Manolito

  • Ein fantastischer Märchen-Roman
  • von Friedrich Hechelmann
  • Knesebeck Verlag September 2017   www.knesebeck-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • Format: 19,5 x 23,00 cm
  • 176 Seiten
  • mit 10 schwarzweißen Abbildungen
  • und 30 farbigen Abbildungen
  • ISBN 978-3-95728-060-2
  • 29,95 € (D), 30,80 € (A)
  • ab 10 Jahren

LE B E N S K R Ä F T E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Friedrich Hechelmann ist Maler und Buchillustrator, und er hat für das vorliegende Buch nicht nur zum Pinsel, sondern auch selbst zur Feder gegriffen. Achtsame Liebe zur Natur, Ehrfurcht vor der Schöpfung und eine naturmagisch-poetische Perspektive lassen sich an seinen Bildern ablesen.

Mit seinem Märchen-Roman-Debüt „Manolito“ erzählt Friedrich Hechelmann in Wort und Bild ein modernes Märchen über die Bedrohung der Natur und des Lebens durch menschliche Herzenskälte und Profitgier und über eine mögliche Bewußtseinswende durch heilsame, naturgeistige Lebenskräfte.

Knuth Rabenhorst arbeitet in einem wissenschaftlichen Versuchslabor der Pharma-industrie und führt gehorsam die verlangten Versuche an den „Probanden“ durch. Des Nachts meldet sich bei ihm jedoch angesichts der Qualen der Versuchskaninchen immer häufiger das Gewissen, denn eigentlich ist Knuth ein empfindsamer Mensch – so pflegt er beispielsweise eine Fütter-Freundschaft mit einem dem Raben Kasimir, der ihn regelmäßig auf seinem Balkon besucht.

Doch erst als Knuth seine Anstellung verliert, kommt er ernsthaft  zur Besinnung. In seiner Labor-Kitteltasche findet er den heimlich entflohenen Probanden Nr. 226. Nr. 226 ist nur kichererbsenklein, er hat eine menschliche Gestalt und fleht Knuth an, ihn nicht wieder in das schreckliche Labor zurückzubringen. Knuth läßt endlich sein Mitgefühl zu und verspricht Nr. 226 Schutz und Hilfe und gibt ihm den Namen „Manolito“.

Manolito freut sich, daß er keine Nummer mehr ist, und Knuth freut sich über die anre-gende Gesellschaft Manolitos. Sie diskutieren lebhaft das menschliche, lebensfeindliche Verhalten gegenüber den natürlichen Geschöpfen, und Knuth überlegt sich berufliche Alternativen, da er sich an diesem Zerstörungswerk nicht mehr beteiligen mag.

Während sich Knuth auf Arbeitssuche begibt, erkundet Manolito sein neues Zuhause und freundet sich mit der Hausspinne Liesa und dem Raben Kasimir an. Manolito ist die körperliche Miniaturausgabe eines Menschen, indes hat er die Seele eines Elfen, und deshalb kann er mit allen Tieren sprechen. So erfährt er auch, daß sich immer mehr Tiere auf den geheimen Kontinent Aronia zurückziehen, um der menschlichen Grausamkeit und den durch Umweltverschmutzung lebensverarmten und zerstörten Lebensräumen zu entkommen.

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

Der Zugang nach Aronia wurde vor vielen Jahrtausenden von den Elfen hinter einer für Menschen unsichtbaren Wasserwand verborgen. Tiere finden den Weg nach Aronia jedoch instinktiv, und die wenigen Elfen, die noch als Botschafter in der Menschenwelt unterwegs sind, haben selbstverständlich ebenfalls leichten Zugang. Und so landet Manolito nach einer dramatischen Wende unvermittelt in Aronia.

Die Hummelkönigin Klara nimmt Manolito als Flugpassagier auf und zeigt ihm die wilden, menschenleeren Landschaften Aronias, in denen außer den noch in der Menschenwelt existierenden Tieren auch ausgestorbene Tiere und fast vergessene Fabelwesen leben und wirken. Im Herzen Aronias liegt der Elfenwald. Dort erfährt Manolito mehr über seine Herkunft und seine Bestimmung, und er bekommt ein wertvolles Geschenk, das ihm bei der Erfüllung seiner Aufgabe dienlich sein wird.

So groß, weitläufig und verborgen Aronia auch ist, es ist nicht unverwundbar. Die menschliche Gier nach Bodenschätzen unterhöhlt buchstäblich auch dieses Refugium, und es besteht die akute Gefahr, daß Aronias Schutzschleier gelüftet wird. Aronia benötigt elementare Unterstützung, um sich gegen einen Angriff und eine drohende Invasion der Menschen zu verteidigen.

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

Der Zentrale Rat der Vereinigten Arten Aronias beauftragt Manolito, die Hummelkönigin Klara, die Grasmücke Mathilde, die Fledermaus Philomena und weitere tierische Ver-bündete zum Meister des Windes zu reisen und um seine Unterstützung zu bitten. Die Bewohner Aronias werden ihr Refugium nicht kampflos den „Paarfüßlern“ – so werden die Menschen von den Tieren genannt – überlassen.

Es wird eine sehr abenteuerliche Reise mit harten Bewährungsproben und mit unverhofft-hilfreichen und inspirierenden Begegnungen. So weiß beispielsweise der Delphin Ody, der sie beim Überqueren des Meeres vor dem Ertrinken rettet, weitsichtige Worte über das Wasser zu sagen:

»Ich weiß es vom Wasser … Es hat die gesamte Geschichte der Erde und seiner Bewohner gespeichert. Dem Wasser kann man nichts vormachen. Was man dem Wasser antut, tut man sich selbst an. Bei Luft und Erde ist es dasselbe. Das haben die Paarfüßler nur bis heute nicht begriffen.« (Seite 111)

Die spannende, märchenhafte Handlungsinszenierung fügt sich wunderbar in die vielfältigen Landschaften, ja, eigentlich Seelenlandschaften, die Friedrich Hechelmann entwirft. Dabei eröffnet er einfühlsam Perspektiven der Tiere auf das Handeln der Menschen.

Die katastrophal-zerstörerischen Folgen lebensabgehobener Naturentfremdung werden deutlich formuliert, indes fehlt es keineswegs an weisen Anregungen zu einem Leben in naturachtsamer, wechselseitiger Verbundenheit.

Friedrich Hechelmanns phantastische Illustrationen bieten der Imagination des Lesers ein einladendes Bühnenbild voll geheimnisvoller Lebenstiefe und poetischer Vielschichtigkeit. Sein Erzählstil ist im Vergleich dazu schnörkellos und präzise sowie in den Dialogpassagen gelegentlich etwas schelmisch. Er benutzt klare Worte und kurze Sätze. „Manolito“ ist ein leseleichter, gleichwohl substanzieller und inspirierender Märchen-Roman für kleine und große Menschen, denen die Natur am Herzen liegt. Ich würde die Lesealtersangabe des Verlages dahingehend korrigieren, daß „Manolito“ eine Lektüre von 10 bis 100 Jahren ist.

Zum Ausklang lasse ich uns gerne die Hummelkönigin Klara ihre Vision ins Ohr summen:

»Ich wollte, die Menschen fänden zu ihrer Bestimmung zurück und gingen achtsam mit der Natur um, würden die Geschöpfe und alles, was lebt, bewahren und lieben. Die Erde wird auch dann kein Paradies sein. Solange der Planet um sich selbst und um die Sonne kreist, wird es Tag und Nacht geben. Jedes Ereignis, jedes Lebewesen wird eine dunkle und eine helle Seite haben. Aber im Kern jeden Lebewesens sollte der Respekt vor dem Geheimnis des Lebens stehen. Wenn es so weit ist, werden auch die Elfen ihre Isolation aufgeben und zu uns zurückkehren, zum Wohle aller.« (Seite 90)

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.knesebeck-verlag.de/manolito/t-1/594

Querverweis:

Hier entlang zu einer von Friedrich Hechelmann illustrierten Märchensammlung
Das Buch der Märchen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/01/28/das-buch-der-maerchen/

 

Der Autor und Illustrator:

»Friedrich Hechelmann wurde 1948 in Isny im Allgäu geboren. Er studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und zählt seither zu den bedeutendsten Malern des Realismus. In der Kunsthalle im Schloss Isny im Allgäu, wo er heute lebt und arbeitet, hat er einen besonderen Ort gefunden, den er durch großes Engagement zu einem kulturellen Zentrum verwandelt hat. In den mit großer Liebe zum Detail restaurierten Räumen des Schlosses stellt er seine Originalwerke aus, darunter auch Buchillustrationen. Denn Friedrich Hechelmann wurde auch als Illustrator zahlreicher Bücher populär, wie Michael Endes Momo (2009), Cornelia Funkes Die Geisterritter (2011) oder Selma Lagerlöfs Nils Holgersson (Knesebeck, 2013). Manolito ist der erste Roman des Künstlers.«
Besuchen Sie Friedrich Hechelmann auf seiner Webseite: www.hechelmann.de

 

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Ein Gentleman in Moskau

  • Roman
  • von Amor Towles
  • Originaltitel: »A Gentleman in Moscow«
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel
  • List Verlag  September 2017 www.list-verlag.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag
  • 560 Seiten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-471-35146-8

BROT  UND  SALZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Graf Alexander Iljitsch Rostov steht im Jahre 1922 in Moskau vor dem Notstandskomitee – angeklagt wegen des  „Verbrechens als Aristokrat geboren zu sein“. Da er in seiner Jugend einmal ein Gedicht verfaßt hat, das einen gewissen vorrevolutionären Geschmack aufweist, wird er nicht erschossen, sondern zu lebenslangem Hausarrest im Hotel Metropol, seinem derzeitigen Wohnsitz, verurteilt.

Begleitet von zwei Soldaten verläßt Rostov den Kreml, überquert den Roten Platz und bewegt sich zum Theaterplatz, an dem sich das Hotel Metropol mit Aussicht auf das Bolschoi-Theater befindet. Auf dem Weg in die Suite, die er schon seit vier Jahren bewohnt, grüßt er freundlich zugewandt die bei seinem Anblick verdutzt bis ungläubig blickenden Hotelangestellten.

Bei der Ankunft in seiner Suite wird er vom dort wartenden Hauptmann darüber informiert, daß er von nun an in einer der Dachkammern des Hotels zu wohnen habe und daß er jetzt seine persönlichen Gegenstände, soweit sie Platz dort fänden, auswählen solle, der Rest ginge ins Volkseigentum über. Besonnen sucht der Graf aus, was ihm aus praktischen und nostalgischen Gründen relevant erscheint, und richtet sich in den neun Quadratmetern seines neuen Heims ein.

Bevor er sich zum Schlafen niederlegt, bestimmt er die Tonhöhe der Bettfedern seines neuen Bettes – Gis – und erinnert sich an seine jugendlichen Reisewünsche und seine damalige Begeisterung für schmale Kojen und ihre sparsame, zweckmäßige Ausstattung – eine Betrachtungsweise, die ihn heiter stimmt und beispielhaft für des Grafen grundsätzliche Zuversicht und Lebenszugewandtheit steht.

Erst am nächsten Morgen, als er gewohnheitsmäßig seinen genüßlich-müßiggänge- rischen Tagesablauf plant, wird ihm so recht bewußt, daß sein eingeschränkter Bewegungsradius eine neue Tagesplanung erforderlich macht. Zunächst jedoch genießt er sein übliches Frühstück – eine Kanne Kaffee, zwei Haferkekse und ein wenig Obst nach der Saison – und nimmt dabei erfreut zur Kenntnis, daß der Hotelbursche, der sein Frühstück gebracht hat, sich sehr beeilt haben muß, da der Kaffee, trotz der um drei Treppenetagen verlängerten Wegstrecke, wohltemperiert ist.

Der Graf erinnert sich an den Rat seines Onkels, der besagt, „dass ein Mensch Herr seiner Umstände sein muss, wenn er nicht von ihnen beherrscht werden will…“ (Seite 43), und reflektiert über literarische Charaktere, die in Gefangenschaft geraten sind. Beim Vergleich mit Edmond Dantes, der von Rachegedanken motiviert wurde, bemerkt Rostov, daß Rache nicht sein Metier ist – da ist ihm Robinson Crusoe näher, der sich, um sein Überleben auf einer Insel zu sichern, einfach gründlich und vorausschauend um die praktischen Dinge des Lebens kümmert.

Nachdenklich betrachtet er sein vollgestelltes Kämmerchen und beschließt, seinen Besitz noch etwas weiter zu reduzieren, und verstaut überflüssige Dinge in einer der anderen leerstehenden Kammern des Dachbodens. Dann kümmert er sich um einige organisatorische Belange und bestellt per Brief feine Leinenbettwäsche, seine Lieblingsseife und ein Millefeuille. Diskret sei noch erwähnt, daß der Graf, dank der in den Beinen seines Schreibtisches verborgenen Geheimfächer, über einen gewissen Goldmünzenvorrat verfügt, der einige Jahrzehnte auskömmlichen Lebensstils erlaubt.

Um die Zeit bis zum Mittagessen zu füllen, beginnt er Montaignes Essais zu lesen, eine Lektüre, von der ihn bisher stets andere Zerstreuungen abgelenkt hatten. Doch in seiner neuen Situation sind Zerstreuungen deutlich dünner gesät.

Sein Alltag bestand vor dem Hausarrest aus „Dinieren und Debattieren. Lesen und Reflektieren. Teestunden und Plaudereien“; und all dies kann er mit Hausarrest ebenfalls tun, aber Spaziergänge im fliederduftenden Alexandergarten sowie Galerie-, Konzert- und Theaterbesuche sind nun unerreichbar. Gelegentlich bekommt er Besuch von einem vertrauten Jugendfreund mit schriftstellerischen Ambitionen, der ihn über die neuen Leitlinien und Stildispute der russischen Literatur aufklärt.

Eine willkommene Abwechslung ist die Freundschaft mit der neunjährigen Nina, „Tochter eines verwitweten Bürokraten“, die sich eines Mittags einfach an Graf Rostovs Tisch setzt, von seinem Mittagessen zu naschen verlangt und ihm Fragen zu seiner blau-blütigen Herkunft, über Prinzessinnen und Duelle, gute Manieren sowie Respekt und Dankbarkeit stellt. Er beantwortet ihre Fragen fachkundig und – obwohl erst dreißig Jahre alt – in weiser Ausgewogenheit und naheliegender Anschaulichkeit.

Im Gegenzug führt ihn Nina hinter die Kulissen des Hotels. Sie besitzt einen General-schlüssel – der viele, viele Jahre später noch ein lebensrettendes Werkzeug für Rostov sein wird –, und gemeinsam erkunden sie Kellergeschosse, Heizungsräume, Abstell-kammern, Türen hinter Türen und versteckte Galerien, von denen aus man so manche Funktionärsdiskussionen unbemerkt belauschen kann.  In Abwesenheit von Gästen erkunden sie außerdem alle Zimmer und Suiten des Hotels, um die besten Fenster-aussichten zu bestimmen.

Jahre verstreichen, Graf Rostov arbeitet inzwischen als Oberkellner im hoteleigenen Restaurant. Seine kultivierte, verfeinerte Lebensart, sein sensibler Geschmackssinn, seine Weinkenntnisse, seine gastgeberische Nonchalance und sein zwischenmensch- liches Fingerspitzengefühl prädestinieren ihn gewissermaßen für diese Arbeit. So gelingen ihm stets ebenso harmonische wie anregende Tischplatzierungen der Restaurantgäste sowie ausgewogen feinschmeckerische Menüempfehlungen.

Seine Kollegen werden im Laufe der vielen Jahre zu Freunden, ja, zu Verbündeten. Für den Grafen ergibt sich zudem eine erfreulich tragfähige, heimliche Liebschaft mit einer berühmten Schauspielerin, die regelmäßig im Hotel zu Gast ist.

Eines Tages kehrt Nina ins Hotel zurück und bittet Rostov, ihre fünfjährige Tochter Sofia für einige Wochen zu hüten. Der Graf willigt selbstverständlich ein, und aus ein paar Wochen werden viele Jahre. Es verdankt sich nur einem schicksalsironischen, büro-kratisch-geheimdienstlichen Mißverständnis, daß Graf Rostov Sofias Ziehvater bleiben darf und Sofia nicht in einem staatlichen Waisenhaus notlandet.

Sofia wächst in des Grafen Obhut auf und zeigt musikalisches Talent. Durch das Kind fühlt sich Graf Rostov gleichsam wiederbelebt und aus seinen Gewohnheiten gerissen. Er hat nun eine unverhoffte Lebensaufgabe, an der er zunehmend Gefallen und Freude findet. Außerdem beflügelt ihn die Verantwortung für Sofia zu kühnen Fluchtplänen …

„Ein Gentleman in Moskau“ ist ein leises, unaufdringlich-eindringliches Buch, dessen Faszination in erster Linie vom äußerlich und innerlich attraktiven Hauptcharakter ausströmt. Graf Rostov verkörpert den klassischen, hochgewachsenen, edlen, höflichen Aristokraten. Er ist charmant, kultiviert, gebildet, polyglott, stilvoll, tapfer, weltläufig, ein Gastgeber, Genießer, Feinschmecker und Weinkenner.

Besonders sympathisch sind seine echte Zugewandtheit und Hilfsbereit- schaft sowie sein wahrhaftiges Wohlwollen, die er klassenunabhängig jedem Menschen und sogar der einäugigen Hotelkatze und der Taube am Fensterchen seiner Dachkammer entgegenbringt.

Wir bekommen lebhaften Einblick in seine familiären Erinnerungen und seine Ansichten zu den wechselvollen Launen des Zeitgeists; zwar empfindet er Wehmut über Verlorenes, gleichwohl bleibt er offenen Herzens und erschließt sich im Mikrokosmos des Hotels persönliche Freiräume.

Ob die relativ große Nachsicht der bolschewistischen Amtsträger Graf Rostov gegenüber der historischen Situation entspricht, wage ich füglich zu bezweifeln. Da verdankt sich einiges der dichterischen Freiheit sowie der dramaturgischen Gefälligkeit eines Unterhaltungsromans.

Der Autor erzählt diese Lebensgeschichte über den Zeitraum von 1922 bis 1954 mit eleganter Eloquenz. Die Risiken und Nebenwirkungen revolutionärer gesellschaftlicher Umbauten werden in feiner ironischer Distanz formuliert.

Beispielhaft dafür ist die Szene über die ernüchternde Gleichmacherei des hoteleigenen Weinkellers. Eines Tages gibt es auf Anordnung des Kommissars für Lebensmittel nur noch Weiß- oder Rotwein, und zehn Tage lang müssen mühsam alle Etiketten von den Weinflaschen abgepult werden, um dieses „Denkmal für die Privilegien der Aristokratie“ (Seite 182) zu zerstören.

Sehr ansprechend sind zudem die unzähligen lebenserfahrenen Reflexionen und zwischenmenschlichen Betrachtungen.

»Was kann uns schließlich der erste Eindruck über einen Menschen sagen, den wir eine Minute lang in einer Hotellobby gesehen haben? Ja, was vermag uns ein erster Eindruck überhaupt zu vermitteln? Nicht mehr, als ein einzelner Akkord uns über Beethoven sagen kann oder ein Pinselstrich über Botticelli. Von Natur aus sind Menschen so launisch, so komplex, so herrlich widersprüchlich, dass sie nicht nur unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, sondern auch unsere wiederholte Betrachtung – und unsere feste Entschlossenheit, ein Werturteil zurückzuhalten, bis wir den Menschen in den verschiedensten Umständen und zu allen Tageszeiten erlebt haben. (Seite 155)

Dieser Roman bietet wohlformulierte, stilvolle Unterhaltung, dezente Spannung, nostalgisches, kulinarisch-luxuriöses Grandhotel-Flair in Verbindung mit historischem Hintergrundrauschen sowie einen feinsinnigen, würdevollen Hauptcharakter, dessen blaublütigem Charme und großzügigem Entgegenkommen man kaum widerstehen kann.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/ein-gentleman-in-moskau-9783471351468.html

Der Autor:

»Amor Towles hat in Yale und Stanford studiert. Er ist in der Finanzbranche tätig und gehört dem Vorstand der Library of America und der Yale Art Gallery an. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Manhattan.«
Auf der Webseite des Autors gibt es eine kurze, nette, scherenschnittige Romananimation zu sehen http://www.amortowles.com/  http://www.amortowles.com/

Die Übersetzerin:

»Susanne Höbel, seit über fünfundzwanzig Jahren Literaturübersetzerin, übertrug Autoren wie Nadine Gordimer, John Updike, William Faulkner, Thomas Wolfe und Graham Swift ins Deutsche. Sie lebt in Südengland.«

 

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Das große Virgilius-Tulle-Buch

  • von Paul Biegel
  • mit farbigen Illustrationen von Mies van Hout
  • Deutsch von Frank Berger, Ita Maria Neuer, Marie-Thérèse Schins
  • Verlag Urachhaus   März 2017    http://www.geistesleben.com
  • gebunden
  • Halbleinen
  • 365 Seiten
  • 19,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-5123-2
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 8 Jahren


ZWERGENSCHELM

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ob man nun an Zwerge glaubt oder nicht – in vorliegendem Kinderbuch spielen Zwerge im allgemeinen und ein dicker Zwerg mit dem Namen Virgilius Tulle im besonderen die Hauptrolle. Und erwachsene Menschen mit ihrer Begriffsstutzigkeit gegenüber Zwergen machen es Virgilius Tulle bei seinen Ausflügen in die Menschenwelt wahrlich nicht leicht. Da sind so manche Tiere verständiger und kooperativer.

Der vorliegende Sammelband enthält die Bände Virgilius Tulle, Virgilius Tulle auf Tortenjagd und Virgilius Tulle überwintert bei den Menschen.

Im ersten Band will Virgilius einfach nur einmal in den Spiegel schauen und überprüfen, ob er wirklich so dick ist, wie seine Mitzwerge behaupten. Die Tulle-Zwerge sind in der Heide zu Hause, und sie haben „ein kleines Messer, zwei Scheren und einen kleinen Karren, aber keinen Spiegel“. Also macht sich Virgilius auf den Weg zum nächstge-legenen Bauernhof, um dort sein Spiegelbild zu betrachten.

Als er sich der Bauersfamilie zeigt, erschrickt sie sich, hört dem Zwerg überhaupt nicht zu und hält ihn in einem leeren Aquarium gefangen. In der Nacht hilft ihm die Hofkatze aus dem Gefängnis heraus, und eine Maus zeigt ihm, wie er mit dem Milchkannenwagen heimlich in die Stadt gelangen kann.

In der Stadt wird Virgilius von einem netten Mädchen vom Bürgersteig gepflückt. Sie hält den Zwerg für eine besonders echt wirkende Figur und stellt ihn auf ein Schränkchen neben eine Vase mit Blumen. Virgilius flieht, er landet in einem Fundbüro, er strandet in einem Park und freundet sich mit einigen Enten an, er wird von einer Möwe entführt, er steht dekorativ auf einer Hochzeitstorte und erlebt eine Menge gefährlicher Strapazen – inklusive eines Seifenbades -, nur einen Spiegel bekommt er nicht zu Gesicht.

Illustration von Mies van Hout © Verlag Urachhaus 2o17

Auf dem Rückweg in die Heide besucht er einen Jahrmarkt, dort gibt es ein Zelt mit Zerrspiegeln. Nach dieser Erfahrung findet Virgilius Spiegel völlig albern und überflüssig, da sie ja nicht die Wahrheit sagen.

Zufrieden mit den bestandenen Abenteuern und gewonnenen Erkenntnissen kehrt Virgilius zu seinen Zwergenfreunden zurück und wird herzlich empfangen. Gemütlich am Lagerfeuerchen sitzend, erzählt er von den Menschen, die Zwerge für Märchen halten und selbst dann nicht an sie glauben, wenn einer leibhaftig vor ihnen steht.

Im zweiten Band wagt sich Virgilius wieder zu den Menschen, denn er will für den ältesten der Tulle-Zwerge, der demnächst ungefähr 1000 Jahre alt wird, unbedingt eine Geburtstagstorte organisieren.

Diesmal landet Virgilius bei einer netten Familie, die nicht an seiner Existenz zweifelt und die ihm helfen will. Doch zuvor möchte der Sohn den Zwerg seinem Lehrer zeigen. Virgilius ist einverstanden und läßt sich zu diesem Zweck sogar in ein leeres Honigglas stecken und besichtigen. Doch damit beginnen die Komplikationen. Der Lehrer ist ganz aufgeregt angesichts dieses Wunders –  da es ja angeblich gar keine Zwerge gibt –  und informiert Presse, Radio und Fernsehen.

Virgilius ist empört, gibt im Presse- und Fernseh-Interview patzige Antworten und wiederholt seinen schlichten Wunsch, eine Torte zu besorgen. Nun werden Torten über Torten an den Rand der Heide gelegt in der Hoffnung, daß sich dann die anderen Zwerge zeigten. Doch die versteckten Photographen warten vergeblich darauf, daß sich die viel besser versteckten Zwerge aus der Reserve locken lassen. Sie sind halt menschenscheu – und das zu Recht, wenn man nun erfährt, wie es mit Virgilius weitergeht.

Sieben Professoren untersuchen Virgilius „wissenschaftlich“, und diesem Forschungslabor entkommt er nur, weil er entführt wird. Sein Entführer fliegt mit Virgilius in ein fernes Land und verkauft ihn dort an eine alberne Prinzessin, die Virgilius in ihre Raritäten-sammlung aufnimmt. Obwohl sie dem Zwerg ein bequemes und wohlgenährtes Leben anbietet, ist er nicht glücklich und schmiedet raffinierte Fluchtpläne.

Es gelingt ihm, sich in ein frankiertes Postpacket zu schmuggeln, das er zuvor noch mit seiner Adresse beschriftet hat: „An Virigilius Tulle. Mitten auf der Heide. Luftpost.“  Leider reicht das Porto nicht für Luftpost, und so wird das Paket mit dem tapferen Zwerg auf dem Seeweg transportiert. Auf dem Schiff macht sich Virgilius auf die Suche nach etwas Eßbarem und tappt ahnungslos in eine Rattenfalle.

Der Matrose Jan findet den verriegelten Zwerg, und nach anfänglicher Irritation befreit er Virgilius und verköstigt ihn mit einem Erdnußbutterbrot. Er erzählt Virgilius, daß sie einen Maschinenschaden haben, und die letzte noch vorhandene „Kurbelwellen- befestigungsmutter“, sei leider ins Abflußrohr gefallen und unerreichbar. Naja, da kann ein kleiner Zwerg doch ziemlich nützlich sein, und Virgilius bietet großzügig seine Hilfe an.

Zwar wird der inzwischen prominent-bekannte Wunderzwerg Virgilius sogar international von der Polizei gesucht, und der Schiffskapitän will ihn auch gehorsam ausliefern, aber der freundliche Matrose Jan trickst die Zwergenjäger aus.

Jan bringt Virgilius heimlich zur heimatlichen Heide zurück – in einer köstlichen Geburts-tagstorte verborgen – zur Freude und Feier aller endlich wiedervereinten Tulle-Zwerge.

Illustration von Mies van Hout © Verlag Urachhaus 2o17

Nach den aufregenden Strapazen der Tortenjagd hat Virgilius erst einmal genug von zwergzwischenmenschlichen Begegnungen, und das kann wirklich jedes Kind verstehen…

Im dritten Band nähert sich Virgilius jedoch wieder den Menschen. Diesmal trifft er auf eine sehr zwergenaufgeschlossene Familie, und da sie sich so gut vertragen, beschließt Virgilius, bei dieser Familie zu überwintern.

Virgilius richtet sich ein gemütliches Bett im Ballettschuh der Tochter ein, er hilft beim Kochen, sorgt für traumhaften Nachhilfeunterricht im Lernen des Kleinen Einmaleins und unterhält sich vergnügt mit „seinen“ Menschen. Er ist auch nicht eingesperrt, sondern kann durch die Katzenklappe kommen und gehen, wie es ihm gefällt.

Illustration von Mies van Hout © Verlag Urachhaus 2o17

Allen ist klar, daß sie Virgilius Anwesenheit geheimhalten müssen, damit er nicht wieder irgendwelchen Anti-Zwergen-Fanatikern, Raritätensammlern oder Wissenschaftlern in die Fänge gerät. Doch dank neugieriger Nachbarn und aufdringlicher Hunde gibt es schon bald reichlich Turbulenzen, Aufregungen und abenteuerliche Gefahren zu meistern. Selbstverständlich kommt Virgilius heil aus jedem Schlamassel raus, und es gibt dabei stets viel zu schmunzeln …

Paul Biegels herzhafte Geschichtenmixtur aus heiterer Spannung, lebensklugen Charakterstudien und phantasievoller Dramaturgie bewährt sich in allen drei Virgilius-Tulle-Bänden. Die Bücher sind in viele kurze Kapitel eingeteilt und lassen sich gut in kleinen, übersichtlichen Portionen vorlesen.

Die Illustrationen von Mies van Hout übersetzen den spielerisch-weisen Tonfall dieser Geschichten in warmherzig-pfiffige, farbenfrohe Bilder.

Paul Biegel macht sich in den Virgilius-Tulle-Bänden augenzwinkernd über menschliche Schwächen lustig und zeigt Kindern anschaulich, wie relativ man Größe betrachten kann. Virigilius Tulle ist ein gutes Vorbild dafür, wie man sich trotz der eigenen Kleinheit selbstbewußt und authentisch in der großen, weiten Welt bewegt, sich nicht unterdrücken läßt und tapfer sein Ziel erreicht.

Der eigenwillige Zwergenmut läßt Virgilius groß erscheinen, während die offensichtlichen menschlichen Eitelkeiten und „wissenschaftlichen“ Dummheiten manche Menschen ziemlich klein erscheinen lassen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.urachhaus.de/Lesen-was-die-Welt-erzaehlt/Kinderbuch/Das-grosse-Virgilius-Tulle-Buch.html

Illustration von Mies van Hout © Verlag Urachhaus 2o17

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel

Die Illustratorin:

»Mies van Hout wurde 1962 in Eindhoven geboren. Sie ist ausgebildete Kunstpädagogin und studierte Grafisches Gestalten an der Akademie Groningen. Seit 1989 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin und Grafikerin. Sie hat bereits etliche Bilderbücher veröffentlicht und wurde für den Drenste cultuurprijs nominiert.« http://www.miesvanhout.nl

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Die Geschichte der Bienen

  • von Maja Lunde
  • Roman
  • Originaltitel: »Bienes Historie«
  • Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
  • btb Verlag März 2017    www.btb-verlag.de
  • gebunden
  • Schutzumschlag
  • 512 Seiten
  • Format: 12,5 x 20,00 cm
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-75684-1

B I E N E N E C H O

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Die Geschichte der Bienen“ hat das Potenzial, vielen Menschen fühlbar zu vermitteln, wie sehr unsere Existenz vom Bienenfleiß unzähliger Bestäuberinsekten abhängt.

Über einen Zeitraum von 150 Jahren erfahren wir von drei Familien, in deren Leben und Überleben Bienen eine schicksalhafte Rolle spielen.

Tao lebt im Jahr 2098 in China und arbeitet als Obstblütenbestäuberin. Es gibt seit dem weltweiten Bienenkollaps von 2045 keine Bienen mehr, und die damit verbundene Nahrungsmittelknappheit hat die Welt drastisch verändert; die Vormachtstellung Amerikas und Europas ist dahin, die Weltbevölkerung hat deutlich abgenommen. China hat sich als anpassungsfähiger an die neuen Umweltbedingungen erwiesen; dennoch herrscht auch in Taos Welt Mangel an Nahrung. Disziplin und durchorganisierte Verteilung ermöglichen das Überleben, Baumwolle ist ein Luxusartikel und das Internet nur noch eine Erinnerung.

Jeden Tag arbeitet Tao zwölf Stunden, einen Ruhetag gibt es nur alle paar Wochen, wenn die Obstplantagenpflichten erfüllt sind und die Arbeiter laut überregionalem Regierungskomitee-Beschluß eine solche Belohnung „verdient“ haben.

Mit äußerster Achtsamkeit – um keine wertvollen Äste abzubrechen – klettert Tao in die Birnbäume und bestäubt  mit einem feinen Federpinsel Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte mit kostbarem Blütenstaub. Diese Arbeit erfordert großes feinmotorisches Geschick, und Tao gibt sich die größte Mühe, obwohl ihre Talente deutlich mehr im intellektuell-sprachlichen Bereich liegen und nicht im handwerklichen.

Sie freut sich auf den Feierabend, auf ihren Mann Kuan und ihren kleinen, dreijährigen Sohn Wei-Wen. Tao hofft, durch frühkindliche Förderung ihrem Kind eine andere Lebensperspektive eröffnen zu können, und unterrichtet ihn im Rahmen ihrer Möglichkeiten täglich eine Stunde. Verständlicherweise will Wei-Wen aber viel lieber spielen. Wie soll sie ihrem Kind auch begreiflich machen, daß es, wenn es keine herausragende  intellektuelle Begabung zeigt, bereits im Alter von acht Jahren unvermeidlich zum Blütenbestäuber ausgebildet werden wird? Die Sicherung der Ernährungsgrundlagen hat in Taos Welt Vorrang vor höherer Bildung.

An einem ihrer wenigen freien Tage veranstalten Tao und Kuan mit Wei-Wen ein kleines Ausflugs-Picknick, bei dem Wei-Wen einen dramatischen „Unfall“ erleidet, der das Leben und die Zukunft aller verändern wird …

William lebt im Jahr 1852 in England. Er ist eigentlich Naturforscher, jedoch erfordern seine familiären Verpflichtungen eine einträgliche Arbeit, und deshalb führt er ein Geschäft für Samenhandel. Er ist rundherum unglücklich mit seinem Dasein, mit dem Geschnatter zahlreicher Töchter, seinem schwierigen Verhältnis zum einzigen mütterlich-verwöhnten Sohn und dem Verlust seiner wissenschaftlichen Leidenschaft. Gerne würde William seinem Leben eine größere, übergeordnete Bedeutung geben und eine weltbewegende Entdeckung oder Erfindung machen.

Die Lektüre eines Buches über Bienen weckt seinen Forschergeist zu frischem Leben. Er will einen neuartigen Bienenstock entwickeln, der es ermöglicht, Honig zu ernten, ohne den Bienen und ihrer Brut Schaden zuzufügen. Außerdem solle der neue Bienenstock dem Imker besseren Einblick in den Zustand des Bienenvolks verschaffen.

Voller Eifer beobachtet William das Verhalten der Bienen, zeichnet begeistert Baupläne, experimentiert mit verschiedenen Bauweisen und erfindet einen Vorläufer der heute noch üblichen Magazinbeuten mit herausnehmbaren Wabenrahmen. William ist voller Vorfreude, träumt von einem Patent für die „William-Savage-Standardbeute“, von Ruhm und Reichtum. Indes, jeder Verbesserung und Verfeinerung, die ihm einfällt, kommen stets andere Forscher in anderen Ländern mit ihren Patentanmeldungen zuvor.

George lebt im Jahr 2007 in Amerika. Er ist Berufsimker und baut seine Magazinbeuten selbst, nach einem alten Bauplan, den eine Vorfahrin seiner Familie bei der Auswande-rung nach Amerika mitgebracht hat. Seinen imkerischen Erfolg führt er u.a. auf diese liebevoll-selbstgezimmerten Bienenstöcke zurück. Dennoch ist der finanzielle Ertrag der Imkerei bescheiden, und für Investitionen braucht George Bankkredite, die abbezahlt werden müssen.

Sein Sohn Thomas studiert und möchte gerne Journalist werden. George jedoch versteift sich stur darauf, daß sein Sohn die Familientradition der Imkerei fortsetzt. Dies führt zu familiären Spannungen und Differenzen.

Als jedoch Georges Bienenvölker über Nacht vom CCD („Colony Collapse Disorder“) befallen werden und fast alle Bienen verloren sind, kommt sein Sohn auf den Hof zurück und hilft seinem Vater zu retten, was noch zu retten ist. Im Jahr 2037 wird Thomas Savage ein visionäres Buch schreiben, das sein ganzes praktisches Wissen über Bienen bündelt. Ein Buch, das Tao ein halbes Jahrhundert später lesen wird …

Maja Lunde verbindet gekonnt die Erzählung zwischenmenschlicher Beziehungen und Entwicklungen mit der Vermittlung von Wissen über Bienen. Da alle Personen um das Thema Bienen kreisen, fließen bienenbezügliche Beobachtungen, Informationen und Reflexionen selbstverständlich in die Gespräche und Gedanken der Figuren ein.

Heute ist allgemein bekannt, daß unser aller Ernährung von der unermeßlichen Bestäubungsleistung der Honig- und Wildbienen sowie diverser weiterer Bestäuberinsekten abhängt. Es gibt viele gute und wissenswerte Sachbücher und Dokumentarfilme zu diesem Thema. Damit aber dieses Wissen vom Kopf ins Herz gelangt, ist ein Roman vielleicht besser oder massentauglicher geeignet, da dieses Wissen auf eine personalisierte Weise emotional dargestellt wird.

Spannung und Abwechslung entstehen in Maja Lundes Roman durch die regelmäßig zwischen den drei Zeitebenen abwechselnden Kapitel und deren subtilen Zusammen-hänge, die sich erst nach und nach offenbaren.

Die Beschreibung  von Taos Lebensbedingungen berührt ganz unmittelbar, sie ist die Figur mit der man beim Lesen am stärksten bangt und hofft.

Den lebensgefährlichen Einflußreichtum gewisser monopolistischer Chemie- und Saatgutkonzerne auf Gesetzgebung und landwirtschaftliche Gestaltung demokratischer Staaten sowie das damit verknüpfte Verharmlosungsmarketing bezüglich bienen-gefährdender Substanzen, hätte die Autorin nach meiner Einschätzung ruhig etwas deutlicher darstellen können. Sowohl bei Taos historischen Bienenrecherchen wie bei Georges gegenwartsnahem Erzählstrang wäre in dieser Hinsicht noch informativer Spielraum gewesen.

Möge die Tatsache, daß es „Die Geschichte der Bienen“ auf Platz eins der Bestsellerliste geschafft hat, davon zeugen, daß das Bewußtsein für die essentielle Bedeutung der Bienen in der Bevölkerung gewachsen ist.

Der aufwühlende, eindringliche und bittere Vorgeschmack auf eine Welt ohne Bienen, deren Bestäubungsleistung nur begrenzt und unzureichend durch menschliche Handarbeit ausgeglichen werden kann, dürfte Warnung genug sein, um hoffentlich noch die Weichen für eine Zukunft mit Bienen zu stellen.

Wenn alle Leser von „Die Geschichte der Bienen“ wortwörtlich vor der eigenen Haustür den Schritt vom Lesen zum Pflanzen nektarreicher Blumen und Kräuter beschritten, würde tatsächlich HOFFNUNG gesät.

Jede Biene und jede Blüte zählt …

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Geschichte-der-Bienen/Maja-Lunde/btb-Hardcover/e492023.rhd

 

Die Autorin:

»Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie ist eine bekannte Drehbuch- sowie Kinder- und Jugendbuchautorin. Die Geschichte der Bienen ist ihr erster Roman für Erwachsene, der zunächst national und schließlich auch international für Furore sorgte. Er stand monatelang auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.«

 

Querverweise:

Bienenperspektivisch ergänzend empfiehlt sich der Roman „Die Bienen“ von Laline Paul.
Dieser Roman ist ein speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Zum Thema Bienen und Mitweltschutz empfehle ich zusätzlich dringend das aufklärerische Büchlein von Ute Scheub: »Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft«. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Wer anspruchsvolle Sachbuchlektüre braucht, findet bei Randolf Menzels und Matthias Eckholdts Buch „Die Intelligenz der Bienen“ ebenso faszinierenden wie hochkonzentrierten Wissensnektar.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/24/die-intelligenz-der-bienen/

Und für alle, die nicht nur lesen, sondern auch konkret und konsequent bienenförderlich handeln möchten, empfehle ich von ganzem Herzen die überaus praktikablen botanischen Anregungen, die Almuth auf ihrer bienenfleißigen Webseite „Natur auf dem Balkon“ anschaulich (feine Fotos) und liebevoll (informativ-schwärmerische Texte) vorlebt.
https://naturaufdembalkon.wordpress.com/

Das Seelenleben der Tiere

  • Liebe, Trauer, Mitgefühl – erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt
  • von Peter Wohlleben
  • Hörbuch
  • Gelesen von Peter Kaempfe
  • Produktion: Der Hörverlag 2016    http://www.hoerverlag.de
  • vollständige Lesung
  • Buchvorlage: Ludwig Verlag
  • 1 mp3-CD
  • Laufzeit: ca. 5 Stunden, 47 Minuten
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2339-3
    Das Seelenleben der Tiere von Peter Wohlleben

T I E R F Ü H L S A M

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“ ist anschaulich, einfühlsam, informativ, kompetent, naturnah, spannend, sehr wissenswert und voller Respekt für alle zwei-, vier-, sechs- und achtbeinigen Lebewesen.

Dieses Hörbuch öffnet uns Augen, Ohren und Herz für den Empfindungsreichtum und die Glücks- und Leidensfähigkeit der Tiere. Peter Wohlleben, der 2015 mit seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ die Spiegel-Bestsellerliste erobert hat, führt uns in seinem neuen Buch durch Wald und Flur, Weide und Stall, Haus und Hof sowie Stadt und Land.

Sogenannte zwischenmenschliche Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Fürsorge, Altruismus und Dankbarkeit finden sich im Tierreich ebenso wie das gesamte Spektrum der Gefühle, das wir für uns als Zweibeiner gerne beanspruchen.

Der Autor erwähnt und zitiert zahlreiche wissenschaftliche Studien, die inzwischen beweisen, daß Tiere Schmerz, Angst und Trauer, Lust, Liebe und Freude fühlen, daß sie träumen und spielen sowie vorausschauend planen können.

Neben aktuellen Forschungserkenntnissen berichtet er lebhaft von den umfänglichen  persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen, die er mit seinen eigenen Haus- und Hoftieren (Hunden, Hühnern, Ziegen, Pferden und Bienen…) und den Wildtieren (Eichhörnchen, Füchsen, Igeln, Rabenkrähen, Mardern, Rehen, Hirschen, Waldmäusen, Wildschweinen, Waldameisen…) seines  Forstreviers gesammelt hat.

Wir erfahren von aufopferungsvoller Mutterliebe bei Eichhörnchen, treuer Bindungsliebe bei Raben, vom Reinlichkeitsbedürfnis von Haus- und Wildschweinen, von lügenden Hähnen, heimlich flirtenden Elstermännchen, flunkernden Kohlmeisen, Scham, Reue und Dankbarkeit bei Hunden, Gerechtigkeitsempfinden bei Pferden, individuellen Denkprozessen und Träumen bei schwarmintelligenten Bienen, tierischer Kindererziehung und Abstillung, von ausgeprägter Empathie bei Waldmäusen sowie von außergewöhnlichen artenübergreifenden Adoptionen.

Aus der Vielzahl der beschriebenen wilden Tiere picke ich hier nur exemplarisch die Rabenvögel auf. Kolkraben gehen nicht nur lebenslängliche Partnerschaften ein, sie haben auch ein Repertoire von über achtzig verschiedenen Ruftönen bzw. Rabenvokalen, und sie verfügen über einen Namen, d.h. einen speziellen Erkennungsruf, mit dem sie sich ankündigen und der zur Begrüßung erwidert wird. Dazu paßt, daß diese Vögel auch problemlos den Spiegeltest bestehen und sich selbstbewußt im Spiegelbild erkennen.

Peter Wohlleben stellt die menschlichen Kategorien der Einteilung von Tieren in sogenannte Nützlinge und Schädlinge immer wieder in Frage und fragt zu Recht, wo wir uns als Menschen denn wohl einzuordnen hätten. Er kritisiert die gegenwärtige grausame Massentierhaltung und die Ignoranz von Politik, konventionellen Bauernverbänden und Konsumenten gegenüber der Schmerzempfindlichkeit und Leidensfähigkeit von Tieren. So dürfen beispielsweise Ferkel noch bis zum Jahr 2019 ohne Betäubung kastriert und Schalentiere lebend in kochendes Wasser geworfen werden, so daß sie einen minutenlangen qualvollen Tod erleiden.

In Anbetracht jahrtausendelanger menschlicher Jagdtraditionen ist es nicht verwunderlich, daß Wildtiere unsere Nähe scheuen. Sie haben gelernt, daß wir eine tödliche Gefahr für sie sind, und sie verstecken sich vor uns. So sind beispielsweise Rehe, Hirsche und Wildschweine deshalb nachtaktiv, weil Menschen nachts nicht jagen.

Doch da in besiedelten Gebieten nicht gejagt (geschossen) werden darf, entdecken zugleich immer mehr Wildtiere die Stadtlandschaft als Lebensraum, zumal inzwischen die pflanzliche Biodiversität in Städten teilweise größer ist als in den industriell bewirtschafteten öden Monokulturen auf dem Lande. Beispielhaft sei hier nur die zunehmend erfolgreiche Stadtimkerei genannt.

Lehrreich sind im Gegenzug seine Erläuterungen zu den übertriebenen Ängsten, die Stadtmenschen vor Wildtieren hegen. Taucht ein Fuchs im Garten oder Park auf, fürchten die Menschen eine Infizierung mit dem Fuchsbandwurm. Tatsächlich kommt der Fuchsbandwurm in der Natur gar nicht so häufig vor.

Die Infektionskette funktioniert folgendermaßen: Mäuse dienen dem Fuchsbandwurm als Zwischenwirt, befallene Mäuse bewegen sich langsamer und werden leichter vom Fuchs gefangen und gefressen, und ein befallener Fuchs scheidet später mit dem Kot eine beträchtliche Masse Bandwurmeier aus. Es gibt indes auch viele Hunde, die Mäuse fangen und fressen, und diese scheiden dann ebenfalls Wurmeier aus. Somit geht  von Hunden – wenn sie nicht regelmäßig entwurmt werden – eine viel größere Ansteckungsgefahr aus.

Reflexionen über menschliche Liebe zu Tieren und tierische Liebe zu Menschen, über die Art und Weise der Nutzung und Züchtung von Tieren als Arbeitskräfte, Nahrungsmittel-lieferanten und Schmusetier sowie die Infragestellung der niedrigeren Bewertung von instinktivem Handeln im Vergleich zu bewußtem Handeln runden „Das Seelenleben der Tiere“ ab.

Der Hörbuchvorleser Peter Kaempfe trägt den Text mit seiner sonoren Stimme wohlakzentuiert, gekonnt und angenehm eingängig vor.

Anschaulich verbindet Peter Wohlleben viele interessante Einzelheiten zu einer sinnvollen ganzheitlichen Perspektive auf das faszinierende, facettenreiche und anrührende Empfindungsspektrum unserer Mitgeschöpfe. Mit seinen empathischen Erklärungen und Beschreibungen gelingt es dem Autor vorzüglich, den erfahrungsweltlichen Abstand zwischen Menschen und Tieren zu verringern und uns daran zu erinnern, wie innig unsere menschliche Entwicklungsgeschichte mit den Tieren verbunden ist.

Dieses Buch gehört für Leser/Hörer, denen die Daseinsbedürfnisse und Lebensrechte von Tieren etwas bedeuten, zweifellos zu den Nützlingen auf dem Buchmarkt. Daß sich dieses Buch und auch sein Vorgänger „Das geheime Leben der Bäume“ zu Langzeitbestsellern entwickelt haben, erfüllt mich mit Freude. Damit haben mich meine menschlichen Artgenossen endlich einmal positiv überrascht. Ich hoffe sehr, daß eine solche Lektüre/Auditüre einen nachhaltigen Einfluß auf empathisches Empfinden und Verhalten gegenüber Tieren haben wird.

 

 Hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Das-Seelenleben-der-Tiere/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e508148.rhd

 

Das Seelenleben der Tiere von Peter WohllebenDie Buchausgabe ist im Juni 2016 im Ludwig Verlag erschienen:
Das Seelenleben der Tiere
Liebe, Trauer, Mitgefühl –
erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt
von Peter Wohlleben
gebunden, mit Schutzumschlag
240 Seiten
19,99 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN 978-3-453-28082-3
Hier geht es zur Buchausgabe und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-Seelenleben-der-Tiere/Peter-Wohlleben/Ludwig/e498201.rhd

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb in der Eifel, den er zu einem urwaldähnlichen Laubwald zurückgeführt hat. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Im Ludwig Verlag erschien 2015 sein Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“. «

Der Vorleser:

»Peter Kaempfe ist seit 43 Jahren erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler. Seine ausdrucksstarke Stimme ließ ihn zum erfolgreichen Kommentarsprecher in mehr als 800 Fernsehdokumentationen für alle deutschen Sendeanstalten werden. Außerdem ist er in über 300 Hörspielen und Hörbüchern zu hören und dazu immer wieder in vielen Live-Lesungen und Solo-Programmen zu erleben.«

Querverweis:

Ergänzend kann ich jedem noch das naturphilosophische, biopoetische Sachbuch „Alles fühlt“ von Andreas Weber sehr ans Herz legen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Wer es mit den Tierrechten ethisch noch genauer nehmen möchte, befasse sich mit dem Buch von Hilal Sezgin: „Artgerecht ist nur die Freiheit“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/19/artgerecht-ist-nur-die-freiheit/

Und für eine faszinierende und gelungene speziesübergreifende Perspektive empfehle ich den Roman „Die Bienen“ von Laline Paul: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Arche Literatur Kalender 2017

  • Von Nähe und Ferne
  • Wochenkalender
  • Herausgegeben von Elisabeth Raabe und Regina Vitali
  • ARCHE KALENDER VERLAG   http://arche-kalender-verlag.com/startseite.html
  • Graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • 60 Blätter, 58 Fotos
  • Format: 31,5 x 24 cm
  • 22,– €
  • ISBN 978-3-0347-6017-1
    arche-literatur-kalender-2017

DIS – TANZ

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Arche Literatur Kalender 2017 befaßt sich mit dem Thema Nähe und Ferne.

Schriftsteller und Dichter sind auch nur Menschen, und sie haben es ebenso leicht oder schwer mit der angemessenen zeitlichen und räumlichen Choreographie und Verbindlichkeit ihrer Ehen, Freundschaften, Liebschaften und Familienverhältnisse wie andere Menschen auch – nur hinterlassen sie beredte schriftliche Zeugnisse darüber, die wir nachlesen können.

Wieder ist es den Verlegerinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali gelungen, für jede Kalenderwoche ein ausdrucksvolles Autorenfoto in korrespondierender Begleitung eines konzentriert-mitteilsamen Textes zusammenzustellen.

Die ausgewählten Schriftstellerinnen und Schriftsteller reflektieren über das ausgewogene oder unausgewogene Verhältnis von Nähe und Distanz in ihren persönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen, manchmal auch über Entfernung oder Wiederannäherung sowie über Fernweh und Heimatverbundenheit.

Oft läßt sich angesichts der Fotos die nah- oder ferngestimmte schriftstellerische Paarverfassung ebenso gut erkennen wie bei der Lektüre der angefügten Texte.

Briefe an Freunde, Kollegen, Geliebte oder Kinder müssen das ersehnte Gespräch mit dem fernen Ansprechpartner ersetzen, Gedichte künden von Herzenserfüllung und Liebesverlusten, von befremdender Entfernung und inniger Harmonie. Tagebuchnotizen schwelgen in freudiger Erwartung und wehmütiger Erinnerung, in sehnsuchtsvoller Hoffnung und schmerzlicher Reue sowie in selbstkritischer Analyse.

Jedes Kalenderblatt wird zudem um Hintergrundinformationen und Querverweise zu Leben, Werk und Beziehungsgeschichte der betroffenen Autoren ergänzt.

Die „mediale“ Gestaltung der Kalenderblätter erfolgt im traditionell farblich und typgraphisch dezent-untermalenden Stil des Arche-Hausgraphikers Max Bartholl.

Der Arche Literatur Kalender 2017 bereichert unser Lesejahr mit abwechslungsreichen, anregenden und anrührenden Worten und ausdrucksvollen Bildern von Schriftstellern und Dichtern, die uns zeitlich meist fern sind, jedoch menschlich oft ganz nah.

 

Hier entlang zum Kalender auf der Verlagswebseite. Dort entblättert er sich zu Besichtigungszwecken:
http://arche-kalender-verlag.com/arche-literatur-kalender-2017.html

 

arche-literatur-kalender-tolkien-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

arche-literatur-kalender-carson-mccullers-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

arche-literatur-kalender-robert-gernhardt-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

PS:
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Arche Kalender Verlag außer dem besprochenen Literatur Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert hat:

Arche Geburtstagkalender (immerwährend)
http://arche-kalender-verlag.com/arche-geburtstagskalender.html
Arche Kinder Kalender 2017    (Besprechung folgt … )
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kinder-kalender-2017.html
Arche Küchen Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kuechen-kalender-2017.html
Arche Musik Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-musik-kalender-2017.html

Querverweis:

Eine elegant-eloquente Besprechung des Arche Musik Kalenders – in harmonischer Kombination mit musikalisch vielsaitiger Vertonung – findet sich beim MAESTRO von der Websaite Random Randomsen:
https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/11/08/schrittmacher-fuer-musikliebende-herzen/

 

 

Hugo, streck die Fühler aus!

  • von Lena Avanzini
  • Titelbild und Illustrationen
  • von Joëlle Tourlonias
  • Obelisk Verlag   2013             http://www.obelisk-verlag.at
  • 144 Seiten, gebunden
  • 11,95 €
  • ISBN 978-3-85197-705-9
  • ab 10 Jahren
    HUGO, streck die Fühler aus-Titelbild

SEI  FREUNDLICH  ZU  ALLEN  LEBEWESEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wir Menschen leben in Wohngemeinschaft mit allerlei Krabbeltierchen, die sich zwar meist bemühen, für uns möglichst unsichtbar zu bleiben, z.B. indem sie sehr winzig oder nachtaktiv sind oder sich ausgezeichnet verstecken, aber gänzlich entgehen sie unserer Aufmerksamkeit nicht. Die menschliche Toleranzschwelle gegenüber diesen Mitessern und Untermietern reicht von freundlich-entspannt bis hygiene-hysterisch-feindlich.

Ich begegne den ein, zwei Silberfischchen, denen ich manchmal des Nachts auf meinen Badezimmerfliesen über den Weg laufe, mit respektvoller Gelassenheit; weiß ich doch, daß diese Winzlinge unseren Planeten schon ein paar Milliönchen Jahre länger bewohnen als die Menschheit.

Hugo, der kleine, tapfere Held in Lena Avanzinis „schabenteuerlicher“ Geschichte, ist ein belesener Silberfischjüngling mit ausgesucht höflichen Umgangsformen, der wegen zu großer Luftrockenheit aus der Städtischen Bibliothek ausziehen muß. Nach einem gefährlichen Weg durch diverse Abflußrohre kommt er in einer Badewanne an, die praktischerweise einen feinen Riß im Porzellan hat, so daß er herauskrabbeln kann.

HUGO-Zuckerwürfel

Illustration Joëlle Tourlonias © Obelisk Verlag 2013

Erschöpft landet er auf dem gefliesten Fußboden und stürzt sich hungrig auf das dortige Büfett: Hautschuppen und Haare. Dort findet ihn Bianca, ein Silberfischmädchen, und nach anfänglich futterneidischem Geplänkel lädt sie ihn zu sich nach Hause ein. In dieser Silberfisch-Kleinfamilienwohnung, die sich hinter einem Bodenriß befindet, lernt Hugo Biancas Vater, ihre heilkundige große Schwester und ihren kleinen Bruder Paulchen kennen. Sie wollen gerade Paulchens erste Häutung feiern und bereiten ein Würfelzucker-Fondue zu. Hugo wird herzlich aufgenommen und umfühlert.

Seine Gastfamilie klärt ihn über die günstigen Lebensbedingungen im Haushalt dieser Menschen auf, die sich nicht feindlich gegenüber ihren mehrbeinigen Untermietern verhalten. Die kleine Tochter des Hauses streut sogar manchmal extra Zuckerkrümel auf den Boden und empfindet keinen Abscheu, wenn sie gelegentlich ein Silberfischchen zu sehen bekommt.

Hugo, der in Menschenkunde immer nur von der tödlichen Gefahr dieser zweibeinigen Riesenspezies gehört hat, ist überrascht und erfreut. Nicht alle Menschen sind böse und insektentödlich, da kann man sich doch endlich mal entspannen.

In der Küche gibt es eine Schule für die Insektenkinder mit einer ganz außerge- wöhnlichen Lehrerin, einer vegetarischen Spinne, die Frau Merian heißt. In dieser Menschenwohnung leben u.a. noch zwei Grillen, einige Asseln, eine Motte, diverse Eintagsfliegen, Blattläuse und Staubläuse in friedlicher Koexistenz miteinander.

Neugierig und wagemutig beobachten Hugo und Bianca das Menschenmädchen im Schlaf, und da Hugo lesen kann, liest er Bianca vor, was das Menschenmädchen in ihr Tagebuch geschrieben hat. So erfahren sie, daß das Mädchen ihre verstorbene Mutter vermißt und sich wegen der neuen Frau, die ihr Vater kennengelernt hat, Sorgen macht.

HUGO-Tagebuchblatt

Illustration Joëlle Tourlonias © Obelisk Verlag 2013

Die Sorgen sind nicht nur aus menschlicher, sondern auch aus insektischer Sicht berechtigt. Diese Frau zieht schließlich ein und putzfimmelt durchs Haus, so daß kaum ein Hautschüppchen mehr übrig bleibt, sie tritt und schlägt nach jedem Mehrbeiner, der ihr über den Weg läuft, und das Schlimmste ist: Sie hat einen Termin mit einem Kammerjäger vereinbart.

Weiterhin erfahren die Silberfischchen aus dem Tagebuch, daß die neue Menschenfrau sich auch als Stiefmutter ziemlich giftig verhält und die Stieftochter in ein Internat abschieben will.

Doch man soll kleine Menschen und winzige Insekten niemals unterschätzen. Wenn alle zusammenhalten, kann man sich erfolgreich wehren und Wahrheiten ans Licht bringen, die eine befreiende Wirkung für alle Beteiligten ermöglichen.

Mir gefällt es sehr, daß in dieser Geschichte nicht die typischen tierischen Niedlichkeitskandidaten auftreten, sondern Insekten. Die Autorin schildert die vielbeinigen Gestalten, ihre individuellen Charakterzüge, ihr soziales Miteinander und ihre natürlichen Lebensbedürfnisse und Überlebenssorgen sehr sympathisch und empathieweckend. Die Handlung ist abwechslungsreich, flott und spannend und wird in einem humorvollen, zartironischen Tonfall mit viel kreativem Wortwitz erzählt.

Die Illustrationen und warmherzig-lustigen Insektenportraits von Joelle Tourlonias sind eine gelungene und harmonische Zugabe zum Text.

Den Rat, den Hugo von seiner Mutter mit auf den Lebensweg bekommen hat: „Sei freundlich zu allen Lebewesen!“, können sich große und kleine Menschen ruhig hinter die Ohren schreiben. Doch das tun sie gewiß alle gerne, nachdem sie Hugo und seine Mitsilberfische durch all die Freuden, Schrecken und Abenteuer des Haushaltsinsektenlebens begleitet haben.

 

HUGO-Kuschel

Illustration Joëlle Tourlonias © Obelisk Verlag 2013

 

Die Autorin:

»Lena Avanzini lebt als Musikpädagogin und Autorin in Innsbruck. Im Jahr 2012 veröffentlichte sie „Tod in Innsbruck“, für den sie 2012 mit dem  Glauserpreis für das beste Krimidebüt ausgezeichnet wurde. Wenn sie nicht an neuen Romanen schreibt oder mit Schülern ein Hühnchen rupft, bewundert sie die Berge. Meistens jedoch von unten.«  http://www.lena-avanzini.at

Die Illustratorin:

»Joëlle Tourlonias, geboren 1985 in Hanau, hat Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Illustration und Malerei an der Bauhaus Universität Weimar studiert. 2009 machte sie sich selbständig und zeichnet, malt, lebt und liebt seitdem in Düsseldorf.«
http://joelletourlonias.blogspot.co.at/

Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte

  • von Luis Sepúlveda
  • Aus dem Spanischen von Willi Zurbrügge
  • Mit Bildern von Sabine Wilharm
  • deutsche Erstausgabe: Fischer Taschenbuchverlag 1997
  • Neuausgabe: Fischer Verlag  November 2009    http://www.fischerverlage.de
  • 144 Seiten
  • 9,99 € (D)
  • ISBN 978-3-596-80919-6
  • zum Selbsterlesen ab 8 Jahren
  • ansonsten jedoch eine vollkommen alterslose Geschichte
    978-3-596-80919-6.325854.jpg Wie Kater Zorbas

KATZENPERSPEKTIVE  UND  VOGELPERSPEKTIVE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der dicke, schwarze Kater Zorbas lebt in Hamburg, im Hafenviertel, und er ist mit einigen interessanten Katerpersönlichkeiten gut verkumpelt und befreundet. Er lebt bei dem freundlichen Jungen, der ihm einst das Leben gerettet hat, in einer Wohnung mit Balkon und schöner Aussicht auf den Hamburger Hafen.

Es sind Sommerferien, und der Junge ist mit seiner Familie verreist; einmal am Tag kommt ein Freund der Familie in die Wohnung, wechselt die Streu im Katzenklo aus, stellt Katzenfutter bereit, und nach einer kurzen Streicheleinheit ist Kater Zorbas wieder allein. Das ist ihm ganz recht, denn Kater gehen gerne eigenwillige Wege, und Menschen sind da manchmal hinderlich.

Zorbas nimmt gerade ein behagliches Sonnenbad auf seinem Balkon, als eine Möwe mit ölverklebtem Gefieder genau auf dem Balkon notlandet. Hilfsbereit will sich Zorbas gleich auf den Weg machen, um Rat und Hilfe von seinen Katerfreunden zu holen. Doch die Möwe weiß, daß ihr nicht mehr viel Lebenszeit bleibt, und hat einen ganz anderen Wunsch – sie will noch ein Ei legen und nimmt dem Kater drei Versprechen ab:

1.das Ei nicht aufzuessen,
2. das Ei auszubrüten,
3. dem geschlüpften Möwenküken das Fliegen beizubringen.

Kater Zorbas, der von edler Gesinnung ist, gibt der Möwe aus Mitgefühl und bei seiner Katerehre alle drei Versprechen und sucht sodann seine Katerkumpel auf: Colonello und Secretario sind „Untermieter“ eines italienischen Restaurants, Schlaumeier wohnt in einem riesigen Trödelbazar, und er ist sehr belesen, und dann ist da noch Hein Reling, ein Schiffskater, der in einem herrlichen maritimen Jargon miaut.

In Zorbas Abwesenheit legt die Möwe ihr Ei und stirbt. Die Kater begraben und betrauern die Möwe angemessen – eine Silbermöwe übrigens, wie der Schlaumeier kundzutun weiß. Dann beginnt für Zorbas eine anstrengende Zeit des Eibebrütens; doch Katerehrenwort ist Katerehrenwort und wird gehalten.

Nachdem das niedliche Küken geschlüpft ist und Zorbas mit Mama anspricht, wird es von der Katergemeinschaft feierlich auf den Namen „Afortunada“ getauft und in den weitläufigen Räumlichkeiten des Bazars versteckt, fürsorglich gefüttert und großgezogen. Bloß mit dem Flugunterricht hapert es. Schlaumeiers Vorlesungen zur Aerodynamik führen leider nicht zum gewünschten Erfolg.

Nach diversen mißglückten Flugversuchen bittet Zorbas darum, die Hilfe eines Menschen in Anspruch nehmen zu dürfen. Dazu muß er das Tabu – niemals in Menschensprache zu miauen – brechen. Dies ist ein großes Risiko, da die Menschen intelligente Tiere durch alberne Kunststückchen demütigen oder grausame und dumme Experimente mit ihnen machen.

Nach langer Beratung und sorgfältiger Überprüfung einiger in Frage kommender Menschen schlägt Zorbas einen Menschen vor, der Dichter ist undder mit seinen Wörtern fliegen kann.

Zorbas miaut den Dichter in Menschensprache an, und dieser ist nach anfänglicher Irritation sehr kooperativ. Er hat eine ebenso poetische wie praktische Idee, wie man der kleinen Möwe ihr luftiges Element schmackhaft machen könne …

Der besondere Reiz dieser Geschichte liegt in der vogel-und katzenperspektivischen Welt- und Menschensicht. Beispielsweise erinnert sich die ölverseuchte Möwe an kleine Schiffe, die in den Farben des Regenbogens bemalt waren und die große Schiffe daran hinderten, ihre Öltanks ins offene Meer auszuleeren – eine schöne „tierische“ Hommage an Greenpeace.

Luis Sepúlveda beschreibt die unterschiedlichen Katzenpersönlichkeiten wunderbar lebendig; und in Verbindung mit den ausgesprochen charakterstarken Illustrationen von Sabine Wilharm bekommen wir hier eine ganz außergewöhnliche Inszenierung von Text und Bild geboten.

„Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte“ ist eine heiter-tiefsinnige, sehr warmherzige Geschichte, deren eigenwilliger Charme kindliche und erwachsene Leser gleichermaßen anspricht. Es ist eines dieser seltenheitswertigen Bücher, die man immer wieder zur Hand nimmt und die sich kein bißchen abnutzen!

Und dieses Buch mit seinen herrlichen Katzencharakterzeichnungen ist auch ein geeignetes Geschenk für alle Katzenliebhaber- und Liebhaberinnen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/wie_kater_zorbas_der_kleinen_moewe_das_fliegen_beibrachte/9783596856824

Der Autor:

»Luis Sepúvelda, geboren 1949 in Nordchile, ging nach politischem Engagement in der Studenten- und Gewerkschaftsbewegung ins Exil nach Ecuador, gründete Theatergruppen in Peru, Ecuador und Kolumbien, arbeitete als Journalist. Er lebt heute in Spanien. Luis Sepúlveda schreibt Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Sein Werk wurde mit mehreren literarischen Preisen ausgezeichnet.«

Die Illustratorin:

»Sabine Wilharm, geboren 1954, studierte Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und arbeitet als freie Illustratorin vorwiegend für Kinderbuchverlage.
Für Fischer hat sie u.a. auch Luis Sepúlvedas KInderbuch „Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden“ illustriert.«

Der Übersetzer:

»Willi Zurbrüggen, geboren 1949 in Borghorst, Westfalen, absolvierte eine Sparkassenlehre und arbeitete bei einer Investmentbank in Frankfurt am Main. Er bereiste den Maghreb und den Vorderen Orient, bevor er zwei Jahre in Mexiko und Mittelamerika lebte .Seit 1980 ist er freier Literaturüber-setzer aus dem Spanischen. Für seine Übersetzungen wurde er mehrfach ausgezeichnet.«

 

 

Ein Buchladen zum Verlieben

  • von Katarina Bivald
  • Originaltitel: »Läsarna i Broken Wheel rekommenderar«
  • Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
  • btb Verlag, August 2014                                      http://www.btb-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 445 Seiten
  • 19,99 €
  • ISBN 978-3-442-75456-4
  • Taschenbuchausgabe  Juni 2016
  • € 9,99E (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-71392-9

    Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

LESEERFAHRUNG  ODER  LEBENSERFAHRUNG ?

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Ein Buchladen zum Verlieben“ ist eine Liebeserklärung an Menschen (und ihre Schwächen) und eine Liebeserklärung an Bücher (und ihre Stärken). Das Buch handelt davon, wie Leseerfahrung zu Lebenserfahrung und Lebenserfahrung zu Leseerfahrung führen kann.

Es ist eine unterhaltsame Lektüre, die uns eine sympathisch unglamouröse, amerikanische Kleinstadtmilieustudie und ganz besondere alltägliche Menschen aufblättert.

Nun folgen die Zutaten für dieses Romanrezept:

Man nehme eine arbeitslose, mauerblumige Buchhändlerin (Sara) aus Schweden, die sich mehr mit Büchern als mit Menschen verbunden fühlt, die jedoch eine vertrauensvolle Brieffreundschaft mit einer belesenen, weise-abgeklärten alten Dame (Amy) aus einer angestaubten Kleinstadt (Broken Wheel) in Iowa (USA) pflegt. Amy lädt Sara sehr herzlich zu einer dreimonatigen Auszeit zu sich nach Hause ein, und Sara kommt gerade noch rechtzeitig in Broken Wheel an, um an Amys Begräbnis teilzunehmen.

Schon erweitern sich die Personenzutaten um zwei Hände voll sehr ausgeprägt-eigenwilliger Charaktere: Amys Neffe, ein sehr attraktiver Junggeselle mit lächelnden Augen (Tom), ein arbeitsloser, geschiedener, trockener Alkoholiker, der den Kontakt zu seiner Tochter (Sophy) schmerzlich vermißt (George), eine burschikose Diner-Inhaberin und Schnapsbrennerin (Grace-Madeleine), eine arbeitslose Lehrerin und moralimprägnierte Kirchenälteste (Caroline), ein schwules Pärchen, das eine – die einzige – Kneipe am Ort betreibt (Andy und Carl), eine hyperaktive Hausfrau, die den Broken-Wheeler-Nachrichtenbrief schreibt und herausgibt (Jen), und noch einige andere Einwohner.

Sara wird stellvertretend für die allseits beliebte Amy von Amys Freundes- und Nachbarschaftskreis dazu eingeladen, trotz des Todesfalles eine Weile zu bleiben und im Hause ihrer verstorbenen Gastgeberin zu wohnen. Jen plant schon eifrig, Sara mit Tom zu verkuppeln und so eine neue, interessante Einwohnerin für Broken Wheel zu generieren.

Zögerlich läßt sich Sara auf dieses Abenteuer ein und lernt die Menschen, die sie aus Amys brieflichen Beschreibungen kennt, nun im wirklichen Leben kennen und nach und nach wirklich schätzen. Fast jedes Kapitel wird durch einen Brief Amys ergänzt, so daß die zwischenmenschlichen Vorgeschichten der relevanten Charaktere nacherzählt werden.

Da Sara die ihr entgegengebrachte allgemeine Großzügigkeit gerne erwidern möchte, kommt sie auf die Idee, in einem der vielen leerstehenden Ladenlokale der einzelhändlerisch fast ausgestorbenen Haupt- und Geschäftsstraße mit dem Büchernachlaß von Amy eine Buchhandlung zu eröffnen.

Nach reichlich kopfschüttelnder, gemeinderätlicher Zustimmung zu diesem Kultivierungsprojekt hilft George gerne freiwillig bei den Putz- und Renovierungsarbeiten, und nach einer Spendensammlung von Caroline finden sich auch einige brauchbare Bücherregale, Lesesessel und eine Leselampe.

Saras improvisierte Buchhandlung, ihre feste Absicht, für jeden Bewohner von Broken Wheel genau das richtige Buch zu finden, und ihre unkonventionelle Freundlichkeit wirken als sozialer Katalysator. Die Buchhandlung zahlt sich betriebswirtschaftlich nicht aus, aber sie ist eine zwischenmenschliche Bereicherung für die – durch Wirtschaftskrise, fehlende Arbeitsplätze und dementsprechend schrumpfende Einwohnerzahlen – verarmte, zukunftsmüde Kleinstadt.

Während Sara sich bemüht, die Menschen zum Lesen zu verführen, und sich originelle und aussagekräftigere Oberbegriffe – als bisher buchhändlerisch üblich – für die Regalbeschriftung ausdenkt , erwärmen sich immer mehr Menschen für die Aussicht, Sara längerfristig an Broken Wheel zu binden. Doch die romantische Annäherung zwischen Sara und Tom kommt trotz gegenseitiger Sympathie nicht in Gang, weil sich beide gegen die allzu offensichtlichen Verkuppelungsabsichten ihrer Mitmenschen wehren.

Das führt zu beiderseitigen Mißverständnissen und Trotzhaltungen, die der Liebesentwicklung eine Weile massiv im Wege stehen, und zu absurden gegenseitigen Versicherungen, man wolle nichts als Freundschaft voneinander.

Doch wenn eine Frau einen öffentlichen Heiratsantrag von einer ganzen Stadt bekommt, kann sie da noch Nein sagen?

Dieses Buch hat eine sehr warmherzige Temperatur, mit vielen Prisen Humor, netten, kleinen literarischen sowie filmischen Anspielungen und lebendigen, abwechslungsreichen Charakteren. Zum guten Schluß gibt es nicht nur eine echte Liebesheirat, sondern auch für die Nebenfiguren viele, viele bunte Liebesperlen.

Das Titelbild auf dem Schutzumschlag ist lobenswert gelungen und sehr stimmig. Hier paßt die Verpackung ausdrücklich zum Inhalt.

Mein Lieblingssatz:

„Es war einwandfrei der beste Sex gewesen, den sie jemals nicht gehabt hatte.“    (Seite 270)

 

Die Autorin:

»Katarina Biwald arbeitete 10 Jahre lang in einem Buchladen. Sie lebt in der Nähe von Stockholm, gemeinsam mit ihrer Schwester und so vielen Bücherregalen, wie nur eben in ihre Wohnung hineinpassen. Sie weiß bis heute nicht genau, was sie bevorzugt: Menschen oder Bücher.«

Die Taschenbuchausgabe hat ein anderes Titelbild – da schau her:

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald


Naturgeister

  • Wahre Erlebnisse mit Elfen und Zwergen
  • von Marjorie Johnson
  • Übersetzung aus dem Englischen von Dr. Edith Zorn
  • Umschlaggestaltung unter Verwendung eines
    Gemäldes von Petra Arndt: Annette Wagner
  • Aquamarin Verlag                           http://www.aquamarin-verlag.de
  • 8. Auflage 2013
  • 346 Seiten
  • Taschenbuch, 12,95 €
  • ISBN 978-3-89427-140-4
    NATRUGEISTER

F  E  E  N  F  U  N  D  U  S

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses Buch weckt die Sehnsucht, den Alltag wieder mit mehr Feenstaub zu bestäuben.

Wer der Existenz von Naturgeistern gegenüber aufgeschlossen ist, kann in dieser wahrlich umfänglichen, farbenfrohen Sammlung von Augen- und Seelenzeugenberichten naturgeistiger Begegnungen genüßlich schwelgen – und im Falle eigener diesbezüglicher Erfahrungen Vergleiche anstellen und sich zu tieferen Betrachtungsweisen anregen lassen.

Die Autorin Marjorie Johnson fungiert in diesem Buch gewissermaßen als „Elfensekretärin“. Sie hat selbst viele Erfahrungen mit Naturgeistern gemacht und sammelt seit 1936 Berichte anderer Menschen, die über den „Elfenblick“ verfügen.

Die schriftlichen Zeugnisse über Erlebnisse mit unterschiedlichen Naturgeistern stammen größtenteils aus Großbritannien und wurden meist in Briefform an die Autorin geschickt. Diese ordnet die Berichte den verschiedenen Naturgeist-Gattungen und Elementen zu und fügt gelegentlich auch eigene Beobachtungen und Erlebnisse mit Baumgeistern, Elfen, Feen, Gnomen, Kobolden, Zwergen usw. ein. Darüber hinaus zitiert sie stellenweise aus anderen Büchern zum Thema, um bestimmte Sachverhalte näher zu erläutern oder auf interessante Parallelen hinzuweisen.

Einige sehr ausführliche Darstellungen stammen von hellsichtigen Menschen, die sich ganz bewußt auf eine Kontaktebene mit Elementarwesen begeben können und denen auch differenzierte Zusammenhänge hinsichtlich des Ineinandergreifens aller Daseinsformen offenbart wurden.

Oft erzählen „normale“ Menschen, die in einer besonderen – meist sehr entspannten – Stimmungslage ganz unerwartet im Garten, im Wald, beim Spaziergang, beim Picknick, aber auch im Wohnhaus Naturgeister gesehen, gehört und manchmal auch längerfristig kennengelernt haben. Die Kommunikation scheint sowohl akustisch wie telepathisch zu funktionieren.

Die Variantenvielfalt der „äußeren“ Erscheinungsformen ist groß: Manche Naturgeistportraits sind vager, flüchtiger, ätherischer Art, manche kunterbunt-glanzbildchenhaft-sentimental und manche eher irdisch-tarnfarbig-natürlich – was wohl damit zu erklären ist, daß diese Wesen sich auf den Betrachter und seine Geisteshaltung einzuschwingen vermögen und seine Vorurteile bestätigen können. Außerdem geht aus den Berichten hervor, daß es Naturgeister gibt, die eine Neigung zur Mode bestimmter Zeitalter kultivieren.

Wir lesen von hilfreichen und heilsamen Elfen, Feen und Zwergen, die sich um Pflanzen, Tiere, Mineralien und sogar um Menschen kümmern, von zauberhafter Musik, von anmutigen Feentänzen, verspielter Elfenmagie, ernsthaften Baumhütern und neckischen Kobolden. Wir treffen Feuergeister, Wasserelfen, Gnome, Sylphen und Engelwesen. Alle Menschen, deren Erfahrungen hier wiedergegeben werden, fühlten sich durch die Begegnung mit Naturgeistern beglückt, getröstet, „wiederbelebt“ und inspiriert.

Wem hier das Feenflügelschlagen und Gewichtel angesichts des häufig schädlichen menschlichen Umgangs mit der Natur zu unpolitisch ist, dem sei versichert, daß es bei den Naturgeistbotschaften nicht an Hinweisen fehlt, wie unheilvoll sich Massentierhaltung, Schlachthäuser, Tierversuche und Vivisektionen in jeder Hinsicht für alle Beteiligten auswirken.

Ähnlich wie unser individueller Schutzengel unsere menschliche Entwicklung bewacht und fördert, so unterstützen und „ belebenskräftigen“ die Naturgeister Pflanzen, Tiere, Landschaften und bestimmte „heilige“ Orte.

„Viele Leute müssen Wichtel gesehen haben, fürchten aber, dass man ihnen nicht glaubt. Doch die Wahrheit lässt sich weder leugnen noch sollte das zarte Leben und die Arbeit der Elfen und Zwerge der Unwissenheit zum Opfer fallen. Dies ist nicht die einzige Welt, die sie besuchen. Sie reisen viel, und ihre Geschwindigkeit kennt keine Grenzen. Sie kennen und verstehen unsere Sprache und sind sich unserer Gedanken bewusst. Tatsache ist, dass es keine Lebenssphäre ohne sie gibt; Tiere und Vögel wissen genau um sie. Sie sind Teil des Gottesgeistes und dienen uns mehr als die meisten Menschen ahnen.“ (Seite 218, Zitat aus dem Brief von Vera Westmoreland)

 

PS:
Es war für mich ein neuer Aspekt, daß Naturgeister gelegentlich auch Tiergestalt annehmen können, um „unsere Aufmerksamkeit zu erregen“. Das läßt mich im Nachhinein mit ganz anderen Augen auf einen Grashüpfer schauen, den ich einmal in meinem Garten auf einem alten, ausgebleichten Holzstück in Lotossitzstellung vorgefunden habe. Minutenlang bewunderte ich entzückt die grünen gekreuzten Beinchen und die absolute Regungslosigkeit des Insekts, und ich wünschte mir – nicht zu ersten Male – , einfach mit den Augen photographieren zu können. Schließlich lief ich ins Haus, um meine Kamera zu holen. Doch als ich zurückkehrte, befand sich der Grashüpfer wieder in einer ganz natürlichen Stellung. Dennoch fühlte ich mich sehr beschenkt und beschwingt und bezaubert…