Marzahn mon Amour

  • Geschichten einer Fußpflegerin
  • von Katja Oskamp
  • Verlag Hanser Berlin 2019 hanser-literaturverlage.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 145 Seiten
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A)
  • ISBN 978-3-446-26414-4

F U S S N O T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Autorin Katja Oskamp entschließt sich mit Mitte vierzig, ihrem Leben eine pragma-tische Wende zu geben. Die Schriftstellerei stagniert, ihre letzte Novelle wurde von zwanzig Verlagen abgelehnt, ihr Mann ist erkrankt und das Kind ist flügge. Sie macht eine Umschulung zur Fußpflegerin und findet eine Anstellung in einem Kosmetikstudio in Marzahn. „Ich hatte zwei gesunde Hände, die einer nützlichen Arbeit nachgehen würden. Der Anfang würde nicht leicht sein, aber schön wie jeder Anfang.“ (Seite 12)

Was theoretisch wie ein Karriereknick erscheint, erweist sich praktisch als eine befriedi-gende Tätigkeit, die stets zu einem sichtbaren Ergebnis, ja, meist sogar Erfolgserlebnis führt. Die Arbeit als Fußpflegerin bringt sie buchstäblich mit Menschen in Berührung, und durch die Gespräche, die sich während der Behandlung ergeben, erfährt sie viel über das Schicksal, die Lebenseinstellungen, Marotten und Charakterzüge ihrer Kundinnen und Kunden.

Diese Lebensgeschichten erzählt die Autorin nun in ihrem Buch nach, sie übersetzt also das Leben sogenannter kleiner Leute aus Berlin-Marzahn in Literatur. Es gelingt ihr dabei eine Kunstform, die zwischen sozialhistorischer Dokumentation, würdigender Kurzbiographie und (meist) sympathisierender Charakterisierung changiert. Sie hört sehr gut hin, betrachtet aufmerksam den Zustand von Füßen und Persönlichkeiten und skizziert mit wachem Einfühlungsvermögen, zugeneigter Achtsamkeit und wenigen gleichwohl umfassenden Zeilen immer wieder ein ganzes Lebenspanorama nebst historischer Kulisse. 

Ihre Kundschaft führt ein eher unscheinbares Leben. Auch Füße führen im Allgemeinen ein solch unscheinbares, ja, fast verborgenes Leben, obwohl sie uns doch durch dieses Leben tragen und wir mit ihnen all‘ unsere Wege  beschreiten.

Bei der Behandlung der strapazierten Füße lauscht Katja Oskamp mit ihrer einfühlsam-einladenden kommunikativen Kompetenz den Lebenswegen ihrer Kunden nach. Nicht wenige verdanken den angegriffenen Zustand ihrer Füße körperlich anstrengenden beruflichen Tätigkeiten oder Erkrankungen, oder sie sind schlicht nicht mehr dazu im-stande, ihre Füße selbst zu pflegen. Für viele alte und einsame Menschen ist der Fuß-pflegetermin ein Festtag des vertrauten Berührtwerdens in einer berührungsarmen Welt.

Die meisten Stammkunden sind betagt, leiden an diversen Krankheiten und verfügen nur über geringen finanziellen Spielraum. Es gibt viel Mühsal, Tragik, Verlust, Verletz- lichkeit, manchmal auch Verwahrlosung, aber auch unendliche Tapferkeit, weise Heiterkeit, Charme, Selbstironie, sympathische Eigenwilligkeit, Genußfreude, wahre Lebenskunst und bescheidene und daher umso würdevollere Großzügigkeit. Meist wird in den Gesprächen, die in direkter Rede wiedergegeben werden, munter berlinert, gelegentlich auch gesächselt. 

Dieses kleine Buch ist randvoll mit zwischenmenschlichen Begegnungen. In diesen Geschichten spielen jene Menschen die Hauptrolle, die sonst nur Nebenrollen oder Statistenrollen zugestanden bekommen.

Katja Oskamp offeriert mit „Marzahn mon Amour“ eine Milieustudie ohne Berührungsängste, anrührende Schicksale ohne herablassendes Mitleid und amüsante Szenen sowie witzige Dialoge ohne Bloßstellung. Sie schreibt nicht ÜBER all diese Menschen, sie schreibt auf Augenhöhe MIT ihnen und verleiht ihren Geschichten und Lebensläufen dadurch eine selbstver- ständliche Erzählenswertigkeit, die beim Lesen unwillkürlich lebhaftes Interesse und Anteilnahme weckt. Hierin sehe ich das beachtenswerteste Merkmal ihrer schriftstellerischen Darstellung.

 

Hier entlang zum Buch, zur Leseprobe und zu weiteren Zusatzinformationen auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/marzahn-mon-amour/978-3-446-26414-4/

Hier entlang zu einer weiteren Rezension auf dem Bücherblog „Feiner reiner Buchstoff“:
https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2020/02/09/grossartige-literatur-und-pflichtlektuere/
Und auf dem Blog „Spätlese“ gibt es ebenfalls lebhafte Lesezustimmung:
https://vogelsspaetlese.wordpress.com/2019/11/27/von-unten/

Die Autorin:

»Katja Oskamp, geboren 1970 in Leipzig, ist in Berlin aufgewachsen. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft arbeitete sie als Dramaturgin am Volkstheater Rostock und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Bisher wurden von ihr der Erzählungsband Halbschwimmer und die Romane Die Staubfängerin und Hellersdorfer Perle veröffentlicht.«

 

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Mord in Sunset Hall

  • von Leonie Swann
  • Hörbuch
  • gekürzte Lesung
  • Sprecherin:  Anna Thalbach
  • Buchvorlage: GOLDMANN Verlag
  • Produktion: der Hörverlag, Mai 2020   www.hoerverlag.de
  • 1 mp3-CD
  • in Pappklappschuber
  • Laufzeit: ca. 9 Stunden, 31 Minuten
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 28,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-3734-5

GEBRECHEN  UND  VERBRECHEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Agnes Sharp hat in „Sunset Hall“, ihrem Elternhaus, eine unkonventionelle Senioren-WG gegründet. Sie und ihre Mitbewohnerinnen und -Bewohner sind sich darin einig, so lange und so gut wie möglich selbstbestimmt zu leben und, wenn es sich nicht mehr gut lebt, auch selbstbestimmt zu sterben. Im Dorf gelten sie als senile Hippie-WG und bieten Stoff für anrüchige Spekulationen, die zwar völlig unbegründet sind, aber manche Nachbarn auf dem Lande sind einfach etwas kleinkariert und spießig.

Die alten Leutchen haben zwar allerlei Verschleißerscheinungen und Gebrechen, sind gleichwohl recht rege und munter und gleichen ihre körperlichen Schwächen raffiniert mit Lebenserfahrung, Charakterstärke, Gelassenheit und buchstäblicher Weitsicht aus. Alle würzen zudem ihr Persönlichkeitsprofil mit einigen sympathischen Prisen Skurrilität.

Agnes etwa hat Probleme mit der Hüfte und mit gelegentlichen Ohrgeräuschen. Sie ist gut organisiert und hat für die WG eine entsprechende Hausordnung (Rauchen und Enkelkinder sind in Sunset Hall streng verboten) eingeführt. In ihrem aktiven Berufs- leben arbeitete sie bei der Kriminalpolizei und hat – wie sie wiederholt erwähnt –  „Monster gejagt“. 

Die beiden männlichen Mitbewohner sind Kavaliere der alten Schule: Der disziplinierte Marschall erledigt Internetbestellungen und –Recherchen,  hat jedoch zunehmend Schwierigkeiten mit dem Kurzzeitgedächtnis. Der stets ebenso charmante wie würde- volle Winston sitzt im Rollstuhl. Er war beim Geheimdienst Spezialist für Geheimcodes und verteilt nun sorgfältig die jeweiligen Tablettenrationen an alle WG-Mitglieder.

Edwina ist die Beweglichste von allen, sie übt täglich Yoga, begibt sich auch im Tageslauf immer wieder spontan in Yogastellungen und spricht bevorzugt mit dem WG-Haustier, der kaltblütigen Schildkröte Hettie. Sie wirkt naiv und verträumt, ja, geradezu verspielt, aber man sollte sie nicht unterschätzen, immerhin hat auch sie beim Geheimdienst gearbeitet.

Lillith ist die Gartenfee der WG und kümmert sich sowohl um den Garten als auch um die Topfpflanzen in Sunset Hall.

Die blinde Bernadette hat ebenfalls bei der Kriminalpolizei gearbeitet. Sie trägt fast permanent eine dunkle Sonnenbrille, die ihr eine mafiöse Ausstrahlung verleiht, was durch ihre schonungslos sarkastischen Bemerkungen noch unterstrichen wird.

Die fabelhafte, mondäne Charlie – stets einem Gin-Tonic zugeneigt – ist erst kürzlich zusammen mit ihren Wolfshund namens Brexit eingezogen.

Als nun Mitbewohnerin Lillith erschossen im Gartenschuppen liegt und kurz darauf auch noch eine Nachbarin (Mildred) aus dem nahegelegenen Herrenhaus ebenfalls erschossen aufgefunden wird, beginnen Agnes und ihre WG-Genossen heimlich selber zu ermitteln. Tatsächlich wissen sie ein klein wenig mehr, als sie gegenüber der Polizei zugeben dürfen …

Bei Agnes werden durch den Mord an Mildred unwillkommene, schmerzliche Erinnerun-gen wach. Sie hatte einst eine Zwillingsschwester, Alice, die als Kind verstorben war. Nach Alice‘ Tod hatte sich Agnes mit den Zwillingsgeschwistern (Isabel und Mildred) aus dem Herrenhaus eng angefreundet, bis sich als Erwachsene ihre unterschiedlichen lebensläufigen Wege trennten.

Agnes entschließt sich nun, nach jahrzehntelanger Kontaktpause der überlebenden Zwillingsschwester Isabel einen Kondolenzbesuch abzustatten. Isabel empfängt Agnes freundlich, die beiden sprechen sich ein wenig aus, und Isabel bittet Agnes schließlich sogar, mit ihren Mitbewohnern zur Beerdigung zu kommen, da wegen Mildreds Unbe-liebtheit im Dorf die Gefahr bestünde, daß sonst nur das Hauspersonal mitkäme.

Beerdigungen von Mordopfern eignen sich durchaus für eine ergiebige kriminalistisch-psychologische Spurenlese, aber ebenso der Besuch des wöchentlichen Kaffee-und-Kuchen-Plauderkränzchens, das der Dorfpfarrer organisiert. Und so gehen die Senioren mehr oder weniger auffällig einer vielfältigen, umtriebigen Spurensuche nach.

Agnes bewegt sich zunehmend zwischen changierenden Zeitebenen und verläuft sich in Kindheitserinnerungen. Aus ihren biographischen Rückblenden erfahren wir von einem Mord, der nie aufgeklärt wurde und der einen langen Schatten über Agnes‘ und Alice‘ Kindheit warf.

Während die WG mit vereinten Kräften und der Rekrutierung eines jungen, geheimen „Außendienstagenten“ langsame Ermittlungsfortschritte macht, kommt es zu allerlei Komplikationen, u.a. wird der kleine Enkelsohn des Marschalls wegen einer Ehekrise beim Opa abgeladen und entgegen der Hausordnung in Sunset Hall einquartiert.

Eine weitere Komplikation ergibt sich daraus, daß die Polizei, nachdem ein drittes Mord-opfer zu beklagen ist, ausgerechnet Agnes verdächtigt, da sie mit der betreffenden Person vor Jahren in einen handfesten Streit geraten war, bei dem sie eine Torte und ein Streichmesser nach ihr geworfen hatte.

Agnes hat sich derweil im Zuge der Mordermittlungen heimlich ins örtliche Luxus-Seniorenheim eingeschummelt, um eine vermutliche Zeugin zu befragen. Bei diesem Ausflug macht Agnes bittere Erfahrungen mit fürsorglicher Entmündigung und medikamentöser Ruhigstellung, und sie kann nur sehr knapp wieder entkommen.

Die Lage ist ernst, bietet aber auch viel Raum für Situationskomik und schwarzen Humor. Mal fehlt die Lesebrille, mal das Gebiß, hakende Hüften, ein trödelnder Treppenlift und ungelenke Gelenke erschweren die Beweglichkeit, Hörfehler und Gedächtnislücken führen zu dramatischen Mißverständnissen, falsch verknüpften Fäden und unstimmigen Mordmotiven.

Doch trotz Zipperlein, Langsamkeit, Selbstzweifeln und Verwirrung löst Agnes schließlich erfolgreich den Fall. Die Wohngemeinschaft geht gestärkt aus der Krise hervor, und der Besuch von Enkelkindern ist in Sunset Hall inzwischen nicht nur gestattet, sondern sogar ausdrücklich erwünscht.

Leonie Swanns Romankomposition ist abwechslungsreich, komplex, spannend und vielschichtig. Das Alter und die Verletzlichkeit, die das Altern, das Schwinden von körperlichen Fähigkeiten und die Wehmut über unabänderlich Vergangenes mit sich bringen, werden einfühlsam und respektvoll thematisiert. Alle Personen werden von der Autorin lebhaft und anschaulich dargestellt. Das zwischenmenschliche Zusammenspiel, die unterschiedlichen Charakterperspektiven und schrägen Eigenwilligkeiten sind ebenso anrührend wie amüsant.

Dieses Hörbuch wird von Anna Thalbach bemerkenswert vielstimmig und ausgesprochen überzeugend geleseschauspielert. Es gelingt ihr mit bewundernswert vielsaitigem Nuancenreichtum, jedem Charakter eine wiedererkennbare eigene Note und Klangfarbe zu verleihen.

 

Hier entlang zum HÖRBUCH und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Mord-in-Sunset-Hall/Leonie-Swann/der-Hoerverlag/e568800.rhd

Hier entlang zur BUCHAUSGABE und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Mord-in-Sunset-Hall/Leonie-Swann/Goldmann/e562236.rhd

Mord in Sunset  Hall
von Leonie Swann
Kriminalroman
GOLDMANN Verlag Mai 2020
gebunden mit Schutzumschlag
448 Seiten
Format: 13,5 x 21,5 cm
20,00 € (D), 20,60 € (A), 28,90 sFr.
ISBN: 978-3-442-31556-7

 

Die Autorin:

»Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München und Berlin. Mit ihren ersten beiden Romanen „Glennkill“ und „Garou“ gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt. Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England.«

Die Sprecherin:

»Anna Thalbach ist 1973 in Ost-Berlin geboren und international bekannt als Künstlerin von Film, Fernsehen und Theater. Als Hörbuchsprecherin und Interpretatorin gefragt, wurden ihre Leistungen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Deutschen Hörbuchpreis.«

Querverweis:

Hier entlang zum vorhergehenden Krimi von Leonie Swann, in dem ein sprechender Graupapagei einige entscheidende Worte mit redet: „Gray“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/10/09/gray/

 

 

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Das Evangelium der Aale

  • von Patrik Svensson
  • Hörbuch
  • ungekürzte Lesung von Johann von Bülow
  • Buchausgabe: Hanser Verlag 2020
  • Übersetzung von Hanna Granz
  • Der Audio Verlag DAV, Januar 2020  https://www.der-audio-verlag.de/
  • 1 mp3-CD in Pappklappschuber
  • Laufzeit: ca. 7 Stunden, 54 Minuten
  • 23,00 € (D), 25,80 € (A)
  • ISBN 978-3-7424-1379-6

AALFRAGEN,  AALANTWORTEN  UND  DAS  LEBEN  DAZWISCHEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Im Vergleich zu Delphinen, Walen oder Tintenfischen führen Aale in der allgemeinen naturliebhaberischen Aufmerksamkeit eher ein Schattendasein. Die Auditüre dieses Hörbuches wird dies allerdings schnell ändern und erstaunliche Einblicke in die außer- gewöhnliche Lebensweise einer nach wie vor nicht gänzlich erforschten Fischart ver- mitteln. Was wir heute über den Aal wissen, ist zwar viel, aber längst noch nicht alles.

Alle europäischen Aale stammen aus der Sargassosee. Die Sargassosee, die der Autor „als Meer im Meer“ beschreibt, ist ein Meer ohne Küsten, eingerahmt von mehreren großen Meeresströmungen, etwa 500 Millionen km² groß und stellenweise 7000 m tief und durchwachsen von großen Algenteppichen aus der Braunalge Sargassum.
  
Aale sind Virtuosen der Metamorphose und der Navigation. Als millimeterkleine, durch-sichtige Larven, die man Weidenblatt (1. Stadium) nennt, schlüpfen sie in der Sargasso-see, treiben mit der Meeresströmung zur europäischen Küste, die sie als sogenannte Glasaale (2. Stadium) erreichen. Von der Küste aus schwimmen sie in Binnengewässer, Flüsse, Seen, Teiche und Sümpfe, meistern den Wechsel  von Salz- zu Süßwasser und verwandeln sich in den Gelbaal (3. Stadium). Sie bleiben äußerst anpassungsfähig und standorttreu in dem Gewässer, das sie sich ausgesucht haben. In den ersten drei Stadien seines Lebens ist der Aal geschlechtslos.

Irgendwann nach zehn, zwanzig oder dreißig Jahren zieht es den Aal zurück in die Sargassosee, denn nur dort wird er sich fortpflanzen. Dies initiiert sein viertes und letztes Lebensstadium als Blankaal. Erst zum Zeitpunkt seiner vierten Metamorphose entwickelt sein Körper Geschlechtsorgane, das Verdauungssystem bildet sich zurück, die Hautfarbe ändert sich zu blauschwarzgrau, die Augen werden größer und wandeln ihre Farbe von schwarz zu blau, damit er auf seiner langen Reise zurück zu seinem Ursprung in der Tiefsee besser sehen kann.

Aristoteles glaubte, der Aal werde mit Hilfe von Regenwasser aus dem Schlamm geboren. Jahrhundertelang gaben die fehlenden Keimdrüsen des Aals jedem Natur- forscher Rätsel auf; sie konnten nicht ahnen, daß die Geschlechtsorgane im Stadium des Gelbaals einfach noch nicht vorhanden sind. Noch im 19. Jahrhundert sezierte der junge Zoologiestudent Sigmund Freud auf der Suche nach den Keimdrüsen dieses Fischs 400 Aale – eine vergebliche Mühe, aber auch eine köstliche Ironie des Schicksals, bedenkt man seine spätere Beschäftigung mit den psychologischen Untiefen menschlicher Geschlechtsidentität. 

1896 beobachteten die italienischen Forscher Giovanni Battista Grassi und Calandruccio zum ersten Mal die Verwandlung einer Weidenblattlarve in einen Glasaal. Nun erkannte man, daß die Weidenblattlarve keine eigenständige Fischart ist, sondern die Vorstufe des Glasaals, und daß der Aal offenbar durch den Atlantik „wandert“.

Erst dem dänischen Biologen Johannes Schmidt gelang es schließlich Anfang des zwan-zigsten Jahrhunderts, durch jahrelange, akribische Kartographierung der abnehmenden Körpergröße der Weidenblattlarven den Geburtsort der Aale in der Sargassosee zu lokalisieren.

Auch Literaten befaßten sich mit der geheimnisvollen Existenz und Wirkung des Aals, beispielsweise im Roman „Die Blechtrommel“ von  Günter Grass oder im Roman „Der Schaum der Tage“ von Boris Vian.

In Patrick Svenssons „Evangelium der Aale“ werden die bisherigen Erkenntnisse über den Aal und die manchmal abenteuerlichen Wege, die zu diesen Erkenntnissen geführt haben, ebenso spannend und vielschichtig wie wissensbereichernd dargestellt. Bei allen naturwissenschaftlichen Anekdoten und meßbaren Fakten zum Aal bleibt Raum für das unmittelbare Staunen angesichts eines Lebewesens, das sich so geschickt der menschlichen Kontrolle entzieht.

Jedem natur- oder kulturhistorischen Kapitel über die Erforschung oder Thematisierung des Aals folgt ein persönlich-biographisches Kapitel, in dem der Autor von seinen Kind-heitserinnerungen und den Aalfangerfahrungen mit seinem Vater erzählt. So ist die schrittweise Lösung der Rätsel, die der Aal aufgibt, verflochten mit Betrachtungen zur familiären Herkunft, zum sozialen Milieu, zu Erlebnissen von zwischenmenschlicher Nähe und Verbundenheit. Stimmungsvolle Naturbeschreibungen, eine detailreich-liebevolle Charakterisierung und Würdigung des Vaters und die hinterfragende Refle- xion kindlicher Wahrnehmungen vermitteln ein berührendes Lebensbild, durch das sich die theoretische und praktische Beschäftigung mit dem Aal als roter Faden schlängelt.

Johann von Bülow liest „Das Evangelium der Aale“ mit stimmlicher Klarheit, ruhiger Präsenz  und hörbarem Staunen.
 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:

Das Evangelium der Aale

Hier entlang zur Buchausgabe und LESEPORBE auf der Hanser-Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-evangelium-der-aale/978-3-446-26584-4/

Der Autor:

»Patrik Svensson, geboren 1972, ist an der schwedischen Aalküste aufgewachsen. Er studierte Sprachen und Literatur und arbeitet als Kulturjournalist. „Das Evangelium der Aale“ ist sein Debüt und löste schon vor Erscheinen einen internationalen Hype aus.«

Der Sprecher:

»Johann von Bülow, 1972 in München geboren, debütierte 1995 an der Seite von Franka Potente in 2Nach fünf im Urwald“. Darauf folgten zahlreiche Filmrollen, u.a. in „Elser“ und „Kokowäh“. Von Bülow ist zudem regelmäßig im Fernsehen zu sehen, z. B. in „Herr und Frau Bulle“ und „Mord mit Aussicht“. Für DAV las er zuletzt die „Subutex“-Trilogie von Virginie Despentes ein.«

 

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Offene See

  • Roman
  • von Benjamin Myers
  • Originaltitel: »The Offing«
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • DUMONT Verlag, März 2020 www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden mit Lesebändchen
  • 270 Seiten
  • ISBN 978-3-8321-8119-2

WORTE  BEWEGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der hochbetagte Schriftsteller Robert Appleyard schaut dankbar auf seinen bisherigen Lebensweg zurück. Er stammt aus einer einfachen Bergarbeiterfamilie, und es scheint ihm keineswegs in die Wiege gelegt zu sein, eines Tages Schriftsteller zu werden. Im Jahre 1946 nutzt der junge Robert die Wartezeit bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse seiner schulischen Abschlußprüfungen für eine Reise ans Meer. Seine Mutter packt ihm ein beschiedenes Proviantpaket und einen Waschlappen in den Rucksack, und Robert macht sich zu Fuß auf den Weg.

Lebensmittel sind in der Nachkriegszeit noch rationiert, und Robert muß sich sein Essen unterwegs als Tagelöhner erarbeiten. Seine Hilfsdienste werden durch die kriegsbeding-ten Männerverluste meist gerne angenommen und mit Kost und manchmal auch Logis vergolten. Es macht ihm jedoch nichts aus, mit seinem Schlafsack im Freien zu über-nachten, zwischen Hecken und Büschen und mit einem aus einer Plane improvisierten Zelt. Robert ist ein naturverbundener Mensch, der frische Luft und Weite schätzt, und er empfindet deutlich, daß er in der Natur seinem wahren Wesen näher ist. Die Aussicht, bald in die unvermeidlich erscheinenden Fußstapfen seines Vaters zu treten und ein anstrengendes, ewig kohlenstaubbedecktes Berufsleben unter Tage zu beginnen, gefällt ihm immer weniger.

In Yorkshire, nahe der Küste, führt ihn sein Weg zu einem Cottage, das oberhalb einer Meeresbucht gelegen ist, mit einer kleinen Terrasse, einem gepflegten Gemüse- und Blumengarten und einer stark verwilderten Wiese. Dort will Robert nach Wasser zum Auffüllen seiner geleerten Feldflasche fragen; zunächst wird er von einem wachsamen deutschen Schäferhund aufgehalten, bis eine hochgewachsene, agile ältere Dame den Hund zurückpfeift und Robert spontan zum Tee einlädt. So lernt er Dulcie Piper kennen.

Robert fragt, ob er für sie gartenpflegerische Arbeiten übernehmen könne und Dulcie erklärt, daß sie in Hinsicht auf die verwilderte Wiese durchaus Unterstützung durch junge Muskelkraft brauchen könne. So schlägt Robert sein Lager in Dulcies Garten auf. Dulcie verköstigt Robert selbstverständlich nicht nur mit Tee, sondern auch mit einem üppigen, selbstgekochten Abendessen und versetzt ihn mit ihrer außergewöhnlich gut, ja, für Nachkriegsverhältnisse geradezu luxuriös gefüllten Speisekammer in Erstaunen.

Während Robert sich in den folgenden Tagen mit dem Gelände vertraut macht und mit einer Sense die Wiese mäht, entdeckt er ein kleines, hübsches, allerdings sehr repara-turbedürftiges Atelier. Er fragt Dulcie, ob er es instandsetzen solle, weil es doch schade sei, es verfallen zu lassen. Nach kurzem Zögern stimmt Dulcie zu, und so verlängert sich sein Aufenthalt bei Dulcie um viele Wochen.

Robert und Dulcie führen bei den gemeinsamen Mahlzeiten und Teepausen lange Ge-spräche. Anfangs ist Dulcie dabei zwar deutlich eloquenter und forscher, lockert jedoch nach und nach Roberts Schüchternheit. Sie behandelt Robert freundlich-zugewandt und beeindruckt ihn mit ihrer unkonventionellen Art, ihrem Humor und ihren für ihn neuen Betrachtungsweisen von Familie, Freiheit, Freundschaft, Gesellschaft, Internationalität, Politik und Religion. Sie teilt ihr Wissen über Geschichte, Kunst und Literatur mit Robert und gibt ihm Bücher zum Lesen.

Seiner Sehnsucht nach dem Meer kann Robert beiläufig ebenfalls nachgehen. Doch er bemerkt, daß Dulcie einen Groll gegen das Meer hegt, denn immer wenn er einen Ausflug zum Strand macht und beglückt vom Schwimmen zurückkehrt, reagiert sie entgegen ihrer sonstigen Herzlichkeit etwas unwirsch.

Beim Aus- und Aufräumen des Ateliers findet Robert in einem Aktenkoffer ein maschinenschriftliches Manuskript mit Gedichten von einer Romy Landau, das Dulcie gewidmet ist. Er liest diese Gedichte, und sie berühren ihn, obwohl er sie nicht ganz versteht und ihm manche Worte unbekannt sind. Dennoch erkennt und erspürt er, wie bereichernd und lebendig – entgegen der trockenen Leseerfahrungen aus dem Schul- unterricht – Poesie sein kann. Robert liest nicht bloß Romy Landaus Gedichte, sondern er atmet sie durch die wieder und wieder wiederholte Lektüre gewissermaßen ein und aus.

„In dem Moment entfalteten sich neue Gefühle von Verwirrung und Neugier in mir, vor allem jedoch ein überwältigendes, mächtiges Bewusstsein für den Raum, diesen Raum im Hier und Jetzt, als wären die Wörter über die Seite gekrochen und vom Papier ge- fallen und hätten mich umschlungen wie Ranken, die mich zurück in das Gedicht zogen, sodass die erdachten Zeilen und die reale Welt irgendwie zu einem tieferen Porträt von Land und Meer verschmolzen.“ (Seite 148)

Robert spricht Dulcie auf das Manuskript an und fragt, ob sie es gelesen habe. Dulcie reagiert sehr aufgewühlt und beschließt, Robert bei einigen Kannen Tee von der Autorin dieser Gedichte zu erzählen.

Romy Landau war eine deutsche Exildichterin, die in den 30er-Jahren nach England emigrierte, und sie war Dulcies Freundin und Lebensgefährtin. Das Atelier hatte Dulcie für sie errichten lassen, damit sie sich dort in ungestörter Zurückgezogenheit von ihren anstrengenden Lesereisen erholen konnte. Zunächst wurde Romys Werk in England von der Literaturkritik hoch gelobt, doch mit Fortschreiten des Zweiten Weltkrieges wurde sie nicht mehr als Poetin wahrgenommen, sondern als „böse“ Deutsche, und die gleichen Kritiker, die sie zuvor gepriesen hatten, beargwöhnten sie nun. Dies und die fortgesetzt schrecklichen Geschehnisse in ihrer Heimat lösten bei Romy eine solche Sinnkrise aus, daß sie ins Meer hinausschwamm und ertrank. Zurück blieben das vollendete Manuskript und eine verlassene Dulcie, die sich bisher nicht überwinden konnte, die ihr gewidmeten Gedichte zu lesen.

Dulcie tut es sichtlich gut, von ihrem tragischen Verlust und ihrer Trauer sprechen zu können. Robert erklärt Dulcie teilnahmsvoll, wie wertvoll und ansprechend er Romys Gedichte finde, und daraufhin bittet Dulcie Robert, ihr von nun an jeden Abend ein Gedicht vorzulesen. In kleinen Portionen könne sie wohl inzwischen den Schmerz und die Schönheit dieser Poesie verkraften. Dies entpuppt sich als heilsame Entscheidung, weil sich nämlich zwischen den Zeilen eines dieser Gedichte eine wichtige, erlösende und tröstliche Botschaft für Dulcie verbirgt.

Die schicksalhafte Begegnung zwischen Robert und Dulcie führt Robert zu einer gänzlich anderen Lebensweichenstellung, für Dulcie bringt sie ein konstruktives Loslassen und für beide eine lebenslange Freundschaft.

Dieser Roman erfreut mit leise-eindringlichen, naturpoetischen Beschrei- bungen und mit feingezeichneten, herzhaften, sinnlich-greifbaren Charak- teren. Es ist eine Freude mitzuerlesen, wie Dulcie Robert nicht nur genüßlich-kulinarisch nährt, sondern auch seinen aufgeschlossenen Geist mit vielfältigen Anregungen und Ermutigungen füttert, die unvermeidlich seinen Horizont erweitern und ihn zu neuem Selbstausdruck finden lassen.

In besonderer Weise zeichnet sich dieser Roman durch die intensive Dar- stellung von Poesie als Lebenskraft aus. Er zeigt eindrucksvoll, einfühlsam und sehr atmosphärisch, welch magische Erweckungswirkung Poesie auf einen offenen Geist und ein empfindsames Herz haben kann.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dumont-buchverlag.de/buch/myers-offene-see-9783832181192/

Hier entlang zu einer weiteren Buchbesprechung von Hauke Harder vom Blog „LESESCHATZ“: https://leseschatz.com/2020/03/30/benjamin-myers-offene-see/

 

Der Autor:

»Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.«

Die Hörbuchausgabe ist im April 2020 bei DAV erschienen:

Offene See                                                                                                                             
Roman
von Bejamin Myers
NDR Kultur/ungekürzte Lesung mit Manfred Zapatka
1-mp3-CD
Länge: 8 Stunden, 37 Min.
20,00 € (D), 22,50 € (A)
Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:

Offene See

 

 

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Das schräge Haus

  • Roman
  • von Susanne Bohne
  • Rowohlt Verlag, Dezember  2019 http://www.rowohlt.de
  • Taschenbuch mit dickem Pappeinband
  • 352 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-499-00051-5

STÖPSKEN, GLÜHWÜRMCHEN  &  HERZPUCKERN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ella hat eine wunderbare Großmutter, deren Warmherzigkeit und unakademisches psychologisches Fingerspitzengefühl sie seit ihrer Kindheit erhellend und haltgebend begleiten. Sie nennt ihre Großmutter nicht Oma, sondern Mina, und Mina wiederum nennt Ella meist nicht Ella, sondern Stöpsken. Stöpsken oder Stöppken ist ein ruhr- deutscher Kosename für ein kleines Kind.

Das Verhältnis zwischen Ella und ihrer Mutter ist distanziert, da sich die Mutter deutlich mehr für Ellas kleinen Bruder interessiert. Ella nimmt trotz ihres zarten Alters von acht Jahren deutlich wahr, daß sie und ihre Mutter „an getrennten Flussufern“ stehen.

Wir lernen Ella und Mina im Sommer 1986 im Schrebergarten beim Auslesen von Stachelbeeren kennen. Mina hat eine besondere Fähigkeit, in Menschen hineinzusehen und das, was sie dort als Gefühlsgemengelage erkennt, beschreibt sie stets im Bild eines Hauses mit vielen architektonischen und innenarchitektonischen Details, Farben, Formen, Lichtverhältnissen und landschaftlichen Aussichtsperspektiven. So spiegelt die Großmutter etwa Ellas Wesen als ein kleines, blaues windschiefes Haus mit mimosen- blütenblättrigen Fensterläden, die sich sehr schnell von alleine schließen, mit zwei Eingängen – einer schmiedeeisernen Tür mit großem Riegel und einem versteckten, kleinen unverschlossenen Holztörchen …

Ella hofft, daß sie eines Tages auch in der Lage sein werde, die inneren Häuser der Menschen zu sehen, um besser zu verstehen, wie es in ihnen aussieht, und um etwas Hilfreiches für sie tun zu können.

Zum Schrebergartenkosmos gehören der ehemalige Bergmann Manfred, der Minas Rasen kleingartenvorschriftmäßig ziseliert und ansonsten freundlich-depressiv im Liegestuhl ruht und sich sonnt, und die betagte, gleichwohl ganz flotte Ilse, die so schnell spricht, daß alle Wörter ohne Punkt und Komma zu beeindruckenden Ein- wortsätzen verschmelzen, etwa so „DeinFöttchenhatgleichKirmesdatkannichdir- abbasagenwennichdicherwischedukleinerHosenscheißer!“ (Seite 29)

An diesem Sommertag 1986 findet das alljährliche Kleingartensommerfest statt. Mina brutzelt Frikadellen fürs Buffet, und Ella stromert mit ihrer besten Freundin Yvonne durch die Gartensiedlung. Yvonne ist im Gegensatz zu Ellas zurückhaltender Wesensart sehr direkt und extrovertiert und spricht furchtlos aus, was sie denkt und fühlt. Auf Ellas Frage, wie sie das mache, antwortet Yvonne, sie müsse bloß tief einatmen und dann die Worte ausatmen. Aber Ellas Worte bleiben oft auf halbem Wege stecken, weil sie das Echo fürchtet, das ihre Worte auslösen könnten. Außerdem neigt Ella dazu, in emotional belastenden oder aufregenden Situationen in einem „Zeitpudding“ zu erstarren, aus dem sie sich nicht leicht wieder befreien kann. 

Ella findet im Verlauf des Sommerfestabends einen plötzlich verstorbenen Schrebergar-tennachbarn. Dieses Erlebnis löst ein zwar unangebrachtes, aber hartnäckiges Schuldge-fühl in ihr aus, nimmt ihr die kindliche Unbeschwertheit und vertieft die „Schräglage“ ihrer Lebenseinstellung.

Sechsundzwanzig Jahre später hat Ella eine psychotherapeutische Praxis. Mit viel Zunei-gung beschreibt sie ihre Patienten und deren unterschiedliche Verschrobenheiten; sie freut sich, wenn sie ihnen zu einem heilsamen Erkenntnisschritt und besserer Selbstfür-sorge verhelfen kann. Sowohl in ihrer beruflichen Praxis als auch in ihrer persönlichen Suche nach dem passenden Liebespartner findet sie immer wieder lebhafte Bestätigung für Minas alte Weisheit: „Wenn die Menschen nur noch mit sich selbst beschäftigt sind, dann vertrocknen sie. Innerlich.“ (Seite 117) Genau diesen Vertrocknungsprozeß möchte sie bei ihren Patienten aufhalten, ja, möglichst sogar in Richtung reanimierender Bewässerung umkehren.

Dabei fehlt es Ella auch keineswegs an Selbstironie: „Sie hatten verlernt, das zu betrach-ten, was sie hatten, und weinten bloß darüber, was sie nicht hatten. So wie ich. Ich saß ja auch in diesem Kreuzfahrtschiff der Wehklagenden und ließ mich übers Tränenmeer schippern.“ (Seite 166)

Doch dat Stöpsken Ella lernt schließlich, trotzt aller Verletzlichkeit, innerer Schräglagen und unvermeidlicher Abschiedswehen, sich dem unberechenbaren Verlieren und Finden des Lebens hinzugeben, sich selbst mehr zu vertrauen und ihr Herz befreit zu öffnen. Oder wie die lebensweise Mina raten würde: „Geh raus, lüfte und hör auf zu warten.“  (Seite 201)

Die Autorin Susanne Bohne hat ihren Roman „Das schräge Haus“ in einem warmherzigen, vielsaitig-zwischenmenschlichen Tonfall geschrieben. Es gibt berührende Szenen inniger Nähe, aber auch ausgesprochen situations- komische Dialoge. Ihre Kleingartenmilieustudie ist köstlich und voller nostalgischer Details (Frisuren, Schlagerhits), die Figurenzeichnung ist äußerst lebendig und ebenso anrührend wie amüsant, und die vorbildliche Herzensbildung von Oma Mina wirkt geradezu beglückend. Dieser Roman enthält sehr anschauliche Sprachbilder für emotionale Gestimmtheiten, Verhaltensmuster und Charakterzüge und begleitet mit großherzigem Schmunzeln und gütigem Blick menschliche Stärken und Schwächen. Minas liebevolles Herzpuckern durchströmt unüberhörbar den ganzen Text!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.rowohlt.de/taschenbuch/susanne-bohne-das-schraege-haus.html

 

Die Autorin:

»Susanne Bohne, selbst ein Ruhrpott-Kind, studierte Germanistik und arbeitete als Designerin, bevor sie – inspiriert von ihrer Tochter – anfing, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren. Sie findet, dass Humor eine gute Überlebensstrategie ist und dass die kleinen Dinge des Lebens oft größer sind, als sie scheinen. Davon erzählt auch ihr Roman „Das schräge Haus“.«
Hier entlang zu Susanne Bohnes Webseite: https://halloliebewolke.com/
und hier entlang zu einem Radio-Bericht zu Buch und Autorin : https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-westblick-serien/audio-susanne-bohne-das-schraege-haus-100.html

Querverweis:

Die sehr intensive Großmutter-Enkel-Beziehung und die schrägen Charaktere erinnern leiseleicht an Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“, siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/22/was-man-von-hier-aus-sehen-kann/

 

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Der Gesang der Flusskrebse

  • Roman
  • von Delia Owens
  • Originaltitel: »Where The Crawdads Sing«
  • Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
  • von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • Verlag hanserblau, Juli 2019   http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag und Lesebändchen
  • 464 Seiten
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-446-26419-9

MUTTER  NATUR

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

»Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt.« (Seite 11)

Außenseitern wird gerne und allzuschnell Schuld zugeschoben. Als die Leiche von Chase Adams am Fuße des alten Feuerwachturms von Barkley Cove gefunden wird und keiner- lei Spuren zu finden sind, fällt der Verdacht auf Kya, das Marschmädchen. Denn wenn jemand Spuren verwischen und sich fluchterprobt gewissermaßen unsichtbar machen kann, dann ist das Kya.

Kya wächst im wilden Marschland von North Carolina auf.  Sie lebt mit ihrer liebevollen und musischen Mutter, ihrem trunksüchtigen und gewalttätigen Vater und vier älteren Geschwistern in einer zusammengezimmerten Holzhütte, die an einer von vielen einsa-men Lagunen der Marschlandschaft liegt. Die Menschen, die in der nahegelegenen Stadt Barkley Cove wohnen, betrachten alle Menschen, die in der Marsch gestrandet sind, als Gesindel – wahlweise je nach Hautfarbe als weißes oder schwarzes Gesindel. Die Geschichte beginnt in den 50iger Jahren, und die Rassentrennung ist noch aktuell.

Von ihrem Bruder Jodie lernt Kya viel über die Natur, die Gestirne und darüber, wie man seine Spuren verwischt, sich sicher in der Marschlandschaft versteckt und wie man ein Boot durch die unzähligen Wasserläufe und Buchten steuert.

Als Kya sechs Jahre jung ist, bereitet die Mutter, deren Gesicht deutliche Spuren eines vorhergehenden gewalttätigen Streits trägt, noch einmal ein Frühstück für alle Kinder. Danach verläßt sie mit einem kleinen blauen Koffer das Haus, ohne sich zu verabschie- den. Kya schaut ihr ungläubig nach und hofft  auf das sonst übliche Winken; aber dies- mal schaut die Mutter nicht zurück, und sie wird auch nie mehr zurückkehren.

Nach und nach verlassen nun die älteren Geschwister ebenfalls das mutterlose Zuhau- se, um der Gewalttätigkeit des Vaters zu entkommen. So bleibt Kya allein zurück und er-nährt sich von Griesbrei und von Gemüse aus dem Garten. Der Vater ist häufig tagelang abwesend, kommt meist schlecht gelaunt zurück, schlägt Kya jedoch nicht und gibt ihr kleine Geldbeträge, mit denen sie in der Stadt ihre bescheidenen Einkäufe bezahlt.

Er trinkt deutlich weniger Alkohol und macht regelmäßige Bootsausfahrten mit ihr, bei denen sie gemeinsam angeln. Während dieser friedlichen Ausflüge plaudert der Vater ein bißchen aus der Familiengeschichte, und einmal nennt er Kya sogar freundlich Schätzchen. Dies ist mehr väterliche Zuwendung, als sie jemals zuvor erlebt hat.

Da Kya im schulpflichtigen Alter ist, wird sie aufgefordert, die Schule in Barkely Cove zu besuchen. Sie kommt barfuß in die Schule und wird von den anderen Schülern wegen ihrer Andersartigkeit, ihrer abgerissenen Kleidung und ihrer sozialen Unsicherheit aus- gelacht. Dies genügt Kya, um fortan mit der Schule garnichts und mit den Menschen aus der Stadt so wenig wie nur möglich zu tun zu haben. Den Nachforschungen der Schulin- spektion entkommt sie spielend, da ihre wachen Sinne und ihre überlegene Kenntnis der Marschlandschaft ihr stets ein sicheres Versteck bieten. Irgendwann gibt die Schul- behörde einfach auf, das wilde Kind einfangen zu lassen. So wird sie von den Bewohnern der Stadt schließlich nur noch „das Marschmädchen“ genannt.

In einer Bucht, in der Nähe der Siedlung für die schwarze Bevölkerung des Marsch- landes, gibt es eine Bootstankstelle mit einem kleinen Allerlei-Laden, der von dem freundlichen Jumpin‘ geführt wird. Dorthin fährt Kya regelmäßig mit dem Boot, tankt und kauft ein.

Als Kya zehn Jahre alt ist, kehrt der Vater eines Tages nicht mehr zurück. Kya überlegt, wie sie zu Geld kommen könnte, und beginnt damit, frühmorgens Muscheln zu sam- meln. Jumpin‘ kauft ihr die Muscheln ab und merkt nach einer Weile, daß Kya nun ganz alleine ist. Er bespricht sich mit seiner Frau Mabel, und diese organisiert über den Kirchenbasar Kleidung und Schuhe. Mabel und Jumpin‘ gelingt es, Kya zu beschenken, ohne sie zu beschämen. Mabel gibt Kya außerdem ganz pragmatisch verschiedene Gemüsesamen und erklärt ihr, wie sie diese in ihrem Garten nutzen kann.

Abgesehen von der Zuwendung von Jumpin‘ und Mabel, die als mitfühlende, aber den-noch räumlich entfernte Ansprechpartner für sie da sind, findet Kya Geborgenheit und Zuverlässigkeit in der Natur. Sie lebt in sinnlich-körperlicher, innerer und äußerer Nähe und Verbundenheit zur Natur. Kya sammelt Federn, Muscheln, Insekten und Pflanzen, sie beobachtet sehr fein und genau und etikettiert ihre Funde mit kleinen natura- listischen Zeichnungen des Fundorts, da sie nicht schreiben kann.

Im zarten Alter von vierzehn Jahren, bei einer ihrer alltäglichen Expeditionen ins Marschland, begegnet ihr Tate. Tate ist der Sohn eines örtlichen Krabbenfischers, einige wenige Jahre älter als Kya, und ebenfalls sehr interessiert an der Natur. Behutsam, ja, geradezu poetisch, nähert sich der sensible Junge dem scheuen Marschmädchen, und er gewinnt nach und nach ihr Vertrauen. Von Tate lernt Kya lesen und schreiben, er schenkt ihr Bücher, und gemeinsam erkunden sie die ersten Regungen jugendlichen Liebeserwachens. Kya blüht auf, ihr zuvor instinktiver Zugang zur Natur wird nun er- gänzt um naturwissenschaftliche Kenntnisse. Endlich hat sie selbständigen Zugang zu Wissen, erfährt Zugehörigkeit und Zärtlichkeit. Daß Kya sich inzwischen selbst zu einer Schönheit entwickelt hat, ist ihr indes nicht bewußt.  

Tate will Biologie studieren, und dafür ist ein Ortswechsel unvermeidlich. Er verspricht Kya, zu einem bestimmten verabredeten Zeitpunkt zurückzukehren. Doch wieder wartet Kya vergeblich auf die Rückkehr eines geliebten Menschen. Denn Tate geht auf dem College gänzlich in seinen wissenschaftlichen Studien und den Versuchungen des Stadtlebens auf und weiß, daß die menschenscheue Kya ihm niemals in diese Welt folgen würde.

Kya trauert, schmiegt sich dann wieder an die Natur an, füttert ihre Möwen, wiegt sich in Meereswellen und entfaltet ihr zeichnerisches Talent.

Chase Adams, der Frauenheld von Barkley Cove, bekommt Wind von Kyas Schönheit, was seinen Jagdtrieb weckt. Doch Kya ist keineswegs leicht zu erobern, und er übt sich – entgegen seiner Gewohnheit – in Geduld und verspricht Kya sogar die Ehe. Doch auch Chase Adams bricht sein Versprechen und heiratet eine andere Frau.

Kya zieht sich in ihre erprobte Einsamkeit zurück und meistert tapfer ihren Lebens- alltag. Sie verfeinert ihr Wissen durch eifrige Lektüre (der Weg in die Stadtbibliothek gelingt ihr inzwischen), vergrößert und systematisiert ihre Sammlung von Marsch- fundstücken, und sie zeichnet und aquarelliert unermüdlich. Sie sagt den Silbermöwen und dem Strand Gedichte auf und fügt sich harmonisch in die natürlichen Rhythmen.

In der Nähe von Barkely Cove wird eine wissenschaftliche Station zur Erforschung der Marsch-Ökologie eingerichtet, und Tate plant dort zu arbeiten. Er wagt einen Besuch bei Kya, der zwar zu einer lebhaften Aussprache führt, aber zunächst keine Aussicht auf eine Annäherung bietet. Allerdings erlaubt Kya, daß Tate einige ihrer Zeichnungen mitnimmt, um sie einem Verleger zu zeigen.

Einige Wochen nach dem Tode von Chase Adams wird Kya des Mordes an Chase Adams verdächtigt, angeklagt und vor das örtliche Geschworenengericht gestellt. Die Wahrheit über Chase Adams‘ Tod hat viele sichtbare und unsichtbare sowie widersprüchliche Facetten, die während der Gerichtsverhandlung ausführlich betrachtet werden. Zum Glück hat Kya einen engagierten Anwalt und unter den Geschworenen mehr Sympathisanten, als sie vermutet hätte …

Die Autorin Delia Owens wechselt erzählerisch zwischen den Phasen der Ermittlung zu Chase Adams‘ Tod und der biographischen Entwicklung Kyas. So entsteht von Kapitel zu Kapitel eine dramatisch wachsende Spannung zwischen Kleinstadtmilieustudie und Psychogramm.

„Der Gesang der Flusskrebse“ ist ein bemerkenswerter, sehr atmosphä- rischer Roman voll natürlicher Sinnlichkeit, elementarer Kraft und tiefer Gefühle. Die Einsamkeit des verlassenen Kindes ist so greifbar, daß man beim Lesen am liebsten mit der Hand zwischen die Zeilen greifen möchte, um die kleine Kya zu trösten. Wie oft kann ein verletztes Herz das tödliche Risiko eingehen, sich wieder auf Nähe einzulassen? Nun, dieser Roman mutet uns ebensosehr die schmerzlichen wie die schönen Gezeiten des Herzens ungeschminkt zu, und er verschafft uns die Bekanntschaft mit einer außergewöhnlich charakterstarken und bewundernswert eigen-willigen Figur, die die wortlose Sprache der Natur versteht wie sonst kaum ein menschliches Wesen.

 

»Sie lächelte zum ersten Mal. Seine Augen waren dieselben wie früher. Gesichter verän-derten sich durch den Tribut, den das Leben fordert, aber Augen bleiben ein Fenster zu dem, was war, und sie konnte ihn darin sehen.« (Seite 292)


Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-gesang-der-flusskrebse/978-3-446-26419-9/

 

Die Autorin:

»Delia Owens, geboren in Georgia, erforschte über zwanzig Jahre als Zoologin in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen. Vor kurzem ist sie nach North Carolina gezogen, an den Schauplatz ihres Romandebuts, wo sie als Kind mit ihren Eltern die Sommerurlaube verlebte.«  http://www.deliaowens.com

Die Übersetzer:

»Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, beide Jahrgang 1955, übersetzen seit vielen Jahren englische und amerikanische Literatur von Autoren wie Harper Lee, Dave Eggers, Jodi Picoult und Zadie Smith.«

 

Es gibt zwei Hörbuchausgaben, eine gekürzte und eine ungekürzte, beide gesprochen von Luise Helm und beide im Verlag HÖRBUCH HAMBURG erschienen.

Hier entlang zur gekürzten Hörbuchfassung:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/owens-der-gesang-der-flusskrebse-4981/
Hier entlang zum ungekürzten Hörbuch nebst feiner HÖRPROBE:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/owens-der-gesang-der-flusskrebse-5108/

 

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Gesang der Fledermäuse

  • Roman
  • von Olga Tokarczuk
  • Originaltitel: »Prowadź swój pług przez kości umarłych«
  • aus dem Polnischen von Doreen Daume
  • Kampa Verlag 2019 www.kampaverlag.ch
  • gebunden
  • 320 Seiten
  • 24,00 € (D), 24,70 € (A), 32,50 sFr.
  • ISBN 978-3-311-10022-5

RÜCKLÄUFIGER   MERKUR

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Janina Duszejo lebt in einer kleinen Siedlung auf einem extrem windigen Hochplateau, nahe der polnisch-tschechischen Grenze. Die meisten Häuser dienen nur als Sommer-residenz betuchter Städter, da der Winter in dieser Einöde sehr lang, sehr, sehr schnee-reich und sehr, sehr, sehr kalt ist. Nur Janina, ihr akkurater Nachbar Magota und ihr brutaler Nachbar Big Foot bleiben auch über den Winter dort.

Janina war einst Brückenbauingenieurin. Krankheitsbedingt wechselte sie in den Lehr- beruf und unterrichtete Englisch als Fremdsprache, was ihr durchaus Freude machte. Inzwischen hütet sie in der Wintersaison die verlassenen Häuser der abwesenden Nach-barn und entfernt bei ihren regelmäßigen Rundgängen durch den Wald heimlich die Drahtschlingenfallen, die ihr Nachbar Bigfoot zum Wildern auslegt.

Sie pflegt freundschaftlichen Kontakt mit Dyzio, einem ehemaligen Englischschüler, dem sie bei seinen Übersetzungen von William-Blake-Texten ins Polnische hilft. Einmal pro Woche macht sich Dyzio auf den im Winter mühsamen Weg von der Stadt zum Hoch- plateau, Janina kocht etwas Leckeres, sie befassen sich mit der Übersetzung und unterhalten sich angeregt.

Immer wieder wird deutlich, wie sehr Janina unter dem achtlosen Umgang der Men- schen mit der Natur und den Tieren leidet; dabei changiert ihre Betroffenheit zwischen weiß-glühendem Zorn und dunkler Trauer. Sie verfügt über einen ganzheitlichen Blick auf das Leben und eine durchdringende Menschenkenntnis, die durch die ernsthafte Beschäftigung mit Astrologie eine faszinierende Ergänzung findet.

Eines Nachts wird Janina von ihrem Nachbarn Magota aus dem Schlaf gerissen, da er die Leiche von Big Foot gefunden hat. Der Tote liegt auf seinem schmuddeligen Küchenbo-den, erstickt an einem Rehknochen, der ihm im Halse stecken geblieben ist. Zwar hegte Janina alles andere als Sympathie für den tierquälerischen Nachbarn und empfindet dabei seine Todesart sogar als ausgleichende Gerechtigkeit, dennoch hat sie zugleich ein allgemein menschliches Mitgefühl mit seiner Sterblichkeit.

Die Polizei bewertet den Tod von Big Foot als Unfall, und Janinas Auffassung, daß er auf gewundenen Wegen an der Rache der gequälten Tiere gestorben sei, wird nur verächt- lich belächelt. Daß sie außerdem astrologische Berechnungen zum Todeszeitpunkt und zur Todesart anführt, macht ihre Betrachtungsweise für die Polizei erst recht unglaub- würdig. Nun, Janina läßt sich davon nicht entmutigen, sie recherchiert einfach weiter.

Wenig später gibt es einen weiteren Toten, an dessen Fundort sich auffällig zahlreiche Rehspuren im Schnee befinden. Außerdem trägt der Tote sehr viel Bargeld bei sich, was aus Polizeiperspektive Vermutungen auf mögliche mafiöse Verbindungen nahelegt. Janina bleibt indes stur bei ihrer Theorie ausgleichenden Naturrechts und findet Parallelen zum Tod von Big Foot. Tapfer folgt sie Spuren, die gewöhnliche Menschen nicht wahrnehmen …

Die Sprache der Autorin ist niveauvoll und facettenreich und wird durch das astrologische Vokabular sinnvoll ergänzt und bereichert. Für Leser, die allerdings nicht mit der Systematik und Symbolik der Astrologie sowie mit den dazugehörigen psychologischen Archetypen vertraut sind, könnten die Textpassagen mit den Horoskopbeschreibungen willkürlich und unver-ständlich wirken.

Auf jedes Kapitel wird mit einem William-Blake-Zitat eingestimmt. Obwohl sich die Handlung über ein ganzes Jahr erstreckt und der Wechsel der Jahreszeiten die landschaftliche Kulisse verändert und begrünt, wirken die Szenerien stets wie Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit einigen Tupfern beleben- den Rots, also ähnlich, wie der Kampa-Verlag die Titelbildgrafik gestaltet hat. Zwar gibt es den literarischen Begriff  „In-Schwarz-Weiß-geschrieben“ nicht, aber hier erscheint er mir angebracht.

Dieser außergewöhnliche Roman verbindet kriminalistische Spannung mit philosophischen Betrachtungen zur Stellung des Menschen in Natur und Ge- sellschaft. Einerseits finden wir hier schmerzhaft-glasklare Psychogramme einiger recht unangenehmer Zeitgenossen, andererseits auch einen feinen, schelmischen Humor sowie eine anrührende Zärtlichkeit gegenüber Tieren und tiefe Demut vor der Natur.

 

»Jede unserer Taten, in winzige Vibrationen der Photonen verwandelt, fliegt letztlich in den Kosmos, wie ein Film, und die Planeten werden sie bis ans Ende der Tage ansehen.« (Seite 54)

»Die Tiere sagen etwas über das Land. Die  Beziehung zu den Tieren verrät, wie es um das Land bestellt ist. Wenn sich die Menschen den Tieren gegenüber bestialisch ver-halten, dann hilft ihnen keine Demokratie und auch sonst nichts.« (Seite 120)

»Die Welt ist ein großes Netz, eine Ganzheit, und es gibt nichts, was nicht dazugehört. Auch das allerkleinste Stückchen Welt ist mit anderen verbunden, durch den kompli-zierten Kosmos der Korrespondenz, der mit dem normalen Verstand nicht leicht zu ergründen ist.« (Seite 71)

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:

Gesang der Fledermäuse

 

Die Autorin:

»Olga Tokarczuk,  1962 im polnischen Sulechóv geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Sie zählt zu den bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Ihr Werk (bislang neun Romane und drei Erzählbände) wurde in 37 Sprachen über-setzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für die „Jakobsbücher“, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, ausgezeichnet und 2018 mit dem Jan-Michalsky-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für „Unrast“ (im Frühjahr 2019 im Kampa Verlag erschienen) für den sie auch 2019 wieder nominiert war: Ihr Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ stand auf der Shortlist. 2019 wurde Olga Tokarczuk mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Zum Schreiben zieht sich Olga Tokarczuk in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.«

 

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Die Tage mit Bumerang

POSTKARTENIDYLLE  MIT  SCHAF

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dies ist eine Geschichte mit eigenwilligen, sympathisch schrägen Charakteren, in der es um ein plötzliches Vorher/Nachher-Dasein, um die zähflüssige Überwindung von Schock-starre, Schuldgefühlen und Selbstbestrafung, um Verletzlichkeit und Vergebung, Er- wachsenwerden, Freundschaft und Wahlverwandtschaften und um eine neue Liebe geht. Ein Rettungssanitäter namens Kalle, ein Schaf namens Bumerang, ein Hund namens Helsinki und finnische Tangos spielen dabei mit und eine ganze Menge Schnee.

Annu hat ein besonders inniges Verhältnis zu Schnee. Der erste Schneetag des Jahres ist stets ein familiärer Feiertag gewesen, und diese Tradition setzt Annu auch nach dem Tod der Eltern gerne fort. 

Ihr finnischer Vater war Sportreporter und ihre Mutter Biathlon-Skilangläuferin. Nach- dem Annu zur Welt kam, zogen die Eltern in ein schiefes Haus am Waldrand, das zu einem kleinen bayrischen Dorf mit nur siebenundachtzig Einwohnern gehört.

Ein Vierteljahrhundert später lebt Annu, die inzwischen als freie Übersetzerin arbeitet,  zwar alleine in diesem Haus, aber sie ist keineswegs einsam. Annu hat lebhafte Erin-nerungen an ihre Eltern und führt oft innere Dialoge mit ihnen, wobei der Vater nie mit seinen bemerkenswerten finnischen Sprichwörtern spart.

Außerdem wohnt ihr ältester und bester Kindheitsfreund Lars in der unmittelbaren Nachbarschaft, und die beiden pflegen ihre Freundschaft u.a. durch den wöchentlichen Austausch von Frage-Antwort-Postkartenmitteilungen. Lars ist ein köstlich eigen- williger Mensch, der sich Anglizismen gegenüber konsequent verweigert und beispiels- weise statt Aftershave »Nachduft«, statt Smartphone »Schlautelefon«, statt Cliffhanger »Spannungsklippe« und statt Brunch »Spätstück« sagt. Auch mit Lars‘ Frau Birte ver- steht sich Annu gut, und zu Lars und Birtes kleinem Sohn Aron hat sie ebenfalls ein sehr herzlich-zugewandtes Verhältnis.

Lars und Birte veranstalten regelmäßig kulinarische Abendgesellschaften, bei denen Lars durchschaubar oft alleinstehende junge Männer hinzulädt, um sie erfolglos mit Annu zu verkuppeln. Annu behauptet, sie käme sehr gut ohne Mann zurecht, und Lars behauptet, sie sei einfach zu anspruchsvoll, erwarte ein vergleichbar schicksalhaftes Zusammenfinden, wie es einst bei ihren Eltern war; ganz zu schweigen von ihrem aus- geklügelten Fragenkatalog mit sage und schreibe vierundsiebzig Fragen, um herauszu- finden, ob der Kandidat eine ausreichend große Werte- und Interessensschnittmenge mit ihr habe.

Eines Tages holt Annu mit dem alten Volvo ihres Vaters, in dessen Rekorder seit Jahren eine Musikkassette mit finnischen Tangos von Numminen festgeklemmt ist, ein ausran-giertes Sofa bei Lars und Birte ab. Beim Rückwärtsausparken vergißt sie den Schulter-blick und übersieht Aron, der in der Ausfahrt mit Kreide den Asphalt bemalt.

Das Kind ist zwar nicht lebensgefährlich verletzt, aber seine Beine sind gebrochen, und dann kommt eine postoperative Wundinfektion mit resistenten Keimen hinzu, die den Heilungsprozeß sehr in die Länge zieht.

Durch den Unfall ist die vertraute Geborgenheit der wahlverwandtschaftlichen Nähe und alltäglichen kommunikativen Verbundenheit schmerzlich unterbrochen. Lars und Birte ziehen vorübergehend in die Stadt, in der sich die behandelnde Klinik befindet, und Annu versinkt in Sorge um Aron, in Schuldgefühlen und Schwermut. Die Dorfbe- wohner meiden Annu nach dem Unfall, nur der freundliche Rettungssanitäter Kalle besucht Annu und versucht, sie aufzumuntern und dabei näher kennenzulernen. Aber Annu konzentriert sich lieber auf ihre Arbeit, führt Selbstgespräche, quält sich mit Selbstvorwürfen und will niemanden mehr nahe an sich heran lassen. Eines Morgens steht ein entlaufenes Schaf in ihrem Garten. Dieses tollpatschig-sture Schaf bleibt und bringt Ablenkung und Bewegung in Annus Zurückgezogenheit, und es zieht weitere ungebetene – tierische und menschliche – Gäste nach sich …

Es dauert neun Monate, bis Aron wieder ganz gesund wird, Annu und Lars ihre innige Freundschaft erneuern, Annu und Kalle ihren wechselseitigen Nähe-Distanz-Parcours überwinden und der Neuschnee für alle voller Hoffnungsschimmern funkelt.

Dieser Roman wartet mit einem ernsten Thema auf, ohne niederzudrücken. Die Figuren müssen zwar leiden und eine Lebenskrise durchstehen, aber sie verirren sich nicht im Schmerz. Die Gefühlspalette reicht von lähmendem Selbstmitleid bis zu heilsamer Selbstironie, von kindlicher Begeisterung bis zu erwachsener Kleinkariertheit, von dunkler Verzweiflung bis zu spielerischer Zuversicht, von angestaubter Wehmut bis zu frischgelüftetem Lebensmut.

All diese Facetten fügen sich szenisch und dialogisch zu einem gelungenen atmosphä-rischen Ganzen, das neben menschenkenntnisreichem Tiefsinn genug Spielraum für Situationskomik und Schmunzelmomente läßt. Die Autorin erzählt mit sprachlicher Leichtigkeit, mit einer ungewöhnlichen Verbindung von konkreter, sinnlicher Alltäg- lichkeit und zärtlich-melancholischer Poesie.

Als literarische Beilage gibt es zudem einen sehr sättigenden Vorrat finnischer Weisheitssprüche.

„Guter Rat ist wie Schnee, je leiser er fällt, desto länger bleibt er liegen“ (Seite 152)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-tage-mit-bumerang/978-3-446-26446-5/

Die Autorin:

»Nina Sahm, geboren 1980 in Heilbronn, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik in Leipzig und Budapest und arbeitet als Verlagsredakteurin. Ihr Debütroman „Das letzte Polaroid“ erschien 2014. Nina Sahm lebt mit Freund und Hund in München.« http://www.ninasahm.de/

 

Und hier noch – mit Herzensdank an Random Randomsen  https://randomrandomsen.wordpress.com/ für die kompetente Recherche –
die
Klangkostprobe eines finnischen Tangos von Numminen:

 

 

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CORVUS 2020

  • Monatskalender
  • Illustrationen von Achim Natzeck
  • Weingarten Verlag, 2019 www.weingarten-kalender.de
  • Format: 30 x 39 cm
  • 14 Blätter
  • Spiralbindung
  • 16,99 € (D/A)
  • ISBN 978-3-8400-7780-7

R A B E N F E D E R N A H

Kalenderrezension von Ulrike Sokul ©

Corvus ist der lateinische Gattungsoberbegriff für Raben- und Krähenvögel. Für den Corvus-Kalender 2020 hat der Illustrator Achim Natzeck die Würde, Wildheit und geheimnisvolle Gewitztheit der Rabenvögel mit der Tusche- feder aufmerksam eingefangen und gewährt uns dadurch eine anschauliche Betrachtungsnähe.

Nicht umsonst wurde dieser außergewöhnliche Kalender am 16. Oktober 2019 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Kalenderpreis des Deutschen Buchhandels in der Kategorie „Bestes Kunst- und Grafikkonzept“ ausge- zeichnet.

Jedes Monatsblatt zeigt eine andere arttypische Körperhaltung des charakterstarken Vogels. Das Kalendarium wurde abwechslungsreich dem Raumbedarf der jeweiligen Körperhaltung angepaßt und befindet sich manchmal oberhalb, manchmal unterhalb und einmal seitlich der großflächigen Illustrationen.

Illustration von Achim Natzeck © Weingarten Verlag 2019

Vor dem grafisch und farblich dezent zurückhaltenden Hintergrund der Kalendermonatsblätter treten die feinen, naturalistischen Tusche- zeichnungen fast plastisch hervor.

Es ist keineswegs übertrieben zu  behaupten, daß uns in diesem Kalender der Rabe begegnet, wie er leibt und lebt, und seinen unergründlichen Rabenblick auf uns wirft.

Dieser Kalender ist somit das ideale Geschenk und ein beflügelnder Jahresbegleiter für alle Naturliebhaber, Hexen und Zauberer.

 

Hier entlang zum Kalender und zur vollständigen BETRACHTUNGSPROBE auf der Verlagswebseite: https://weingarten-kalender.de/corvus-2020/

Hier entlang zur Webseite des Illustrators Achim Natzeck:
https://www.natzeck-design.de/

Illustration von Achim Natzeck © Weingarten Verlag 2019

 

 

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Der Oktobermann

  • Eine Tobi-Winter-Story
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »The October Man«
  • Deutsch von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe
  • DTV Verlag, September 2019 www.dtv.de
  • 208 Seiten
  • Kurzroman
  • Krimi mit magischen Elementen
  • 8,95 € (D), 9,20 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21805-4

M A G I S C H E   W E I N L E S E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wer mit dem komplexen Hintergrund der siebenbändigen übersinnlichen Krimi-Serie von Ben Aaronovitch noch nicht vertraut ist, möge sich bitte durch die Lektüre meiner Buchbesprechung des ersten Bandes mit der magischen Materie vertraut machen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Ben Aaronovitch hat für seine treue deutsche Leserschaft einen magieverdächtigen Kurzkrimi geschrieben, der diesmal nicht in England, sondern in Deutschland spielt. Der deutsche Ermittler und Zauberpolizist heißt Tobias Winter und arbeitet beim KDA, der kriminalistischen Abteilung für „Komplexe und diffuse Angelegenheiten“.

Tobias Winter soll in Trier einem eigenartigen Todesfall auf den Grund gehen und dabei seine kriminalistisch-zauberhaften Spezialkenntnisse und Ermittlungsmethoden anwen-den. Vanessa Sommer, seine örtliche Kollegin von der „normalen“ Polizei, steht ihm hilfreich und ausgesprochen magieaufgeschlossen zur Seite.

Vanessa und Tobias begutachten in der Rechtsmedizin einen Toten, dessen Körper völlig von einem Schlauchpilz überwuchert ist, der im Weinanbau zur Impfung von Weintrau-ben verwendet wird, um die sogenannte Edelfäule anzuregen, die wiederum bei richti- ger Anwendung eine besondere Süße des Weins bewirkt. Menschen werden normaler- weise nicht von „Botrytis cinerea“ befallen, geschweige denn getötet. Es handelt sich eindeutig um einen Mord mit magischer Einflußnahme. Ob die freigelegte Tätowierung auf dem Arm des Opfers, die einen stilisierten Weingott darstellt, ein magischer oder zufälliger Hinweis ist, wird sich im Verlaufe der Fallaufklärung noch zeigen.

Da der Tote am Rande eines Weinbergs gefunden wurde, vernehmen die Ermittler Frau Stracker, die Besitzerin des betroffenen Weinberges. Dabei erfahren sie, daß Frau Strackers Großvater früher alljährlich eine Opfergabe (einige Flaschen Wein) am Flußufer deponiert habe, da er der Überzeugung war, sich solcherart den Segen der Flußgöttin und weitere gute Weinernten zu sichern.

Tobias findet, es sei nun an der Zeit, diese Brauch zu reanimieren, um die Flußgöttin hervorzulocken und sie zu befragen. Nach einigen bezaubernden Treffen mit der recht abweisenden, aber dennoch kooperativen Flußgöttin und ihrem vorwitzigen Nach- wuchs, der aufwendigen Dekontamination eines halben Weinberges, einem weiteren Todesfall sowie  der Verfolgung diverser magischer und menschlicher Spuren erweist sich, daß die Wurzel der aktuellen Probleme in einem halb menschlichen und halb magischen Verbrechen, welches bereits vor Hunderten von Jahren geschah …

„Der Oktobermann“ ist im lockeren, selbstironischen Plauderton, mit leb- haften Dialogen,  phantasievollen Details und süffisanter Kritik an bürokra- tischen Abläufen geschrieben, wie er für Ben Aaronovitch so angenehm bezeichnend ist. Gleichwohl merkt man diesem Kurzroman deutlich an, daß der Autor im deutschen Ambiente nicht wirklich zuhause ist. Es leuchtet beispielsweise nicht ein, wieso er den deutschen Flußgöttinnen (schlag nach bei Wagner) englische Namen gegeben hat, zumal er sich beim restlichen Figurenpersonal durchaus die Mühe gemacht hat, passable deutsche Namen auszuwählen.

Die Geschichte ist trotz des deutlichen Weineinflusses und Weingenusses nicht so flüssig, die Dramaturgie nicht so quecksilbrig und funkensprühend, wie man es aus den vorher-gehenden Romanen gewohnt ist. Die Charaktere bleiben blaß, und dementsprechend schwächelt die potentiell vielver- sprechende Beziehungsdynamik zwischen Tobias und Vanessa. Auch die magischen Sonderermittlungsmethoden wurden schon ausführlicher und aufregender dargestellt; gelegentliche nette Anspielungen (nur für Lese- eingeweihte) auf  Peter Grant und Thomas Nightingale, die in den anderen Bänden der Serie magisch maßgeblich sind, verstärken diese Schwach- stellen eher noch.

„Der Oktobermann“ ist im Vergleich zu  Ben Aaronovitchs Vorgängerro- manen kein raffiniertes Fünf-Gänge-Menü, sondern ein unterhaltsamer, maßvoll spannender, leicht verdaulicher Leseimbiß mit etwas provin- ziellem Nachgeschmack.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-oktobermann-21805/

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter „Doctor Who“ geschrieben und als Buchhändler gearbeitet. Seine Urban-Fantsay-Serie „Die Flüsse von London“ ist nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland sensationell erfolgreich und führt regelmäßig die Bestsellerlisten an. Inzwischen widmet sich Ben Aaronovitch ganz dem Schreiben, zur Freude seiner zahlreichen Fans. Er lebt nach wie  vor in London.«

Hier entlang zu den Vorgängerbänden:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBORN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/
Band 7: DIE GLOCKE VON WHITECHAPEL
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/06/10/die-glocke-von-whitechapel/

Hier entlang zu einer kurzen Peter-Grant-Geschichte, etwas außerhalb der Reihe:

GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/28/geister-auf-der-metropolitan-line/

Hier entlang zur interessanten und informativen DTV-Webseite zur Peter-Grant-Serie:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

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