Schnick Schnack Schabernack

  • Das Hausbuch der Reime und Lieder für die Allerkleinsten
  • Herausgegeben von Renate Raecke und Monika Blume
  • Illustrationen von Gerda Raidt
  • Gerstenberg Verlag, 6. Auflage Juli 2021 www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Halbleinen
  • Format: 22 x 27 cm
  • 144 Seiten
  • durchgehend farbig
  • 25,00 € (D), 25,70 € (A), 32,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5198-2

Schnick Schnack Schabernack Titelbild 9783836951982

WÖRTERKLANG  &  SPRACHGEFÜHL

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Vor dem Sprechenlernen kommt das Lauschen! Damit schon die Kleinsten nicht nur Koseworte und Geplauder zu hören bekommen, sondern darüber hinaus mit melo- dischem Sprachklang angesprochen und angesungen werden können, stellt das vorliegende Buch eine vielsaitige Auswahl amüsanter und poetischer Texte zur Verfügung.

Wir finden hier Versspiele, Abzählreime, Kinderlieder (mit Noten), Fingerspiele, Festtags-reime, Kniereiter, Zahlen- und Buchstabenreime, Nonsensgedichte, Erzählgedichte und Zaubersprüche. Die Sammlung enthält überlieferte und moderne Texte sowie Anleitungen zur begleitenden gestisch-körperlichen Handhabung beim Aufsagen von Fingerspielversen und Kniereitern.

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Illustration von Gerda Raidt © Gerstenberg Verlag 2021

Die luftig-heiteren Illustrationen von Gerda Raidt setzen die in den Texten angesproch-enen Situationen und Themen mit einem Hauch von Nostalgie schön in Szene. Ein alphabetisches Verzeichnis der Autoren, Gedichte und Lieder sowie dazugehörige Quellenangaben erleichtern das Wiederfinden persönlicher Textlieblinge.
  
Mit einem solchen Hausbuch der Reime und Lieder läßt sich spielerisch und vergnüglich kindliche Sprachfreude, Sprachkompetenz und Ausdrucksvielfalt fördern. Dank der Verbindung von Wort, Berührung und Bewegung, wie sie bei vielen Fingerspielen und Kniereitern üblich ist, werden alle kindlichen Sinne angesprochen. Diese umfassende kommunikative Zuwendung zum Kind prägt sich besonders nachhaltig ein und bereichert nebst der familiären Bindung vor allem Wortschatz und Ausdrucksvielfalt – und einen Beitrag zur musikalischen Früherziehung leistet sie noch dazu.

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Illustration von Gerda Raidt © Gerstenberg Verlag 2021

 „Schnick Schnack Schabernack“ ist ein gutes Geschenk für werdende Eltern, zur Geburt, zur Taufe sowie zum ersten oder zweiten Kindergeburtstag. Dieses Hausbuch ist eine Wortschätzespeisekammer für die ganze Familie, mit kunterbunter Geschmacksvielfalt und abwechslungsreichen Themenkreisen, die sich mindestens bis zur Einschulung als melodisches, poetisches und sprachspielerisches Vademecum eignet.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.gerstenberg-verlag.de/Kinderbuch/Hausbuch/Schnick-Schnack-Schabernack.html?noloc=1

Die Herausgeberinnen:

»Renate Raecke, geboren 1943, studierte Literatur- und Kunstgeschichte und arbeitete als Buchhändlerin und in verschiedenen Verlagen, bevor sie als freie Lektorin und Herausgeberin tätig wurde. Sie lebt in Pinneberg.
Monika Blume, geboren 1951, hat Erziehungswissenschaften und Soziologie studiert. Heute lebt sie mit Familie in München und arbeite nach Stationen in Verlag und Buchhandel als Autorin und Lektorin, aber auch als Pädagogin für Institutionen und Projekte.«

Die Illustratorin:

»Gerda Raidt, geboren 1975, lebt mit ihrer Familie in Leipzig. Sie studierte freie Grafik in Halle und Leipzig, darauf folgte ein Meisterschülerstudium in Leipzig. Seit 2004 arbeitet sie als freie Illustratorin.«

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Zwischenzeit

  • von Natalie Berghahn
  • Roman
  • WESTKREUZ Verlag 2016, www.westkreuz-verlag.de
  • Broschur
  • 224 Seiten
  • 19,90 €
  • ISBN 978—3-944836-29-4

Zwischenzeit
NACHBARSCHAFTEN  UND WAHLVERWANDTSCHAFTEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieser Roman setzt sich aus einem spannenden Figuren- und Perspektivenmosaik zusammen, dessen Zentrum die eigenbrötlerische Johanne und ihr Refugium bilden. Da Johanne zu Beginn des Romans sehnsüchtig auf die alljährliche Wiederkehr der Mauer-segler wartet, deren luftige Anmut sie bewundert, wage ich zunächst eine Vogelperspek-tive auf die Romanszenerie.

Aus dieser erhöhten Sicht zeigt sich eine alte Siedlung am Stadtrand. Das Haus von Johanne und das ihrer unmittelbaren Nachbarin Eva verfügen noch über die ursprüng-lichen großen Gärten, während die anderen Grundstücke inzwischen durch einige neue Häuser bauverdichtet und entsprechend kleingartig ausfallen.

Eva hat Alzheimer und unzählige Katzen. Kontaktfreudig bietet sie jedem Passanten eine Hausbesichtigung an. So spricht sie auch Juan an, einen illegalen Einwanderer aus Ecuador, der nach einem Streit mit seiner deutschen Freundin auf der Suche nach einem vorübergehenden Schlafplatz ist. Er nimmt die Einladung ins Haus an, ist aber nicht angetan vom desolaten Zustand des Haushalts, und als Evas mobiler Pflegedienst eintrifft, versteckt er sich flugs im Garten. Dort entdeckt er ein Gartenhäuschen, das seinen Bedürfnissen genügt, und richtet sich dort ein.

Etwas entfernter, aber doch in fußläufiger Nachbarschaft lebt Petra recht gutbürgerlich mit ihrem Mann. Petra hat nach schmerzlich unerfüllt gebliebenem Kinderwunsch ein Pflegekind aufgenommen. Die achtjährige Brinda wurde aus der Obhut ihrer psycho-tischen Mutter genommen, doch der Schatten der mütterlichen Wahnvorstellungen und Ängste „vor der Strafe der Engel“, deren obskure Vorschriften man befolgen müsse, wirkt  nach und erschwert Petra den Herzenszugang zu Brinda. Vielleicht ist es aber auch Petras eigene Liebesbedürftigkeit, die dem traumatisierten Kind nicht angemessen gerecht werden kann.

Nun nähern wir uns Johanne: Johanne spricht fünf Fremdsprachen und kennt die latei-nischen Namen von Pflanzen und Tieren, aber sie hat große Probleme, mit Menschen zu sprechen. Selbst einfache zwischenmenschliche Begegnungen bedeuten für sie Angst und Unsicherheit. Ihre seltsam verzögerte kommunikative Reaktionszeit führt zu pein- lichen Mißverständnissen, die dann wiederum den Streß erhöhen. Deshalb meidet sie Menschen weitmöglichst, verhält sich meist mürrisch abweisend und einsilbig, wenn sie angesprochen wird, und möchte vom – wie sie es nennt – „Sprech“ am liebsten verschont bleiben.

Dabei ist Johanne durchaus selbstreflektiert und bedenkt ihr Anderssein und ihre kommunikative Phasenverschiebung recht selbstironisch mit folgenden Worten:  „Ein Strickfehler in Johannes Kopf, eine Laufmasche im Hirngespinst sozusagen, eine von vielen.“ (Seite 53)

Am besten versteht sie sich mit Tieren und Pflanzen. Sie lebt sehr zurückgezogen, in einem alten Haus, das sie von ihrer Großmutter geerbt hat, kultiviert selbstversor- gerisch ihren großen Garten, hält eine kleine Schar Hühner und pflegt einen drei- pfotigen Igel, den sie als Unfallopfer auf der Straße gefunden hat. Das wenige Geld, das sie braucht, verdient sie sich mit der polyglotten Übersetzung diverser Spielanleitungen.

Gelegentlich zieht sie nachts los und macht mit Hilfe eines sehr scharfen Jagdmessers – die Klinge besteht aus zweiundreißiglagigem Damaszenerstahl – die Straßen igelsicher und die Autoreifen platt.  

Deshalb ist sie, neben ihren üblichen Ängsten – „schimmelige Haustierangst und grelle Planetenangst“ -, auch entsprechend erschrocken, als zwei Polizisten bei ihr anklopfen. Doch sie erkundigen sich bloß, ob Johanne zufällig ein Kind aus der Nachbarschaft ge- sehen habe. Dieses Kind sei seinen Pflegeeltern weggelaufen und man vermute, daß es sich irgendwo in der Nähe versteckt habe. Davon hat Johanne – bis auf die Suchplakate – nichts mitbekommen, und nachdem die kriminalistische Begutachtung von Johannes Gartenschuppen auch nichts ergeben hat, verabschieden sich die Polizisten wieder.

Johanne hat aber durchaus gemerkt, daß sich in ihrem Schuppen nicht alles am rechten Platz befindet und schaut später noch einmal nach, wobei die das vermißte Mädchen entdeckt. Nach dem ersten Schreck lädt Johanne das Kind einfach zum Mittagessen ein. Erstaunlicherweise funktioniert die Kommunikation in diesem Fall ziemlich reibungslos. Johanne empfindet Brinda nicht als Störenfried, und Brinda weiß die unaufdringliche Fürsorge Johannes zu schätzen.

Juan, der vom Fenster „seines“ Gartenhäuschens schon gelegentlich neugierige Blicke auf Johanne geworfen hat, möchte den Versuch wagen, die spröde Schöne zu verführen. Er pflückt einen Blumenstrauß und klopft an Johannes Tür. Sie ist keineswegs empfäng- lich für seinen Charme, aber sie bietet ihm immerhin einen Brennesseltee an. Langsam wird es voll in Johannes Einsiedlerleben.

Später bringt dann noch ein sympathischer, einarmiger Tierschützer mit dem Internet-spitznamen „Mauersegler“ einige aus einem Tiertransporter befreite Hühner vorbei. Denn Johanne hatte sich zuvor angeboten, diese armen Hühner aufzupäppeln.

Die Situation wird immer komplizierter und verwickelter, indes – so viel darf ich verraten –  löst sich alles passabel auf. Brinda und Petra kommen auf dem Umweg über Johanne zu einer ersten echten Annäherung und Vertrauensbasis, und schließlich wird sogar Brindas Geburtstag in Johannes Garten gefeiert, und es scheint, als keime langsam auch für Johanne ein erfreulicher Zuwachs an möglicher zwischenmenschlicher Nähe und Verbundenheit.

Bei diesem Roman ist die einfühlsame, sehr stimmige Figurenzeichnung besonders her- vorzuheben und zu loben. Dieses lebhafte Panoptikum außergewöhnlicher Charaktere, die ebenso in biografischen Rückblenden wie aktuellen Verhaltensmustern dargestellt werden, transportiert vielfältige Sichtweisen auf das Leben, stellt so manche Selbstver- ständlichkeit in Frage und weitet den Horizont für jene Menschen, deren Daseinsvor-aussetzungen beängstigend, schwierig und verletzlich oder schlicht etwas schräg und seltsam sind.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.westkreuz-verlag.de/de/zwischenzeit

 

Die Autorin:

»Natalie Berghahn, geboren 1966, ist gelernte Kinderkrankenschwester und lebt mit ihrem Sohn und zwei Pflegekindern am Rand von Hamburg. Sie hat ein Faible für Tiere, Gärten und ungewöhnliche Geschichten.«
Hier entlang zu weiteren Informationen rund ums Buch auf Natalie Berghahns Blog: „FUNDEVOGELNEST- GEFUNDENES UND ERFUNDENES“ https://fundevogelnest.wordpress.com/about/

Querverweis:

Johannes kommunikative Blockade hat mich stark an das noch wenig bekannte Phänomen des selektiven Mutismus erinnert. Daher bietet sich ergänzend „Das Mundschloß“ von Simone Dräger an. Dieses Buch ist ein autobiografischer Bericht über das Leben mit selektivem Mutismus, einer Krankheit aus dem Autismusspektrum, die es den Betroffenen sehr schwer macht, in kommunikativen Kontakt zu kommen.
„Wie soll ein Mensch sich weitersagen, wenn die Anwesenheit unvertrauter Menschen oder das Betreten ungewohnter Räume so viel Angst auslösen, daß sich das wahre Selbst ver- schließt, der sprachliche Ausdruck blockiert und der Körper beinahe erstarrt ist, während das Denken krampfhaft darum kreist, irgendwie doch noch passende Worte und soziale Gesten hervorzubringen, ja, schließlich sogar das Denken verschwimmt und nur noch das Überleben eine Rolle spielt? Das ist mehr als „normale“ Schüchternheit, das ist selektiver Mutismus.“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/09/das-mundschloss/

 

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Dann gehe ich jetzt, sagte die Zeit

  • Text von Bettina Obrecht
  • Bilder von Julie Völk
  • TULIPAN Verlag, Februar 2020 http://www.tulipan-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 40 Seiten
  • Format: 21 x 28 cm
  • durchgehend vierfarbig
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86429-461-7
  • Bilderbuch ab 5 Jahren

Z E I T  F Ü R  D I E  Z E I T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Lara kann die Zeit wahrnehmen und wertschätzen, ja, Lara und die Zeit sind sogar mit-einander befreundet. Ein Sonntag bei Laras Familie: Die Familienmitglieder vertreiben sich die Zeit: Der Großvater löst Zahlenrätsel, die Eltern schauen sich ein Tennisspiel im Fernsehen an, Laras ältere Geschwister langweilen sich und spielen an ihren Handys herum. Damit wollen sie alle die Zeit totschlagen. Kein Wunder, daß die Zeit daraufhin das Haus verläßt und sich eine bessere Bleibe sucht.

Lara macht sich auf die Suche nach der Zeit und trifft auf Menschen, die einfach keine Zeit haben oder behaupten, Zeit sei Geld. Insbesondere letzteres kann Lara nicht glauben, denn für sie duftet die Zeit nach Blumen. Im Park findet sie die Zeit, die gemüt- lich auf einer Parkbank sitzt und sich über Laras Gesellschaft freut. Doch auch im beschaulichen Park rasen Radfahrer um die Wette und Läufer messen ihre Laufge-schwindigkeit.

Die Zeit macht sich wieder auf den Weg und bietet Lara einen Wettlauf an. Lara läuft los und ist zunächst schneller als die Zeit, aber sie wird nach und nach müde, läuft immer langsamer, und die Zeit überholt sie schließlich lächelnd und entschuldigt sich für das unfaire Spiel. Denn einen Wettlauf gegen die Zeit kann niemand gewinnen.

Zum Ausgleich trägt die Zeit Lara ein Stück des Weges und dann lassen sie sich am Flußufer nieder. Sie sitzen zusammen auf einem glatten Stein. Die Zeit wirft Stöckchen ins Wasser und merkt an, daß sie wie der Fluß sei: „Er ist wie ich. Immer geht er weg und immer ist er da.“ Einvernehmlich schweigen die beiden daraufhin miteinander, sind einfach da, einfach lebendig und anwesend.

Illustration von Julie Völk © TULIPAN Verlag 2020

Bettina Obrecht fügt für diese Geschichte leichte Worte zu leisen Sätzen und ruhigen Dialogen, die geläufige Redewendungen über die Zeit bedenkenswert in Frage stellen. In Verbindung mit den feinfühligen und bleistiftzärtlichen Illustrationen Julie Völks bietet sich hier eine poetische Bilderbuchmeditation über achtsame Gegenwärtigkeit und lebensbereichernde Präsenz, die nicht nur Kindern Entschleunigungsimpulse vermitteln dürfte, sondern durchaus auch Erwachsenen.

Julie Völk gibt der Zeit eine federleichte, transparente Gestalt, die nicht wirklich greifbar erscheint. Diese Gestalt erinnert an einen übergroßen Pusteblumensamen, hat gleich- wohl ein Gesicht, angedeutete Arme und Hände sowie Beine und Füße und trägt rote Schuhe. Dies ist eine stimmige und kindgemäße Darstellung des flüchtig-vorbeiwehen- den Wesens der Zeit.

Fraglich bleibt indes, ob die prinzipiell lobenswerte pädagogisch-philosophische Absicht der Autorin die Abstraktionsfähigkeit eines fünfjährigen Kindes nicht überfordert, sondern vielmehr den Rahmen der entwicklungspsychologischen Möglichkeiten sprengt.

Lassen Sie sich jedoch einfach Zeit, und entdecken Sie mit ihrem Kind das Leben im Jetzt!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://tulipan-verlag.de/dann-gehe-ich-jetzt-sagte-die-zeit/

 

Die Autorin:

»Bettina Obrecht, geb. 1964, hat über fünfzig Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Sie schreibt auch Texte für den Rundfunk und Geschichten für Erwachsene und übersetzt Bücher. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Hessen.« http://www.bettinaobrecht.de/

Die Illustratorin:

»Julie Völk hat in Hamburg Illustration studiert und einen ganz eigenen, sehr feinen und sensiblen Stil entwickelt. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis. Sie lebt und arbeitet nahe Wien.« http://julievoelk.de/

Querverweis:

Hier entlang zu Julie Völks eigenen Bilderbüchern:

 „Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/04/guten-morgen-kleine-strassenbahn/
„Stille Nacht, fröhliche Nacht“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/18/stille-nacht-froehliche-nacht/
Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/10/28/wenn-ich-in-die-schule-geh-siehst-du-was-was-ich-nicht-seh/

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Ein Weihnachtstraum (Friedrich Hechelmann)

  • gemalt von Friedrich Hechelmann
  • auf Textbasis des Märchens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“
  • von Hans Christian Andersen
  • nacherzählt von Elisabeth Borchers und
  • bearbeitet von Johannes Thiele
  • Thiele Verlag, Oktober 2014 www.thiele-verlag.com
  • Format: 30,0 x 23,0 cm
  • 48 Seiten
  • gebunden
  • mit Fadenheftung und Goldprägung
  • durchgehend vierfarbig gedruckt
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-85179-146-4
  • Bilderbuch für Erwachsene und große Kinder ab 10 Jahren

T R A U M W A N D E L N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das bekannte Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen wird hier in der Nacherzählung von Elisabeth Borchers und in der Bearbeitung von Johannes Thiele etwas anders als gewohnt erzählt.

Zunächst spielt die Haupthandlung nicht wie bei Andersen am Silvester- abend, sondern am Weihnachtsabend, und das kleine Mädchen namens Marie befindet sich in der Stadt auf der Suche nach einem Arzt für die Großmutter, die an diesem Tage nicht aufwachen wollte, und nicht auf der vergeblichen Suche nach Käufern für seine Zündhölzchen. Da Marie den Arzt, der gerade mit der Kutsche abfährt, verpaßt und auch keine Zuflucht in der Kirche findet, hockt sie sich in einen Winkel der Kirchenmauer und entzündet nach und nach die Streichhölzer aus ihrer Schürzentasche, die ihr verschiedene Visionen eröffnen.

Illustration von Friedrich Hechelmann © Thiele Verlag 2014 „Ein Weihnachtstraum“

So erscheinen liebliche Frühlingsszenen und Rückblicke auf Augenblicke der Geborgenheit, die sie mit der Großmutter erlebte, und sie erkennt auch, daß die Großmutter inzwischen gestorben und auf dem Weg in den Himmel ist. Die Großmutter winkt freundlich und vertraut, und Marie will der Großmutter folgen. Schließlich hört Marie eine feine Musik und sieht ein Licht, das nicht wie ihre Streichholzflämmchen wieder und wieder erlischt, und da nimmt sie die Großmutter zärtlich bei der Hand, und beide steigen auf einer Treppe aus Licht in den Himmel. Zurück im Schnee bleibt nur Maries Puppe, die vielleicht von einem anderen Kind gefunden und aufgenommen werden wird.

Illustration von Friedrich Hechelmann © Thiele Verlag 2014 „Ein Weihnachtstraum“

Dieses Bilderbuch lebt ganz eindeutig von den faszinierenden, geheimnis- voll-vielschichtigen, buchstäblich phantastischen, romantisch-anheimeln- den Illustrationen, die dem geneigten Betrachter Einblick in eine märchenhaft-mystische Daseinsdimension gewähren.

Besonders hervorzuheben sind die bewundernswerten Lichteffekte von Friedrich Hechelmanns Zeichenkunst. So finden wir in diesen Bildern großartige Jahreszeitenstimmungen, eine beeindruckende Naturkulisse und eine spannende Kombination aus Präzision und absichtlicher Verschwom- menheit. Diese Bilder inszenieren gekonnt die changierende Vermischung von Zeitebenen, von Sehnsucht und Erinnerung, Diesseits und Jenseits, kindlicher Einsamkeit und Verlassenheit und Wunderhoffnung.

Illustration von Friedrich Hechelmann © Thiele Verlag 2014 „Ein Weihnachtstraum“

Für kleine Kinder würde ich dieses Bilderbuch eher nicht empfehlen, außer mit einer angemessenen familiären und erklärenden Begleitung. Empfehlenswert erscheint mir das Bilderbuch indes für große Kinder ab 10 Jahren und für Erwachsene mit malerisch-musisch-mystischer Neigung.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.thiele-verlag.com/buch/ein-weihnachtstraum

 

Der Illustrator:

»Friedrich Hechelmann (1948 in Isny im Allgäu geboren) studierte an der Akademie der Bildenden Künste Wien und war Meisterschüler bei Rudolf Hausner. 1972 illustrierte er sein erstes – und noch immer lieferbares – Märchenbuch Zwerg Nase. Zahlreiche preisge-krönte Buchillustrationen folgten, außerdem Ausstellungen, Bühnenbilder, Filme und Pub-likationen im In- und Ausland: Neben Illustrationen zu romantischen Märchen zählen die Bildbände zu Shakespeares Sommernachtstraum und Ovids Orpheus und Eurydike zu seinen größten Erfolgen. Der Künstler lebt und arbeitet im Allgäu. Mit der ständigen Ausstellung seiner Werke in der Kunsthalle im Schloss Isny https://kunsthalle-schloss-isny.de/ hat er seinem großen, begeisterten Anhängerkreis ein lebendiges künstlerisches Forum geschaffen. Zuletzt unter anderem veröffentlicht: Das große Buch der Feen und Elfen (2004), Decamerone (2004), Die Bibel (2006), Momo (2009) und Die Rückkehr der Engel (2010) und Geisterritter (Illustration des Buches von Cornelia Funke).« Besuchen Sie Friedrich Hechelmann auf seiner Webseite: www.hechelmann.de

Querverweis:

Hier entlang zu einer von Friedrich Hechelmann illustrierten Märchensammlung „Das Buch der Märchen“, die ein vielseitiges Märchenpotpourri enthält: Zwölf Märchen der Gebrüder Grimm, drei Märchen von Wilhelm Hauff, sechs von Ludwig Bechstein und von Eduard Mörike „Die Historie von der schönen Lau“.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/01/28/das-buch-der-maerchen/

Hier entlang zu Friedrich Hechelmanns Buch „Manolito“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/09/11/manolito/
Mit seinem Roman-Debüt „Manolito“ erzählt Friedrich Hechelmann in Wort und Bild ein modernes Märchen über die Bedrohung der Natur und des Lebens durch menschliche Herzenskälte und Profitgier und über eine mögliche Bewußtseinswende durch heilsame, naturgeistige Lebenskräfte. „Manolito“ ist ein leseleichter, gleichwohl substanzieller und inspirierender Märchen-Roman für kleine und große Menschen, denen die Natur am Herzen liegt.

 

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Der Kinder Kalender 2021

  • Mit 52 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
  • Wochenkalender
  • Herausgegeben von der
  • Internationalen Jugendbibliothek München www.ijb.de
  • Mehrsprachig
  • Erschienen im
  • Verlag edition momente, Juni 2020  www.edition-momente.com
  • Graphische Gestaltung: Max Bartholl
  • 60 Blätter
  • 52 vierfarbige Illustrationen
  • Format: 30,5 x 33 cm
  • Spiralbindung
  • 20,00 € (D/A), 30,50 sFr.
  • ISBN 978-3-0360-5021-8
  • Für Kinder jeden Alters

POESIETAPETE  FÜRS  KINDERZIMMER

Kalenderbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Wieder und wieder komponiert „Der Kinder Kalender“ aus dem Verlag edition momente einen ebenso anregenden wie harmonischen Zusammenklang von Wort und Bild, Gefühl und Verstand, Kind und Welt.

„Der Kinder Kalender 2021“ bietet eine angenehm spielerische Gelegenheit, jede Woche gemeinsam mit Ihrem Kind oder Ihren Kindern ein Gedicht „einzunehmen“. Die Auswahl der Gedichte für diesen Kalender wird von den Mitarbeitern der Internationalen Jugendbibliothek* München alljährlich aus dem reichen Fundus der gesammelten Kinderbücher aus aller Kinder Länder vorgenommen.

Vor dem illustratorischen Originalhintergrund findet sich das Poem in der Originalsprache und –Schrift sowie in einer einfühlsam-professionellen deutschen Übersetzung. So ergänzt sich der unmittelbare Augenschmaus von Illustration und teilweise exotischem Schriftbild mit dem vorgelesenen Ohrenschmaus des Gedichtes.

Vielsaitige Stimmen und Stimmungen kommen hier zu Wort: ein unver- besserliches Kind, drahtige Prinzessinnen, gesprächige Semikolons, ein klagendes O, Meere, Muscheln und Melonen, Fische und Fruchtfliegen, Giraffen und Glühwürmchen, Katzen und Mäuse, Freundschaft, Dank- barkeit, Schmetterlinge, Eisbären, Hydranten, ein Würstchenreigen, Teddybären, Gedanken, Gefühle und Träume, ein Loblied des Buchs, ein magisches Hexenlied, das Geräusch von Seifenblasen, der Trost des Mondlichts, Wind und Wetter und Geblätter …

Die Gedichte sind oft heiter und manchmal ernst, sie sind schläfrig und putzmunter, verträumt und achtsam, städtisch und ländlich, geheimnisvoll und offensichtlich, albern und tiefsinnig, leicht und schwer, selbstironisch, frech, freiheitsliebend – kurz gesagt: Die Kinderlyriktöne, die hier ange- schlagen werden, changieren abwechslungsreich zwischen feinsinniger Poesie und einfacher Belustigung und zeigen dabei eine erfreuliche Welten-weite. An solch einem reichhaltigen und noch dazu internationalen Gedicht- bufett wird wohl jeder Geschmack satt.
Auch die Illustrationen warten mit unterschiedlichen Gestaltungsmitteln und einer großen Bandbreite künstlerischer Stile und Darstellungsformen auf; es wird kunterbunt und monochrom gemalt, gezeichnet, collagiert und kombiniert. Dabei ist die Korrespondenz zwischen Gedicht und Bild stets gelungen, wozu auch die farbliche, grafische und typografische Gestaltung des Kalenderblatt-Layouts durch Max Bartholl, den Hausgrafiker des Verlags edition momente, nicht unwesentlich beiträgt.

Als animierende Zugabe gibt es zudem ein freigebliebenes Kalenderblatt, das die Kinder selber „bedichten“ und bemalen können. Dieses selbstge- staltete Kalenderblatt kann bis zum 1. Dezember 2021 an die Internationale Jugendbibliothek* gesandt werden, welche die fünf schönsten Blätter auswählt und mit einem Kinder Kalender 2022 honoriert.

„Der Kinder Kalender 2021“ wirkt dem Mangel an Poesie im kindlichen Alltag wirksam entgegen. Ein zwangsloses Gedicht pro Woche, das zum Schmunzeln bringt oder zum Nachspüren und Mitdenken anregt, leistet einen nachhaltigen Beitrag zur Förderung der kindlichen Sprachkompetenz und wortwörtlichen Ausdrucksvielfalt und weckt beiläufig auch die kindliche Neugier auf andere Sprachen.

Und auch für den Erwachsenen, dem bei Vorschul- und Leseanfänger- kindern hier die Rolle des Vorlesers zukommt, dürfte es ein bereicherndes Vergnügen sein, wenn ihm gemeinsam mit dem Kind allwöchentlich ein Gedicht zu Ohren kommt und vielleicht sogar zu Herzen geht.

Gerne weise ich darauf hin, daß sich die „abgelaufenen“ Kalenderblätter, die man nicht selber sammeln oder einrahmen möchte, hervorragend als Bastel-, Brief-, Collagen- oder Geschenkpapier eignen und auf diesem Wege auch noch sinnvoll „weitergesagt“ werden können.

 

Hier entlang zum Kinder Kalender 2021 und zur Blätterprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.edition-momente.com/kalender/kinder-kalender-2021.html

 

* »Die Internationale Jugendbibliothek, die ihren Sitz im Schloss Blutenburg in München hat, ist die weltweit größte und renommierteste Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Sie wurde 1949 von der deutsch-jüdischen Emigrantin Jella Lepman gegründet, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, mit Kinderbüchern Brücken zwischen den Völkern und Kulturen zu bauen. Bücher sollten die Fantasie der deutschen Nachkriegskinder anregen und ihnen eine offene Weltsicht vermitteln.
Die Idee des interkulturellen Dialogs und die Liebe zu guter Literatur bestimmen seit mehr als 60 Jahren die Arbeit der Internationalen Jugendbibliothek. Sie ist ein Ort, an dem die Literaturver- mittlung einen hohen Stellenwert hat und an dem mit Kindern und Erwachsenen der Diskurs über Bücher, Autoren, Illustratoren und Themen gesucht wird
.«  Weitere Informationen:  http://www.ijb.de

Wer Mitglied im »Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek« wird, der bekommt u.a. im ersten Jahr den Kinder Kalender als Begrüßungsgeschenk. http://www.ijb.de/ueber-uns/freundeskreis.html

 

Es sei auch darauf hingewiesen, daß der Verlag edition momente außer dem hier besprochenen Kinder Kalender noch vier weitere bemerkenswerte Kalender publiziert:

Der Klima Kalender 2021  (Besprechung meinerseits folgt)
Unser blauer Planet – Schönheit und Gefahren
Herausgegeben von Hermann Vinke
https://www.edition-momente.com/kalender/klima-kalender-2021.html

Der Literatur Kalender 2021 (Besprechung meinerseits bereits erfolgt)
Momente der Hoffnung
Texte und Bilder aus der Weltliteratur
Herausgegeben von Elisabeth Raabe
https://www.edition-momente.com/kalender/literatur-kalender-2021.html

Der literarische Küchenkalender 2021
Mit Texten, Rezepten & Bildern
Herausgegeben von Sybil Gräfin Schönfeldt
https://www.edition-momente.com/kalender/literarischer-kuechenkalender-2021.html

Der Musik Kalender 2021
Musiker und ihre Sehnsuchtsorte
https://www.edition-momente.com/kalender/musik-kalender-2021.html
Als ebenso lesens- wie hörenswertes Gesamtkunstwerk empfehle ich für den Musik Kalender 2021 gerne die meisterhafte Besprechung von Random Randomsen: https://randomrandomsen.wordpress.com/2020/11/17/veredeln-statt-verubeln-%f0%9f%98%89/

 

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Vielleicht

  • Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in jedem von uns
  • Geschrieben von Kobi Yamada
  • Illustriert von Gabriella Barouch
  • Originaltitel: »maybe«
  • Übersetzung von Gerda M. Pum
  • Adrian Verlag 2020 www.adrian-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 22,3 x 31 cm
  • 44 Seiten
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3947188-85-7
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

S E L B S T B E S T I M M U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das Bilderbuch „vielleicht“ spricht Kinder direkt an, stellt Fragen, die nach innen führen und bietet spielerisch-philosophisch Antworten an – läßt dabei gleichwohl weite Frei- räume und ermutigt ausdrücklich dazu, auf das eigene Herz zu hören, sich nicht mit der Oberfläche abzufinden und in die Tiefe zu gehen, um die eigenen Talente und Neigungen zu entdecken.

Angesichts eines Zeitgeistes übermäßiger Konformität, willkürlicher Gleichmacherei, bindungszerstörerischer Wettbewerbsmentalität und zweckbetonter Bildungsnormen ist dieses Bilderbuch ein gelungener Gegenpol, der ebenso zu Individualität und unkon- ventioneller Einzigartigkeit wie zu Empathie und Verbundenheit animiert. „Vielleicht“ setzt einfühlsam in Szene, wie es wäre, wenn man Kinder nicht in ein Korsett aus Erwartungen schnürt, sondern ihnen den Spielraum läßt, ihrer inneren Stimme und ihrer Herzenswahrheit zu lauschen und entdeckend-ausprobierend zu folgen. Gelegentliches Scheitern ist dabei ebenfalls erlaubt, denn dies gehört dazu wie Wachstumsschmerzen.  

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Die Fragen, die hier gestellt werden, weisen auf das SEIN hin, auf innere Werte, auf Achtsamkeit, Begeisterung, Entdeckungslust, Freiheit, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Lebensweite, Mut, Magie, Naturverbundenheit und Phantasie. So wird Kindern auf empfindsam-meditative Weise vermittelt, daß die Möglichkeiten und Perspektiven, die sie in sich finden, wahrnehmen und kultivieren, auch eine Bereicherung für die Gestaltung der Welt sein dürfen, ja, sogar sein sollen.

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Es ließe sich einwenden, daß der Text verhältnismäßig abstrakt bleibt, daß viele Sätze – aus erwachsener Perspektive – an kalenderspruchartige Weisheiten erinnern. Doch der kindliche Geist ist noch viel unbelesener und dürfte deutlich aufnahmebereiter für solche Ermutigungen sein – zumal sich während der Vorlesesituation und im Dialog mit dem Kind vertiefende Konkretisierungen der persönlichen Besonderheiten und Vorlieben ergeben können.

Die ausdrucksvollen Illustrationen sind konkreter als der Text, gehen mehr ins Detail, bieten eine anregend-phantasievolle und schöne Kulisse für die innere Orientierung. Sie zeigen ein Kind (ohne Namen), das eine Mütze aus Blättern trägt, in der Stirnmitte ist ein gelber Vogelschnabel aus gefaltetem Papier angebracht. Dieser Laubvogelkopf- schmuck gibt dem Kind unmittelbar eine naturverbundene und kreative Note. Man sieht sofort, daß wir es hier mit einem eigenwilligen und sensiblen Menschenwesen zu tun haben, das die Welt mit offenem Herzen betritt und dessen Schritte in der Welt deshalb noch fließender und verträumter sind als beim eher verschlossenen erwachsenen Menschen. Naturverbundenheit zeigt sich in fast allen Szenerien und spiegelt sich auch in der ständigen Begleitfigur des kleinen Schweinchens.

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Die Illustratorin benutzt eine dezente, sanftbunte Farbpalette, und sie jongliert mit Größenproportionen – so reist das Kind beispielsweise auf einer Seite in einer Nuß- schale übers Meer, und auf der nächsten Seite sitzt es bequem auf der Mondsichel und spielt mit den Sternen. Dies spiegelt anschaulich die Reichweite des Möglichen.

Dieses Bilderbuch wird vom Verlag ab dem Alter von vier Jahren empfohlen. Dem stimme ich zu, möchte aber ergänzen, daß sich diese vorbildliche Anregung zur Selbst- bestimmung und Selbstwirksamkeit auch noch gut für Jugendliche eignet, die sich dem Ende der Schulzeit nähern und sich für die nächste Lebensweichenstellung entscheiden müssen.

 

»Du bist du. So jemanden wie dich
hat es noch nie gegeben und wird
es auch nie mehr geben.
In dir steckt so viel.«

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://adrian-verlag.de/vielleicht-landing_page/

Eine weitere Besprechung aus mütterlicher Sicht gibt es bei Steffi auf LESENSLUST:
https://lesenslust.wordpress.com/2020/04/16/kinderfreuden-37-make-a-wish/

Der Autor:

»Kobi Yamada ist ein New York Times Bestsellerautor und CEO von Compendium, einem Unternehmen, wo besondere Menschen besondere Dinge kreieren. Kobi lebt glücklich mit der Liebe seines Lebens und ihren zwei superlustigen Kindern im Land des fliegenden Lachses. Dort entdeckt er jeden Tag unglaubliche Möglichkeiten. Er fragt sich oft, ob sein Leben vielleicht noch schöner ist, als er es sich je erträumt hat. «

Die Illustratorin:

»Gabriella Barouch ist eine Künstlerin, deren Arbeiten weltweit anerkannt sind. Ihr unverwechselbarer Stil kombiniert realistische Details mit magischen Elementen und Motiven auf eine ganz besondere Art. Dadurch spricht sie Menschen jeden Alters an. Gabriella lässt sich gerne von ihren gesammelten Vintage-Spielzeugen inspirieren und liebt es, an  viele verschiedene Ort zu reisen. Sie ist tief verbunden mit der Natur, vor allem mit Wäldern. „Vielleicht“ ist ihr erstes Bilderbuch.«

 

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Der Gesang der Flusskrebse

  • Roman
  • von Delia Owens
  • Originaltitel: »Where The Crawdads Sing«
  • Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
  • von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • Verlag hanserblau, Juli 2019   http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag und Lesebändchen
  • 464 Seiten
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-446-26419-9

MUTTER  NATUR

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

»Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt.« (Seite 11)

Außenseitern wird gerne und allzuschnell Schuld zugeschoben. Als die Leiche von Chase Adams am Fuße des alten Feuerwachturms von Barkley Cove gefunden wird und keiner- lei Spuren zu finden sind, fällt der Verdacht auf Kya, das Marschmädchen. Denn wenn jemand Spuren verwischen und sich fluchterprobt gewissermaßen unsichtbar machen kann, dann ist das Kya.

Kya wächst im wilden Marschland von North Carolina auf.  Sie lebt mit ihrer liebevollen und musischen Mutter, ihrem trunksüchtigen und gewalttätigen Vater und vier älteren Geschwistern in einer zusammengezimmerten Holzhütte, die an einer von vielen einsa-men Lagunen der Marschlandschaft liegt. Die Menschen, die in der nahegelegenen Stadt Barkley Cove wohnen, betrachten alle Menschen, die in der Marsch gestrandet sind, als Gesindel – wahlweise je nach Hautfarbe als weißes oder schwarzes Gesindel. Die Geschichte beginnt in den 50iger Jahren, und die Rassentrennung ist noch aktuell.

Von ihrem Bruder Jodie lernt Kya viel über die Natur, die Gestirne und darüber, wie man seine Spuren verwischt, sich sicher in der Marschlandschaft versteckt und wie man ein Boot durch die unzähligen Wasserläufe und Buchten steuert.

Als Kya sechs Jahre jung ist, bereitet die Mutter, deren Gesicht deutliche Spuren eines vorhergehenden gewalttätigen Streits trägt, noch einmal ein Frühstück für alle Kinder. Danach verläßt sie mit einem kleinen blauen Koffer das Haus, ohne sich zu verabschie- den. Kya schaut ihr ungläubig nach und hofft  auf das sonst übliche Winken; aber dies- mal schaut die Mutter nicht zurück, und sie wird auch nie mehr zurückkehren.

Nach und nach verlassen nun die älteren Geschwister ebenfalls das mutterlose Zuhau- se, um der Gewalttätigkeit des Vaters zu entkommen. So bleibt Kya allein zurück und er-nährt sich von Griesbrei und von Gemüse aus dem Garten. Der Vater ist häufig tagelang abwesend, kommt meist schlecht gelaunt zurück, schlägt Kya jedoch nicht und gibt ihr kleine Geldbeträge, mit denen sie in der Stadt ihre bescheidenen Einkäufe bezahlt.

Er trinkt deutlich weniger Alkohol und macht regelmäßige Bootsausfahrten mit ihr, bei denen sie gemeinsam angeln. Während dieser friedlichen Ausflüge plaudert der Vater ein bißchen aus der Familiengeschichte, und einmal nennt er Kya sogar freundlich Schätzchen. Dies ist mehr väterliche Zuwendung, als sie jemals zuvor erlebt hat.

Da Kya im schulpflichtigen Alter ist, wird sie aufgefordert, die Schule in Barkely Cove zu besuchen. Sie kommt barfuß in die Schule und wird von den anderen Schülern wegen ihrer Andersartigkeit, ihrer abgerissenen Kleidung und ihrer sozialen Unsicherheit aus- gelacht. Dies genügt Kya, um fortan mit der Schule garnichts und mit den Menschen aus der Stadt so wenig wie nur möglich zu tun zu haben. Den Nachforschungen der Schulin- spektion entkommt sie spielend, da ihre wachen Sinne und ihre überlegene Kenntnis der Marschlandschaft ihr stets ein sicheres Versteck bieten. Irgendwann gibt die Schul- behörde einfach auf, das wilde Kind einfangen zu lassen. So wird sie von den Bewohnern der Stadt schließlich nur noch „das Marschmädchen“ genannt.

In einer Bucht, in der Nähe der Siedlung für die schwarze Bevölkerung des Marsch- landes, gibt es eine Bootstankstelle mit einem kleinen Allerlei-Laden, der von dem freundlichen Jumpin‘ geführt wird. Dorthin fährt Kya regelmäßig mit dem Boot, tankt und kauft ein.

Als Kya zehn Jahre alt ist, kehrt der Vater eines Tages nicht mehr zurück. Kya überlegt, wie sie zu Geld kommen könnte, und beginnt damit, frühmorgens Muscheln zu sam- meln. Jumpin‘ kauft ihr die Muscheln ab und merkt nach einer Weile, daß Kya nun ganz alleine ist. Er bespricht sich mit seiner Frau Mabel, und diese organisiert über den Kirchenbasar Kleidung und Schuhe. Mabel und Jumpin‘ gelingt es, Kya zu beschenken, ohne sie zu beschämen. Mabel gibt Kya außerdem ganz pragmatisch verschiedene Gemüsesamen und erklärt ihr, wie sie diese in ihrem Garten nutzen kann.

Abgesehen von der Zuwendung von Jumpin‘ und Mabel, die als mitfühlende, aber den-noch räumlich entfernte Ansprechpartner für sie da sind, findet Kya Geborgenheit und Zuverlässigkeit in der Natur. Sie lebt in sinnlich-körperlicher, innerer und äußerer Nähe und Verbundenheit zur Natur. Kya sammelt Federn, Muscheln, Insekten und Pflanzen, sie beobachtet sehr fein und genau und etikettiert ihre Funde mit kleinen natura- listischen Zeichnungen des Fundorts, da sie nicht schreiben kann.

Im zarten Alter von vierzehn Jahren, bei einer ihrer alltäglichen Expeditionen ins Marschland, begegnet ihr Tate. Tate ist der Sohn eines örtlichen Krabbenfischers, einige wenige Jahre älter als Kya, und ebenfalls sehr interessiert an der Natur. Behutsam, ja, geradezu poetisch, nähert sich der sensible Junge dem scheuen Marschmädchen, und er gewinnt nach und nach ihr Vertrauen. Von Tate lernt Kya lesen und schreiben, er schenkt ihr Bücher, und gemeinsam erkunden sie die ersten Regungen jugendlichen Liebeserwachens. Kya blüht auf, ihr zuvor instinktiver Zugang zur Natur wird nun er- gänzt um naturwissenschaftliche Kenntnisse. Endlich hat sie selbständigen Zugang zu Wissen, erfährt Zugehörigkeit und Zärtlichkeit. Daß Kya sich inzwischen selbst zu einer Schönheit entwickelt hat, ist ihr indes nicht bewußt.  

Tate will Biologie studieren, und dafür ist ein Ortswechsel unvermeidlich. Er verspricht Kya, zu einem bestimmten verabredeten Zeitpunkt zurückzukehren. Doch wieder wartet Kya vergeblich auf die Rückkehr eines geliebten Menschen. Denn Tate geht auf dem College gänzlich in seinen wissenschaftlichen Studien und den Versuchungen des Stadtlebens auf und weiß, daß die menschenscheue Kya ihm niemals in diese Welt folgen würde.

Kya trauert, schmiegt sich dann wieder an die Natur an, füttert ihre Möwen, wiegt sich in Meereswellen und entfaltet ihr zeichnerisches Talent.

Chase Adams, der Frauenheld von Barkley Cove, bekommt Wind von Kyas Schönheit, was seinen Jagdtrieb weckt. Doch Kya ist keineswegs leicht zu erobern, und er übt sich – entgegen seiner Gewohnheit – in Geduld und verspricht Kya sogar die Ehe. Doch auch Chase Adams bricht sein Versprechen und heiratet eine andere Frau.

Kya zieht sich in ihre erprobte Einsamkeit zurück und meistert tapfer ihren Lebens- alltag. Sie verfeinert ihr Wissen durch eifrige Lektüre (der Weg in die Stadtbibliothek gelingt ihr inzwischen), vergrößert und systematisiert ihre Sammlung von Marsch- fundstücken, und sie zeichnet und aquarelliert unermüdlich. Sie sagt den Silbermöwen und dem Strand Gedichte auf und fügt sich harmonisch in die natürlichen Rhythmen.

In der Nähe von Barkely Cove wird eine wissenschaftliche Station zur Erforschung der Marsch-Ökologie eingerichtet, und Tate plant dort zu arbeiten. Er wagt einen Besuch bei Kya, der zwar zu einer lebhaften Aussprache führt, aber zunächst keine Aussicht auf eine Annäherung bietet. Allerdings erlaubt Kya, daß Tate einige ihrer Zeichnungen mitnimmt, um sie einem Verleger zu zeigen.

Einige Wochen nach dem Tode von Chase Adams wird Kya des Mordes an Chase Adams verdächtigt, angeklagt und vor das örtliche Geschworenengericht gestellt. Die Wahrheit über Chase Adams‘ Tod hat viele sichtbare und unsichtbare sowie widersprüchliche Facetten, die während der Gerichtsverhandlung ausführlich betrachtet werden. Zum Glück hat Kya einen engagierten Anwalt und unter den Geschworenen mehr Sympathisanten, als sie vermutet hätte …

Die Autorin Delia Owens wechselt erzählerisch zwischen den Phasen der Ermittlung zu Chase Adams‘ Tod und der biographischen Entwicklung Kyas. So entsteht von Kapitel zu Kapitel eine dramatisch wachsende Spannung zwischen Kleinstadtmilieustudie und Psychogramm.

„Der Gesang der Flusskrebse“ ist ein bemerkenswerter, sehr atmosphä- rischer Roman voll natürlicher Sinnlichkeit, elementarer Kraft und tiefer Gefühle. Die Einsamkeit des verlassenen Kindes ist so greifbar, daß man beim Lesen am liebsten mit der Hand zwischen die Zeilen greifen möchte, um die kleine Kya zu trösten. Wie oft kann ein verletztes Herz das tödliche Risiko eingehen, sich wieder auf Nähe einzulassen? Nun, dieser Roman mutet uns ebensosehr die schmerzlichen wie die schönen Gezeiten des Herzens ungeschminkt zu, und er verschafft uns die Bekanntschaft mit einer außergewöhnlich charakterstarken und bewundernswert eigen-willigen Figur, die die wortlose Sprache der Natur versteht wie sonst kaum ein menschliches Wesen.

 

»Sie lächelte zum ersten Mal. Seine Augen waren dieselben wie früher. Gesichter verän-derten sich durch den Tribut, den das Leben fordert, aber Augen bleiben ein Fenster zu dem, was war, und sie konnte ihn darin sehen.« (Seite 292)


Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-gesang-der-flusskrebse/978-3-446-26419-9/

 

Die Autorin:

»Delia Owens, geboren in Georgia, erforschte über zwanzig Jahre als Zoologin in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen. Vor kurzem ist sie nach North Carolina gezogen, an den Schauplatz ihres Romandebuts, wo sie als Kind mit ihren Eltern die Sommerurlaube verlebte.«  http://www.deliaowens.com

Die Übersetzer:

»Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, beide Jahrgang 1955, übersetzen seit vielen Jahren englische und amerikanische Literatur von Autoren wie Harper Lee, Dave Eggers, Jodi Picoult und Zadie Smith.«

 

Es gibt zwei Hörbuchausgaben, eine gekürzte und eine ungekürzte, beide gesprochen von Luise Helm und beide im Verlag HÖRBUCH HAMBURG erschienen.

Hier entlang zur gekürzten Hörbuchfassung:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/owens-der-gesang-der-flusskrebse-4981/
Hier entlang zum ungekürzten Hörbuch nebst feiner HÖRPROBE:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/owens-der-gesang-der-flusskrebse-5108/

 

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MONSTA

  • Text von Dita Zipfel
  • Illustrationen von Mateo Dineen
  • TULIPAN Verlag  Juli 2018 http://www.tulipan-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 21 x 28 cm
  • 48 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86429-387-0
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

MONSTER  MÜHSAL  MITGEFÜHL

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die kindliche Befürchtung, daß ein gruseliges Monster unterm Bett hause und des Nachts Angst und Schrecken verbreite, wird in diesem Bilderbuch einmal gründlich auf den Kopf gestellt.

Das Monster, von dem diese Geschichte handelt, schreibt nämlich frustriert sein Kündi-gungsschreiben an das furchtlose Kind, das es sich zum Begruseln ausgesucht hat. Ja, auch Monster haben Gefühle, und diese werden dem Kind nun ausführlich dargelegt.

Dabei wird uns Einblick in die Monsterkinderstube gewährt, und wir lernen die liebe Monstermama und den großen GROAR kennen, welcher der Vater und das große Gruselvorbild des zugegebenermaßen doch noch recht kleinen Monsters ist.

Voller Vorfreude und Arbeitseifer ist das Monster bei seinem von ihm ausgesuchten Kind eingezogen, hat sich unter dem Kinderbett eingerichtet und wirklich alles getan, um das Kind zum Erschrecken zu bringen. Doch egal, was das Monster auch inszeniert: Von Türenquietschen bis Knochenknacken, von grimmigen Monsterblicken bis Monster- fellsträuben und Monsteratem ins Ohr pusten, Bettdecke wegziehen und Kinderhaare verknoten – nichts hat funktioniert. Dieses Kind ist einfach unbegreiflich unerschreck- bar und schläft entspannt weiter.

Das Monster ist darüber dermaßen gekränkt und entmutigt, daß es ein Kurbad in der Teetasse nehmen muß, um seine Kräfte neu zu sammeln und sich zu besinnen. Das Ergebnis dieser Besinnung ist der Entschluß, zu kündigen und sich woanders (bei einer Geisterbahn) zu bewerben. In seinem Abschiedskündigungsbrief verspricht das Monster, erst dann zurückzukommen – und auch nur vielleicht und probehalber -, wenn das Kind sich endlich mal richtig dolle erschrecke und nach ihm suchen würde …

Illustration von Mateo Dineen © Tulipan Verlag 2018

Dieses Bilderbuch kann man getrost sogar ängstlichen Kindern vorlesen und zeigen. Das Monster schaut niedlich-witzig aus und weckt deutlich eher Beschützerinstinkte als Furcht. Schließlich möchte das Monster nur seiner Berufung folgen und bei „seinem“ Kind Gruselerfolg haben. Auch verläßt es „sein“ Kind nur widerwillig und sichtlich betrübt, was das Monster durch- aus noch sympathischer macht, als es ohnehin schon wirkt.

Der Text von Dita Zipfel hat einen saloppen umgangssprachlichen Stil mit lebhaft-dynamischer Satzdramaturgie und Wortwitz. Die typographische Darstellung des Textes in der Handschrift des Monsters und die gelegentlich durchgestrichenen Schreibfehler und Korrekturen unterstreichen das im Grunde kindliche Gemüt des Monsters. Daß das Wort Kind im Text stets mit t geschrieben wird, will ich mal als Monsterdialekt durchgehen lassen.

Die Illustrationen von Mateo Dineen halten eine augenzwinkernde Balance zwischen dem Gruselanspruch des Monsters und seiner tatsächlich zwar glupschäugig-schrägen, aber doch flauschig-harmlosen Erscheinung, die mimisch und körpersprachlich sehr ausdrucksvoll gestaltet ist.

Die Darstellung eines kleinen Gruselmonsters als verletzlich-kindliches Wesen (mit Rechtschreibproblemen), das sich vergeblich bemüht, Angst und Schrecken zu verbreiten, mag dazu betragen, kindliche Gruselängste abzuschwächen.

Da dieses kleine Monster so viel Sympathie weckt, freut man sich auch monstermäßig mit über die heitere Wendung, die diese Geschichte am Ende noch nimmt.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:

Monsta

Die Autorin:

»Als Dita Zipfel ungefähr in deinem Alter war, schlief sie jede Nacht mindestens neun Stunden wie ein Stein. Wenn jemand sie gefragt hätte, wie sie das macht, hätte sie gesagt, dass sie das unglaublich einschläfernde Gefühl hat, dass da jemand an ihrem Bett Wache hält. Als sie eines Morgens einen Brief auf ihrem Bauch fand, wusste sie auch, wer das war: MONSTA. Jetzt liegt sie jede Nacht mindestens eine Stunde wach, bereit, sich zu gruseln.«  https://www.ditazipfel.de/

Der Illustrator:

»Mateo Dineen, 1972 in San Mateo/Kalifornien geboren, studierte Illustration an der Academy of Art University in San Francisco. Seit 2004 lebt er als freischaffender Künstler in Berlin. Bekannt wurde er durch seine Monster-Gemälde im Comic-Stil.«  https://www.mateo-art.com/

 

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Die kleinen Wunder von Mayfair

  • Roman
  • von Robert Dinsdale
  • Originaltitel: »The Toymakers«
  • Aus dem Englischen von Simone Jakob
  • KNAUR Verlag Oktober 2018   www.droemer-knaur.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • und LESEBÄNDCHEN
  • 464 Seiten
  • 20,00 € (D)
  • ISBN 978-3-426-22672-8

S P I E L R Ä U M E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die wunderoffene Perspektive eines Kindes kann imaginativ Unmögliches möglich machen: Aus leblosen Stofftieren werden echte Tiere, aus Puppen und Figuren echte Spielgefährten, und Bilderbücher blättern buchstäblich Geschichtenräume auf. Der Schauplatz des vorliegenden Romans ist ein Spielwarenhaus, in dem Spielsachen angeboten werden, die gekonnt zwischen technischer Perfektion und Magie changieren und damit erfolgreich das kindliche Bedürfnis nach Verzauberung befriedigen und bei Erwachsenen kindheitsnostalgische Zuneigung hervorrufen.

Die entscheidenden Zutaten für die Herstellung dieses märchenhaften Spielzeugs sind neben handwerklich-künstlerischem Geschick eine lebhafte Phantasie und die Fähig- keit, sich in die Perspektive eines Kindes zurückzuversetzen. Der Inhaber des Spiel- warenhauses, des Emporiums, ist Papa Jack, dessen Spielzeugmachergabe ihm einst das Leben und die Seele rettete. Seine beiden Söhne Kaspar und Emil erfinden und produ- zieren ebenfalls Spielsachen und wetteifern um die Anerkennung ihres Vaters, der der unübertreffliche Meister seines Fachs ist.

Im Jahre 1906 ist der Spielraum für unverheiratete Mütter sehr klein. Die fünfzehn-jährige Cathy erwartet ein Kind. Ihre Eltern beabsichtigen, Cathy in einem „Heim zur Förderung der Moral“ unterzubringen, wo sie unauffällig ihr uneheliches Kind zur Welt bringen und es anschließend zur Adoption freigeben soll, um die Schande zu vertuschen.

Doch Cathy möchte ihr Kind behalten. Zufällig entdeckt sie die unkonventionelle Stellenanzeige eines Londoner Spielwarenhändlers:

„Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich?
Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben?
Dann sind Sie bei uns richtig.
Das Emporium öffnet beim ersten Winter-
frost seine Tore.
Keine Erfahrung erforderlich. Kost und
Logis inbegriffen …“
(Seite 24)

Cathy flieht nach London und trifft genau zur alljährlichen Großen Eröffnungsfeier des größten Londoner Spielwarengeschäfts ein. Das Emporium öffnet seine verheißungs- vollen Pforten stets mit dem ersten Winterfrost und schließt seine Pforten, sobald das erste Schneeglöckchen aufblüht. Das ist zwar eine kurze Verkaufssaison, aber das Weihnachtsgeschäft und der zauberhafte Ruf der außergewöhnlichen Spielwaren bescheren dem Emporium in dieser Zeitspanne so viele kaufwillige und kaufkräftige Kunden, daß das Geschäft den Rest des Jahres geschlossen bleiben kann.

Papa Jack und seine Söhne Kaspar und Emil widmen sich also stets von Februar bis Oktober der Erfindung und handwerklichen Herstellung neuer und verbesserter Spiel-sachen und vom ersten Winterfrost bis zum ersten Schneeglöckchenerblühen dem Verkauf ihrer Kreationen. Für die Verkaufssaison werden viele Verkäuferinnen und Verkäufer eingestellt, die während dieser Zeit auch im Emporium wohnen.

So findet Cathy unkompliziert Aufnahme in Papa Jacks Emporium und lernt von den erfahrenen Verkäufern, den Umgang mit den außergewöhnlichen Spielwaren und die Orientierung in den verwirrend beweglichen Gängen, Etagen und verschachtelten Räumen des Emporiums.

Bei den zauberhaften Spielsachen im Emporium verwischen die Grenzen zwischen feinmechanischer Raffinesse und echter Magie. Es gibt Spielzeugtruhen, die von innen wesentlich größer sind als ihre äußere Erscheinung, Spielzeugtiere, die, obwohl sie täglich aufgezogen werden müssen, eine solch lebhafte und situationsbezogene Reaktionsweise zeigen, daß man ernsthaft an ihrem handwerklichen Ursprung zweifelt, Schaukelpferde, die, bevor sie in den Verkauf kommen, erst einmal gezähmt werden müssen, Vögel aus Pfeifenreinigern, die eigentlich unmögliche Strecken fliegen können, und aufziehbare Spielzeugsoldaten, die exerzieren, marschieren, schließen und „tot“ umfallen können und mit denen man große Schlachtformationen nachspielen kann.

Es gibt zusammengefaltete Papierbäume in kleinen Schachteln, die sich nach dem Öffnen ihrer Verpackung zu lebensgroßen Bäumen entfalten, Patchwork-Hasen, die man mit Filz- und Stoffresten und Schrauben füttern kann und die dann kleine Hasen gebären, die bei entsprechender Fütterung noch kleinere Hasen gebären.

Kaspar und Emil interessieren sich beide für die zurückhaltende Cathy, und es dauert nicht lange, bis sie ihr Geheimnis entschlüsseln und dafür sorgen, daß Cathy auch nach der Verkaufssaison im Emporium bleiben darf.

Papa Jack gewährt Cathy Zuflucht, und er gewährt ihr zudem einen tieferen Einblick in seine Herkunft und seine besonderen Fähigkeiten als Spielzeugmacher. Mit einem speziellen Diorama, das Cathy gewissermaßen leibhaftig als Zeugin in Papa Jacks Ver- gangenheit transportiert, erfährt sie, wie er ein sibirisches Arbeitslager überlebt hat. Im Arbeitslager stellte er aus einfachen Zweigen, Blättern, Kiefernzapfen, Moos und Grä- sern bewegliche kleine Figuren her, deren unerklärliche Lebhaftigkeit selbst brutalste Mitgefangene und Wärter in ihren Bann zog und sie milder stimmte.

Aus dieser schweren Zeit seines Lebens stammt Papa Jacks Credo, daß Spielzeug zwar kein Leben retten kann, aber eine Seele. „Einem Menschen können die schrecklichsten –Dinge zustoßen, aber er wird sich nie verlieren, wenn er sich immer daran erinnert, dass  er einmal ein Kind war.“ (Seite 170)

Kaspar, der ältere Sohn von Papa Jack, entwirft Spielzeug, das den magisch-imaginativen Fähigkeiten seines Vaters sehr nahe kommt. Emil, der jüngere Sohn, stellt mit begeister- ter Hingabe, die aufziehbaren Spielzeugsoldaten her, die der absolute Verkaufsschlager des Emporiums sind. Allerdings funktionieren Emils Soldaten wirklich rein mechanisch und vorhersehbar, und Emil beneidet seinen Bruder um das gewisse magische Extra, das er seinen Schöpfungen zu verleihen vermag.

Nun konkurrieren die beiden auch noch um Cathys Gunst; daß sich Cathy für Kaspar entscheidet und dessen Ehefrau wird, kränkt Emil zusätzlich. Doch zunächst leben und arbeiten alle weiter zusammen, und Cathys Tochter Martha wächst in einem geborgen- en familiären Umfeld auf. Kaspar und Emil wetteifern nach wie vor alljährlich mit ihren neuen Spielzeugerfindungen gegeneinander, und man darf Kaspar durchaus vorwerfen, daß er seine erfinderische Überlegenheit gegenüber Emil übertrieben ausspielt.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird Kaspar Soldat, und Emil, der wegen seiner Herz-schwäche nicht eingezogen wird, bleibt im Emporium und genießt die konkurrenzlose Zeit. Kaspar kehrt nach Ende des Krieges traumatisiert zurück und spielt unentwegt mit einer Spieluhr, die er im Lazarett konstruiert hat. Diese Spieluhrmelodie, versetzt den Zuhörer, solange er die Kurbel dreht, in eine glückliche Lebensphase zurück, hält ihn jedoch in dieser Zeitschleife gefangen.

Martha gibt im Gegensatz zu den Erwachsenen die Versuche nicht auf, Kaspar aus seiner Erstarrung zu holen, und sie hat damit wortwörtlich spielerischen Erfolg. Kaspar ist zwar sehr verändert, aber er nimmt wieder am Leben Anteil, arbeitet tatkräftig mit und entwirft neues Spielzeug.

Diesmal tritt er jedoch auf eine Weise in Konkurrenz zu Emil, die für Emil unverzeihlich ist. Denn es gelingt Kaspar, die Spielzeugsoldaten so umzuarbeiten, daß sie sich gegen-seitig selber aufziehen können. Diese Unabhängigkeit führt dazu, daß sie langfristig eigenwillig werden und anstelle von Waffen weiße Fahnen schwenken und schließlich eine Rebellion gegen ihren ursprünglichen „Herrscher“, Emil, planen. Der ewige Streit zwischen den Brüdern eskaliert …

Das vorliegende Buch öffnet eine Spielzeug-Wunderkammer nach der anderen und erfreut den Leser mit faszinierenden Spielzeugfantasien und verspielten Geschöpfen, denen die innige Bezugnahme und kindliche Betrachtungsweise mehr Leben einhaucht, als die eingebaute Mechanik vorsieht.

Die psychologische Tiefe der menschlichen Figuren – abgesehen von Papa Jack – und ihre Beweggründe lassen indes zu wünschen übrig. Der Autor steht zudem den männlichen Figuren wesentlich näher als den weiblichen, deren Innenleben er deutlich weniger kenntnisreich auslotet und beschreibt. Folglich erscheinen die liebesgeschichtlichen Elemente des Romans blaß und beiläufig, und die angekündigte Romantik kommt zu kurz. Das unerbittliche Wetteifern zwischen Emil und Kaspar ist der dramaturgische Handlungsantrieb, der fast alle emotionalen Vorräte für sich beansprucht.

Der Einfallsreichtum des Autors bezüglich wundervoller, ja, beseelter Spielzeuge und imaginärer Spielräume ist größer, detailverliebter und hingebungsvoller als der für seine menschlichen Charaktere.

Dies führt dazu, daß man beim Lesen schließlich mehr Anteil am Schicksal der zu Be- wußtsein gekommenen Spielzeugsoldaten nimmt als an der Entwicklung der familiären Situation zwischen den konkurrierenden Brüdern und ihrem Verhältnis zu Cathy. Tat- sächlich ist das Spielzeug – insbesondere der anhängliche Patchwork-Hund Sirius und der würdevolle Kaiserliche Rittmeister – in diesem Roman sympathischer, entwicklungs- und lebenslernfähiger als die Menschen.

Gleichwohl fasziniert dieser Roman mit der Erschaffung eines Ortes, an dem Kindheits-träume wahr werden, und man erliegt gerne dem erlesenen Charme märchenhafter Spielzeugwelten.

„Wenn man jung ist, will man Spielzeug, weil man sich älter fühlen möchte. Man tut so, als wäre man ein Erwachsener, und stellt sich vor, wie das Leben später sein wird. Aber ist man dann erwachsen, ist es umgekehrt; nun will man Spielzeug, weil man sich dadurch wieder jung fühlt. Man will zurück an den Ort, wo einem nichts schaden kann, hinein in eine Zeitschleife, die aus Erinnerungen und Liebe besteht.“
(Seite 247)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/9595139/die-kleinen-wunder-von-mayfair

 

Der Autor:

»Robert Dinsdale, Jahrgang 1981, wuchs in North Yorkshire auf. Er lebt mit seiner Tochter in Essex. Wenn er sie nicht gerade zur Schule fährt, geht er am Meer spazieren, arbeitet am Computer oder besucht die örtliche Bibliothek. „Die kleinen Wunder von Mayfair“ ist sein dritter Roman.«

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Die wilde Sophie

  • von Lukas Hartmann
  • mit Illustrationen von Susann Opel-Götz
  • Neuausgabe Diogenes Verlag September 2017   www.diogenes.ch
  • Originalausgabe Verlag Nagel & Kimche 1990
  • gebunden
  • Format: 11,6cm x 18,4cm
  • 256 Seiten
  • ISBN 978-3-257-01199-9
  • 16.00 € (D), 16,50 € (A), 21,00 sFr.
  • Kinderbuch
  • zum Selbsterlesen ab 9 Jahren
  • zum Vorlesen ab 6 Jahren

LEBENSVERHÜTENDE  KINDESÜBERWACHUNG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Manche Menschen kommen mit der Verletzlichkeit, die mit der Elternschaft unvermeidlich einhergeht, nicht zurecht und finden für den Umgang mit ihrem Kind kein ausgewogenes Verhältnis zwischen fürsorglichem Schutz und freier, lebendiger Erfahrungsentfaltung ihres Nachwuchses. In der vorliegenden Geschichte liefert der überängstliche, kontrollsüchtige König Ferdinand ein extremes und abschreckendes Beispiel für Überbehütung.

Kaum ist der kleine Thronfolger geboren, da entdeckt König Ferdinand so viele mögliche und unmögliche Gefahren für seinen Sohn, daß seine Schutzmaßnahmen das ganze Königreich und auch das Kind in Mitleidenschaft ziehen.

Zunächst wird die schaukelnde Wiege durch einen Bettkasten mit abgerundeten Ecken und gepolsterten Wänden ersetzt, damit der kleine Prinz Jan keinesfalls aus dem Bett fallen könne. Der erste Mückenstich wird zum Anlaß genommen, alle Fenster zuzunageln und einen hauptamtlichen Insektenjäger einzustellen.

Als Jan mit dem Laufen beginnt, werden zwei Nebenhergeher und je ein Hinterher- und Vorausgeher engagiert, um das eventuell stolpernde Kind aufzufangen. Ein Wegfrei-räumer, ein Kleideranwärmer, ein Lebertranverwalter, ein Treppenhochträger und diverses zusätzliche im ganzen Schloß verteilte Wachpersonal sowie die beiden alten Diener, Raimund und Stanislaus, die abwechselnd des Nachts Jans Schlaf beaufsichtigen, sollen die Unversehrtheit des Kindes garantieren.

Das Kind lebt eingesperrt im Schloß und kennt Himmel, Wolken, Sonne, Mond und Sterne, Wind, Wetter und Natur nur aus Büchern und aus den Erzählungen der beiden alten Diener. Kindliche Spielkameraden muß Jan ebenfalls entbehren. Und auch jenseits des Säuglingsalters bekommt der Prinz seine Nahrung nur in Breiform serviert, auf daß er sich nicht an einer Faser oder einem Kirschkern verschlucke.

Seine Mutter, Königin Isabella, streitet regelmäßig mit dem König über diese unange-messene Überbehütung, kann jedoch nur klitzekleine Freiheiten für ihren Sohn erkämpfen. So darf Jan an seinem siebten Geburtstag endlich einen Ausflug zur alten Eiche im Schloßhof machen. Begleitet von der üblichen Entourage von Sicherheits- kräften, tritt Jan ins Freie und ist beglückt von der frischen Luft, dem Licht- und Schattenspiel des Eichenlaubs und von der Weite des blauen Himmels.

Während sich im Schloß alles um das Wohlbefinden des Prinzen dreht, müssen die Untertanen unter der Last unermüdlich erhöhter Steuern leiden. Denn all die Sicherheitsvorkehrungen, Baumaßnahmen und der erhöhte Militäretat für die zusätzlichen Wachsoldaten kosten Geld.

Otto, dem königlichen Zwetschgenkompottlieferanten, der seine Steuern in Form von Kompott abzuliefern hat, bleiben kaum noch ein paar Gläser für den eigenen Bedarf übrig. Seine Tochter Sophie, die nur wenige Tage nach dem Prinzen zur Welt kam, ist unvoreingenommen neugierig auf den Prinzen und möchte ihn gerne kennenlernen. Sie verfügt über einen wachen Geist und stellt die herrschenden Verhältnisse unbefangen in Frage.

Jan darf inzwischen an bestimmten Tagen, selbstverständlich strengstens beschützt-wacht, in einer gläsernen Kutsche umherfahren, um Land und Leute kennenzulernen.

Sophie steht mit dem Winkevolk am Wegesrand und streitet mit einem Soldaten wegen einer groben Ungerechtigkeit. Jan ist beeindruckt von Sophies unverblümter Wesensart und ihrem Mut. Von Kind zu Kind entsteht per intensivem Blickkontakt ein stilles, solidarisches Einverständnis, und Sophie wäre nicht die wilde Sophie, wenn sie nicht einen Weg fände, Jan in seinem goldenen Käfig zu besuchen.

In Sophies geheimer Gesellschaft stellt sich Jan so mancher gefährlichen Herausforde-rung und körperlichen Anstrengung und emanzipiert sich so von der väterlichen Bevormundung. Ihre Lektionen in Zivilcourage hinterlassen einen solch nachhaltigen Eindruck, daß er Sophies waghalsigem Fluchtplan zustimmt. Unverhoffte Unterstützung bekommen die Kinder von der zauberkundigen alten Köchin und den beiden alten Dienern Raimund und Stanislaus, die schon lange heimliche Zweifel an den königlichen Erziehungsmethoden hegen.

So erheben sich die Kinder schließlich buchstäblich in die Freiheit …

Die Originalausgabe dieses Buches ist 1990 beim Verlag Nagel & Kimche erschienen. Damals gab es den Begriff „Helikoptereltern“ noch nicht, gleichwohl wird das Phänomen übereifriger Kindesüberwachung und die damit verbundenen negativen Folgen für die kindliche Lebendigkeit und Selbständigkeit auf fast schon seherische Weise erkannt und beschrieben.

Prinz Jans Lebensregungen werden systematisch ausgebremst, selbstwirksames Handeln und Selbsterfahrung verhindert, und jeder kleine Ungehorsam wird durch noch mehr Freiheitsentzug bestraft – alles im Namen liebender Fürsorge und zwangskontroll- hafter Machtausübung. Als erwachsener Leser möchte man König Ferdinand am liebsten zum Therapeuten zerren, um seine ausgeprägte Angstneurose und mangelhafte Empathie behandeln zu lassen.

Der Autor ist beeindruckend nah am Kinderherzen, wenn er die emotionalen kindlichen Reaktionen beschreibt – unser ganzes Lesemitgefühl gilt Jans Lebens- sehnsucht und Sophies Lebensmut. Durch den feinsinnigen Erzählstil mit seinen nuancierten, gleichwohl kindgemäßen, poetischen Sprachbildern und seinem spannenden dramaturgischen Aufbau bietet sich dieses Buch auch hervorragend als Vorlesestoff für jüngere Kinder an.

Die warmherzig-humorvollen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Susann Opel-Götz ergänzen die Geschichte um stimmungsharmonische, detailgetreue Szenenbilder.

„Die wilde Sophie“ ist ein märchenhaftes Lehrstück über den unwiderstehlichen Duft der Freiheit und die lebenserhaltende Kraft konstruktiven Ungehorsams gegen ungerechte und lebensgefährliche Herrschaftsansprüche. Das sind wünschenswerte Vorbilder für Kinder, aus denen dereinst mündige und mutige Menschen erwachsen können.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/lukas-hartmann/die-wilde-sophie-illustriert-von-susann-opel-goetz-9783257011999.html

Der Autor:

«Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmäßig auf der Bestsellerliste.«

Sehr gerne widme ich diese Kinderbuchbesprechung Petra Pawlofskys wertvoller Sammlung „Kinder im Aufwind“:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/fundgrube-3-kurzvorstellung-der-beitraege-ab-juli-2017/

Querverweis:

Als Lesekontrastprogramm zur Überbehütung bietet sich das Kinderbuch „Die wilde Meute“ von Ilse Bos an, in dem dreizehn Kinder ohne alltägliche elterliche Aufsicht auf einem am Ufer einer verwilderten Landzunge verankerten Schiff hausen. Das Buch handelt von einer Art Pippi-Langstrumpf-WG, in der die Grenze zwischen ‚Kindern etwas zuzutrauen′ und ‚Kindern etwas zuzumuten′ fließend ist. Es wird ausgelotet, wie weit kindliche Selbstbestimmung und Selbstversorgung funktionieren, und wie wünschenswert – bei aller Liebe zur Freiheit – zuverlässige, liebevolle und ANWESENDE erwachsene Bezugspersonen sind.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/18/die-wilde-meute/

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