Ramas Flucht

  • Bilderbuch
  • Bilder von Nizar Ali Badr
  • Text von Margriet Ruurs
  • Arabischer Text von Falah Raheem
  • Originaltitel »Stepping Stones. A Refugee Family’s Journey«
  • Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günter
  • Deutsch-arabische Ausgabe
  • Gerstenberg Verlag  Januar 2017    http://www.gerstenberg-verlag.de
  • Format: 18,5 x 24 cm
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 48 Seiten
  • ISBN 978-3-8369-5973-5
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 16,90 sFr.
  • ab 4 Jahren

DIE  STIMMEN  DER  STEINE

Bilderbuchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

„Ramas Flucht“ ist ein Bilderbuch, das Steine sprechen läßt, den Horizont weitet, das Herz öffnet.

Der syrische Bildhauer Nizar Ali Badr hat für die Geschichte von Ramas Flucht Steincollagen gelegt, deren tiefe, elementare  Ausdruckskraft überrascht und beein-druckt. Seine Bildkompositionen aus einfachen Kieselsteinen sind erstaunlich beredt.
Die menschlichen Figuren strahlen durch ihre steinerne Körpersprache sehr differenziert bewegte und bewegende Gefühle aus, und an manchen Stellen bringt Nizar Ali Badr sogar Steine zum Blühen.

Rama erzählt vom glücklichen Lebensalltag ihrer Familie, der Vater arbeitet auf dem Feld, der Großvater geht fischen und erzählt abends unter dem häuslichen Orangenbaum von den Ahnen, die Mutter näht und kocht, die Kinder spielen fröhlich miteinander, man kauft auf dem Markt ein, und man trinkt gelegentlich Tee mit den Nachbarn und plaudert.

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Dann kommt der Krieg, Bomben fallen, Lebensmittel werden knapp, die ersten Nachbarn verlassen das Dorf, die Abschiede und Verluste häufen sich, die Angst wächst, und schließlich flieht auch Ramas Familie vor Gewalt und Unfreiheit.

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Die Mühsalen, Gefahren und Schmerzen der Flucht zu Land und zu Meer werden beschrieben, aber auch die Hoffnung auf ein anderes Leben an einem Ort, an dem Frieden herrscht. Ramas Familie findet ein neues Zuhause und Menschen, die ihnen helfen …

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Die Autorin Margriet Ruurs hat für Ramas Geschichte einen feinen, leise-eindringlichen, poetischen und zugleich präzisen Tonfall gefunden, der wunderbar mit der empfindsamen Kraft der Steinbilder harmoniert. Der Text erscheint zudem zweisprachig auf Deutsch und Arabisch.

Dieses außergewöhnliche Bilderbuch wird dem Anspruch gerecht, den es mit dem vorangestellten Zitat von Albert Einstein erhebt:

„Frieden kann nicht durch Gewalt erhalten werden.
Er kann nur durch Verständnis erreicht werden.“

„Ramas Flucht“ eignet sich hervorragend, um Kindern das Thema Flucht begreifbar und verständlich zu machen. Die Stein-Collagen sind anrührend und ergreifend, aber nicht abschreckend wie beispielsweise Nachrichtenfotos. Außerdem ist diese Art der Bildgestaltung auch eine kreative Anregung für den Kunstunterricht und/oder für therapeutische Ausdrucksformen – insbesondere für Kinder, die selbst Fluchterfahrungen hinter sich haben.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836959735&highlight=ramas+flucht

 

PS:
Die außergewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Nizar Ali Badr und Margriet Ruurs ist ein schönes Beispiel für die Überwindung von Grenzen. Margriet Ruurs entdeckte die kunstvollen Steinbilder Nizar Ali Badrs im Internet und wollte eine Geschichte dazu schreiben. Sie bemühte sich geduldig um Kontakt. Nach einigen Umwegen und vermittels eines englischsprachigen Freundes des syrischen Künstlers konnte dieses Buchprojekt schließlich verwirklicht werden.

PPS:
Auf Karins Sternschnuppen-Blog finden sich drei kurze, sehenswerte YouTube-Filme über die Arbeiten von Nizar Ali Badr:
https://11sternschnuppe11.wordpress.com/2017/07/25/pictures-of-the-east/

PPPS:
Gerne reihe ich auch diese Bilderbuchbesprechung in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

Der Illustrator:

»Nizar Ali Badr, geboren 1964 in Latakia, Syrien, lebt auch heute noch in der syrischen Hafenstadt. Er ist Künstler und Bildhauer. Badr sammelt Steine in der näheren Umgebung, aus denen er im Atelier auf dem Dach seines Hauses eindrucksvolle Kunstwerke schafft.«

Die Autorin:

»Margriet Ruurs, geboren 1952 in den Niederlanden, lebt schon lange in Kanada. Sie schreibt Gedichte, Bilder-, Sach- und Schulbücher. Heute wohnt sie auf Saltspring Island, einer kleinen Insel im Pazifik, wo sie ein Bed & Breakfast für Buchliebhaber betreibt.«

 

 

Der Wunderkasten

  • von Rafik Schami
  • mit Bildern von Peter Knorr
  • Bilderbuch Sonderausgabe
  • Edition Bracklo 2017    www.edition-bracklo.de
  • in rotes Leinen gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 27,9 × 19,5 × 1,0 cm
  • 52 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 29,80 €
  • ISBN 978-3-9817443-2-3
  • ab 6 Jahren

MULTIMEDIA  DES  HERZENS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das orientalische Geschichtenerzählen ist eine alte Kunst, die Rafik Schami bereits seit Jahrzehnten gekonnt und warmherzig nach Deutschland und in die Gegenwart transportiert. „Der Wunderkasten“ erschien zum ersten Mal im Jahr 1990 im Verlag Beltz & Gelberg. In diesem Jahr präsentiert uns die Edition Bracklo eine luxuriöse Sonderaus-gabe in edler, bordeauxroter Leinenbindung und mit neuen Illustrationen von Peter Knorr.

Rafik Schami erzählt, wie er als Kind voller Hingabe und Verzauberung dem alten Geschichtenerzähler lauschte, der regelmäßig durch die Gassen Damaskus‘ wanderte und Kinder für einen Piaster oder ein Glas Wasser in seinen Wunderkasten schauen ließ. Die Kinder konnten durch eine kleine Glasscheibe eine Bilderrolle mit alten Zeichnungen sehen, eine Luke im Kasten diente als spärliche Beleuchtung.

„Der Wunderkasten“ von Rafik Schami, Illustration von Peter Knorr © Edition Bracklo 2017

Während der Geschichtenerzähler langsam die Bilderrolle drehte, erzählte er mit gekonnter Stimmdramaturgie die märchenhafte Liebesgeschichte zwischen dem armen Hirten Sami und der rosenschönen Leila aus reichem Hause. Sami muß schwere Prüfungen bestehen, bis er und Leila heiraten dürfen. Er muß sie aus Räuberhand befreien, ihrem Vater Löwenmilch zur Genesung bringen und sogar 300 Kamele aufbieten, bis der Vater widerwillig dieser unerschütterlichen Liebe nachgibt.

Und wie es in orientalischen Geschichten üblich ist, ranken sich um die Hauptgeschichte kleine Nebenschicksale und Zugabeerzählungen, die nur kurz angedeutet werden, um ein anderes Mal vielleicht ebenfalls zu Wort zu kommen. Manchmal drängelt sich die Geschichte in der Geschichte auch vor, das erweitert die Erzählrichtung und erschafft ein buntes und komplexes Textgewebe.

Die schönen klassischen Zeichnungen der Bilderrolle sind mit der Zeit verblaßt und wurden durch moderne Reklameschnipsel und Zeitschriftenfotos geflickt und ausgebessert, was der traditionellen Erzählweise nicht gut bekam. Die Kinder hörten nicht mehr richtig zu, sie plapperten die passenden Werbesprüche und Reklamelieder zu den neuen Bildern, und der alte Mann zog sich traurig und beschämt zurück.

Nach einer längeren Abwesenheit, die für viele Spekulationen Raum bot, kam er jedoch eines Tages wieder. Sein Kasten enthielt nun gar keine Bilderrolle mehr.  Die Kinder folgten gleichwohl neugierig und gespannt seiner munteren Geschichteneinladung, lauschten der Stimme des alten Erzählers, schauten dabei in den dunklen Kasten, und am Ende der Geschichte strahlten sie und sprachen von den Wundern, die sie „gesehen“ hatten.

Das ist ja eben die Zauberkunst, mit Worten zu malen und Kinder zu lehren, mit dem Herzen zu sehen!

Die feinen Illustrationen von Peter Knorr spiegeln die Rahmenhandlung und die märchenhafte Geschichte in der Geschichte stimmungsvoll wider. Die Charaktere und die Handlung werden ebenso einfühlsam wie schelmisch erfaßt und bis in kleinste Details achtsam in Bilder und Farben übertragen, die den warmherzigen, heiter-abenteuerlichen Erzählstil Rafik Schamis harmonisch abrunden.

Auch die Materialgestalt dieser Sonderausgabe verdient ausdrücklich-lobende Erwähnung:

Der rote Leineneinband ist sozusagen der Theatervorhang; schlägt man ihn auf, betritt man auf den Vorsatzblättern orientalische Fliesen und blättert sich von Seite zu Seite auf angenehm weichgriffigem Papier durch ein belebtes Altstadtviertel Damaskus‘ sowie durch das bunte Märchen der Liebesgeschichte von Leila und Sami. Und ganz zum Schluß schaut uns das charakterstarke, lebenserfahrene und gütige Gesicht des alten Geschichtenerzählers unmittelbar ins Herz.

Der Wunderkasten“ von Rafik Schami, Illustration von Peter Knorr © Edition Bracklo 2017

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.edition-bracklo.de/?product=der-wunderkasten-leinengebundenes-bilderbuch-von-rafik-schami-mit-bildern-von-peter-knorr

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und wanderte 1971 in die Bundesrepublik Deutschland ein. Er studierte Chemie in Heidelberg und schloss sein Studium 1979 mit der Promotion ab. – Heute zählt er zu den bedeutendsten Autoren deutscher Sprache und gilt als der Wortzauberer und Geschichtenerzähler schlechthin. Seine zahlreichen Bücher für Kinder und Erwachsene erschienen in 29 Sprachen und wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. Seit 2002 ist Rafik Schami Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.«

Der Illustrator:

»Peter Knorr wurde 1956 in München geboren. Er studierte in Mainz Kunsterziehung. Heute arbeitet Peter Knorr als freischaffender Illustrator und Grafiker. Er hat eine Vielzahl an Kinderbüchern illustriert und Bucheinbände gestaltet, u.a. für Werke von Erich Kästner, Peter Härtling, Kirsten Boie, Paul Maar und Rafik Schami. Peter Knorr ist außerdem bekannt als Zeichner für die beliebte ZDF-Kinderserie „Siebenstein“. Für seine Arbeiten wurde Peter Knorr bereits im Rahmen des Wettbewerbes „Die schönsten Deutschen Bücher“ von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.«

 

PS:
Gerne reihe ich diese Bilderbuchbesprechung in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

 

 

 

 

Vor den 7 Bergen

  • Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schiefgeht
  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Mareike Engelke
  • Text von Annette Feldmann
  • KUNSTANSTIFTER Verlag  März 2017       https://kunstanstifter.de/
  • Format: 30 x 22 cm
  • 36 Seiten
  • gebunden, mit Fadenheftung
  • 22 € (D), 22,70 € (A), 26 sFr.
  • ISBN 978-3-942795-48-7
  • ab vier Jahren

KINDERSEGEN,  BERGSEHNSUCHT  &  APFELKUCHEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern und einem kleinen Hund – das kann turbulent werden. Zunächst wird auf einer Doppelseite jedes Kind mit einem kleinen Steckbrief charakterisiert, und dann beginnt die Geschichte.

Es ist Winter, und statt Schnee gibt es Regen, Regen, Regen. Die Kinder beschließen, ihre Oma, die hinter den sieben Bergen wohnt, zu besuchen – denn „im Gebirge liegt immer Schnee“. Sie rufen ihre Oma an, und diese ist begeistert und backt schon mal einen Apfelkuchen.

Mama kommt von der Arbeit an ihrem Marktstand für Äpfel nach Hause und wird von den Kindern sogleich mit der freudigen Aussicht begrüßt, daß sie bald zur Großmutter in die Berge führen. Mama findet die Idee ebenfalls gut. Alle sind voller Vorfreude, doch dann bekommen die Zwillinge Windpocken, und ein Geschwisterkind nach dem anderen steckt sich an. Der Ausflug in die Berge muß auf den Herbst verschoben werden.

Den Sommer versüßen sich Mama und die Kinder mit Eis vom attraktiven, freundlich-zugewandten Eisverkäufer Bo. Der reparierfreudige, kleine Hanno begutachtet vorsorglich schon die familiären Skier- und Schlittenbestände.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist der Herbst da, aber Mama kann sich keinen Urlaub nehmen, da die Apfelernte so übermäßig reich ausgefallen ist, daß Mama den Marktstand nicht schließen kann. Die Kinder sind schwer enttäuscht. Die Mama verkauft Äpfel über Äpfel, der Eiskäufer Bo besucht sie am Marktstand und bekommt sogar einen Apfel geschenkt.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist wieder Winter, eifrig packen sieben Kinder, eine Mama und ein kleiner Hund ALLES ein, was unbedingt mit auf die Reise zur Oma muß – inklusive siebzehn Bilderbücher, zwölf Kuscheltiere, fünf Kilogramm Äpfel, sechzehn warme Stiefel und sieben Geschenke für die Oma.

Kaum sind sie mit dem vollgepackten Kombi losgefahren, da macht es PENG, und ein Motorschaden zwingt zum unfreiwilligen Parken mitten auf der Kreuzung. Zum Glück kommt Bo zufällig vorbei  und bietet großzügig an, sie mit seinem Eiswagen über die sieben Berge zu ziehen. Ein passendes Abschleppseil ist auch schnell zur Hand, und schon geht die serpentinenreiche Fahrt los.

Nach den üblichen Fragen („Ist es noch weit?“ und „Sind wir bald da?“) sowie dem allseits bekannten, universellen Kindergequengel auf langen Reisen kommen alle wohlbehalten in den Bergen an.

Oma hat schon Apfelkuchen gebacken und den Kamin befeuert und empfängt alle Gäste mit einer herzenswarmen Umarmung…

Die Illustrationen von Mareike Engelke wirken wie Kinderzeichnungen. Dies erzeugt für kindliche Betrachter eine ganz unmittelbare, suggestive Nähe zur kindlichen Perspektive. Die Bildkomposition ist gleichwohl gekonnt, zudem unkonventionell und verspielt und bietet diverse witzige Details. Die farbig gestalteten handschriftlichen Textanteile mit ihren variablen Schriftgrößen untermalen ausdrucksvoll die eigenwillige Bilddramaturgie und bereichern den in einheitlich schwarzer Typographie gedruckten Fließtext um zusätzliche Gefühlsnoten.

Der Text von Annette Feldmann ist in einer freundlich-unverblümten Sprache geschrieben und erfreut mit kinderleichten Dialogen, die eindeutige Gefühlsansagen vermitteln.

In dieser Geschichte bewegen sich Schneewittchens Enkel in einer bodenständigen Alltagswelt, in der die einzige Zaubermacht zwischenmenschliche Nähe und Geborgenheit ist. Doch wie wir hoffentlich alle wissen und erfahren haben, ist dies ein Zauber, der sehr lange wirkt …

Und es spricht absolut nichts dagegen, daß der Märchenprinz Eisverkäufer ist.

Sehr ansprechend sind auch die Vorsatzblätter gestaltet, auf denen sich bekannte und unbekannte Apfelsortennamen tummeln: Aprilschöner, Dickapfel, Hausmütterchen, Milchapfel, Schafsnase, Schlotterapfel, Seidenhemdchen, Weißer Eisapfel – da weiß man gar nicht, wo man zuerst reinbeißen soll, und es ist eine schöne Anregung, sich mit den eigenen Kindern auf die Suche nach diesen Apfelsorten zu machen und sie zu kosten.

 

Hier entlang zum Bilderbuch auf der Verlagswebseite:
https://kunstanstifter.de/buecher/vor-den-7-bergen

PS:
Als kleine Randbemerkung möchte ich gerne noch erwähnen, daß der unabhängige KUNSTANSTIFTER Verlag alle Bücher mit mineralölfreien Farben in Deutschland drucken läßt und die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene unterstützt.

 

Die Illustratorin:

»Mareike Engelke wurde 1979 am Niederrhein geboren. Sie studierte Kommunikations-design in Essen und Krefeld und machte ein Bilderbuch-Diplom. Sie arbeitet als freie Illustratorin für Magazine und Verlage und zeichnet in ihrem Duisburger Atelierhaus mit Blick auf einen großen blauen Kran. Ansonsten geht sie gerne auf Unsinnsuche und schätzt sich glücklich, eine Gärtnerenkelin, Katzenmutter und Lieblingstante zu sein. Sie lebt mit ihrem Mann in Duisburg.«      http://www.mareikeengelke.de

Die Autorin:

»Annette Feldmann, geboren 1975 am Niederrhein, studierte Kanadistik und Vergleichende Literaturwissenschaften in Augsburg und Vancouver. Sie arbeitete zunächst bei der Rheinischen Post und seit 2008 als freie Journalistin und Autorin sowie als Texterin in einer Werbeagentur. 2014 wurde sie mit dem dritten Platz beim Moerser Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr erstes Jugendbuch „Nichts sagen“ (Divan Verlag, 2015) wurde für den Goldenen Pick nominiert. Annette Feldmann lebt mit ihrem Mann in Kempen.«   http://www.netttext.de

Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet

  • Die 100 häufigsten Fragen und Antworten
  • von Sylvia Harke
  • Verlag Via Nova     März 2016  www.verlag-vianova.de
  • kartoniert
  • 286 Seiten
  • Format: 15,5 x 22 cm
  • 18,95 € (D), 19,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86616-356-0

ENDLICH  HOCHGESCHÄTZT: HOCHSENSIBILTÄT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zum Thema Hochsensibilität gibt es noch reichlich aufklärerischen Bedarf, sowohl für Menschen, die mit dieser neurologisch bedingten Gabe ausgestattet sind, als auch für die sogenannten Normalsensiblen – schließlich müssen wir alle miteinander auskommen, und gegenseitiges Verständnis ist hilfreich, erleichtert die Kommunikation und das Zusammenleben.

Hochsensibilität ist nicht ansteckend, denn sie ist keineswegs eine Krankheit, Neurose oder Heulsusigkeit, sondern ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das bei ungefähr 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung auftritt. Hochsensible Menschen HABEN nicht Hochsensibilität, sondern sie SIND hochsensibel!

Hochsensible verfügen über eine sehr differenzierte Wahrnehmung und ausgeprägte Empathie. Sie denken in größeren Zusammenhängen, sie neigen zu Reflexion, zu Verantwortungsbewußtsein und Sorgfalt, zu schöngeistigen Interessen und zu Naturverbundenheit. Meist sind sie empfindsame Idealisten, denen Wettbewerbs-mentalität fremd ist und die Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitssinn wertschätzen. Tiefsinnige Gespräche und Qualitätsbeziehungen liegen ihnen deutlich näher als oberflächlicher „Smalltalk“ und flüchtige Bekanntschaften.

Oft interessieren sie sich schon in der Kindheit für metaphysische und philosophische Fragen und haben Freude an künstlerischem Selbstausdruck. Phantasie, Intuition und Selbstgenügsamkeit sind vertraute und zuverlässige Begleiter hochsensibler Menschen, sofern man ihnen diese Begabungen nicht „aberzieht“.

Die kognitive und sensorische Wahrnehmung ist bei Hochsensiblen intensiver und detailreicher. Dies führt einerseits zu einer wesentlich tieferen und komplexeren neurologischen Informationsverarbeitung und zu einem sehr guten Gedächtnis; andererseits ist der Punkt der Reizüberflutung schneller erreicht. Daher rührt u.a. die Abneigung Hochsensibler gegenüber Lärm, Hektik, Menschenmassen und Gewalt (etwa Gewaltszenen in Filmen und Büchern).

Wenn alle  Erfahrungen einen langen und nachhaltigen, emotionalen Nachgeschmack hinterlassen, ist es ratsam, die Reizmenge zu dosieren und für ausreichenden Entspannungsausgleich zu sorgen.  Die kommerzialisierte, laute, naturentfremdete, stumpfherzige und konkurrenzbetonte neoliberale Arbeits- und Lebenswelt ist für Hochsensible besonders belastend. Es gelingt nicht jedem, sich gegenüber ungesunden Normierungen abzugrenzen, und die Anpassung an wesensfremde Bedingungen kann auf die Dauer zu Chronischer Erschöpfung, Depression und Burn-out führen.

Das vorliegende Buch bietet eine eingängige Einführung in die Hochsensibilität und gibt gezielt und komprimiert Antwort auf 100 Einzelfragen. Die Fragen sind nach sinnvollen Oberbegriffen geordnet und erlauben ein direktes Nachschlagen bei den Themen, die den jeweiligen Leser besonders ansprechen. Es werden die Lebensbereiche Beruf, Partnerschaft, Kindheit, Streßverarbeitung, Gesundheit, Gesellschaft und Spiritualität aufgegriffen. Jedes Kapitel klingt mit einer Liste konstruktiver Affirmationen aus.

Im Kapitel „Hochsensible und ihr Gefühlsleben“ findet sich zudem eine bemerkenswert klare und einleuchtende tabellarische Darstellung der wissenswerten Unterschiede zwischen emotionaler Intensität (Hochsensibilität) und emotionaler Instabilität (Bipolare Störung, Borderline, Folgen komplexer Traumatisierungen und anderer Persönlichkeitsstörungen).

Im Kapitel „Hochsensible Kinder“ listet eine ebenfalls sehr stringente tabellarische Darstellung die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ADHS und Hochsensibilität auf. Dies sind wichtige Informationen, die ein Kind vor Fehldiagnosen bewahren können.

Dieses Buch entstand als Fortsetzung zu Sylvia Harkes erstem Buch „Hochsensibel – Was tun?“ (erschienen 2014 beim Verlag Via Nova:
https://www.verlag-vianova.de/hochsensibel-was-tun.html).

Die Autorin hat die vielen neuen und zum Teil auch provokanten Fragen zum Thema Hochsensibilität, die im Verlauf ihrer Seminar– und Vortragstätigkeit an sie gestellt wurden, gesammelt und im vorliegenden, sehr praxisbezogenen Buch schlüssig und lösungsorientiert beantwortet.

„Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet“ informiert umfassend über das Phänomen der Hochsensibilität, erklärt kompetent viele Detailfragen und erfreut durch lebensnahe Anregungen zum konstruktiven Umgang mit feinfühligen „Antennen“ und filterloser Wahrnehmung. Die Autorin ermutigt Hochsensible zu Selbsterkenntnis und zur Selbstwertschätzung ihrer hochsensiblen Eigenschaften sowie zur Selbstrücksichtnahme auf die persönlichen, empfindsamen Bedürfnisse.

Hochsensibilität birgt ein reiches Bündel achtsamer, empathischer, harmonisierender, idealistischer, kommunikativer, musischer, sozialkompetenter und zwischen- menschlicher Fähigkeiten, die für jede Gesellschaft bereichernd und im Idealfall wegweisend sind.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.verlag-vianova.de/hochsensibel-ist-mehr-als-zartbesaitet.html

Die Autorin:

»Sylvia Harke ist Diplom-Psychologin und selbst hochsensibel. Sie lebt in Süddeutschland und gründete mit ihrem Mann Arno die hsp academy. Gemeinsam halten sie Vorträge und Seminare zur Hochsensibilität. Die Autorin ist Expertin in den Bereichen HSP Coaching, Kreativitätsförderung und Kinderpsychologie.«
mehr unter: www.hsp-academy.de

Querverweis:

Ein weiteres leselohnendes Buch über Hochsensibilität habe ich voriges Jahr rezensiert.
»Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potenzial entfalten«
von Eliane Reichardt: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/20/hochsensibel/
Das Thema hat SEHR große Publikumsresonanz und einen ellenlangen Kommentarschweif (da fanden sich viele Hochsensible) ausgelöst …

Musikalischer Querverweis:

Die Stuttgarter Sängerin und Liedermacherin Rebekka Adam kann sogar ein Lied von Hochsensibilität singen: https://beckyadam.wordpress.com/2013/10/17/13/

Weiterführende Webseiten zur Hochsensibilität:

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität,
IFHS e.V. in Deutschland, Österreich und der Schweiz:
www.hochsensibel.org
www.zartbesaitet.net
www.ifhs.ch

(Berufs-)verband pro Sensitivität und Empathie im Beruf,  VSEB e.V.: www.vseb.org

Hilfe für hochsensible Kinder und Jugendliche: www.hochsensiblehilfe.de

Wer gerne wissen möchte, ob er hochsensibel ist, kann den nachfolgenden kleinen Test absolvieren. HSP-Test-Fragebogen: http://www.zartbesaitet.net/survey/site.php?a=su_onepage&su_id=1

Wer mag, kann mir seine hochsensible Punktezahl in der Kommentarsektion kundtun.
Ich habe 282 ……………………………………………………………………………………………………………………….

 

 

 

Die Gorgel

  • von Jochem Myjer
  • Originaltitel: »De Gorgels«
  • Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
  • mit farbigen Illustrationen von Rick de Haas
  • Verlag Freies Geistesleben  März 2017   http://www.geistesleben.com
  • gebunden
  • 175 Seiten
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2789-0
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 7 Jahren

J U B E L D I B A M B A M!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Jochem Myjers Kinderbuch gibt es Gorgel, kleine spitzohrige Wesen, die mit einem Holzstock bewaffnet sind und schlafende Kinder vor den giftgrünen, schädlichen Scheußlingen beschützen. Die Scheußlinge, mit ihrer unverkennbaren Duftmarke fauliger Schweißsocken, brauchen Kinder nur anzuhauchen, und schon bekommen sie eine fiese Erkältung, Bauchweh, Kopfschmerzen oder auch schlimmere Krankheiten.

Die meisten Kinder können weder die Gorgel noch die Scheußlinge sehen, und sie ahnen nichts von den freundlichen Hütern ihres Schlafes und von den Kämpfen, die gelegentlich für ihr Wohlergehen ausgefochten werden.

Doch Melle ist ein Junge, der über eine sehr gute Beobachtungsgabe verfügt; er ist sehr naturkundig, kennt viele Vögel und betrachtet die Welt mit aufgeschlossenem Herzen. So sieht er eines Nachts ein kleines Wesen mit muskulösen Ärmchen und Beinchen auf seiner Bettkante sitzen. Als das Wesen begreift, daß Melle es sehen kann, versteckt es sich blitzschnell; aber so leicht läßt sich Melle nicht abwimmeln.

Es dauert zwar eine Weile, doch schließlich kommt Melle mit dem Gorgel, der Bobba heißt, ins Gespräch. Bobba spricht mit einem lustigen Akzent und führt stolz seine Stockfechtkünste vor, und er erklärt Melle, welche wichtigen Aufgaben Wachgorgel erfüllen. Sie sorgen dafür, daß Kinder gut schlafen, sie heilen Wunden, helfen Kindern bei der Genesung, und sie beschützen sie vor dem schädlichen Einfluß der Scheußlinge.

Alle Gorgel stammen von einer nahegelegenen Insel, auf der zufällig auch Melles Großeltern zu Hause sind. Melle erfährt, daß sein Großvater bei den Gorgeln bekannt und beliebt ist, weil er als Kind ebenfalls die Gorgel sehen konnte und die Freundschaft zu ihnen pflegte.

Als Melle seinem Vater von Bobba erzählt, ist er sehr besorgt, denn rege Wachgorgel-aktivität deutet auf nahende Scheußlingsbedrohung hin. Die Sorge ist berechtigt. Schon in der nächsten Nacht dringt ein Scheußling in Melles Zimmer ein. Bobba kämpft energisch und äußerst tapfer gegen ihn und katapultiert den Scheußling aus dem Fenster, aber der hat Bobba vorher noch ins Bein gebissen, und nun sorgt sich Melle um Bobbas Gesundheit.

Melle und sein Vater beschließen, mit dem verletzten Gorgel einen Besuch bei den Großeltern zu machen. Denn Melles Großvater weiß sehr viel über Gorgel, und auf der Insel leben Bobbas Artgenossen, die ihn hoffentlich heilen können. Der Großvater läßt Melle als Erste-Hilfe-Medizin sogleich Moosbeeren sammeln, mit denen er den fiebernden Bobba füttert.

Melle macht sich mit Bobbas geschwächter Hilfe auf die Suche nach den Inselgorgeln. Dies gelingt reibungslos, die Gorgel nehmen Bobba in ihre Obhut, und sie warnen vor einer Invasion von Scheußlingen, da sie mit ihren feinen Nasen schon die nahende, fiese Duftnote einer großen Gruppe „Grönländischer Scheußlinge“ wittern. Wenn es nicht gelänge, diese Scheußlinge aufzuhalten, dann würden viele Kinder krank werden.

Der findige Melle entwickelt aus den vorhandenen Mitteln des Meeres einen raffinierten Plan, um gemeinsam mit den Inselgorgeln die Scheußlinge zu verjagen. Es erweist sich als großer Glücksfall, daß er naturkundig ist und viel über Tiere und ihre Verhaltens-weisen weiß und trickreich die Hilfe von Taschenkrebsen, Löfflern, Möwen und Seehunden in Anspruch nehmen kann.

Jochen Myjer hat mit „Die Gorgel“ eine ebenso warmherzige wie spannende und naturverbundene Geschichte geschrieben, in der trotz einiger Gefahren und Bedrohungen ein wohltuender Grundton familiärer Geborgenheit, zuverlässiger Fürsorge und inniger Freundschaftsbindung vorherrscht.

Die Gorgel  wecken auf jeden Fall spielend die kindliche Sympathie und Neugier, und ihre zwar geheimnisvoll-märchenhafte, gleichwohl handfest-tatkräftige und zugewandt-lustige Wesensart ist eine Inspiration für große und kleine Menschen mit Beschützerinstinkten und Phantasie.

Dieses Kinderbuch gibt Anlaß zum Lesejubel oder – wie man auf Gorgelisch begeistert auszurufen pflegt – JUBELDIBAMBAM!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.geistesleben.de/buecher/9783772527890/die-gorgel

 

Der Autor:

»Jochem Myjer 1977 geboren, ist einer der bekanntesten und beliebtesten Kabarettisten und Comedians in den Niederlanden. Sein Biologiestudium gab er nach zwei Jahren auf, um sich ganz dem Kabarett zu widmen. Er war u.a. Moderator der Kindersendung «Kinderen voor Kinderen» und spricht auch im Radio. 2010 gewann er den Cabaret Award als bester Kabarettist. Er lebt mit der Sängerin Marloes Nova zusammen und hat mit ihr zwei Kinder. Sein Buch Die Gorgel wurde 2016 mit dem Prijs van den Nederlandse Kinderjury ausgezeichnet.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Opa Mammut

  • Eine Familien-Weltgeschichte für Kinder
  • von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart  August 2016 http://www.jacobystuart.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig illustriert
  • 128 Seiten
  • Format: 20,1 x 25,4 cm
  • 19,95 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-946593-07-2
  • ab 10 Jahren (zum Selberlesen)
  • ab 6 Jahren (zum Vorlesen)

Z E I T R A F F E R

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Vom gemeinschaftlichen Lagerfeuer in der Wohnhöhle bis zum vereinzelnden Lichtfensterchen des Smartphones war es ein langer, langer Weg.

Illustration von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Die Autoren dieses Kinderbuches lassen einen unserer Urururururururur…–Ahnen die Menschheitsgeschichte im vertraulich-familiären Tonfall erzählen. Durch die Flammen des Feuers, dessen Beherrschung der epochale Fortschritt in der Zeit von Opa Mammut ist, schaut der altsteinzeitliche Erzähler in die Zukunft, und wir schauen mitlesend in die Vergangenheit unserer Menschheitsfamilie.

Im Vorwort sagt Opa Mammut: „Stell dir ein Buch mit tausend Seiten vor. Auf der ersten Seite wäre ich, dann käme eines meiner Kinder, danach die Kinder meiner Kinder – immer weiter durch die Zeit, auf jeder Seite eines meiner Enkelkinder, und auf der letzten Seite wärst du.“

Diese einleitenden Worte werden auf der nächsten Doppelseite mit den Stilmitteln konkreter Poesie in eine sehr gelungene graphische Zeittafeldarstellung gebracht. Erst danach erfolgt die menschheitsgeschichtliche Überlieferung aus dem Munde von Opa Mammut.

Illustration von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Zunächst berichtet Opa Mammut vom bewegungsreichen Wanderleben der Altsteinzeit, vom Sammeln und Jagen, von magischen Höhlenmalereien, vom Jagdfortschritt durch die Erfindung von Pfeil und Bogen, von Bestattungsritualen und von frühen flöten-musikalischen Bemühungen.

„Wenn ich heute daran denke, was es in der Steinzeit noch nicht gab – man musste praktisch alles selbst machen. Was man nicht konnte, gab es nicht. …  Es gab auch keinen Marmorkuchen, obwohl es ja die Steinzeit war.“ (Seite 24)

Opa Mammut berichtet vom Verschwinden der großen Mammutherden, vom Seßhaft-werden in der Jungsteinzeit, von Ackerbau und Viehzucht und von der Erfindung des Rades. Da man inzwischen auch gelernt hatte, Stoffe zu weben, kam Fellbekleidung fast ganz aus der Mode. Die Tradition des mündlichen Erzählens und Bewahrens wurde gepflegt, da es noch keine Schrift gab.

Und so schreiten wir fort von der Errichtung des geheimnisvollen Kulturdenkmals Stonehenge zum neuen Werkstoff Bronze, zur Entwicklung des Handels, zum Werkstoff Eisen und dem hohen gesellschaftlichen Ansehen, welches das Schmiedehandwerk genoß.

Es folgen: Hannibals Feldzüge, Christi Geburt, Römer und Barbaren, die Völkerwande-rung, Karl der Große, Klostergründungen, ritterliche Lebensweise, die Pest, die Erfindung des Buchdrucks, die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, die Umwälzungen der Französischen Revolution, die Industrialisierung, die Verlegung des Überseekabels auf dem atlantischen Meeresgrund, ein gemütlicher Blick in die Gründerzeit sowie ein ungemütlicher Blick in die Trümmerreste des Zweiten Weltkrieges, und schließlich betreten wir ein Wirtschaftswunder-Wohnzimmer mit Nierentisch und Schwarz-Weiß-Fernseher.

Das vorletzte, mit „Smart 2010“ betitelte Kapitel zeigt Menschen, die gebannt in ihre jeweiligen Smartphones starren und eine seltsam anmutende, äußerst abstrakte Beziehung „miteinander“ pflegen.

Illustrationen von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Licht- und Schattenseiten zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen werden beiläufig angesprochen, und auch an ironischen Kommentaren fehlt es nicht; beispielsweise wird der Feldherr Hannibal mit dem lakonischen Satz charakterisiert: „Wahrscheinlich hatte wieder einer zu viel Ehrgeiz.“ (Seite 62)

Die historischen Figuren werden nicht mit ihren Namen genannt. So erscheint Karl der Große nur unter seinem Titel Kaiser und Jesus als kleiner Junge, der im Jahre 0 geboren wurde und dessen Geburtstag zum Weihnachtsfeiertag wurde. In Anbetracht dessen, daß unsere aktuelle Kalenderzeitrechnung mit Christi-Geburt beginnt, hätte etwas mehr christliches Selbstverständnis dem Text an dieser Stelle nicht geschadet.

Andererseits könnte ich dann auch noch hinterfragen, warum die dreifaltige Muttergöttin, die in der Steinzeit und auch noch darüber hinaus verehrt wurde, überhaupt keine Erwähnungswürdigkeit fand. Doch geben wir uns zufrieden – die Themenfülle ist zu groß, um jeder historischen Neigung gerecht zu werden.

Kurze, konzentrierte Texte mit kindgemäßen Bezugsebenen und einfacher Sprache berichten von 52 Generationen der Menschheitsgeschichte; begleitet werden sie von sehr aussagekräftigen Illustrationen, die jeweils exemplarisch eine Alltagszene aus der beschriebenen Zeit zeigen. Die Zeichnungen, die Ähnlichkeit mit grobgestochenen Stahlstichen haben, ergänzen und bereichern die Textinformationen, und sie sind sehr präzise in der Darstellung der historischen Details: Architektur, Landschaft, Kleidung, Waffen, Werkzeuge etc.

Fast 20 000 Jahre Menschheitsgeschichte von Altsteinzeit, Mittelsteinzeit, Jungsteinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Mittelalter bis in die Neuzeit und unmittelbare Gegenwart werden in diesem Buch auf 128 Seiten nacherzählt. Daß dies nur streiflichternd und – für den historisch bewanderten erwachsenen Mitleser – nur mit schmerzlichen historischen Lücken möglich ist, erklärt sich von selbst.

Gleichwohl erzeugt der zugewandte, ebenso humorvolle wie nachdenkliche Plauderton eine wünschenswerte emotionale Nähe zur Vergangenheit und weckt Interesse und Neugier, sich anschließend mit der einen oder anderen Epoche oder auch generell mit Geschichte ausführlicher zu beschäftigen.

„Opa Mammut“ gelingt es, Geschichte auf vergnüglich-informative Weise anschaulich lebendig werden zu lassen und Kinder für die faszinierenden Entwicklungsschritte der Menschheitsfamilie zu sensibilisieren.

Schon Goethe erkannte in seinem West-östlichen Diwan:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben.“

Wohin das weitgehende Ausblenden der historischen Dimension gerade auch an Schulen führt, ist u.a. an der enkeluntauglich-kurzsichtigen Perspektive nicht weniger Politiker schmerzhaft abzulesen. In diesem Zusammenhang bietet „Opa Mammut“ wertvollere Bildungsförderung als manche sogenannte Lehrplanreform.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinder-jugendsachbuch/kindersachbuch/opa-mammut/

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Dieter Böge, geboren 1958, ist Zeichner, Maler und Autor. Er lehrt an der Akademie JAK in Hamburg und ist deren künstlerischer Leiter.
Bernd Mölck-Tassel, geboren 1964, ist Professor für Illustration an der HAW Hamburg.
Beide arbeiten seit über zwanzig Jahren zusammen. Von 2008 bis 2013 erschienen ihre Comicstrips Dr. Dominos Weltgeschichte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.«

 

Der Streik der Farben

  • Illustrationen von Oliver Jeffers
  • Text von Drew Daywalt
  • Originaltitel: »The Day the Crayons Quit«
  • Übersetzung ins Deutsche: Anna Schaub
  • Handschrift: Kris Di Giacomo
  • NordSüd Verlag   2016   www.nord-sued.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig illustriert
  • 40 Seiten
  • Format: 25,4 x 25,4 cm
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10359-9
  • ab 4 Jahren

F A R B T Ö N E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Streik der Farben“ ist ein witziges Bilderbuch für malfreudige Kinder, das konventionelle Farbzuordnungen spielerisch in Frage stellt und zu freifließender Farbenfreude anregt.

Duncan greift vergebens in seine Schachtel mit Farbstiften. Die Farbstifte streiken und haben ihm einen Stapel Briefe mit ihren Klagen und Wünschen hinterlassen.

Der rote Farbstift ist überarbeitet, er muß nicht nur alle Feuerwehrautos und roten Obstsorten malen, sondern auch noch an Feiertagen Nikoläuse und Herzen.

Die Farbe Lila ist zwar ganz zufrieden damit, für Weintrauben und Zauberwesen eingesetzt zu werden, aber Duncan sollte wirklich mehr Mühe darauf verwenden, ordentlich innerhalb der Randlinien zu bleiben und nicht unachtsam darüber hinaus zu kritzeln.

Beige fühlt sich sehr vernachlässigt und gegenüber Braun ungerecht behandelt. Beige will auch Bären, Ponys und Hunde malen und nicht bloß Getreidehalme.

Illustration von Oliver Jeffers © Nord Süd Verlag 2016

Der graue Stift ist übermüdet vom vielen Elefantenmalen. Ob Duncan denn nicht gelegentlich kleinere Tiere oder Kieselsteine mit ihm malen könne?

Die Farbe Grün ist ausgesprochen zufrieden und dankbar, daß Duncan sie immer für Bäume, Krokodile, Dinosaurier und Frösche wählt. Doch sie weist Duncan darauf hin, daß er dringend den Streit zwischen Gelb und Orange schlichten müsse; beide Farben bestehen nämlich darauf, die wahre Farbe der Sonne zu sein. Keine Frage, daß sich Gelb und Orange in ihren jeweiligen Briefen ziemlich selbstgefällig dazu äußern.

Die Farbe Blau hat es als Duncans langjährige Lieblingsfarbe auch nicht leicht. Nach all den Meeren, Flüssen und Regenwolken ist sie schon ganz kurz und stummelig geworden und braucht dringend eine Pause.

Schwarz und Weiß sowie Pink und Rosa kommen auch noch ausführlich zu Wort …

Duncan beherzigt die Hinweise seiner Farbstifte, und sein nächstes Bild zeugt von einem ganz anderen Umgang mit Farben: Es ist himmelgrün, grasblau, regenbogenschwarz, flugzeugrosa, walorange, katzenweiß usw. …

Auf jeder Doppelseite befinden sich ein Brief und die dazugehörige Farb- zeichnung. Die Briefe sind in einer leserlichen Krickelkrakel-Handschrift auf knitterige, faksimilierte Blätter geschrieben. Die Zeichnungen sowie das lebhaft-personalisierte Aussehen des jeweiligen Farbstiftes spiegeln anschaulich das vorgebrachte Anliegen wider.

Die Ausführung der Bilder ist so kindlich-echt, daß es wirkliche Kinder- zeichnungen sein könnten. Oliver Jeffers‘ gekonnt-amateurhafter Malstil eignet sich gut für den Protest der Farbstifte gegen die farbklischeehafte Motivmonotonie und dürfte für Kinder eine vorbildliche Ermutigung zu mehr künstlerischer Gestaltungsfreiheit beim Malen und Zeichnen sein.

„Der Streik der Farben“ bietet zudem spielerische Anregungen für den Kunstunterricht in Grundschulen und vor allem für die Erweiterung des kindlichen Farbhorizontes.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.nord-sued.com/programm/index.asp
Hier entlang zur Leseprobe:
http://www.book2look.com/book/3sMZ12dFsc

Der Autor:

»Drew Daywalt, geboren 1970, ist ein amerikanischer Filmemacher, der vor allem für Fantasy- und Horrorfilme bekannt ist. Zusammen mit Oliver Jeffers hat er mit The Day the Crayons Quit einen enormen Erfolg erzielt.«

Der Illustrator:

»Oliver Jeffers, geboren 1977, studierte in Ulster an der School of Art and Design. Er hat weltweit ausgestellt und bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise gewonnen. Heute lebt er in Brooklyn.«

Anton und Stups

  • Bilderbuch
  • Text von Claire Freedman
  • Aus dem Englischen von Nina Scheweling
  • Illustrationen von Kate Hindley
  • Thienemann Verlag  Juli 2016     www.thienemann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 26,6 x 26,6 cm
  • 32 Seiten
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3-522-45818-4
  • ab 4 Jahren
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D R E I E C K S B E Z I E H U N G

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Freunde finden ist ein großes Thema für kleine Kinder, besonders wenn sie, etwa durch einen Umzug, in eine neue Gegend versetzt werden, wo sie außer den Familienmitgliedern noch niemanden kennen. Das Bilderbuch „Anton und Stups“ bietet ein glaubwürdiges und warmherziges Szenario vom Suchen und Finden neuer Freunde in einer fremden Umgebung.

Antons Familie ist vom Land in die Großstadt umgezogen. Anton plagt das Heimweh nach dem gewohnten ländlichen Umfeld, und er vermißt seine Freunde, die nun für ihn unerreichbar sind.

An einem regnerischen Tage rafft er sich auf und erkundet sein Stadtviertel. Niemand nimmt Notiz von ihm, und das fühlt sich ziemlich einsam für Anton an. Da entdeckt er einen kleinen, verlorenen, durchnäßten Hund auf dem Bürgersteig. Er schleift eine rote Leine hinter sich her; und als Anton sich die Hundemarke ansieht, steht da nur der Name „Stups“. Weit und breit ist kein Herrchen oder Frauchen in Sicht.

Spontan nimmt Anton die Leine in die Hand, und Stups freut sich offensichtlich über seinen neuen Begleiter. Die beiden vertragen sich gut, und Anton nimmt Stups mit nach Hause. Fröhlich spielen und kuscheln sie miteinander; nur abends wirkt Stups etwas betrübt, und er schaut sehnsüchtig aus dem Fenster.

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Illustration von Kate Hindley © Thienemann Verlag 2016

Anton ist sich darüber im Klaren, daß ihm Stups nicht gehört und daß es jemanden gibt, der ihn schmerzlich vermißt. Gewissenhaft fertigt er Steckbriefe seines Findehundes an und verteilt diese plakativ in der Nachbarschaft, in der stillen Hoffnung, daß sich gleichwohl niemand darauf melden möge.

Tatsächlich meldet sich auch niemand. Anton macht es sich mit Stups gemütlich, und er fühlt sich gar nicht mehr einsam. Einige Tage nach der Steckbriefaktion geht Anton bei Nieselregen mit Stups in der Nähe eines kleinen Parks spazieren. Plötzlich zieht Stups heftig an seiner Leine, reißt sich los und rast auf ein kleines Mädchen zu, das traurig auf einer Schaukel sitzt. Beklommen erkennt Anton, daß dies wohl die rechtmäßige Besitzerin von Stups ist.

Das Mädchen herzt den Hund, stellt sich sehr freundlich als Lisa vor und bedankt sich bei Anton dafür, daß er so gut für Stups gesorgt hat. Tapfer hält Anton seine Tränen zurück, erwidert Lisas strahlendes Lächeln und fragt schüchtern, ob Lisa ihn denn einmal besuchen wolle. Lisa geht sehr nett darauf ein und regt an, daß sie doch sofort etwas zusammen unternehmen könnten.

In diesem Augenblick hört es auf zu regnen, und die Sonne durchdringt die Wolken. Plötzlich fühlt sich Anton nicht mehr verlassen und fremd, und auch die Stadt wirkt nicht mehr so abweisend auf ihn. Zu dritt stromern sie durch die Straßen und setzen sich in ein Eiscafé, das sogar Eisnäpfchen für Hunde anbietet …

Die Autorin erzählt Antons Geschichte in einfachen Worten, die nahe am kindlichen Herzen entlang geschrieben sind und alle Empfindungen direkt benennen. In Verbindung mit den einfühlsamen, farbenfrohen Illustrationen, ihren verspielten Details und der deutlich ablesbaren mimischen Gefühlspalette wird hier ein sehr konstruktiver Umgang mit dem Bedürfnis nach sozialem Kontakt gezeigt.

„Anton und Stups“ ist eine schöne Ermutigung für alle Kinder, die sich neue Freundschaften ersehnen oder vielleicht auch einfach „nur“ einen vierbeinigen Spielgefährten.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/anton-und-stups-isbn-978-3-522-45818-4/

Die Autorin:

»Claire Freedman verließ mit sechzehn die Schule und arbeitete anschließend als schlechteste Sekretärin aller Zeiten, Verkäuferin bei Harrods und als Zahnarzthelferin. Dann entdeckte sie endlich ihren Traumberuf und wurde Schriftstellerin. Seitdem verfasste sie über 50 erfolgreiche Bilderbücher. Sie lebt mit ihrem Mann in Essex.«

Die Übersetzerin:

»Nina Scheweling war schon während ihres Studiums der Anglistik, Germanistik und Neueren Geschichte als Literaturübersetzerin tätig. Nach ihrem Abschluss entdeckte sie ihre Liebe fürs Kinderbuch und arbeitet seitdem als freie Übersetzerin und Lektorin in Freiburg und Stuttgart.«

Die Illustratorin:

»Kate Hindley, Jahrgang 1986, studierte Illustration am Fallmouth College of Art. Heute lebt und arbeitet sie in Birmingham – neben einer Schokoladenfabrik.«

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren amüsanten Bilderbuch mit Illustrationen von Kate Hindley: „Wie man ein Wollmammut wäscht“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/29/wie-man-ein-wollmammut-waescht/

Die wilde Meute

  • von Ilse Bos
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • Originaltitel: »Troep«
  • Mit Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus  August 2016    http://www.urachhaus.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • 303 Seiten
  • 17,90 € (D), 18,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7924-4
  • zum Vorlesen ab 7 Jahren
  • zum Selbsterlesen ab 10 Jahren
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K I N D E R K O M P E T E N Z

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dreizehn Kinder, die ohne alltägliche elterliche Aufsicht auf einem am Ufer einer verwilderten Landzungenspitze verankerten Schiff hausen – das kann ja heiter werden und gefährlich. Wenn das das Jugendamt wüßte …

Doch das Jugendamt, personifiziert von der weichgerundeten Frau Weiblen, die tränenreich nahe am Wasser gebaut ist und großzügig ihr sozialpädagogisches Vorschußmitleid verteilt, hat zum Glück noch nicht herausgefunden, wie unbeaufsichtigt das Leben der Kinder wirklich ist.

Wie konnte es so weit kommen? Die zwölfjährige Pola erzählt folgende Familiengeschichte: Tineke, Polas Mutter, führte vor Polas Geburt ein reiselustiges Leben. Sie nähte und strickte Kleidung für Zirkusartisten und Schiffsbesatzungen. Auf einer Schiffsfahrt nach Reykjavik verliebte sie sich in den Maschinisten Willem Vanderwerff, und die beiden kamen sich sehr, sehr nahe. Doch ein Mißverständnis führte dazu, daß sich ihre Wege – beiderseits ungewollt – trennten.

Wenig später bemerkte Tineke, daß sie ein Kind erwartete. Sie suchte vergeblich nach Willem und kehrte zur Geburt des Kindes zur Blauschute zurück, dem Schiff ihres Vaters. Kurz nach Polas Geburt setzte Tineke ihre reisende Berufstätigkeit in Begleitung ihrer kleinen Tochter fort und suchte in vielen verschiedenen Ländern nach dem Verbleib ihrer großen Liebe Willem. Unterwegs in Kiew nahm sie Wladimir, ein verwaistes Straßenkind, mit einer ausgeprägten Begabung für Technik und Mechanik, in ihre Obhut. So bekam Pola ihren ersten Bruder.

Als Pola und Wladimir das schulpflichtige Alter erreichten, wurden sie in Amsterdam auf der Blauschute seßhaft, während ihre Mutter weiterhin weltweit arbeitete, reiste und nach Polas Vater suchte. Nach und nach strandeten noch einige sogenannte heimische Problemkinder auf der Blauschute und wurden von Tineke als offizielle Pflegekinder angenommen.

Einmal brachte sie auch eine erneute Schwangerschaft mit – als Reiseandenken eines Flirts mit einem surinamesischen Fischer. So ergänzen inzwischen die Zwillinge Flip und Tutti mit ihren Rastazöpfchen und ihrer eigenen Zwillingssprache den bunten Kinderreigen.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Nun ist Pola zwölf Jahre alt, und das Zusammenleben der Kinder funktioniert ziemlich gut, die Zähne werden geputzt, die Wäsche wird wöchentlich gewaschen, es wird regelmäßig gegessen, die Schule wird (meist) pünktlich besucht, jedes Kind kann irgendetwas besonders gut und bringt seine Fähigkeit in die Gemeinschaft ein.

Der schweigsame Knut kocht täglich einfache, leckere Gerichte, Wolke kann mit Tieren sprechen, Asala ist sehr musikalisch und singt gerne, Jan kann gut stricken, häkeln, nähen und heulen. Pola ist die Älteste und somit die Bestimmerin (auch wenn sie mal nicht weiterweiß) …  Wenn es ernste Probleme gibt, wird der Geschwisterrat einberufen, und es werden Lösungsstrategien ausdiskutiert und gefunden.

Die ungezwungenen, kinderselbstbestimmten häuslichen Verhältnisse tragen in dieser abenteuerlich-unkonventionellen Familiengeschichte dazu bei, daß sich die Einzigartigkeit der Kinder ausdrücklich entfaltet, daß sie von- und miteinander lernen und ihr Zusammenleben kooperativ gestalten: Eine Miniaturdemokratie mit Toleranz, konstruktiver Streitkultur und viel Improvisationstalent.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Die reisende Mutter schickt regelmäßig Bargeld und ruft jeden Samstagnachmittag um Punkt fünf Uhr an. Sie kommt nur noch alle drei Monate nach Hause und kümmert sich dann um die Angelegenheiten, die die Kinder nicht alleine regeln können. Allerdings war sie schon seit zwei Jahren nicht mehr beim Elternsprechtag, und dies ruft Frau Weiblen vom Jugendamt auf den Plan.

Frau Weiblen gibt Pola eine schriftliche Einladung für ihre Mutter mit; sollte die Mutter nicht beim Elternsprechtag erscheinen, drohe ein Hausbesuch des Jugendamts. Während der Geschwisterrat um eine Lösung ringt (die Mutter ist zu weit fort, um kurzfristig zu kommen), bietet sich den Kindern zufällig ein hilfsbereiter Nachbar, ein arbeitsloser Schauspieler, als Vaterfigur an. Maarten ist arbeitslos, weil er sich mit seiner Rolle immer so sehr identifiziert, daß er aus dem Rollencharakter nicht mehr herausfindet. Das ist in diesem Falle durchaus von Vorteil und nimmt Frau Weiblen erst einmal den Wind aus den sozialpädagogisch geblähten Segeln …

Es gibt aber noch andere Sorgen. In der Stadt entstehen plötzlich unerklärliche Löcher, die angeblich mit dem Bau der neuen U-Bahn-Linie in Zusammenhang stehen. Maartens Zwillingsbruder ist der Chef der U-Bahn-Tunnel-Baufirma, aber er ist verschwunden.

Außerdem müssen die Kinder einen neuen Anlegeplatz für die Blauschute ausfindig machen, da die städtische Bebauung bald das verwilderte Restrefugium „zivilisieren“ wird.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachaus 2016

Maarten hilft den Kindern, und die Kinder helfen Maarten. Und so beginnen zwei Expeditionen: Die eine, angeführt von Maarten, führt in die unterirdischen Gefilde der Stadt, um Maartens Bruder zu suchen. Die andere, angeführt von der belesenen Antonia, macht sich mit dem motorisierten Beiboot der Blauschute auf die Suche nach einem alternativen Liegeplatz.

Weitere überraschende Unterstützung kommt von den „Unbezweckten“, einer phantastischen, kollektiven Lebensform, die ihre Gestalt wechseln kann und auf zweckfreien Lebensraum angewiesen ist …

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016


Ernsthafte Gefahren müssen überstanden werden, Traum und Wirklichkeit verschwimmen ein bißchen, Rätsel lösen sich, lose Fäden werden sinnvoll verknüpft, familiäre Zusammenhänge klären sich… Alle Gesuchten werden glücklich wiedergefunden, ja, sogar Polas Vater taucht auf, und schließlich kehrt auch Polas Mutter zurück, und der künftigen Bilderbuchfamilie steht nun nichts mehr im Wege …

Sosehr die Kinder ihre wilde Freiheit und ihre weitgehende Selbständigkeit auch genießen, so sehnen sie sich doch nach beständiger, liebevoller, elterlicher Präsenz und Geborgenheit. Die Wahlgeschwister sind gewitzt, tapfer und lebenspragmatisch, aber auch verletzlich und oft genug überfordert. Es gibt Lebenslagen, da sollten Kinder unbedingt getragen und begleitet werden. Als Maarten in die Vaterrolle schlüpft, sonnen sich alle Kinder gerne an der väterlichen Herzenswärme und Tatkraft, die er ihnen bietet.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Die Geschichte der wilden Meute wird von Ilse Bos auf eine Weise erzählt, die die charakteristischen Eigenheiten und sprachlichen Spezialitäten aller Kinder ausdrücklich und lebhaft zu Wort kommen läßt. Der Autorin gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, die Charaktere und Stimmungen aus der Innenperspektive anschaulich zu machen.

Die spannende und komplexe Dramaturgie wird begleitet von heiterer Situationskomik, feinem kindlichen Wortwitz (besonders gelungen bei der Sprache der Zwillinge und dem Akzent von Wladimir) und der einfühlsamen Darstellung der geschwisterlichen Beziehungen, die nicht immer harmonisch sind, jedoch auf der Basis grundsätzlicher Solidarität und Fürsorge stehen.

Die zahlreichen Figuren und ihre verborgenen sowie offensichtlichen Beziehungen zueinander erfordern indes ein beträchtliches Maß an Lesekonzentration und Aufmerksamkeit. Angesichts des umfangreichen Personenreigens ist es nützlich, daß sich im Anschluß an die Geschichte ein Personenregister der dreizehn Geschwister mit Kurzsteckbriefen zum Nachschlagen befindet.

Die zarten, textdetailgetreuen warmherzigen Zeichnungen von Linde Faas spiegeln die Charaktere, Szenerien und das emotionale Klima subtil und farbenfroh sowie situationsweise lebhaft-dynamisch oder still-versunken wider.

„Die wilde Meute“ handelt von einer Art Pippi-Langstrumpf-WG, in der die Grenze zwischen ‚Kindern etwas zuzutrauen′ und ‚Kindern etwas zuzumuten′ fließend ist. Es wird ausgelotet, wie weit kindliche Selbstbestimmung und Selbstversorgung funktionieren, und wie wünschenswert – bei aller Liebe zur Freiheit – zuverlässige, liebevolle und ANWESENDE erwachsene Bezugspersonen sind.

Kindererziehung ist gleichwohl immer ein Abenteuer – ob in der Fiktion oder in der Wirklichkeit. Die im vorliegenden Kinderbuch vorgestellten Spielarten der Kinderkompetenz könnten überbehütete Kinder zu mehr Freiraum und Selbständigkeit ermutigen. Doch dies möchte ich nicht als Warnhinweis verstanden wissen, sondern als ausdrückliche Empfehlung.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825179274/die-wilde-meute

 

Die Autorin:

»Ilse Bos, geboren 1966, hat Sprachen und Journalismus studiert. Nach einigen Jahren des Unterrichtens hat sie sich stärker auf das Dasein als Journalistin konzentriert und irgendwann begonnen, Geschichten zu schreiben. Ilse Bos lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Amsterdam. Die wilde Meute ist ihr Debüt.«

Die Illustratorin:

»Linde Faas wurde 1985 in Zeist in den Niederlanden geboren. Nach ihrem Studium an der Kunstakademie in Breda begann sie, sich als Illustratorin einen Namen zu machen. Für den Verlag Urachhaus hat sie u.a. drei Bücher des niederländischen Autors Paul Biegel illustriert – darunter Die Prinzessin mit den roten Haaren, für das sei im Jahr 2015 mit dem begehrten »Penzberger Urmel« ausgezeichnet wurde.«

Hier entlang zu: „Die Prinzessin mit dem roten Haaren“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/11/20/die-prinzessin-mit-den-roten-haaren/

Arche Kinder Kalender 2017

  • Mit 53 Gedichten und Bildern
  • aus der ganzen Welt
  • Herausgegeben und ausgewählt von der
  • Internationalen Jugendbibliothek, München  http://www.ijb.de
  • erschienen im ARCHE KALENDER VERLAG  www.arche-kalender-verlag.com
  • graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • WOCHENKALENDER
  • 60 Blätter
  • 53 vierfarbige Illustrationen
  • Format: 33 x 30,5 cm
  • 18,– €
  • ISBN 978-3-0347-7017-0
  • Für Kinder jeden Alters
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AUS  ALLER  HERZEN  LÄNDER

Kalenderbegeisterung von Ulrike Sokul ©

Der Arche Kinder Kalender verknüpft 53 Kindergedichte aus mehr als 30 Ländern zu einem kunterbunten, polyglotten fliegenden Teppich der Poesie. Jedes Gedicht wird jeweils in der Originalsprache und in Begleitung seiner Originalillustration sowie in einer deutschen Textübersetzung dargestellt.

Die Mitarbeiter der Internationalen Jugendbibliothek*, München, schöpfen für die alljährliche, vielsprachige Gedichtauswahl des Arche Kinder Kalenders aus den „grenzenlosen“ Fundus ihrer Kinderlyrik-Sammlung.

Mit diesem Kalender kann man seinem Kinde jede Woche ein illustres Gedicht schmackhaft machen: durch Vorlesen, Anschauen, Drübersprechen und bei besonderem Wohlgefallen sogar durchs Auswendiglernen.

Das Spektrum der Nationalitäten und Kulturen ist ebenso abwechslungsreich wie die lyrischen Stimmungen. Es gibt laute und leise Töne, gereimte und ungereimte Verse, Humor und Wortwitz, Albernheiten und Tiefsinn, Philosophie und Rätsel, Menschliches, Tierisches und Pflanzliches, Alltag und Phantasie, Deutliches und Angedeutetes …

Die stilistische Bandbreite zeigt sich auch bei den originellen Illustrationen. Den bewährten graphischen Feinschliff  und die Formatierung zum Kalenderblatt besorgt der Arche-Verlags-Hausgraphiker Max Bartholl.

Wir lesereisen per Poesiefahrplan von Chile nach China, von Dänemark nach Deutschland, von Grönland nach Griechenland, von Indien nach Italien, von Korea nach Kanada, von den Niederlanden nach Norwegen, von Polen nach Portugal, von Rußland in die Ukraine …  Aus Kindersicht dürfte zudem den teilweise exotischen Schriftzeichen der Originalgedichte eine faszinierende Sehenswürdigkeit innewohnen.

Dank der Übersetzungen und der universellen Bildersprache finden wir eine allen Menschen gemeinsame Kindlichkeit. So mag sich – unter der Flagge der Poesie – Kinderherz mit Kinderherz verbinden.

Im Arche Kinder Kalender 2017 findet sich erstmals ein freigebliebenes Kalenderblatt, das die Kinder selber „bedichten“ und bemalen können. Dieses selbstgestaltete Kalenderblatt kann bis zum 1. Dezember 2017 an die Internationale Jugendbibliothek gesendet werden, welche die fünf schönsten Blätter auswählt und mit einem Arche Kinder Kalender 2018 belohnt.

 

Hier geht es zum Arche Kinder Kalender auf der Verlagswebseite. Dort entblättert er sich auch ein wenig zum Kennenlernen:
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kinder-kalender-2017.html

 

arche-kinder-kalender-april-2017arche-kinder-kalender-mai-2017

 

 

 

 

 

 

arche-kinder-kalender-august-2017

 

arche-kinder-kalender-oktober-2017
arche-kinder-kalender-dezember-2017

Querverweis:

Eine weitere lesens- und sehenswerte sowie kinderpraxiserprobte Besprechung zum Arche Kinder Kalender gibt auf Katjas-Webseite:
Lyrisch, bunt und zauberhaft – Der Arche Kinder Kalender

Die Internationale Jugendbibliothek, die ihren Sitz im Schloss Blutenburg in München hat, ist die weltweit größte und renommierteste Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Sie wurde 1949 von der deutsch-jüdischen Emigrantin Jella Lepman gegründet, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, mit Kinderbüchern Brücken zwischen den Völkern und Kulturen zu bauen. Bücher sollten die Fantasie der deutschen Nachkriegskinder anregen und ihnen eine offene Weltsicht vermitteln.
Die Idee des interkulturellen Dialogs und die Liebe zu guter Literatur bestimmen seit mehr als 60 Jahren die Arbeit der Internationalen Jugendbibliothek. Sie ist ein Ort, an dem die Literaturvermittlung einen hohen Stellenwert hat und an dem mit Kindern und Erwachsenen der Diskurs über Bücher, Autoren, Illustratoren und Themen gesucht wird

Weitere Informationen:  http://www.ijb.de
Wer Mitglied im »Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek« wird, der bekommt u.a. im ersten Jahr den Arche Kinder Kalender als Begrüßungsgeschenk. http://www.ijb.de/ueber-uns/freundeskreis.html

PS:
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Arche Verlag außer dem besprochenen Kinder Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert hat:

Arche Geburtstagkalender (immerwährend)
http://arche-kalender-verlag.com/arche-geburtstagskalender.html

Arche Küchen Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kuechen-kalender-2017.html

Arche Literatur Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-literatur-kalender-2017.html

Arche Musik Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-musik-kalender-2017.html