter auftaucht, Jane 64 festhält und Jane 23 befiehlt, sofort zurück-zukommen. Jane 23 schwankt kurz zwischen ihrer Anhänglichkeit an Jane 64 und ihrem Freiheitsdrang, und als Jane 64 ihr zuruft „Lauf!“, da läuft sie und läuft und läuft, und sie wird nicht verfolgt.

Nach einer Weile wird Jane 23 jedoch von wilden Hunden gejagt und ist fast am Ende ihrer Kräfte, nur reiner Überlebenswille hält ihre Beine in Bewegung. Plötzlich hört sie eine Stimme, die ihr zuruft, sie solle zu ihr laufen, sie könne sie beschützen. Jane sieht ein altes Shuttle aufleuchten und eine geöffnete Tür. Sie erreicht das Shuttle, die Tür schließt sich hinter ihr und die Hunde bleiben draußen.

Das Shuttle verfügt über Solarzellen, und deshalb hat es ausreichend Energie, um die schiffseigene KI sowie einige Bord-Funktionen aktiv zu halten. Die KI hat den Namen Eule und kümmert sich fortan um Janes Schutz und Bildung. Es gibt noch brauchbare Vorräte, Medikamente, Kleidung, Werkzeuge, ein Wasserfiltersystem usw.

Eules einfühlsame Erziehung eröffnet Jane neue Horizonte, sie erfährt von anderen Planeten, Spezies und Gesellschaftsformen, sie lernt lesen und schreiben, und ihr Wort-schatz erweitert sich beträchtlich. Denn in der Fabrik gab es nur gutes und schlechtes Benehmen, falsch und richtig sowie mechanisch-technisch-physikalische Adjektive, jedoch keine differenzierten Gefühlsausdrücke. Wieviel Welterschließung und Selbster-kenntnis in Worten liegt, wird bei Janes Wortschatzwachstum sehr anschaulich und anrührend deutlich.

Jane bringt technisches Grundwissen mit und unerschöpfliche Wißbegier, und sie beginnt kleinere Reparaturen am Shuttle vorzunehmen. Die unendliche Schrotthalde hat den Vorteil, daß genügend Ersatzteile und brauchbare Materialien zur Verfügung stehen, und den Nachteil, daß dort außer einem eßbaren Pilz keine Nahrungsmittel wachsen. Außerdem muß Jane aus einiger Entfernung Wasser herbeiholen, was wegen der wilden Hunde gefährlich ist. Mit Eules Hilfe baut sich Jane eine Waffe und kann sich erfolgreich gegen die Hundeangriffe verteidigen.

Eule ermutigt Jane, das Shuttle zu reparieren, damit sie den Planeten verlassen und den Einflußbereich der GU erreichen können. Es dauert neun Jahre, bis Jane das Shuttle soweit in Stand gesetzt hat, daß man damit fliegen kann. Treibstoff organisiert sie von einem in größerer Entfernung befindlichen Frachtdrohnenlandeplatz, wo der Schrott abgeladen wird. Dort findet sie in Laurian, einem Wachmann, einen unerwarteten Ver-bündeten. Laurian war eigentlich für eine Führungskraftrolle gezüchtet worden, wegen seines Stotterns wurde er dann jedoch aussortiert und zum Wachdienst versetzt.

Jane, Laurian und Eule gelingt die Flucht, und sie werden von der GU aufgenommen. Das Shuttle, inklusive der integrierten KI, wird allerdings beschlagnahmt, da es gegen diverse Raumflugsicherheitsvorschriften verstößt – Bürokratie ist wahrlich universell.

Auf dem Planeten Port Coriol beginnen Jane und Laurian miteinander ein neues Leben. Jane nennt sich fortan wegen ihrer Begeisterung für Gewürze Pepper und Laurian nennt sich Blue. Pepper arbeitet weiter als Schrott- und Reparatur-Technikerin, und Blue wird Maler.

Niemals gibt Pepper die Suche nach dem Verbleib des alten Shuttles auf, weil die Ki-Eule für sie gleichsam ein Familienmitglied ist. Eines Tages erhält sie die Information, daß ihr altes Shuttle in einem „Museum für interstellare Migration“ gestrandet sei …

Die Rückblenden in Janes/Peppers Kindheit und Jugend wechseln sich ab mit den Erfah-rungen Sidras auf Port Coriol. Das ergibt interessante Perspektivwechsel. Jane wird von der KI-Eule in Hinsicht auf das Leben mit Menschen und anderen Spezies geschult, u.a. durch das Erlernen der Sprache Klip, der gemeinsamen Sprache aller GU-Mitglieder, und durch kosmopolitischen Biologie- und Geschichtsunterricht.

Umgekehrt bemüht sich Pepper, die KI-Sidra mit dem wirklichen Leben und echten zwischenmenschlichen Interaktionen vertraut zu machen. Theoretisches Wissen ist kein Problem für Sidra, sie kann sich benötigtes neues Sachwissen oder Sprachkenntnisse einfach herunterladen und integrieren, aber unmittelbare Kontakte mit Menschen und anderen Spezies und körperliche Gefühlsreaktionen und echte Sinneserfahrungen sind anfangs eine große – teilweise aber auch angenehme – Herausforderung für Sidra.

Auch der zweite Wayfarer-Band wartet mit detailverliebt-einfallsreicher, zukunfts- musikalischer Technik und komplexer, intergalaktischer Gesellschaftsordnung sowie vielfältigen, teilweise buchstäblich kunterbunten Spezies auf. Faszinierend-unkonven- tionelle, interspeziäre, dreigeschlechtliche Variationen familiären Zusammenlebens spielen eine inspirierende Nebenrolle. Spannung und Humor kommen dabei auch diesmal nicht zu kurz.

Durch die beiden sehr ausgereiften Hauptfiguren Jane/Pepper und Sidra werden mit lebhafter Anschaulichkeit ethische, philosophische und sozialkritische Betrachtungen rund um Genmanipulation, künstliche und organische Intelligenz, Freiheit und Unfrei- heit, Bildung und Bindung sowie Lebenssinn und Bestimmung inszeniert.

„Bei den Sternen“: Davon will ich noch viel mehr lesen. Band drei der Wayfarer-Serie ist schon in greifbarer Sichtweite …

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_zwischen_zwei_sternen/9783596035694

Hier entlang zu einer weiteren begeisterten Rezension auf dem Buch-Blog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2018/02/12/flowerpower-goes-scifi-die-zweite/

Hier entlang zum ersten Band „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/01/der-lange-weg-zu-einem-kleinen-zornigen-planeten/

 

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrttechnikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

 

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Die verlorenen Wörter

  • Ein Buch der Beschwörungen
  • von Robert Macfarlane
  • Originaltitel: »The Lost Words«
  • Aus dem Englischen von Daniela Seel
  • illustriert von Jackie Morris
  • NATURKUNDEN No. 49 www.naturkunden.de
  • 1. Auflage Matthes & Seitz Verlag, Oktober 2018  www.matthes-seitz-berlin.de
  • 2. Auflage Januar 2019
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 33,4 cm x 22,6 cm
  • 134 Seiten mit 100 Abbildungen
  • 38,00 €
  • ISBN 978-3-95757-622-4

WÖRTER  WECKEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Von Blauglöckchen bis Zaunkönig blättern wir mit diesem Buch ein verwunschenes Alphabet der Natur auf. Es wurzelt in dem alten, magischen Glauben, daß die Namen der Wesen, diese Wesen hervorrufen können.

Die Verarmung der Natur spiegelt sich in der Verarmung des Wortschatzes. Im Vorwort dieses Buches wird vor allem der die Kinder betreffende Wortverlust beklagt – die Wörter für die Natur gingen leise und fast unbemerkt verloren, „ein Verdunsten wie von Wasser auf Stein“. Die Entfremdung von der Natur korrespondiert mit dem Verschwin- den von Worten, die einst selbstverständlich in den Mund genommen wurden, weil man mit der lebendigen Natur alltäglich in Berührung war.

Mit dem vorliegenden Buch lassen sich einige solcher Wörter und Wesen bewahren, wiederentdecken und heraufbeschwören. „Die verlorenen Wörter“ ist eine wunderbare Spurensuche, die wechselwirksam von der Sprache ins wilde Leben und vom Leben in die Sprache führt.

So finden wir beispielsweise auf einer Doppelseite die Blauglöckchen zunächst buch-stäblich verstreut als blauviolette Buchstaben, die zwischen Baumstämmen „wachsen“. Auf der nächsten Doppelseite wird das Blauglöckchen in einer schönen botanischen Illustration gezeigt und von einem wildpoetischen Text begleitet, dessen Zeilenan- fangswort – nach der Versform des Akrostichons – stets mit dem Buchstaben beginnt, welcher der Buchstabenfolge des Wortes BLAUGLÖCKCHEN entspricht. Dann folgt eine Doppelseite mit einer Illustration, die das Blauglöckchen in seiner natürlichen Umgebung zeigt.

Buchstaben werden hier zu Wortgebilde-Bildern geformt, die sich zu Zeilen und gemalten Bildern verdichten. Blauglöckchen, Brombeere, Efeu, Eiche, Eisvogel, Elster, Farn, Heide, Kastanie, Lerche, Löwenzahn, Molch, Natter, Otter, Rabe, Reiher, Star, Weide, Wiesel und Zaunkönig werden sinnlich-assoziativ-imaginativ beschworen und mit Worten eingefangen. Das klingt manchmal wie ein Märchen, manchmal wie ein Zauberspruch oder Rätsel und immer respektvoll-bewundernd. Zudem bleibt stets eine freie, offene Atemweite, die der geneigte Betrachter und Leser selbst ergänzen kann.

Illustration von Jackie Morris © Matthes & Seitz Verlag 2018

Die verspielten Buchstabengebilde, welche die Wuchsformen, die Flugbahnen oder die Silhouette der Naturwesen aufgreifen, stimmen auf das im folgenden Text beschriebene Wesen ein. Die sich daran anschließenden Illustrationen fügen das Einzelwesen dann in seine natürliche Umgebung und Gesellschaft ein.

Dem im Vorwort angekündigten löblichen pädagogische Anspruch, dem verlorenen sprachlichen Terrain der Natur in der Lebenswelt von Kindern etwas entgegenzusetzen, wird dieses Buch meiner Ansicht nach nur bedingt gerecht. Die Texte und die Wortwahl sind sehr anspruchsvoll und entfalten ihre literarisch-lyrische Sprachmagie durch gekonntes Vorlesen. Ob dadurch wirklich viele Kinder erreicht werden können, sei einmal dahingestellt.

Jackie Morris Illustrationen sind ebenso botanisch und zoologisch präzise wie schön und einfühlsam. Das Suchen und Finden, Lauschen und Schauen, Erinnern und Imaginieren, das uns dieses bemerkenswerte Buch bildlich sowie sprachlich ermöglicht, sind ein zauberhaftes, wildniswirksames Vergnügen, bei dem wir in den geheimnisvollen Wortwedeln, Fiederzeilen, Fragefrüchten, Rankenzeichen und Federworten des Autors Robert Macfar-lane der Natur begegnen.

Sehr ansprechend sind auch die wortschöpferischen Namensvariationen, die sich aus den Beschreibungen ergeben. So wird beispielsweise der Löwenzahn u.a. „Schirmchenstreu“ genannt, was wirklich entzückend anschaulich ist. Die lyrische Sprachmelodie und die Bindung an die Anfangsbuchstabenfolge (Akrostichon) waren gewiß eine übersetzerische Herausforderung, der die Übersetzerin, Daniela Seel, gleichwohl kongenial gewachsen war.

Das großzügige Quart-Buchformat, das schmeichelgriffige 150g/m² Papier, die satte, lesefreundliche Typografie, die Kombination aus sorgfältigen naturalistischen Illustrationen und naturliebhaberischem Sprachstil zeugen für den harmonischen Einklang von substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATURKUNDEN Standard ist. Da kommt Sammellust auf …

 

Hier entlang zum Buch und zur großzügigen, unbedingt sehenswerten LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/die-verlorenen-woerter.html

 

Der Autor:

»Robert Macfarlane, geboren 1976 in Nottinghamshire, studierte Literaturwissenschaft in Cambridge und begann schon als Kind mit dem Bergsteigen. Sein erstes Buch Mountains of the Mind (2003) erhielt zahlreiche Preise, darunter den Somerset Maugham Award. Nach einer wissenschaftlichen Arbeit über Plagiate im 19. Jahrhundert veröffentlichte er 2007 The Wild Places. Es wurde von Kritik und Publikum gefeiert und zur Grundlage einer bbc-Dokumenta- tion. 2012 erschien die Fortsetzung Old Ways. 2011 wurde Macfarlane, der auch als Essayist und Kritiker für den Guardian tätig ist, zum Mitglied der Royal Society of Literature ernannt. Macfarlane gilt als wichtigster britischer Autor des Nature Writings. Im März 2015 erschien Landmarks; Robert Macfarlane untersucht darin die Verbindung von Sprache und Natur. In deutscher Sprache erschienen bei Matthes & Seitz Berlin bislang Karte der Wildnis, Alte Wege und Die verlorenen Wörter, welches mit dem BAMB Beautiful Book Award 2017, dem Hay Festival Book of the Year und dem The Sunday Times Top Ten Bestseller ausgezeichnet wurde.«

Die Illustratorin:

»Jackie Morris 1961 in Birmingham geboren, lebt als freie Autorin und Künstlerin in Wales. Ihre Illustrationen zu Verlorene Wörter wurden mehrfach ausgezeichnet und brachten dem Buch u.a. den von britischen Buchhändlern vergebenen Titel Schönstes Buch des Jahres ein

Die Übersetzerin:

»Daniela Seel 1974 in Frankfurt am Main geboren, ist Verlegerin des unabhängigen Verlags kookbooks, Übersetzerin und Lyrikerin. Zuletzt erschien ihr Gedichtband »was weißt du schon von prärie« (kookbooks). Daniela Seel lebt in Berlin.«

 

Querverweis:

„Die verlorenen Wörter“ ergänzen sich für erwachsene Leser gut mit Andreas Webers empathiesophischen, sprachempfindsamen Naturkunden „Alles fühlt“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/ und „Minima Animalia“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/12/minima-animalia/
Für Kinder eignet sich ergänzend Antje Damms BuchWas wird aus uns? Nachdenken über die Natur: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/02/28/was-wird-aus-uns/

 

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Was wird aus uns?

  • Nachdenken über die Natur
  • von Antje Damm
  • Moritz Verlag 2018    www.moritzverlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 17,1 x 17,1 cm
  • 144 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN 978-3-89565-356-8
  • Kinderbuch ab 6 Jahren

NATÜRLICHE  GEDANKENGÄNGE

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ähnlich wie schon in ihrem Buch „Frag mich! 118 Fragen, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen“  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/13/frag-mich/ kombiniert Antje Damm in „Was wird aus uns?“ auf jeder Doppelseite eine Frage mit ein bis zwei Fotos oder Illustrationen, welche die gestellte Frage motivisch begleiten und dadurch zu vielerlei Assoziationen anregen.

So wird beispielsweise die Frage „Kann Löwenzahn wütend werden?“ mit Fotos eines Löwenzahns, der am Bordsteinrand wächst, illustriert. Auf der einen Seite wächst der Löwenzahn einfach aus einer Ritze zwischen Pflastersteinen in die Welt, auf der anderen Seite ist der gleiche Löwenzahn umzingelt von Zigarettenkippen und Verpackungsmüll.

Fragen Sie sich einfach einmal selbst, wie Sie die Löwenzahnfrage beantworten würden – oder auch eine der nachfolgenden Fragen:
 
Haben Pflanzen Rechte?
Verstehen uns Tiere?
Welche Fragen würdest du gerne einem Tier stellen?
Was würdest du gerne können, was nur ein Tier kann?
Was können wir von der Natur lernen?

Wie wäre es, für immer in der Wildnis zu leben?
Können sich Steine an ihre Geschichte erinnern?
Kann man mit einer Topfpflanze befreundet sein?
Haben Tomaten Angst vor uns?
Woher kennen die Kraniche ihren Weg?
Woran erkennt man, ob etwas lebt?
Wozu inspiriert dich Natur?

Dieses Buch offeriert über sechzig bedenkenswerte Fragen zur Natur, die, wenn Sie es gemeinsam mit Ihrem Kind durchblättern, gewiß auf vielfältige Weise beantwortet werden können. Sofern Kinder bereits lesefähig sind, kann es auch einfach Kinder untereinander zu einem lebhaften Erfahrungs- und Gedankenaustausch zum Thema Naturfragen animieren.

„Was wird aus uns?“ ist in Wort und Bild ein feinsinniger Wegweiser zu interessanten Perspektivwechseln, philosophischen Überlegungen und Gedankenspielen über unsere Natur und zugleich auch ein Impulsgeber für die Wahrnehmung und Benennung natürlicher Phänomene und unser menschliches Verhältnis zur Natur.

Aus den anschaulich gestalteten Fragestellungen erwächst hier gleichsam organisch ein Gespür für die Rolle der Natur in unser aller Leben und dafür, wie vertraut oder fremd wir ihr gegenübertreten, obwohl wir tatsächlich selbst ein verkörperter Teil von ihr sind.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.moritzverlag.de/Alle-Buecher/Was-wird-aus-uns.html

 

Nachfolgend noch weitere lesens- und sehenswerte Bücher von
Antje Damm:

Der Besuch
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/06/der-besuch/
Frag mich! 118 Fragen, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/13/frag-mich/
Hasenbrote
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/17/hasenbrote/
Regenwurmtage
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/10/regenwurmtage/
Was ist das? Ein Spiel und Ratebuch
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/08/13/was-ist-das/

Die Autorin und Illustratorin:

»Antje Damm, 1965 in Wiesbaden geboren, ging nach dem Abitur zunächst als Aupair-Mädchen nach Italien, bevor sie in Darmstadt Architektur studierte. Dies führte sie erneut nach Italien, denn in Florenz verbrachte sie ein Auslandsemester. Danach arbeitete sie mehrere Jahre freiberuflich für diverse Architekturbüros. Seit ihre Töchter auf der Welt sind, schreibt und illustriert sie Kinderbücher. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in einem alten Fachwerkhaus in der Nähe von Gießen.«

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Geheimnisse der Natur

  • Phänomene in Garten, Wald und Wiese
  • beobachten und verstehen
  • von Peter Wohlleben
  • Hörbuch
  • Buchvorlage pala Verlag
  • Produktion: Der Hörverlag 2017
  • gekürzte Lesung von Peter Kaempfe
  • erschienen im Hörverlag Februar 2018  www.hoerverlag.de
  • 9 CDs in Pappkästchen
  • Gesamtlaufzeit 10 Stunden, 51 Minuten
  • 24,99 € (D), 28,10 € (A), 34,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2823-7

A U G E N Ö F F N E R

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie alle Bücher Peter Wohllebens ist auch „Geheimnisse der Natur“ ein praktisches und buchstäblich lebensnahes Heilmittel gegen Naturferne und eine spannende und wissenswertvolle Schule des Sehens.

Das vorliegende Hörbuch entfaltet auf neun CDs das gebündelte Wissen aus zwei Sachbüchern von Peter Wohlleben. Die ersten vier CDs konzentrieren sich auf das Verständnis von leicht zu beobachtenden Naturerscheinungen (Buchtitel: Von Kranichflug bis Blumenuhr), und die fünf folgenden DCs umkreisen weitläufig das Thema Bäume (Buchtitel: Bäume verstehen).

Peter Wohlleben erklärt Naturphänomene und die zahlreichen damit verknüpften wechselwirksamen Zusammenhänge höchst anschaulich und einleuchtend.

Beispielsweise erfahren wir, wie wichtig die unterirdischen Ameisenbautätigkeiten für die Bodenlockerung, Bodenbelüftung und die bessere Durchwurzelung der Erde sind – was beiläufig auch für die Grabetätigkeit des Maulwurfs gilt.

Wir lernen, mit Hilfe des Gänseblümchens das Wetter vorherzusagen. Gänseblümchen-blüten schließen ihr Blüteninneres, wenn Regen oder Gewitter nahen. Dies tun sie durch thermonastische Bewegungen, d.h. daß die Oberseite der Gänseblümchen-Blütenblätter bei steigender Temperatur schneller wächst als die Unterseite, wodurch sich die Blüte öffnet. Sinkt hingegen die Temperatur, wächst die Unterseite der Blütenblätter schneller, und die Blüte schließt sich. So zeigen geschlossene oder geöffnete Gänseblüm- chenblüten tagsüber zuverlässig an, ob Regen im Anzug ist oder nicht.

Das Wissensspektrum des Hörbuches reicht von der korrekten Deutung der Schnee-flockengröße und Wolkenfärbung bis zur sichtbaren Unterscheidung von Planeten und Sternen am nächtlichen Himmel, von Bodentypen (Sand, Schluff, Ton, Lehm) und ihren unterschiedlichen Wasser- und Kohlenstoffspeicherkapazitäten bis Humusförderung, Erosionsverhinderung und lebenswichtigen Regenwürmern. Weitere Stichworte sind Klimawandel, Windgeschwindigkeiten, Zeigerpflanzen, tierisches Revierverhalten, Vogelruf und Vogelzug, das natürliche Gleichgewicht zwischen sogenannten Nützlingen und Schädlingen, Streusalzschäden, Mondphasen und Lichtverschmutzung …

Weiter geht es mit Aufbau und Lebenslauf der Bäume durch alle Jahreszeiten von der Wurzel bis zum Blatt sowie vom Sämling bis zur Frucht. Es folgen Baumportraits von Eiche, Birke, Fichte, Linde, Pappel, Vogelkirsche, Kiefer, Apfelbaum, Hainbuche und Rotbuche, Baumwuchsformen, Baumalter und Baumkrankheiten, korrekter Baum- schnitt, die Gartentauglichkeit oder -Untauglichkeit bestimmter Bäume, die unterschiedlichen Überlebensstrategien von Bäumen und Sträuchern und die Unterschiede zwischen stör- und sturmanfälligen Plantagenwäldern und nachhaltig-lebenstüchtigen Urwäldern.

Peter Wohlleben weist deutlich auf die Gefahren für die Bodenfruchtbarkeit und den natürlichen Wasserkreislauf durch die industrielle Landwirtschaft hin. In diesem Zusammenhang spielt die Bodenverdichtung durch tonnenschwere Land- und Forstmaschinen eine besonders problematische Rolle.

Seine Ausführungen zur heute üblichen Jagdpraxis verdienen besondere Erwähnung. Die natürliche Wilddichte pro km² beträgt ein Reh und sogar noch etwas weniger Hirsch und Wildschwein. Das genügt den Jagd- und Trophäenbedürfnissen gewisser Kreise jedoch nicht, also werden die Wildbestände durch Fütterung und Schonung der weiblichen Tiere auf das 50 bis 100fache an Wilddichte pro km² erhöht.

Die Lieblingsspeise von Rehen sind Laubbaumknospen. Ein Reh pro km² hindert den Wald nicht an seiner natürlichen Erhaltung, 50 bis 100 Rehe, die sich an der Gipfelknospe von Jungbäumen gütlich tun und damit das Leben des Baumnachwuchses beenden, schaden der Laubwalderhaltung indes gravierend.

Der Autor hofft auf die Rückkehr von Wölfen und Luchsen, die den Wildtierbestand wieder ins Gleichgewicht bringen können, sofern diese Raubtiere nicht – angesichts lascher behördlicher Kontrollen und Sanktionen – heimlich illegal abgeschossen werden. Er zitiert ein altes russisches Sprichwort, das ich hier gerne wiederhole:

„Wo der Wolf geht, wächst der Wald.“

Peter Wohlleben vermittelt uns eine überaus informative, sinnliche und zutiefst ganzheitliche Naturbetrachtung und Naturentzifferung. Komplexe Zusammenhänge werden eingängig erklärt, und alle angesprochenen Themen fügen sich zu einem sinnvollen Zusammenhang, der beeindruckt. Seine Anleitung zu einer achtsamen und wertschätzenden Wahrnehmung der Natur wirkt bewußtseinsbildend und kann die Liebe zur Natur reanimieren.

Der Vorleser Peter Kaempfe liest mit einer sonoren Souveränität und ausdrucksvollen Gelassenheit, die sehr gut zu den im erzählerischen Ton formulierten Sachtexten von Peter Wohlleben passen.

„Geheimnisse der Natur“ legt uns mit Gefühl diese Natur ans Herz und hebt uns mit Verstand ihre feinverästelte Komplexität ins Bewußtsein.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Geheimnisse-der-Natur/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e533263.rhd

Hier entlang zu den dazugehörigen Buchausgaben und LESEPROBEN beim pala Verlag:
Kranichflug und Blumenuhr https://pala-verlag.de/buecher/kranichflug-und-blumenuhr/
Bäume verstehen https://pala-verlag.de/buecher/baeume-verstehen/

Querverweis zu drei weiteren wissenswerten Werken von Peter Wohlleben:

Das geheime Leben der Bäume https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/02/06/das-geheime-leben-der-baeume/
Das geheime Netzwerk der Natur https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/01/13/das-geheime-netzwerk-der-natur/
Das Seelenleben der Tiere https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/30/das-seelenleben-der-tiere/

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforst-verwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb in der Eifel. Dort arbeitet er an der Rück-kehr der Urwälder. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Mit seinen Bestsellern Das geheime Leben der Bäume und Das Seelenleben der Tiere hat er Menschen auf der ganzen Welt begeistert.«   http://www.wohllebens-waldakademie.de

Der Sprecher:

»Peter Kaempfe, seit 43 Jahren erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler, startete seine Karriere mit Engagements in Tübingen, München und Hamburg. Er war Gründungs-mitglied der Bremer Shakespeare Company und erhielt mit dem Wintermärchen den Förderpreis der Akademie der Künste, Berlin. Seine ausdrucksstarke Stimme ließ ihn zum erfolgreichen Kommentarsprecher in mehr als 800 Fernsehdokumentationen für alle deutschen Sendeanstalten werden. Außerdem ist er zu hören in über 300 Hörspielen und Hörbüchern, dazu immer wieder in vielen Live-Lesungen und Solo-Programmen.«

 

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Grüner Faden

  • Der grüne Jahresplaner für ein
  • einfaches und nachhaltiges Leben
  • Immerwährender Buchkalender
  • Herausgeber: smarticular Verlag  August 2018 http://www.smarticular.net
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 20 x 13 x 2 cm
  • 256 Seiten
  • 2 LESEBÄNDCHEN
  • ISBN 978-3-946658-15-3
  • 22,90 € (D), 23,55 € (A)

VON  TAG  ZU  TAG  NACHHALTIG

Kalenderbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Wer gerne mit einem achtsamen, nachhaltigen, müllvermeidenden, rohstoffschonenden und einfach selbstgemachterem Leben beginnen möchte oder dafür nach alltäglichen praktischen Anregungen sucht, wird in diesem Kalender garantiert fündig.

Jede Woche hat hier kalendarisch auf einer Doppelseite Raum, an die sich eine Seite mit saisonalen, konzentriert-formulierten Tipps und eine freigebliebene Seite für längere Notizen oder Skizzen anschließt. Im hinteren Kalenderteil gibt es ergänzend eine Doppelseite, die den Monatskalender abbildet, und wieder eine freie Seite für persön- liche Einträge. Dank der zwei Lesebändchen lassen sich die aktuelle Woche und der aktuelle Monat übersichtlich markieren.

Da bei den kalendarischen Planungsseiten kein Datum vorgedruckt ist, sondern nur die Wochenzahl und die Wochentage, kann man jederzeit mit dem Kalender anfangen und einfach das Datum selbst eintragen. So muß man nicht zwangsläufig von Januar bis Dezember vorgehen, sondern kann jahresübergreifend je nach Einstieg auch von Mai bis April, Juni bis Juli usw. mit dem Kalender arbeiten.

Der Grüne Faden ist mit über 200 saisonalen Rezepten, Ideen und Handlungsimpulsen, mehr als 100 Illustrationen sowie einem wöchentlichen weisen Zitat sinnvoll angerei- chert. Am hinteren Buchinnendeckel befindet sich ein aufklappbares Täschlein, in dem Papierkleinkram (Visitenkarten, Quittungen etc.) untergebracht werden können.Nach dem Hauptkalenderteil bleibt noch Platz für eine Wunschzetteldoppelseite, einen Gemüse- und Wildpflanzensaisonkalender mit Querverweisen zu Rezepten und Anwen- dungen, die im Jahresverlauf bereits thematisiert wurden, sowie eine freie Seite mit der Überschrift „Ideenparkplatz“.

Alle Rezepte und Ideen verfügen über einen Stichwort-Linkhinweis zu smarticular.net, wo sich zusätzliche und vertiefende Informationen aufrufen lassen. Die großzügigen Kalenderblätterfreiräume und Selbstgestaltungsmöglichkeiten fügen diesem Jahres- planer spielerisch einen individuellen Mehrwert hinzu.

Es versteht sich von selbst, daß der Grüne Faden auf wiederverwertetem Papier in Deutschland gedruckt und gebunden wurde. Der Grüne Faden bietet vielseitige und motivierende Nachhaltigkeitsinformationen, die zu konstruktivem, selbstwirksamem Handeln einladen.

Hier entlang zum Kalender und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.smarticular.net/gruener-faden/

Wahlweise gibt es den Grünen Faden übrigens auch in den Farben: Beere, Erde, Morgentau, Ozean, Provence, Sonne und Wald

 

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Die Schneeschwester

  • Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Kapiteln
  • von Maja Lunde
  • Originaltitel: »Snøsøsteren«
  • aus dem Norwegischen von Paul Berf
  • Buchvorlage:  btb Verlag
  • Hörbuch Oktober 2018 der Hörverlag  www.hoerverlag.de
  • vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag 2018
  • Regie: Caroline Neven Du Mont
  • gelesen von Axel Milberg
  • Laufzeit: ca. 3 Stunden und 40 Minuten
  • 3 CDs
  • 14,99 € (D), 16,90 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-3246-3
  • Kinderbuch ab 10 Jahren aufwärts bis 100 Jahren

DIESSEITS  VON  WEIHNACHTEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die Schneeschwester“ ist eine außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte, die das Herz zum Schmelzen bringt und die Daseinsdankbarkeit wachküßt. Dieses Hörbuch ist advents-kalendermäßig in 24 Kapitel eingeteilt, bietet jedoch keine leichte Süßkost, sondern tiefberührende, gefühlsechte, ernste und heitere, schmerzliche und freudige Lebensgeschmacksvielfalt.

Julian ist ein Weihnachtskind, denn er kam am Heiligen Abend zur Welt, und da in Norwegen Weihnachten Jul heißt, trägt er den Namen Julian. Seine kleine Schwester heißt nach dieser familiären Namenstradition Augusta und seine große Schwester Juni. Julian liebt Weihnachten und das ganze stimmungsvoll-gemütliche und kulinarische Zubehör: Kaminfeuerwärme, Kerzenlicht, Pfefferkuchen, Räucherwerk, Sternchen-dekoration, Zimt, Schnee, Tannenbaum, Musik, Gesang, Geschenke und Kakao sowie das geborgene und heitere familiäre Miteinander.

Dieses Jahr wird Julian zehn Jahre alt – ein runder Geburtstag und Heilig Abend! Dies könnte eigentlich ein Anlaß für besonders viel Vorfreude sein. Doch im Sommer ist Julians große Schwester gestorben, und die Familie befindet sich in Trauererstarrung. Alle Lebensäußerungen sind gedämpft, und manchmal hat Julian den Eindruck, daß seine Eltern nur noch leblose Kopien sind, die zwar den Alltag ordentlich regeln, aber nicht wirklich da sind. In einer Woche ist nun Weihnachten, aber die häusliche Situation wirkt, als fiele das Fest dieses Jahr aus. Noch nicht einmal der Adventskerzenhalter ist bisher aufgestellt worden.

Bezüglich des großen Verlustes herrscht familiäre Sprachlosigkeit, und auch mit seinem besten Freund kann Julian nicht über das sprechen, was ihm auf dem Herzen liegt. Dabei hatten sie sich früher immer endlos viel zu sagen gehabt.

Julian dreht seine Schwimmrunden im Hallenbad. Beim Schwimmen muß er sich ganz auf seinen Atemrhythmus und die Bewegungsabläufe konzentrieren, was eine willkommene Ablenkung von den betrüblichen Gedanken und Gefühlen ist, die ihn seit Junis Tod begleiten und belasten.

Während einer Schwimmpause sieht er ein Mädchen mit rotem Mantel, das mit leuch-tenden grün-grauen Augen von draußen durch die Glaswand in die Schwimmhalle hineinschaut. Nach diesem überraschenden Blickkontakt winkt sie ihm zu, und Julian winkt spontan zurück. Daraufhin schenkt ihm das unbekannte Mädchen ein solch strahlend-offenes Lächeln, daß er das Lächeln einfach erwidern muß.

Als er nach dem Schwimmen die Halle verläßt, wartet das Mädchen am Eingang auf ihn. Sie empfängt ihn überschwenglich, stellt sich als Hedvig Hansen vor, redet wie ein Wasserfall auf ihn ein und schwärmt ihm von der Schönheit Weihnachtens vor. Sie lädt Julian in ihr Elternhaus, die Villa Mistel, ein. Dort ist schon alles weihnachtsfestlich ge-schmückt und so warmherzig eingerichtet, daß sich Julian sehr wohlfühlt. Hedvig kocht Kakao für sie, und so beginnt eine wunderbare Freundschaft, die in Julian endlich wieder zarte Fünkchen von Freude hervorruft.

Mit Hedvig kann Julian sogar über seine verstorbene Schwester reden. Hedvig scheut das schmerzliche Thema nicht und reagiert sehr einfühlsam auf alles, was Julian ihr erzählt. Ihr Mitgefühl und ihre lebensfrohe Zugewandtheit bekommen ihm gut, und die Kinder verbringen eine anregende Zeit miteinander.

Julian wundert sich gelegentlich über altmodische Worte, die Hedvig benutzt, und trotz all der verspielten Heiterkeit und eloquenten Munterkeit hat auch Hedvig ihre Verletz- lichkeiten und verschwiegenen Geheimnisse; beispielsweise kann sie nicht schwimmen. Dies gibt Julian die Gelegenheit, ihr Schwimmunterricht zu geben und dabei die Erfahrung zu machen, wie schön es sein kann, jemandem zu helfen.

Bestärkt durch die intensive Freundschaftserfahrung und Hedvigs ansteckende Lebens-lust, fühlt sich Julian dazu ermutigt, die Gefühlserstarrung seiner Eltern in Frage zu stellen und zu überwinden. Außerdem ist seine Herzensbildung inzwischen so ausge-prägt, daß er alleine schon seiner kleinen Schwester zuliebe unbedingt dafür sorgen will, daß die vertraute familiäre Weihnachtstradition fortgesetzt wird. Das ist nicht leicht und bedarf mehrerer zunächst vergeblicher Anläufe, aber schließlich gelingt es ihm, indem er seine Eltern auf sehr kreative Weise mit seiner liebevollen Erinnerung an seine Schwester Juni überwältigt.

Julian entschlüsselt nach und nach auch Hedvigs Geheimnis. Die Loslaßübung, bei der er am Ende Hedvig liebevoll unterstützt, wird auch für ihn eine tiefe, ja, transformierende Erfahrung, die sein Leben bereichert. Hier wird das Leben bejaht, ohne den Tod zu verneinen.

Das subtil übersinnliche Element, welches mit der Figur von Hedvig verknüpft ist, wird von der Autorin virtuos von Anfang an in zahlreichen Anspielungen angedeutet, die sich indes erst in der Leserückblende voll und ganz erschließen.

Maja Lunde schreibt sehr nahe und glaubwürdig am kindlichen Herzen entlang, ihre Sprache ist empfindsam, anschaulich und sehr zärtlich, die Charaktere sind lebhaft und ausstrahlungsstark und verfügen über eine reichhaltige emotionale Bandbreite. Sehr positiv aufgefallen ist mir zudem, daß die Autorin dem Unerklärlichen unausgesproch- enen Raum zwischen den Zeilen läßt.

Die Liebe zum Leben überwindet die Schwerkraft der Trauer – von nichts weniger handelt dieses bemerkenswerte Buch. Angesichts des Todes das Leben zu verneinen ist ebenso unheilsam und unsinnig wie angesichts des Lebens den Tod zu verneinen. Schmerzlichen Gefühlen sollte ebenso Ausdruck gegeben werden dürfen wie schönen Erinnerungen und der Dankbarkeit für das Gewesene. Diese Lektion begreift Julian durch die Begegnung mit Hedvig früher als seine Eltern.

Ja, diese Geschichte wird Sie zum Weinen bringen – und dennoch trösten. „Die Schnee- schwester“ gehört zu der kostbaren Sorte Kinderbuch, für die man niemals zu alt ist.

Axel Milberg liest „Die Schneeschwester“ in einem warmherzigen basso continuo, mit unaufdringlichen Gefühlsausschlägen und einfühlsamen figur- und situationsbezogenen Nuancen. Man könnte einwenden, daß eine erwachsene Stimme für den kindlichen Ich-Erzähler zu alt sei, aber in meinen Ohren klingt der Sprecher sehr wahrhaftig.

Zum Ausklang lasse ich gerne Hedvigs poetisches Bild der Freude zu Wort kommen:

„Es ist, als würde das Herz auf Schlittschuhen stehen
 und sich in Pirouetten drehen und drehen,
 bis mir ganz schwindelig wird – wunderbar schwindelig.“

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Die-Schneeschwester/Maja-Lunde/der-Hoerverlag/e553153.rhd

 

Die Autorin:

»Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Ihr Roman „Die Geschichte der Bienen“ wurde mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet, in 30 Länder verkauft und sorgte auch international für Furore. Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und war der meistverkaufte Roman des Jahres 2017. Im Frühjahr 2018 erschien mit „Die Geschichte des Wassers“ der zweite Teil ihres literarischen Klima-Quartetts, das sich mit den Folgen menschlichen Handelns für die Natur beschäftigt.«

Der Übersetzer:

»Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, Kjell Westö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.«

Der Sprecher:

»Axel Milberg war bis 1997 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele und arbeitete mit Regisseuren wie Dieter Dorn, Thomas Langhoff oder Peter Zadek. Mitte der 90er-Jahre wandte sich der wandelbare Schauspieler verstärkt Film und Fernsehen zu. Seither war er in zahlreichen erfolgreichen Produktionen zu sehen, z. B. in „Jahrestage“ (2000), „The International“ (2009), „Ludwig II.“ (2012), „Hannah Arendt“ (2012). Seit 2003 ist Axel Milberg außerdem in seiner Heimatstadt Kiel als „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski auf Verbrecherjagd.«

 

Die BUCHAUSGABE ist im btb-Verlag erschienen
Die Schneeschwester
von Maja Lunde
aus dem Norwegischen von Paul Berf
durchgehend farbig illustriert von Lisa Aisato
gebunden
mit Schutzumschlag
Format: 21,5 x 24,3 cm
200 Seiten
15,00 € (D), 15,50 € (A), 21,50 sFr.
ISBN 978-3-442-75827-2
Kinderbuch ab 10 Jahren aufwärts bis 100 Jahren
Hier entlang zur BUCHAUSGABE und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Schneeschwester/Maja-Lunde/btb-Hardcover/e552755.rhd

 

 

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Die kleinen Wunder von Mayfair

  • Roman
  • von Robert Dinsdale
  • Originaltitel: »The Toymakers«
  • Aus dem Englischen von Simone Jakob
  • KNAUR Verlag Oktober 2018   www.droemer-knaur.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • und LESEBÄNDCHEN
  • 464 Seiten
  • 20,00 € (D)
  • ISBN 978-3-426-22672-8

S P I E L R Ä U M E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die wunderoffene Perspektive eines Kindes kann imaginativ Unmögliches möglich machen: Aus leblosen Stofftieren werden echte Tiere, aus Puppen und Figuren echte Spielgefährten, und Bilderbücher blättern buchstäblich Geschichtenräume auf. Der Schauplatz des vorliegenden Romans ist ein Spielwarenhaus, in dem Spielsachen angeboten werden, die gekonnt zwischen technischer Perfektion und Magie changieren und damit erfolgreich das kindliche Bedürfnis nach Verzauberung befriedigen und bei Erwachsenen kindheitsnostalgische Zuneigung hervorrufen.

Die entscheidenden Zutaten für die Herstellung dieses märchenhaften Spielzeugs sind neben handwerklich-künstlerischem Geschick eine lebhafte Phantasie und die Fähig- keit, sich in die Perspektive eines Kindes zurückzuversetzen. Der Inhaber des Spiel- warenhauses, des Emporiums, ist Papa Jack, dessen Spielzeugmachergabe ihm einst das Leben und die Seele rettete. Seine beiden Söhne Kaspar und Emil erfinden und produ- zieren ebenfalls Spielsachen und wetteifern um die Anerkennung ihres Vaters, der der unübertreffliche Meister seines Fachs ist.

Im Jahre 1906 ist der Spielraum für unverheiratete Mütter sehr klein. Die fünfzehn-jährige Cathy erwartet ein Kind. Ihre Eltern beabsichtigen, Cathy in einem „Heim zur Förderung der Moral“ unterzubringen, wo sie unauffällig ihr uneheliches Kind zur Welt bringen und es anschließend zur Adoption freigeben soll, um die Schande zu vertuschen.

Doch Cathy möchte ihr Kind behalten. Zufällig entdeckt sie die unkonventionelle Stellenanzeige eines Londoner Spielwarenhändlers:

„Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich?
Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben?
Dann sind Sie bei uns richtig.
Das Emporium öffnet beim ersten Winter-
frost seine Tore.
Keine Erfahrung erforderlich. Kost und
Logis inbegriffen …“
(Seite 24)

Cathy flieht nach London und trifft genau zur alljährlichen Großen Eröffnungsfeier des größten Londoner Spielwarengeschäfts ein. Das Emporium öffnet seine verheißungs- vollen Pforten stets mit dem ersten Winterfrost und schließt seine Pforten, sobald das erste Schneeglöckchen aufblüht. Das ist zwar eine kurze Verkaufssaison, aber das Weihnachtsgeschäft und der zauberhafte Ruf der außergewöhnlichen Spielwaren bescheren dem Emporium in dieser Zeitspanne so viele kaufwillige und kaufkräftige Kunden, daß das Geschäft den Rest des Jahres geschlossen bleiben kann.

Papa Jack und seine Söhne Kaspar und Emil widmen sich also stets von Februar bis Oktober der Erfindung und handwerklichen Herstellung neuer und verbesserter Spiel-sachen und vom ersten Winterfrost bis zum ersten Schneeglöckchenerblühen dem Verkauf ihrer Kreationen. Für die Verkaufssaison werden viele Verkäuferinnen und Verkäufer eingestellt, die während dieser Zeit auch im Emporium wohnen.

So findet Cathy unkompliziert Aufnahme in Papa Jacks Emporium und lernt von den erfahrenen Verkäufern, den Umgang mit den außergewöhnlichen Spielwaren und die Orientierung in den verwirrend beweglichen Gängen, Etagen und verschachtelten Räumen des Emporiums.

Bei den zauberhaften Spielsachen im Emporium verwischen die Grenzen zwischen feinmechanischer Raffinesse und echter Magie. Es gibt Spielzeugtruhen, die von innen wesentlich größer sind als ihre äußere Erscheinung, Spielzeugtiere, die, obwohl sie täglich aufgezogen werden müssen, eine solch lebhafte und situationsbezogene Reaktionsweise zeigen, daß man ernsthaft an ihrem handwerklichen Ursprung zweifelt, Schaukelpferde, die, bevor sie in den Verkauf kommen, erst einmal gezähmt werden müssen, Vögel aus Pfeifenreinigern, die eigentlich unmögliche Strecken fliegen können, und aufziehbare Spielzeugsoldaten, die exerzieren, marschieren, schließen und „tot“ umfallen können und mit denen man große Schlachtformationen nachspielen kann.

Es gibt zusammengefaltete Papierbäume in kleinen Schachteln, die sich nach dem Öffnen ihrer Verpackung zu lebensgroßen Bäumen entfalten, Patchwork-Hasen, die man mit Filz- und Stoffresten und Schrauben füttern kann und die dann kleine Hasen gebären, die bei entsprechender Fütterung noch kleinere Hasen gebären.

Kaspar und Emil interessieren sich beide für die zurückhaltende Cathy, und es dauert nicht lange, bis sie ihr Geheimnis entschlüsseln und dafür sorgen, daß Cathy auch nach der Verkaufssaison im Emporium bleiben darf.

Papa Jack gewährt Cathy Zuflucht, und er gewährt ihr zudem einen tieferen Einblick in seine Herkunft und seine besonderen Fähigkeiten als Spielzeugmacher. Mit einem speziellen Diorama, das Cathy gewissermaßen leibhaftig als Zeugin in Papa Jacks Ver- gangenheit transportiert, erfährt sie, wie er ein sibirisches Arbeitslager überlebt hat. Im Arbeitslager stellte er aus einfachen Zweigen, Blättern, Kiefernzapfen, Moos und Grä- sern bewegliche kleine Figuren her, deren unerklärliche Lebhaftigkeit selbst brutalste Mitgefangene und Wärter in ihren Bann zog und sie milder stimmte.

Aus dieser schweren Zeit seines Lebens stammt Papa Jacks Credo, daß Spielzeug zwar kein Leben retten kann, aber eine Seele. „Einem Menschen können die schrecklichsten –Dinge zustoßen, aber er wird sich nie verlieren, wenn er sich immer daran erinnert, dass  er einmal ein Kind war.“ (Seite 170)

Kaspar, der ältere Sohn von Papa Jack, entwirft Spielzeug, das den magisch-imaginativen Fähigkeiten seines Vaters sehr nahe kommt. Emil, der jüngere Sohn, stellt mit begeister- ter Hingabe, die aufziehbaren Spielzeugsoldaten her, die der absolute Verkaufsschlager des Emporiums sind. Allerdings funktionieren Emils Soldaten wirklich rein mechanisch und vorhersehbar, und Emil beneidet seinen Bruder um das gewisse magische Extra, das er seinen Schöpfungen zu verleihen vermag.

Nun konkurrieren die beiden auch noch um Cathys Gunst; daß sich Cathy für Kaspar entscheidet und dessen Ehefrau wird, kränkt Emil zusätzlich. Doch zunächst leben und arbeiten alle weiter zusammen, und Cathys Tochter Martha wächst in einem geborgen- en familiären Umfeld auf. Kaspar und Emil wetteifern nach wie vor alljährlich mit ihren neuen Spielzeugerfindungen gegeneinander, und man darf Kaspar durchaus vorwerfen, daß er seine erfinderische Überlegenheit gegenüber Emil übertrieben ausspielt.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird Kaspar Soldat, und Emil, der wegen seiner Herz-schwäche nicht eingezogen wird, bleibt im Emporium und genießt die konkurrenzlose Zeit. Kaspar kehrt nach Ende des Krieges traumatisiert zurück und spielt unentwegt mit einer Spieluhr, die er im Lazarett konstruiert hat. Diese Spieluhrmelodie, versetzt den Zuhörer, solange er die Kurbel dreht, in eine glückliche Lebensphase zurück, hält ihn jedoch in dieser Zeitschleife gefangen.

Martha gibt im Gegensatz zu den Erwachsenen die Versuche nicht auf, Kaspar aus seiner Erstarrung zu holen, und sie hat damit wortwörtlich spielerischen Erfolg. Kaspar ist zwar sehr verändert, aber er nimmt wieder am Leben Anteil, arbeitet tatkräftig mit und entwirft neues Spielzeug.

Diesmal tritt er jedoch auf eine Weise in Konkurrenz zu Emil, die für Emil unverzeihlich ist. Denn es gelingt Kaspar, die Spielzeugsoldaten so umzuarbeiten, daß sie sich gegen-seitig selber aufziehen können. Diese Unabhängigkeit führt dazu, daß sie langfristig eigenwillig werden und anstelle von Waffen weiße Fahnen schwenken und schließlich eine Rebellion gegen ihren ursprünglichen „Herrscher“, Emil, planen. Der ewige Streit zwischen den Brüdern eskaliert …

Das vorliegende Buch öffnet eine Spielzeug-Wunderkammer nach der anderen und erfreut den Leser mit faszinierenden Spielzeugfantasien und verspielten Geschöpfen, denen die innige Bezugnahme und kindliche Betrachtungsweise mehr Leben einhaucht, als die eingebaute Mechanik vorsieht.

Die psychologische Tiefe der menschlichen Figuren – abgesehen von Papa Jack – und ihre Beweggründe lassen indes zu wünschen übrig. Der Autor steht zudem den männlichen Figuren wesentlich näher als den weiblichen, deren Innenleben er deutlich weniger kenntnisreich auslotet und beschreibt. Folglich erscheinen die liebesgeschichtlichen Elemente des Romans blaß und beiläufig, und die angekündigte Romantik kommt zu kurz. Das unerbittliche Wetteifern zwischen Emil und Kaspar ist der dramaturgische Handlungsantrieb, der fast alle emotionalen Vorräte für sich beansprucht.

Der Einfallsreichtum des Autors bezüglich wundervoller, ja, beseelter Spielzeuge und imaginärer Spielräume ist größer, detailverliebter und hingebungsvoller als der für seine menschlichen Charaktere.

Dies führt dazu, daß man beim Lesen schließlich mehr Anteil am Schicksal der zu Be- wußtsein gekommenen Spielzeugsoldaten nimmt als an der Entwicklung der familiären Situation zwischen den konkurrierenden Brüdern und ihrem Verhältnis zu Cathy. Tat- sächlich ist das Spielzeug – insbesondere der anhängliche Patchwork-Hund Sirius und der würdevolle Kaiserliche Rittmeister – in diesem Roman sympathischer, entwicklungs- und lebenslernfähiger als die Menschen.

Gleichwohl fasziniert dieser Roman mit der Erschaffung eines Ortes, an dem Kindheits-träume wahr werden, und man erliegt gerne dem erlesenen Charme märchenhafter Spielzeugwelten.

„Wenn man jung ist, will man Spielzeug, weil man sich älter fühlen möchte. Man tut so, als wäre man ein Erwachsener, und stellt sich vor, wie das Leben später sein wird. Aber ist man dann erwachsen, ist es umgekehrt; nun will man Spielzeug, weil man sich dadurch wieder jung fühlt. Man will zurück an den Ort, wo einem nichts schaden kann, hinein in eine Zeitschleife, die aus Erinnerungen und Liebe besteht.“
(Seite 247)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/9595139/die-kleinen-wunder-von-mayfair

 

Der Autor:

»Robert Dinsdale, Jahrgang 1981, wuchs in North Yorkshire auf. Er lebt mit seiner Tochter in Essex. Wenn er sie nicht gerade zur Schule fährt, geht er am Meer spazieren, arbeitet am Computer oder besucht die örtliche Bibliothek. „Die kleinen Wunder von Mayfair“ ist sein dritter Roman.«

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Der Literatur Kalender 2019

  • Anfang & Aufbruch
  • Wochenkalender
  • Herausgegeben von Elisabeth Raabe
  • graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • edition momente  Juni 2018     www.edition-momente.com
  • 60 Blätter
  • 57 Fotos
  • Format: 31,5 x 24 cm
  • Spiralbindung
  • 22,– €, 33,50 sFr.
  • ISBN 978-3-0360-2019-8

© 2018 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

UNTERWEGS  IN  ZEIT  UND  RAUM

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der von Elisabeth Raabe herausgegebene „Literatur Kalender“ erscheint schon seit 35 Jahren. Seit diesem Jahr heißt er jedoch nicht mehr „Arche Literatur Kalender“, sondern einfach „Der Literatur Kalender“, und er erscheint von nun an im Verlag edition momente.

Glauben Sie mir: Von den verlegerischen Komplikationen, die dabei im Hintergrund eine Rolle gespielt haben, wollen Sie gar nichts wissen. Die Hauptsache ist, daß „Der Literatur Kalender“ in bewährter und geschätzter Qualität auftritt und nach wie vor jeder Bibliothek den letzten Schliff gibt.

Das diesmalige Jahresthema „Anfang und Aufbruch“ wird im neuen Kalender in Variationen von erwartungsfreudig bis betrübt durchbuchstabiert. Schriftsteller und Schriftstellerinnen äußern sich in Briefen, Betrachtungen, Notizen, Gedichten und Erinnerungen zu ihren Aufbrüchen, Neuanfängen, Hoffnungen, Zweifeln und überraschenden Lebensweichenstellungen.

© 2018 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

Woche für Woche blättert uns dieser kultivierte Kalender ausgesucht ausdrucksvolle Autorenfotos und die thematisch dazugehörigen schriftlichen Zeugnisse auf. Die harmonische Kombination von Bild und Zitat ist von anregender Anschaulichkeit, welche von der klaren, farblich und typographisch dezenten Gestaltung durch den Graphiker Max Bartholl stilsicher untermalt wird.

Die Facetten des Themas „Anfang & Aufbruch“ sind reichhaltig:
Anfängerglück, Begeisterung, Dankbarkeit, Entschlossenheit, Ermutigung, Ernüchterung, Fremdheit, Hoffnung, Sehnsucht, Tapferkeit, Tiefsinn, Überschwang, Ungewißheit, Vorfreude, Wehmut, Reflexion und Tatendrang … 

© 2018 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

So besingt etwa Henry David Thoreau in aufgeweckten Worten die frische Morgenluft, George Elliot überrascht mit ihrer skandalösen Herzensgewißheit, Else Lasker-Schüler leidet tapfer an ihrer heimatlosen Ausgesetztheit, Siegfried Kracauer traumwandelt beim ersten Anblick von NY zwischen cineastischen Sehgewohnheiten und echtem Erleben, Karl Kraus ist unendlich liebesentflammt, Marguerite Duras beschwört ein ersehntes Liebeswiedersehen, Anna Seghers äußert ausdrückliches Gefallen an Klima und Landschaft ihres Fluchtortes Mexiko, Hilde Domin baut im Exil ein ländliches Haus aus Poesie, Édouard Glissant ruft zur ökologischen Wende für Martinique auf, Annemarie Schwarzenbach definiert das Reisen und bestimmt den Abschiedsschmerz von liebgewonnenen Orten als unvermeidlichen Reisebegleiter, und Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ verkörpert schließlich buchstäblich das vorangestellte Jahresmotto.

Jedes Kalenderblatt wird zudem über sorgfältige Text- und Bildlegenden um Hintergrundinformationen und Querverweise zu Leben und Werk der betroffenen Autoren ergänzt, und in den am Kalenderende angehängten biographischen Blättern finden sich in namensalphabetischer Reihenfolge kurzkonzentrierte Lebensläufe der zitierten Autoren.

„Der Literatur Kalender“ ist und bleibt ein ausgesucht feiner, wöchentlicher literarischer Jahresbegleiter, der ebenso die Lesebekanntschaft mit berühmten wie auch vergessenen Autoren auffrischt oder anregt und dem geneigten Leser und Betrachter einen vielseitigen Blick auf das Lebewesen „Schriftsteller“ verschafft.

© 2018 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

Hier entlang zum Kalender, nebst vorköstlicher Blättermöglichkeit auf der Verlagswebseite: https://www.edition-momente.com/kalender/der-literatur-kalender-2019.html

Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Verlag  edition momente außer dem hier besprochenen Literatur Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert:

Der Jazz Kalender 2019
Mit Texten von Roger Willemsen
https://www.edition-momente.com/kalender/der-jazz-kalender-2019.html

Der Kinder Kalender 2019   (Rezension folgt)
Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek, München
https://www.edition-momente.com/kalender/der-kinder-kalender-2019.html

Der literarische Küchenkalender 2019
Herausgegeben von Sybil Gräfin Schönfeldt
https://www.edition-momente.com/kalender/der-literarische-kuechenkalender-2019.html 

Der Musik Kalender 2019
https://www.edition-momente.com/kalender/der-musik-kalender-2019.html
Eine wortwörtlich klangvolle, wortvirtuose und vielsaitige Rezension des Musik Kalenders findet sich auf der Webseite „meines“ geschätzten Maestros RANDOM RANDOMSEN: https://randomrandomsen.wordpress.com/2018/11/07/taktvoll-durch-den-all-tag/

 

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