Vor den 7 Bergen

  • Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schiefgeht
  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Mareike Engelke
  • Text von Annette Feldmann
  • KUNSTANSTIFTER Verlag  März 2017       https://kunstanstifter.de/
  • Format: 30 x 22 cm
  • 36 Seiten
  • gebunden, mit Fadenheftung
  • 22 € (D), 22,70 € (A), 26 sFr.
  • ISBN 978-3-942795-48-7
  • ab vier Jahren

KINDERSEGEN,  BERGSEHNSUCHT  &  APFELKUCHEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern und einem kleinen Hund – das kann turbulent werden. Zunächst wird auf einer Doppelseite jedes Kind mit einem kleinen Steckbrief charakterisiert, und dann beginnt die Geschichte.

Es ist Winter, und statt Schnee gibt es Regen, Regen, Regen. Die Kinder beschließen, ihre Oma, die hinter den sieben Bergen wohnt, zu besuchen – denn „im Gebirge liegt immer Schnee“. Sie rufen ihre Oma an, und diese ist begeistert und backt schon mal einen Apfelkuchen.

Mama kommt von der Arbeit an ihrem Marktstand für Äpfel nach Hause und wird von den Kindern sogleich mit der freudigen Aussicht begrüßt, daß sie bald zur Großmutter in die Berge führen. Mama findet die Idee ebenfalls gut. Alle sind voller Vorfreude, doch dann bekommen die Zwillinge Windpocken, und ein Geschwisterkind nach dem anderen steckt sich an. Der Ausflug in die Berge muß auf den Herbst verschoben werden.

Den Sommer versüßen sich Mama und die Kinder mit Eis vom attraktiven, freundlich-zugewandten Eisverkäufer Bo. Der reparierfreudige, kleine Hanno begutachtet vorsorglich schon die familiären Skier- und Schlittenbestände.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist der Herbst da, aber Mama kann sich keinen Urlaub nehmen, da die Apfelernte so übermäßig reich ausgefallen ist, daß Mama den Marktstand nicht schließen kann. Die Kinder sind schwer enttäuscht. Die Mama verkauft Äpfel über Äpfel, der Eiskäufer Bo besucht sie am Marktstand und bekommt sogar einen Apfel geschenkt.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist wieder Winter, eifrig packen sieben Kinder, eine Mama und ein kleiner Hund ALLES ein, was unbedingt mit auf die Reise zur Oma muß – inklusive siebzehn Bilderbücher, zwölf Kuscheltiere, fünf Kilogramm Äpfel, sechzehn warme Stiefel und sieben Geschenke für die Oma.

Kaum sind sie mit dem vollgepackten Kombi losgefahren, da macht es PENG, und ein Motorschaden zwingt zum unfreiwilligen Parken mitten auf der Kreuzung. Zum Glück kommt Bo zufällig vorbei  und bietet großzügig an, sie mit seinem Eiswagen über die sieben Berge zu ziehen. Ein passendes Abschleppseil ist auch schnell zur Hand, und schon geht die serpentinenreiche Fahrt los.

Nach den üblichen Fragen („Ist es noch weit?“ und „Sind wir bald da?“) sowie dem allseits bekannten, universellen Kindergequengel auf langen Reisen kommen alle wohlbehalten in den Bergen an.

Oma hat schon Apfelkuchen gebacken und den Kamin befeuert und empfängt alle Gäste mit einer herzenswarmen Umarmung…

Die Illustrationen von Mareike Engelke wirken wie Kinderzeichnungen. Dies erzeugt für kindliche Betrachter eine ganz unmittelbare, suggestive Nähe zur kindlichen Perspektive. Die Bildkomposition ist gleichwohl gekonnt, zudem unkonventionell und verspielt und bietet diverse witzige Details. Die farbig gestalteten handschriftlichen Textanteile mit ihren variablen Schriftgrößen untermalen ausdrucksvoll die eigenwillige Bilddramaturgie und bereichern den in einheitlich schwarzer Typographie gedruckten Fließtext um zusätzliche Gefühlsnoten.

Der Text von Annette Feldmann ist in einer freundlich-unverblümten Sprache geschrieben und erfreut mit kinderleichten Dialogen, die eindeutige Gefühlsansagen vermitteln.

In dieser Geschichte bewegen sich Schneewittchens Enkel in einer bodenständigen Alltagswelt, in der die einzige Zaubermacht zwischenmenschliche Nähe und Geborgenheit ist. Doch wie wir hoffentlich alle wissen und erfahren haben, ist dies ein Zauber, der sehr lange wirkt …

Und es spricht absolut nichts dagegen, daß der Märchenprinz Eisverkäufer ist.

Sehr ansprechend sind auch die Vorsatzblätter gestaltet, auf denen sich bekannte und unbekannte Apfelsortennamen tummeln: Aprilschöner, Dickapfel, Hausmütterchen, Milchapfel, Schafsnase, Schlotterapfel, Seidenhemdchen, Weißer Eisapfel – da weiß man gar nicht, wo man zuerst reinbeißen soll, und es ist eine schöne Anregung, sich mit den eigenen Kindern auf die Suche nach diesen Apfelsorten zu machen und sie zu kosten.

 

Hier entlang zum Bilderbuch auf der Verlagswebseite:
https://kunstanstifter.de/buecher/vor-den-7-bergen

PS:
Als kleine Randbemerkung möchte ich gerne noch erwähnen, daß der unabhängige KUNSTANSTIFTER Verlag alle Bücher mit mineralölfreien Farben in Deutschland drucken läßt und die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene unterstützt.

 

Die Illustratorin:

»Mareike Engelke wurde 1979 am Niederrhein geboren. Sie studierte Kommunikations-design in Essen und Krefeld und machte ein Bilderbuch-Diplom. Sie arbeitet als freie Illustratorin für Magazine und Verlage und zeichnet in ihrem Duisburger Atelierhaus mit Blick auf einen großen blauen Kran. Ansonsten geht sie gerne auf Unsinnsuche und schätzt sich glücklich, eine Gärtnerenkelin, Katzenmutter und Lieblingstante zu sein. Sie lebt mit ihrem Mann in Duisburg.«      http://www.mareikeengelke.de

Die Autorin:

»Annette Feldmann, geboren 1975 am Niederrhein, studierte Kanadistik und Vergleichende Literaturwissenschaften in Augsburg und Vancouver. Sie arbeitete zunächst bei der Rheinischen Post und seit 2008 als freie Journalistin und Autorin sowie als Texterin in einer Werbeagentur. 2014 wurde sie mit dem dritten Platz beim Moerser Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr erstes Jugendbuch „Nichts sagen“ (Divan Verlag, 2015) wurde für den Goldenen Pick nominiert. Annette Feldmann lebt mit ihrem Mann in Kempen.«   http://www.netttext.de

Ente, Tod und Tulpe

  • Bilderbuch
  • Text und Bilder von Wolf Erlbruch
  • Verlag Antje Kunstmann   Februar 2007    www.kunstmann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 32 Seiten
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-88897-461-8
  • Miniausgabe  März  2010
  • gebunden, Fadenheftung
  • 32 Seiten
  • 9,90 €
  • ISBN 978-3-88897-657-5
  • ab 4 Jahren

FREUNDLICHE  ÜBERNAHME

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es dient durchaus der Lebensbejahung und Lebensdankbarkeit, sich mit der eigenen Sterblichkeit anzufreunden und den Tod nicht als Feind zu betrachten.

Im vorliegenden Bilderbuch spürt Ente intuitiv das Nahen des Todes. Ente schaut sich um und erblickt den Tod. Ganz klassisch ist sein Gesicht ein knöcherner Totenschädel, und ganz unklassisch hat er die Gestalt eines kleinen Menschen, der ein kariertes Kittelkleid trägt. Der Tod begrüßt Ente freundlich und erklärt, daß er schon, solange sie lebe, in ihrer Nähe sei – „nur für den Fall“. Unfälle, ein schlimmer Schnupfen und der Fuchs gehören zu solchen Fällen, die das Leben einer Ente beenden können.

Nach dem ersten Schreck unterhalten sich die beiden, und eigentlich findet Ente den Tod sogar nett, besonders wenn er sie anlächelt. Gemeinsam gehen sie zum Teich, gründeln ein wenig und legen sich am Abend nebeneinander zum Schlafen hin.

Am nächsten Morgen erwacht Ente und stellt zufrieden fest, daß sie nicht gestorben ist. Sodann sprechen Ente und Tod über verschiedene Jenseitsvorstellungen, und der Tod widerspricht keiner Vorstellung, bestätigt aber auch keine, sondern sagt dazu nur „Wer weiß“.

Einmal klettern sie auf einen Baum, und Ente schaut sich nachdenklich ihren leeren Teich an. Den Rest der Zeit sitzen sie im Gras, schweigen viel und reden wenig. Eines Abends friert Ente und bittet den Tod, sie zu wärmen.

Am nächsten Morgen atmet Ente nicht mehr. Zärtlich streicht der Tod ihre Federn glatt und bringt sie zum Fluß. Er legt eine Tulpe auf ihren Leichnam und schaut betrübt zu, wie das Wasser Ente fortträgt.  „Aber so war das Leben.“

Wolf Erlbruch erzählt die Geschichte von „Ente, Tod und Tulpe“ mit minimalistischen Mitteln, die Illustrationen sind schnörkellos auf die Hauptfiguren konzentriert und die Worte einfach, federleicht und zugleich von enormer emotionaler Echoreichweite. Diese wunderbar unaufgeregte, berührende Bilderbuchmeditation über Leben und Tod empfiehlt sich für kindliche und erwachsene Leser gleichermaßen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: http://www.kunstmann.de/titel-0-0/ente_tod_und_tulpe-529/
und zur Leseprobe: http://www.book2look.com/vBook.aspx?id=978-3-88897-461-8

PS:
Es mag kleine und große Betrachter geben, die sich an der Darstellung des knöchernen Schädels stören oder diese gruselig finden. Ich denke, daß man dem Tod mit einer unniedlichen Darstellung angemessenen Respekt entgegenbringt und daß Kinder meist wesentlich unbefangener mit der knochigen Illustration umgehen als Erwachsene. Doch je nach kindlicher Angstschwelle oder Vorbelastung sollte man von diesem Buch entweder Abstand nehmen oder es zumindest fürsorglich begleitend anschauen.

 

Der Autor & Illustrator:

»Wolf Erlbruch, geboren 1948, war bis 2009 Professor für Illustration an der Bergischen Universität Wuppertal. 2017 erhielt Wolf Erlbruch als erster deutscher Künstler den renommierten Astrid Lindgren Memorial Award für sein Gesamtwerk. Zudem wurde er mit dem Gutenbergpreis der Stadt Leipzig, dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises sowie mit der Hans Christian Andersen Medaille ausgezeichnet.«

 

Querverweis:

Hier entlang zu weiteren Kinderbüchern zum Thema Tod und Trauer:

Erik und das Opa-Gespenst
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/ ‎
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Nur ein Tag
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Opa Meume und ich 
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/opa-meume-und-ich/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Wie lange dauert Traurigsein?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/03/wie-lange-dauert-traurigsein/

 

PPS:
Gerne reihe ich diese Bilderbuchbesprechung in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

Der rote Faden

  • 2. Oli-Band
  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Eve Tharlet
  • Text von Anne-Gaëlle Balpe
  • Deutsche Textbearbeitung von Bruno Hächler
  • Michael Neugebauer Edition  2014 www.minedition.com
  • 2. Auflage 2016
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 29,3 x 22 cm
  • 32 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-86566-185-2
  • ab 3 Jahren

GEBEN  UND  NEHMEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eines windigen Tages geht der Wichtel Oli spazieren. Er hält einen roten Wollfaden in der Hand, den er im Vorgängerbilderbuch „Der blaue Stein“  (siehe meine vorherige Besprechung https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/04/24/der-blaue-stein/ ) gefunden und sorgsam aufbewahrt hat. Im ersten Band zeigte sich Oli als ein kleiner Meister der Intuition, und im zweiten Band ist er ein kleiner Meister der Freigiebigkeit.

Der Wind reißt Oli den Faden aus der Hand und trägt ihn hoch in eine Baumkrone bis in das Nest eines Vogels. Der Vogel bedankt sich bei Oli für das perfekte Nestbaumaterial und schenkt dem Wichtel zwei Federn. Oli freut sich, daß der rote Faden für den Vogel nützlich ist, und geht weiter seines Weges.

Er trifft eine Ameise, die ein Boot braucht, um über den See nach Hause zu gelangen. Kurzerhand bastelt Oli aus den Federn ein Segelboot für die Ameise, die Oli ihrerseits zum Dank drei Samenkörner aus ihrer Sammlung schenkt.

Die Samenkörner verschenkt Oli an einen hungrigen Igel. Der Igel wiederum bietet Oli zum Dank etwas an, das von einem Baum heruntergeflogen ist und sich in seinen Stacheln verfangen hat.

Und das ist … na, schon erraten?

Es ist der rote Faden. Der Igel entschuldigt sich, daß er Oli nur so wenig zum Austausch anbieten könne, doch Oli sagt weise „Es ist viel mehr, als du glaubst…“

Schließlich stellt sich Oli lächelnd in den Wind und läßt den roten Faden wieder fliegen.

Im vorliegenden Bilderbuch wird der sich vervielfältigende Wert des Teilens und Weitergebens mit warmherzigen Illustrationen und einfühlsamen Worten anschaulich und kindgerecht in Szene gesetzt.

Als Nachhilfestunde in Gemeinwohlökonomie für Börsenmakler und Investmentbanker wird sich „Der rote Faden“ zwar eher nicht durchsetzen, aber vielleicht verhindert dieses Bilderbuch, daß Kinder Börsenmakler oder Investmentbanker werden wollen. Dann wäre für alle viel gewonnen …

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite, http://www.minedition.com/de/main.php?qs=der+rote+faden&sp=search
dort kann man es auch komplett virtuell und hörbar durchblättern:  http://www.minedition.com/de/book/300/

 

Die Autorin:

»Anne-Gaëlle Balpe wurde 1975 geboren und lebt in Paris. Schreiben ist ihre Leidenschaft. Die Bücher, die sie als Kind fasziniert haben, begleiten sie auch heute noch. Mit ihren eigenen Geschichten möchte sie Kindern diese Faszination, die sie selber erlebt hat, weitergeben.«

Die Illustratorin:

»Eve Tharlet ist Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt von ihren pfiffigen Märchen-Interpretationen und natürlich vom Erfolgskaninchen PAULI her bekannt. 1956 in Frankreich geboren, wuchs sie in Deutschland auf. Sie absolvierte ihre Studien an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg. Seit 1981 publiziert Eve Tharlet Bücher, für die sie diverse Auszeichnungen erhielt. Die Künstlerin lebt heute in Priziac, Frankreich.«

Querverweis:

Hier entlang zum 1. Oli-Band: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/04/24/der-blaue-stein/

Der blaue Stein

  • 1. Oli-Band
  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Eve Tharlet
  • Text von Anne-Gaëlle Balpe
  • Deutsche Textbearbeitung von Bruno Hächler
  • Michael Neugebauer Edition  2011 www.minedition.com
  • 3. Auflage 2016
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 22 x 29,3 cm
  • 32 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-86566-131-9
  • ab 3 Jahren

S T E I N R E I C H

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der blaue Stein“ ist ein Bilderbuch der leisen Töne; es vermittelt einfühlsam, daß es sich lohnt, der eigenen Intuition zu folgen.

Der Wichtel Oli findet einen blauen Kieselstein. Fasziniert vom intensiven Blauton des Steines trägt er ihn während seines Waldspazierganges mit sich herum.

Unterwegs trifft Oli ein Wildschwein, das ihn fragt, was er denn mit dem Stein anfangen wolle, der sei doch nutzlos und gehörte weggeworfen. Doch Oli behält den Kieselstein und entgegnet, daß er sich sicher sei, diesen Stein noch brauchen zu können.

Auf dem weiteren Weg begegnet er einem Wolf und drei Zwergen. Alle finden den Stein nutzlos und wollen ihn Oli ausreden. Doch Oli bleibt sich treu und behält den schönen Kieselstein.

Oli wandert weiter und entdeckt ein kleines, weinendes Mädchen mit einer rothaarigen Puppe. Freundlich erkundigt sich Oli nach dem Kummer des Mädchens. Daraufhin zeigt sie ihm ihre Puppe, der ein Auge fehlt, und erzählt ihm, daß ihr alle sagten, sie solle doch die kaputte Puppe fortwerfen.

Zufällig hat Olis Kieselstein genau die richtige Farbe und Größe und paßt perfekt als Ersatzauge in die Puppe. Das Mädchen freut sich, weil ihre Puppe wieder ganz ist, und Oli freut sich, weil er immer schon gewußt hat, daß der Stein nicht nutzlos sei.

Fröhlich winkend verabschieden sich die beiden voneinander, und Oli hebt einen roten Wollfaden auf, den die Puppe aus ihrem Haar verloren hat … Dieser rote Faden wird im  zweiten Bilderbuch mit den kleinen Oli noch eine tragende Rolle spielen.

Die zarten, aquarellierten Illustrationen greifen mit ihren unaufdringlichen, durchscheinenden Farbtönen den behutsamen Tonfall des Erzähltextes harmonisch auf.

Der Wichtel Oli folgt unbeirrbar seiner inneren Stimme und läßt sich von den äußeren Stimmen, die seiner Wertschätzung für den blauen Stein widersprechen, nicht umstimmen. Damit ist ein Vorbild, das nicht nur Kindern wohltut.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite, http://www.minedition.com/de/main.php?qs=der+blaue+stein&sp=search
dort kann man das Bilderbuch auch komplett virtuell und hörbar durchblättern:
http://www.minedition.com/de/book/185/

 

Die Autorin:

»Anne-Gaëlle Balpe wurde 1975 geboren und lebt in Paris. Schreiben ist ihre Leidenschaft. Die Bücher, die sie als Kind fasziniert haben, begleiten sie auch heute noch. Mit ihren eigenen Geschichten möchte sie Kindern diese Faszination, die sie selber erlebt hat, weitergeben.«

Die Illustratorin:

»Eve Tharlet ist Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt von ihren pfiffigen Märchen-Interpretationen und natürlich vom Erfolgskaninchen PAULI her bekannt. 1956 in Frankreich geboren, wuchs sie in Deutschland auf. Sie absolvierte ihre Studien an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg. Seit 1981 publiziert Eve Tharlet Bücher, für die sie diverse Auszeichnungen erhielt. Die Künstlerin lebt heute in Priziac, Frankreich.«

 

Der Streik der Farben

  • Illustrationen von Oliver Jeffers
  • Text von Drew Daywalt
  • Originaltitel: »The Day the Crayons Quit«
  • Übersetzung ins Deutsche: Anna Schaub
  • Handschrift: Kris Di Giacomo
  • NordSüd Verlag   2016   www.nord-sued.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig illustriert
  • 40 Seiten
  • Format: 25,4 x 25,4 cm
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10359-9
  • ab 4 Jahren

F A R B T Ö N E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Streik der Farben“ ist ein witziges Bilderbuch für malfreudige Kinder, das konventionelle Farbzuordnungen spielerisch in Frage stellt und zu freifließender Farbenfreude anregt.

Duncan greift vergebens in seine Schachtel mit Farbstiften. Die Farbstifte streiken und haben ihm einen Stapel Briefe mit ihren Klagen und Wünschen hinterlassen.

Der rote Farbstift ist überarbeitet, er muß nicht nur alle Feuerwehrautos und roten Obstsorten malen, sondern auch noch an Feiertagen Nikoläuse und Herzen.

Die Farbe Lila ist zwar ganz zufrieden damit, für Weintrauben und Zauberwesen eingesetzt zu werden, aber Duncan sollte wirklich mehr Mühe darauf verwenden, ordentlich innerhalb der Randlinien zu bleiben und nicht unachtsam darüber hinaus zu kritzeln.

Beige fühlt sich sehr vernachlässigt und gegenüber Braun ungerecht behandelt. Beige will auch Bären, Ponys und Hunde malen und nicht bloß Getreidehalme.

Illustration von Oliver Jeffers © Nord Süd Verlag 2016

Der graue Stift ist übermüdet vom vielen Elefantenmalen. Ob Duncan denn nicht gelegentlich kleinere Tiere oder Kieselsteine mit ihm malen könne?

Die Farbe Grün ist ausgesprochen zufrieden und dankbar, daß Duncan sie immer für Bäume, Krokodile, Dinosaurier und Frösche wählt. Doch sie weist Duncan darauf hin, daß er dringend den Streit zwischen Gelb und Orange schlichten müsse; beide Farben bestehen nämlich darauf, die wahre Farbe der Sonne zu sein. Keine Frage, daß sich Gelb und Orange in ihren jeweiligen Briefen ziemlich selbstgefällig dazu äußern.

Die Farbe Blau hat es als Duncans langjährige Lieblingsfarbe auch nicht leicht. Nach all den Meeren, Flüssen und Regenwolken ist sie schon ganz kurz und stummelig geworden und braucht dringend eine Pause.

Schwarz und Weiß sowie Pink und Rosa kommen auch noch ausführlich zu Wort …

Duncan beherzigt die Hinweise seiner Farbstifte, und sein nächstes Bild zeugt von einem ganz anderen Umgang mit Farben: Es ist himmelgrün, grasblau, regenbogenschwarz, flugzeugrosa, walorange, katzenweiß usw. …

Auf jeder Doppelseite befinden sich ein Brief und die dazugehörige Farb- zeichnung. Die Briefe sind in einer leserlichen Krickelkrakel-Handschrift auf knitterige, faksimilierte Blätter geschrieben. Die Zeichnungen sowie das lebhaft-personalisierte Aussehen des jeweiligen Farbstiftes spiegeln anschaulich das vorgebrachte Anliegen wider.

Die Ausführung der Bilder ist so kindlich-echt, daß es wirkliche Kinder- zeichnungen sein könnten. Oliver Jeffers‘ gekonnt-amateurhafter Malstil eignet sich gut für den Protest der Farbstifte gegen die farbklischeehafte Motivmonotonie und dürfte für Kinder eine vorbildliche Ermutigung zu mehr künstlerischer Gestaltungsfreiheit beim Malen und Zeichnen sein.

„Der Streik der Farben“ bietet zudem spielerische Anregungen für den Kunstunterricht in Grundschulen und vor allem für die Erweiterung des kindlichen Farbhorizontes.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.nord-sued.com/programm/index.asp
Hier entlang zur Leseprobe:
http://www.book2look.com/book/3sMZ12dFsc

Der Autor:

»Drew Daywalt, geboren 1970, ist ein amerikanischer Filmemacher, der vor allem für Fantasy- und Horrorfilme bekannt ist. Zusammen mit Oliver Jeffers hat er mit The Day the Crayons Quit einen enormen Erfolg erzielt.«

Der Illustrator:

»Oliver Jeffers, geboren 1977, studierte in Ulster an der School of Art and Design. Er hat weltweit ausgestellt und bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise gewonnen. Heute lebt er in Brooklyn.«

Wazn Teez?

  • von Carson Ellis
  • Bilderbuch
  • Deutsche Textfassung von
  • Jess Jochimsen und Anja Schöne
  • Originaltitel: »Du Iz Tak«
  • Nord Süd Verlag  Januar 2017   http://www.nord-sued.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 24,8 x 30 cm
  • 48 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10386-5
  • ab 5 Jahren

AN  MIROBELLI  FREUENSCHUH
oder: Insektenparlando

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses ganz besonders phantasiebegabte Bilderbuch ist etwas für sprachliche Feinschmecker, detailverliebte Betrachter und naturverbundene Träumer.

Die amerikanische Illustratorin Carson Ellis hat sich für ihre Bilderbuch- geschichte eine Phantasiesprache ausgedacht, und Jess Jochimsen und Anja Schöne haben diese Kunstsprache ins Phantasiedeutsche „übersetzt“.

Den Bildern kann man zwar auch ohne Text ihre Erzählung ablesen, aber die kleinen Dialoge zwischen den beteiligten Figuren haben natürlich ihren ganz eigenen Reiz, weil man sie sich erst einmal – am besten ausgesprochen-lautmalerisch – aus dem Kontext des Bilderbuchbühnenbildes entschlüsseln muß.

Da wächst ein kleiner grüner Keim aus der Erde und drei Käfer schauen fragend in die Runde: „Wazn teez?“ Ein Käfer antwortet: „Mi mori an Plumpse.“ Und ein anderer fragt: „Wazn fümma Plumpse?“ Und die Antwort darauf lautet: „Mi nanüt.“

Illustration von Carson Ellis © Nord Süd Verlag 2017

Der Keimling wächst in die Höhe, bildet Blätter und Sproßachsen. Die drei Entdecker brauchen „an Sprossel“, um an der Pflanze hochzuklettern. Sie fragen bei der im nahegelegenen Baumstamm wohnenden Larve nach und bekommen von ihr die gewünschte Leiter geliehen.

Von Seite zu Seite wächst die Pflanze; nachts wird sie vom Mond beschienen und von einem Grillenkavalier mit Geigenmelodien erfrischt. Die drei Käferknirpse bauen mit großem Eifer eine Baumhausfestung, die sich über zwei Pflanzenetagen erstreckt.

Illustration von Carson Ellis © Nord Süd Verlag 2017

Doch als eine riesige Spinne diesen Abenteuerspielplatz mit ihrem Netz besetzt, fliehen die Insekten empört und lassen traurig ihre Fühler hängen. Ein vorüberfliegender Vogel schnappt sich die dicke Spinne und beendet die achtbeinige Invasion.

Erleichtert atmen die Käfer und ihre Nachbarinsekten auf. Die Käfer entfernen fein säuberlich die Reste des Spinnennetzes und spielen wieder in ihrer Festung. Die Pflanze wächst und entfaltet im Sommer eine wunderschöne Blüte. Nun endlich erkennen alle Insekten, daß es sich um „an mirobelli Freuenschuh“ handelt, und sie freuen sich offensichtlich sehr darüber.

Der Herbst kommt, die Blüte welkt, der Winter naht, die vergilbte Pflanze neigt sich samt aufgelöster Festung der Erde zu, die Insekten ziehen sich Schals und Mützen an und verabschieden sich in den Winterschlaf.

Schnee bedeckt den verstummten Schauplatz. Im nächsten Frühjahr schmilzt der Schnee, und viele, viele grüne Keimsprößlinge lugen vorwitzig aus der Erde. So kommt ein neues Jahr in Schwung …

Die Zeichnungen von Carson Ellis sind sehr detailreich; neben den drei käferigen Hauptfiguren tummeln sich diverse Insekten (Ameisen, Libellen, Fliegen, Raupen, Larven, Schmetterlinge …), zwei Schnecken und ein Salamander in der Szenerie. Die feingezeichneten, individualisierten Insekten tragen wahlweise Schühchen, Schals, Mützen, Hüte, Brillen, Handtaschen oder Spazierstöcke. Die Illustrationen vermitteln einen zärtlich-neckischen Blick auf Krabbeltiere.

Bei aller Verspieltheit ist gleichwohl der Verlauf der Jahreszeiten an den natürlichen Veränderungen des Ortes sehr präzise ablesbar. Hier wird die kindliche Aufmerksamkeit in wortwörtlich vielerlei Hinsicht angeregt und gefördert. In diesem Bilderbuch gibt es viel zu entdecken und zu entschlüsseln.

Als Bilderbuchvorleser hat man – zur angenehmen Abwechslung vom leichten Vorleseeinerlei – eine deutlich achtsamere  Vorlesekonzentration zu meistern. Man kann sich ausgiebig und wiederholt damit beschäftigen und vergnüglich an der Übersetzung der Phantasiesprache herumpuzzeln. Kinder werden diese „Fremdsprache“ witzig finden und sie bei entsprechender Neigung vielleicht sogar gerne weiterspinnen und mit eigenen Worterfindungen anreichern.

Also, machen Sie sich schon mal auf unerhörte „mirobellische“, wortspielerische Nebenwirkungen gefaßt!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.nord-sued.com/programm/index.asp

Hier entlang zur Leseprobe:
http://www.book2look.com/book/fJUUUMoNBp

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Carson Ellis, geboren 1975, lebt mit ihrem Mann, dem Folkmusiker Colin Meloy, in Portland. Mit ihm zusammen hat sie die Trilogie „Wildwood Chronicles“ veröffentlicht. Bei Nord-Süd erschien bereits ihr erstes, viel gelobtes Bilderbuch „Zuhause“. «

Die Übersetzer:

»Jess Jochimsen, 1970 in München geboren, lebt als Autor und Kabarettist in Freiburg. Seit 1992 tritt er auf allen bekannten deutschsprachigen Bühnen auf. Im Frühjahr 2017 erscheint bei DTV sein neuer Roman „Abschlussball“.«

»Anja Schöne, 1978 in Krefeld geboren, ist als Theaterregisseurin und Autorin tätig.«

 

böse

  • Bilderbuch
  • Text: Lorenz Pauli
  • Illustration: Kathrin Schärer
  • Atlantis Verlag September 2016  www.atlantis-verlag.ch
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 23,6 cm x 28,5 cm
  • 32 Seiten
  • 14,95 € (D), 15,40 € (A), 24,90 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0720-9
  • ab 4 Jahren
    0720_Schaerer_Boese_Cover_Z.indd

EINE  GUTE  BÖSE  TAT

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das ist nun mal ein ganz anderes Bauernhof-Bilderbuchszenario. Hier wird mit einer völlig überraschenden Wendung eine perspektivische Vermessung von Gut und Böse vorgenommen.

Eine kleine hungrige Maus hockt versteckt im Stroh. Ziege, Hund, Taube, Pferd, Katze und Schweine plaudern miteinander und erzählen sich ein wenig selbstgefällig, wie lieb und brav sie sind und welche kleinen Bosheiten sie sich gelegentlich erlauben.

So erschreckt der Hund ab und an gerne den stolzen Hahn, die Ziege vergreift sich verfressen an den Gartenblumen, die Taube läßt gezielt einen Taubendreck auf den Hut des Bauern fallen usw. Alle Tiere finden das amüsant und tolerabel.

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Aus: böse © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

Gerade in dem Augenblick, als die Katze sich gegenüber dem braven Pferd mit dem Erzählen vordrängelt, traut sich die Maus aus dem Strohversteck heraus und nähert sich einigen Körnern, die in der Nähe des Pferdes auf dem Boden liegen. Die Katze schweigt und schleicht sich an die Maus heran, alle Tiere schauen wie gebannt auf die Katze, die schon zum Jagdsprung ansetzt.

„KLACK tritt das Pferd auf die Maus.“ Sogleich äußern sich die Tiere entsetzt über diese böse Gemeinheit. Die Katze zieht sich eingeschüchtert zurück und trollt sich.

Der Hund fragt, warum das Pferd die Maus zertreten habe. Das Pferd antwortet, es habe der Katze eine Lektion erteilen wollen, die aus bloßer Langeweile Mäuse jage, obwohl sie doch ihr Futter vom Bauern bekäme.

Dann hebt das Pferd vorsichtig den Vorderhuf, und die unversehrte Maus, die bequem unter dem Hufeisen Platz gefunden hatte, kommt zum Vorschein und bedankt sich. Ganz leise, damit die Katze nichts davon bemerkt, lachen alle Tiere über diese „liebste Gemeinheit der Welt.“

 

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Aus: böse © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

 

Lorenz Pauli erzählt diese hintersinnige Geschichte in kurzen, konzentrierten Sätzen mit lebhaften Dialogen in direkter Rede und mit spannender, bühnenreifer Dramaturgie. Die Illustrationen von Kathrin Schärer geben den dargestellten Tieren einen bewundernswert vielfältigen mimischen und körpersprachlichen Gefühlsausdruck.

„böse“ ist ein in mehrerer Hinsicht sehenswertes und bedenkenswertes Bilderbuch, das Kindern zeigt, daß Gut und Böse nicht immer einfach und eindeutig zu erkennen sind, sondern aus verschiedenen Perspektiven ganz unterschiedliche Schattierungen und Bewertungen erfahren, die einfühlsames Hinterfragen erfordern.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://ofv.ch/kinderbuch/detail/b%c3%b6se/102781/

 

Der Autor:

»Lorenz Pauli wurde 1967 geboren. Irgendwann wurde er Kindergärtner. Viele Jahre arbeitete und lachte er mit den Kindern. Dann wurden die Tage zu kurz, und nun lacht er nur noch: Vor seiner Tastatur und beim Erzählen auf der Bühne. 2012 stand Lorenz Pauli auf der IBBY-Honour-List für seinen Text »Oma Emma Mama« (2010, Atlantis). „Pass auf mich auf!“ (Pauli/Zedelius, 2015, Atlantis) war nominiert für den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis 2015. Pauli lebt mit seiner Familie in Bern. Mehr über ihn, seine Bibliografie und seine Auftritte auf seiner Webseite: http://www.mupf.ch «

Die Illustratorin:

»Kathrin Schärer, geboren 1969 in Basel, studierte Zeichen- und Werklehrerin an der Hochschule für Gestaltung Basel. Sie unterrichtet an einer Sprachheilschule und arbeitet als Illustratorin. Wiederholt hat sie eigene Texte illustriert und in langjähriger Zusammenarbeit und mit großem Erfolg Geschichten von Lorenz Pauli. Für ihr Gesamtwerk war Kathrin Schärer für den Hans-Christian-Andersen-Preis 2012 und für den Astrid Lindgren Award 2014 nominiert. »Johanna im Zug« (2009, Atlantis) wurde 2011 mit dem Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis ausgezeichnet. Webseite: http://kathrinschaerer.ch/ «

Querverweis:

Hier entlang zu einer weiteren Kokreation von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer:
Rigo und Rosa https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/28/rigo-und-rosa/

Hier entlang zu Katrin Schärers Bilderbuch über den Tod:
Der Tod im Apfelbaum https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/

Der Nachtgärtner

  • von Terry Fan und Eric Fan
  • Originaltitel: »The Night Gardener«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Edmund Jacoby
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart    August 2016   www.jacobystuart.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 48 Seiten
  • Format: 21,6 x 30,5 cm
  • 14,95 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3-946593-03-4
  • ab 5 Jahren
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B L Ä T T E R T I E R E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses feine Bilderbuch mit seinem geheimnisvoll-märchenhaften Titelbild ist eine Einladung zum Träumen, und Träume sind bekanntlich ein guter Dünger nicht nur für Nachtgärtner, sondern auch für die Gestaltungskräfte des eigenen Lebens.

Ein Baum, dessen Laubkrone zu einer weisen Eule geformt ist, ein kleiner Junge, der andächtig vor dem Eulenbaum steht, die ganze Szenerie eingetaucht in nächtlich-vollmondliche, kühle Grüntöne. Dazu die silbernen Lettern der Buchbeschriftung und eine angenehm griffige Papierqualität – das ist ein stilvoller und verheißungsvoller Bilderbucheinstieg.

William lebt in einem Waisenhaus in der ergrauten, angestaubten Kleinstadt Grimloch. Er sitzt auf einem abgesägten Baumstamm im Vorgarten dieses Waisenhauses und zeichnet mit einem Stock eine Eule in den Gartenboden. Unauffällig geht ein älterer Herr mit einer Leiter und einer großen Umhängetasche vorbei. Das einzig Auffällige an ihm ist ein grünes Blatt, das aus der Brusttasche seines Jacketts hervorlugt.

In der folgenden vollmonderleuchteten Nacht packt der ältere Herr seine Tasche aus, und wir bekommen ein Sortiment von Gartenscheren zu sehen, die er sorgfältig prüft. Seine Leiter steht bereits angelehnt an einem Baum. Auf der folgenden Bilderbuchseite erkennen wir, daß er an einem der großen Bäume im Garten des Waisenhauses arbeitet.

Am nächsten Morgen entdeckt William den Baum, dessen Krone sich in die Gestalt einer Eule verwandelt hat. William ist völlig hingerissen und kann sich kaum sattsehen; er spürt, daß dies der Anfang einer weitreichenden, erfreulichen Lebensveränderung ist.

Jeden Tag finden sich neue in Tierskulpturen umgestaltete Baumkronen: eine Katze, ein Kaninchen, ein Papagei und sogar ein kleiner Elefant. William ist nicht der einzige, der aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Viele Menschen bewundern die Baumkunstwerke, und nach und nach wird die Welt farbenfroher und die Stadtbewohner mitteilsamer. Die Menschen lächeln, plaudern, tragen bunte Kleidung – kurz: Die Stimmung wird einfach besser.

Als der geheimnisvolle Nachtgärtner sein Meisterwerk – einen Drachen aus zwei miteinander verbundenen Baumkronen – geschaffen hat, feiern die Bewohner von Grimloch ein ausgedehntes Freudenfest. So geschieht es, daß sich auch William erst weit nach Sonnenuntergang auf den Heimweg macht, und dabei beobachtet er einen älteren Herrn, der eine Leiter auf der Schulter trägt. William schöpft Verdacht und folgt dem Herrn, der auf dem Weg zum Stadtpark ist. Freundlich wendet er sich William zu und sagt, daß er angesichts der vielen Bäume im Park gut und gerne ein wenig Unterstützung brauchen könne.

Die ganze Nacht arbeitet William nun mit dem Nachtgärtner an der Verwandlung der Baumkronen in vielerlei Tiergestalten. William schläft schließlich erschöpft ein, und der Nachtgärtner setzt ihn behutsam am Fuße eines Baumstammes ab. Als William von den fröhlichen Stimmen der Kinder, die mit ihren Eltern durch den Park spazieren, erwacht, findet er eine Gartenschere, an deren Griff ein Schildchen hängt: „Für William“.

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Illustration von Terry Fan © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2016

Im Herbst lösen sich die Tiergestalten mit dem Fallen der Blätter auf, und im Winter ist den kahlen Baumstämmen nicht mehr anzusehen, welche Blättertierverkleidung sie im Sommer trugen. Gleichwohl ist die ganze Stadt nachhaltig verwandelt, das emotionale Klima freundlicher, und William tritt im nächsten Sommer mit dem größten Vergnügen sein geheimes Erbe als Nachtgärtner an …

In diesem Buch wird fast alles von den feingezeichneten, atmosphärischen Bildern erzählt. Der leise Text erscheint beiläufig, gibt kleine Hinweise in einfachen Worten, die mehr andeuten als ausplaudern, und dies paßt schön zu den ausdrucksstarken Bildern, die sehr gut und traumzauberhaft für sich selbst sprechen.

Im Bilderbuch „Der Nachtgärtner“ zeigt sich anschaulich die Überwindung von Trübsinn und Einsamkeit durch die Schönheit der Natur und die Gestaltungskraft des Träumens. Sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ist dies ein lobenswerter und schöner Hinweis auf die Macht der Selbstwirksamkeit bei Alltäglichkeiten und Wundern.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/neuerscheinungen/der-nacht-gaertner/

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Eric Fan ist ein Künstler und Schriftsteller, der in Toronto, Kanada, lebt. Er studierte Illustration, Bildhauerei und Film am Ontario College of Art and Design. Er hat ein ausgesprochenes Faible für mechanische Uhrwerke und unmögliche Träume.«
Mehr auf: http://www.krop.com/opifan64/

»Terry Fan hat am Ontario College of Art and Design in Toronto, Kanada, seine Ausbildung erhalten. Seine Kunst ist eine Mischung aus traditionellen Tusche- oder Graphitzeichnungen und digitaler Technik. Er verbringt seine Tage und Nächte damit, magische Illustrationen zu kreieren.«
Mehr auf: http://www.krop.com/terryfan/#/

 

In einer weißen Winternacht

  • Bilderbuch
  • Text von Jean E. Pendziwol
  • Illustrationen von Isabelle Arsenault
  • Originaltitel: »Once upon a Northern Night«
  • Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Elbe
  • Verlag Freies Geistesleben  August 2016  www.geistesleben.com
  • 32 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 22,2 x 27,3 cm
  • 14,90 € (D)
  • ISBN 978-3-7725-2682-4
  • ab 4 Jahren
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EISBLUMENFEIN  UND  SCHNEEFLOCKENZART

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein Atemwölkchenhauch von einem Bilderbuch …

Die Erzählerin, Jean E. Pendziwol, malt mit inniger Zärtlichkeit das Bild einer Winternacht für ein schlafendes Kind.

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Illustration von Isabelle Arsenault © Verlag Freies Geistesleben 2016

Die Zeile „In einer weißen Winternacht“ leitet jede neue Szenerie ein und führt uns aus dem Haus in den Garten und den angrenzenden Wald.  Leise fällt der Schnee und hüllt Landschaft und Bäume in glitzerndes Weiß. Langsam füllt sich diese Leinwand aus Schnee mit Leben und Lebensspuren.

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Illustration von Isabelle Arsenault © Verlag Freies Geistesleben 2016

Rehe naschen Äpfel, die am Baum verblieben sind, eine Eule fliegt vorüber – leiser noch als Schnee, zwei Hasen spielen Nachlaufen und verstecken sich vor dem Fuchs, eine kleine Maus mit großen Ohren findet verstreute Körnchen unterm Vogelfutterhaus, die Schneewolken verschwinden und machen  funkelnden Sternen Platz, Nordlichter verfarbzaubern den Himmel, Eisblumen wachsen am Fenster und Mondlicht küßt das schlafende Kind.

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Illustration von Isabelle Arsenault © Verlag Freies Geistesleben 2016

Was Jean E. Pendziwol mit filigranem Textgewebe und poetisch sanft hingetupften wenigen Worten malt, wird von der Illustratorin Isabelle Arsenault mit ausdrucksvollem Minimalismus und winterschläfrig-reduzierter Farbpalette in eine traumwandlerische, verspielt-magische Bildersprache übersetzt.

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Illustration von Isabelle Arsenault © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

Die stille Eindringlichkeit und Harmonie von Text und Bild stimmen den lesenden Betrachter geradezu meditativ auf die Winterjahreszeit ein.

„In einer weißen Winternacht“ ist ebenso eine Liebeserklärung an den Winter wie eine leise, leise, leise Gutenachtgeschichte – für Kinder und Vorleser, die für den Atem zwischen den Zeilen empfänglich sind.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://trapped.geistesleben.de/buecher/9783772526824/in-einer-weissen-winternacht

 

Die Autorin:

»Jean E. Pendziwol, 1965 in Thunder Bay, Ontario geboren, ist für ihre Geschichten mehrfach ausgezeichnet worden, und ihre Bilderbücher erhalten regelmäßig einen Platz auf den Auswahllisten für Buchpreise. Im kanadischen Groundwood Verlag sind unter anderem die beiden von Nicolas Debon illustrierten Bände Dawn Watch und The Red Sash sowie Marja’s Skis erschienen. Jean E. Pendziwol lebt mit ihrer Familie in Thunder Bay am Oberen See. Die imposante Landschaft des nördlichen Ontario ist eine wichtige Inspirationsquelle für sie. «
http://www.jeanependziwol.com

Die Illustratorin:

»Isabelle Arsenault, 1978 in Sept-Iles, Québec, geboren, zählt zu den renommiertesten Kinderbuchillustratorinnen Kanadas. Dreimal wurde sie mit dem kanadischen Governor General’s Literary Award ausgezeichnet. Wiederholt wurden ihre Bücher von der New York Times auf die Liste der 10 besten illustrierten Bücher gesetzt. Isabelle Arsenault lebt mit ihrer Familie in Montréal.«
http://www.isabellearsenault.com

 

 

 

 

 

Die Katze, der Hund, Rotkäppchen, die explodierenden Eier, der Wolf und Omas Kleiderschrank

  • Bilderbuch
  • von Diane und Christyan Fox
  • Originaltitel: »The Cat, the Dog, Little Red, the Exploding Eggs, the Wolf and Grandma’s Wardrobe«
  • Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
  • Verlag Freies Geistesleben Februar 2016  http://www.geistesleben.com
  • gebunden. Fadenheftung
  • 32 Seiten
  • Format: 24,5 x 28 cm
  • 15,90 € (D), 16,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7725-2791-3
  • ab 5 Jahren
    9783772527913

S U P E R R O T K Ä P P C H E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es war einmal, eine Katze, die einem Hund das Märchen vom Rotkäppchen vorlesen wollte. Der Hund war zwar ganz Ohr, aber auch ziemlich vorlaut, und unterbrach die Märchenstunde immer wieder, um Zwischenfragen zur Handlung zu stellen, die Charaktereigenschaften der Märchenfiguren zu kommentieren und eigene Ideen in die Geschichte zu schmuggeln.

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

Satz für Satz mußte die Katze die Unwissenheit, den abenteuerlichen Übermut und die eigenwilligen Interpretationen des Hundes korrigieren. So wußte der Hund nicht einmal, was Zuckerwerk sei; er unterstellte dem Rotkäppchen einerseits allerlei Superkräfte, wie beispielsweise einen „Laser der Liebenswürdigkeit“, und andererseits hielt er es für ein bißchen dumm, da es den Wolf nicht als Wolf erkannte, nur weil er die Kleidung der Großmutter angezogen hatte. Schließlich bekam der Hund sogar Mitleid mit dem bösen Wolf und fragte ernsthaft, ob sich die Katze sicher wäre, daß dies ein Kinderbuch sei.

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Illustration & Text von Diane und Christyan Fox © Verlag Freies Geistesleben 2016

 

Die Katze wurde von Unterbrechung zu Unterbrechung, von Mißverständnis zu Mißverständnis und von Zwischenfrage zu Zwischenfrage immer ungehaltener und pfefferte dem Hund schließlich das Märchenbuch an den Kopf; sollte er sich doch selbst ein Buch zum Lesen aussuchen …

Hier wird das gute alte Rotkäppchen mal so richtig aufgemischt, skeptischer Hinterfragung und den Einflüssen einer eigenwillig, action-betonten Perspektive ausgesetzt. Das Ergebnis ist ein witziges, originelles Bilderbuch, in dem die Beziehungsdynamik zwischen Hund und Katze, bzw. zwischen Vorlesegeber und Vorlesenehmer die Hauptrolle spielt.

Das sprachliche Niveau ist, abgesehen von den Märchenzitaten, flapsig-umgangssprachlich und dient wohl kaum der Verfeinerung des kindlichen Sprachvermögens. Gleichwohl dient diese Umgangssprachlichkeit als sprachspielerisches Kontrastmittel durchaus der Unterhaltsamkeit des Textes.

Die comicartigen Zeichnungen und die temperamentvolle Dialogstruktur des Textes bieten ein amüsant-skurriles Vorlesevergnügen mit lustigen, metafiktiven Details, die nebenbei bemerkt, sogar schon auf den Vorsatzblattseiten beginnen. Dort nämlich tauchen Hund und Katze bereits auf, und die Katze erklärt dem Hund, was das Vorsatzpapier sei.

Schließlich kann man gar nicht früh genug vermitteln, daß Lesen bildet; und wenn das, wie im vorliegenden Bilderbuch, auch noch mit Spaß und unmittelbarer Anschaulichkeit verbunden ist, umso besser.

Und wenn Sie nicht andauernd unterbrochen werden, so vorlesen Sie noch heute …

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Diane und Christyan Fox haben in den vergangenen 26 Jahren schon mehr als 40 Kinderbücher gemeinsam gestaltet. Christyan hat darüber hinaus noch 37 weitere Bücher verschiedener Autoren illustriert. Nach ihrem gemeinsamen Graphic Design-Studium an der Universität Middlesex verfolgte zunächst jeder für sich seine Karriere, bis sie herausfanden, wie gut sie zusammenarbeiteten. Sie leben mit ihren drei Kindern in der Nähe von London.«

Querverweise:

Hier findet sich noch eine weitere – leicht ernährungslehrhafte – Rotkäppchenvariation:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/26/der-liebste-wolf-der-welt/

Und hier ein sehr unkonventionelles und ausgesprochen ungezogenesRotkäppchen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/30/rotkaeppchen-hat-keine-lust/