Gray

  • von Leonie Swann
  • Kriminalroman
  • Hörbuch
  • Produktion: der Hörverlag Mai 2017   www.hoerverlag.de
  • Lesefassung: Anke Albrecht
  • Regie: Sven Stricker
  • Sprecher: Bjarne Mädel und Christopher Heisler
  • Laufzeit ca. 8 Stunden 44 Minuten
  • gekürzte Lesung
  • 1mp3-CD
  • Pappklappschuber
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2532-8

ELLIOTS  FALL

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Gray“ von Leonie Swann ist ein vergnüglicher und sehr tiereinfühlsamer Krimi, in dem ein zwangsneurotischer Dozent für Anthropologie zusammen mit einem sprechenden Graupapagei – amateurhaft und gleichwohl erfolgreich – den tödlichen Unfall eines Studenten als Mord entlarvt und aufklärt.

Wir unternehmen eine Lese- bzw. Lauschreise nach Cambridge zur altehrwürdigen, renommierten Universität und Nobelpreisträgerschmiede Großbritanniens. Der vielversprechende blaublütige Student Elliot Fairbanks ist beim Fassadenklettern von der King’s College Chapel gestürzt – ein tragischer Todesfall, der die akademische Beschaulichkeit ungemütlich aufwühlt.

Dr. Augustus Huff ist ein junger Dozent für Anthropologie und ziemlich zwangsneurotisch. Er hegt Sympathien und Antipathien für bestimmte Zahlen, überschreitet Schwellen vorsorglich immer zuerst mit dem linken Fuß, er liebt Ordnung, Struktur und Sauberkeit, er überprüft stets dreifach, ob er eine Tür auch wirklich abgeschlossen hat, und wäscht sich sehr, sehr, sehr, sehr, sehr häufig die Hände.

Zwischenmenschlich ist er etwas unbeholfen, distanziert-zugewandt und zurückhaltend- aufgeschlossen, immer zwanghaft bemüht, seine Zwanghaftigkeit nicht allzu offensichtlich zu zeigen.

Augustus ist Elliots Tutor und wird zwei Tage nach dem Tode Elliots von einer Putzfrau des Colleges um Hilfe gebeten. Sie behauptet, es spuke in Elliots Zimmer. Widerstrebend betritt Augustus die luxuriösen Räumlichkeiten des verstorbenen Studenten und hört tatsächlich Elliots hochnäsige Stimme „Knapp daneben ist auch vorbei!“ und „Kalt, ganz kalt!“ rufen. Unter der Bettdecke bewegt sich etwas Kleines und produziert nun Staubsaugergeräusche.

Todesmutig zieht Augustus die Bettdecke weg und enthüllt einen verängstigten Grau-papagei. Elliott hatte eine Sondergenehmigung für die Haltung eines Graupapageien, den er für Verhaltens- und Sprachstudien brauchte. In der Aufregung um den plötzlichen Tod Elliots hatte niemand an den kleinen Graupapageien namens Gray gedacht. Gray faßt schnell Vertrauen zu Augustus und klettert auf seine Schulter.

Augustus hat Mitgefühl mit Gray und läßt sich zögernd darauf ein, sich um ihn zu kümmern, und er beginnt nun, tiefer über Elliots Unfall nachzudenken. Elliot Fairbanks war arrogant, begabt, kalt, selbstgefällig und stolz und ein sehr guter Fassadenkletterer. Da Augustus selbst ein wenig Klettererfahrung hat und die gotische Architektur der King‘s College Chapel verhältnismäßig gute Kletterbedingungen bietet, kommen Augustus ernsthafte Zweifel an der Unfallversion. Dieser Todesfall erscheint ihm unaufgeräumt, und Augustus fühlt sich verpflichtet aufzuräumen.

Nach und nach erkennt Augustus, daß der Graupapagei nicht nur perfekt Stimmen und Geräusche imitiert, sondern wirklich weiß, was er sagt. Zwar verfügt er nur über ein begrenztes Kontingent von Redewendungen und Wörtern, wendet diese jedoch durchaus sinnvoll und situativ angemessen an. Und er stellt oft die klugen Fragen: „Was ist gleich? Was ist anders?“, die Augustus bei seiner Spurensuche unterstützen.

Detektivarbeit mit einem vorlauten Papageien auf der Schulter läßt an Unauffälligkeit zu wünschen übrig, führt aber auch zu ganz erfrischenden zwischenmenschlichen Begegnungen, die das Spektrum von angenehmem Flirt bis zu tätlichem Angriff abdecken.

Gray bringt Augustus‘ systematische Ordnung durcheinander, er knabbert seine Stifte an, wirft Briefbeschwerer um, zerzaust sein Haar, beschnäbelt sein Ohr, und er hat überdies  recht krümelige und schmierige Tischsitten, die für Augustus‘ Sauberkeitsbedürfnisse schwer zu ertragen sind. Dennoch halten sie zusammen und kommen sich emotional näher, was der Aufklärung des Mordes dient. Tatsächlich führen die Notwendigkeiten, Gefahren und Selbstüberwindungen seiner Ermittlungen dazu, daß Augustus von seinen Zwangshandlungen abgelenkt wird und sie sogar etwas vernachlässigt.

Augustus‘ methodische Nachforschungen enthüllen nicht nur architektonische Abgründe und bröckelnde soziale Fassaden, sondern auch Abgründe des Schweigens, familiäre Verstrickungen, psychische Deformationen, Geheimnisse und unvermutet sympathisch-romantische Züge des verstorbenen Elliots.

Mit geschickter Dramaturgie wird Augustus auf Irr- und Umwege geführt, viele mögliche Verdächtige kommen in Frage, die Puzzleteile entdeckter Spuren sind widersprüchlich, die Wahrheit ist komplex und so überraschend, daß Augustus und Gray selbst in höchste Lebensgefahr geraten …

Wir finden in Leonie Swanns neuem Roman eine raffinierte und spannende Krimihandlung in unterhaltsamer Kombination mit einer unkonventionellen, speziesübergreifenden Beziehungsdynamik. Es gelingt der Autorin sehr gut, die Figur von Gray durch die präzise Beschreibung seiner gefiederten Körper- sprache anschaulich darzustellen. Grays oft unverblümte und gelegentlich zartfühlende Kommentare tragen selbstverständlich ebenso zu seiner Charakterisierung bei und bescheren Augustus zahlreiche unwillkürlich situationskomische Szenen.

Gray und Augustus sind skurrile, sympathische, verletzliche und zugleich tapfere Charaktere, die gemeinsam über sich selbst hinauswachsen und sich nach den Herausforderungen dieser Mordaufklärung beflügelten Mutes – linker Fuß voran –  ins Leben wagen.

Bjarne Mädels Lesung der Hörbuchfassung von „Gray“ ist besonnen, einfühlsam und gelassen und gewährt den Figuren nuancenreichen Spielraum zur Entfaltung ihrer speziellen Wesensart.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Gray/Leonie-Swann/der-Hoerverlag/e515300.rhd

Die Autorin:

»Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München und Berlin. Mit ihren ersten beiden Romanen „Glennkill“ und „Garou“ gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt. Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England und Berlin.«

Die Sprecher:

»Bjarne Mädel, geboren 1968 in Hamburg, war nach seiner Ausbildung zum Schauspieler an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam am Schauspielhaus Hamburg tätig. Einem breiten Fernsehpublikum wurde er bekannt durch die Rolle des „Ernie“ Heisterkamp in der Serie Stromberg und als Polizeiobermeister in Mord mit Aussicht. Seit 2011 spielt Bjarne Mädel die Hauptrolle in Der Tatortreiniger. Er ist zweifacher Grimme-Preisträger als Bester Hauptdarsteller. Als Sprecher für Hörbücher, Hörspiele und Synchronarbeiten ist er ebenfalls sehr erfolgreich.«

»Christopher Heisler, geboren 1990 in Eutin (Schleswig-Holstein), studierte Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Seit 2014 arbeitet er als freischaffender Schauspieler in Berlin. Seine bisherigen Engagements führten Heisler u. a. ans Ballhaus Ost Berlin, an die Volksbühne und an die Münchner Kammerspiele. Er arbeitete mit Lucia Bihler, Vegard Vinge, Ida Müller, Florian Fischer und Agahte Chion zusammen. Darüber hinaus ist er regelmäßig als Sprecher für Sendeanstalten wie RBB, NDR Kultur und MDR tätig.«

 

Hier entlang zur Buchausgabe, die bei GOLDMANN erschienen ist:
https://www.randomhouse.de/Buch/Gray/Leonie-Swann/Goldmann/e500609.rhd

Gray von Leonie Swann

Gray                                                                                                     

Kriminalroman
von Leonie Swann
GOLDMANN Verlag Mai 2017
gebunden, mit Schutzumschlag
416 Seiten
Format: 13,5 x 21,5 cm
20,00 € (D), 20,60 € (A),  26,90 sFr.
ISBN: 978-3-442-31443-0

 

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Das geheime Leben des Monsieur Pick

  • von David Foenkinos
  • Originaltitel: »Le mystère Henri Pick«
  • Übersetzung von Christian Kolb
  • Roman
  • Hörbuch
  • Buchvorlage: DVA
  • Vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag   März 2017   www.hoerverlag.de
  • Gelesen von Axel Milberg
  • 6 CDs in Pappklapphülle
  • Laufzeit: ca. 7 Stunden 10 Min.
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2541-0

VERWIRRUNG  DER  BUCHSTABEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wechselwirkungen zwischen Literatur und Leben sind ein unermüdliches und spannendes Thema für Romane. Von einer solchen literarischen Spurensuche, ihren heiter bis wolkigen zwischenmenschlichen Verstrickungen, nebst schelmischen Bezügen zu verlegerischen Buchvermarktungsstrategien, handelt auch „Das geheime Leben des Monsieur Pick“.

Gleich zu Beginn seines Romans nimmt David Foenkinos Bezug auf ein anderes Buch, in dem der Held als Bibliothekar in einer  „Bibliothek der abgelehnten Manuskripte“ arbeitet.  Diese kuriose Bibliothek ist ein fiktiver Ort in Richard Brautigans Roman „Die Abtreibung“. Nachdem sich der Autor 1984 das Leben genommen hatte, gründete ein begeisterter Leser zu Ehren Richard Brautigans wirklich eine Bibliothek, die sich der von Verlagen abgelehnten Manuskripte annimmt: http://www.thebrautiganlibrary.org/Blank.html

Der Roman von David Foenkinos spielt in dem kleinen Küstenort Crozon in der Bretagne. Jean-Pierre Gourvec, der ungesellig-junggesellige Leiter der örtlichen Leihbibliothek richtet nach dem Vorbild Brautigans eine Sonderabteilung für abgelehnte Manuskripte ein. Per Inserat in einschlägigen Buchhandelsmagazinen lädt er Schriftsteller dazu ein, ihre von Verlagen für druckunwürdig bis unleserlich befundenen Werke in der „Bibliothek der abgelehnten Manuskripte“ persönlich abzugeben und sich auf diesem Wege endgültig von ihnen zu verabschieden. Im Verlauf von zehn Jahren stranden dort fast tausend Manuskripte.

Nach dem Tod Gourvecs versinkt die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte in einen Dornröschenschlaf, denn die Nachfolgerin Gourvecs vernachlässigt die Pflege dieses Nischensektors.

Delphine Despero, die als junge Lektorin bei einem renommierten Pariser Verlag arbeitet, hat bereits zwei unbekannte Autoren entdeckt und ihnen zu Bestsellerruhm verholfen. In den dritten unbekannten Schriftsteller, den sie entdeckt, verliebt sie sich auf den ersten Blick. Während sie die Verlagsvertragskonditionen besprechen, stellt sich heraus, daß diese Liebe erwidert wird. Frédéric und Delphine werden ein Paar. Doch leider findet Frédérics Roman nach der Veröffentlichung nicht das erhoffte Echo beim Lesepublikum, ja, er findet eigentlich fast überhaupt keine Leser.

Traditionell verbringt Delphine die Sommerferien bei ihren Eltern in der Bretagne, und Frédéric kommt selbstverständlich gerne mit. Delphine hat einen Stapel Manuskripte zu lesen, und Frédéric schreibt weiter an seinem zweiten Buch. Zur Entspannung unternehmen sie einen Ausflug in die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte. Sie blättern und schmökern einen ganzen Tag darin herum und finden ein Romanmanuskript, das sie unerwartet gelungen und bemerkenswert halten: „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ von Henri Pick.

Sie recherchieren, und es stellt sich heraus, daß Henri Pick der vor zwei Jahren verstorbene Pizzabäcker von Crozon war. Delphine sucht Picks Witwe auf, eine bodenständig-herzhafte alte Dame von achtzig Jahren, die zunächst nicht glauben kann, daß ihr Henri einen Roman, noch dazu ein Meisterwerk, geschrieben haben soll. Schließlich hatte er ihres Wissens niemals ein Buch gelesen, geschweige denn eines geschrieben.

Nachdem Madeleine Pick das Manuskript gelesen und durchaus einige verborgene Bezüge zur ihrer Beziehungsgeschichte mit Henri darin gefunden hat, ist sie geneigt, der unwahrscheinlichen Wahrscheinlichkeit einer heimlichen schriftstellerischen Tätigkeit ihres Mannes etwas mehr Glauben zu schenken. Nach Rücksprache mit ihrer Tochter Joséphine stimmt sie einer Veröffentlichung zu und wird von Delphine professionell betreut.

Um eventueller Skepsis gegenüber abgelehnten Manuskripten kompetent entgegentreten zu können, sammelt Delphine Beispiele aus der Literaturgeschichte. So wurde beispielsweise Marcel Prousts erster Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zunächst vom Verlag Gallimard nicht veröffentlicht. André Gide, der dort als Lektor mitwirkte, lehnte Prousts Manuskript ab und attestierte ihm „Sätze, so lang wie eine schlaflose Nacht.“  Nach einigen Umwegen erschienen Prousts Romane dann doch bei Gallimard, und für den zweiten Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erhielt Marcel Proust 1919 den Prix Goncourt.

Die geheimnisvolle Entstehungsgeschichte und das rätselhafte, verborgen gebliebene schriftstellerische Parallelleben Henri Picks werden werbewirksam vermarktet, und der Roman „Die letzten Tage einer großen Liebe“ entwickelt sich zu einem sensationellen Erfolg. Der Erfolg führt zu weiterem Medienrummel, Fernseh- und Zeitungsinterviews mit der Witwe und der Tochter Henri Picks. Erste Fans pilgern in die ehemalige Pizzeria und zum Grab des Autors. Die Bibliotheksabteilung der abgelehnten Manuskripte füllt sich mit Nachschub …

Die Verkaufszahlen des Romans wachsen und wachsen. Andere Verlage folgen dem neuen Buchmodetrend und trachten danach, abgelehnte Manuskripte zu publizieren.

Jean-Michel Rouge, ein karrieregeknickter, ehemaliger Literaturkritiker, glaubt nicht, daß Henri Pick der Autor von „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ ist und forscht akribisch-ungeschickt nach der Wahrheit. Er findet heraus, wer noch als Autor in Frage kommen könnte …

Ein Buch kann tatsächlich das Leben dramatisch beeinflussen, und für einige Personen im unmittelbaren und mittelbaren Einflußbereich der pickschen Meisterwerksaura ändern sich unverhofft Beziehungen, Perspektiven oder auch einfach nur Gewohnheiten.

David Foenkinos spielt mit möglichen Wahrheiten und glaubhaften Lügen. Geschickt verknüpft er Lebensfäden, Leidensknoten und Liebesschleifen seiner Figuren. Seine charakterisierenden Beschreibungen sind detailreich, einfühlsam und anschaulich. Ein Chor vieler Stimmen und vieler Wahrheiten wird von ihm zu einem charmanten, heiter-melancholischen Einklang geführt.

Der Vorleser Axel Milberg liest diesen Roman sehr angenehm und unaufgeregt-akzentuiert sowie mit einer warmherzigen Verbundenheit, die den unterschiedlichen Charakteren und ihren emotionalen Gestimmtheiten sehr gut gerecht wird.

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ handelt beiläufig auch davon, wieviel man als Leser in eine Geschichte hineinlesen kann, um sich darin bestätigend wiederzufinden.

Der Autor gewährt dem Leser zudem einen wahrhaft köstlichen und interessanten Blick hinter die Kulissen des Buchmarkts und die Mechanismen medialer Vermarktung. Als Buchhändlerin und Rezensentin kann ich bestätigen, daß diese Elemente des Romans keineswegs fiktiv oder übertrieben sind.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Das-geheime-Leben-des-Monsieur-Pick/David-Foenkinos/der-Hoerverlag/e513598.rhd

 

Der Autor:

»David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der auch als Film mit Audrey Tautou das Publikum begeisterte. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Der vielfach ausgezeichnete Roman „Charlotte“ hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft, wurde auch in Deutschland zum Bestseller und wird derzeit verfilmt. „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ war in Frankreich wochenlang auf der Bestsellerliste.«

Der Übersetzer:

»Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.«

Der Sprecher:

»Axel Milberg war bis 1997 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele und arbeitete mit Regisseuren wie Dieter Dorn Peter, Thomas Langhoff oder Peter Zadek. Mitte der 90er-Jahre wandte sich der wandelbare Schauspieler verstärkt Film und Fernsehen zu. Seither war er in zahlreichen erfolgreichen Produktionen zu sehen, z. B. in „Jahrestage“ (2000), „The International“ (2009), „Ludwig II.“ (2012), „Hannah Arendt“ (2012). Seit 2003 ist Axel Milberg außerdem in seiner Heimatstadt Kiel als „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski auf Verbrecherjagd.«

 

Die Buchausgabe ist bei DVA erschienen:

Das geheime Leben des Monsieur Pick
von David Foenkinos
Originaltitel: »Le mystère Henri Pick«
Übersetzung von Christian Kolb
DVA  März 2017
Gebunden mit Schutzumschlag
336 Seiten
Format: 12,5 x 20,0 cm
19,99 € (D),  20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN: 978-3-421-04760-1

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-des-Monsieur-Pick/David-Foenkinos/DVA-Belletristik/e512010.rhd#info

 

Sartana – noch warm und schon Sand drauf

  • von und mit Bela B und Rainer Brandt
  • Hörspiel nach der Synchronfassung des gleichnamigen Films von Rainer Brandt,
  • bearbeitet und ergänzt von Leonhard Koppelmann, Roland Slawik und Christian Keßler
  • Produktion: Westdeutscher Rundfunk Köln 2016
  • der Hörverlag  November 2016   http://www.hoerverlag.de
  • Regie: Leonhard Koppelmann
  • Sprecher: Bela B, Peta Devlin,
  • Oliver Rohrbeck, Stefan Kaminski, Rainer Brandt u.a.
  • Musik: Bela B, Peta Devlin, Smokestack Lightnin‘
  • 2 CDs
  • mit Infobeilage und Leporello-Comic von Robert Schlunze
  • Laufzeit: ca. 1 Stunde 32 Minuten
  • 16,99 € (D), 16,99 € (A), 24,50 € sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2475-8
    Sartana noch warm und schon Sand drauf von

SCHARFZÜNGIG  UND  SCHIESSGESCHWIND

Hörspielbesprechung von Ulrike Sokul ©

Räusperräusperhüstel – so langsam legen sich Wüstenstaub, Feuerwerksqualm und Pulverdunst, und ich kann meine Tastatur wiedererkennen. Das Echo twangiger Gitarrenklänge hallt mir noch in den Lauschlöffelchen, da will ich doch mal ein bißchen Rezensionsblut – ähm – Tinte vergießen.

Da hat sich ein illustres Ensemble zusammengefunden, um einen Spaghetti-Western in ein Hörspiel zu transformieren: Bela B, Peta Devlin und die Band Smokestack Lightnin‘ von der musikalischen Fraktion sowie Stefan Kaminski, Oliver Rohrbeck und die Synchronlegende Rainer Brandt (die deutsche Synchronstimme von Elvis, Tony Curtis, Jean Paul Belmondo…) von der schauspielerischen Fraktion. Regie führt Leonhard Koppelmann, dessen Hörspielinszenierung „Paul Temple und der Fall Gregory“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/13/paul-temple-und-der-fall-gregory/  ich vor einiger Zeit bereits enthusiastisch besprochen habe.

Umrahmt wird die schießwütige Handlung von metafiktiven Kommentaren, flapsigen Wortspielen und Italo-Western-Fachsimpeleien der beteiligten Hörspielsprecher. Das testosterongeschwängerte Genre wird durch die Einwände und selbstironisch-genderge-krösigen Verbesserungsvorschläge der einzigen weiblichen Mitspielerin und Sängerin (Peta Devlin) amüsant bereichert.

Sartana, der einsame Rächer und Scharfschütze der Kugel und des Wortes, reitet mit seinem 1-PS-Gaul Theophil durch die „staubstaubige Staubwüste“ bis in das Städtchen Indian Creek. Dort und in der näheren Umgebungswildwestnis fegt er einen großen Haufen Halunken ins Jenseits und verfügt dabei sogar über die Güte, die von ihm erledigten Schurken anständig und beblümt beerdigen zu lassen. O-Ton: „Ich arbeite nämlich mit eigenem Friedhof.“

Stets ist er seinen Widersachern mindestens eine Revolverlänge voraus, und auch sonst ist er nicht aufs Köpfchen gefallen und wirft eloquent-schnodderig mit coolen Sprüchen um sich. Er spekuliert mit sandigen, goldverdächtigen Grundstücken, legt sich gewagt mit Falschspielern an und liefert sich mit dem chinesischen Spielsalon-Boß Lee Tse Tung schlagfertige Zitatduelle. Beiläufig vernascht Sartana die attraktive Luderlady Jasemine, was jedoch auf triebhaft-berechnender Gegenseitigkeit beruht.

Ein böser Banker, ein korrupter Sheriff, eine zwielichtige Spelunkenchefin, eine lange Ahnengalerie von Gangstern und ein Totengräber im Akkordmodus runden den munteren Charakterköpfchen-Reigen sowie die explosive Dramaturgie treffsicher ab.

Doch was fasel ich Ihnen von Inhalten und Figurenschablonen – der Stil ist es, der hier den Ton angibt, und die wunderbare musikalische Kulisse, für die sich Smokestack Lightnin‘, Bela B und Peta Devlin mächtig ins Zaumzeug legen.

Alle Sprecher sind stimmkünstlerisch genial und professionell wortgewandt, und als Zugabe hört man ihnen auch die Spielfreude glaubhaft an.

Ich weiß nicht, was mir besser gefällt, die musikalischen Ennio-Morricone-Anspielungen, die schrägen Liedchen, das Western-Klischeegeklimper, die Wortspiele oder die markigen Sprüche, etwa:

„Es wird Zeit für Dich, sich zu subtrahieren!“

„Dem aufmerksamen Lauscher klingt das wie eine Drohung.“

„So, nun zeigt mal Papa, wie groß ihr seid. Hände schön in die Höh‘!“

„Ich glaub‘, mein Tintenfisch kleckert.“

„Übrigens, schöne Tapete haben Sie da an, Meister Chang! Selbst gemalt?“

„Ist das Asthma oder Leidenschaft?“

„Bleib senkrecht, Junge!“

Jetzt habe ich mich so auf den Italo-Western-Jargon eingeschossen, daß ich noch stundenlang aus dem kugelsicheren Westentäschlein plaudern könnte. Doch was schreib‘ ich mir hier Schwielen an die zarten Bücherfeenpfötchen: Hopp, Amigos, schwingt Euch aufs Pferd und trabt mal an – klickediklack – zur Verlagswebseite und genehmigt Euch ‘ne saftige Prise vom Hörspielpröbchen…
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Sartana-noch-warm-und-schon-Sand-drauf/der-Hoerverlag/e512474.rhd#info

Hier entlang traben zum informativen Werbefilm über die Sartana-Tournee:
https://www.youtube.com/watch?v=FLzS-7DFjZA
Na, schon süchtig, Campañeros? Hier noch ein Leseprobenhäppchen sowie ein Interview mit Bela B, Oliver Rohrbeck & Stefan Kaminski: https://www.youtube.com/watch?v=3vgzXT7sTOg

Dieses höllisch-vergnügliche Hörspiel ist seit dem 3.12.2016 auch auf Tournee zu erlauschleben. Tourdaten unter: http://www.bela-b.de
sartana-tourneedatenplakat
ACHTUNG, die Tourdaten haben sich geändert! Nachfolgend die aktualisierten Daten:

BELA B Featuring PETA DEVLIN, STEFAN KAMINSKI 
& SMOKESTACK LIGHTNIN´ (live on stage!)
Di., 28. Februar, Berlin, Theater am Kurfürstendamm (ausverkauft)
(special guest: Oliver Rohrbeck) 
Mi., 01. März, Berlin, Theater am Kurfürstendamm (ausverkauft)
(special guest: Oliver Rohrbeck)
Fr., 03. März, Hannover, Theater am Aegi
(special guest: Oliver Rohrbeck)
Sa., 04. März, Braunschweig, Staatstheater Braunschweig
(special guest: Oliver Rohrbeck)
So., 05. März, Erfurt, Alte Oper
Di., 07. März, Stuttgart, Theaterhaus
Fr., 24. März, Stade (Hamburg), Stadeum
Sa., 25. März, Münster Congress-Saal (Halle Münsterland)
So., 26. März, Bochum, Schauspielhaus (ausverkauft)
Di., 28. März, Bremen, Musical Theater
Mi, 29. März, Paderborn, Paderhalle
(special guest: Oliver Rohrbeck)
Do., 30. März, Köln, Klaus-von-Bismarck-Saal
(special guest: Oliver Rohrbeck)

 

Die Mitwirkenden:

»Bela B ist Schlagzeuger, Komponist, Sänger, Schauspieler und Synchronsprecher. Als Mitglied der Band Die Ärzte ist er in Deutschland eine bekannte Größe. Doch auch mit seinen Soloalben und diversen anderen Projekten konnte er große Erfolge verzeichnen. Neben der Musik widmet sich Bela B seinen vielseitigen Interessen und Hobbys. So leitete er zeitweise einen eigenen Comic-Verlag und betätigte sich als Autor und Schauspieler. Sein künstlerisches Interesse gilt nicht zuletzt dem Erzählen von Geschichten. Er verleiht dem Blechmann aus dem Zauberer von Oz in der Version der Augsburger Puppenkiste mit seiner Stimme Leben und wirkt an zahlreichen Hörbuchprojekten mit.«

»Oliver Rohrbeck, geboren 1965, sammelte schon als Kind bei der Sesamstraße erste Fernseh- und Schauspielerfahrungen. Seit seiner Kindheit ist er als Synchronsprecher tätig und leiht regelmäßig Ben Stiller seine Stimme. Einer großen Hörerschaft ist er als Justus Jonas durch die Hörspielreihe Die drei ???  bekannt. Außerdem arbeitet er als Sychronregisseur und ist der Chef und die kreative Kopf der Lauscherlounge.«

»Stefan Kaminski, geboren 1974, wollte eigentlich immer Meeresbiologe werden, hat dann aber Mikrofone, Kassetten und Geräusche für sich entdeckt – und seine Stimme, die aus vielem zu bestehen schien! Sein professioneller Weg begann 1996 beim Hörfunk, es folgte ein Schauspielstudium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Lange spielte er am Deutschen Theater Berlin, wo er 2005 das Live-Hörspielformat Kaminski ON AIR entstand. Seine Stimme ist in vielen Produktionen von Radio, Fernsehen und Hörbuchverlagen zu hören. Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Hörbuchpreis und dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik.«

»Peta Devlin ist Musikerin sowie Musik- und Hörpsielproduzentin. In den 90er Jahren zog sie von England nach Hamburg. Sie war Bassistin mehrerer Bands, arbeitete an Bela Bs Album Bye mit und ist seit 2013 u.a. auch mit Bela B und Smokestack Lightnin‘ auf Tour.«

»Smokestack Lightnin‘ ist eine Americana-Rootsrock-Band aus Nürnberg. Sie arbeiteten bereits mit Bela B für sein Album Bye zusammen. Für Sartana steuern sie zusammen mit Bela B und Peta Devlin den Sountrack bei, der sich durch seine geniale Mischung aus Rockabilly, Country, Soul, Folk und twangigen Gitarren dem Western-Genre nähert.«

»Rainer Brandt, geboren 1936, ist Synchronsprecher. Synchronregisseur und Dialogbuchautor. Bereits während seiner Schauspielausbildung begann er mit der Tätigkeit als Synchronsprecher. Er lieh seine Stimme u.a. Elvis Presley, Tony Curtis, Jean-Paul Belmondo. Die von ihm verfassten Dialoge kennt man in erster Linie aus zahlreichen Filmen mit Bud Spencer und Terrence Hill oder auch aus US-Sitcoms wie Seinfeld und Frasier

 

Musikalisches Postskriptum:

Am 17.2. 2017 (man beachte die feine Zahlenkombination) ist das neue Soloalbum von Bela B erschienen:

bela-b-cd-bastard

Bela B

bastard

Label: B-Sploitation

Label Code: 33231

Vertrieb: Rough Trade

Formate: CD im Digipak, 12“-Vinyl, Download

 

Da ich es noch nicht vollständig selbst belauschlöffeln konnte, zitiere ich mal frech-gelassen aus der Pressemitteilung:

»Ein Schuss. Ein Held. Ein Album.
Bela B hat sein viertes Solo-Album im Ärmel und zum zweiten Mal schüttelt er es, gemeinsam mit seinem musischen Retro-Mob bestehend aus der wundervollen Peta Devlin und den unrasierten Smokestack Lightnin’, aufs Lässigste heraus.
bastard ist eine Hommage an die Un- wie Liebenswürdigkeiten, die der Western im Allgemeinen und der Spaghettiwestern im Speziellen zu bieten hat: einen ranzigen, imposanten, phrasen-preschenden Helden, eine kleine Stadt mit Casino und ohne Moral, mit diversen Duellen, einem vollzeitbeschäftigten Leichenbestatter sowie die eine bezaubernde Lady, die dir dein Herz mit gezücktem Peacemaker stiehlt.«

Also LOS Leute, schwingt Eure Lassos und fangt Euch das Hörspiel und/oder die neue Musik-CD oder eine Eintrittskarte.
Eine herrliche KOSTPROBE (nebst Augsburger-Puppenkisten-Animation 😉 ) kann man unter nachfolgendem Link betrachten und erhören: 
https://www.youtube.com/watch?v=zQNwlBiY754

 

 

Das geheime Leben der Bäume

  • Was sie fühlen, wie sie kommunizieren –
  • die Entdeckung einer verborgenen Welt
  • von Peter Wohlleben
  • Hörbuch
  • gelesen von Roman Roth und Peter Wohlleben
  • vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag 2015/16
  • erschienen im Hörverlag Oktober 2016   www.hoerverlag.de
  • Buchvorlage: Ludwig Verlag
  • 6 CDs in Pappschachtel
  • Laufzeit: ca. 6 Stunden, 54 Minuten
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2477-2
    Das geheime Leben der Baeume von Peter Wohlleben

B A U M S C H U L E

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohlleben führt uns mit Gefühl, Verstand und Sinnlichkeit durch den Wald und lehrt uns das Staunen. Er doziert nicht, er erzählt!

Aktuelle naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden von ihm sehr eingängig- komprimiert wiedergegeben und um seine langjährigen persönlichen Erfahrungen als Förster kurzweilig ergänzt.

Hätten Sie gewußt, daß Buchen gerne kuscheln? Ja, auch wenn sie sehr nahe beieinanderstehen, konkurrieren sie keineswegs miteinander um Nährstoffe, Licht und Wasser, sondern bei Bedarf füttern sie sich wechselseitig – über das komplexe unterirdische Wurzel- und Pilzfädchensystem – mit Glucoselösung. Buchenkinder stehen sehr lange im Schatten ihrer Mutter, weshalb sie nur langsam wachsen können. Doch diese „Erziehung durch Lichtdrosselung“ führt zu wesentlich stabilerem Wachstum und somit auf lange Sicht zu überlebenstüchtigeren Buchen.

Bäume kommunizieren über Duftstoffe und über chemische sowie elektrische Signal-übertragungen miteinander. Werden beispielsweise die Blätter eines Baumes von Raupen angefressen, so teilt der befallene Baum dies seiner Nachbarschaft über Duftsignale mit. Sowohl der befallene Baum wie auch die benachbarten verändern daraufhin die chemische Zusammensetzung des Pflanzensafts in ihren Blättern – was von Bitterstoffen bis hin zu  insektenspezifischen Giftstoffen reicht. Darüber hinaus verfügen Bäume auch über besondere Rettungslockdüfte, um natürliche Freßfeinde der angreifenden Insekten herbeizurufen.

Auch unterirdisch wird lebhaft kommuniziert. Ein Teelöffel Waldboden enthält mehrere Kiometer Pilzhypen. Der Vergleich dieser Pilzfäden mit der Glasfaservernetzung des Internets liegt nahe. Tatsächlich spricht man inzwischen schon vom „woodwideweb“.

Peter Wohlleben beschreibt die Bäume mithin nicht als isolierte Einzelwesen, sondern als Teil einer Lebensgemeinschaft. Dazu gehören auch Waldtiere, konkurrierende sowie kooperative Verhältnisse zwischen Bäumen und anderen Pflanzen sowie der erst zu einem kleinen Teil erforschte Mikrokosmos des Waldbodens. Die Mikroorganismen, die an der „Schnittstelle von Werden und Vergehen“ ihre wertvolle, unsichtbare Arbeit verrichten, werden ebenso gewürdigt wie Klimarelevanz, Luftfilterwirkung, Wasser- und CO₂-Speicherkapazität der Bäume.

Schädliche menschliche Eingriffe in den Gleichgewichtsorganismus Wald werden fundiert kritisiert und sinnvollen Maßnahmen zur ökologischen Bewirtschaftung, zum Schutz, Erhalt und zur Reanimierung heimischer Urwälder gegenübergestellt.

Egal welchem Detail sich der Autor widmet, stets ist seine Darstellung faszinierend, anschaulich und geradezu spannend, und stets fügen sich die Einzelheiten zu einer ganzheitlich Einheit.

Peter Wohllebens Buch „Das geheime Leben der Bäume“ ist ein wahrer Lichtblick in der Vermittlung von Wissen über Wald und Bäume. Seine einfühlsame, naturliebhaberische Haltung ist in jeder Zeile zu spüren und dürfte vielen Lesern/Hörern eine lebensdienliche Baumperspektive eröffnen.

Die Hörbuchversion enthält eine Bonus-CD, auf der Peter Wohlleben von seinem beruflichen Werdegang erzählt. Dies ist eine interessante Zugabe – im O-Ton -, die sehr authentisch davon berichtet, wie ein Mensch seiner Berufung folgt und nicht damit aufhört, von den Bäumen zu lernen.

Hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e514159.rhd

Das geheime Leben der Baeume von Peter WohllebenDie Buchausgabe ist im Mai 2015 beim Ludwig Verlag erschienen: Das geheime Leben der Bäume
Was sie fühlen, wie sie kommunizieren –
die Entdeckung einer verborgenen Welt
von Peter Wohlleben
gebunden, mit Schutzumschlag, 224 Seiten
19,99 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN 978-3-453-28067-0
Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e478046.rhd
Seit Oktober 2016 gibt es das Buch zusätzlich als Bildband: https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e502460.rhd

 

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb in der Eifel, den er zu einem urwaldähnlichen Laubwald zurückgeführt hat. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Im Ludwig Verlag erschien 2016 sein Bestseller „Das Seelenleben der Tiere“.«

Der Vorleser:

»Roman Roth, geboren 1980 in Frankfurt am Main, hat über Umwege zu seiner jetzigen Tätigkeit als Schauspieler und Sprecher gefunden. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Lehre als Bankkaufmann. Nach ersten Erfahrungen als Schauspieler entschied er sich 2006 für eine Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Er übernimmt regelmäßig Rollen in Theater, Film und Fernsehen, spielte u.a.    in dem Spielfilm Der letzte Zug. Seit 2012 lebt er als freischaffender Schauspieler in Berlin.«

Querverweis:

Hier entlang zu Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/30/das-seelenleben-der-tiere/
und zu Christopher D. Stones Klassiker des Umweltrechts „Haben Bäume Rechte?“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/06/18/haben-baume-rechte/

 

PS:
Schon mein Leben lang habe ich ein inniges Verhältnis zu Bäumen. Was dabei herauskommen kann, wenn man Bäumen zuhört, mag ein Poem illustrieren, das ich meiner alten Lieblingsbuche abgelauscht habe:

 

BAUMSCHULE

 

Ich sehe was
was Du nicht siehst
sagt mir der Baum
mit einer Hand in der Erde
mit der Anderen im Himmel
aus meinem Holz
sind Türen gemacht
die sich nur nach innen öffnen
komm näher Menschlein
hier lernst Du was fürs Leben
verlier ruhig ein bißchen
den Verstand
und laß Dich ein
sieh nur
hör nur
spüre
und vergiß es nie
auch in Deinem Körper
schlägt das Herz der Erde

 

Ulrike Sokul©
10/ 1995

 

 

 

 

Das Seelenleben der Tiere

  • Liebe, Trauer, Mitgefühl – erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt
  • von Peter Wohlleben
  • Hörbuch
  • Gelesen von Peter Kaempfe
  • Produktion: Der Hörverlag 2016    http://www.hoerverlag.de
  • vollständige Lesung
  • Buchvorlage: Ludwig Verlag
  • 1 mp3-CD
  • Laufzeit: ca. 5 Stunden, 47 Minuten
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2339-3
    Das Seelenleben der Tiere von Peter Wohlleben

T I E R F Ü H L S A M

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“ ist anschaulich, einfühlsam, informativ, kompetent, naturnah, spannend, sehr wissenswert und voller Respekt für alle zwei-, vier-, sechs- und achtbeinigen Lebewesen.

Dieses Hörbuch öffnet uns Augen, Ohren und Herz für den Empfindungsreichtum und die Glücks- und Leidensfähigkeit der Tiere. Peter Wohlleben, der 2015 mit seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ die Spiegel-Bestsellerliste erobert hat, führt uns in seinem neuen Buch durch Wald und Flur, Weide und Stall, Haus und Hof sowie Stadt und Land.

Sogenannte zwischenmenschliche Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Fürsorge, Altruismus und Dankbarkeit finden sich im Tierreich ebenso wie das gesamte Spektrum der Gefühle, das wir für uns als Zweibeiner gerne beanspruchen.

Der Autor erwähnt und zitiert zahlreiche wissenschaftliche Studien, die inzwischen beweisen, daß Tiere Schmerz, Angst und Trauer, Lust, Liebe und Freude fühlen, daß sie träumen und spielen sowie vorausschauend planen können.

Neben aktuellen Forschungserkenntnissen berichtet er lebhaft von den umfänglichen  persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen, die er mit seinen eigenen Haus- und Hoftieren (Hunden, Hühnern, Ziegen, Pferden und Bienen…) und den Wildtieren (Eichhörnchen, Füchsen, Igeln, Rabenkrähen, Mardern, Rehen, Hirschen, Waldmäusen, Wildschweinen, Waldameisen…) seines  Forstreviers gesammelt hat.

Wir erfahren von aufopferungsvoller Mutterliebe bei Eichhörnchen, treuer Bindungsliebe bei Raben, vom Reinlichkeitsbedürfnis von Haus- und Wildschweinen, von lügenden Hähnen, heimlich flirtenden Elstermännchen, flunkernden Kohlmeisen, Scham, Reue und Dankbarkeit bei Hunden, Gerechtigkeitsempfinden bei Pferden, individuellen Denkprozessen und Träumen bei schwarmintelligenten Bienen, tierischer Kindererziehung und Abstillung, von ausgeprägter Empathie bei Waldmäusen sowie von außergewöhnlichen artenübergreifenden Adoptionen.

Aus der Vielzahl der beschriebenen wilden Tiere picke ich hier nur exemplarisch die Rabenvögel auf. Kolkraben gehen nicht nur lebenslängliche Partnerschaften ein, sie haben auch ein Repertoire von über achtzig verschiedenen Ruftönen bzw. Rabenvokalen, und sie verfügen über einen Namen, d.h. einen speziellen Erkennungsruf, mit dem sie sich ankündigen und der zur Begrüßung erwidert wird. Dazu paßt, daß diese Vögel auch problemlos den Spiegeltest bestehen und sich selbstbewußt im Spiegelbild erkennen.

Peter Wohlleben stellt die menschlichen Kategorien der Einteilung von Tieren in sogenannte Nützlinge und Schädlinge immer wieder in Frage und fragt zu Recht, wo wir uns als Menschen denn wohl einzuordnen hätten. Er kritisiert die gegenwärtige grausame Massentierhaltung und die Ignoranz von Politik, konventionellen Bauernverbänden und Konsumenten gegenüber der Schmerzempfindlichkeit und Leidensfähigkeit von Tieren. So dürfen beispielsweise Ferkel noch bis zum Jahr 2019 ohne Betäubung kastriert und Schalentiere lebend in kochendes Wasser geworfen werden, so daß sie einen minutenlangen qualvollen Tod erleiden.

In Anbetracht jahrtausendelanger menschlicher Jagdtraditionen ist es nicht verwunderlich, daß Wildtiere unsere Nähe scheuen. Sie haben gelernt, daß wir eine tödliche Gefahr für sie sind, und sie verstecken sich vor uns. So sind beispielsweise Rehe, Hirsche und Wildschweine deshalb nachtaktiv, weil Menschen nachts nicht jagen.

Doch da in besiedelten Gebieten nicht gejagt (geschossen) werden darf, entdecken zugleich immer mehr Wildtiere die Stadtlandschaft als Lebensraum, zumal inzwischen die pflanzliche Biodiversität in Städten teilweise größer ist als in den industriell bewirtschafteten öden Monokulturen auf dem Lande. Beispielhaft sei hier nur die zunehmend erfolgreiche Stadtimkerei genannt.

Lehrreich sind im Gegenzug seine Erläuterungen zu den übertriebenen Ängsten, die Stadtmenschen vor Wildtieren hegen. Taucht ein Fuchs im Garten oder Park auf, fürchten die Menschen eine Infizierung mit dem Fuchsbandwurm. Tatsächlich kommt der Fuchsbandwurm in der Natur gar nicht so häufig vor.

Die Infektionskette funktioniert folgendermaßen: Mäuse dienen dem Fuchsbandwurm als Zwischenwirt, befallene Mäuse bewegen sich langsamer und werden leichter vom Fuchs gefangen und gefressen, und ein befallener Fuchs scheidet später mit dem Kot eine beträchtliche Masse Bandwurmeier aus. Es gibt indes auch viele Hunde, die Mäuse fangen und fressen, und diese scheiden dann ebenfalls Wurmeier aus. Somit geht  von Hunden – wenn sie nicht regelmäßig entwurmt werden – eine viel größere Ansteckungsgefahr aus.

Reflexionen über menschliche Liebe zu Tieren und tierische Liebe zu Menschen, über die Art und Weise der Nutzung und Züchtung von Tieren als Arbeitskräfte, Nahrungsmittel-lieferanten und Schmusetier sowie die Infragestellung der niedrigeren Bewertung von instinktivem Handeln im Vergleich zu bewußtem Handeln runden „Das Seelenleben der Tiere“ ab.

Der Hörbuchvorleser Peter Kaempfe trägt den Text mit seiner sonoren Stimme wohlakzentuiert, gekonnt und angenehm eingängig vor.

Anschaulich verbindet Peter Wohlleben viele interessante Einzelheiten zu einer sinnvollen ganzheitlichen Perspektive auf das faszinierende, facettenreiche und anrührende Empfindungsspektrum unserer Mitgeschöpfe. Mit seinen empathischen Erklärungen und Beschreibungen gelingt es dem Autor vorzüglich, den erfahrungsweltlichen Abstand zwischen Menschen und Tieren zu verringern und uns daran zu erinnern, wie innig unsere menschliche Entwicklungsgeschichte mit den Tieren verbunden ist.

Dieses Buch gehört für Leser/Hörer, denen die Daseinsbedürfnisse und Lebensrechte von Tieren etwas bedeuten, zweifellos zu den Nützlingen auf dem Buchmarkt. Daß sich dieses Buch und auch sein Vorgänger „Das geheime Leben der Bäume“ zu Langzeitbestsellern entwickelt haben, erfüllt mich mit Freude. Damit haben mich meine menschlichen Artgenossen endlich einmal positiv überrascht. Ich hoffe sehr, daß eine solche Lektüre/Auditüre einen nachhaltigen Einfluß auf empathisches Empfinden und Verhalten gegenüber Tieren haben wird.

 

 Hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Das-Seelenleben-der-Tiere/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e508148.rhd

 

Das Seelenleben der Tiere von Peter WohllebenDie Buchausgabe ist im Juni 2016 im Ludwig Verlag erschienen:
Das Seelenleben der Tiere
Liebe, Trauer, Mitgefühl –
erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt
von Peter Wohlleben
gebunden, mit Schutzumschlag
240 Seiten
19,99 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN 978-3-453-28082-3
Hier geht es zur Buchausgabe und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-Seelenleben-der-Tiere/Peter-Wohlleben/Ludwig/e498201.rhd

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb in der Eifel, den er zu einem urwaldähnlichen Laubwald zurückgeführt hat. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Im Ludwig Verlag erschien 2015 sein Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“. «

Der Vorleser:

»Peter Kaempfe ist seit 43 Jahren erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler. Seine ausdrucksstarke Stimme ließ ihn zum erfolgreichen Kommentarsprecher in mehr als 800 Fernsehdokumentationen für alle deutschen Sendeanstalten werden. Außerdem ist er in über 300 Hörspielen und Hörbüchern zu hören und dazu immer wieder in vielen Live-Lesungen und Solo-Programmen zu erleben.«

Querverweis:

Ergänzend kann ich jedem noch das naturphilosophische, biopoetische Sachbuch „Alles fühlt“ von Andreas Weber sehr ans Herz legen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Wer es mit den Tierrechten ethisch noch genauer nehmen möchte, befasse sich mit dem Buch von Hilal Sezgin: „Artgerecht ist nur die Freiheit“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/19/artgerecht-ist-nur-die-freiheit/

Und für eine faszinierende und gelungene speziesübergreifende Perspektive empfehle ich den Roman „Die Bienen“ von Laline Paul: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Was das Gedicht alles kann: Alles

  • Eine Führung durch das Haus der Poesie
  • von Robert Gernhardt
  • 5 Poetikvorlesungen / Live-Mitschnitt
  • Sprecher: Robert Gernhardt
  • Produktion: Der Hörverlag 2002   www.hoerverlag.de
  • erschienen Januar 2010
  • Buchvorlage S. Fischer
  • 5 CDs in Pappschuber
  • Laufzeit ca. 290 Minuten
  • 29,95 € (D), 33,60 € (A), 41,90 sFr
  • ISBN 978-3-86717-347-6
    Was das Gedicht alles kann Alles von Robert Gernhardt

NEHMEN  SIE  RUHIG  MAL  WIEDER  EIN  GEDICHT  IN  DEN  MUND

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist eine LUST, Robert Gerndhardts ebenso heiteres wie kluges Plädoyer für die Poesie zu lauschen!

Gernhardt beginnt seine fünfteilige Poetikvorlesung, indem er dem Wort Gedicht auf den Zahn fühlt, es umgangssprachlich durchkaut – „dieser Kuchen ist ja ein Gedicht“ – und sich und uns fragt, wieso in unserer Zeit – selbst bei „kapitalen Kulturmenschen“ – eine solch beträchtliche Lyrikignoranz herrsche. Und – wie uns Gernhardt wissen läßt – selbst Goethe klagte schon in einem Brief an Schiller, daß das Großstadtpublikum viel zu zerstreuungssüchtig sei, um sich mit der gebotenen Sammlung und Konzentration der Poesie zu widmen.

Launig zitiert Gernhardt literaturwissenschaftliche Standardwerke und ihre Poetikdefinitionen, um sie sodann mit praktischen Gedichtbeispielen zu konterkarieren. Gekonnt versteht er es, das selbst Gelesene mit selbst Geschriebenem geistreich und amüsant zu verbinden.

Sein Streifzug durch das Haus der Poesie führt uns in viele Zimmer, wenn auch nicht in alle. Diese architektonische Ordnung ist anschaulich und thematisch sowie wortwörtlich raumfüllend. Wir beginnen mit der Krabbelstube und dem Kinderzimmer und belauschen Stabreim und Endreim-Gedichte, im Schulzimmer lernen wir mit Merkversen, und im Clubraum wird es langsam anspruchsvoller: Xenien und Distichen werden erklärt und mit Gedichtproben erläutert.

Im Lesesaal geht es um Dichtung als Gesellungsmedium, um Dichter, die auf Dichter antworten, um Terzinen und Alexandriner, um Nachgedichtetes und Gegengedichtetes, beiläufig auch um Lyrikkritik sowie um die Möglichkeit der Kommunikations-beschleunigung und -Veredelung durch den lyrisch belesenen und kennerischen, pingpong-mäßigen Austausch von Gedichtzeilen.

In der Werkstatt vermittelt Gernhardt Wissenswertes zum Handwerk des Dichtens, zu Ordnung, Systematik, Vers, Zeile, Strophe, Reim, Reimfolgen und Rhythmus. Er betont die suggestive Kraft des Reims, der sich äußerst vielseitig einsetzen läßt in beispielsweise wenig kunstvollen, doch einprägsamen Paarreimen für Demo-Transparente und Werbesprüche  oder – wesentlich komplexer und kunstvoller – durch Terzinen und Stanzen.

Hingebungsvoll schwärmt er vom Sonett und unterscheidet ungeniert zwischen ordentlichen und verwahrlosten Sonetten. Vollends entzückt zeigt er sich von den – leider vergriffenen –  Kriminal-Sonetten von Ludwig Rubiner, Friedrich Eisenlohr und Livingstone Hahn aus dem Jahr 1913.

Gernhardt führt uns weiter in den Schlafraum der Lieder, ins Sterbezimmer, ins Krankenzimmer, in den Fundus, ins Kuriositätenkabinett, in den Elfenbeinturm und in die Schatzkammer.

Auch Anagramm und Akrostichon werden in ihrem abgelegenen Winkel besucht und angemessen gewürdigt.

In seinen Poesievorlesungen macht Gernhardt Literaturgeschichte ebenso lehrreich wie vergnüglich lebendig. Mit Esprit und freudiger Wortverspieltheit, trefflichen Zitaten, unkonventionellen Verknüpfungen und Selbstironie streift er von Goethe zu Schiller und Hölderlin, von Heine zu Brecht, von Enzensberger zu Eichendorff, von Peter Rühmkorf zu Ernst Jandl …

Er lustwandelt von Komik zu Ernst, von Lob zu Tadel, von Bewunderung zu Parodie, von Reflexion zu Paraphrase und von Nonsens zu Tiefsinn.

Wer bei Robert Gernhardts köstlicher Vorlesung nicht auf den Geschmack der Gedichte kommt, der ist für die Poesie wohl für immer verloren.

Mit seinem begeisterten, sprachsouveränen und zugewandten Vortragsstil bringt er Wort und Text nuancenreich zum Klingen. Gernhardt verfügt über eine poetische Präsenz, die in diesen O-Ton Aufnahmen geradezu ansteckend zum Ausdruck kommt.

Läßt sich Liebe zur Lyrik wirksamer wecken?

 

Und hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Was-das-Gedicht-alles-kann:-Alles/Robert-Gernhardt/der-Hoerverlag/e386642.rhd

Der Autor:

»Robert Gernhardt, geboren 1937 in Reval/Estland, hatte viele Talente. Er studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin; er war Maler, Zeichner, Schriftsteller, Satiriker und Cartoonist. Seine größten Erfolge feierte er mit seinen satirischen Cartoons in Zeitschriften wie PARDON und TITANIC; außerdem sind mehrere Bände mit satirischen Texten von ihm erschienen, z.B. Die Toscana-Therapie und Kippfigur. Einem breiteren Publikum wurde er als Drehbuchautor der Otto-Filme bekannt. Er starb 2006.
Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt „Toscana mia“ (2011) und „Hinter der Kurve“ (2012). Gernhardt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Neben „In Zungen reden“ sind von Robert Gernhardt im Hörverlag erschienen: „Ostergeschichte“, „Die Falle“, „Was das Gedicht alles kann: Alles“ und „Versonnen blickt der Borstenigel“

Querverweis:

Hier entlang für weitere O-Ton-Poetisierungen von Robert Gernhardt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/18/in-zungen-reden/

 

 

In Zungen reden

  • Stimmenimitationen von Gott bis Jandl
  • von Robert Gernhardt
  • Buchvorlage: S. Fischer Verlag
  • Produktion: Der Hörverlag 2001
  • Live-Mitschnitt
  • Gesamtlaufzeit: ca. 1 Stunde 25 Minuten
  • der Hörverlag     April 2016        http://www.hoerverlag.de
  • 2 CDs
  • 9,99 € (D), 11,20 € (A), 14,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2126-9
    In Zungen reden von Robert Gernhardt

DES  DICHTERS  UND  DES  DICHTENS  STIMMEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dichter und Schriftsteller, die ihr Werk gekonnt selbst vortragen können, bereiten stets doppelten, vielleicht sogar dreifachen Genuß – wenn man die Sympathie für die Sprechstimme des Schriftstellers als drittes Element gelten lassen mag.

Robert Gernhardt ist ein Kenner und ein Könner vieler literarischer Gattungen und serviert im vorliegenden Hörbuch köstliche Parodien, Weiterdichtungen und Paraphrasen alter Meister. Dies tut er stilvoll und in literarischer Formvollendung mit einer wortwörtlichen sprachlichen Anschmiegsamkeit, die das imitierte Vorbild zugleich würdigt und augenzwinkernd in einen amüsanten Bezug zur Gegenwart stellt.

Wir hören Sonette, Terzinen, den sogenannten hohen Theaterton der Deutschen Bühne um 1800, Märchen, Fabeln, Lieder, Schulfibel-Texte, Leserbriefe und Scherzfragen, eine Ballade sowie Vokal-Variationen von Ernst Jandls berühmtem Mops-Gedicht.

Robert Gernhardt imitiert Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Wilhelm Busch, Bertolt Brecht, Giovanni Boccaccio und Dante und sogar den lieben Gott, dem nachträglich noch ein Elftes Gebot eingefallen ist.

Es ist ein vergnügliches Fest, Robert Gernhardt zu lauschen, und en passant wird uns lächelnd der poetische Horizont erweitert. Charmant, burlesk und geistreich macht er uns literarische Formen schmackhaft und spart weder an freundlichem Spott noch an nonchalanter Selbstironie. Sein verbindlich-kommunikativer Umgang mit dem Publikum erinnert etwas an Hanns Dieter Hüschs Vortragsweise,  zugleich ist er sprachlich und stimmlich von außerordentlich abwechslungsreicher Vielfalt und dramaturgischer Souveränität.

Ausnahmslos jedes Stück hat mir gefallen, doch am allerliebsten sind mir „Das Elfte Gebot“ und Gernhardts kongeniale Giovanni-Boccaccio-Novelle „Ein Florestan-Fragment“.

Das Elfte Gebot Gott-Gernhardts lautet: „Du sollst nicht Lärmen!“
Und weil man es keinesfalls verpassen sollte, füge ich einen Link zum Lauschen ein:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/In-Zungen-reden/Robert-Gernhardt/der-Hoerverlag/e499034.rhd

Da die Hörprobe nur einen Teil des Elften Gebotes wiedergibt, ergänze ich noch eine meiner Lieblingspassagen:

»Und der Herr sprach mit Gernhardt und sprach also zu ihm: Rede mit deinen Leuten, aber schön ruhig. Ihr sollt keine Radios mit euch tragen, so ihr den Fuß aus dem Hause setzt. Ihr sollt keinen Walkman in Bahnen und Zügen benutzen, denn siehe: Der Walkman ist ein Blendwerk des Satans, zu verwirren die Sinne des Menschen, auf dass er glaube, er könne seinen Kopf mit Musik vollknallen, ohne dass sein Nächster davon höre. Ich aber sage euch: Und ob er was mithört!  …

Diese sollen euch in Bahnen und Bussen ebenfalls unrein sein unter den Piepsgeräten, welche Knöpfe haben und die man in die Tasche stecken kann: das Computerspiel, das Handy und der Laptop. Denn alles, was ihr Pieps beschallt, das wird unrein. Und alles Gerät, das gepiepst hat, soll man ins Wasser tun, es ist unrein bis zum Abend und danach unbrauchbar. In euren Wohnungen aber sollen diese Geräte nicht unrein sein.«

 

Der Autor und Sprecher:

»Robert Gernhardt, geboren 1937 in Reval/Estland, hatte viele Talente. Er studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin; er war Maler, Zeichner, Schriftsteller, Satiriker und Cartoonist. Seine größten Erfolge feierte er mit seinen satirischen Cartoons in Zeitschriften wie PARDON und TITANIC; außerdem sind mehrere Bände mit satirischen Texten von ihm erschienen, z.B. Die Toscana-Therapie und Kippfigur. Einem breiteren Publikum wurde er als Drehbuchautor der Otto-Filme bekannt. Er starb 2006.
Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt „Toscana mia“ (2011) und „Hinter der Kurve“ (2012). Gernhardt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Neben „In Zungen reden“ sind von Robert Gernhardt im Hörverlag erschienen: „Ostergeschichte“, „Die Falle“, „Was das Gedicht alles kann: Alles“ und „Versonnen blickt der Borstenigel“

 

Querverweis:

Hier entlang zu Robert Gernhardts heiteren Poetik-Vorlesungen:
„Was das Gedicht alles kann: Alles“

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/24/was-das-gedicht-alles-kann-alles/

Die Unglückseligen

  • Roman von
  • Thea Dorn
  • Hörbuch, Vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag, erschienen Februar 2016   http://www.hoerverlag.de
  • Regie: Roman Neumann
  • Sprecherin: Bibiana Beglau
  • Buchvorlage Knaus
  • 2 mp3-CDs
  • Gesamtlaufzeit: 18 Stunden, 48 Minuten
  • 24,99 € (D), 28,10 € (A), 35,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2213-6
    Die Unglueckseligen von Thea Dorn

UNSTERBLICH  STERBLICH
oder: Von wannen kommt Euch jene Wissenschaft?

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hier hören wir einen Leckerbissen für Sprachliebhaber! Jede der drei Hauptfiguren verfügt über eine ihr maßgeschneiderte Sprache. Mit diesem kunstvollen sprachkompositorischen Stilmittel illustriert Thea Dorn dem Leser/Hörer die unterschiedlichen Charaktere sowie die überaus reiche Ausdruckskraft der deutschen Sprache. Die weitverzweigte Handlung ist keine leichte Lesekost – gleichwohl ist sie nicht unverdaulich.

Am Anfang dieses Romans ergreift sogleich der Teufel das Wort; er spricht in rhythmischem Versmaße und schaut sich das irdische Treiben an. Er beschreibt, kommentiert, kritisiert, lamentiert, retrospektiert und spekuliert darüber, was die beiden menschlichen Hauptcharaktere erleben. Gerne spricht er auch den Hörer/Leser metafiktiv-zugeneigt direkt an und seufzt beispielsweise über die veränderten Lesegewohnheiten unserer Gegenwart, in der das Lesen von Frakturschrift schon nicht mehr zu den selbstverständlichen Kulturtechniken gehört. Eigenwilliger, unkonventioneller Exegesen zu Schöpfung, Paradies, Sündenfall und Gottessöhnen kann er sich ebenfalls nicht ganz enthalten.

Die weibliche Hauptfigur ist Johanna Mawet, eine Molekularbiologin, die ein gängiges Alltagsdeutsch spricht, durchsetzt mit naturwissenschaftlichem Fachvokabular und Anglizismen.

Die männliche Hauptfigur, Johann Wilhelm Ritter, spricht das kultivierte, poetisch-empfindsame, höfliche, ja, schwärmerische – satzbaulich manchmal etwas umständliche – Deutsch des 18. Jahrhunderts.

Das Problem, um das alle kreisen, ist die Unsterblichkeit. Der Wunsch nach Unsterblichkeit scheint eine unheilbare Krankheit zu sein. Und als Stoff für einen Roman ist es eine mehr als abendfüllende Beschäftigung. Die beiden menschlichen Hauptfiguren im vorliegenden Roman vertreten gegensätzliche Haltungen zur Möglichkeit oder Unmöglichkeit sowie zu Sinn und Unsinn der Unsterblichkeit, und die dritte Hauptfigur, der Teufel ganz persönlich, beobachtet und beschreibt – amüsiert bis konsterniert -, wie sich diese beiden Streithähne wissenschaftlich und zwischenmenschlich zusammenraufen.

Wie bereits gesagt: Der Wunsch nach Unsterblichkeit scheint eine unheilbare Krankheit zu sein. Seitdem der DNA-Code geknackt ist, arbeiten Genetiker, Mediziner, Molekularbiologen & Co an der Optimierung der Regenerationskraft von Zellen und der Verlängerung der Überlebenschancen des biologischen Körpers.

Es gibt einige Tierarten, die über eine außerordentliche Zellerneuerungsfähigkeit verfügen, z.B. Zebrafische. Diese können nicht nur verletzte Flossen wiederherstellen, sondern sogar Herzmuskelfasern vollständig erneuern. Zebrafische sind also ein beliebtes Forschungsobjekt, wenn es um – zumindest lebensverlängernde – Fortschritte geht.

Im vorliegenden Roman hat die Molekularbiologin Johanna Mawet bereits erfolgreich Zebrafisch-Gene in Mäuse-DNA eingefügt, und, es ist ihr damit gelungen, die Lebensdauer „ihrer“ Mäuse signifikant zu erhöhen.

Für Johanna ist die Sterblichkeit des Menschen eine Zumutung, Krankheit und Alter eine persönliche Beleidigung. Sie forscht mit verbissenem Eifer an der Abschaffung der Zellalterung. Ein nennenswertes Privatleben hat sie nicht, sie ist nicht besonders sozialkompetent, und Empathie kann sie höchstens buchstabieren. Distanziert naturwissenschaftlich und sehr streng bewertet sie die Menschen und ihre unsterbliche Dummheit. Natürlich ernährt sie sich möglichst gesund sowie maßvoll und bezeichnet durchaus treffend viele industrielle Lebensmittel als „Lebensverkürzungsmittel“ und Supermärkte als „Umschlagplätze des Todes“.

Johann Wilhelm Ritter hingegen, die männliche Hauptfigur, scheint unsterblich zu sein. Er wurde im Jahre 1776 geboren und sieht immer noch aus wie ein knapp Vierzigjähriger. Gleichwohl ist er darüber nicht glücklich, denn er würde gerne sterben, zumal er sich in der modernen Welt nicht zu Hause fühlt und ihm die Geisteshaltungen, Umgangsformen und Sprachgewohnheiten unserer Gegenwart fremd, verwirrend und teils auch abstoßend erscheinen.

Er ist auch Naturwissenschaftler, Physiker gar, und er hat seinerzeit – also zur Zeit der Frühromantik – allerlei Experimente an seinem eigenen Leibe vorgenommen, die wohl seine körperliche Regenerationskraft übernatürlich verbessert haben. Nur weiß er nicht, welches Experiment tatsächlich ausschlaggebend für seine Unsterblichkeit gewesen ist, und er rätselt  verzweifelt herum, was diese – in seinen Augen verfluchte – Überlebenskraft ausgelöst hat. Sein wechselvolles Leben hat ihn nach Amerika verschlagen, wo er als Witwentröster ein zurückgezogenes Leben führt.

Zu Beginn der Geschichte hält sich Johanna wegen eines Forschungsauftrages in den USA auf und kauft im Supermarkt einige gesunde Vorräte ein. Ein dort angestellter Taschenpacker fällt ihr wegen seines ungewöhnlich alterslosen Aussehens und seines merkwürdig ausdrucksstarken Gesichts auf. Er hat ein Gesicht, wie man es eigentlich nur von alten Ölgemälden her kennt, aber „solche Gesichter wurden heutzutage nicht mehr gemacht“.

Nach turbulenten Mißgeschicken und Mißverständnissen lernt Johanna schließlich diesen seltsamen Mann näher kennen, der behauptet, Johann Wilhelm Ritter zu sein. Zunächst hält sie ihn für einen Spinner, zumal dieser Ritter laut Wikipedia-Eintrag 1810 an den Folgen seiner galvanischen Selbstversuche verstorben ist.

Seine altmodische Redeweise und seine Berichte vom einstigen regen Austausche mit Goethe, Alexander von Humboldt, Brentano und Novalis überzeugen sie nicht, indes weckt seine offensichtlich schnelle Wundheilungsfähigkeit ihre wissenschaftliche Neugier. Sie nimmt Ritter bei sich auf und gibt ihn als ihren Onkel aus. Sie läßt heimlich seine DNA sequenzieren, und als ihre Kollegen anfangen, unbequeme Fragen zu stellen, beschließt sie, mit Ritter nach Deutschland zurückzukehren und an ihrem heimatlichen Institut das Geheimnis von Ritters Unsterblichkeit zu entschlüsseln.

Außerdem nimmt sie mit Ritters Hilfe die gleichen galvanischen und ziemlich selbstquälerischen Experimente an sich vor, die Ritter einst an sich vollzog – alles in der irren Hoffnung, damit eine ebensolche Zellerneuerungsfähig zu gewinnen. Johannas wissenschaftlicher Eifer verwandelt sich in leidenschaftlichen Wahn …

Der Roman „Die Unglückseligen“ regt sehr dazu an, über den Unterschied zwischen dem Machbaren und dem Wünschenswerten nachzudenken.

Besonders entlarvend ist das Kapitel, in dem Johanna an einem „Weltkongress der Immortalisten“ teilnimmt, um dort einen Vortrag über ihre Forschung zur Überwindung der Zellalterung zu halten. Die dort versammelten teils wissenschaftlichen, teils kommerziellen und teils spirituellen Heilslehren, nebst fanatischen Christen als Gegendemonstranten, illustrieren ebenso erschreckend wie unterhaltsam, die seltsamen Hybrisblüten unserer Zeit.

Eine vorzügliche kulturkritische und zugleich amüsante Szene ergibt sich, als Ritter bei der Ankunft auf dem Münchner Flughafen angesichts der zahllosen englischsprachigen Hinweisschilder und Werbetafeln, die er konsterniert vorliest, „nimmer nicht“ glauben mag, tatsächlich in Deutschland gelandet zu sein.

Johanna als Vertreterin eines neuzeitlich-wissenschaftlichen Strebens nach berechenbarer Kontrolle über Alter und Krankheit sowie Leben und Tod steht in eklatantem Gegensatz zu Ritter, der eine demütigere und ganzheitlichere Weltsicht hat und Johanna vorwirft, mit ihren kalten Zahlenspielen nur „Bruchteilpfuscherei“ zu betreiben und des „Lebens heil’gen Sinn“ vollkommen zu  verpassen.

Johanna und Ritter streiten oft, ihre Weltanschauungen sind einfach nicht vereinbar. Wo Johanna willkommene Berechenbarkeit, Meßbarkeit  und Funktionalität sieht und sich an Fortschritt und Erkenntnisgewinn berauscht, sieht Ritter unheilsame Detailkrämerei, die das Ganze – den „Weltenatem“ – vergißt. Während Ritter eine genießerische und sinnliche Naturverbundenheit spürt und durch ausgiebige Spaziergänge pflegt, schaut Johanna tagelang auf den Bildschirm ihres „Apfelkastens“ und analysiert Ritters Gene, um jene Mutationen zu finden, die seine unglaubliche Zellregenerationskraft bedingen.

Oft ergeht sich Ritter in wehmütigen Retrospektiven, die uns einen interessanten Einblick in die naturwissenschaftlichen Gepflogenheiten und die Lebenswelt der Romantik gewähren, und wir werden Zeugen seiner Schuldgefühle gegenüber all den Lieben, die längst vor ihm den Weg alles Irdischen gegangen sind.

Ritter ist empfänglich für den Zauber verborgener Harmonien und das zyklische Wesen der Natur. Johanna hingegen sieht in der Natur einen tödlichen Feind, den es zu überlisten gilt. Johanna schimpft Ritter einen Schwärmer und Träumer, und Ritter bezeichnet sie wiederum als maschinengläubig, da sie sich in so vieler Hinsicht auf die Rechenkünste des Computers verläßt.

„Dass die Gegenwart auf Schritt und Tritt sich mit Artefakten umgab, deren Innenleben sie nicht im Ansatz begriff, damit hatte er sich längst abgefunden. Aber zu erfahren, dass unterdessen auch die Wissenschaft sich, gleich einer Küchenmagd, genügte, Maschinen zu bedienen, anstatt sie zu begreifen, dies erschütterte ihn bis ins Mark.“

Die Vorleserin dieses komplexen Werkes ist die Schauspielerin Bibiana Beglau. Mit ihrer angerauhten Stimme belebt sie Charakter- und Gefühlsnuancen von zartester Empfindsamkeit bis zu eiskalter Wut. Ihre stimmliche Klaviatur umfaßt das nonchalante und manchmal auch exaltierte Versmaßräsonieren des Teufels, die kühle Herablassung und wissenschaftliche Nüchternheit Johannas, die zärtliche Wehmut und liebevolle Hingabe Ritters oder gar das piepsige Plappern einer Fledermaus, die eine kurze Beobachter-Nebenrolle spielt, als Johanna sich vergeblich bemüht, den Teufel zu beschwören.

„Die Unglückseligen“ ist ein in jeder Hinsicht und „Hörsicht“ außergewöhnlicher Roman. Mit seiner sprachlichen Spannbreite, seinen anschaulichen Figuren, seinen lebensweltlichen Retrospektiven, seinen historischen und zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Darbietungen und seiner Liebe zum verspielten Detail entwickelt er eine eigenwillige Dynamik und faszinierende Komplexität.

Sprachkompositorisch und dramaturgisch ist er bewundernswert und trotz einiger etwas sperriger Passagen (z.B. einige langatmige Exkurse zu den teils grausamen, teils abstrusen psychiatrischen Behandlungsmethoden des 18. und 19. Jahrhunderts) bleibt die Handlung bis zum Ende spannend und überraschend.

Ob körperliche Unsterblichkeit ein erstrebenswertes Ziel ist, mag jeder für sich selbst entscheiden – die ethischen, wissenschaftlichen und zwischenmenschlichen Aspekte dieser unmöglichen Möglichkeit werden hier lebhaft diskutiert. Nachdenken, Nachspüren und eine eigene Haltung finden – das darf der Leser nach eigenem Gusto.

Die Schwermut dessen, der indes die Erfahrung von Unsterblichkeit längst gemacht und das „Alphabet des Kummers“ zur Genüge schon buchstabiert hat, kommt vielleicht in keinem Satze Ritters so deutlich zum Ausdruck wie im folgenden:

„Wie wollt ihr je lieben?“,  fragte er so leise, dass Johanna ihn kaum hören konnte. „Wie wollt ihr je lieben, wenn ihr ewiglich an euch selbst genug habt?“

 

Ein informatives Interview mit der Autorin findet sich hier:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/der-Hoerverlag/e502952.rhd#|trailer

Link zur Hörprobe auf der Verlagswebseite: http://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/der-Hoerverlag/e502952.rhd

Buchvorlage:

Thea Dorn
Die Unglückseligen
Knaus Verlag Februar 2016
Gebunden mit Schutzumschlag
560 Seiten
Format: 13,5 x 21,5 cm
24,99 € (D), 25,70 € (A), 33,90 sFr.
ISBN: 978-3-8135-0598-6

Link zum Buch aus der Verlagswebseite:
http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/Knaus/e446553.rhd#\|biblios

Querverweise:

Eine weitere Rezension gibt es bei Mina: https://aigantaigh.wordpress.com/2016/04/12/rezension-thea-dorn-die-unglueckseligen/

Link zum Wikipediaeintrag über Johann Wilhelm Ritter: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Wilhelm_Ritter

Die Autorin:

»Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller (u.a. „Die Hirnkönigin“), Theaterstücke, Drehbücher und Essays (u.a. „Die neue F-Klasse – Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“) und zuletzt mit Richard Wagner den Sachbuch-Bestseller „Die deutsche Seele“. Sie moderierte die Sendung „Literatur im Foyer“ im SWR-Fernsehen und kuratierte unter dem Motto „Hinaus ins Ungewisse!“ das „forum:autoren“ beim Literaturfest München 2012. Der Film „Männertreu“, zu dem sie das Drehbuch geschrieben hat, wurde 2014 mit dem „Deutschen Fernsehpreis“ als bester Fernsehfilm des Jahres und 2015 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Thea Dorn lebt in Berlin.«

Die Sprecherin:

»Bibiana Beglau, 1971 geboren, erhielt ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Seit 1995 arbeitet sie fürs Theater. Als Bibiana Beglau in Thomas Ostermeiers „Disco Pigs“ auf der Bühne stand, wurde sie von Volker Schlöndorff entdeckt und für die Hauptrolle im Kinofilm „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) engagiert, für die sie u. a. mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. 2007 erhielt sie mit dem TV-Film „Unter dem Eis“ den Grimme-Preis. Seit 2011 gehört sie zum Ensemble des Residenztheaters München. 2012 hat sie den Kurt-Meisel-Preis in Anerkennung ihrer großen Schauspielkunst am Residenztheater erhalten. 2014 wurde Bibiana Beglau von der renommierten Zeitschrift „theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Beim Hörverlag ist sie u. a. in der hochgelobten Hörbuchinszenierung von „Sturmhöhe“ (2012) in der Rolle der Nelly Dean zu hören, sie spricht Paula Dalys „Die Schuld einer Mutter“ sowie Sue Monk Kidds „Die Erfindung der Flügel“.«

Jane Eyre

  • von Charlotte Brontë
  • Hörspiel
  • Hörspielbearbeitung und Regie: Christiane Ohaus
  • Übersetzung: Gottfried Röckelein
  • Buchvorlage: Manesse
  • Musik: Annie Whitehead, Ramesh Shotham
  • Produktion: Saarländischer Rundfunk / Deutschlandradio Kultur /
  • Norddeutscher Rundfunk / Radio Bremen 2005
  • erschienen beim Hörverlag   Januar 2016   http://www.hoerverlag.de
  • 3 CDs in Pappklappschuber
  • Laufzeit: 3 Stunden 50 Minuten
  • 19,99 € (D), 19,99 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2067-5

Die Rollen und ihre Darsteller:

Jane Eyre: Sascha Icks                                      Edward Rochester: Christian Redl
Jane als Kind: Marike Petrich                            Mrs Reed: Angelika Thomas
Mr. Brocklehurst: Dietrich Mattausch            Lehrerin: Gabriele Möller-Lukasz
Miss Temple: Dorothea Gädeke                      Helen Burns: Franziska Schubert
Mrs. Fairfax: Witta Pohl                                     Adèle Varens: Lea Sanft
Lady Ingram: Uta Hallant                                  Blanche Ingram: Katharina Burowa
Richard Mason: Jens Wawreczeck                   Briggs: Siegried W. Kernen
Pfarrer Wood: Wolfgang Schenk                     St. John Rivers: Sylvester Groth
Diana Rivers: Gabriela Maria Schmeide         Miss Oliver: Verena Güntner
Wirt: Günter Kütemeyer

Jane Eyre von Charlotte Bronte

Jane Eyre von Charlotte Bronte

EMANZIPATION  DES  HERZENS

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Heute (21. April 2016) ist der 200. Geburtstag von Charlotte Brontë. Da liegt es nahe, zur Feier und zum Gedenken ihrem berühmtesten Werk, Jane Eyre, nachzulauschen. Und so können wir mit dem vorliegenden Hörspiel einige Stunden mit Jane Eyre leben, leiden, lernen und lieben.

Trotz Textkürzung ist die Essenz der Jane-Eyre-Geschichte in der Hörspielbearbeitung von Christiane Ohaus nicht verwässert, sondern sehr konzentriert wiedergegeben. Gelegentliche Ausrutscher in meiner Hörsicht nach zu moderne Redewendungen wollen wir mit Nachsicht hinnehmen, da das Hörspiel gleichwohl insgesamt weitgehend entsprechend dem Sprachstil seiner Entstehungszeit inszeniert worden ist.

Die schicksalhaften Verästelungen, maßgeblichen Beziehungsdynamiken, atmosphärischen Szenerien und aufwühlenden Herzensregungen dieser komplexen Geschichte werden in der Hörspielfassung in geschickter Raffung einbezogen und stimmungsvoll sowie musikalisch untermalt wiedergegeben.

Fast alle meine Lieblingsszenen aus Jane Eyre kommen zu Wort: Janes Widerrede an Mr. Brocklehurst, die erste Begegnung zwischen Jane und Edward und ihre spätere Diskussion über die Bedeutung von Geschenken und Schönheit, die erste berührende Annäherung mit den deutlich zarteren, zugeneigten Tönen, nachdem Jane bei einem mysteriösen, nächtlichen Zimmerbrand Edwards Leben gerettet hat, die überraschende Verwandlung eines Abschiedsgespräches in eine wahrhaftige Liebeserklärung … Ach, soviel unvergeßliches Herzklopfen …

Die Sprecherinnen und Sprecher sind hervorragend und verstimmlichen die Charaktere ausgesprochen authentisch. Besonders hervorzuheben sind Sascha Icks, die eine zugleich verletzlich-sehnsüchtige, mauerblumig-leidenschaftliche und vorwitzig-kluge Jane Eyre gib, sowie Christian Redl, dem die zynische Weltläufigkeit, brummige Nonchalance und warmherzig-herrische Wesensart Edward Rochesters stilecht gelingt. Auch Sylvester Groth läßt sich überzeugend auf seinen Rollencharakter ein und spielt einen religiös-selbstgefälligen St. John Rivers, dessen kleinkarierte Herzensgröße nur noch vom missionarischen Berufungseifer übertroffen wird.  

Jane Eyre kennt doch wohl hoffentlich jeder – wenigstens aus einer der zahlreichen Verfilmungen? Sollte es hier tatsächlich Leserinnen geben, die ihre Geschichte nicht kennen? Nun, so will ich eine kurze ROMANtische Orientierung verfassen:

Jane Eyre ist die Frucht einer unstandesgemäßen Liebesheirat. Ihre Mutter war eine Tochter aus reichem Hause und heiratete gegen den Willen ihrer Familie einen armen Geistlichen. Sie wurde von der dünkelhaften Familie enterbt. Als Jane Eyre erst wenige Monate auf der Welt ist, sterben ihre Eltern kurz hintereinander an Typhus.

Mr. Reed, der Bruder der Mutter, nimmt das Waisenkind in seinem Hause Gateshead Hall auf. Die Tante, Mrs. Reed, duldet das Kind, aber sie hat keinen Funken Liebe oder Mitgefühl für Jane Eyre. Und auch die drei Kinder von Mrs. Reed behandeln Jane Eyre von oben herab, kaltherzig, grausam und ablehnend.

Jane Eyre ist ein eigenwilliger Charakter; äußerlich klein und unscheinbar, verfügt sie über einen wachen und erstaunlich unabhängigen Geist und eine sehr aufrichtige Art, ihre Meinungen und Ansichten zu äußeren und unbequeme Fragen zu stellen.

Dies wird von Mrs. Reed als Zeichen von Unverschämtheit und Bosheit gewertet, und nachdem Mr. Reed gestorben ist, schickt sie Jane Eyre nach Lowood, einem Internat für die strenge „Aufzucht“ und Erziehung zukünftiger Gouvernanten und Dienstmägde.

Der selbstgefällig-puritanische Leiter dieser Institution, Mr. Brocklehurst, fragt die zehnjährige Jane Eyre, ob sie wisse, daß böse Menschen und unartige kleine Mädchen nach dem Tode in die Hölle kämen und was sie zu tun gedenke, um nicht dorthin zu kommen. Sie antwortet, daß sie sich bemühen würde, gesund zu bleiben und nicht zu sterben. Mit dieser Antwort macht sie sich bei Mr. Brocklehurst nicht gerade beliebt, zeugt sie doch von unabhängigem Denken und wenig Gottesfurcht.

In Lowood findet Jane eine liebe Freundin, Helen Burns, und sie trifft immerhin auf eine mitfühlende und förderliche Lehrerin, Miss Temple, und so entwickelt sich Jane Eyre, trotz der entbehrungsreichen Lebensbedingungen, zu einer sehr guten Schülerin, und nach sechs Jahren unterrichtet sie selbst als Lehrerin an dieser Schule.

Zwei Jahre später ist die Sehnsucht, mehr von der Welt zu sehen und neue Erfahrungen zu machen, so groß geworden, daß Jane eine Stellung als Gouvernante in Thornfield Hall antritt.

Sie wird von der freundlich-mütterlichen Haushälterin Mrs. Fairfax sehr warmherzig empfangen und bekommt in dem weitläufigen, burgartigen Herrenhaus ein schönes eigenes Zimmer in der Nähe des Kinderzimmers. Für Jane ist Thornfield Hall mit seiner vornehm-luxuriösen Ausstattung und der freundlich-zugewandten Mrs. Fairfax  ein ungewohnt angenehmes Zuhause.

Für ein Jahresgehalt von 30 Pfund widmet sie sich der Erziehung und Unterrichtung der knapp zehnjährigen Adèle Varenz, der Mündeltochter des Hausherrn. Der Hausherr, Mr. Edward Rochester, ist viel auf Reisen, und die ersten Monate bekommt Jane ihn nicht zu Gesicht. Das Einvernehmen mit ihrer Schülerin ist gut, und Jane lebt sich ein.

Die erste Begegnung mit Mr. Rochester findet zufällig außerhalb von Thornfield Hall statt. Jane macht einen Spaziergang, und Mr. Rochester trabt zu Pferde auf dem gleichen Wege, das Pferd scheut und wirft seinen Reiter ab. Jane eilt dem gestürzten Herrn zu Hilfe und weiß nicht, daß sie ihren Arbeitgeber vor sich hat, und dieser stellt erst im Verlaufe ihres Gespräches fest, daß sie seine Angestellte ist, was er schmunzelnd zur Kenntnis nimmt, ohne seine Identität preiszugeben.

Erst am Abend stellt Mrs. Fairfax offiziell Mr. Rochester und Jane Eyre einander vor und lauscht erstaunt dem schlagfertigen Dialog der beiden, als Mr. Rochester scherzhaft bemerkt, seine Verstauchung verdanke er Jane Eyre, die wie eine Feengestalt aus der Märchenwelt plötzlich auf seinem Heimweg aufgetaucht sei.

Mr. Rochester, der schon einige schmerzliche zwischenmenschliche Enttäuschungen hinter sich hat und eine verbitterte Welt- und Menschensicht pflegt, hat oft einen schroffen, befehlsgewohnten Umgangston, aber er ist gleichwohl ein verantwortungsbewußter und im tiefsten Herzen warmherziger Mensch.

Jane Eyre neigt nach wie vor dazu, unverblümt ihre Meinung zu vertreten, und sie ist bei aller Dienstbarkeit keineswegs unterwürfig oder eingeschüchtert. Ihre selbstbewußte Eigenwilligkeit, ihr Scharfsinn, ihre spröde Würde, stolze Unabhängigkeit, ihre Zartheit und ihre echte Herzensgüte beeindrucken Edward Rochester.

Jane und Edward liefern sich regelmäßig unkonventionell-offene und dezent-schelmische Wortgefechte. Zwischen den beiden wächst – trotz des Rang- und Altersunterschieds –  eine tiefe, unausgesprochene Nähe. Jane fühlt sich von Edward angenommen und geachtet.

Der Hausherr und die Gouvernante sind wechselseitig voneinander fasziniert und seelenverwandtschaftlich angezogen. Doch bis zum erfüllten Liebesglück ist es noch ein beschwerlicher Weg; familiäre Verstrickungen und ein plötzlich aufgedecktes Geheimnis verhindern ihre geplante Heirat abrupt vor dem Traualtar.

Denn Edward Rochester ist an eine verrückte Ehefrau gebunden, die in einem Turmzimmer auf Thornfield lebt und von einer Pflegerin bewacht wird. In jungen Jahren war Mr. Rochester aus mitgiftlichen Gründen von seinem Vater in eine arrangierte Ehe mit der Tochter eines Geschäftsfreundes aus Jamaica hineinmanövriert worden. Erst nach der Heirat wurde ihm die Geistesgestörtheit seiner Gattin offenbart.

Nach dem Tode seines Vaters kam Edward zurück nach England und brachte seine Frau unter strengster Geheimhaltung in Thornfield Hall unter. Auf ausgedehnten Reisen durch Europa machte er sich erfolglos auf die Suche nach Liebe, nahm sich schöne Maitressen und kehrte schließlich ernüchtert, verbittert und tief enttäuscht nach Thornfield zurück und traf auf dem Heimweg am Wegesrand auf Jane Eyre.

Edward fleht Jane an, ihn nicht zu verlassen, sondern unehelich mit ihm auf seinem Gut in Südfrankreich zu leben. Doch bei aller Liebe erlaubt dies Janes moralische Integrität nicht.

Jane verläßt Thornfield und den Mann ihres Herzens überstürzt und mittellos. Sie strandet entkräftet an der Haustüre eines jungen Geistlichen, St. John Rivers. Er nimmt sie in sein Haus auf, und seine beiden Schwestern pflegen Jane gesund und freunden sich herzlichst mit ihr an.

Indessen legt Edwards Frau in einem unbewachten Moment ein Feuer; Edward will sie aus dem brennenden Haus retten, doch sie stürzt sich vom Dach aus tödlich in die Tiefe, und Edward wird schwerverletzt aus den Trümmern von Thornfield Hall geborgen.

St. John Rivers vermittelt Jane eine Stelle als Lehrerin an einer kleinen, bescheidenen Dorfschule. Er selbst strebt eine Karriere als Missionar in Indien an und meint, in Jane eine tüchtige, eheliche Gehilfin für seine Berufung gefunden zu haben. Sein nüchtern- rationaler Heiratsantrag wird jedoch von Jane abgelehnt.

Sie ist empört über St. Johns lieblose, puritanisch-pflichterfüllende Eheauffassung und spürt überdeutlich, daß seine Herzensqualitäten ihrem Gefühlsreichtum keineswegs ebenbürtig sind. Jane Eyre will einen Mann, der „Herz von ihrem Herzen sei“ und das ist nicht St. John, der alle natürlich-menschlichen Herzensregungen seinem missionarischen Ehrgeiz und einer überirdischen Gottgefälligkeit unterordnet.

Jane erbt überraschend 20.000 Pfund von einem kinderlosen Onkel aus Madeira. Diesen Onkel aus der väterlichen Linie hatte Janes Tante, Mrs. Reed, aus Mißgunst vor Jane geheimgehalten.

Nun ist Jane Eyre eine reiche Frau, und zu ihrer geistigen Unabhängigkeit gesellt sich finanzielle Unabhängigkeit. Auf einen geheimnisvollen Herzensruf hin reist sie zurück nach Thornfield und „rettet“ Mr. Rochester. Endlich dürfen die beiden Liebenden und Seelenverwandten heiraten, zusammen leben und sich aneinander erfreuen.

So etwas kommt in den besten Romanen vor und hat bis heute nicht an Liebesstrahlkraft verloren!

Die Gefühlsintensität und zwischenmenschliche Qualität von Charlotte Brontës Sprache und ihre lebendigen, glaubwürdigen Dialoge erscheinen dem heutigen Leser anrührend, empfindsam und stilvoll, vor 200 Jahren waren sie indes beinahe skandalös freizügig.

Das Besondere und zeitlos Faszinierende an der Figur Jane Eyres ist ihre Eigenwilligkeit, Tapferkeit, ihr weiter Geist, ihre Empfindsamkeit und ihre unbestechliche Menschen-kenntnis, die nicht auf äußeren Schein hereinfällt. Das zur Entstehungszeit des Romans Revolutionäre und Bewundernswerte und das gleichwohl auch heutzutage noch überaus Ansprechende an Jane Eyre ist ihr ausdrücklicher Wunsch nach ebenbürtiger Liebe, nach Gefühlstiefe und echter Verbundenheit, nach vertrauensvoller Hingabe und Gleichberechtigung.

Hier gibt es eine Hörkostprobe:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Jane-Eyre/Charlotte-Bronte/der-Hoerverlag/e493048.rhd

Die Autorin:

»Charlotte Brontë wurde am 21.April 1816 in Thornton, Yorkshire, als drittes Kind des Reverend Patrick Brontë und seiner Frau Maria, geb. Branwell, geboren. Ihre beiden älteren Schwestern verstarben im Kindesalter an Tuberkulose. Gemeinsam mit ihren drei jüngeren Geschwistern Branwell, Emily und Anne begann sie schon als Kind zu schreiben.
Die Kinder wurden daheim unterrichtet. In Roe Head trat Charlotte Brontë 1835 eine Stelle als Lehrerin an. Von 1839 bis 1841 arbeitete sie als Gouvernante und reiste 1842 zusammen mit ihrer Schwester Emily nach Brüssel, um dort im Pensionat de Demoiselles der Madame Heger ihre Französischkenntnisse zu verbessern. Ihre unerwiderte Liebe zu Monsieur Heger wurde Thema ihres Romans The Professor, der aber erst posthum veröffentlicht wurde. Zusammen mit ihren Schwestern gab sie unter dem (männlichen) Pseudonym Ellis (Emily), Acton (Anne) und Currer (Charlotte) Bell einen Gedichtband heraus.
Der literarische Durchbruch kam jedoch erst mit dem Roman Jane Eyre (1847), ebenfalls unter Pseudonym veröffentlicht. Die Zeitgenossen vermuteten zuerst einen männlichen Autor. Als Charlotte Brontë ihre Identität preisgab, wurde sie in die Londoner literarischen Kreise eingeführt und genoss eine kurze Zeit des Ruhms. 1854 heiratete sie Arthur Bell Nicholls, den Hilfspfarrer ihres Vaters. Sie starb am Karsamstag 1855 an Tuberkulose.«

CINEASTISCHE  RANDBEMERKUNG:

Die beste Jane-Eyre-Verfilmung, die ich kenne – und ich habe einige gesehen –, ist die von 1995 unter der Regie von Franco Zeffirelli. Kleine drehbuchdramaturgisch bedingte Abweichungen und geraffte Handlungsstränge sind dabei Kennzeichen jeder Verfilmung; in der Verfilmung von Franco Zeffirelli  werden die Schauspieler William Hurt (als Edward Rochester), Charlotte Gainsbourg (als erwachsene Jane Eyre), Anna Paquin (als kindliche Jane Eyre) und Joan Plowright (als Mrs. Fairfax) den literarischen Charaktervorlagen am glaubwürdigsten gerecht und verkörpern sie in einer ausgesprochen roman-symmetrischen Darstellung.

Querverweis:

Wie geradezu archetypisch die literarische Figur Jane Eyres inzwischen ist, können Sie bei Jasper Fforde in seinem ersten Thursday-Next-Band „Der Fall Jane Eyre“ metafiktiv-vergnüglich nachlesen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/

Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

  • Roman
  • von Laurence Sterne
  • Übersetzung: Michael Walter
  • HÖRSPIEL
  • 9 CDs
  • Gesamtlaufzeit: 7 Stunden 36 Minuten
  • erschienen beim Hörverlag, November 2015     http://www.hoerverlag.de
  • 39,99 € (D), 39,99 € (A), 55,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1943-3
  • Hörspielbearbeitung und Regie: Karl Bruckmaier
  • Die Rollen und ihre Sprecher:
    Tristram Shandy: Stefan Merki       Vater: Peter Fricke      Mutter: Anna Drexler
    Onkel Toby: Hans Kremer               Doktor Slop, Buchhändler: Helmut Stange
    Korporal Trim: Michele Cuciuffo    Slawkenbergius: Wolfgang Hinze
    Obadiah: Johannes Herrschmann     Witwe Wadman: Helga Fellerer    u.v.a.
  • Musik: Robert Forster, Robert Coyne, Chris Cutler
  • Produktion: Bayerischer Rundfunk/Hörspiel und Medienkunst 2015

    Leben und Ansichten von Tristram Shandy Gentleman von Laurence Sterne

    Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne

EIN  FAMOSES  VERGNÜGEN

Hörspielbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Schriftstellerei – so sie denn recht betrieben – ist nur eine andere Bezeichnung für Konversation.“

Dieses Zitat von Laurence Sterne möge uns als Einstimmung einen buchstäblichen Vorgeschmack auf sein köstlich-kluges, unkonventionelles Meisterwerk „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ geben.

Eine neunbändige Lebenserzählung, die dermaßen assoziativ im Zickzack herumhüpft, ist nicht leicht zusammenzufassen. Deshalb lasse ich das auch ganz einfach; gleichwohl werde ich Sie ein wenig in Laurence Sternes Tinte tunken, damit Sie nicht gänzlich ahnungslos bleiben.

Der Held und Ich-Erzähler Tristram Shandy lebt und schreibt im 18. Jahrhundert und unternimmt den ziemlich vergeblichen Versuch, uns seinen Lebenslauf zu erzählen. Zwar beginnt er recht folgerichtig und – in Anbetracht der Epoche (der erste Band erblickte im Jahre 1759 das Licht der Öffentlichkeit) – unbefangen ausführlich mit der Schilderung seiner Zeugung. Doch im Anschluß daran folgen umfängliche Exkurse in die shandysche Familiengeschichte und diverse ehevertragliche Segnungen, Abschweifungen zu Ballistik, Medizin, Philosophie, Theologie, dem Nutzen von Hilfsverben, zur Züchtigkeit und Unzüchtigkeit von Knopf- und Schlüssellöchern, quietschenden Türen, Abzweigungen zur herausragend-eindeutigen Zweideutigkeit von Nasen und zum nicht zu unterschätzenden, schicksalhaft-charakterformenden Einfluß, den Namen unweigerlich auf die Lebensgestaltung haben.

Ergänzt wird dieses Panoptikum um liebevoll-lebhafte Charakterstudien von Mutter und Vater sowie Onkel Toby und seinem Korporal Trim, nebst dazugehörigen Anekdoten und Gedankensprüngen. Auch die Beziehungsdynamik zwischen Herr und Diener und allerlei ehetrauliche Petitessen und Regelmäßigkeiten werden mit ausschweifender Eloquenz ausgewalzt, bis man den ursprünglichen Erzählfaden längst aus den Augen verloren hat.

Das ist aber nicht weiter schlimm, sondern tatsächlich durchaus unterhaltsam und sehr ereignisreich, insbesondere weil der Autor häufig metafiktiv ins Geschehen eingreift und beispielsweise eine Figur lauschend an der Tür stehen läßt, um uns wieder irgendeine Vorgeschichte oder einen Zusammenhang zu erklären, und erst viel später wieder zur Ausgangsszene zurückkehrt, um sich in direkter Ansprache an den Leser dafür zu entschuldigen, daß es etwas länger gedauert habe.

Ja, er scheut sich auch nicht, ganze Kapitel einfach mit ein, zwei Sätzen abzuhandeln oder sie gar ganz herauszureißen, was sich im Hörspiel selbstverständlich akustisch schön – Ritsche-Ratsche – inszenieren läßt. So erfährt man lediglich indirekt von einem Kapitel über Hebammen, Knebelbärte, Kammerjungfern, Pfuis und gar einem Kapitel über Kapitel.

En passant beklagt sich der Autor lebhaft darüber, daß sein noch so eifrig-eilendes Schreibbemühen seinen Lebenslauf einfach nicht einholen kann, wofür er seine Leser und Rezensenten ausrücklich um Geduld und Nachsicht bittet. So weit, so kurios.

Der Vater, Walter Shandy, ist ein wohlhabender Gutsbesitzer und Kaufmann, lebens- und reiseerfahren, naturwissenschaftlich und philosophisch durchaus gelehrt und sehr belesen in antiken Klassikern, aber auch auf Lesedu mit Cervantes, Montaigne, Swift, Rabelais usw. In praktischen Dingen ist er allerdings alltagsuntauglich und schafft es nicht einmal, ein jämmerlich quietschendes Türscharnier ölen zu lassen, ganz zu schweigen von seinem erziehungstheoretischen Meisterwerk, seiner Tristra-Paedia, die er so langsam verfaßt, daß sie gar nicht ernsthaft zur Anwendung kommen kann.

Onkel Toby ist ein zartfühlender, gutmütiger, geradezu unschuldslammhafter Hauptmann, der bei der Belagerung von Namur eine „Blessur an der Schamleiste empfing“ und nach langer Genesungszeit und ausgiebigen theoretischen Ballistik- und Festungsbaustudien seinen militärischen Eifer nun bei nachgestellten Modellbau-belagerungen im Garten auf einem Boselplatz – auf einem Steckenpferd reitend – austobt, zusammen mit seinem ehemaligen Burschen Korporal Trim, der inzwischen sein aktueller Kammerdiener, Modellbaumeister, Materialbeschaffer und Spielgefährte beim Steckenpferdreiten auf dem Boselplatz ist.

Als Onkel Toby, der nicht den blassesten Schimmer hat, wo „das richtige oder falsche Ende einer Frau“ sei, sich in die benachbarte Witwe Wadman verliebt hat und um sie wirbt, ist seine Blessur an der Schamleiste Anlaß für unaussprechliche, weibliche Spekulationen und Neubegierden bezüglich gewisser ungehöriger Einzelheiten der familienplanerischen Art …

Vorgeschichten von Vorgeschichten, umständliche Umstände, innere Befindlichkeiten und äußere Gegebenheiten, kuriose Zufälle und dramatische Mißgeschicke, emotionale und ideelle Über- und Unterempfindlichkeiten, Mißverständnisse und Verlegenheiten, Hinderlichkeiten, verfluchenswerte Verknotungen, Weis- und Albernheiten, assoziative Überleitungen, literarische Anspielungen sowie vielfache Zweideutigkeiten, führen uns auf neue Erzählwege und vor allem Nebenwege – nur eine chronologische, gerade Linie liefert uns Laurence Sternes Textgespinst nicht. Doch gerade diese Unberechenbarkeit ist reizvoll und spannend, man errät nie, was als nächstes geschieht.

Laurence Sterne überschreitet gekonnt, galant-pikant und heiter-freizügig die üblichen Grenzen geschriebener Prosa. Das umfängliche Begleitheft zum Hörbuch liefert interessante Zusatzinformationen zu Sternes Schreibstil. So bleibt etwa eine Seite gänzlich weiß und unbedruckt, damit der Leser nach eigener Imagination einen Charakter zeichnen möge, oder eine Seite wird – als Zeichen unaussprechlicher Trauer – gänzlich schwarz gefärbt.

Neben Hufgetrappel, Kutschfahrtenlärm, Peitschenknallen, Bettfedern- und Türenquietschen, Stöhnern und Seufzern und Uhrenticken sowie Pfiffen und Zwischenfragen kann die Hörspielbearbeitung mit wohlintegrierten, plaudertonigen Fachkommentaren (u.a. vom Übersetzer Michael Walter selbst) und sozialhistorischen Erklärungen aufwarten, die dem Verständnis des modernen Lesers/Hörers dienlich sind. Fünf eigens für dieses Hörspiel zubereitete popmusikalische Lieder als moderne Zugaben fügen sich ebenfalls erstaunlich harmonisch und stimmungsillustrierend in den Verlauf des diskontinuierlichen Geschehens ein.

Aus dem Stegreif könnte ich keinen Roman benennen, in dem die Figuren beredter aneinander vorbeireden als in „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“. Dieses schelmische Stilmittel bietet sich selbstver-ständlich in besonderer Weise für eine Hörspielfassung an, da es sich mit der entsprechenden Schauspielkunst wunderbar verstimmlichen läßt.

Alle Sprecher dieser Hörspielinszenierung artikulieren ganz hervorragend: Einfühlsam, fein akzentuiert und hörbar spielfreudig kommen ihnen  altertümliche Wortwendungen und all die sprachlichen Umgangsförmlich-keiten des Erzens, Siezens und Ihrzens so leicht von den Lippen, als hätten sie ihrer Lebtag niemalen anders gesprochen.

Mich hat dieses Hörspiel fürwahr derart auf den Geschmack gebracht, daß ich nach der famos vergnüglichen Auditüre gerne durch augenscheinliche Lektüre vertiefend in die Materie dieses unkonventionellen Klassikers einzutauchen wagen möchte.

Zum Ausklang noch ein Zitat aus der Feder Laurence Sternes, das – so will ich meinen – eine sehr treffliche Selbstreflexion seiner Schreibkunst ist und ein Paradebeispiel für Laurence Sternes geistreichen Humor, seinen formvollendeten Satzbau und sein augenzwinkernd-selbstironisches Verhältnis zum Lesepublikum:

„Schriftstellerei – so sie denn recht betrieben – ist nur eine andere Bezeichnung für Konversation. Wie keiner, der den Benimm in guter Gesellschaft kennt, sich erdreisten würde, alles auszuplaudern, so würde kein Autor, der die geziemenden Grenzen des Dekorums mit der feinen Lebensart begreift, sich erkühnen, alles auszuplaudern.
Den aufrichtigsten Respekt zollt man dem Verstande des Lesers und Hörers, wenn man in dieser Hinsicht mit ihm freundschaftlich teilt und seiner Imagination so gut wie der eigenen etwas zu tun gibt. Ich für meinen Teil lasse ihn Höflichkeitsbezeigungen dieser Art immerzu angedeihen und tue alles, was in meinen Kräften steht, um seine Imagination ebenso beschäftigt zu erhalten wie die meinige.“

 

Eine pikante Hörprobe können Sie sich unter nachfolgendem Link ablauschen:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Leben-und-Ansichten-von-Tristram-Shandy,-Gentleman/Laurence-Sterne/der-Hoerverlag/e485207.rhd

 

Buchausgabe:

Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman    Sterne_Tristram Shandy
von Laurence Sterne
Roman
Verlag Galiani Berlin
Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von
Michael Walter
Mit einer Dokumentation zur Entstehung des Romans,
einem Nachwort und einer Bibliographie
von Wolfgang Hörner
848 Seiten, Klappenbroschur
24,99 € (D) 25,70 € (A)
ISBN 978-3-86971-119-5
Link:  http://www.galiani.de/buch/leben-und-ansichten-von-tristram-shandy-gentleman/978-3-86971-119-5/

Der Autor:

»Laurence Sterne, geboren 1713 in Irland, studierte als Urenkel eines englischen Erzbischofs in Cambridge Theologie. Als Landgeistlicher war er für eine Pfarrei in der Nähe von York verantwortlich und veröffentlichte einige dünne Bändchen mit Predigten. 1741 heiratete er die vermögende Elizabeth Lumley, der er zuvor leidenschaftliche Liebesbriefe geschrieben hatte. Schlagartig berühmt wurde Sterne 1759 mit seinem Werk „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“: Schon die ersten beiden Bände sorgten für einen schrillen Skandal unter der Landbevölkerung, gleichzeitig öffneten sie dem Pastor die Türen zu angesehenen Londoner Salons. In den insgesamt neun erschienenen Bänden zeichnete sich Sterne als sentimentaler Satiriker aus, prangerte den Puritanismus der anglikanischen Kirche an und mokierte sich über Missstände der Zeit. Ähnlich wie Rabelais und Cervantes brach Sterne als Autor mit überkommenen Techniken des Schreibens und sicherte sich so einen Platz unter den wichtigsten Werken der Weltliteratur. „Tristram Shandy“ blieb unvollendet. Ein anschließendes Schreibprojekt mit dem Titel „Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“ basierte auf seinen ausgedehnten Europa-Reisen, allerdings starb Laurence Sterne nur drei Monate nach Erscheinen der ersten beiden Bände im März 1768 in London.«

Der Übersetzer:

»Michael Walter, geboren 1951 in Wiesbaden, studierte in Mannheim und Freiburg Anglistik und Philosophie. 1988 lehrte er an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Literarisches Übersetzen. Neben einigen Werken von Laurence Sterne übersetzte Walter auch Romane und Kurzgeschichten anderer englischsprachiger Autoren und Autorinnen ins Deutsche, u.a. von Jeffrey Archer, James Graham Ballard, Julian Barnes, Richard Hughes, John Irving, Rudyard Kipling, Howard P. Lovecraft, Ian McEwan, Herman Melville, Eugene O’Neill, George Orwell, Robert Louis Stevenson und Virginia Woolf.«

Querverweis:

Eine sehr schöne, fundierte und lesenswerte Rezension der Buchausgabe finden Sie unter diesem Link: http://www.vigilie.de/2006/das-witzigste-buch-der-welt/