Was wir uns wünschen

  • von Ulf Stark
  • Originaltitel: »En liten bok om kärlek«
  • Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
  • Mit Schwarz-weiß-Illustrationen von Lina Bodén
  • Verlag Urachhaus     August 2016   www.urachhaus.com
  • gebunden
  • 112 Seiten
  • 12,90 € (D), 13,30 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7984-7
  • ab 7 Jahren
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MIT  GEFÜHL

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Was wir uns wünschen“ ist eine warmherzige Weihnachtsgeschichte, die in der Vergangenheit spielt und gleichwohl die Zeitlosigkeit elementarer zwischenmenschlicher Bedürfnisse zeigt.

Eine Kindheit im Krieg ist kein Zuckerschlecken; davon kann der Junge Fred ein Lied singen. Alle Lebensmittel sind rationiert, und zum alltäglichen Mangel kommt ein besonders kalter Winter belastend hinzu. Seine Mutter, zu der er ein sehr inniges Verhältnis hat, arbeitet als Straßenbahnschaffnerin, und Fred hilft nachmittags einem freundlichen Nachbarn als Ausrufer und Lieferant beim Weihnachtsbaummarktstand aus.

So kann er auch etwas zum Haushalt beitragen. Fred darf zusätzlich zu seiner kleinen Umsatzbeteiligung alle Holz- und Zweigreste mitnehmen, mit denen später der häusliche Kachelofen befeuert wird.

Fred vermißt seinen Vater, der als Soldat an der Grenze zu Finnland dient, und er ärgert sich über den Politiker mit dem kleinen schwarzen Schnurrbart, der diesen Krieg angefangen hat.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Wenn Fred wichtige Lebensfragen hat, setzt er sich in die Kleiderkammer unter den Sonntagsanzug seines Vaters und holt sich väterlichen Rat, indem er das Rauschen der Lüftungsklappe in echte Antworten uminterpretiert. Manche Dinge muß man eben von zu Mann zu Mann besprechen.

Fred ist sehr gut in Mathematik und heimlich verliebt in seine Klassenkameradin Elsa. Bei der nächsten Klassenarbeit versucht er, Elsa die Lösung für eine Rechenaufgabe, mit der sie offensichtlich nicht klar kommt, zuzustecken. Dabei wird er erwischt, und seine Absicht, sich bei Elsa beliebt zu machen, wird pompös und peinlich verfehlt.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Nach der Schule arbeitet er wieder am Weihnachtsbaumstand und bedient eine elegante, offensichtlich wohlhabende Dame. Fred trägt ihr den Weihnachtsbaum nach Hause, und sie gibt ihm ein sehr üppiges Trinkgeld. Seufzend äußert sie ihren Wunsch nach Frieden, und Fred (dessen Name Frieden bedeutet) stimmt ihr zu. Daraufhin schenkt sie ihm noch eine Tafel Schokolade und ein kristallenes Parfümfläschchen, in dem noch ein kleiner Rest von Parfüm ist. Fred hält die Dame für eine gute Fee, denn immer, wenn er ein Tröpfchen von ihrem Parfüm verreibt, fühlt er sich froh und zuversichtlich.

Fred beratschlagt sich in seinen imaginativen Gesprächen mit seinem Vater, wie er das Mogelzettelproblem lösen und Elsas Herz erreichen könne. Liebe sei nichts für Feiglinge, meint sein Vater.

Fred besteht in den folgenden Tagen eine Mutprobe ganz anderer Art als geplant. Geplant ist ein offenes Wort an Elsa; das führt jedoch, durch Freds schüchterne Wortverlegenheit, nur zu weiteren Mißverständnissen. Ungeplant und ganz spontan öffnen Fred und sein bester Kumpel Oskar heimlich die Schulvitrine mit den naturwissenschaftlichen Schauobjekten und bekleben das dortige Skelett mit einem Hitlerbärtchen aus schwarzem Isolierband.

Am nächsten Schultag gibt es auf der Suche nach den „Tätern“ ein dickes Donnerwetter vom Schuldirektor. Fred und Oskar beweisen Zivilcourage und gestehen ihren Streich. Sie bekommen eine Verwarnung und eine Fünf in Betragen. Bei der Verwarnung, die von der Klassenlehrerin für die Eltern verfaßt wird, beweist diese wiederum viel Zivilcourage durch die unkonventionelle Formulierung, die ein ausdrückliches Lob für den Schülerstreich enthält.  Dementsprechend positiv reagiert Freds Mutter, die zudem mein, daß Freds Vater stolz auf seinen Sohn wäre, wenn er von seiner „Heldentat“ erführe.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Von seinem Vater weiß Fred, daß man für die Liebe manchmal ein Opfer bringen müsse. Also packt er seine Trinkgeld-Schokolade in ein herausgerissenes Blatt aus einem alten Popeye-Comic und schreibt ein Liebesbriefchen dazu. Beide Gaben schmuggelt er am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien in Elsas Schreibpult.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Obwohl sein Brief ein wenig holperig und ungeschickt ist, kommt er entschieden positiv bei Elsa an. Sie wartet auf dem Schulhof auf Fred und begleitet ihn zum Weihnachts-baummarktstand, wo er noch einen versprochenen Restweihnachtsbaum abholen darf. Gemeinsam tragen sie den Baum zu Freds Wohnhaus. Dort umarmt Elsa Fred und schenkt ihm einen blauen Taschenspiegel mit der Bemerkung: „Wenn du da reinguckst, siehst du einen, den ich gern hab.“ (Seite 89)

Nun, diese Herzensangelegenheit ist schon mal gut eingefädelt und läßt hoffen. Und die Sehnsucht nach dem Vater wird ganz überraschend auch noch gestillt – wenigstens für Heiligabend …

Ulf Stark transportiert uns mit seinem einfühlsamen Text schnurstracks in Freds Herz. Schon nach wenigen Seiten ist der atmosphärische Zeitsprung in die Vergangenheit perfekt, und die verschiedenen Charaktere werden uns vertraut. Freds Klassenlehrerin, die eine wahre pädagogische Lichtgestalt repräsentiert, verdient ganz besondere Leseaufmerksamkeit.

Die feinen, konzentrierten Schwarz-weiß-Illustrationen von Lina Bodén bringen den Zeitgeist und die Gefühlstemperatur der Erzählung stimmungsvoll zur Geltung.

Anrührend sind außerdem die – im Vergleich zu heutigen Usancen –  bescheidenen kindlichen Weihnachtswünsche. Es geht um Schlittschuhe und eine Mundharmonika, aber ansonsten ist der Wunschtraum nach üppigen Nahrungsmitteln und nach Frieden viel ausgeprägter als der nach spielerischen Dingen. Fred zeigt auch großen Einfalls- reichtum beim Geschenkebasteln. So holt er vom Schrottplatz Messingmuttern, poliert sie blank und fädelt sie zu einem glänzenden Armband auf, das er seiner Mutter schenkt.

In einer Sprache, die einfach und zugleich ganz zartfühlend und sinnlich-greifbar ist, stellt der Autor die kindlichen Herzensregungen dar: voller Mitgefühl, mit leisem Tiefgang und mit einer freundlichen Portion schelmischen Humors.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825179847/was-wir-uns-wuenschen

Der Autor:

»Ulf Stark, geboren 1944 in Stockholm, knüpfte bereits in seiner Gymnasialzeit Kontakte zu Schriftsteller- und Künstlerkreisen und debütierte 19-jährig mit einem Lyrikband. Seit Jahrzehnten ist er freier Kinderbuchautor und seine Bücher sind nicht nur in Schweden, sondern auch in vielen anderen Ländern sehr erfolgreich und wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit der Nils-Holgersson-Plakette, dem Astrid-Lindgren-Preis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis

Die Illustratorin:

»Lina Bodén, geboren 1980 in Stockholm, hat an der traditionsreichen Beckmanns Designhochschule studiert und malt seit fast einem Jahrzehnt erfolgreich Illustrationen für Kinderbücher und Belletristik, für Zeitungen, Werbung, Verpackungen und Textildruck. Sie lebt mit ihrer Familie in Stockholm.«

Giesbert in der Regentonne

  • Text und Illustrationen von Daniela Drescher
  • Kinderbuch
  • Verlag Urachhaus August 2016  www.urachhaus.com
  • 112 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 17 x 24 cm
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7988-5
  • ab 5 Jahren
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W A S S E R T R E U

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Daniela Dreschers neues Kinderbuch lädt uns in Wort und Bild in ihren eigenen Garten ein. Ob es der echte Garten oder der Garten ihres Herzens ist, kann ich nicht beurteilen, aber es gefällt mir zauberhaft gut darin.

Die Autorin erzählt, wie eines Regentages Giesbert, ihr hauseigener Regenrinnen-Wicht, so heftig durch die Regenrinne ins Regenfaß gespült wird, daß dabei seine Flöte zerbricht. Giesbert ist untröstlich und weint und klagt und jammert und schreit,  bis ihm der alte Holundergeist, der im Holunderstrauch neben der Regentonne wohnt, eine neue Flöte schnitzt. Da kehrt wieder Ruhe ein, und Giesbert spielt überglücklich eine lustige Danke-schön-Melodie für den alten Holundergeist.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Außer fürs Flötespielen hat der Regentonnen-Wicht eine Vorliebe für selbstgemachte Gedichte, Schnittlauchbrot und Wasserstreiche. Im Kontakt mit den Tieren des Gartens erweist er sich als ebenso hilfsbereit wie verspielt.

 

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Er füttert ein verletztes Rotkehlchen, er veranstaltet ein Schneckenwettkriechen, er hilft einem vergeßlichen Eichhörnchen beim Wiederfinden von Haselnußverstecken, er diszipliniert feuchtfröhlich einen aufdringlichen Waschbären, er ärgert den Kater und verträgt sich wieder mit ihm, er kämpft mit dem verstopften Gartenschlauch, er rettet eine Goldfischdame und begleitet den Quakgesang eines Froschprinzenfroschs mit der Flöte …

Die Heilpflanzengeister (Huflattich und Spitzwegerich) heilen Giesberts Husten, und ein lebenserfahrener Igel hilft ihm, seinen Liebeskummer wegen der unerreichbaren Blumenelfe Gisela zu überwinden.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Die Menschen unterstützt Giesbert – wie der Name schon andeutet – beim Gießen der Pflanzen, und die Regentonne ist immer gefüllt, auch wenn seit langem kein Regen mehr gefallen ist. So ein Regentonnen-Wicht ist halt nur im Wasser ganz in seinem Element. Allerdings kann er – wenn er sehr wütend wird – jedes Wasser zum Überlaufen bringen. Das kommt jedoch nur selten vor, und er hilft auch reumütig beim Aufwischen, wenn es in der Küche oder im Bad zu kleinen Überschwemmungen kommt. Denn sonst hätte die Autorin Giesbert gewiß nicht dazu eingeladen, den Winter in ihrer häuslichen Badewanne zu verbringen. Während draußen das Wasser in der Regentonne vereist und im Garten die Schneeflocken tanzen und wirbeln, sitzt Giesbert gemütlich am Fenster und dichtet:

»Leise fallen Sterne nieder.
Tausend fallen immer wieder!
Jeder bringt uns einen Traum
aus dem großen Weltenraum.
Tausend Träume – immer wieder –
fallen als Schneeflocken nieder.
Und ein Traum, der ist sicherlich
ganz allein und nur für mich

Daniela Drescher ©
  (Seite 110)

Giesberts heiter-umtriebiges Wesen und Wirken wird in kurzen Kapiteln erzählt, die mit einem Umfang von vier bis acht Seiten eine angenehme Vorleselänge haben. Die zahlreichen märchenhaft-schönen – teilweise ganzseitigen –  Begleitbilder sind eine anregende Augenweide.

Daniela Dreschers aquarellierte Illustrationen sind sehr atmosphärisch und zeugen – in ihrer botanischen sowie zoologischen Stimmigkeit – von sehr tiefer Naturverbundenheit und einer entsprechenden Beobachtungsgabe.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

„Giesbert in der Regentonne“ bietet unbeschwerte, warmherzige Vorlesekost. In jeder Episode finden sich für Kinder leicht mitzuempfindende Gefühle und Regungen sowie konstruktive Interaktionen und Problemlösungen.

Der Regentonnen-Wicht, zahlreiche sprechende Tiere und knollennasig-knuffige Pflanzengeister-Wichtel garantieren hier die Verzauberung des Gartenalltags und die Beflügelung der kindlichen Phantasie. Der augenzwinkernd-witzige, sich in die kleinen Nöte und großen Freuden des Regentonnen-Wichts einfühlende Erzählton trägt zusätzlich zur gelungenen Vorlesegeborgenheit bei.

Und ich werde mich nun einmal nach einer Regentonne für meinen Garten umschauen …

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlags-Webseite:
http://trapped.geistesleben.de/buecher/9783825179885/giesbert-in-der-regentonne

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durchihre Illustrationen inzwischen weltweit bekannt. Von den USA über ganz Europa bis China sind ihre Bücher in den Kinderzimmern zu Hause – eine Künstlerin, die ihr Spektrum immer wieder erweitert und sich neu erfindet. Daniela Drescher gestaltet die Kinderseite im Lebensmagazin a tempo. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.«
http://www.danieladrescher.de

Querverweis:

Hier entlang zu Daniela Dreschers erstem und ebenfalls sehr lesens- und sehenswertem Erzählbuch „Abenteuer mit Ungeheuer“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/16/abenteuer-mit-ungeheuer/
»Eine romantisch-poetisch gestimmte und gelungene Symbiose aus Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Märchen.«

Der Fluch des Wüstenwolfs

  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen  von Carl Hollander
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • Verlag Urachhaus  Februar 2016   http://www.urachhaus.de
  • 189 Seiten
  • gebunden, Halbleinen
  • 16,90 € (D), 17,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7965-6
  • ab 10 Jahren
    Der Fluch des Wüstenwolfs-Titelbild

G O L D R A U S C H

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit der Geschichte vom unbestechlichen, vernunftbetonten Doktor Kroch, seinem treuherzigen Gehilfen Valet, den beiden dummheitsbegabten, gierigen Räubern Bunk und Unk, der anmutig-heiteren Sylvia und dem düster-tragischen Herzog von Wüstenwolf präsentiert Paul Biegel eine witzige Abenteuergeschichte, in der es zwischen den Zeilen so manchen tiefsinnigen, lebensweisen Schatz zu entdecken gibt.

Doktor Kroch rührt in seinem Laboratorium ein Gebräu zusammen und zitiert dabei die Anfangszeilen von Vergils Aeneis – notabene auf Latein, damit wir hier gleich wissen, wer hochgebildet ist. Valet, sein Knecht und Gehilfe, unterbricht die Konzentration des Doktors mit der Nachricht, daß eine schwere Kiste als Geschenk abgegeben worden sei.

Fluch des Wüstenwolfs Laboratorium

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

In der Kiste befindet sich ein veritabler Goldschatz: funkelnde, edelsteinbesetzte Armreifen, Ketten, Ringe, Becher, Schalen …  Valet ist sprachlos, und der Doktor fragt unwillig, was er mit dem Plunder solle und wer ihm solchen Kram schicke. Dann liest er den dazugehörigen Brief, in dem der Herzog von Wüstenwolf den „sehr geehrten Meister der Heilkunst“ um einen Hausbesuch bittet. Er möge ihn doch bitte vom Goldfieber, an dem er schon seit Jahrhunderten leide, kurieren und das mitgeschickte Gold als Anzahlung für deine Dienste akzeptieren.

Gleichgültig und kopfschüttelnd schiebt der Doktor das Gold in eine Ecke und widmet sich seinen Patienten, denn seine Sprechstunde hat begonnen. Weniger gleichgültig hat der Räuber Bunk die Inspektion der Kiste heimlich durchs Fenster beobachtet und schmiedet kurz darauf mit seinem Arbeitskollegen Unk raffinierte Pläne, wie sie sich diese vielversprechende Beute aneignen könnten.

Diese Pläne gehen grandios schief, führen jedoch Doktor Kroch zu der Erkenntnis, daß es mit dem Golde etwas Magisches auf sich hat; denn beim Blick in die goldene Schale wird das Gold durchsichtig und offenbart einen Blick auf die Burg Wüstenwolf. Nun ist des Doktors wissenschaftlicher Ehrgeiz geweckt, und er macht sich mit Valet, der den Schatz schleppen darf,  auf den Weg zur Burg. Die Räuber Bunk und Unk verfolgen sie in gewohnter Manier.

Fluch des Wüstenwolfs Bufett

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Unterwegs rasten sie in einem Kloster und erfahren dort, vom Fluch des Wüstenwolfs. Eindringlich werden sie vor den unheimlichen Kräften des Herzogs von Wüstenwolf gewarnt. Für den Doktor sind das abergläubische Lappalien, und die Reise geht weiter, nebst weiteren erfolglosen Raubversuchen der tollpatschigen Räuber.

Fluch des Wüstenwolfs Aufwachen

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Sie begegnen Sylvia, einer schönen, jungen Frau, die von einem Tanzfest auf einer prächtigen Burg zu berichten weiß und ihnen erklärt, daß sie mit Hilfe eines goldenen Ringes dorthin gelangt sei. Sie könne sich jedoch nicht erinnern, wie sie zurückgekehrt wäre, und überhaupt erschiene ihr das Ganze inzwischen etwas traumhaft. Sylvia schließt sich Doktor Kroch und Valet an, um das Geheimnis um Burg Wüstenwolf und ihre seltsamen nächtlichen Tanzausflüge zu lüften.

Die nächste Stadt, die sie erreichen, verfügt über eine Burgruine, und die Nachforschungen der Helden zur Person des Wüstenwolfs ergeben langsam einen verborgenen Sinn. Gleichwohl müssen sie alle miteinander noch einige spannende, sinnverwirrende und gefährliche Herausforderungen meistern, da die Ruine des Nachts zu gespenstischem Leben, illusionären Räumen, Geheimgängen, Wendeltreppen und unheimlichen Zeitverschiebungen erwacht. Und auch Bunk und Unk pfuschen mit ihren ständig mißlingenden diebischen Künsten dazwischen herum.

 

Fluch des Wüstenwolfs Über den Dächern

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Doch mit den vereinten Kräften von Kopf (Doktor Kroch) und Herz (Sylvia und Valet) gelingt es, den Fluch unschädlich zu machen. Das heißt zwar auch, daß das Zaubergold sich gewissermaßen in Luft auflöst; aber wer braucht schon Gold, das ihm ohnehin nicht gehört?

Die Illustrationen von Carl Hollander begleiten und bereichern die phantasievolle Erzählung mit geheimnisvoll-atmosphärischen und amüsanten Bildern, wobei die Zeichnungen der unterschiedlichen architektonischen Kulissen ganz besonders romantisch gelungen sind.

Auch in diesem Kinderbuch zeigt sich Paul Biegels einfühlsam-augenzwinkernde und lebhaft-spannende Erzählerqualität, die ganz beiläufig schatzkistenweise Herzensbildung verteilt, ohne jemals zeigefingerig daher zu kommen.

 

Querverweis:

Ich habe alle deutschsprachigen Bücher von Paul Biegel rezensiert, thematisch schließen sich hier am trefflichsten Der Räuber Hupsika und Die Prinzessin mit den roten Haaren an:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/21/der-rauber-hupsika/
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/11/20/die-prinzessin-mit-den-roten-haaren

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) – der niederländische Michael Ende – gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckmann und Annie M.G. Schmidt zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem Silbernen  und  Goldenen Griffel.«

Der Illustrator:

»Carl Hollander (1934 – 1995) studierte an der Kunstakademie in Den Haag. Nach dem Examen erhielt er schnell erste Illustrationsaufträge. Seine Zeichnungen und Aquarelle erfreuten sich einer solchen Beliebtheit, dass er sich neben den Arbeiten für die Bücher Paul Biegels auch über die Kinderbücher Annie M.G. Schmidts und Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf einen Namen machen konnte.«

Lasse findet einen Schatz

  • Bilderbuch
  • Text: Frank Hartmann
  • Illustrationen: Irina Bruder
  • Verlag Urachhaus 2. Auflage Februar 2016   www.urachhaus.com
  • Format: 24,5 cm x 24,5 cm
  • 40 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7668-6
  • ab 4 Jahren
    Lasse findet einen Schatz Titelbild

W O R T W A H L

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Lasse findet einen Schatz“ ist sehr gut geeignet, Kindern (und Erwachsenen ebenso!) den Gestaltungsspielraum der Sprache deutlich zu machen und für die VerantWORTung, die mit der Wortwahl einhergeht, zu sensibilisieren. Außerdem läßt sich das Bilderbuch als kommunikativer Vermittler zur Streitschlichtung zwischen Kindern nutzen.

Lasse sitzt geknickt am Abendbrottisch; selbst der Schokoladeneisnachtisch kann seine betrübte Stimmung nicht aufhellen. Er hat sich mit seinem besten Freund Vincent gestritten und ihn in seiner aufwallenden Wut als Blödmann bezeichnet. Vincent hat sich daraufhin einfach schweigend von ihm abgewandt. Lasse ist sich durchaus bewußt, daß Worte verletzen können, inzwischen schmerzt ihn das Schimpfwort selbst, und er bedauert, daß er es überhaupt ausgesprochen hat.

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Illustration Irina Bruder © Verlag Urachhaus 2016

Nachdenklich schläft er ein und landet im Traum weich in einem großen Netz voller Wörter. Verwundert schaut sich Lasse um und sieht, daß ununterbrochen neue Wörter nachkommen. Ein freundlicher, bebrillter Mann hilft ihm aus dem Netz heraus. Er stellt sich als Hieronymus Wortreich vor und erklärt Lasse, daß er alle Wörter – gesprochene, geschriebene, gelesene, gehörte und ungehörte Wörter sammle.

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Illustration Irina Bruder © Verlag Urachhaus 2016

Auf Lasses Frage, was er denn mit all diesen zahllosen Wörtern mache, antwortet Hieronymus, daß er sie thematisch sortiere, ihrem Klang nachspüre und sie zu neuen Wortschöpfungen, Sätzen, Geschichten und Liedern zusammenfüge. Es gibt auch eine große Kiste mit vereinzelten Buchstaben; diese Überbleibsel sind die vielen, vielen gelöschten Buchstaben, die seit der Nutzung des Computers von den schreibenden Menschen „produziert“ werden. Mit den Einzelbuchstaben repariert Hieronymus beschädigte Wörter und Wortfetzen.

Fasziniert betrachtet Lasse die Regale voller Kisten und Schubfächer für alle möglichen Arten von Wörtern. In der AUSREDEN-Kiste findet er einige nützliche Sätze, die Wörter aus der Kiste mit dem MEDIZINISCHEM WORTSCHATZ sind ihm indes etwas zu lang und zu kompliziert, leichter sind die LACHWORTE und die WIDERWORTE, und eine der größten Kisten enthält die NAMENWORTE, ja, es gibt sogar eine Kiste mit der Bezeichnung OHNE WORTE.

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Illustration Irina Bruder © Verlag Urachhaus 2016

Etwas verschämt sucht Lasse nach den SCHIMPFWORTEN, und als Hieronymus fragt, welches Schimpfwort er denn genau suche, da bringt er ihm eine Kiste mit der Aufschrift: WORTE, DIE WEHTUN. Lasse findet seinen ausgesprochenen „Blödmann“ ganz obenauf liegend, er greift das Wort buchstäblich heraus, und es liegt scharfkantig, hart und schwer in seiner Hand. Lasse fühlt sich nicht wohl damit und will es in die Abfallkiste werfen und loswerden.

Hieronymus macht ihn freundlich, aber bestimmt darauf aufmerksam, daß er auf diesem Wege das einmal Gesagte nicht ungeschehen machen könne, sondern er solle sich aus der Kiste der WIDERGUTMACHWORTE etwas aussuchen, das er seinem Freund zum Ausgleich und zur Versöhnung sagen könne.

Aufmerksam lauscht Lasse solchen Sätzen nach wie „Es tut mir leid!“, „Ich wollte dir nicht wehtun!“ oder „Verzeih mir …“, „Ich hab dich lieb!“ usw., und er wählt nun diejenigen aus, die ihm passend erscheinen.

Dankbar verabschiedet sich Lasse von Hieronymus Wortreich, und als er am nächsten Morgen erwacht, freut er sich schon darauf, Vincent zu besuchen und ihm mit Worten, die sich gut anfühlen, entgegenzukommen.

Worte haben nicht nur eine klare Bedeutung, sie haben eine spürbare Anfühlung. Lasses Erkenntnis „… manche Worte tun weh wie ein Fußtritt. Aber es gibt auch welche, die fühlen sich an wie eine Umarmung!“ dürfte wohl jedem Kind einleuchten.

Die alltägliche und leicht nachzuempfindende Ausgangssituation und die in einfachen, doch gleichwohl einfühlsamen Worten erzählte Traumbelehrung illustrieren buchstäblich die unermeßliche Fülle und Reichhaltigkeit des Wortschatzes. Die kindlich-schlichten Buntstiftzeichnungen bieten der Geschichte ein unaufgeregtes Bühnenbild, und sie geben beiläufig manchen zu entdeckenden Worten synästhetische Gestalt.

Dieses Bilderbuch eröffnet Sprachspielräume, und es wundert mich keineswegs, daß es bereits mehrfach für die Bühne adaptiert wurde.

Die in der Geschichte vorgegebenen Wortkisten können spielerisch um eigene Varianten ergänzt werden, und vielleicht mag das eine oder andere Kind sogar selber eine Schachtel mit persönlichen Lieblingswörtern füllen. Kinder können Worte malen, ihnen Farben geben, sich Worte auf der Zunge zergehen lassen …

Auch direkt beim Vorlesen bieten sich viele situative Anknüpfungspunkte, um Kinder mitreden und mitträumen zu lassen und auf Worterforschungsreise zu gehen.

Hier geht es zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.geistesleben.de/buecher/9783825176686/lasse-findet-einen-schatz

 

Der Autor:

»Frank Hartmann, Jahrgang 1964, studierte Religionspädagogik und arbeitete 9 Jahre als Gemeindediakon in der Nähe von Celle. Von 2002 bis 2009 leitete er einen Kindergarten in Hamburg. Seit 2010 ist er freiberuflicher Autor, schreibt Kinder- und Kurzgeschichten, Lyrik und religionspädagogische Fachliteratur. Außerdem bietet er Seminare für Erzieherinnen im Großraum Hamburg an und arbeitet auf einem Demeter-Gemüsehof. Frank Hartmann hat einen Sohn und lebt in Nienwohld.«
http://www.autor-frankhartmann.de

Die Illustratorin:

»Irina Bruder, 1981 geboren, studierte Kunsttherapie und –pädagogik in Ottersberg. Das Interesse für die Illustration entdeckte sie während des Studiums und traf 2007 Frank Hartmann. Zusammen mit ihm sind bis heute zwei Kinderbücher entstanden. Derzeit lebt sie mit ihren beiden Söhnen in Offenburg und arbeitet als Kunstpädagogin an einer Waldorfschule sowie im therapeutischen Bereich mit Kindern und Jugendlichen.
http://www.irinabruder.de

Querverweis:

Lasse findet einen Schatz“ ergänzt sich thematisch sehr gut mit den sprachsensiblen und wörterkreativen Bilderbüchern:
Die große Wörterfabrik https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/08/die-grose-worterfabrik/
und Der Bär und das Wörterglitzern https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/04/der-baer-und-das-woerterglitzern/

Vom mutigen Manxmaus Mäuserich

  • Kinderbuch
  • von Paul Gallico
  • Aus dem Englischen von Adolf Himmel
  • mit durchgehend farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus     August 2015   www.urachhaus.de
  • gebunden, fadengeheftet
  • 205 Seiten
  • 15,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7938-0
  • ab 7 Jahren
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
    Manxmaus-Mäuserich Titelbild

F R O H G E M U T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Kann es sagenhafte Mäuse geben? Das ist ein weites Feld. Sicher jedenfalls ist, daß eine solche Maus bzw. ein Mäuserich in der Geschichte von Paul Gallico eine ganz zentrale Rolle spielt. An diesem zauberhaften Mäuseabenteuer können wir erlesen, daß Mut keine Frage der körperlichen Kraft ist, sondern eine Frage der Herzensgröße und Lebenszugewandtheit.

Der schöpferische Geburtshelfer von Manxmaus-Mäuserich ist ein Keramiker, der sich auf das Modellieren von Mäusen spezialisiert hat. Er lebt und wirkt in dem kleinen Dorfe Buntingdowndale, und obwohl er sehr naturgetreue Mäuse fabriziert, ist er nie ganz zufrieden mit seinem Werk. Er strebt mit unermüdlicher Hingabe danach, das Wesentliche, das in seiner mäusezugeneigten Sichtweise absolut „Mäusliche“ darzustellen.

Doch eines Nachts, nach einer feuchtfröhlichen Hochzeitsfeier, kommt er so beschwingt und beschwipst nach Hause, daß er spontan und irgendwie verzaubert eine Mäusefigur modelliert. All sein Wissen, sein Können, seine Hoffnung und seine Lebens- und Liebeskonzentration fließen in dieses Mäusemeisterwerk. Beglückt schiebt er die Mäusefigur in den Brennofen und legt sich freudig-erschöpft schlafen.

Manxmaus-blau

Illustration Linde Faas ©

(Anklicken vergößert die Bilderansicht)

Am nächsten Morgen betrachtet er das Ergebnis seines nächtlichen Schaffensrausches und traut seinen Augen kaum. Der Körper seiner Meistermaus gleicht einem dicken kleinen Opossum, die Hinterbeine sehen aus wie von einem Känguru, die Ohren erinnern an Kaninchenohren, das Fell ist blau, und da, wo ein langer Mäuseschwanz hingehört hätte, befindet sich nur ein kleiner Knubbel. Gleichwohl hat das blaue Geschöpfchen eine Mäuseausstrahlung und einen überaus zärtlichen Gesichtsausdruck. Der Kunsthandwerker nimmt es mit Humor und stellt die Figur auf sein Nachtschränkchen.
Na schön, dann habe ich also eine Manxmaus gemacht“, schmunzelt er in Anspielung auf die schwanzlosen Katzen der Insel Man, die Manxkatzen genannt werden.

Manxmaus-Laternenlichtkegel

Illustration Linde Faas ©

In der Nacht wird der Manxmaus-Mäuserich lebendig und verläßt das Haus. Er läuft durch das Dorf und trifft als erstes einen Klatterbampf. Ein Klatterbampf ist etwas, das erst dann Gestalt annehmen kann, wenn man eine Angstvorstellung hat; dann zeigt es sich in genau der Gedankenform, die der Angst entspricht. Es ist die Berufung eines Klatterbampfes, andere Wesen zu erschrecken – doch dies funktioniert nur, wenn jemand eine schreckliche Angstvorstellung hat.

Manxmaus-Mäuserich kennt jedoch keine Angst, und der Klatterbampf bleibt vollkommen unsichtbar. Also versucht der Klatterbampf, durch gruselige Geräusche auf sich aufmerksam zu machen und vielleicht doch irgendeine Furcht auszulösen. Als das nicht funktioniert, stellt sich der Klatterbampf dem Mäuserich vor, gibt mit seinem Gruselexamen an und erkundigt sich diensteifrig, ob er denn keine Angst habe, nicht einmal vor Katzen. Manxmaus-Mäuserich verneint freundlich und entschuldigt sich damit, noch nicht lange genug dazusein und vieles von der Welt noch nicht zu kennen.

Der Klatterbampf ist zwar in seiner Ehre gekränkt, weil er nicht einmal einer Maus einen Schrecken einjagen kann, aber er gibt Manxmaus gleichwohl den Rat, sich vor dem Manxkater zu hüten.

Wenig später wird der Mäuserich von einem alten Kater gefangen und fast verspeist, aber eben nur fast; denn als der Kater sieht, daß er eine Maus ohne Schwanz vor sich hat, nimmt er sofort Abstand von seinem Vorhaben und entschuldigt sich sogar ausdrücklich. Er erklärt dem Mäuserich, daß eine Manxmaus nur vom Manxkater gefressen werden dürfe.

Manxmaus-Mäuserich findet das ziemlich verwirrend; aber auch der Frosch, dem er am Teich begegnet, wiederholt, daß es ein Gesetz sei, daß eine Manxmaus nur von einem Manxkater verspeist werden dürfe.

Manxmaus-Zweig

Illustration Linde Faas ©

Ein flugbegeisterter Habicht greift sich Manxmaus-Mäuserich, schaut ihn an und frißt ihn ebenfalls nicht. Er stellt sich ein bißchen selbstherrlich-angeberisch als Kapitän Habicht vor, spricht in Pilotenjargon, lädt den kleinen blauen Mäuserich gönnerhaft auf eine Flugreise nach London ein und hält während des Fluges einen sehr anschaulichen Vortrag über Thermik.

Manxmaus trifft auf seinem Weg noch viele große und kleine Tiere, gütige und gierige Menschen, und stets sagt man ihm, daß er dem Manxkater gehöre. Nun bekommt er doch ein bißchen Angst vor dem Manxkater und dem prophezeiten Verschlungenwerden.

Doch nach einer Besinnungsrunde in Madame Tussauds Wachsfiguren-Kabinett kommt Manxmaus zu dem Schluß, sich besser mutig seinem Schicksal zu stellen, und macht sich tapfer auf den Weg zur Insel Man, wo er bereits vom Manxkater erwartet wird.

Manxmaus-Teatime

Illustration Linde Faas ©

Ob und wie sich die Prophezeiung erfüllt, dürfen Sie sich gerne selbst erlesen. Ich will nur soviel verraten, daß Prophezeiungen oft nur halbe Sachen sind und durch beherztes Handeln ganz unerwartete Erfüllung finden können …

Der ganz besondere Charme dieser Geschichte geht von der liebenswerten Wesensart des Manxmaus-Mäuserichs aus. Seine große Hilfsbereitschaft steht in rührendem Kontrast zu seiner körperlichen Kleinheit, gleichwohl gelingt es ihm oft wesentlich größere Tiere zu ermutigen. Schließlich lernt er auch seine eigene Angst kennen, er ergibt sich der Angst jedoch keineswegs, sondern nutzt sie, um seinen Mut daran zu schärfen.

Der Autor erzählt die Abenteuer des Manxmaus-Mäuserichs in einer warmherzigen, schelmisch-poetischen Sprache und mit lebenserprobter Dramaturgie. Die zahlreichen, einfühlsamen und gewitzten Illustrationen von Linde Faas fügen sich sehr harmonisch in den Text ein.

Meiner Einschätzung nach ist Manxmaus-Mäuserich ein ideales Vorlesebuch ab fünf vielleicht auch schon ab vier Jahren, der lebendige Erzählfluß und die interessanten Dialoge rufen geradezu nach einer Vorlesestimme. In Anbetracht der umfänglichen Textmenge empfehle ich es zum kindlichen Selberlesen erst ab acht Jahren.

Selten habe ich ein Kinderbuch genossen, daß so gekonnt Heiterkeit mit Tiefsinn verknüpft und ganz spielerisch Lebensweisheit – auch noch für den erwachsenen Leser – vermittelt. Ich glaube fast, ich habe mit Paul Gallico einen neuen Lieblingsschriftsteller für mich entdeckt …

Manxmaus-Pfote in Pfote mit Manxkater

Illustration Linde Faas ©

 

Der Autor:

»Paul Gallico, (1897 – 1976) wurde als Sohn eines italienischen Pianisten und einer österreichischen Violinistin in New York geboren. Bis zu seinem 40. Lebensjahr verdiente er seinen Unterhalt als Journalist, der jedoch nicht aufhörte, von einem Leben als Schriftsteller zu träumen.
1936 gelang es ihm, ein Drehbuch an eine Filmproduktionsfirma zu verkaufen – das Honorar nutzte er, um nach England zu gehen und dort als freier Schriftsteller zu leben.
Neben seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen machte er sich auch als Autor von Kinderbüchern einen Namen. Seitdem J.K. Rowling verlauten ließ, dass Manxmaus zu ihren drei Lieblingsbüchern gehört, wurde das Buch auch in den USA mit großem Erfolg neu aufgelegt. Im Verlag Urachhaus erschienen bereits Die Liebe der kleinen Mouche und der Erzählungsband Pepino/Die Schneegans. Paul Gallico starb 1976 in Antibes an der Côte d’Azur.«

Die Illustratorin:

»Linde Faas,1985 geboren in Zeist / Niederlande studierte Animation an der St. Joost-Kunstakadamie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Prädikat ab. Dieser Film erhielt verschiedene Preise auf internationalen Filmfestivals.
Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit den Schwerpunkten Grafik und Zeichnung.«

PS:
Manxkatzen gibt es übrigens wirklich, sie entstammen einer Genmutation, die sich bei den Katzen der Insel Man, u.a. aufgrund der isolierten Lage (Genetischer Flaschenhals) entwickelt hat. https://de.wikipedia.org/wiki/Manx_%28Katze%29

 

 

Wie Tim am Strand ein Mädchen fand

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von
  • Ita Maria Neuer
  • Mit farbigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen
  • Verlag Urachhaus   August 2015   http://www.urachhaus.com
  • gebunden, Halbleinen
  • 158 Seiten
  • 15,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7949-6
  • ab 8 Jahren
    Wie Tim am Strand ein Mädchen fand

S T R A N D G U T    AHOI!

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die vielschichtigen Kinderbücher von Paul Biegel sind stets eine verlockende Einladung in einen faszinierenden Geschichten-Abenteuerspielplatz: Sie bieten Spaß, Spannung, Geheimnisse, Gefahren, Rätsel, Kraft- und Mutproben, phantasievolle Möglichkeiten zwischenmenschliche Erfahrungen sowie spielerische Anregungen und Übungen für Körper, Geist und Seele.

So macht auch der zwölfjährige Tim im vorliegenden Buch viele lebenslehrreiche, elementare Erfahrungen, die sein Denkvermögen, seine Eigenwilligkeit und Verwegenheit herausfordern, seine zwischenmenschliche Perspektive schärfen und sein Mitgefühl und sein Gerechtigkeitsempfinden schulen.

Tim entstammt einer echten Seefahrerfamilie. Sein Vater ist Kapitän eines Dreimasters, seine Brüder sind Seemänner und seine Schwestern Seefrauen. Tim mag das Meer, aber er mag nicht auf dem Meer sein – es ist ihm zu schaukelig.

Wie Tim-Dachboden

Alle hier abgebildeten Illustrationen sind von Annemarie van Haeringen ©

Die Familie bewohnt ein Haus, weit oben auf den felsigen Klippen bei Plymouth, und eine lange steinerne Treppe führt von dort aus direkt zum Strand. Alle ziehen Tim mit seiner „Seekrankheit“ auf, nur seine jüngste Schwester findet, daß er doch Leuchtturmbauer werden könne. Denn Tim liebt es, am Meer zu sein und aufs Meer zu schauen, und er sammelt täglich Strandgut auf.

Als er zwölf Jahre alt ist, findet seine Mutter, daß er alt genug sei, sich selbst zu versorgen, und daß sie nunmehr als Wäscherin auf einem Ozeanriesen anheuern könne. Jetzt ist Tim allein und muß sich selber seine Suppe kochen und auch noch das Haus sauberhalten. Doch unverzagt geht er erst einmal Strandgutsammeln und findet diesmal sogar etwas Abenteuerverheißendes: eine klassische, hölzerne Seemannskiste mit verschlossenem Schloß.

Das kann nur ein Piratenschatz sein, frohlockt Tim und schleppt das schwere Ding ins Haus. Da es ihm widerstrebt, das Schloß gewaltsam aufzubrechen, probiert er sämtliche Schlüssel aus, die sich im Haus befinden, und wundersamerweise paßt der kleine Schlüssel zur kleinen Dachbodenkammer exakt hinein, und das Schloß öffnet sich.

Es ist kein Schatz in der Truhe, sondern ein außergewöhnlich langausziehbares Seefahrer-Fernrohr. Als Tim damit aufs Meer schaut, sieht er zu seiner Verwirrung ein Wikingerschiff, was er zunächst nicht versteht. Denn wenn er ohne Fernrohr auf Meer hinausblickt, ist kein Wikingerschiff zu sehen. Im Fernrohr landen die Wikinger am Strand und vergraben etwas im Sand. Ohne Fernrohr ist der Strand ganz leer.

Mehr als zehn Fragezeichen tauchen in Tims Kopf auf, und erst am nächsten Tag schlußfolgert er, daß er ein Vergangenheits-Fernrohr gefunden hat. Das eröffnet ihm abenteuerliche Einsichten und Möglichkeiten …

Wie Tim-BibliothekWie Tim-Meerjunfrau getragen

 

 

 

 

 

 

 

 

Da Tim fein zwischen angebrachtem und unangebrachtem Gehorsam unterscheiden kann, gelingt es ihm, seinen fiesen Onkel Thaddäus (das schwarze Schaf der Familie), der sich einfach im Haus einnisten will, auszutricksen. Außerdem kann er eine echte Meerjungfrau retten und lernt die Licht- und die Schattenseiten dieser Meereswesen und ihres Schwarmverhaltens kennen.

Bei Frau Priscilla, einer anspruchsvollen Gouvernante mit strengem Dutt und goldenem Herzen, lernt er, besser zu denken, sich zu streiten und zu vertragen und Schatzkarten aufmerksam zu lesen. Er rettet ein unechtes Waisenmädchen vor dem Ertrinken und lernt Sein und Schein zu unterscheiden und daß die Beweislage für die Wahrheit vor Gericht eine knifflige Angelegenheit ist.

In lockerer episodischer Folge, mit skurrilem Humor, pädagogischem Augenzwinkern, tiefsinnigen Schattierungen und ironischer Märchenhaftigkeit erzählt Paul Biegel von den Bewährungsproben seines kleinen, gutherzigen Helden. Die farbigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen begleiten den Text mit ausdruckvoll heiteren und dramatischen Szenerien.

Wie Tim-Offene Arme

Alle hier abgebildeten Illustrationen sind von Annemarie van Haeringen ©

 

Querverweis:

Dieses Buch von Paul Biegel ergänzt sich seemannsgarnlich mit einem anderen Werk aus seiner Feder: „Das Große Buch vom kleinen KapitänHier ist der Link dazu: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/19/das-grose-buch-vom-kleinen-kapitan/

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel.«

Die Illustratorin:

»Annemarie van Haeringen, Jahrgang 1959, wuchs zwischen Katzen, Hunden, einem Pony und zahllosen anderen tieren auf. Daher, so glaubt sie, rührt ihre Vorliebe für Tiergeschichten. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und sie gehört zu den bedeutendsten Kinderbuchillustratorinnen der Niederlande. Mit Coco und das kleine Schwarze ist sie für den Deutschen Jugendliteraturpries 2015 nominiert.
Annemarie van Haeringen lebt und arbeitet in Amsterdam.«
http://www.annemarievanhaeringen.nl

 

 

Der Sandelefant

  • Bilderbuch
  • Text von Rinna Hermann
  • Illustrationen von Sanne Dufft
  • Verlag Urachhaus   Februar 2015   http://www.urachhaus.de
  • 28 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 20,8 x 23 cm
  • 13,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7916-8
  • ab 3 Jahren
    Der Sandelefant

S A N D K A S T E N P A L E T T E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wer Phantasie hat, kann sich nicht langweilen, selbst wenn gerade niemand sonst zum Spielen da ist.

Der kleine Paul sitzt ganz allein im Sandkasten, und kein anderes Kind ist in Sicht. So spielt er also stillvergnügt vor sich hin und zeichnet Spuren in den warmen, weichen Sand, bis sich die Umrisse eines großen Elefanten zeigen. Zufrieden schmiegt sich Paul in die Rüsselkuhle des Sandelefanten und schläft ein.

Paul erwacht wieder, weil ihn ein Elefantenrüssel sanft anstupst. Erstaunt schaut er zu, wie der Elefant sich nun aus dem Sand erhebt – ganz so groß hatte sich Paul einen lebensgroßen Elefanten nicht vorgestellt, und dann hebt ihn der Elefant auch noch vorsichtig auf seinen Rücken und sagt freundlich-gelassen, sie gingen nun spielen.

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Illustration Sanne Dufft © Verlag Urachhaus 2015

Der Elefant trompetet einen Zauberspruch: „Sindbad – Sandbad – Sausesand! Hurra auf geht’s in Sandburgland!“ Nachdem sich der – vom Elefantenfüßestampfen – aufgewirbelte Sand wieder gesetzt hat, stehen sie vor einer riesigen Sandburg. Hier wimmelt es vor vielerlei Tieren und einigen Kindern, und Paul spielt ausgiebig, begeistert und einvernehmlich mit allen.

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Illustration Sanne Dufft © Verlag Urachhaus 2015

Dann zieht ein Sommergewitter auf; die Sandburg sowie die Tiere wirbeln sandstürmisch durcheinander und zerfallen einfach wieder zu Sandkörnern. Nur die Kinder sind noch da. Paul beginnt nach seinem Elefanten zu graben, doch ein nettes Mädchen klärt ihn lächelnd darüber auf, daß es einen anderen Weg gebe, um die Tiere wieder hervorzurufen …

Diese in einfachen, anschaulichen Worten erzählte Geschichte erschafft fließende Übergänge zwischen verträumtem Wachsein und wachem Verträumtsein. Die schönen, überzeugend-sandkörnig gezeichneten Illustrationen geben dem Erzähltext synästhetisch erlebbare Gestalt.

Kinder mit viel Phantasie werden sich durch dieses Bilderbuch bestätigt fühlen, und Kinder mit wenig Phantasie werden hoffentlich dazu angeregt, eine möglichkeitsoffenere Perspektive zu entwickeln und die Phantasie als Spielfreund zu entdecken.

 

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Illustration Sanne Dufft © Verlag Urachhaus 2015

(Anklicken vergößert die Bilderansicht)

 

Die Autorin:

»Rinna Hermann, geboren 1975 in Berlin, ist Studienrätin und arbeitete im Verlagswesen und in der Schule. Das Geschichtenerzählen liebte sie schon lange, bevor sie schreiben konnte. Ihr Leben führte sie von Berlin nach Belfast, London, Sydney, in die Bretagne und wieder nach Berlin – wo sie heute mit Mann und Kindern lebt und als Autorin und Lehrerin arbeitet.«

Die Illustratorin:

»Sanne Dufft, geboren 1974, machte in Glencraig, Nordirland, eine Ausbildung zur Heilpädagogin. Anschließend studierte sie Diplom-Kunsttherapie in Nürtingen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Tübingen. Der Sandelefant ist ihr erstes Bilderbuch.«

 

 

 

 

Virgilius Tulle auf Tortenjagd

  • Der zweite Band der Tulle-Zwerge
  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen von Mies van Hout
  • Aus dem Niederländischen von Marie-Thérèse Schins
  • Verlag Urachhaus    Februar 2015                             http://www.urachhaus.de
  • 112 Seiten
  • gebunden, Halbleinen
  • 13,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7808-6
  • ab 6 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selbsterlesen
    Virgilius Tulle auf Tortenjagd

NICHT  KLEINZUKRIEGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Paul Biegels herzhafte Geschichtenmixtur aus heiterer Spannung, lebensweisen Charakterstudien und phantasievoller Dramaturgie bewährt sich auch in dieser Fortsetzung der Tulle-Zwerge ganz vorzüglich. Die 31 kurzen Kapitel mit ihrer wohlportionierten Erzählstruktur eignen sich hervorragend zum Vorlesen.

Die Illustrationen von Mies van Hout übersetzen den spielerisch-weisen Tonfall dieser Geschichte in warmherzig-pfiffige, farbenfrohe Bilder.

Im vorliegenden zweiten Band der „Tulle-Zwerge“ macht sich Virgilius, der abenteuerlustigste und dickste aus der großen Familie der kleinen Tulle-Zwerge, auf den Weg, eine Torte zu besorgen. Denn der Zwergenälteste, Ate, wird demnächst ungefähr tausend Jahre alt, und das muß einfach mit einer schönen Torte gefeiert werden.

Wer die Tulle-Zwerge noch nicht kennt, kann sich in meiner Besprechung des ersten Bandes der „Abenteuer der Tulle-Zwerge“ mit ihnen vertraut machen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/11/06/die-abenteuer-der-tulle-zwerge/

Während die anderen Zwerge Virgilius dringend davon abraten, sich in die Menschenwelt zu begeben, und zahlreiche mögliche Gefahren auflisten, läßt der weise alte Ate ihn gehen. Denn Virgilius ließe sich selbst von einem Riesen nicht aufhalten – wenn er einmal einen Plan in seinem kleinen Köpfchen hegt, wird er ihn auch ausführen.

Die Heimat der Tulle-Zwerge ist die Heide, und so läuft Virgilius lange, lange bis zu ihrem Rand. Dort picknickt gerade eine Menschenfamilie, und Virgilius findet, daß er sich doch ganz bequem von diesen Menschen in die Stadt tragen lassen könne. Er versteckt sich in einer Tasche und landet schließlich auf dem Küchentisch der Familie und wird ausgiebig bestaunt.

Nach einer kurzen und bündigen Lektion zum Thema höfliche Umgangsformen mit Zwergen und gegenseitiger artiger Namensvorstellung erzählt Virgilius von seiner Absicht, eine Torte zu besorgen. Die Familie ist zwar sehr verwundert über diesen forschen Zwerg, aber sie ist auch sehr hilfsbereit. Der Vater verspricht, eine Torte zu spendieren und diese zusammen mit Virgilius am nächsten Nachmittag am Rand der Heide abzuliefern.

Doch zuvor möchte der Sohn den Zwerg – als Naturfundstück – seinem Lehrer zeigen. Virgilius ist einverstanden und läßt sich zu diesem Zweck sogar in ein leeres Honigglas stecken und besichtigen. Doch damit beginnen die Komplikationen. Der Lehrer ist ganz aufgeregt angesichts dieses Wunders – da es ja angeblich gar keine Zwerge gibt – und informiert Presse, Radio und Fernsehen.

Virgilius ist empört und gibt im Presse und Fernseh-Interview patzige Antworten und wiederholt seinen schlichten Wunsch, eine Torte zu besorgen. Nun werden Torten über Torten an den Rand der Heide gelegt in der Hoffnung, daß sich dann die anderen Zwerge zeigten. Doch die versteckten Photographen warten vergeblich darauf, daß sich die viel besser versteckten Zwerge aus der Reserve locken lassen. Sie sind halt menschenscheu – und das zu Recht, wenn man nun erfährt, wie es mit Virgilius weitergeht.

Sieben Professoren untersuchen Virgilius „wissenschaftlich“, und diesem Forschungslabor entkommt er nur, weil er entführt wird. Sein Entführer fliegt mit Virgilius in ein fernes Land und verkauft ihn dort an eine alberne Prinzessin, die Virgilius in ihre Raritätensammlung aufnimmt. Obwohl sie dem Zwerg ein bequemes und wohlgenährtes Leben anbietet, ist er nicht glücklich und schmiedet raffinierte Fluchtpläne.

Es gelingt ihm, sich in ein frankiertes Postpacket zu schmuggeln, das er zuvor noch mit seiner Adresse beschriftet hat: „An Virigilius Tulle. Mitten auf der Heide. Luftpost.“ (Seite79) Leider reicht das Porto nicht für Luftpost, und so wird das Paket mit dem tapferen Zwerg auf dem Seeweg transportiert. Auf dem Schiff macht sich Virgilius auf die Suche nach etwas Eßbarem und tappt ahnungslos in eine Rattenfalle.

Der Matrose Jan findet den verriegelten Zwerg, und nach anfänglicher Irritation befreit er Virgilius und verköstigt ihn mit einem Ernußbutterbrot. Er erzählt Virgilius, daß sie einen Maschinenschaden haben, und die einzige „Kurbelwellenbefestigungsmutter“, die sie noch gehabt hätten, um die Kurbelwelle zusammen zu schrauben, sei leider ins Abflußrohr gefallen und unerreichbar. Naja, da kann ein kleiner Zwerg doch ziemlich nützlich sein, und Virgilius bietet großzügig seine Hilfe an.

Der Kapitän und die Mannschaft staunen nicht schlecht, als Jan ihnen ihren Retter präsentiert. Virgilius wird mit einem Sicherungsbindfaden abgeseilt und findet die Kurbelwellenbefestigungsmutter. Mit großem „Hurra“ wird Virgilius gewaschen und getrocknet, und er darf den Rest der Reise in der Kapitänskajüte wohnen.

Doch es ist schließlich der freundliche Matrose Jan, der Virgilius heimlich zurück an den Rand der heimatlichen Heide bringt – in einer köstlichen Geburtstagstorte verborgen – zur Freude und Feier aller endlich wiedervereinten Tulle-Zwerge.

Paul Biegel macht sich in diesem Buch augenzwinkernd über menschliche Schwächen lustig und zeigt Kindern anschaulich, wie relativ man Größe betrachten kann. Virigilius Tulle ist ein gutes Vorbild dafür, wie man sich trotz der eigenen Kleinheit selbstbewußt und authentisch in der großen, weiten Welt bewegt und tapfer sein Ziel erreicht.

Der kleine Zwerg ist ausgesprochen mutig und vorwitzig, gleichwohl kann er Gefahren richtig einschätzen und weiß, wann er vorsichtig sein muß. Er läßt sich von den Unverschämtheiten, die sich manche großen Menschen ihm gegenüber erlauben nicht kleinkriegen, und er erkennt schnell, welcher Charakter vertrauenswürdig ist und welcher nicht.

Doch nach den aufregenden Strapazen der Tortenjagd hat Virgilius erst einmal genug von zwergzwischenmenschlichen Begegnungen, und das kann wirklich jedes Kind verstehen…

Der eigenwillige Zwergenmut läßt Virgilius groß erscheinen, während die offensichtlichen menschlichen Eitelkeiten und „wissenschaftlichen“ Dummheiten manche Menschen ziemlich klein erscheinen lassen.

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006)  gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckmann und Annie M.G. Schmidt zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfaßte über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem »Silbernen« und » Goldenen Griffel «.

Die Illustratorin:

»Mies van Hout wurde 1962 in Eindhoven geboren. Sie ist ausgebildete Kunstpädagogin und studierte Grafisches Gestalten an der Akademie Groningen. Seit 1989 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin und Grafikerin. Sie hat bereits etliche Bilderbücher veröffentlicht und wurde für den Drentse cultuurprijs nominiert.«
http://www.miesvanhout.nl

 

 

Der rubinrote Mantel

  • von Katarina Genar
  • Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
  • Umschlagillustration und Vignetten
  • von Lina Bodén
  • Verlag Urachhaus August 2014           www.urachhaus.de
  • 127 Seiten, gebunden
  • 12,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7876-5
  • ab 9 Jahren
    Der rubinrote Mantel

SEELENVERWANDTE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Jeder Mensch ist eine Geschichte, und manche Dinge, die uns begleiten, sind mehr als bloße Requisiten; solche Dinge haben eine starke Gefühlsladung, die noch lange nachwirken kann. Um ein solches seelisches Echo geht es in der Geschichte von Livia und Elin.

Livia ist ein Einzelkind, und ihre Wahrnehmung ist etwas vielschichtiger, oder sagen wir: einfach bunter; so hat z.B. jeder Wochentag eine eigene Farbe. Da trifft es sich gut, daß sie zu ihrem elften Geburtstag, der diesmal auf einen Montag fällt, u.a. einen rubinroten Wintermantel mit schwarzen Samtknöpfen geschenkt bekommt, denn der Montag ist in Livias Gefühlsgestimmtheit rubinrot.

Der Mantel ist nicht neu, sondern aus einem Trödelladen, und Livias Mutter hat ihn aus einer nostalgischen Anwandlung heraus gekauft. Der Mantel paßt wie maßgeschneidert, und Livia hat das vage Gefühl, mit diesem Kleidungsstück ein Erbe anzutreten.

Nach dem Frühstück macht sich Livia auf den Weg zur Schule, und dabei nimmt sie wie gewohnt die Abkürzung über den Friedhof. In der Schule wird Livias Mantel gebührend bewundert, und ihre beste Freundin, Klara, probiert ihn auch einmal an, doch irgendwie paßt er ihr nicht richtig, sie findet den Stoff kratzig.

Livia ist in ihrer Begeisterung für den neuen, alten Mantel nicht zu erschüttern. Nach dem Unterricht will sie die übliche Abkürzung über den Friedhof nehmen. Doch diesmal wird aus der Abkürzung ein Umweg. Aus einer unerklärlichen Regung heraus spaziert sie in einen Bereich des Friedhofs, wo die Gräber nicht mehr gepflegt werden und die Toten schon so lange ruhen, daß sie wohl ganz vergessen worden sind.

Gegenüber einer steinernen Bank entdeckt Livia den kleinen Grabstein eines Kindergrabes mit folgender Beschriftung: »ELIN HEDBERG 1921 – 1932«. Livia ist seltsam angerührt vom Tode dieses Mädchens, und an den folgenden Tagen besucht sie immer wieder dieses verlassene Grab und schmückt es mit einem Mosaikherz aus Kastanien, Blättern, Vogelbeeren und Hagebutten. Schließlich stellt sie noch ein Windlicht auf und betrachtet zufrieden ihr Werk.

Nach und nach bekommt Livia heraus, welche schicksalhafte Verbindung zwischen dem geheimnisvollen Mantel und der so früh verstorbenen Elin besteht. In einer der Manteltaschen findet sie verborgen im Futter einen kleinen silbernen Schlüssel. Bei ihren regelmäßigen Friedhofsbesuchen trifft sie zufällig einen Menschen, der ebenfalls das Grab von Elin schmückt und der vor langer Zeit das Tagebuch von Elin „geerbt“ hat.

In die Darstellung der Geschichte von Livia sind die alten Tagebucheintragungen von Elin
eingefügt. So begleitet Elins autobiographische Stimme, die empfindsame Spurensuche Livias.

Katarina Genar erzählt die Geschichte dieser beiden Mädchen sehr einfühlsam und mit großer Herzenstiefe. Es gelingt ihr, eine sensible Spannung zu erzeugen, die nicht mit eindeutigen Erklärungen aufgelöst wird, sondern die einfach in der Schwebe des Geheimnisvollen bleibt. Auf diese Weise meistert sie die Kunst, Seelengröße in ein kleines Buch zu zaubern.

 

Die Autorin:

»Katarina Genar wurde 1973 im schwedischen Linköping geboren. Nach Jahren in Deutschland, Frankreich und Stockholm lebt sie heute mit ihrer Familie wieder in ihrer Geburtsstadt. Sie ist als Logopädin tätig und schreibt daneben magisch-realistische Kinderbücher mit einer geheimnisvollen, ganz eigenen Note. Der rubinrote Mantel ist das erste ihrer Bücher, das auch auf Deutsch erscheint.«

 

 

Ich will so gerne anders sein

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von Herbert Kranz
  • Mit farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus August 2014                         www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 189 Seiten
  • 16,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7807-9
  • ab 7 Jahren
    9783825178079_10922.png Ich will so gerne anders sein

ZAUBERHAFTE  NACHHILFE  

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein kleiner Junge namens Robert sitzt an seinen Rechenhausaufgaben und müht sich vergeblich damit ab, das Einmaleins mit der Sieben aufzuschreiben. Überhaupt ist die Schule ein schwieriger und eher unerfreulicher Ort für ihn. Weil er die Frage, was denn einmal aus ihm werden solle, immer damit beantwortet, daß er anders werden will, nennen ihn schließlich alle »Anders«.

Im Frisörsalon seines Vaters schnappt er zufällig die Bemerkung eines Kunden auf, der Frau Buhl, eine heilkundige alte Frau, die am Dorfrande wohnt, abfällig als zauberkundige Hexe bezeichnet. Anders schöpft Hoffnung und bittet Frau Buhl schüchtern, aber sehr präzise, ob sie ihn „anders“ zaubern könne: „Ich möchte eben anders werden, als ich bin. Ich möchte keine Brille mehr tragen müssen. Ich möchte groß und stark sein. Und alles, was ich lernen muss, das möchte ich ganz leicht und fest im Kopf behalten.“ (Seite 8)

Die freundliche Frau Buhl erwidert, daß er sich für einen solchen Zauber an den Großen Zauberer wenden müsse. Er solle nachts am offenen Fenster bei Vollmondlicht das Einmaleins mit der Sieben aufsagen, und wenn ihm dies fehlerfrei gelänge, wäre ihm die Hilfe des Großen Zauberers gewiß.

Hochmotiviert übt Anders den ganzen Nachmittag.In der Nacht öffnet er sein Fenster und sagt dem Vollmond das Einmaleins mit der Sieben auf. Allerdings macht er schon bei zweimal sieben den ersten Fehler, und nach dem vierten Fehler hört er ein leises Lachen und sieht auf seiner Fensterbank ein weißgekleidetes, kleines Mädchen sitzen.

Das Mädchen heißt Federchen, weil sie so federleicht ist und mit dem Wind fliegen kann. Sie bietet Anders an, ihm das Einmaleins mit der Sieben beizubringen. Federchen sagt einmal „Huiii!“, und schon fliegt er mit ihr davon. Anders landet auf einer Wiese, und er ist plötzlich winzig klein und ganz allein, denn Federchen ist schon wieder weitergeweht worden.

Auf seinem Weg trifft er eine Waldameise, die ihn zum Ameisenhaufen bringt und dort sogleich in die Ameisenschule verfrachtet, weil er offenbar noch viel zu lernen hat. Mit dem Ameisenlehrstoff ist Anders natürlich völlig überfordert, aber angesichts einer Belagerung des Ameisenhaufens hat er eine raffinierte Idee zur Verteidigung und bekommt sogar eine Audienz bei der Ameisenkönigin.

Federchen kommt zurück und nimmt ihn fliegeflugs mit zu einer Mohnblüte. Dort bündelt er zusammen mit Brommel, einem freundlichen Hummelmann, die Staubgefäße zu Viererbündeln und lernt ganz anschaulich, daß vier mal sieben achtundzwanzig ergibt.

Anders trifft noch verschiedene andere Insekten, er wird von grünen Raupen eingewickelt, sieht einen Schmetterling aus seinem Kokon schlüpfen, wird von drei altjüngferlichen Schneckendamen unterrichtet, überlistet eine Spinne und singt einer Grille Lieder vor.

Er ist eine ganze Weile alleine unterwegs, während Federchen nach ihm sucht, und er ist viel tapferer und lebensklüger, als er je von sich gedacht hätte. Beiläufig ergeben sich auch immer wieder Gelegenheiten, die nächste Stufe des Einmaleins mit der Sieben durch Erfahrung zu lernen.

Beim Sommerabschieds-Konzert der Insekten, zu dem ihn die Grille, der er vorgesungen hat, mitnimmt, trifft er endlich wieder auf Federchen. Nun machen sie sich gemeinsam auf den weiteren Weg zum Großen Zauberer. Anders muß nur noch neun mal sieben lernen, denn zehn mal sieben kann er schon. Doch der Winter macht den beiden buchstäblich einen eisigen Strich durch die Rechnung.

Wieder werden sie getrennt, wieder findet Anders Zuflucht im Ameisenhaufen. Dort befindet sich ein Abschiedsbrief von Federchen, die ihm u.a. das Ergebnis von neun mal sieben vorsagt bzw. schreibt. Doch weil sie ihm vorgesagt hat, muß sie zur Strafe für immer in eine Feder bleiben. Anders hält traurig die Daunenfeder fest, in deren Gestalt das Mädchen nun gefangen ist.

Schließlich trägt ihn der Wind wieder zurück zu seiner Fensterbank, und hier sagt Anders endlich einwandfrei das Einmaleins mit der Sieben auf. Als der Große Zauberer erscheint, wünscht Anders sich nicht mehr, anders zu sein, sondern er wünscht sich von ganzem Herzen, daß Federchen in ihre Mädchengestalt zurückverwandelt wird.

Die Bitte wird ihm gewährt, und natürlich ist Anders durch seine kleine Heldenreise sowieso irgendwie anders geworden…

Paul Biegel ist ein Autor, der Kinder ernst nimmt und der noch genau weiß, wie sich ein Kind als Kind fühlt. Er erschließt Kindern einen Spielraum phantasievoller Schicksalserprobung, in dem leichte und schwere, dunkle und helle, einfache und komplexe Aspekte des Daseins erscheinen. Seine Geschichten sind ein Füllhorn witziger Weisheit, nachdenklicher Verspieltheit und augenzwinkernder Beziehungspsychologie.

Paul Biegel serviert Kindern keine leichte, seichte Süßkost, sondern eigenwillige, elementare, unergründliche und vielschichtige Lebensgeschmacksvielfalt.

Die Illustratorin Linde Faas findet eine märchenhaft-atmosphärische und facettenreiche Bilder- und Farbsprache, die sich dem Text und dem Erzählverlauf – je nach Bedarf – dramatisch, humorvoll, melancholisch, sensibel, spannend, warmherzig und zauberhaft anschmiegt.

Zum Ausklang möge das folgende Zitat die geistige Weite des besprochenen Kinderbuches andeuten:

» „Höre zu, Zweibein“, sagte sie, „der Verstand ist ein großes Netz mit viereckigen Maschen. Wir werfen es aus, um das Leben zu fangen, aber das Leben ist wie Wasser und nicht zu fassen. Alles, was wir erwischen sind Zahlen, und mit diesen Zahlen messen wir alles. Wir sagen: Messen ist Wissen, und wir messen alles. Aber in unserer Schule lernst du: Messen ist Vergessen. Merke dir den Reim:

Wisst: Wer nur zählt und misst,
der vergisst, dass Leben wie Wasser ist
.“ «   (Seite 97)

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Linde Faas (geboren 1985 in Zeist, Niederlande) studierte Animation an der St. Joost-Kunstakademie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Auszeichnung ab und erhielt zudem verschiedene Preise bei internationalen Filmfestivals. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit dem Schwerpunkt Grafik und Zeichnung