Sophie Scholl: Es reut mich nichts

  • Portrait einer Widerständigen
  • von Robert M. Zoske
  • Propyläen Verlag, November 2020 www.ullstein.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 448 Seiten
  • 24,00 € (D), 24,70 € (A)
  • ISBN 978-3-549-10018-9


LICHTGESTALT  AUS  FLEISCH  UND  BLUT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Heute, am 9. Mai 2021, jährt sich Sophie Scholls 100. Geburtstag.

Wegen Widerstandes, Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Hochverrats gegen den NS-Staat wurden Sophie Scholl, ihr Bruder Hans Scholl und weitere Mitstreiter zum Tode verurteilt. Sophie Scholl starb am 22. Februar 1943 mit nur 21 Jahren durch das Fallbeil.

Sophie Scholl war aktiv beteiligt an der Finanzierung, Materialbeschaffung und Her-stellung der regimekritischen Flugblätter der Münchner Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und hatte mehrfach bei der Versendung und Verteilung dieser Flugblätter mitge- wirkt. Sophie und Hans Scholl waren dabei erwischt worden, wie sie Flugblätter im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München abwarfen, wenig später wurden sie verhaftet.

Die vorliegende Biografie von Robert M. Zoske zeichnet einfühlsam-nachspürend Sophie Scholls Lebensweg, ihre emotionale und geistige Entwicklung nach sowie ihre Wandlung vom regimekonformen BDM-Mädchen hin zur bedingungslosen Widerstandkämpferin.

Gleich zu Beginn zitiert der Autor ausführlich aus der Anklageschrift des Reichsanwalts Albert Weyersberg, wodurch ihm eine gute Einstimmung in den damals vorherrschen- den Zeitgeist gelingt. Erst danach folgt eine chronologische Nacherzählung von Sophie Scholls Leben: Familie, Kindheit, Schulzeit, Freundschaften, Liebschaften und Schwärme- reien, unzählige BDM-Pflichten und Arbeitsdienststunden für das Räderwerk von Diktatur und Propaganda, Ausbildung zur Kindergärtnerin, rege Briefwechsel, Beginn des Studiums von Philosophie und Naturwissenschaften und schließlich der intellek- tuelle Widerstandskampf durch aufklärerische Flugblätter.

Beiläufig vermittelt das in dieser Biografie ausführlich und detailreich dargestellte All-tagsleben unter der nationalsozialistischen Diktatur einen erschreckend lebhaften Ein-druck der umfassend durchstrukturierten systematischen Inanspruchnahme jedes Ein-zelnen sowohl in praktisch tätiger als auch propagandistisch organisatorischer Hinsicht.

Sophie Scholl erscheint facettenreich, komplex, widersprüchlich, ebenso empfindsam wie tapfer, verspielt und tiefernst, begeisterungsfähig und todessehnsüchtig, unkonven- tionell und angepaßt, stark und schwach, asketisch und hingebungsvoll, christlich und mythisch-naturverbunden. Sie legte großen Wert auf Freiheit und Selbstverantwortung, schwankte in Beziehungen zwischen zärtlicher Anhänglichkeit und distanzierter Unab-hängigkeit. Sie war sehr musikalisch, sang gerne und spielte Blockflöte, Gitarre und Klavier und interessierte sich auch für Malerei und Poesie. Eines ihrer Lieblingsbücher war Rainer Maria Rilkes „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“.

Sehr beeindruckend ist das hohe Maß an Selbstreflektion, die Ernsthaftigkeit der religiösen und ethischen Auseinandersetzung und Suche. Ihre niveauvollen schriftlichen Selbstzeugnisse sind auch in Anbetracht ihres zarten Alters erstaunlich.

Robert M. Zoske beschreibt Sophie Scholls Lebenslauf präzise und bietet eine plastische Darstellung mit vielen Einzelheiten; der Anhang mit Anmerkungen und Quelldokumen- ten ist 139 Seiten lang. Er interpretiert und deutet Charaktereigenschaften und Zusammenhänge nur mit achtsamer Zurückhaltung. Stattdessen läßt er Sophie Scholl häufig selbst zu Wort kommen.

Dank dieser zahlreichen Originalzitate aus Tagebüchern, Briefen und Aufsätzen erzeugt der Autor eine große zwischenmenschliche Nähe zu Sophie Scholl. Es ist manchmal fast so, als schauten wir ihr leibhaftig beim Schreiben über die Schulter. So wird die Heldin des Widerstands zu einem nahbaren Menschen. Sie begegnet uns auf Augenhöhe und kann uns Heutigen – ohne ikonografischen Idealisierungsheiligenschein – viel wirksamer ein Beispiel sein für Freiheit, Gerechtigkeitssinn, Selbstverantwortung, Widerstand und Zivilcourage.

„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“
(Sophie-Scholl-Zitat aus dem Gestapo-Vernehmungsprotokoll vom 20. Februar 1943)

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/sophie-scholl-es-reut-mich-nichts-9783549100189.html

Der Autor:

»Robert M. Zoske, geboren 1952 in Schleswig-Holstein, ist evangelischer Theologe und Historiker der Widerstandsgruppe »Weiße Rose«. Bis 2017 arbeitete er als Pastor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Er hat über Hans Scholl promoviert, 2018 erschien die viel beachtete Biografie Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose. Robert M. Zoske lebt mit seiner Frau in Hamburg.«

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Respekt geht anders

  • Betrachtungen über unser zerstrittenes Land
  • von Gabriele Krone-Schmalz
  • C.H. Beck Verlag, Oktober 2020  www.chbeck.de
  • Klappenbroschur
  • 176 Seiten
  • ISBN 978-3-406-75486-9
  • 14,95 € (D), 15,40 € (A)


DIALOG  STATT  DIFFAMIERUNG!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine gelungene Diskussion erweitert den Horizont, läßt wechselseitig tiefer blicken und vermittelt, daß unterschiedliche Perspektiven eine ergänzende Bereicherung sind und daß Differenzen nicht absolut unüberbrückbar sein müssen und somit Kompromisse möglich sind. Eine echte und respektvolle Streitkultur könnte zudem für unterschied- liche Lebenswirklichkeiten und anders geartete  Anliegen, Bedürfnisse und Interessen sensibilisieren.

Leider ist das Miteinanderreden häufig zu einem unduldsamen Gegeneinanderreden verkommen. Pauschalisierende Ausgrenzung, Rechthaberei, Besserwisserhaltung, moralisierende Selbstherrlichkeit und unselbständige, aber bequeme Mitläufer- meinungen sind sowohl massenmedial als auch privat weitverbreitet.

Gabriele Krone-Schmalz geht differenziert und gelassen auf einige aktuelle Themen ein, die sich seit einiger Zeit auf absolute Entweder-oder-Positionen reduzieren. Streiflich- ternd betrachtet sie u.a. diktatorische Gender-Sternchen-Auswüchse, die deutsche Schuld, die Flüchtlingskrise, Antisemitismus, Populismus, Klimawandel, alte und neue Ost-West-Konfrontation, den inszenierten und aufgebauschten Generationenkonflikt, die mehr als fragwürdige Neigung der Massenmedien zu skandalisierender und polari- sierender Zuspitzung und volkserzieherischer Berichterstattung, ideologischer Konfor- mität und moralischer Manipulation einschließlich eines neuerlichen journalistischen Selbstverständnisses als haltungsstarker «Meinungskämpfer» für die einzig gültige Wahrheit.

Sie kritisiert die gängigen Methoden, Andersdenkende – egal welcher Couleur –  mit pauschalisierenden Schimpf- oder Schlagworten abzuwerten, ohne sachlich-inhaltlich  hinzuhören und sich zumindest gedankenspielerisch auf eine fremde oder abgelehnte Perspektive einzulassen. Hätten wir wirklich noch einen weiten, erkenntnisoffenen Debattenraum, statt eines engstirnigen Debattentunnels, wäre der Austausch von Argumenten und Erfahrungswerten eigentlich selbstverständlich. Zu häufig ersetzen inzwischen Vorteile, grobe Vereinfachungen und scheinbare moralische Überlegenheit  (die richtige „Haltung“) eine mündige und selbsterfahrene sowie selbsterarbeitete Urteilsbildung.

Eine dialogbreite demokratische Debattenkultur ist unbequem, sie verlangt vielmehr eigenes Nachdenken und Nachforschen, den Willen und den Mut, für den eigenen Stand-punkt Argumente und Informationen parat zu haben und die Fähigkeit, andere Welt- bilder und Meinungen schlicht und einfach auszuhalten und nicht aus der Diskussion auszuschließen. 

„Wenn «andere Gedanken» wahlweise als Majestätsbeleidigung oder psychische Defor-mation desjenigen, der sie äußert, empfunden werden, wenn Abwehrschlachten nur mit ausgrenzenden Etiketten wie Nazi, Rassist, Sexist, Volksverräter, Klimaleugner etc. stattfinden, dann führt das sowohl dazu, dass Menschen nicht mehr miteinander reden, als auch dazu, dass man sich sehr genau überlegt, was man in wessen Anwesenheit sagt. Beides hat in unserem politischen und gesellschaftlichen System nichts zu suchen.“ (Seite 125)

Meinungsvielfalt und -Freiheit lassen sich am besten verteidigen, wenn bei der Entschei-dung zwischen verbalem Florett oder Säbel eher das Florett gewählt und der Gegner nicht entwürdigt wird.

Die Leitmedien, die auch „Aufmerksamkeitshändler“ sind und um Einschaltquoten, Auf-lagenstärke und Klicks ringen, um sich durch Werbeeinnahmen querzufinanzieren, haben durch entsprechend aufmerksamkeitsheischende, konfliktbetonte, konfronta- tive Berichterstattungen ebenfalls Teil an gesellschaftlicher Spaltung sowie politischer und thematischer Polarisierung und Ausgrenzung.

„Ich würde mir manchmal etwas mehr Realismus wünschen und etwas weniger Pathos.“ (Seite 67)

„Respekt geht anders“ bietet eine ausgewogene kritische Analyse der deutschen Medienlandschaft und empfehlenswerte Anregungen für eine konstruktive Gesprächs- und Streitkultur. Besonders hervorheben möchte ich das Kapitel „Die Würde des Andersdenkenden“, dessen Lektüre ich nur jedem ans Herz bzw. an die Vernunft legen kann.

Mir sei als Anmerkung gestattet, daß die Autorin im Hinblick auf das Thema Armutsrisiko die Grenze zur Verharmlosung aus meiner Sicht überschritten hat.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.chbeck.de/krone-schmalz-hysterikerland/product/30917921

Die Autorin:

»Gabriele Krone-Schmalz war von 1987 bis 1991 Russland-Korrespondentin der ARD und moderierte anschließend bis 1997 den ARD-Kulturweltspiegel. Seit 2011 ist sie Professorin für TV und Journalistik an der Hochschule Iserlohn. Bei C.H. Beck sind von ihr erschienen „Russland verstehen“ (2017)
https://www.chbeck.de/krone-schmalz-russland-verstehen/product/14291912
und „Eiszeit“ (2018) https://www.chbeck.de/krone-schmalz-eiszeit/product/20530822 «

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Bei dir summt’s wohl!

  • Lerne mich kennen und tu was für mich
  • von Bärbel Oftring
  • KOSMOS Verlag 2020  www.kosmos.de
  • 144 Seiten
  • mit 320 Farbfotos
  • Format: 216 x 185 x 14 mm (LxBxH)
  • Klappenbroschur
  • 15,00 € (D)
  • ISBN 978-3-440-16892-9

I N S E K T E N F R E U N D L I C H

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wenn Sie gerne mehr über einheimische Insekten wissen wollen und zudem praktische Informationen über insektenfreundliche Gartengestaltung brauchen, sind Sie mit dem Ratgeber „Bei dir summt’s wohl“ an der richtigen Adresse.

Einleitend bietet die Autorin einige grundlegende Kenntnisse über Insekten, etwa ihren körperlichen Aufbau, ihre Entwicklungszyklen (Ei, Larvenstadien, Puppe, Imago), ihre lebenswichtige Bedeutung und Funktion als Bestäuber, Destruenten und Nahrungs- mittel für andere Tiere.

Das massenhafte Insektensterben geht zu einem großen Teil auf die buchstäblich giftige Industrialisierung der Landwirtschaft mit artenarmer Monokulturbewirtschaftung zurück. 50 % der Fläche Deutschlands wird industriell und intensiv beackert. Aber auch private Gärten (4 % der deutschen Landesfläche) sind meist viel zu „aufgeräumt“ und versiegelt, mit dem Mäher ordentlich „frisiert“, mit überzüchteten, exotischen oder nicht standortgerechten Pflanzen bestückt, und unerwünschte „Schädlinge“ werden auch hier noch oft mit der Chemiekeule vernichted.

Gleichwohl steht es jedem frei, den eigenen Garten natürlich und dementsprechend insekten- und tierfreundlich zu gestalten. Insektizide kommen selbstverständlich nicht zum Einsatz! Bevorzugt gepflanzt werden möglichst vielfältige heimische Wildstauden, Sträucher und Gräser sowie Wildkräuter. Gemäht wird maßvoll, damit möglichst viele Blumen- und Wieseninseln sowie Grasland als ungestörte Rückzugsgebiete übrig bleiben. Beständige Kleinstrukturen durch Totholz, Reisig-, Laub- und Komposthaufen, Trockenmauern, Steinhaufen, kleine Sandflächen und sandige Fugen zwischen Tritt- steinen machen den Garten zum attraktiven Lebensraum für Insekten.

Selbstverständlich sollte sich auch der Blick auf scheinbar unordentliche, verblühte und verwelkte Pflanzen richten, denn diese sind ebenfalls wichtige Rückzugsräume für Insekten und Überwinterungsquartiere für viele Eier, Larven und Puppen. Zumindest über den Winter hin sollten abgeblühte und verdorrte Pflanzen konsequent stehen bleiben, um die ruhende nächste Generation und in Stengeln, Samenkapseln und Laubstreu überwinternde Insekten zu erhalten.

Doppelseitige Einzelportraits stellen gängige heimische Insekten mit anschaulichen Fotos, Steckbriefstichworten, typischen Merkmalen und komprimierter Fließtext- begleitung hinsichtlich Lebens- und Verhaltensweise, Nahrungsvorlieben, Repro- duktionszyklen und ökologischer Aufgabe sowie gelegentlicher individueller Besonderheiten vor. Da krabbeln, flattern, schwirren und summen Eintagsfliegen, Florfliegen, Ohrwürmer, Blumenwanzen, Laufkäfer, Zikaden, Maikäfer, Rote Gartenameisen, Schlupfwespen, Wildbienen, Fliegen, Marienkäfer, Leuchtkäfer, Wespen, Hummeln, Schwebfliegen, Heuschrecken, Springschwänze, Nachtfalter, Tagfalter und was es noch so an sechsbeinigen Gartengesellen gibt.

Die Aufteilung der vorgestellten Insekten nach Farbgruppen (braune und schwarze, schwarz-gelbe und schwarz-rote sowie bunte und weiße Insekten) bietet eine anwen- dungsfreundliche Nachschlagestruktur für die schnelle Zuordnung und Bestimmung.  

Mit etwas über 150 Insekten machen wir in diesem Buch Bekanntschaft. Das ist eine sehr übersichtliche Menge, wenn man bedenkt, daß bisher weltweit über eine Million Insekten-arten bestimmt worden sind und es vermutlich noch weitere sechs Millionen bislang unbestimmter Insekten gibt.

Übrigens, falls Sie zufällig Glühwürmchen und Leuchtkäfer anlocken möchten, empfiehlt sich neben den bereits zuvor erwähnten Kleinstrukturen noch ein Gartenteich und der konsequente Verzicht auf automatische Gartenbeleuchtung (selbst wenn sie mit Solar-zellen betrieben wird), denn künstliches Licht stört die Lichtsignalwirkung bei der glüh-würmlichen Partnersuche und führt auch bei Nachtfaltern zu Orientierungsirritationen.

„Bei dir summt’s wohl!“ bietet übersichtliche und leichte Insektenbestimmungshilfe und praktische, einfach umzusetzende ökologische Gartengestaltungstipps für wachsenden Insektenreichtum und Artenvielfaltsförderung in Ihrem Garten. 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber-naturfuehrer/natur/tiere/10811/bei-dir-summts-wohl

Die Autorin:

»Bärbel Oftring ist Diplom-Biologin und setzt ihre Liebe zur Natur als Autorin und Redakteurin von Sachbüchern, Naturführern und Ratgebern sowie in Vorträgen in die Tat um. In diesem Buch spricht sie für die Insekten und lädt uns ein, mehr für diese überaus wichtigen Tiere zu tun.«

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Grüner geht’s nicht

Grüner geht’s nicht

  • Nachhaltig gärtnern auf dem Balkon
  • von Melanie Öhlenbach
  • KOSMOS Verlag 2021 www.kosmos.de
  • Klappenbroschur
  • Fadenheftung
  • 128 Seiten
  • 215 Fotos
  • Format: 240 x 170 x 14 mm
  • 18,00 € (D)
  • ISBN 978-3-440-17110-3

BALKON-BIOTOP

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Melanie Öhlenbachs Balkongartenratgeber leitet zusammenhängend und detailliert zum nachhaltigen Gärtnern auf kleinem Raum an. Von der Ausstattung mit Pflanz- gefäßen und Pflanzenerde, Gartenwerkzeugen, Bio-Saatgut, Pflanzenarten, Pflege- hinweisen und biologischem Pflanzenschutz bis hin zu tier- und insektenfreundlichen Gestaltungsmöglichkeiten orientieren sich alle vorgestellten gärtnerischen Materialien und Arbeitsschritte an Nachhaltigkeit und Ökologie.

Beim Gärtnern auf dem Balkon sind zunächst allerlei Gefäße für die Pflanzen erforder- lich. Es muß nicht alles neu sein, auch gebrauchte Pflanzgefäße, umfunktionierte Kochtöpfe und Küchensiebe, Obststiegen, Weinkisten, Weidenkörbe, Pflanztaschen aus gefilzter Jute, Dosen, ja, sogar angeschlagene Tassen und ausgediente Suppenkellen lassen sich bepflanzen. Tontöpfe und -Unterteller sind gut geeignet und atmungsaktiv. Aus gebrauchten Paletten lassen sich mehrstöckige Pflanzregale bauen …

Es versteht sich von selbst, daß Plastiktöpfe vermieden werden sollten. Doch wenn man sie beispielsweise beim Kauf  von Pflanzen zwangsläufig miterworben hat, kann man sie immerhin noch als Anzuchttöpfchen oder Ablegerverschenktöpfen weiternutzen, anstatt sie nach einmaliger Nutzung in den Plastikmüll zu geben.

Pflanzenerde sollte an die Bedürfnisse der Pflanzen angepaßt werfen: Schwachzehrer (Salate, Kräuter, Hülsenfrüchte) kommen beispielsweise mit „verbrauchter“ Erde zurecht, während Starkzehrer (Tomate, Zucchini) besser in frischer, nährstoffreicher Erde gedeihen. Alte Erde läßt sich zudem durch Hinzufügung von Feinkompost und Gesteinsmehl reanimieren.

Sehr einleuchtend und praxisnah ist der Hinweis, die Pflanzerde für kalkliebende Kräuter wie Borretsch, Lavendel, Thymian und Salbei mit fein zerstoßenen Eierschalen zu mischen oder wahlweise sehr fein gemahlene Eierschalen dem Gießwasser hinzu- zufügen.

Kaffee-, Teereste und abgestandenes Bier sind – mit Wasser verdünnt – natürliche Düngemittel. Auch Kaffeesatz kann gut getrocknet in die Erde eingearbeitet werden, allerdings maßvoll, um die Erde nicht zu übersäuern. Kleine Reste aus Milchflaschen oder Joghurtgläsern können mit Wasser ausgeschwenkt werden und ebenfalls als Flüssigdünger dienen.

Dieser Ratgeber vermittelt auf eingängige Weise Wissen über die angemessene Stand- ortwahl für Pflanzen, die Vermehrung über Teilung, Stecklinge und Samenernte, Tipps und Hilfsmittel zum nachhaltigen Bewässern und Gießen, diverse Mini-Kompostier- varianten (Bokashi, Wurmkomposter), Nützlinge und Insektennisthilfen sowie Wasser- tankstellen für Insekten und Vögel, selbstangesetzte Pflanzenbrühen aus Acker- schachtelhalm, Efeu, Knoblauch usw.

Kurzportraits zeigen in Wort und Bild eine überschaubare Pflanzenauswahl zum Kennenlernen: Die 12 ertragreichsten Balkongemüse, 8 Beerensorten, 10 Kräuter und      10 Bienenweideblumen nebst einer Auflistung von 12 hübschen balkontauglichen Wildpflanzen.

Hinweise auf samenfestes biologisches Saatgut, analoge und digitale Samentausch-börsen, diverse Adressen und Links zu Bio-Saatgut, Gefäßen, Gartengeräten, Alten Sorten, Mulch, Bewässerungshilfen, Bio-Dünger und Bio-Pflanzenschutzmitteln, Nisthilfen und Vogelfutter runden den Kursus in nachhaltigem Balkongärtnern weiterführend ab.

„Grüner geht‘s nicht“ bietet anschauliche balkongärtnerische Anleitungen, übersichtliche, sinnvoll abgestufte botanische Informationen und prak- tische Anregungen zur Wiederverwertung- und zum Selbermachen. Die zahlreichen schönen Fotos wecken Pflanzlust und Blütenvorfreude.

Eine nachhaltige Balkongestaltung und –Bepflanzung, wie sie Melanie Öhlenbach in ihrem Buch so animierend und inspirierend vorstellt,  belohnt uns mit ebenso köstlichem wie attraktivem natürlichen Mehrwert!

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber-naturfuehrer/garten/balkon-terrasse-zimmer/11634/gruener-geht-s-nicht

Die Autorin:

»Melanie Öhlenbach hat ihren tristen Stadtbalkon in einen bunten Mini-Garten ver-wandelt. Auf sechs Quadratmetern baut sie rund 50 unterschiedliche Sorten an Gemüse, Kräutern, Obst, Blumen und Wildpflanzen an. Nachhaltiges Gärtnern auf kleinem Raum vermittelt die Bremer Garten-Journalistin auf ihrem Blog KISTENGRÜN https://www.kistengruen.de, in Seminaren und nun auch in diesem Buch. Durch die Radiosendung „Grüner wird’s nicht“ auf Bremen Eins ist sie auch einem breiten Publikum in Norddeutschland bekannt.«

Querverweis:

Ergänzend bietet sich zudem noch das Sachbuch „Wilde Kübel – unkompliziert, naturnah und insektenfreundlich“ von Simone Kern an: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/07/02/wilde-kuebel/

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Klaus Sausebraus

Klaus Sausebraus

  • Text und Illustration von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus, Februar 2021 http://www.urachhaus.com
  • Format: 14 x 16 cm
  • 12 Seiten
  • 8,00 € (D), 8,30 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-5268-0
  • Pappbilderbuch ab 2 Jahren

E L F E R I C H

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Daniela Dreschers imaginärem Garten erscheinen immer wieder neue Naturgeister, die sie mit Stift und Pinsel für uns sichtbar macht. Im vorliegenden Pappbilderbuch lernen wir nun Klaus Sausebraus kennen.

Er ist ein Elfenjunge, und wir betrachten seinen verspielt-naturverbundenen Alltag. Frühmorgens wacht er auf, wackelt mit den Zehen, streckt seine Flügel aus, flattert über die Wiese, spaziert mit einer Blaumeise auf dem Gartenzaum herum, schleckt Nektar aus Wildblumenblüten, verkleckert und verteilt dabei – genießlich – Blütenstaub und macht anschließend ein Nickerchen auf einer gemütlichen Doldenblüte. Begleitet wird der kleine Elf von einigen niedlichen Insekten, einer grünen Raupe, einem Schmetter- ling, einer Gehäuseschnecke und einer Maus.

Klaus Sausebraus. Nektar und Blütenstaub

Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2021

Auf jeder Doppelseite finden wir ein anschauliches wildblumiges Szenenbild, das mit vierzeiligen Versen beschrieben wird. Diese heiter-gereimten Texte runden den märchenhaften Bilderbuchausfug beim Vorlesen melodisch ab. Die botanisch und zoologisch ebenso poetischen wie präzisen Zeichnungen vermitteln eine unbeschwerte naturvergnügliche Stimmung, und dank detailverliebter Motivwiederholungen wird die natürliche kindliche Entdeckerfreude angeregt.

Klaus Sausebraus. Nickerchen

Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2021

Die stabilen Pappseiten mit abgerundeten Ecken verkraften gegebenenfalls auch ungeübte kleinkindliche Umblätterstrapazen.  

„Klaus Sausebraus“ ist ein zauberhaftes Bilderbuch für Kinder ab zwei Jahren, die auf Elfen und Elferiche fliegen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.urachhaus.de/Lesen-was-die-Welt-erzaehlt/Daniela-Drescher/Klaus-Sausebraus.html

Die Autorin & Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966, ist eine international gefeierte Illustratorin und Autorin. Ihre Bilderbücher und illustrierten Kinderbücher bestechen durch einen Stil, der Kinder wie Erwachsene weltweit anspricht. In ihren mittlerweile über 40 Büchern vermittelt sie ihren jungen Lesern einen unmittelbaren Zugang zur Natur sowie zu sozialen Themen. Darüber hinaus setzt sie sich regelmäßig für Naturschutzorganisationen ein.«  http://www.danieladrescher.de

 

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Der Geist in der British Library

Der Geist in der British Library

  • und andere Geschichtenvon Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Tales from the Folly«
  • Deutsche Übersetzung  von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe
  • DTV Verlag, März 2021 www.dtv.de
  • 224 Seiten
  • Format: 12,2 x 19 cm
  • 10,95 € (D), 11,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21958-7

Der Geist in der Britisch Library (Peter-Grant-Kurzgeschichten)

M A G I S C H E S    A L L E R L E I

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hat man sich erst einmal wie Ben Aaronovitch in Bestsellerhöhen hinaufgeschrieben, finden auch schriftstellerische Schnipsel beachtliche Beachtung. Die in diesem Band gebündelten Kurzgeschichten hat der Autor auf Anregung der Buchhandelskette „Waterstones“ geschrieben. Diese einzelnen Geschichten wurden zunächst nur den limitierten Sonderausgaben von Aaronovitchs Peter-Grant-Romanen hinzugefügt. Deshalb stehen sie auch in einem chronologischen Zusammenhang mit der Serien- reihenfolge. Entgegenkommenderweise listet Aaronovitch einleitend zur besseren Übersicht noch einmal die korrekte bisherige Titelchronologie auf und erläutert in seinen ein- bis halbseitigen Vorbemerkungen zu jeder Kurzgeschichte den Ideenimpuls und die Zeitlinie.

Wer Ben Aaronovitch und Peter Grant, seinen sympathisch-attraktiven Ermittler mit zauberkundiger Zusatzkompetenz, noch nicht kennt, sollte sich besser erst einmal durch die Lektüre meiner Besprechung des ersten Bandes mit den magischen Rahmen- bedingungen dieser Krimiserie vertraut machen und dem nachfolgenden Link folgsam folgen: Die Flüsse von London

So, nun setze ich Grundkenntnisse zur Peter-Grant-Serie voraus und widme mich den vorliegenden Kurzgeschichten. Stilistisch und inhaltlich sind diese Geschichten ebenso wie die Romane der Serie fantasievoll, schwarzhumorig, spannend, voller Londoner Lokalkolorit und amüsanter Bemerkungen zu modernen architektonischen Entglei- sungen. Auch diverse magische Wesen, die allseits omnipräsenten charmanten bis selbstgefälligen Flußgöttinnen und mehr oder weniger offensichtliche magische Wesen und Geister spielen lebhaft – manchmal auch tothaft – mit.

Wir lernen den Genius loci einer Buchhandlung kennen, dem wenigstens einmal wöch- entlich vorgelesen werden sollte, damit er nicht wahllos mit Büchern um sich wirft, einen Immobilienmakler, der sich einbildet, eine Ratte zu sein und sich auch so verhält, einen unsterblichen Weihnachtsonkel und eine ältere Dame, die elektronische Geräte zu ihren Gunsten manipulieren kann. Außerdem gibt es einen Fall spukhafter häuslicher Gewalt, eine unkonventionelle Hochzeitsfeier mit einer nachfolgenden naturmagischen Adoption und noch allerlei mehr an unerklärlichen magischen Irritationen und ent- sprechenden zauberhaften kriminalistischen Aufklärungen.

Diese Kurzgeschichten haben nur einen Nachteil: Sie sind kurz, kaum hat man sich ein-gestimmt, die neuen Charaktere kennengelernt und mitgelesefiebert – da sind sie auch schon vorbei. Es bleibt bei allem Ideenreichtum, charakterstarken Figurenzeichnungen, schlagfertigen Dialogen und aller gelungenen Dramaturgie der Eindruck des Fragmen-tarischen und Unvollständigen. Einigen Figuren und Handlungssträngen wäre ich jeden- falls gerne ausführlicher und länger gefolgt. Das gilt ganz besonders für die etwas längere (28 Seiten) Kurzgeschichte „A Dedicated Follower of Fashion“, deren köstlicher psychedelischer Farb- und Stoffmusterrausch mich fasziniert hat.

„Der Geist in der British Library“ taugt für eingefleischte Peter-Grant-Fans als netter Leseimbiß mit magischer Würze in der Kürze, aber so richtig satt macht diese Lektüre nicht. Da hoffen wir lieber auf den schon leise angedeuteten zukünftigen neunten Band der Roman-Reihe …

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-geist-in-der-british-library-und-andere-geschichten-aus-dem-folly-21958/

 

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter ›Doctor Who‹, geschrie- ben und als Buchhändler gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben. Er lebt nach wie vor in London. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.«

Die Übersetzerin:

»Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. Für dtv überträgt sie u. a. Ben Aaronovitch ins Deutsche.«

Hier entlang zu den Vorgängerbänden:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBORN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/
Band 7: DIE GLOCKE VON WHITECHAPEL
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/06/10/die-glocke-von-whitechapel/
Band 8: EIN WEISSER SCHWAN IN TABERNACLE STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2021/01/13/ein-weisser-schwan-in-tabernacle-street/

Hier entlang zu einer kurzen Peter-Grant-Geschichte, etwas außerhalb der Reihe:
GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE/Eine Peter-Grant-Stoy

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/28/geister-auf-der-metropolitan-line/
Hier entlang zu Ben Aaronovitchs Schreibausflug in deutsche Gefilde:
DER OKTOBERMANN/Eine Tobi-Winter-Story
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/11/18/der-oktobermann/ 

 

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Der große Sommer

Der große Sommer

S O M M E R A T E M

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die atmende Wahrhaftigkeit der literarischen Figuren, die ich bereits in meiner Rezension zu Ewald Arenz‘ vorhergehendem Roman „Alte Sorten“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/07/29/alte-sorten/ hervorhob, zeigt sich auch wieder in seinem neuen Roman, der uns zurückführt in die frühen 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Friedrich Büchner, der Ich-Erzähler, erinnert sich an den Sommer, in dem er sechzehn Jahre jung war und einige besonders prägende Lebenserfahrungen machte.

Nun, Friedrich Büchner – nomen est omen – ist ein literarisch interessierter Jugend- licher, sehr empfänglich für Jahreszeitenstimmungen, Blättertanz und Lichtspiele, fotogene Szenerien und Musik, aber er ist weniger empfänglich für Latein und Mathe- matik. Dementsprechend fallen seine Noten aus, und mit je einer Fünf in diesen Fächern wird seine Versetzung diesmal nur noch mit einer erfolgreichen Nachprüfung am Ende der Sommerferien möglich sein.

Während die Eltern mit seinen jüngeren Geschwistern verreisen, wird Friedrich die Sommerferien über bei den Großeltern wohnen und für die Nachprüfung lernen. Friedrich hat seine künstlerisch und kulinarisch begabte Großmutter sehr gerne, aber er fremdelt mit seinem strengen, distanzierten Großvater, der als Leiter eines Bakterio-logischen Instituts arbeitet und auch privat einen sehr disziplinierten Alltagsablauf verlangt. So bestimmt er, daß Friedrich jeden Tag von acht bis zwölf Uhr zu lernen habe und nach dem Mittagessen und einigen nachtischlichen lateinischen Zitatübersetzungen frei über seine Zeit verfügen dürfe.

Zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien war Friedrich bei Sommerregen ins Freibad gegangen, weil es bei Regen wesentlich leerer und stiller dort ist und er diese spezielle Atmosphäre schätzt. Er wollte endlich den Sprung vom Siebeneinhalber-Sprungturm wagen, und während er noch zögernd in die Tiefe schaute, sprach ihn hinterrücks ein schönes Mädchen mit grünen Augen an, das ebenfalls zum ersten Mal diesen Sprung wagen wollte und ihm spontan anbot, mit ihm zusammen zu springen. So lernte er Beate kennen und verliebte sich in sie.

Da er es in seiner jugendlichen Unbeholfenheit und Verwirrung versäumt hatte, nach ihrer Adresse zu fragen, und er lediglich ihren Vor- und Nachnamen wußte, telefonierte er mit Hilfe seines besten Freundes Johann und seiner Schwester Alma von einer Tele-fonzelle aus umständlich sämtliche in Frage kommenden Namen aus dem Telefonbuch ab, bis sie nach unzähligen Versuchen die richtige Adresse fanden.

Vor der Hintergrundmusik des Sri Sri Sri der Mauersegler lernt Friedrich vormittags Latein und Mathematik – gelegentlich mit sehr nützlichen großväterlichen Erklärungen –, und den Rest der Tage und teilweise auch der Nächte widmet er einigen von Johann initiierten riskanten Unternehmungen, der Annäherung an Beate sowie guten Liebesrat- und Familienerinnerungs-Gesprächen mit seiner Großmutter.

Friedrich vertieft durch diese Gespräche sein Verständnis für seine familiären Wurzeln und für die unterschiedlichen historischen Bedingungen, unter denen er im Vergleich zu seinen Großeltern und Eltern aufwächst. Er entwickelt ein Bewußtsein für größere Zusammenhänge und die unberechenbare Choreographie des Schicksals. Dies und die hilfreiche Krisenintervention des Großvaters bei zwei nicht unbeträchtlichen Problem-situationen, in die Friedrich und Johann im Verlauf der Sommerferien geraten, ver- ändern Friedrichs ablehnende Haltung zur Autorität des Großvaters zum Positiven, ja, beinahe zur Bewunderung.

Die Kontaktaufnahme mit Beate verläuft nach anfänglichen Holprigkeiten sehr gut. Beate ist bemerkenswert selbstbewußt, ohne arrogant zu sein, sie ist witzig und verfügt über eine sinnliche Souveränität, die den ersten erotischen Schritten der beiden uner- fahrenen Liebenden eine unkomplizierte Leichtigkeit verleiht. Als Leserin hat es mich angerührt hier einmal die männlich-jugendliche Perspektive auf die ersten tieferen Liebesgefühle, Sehnsüchte und Zärtlichkeiten erlesen zu können.

Alle Figuren werden vom Autor innerlich und äußerlich differenziert und lebensecht dargestellt. Selbst die Lehrer an Friedrichs Gymnasium, die nur kurze Nebenrollen besetzen, erscheinen in sehr greifbarer körperlicher und charakterlicher Gestalt.

Das hervorragend eingefangene konkrete und zeitgeistige Ambiente der 80er-Jahre bietet bei der Lektüre zudem lebhafte nostalgische Nebeneffekte. Erinnern Sie sich noch an selbstgebatikte T-Shirts, Demos und Aufkleber gegen die Stationierung von Atom-waffen, an scheußlich-bunte Getränke wie Kiba oder Orangensaft mit Blue Curaçao oder daran, wie es war, als man zum öffentlichen Telefonieren eine Telefonzelle und mindes-tens zwei Groschen gebraucht hat, als Musik aus Plattenspielern und Kassettenrekor- dern abgespielt wurde und Fotos erst einmal geduldig eine Woche lang entwickelt werden mußten? Das liegt zwar nur 40 Jahre zurück, und doch merkt man beim Lesen, wie sehr sich die Welt und ihre „Spielsachen“ seitdem verändert haben.

Zeitlos ist in diesem Roman hingegen das jugendliche Changieren zwischen Leichtsinn und Tiefsinn, zwischen Trotz und Respekt, zwischen Eigenwilligkeit und Orientierungs- bedürfnis, zwischen Angst und Übermut, zwischen Torheit und Selbsterkenntnis. All die Lebenserfahrungsabschmeckungen, freundschaftlichen Bewährungsproben, Schmer- zen, Freuden und bittersüßen ersten und letzten Male, die zur zwischenmenschlichen Reifung gehören, bündeln sich in diesem Roman zu einem atmosphärischen, sinnlich-sommerlichen und poetischen Panorama jugendlichen Herzenserwachens.

»Ich glaube, dass ich nie wieder so geküsst habe. Dass es nie wieder so einen voll-kommenen Augenblick des Rauschs gegeben hat, so eine perfekte Berührung. Beates kühle Lippen, ihr glatter, nasser Körper, ihre lachenden grünen Augen. Wir ließen uns im Kuss untergehen und es war in Wirklichkeit ein Schweben durchs Wasser auf den Grund zu; küssend bis wir absolut keine Luft mehr bekamen und zusammen aufstiegen. Das war der wirkliche Anfang dieses verrückten Sommers.« (Seite 123/124)

„Warum gab es eigentlich so wenige Wörter für alles, was besonders schön war?“
(Seite 167)


Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dumont-buchverlag.de/buch/arenz-der-grosse-sommer-9783832181536/

Der Autor:

»Ewald Arenz, 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seine Romane und Theaterstücke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. „Alte Sorten“ (DuMont 2019) stand auf der Shortlist »Lieblingsbuch der Unabhängigen« 2019 und platzierte sich als Hardcover wie als Taschenbuch auf den Spiegel-Bestsellerlisten. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Fürth.«

Querverweis:

Hier entlang zu Ewald Arenz‘ Roman „Alte Sorten“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/07/29/alte-sorten/




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21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

  • 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert
  • von Yuval Noah Harari
  • Hörbuch
  • Sprecher: Jürgen Holdorf
  • der Hörverlag, September 2018    www.hoerverlag.de
  • BUCHAUSGABE: C.H.Beck Verlag
  • Übersetzung von Andreas Wirthensohn
  • Gesamtlaufzeit: 12 Stunden, 46 Minuten
  • leicht gekürzte Lesung
  • 2mp³-CDs in Pappklappschuber
  • 23,00 € (D), 23,70 € (A), 32,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-3041-4

KLAR, KLUG UND KONKRET

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Yuval Noah Harari skizziert mit seinen „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ eine schlüssige Differentialdiagnose unseres gesellschaftspolitischen, religiösen, ideo- logischen, technologischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen sowie auch zwischenmenschlichen Zustands. Dabei berücksichtigt er die historischen Wurzeln der Menschheitsentwicklung, betrachtet scharfsinnig die Gegenwart und denkt mit großer geistiger Flügelspannweite voraus in mögliche zukünftige menschliche Daseins- bedingungen.

Auf den kritischen Prüfstand kommen u.a. Liberalismus und Demokratie, Ethik, Religion und Säkularismus, Nationalismus und Zuwanderung, Krieg, Terrorismus, Arbeit, Bildung, Gerechtigkeit, Gleichheit, Demut, Bewußtsein und Intelligenz, Dummheit, Macht und Wahrheit, Propaganda, Science-Fiction, Freiheit und Meditation sowie der rasante Fortschritt von Informations- und Biotechnologie.


„Haben Sie je über das Internet abgestimmt? Das demokratische System ist immer noch damit beschäftigt, zu begreifen, von was es da getroffen wurde, und es ist schlecht gerüstet, um mit den nächsten Erschütterungen wie dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz und der Blockchain-Revolution fertig zu werden.“ (Seite 29/30)

Die Verschmelzung von Bio- und Informationstechnologie wird drastische Verände-rungen der Alltags-, Arbeits- und Berufswelten mit sich bringen. Ein biometrisches Armband, das permanent ihren Gesundheits- und Gemütszustand mißt, diese Daten speichert, weiterleitet und paßgenaue Behandlungsempfehlungen veranlaßt, kann sinnvolle medizinische Vorsorge bedeuten, es kann aber auch in extremer Kontrolle, medikamentöser Manipulation und strengen Verhaltensmaßregeln münden. Eine digitale Diktatur ist gewiß nicht erstrebenswert, also sollte der Besitz von Daten sorgfältig demokratisch-gesetzlich und gemeinwohlorientiert geregelt werden.

„Wenn wir nicht wollen, dass die Zukunft des Lebens den Quartalsberichten von Unter-nehmen anvertraut wird, brauchen wir eine klare Vorstellung davon, was das Leben überhaupt ausmacht.“
(Seite 19)

Harari schreibt klug und sehr konkret, er schreibt nicht distanziert-abgehoben aus dem akademischen Elfenbeintürmchen, sondern menschenfreundlich, ehrlich besorgt um die Zukunft der Menschheit und der Welt. Sein Stil ist dabei gleichwohl entspannt, elegant und geschmeidig, wohlportionierte Informationen werden mit alltagstauglichen, lebens-nahen – gelegentlich amüsanten – Beispielen illustriert und vermitteln nahbares Wissen und ebenso interessante wie spannende Fragestellungen zum Weiterdenken.

Er bietet keine Patentlösungen und einfachen Antworten an, sondern eine mündige Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken weltweiter Probleme und möglichen konstruktiven Lösungswegen. Dazu gehört für Yuval Noah Harari auch, daß wir uns der persönlichen Selbsterkenntnis und Bewußtseinsbildung vertiefend widmen sollten, bevor die Algorithmen uns besser kennen als wir selbst und uns unser Leben programmieren.

„Für ein paar Jahre oder sogar Dekaden haben wir noch eine Wahl. Wenn wir uns anstrengen, können wir immer noch erforschen, wer wir wirklich sind. Aber wenn wir diese Chance nutzen wollen, sollten wir das jetzt tun.“
(Seite 487)

Jürgen Holdorf liest dieses Hörbuch mit gelassener Klarheit und Konzentration, die mit Hararis Text ausgesprochen harmonisch korrespondieren.

Selbst wenn man nicht in jeder Hinsicht mit Hararis Einschätzungen und Wertungen übereinstimmt, ist diese Auditüre wissenswert, denkanregend und horizonterweiternd.
In Zeiten medialer Angstlenkungen ist Yuval Noah Harari eine aufklärende und wohltuend deeskalierende Stimme der Vernunft.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.penguinrandomhouse.de/Hoerbuch-MP3/21-Lektionen-fuer-das-21-Jahrhundert/Yuval-Noah-Harari/der-Hoerverlag/e544780.rhd

Hier entlang zur BUCHAUSGABE und LESEPROBE beim C.H.Beck Verlag:
https://www.chbeck.de/harari-noah-21-lektionen-21-jahrhundert/product/24603105
Hier entlang zur Taschenbuchausgabe beim C.H.Beck Verlag:
https://www.chbeck.de/harari-noah-21-lektionen-21-jahrhundert/product/27670799

Der Autor:

»Yuval Noah Harari, geboren 1976, wurde 2002 in Oxford promoviert und ist Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem mit einem Schwerpunkt auf Universalgeschichte; 2012 wurde Harari mit 25 weiteren Nachwuchswissenschaftlern in die neugegründete Junge israelische Akademie der Wissenschaften gewählt. Sein Kult-buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« wurde in knapp 40 Sprachen übersetzt und weltweit zu einem Bestseller ebenso wie seine Zukunftsvision »Homo Deus«. 2017 wurde er mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis und dem Preis für das Wissensbuch des Jahres ausgezeichnet.«

Der Vorleser:

»Jürgen Holdorf, geboren 1956, lernte Schauspielkunst am Margot-Höpfner-Studio in Hamburg. Neben Engagements an verschiedenen Bühnen ist es vor allem die Hörspiel-szene, in der Holdorf sich bewegt. Er sprach und spielte in »Die Drei ???«, »Ein Fall für TKKG«, »Fünf Freunde« u.v.m. Außerdem ist Holdorf in Funkhörspielen des NDR und des Hessischen Rundfunks zu hören.«

Querverweis:

„21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ ergänzt sich hervorragend mit Sarah Spiekermanns Sachbuch „Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert“. Die Autorin wirft einen kenntnisreichen, komplexen und ethisch engagierten Blick auf die Digitalisierung und ihre gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Auswirkungen. Dabei geht sie auf Licht- und Schattenseiten technischen Fortschritts und die sich daraus ergebenden Forschungs- und Entwicklungsziele ein und erörtert das wahlweise negative oder positive Menschenbild, das Digitalisierungsprozessen zugrunde liegt.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/03/25/digitale-ethik/

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Das kleine Buch vom Glücklichmachen

  • Text und Illustrationen von Francesca Pirrone
  • Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
  • Originaltitel: »Graag gedaan«
  • FISCHER Sauerländer Verlag, August 2020 www.fischerverlage.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 56 Seiten
  • Format: 15,7 x 19,6 cm
  • ISBN 978-3-7373-5773-9
  • 14,99 € (D), 15,50 € (A)
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

GLÜCKSSCHWEINCHEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Wer andere glücklich machen will, braucht dazu nicht viel.“ Mit diesem Satz beginnt das vorliegende Bilderbuch. Ein kleines Schwein im gelben Ringelpulli demonstriert in den nachfolgenden elf Kapiteln, wie mit Höflichkeit, Fürsorge, Großzügigkeit, aufmerk- samer Wahrnehmung und kleinen Gesten beglückende Wirkungen erzielt werden können.

So muntert das Schweinchen den betrübten Hasen mit einem zugewandten Lächeln auf, und es baut ein Vogelhäuschen, damit ein frierender Vogel einen geschützten Übernach-tungsraum bekommt. An der Ampel hebt das Schwein eine Schildkröte auf, um sie bei Grün über die Straße zu tragen, und es teilt großzügig sein Gebäck mit der Maus, die wiederum ihr Getränk mit dem Schwein teilt, ebenso schubsen sich Schwein und Maus wechselseitig beim Schaukeln an. Das Schweinchen liebt auch die Natur, sammelt herumliegenden Müll ein und rettet ein kleines schwarzes Kätzchen aus der Mülltonne. Auf der letzten Doppelseite sitzt das Schwein freudestrahlend mit all den Tieren zusammen, denen es zuvor so gütig und hilfreich begegnet ist.

Bis auf kurze Kapitelüberschriften, wie beispielsweise „Ein bisschen Geduld“, „Eine Portion Schutz“, „Ein Ohr für andere haben“, „Ein bisschen Höflichkeit“ usw., erscheinen die Kapitel als reine Bildergeschichten, die selbsterklärend sind.

Der Zeichenstil Francesca Pirrones ist minimalistisch und weitgehend in schwarz-weiß gehalten, Farben werden nur akzentuiert eingesetzt, beispielsweise für die Farben der Ampelschaltung, den kleinen blauen Trinkbecher der Maus, die rote Zipfelmütze des Vogels und den gelben Pullover des Schweins. Die klare Bildsprache lenkt den Blick sehr anschaulich auf das Wesentliche. Kinder können von diesen Bildern leicht „ablesen“, was geschieht und wie es sich auswirkt.

Es mag eine Binsenweisheit sein, daß eine große Quelle des Glücks im achtsamen Mit- einander liegt, doch angesichts zunehmender gesellschaftlicher Entfremdung, Isolation und Vereinzelung kann man diese Weisheit nur erst recht immer wieder verkünden und ins Bewußtsein heben. Nur aus Kindern, die Vorbilder dafür haben, daß es für andere und für sie selbst angenehme und wünschenswerte Folgen hat, seine Wahrnehmung über die eigenen Bedürfnisse hinaus auszuweiten, werden Erwachsene hervorwachsen, die der Welt und ihren Mitgeschöpfen gegenüber nicht gleichgültig, kalt und rücksichts- los sind, sondern anteilnehmend, warmherzig und zugewandt.

„Das kleine Buch vom Glücklichmachen“ bietet mit seinem sympathisch-empathischen Glücksschweinchen ein solches Vorbild im Bilderbuchformat.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/francesca-pirrone-das-kleine-buch-vom-gluecklichmachen-9783737357739

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Francesca Pirrone studierte an der Academia di Belle Arti in Florenz und lebt in Prato, Italien. Dort arbeitet sie als kreativer Kopf an Schulen. Sie liebt es, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren.«

Der Übersetzer:

»Rolf Erdorf ist als Übersetzer für Kinder- und Jugendliteratur sowie für Sachbücher bekannt und wurde mehrfach für sein Werk ausgezeichnet, zuletzt 2016 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.«

 

 

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Dann gehe ich jetzt, sagte die Zeit

  • Text von Bettina Obrecht
  • Bilder von Julie Völk
  • TULIPAN Verlag, Februar 2020 http://www.tulipan-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 40 Seiten
  • Format: 21 x 28 cm
  • durchgehend vierfarbig
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86429-461-7
  • Bilderbuch ab 5 Jahren

Z E I T  F Ü R  D I E  Z E I T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Lara kann die Zeit wahrnehmen und wertschätzen, ja, Lara und die Zeit sind sogar mit-einander befreundet. Ein Sonntag bei Laras Familie: Die Familienmitglieder vertreiben sich die Zeit: Der Großvater löst Zahlenrätsel, die Eltern schauen sich ein Tennisspiel im Fernsehen an, Laras ältere Geschwister langweilen sich und spielen an ihren Handys herum. Damit wollen sie alle die Zeit totschlagen. Kein Wunder, daß die Zeit daraufhin das Haus verläßt und sich eine bessere Bleibe sucht.

Lara macht sich auf die Suche nach der Zeit und trifft auf Menschen, die einfach keine Zeit haben oder behaupten, Zeit sei Geld. Insbesondere letzteres kann Lara nicht glauben, denn für sie duftet die Zeit nach Blumen. Im Park findet sie die Zeit, die gemüt- lich auf einer Parkbank sitzt und sich über Laras Gesellschaft freut. Doch auch im beschaulichen Park rasen Radfahrer um die Wette und Läufer messen ihre Laufge-schwindigkeit.

Die Zeit macht sich wieder auf den Weg und bietet Lara einen Wettlauf an. Lara läuft los und ist zunächst schneller als die Zeit, aber sie wird nach und nach müde, läuft immer langsamer, und die Zeit überholt sie schließlich lächelnd und entschuldigt sich für das unfaire Spiel. Denn einen Wettlauf gegen die Zeit kann niemand gewinnen.

Zum Ausgleich trägt die Zeit Lara ein Stück des Weges und dann lassen sie sich am Flußufer nieder. Sie sitzen zusammen auf einem glatten Stein. Die Zeit wirft Stöckchen ins Wasser und merkt an, daß sie wie der Fluß sei: „Er ist wie ich. Immer geht er weg und immer ist er da.“ Einvernehmlich schweigen die beiden daraufhin miteinander, sind einfach da, einfach lebendig und anwesend.

Illustration von Julie Völk © TULIPAN Verlag 2020

Bettina Obrecht fügt für diese Geschichte leichte Worte zu leisen Sätzen und ruhigen Dialogen, die geläufige Redewendungen über die Zeit bedenkenswert in Frage stellen. In Verbindung mit den feinfühligen und bleistiftzärtlichen Illustrationen Julie Völks bietet sich hier eine poetische Bilderbuchmeditation über achtsame Gegenwärtigkeit und lebensbereichernde Präsenz, die nicht nur Kindern Entschleunigungsimpulse vermitteln dürfte, sondern durchaus auch Erwachsenen.

Julie Völk gibt der Zeit eine federleichte, transparente Gestalt, die nicht wirklich greifbar erscheint. Diese Gestalt erinnert an einen übergroßen Pusteblumensamen, hat gleich- wohl ein Gesicht, angedeutete Arme und Hände sowie Beine und Füße und trägt rote Schuhe. Dies ist eine stimmige und kindgemäße Darstellung des flüchtig-vorbeiwehen- den Wesens der Zeit.

Fraglich bleibt indes, ob die prinzipiell lobenswerte pädagogisch-philosophische Absicht der Autorin die Abstraktionsfähigkeit eines fünfjährigen Kindes nicht überfordert, sondern vielmehr den Rahmen der entwicklungspsychologischen Möglichkeiten sprengt.

Lassen Sie sich jedoch einfach Zeit, und entdecken Sie mit ihrem Kind das Leben im Jetzt!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://tulipan-verlag.de/dann-gehe-ich-jetzt-sagte-die-zeit/

 

Die Autorin:

»Bettina Obrecht, geb. 1964, hat über fünfzig Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Sie schreibt auch Texte für den Rundfunk und Geschichten für Erwachsene und übersetzt Bücher. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Hessen.« http://www.bettinaobrecht.de/

Die Illustratorin:

»Julie Völk hat in Hamburg Illustration studiert und einen ganz eigenen, sehr feinen und sensiblen Stil entwickelt. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis. Sie lebt und arbeitet nahe Wien.« http://julievoelk.de/

Querverweis:

Hier entlang zu Julie Völks eigenen Bilderbüchern:

 „Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/04/guten-morgen-kleine-strassenbahn/
„Stille Nacht, fröhliche Nacht“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/18/stille-nacht-froehliche-nacht/
Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/10/28/wenn-ich-in-die-schule-geh-siehst-du-was-was-ich-nicht-seh/

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