Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet

  • Die 100 häufigsten Fragen und Antworten
  • von Sylvia Harke
  • Verlag Via Nova     März 2016  www.verlag-vianova.de
  • kartoniert
  • 286 Seiten
  • Format: 15,5 x 22 cm
  • 18,95 € (D), 19,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86616-356-0

ENDLICH  HOCHGESCHÄTZT: HOCHSENSIBILTÄT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zum Thema Hochsensibilität gibt es noch reichlich aufklärerischen Bedarf, sowohl für Menschen, die mit dieser neurologisch bedingten Gabe ausgestattet sind, als auch für die sogenannten Normalsensiblen – schließlich müssen wir alle miteinander auskommen, und gegenseitiges Verständnis ist hilfreich, erleichtert die Kommunikation und das Zusammenleben.

Hochsensibilität ist nicht ansteckend, denn sie ist keineswegs eine Krankheit, Neurose oder Heulsusigkeit, sondern ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das bei ungefähr 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung auftritt. Hochsensible Menschen HABEN nicht Hochsensibilität, sondern sie SIND hochsensibel!

Hochsensible verfügen über eine sehr differenzierte Wahrnehmung und ausgeprägte Empathie. Sie denken in größeren Zusammenhängen, sie neigen zu Reflexion, zu Verantwortungsbewußtsein und Sorgfalt, zu schöngeistigen Interessen und zu Naturverbundenheit. Meist sind sie empfindsame Idealisten, denen Wettbewerbs-mentalität fremd ist und die Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitssinn wertschätzen. Tiefsinnige Gespräche und Qualitätsbeziehungen liegen ihnen deutlich näher als oberflächlicher „Smalltalk“ und flüchtige Bekanntschaften.

Oft interessieren sie sich schon in der Kindheit für metaphysische und philosophische Fragen und haben Freude an künstlerischem Selbstausdruck. Phantasie, Intuition und Selbstgenügsamkeit sind vertraute und zuverlässige Begleiter hochsensibler Menschen, sofern man ihnen diese Begabungen nicht „aberzieht“.

Die kognitive und sensorische Wahrnehmung ist bei Hochsensiblen intensiver und detailreicher. Dies führt einerseits zu einer wesentlich tieferen und komplexeren neurologischen Informationsverarbeitung und zu einem sehr guten Gedächtnis; andererseits ist der Punkt der Reizüberflutung schneller erreicht. Daher rührt u.a. die Abneigung Hochsensibler gegenüber Lärm, Hektik, Menschenmassen und Gewalt (etwa Gewaltszenen in Filmen und Büchern).

Wenn alle  Erfahrungen einen langen und nachhaltigen, emotionalen Nachgeschmack hinterlassen, ist es ratsam, die Reizmenge zu dosieren und für ausreichenden Entspannungsausgleich zu sorgen.  Die kommerzialisierte, laute, naturentfremdete, stumpfherzige und konkurrenzbetonte neoliberale Arbeits- und Lebenswelt ist für Hochsensible besonders belastend. Es gelingt nicht jedem, sich gegenüber ungesunden Normierungen abzugrenzen, und die Anpassung an wesensfremde Bedingungen kann auf die Dauer zu Chronischer Erschöpfung, Depression und Burn-out führen.

Das vorliegende Buch bietet eine eingängige Einführung in die Hochsensibilität und gibt gezielt und komprimiert Antwort auf 100 Einzelfragen. Die Fragen sind nach sinnvollen Oberbegriffen geordnet und erlauben ein direktes Nachschlagen bei den Themen, die den jeweiligen Leser besonders ansprechen. Es werden die Lebensbereiche Beruf, Partnerschaft, Kindheit, Streßverarbeitung, Gesundheit, Gesellschaft und Spiritualität aufgegriffen. Jedes Kapitel klingt mit einer Liste konstruktiver Affirmationen aus.

Im Kapitel „Hochsensible und ihr Gefühlsleben“ findet sich zudem eine bemerkenswert klare und einleuchtende tabellarische Darstellung der wissenswerten Unterschiede zwischen emotionaler Intensität (Hochsensibilität) und emotionaler Instabilität (Bipolare Störung, Borderline, Folgen komplexer Traumatisierungen und anderer Persönlichkeitsstörungen).

Im Kapitel „Hochsensible Kinder“ listet eine ebenfalls sehr stringente tabellarische Darstellung die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ADHS und Hochsensibilität auf. Dies sind wichtige Informationen, die ein Kind vor Fehldiagnosen bewahren können.

Dieses Buch entstand als Fortsetzung zu Sylvia Harkes erstem Buch „Hochsensibel – Was tun?“ (erschienen 2014 beim Verlag Via Nova:
https://www.verlag-vianova.de/hochsensibel-was-tun.html).

Die Autorin hat die vielen neuen und zum Teil auch provokanten Fragen zum Thema Hochsensibilität, die im Verlauf ihrer Seminar– und Vortragstätigkeit an sie gestellt wurden, gesammelt und im vorliegenden, sehr praxisbezogenen Buch schlüssig und lösungsorientiert beantwortet.

„Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet“ informiert umfassend über das Phänomen der Hochsensibilität, erklärt kompetent viele Detailfragen und erfreut durch lebensnahe Anregungen zum konstruktiven Umgang mit feinfühligen „Antennen“ und filterloser Wahrnehmung. Die Autorin ermutigt Hochsensible zu Selbsterkenntnis und zur Selbstwertschätzung ihrer hochsensiblen Eigenschaften sowie zur Selbstrücksichtnahme auf die persönlichen, empfindsamen Bedürfnisse.

Hochsensibilität birgt ein reiches Bündel achtsamer, empathischer, harmonisierender, idealistischer, kommunikativer, musischer, sozialkompetenter und zwischen- menschlicher Fähigkeiten, die für jede Gesellschaft bereichernd und im Idealfall wegweisend sind.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.verlag-vianova.de/hochsensibel-ist-mehr-als-zartbesaitet.html

Die Autorin:

»Sylvia Harke ist Diplom-Psychologin und selbst hochsensibel. Sie lebt in Süddeutschland und gründete mit ihrem Mann Arno die hsp academy. Gemeinsam halten sie Vorträge und Seminare zur Hochsensibilität. Die Autorin ist Expertin in den Bereichen HSP Coaching, Kreativitätsförderung und Kinderpsychologie.«
mehr unter: www.hsp-academy.de

Querverweis:

Ein weiteres leselohnendes Buch über Hochsensibilität habe ich voriges Jahr rezensiert.
»Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potenzial entfalten«
von Eliane Reichardt: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/20/hochsensibel/
Das Thema hat SEHR große Publikumsresonanz und einen ellenlangen Kommentarschweif (da fanden sich viele Hochsensible) ausgelöst …

Musikalischer Querverweis:

Die Stuttgarter Sängerin und Liedermacherin Rebekka Adam kann sogar ein Lied von Hochsensibilität singen: https://beckyadam.wordpress.com/2013/10/17/13/

Weiterführende Webseiten zur Hochsensibilität:

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität,
IFHS e.V. in Deutschland, Österreich und der Schweiz:
www.hochsensibel.org
www.zartbesaitet.net
www.ifhs.ch

(Berufs-)verband pro Sensitivität und Empathie im Beruf,  VSEB e.V.: www.vseb.org

Hilfe für hochsensible Kinder und Jugendliche: www.hochsensiblehilfe.de

Wer gerne wissen möchte, ob er hochsensibel ist, kann den nachfolgenden kleinen Test absolvieren. HSP-Test-Fragebogen: http://www.zartbesaitet.net/survey/site.php?a=su_onepage&su_id=1

Wer mag, kann mir seine hochsensible Punktezahl in der Kommentarsektion kundtun.
Ich habe 282 ……………………………………………………………………………………………………………………….

 

 

 

Die Gorgel

  • von Jochem Myjer
  • Originaltitel: »De Gorgels«
  • Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
  • mit farbigen Illustrationen von Rick de Haas
  • Verlag Freies Geistesleben  März 2017   http://www.geistesleben.com
  • gebunden
  • 175 Seiten
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2789-0
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 7 Jahren

J U B E L D I B A M B A M!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In Jochem Myjers Kinderbuch gibt es Gorgel, kleine spitzohrige Wesen, die mit einem Holzstock bewaffnet sind und schlafende Kinder vor den giftgrünen, schädlichen Scheußlingen beschützen. Die Scheußlinge, mit ihrer unverkennbaren Duftmarke fauliger Schweißsocken, brauchen Kinder nur anzuhauchen, und schon bekommen sie eine fiese Erkältung, Bauchweh, Kopfschmerzen oder auch schlimmere Krankheiten.

Die meisten Kinder können weder die Gorgel noch die Scheußlinge sehen, und sie ahnen nichts von den freundlichen Hütern ihres Schlafes und von den Kämpfen, die gelegentlich für ihr Wohlergehen ausgefochten werden.

Doch Melle ist ein Junge, der über eine sehr gute Beobachtungsgabe verfügt; er ist sehr naturkundig, kennt viele Vögel und betrachtet die Welt mit aufgeschlossenem Herzen. So sieht er eines Nachts ein kleines Wesen mit muskulösen Ärmchen und Beinchen auf seiner Bettkante sitzen. Als das Wesen begreift, daß Melle es sehen kann, versteckt es sich blitzschnell; aber so leicht läßt sich Melle nicht abwimmeln.

Es dauert zwar eine Weile, doch schließlich kommt Melle mit dem Gorgel, der Bobba heißt, ins Gespräch. Bobba spricht mit einem lustigen Akzent und führt stolz seine Stockfechtkünste vor, und er erklärt Melle, welche wichtigen Aufgaben Wachgorgel erfüllen. Sie sorgen dafür, daß Kinder gut schlafen, sie heilen Wunden, helfen Kindern bei der Genesung, und sie beschützen sie vor dem schädlichen Einfluß der Scheußlinge.

Alle Gorgel stammen von einer nahegelegenen Insel, auf der zufällig auch Melles Großeltern zu Hause sind. Melle erfährt, daß sein Großvater bei den Gorgeln bekannt und beliebt ist, weil er als Kind ebenfalls die Gorgel sehen konnte und die Freundschaft zu ihnen pflegte.

Als Melle seinem Vater von Bobba erzählt, ist er sehr besorgt, denn rege Wachgorgel-aktivität deutet auf nahende Scheußlingsbedrohung hin. Die Sorge ist berechtigt. Schon in der nächsten Nacht dringt ein Scheußling in Melles Zimmer ein. Bobba kämpft energisch und äußerst tapfer gegen ihn und katapultiert den Scheußling aus dem Fenster, aber der hat Bobba vorher noch ins Bein gebissen, und nun sorgt sich Melle um Bobbas Gesundheit.

Melle und sein Vater beschließen, mit dem verletzten Gorgel einen Besuch bei den Großeltern zu machen. Denn Melles Großvater weiß sehr viel über Gorgel, und auf der Insel leben Bobbas Artgenossen, die ihn hoffentlich heilen können. Der Großvater läßt Melle als Erste-Hilfe-Medizin sogleich Moosbeeren sammeln, mit denen er den fiebernden Bobba füttert.

Melle macht sich mit Bobbas geschwächter Hilfe auf die Suche nach den Inselgorgeln. Dies gelingt reibungslos, die Gorgel nehmen Bobba in ihre Obhut, und sie warnen vor einer Invasion von Scheußlingen, da sie mit ihren feinen Nasen schon die nahende, fiese Duftnote einer großen Gruppe „Grönländischer Scheußlinge“ wittern. Wenn es nicht gelänge, diese Scheußlinge aufzuhalten, dann würden viele Kinder krank werden.

Der findige Melle entwickelt aus den vorhandenen Mitteln des Meeres einen raffinierten Plan, um gemeinsam mit den Inselgorgeln die Scheußlinge zu verjagen. Es erweist sich als großer Glücksfall, daß er naturkundig ist und viel über Tiere und ihre Verhaltens-weisen weiß und trickreich die Hilfe von Taschenkrebsen, Löfflern, Möwen und Seehunden in Anspruch nehmen kann.

Jochen Myjer hat mit „Die Gorgel“ eine ebenso warmherzige wie spannende und naturverbundene Geschichte geschrieben, in der trotz einiger Gefahren und Bedrohungen ein wohltuender Grundton familiärer Geborgenheit, zuverlässiger Fürsorge und inniger Freundschaftsbindung vorherrscht.

Die Gorgel  wecken auf jeden Fall spielend die kindliche Sympathie und Neugier, und ihre zwar geheimnisvoll-märchenhafte, gleichwohl handfest-tatkräftige und zugewandt-lustige Wesensart ist eine Inspiration für große und kleine Menschen mit Beschützerinstinkten und Phantasie.

Dieses Kinderbuch gibt Anlaß zum Lesejubel oder – wie man auf Gorgelisch begeistert auszurufen pflegt – JUBELDIBAMBAM!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.geistesleben.de/buecher/9783772527890/die-gorgel

 

Der Autor:

»Jochem Myjer 1977 geboren, ist einer der bekanntesten und beliebtesten Kabarettisten und Comedians in den Niederlanden. Sein Biologiestudium gab er nach zwei Jahren auf, um sich ganz dem Kabarett zu widmen. Er war u.a. Moderator der Kindersendung «Kinderen voor Kinderen» und spricht auch im Radio. 2010 gewann er den Cabaret Award als bester Kabarettist. Er lebt mit der Sängerin Marloes Nova zusammen und hat mit ihr zwei Kinder. Sein Buch Die Gorgel wurde 2016 mit dem Prijs van den Nederlandse Kinderjury ausgezeichnet.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Opa Mammut

  • Eine Familien-Weltgeschichte für Kinder
  • von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart  August 2016 http://www.jacobystuart.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig illustriert
  • 128 Seiten
  • Format: 20,1 x 25,4 cm
  • 19,95 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-946593-07-2
  • ab 10 Jahren (zum Selberlesen)
  • ab 6 Jahren (zum Vorlesen)

Z E I T R A F F E R

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Vom gemeinschaftlichen Lagerfeuer in der Wohnhöhle bis zum vereinzelnden Lichtfensterchen des Smartphones war es ein langer, langer Weg.

Illustration von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Die Autoren dieses Kinderbuches lassen einen unserer Urururururururur…–Ahnen die Menschheitsgeschichte im vertraulich-familiären Tonfall erzählen. Durch die Flammen des Feuers, dessen Beherrschung der epochale Fortschritt in der Zeit von Opa Mammut ist, schaut der altsteinzeitliche Erzähler in die Zukunft, und wir schauen mitlesend in die Vergangenheit unserer Menschheitsfamilie.

Im Vorwort sagt Opa Mammut: „Stell dir ein Buch mit tausend Seiten vor. Auf der ersten Seite wäre ich, dann käme eines meiner Kinder, danach die Kinder meiner Kinder – immer weiter durch die Zeit, auf jeder Seite eines meiner Enkelkinder, und auf der letzten Seite wärst du.“

Diese einleitenden Worte werden auf der nächsten Doppelseite mit den Stilmitteln konkreter Poesie in eine sehr gelungene graphische Zeittafeldarstellung gebracht. Erst danach erfolgt die menschheitsgeschichtliche Überlieferung aus dem Munde von Opa Mammut.

Illustration von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Zunächst berichtet Opa Mammut vom bewegungsreichen Wanderleben der Altsteinzeit, vom Sammeln und Jagen, von magischen Höhlenmalereien, vom Jagdfortschritt durch die Erfindung von Pfeil und Bogen, von Bestattungsritualen und von frühen flöten-musikalischen Bemühungen.

„Wenn ich heute daran denke, was es in der Steinzeit noch nicht gab – man musste praktisch alles selbst machen. Was man nicht konnte, gab es nicht. …  Es gab auch keinen Marmorkuchen, obwohl es ja die Steinzeit war.“ (Seite 24)

Opa Mammut berichtet vom Verschwinden der großen Mammutherden, vom Seßhaft-werden in der Jungsteinzeit, von Ackerbau und Viehzucht und von der Erfindung des Rades. Da man inzwischen auch gelernt hatte, Stoffe zu weben, kam Fellbekleidung fast ganz aus der Mode. Die Tradition des mündlichen Erzählens und Bewahrens wurde gepflegt, da es noch keine Schrift gab.

Und so schreiten wir fort von der Errichtung des geheimnisvollen Kulturdenkmals Stonehenge zum neuen Werkstoff Bronze, zur Entwicklung des Handels, zum Werkstoff Eisen und dem hohen gesellschaftlichen Ansehen, welches das Schmiedehandwerk genoß.

Es folgen: Hannibals Feldzüge, Christi Geburt, Römer und Barbaren, die Völkerwande-rung, Karl der Große, Klostergründungen, ritterliche Lebensweise, die Pest, die Erfindung des Buchdrucks, die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, die Umwälzungen der Französischen Revolution, die Industrialisierung, die Verlegung des Überseekabels auf dem atlantischen Meeresgrund, ein gemütlicher Blick in die Gründerzeit sowie ein ungemütlicher Blick in die Trümmerreste des Zweiten Weltkrieges, und schließlich betreten wir ein Wirtschaftswunder-Wohnzimmer mit Nierentisch und Schwarz-Weiß-Fernseher.

Das vorletzte, mit „Smart 2010“ betitelte Kapitel zeigt Menschen, die gebannt in ihre jeweiligen Smartphones starren und eine seltsam anmutende, äußerst abstrakte Beziehung „miteinander“ pflegen.

Illustrationen von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel © Jacoby & Stuart Verlag 2016

Licht- und Schattenseiten zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen werden beiläufig angesprochen, und auch an ironischen Kommentaren fehlt es nicht; beispielsweise wird der Feldherr Hannibal mit dem lakonischen Satz charakterisiert: „Wahrscheinlich hatte wieder einer zu viel Ehrgeiz.“ (Seite 62)

Die historischen Figuren werden nicht mit ihren Namen genannt. So erscheint Karl der Große nur unter seinem Titel Kaiser und Jesus als kleiner Junge, der im Jahre 0 geboren wurde und dessen Geburtstag zum Weihnachtsfeiertag wurde. In Anbetracht dessen, daß unsere aktuelle Kalenderzeitrechnung mit Christi-Geburt beginnt, hätte etwas mehr christliches Selbstverständnis dem Text an dieser Stelle nicht geschadet.

Andererseits könnte ich dann auch noch hinterfragen, warum die dreifaltige Muttergöttin, die in der Steinzeit und auch noch darüber hinaus verehrt wurde, überhaupt keine Erwähnungswürdigkeit fand. Doch geben wir uns zufrieden – die Themenfülle ist zu groß, um jeder historischen Neigung gerecht zu werden.

Kurze, konzentrierte Texte mit kindgemäßen Bezugsebenen und einfacher Sprache berichten von 52 Generationen der Menschheitsgeschichte; begleitet werden sie von sehr aussagekräftigen Illustrationen, die jeweils exemplarisch eine Alltagszene aus der beschriebenen Zeit zeigen. Die Zeichnungen, die Ähnlichkeit mit grobgestochenen Stahlstichen haben, ergänzen und bereichern die Textinformationen, und sie sind sehr präzise in der Darstellung der historischen Details: Architektur, Landschaft, Kleidung, Waffen, Werkzeuge etc.

Fast 20 000 Jahre Menschheitsgeschichte von Altsteinzeit, Mittelsteinzeit, Jungsteinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Mittelalter bis in die Neuzeit und unmittelbare Gegenwart werden in diesem Buch auf 128 Seiten nacherzählt. Daß dies nur streiflichternd und – für den historisch bewanderten erwachsenen Mitleser – nur mit schmerzlichen historischen Lücken möglich ist, erklärt sich von selbst.

Gleichwohl erzeugt der zugewandte, ebenso humorvolle wie nachdenkliche Plauderton eine wünschenswerte emotionale Nähe zur Vergangenheit und weckt Interesse und Neugier, sich anschließend mit der einen oder anderen Epoche oder auch generell mit Geschichte ausführlicher zu beschäftigen.

„Opa Mammut“ gelingt es, Geschichte auf vergnüglich-informative Weise anschaulich lebendig werden zu lassen und Kinder für die faszinierenden Entwicklungsschritte der Menschheitsfamilie zu sensibilisieren.

Schon Goethe erkannte in seinem West-östlichen Diwan:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben.“

Wohin das weitgehende Ausblenden der historischen Dimension gerade auch an Schulen führt, ist u.a. an der enkeluntauglich-kurzsichtigen Perspektive nicht weniger Politiker schmerzhaft abzulesen. In diesem Zusammenhang bietet „Opa Mammut“ wertvollere Bildungsförderung als manche sogenannte Lehrplanreform.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinder-jugendsachbuch/kindersachbuch/opa-mammut/

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Dieter Böge, geboren 1958, ist Zeichner, Maler und Autor. Er lehrt an der Akademie JAK in Hamburg und ist deren künstlerischer Leiter.
Bernd Mölck-Tassel, geboren 1964, ist Professor für Illustration an der HAW Hamburg.
Beide arbeiten seit über zwanzig Jahren zusammen. Von 2008 bis 2013 erschienen ihre Comicstrips Dr. Dominos Weltgeschichte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.«

 

Der Streik der Farben

  • Illustrationen von Oliver Jeffers
  • Text von Drew Daywalt
  • Originaltitel: »The Day the Crayons Quit«
  • Übersetzung ins Deutsche: Anna Schaub
  • Handschrift: Kris Di Giacomo
  • NordSüd Verlag   2016   www.nord-sued.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig illustriert
  • 40 Seiten
  • Format: 25,4 x 25,4 cm
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10359-9
  • ab 4 Jahren

F A R B T Ö N E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Streik der Farben“ ist ein witziges Bilderbuch für malfreudige Kinder, das konventionelle Farbzuordnungen spielerisch in Frage stellt und zu freifließender Farbenfreude anregt.

Duncan greift vergebens in seine Schachtel mit Farbstiften. Die Farbstifte streiken und haben ihm einen Stapel Briefe mit ihren Klagen und Wünschen hinterlassen.

Der rote Farbstift ist überarbeitet, er muß nicht nur alle Feuerwehrautos und roten Obstsorten malen, sondern auch noch an Feiertagen Nikoläuse und Herzen.

Die Farbe Lila ist zwar ganz zufrieden damit, für Weintrauben und Zauberwesen eingesetzt zu werden, aber Duncan sollte wirklich mehr Mühe darauf verwenden, ordentlich innerhalb der Randlinien zu bleiben und nicht unachtsam darüber hinaus zu kritzeln.

Beige fühlt sich sehr vernachlässigt und gegenüber Braun ungerecht behandelt. Beige will auch Bären, Ponys und Hunde malen und nicht bloß Getreidehalme.

Illustration von Oliver Jeffers © Nord Süd Verlag 2016

Der graue Stift ist übermüdet vom vielen Elefantenmalen. Ob Duncan denn nicht gelegentlich kleinere Tiere oder Kieselsteine mit ihm malen könne?

Die Farbe Grün ist ausgesprochen zufrieden und dankbar, daß Duncan sie immer für Bäume, Krokodile, Dinosaurier und Frösche wählt. Doch sie weist Duncan darauf hin, daß er dringend den Streit zwischen Gelb und Orange schlichten müsse; beide Farben bestehen nämlich darauf, die wahre Farbe der Sonne zu sein. Keine Frage, daß sich Gelb und Orange in ihren jeweiligen Briefen ziemlich selbstgefällig dazu äußern.

Die Farbe Blau hat es als Duncans langjährige Lieblingsfarbe auch nicht leicht. Nach all den Meeren, Flüssen und Regenwolken ist sie schon ganz kurz und stummelig geworden und braucht dringend eine Pause.

Schwarz und Weiß sowie Pink und Rosa kommen auch noch ausführlich zu Wort …

Duncan beherzigt die Hinweise seiner Farbstifte, und sein nächstes Bild zeugt von einem ganz anderen Umgang mit Farben: Es ist himmelgrün, grasblau, regenbogenschwarz, flugzeugrosa, walorange, katzenweiß usw. …

Auf jeder Doppelseite befinden sich ein Brief und die dazugehörige Farb- zeichnung. Die Briefe sind in einer leserlichen Krickelkrakel-Handschrift auf knitterige, faksimilierte Blätter geschrieben. Die Zeichnungen sowie das lebhaft-personalisierte Aussehen des jeweiligen Farbstiftes spiegeln anschaulich das vorgebrachte Anliegen wider.

Die Ausführung der Bilder ist so kindlich-echt, daß es wirkliche Kinder- zeichnungen sein könnten. Oliver Jeffers‘ gekonnt-amateurhafter Malstil eignet sich gut für den Protest der Farbstifte gegen die farbklischeehafte Motivmonotonie und dürfte für Kinder eine vorbildliche Ermutigung zu mehr künstlerischer Gestaltungsfreiheit beim Malen und Zeichnen sein.

„Der Streik der Farben“ bietet zudem spielerische Anregungen für den Kunstunterricht in Grundschulen und vor allem für die Erweiterung des kindlichen Farbhorizontes.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.nord-sued.com/programm/index.asp
Hier entlang zur Leseprobe:
http://www.book2look.com/book/3sMZ12dFsc

Der Autor:

»Drew Daywalt, geboren 1970, ist ein amerikanischer Filmemacher, der vor allem für Fantasy- und Horrorfilme bekannt ist. Zusammen mit Oliver Jeffers hat er mit The Day the Crayons Quit einen enormen Erfolg erzielt.«

Der Illustrator:

»Oliver Jeffers, geboren 1977, studierte in Ulster an der School of Art and Design. Er hat weltweit ausgestellt und bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise gewonnen. Heute lebt er in Brooklyn.«

Anton und Stups

  • Bilderbuch
  • Text von Claire Freedman
  • Aus dem Englischen von Nina Scheweling
  • Illustrationen von Kate Hindley
  • Thienemann Verlag  Juli 2016     www.thienemann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 26,6 x 26,6 cm
  • 32 Seiten
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3-522-45818-4
  • ab 4 Jahren
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D R E I E C K S B E Z I E H U N G

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Freunde finden ist ein großes Thema für kleine Kinder, besonders wenn sie, etwa durch einen Umzug, in eine neue Gegend versetzt werden, wo sie außer den Familienmitgliedern noch niemanden kennen. Das Bilderbuch „Anton und Stups“ bietet ein glaubwürdiges und warmherziges Szenario vom Suchen und Finden neuer Freunde in einer fremden Umgebung.

Antons Familie ist vom Land in die Großstadt umgezogen. Anton plagt das Heimweh nach dem gewohnten ländlichen Umfeld, und er vermißt seine Freunde, die nun für ihn unerreichbar sind.

An einem regnerischen Tage rafft er sich auf und erkundet sein Stadtviertel. Niemand nimmt Notiz von ihm, und das fühlt sich ziemlich einsam für Anton an. Da entdeckt er einen kleinen, verlorenen, durchnäßten Hund auf dem Bürgersteig. Er schleift eine rote Leine hinter sich her; und als Anton sich die Hundemarke ansieht, steht da nur der Name „Stups“. Weit und breit ist kein Herrchen oder Frauchen in Sicht.

Spontan nimmt Anton die Leine in die Hand, und Stups freut sich offensichtlich über seinen neuen Begleiter. Die beiden vertragen sich gut, und Anton nimmt Stups mit nach Hause. Fröhlich spielen und kuscheln sie miteinander; nur abends wirkt Stups etwas betrübt, und er schaut sehnsüchtig aus dem Fenster.

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Illustration von Kate Hindley © Thienemann Verlag 2016

Anton ist sich darüber im Klaren, daß ihm Stups nicht gehört und daß es jemanden gibt, der ihn schmerzlich vermißt. Gewissenhaft fertigt er Steckbriefe seines Findehundes an und verteilt diese plakativ in der Nachbarschaft, in der stillen Hoffnung, daß sich gleichwohl niemand darauf melden möge.

Tatsächlich meldet sich auch niemand. Anton macht es sich mit Stups gemütlich, und er fühlt sich gar nicht mehr einsam. Einige Tage nach der Steckbriefaktion geht Anton bei Nieselregen mit Stups in der Nähe eines kleinen Parks spazieren. Plötzlich zieht Stups heftig an seiner Leine, reißt sich los und rast auf ein kleines Mädchen zu, das traurig auf einer Schaukel sitzt. Beklommen erkennt Anton, daß dies wohl die rechtmäßige Besitzerin von Stups ist.

Das Mädchen herzt den Hund, stellt sich sehr freundlich als Lisa vor und bedankt sich bei Anton dafür, daß er so gut für Stups gesorgt hat. Tapfer hält Anton seine Tränen zurück, erwidert Lisas strahlendes Lächeln und fragt schüchtern, ob Lisa ihn denn einmal besuchen wolle. Lisa geht sehr nett darauf ein und regt an, daß sie doch sofort etwas zusammen unternehmen könnten.

In diesem Augenblick hört es auf zu regnen, und die Sonne durchdringt die Wolken. Plötzlich fühlt sich Anton nicht mehr verlassen und fremd, und auch die Stadt wirkt nicht mehr so abweisend auf ihn. Zu dritt stromern sie durch die Straßen und setzen sich in ein Eiscafé, das sogar Eisnäpfchen für Hunde anbietet …

Die Autorin erzählt Antons Geschichte in einfachen Worten, die nahe am kindlichen Herzen entlang geschrieben sind und alle Empfindungen direkt benennen. In Verbindung mit den einfühlsamen, farbenfrohen Illustrationen, ihren verspielten Details und der deutlich ablesbaren mimischen Gefühlspalette wird hier ein sehr konstruktiver Umgang mit dem Bedürfnis nach sozialem Kontakt gezeigt.

„Anton und Stups“ ist eine schöne Ermutigung für alle Kinder, die sich neue Freundschaften ersehnen oder vielleicht auch einfach „nur“ einen vierbeinigen Spielgefährten.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/anton-und-stups-isbn-978-3-522-45818-4/

Die Autorin:

»Claire Freedman verließ mit sechzehn die Schule und arbeitete anschließend als schlechteste Sekretärin aller Zeiten, Verkäuferin bei Harrods und als Zahnarzthelferin. Dann entdeckte sie endlich ihren Traumberuf und wurde Schriftstellerin. Seitdem verfasste sie über 50 erfolgreiche Bilderbücher. Sie lebt mit ihrem Mann in Essex.«

Die Übersetzerin:

»Nina Scheweling war schon während ihres Studiums der Anglistik, Germanistik und Neueren Geschichte als Literaturübersetzerin tätig. Nach ihrem Abschluss entdeckte sie ihre Liebe fürs Kinderbuch und arbeitet seitdem als freie Übersetzerin und Lektorin in Freiburg und Stuttgart.«

Die Illustratorin:

»Kate Hindley, Jahrgang 1986, studierte Illustration am Fallmouth College of Art. Heute lebt und arbeitet sie in Birmingham – neben einer Schokoladenfabrik.«

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren amüsanten Bilderbuch mit Illustrationen von Kate Hindley: „Wie man ein Wollmammut wäscht“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/29/wie-man-ein-wollmammut-waescht/

Die wilde Meute

  • von Ilse Bos
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • Originaltitel: »Troep«
  • Mit Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus  August 2016    http://www.urachhaus.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • 303 Seiten
  • 17,90 € (D), 18,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7924-4
  • zum Vorlesen ab 7 Jahren
  • zum Selbsterlesen ab 10 Jahren
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K I N D E R K O M P E T E N Z

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dreizehn Kinder, die ohne alltägliche elterliche Aufsicht auf einem am Ufer einer verwilderten Landzungenspitze verankerten Schiff hausen – das kann ja heiter werden und gefährlich. Wenn das das Jugendamt wüßte …

Doch das Jugendamt, personifiziert von der weichgerundeten Frau Weiblen, die tränenreich nahe am Wasser gebaut ist und großzügig ihr sozialpädagogisches Vorschußmitleid verteilt, hat zum Glück noch nicht herausgefunden, wie unbeaufsichtigt das Leben der Kinder wirklich ist.

Wie konnte es so weit kommen? Die zwölfjährige Pola erzählt folgende Familiengeschichte: Tineke, Polas Mutter, führte vor Polas Geburt ein reiselustiges Leben. Sie nähte und strickte Kleidung für Zirkusartisten und Schiffsbesatzungen. Auf einer Schiffsfahrt nach Reykjavik verliebte sie sich in den Maschinisten Willem Vanderwerff, und die beiden kamen sich sehr, sehr nahe. Doch ein Mißverständnis führte dazu, daß sich ihre Wege – beiderseits ungewollt – trennten.

Wenig später bemerkte Tineke, daß sie ein Kind erwartete. Sie suchte vergeblich nach Willem und kehrte zur Geburt des Kindes zur Blauschute zurück, dem Schiff ihres Vaters. Kurz nach Polas Geburt setzte Tineke ihre reisende Berufstätigkeit in Begleitung ihrer kleinen Tochter fort und suchte in vielen verschiedenen Ländern nach dem Verbleib ihrer großen Liebe Willem. Unterwegs in Kiew nahm sie Wladimir, ein verwaistes Straßenkind, mit einer ausgeprägten Begabung für Technik und Mechanik, in ihre Obhut. So bekam Pola ihren ersten Bruder.

Als Pola und Wladimir das schulpflichtige Alter erreichten, wurden sie in Amsterdam auf der Blauschute seßhaft, während ihre Mutter weiterhin weltweit arbeitete, reiste und nach Polas Vater suchte. Nach und nach strandeten noch einige sogenannte heimische Problemkinder auf der Blauschute und wurden von Tineke als offizielle Pflegekinder angenommen.

Einmal brachte sie auch eine erneute Schwangerschaft mit – als Reiseandenken eines Flirts mit einem surinamesischen Fischer. So ergänzen inzwischen die Zwillinge Flip und Tutti mit ihren Rastazöpfchen und ihrer eigenen Zwillingssprache den bunten Kinderreigen.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Nun ist Pola zwölf Jahre alt, und das Zusammenleben der Kinder funktioniert ziemlich gut, die Zähne werden geputzt, die Wäsche wird wöchentlich gewaschen, es wird regelmäßig gegessen, die Schule wird (meist) pünktlich besucht, jedes Kind kann irgendetwas besonders gut und bringt seine Fähigkeit in die Gemeinschaft ein.

Der schweigsame Knut kocht täglich einfache, leckere Gerichte, Wolke kann mit Tieren sprechen, Asala ist sehr musikalisch und singt gerne, Jan kann gut stricken, häkeln, nähen und heulen. Pola ist die Älteste und somit die Bestimmerin (auch wenn sie mal nicht weiterweiß) …  Wenn es ernste Probleme gibt, wird der Geschwisterrat einberufen, und es werden Lösungsstrategien ausdiskutiert und gefunden.

Die ungezwungenen, kinderselbstbestimmten häuslichen Verhältnisse tragen in dieser abenteuerlich-unkonventionellen Familiengeschichte dazu bei, daß sich die Einzigartigkeit der Kinder ausdrücklich entfaltet, daß sie von- und miteinander lernen und ihr Zusammenleben kooperativ gestalten: Eine Miniaturdemokratie mit Toleranz, konstruktiver Streitkultur und viel Improvisationstalent.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Die reisende Mutter schickt regelmäßig Bargeld und ruft jeden Samstagnachmittag um Punkt fünf Uhr an. Sie kommt nur noch alle drei Monate nach Hause und kümmert sich dann um die Angelegenheiten, die die Kinder nicht alleine regeln können. Allerdings war sie schon seit zwei Jahren nicht mehr beim Elternsprechtag, und dies ruft Frau Weiblen vom Jugendamt auf den Plan.

Frau Weiblen gibt Pola eine schriftliche Einladung für ihre Mutter mit; sollte die Mutter nicht beim Elternsprechtag erscheinen, drohe ein Hausbesuch des Jugendamts. Während der Geschwisterrat um eine Lösung ringt (die Mutter ist zu weit fort, um kurzfristig zu kommen), bietet sich den Kindern zufällig ein hilfsbereiter Nachbar, ein arbeitsloser Schauspieler, als Vaterfigur an. Maarten ist arbeitslos, weil er sich mit seiner Rolle immer so sehr identifiziert, daß er aus dem Rollencharakter nicht mehr herausfindet. Das ist in diesem Falle durchaus von Vorteil und nimmt Frau Weiblen erst einmal den Wind aus den sozialpädagogisch geblähten Segeln …

Es gibt aber noch andere Sorgen. In der Stadt entstehen plötzlich unerklärliche Löcher, die angeblich mit dem Bau der neuen U-Bahn-Linie in Zusammenhang stehen. Maartens Zwillingsbruder ist der Chef der U-Bahn-Tunnel-Baufirma, aber er ist verschwunden.

Außerdem müssen die Kinder einen neuen Anlegeplatz für die Blauschute ausfindig machen, da die städtische Bebauung bald das verwilderte Restrefugium „zivilisieren“ wird.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachaus 2016

Maarten hilft den Kindern, und die Kinder helfen Maarten. Und so beginnen zwei Expeditionen: Die eine, angeführt von Maarten, führt in die unterirdischen Gefilde der Stadt, um Maartens Bruder zu suchen. Die andere, angeführt von der belesenen Antonia, macht sich mit dem motorisierten Beiboot der Blauschute auf die Suche nach einem alternativen Liegeplatz.

Weitere überraschende Unterstützung kommt von den „Unbezweckten“, einer phantastischen, kollektiven Lebensform, die ihre Gestalt wechseln kann und auf zweckfreien Lebensraum angewiesen ist …

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016


Ernsthafte Gefahren müssen überstanden werden, Traum und Wirklichkeit verschwimmen ein bißchen, Rätsel lösen sich, lose Fäden werden sinnvoll verknüpft, familiäre Zusammenhänge klären sich… Alle Gesuchten werden glücklich wiedergefunden, ja, sogar Polas Vater taucht auf, und schließlich kehrt auch Polas Mutter zurück, und der künftigen Bilderbuchfamilie steht nun nichts mehr im Wege …

Sosehr die Kinder ihre wilde Freiheit und ihre weitgehende Selbständigkeit auch genießen, so sehnen sie sich doch nach beständiger, liebevoller, elterlicher Präsenz und Geborgenheit. Die Wahlgeschwister sind gewitzt, tapfer und lebenspragmatisch, aber auch verletzlich und oft genug überfordert. Es gibt Lebenslagen, da sollten Kinder unbedingt getragen und begleitet werden. Als Maarten in die Vaterrolle schlüpft, sonnen sich alle Kinder gerne an der väterlichen Herzenswärme und Tatkraft, die er ihnen bietet.

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Illustration von Linde Faas © Verlag Urachhaus 2016

Die Geschichte der wilden Meute wird von Ilse Bos auf eine Weise erzählt, die die charakteristischen Eigenheiten und sprachlichen Spezialitäten aller Kinder ausdrücklich und lebhaft zu Wort kommen läßt. Der Autorin gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, die Charaktere und Stimmungen aus der Innenperspektive anschaulich zu machen.

Die spannende und komplexe Dramaturgie wird begleitet von heiterer Situationskomik, feinem kindlichen Wortwitz (besonders gelungen bei der Sprache der Zwillinge und dem Akzent von Wladimir) und der einfühlsamen Darstellung der geschwisterlichen Beziehungen, die nicht immer harmonisch sind, jedoch auf der Basis grundsätzlicher Solidarität und Fürsorge stehen.

Die zahlreichen Figuren und ihre verborgenen sowie offensichtlichen Beziehungen zueinander erfordern indes ein beträchtliches Maß an Lesekonzentration und Aufmerksamkeit. Angesichts des umfangreichen Personenreigens ist es nützlich, daß sich im Anschluß an die Geschichte ein Personenregister der dreizehn Geschwister mit Kurzsteckbriefen zum Nachschlagen befindet.

Die zarten, textdetailgetreuen warmherzigen Zeichnungen von Linde Faas spiegeln die Charaktere, Szenerien und das emotionale Klima subtil und farbenfroh sowie situationsweise lebhaft-dynamisch oder still-versunken wider.

„Die wilde Meute“ handelt von einer Art Pippi-Langstrumpf-WG, in der die Grenze zwischen ‚Kindern etwas zuzutrauen′ und ‚Kindern etwas zuzumuten′ fließend ist. Es wird ausgelotet, wie weit kindliche Selbstbestimmung und Selbstversorgung funktionieren, und wie wünschenswert – bei aller Liebe zur Freiheit – zuverlässige, liebevolle und ANWESENDE erwachsene Bezugspersonen sind.

Kindererziehung ist gleichwohl immer ein Abenteuer – ob in der Fiktion oder in der Wirklichkeit. Die im vorliegenden Kinderbuch vorgestellten Spielarten der Kinderkompetenz könnten überbehütete Kinder zu mehr Freiraum und Selbständigkeit ermutigen. Doch dies möchte ich nicht als Warnhinweis verstanden wissen, sondern als ausdrückliche Empfehlung.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825179274/die-wilde-meute

 

Die Autorin:

»Ilse Bos, geboren 1966, hat Sprachen und Journalismus studiert. Nach einigen Jahren des Unterrichtens hat sie sich stärker auf das Dasein als Journalistin konzentriert und irgendwann begonnen, Geschichten zu schreiben. Ilse Bos lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Amsterdam. Die wilde Meute ist ihr Debüt.«

Die Illustratorin:

»Linde Faas wurde 1985 in Zeist in den Niederlanden geboren. Nach ihrem Studium an der Kunstakademie in Breda begann sie, sich als Illustratorin einen Namen zu machen. Für den Verlag Urachhaus hat sie u.a. drei Bücher des niederländischen Autors Paul Biegel illustriert – darunter Die Prinzessin mit den roten Haaren, für das sei im Jahr 2015 mit dem begehrten »Penzberger Urmel« ausgezeichnet wurde.«

Hier entlang zu: „Die Prinzessin mit dem roten Haaren“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/11/20/die-prinzessin-mit-den-roten-haaren/

Arche Kinder Kalender 2017

  • Mit 53 Gedichten und Bildern
  • aus der ganzen Welt
  • Herausgegeben und ausgewählt von der
  • Internationalen Jugendbibliothek, München  http://www.ijb.de
  • erschienen im ARCHE KALENDER VERLAG  www.arche-kalender-verlag.com
  • graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • WOCHENKALENDER
  • 60 Blätter
  • 53 vierfarbige Illustrationen
  • Format: 33 x 30,5 cm
  • 18,– €
  • ISBN 978-3-0347-7017-0
  • Für Kinder jeden Alters
    arche-kinder-kalender-2017

AUS  ALLER  HERZEN  LÄNDER

Kalenderbegeisterung von Ulrike Sokul ©

Der Arche Kinder Kalender verknüpft 53 Kindergedichte aus mehr als 30 Ländern zu einem kunterbunten, polyglotten fliegenden Teppich der Poesie. Jedes Gedicht wird jeweils in der Originalsprache und in Begleitung seiner Originalillustration sowie in einer deutschen Textübersetzung dargestellt.

Die Mitarbeiter der Internationalen Jugendbibliothek*, München, schöpfen für die alljährliche, vielsprachige Gedichtauswahl des Arche Kinder Kalenders aus den „grenzenlosen“ Fundus ihrer Kinderlyrik-Sammlung.

Mit diesem Kalender kann man seinem Kinde jede Woche ein illustres Gedicht schmackhaft machen: durch Vorlesen, Anschauen, Drübersprechen und bei besonderem Wohlgefallen sogar durchs Auswendiglernen.

Das Spektrum der Nationalitäten und Kulturen ist ebenso abwechslungsreich wie die lyrischen Stimmungen. Es gibt laute und leise Töne, gereimte und ungereimte Verse, Humor und Wortwitz, Albernheiten und Tiefsinn, Philosophie und Rätsel, Menschliches, Tierisches und Pflanzliches, Alltag und Phantasie, Deutliches und Angedeutetes …

Die stilistische Bandbreite zeigt sich auch bei den originellen Illustrationen. Den bewährten graphischen Feinschliff  und die Formatierung zum Kalenderblatt besorgt der Arche-Verlags-Hausgraphiker Max Bartholl.

Wir lesereisen per Poesiefahrplan von Chile nach China, von Dänemark nach Deutschland, von Grönland nach Griechenland, von Indien nach Italien, von Korea nach Kanada, von den Niederlanden nach Norwegen, von Polen nach Portugal, von Rußland in die Ukraine …  Aus Kindersicht dürfte zudem den teilweise exotischen Schriftzeichen der Originalgedichte eine faszinierende Sehenswürdigkeit innewohnen.

Dank der Übersetzungen und der universellen Bildersprache finden wir eine allen Menschen gemeinsame Kindlichkeit. So mag sich – unter der Flagge der Poesie – Kinderherz mit Kinderherz verbinden.

Im Arche Kinder Kalender 2017 findet sich erstmals ein freigebliebenes Kalenderblatt, das die Kinder selber „bedichten“ und bemalen können. Dieses selbstgestaltete Kalenderblatt kann bis zum 1. Dezember 2017 an die Internationale Jugendbibliothek gesendet werden, welche die fünf schönsten Blätter auswählt und mit einem Arche Kinder Kalender 2018 belohnt.

 

Hier geht es zum Arche Kinder Kalender auf der Verlagswebseite. Dort entblättert er sich auch ein wenig zum Kennenlernen:
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kinder-kalender-2017.html

 

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Querverweis:

Eine weitere lesens- und sehenswerte sowie kinderpraxiserprobte Besprechung zum Arche Kinder Kalender gibt auf Katjas-Webseite:
Lyrisch, bunt und zauberhaft – Der Arche Kinder Kalender

Die Internationale Jugendbibliothek, die ihren Sitz im Schloss Blutenburg in München hat, ist die weltweit größte und renommierteste Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Sie wurde 1949 von der deutsch-jüdischen Emigrantin Jella Lepman gegründet, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, mit Kinderbüchern Brücken zwischen den Völkern und Kulturen zu bauen. Bücher sollten die Fantasie der deutschen Nachkriegskinder anregen und ihnen eine offene Weltsicht vermitteln.
Die Idee des interkulturellen Dialogs und die Liebe zu guter Literatur bestimmen seit mehr als 60 Jahren die Arbeit der Internationalen Jugendbibliothek. Sie ist ein Ort, an dem die Literaturvermittlung einen hohen Stellenwert hat und an dem mit Kindern und Erwachsenen der Diskurs über Bücher, Autoren, Illustratoren und Themen gesucht wird

Weitere Informationen:  http://www.ijb.de
Wer Mitglied im »Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek« wird, der bekommt u.a. im ersten Jahr den Arche Kinder Kalender als Begrüßungsgeschenk. http://www.ijb.de/ueber-uns/freundeskreis.html

PS:
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Arche Verlag außer dem besprochenen Kinder Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert hat:

Arche Geburtstagkalender (immerwährend)
http://arche-kalender-verlag.com/arche-geburtstagskalender.html

Arche Küchen Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kuechen-kalender-2017.html

Arche Literatur Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-literatur-kalender-2017.html

Arche Musik Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-musik-kalender-2017.html

 

 

Lasse findet einen Schatz

  • Bilderbuch
  • Text: Frank Hartmann
  • Illustrationen: Irina Bruder
  • Verlag Urachhaus 2. Auflage Februar 2016   www.urachhaus.com
  • Format: 24,5 cm x 24,5 cm
  • 40 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7668-6
  • ab 4 Jahren
    Lasse findet einen Schatz Titelbild

W O R T W A H L

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Lasse findet einen Schatz“ ist sehr gut geeignet, Kindern (und Erwachsenen ebenso!) den Gestaltungsspielraum der Sprache deutlich zu machen und für die VerantWORTung, die mit der Wortwahl einhergeht, zu sensibilisieren. Außerdem läßt sich das Bilderbuch als kommunikativer Vermittler zur Streitschlichtung zwischen Kindern nutzen.

Lasse sitzt geknickt am Abendbrottisch; selbst der Schokoladeneisnachtisch kann seine betrübte Stimmung nicht aufhellen. Er hat sich mit seinem besten Freund Vincent gestritten und ihn in seiner aufwallenden Wut als Blödmann bezeichnet. Vincent hat sich daraufhin einfach schweigend von ihm abgewandt. Lasse ist sich durchaus bewußt, daß Worte verletzen können, inzwischen schmerzt ihn das Schimpfwort selbst, und er bedauert, daß er es überhaupt ausgesprochen hat.

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Illustration Irina Bruder © Verlag Urachhaus 2016

Nachdenklich schläft er ein und landet im Traum weich in einem großen Netz voller Wörter. Verwundert schaut sich Lasse um und sieht, daß ununterbrochen neue Wörter nachkommen. Ein freundlicher, bebrillter Mann hilft ihm aus dem Netz heraus. Er stellt sich als Hieronymus Wortreich vor und erklärt Lasse, daß er alle Wörter – gesprochene, geschriebene, gelesene, gehörte und ungehörte Wörter sammle.

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Illustration Irina Bruder © Verlag Urachhaus 2016

Auf Lasses Frage, was er denn mit all diesen zahllosen Wörtern mache, antwortet Hieronymus, daß er sie thematisch sortiere, ihrem Klang nachspüre und sie zu neuen Wortschöpfungen, Sätzen, Geschichten und Liedern zusammenfüge. Es gibt auch eine große Kiste mit vereinzelten Buchstaben; diese Überbleibsel sind die vielen, vielen gelöschten Buchstaben, die seit der Nutzung des Computers von den schreibenden Menschen „produziert“ werden. Mit den Einzelbuchstaben repariert Hieronymus beschädigte Wörter und Wortfetzen.

Fasziniert betrachtet Lasse die Regale voller Kisten und Schubfächer für alle möglichen Arten von Wörtern. In der AUSREDEN-Kiste findet er einige nützliche Sätze, die Wörter aus der Kiste mit dem MEDIZINISCHEM WORTSCHATZ sind ihm indes etwas zu lang und zu kompliziert, leichter sind die LACHWORTE und die WIDERWORTE, und eine der größten Kisten enthält die NAMENWORTE, ja, es gibt sogar eine Kiste mit der Bezeichnung OHNE WORTE.

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Illustration Irina Bruder © Verlag Urachhaus 2016

Etwas verschämt sucht Lasse nach den SCHIMPFWORTEN, und als Hieronymus fragt, welches Schimpfwort er denn genau suche, da bringt er ihm eine Kiste mit der Aufschrift: WORTE, DIE WEHTUN. Lasse findet seinen ausgesprochenen „Blödmann“ ganz obenauf liegend, er greift das Wort buchstäblich heraus, und es liegt scharfkantig, hart und schwer in seiner Hand. Lasse fühlt sich nicht wohl damit und will es in die Abfallkiste werfen und loswerden.

Hieronymus macht ihn freundlich, aber bestimmt darauf aufmerksam, daß er auf diesem Wege das einmal Gesagte nicht ungeschehen machen könne, sondern er solle sich aus der Kiste der WIDERGUTMACHWORTE etwas aussuchen, das er seinem Freund zum Ausgleich und zur Versöhnung sagen könne.

Aufmerksam lauscht Lasse solchen Sätzen nach wie „Es tut mir leid!“, „Ich wollte dir nicht wehtun!“ oder „Verzeih mir …“, „Ich hab dich lieb!“ usw., und er wählt nun diejenigen aus, die ihm passend erscheinen.

Dankbar verabschiedet sich Lasse von Hieronymus Wortreich, und als er am nächsten Morgen erwacht, freut er sich schon darauf, Vincent zu besuchen und ihm mit Worten, die sich gut anfühlen, entgegenzukommen.

Worte haben nicht nur eine klare Bedeutung, sie haben eine spürbare Anfühlung. Lasses Erkenntnis „… manche Worte tun weh wie ein Fußtritt. Aber es gibt auch welche, die fühlen sich an wie eine Umarmung!“ dürfte wohl jedem Kind einleuchten.

Die alltägliche und leicht nachzuempfindende Ausgangssituation und die in einfachen, doch gleichwohl einfühlsamen Worten erzählte Traumbelehrung illustrieren buchstäblich die unermeßliche Fülle und Reichhaltigkeit des Wortschatzes. Die kindlich-schlichten Buntstiftzeichnungen bieten der Geschichte ein unaufgeregtes Bühnenbild, und sie geben beiläufig manchen zu entdeckenden Worten synästhetische Gestalt.

Dieses Bilderbuch eröffnet Sprachspielräume, und es wundert mich keineswegs, daß es bereits mehrfach für die Bühne adaptiert wurde.

Die in der Geschichte vorgegebenen Wortkisten können spielerisch um eigene Varianten ergänzt werden, und vielleicht mag das eine oder andere Kind sogar selber eine Schachtel mit persönlichen Lieblingswörtern füllen. Kinder können Worte malen, ihnen Farben geben, sich Worte auf der Zunge zergehen lassen …

Auch direkt beim Vorlesen bieten sich viele situative Anknüpfungspunkte, um Kinder mitreden und mitträumen zu lassen und auf Worterforschungsreise zu gehen.

Hier geht es zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.geistesleben.de/buecher/9783825176686/lasse-findet-einen-schatz

 

Der Autor:

»Frank Hartmann, Jahrgang 1964, studierte Religionspädagogik und arbeitete 9 Jahre als Gemeindediakon in der Nähe von Celle. Von 2002 bis 2009 leitete er einen Kindergarten in Hamburg. Seit 2010 ist er freiberuflicher Autor, schreibt Kinder- und Kurzgeschichten, Lyrik und religionspädagogische Fachliteratur. Außerdem bietet er Seminare für Erzieherinnen im Großraum Hamburg an und arbeitet auf einem Demeter-Gemüsehof. Frank Hartmann hat einen Sohn und lebt in Nienwohld.«
http://www.autor-frankhartmann.de

Die Illustratorin:

»Irina Bruder, 1981 geboren, studierte Kunsttherapie und –pädagogik in Ottersberg. Das Interesse für die Illustration entdeckte sie während des Studiums und traf 2007 Frank Hartmann. Zusammen mit ihm sind bis heute zwei Kinderbücher entstanden. Derzeit lebt sie mit ihren beiden Söhnen in Offenburg und arbeitet als Kunstpädagogin an einer Waldorfschule sowie im therapeutischen Bereich mit Kindern und Jugendlichen.
http://www.irinabruder.de

Querverweis:

Lasse findet einen Schatz“ ergänzt sich thematisch sehr gut mit den sprachsensiblen und wörterkreativen Bilderbüchern:
Die große Wörterfabrik https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/08/die-grose-worterfabrik/
und Der Bär und das Wörterglitzern https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/04/der-baer-und-das-woerterglitzern/

Vom Ende der Einsamkeit

  • von Benedict Wells
  • Roman
  • Diogenes Verlag März 2016      http://www.diogenes.ch
  • in Leinen gebunden
  • Schutzumschlag
  • 368 Seiten
  • 22,– € (D), 22,70 € (A), 30,– sFr.
  • ISBN 978-3-257-06958-7
    Vom Ende der EinsamkeitTitelbild

HERZENSVERHALTUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein sensibler Roman, der auslotet, was uns vom Leben und Lieben trennt und was uns wieder mit dem Leben und Lieben verbinden kann.

Was der Ich-Erzähler in diesem Roman erlebt, erleidet und erliebt, führt vom kindlich-hoffnungsvollen Lebensmut und liebevoller-familiärer Geborgenheit zu schmerzlichem Verlust, Lebensentmutigung und Einsamkeit und schließlich wieder zu erwachsener Lebensermutigung, Liebe und Verbundenheit sowie adäquatem Selbstausdruck.

Jules, ein Mann mittleren Alters, liegt nach einem Motorradunfall im Krankenhaus und erinnert sich aus einer gereiften, gleichwohl auch noch nach Erkenntnis suchenden Perspektive an seine Kindheit, seine Jugend, sein Studium, berufliche Stolperschritte, mißglückte Beziehungen und an die eine sehr erfüllte Liebe seines Lebens. Vor allem aber widmet er sich der Betrachtung seines kindlichen Verlusttraumas und der Wirkungen, die es auf seine Lebensgestaltung und seine Liebesfähigkeit hatte.

Sehr atmosphärisch und empfindsam werden wir in Jules‘ Familie eingeführt: Der Vater kommt aus Frankreich und arbeitet als Wirtschaftsprüfer, sein Herz schlägt jedoch sehr für die Fotografie und für das Familienleben, die Mutter ist Deutsche, Lehrerin und sehr musikalisch. Jules ist das jüngste Kind, sein einzelgängerischer Bruder Marty das mittlere und seine sehr attraktive und ein wenig theatralische Schwester Liz das älteste Kind.

Die Familie lebt in München, und die Sommerferien werden stets im Hause der Oma in Südfrankreich verbracht. Unausgesprochene familiäre Geheimnisse um einen frühverstorbenen Onkel deuten sich zwar an, kommen aber niemals wirklich ans Licht.

Die Kinder wachsen geliebt, behütet und in ihren Talenten bestärkt auf, bis die Eltern bei einem Autounfall sterben. Jules ist zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt, und sein Vertrauen ins Leben und in sich selbst ist zutiefst erschüttert.

Bis zum Abitur besuchen die Geschwister ein staatliches Internat, das ihre Tante für sie ausgesucht hat. Sie entfernen sich trotz der räumlichen Nähe emotional voneinander, jeder entwickelt eine eigene Strategie im Umgang mit dem schmerzlichen Verlust. Zu einer heilsamen Inanspruchnahme therapeutischer Unterstützung kommt es bei Jules und seinem älteren Bruder Marty erst später im Erwachsenenleben.

Jules verbirgt sich scheu und verängstigt in innerer Einsamkeit und äußerlicher, unbeschwerter Umgänglichkeit. Der einzige, tröstliche Lichtblick ist die intensive Freundschaft zu seiner Klassenkameradin Alva. Auch an Alva nagt ein schwerer Schicksalsschmerz, und der Ernst und die Verträumtheit von Jules sprechen sie an.

Alva liebt Bücher und wünscht sich, sie wäre eine Figur in einem Roman, und sie ist bis zum Schulabschluß Jules‘ engste Vertraute, Erstleserin seiner Kurzgeschichten und auch ein wenig Familienersatz. Beide versäumen es jedoch, einander die Fragen zu stellen, die ein tieferes Öffnen des Herzens und Sich-Annäherns ermöglichen könnten, und verlieren sich für lange Zeit aus den Augen und aus dem Herzen.

Jules‘ eigenbrötlerischer Bruder Marty entwickelt sich zum Computernerd und Kontrollfreak und pflegt kleine zwanghafte Ticks. Er studiert Informatik, gründet zusammen mit seinem Zimmernachbarn Toni eine erfolgreiche Internetplattform und wird ziemlich reich.

Jules‘ attraktive Schwester Liz ist die Rebellin, sie kostet das Leben exzessiv aus, nimmt eine Weile Drogen, fängt sich wieder – auch dank der Unterstützung von Marty – und ergreift schließlich sogar einen bürgerlichen Beruf. Sie verschleißt jedoch noch viele Jahre lang bindungslos einen Liebhaber nach dem anderen.

Jules strandet nach einem abgebrochenen Jurastudium und vergeblichen Versuchen als Fotograf mehr zufällig als absichtlich bei einem Berliner-Musiklabel und betreut Musikbands. Er hat nur oberflächliche Beziehungen, die ihn nicht tief berühren.

Marty hat inzwischen die Frau fürs Leben gefunden. Elena ist Psychologin, und ihre ruhige, sanft wegweisende Wesensart ist eine große Hilfe für Marty und Jules. Jules rafft sich auf, wieder Kontakt zu Alva aufzunehmen, und nach der Überwindung diverser langwieriger, herzzerreißender innerer und äußerer Hindernisse, finden sie endlich zueinander.

Sie heiraten und Alva bringt Zwillinge zur Welt, ein Mädchen und einen Jungen. Außerdem ermutigt Alva Jules, wieder mit dem Schreiben anzufangen. Jules ist glücklich mit Alva, er ist erfüllt von der wachsenden Vertrautheit, der tiefen Nähe und vom lebhaften Familienleben. Das Schreiben tut ihm gut und scheint das ihm gemäße Ausdrucksmittel zu sein. Auch die Geschwister, Jules, Marty und Liz, nähern sich nach und nach wieder an, verkehren freundschaftlich, schließlich sogar wirklich herzlich und tatkräftig anteilnehmend miteinander und wachsen zu einer Art von freiwilliger Großfamilie zusammen.

Acht Jahre später erkrankt Alva an Krebs, und Jules muß sich dem erneuten endgültigen Abschied von einem geliebten Menschen stellen, der tiefen Trauer und der Verantwortung für seine beiden Kinder, die erst sieben Jahre alt sind, als sie ihre Mutter verlieren. Es fällt Jules nicht in den Schoß, aber er überwindet den Abgrund der Verletzlichkeit und Angst, er wird erwachsen, kommt wirklich in seinem Leben an, und er ist bereit, trotz der erlittenen Schicksalsschläge seinen Kindern Lebens- und Liebesmut zu vermitteln. Jules hat gelernt, sich gegenüber der Unberechenbarkeit des Lebens konstruktiv zu verhalten und sein Herz nicht mehr zu verschließen.

Benedict Wells hält in diesem Roman eine gute Balance zwischen gefühlvollen und nachdenklichen Elementen. Es gibt anrührende Szenen zwischenmenschlichen Scheiterns und Gelingens, amüsante familieninterne Sprachcodes, sinnlich-atmosphärische Details, kindliche Schuldgefühle, erwachsene Reue, tröstliche Einsichten, lebhafte Assoziationen, einleuchtende Rückblenden, anschauliche Beziehungsportraits, poetische Reflexionen, emotional-treffsichere Psychogramme und eine sehr stimmige Entwicklung und Reifung der Figuren.

Dieser Roman ist wie in einem befreienden, langen, tiefen Atemzug geschrieben, und genauso habe ich ihn gelesen.

Als Leseköder folgen nun zwei meiner Lieblingstextstellen:

„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“
(Seite 9)

„Und dann dachte ich an den Tod und wie ich mir früher oft vorgestellt hatte, er wäre eine unendliche Weite, wie eine Schneelandschaft, über die man flog. Und dort, wo man das Weiße berührte, füllte sich das Nichts mit den Erinnerungen, Gefühlen und Bildern, die man in sich trug, und bekam ein Gesicht. Manchmal war das Entstandene so schön und eigentümlich, dass die Seele hineintauchte, um dort zu verweilen, bis sie schließlich weiterzog, auf ihrem Weg durch das Nichts.“ (Seite 306)

 

Weitere schöne Rezensionen zu diesem Roman finden sich bei LESESCHATZ:
https://leseschatz.wordpress.com/2016/03/07/benedict-wells-vom-ende-der-einsamkeit/
und bei KATHALOG:
https://kathalogisch.wordpress.com/2016/09/02/vom-ende-der-einsamkeit/

 

Der Autor:

»Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Im Alter von sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayerische Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vielbeachtetes Debüt ›Becks letzter Sommer‹ erschien 2008, wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. Sein dritter Roman ›Fast genial‹ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Nach Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen wieder in Berlin.«

PS:
Erwähnenswert erscheint mir noch, Benedict Wells‘ Haltung zu E-Büchern. Er will nicht, daß seine Romane als Dateien erscheinen, weil er Bücher und Buchhandlungen liebt und ihr Überleben verteidigen möchte. Hierin drückt sich eine Haltung aus, die mir sehr sympathisch ist.

Nachfolgend noch ein informatives und sympathisches Interview mit dem Autor:  http://diogenesverlag.tumblr.com/post/139902289010/für-mich-persönlich-das-wichtigste-buch-das-ich

Parallel zum Buch ist auch das Hörbuch erschienen:
Hörbuch gelesen von Robert Stadlober                                                  Vom Ende der Einsamkeit Hörbuch
Diogenes Verlag
6 CDs in Klappdeckelschachtel
7 Std. 35 Min.
25,00 €, 34,00 sFr.
ISBN 978-3-257-80372-3

 

Querverweis:

Dieser Roman ergänzt sich beiläufig auch mit dem feinsinnigen Sachbuch über transgenerationale Übertragungen von Sandra Konrad „Das bleibt in der Familie“.
Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/

Als der Sommer eine Farbe verlor

  • von Maria Regina Heinitz
  • Roman
  • Berlin Verlag  April 2015             http://www.berlinverlag.de
  • 496 Seiten
  • Taschenbuchausgabe
  •  9,99 € (D),  10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8333-1020-1
    Als der Sommer eine Farbe verlor

ZWISCHEN  DEN  ZEILEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Als der Sommer eine Farbe verlor“ erzählt in einer sinnlich-vielschichtigen, lasierenden Sprache von Nähe und Ferne, Lösung und Bindung, Imagination und Wirklichkeit, Schmerz und Heilung, Verlust und Geborgenheit sowie von Familie und Freundschaft, Liebe, Tapferkeit und Hoffnung. Dieser Roman ist berührend, ohne zu belasten, er enthüllt, ohne zu entblößen und er macht ein komplexes Gefühlsspektrum wunderbar sichtbar.

Die dreizehnjährige Bénédicte, kurz Bicky genannt, verbringt mit ihrem kleinen Bruder Marcel einen sommerlichen, heiter-verspielten Ferientag. Die Kinder sind einfach glücklich, alles blüht, zwitschert und lebt, der Jasmin duftet vor blauem Himmel, und ihre geliebte Großmutter, zärtlich Mamique genannt, ist bei ihnen in Hamburg zu Besuch.

Aimée, die Mutter der Kinder, ist eine bekannte Malerin, deren Gemüt sich immer wieder verdunkelt und die sich dann aus dem familiären Leben zurückzieht und in ihr Atelier verkriecht, um ihre emotionale Not auf die Leinwand zu bannten.

Die Kinder sind mit diesen mütterlichen Stimmungen vertraut und nennen sie „Farfadetnoir“ (schwarzer Kobold). Der Vater arbeitet als Mediziner und bittet in den Farfadetnoir-Notfällen Mamique, seine Schwiegermutter, um familiären Beistand.

Übermütig tollen die Kinder mit ihrer rüstigen Großmutter durch den Garten, anschließend bereitet Mamique ihnen ihre köstlichen Blaubeerpfannkuchen zu, und die Kinder futtern sich die Bäuche rund. Bicky wird mit einer Portion Blaubeerpfannkuchen ins Atelier geschickt, damit ihre Mutter auch in den Genuß dieser Lieblingsspeise kommt.

Im Atelier betrachtet Bicky nachdenklich das Bild, an dem ihre Mutter seit Monaten malt, und eine Ahnung schmerzlicher familiärer Verstrickung streift ihr Bewußtsein und weckt Fragen in ihr. Da die Mutter nicht im Atelier ist, vermutet Bicky sie im Badezimmer und steht nach wenigen Schritten in einer Blutlache, die der Selbstmordversuch der Mutter hinterlassen hat. Die Mutter kann gerettet werden und kommt in ein „Sanatorium“. Wie erholen sich die Kinder von einem solchen Schock?

Der Vater beschließt, ein Arbeitsangebot als Leiter einer psychiatrischen Klinik in einer Kleinstadt anzunehmen und Hamburg zu verlassen. Bereits zwei Wochen später zieht die Restfamilie von Hamburg nach Sprede, „eine heile Was-will-man-mehr-Kleinstadt“. Sie wohnen in einer alten Villa in unmittelbarer Nähe zur neuen Arbeitsstelle des Vaters. Den großen, verwilderten Garten, der die Villa umgibt, nennt der Vater eine „Paradies für Kinder“, aber zunächst fühlen sich die entmutterten Kinder alles andere als paradiesisch.

Mamique, die sie nicht begleiten kann, verspricht aber, wieder zu Besuch zu kommen. Eine resolute Haushälterin wird eingestellt, die für äußere Ordnung und geregelte Mahlzeiten sorgt. Einen Fernseher gibt es nicht, aber der Vater installiert in jedes Zimmer unsichtbare Lautsprecher und beschallt die Bewohner mit klassischer Musik („Brahms ordnet die Gedanken!“) und mit den täglichen Radionachrichten. So läßt die Autorin im Verlaufe des Romanhandlungszeitraums immer wieder streiflichternd die Nachrichtenereignisse der Jahre 1976 bis 1978 einfließen.

Fürsorglich bemuttert Bicky ihren kleinen Bruder, und die Geschwister richten sich eine gewisse Geborgenheit miteinander ein; sie freunden sich mit den neuen Räumen an und erkunden nach und nach entdeckungslustig die Umgebung. Die Mutter schreibt ihren Kindern regelmäßig Briefe (in Schriftform für Bicky und in Bildform für Marcel, der noch nicht lesen kann).

Bicky leidet nicht nur an dem Verlust der mütterlichen Zuwendung, sondern auch daran, daß die Erwachsenen ihr Zusammenhänge verschweigen. Sie tun dies zwar, um sie zu schonen, aber die Unstimmigkeiten und Unklarheiten bezüglich des Aufenthaltsortes der Mutter und der Hintergründe der mütterlichen Depression führen zu phantasievollen Vermutungen und kindlichen Fehlschlüssen, die ihr eigenes psychologisches Belastungspotential haben.

Zweimal wöchentlich geht Bicky auf Anordnung ihres Vaters zu einer Kinderpsychologin, um ihr Trauma zu verarbeiten. Doch sie hat längst eigene Wege gefunden, sich zu ermutigen und den Herausforderungen des Lebens konstruktiv und kreativ zu begegnen, beispielsweise ihre Methode der Eintagsfliegentage, die es ihr ermöglicht, Neues und Unerwartetes zu tun, weil es für die Verwirklichung mancher Dinge exakt nur diesen einen Moment gebe und sonst keinen. Diese Jetzt-oder-nie-Haltung hilft ihr über so manche Alltags- und Angsthürde hinweg.

Dank ihrer Feinfühligkeit erkennt sie die emotionalen Gegebenheiten, Charakterstärken und -Schwächen anderer Menschen sehr genau und beschreibt diese auf eine einleuchtend anschauliche, musisch-malerische Weise.

Und dann lernt sie Susi Engel kennen. Dieses hochbegabte, eigenwillige Mädchen wird ihre beste Freundin, mit der sie wirklich alles besprechen kann. Die beiden Einzelgängerinnen sind wie füreinander geschaffen, und gemeinsam forschen sie den abgründigen und romantischen Geheimnissen ihres Umfeldes nach.

Zwischen Bickys Spurensuche und ihren phantasievollen Versuchen, Ordnung in ihr aufgewühltes Gefühlsleben zu bringen, liegt ein weiteres Geheimnis, das erst ganz zum Schluß offensichtlich wird und den Leser erhellend überrascht. Tatsächlich sind die Hinweise auf diese verborgene Erlebnisebene wohldosiert und unauffällig über den Verlauf der ganzen Geschichte verstreut und werden uns Lesern erst im Rückblick so recht DEUTLICH.

Bicky lernt gewissermaßen SEHEN, sie reift und wächst, begeistert sich fürs Theater und sie verliebt sich in den Jungen Misha, der dort als Statist arbeitet. Misha kennt sich aus mit Verlust und Trauer; er hat bereits beide Eltern verloren und lebt bei seiner Tante. Die Liebesannäherung von Bicky und Misha ist von anrührender Zärtlichkeit und ein ganz großes Glück für Bickys Herzensheilung und Wahrheitsfindung.

Mit Mishas Hilfe tritt Bicky aus dem Schatten der mütterlichen Verstrickung und der verschwiegenen Vergangenheit heraus und betritt endlich ihre Gegenwart und ihren eigenen hoffnungsvollen Weg.

Dieser außergewöhnliche Roman ist von einer schwebenden Leichtigkeit, die man dem ernsten Thema kaum zugetraut hätte. Das Gleichgewicht von Ernst und Heiterkeit, Kinderspiel und Kindertragik, Verletzlichkeit und Tapferkeit, die geschickte Figurenchoreographie, die einfühlsamen Dialoge, der lebendige Spannungsbogen, die stimmungsvollen Szenerien und die sinnlich-musische Perspektive „malen“ eine sehr lesens- und sehenswerte Geschichte.

Zum Ausklang nun ein Zitat, das die poetische Bildhaftigkeit illustrieren mag:  

»Meine Träume in dieser Nacht waren verschachtelter als die, durch die ich mich sonst hindurchträumen musste. Sie waren wie unzählige Meeresoberflächen, durch die man auftaucht und meint, Luft holen zu können, das Ende erreicht zu haben, endlich Sauerstoff zu atmen. Traumende, und dann geht es doch weiter, immer weiter, ohne an den Eingang der Wirklichkeit zu gelangen, aber immer knapp davor.« (Seite 143)

 

Die Autorin:

»Maria Regina Heinitz, geboren 1968 in Isny (Allgäu), studierte Deutsche Sprache, Literatur und Französisch, arbeitete als Artbuyerin und Fotoproduzentin und erhielt 2009 den Literaturförderpreis der Kulturbehörde der Hansestadt Hamburg. Sie lebt in Hamburg.«
http://www.mariareginaheinitz.de/

QUERVERWEIS:

Eine feine Ergänzung zu diesem Roman ist das Sachbuch „Das bleibt in der Familie“ von Sandra Konrad, in dem die Risiken und Chancen transgenerationaler Übertragung einleuchtend dargestellt werden. Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/