Das Seelenleben der Tiere

  • Liebe, Trauer, Mitgefühl – erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt
  • von Peter Wohlleben
  • Hörbuch
  • Gelesen von Peter Kaempfe
  • Produktion: Der Hörverlag 2016    http://www.hoerverlag.de
  • vollständige Lesung
  • Buchvorlage: Ludwig Verlag
  • 1 mp3-CD
  • Laufzeit: ca. 5 Stunden, 47 Minuten
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2339-3
    Das Seelenleben der Tiere von Peter Wohlleben

T I E R F Ü H L S A M

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“ ist anschaulich, einfühlsam, informativ, kompetent, naturnah, spannend, sehr wissenswert und voller Respekt für alle zwei-, vier-, sechs- und achtbeinigen Lebewesen.

Dieses Hörbuch öffnet uns Augen, Ohren und Herz für den Empfindungsreichtum und die Glücks- und Leidensfähigkeit der Tiere. Peter Wohlleben, der 2015 mit seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ die Spiegel-Bestsellerliste erobert hat, führt uns in seinem neuen Buch durch Wald und Flur, Weide und Stall, Haus und Hof sowie Stadt und Land.

Sogenannte zwischenmenschliche Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Fürsorge, Altruismus und Dankbarkeit finden sich im Tierreich ebenso wie das gesamte Spektrum der Gefühle, das wir für uns als Zweibeiner gerne beanspruchen.

Der Autor erwähnt und zitiert zahlreiche wissenschaftliche Studien, die inzwischen beweisen, daß Tiere Schmerz, Angst und Trauer, Lust, Liebe und Freude fühlen, daß sie träumen und spielen sowie vorausschauend planen können.

Neben aktuellen Forschungserkenntnissen berichtet er lebhaft von den umfänglichen  persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen, die er mit seinen eigenen Haus- und Hoftieren (Hunden, Hühnern, Ziegen, Pferden und Bienen…) und den Wildtieren (Eichhörnchen, Füchsen, Igeln, Rabenkrähen, Mardern, Rehen, Hirschen, Waldmäusen, Wildschweinen, Waldameisen…) seines  Forstreviers gesammelt hat.

Wir erfahren von aufopferungsvoller Mutterliebe bei Eichhörnchen, treuer Bindungsliebe bei Raben, vom Reinlichkeitsbedürfnis von Haus- und Wildschweinen, von lügenden Hähnen, heimlich flirtenden Elstermännchen, flunkernden Kohlmeisen, Scham, Reue und Dankbarkeit bei Hunden, Gerechtigkeitsempfinden bei Pferden, individuellen Denkprozessen und Träumen bei schwarmintelligenten Bienen, tierischer Kindererziehung und Abstillung, von ausgeprägter Empathie bei Waldmäusen sowie von außergewöhnlichen artenübergreifenden Adoptionen.

Aus der Vielzahl der beschriebenen wilden Tiere picke ich hier nur exemplarisch die Rabenvögel auf. Kolkraben gehen nicht nur lebenslängliche Partnerschaften ein, sie haben auch ein Repertoire von über achtzig verschiedenen Ruftönen bzw. Rabenvokalen, und sie verfügen über einen Namen, d.h. einen speziellen Erkennungsruf, mit dem sie sich ankündigen und der zur Begrüßung erwidert wird. Dazu paßt, daß diese Vögel auch problemlos den Spiegeltest bestehen und sich selbstbewußt im Spiegelbild erkennen.

Peter Wohlleben stellt die menschlichen Kategorien der Einteilung von Tieren in sogenannte Nützlinge und Schädlinge immer wieder in Frage und fragt zu Recht, wo wir uns als Menschen denn wohl einzuordnen hätten. Er kritisiert die gegenwärtige grausame Massentierhaltung und die Ignoranz von Politik, konventionellen Bauernverbänden und Konsumenten gegenüber der Schmerzempfindlichkeit und Leidensfähigkeit von Tieren. So dürfen beispielsweise Ferkel noch bis zum Jahr 2019 ohne Betäubung kastriert und Schalentiere lebend in kochendes Wasser geworfen werden, so daß sie einen minutenlangen qualvollen Tod erleiden.

In Anbetracht jahrtausendelanger menschlicher Jagdtraditionen ist es nicht verwunderlich, daß Wildtiere unsere Nähe scheuen. Sie haben gelernt, daß wir eine tödliche Gefahr für sie sind, und sie verstecken sich vor uns. So sind beispielsweise Rehe, Hirsche und Wildschweine deshalb nachtaktiv, weil Menschen nachts nicht jagen.

Doch da in besiedelten Gebieten nicht gejagt (geschossen) werden darf, entdecken zugleich immer mehr Wildtiere die Stadtlandschaft als Lebensraum, zumal inzwischen die pflanzliche Biodiversität in Städten teilweise größer ist als in den industriell bewirtschafteten öden Monokulturen auf dem Lande. Beispielhaft sei hier nur die zunehmend erfolgreiche Stadtimkerei genannt.

Lehrreich sind im Gegenzug seine Erläuterungen zu den übertriebenen Ängsten, die Stadtmenschen vor Wildtieren hegen. Taucht ein Fuchs im Garten oder Park auf, fürchten die Menschen eine Infizierung mit dem Fuchsbandwurm. Tatsächlich kommt der Fuchsbandwurm in der Natur gar nicht so häufig vor.

Die Infektionskette funktioniert folgendermaßen: Mäuse dienen dem Fuchsbandwurm als Zwischenwirt, befallene Mäuse bewegen sich langsamer und werden leichter vom Fuchs gefangen und gefressen, und ein befallener Fuchs scheidet später mit dem Kot eine beträchtliche Masse Bandwurmeier aus. Es gibt indes auch viele Hunde, die Mäuse fangen und fressen, und diese scheiden dann ebenfalls Wurmeier aus. Somit geht  von Hunden – wenn sie nicht regelmäßig entwurmt werden – eine viel größere Ansteckungsgefahr aus.

Reflexionen über menschliche Liebe zu Tieren und tierische Liebe zu Menschen, über die Art und Weise der Nutzung und Züchtung von Tieren als Arbeitskräfte, Nahrungsmittel-lieferanten und Schmusetier sowie die Infragestellung der niedrigeren Bewertung von instinktivem Handeln im Vergleich zu bewußtem Handeln runden „Das Seelenleben der Tiere“ ab.

Der Hörbuchvorleser Peter Kaempfe trägt den Text mit seiner sonoren Stimme wohlakzentuiert, gekonnt und angenehm eingängig vor.

Anschaulich verbindet Peter Wohlleben viele interessante Einzelheiten zu einer sinnvollen ganzheitlichen Perspektive auf das faszinierende, facettenreiche und anrührende Empfindungsspektrum unserer Mitgeschöpfe. Mit seinen empathischen Erklärungen und Beschreibungen gelingt es dem Autor vorzüglich, den erfahrungsweltlichen Abstand zwischen Menschen und Tieren zu verringern und uns daran zu erinnern, wie innig unsere menschliche Entwicklungsgeschichte mit den Tieren verbunden ist.

Dieses Buch gehört für Leser/Hörer, denen die Daseinsbedürfnisse und Lebensrechte von Tieren etwas bedeuten, zweifellos zu den Nützlingen auf dem Buchmarkt. Daß sich dieses Buch und auch sein Vorgänger „Das geheime Leben der Bäume“ zu Langzeitbestsellern entwickelt haben, erfüllt mich mit Freude. Damit haben mich meine menschlichen Artgenossen endlich einmal positiv überrascht. Ich hoffe sehr, daß eine solche Lektüre/Auditüre einen nachhaltigen Einfluß auf empathisches Empfinden und Verhalten gegenüber Tieren haben wird.

 

 Hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Das-Seelenleben-der-Tiere/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e508148.rhd

 

Das Seelenleben der Tiere von Peter WohllebenDie Buchausgabe ist im Juni 2016 im Ludwig Verlag erschienen:
Das Seelenleben der Tiere
Liebe, Trauer, Mitgefühl –
erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt
von Peter Wohlleben
gebunden, mit Schutzumschlag
240 Seiten
19,99 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN 978-3-453-28082-3
Hier geht es zur Buchausgabe und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-Seelenleben-der-Tiere/Peter-Wohlleben/Ludwig/e498201.rhd

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb in der Eifel, den er zu einem urwaldähnlichen Laubwald zurückgeführt hat. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Im Ludwig Verlag erschien 2015 sein Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“. «

Der Vorleser:

»Peter Kaempfe ist seit 43 Jahren erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler. Seine ausdrucksstarke Stimme ließ ihn zum erfolgreichen Kommentarsprecher in mehr als 800 Fernsehdokumentationen für alle deutschen Sendeanstalten werden. Außerdem ist er in über 300 Hörspielen und Hörbüchern zu hören und dazu immer wieder in vielen Live-Lesungen und Solo-Programmen zu erleben.«

Querverweis:

Ergänzend kann ich jedem noch das naturphilosophische, biopoetische Sachbuch „Alles fühlt“ von Andreas Weber sehr ans Herz legen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Wer es mit den Tierrechten ethisch noch genauer nehmen möchte, befasse sich mit dem Buch von Hilal Sezgin: „Artgerecht ist nur die Freiheit“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/19/artgerecht-ist-nur-die-freiheit/

Und für eine faszinierende und gelungene speziesübergreifende Perspektive empfehle ich den Roman „Die Bienen“ von Laline Paul: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Arche Literatur Kalender 2017

  • Von Nähe und Ferne
  • Wochenkalender
  • Herausgegeben von Elisabeth Raabe und Regina Vitali
  • ARCHE KALENDER VERLAG   http://arche-kalender-verlag.com/startseite.html
  • Graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • 60 Blätter, 58 Fotos
  • Format: 31,5 x 24 cm
  • 22,– €
  • ISBN 978-3-0347-6017-1
    arche-literatur-kalender-2017

DIS – TANZ

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Arche Literatur Kalender 2017 befaßt sich mit dem Thema Nähe und Ferne.

Schriftsteller und Dichter sind auch nur Menschen, und sie haben es ebenso leicht oder schwer mit der angemessenen zeitlichen und räumlichen Choreographie und Verbindlichkeit ihrer Ehen, Freundschaften, Liebschaften und Familienverhältnisse wie andere Menschen auch – nur hinterlassen sie beredte schriftliche Zeugnisse darüber, die wir nachlesen können.

Wieder ist es den Verlegerinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali gelungen, für jede Kalenderwoche ein ausdrucksvolles Autorenfoto in korrespondierender Begleitung eines konzentriert-mitteilsamen Textes zusammenzustellen.

Die ausgewählten Schriftstellerinnen und Schriftsteller reflektieren über das ausgewogene oder unausgewogene Verhältnis von Nähe und Distanz in ihren persönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen, manchmal auch über Entfernung oder Wiederannäherung sowie über Fernweh und Heimatverbundenheit.

Oft läßt sich angesichts der Fotos die nah- oder ferngestimmte schriftstellerische Paarverfassung ebenso gut erkennen wie bei der Lektüre der angefügten Texte.

Briefe an Freunde, Kollegen, Geliebte oder Kinder müssen das ersehnte Gespräch mit dem fernen Ansprechpartner ersetzen, Gedichte künden von Herzenserfüllung und Liebesverlusten, von befremdender Entfernung und inniger Harmonie. Tagebuchnotizen schwelgen in freudiger Erwartung und wehmütiger Erinnerung, in sehnsuchtsvoller Hoffnung und schmerzlicher Reue sowie in selbstkritischer Analyse.

Jedes Kalenderblatt wird zudem um Hintergrundinformationen und Querverweise zu Leben, Werk und Beziehungsgeschichte der betroffenen Autoren ergänzt.

Die „mediale“ Gestaltung der Kalenderblätter erfolgt im traditionell farblich und typgraphisch dezent-untermalenden Stil des Arche-Hausgraphikers Max Bartholl.

Der Arche Literatur Kalender 2017 bereichert unser Lesejahr mit abwechslungsreichen, anregenden und anrührenden Worten und ausdrucksvollen Bildern von Schriftstellern und Dichtern, die uns zeitlich meist fern sind, jedoch menschlich oft ganz nah.

 

Hier entlang zum Kalender auf der Verlagswebseite. Dort entblättert er sich zu Besichtigungszwecken:
http://arche-kalender-verlag.com/arche-literatur-kalender-2017.html

 

arche-literatur-kalender-tolkien-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

arche-literatur-kalender-carson-mccullers-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

arche-literatur-kalender-robert-gernhardt-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

PS:
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Arche Kalender Verlag außer dem besprochenen Literatur Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert hat:

Arche Geburtstagkalender (immerwährend)
http://arche-kalender-verlag.com/arche-geburtstagskalender.html
Arche Kinder Kalender 2017    (Besprechung folgt … )
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kinder-kalender-2017.html
Arche Küchen Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kuechen-kalender-2017.html
Arche Musik Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-musik-kalender-2017.html

Querverweis:

Eine elegant-eloquente Besprechung des Arche Musik Kalenders – in harmonischer Kombination mit musikalisch vielsaitiger Vertonung – findet sich beim MAESTRO von der Websaite Random Randomsen:
https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/11/08/schrittmacher-fuer-musikliebende-herzen/

 

 

Ein Buchladen zum Verlieben

  • von Katarina Bivald
  • Originaltitel: »Läsarna i Broken Wheel rekommenderar«
  • Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
  • btb Verlag, August 2014                                      http://www.btb-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 445 Seiten
  • 19,99 €
  • ISBN 978-3-442-75456-4
  • Taschenbuchausgabe  Juni 2016
  • € 9,99E (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-71392-9

    Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

LESEERFAHRUNG  ODER  LEBENSERFAHRUNG ?

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Ein Buchladen zum Verlieben“ ist eine Liebeserklärung an Menschen (und ihre Schwächen) und eine Liebeserklärung an Bücher (und ihre Stärken). Das Buch handelt davon, wie Leseerfahrung zu Lebenserfahrung und Lebenserfahrung zu Leseerfahrung führen kann.

Es ist eine unterhaltsame Lektüre, die uns eine sympathisch unglamouröse, amerikanische Kleinstadtmilieustudie und ganz besondere alltägliche Menschen aufblättert.

Nun folgen die Zutaten für dieses Romanrezept:

Man nehme eine arbeitslose, mauerblumige Buchhändlerin (Sara) aus Schweden, die sich mehr mit Büchern als mit Menschen verbunden fühlt, die jedoch eine vertrauensvolle Brieffreundschaft mit einer belesenen, weise-abgeklärten alten Dame (Amy) aus einer angestaubten Kleinstadt (Broken Wheel) in Iowa (USA) pflegt. Amy lädt Sara sehr herzlich zu einer dreimonatigen Auszeit zu sich nach Hause ein, und Sara kommt gerade noch rechtzeitig in Broken Wheel an, um an Amys Begräbnis teilzunehmen.

Schon erweitern sich die Personenzutaten um zwei Hände voll sehr ausgeprägt-eigenwilliger Charaktere: Amys Neffe, ein sehr attraktiver Junggeselle mit lächelnden Augen (Tom), ein arbeitsloser, geschiedener, trockener Alkoholiker, der den Kontakt zu seiner Tochter (Sophy) schmerzlich vermißt (George), eine burschikose Diner-Inhaberin und Schnapsbrennerin (Grace-Madeleine), eine arbeitslose Lehrerin und moralimprägnierte Kirchenälteste (Caroline), ein schwules Pärchen, das eine – die einzige – Kneipe am Ort betreibt (Andy und Carl), eine hyperaktive Hausfrau, die den Broken-Wheeler-Nachrichtenbrief schreibt und herausgibt (Jen), und noch einige andere Einwohner.

Sara wird stellvertretend für die allseits beliebte Amy von Amys Freundes- und Nachbarschaftskreis dazu eingeladen, trotz des Todesfalles eine Weile zu bleiben und im Hause ihrer verstorbenen Gastgeberin zu wohnen. Jen plant schon eifrig, Sara mit Tom zu verkuppeln und so eine neue, interessante Einwohnerin für Broken Wheel zu generieren.

Zögerlich läßt sich Sara auf dieses Abenteuer ein und lernt die Menschen, die sie aus Amys brieflichen Beschreibungen kennt, nun im wirklichen Leben kennen und nach und nach wirklich schätzen. Fast jedes Kapitel wird durch einen Brief Amys ergänzt, so daß die zwischenmenschlichen Vorgeschichten der relevanten Charaktere nacherzählt werden.

Da Sara die ihr entgegengebrachte allgemeine Großzügigkeit gerne erwidern möchte, kommt sie auf die Idee, in einem der vielen leerstehenden Ladenlokale der einzelhändlerisch fast ausgestorbenen Haupt- und Geschäftsstraße mit dem Büchernachlaß von Amy eine Buchhandlung zu eröffnen.

Nach reichlich kopfschüttelnder, gemeinderätlicher Zustimmung zu diesem Kultivierungsprojekt hilft George gerne freiwillig bei den Putz- und Renovierungsarbeiten, und nach einer Spendensammlung von Caroline finden sich auch einige brauchbare Bücherregale, Lesesessel und eine Leselampe.

Saras improvisierte Buchhandlung, ihre feste Absicht, für jeden Bewohner von Broken Wheel genau das richtige Buch zu finden, und ihre unkonventionelle Freundlichkeit wirken als sozialer Katalysator. Die Buchhandlung zahlt sich betriebswirtschaftlich nicht aus, aber sie ist eine zwischenmenschliche Bereicherung für die – durch Wirtschaftskrise, fehlende Arbeitsplätze und dementsprechend schrumpfende Einwohnerzahlen – verarmte, zukunftsmüde Kleinstadt.

Während Sara sich bemüht, die Menschen zum Lesen zu verführen, und sich originelle und aussagekräftigere Oberbegriffe – als bisher buchhändlerisch üblich – für die Regalbeschriftung ausdenkt , erwärmen sich immer mehr Menschen für die Aussicht, Sara längerfristig an Broken Wheel zu binden. Doch die romantische Annäherung zwischen Sara und Tom kommt trotz gegenseitiger Sympathie nicht in Gang, weil sich beide gegen die allzu offensichtlichen Verkuppelungsabsichten ihrer Mitmenschen wehren.

Das führt zu beiderseitigen Mißverständnissen und Trotzhaltungen, die der Liebesentwicklung eine Weile massiv im Wege stehen, und zu absurden gegenseitigen Versicherungen, man wolle nichts als Freundschaft voneinander.

Doch wenn eine Frau einen öffentlichen Heiratsantrag von einer ganzen Stadt bekommt, kann sie da noch Nein sagen?

Dieses Buch hat eine sehr warmherzige Temperatur, mit vielen Prisen Humor, netten, kleinen literarischen sowie filmischen Anspielungen und lebendigen, abwechslungsreichen Charakteren. Zum guten Schluß gibt es nicht nur eine echte Liebesheirat, sondern auch für die Nebenfiguren viele, viele bunte Liebesperlen.

Das Titelbild auf dem Schutzumschlag ist lobenswert gelungen und sehr stimmig. Hier paßt die Verpackung ausdrücklich zum Inhalt.

Mein Lieblingssatz:

„Es war einwandfrei der beste Sex gewesen, den sie jemals nicht gehabt hatte.“    (Seite 270)

 

Die Autorin:

»Katarina Biwald arbeitete 10 Jahre lang in einem Buchladen. Sie lebt in der Nähe von Stockholm, gemeinsam mit ihrer Schwester und so vielen Bücherregalen, wie nur eben in ihre Wohnung hineinpassen. Sie weiß bis heute nicht genau, was sie bevorzugt: Menschen oder Bücher.«

Die Taschenbuchausgabe hat ein anderes Titelbild – da schau her:

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald


Naturgeister

  • Wahre Erlebnisse mit Elfen und Zwergen
  • von Marjorie Johnson
  • Übersetzung aus dem Englischen von Dr. Edith Zorn
  • Umschlaggestaltung unter Verwendung eines
    Gemäldes von Petra Arndt: Annette Wagner
  • Aquamarin Verlag                           http://www.aquamarin-verlag.de
  • 8. Auflage 2013
  • 346 Seiten
  • Taschenbuch, 12,95 €
  • ISBN 978-3-89427-140-4
    NATRUGEISTER

F  E  E  N  F  U  N  D  U  S

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses Buch weckt die Sehnsucht, den Alltag wieder mit mehr Feenstaub zu bestäuben.

Wer der Existenz von Naturgeistern gegenüber aufgeschlossen ist, kann in dieser wahrlich umfänglichen, farbenfrohen Sammlung von Augen- und Seelenzeugenberichten naturgeistiger Begegnungen genüßlich schwelgen – und im Falle eigener diesbezüglicher Erfahrungen Vergleiche anstellen und sich zu tieferen Betrachtungsweisen anregen lassen.

Die Autorin Marjorie Johnson fungiert in diesem Buch gewissermaßen als „Elfensekretärin“. Sie hat selbst viele Erfahrungen mit Naturgeistern gemacht und sammelt seit 1936 Berichte anderer Menschen, die über den „Elfenblick“ verfügen.

Die schriftlichen Zeugnisse über Erlebnisse mit unterschiedlichen Naturgeistern stammen größtenteils aus Großbritannien und wurden meist in Briefform an die Autorin geschickt. Diese ordnet die Berichte den verschiedenen Naturgeist-Gattungen und Elementen zu und fügt gelegentlich auch eigene Beobachtungen und Erlebnisse mit Baumgeistern, Elfen, Feen, Gnomen, Kobolden, Zwergen usw. ein. Darüber hinaus zitiert sie stellenweise aus anderen Büchern zum Thema, um bestimmte Sachverhalte näher zu erläutern oder auf interessante Parallelen hinzuweisen.

Einige sehr ausführliche Darstellungen stammen von hellsichtigen Menschen, die sich ganz bewußt auf eine Kontaktebene mit Elementarwesen begeben können und denen auch differenzierte Zusammenhänge hinsichtlich des Ineinandergreifens aller Daseinsformen offenbart wurden.

Oft erzählen „normale“ Menschen, die in einer besonderen – meist sehr entspannten – Stimmungslage ganz unerwartet im Garten, im Wald, beim Spaziergang, beim Picknick, aber auch im Wohnhaus Naturgeister gesehen, gehört und manchmal auch längerfristig kennengelernt haben. Die Kommunikation scheint sowohl akustisch wie telepathisch zu funktionieren.

Die Variantenvielfalt der „äußeren“ Erscheinungsformen ist groß: Manche Naturgeistportraits sind vager, flüchtiger, ätherischer Art, manche kunterbunt-glanzbildchenhaft-sentimental und manche eher irdisch-tarnfarbig-natürlich – was wohl damit zu erklären ist, daß diese Wesen sich auf den Betrachter und seine Geisteshaltung einzuschwingen vermögen und seine Vorurteile bestätigen können. Außerdem geht aus den Berichten hervor, daß es Naturgeister gibt, die eine Neigung zur Mode bestimmter Zeitalter kultivieren.

Wir lesen von hilfreichen und heilsamen Elfen, Feen und Zwergen, die sich um Pflanzen, Tiere, Mineralien und sogar um Menschen kümmern, von zauberhafter Musik, von anmutigen Feentänzen, verspielter Elfenmagie, ernsthaften Baumhütern und neckischen Kobolden. Wir treffen Feuergeister, Wasserelfen, Gnome, Sylphen und Engelwesen. Alle Menschen, deren Erfahrungen hier wiedergegeben werden, fühlten sich durch die Begegnung mit Naturgeistern beglückt, getröstet, „wiederbelebt“ und inspiriert.

Wem hier das Feenflügelschlagen und Gewichtel angesichts des häufig schädlichen menschlichen Umgangs mit der Natur zu unpolitisch ist, dem sei versichert, daß es bei den Naturgeistbotschaften nicht an Hinweisen fehlt, wie unheilvoll sich Massentierhaltung, Schlachthäuser, Tierversuche und Vivisektionen in jeder Hinsicht für alle Beteiligten auswirken.

Ähnlich wie unser individueller Schutzengel unsere menschliche Entwicklung bewacht und fördert, so unterstützen und „ belebenskräftigen“ die Naturgeister Pflanzen, Tiere, Landschaften und bestimmte „heilige“ Orte.

„Viele Leute müssen Wichtel gesehen haben, fürchten aber, dass man ihnen nicht glaubt. Doch die Wahrheit lässt sich weder leugnen noch sollte das zarte Leben und die Arbeit der Elfen und Zwerge der Unwissenheit zum Opfer fallen. Dies ist nicht die einzige Welt, die sie besuchen. Sie reisen viel, und ihre Geschwindigkeit kennt keine Grenzen. Sie kennen und verstehen unsere Sprache und sind sich unserer Gedanken bewusst. Tatsache ist, dass es keine Lebenssphäre ohne sie gibt; Tiere und Vögel wissen genau um sie. Sie sind Teil des Gottesgeistes und dienen uns mehr als die meisten Menschen ahnen.“ (Seite 218, Zitat aus dem Brief von Vera Westmoreland)

 

PS:
Es war für mich ein neuer Aspekt, daß Naturgeister gelegentlich auch Tiergestalt annehmen können, um „unsere Aufmerksamkeit zu erregen“. Das läßt mich im Nachhinein mit ganz anderen Augen auf einen Grashüpfer schauen, den ich einmal in meinem Garten auf einem alten, ausgebleichten Holzstück in Lotossitzstellung vorgefunden habe. Minutenlang bewunderte ich entzückt die grünen gekreuzten Beinchen und die absolute Regungslosigkeit des Insekts, und ich wünschte mir – nicht zu ersten Male – , einfach mit den Augen photographieren zu können. Schließlich lief ich ins Haus, um meine Kamera zu holen. Doch als ich zurückkehrte, befand sich der Grashüpfer wieder in einer ganz natürlichen Stellung. Dennoch fühlte ich mich sehr beschenkt und beschwingt und bezaubert…

Ich und die Menschen

  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »The Humans«
  • Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • Deutsche Erstausgabe, dtv premium  April 2014                 http://www.dtv.de
  • 352 Seiten
  • zweiundsiebzigtausendneunhundertfünfzig Wörter
  • Klappenbroschur
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-423-26014-5
  • Taschenbuchausgabe  August 2015       DTV Verlag
  •  9,95 € (D),  10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21604-3
    ich_und_die_menschen-9783423260145

LIEBE  ODER  LOGIK,  DAS  IST  HIER  DIE  FRAGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation hat ihren ganz eigenen Reiz. Sie verschafft uns den besonderen Blick auf das Alltägliche.

Der Ich-Erzähler in „Ich und die Menschen“ ist ein Vonnadorianer, und er kommt von sehr, sehr weit her; um Zahlen sprechen zu lassen: der Planet Vonnadoria befindet sich in 8 653 178 431 Lichtjahren Entfernung zum Planeten Erde, und auf Vonnandoria ist Mathematik die einzige Religion. Selbstverständlich ist der Erzähler auch logisch-intellektuell sowie bio-technologisch um Lichtjahre weiter entwickelt als unsereiner.

Der Gast aus dem All hat eine Mission zu erfüllen: Um des universellen Friedens willen soll der menschliche Fortschritt aufgehalten werden. Ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das soll aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden, da die menschliche Spezies ohnehin schon über zu viele technische Mittel verfügt – bei gleichzeitiger psychosozialer und logischer Unterbelichtung. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, daß man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickelt.

Nun – zunächst ist der Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martin an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen,an die Funktionen des menschlichen Körpers, die rätselhaften Bekleidungscodes, den Sprachkontext und die widersprüchlichen menschlichen Verhaltensweisen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Befürchtungen und negativen Vorurteile bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart. Irritiert nimmt er zur Kenntnis, daß die Nachrichten nur auf Menschen bezogen sind und daß die anderen drei Millionen Arten, die den Planeten bevölkern, buchstäblich ignoriert werden. Die Nachrichten berichten über Politik, Geld und Krieg, aber nicht über neue mathematische Erkenntnisse, geschweige denn über Ereignisse, die außerhalb des irdischen Sonnensystems stattfinden. Der Interessenshorizont der meisten Menschen geht offenbar nicht weit über den eigenen Vorgarten hinaus.

Der vonnadorianische Agent hat den Auftrag herauszufinden, wer, außer dem Professor, vom Beweis der Riemannschen Vermutung Kenntnis hat, und die betreffenden Personen zu töten. Dazu stehen ihm gewisse „Gaben“ (bio-technische Implantate) zur Verfügung, mit denen er eine natürliche Todesursache initiieren kann. Es fällt ihm leicht, die Dateien auf Professor Martins Rechner unwiderruflich zu löschen, denn „auf der Erde waren die Computer noch auf der präsensointelligenten Stufe ihrer Evolution; sie standen einfach herum und ließen den Benutzer auf sie zugreifen und sich nehmen, was er wollte, ohne den leisesten Protest.“
(Seite 79)

Schließlich soll verhindert werden, daß die Menschen noch mehr Erfindungen machen, die sie anschließend nicht mehr in den Griff bekamen (die Atombombe, das Internet, das Semikolon)…“ (Seite 100)

Doch nachdem er den ersten menschlichen Mitwisser (einen Mathematikerkollegen) durch einen Herzinfarkt getötet hat und Zeuge des emotionalen Aufruhrs geworden ist, den dieser Verlust bei der Witwe verursacht, fängt er langsam an, die außerirdische Distanz zu verlieren. Die Aussicht, noch weitere Menschen in die Nichtexistenz zu befördern, gefällt ihm immer weniger.

Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit seiner „Familie“ und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er nach und nach die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik, und er entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Seine Gewissheiten geraten ins Wanken. Er zweifelt an der Rechtmäßigkeit seines Auftrages und versucht, die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, davon zu überzeugen, daß die Vernichtung der Informationen ausreiche und keine weiteren Menschen für den Frieden im All geopfert werden müssen. Die Moderatoren drängen auf die Erfüllung der Mission und lehnen seinen Vorschlag ab, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu lernen.

Wenn man zu einer Lebensform gehört, die unsterblich ist, ewigen Tag, ewigen Frieden, kein Wetter, keinen Schmerz und nur heilbare Krankheiten kennt, kann man schon Rührung und Faszination und sogar Bewunderung empfinden angesichts der absoluten Verletzlichkeit, Endlichkeit, Komplexität und Widersprüchlichkeit der menschlichen Daseinsform- besonders wenn man angefangen hat, Bindungsgefühle und Empathie für bestimmte Menschen zu entwickeln.

Der Außerirdische wird entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Das führt zwangsläufig zu dramatischen Komplikationen, doch am Ende ist der Gast auf Erden endlich hier zu Hause.

Matt Haigs Roman hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des sehr vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden und denkenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Drei Zitate zur Einstimmung:

„Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil, ihr Hauptzweck ist, den Lesern Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie als Nächstes kaufen sollen. Es ist eine ewige Spirale des Unglücklichseins, die man Kapitalismus nennt.“ (Seite 28)

Egal wie lange ich auf diesem Planeten bleiben würde, dachte ich, an den Anblick von Autos würde ich mich nie gewöhnen, die durch die Schwerkraft und minderwertige Technik an den Boden gebunden waren und dort nicht mal vom Fleck kamen, weil es so viele von ihnen gab.“ (Seite 129)

„Im Grunde waren soziale Netzwerke die Nachrichtenshow, auf die die Menschen gewartet hatten. Die Nachrichtenshow, in der es nur um sie ging. (Seite 221)

Und die Romantiker dürften den Fortschritten und Reflexionen, die der Außerirdische zum Thema „Liebe“ macht, gewiß zustimmen – auch wenn die nachfolgende Liebesdefinition von etwas geometrischer Poesie ist – mir gefällt sie einfach!

Zwei Spiegel, im perfekten Winkel einander gegenüber aufgehängt, die sich selbst im anderen sahen, die Sicht so tief wie die Unendlichkeit.“ (Seite 251)

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des numerischen Begriffsvermögens der Menschen charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu, trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der „Riemannschen Vermutung“ handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Buch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung auf den Seiten 82 bis 84 anschaulich erklärt.

Querverweis:

Und das HÖRBUCH – gelesen von Christoph Maria Herbst – habe ich nachfolgend besprochen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/07/09/ich-und-die-menschen-horbuch/


Der Autor:

»Matt Haig, wurde 1975 in Sheffield geboren. Er hat bereits einige Romane und Kinderbücher veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er lebt in York und London.
Matt Haig wurde mit seinen Roman ›Ich und die Menschen‹ für den Edgar Award, Kategorie »Best Novel« nominiert.
Der Edgar Allan Poe Award (kurz Edgar genannt) ist der weltweit populärste und gleichzeitig bedeutendste Preis für kriminalliterarische Werke in den USA.«

 

PPS:
Die Lektüre dieses Romans und die darin zitierten Emily-Dickinson-Gedichte haben mich übrigens dazu angeregt, endlich meine Lesewissenslücke bezüglich Emily Dickinson zu schließen…
Und nun – 600 Gedichte belesener als zuvor  –  folgt der Link zu meiner Rezension einer umfangreichen, zweisprachigen GEDICHTAUSWAHL von Emily Dickinson (übersetzt von Gunhild Kübler) :
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/18/emily-dickinson-gedichte/

 

 

Der letzte Tiger

  • Bilderbuch
  • Text und Illustration von Rebecca Elliott
  • Ins Deutsche übertragen von Annette Moser
  • KERLE Verlag,  Februar 2013                                  http://www.kerle.de
  • 32 Seiten, gebunden
  • Format 21,5  x  26 cm
  • 12,99 € (D), 19,50 sFr.
  • ISBN 978-3-451-71158-9
  • ab 4 Jahren
    978-3-451-71158-9_PF01_U_V4_CS5_5.indd

IM  GARTEN  DES  HERZENS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Rettung oder Erhaltung der Welt ist ganz gewiß ein Thema für Kinder, werden sie doch wahrscheinlich noch viel länger mit der Welt auskommen müssen als wir Erwachsene.

Rebecca Elliott erzählt mit wenigen, aber wesentlichen Worten und mit stimmungsvollen Bildern ein zeitgemäßes Märchen:

Ein kleiner Junge namens Luka lebt in einer städtischen, leblosen, ergrauten Welt, in der die Menschen die Natur vergessen haben und in der Pflanzen und Tiere fast nicht mehr vorkommen. Eines Nachts verfängt sich die Pfote des letzten Tigers in einer Blechbüchse. Luka hört es scheppern, und er entdeckt den Tiger. Er hilft ihm, sich von dem Schrott zu befreien, und der Tiger läuft fort. Luka verfolgt ihn bis zu einer verborgenen Höhle. Dort schenkt derTiger dem Jungen eine wunderschöne Blume zum Dank.

Die beiden freunden sich an und spielen ausgelassen miteinander. Die Doppelseite in der Mitte des Bilderbuches mit den ausdrucksvoll verspielten und warmherzigen Freundschaftsszenen finde ich ganz besonders gut gelungen.

Doch das Geheimnis der beiden ungleichen Freunde bleibt nicht lange geheim; der Tiger wird gefangen und in einem Käfig der Schaulust der Menschen preisgegeben.

Luka  sucht in seiner Verzweiflung die Tigerhöhle auf und findet am anderen Ende der Höhle einen Garten mit Pflanzen, Tieren und den vielfältigen Farben des Lebens.

Es gelingt Luka, die Menschen mit dem Versprechen auf „Etwas ganz Besonderes“ dazu zu bewegen, den Tiger freizulassen.

Gemeinsam führen sie die Menschen in das vergessene Paradies. Die Menschen bekommen Sehnsucht nach der natürlichen Schönheit der Welt und wollen sie wieder „zum Leben erwecken“.

So beginnen sie mit Hilfe des Tigers, die Welt in eine – ich bezeichne es einmal ganz überparteilich – grüne Richtung zu verändern.

„Der letzte Tiger “  ist ein liebevoll gestaltetes Bilderbuch, das ich nur jedem empfehlen kann, der möchte, daß konstruktive, naturverbundene geistige Samen in Kinderherzen gelegt werden.

 

 

Die Autorin:

»Rebecca Elliott, geb. 1979, hat ursprünglich Philosophie studiert. Nach einem langweiligen Bürojob erfüllte sie sich 2002 ihren Kindheitstraum und wurde zunächst als Illustratorin, später auch als Autorin tätig. Seither hat sie viele schöne Bücher veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Suffolk/England.«

Der beste Freund, den man sich denken kann

K I N D E R L I E B

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der beste Freund, den man sich denken kann“   –  nämlich ein imaginärer Kindheitsfreund  – vermittelt in diesem Buch einen lebhaften, humorvoll-nachdenklichen Eindruck vom Leben und Umgang mit dem Asperger-Syndrom.

Budo ist der imaginäre Freund des neunjährigen Max. Max hat das Asperger-Syndrom und keine Freunde, da Sozialkontakte für ihn ein fast unüberwindliches Problem bzw. – genauer ausgedrückt  –  ein schwer zu lösendes Rätsel sind. Was für die meisten Menschen eine selbstverständliche und einfache Angelegenheit ist, erscheint für Max kompliziert, beängstigend und verwirrend undurchschaubar.

Budo liefert uns folgende Erklärung: „Max mag Menschen nun mal nicht so gern wie andere Kinder es tun. Er mag Menschen schon, aber es ist eine andere Art von mögen. Er mag sie von Weitem.“  (Seite 16)

Max ist gerne alleine und spielt gerne alleine, aber seinen imaginären Freund hat er sich maßgeschneidert zu seinen Bedürfnissen ausgedacht und ihn mit großer Sorgfalt gestaltet. Deshalb sieht Budo aus wie ein richtiger Junge und nicht wie ein Stofftier, eine Märchengestalt oder ein nur flüchtig hingekritzeltes Strichmännlein.

Budo ist schon sechs Jahre alt, was für einen imaginären Freund ein hohes Alter ist; viele imaginäre „Kollegen“ Budos überleben nur einige Wochen oder Monate, also genauso lange, wie das jeweilige Kind an seinen imaginären Freund glaubt und sich mit ihm beschäftigt. Budo ist dankbar dafür, daß Max ihn sich so präzise ausgedacht hat und daß er ihn mit Bewegungsfreiheit und der Fähigkeit, auch geschlossene Türen und Fenster zu durchqueren, ausgestattet hat.

Das tragende Element von Maxens und Budos Beziehung ist, daß Budo kein Bedürfnis hegt, Max zu verändern, und ihn einfach so sein läßt, wie er ist. Das ist etwas, was die meisten anderen Menschen, einschließlich Maxens Eltern, nicht oder nur zum Teil können.

„Ich verbringe fast den ganzen Tag mit ihm und sehe, wie anders er ist verglichen mit den Kindern in seiner Klasse. Max lebt auf der Innenseite, und die anderen Kinder leben auf der Außenseite. Das macht ihn so anders. Max hat keine Außenseite. Max besteht komplett aus Innenseite.“ (Seite 28)

Das erklärt, warum es für  Max so wichtig und beruhigend ist, für die äußerlichen Angelegenheiten möglichst feste Regeln und unveränderliche alltägliche Abläufe zu haben. Max zieht nie mehr als sieben Kleidungsstücke gleichzeitig an, es muß immer die gleiche Zahncremesorte sein, und die Entscheidung, welche Socken er anziehen soll, oder eine Wahl zwischen zwei Eissorten zu treffen, ist schon eine Herausforderung für ihn.

Da Budo Maxens Schöpfung ist, begreift er ihn auch von innen heraus, und die beiden kommen gut miteinander aus, sie spielen und sprechen miteinander, und wenn Max schläft, nimmt Budo als unsichtbarer Beobachter Anteil an den Gesprächen von Maxens Eltern oder schaut mit ihnen fern.

Wenn die ganze Familie schläft, erforscht Max auch die nähere Umgebung und andere „Menschwesen“ und erweitert auf diese Weise seinen Wirklichkeitshorizont.

Budos Unsichtbarkeit erlaubt ihm Einsichten, die gelegentlich lustig sind: z.B. wer, wann, wie und wo heimlich oder auch unheimlich in der Nase bohrt. Aber er erfährt auch einiges, was ihn zu tieferen Fragen und Gedankenspielen über existenzielle Themen anregt.

Außerdem hat er schon viele imaginäre Freunde verblassen und verschwinden sehen, wenn die dazugehörigen Kinder nicht mehr an ihren ausgedachten Begleiter glauben, selbständiger werden oder ihn nach und nach einfach vergessen.

Das zwischenmenschliche Gefühlsspektrum ist Budo nicht fremd, und er verfügt über großes Einfühlungsvermögen, nicht nur für Max und andere Kinder, sondern auch in Bezug auf Erwachsene, deren häufige Gefühlstarnungen er glasklar durchschaut.

Budo versteht mehr von der Welt als Max und erklärt ihm die Mehrdeutigkeiten von Wörtern und umgangssprachlichen Redewendungen, denn Max versteht alles nur wortwörtlich, was eine Quelle für viele Mißverständnisse und Irritationen ist.

Budo begleitet Max auch zur Schule, und wir schauen aus Budos Perspektive auf pädagogische Licht- und Schattengestalten. Er hat ein feines Gespür für echte und unechte Verhaltensweisen, und er bemerkt mit gesundem Mißtrauen eine Hilfslehrerin, die sich bei Max  anzubiedern versucht.

Als Max schließlich genau von dieser Lehrerin entführt wird, ist Budo der einzige Zeuge. Verzweifelt beobachtet er die Ermittlungen der Polizei, aber er ist ja nur für Max und für imaginäre Daseinsformen sichtbar und hörbar, also kann er nicht einfach sein Wissen weitergeben und das Problem den Erwachsenen überlassen. Er muß sich selbst etwas einfallen lassen, und er kann nur mittelbar handeln, da er keinen physischen Einfluß auf die materielle Welt hat. Budo findet das Versteck der Entführerin, und er besucht Max, aber um Max zu befreien, müßte er den Mechanismus einer Geheimtür auslösen können, doch das ist für Budo unmöglich.

Für dieses Problem findet Budo zwar, mit Unterstützung weiterer imaginärer Freunde, eine kreative Lösung, aber um den schreckstarren Max zur Flucht zu bewegen, muß er ihm androhen, ihn in Zukunft ganz allein zu lassen und ihn nie mehr zu besuchen. Er geht sogar so weit, Max darüber aufzuklären, daß er nur ein ausgedachter Freund sei, obwohl Budo damit seine eigene Existenzgrundlage gefährdet. Das ist hart, aber es hilft!

Während der dramatischen Flucht entwickelt Max plötzlich eine ungewohnt selbständige Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit, und er schafft den Weg zurück zu seinem Elternhaus. Glücklich schaut Budo der familiären Wiedervereinigung zu, und er sieht Max zum ersten Mal im Leben richtig lächeln.

Budo hat Max letztlich dabei geholfen, sich selbst zu helfen, und das ist ein großer Fortschritt für Max und sein weiteres Leben.

„Der beste Freund, den man sich denken kann“ ist eine außergewöhnliche, interessante und spannende Freundschaftsgeschichte, aus der eine große Liebe zu Kindern und zum Leben spricht.

 

Der Autor:

»Matthew Dicks hat am Trinity Colllege in Hartford, Connecticut, studiert und arbeitet als Grundschullehrer. Aus Deutsch erschienen Der gute Dieb (2009) und 99 Sommersprossen (2010). Er lebt mit seiner Frau, zwei Kindern, einem Hund und einer Katze in Newington, Connecticut.«
http://www.matthewdicks.com

Hier ist der Link zu meiner Besprechung von „Der Gute Dieb“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/der-gute-dieb/