Zwitschernde Fische

  • von Andreas Séché
  • Roman
  • ars vivendi verlag  2012   www.arsvivendi.com
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag
  • 168 Seiten
  • 16,90 € (D), 17,40 € (A)
  • ISBN 978-3-86913-106-1

ZWISCHEN  DEN  ZEILEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bereits das Wort LekTÜRE enthält eine Türe, gewissermaßen eine Portalüberschrift, die den aufmerksamen Betrachter darauf hinweist, daß Lesen buchstäblich in eine Geschichte – oder bei Sachbüchern in ein Wissensgebiet – hineinführt.

Buchhändler empfehlen und verkaufen ihren Kunden demnach ein papiernes Mischwesen aus Dauereintrittskarte und Tür, und das Lesen ist dabei der Universalschlüssel; eine Vorstellung, die mir als Buchhändlerin schon immer sehr gefallen hat.

„Zwitschernde Fische“ ist ein federleichtes und herzenstiefes Buch, das wach macht für die Wegweiser der Inspiration, die, wenn man aufgeschlossen dafür ist und gerne hinter die Dinge schaut, sogar im Alltag wohnen und auf Entdeckung und Würdigung warten.

Yannis, unser Romanheld, ist ein junger Mann, der Bücher und Buchhandlungen liebt und für den jeder neue Buchkauf ein Festakt ist, den er zunächst gebührend mit einem guten Frühstück beginnt: „ … Lesen ist ja nichts anderes als Essen mit den Augen.“
(Seite 9)

Buchhandlungen und Stadtparks, findet Yannis, bieten eine ideale Kulisse, um der Traumfrau zu begegnen. Er hat einige wunderschöne, ebenso romantische wie verwegene Gesprächseröffnungsideen (die übrigens ausgesprochen unwiderstehlich- empfehlenswert sind) in seiner Sehnsuchtsvorratskammer gestapelt, aber er ist bisher zu schüchtern gewesen, um seine Worte und Gesten auch in die Tat umzusetzen.

Auf dem Weg zum Buchladen macht er Rast auf seiner Lieblingsparkbank im Athener Stadtpark und denkt darüber nach, ob die Kellnerin aus seinem Lieblingscafé, in die er still, leise und heimlich verliebt ist, ihn aus Zuneigung oder aus professioneller Grund-haltung stets so freundlich anlächele. Diese Frage bleibt unbeantwortet, und Yannis macht sich gedankenversunken wieder auf den Weg.

Doch er verläuft sich und findet sich plötzlich vor einem altmodischen Buchladen mit beinahe undurchsichtigem Schaufenster wieder, in einer Gasse, die seltsam aus der Zeit gefallen scheint. Yannis kommt es fast vor, als sei diese Buchhandlung ein Überbleibsel aus dem Athener Buchhändlerviertel, das vor zweittausendfünfhundert Jahren existiert hat.

Neugierig berührt Yannis den silbernen Drehknauf der verwitterten, hölzernen Eingangstür, die daraufhin langsam und bedächtig aufschwingt. „Es sind schon Kinder durch Türen gegangen und als Erwachsene zurückgekehrt. Hinter Türen können Narren zu Weisen werden, Ziellose zu Menschen mit einer Bestimmung und Ungläubige zu Gläubigen.“ (Seite 17)

Yannis begegnet in den Räumen hinter dieser Türe der geheimnisvollen und sehr attraktiven Lio, und in Verbindung mit Lio kommt es zu zauberhaften neuen Lebens-weichenstellungen…  „Die Haut um ihre Augen offenbarte ein gelachtes Leben und einen Menschen, der sich wenig um die feinen Falten der Erkenntnis scherte.“ (Seite 27)

Der Roman „Zwitschernde Fische“ handelt davon, wie das Leben in Geschichten einfließt und wie gelesene Geschichten das Leben beeinflussen, ja, wie für den inspirations-empfänglichen Menschen in der Tat alles miteinander in geheimnisvoller Korrespondenz steht.

Neben seinem eigenen Geschichtenverlauf weckt dieser Roman beiläufig Leselust auf zahlreiche weitere Bücher. Die angeregten Gespräche, die Lio und Yannis über Klassiker der Weltliteratur führen, die Betrachtungen interessanter bis krimineller schriftstellerischer Hintergrundgeschichten sowie die berühmten Anfangssätze, die sie sich wechselseitig vorlesen, machen abwechslungsreich Appetit auf mehr. „Geschichten sind das Gewürz der Wirklichkeit.“ (Seite 168)

Andreas Séchés Sprache hat einen besonderen melodischen Klang, eine zärtlich-atmende, lebendige Anziehungskraft, die den geneigten Leser sogleich in die Geschichte hineinverführt. Die dramaturgisch geschickt eingewobenen, schimmernd-changierenden Schnittstellen und Reflexionen zwischen Fiktion und Wirklichkeit sowie leibhaftige literarische Anspielungen bewirken – den Musen sei Dank – eine außergewöhnlich traumwandlerische LekTÜRE.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://arsvivendi.com/Buch/Search/9783869131061-Zwitschernde-Fische

 

Wer gerne die wunderbaren Gesprächseröffnungsideen nachlesen möchte, schaue bitte unter folgendem Link nach, dort auf CHRINOLOS Webseite habe ich mich nämlich auf den ersten Leseblick in dieses Buch verguckt: https://seelenglimmern.com/2018/02/11/hier-konnte-in-einsamkeit-zweisamkeit-erbluehen/

 

Hier entlang zum Buchtrailer:

 

Der Autor:

»Andreas Séché, geboren 1968, schrieb als Journalist für Tageszeitungen und war zwölf Jahre lang Redakteur bei einer Zeitschrift in München, bevor er in seine Heimat, das Rheinland, zurückkehrte. Heute lebt er als Schriftsteller am Niederrhein. Bei ars vivendi sind bisher seine Romane Namiko und das Flüstern (2011), Zwitschernde Fische (2012) und Zeit der Zikaden (2013) erschienen.« http://andreas-seche.de

 

Querverweis:

Wechselwirkungen zwischen Literatur und Leben sind ein unermüdliches und spannendes Thema für Romane. Von einer solchen literarischen Spurensuche, ihren heiter bis wolkigen zwischenmenschlichen Verstrickungen, nebst schelmischen Bezügen zu verlegerischen Buchvermarktungsstrategien, handelt auch „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ von David Foenkinos: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/01/das-geheime-leben-des-monsieur-pick/

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Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman BUCHAUSGABE

  • von Laurence Sterne 
  • Roman
  • Verlag Galiani Berlin    September 2015   http://www.galiani.de
  • Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von
  • Michael Walter
  • Mit einer Dokumentation zur Entstehung des Romans,
  • einem Nachwort und einer Bibliographie
  • von Wolfgang Hörner
  • 848 Seiten, Klappenbroschur
  • 24,99 € (D) 25,70 € (A)
  • ISBN 978-3-86971-119-5

BIOGRAPHISCHE  SCHNIPSELJAGD

Zum 250. Todestag von Laurence Sterne am 18. März 2018

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Schriftstellerei – so sie denn recht betrieben – ist nur eine andere Bezeichnung für Konversation.“

Obiges Zitat taucht uns sogleich nachhaltig in Laurence Sternes Tinte und bereitet uns auf die nachfolgende ausschweifende, anekdotisch-biographische Schnitzeljagd und digressive Eloquenz vor.

Wenn man bedenkt, daß es der Ich-Erzähler von „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“, in Anbetracht seiner umständlichen – gleichwohl ausgesprochen unterhaltsamen – Abschweifungen, inhaltlich und chrono(un)logisch kaum über die Beschreibung seiner Empfängnis, Geburt und frühen Kindheit hinaus schafft, nimmt es Wunder, daß wir heutigen Lesezeitgenossen dennoch solch regen Anteil an seinem eigenwilligen Lebensweg nehmen.

Diese Anziehungskraft geht vom ebenso unkonventionellen wie vorwitzigen Erzählstil aus, obwohl es Sterne durch raffinierte Handlungsunterbrechungen, Klippenhänger und pikante Andeutungen durchaus auch gelingt, die inhaltliche Spannung auf den Fortgang seines schwierigen Lebenslaufes munter wachzuhalten. Er macht uns dank seiner differenzierten Charakterisierungen mit seinen Familienmitgliedern innig vertraut und überrascht uns dennoch unentwegt mit unverhofften Abzweigungen und Schicksals-schlägen.

Der Held und Ich-Erzähler Tristram Shandy lebt und schreibt im 18. Jahrhundert und unternimmt den vergeblichen Versuch, uns sein Leben zu erzählen. Zwar beginnt er recht folgerichtig und – angesichts der Epoche (der erste Band erblickte im Jahre 1759 das Licht der Öffentlichkeit) – unbefangen ausführlich mit der Schilderung seiner Zeugung. Doch im Anschluß daran folgen umfängliche Exkurse in die shandysche Familiengeschichte und diverse ehevertragliche Segnungen, Abschweifungen zu Ballistik, Medizin, Philosophie, Theologie, dem Nutzen von Hilfsverben, zur Züchtigkeit und Unzüchtigkeit von Knopf- und Schlüssellöchern, quietschenden Türen, Abzweigungen zur herausragend-eindeutigen Zweideutigkeit von Nasen und zum nicht zu unterschätzenden schicksalhaft-charakterformenden Einfluß, den Namen unweigerlich auf die Lebensgestaltung haben – ganz zu schweigen von der pränatalen Bedeutung regelmäßig aufgezogener Standuhren.

Ergänzt wird dieses Panoptikum um liebevoll-lebhafte Charakterstudien von Mutter und Vater sowie Onkel Toby und seinem Korporal Trim, nebst dazugehörigen Anekdoten und Gedankensprüngen. Auch die Beziehungsdynamik zwischen Herr und Diener und allerlei ehetrauliche Petitessen und Regelmäßigkeiten werden mit ausschweifender Eloquenz ausgewalzt, bis man den ursprünglichen Erzählfaden längst aus den Augen verloren hat.

Das ist aber nicht weiter schlimm, sondern tatsächlich durchaus unterhaltsam und sehr ereignisreich, insbesondere weil der Autor häufig metafiktiv ins Geschehen eingreift und beispielsweise eine Figur lauschend an der Tür stehen läßt, um uns wieder irgendeine Vorgeschichte oder einen Zusammenhang zu erklären, und erst viel später wieder zur Ausgangsszene zurückkehrt, um sich in direkter Ansprache an den Leser dafür zu entschuldigen, daß es etwas länger gedauert habe.

Laurence Sternes Roman ist kurios, lustig und nachdenklich, insbesondere ist er jedoch ungewöhnlich freidenkerisch. Mit großer sprach- und wortspielerischer Lust serviert er eine vielschichtige Kombination aus charmanter Courtoisie, Corpus Delikati, skurrilen Psychogrammen und herzhaft-abgeklärter Zwischenmenschlichkeit, die dem gegen-wärtigen Leser – trotz unwiderstehlich-altmodischer Formulierungen – erstaunlich modern erscheint.

Sternes unkonventioneller Schreibstil spielt mit metafiktiven Hinweisen, ja, beinahe sogar mit Regieanweisungen. Er fragt den Leser unmittelbar nach seiner Meinung, entschuldigt sich bei der Leserin für eindeutige Zweideutigkeiten und beteuert seine Unschuld angesichts möglicher pikanter Mißverständnisse.

Der Ich-Erzähler bemüht sich nach Kräften, sein Leben mitzuschreiben, indes kommt er einfach nicht mit, und selbst nach neun vollendeten Bänden findet er keineswegs zum Ende, da er sich selbst ununterbrochen ins Wort fällt, sich in allerlei Spitzfindigkeiten und kapriziösen Aufzählungen ergeht und von Abschweifung zu Abschweifung schwadroniert.

En passant beklagt sich der Autor sogar selbst lebhaft darüber, daß sein noch so eifrig-eilendes Schreibbemühen seinen turbulenten Lebenslauf einfach nicht einholen kann, wofür er seine Leser und Rezensenten ausdrücklich um Geduld und Nachsicht bittet.

Der Vater, Walter Shandy, ist ein wohlhabender Gutsbesitzer und Kaufmann, lebens- und reiseerfahren, naturwissenschaftlich und philosophisch durchaus gelehrt und sehr belesen in antiken Klassikern, aber auch auf Lesedu mit Cervantes, Montaigne, Swift, Rabelais usw. In praktischen Dingen ist er allerdings alltagsuntauglich und schafft es nicht einmal, ein jämmerlich quietschendes Türscharnier ölen zu lassen, ganz zu schweigen von seinem erziehungstheoretischen Meisterwerk, seiner Tristra-Paedia, die er so langsam verfaßt, daß sie gar nicht ernsthaft zur Anwendung kommen kann.

Onkel Toby ist ein zartfühlender, gutmütiger, geradezu unschuldslammhafter Haupt-mann, der bei der Belagerung von Namur eine „Blessur an der Schamleiste empfing“ und nach langer Genesungszeit und ausgiebigen theoretischen Ballistik- und Festungsbau-studien seinen militärischen Eifer nun bei nachgestellten Modellbau- belagerungen im Garten auf einem Boselplatz – auf einem Steckenpferd reitend – austobt, zusammen mit seinem ehemaligen Burschen Korporal Trim, der inzwischen sein aktueller Kammerdiener, Modellbaumeister, Materialbeschaffer und Spielgefährte beim Steckenpferdreiten  ist.

Als Onkel Toby, der nicht den blassesten Schimmer hat, wo „das richtige oder falsche Ende einer Frau“ sei, sich in die benachbarte Witwe Wadman verliebt hat und um sie wirbt, ist seine Blessur an der Schamleiste Anlaß für unaussprechliche weibliche Spekulationen und Neubegierden bezüglich gewisser ungehöriger Einzelheiten der familienplanerischen Art …

Vorgeschichten von Vorgeschichten, umständliche Umstände, innere Befindlichkeiten und äußere Gegebenheiten, kuriose Zufälle und dramatische Mißgeschicke, emotionale und ideelle Über- und Unterempfindlichkeiten, Mißverständnisse und Verlegenheiten, Hinderlichkeiten, verfluchenswerte Verknotungen, Weis- und Albernheiten, assoziative Überleitungen, literarische Anspielungen sowie vielfache Zweideutigkeiten führen uns auf neue Erzählwege und vor allem Nebenwege – nur eine chronologische, gerade Linie liefert uns Laurence Sternes Textgespinst nicht. Doch gerade diese Unberechenbarkeit ist reizvoll und spannend, man errät nie, was als nächstes geschieht.

Laurence Sterne überschreitet gekonnt, galant-pikant und heiter-freizügig die üblichen Grenzen geschriebener Prosa. Selbstironische Fußnoten, eine gänzlich schwarzeinge-färbte Buchseite als Ausdruck von Trauer, ein Kapitel über Kapitel, unbeschriebene Seiten, lateinische, altgriechische, echte sowie erfundene Zitate, Kreuz- und Querver-weise, verheißungsvolle Vorankündigungen und erklärende Nachreichungen, Reflexionen auf Reflexionen, ein Alphabet der Liebe – literarische Experimentierfreude und übermütige Verspieltheit, wo man hinliest.

„Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ ist ein Lesestoff, der nach konzentrierter Aufmerksamkeit verlangt; die verzweigungsreiche, assoziative Erzähl-weise, die Satzbaulabyrinthe mit ihrer eigenwilligen rhythmischen Satzzeichenpartitur, die possierliche Detailkrämerei, die umständlichen Wortgefechte, die unzähligen Neben-sachen, die sich dramatisch auf die Hauptfiguren auswirken usw., wollen ja im Geiste des Lesers in memorabler Balance gehalten werden.

Die im Anhang befindlichen ausführlichen Anmerkungen des Übersetzers zu zeitspezi-fischen Bezügen und Begriffen  sowie den dokumentarischen Anhang mit einigen Briefen Laurence Sternes sollte man tunlichst zu Rate ziehen, um den historischen Anspielungen angemessen folgen zu können.

Das informative Nachwort von Wolfgang Hörner eröffnet dem Leser zudem einen Einblick in die literatur-revolutionäre Kraft und Inspiration, die von diesem Werke ausging.

Fürwahr, der Autor reüssierte als admirabler Schelm und hatte und hat gewißlich zeitlosen Erfolg und Einfluß damit.

Daß sich hier und dort in meine Buchbesprechung altertümliche Wendungen hinein-ranken, läßt sich nach über 700 Seiten intensiver sternescher Leseerfahrung und vielen Lektürestunden auf Shandy-Hall und Umgebung mitnichten verhindern; zudem ist dies schon eine vorköstliche Probe aufs Original, wovon der hinkünftige Leser ergo profitiert. Also bitt‘ ich das geneigte Lesepublikum um empfängliche Aufgeschlossenheit für die erlesenen Umgangsförmlichkeiten, die wohlproportioniert auf mich abgefärbt haben.

Wie meinen? Ich solle mich kürzer fassen? Ja, mit Verlaub, Euer Gnaden, ist es denn überhaupt möglich, diesen Klassiker kurzzufassen? Nun, will ich es am Ende gerne tapfer wagen:

„Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ ist ein famos-vergnügliches, geistreich-irrlichterndes, amouröses Meisterwerk, in welchem sich kultivierter Stil und sprachspielerische Lust vorzüglich paaren und amüsante Kurzweil zeugen.

Mit verbindlicher Empfehlung und wohlaffektionierten Grüßen
Euer Belesenheit
Ulrike Sokul von Leselebenszeichen

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.galiani.de/buch/leben-und-ansichten-von-tristram-shandy-gentleman/978-3-86971-119-5/

Querverweise:

Eine weitere Rezension finden Sie unter nachfolgendem Link: http://www.vigilie.de/2006/das-witzigste-buch-der-welt/

Hier entlang zu meiner entzückt-entzückenden Hörbuchbesprechung selbigen Werkes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/17/leben-und-ansichten-von-tristram-shandy-gentleman/

Anläßlich des 250. Todestages von Laurence Sterne bringt der Verlag Galiani Berlin in edel-bibliophiler Ausstattung die erste deutsche Werkausgabe zum Preis von 98 € (D) auf den Buchmarkt:

»Mit zahlreichen Erst- und Neuübersetzungen; komplett übersetzt vom vielfach preisgekrönten Michael Walter; drei Bände im Schuber, mit einem biographischen Beiheft von Wolfgang Hörner; prächtig ausgestattet, Fadenheftung, Lesebändchen, farbige Marbled Page.«

Hier entlang zur Verlagswebseite für mehr Informationen:
http://www.galiani.de/buch/werkausgabe/978-3-86971-157-7/
und feierlichen Sonderveranstaltungen:
http://www.galiani.de/buecher/specials/werkausgabe-laurence-sterne.html?s=michael%20walter

Für meine Berliner Leser könnte folgendes Spektakel eine interessante Versuchung sein: Vom 23. bis 25. März  2018 verwandelt sich das Literaturhaus in der Fasanenstraße in Shandy Hall Berlin! Unter nachfolgendem Link finden Sie das komplette Veranstaltungsprogramm: https://literaturhaus-berlin.de/wp-content/uploads/2018/03/LHB_Programm0304_screen.pdf

 

Der Autor:

»Laurence Sterne (1713-1768) schrieb nur zwei literarische Bücher. Beide aber machten weltweit Furore wie kaum je andere: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (1759-1767) und Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick (1768). Er gilt (zu Recht) als Urvater des modernen Romans, seine Verehrer sind zahllos (um nur einige nicht-britische zu nennen: Lessing, Wieland, Diderot, Goethe, Jean Paul, Thomas Mann, Sigmund Freud, Nabokov, Arno Schmidt, Italo Calvino, Javier Marias). Seine Bücher sind seit Erscheinen Grundbestand jedes guten Bücherschranks.«

Der Übersetzer:

»Michael Walter lebt und arbeitet in München. In den über 30 Jahren seiner beruflichen Tätigkeit als freier Übersetzer hat er über 60 Werke nahezu aller literarischen Genres übersetzt, u.a. von Lewis Carroll, George Orwell, Julian Barnes, Henry James, Herman Melville. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Johann-Heinrich-Voss-Preis und 2018 den Europäischen Übersetzerpreis.«

Das Buch

  • Eine Hommage
  • von Burkhard Spinnen
  • Mit Illustrationen von Line Hoven
  • Verlag Schöffling & Co.  2016    www.schoeffling.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • schwarzes LESEBÄNDCHEN
  • 144 Seiten
  • ISBN 978-3-89561-046-2
  • 15 € (D), 15,50 € (A)

BUCHBESINNUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Als bibliophiler Mensch hält man es für unmöglich und undenkbar, daß gedruckte Bücher jemals aussterben könnten. Burkhard Spinnen serviert dem geneigten Leser jedoch schon gleich zu Beginn seines Bücherbuches einen bedenkenswerten, spannenden historischen Vergleich. Einst waren Pferde und pferdebetriebene Fahrzeuge allgegenwärtig und selbstverständlich. Mit der Erfindung und Verbreitung des Automobils verschwanden nach und nach Pferdefuhrwerke und berittene Berufe. Heutzutage führen Pferde und gar von echter Pferdestärke angetriebene Fahrzeuge ein seltenes und luxuriöses Nischendasein.

Nachdem uns der Autor solcherart alarmiert hat, widmet er sich seiner Liebe zum gedruckten Buch und erzählt anekdotisch, biographisch und reflektierend, was ihm Bücher bedeuten.

Er erinnert sich an seine weltenerschließenden kindlichen und jugendlichen Erfahrungen mit den gepflegten Buchbeständen der örtlichen Stadtbibliothek und an Bücherkäufe in Buchhandlungen, in Antiquariaten und auf dem Flohmarkt, er schwärmt von alten Büchern mit Widmungen, Randbemerkungen und Eselsohren ebenso wie von neuen, unberührten Büchern, er betrachtet teure und billige Bücher, Buchgeschenke, Leseexemplare, den Reiz von Erstausgaben, Lieblingsbücher, Lesebücher, Lexika, Buchkunst, er folgt Lesespuren und Leserspuren, er sinniert über Bücherregaltypen und Bibliotheken und berichtet von Lust und Last der Büchersammelleidenschaft.

Burkhard Spinnen hat sich vom Schreiner einen begeh- und besteigbaren Bücherturm bauen lassen, der auf einer Grundfläche von nur zwei Quadratmetern Platz für achtzig Regalmeter bietet – zu gerne würde ich seinen Bücherturm einmal besuchen …

„Das Buch“ ist eine eloquente, geistreiche, variationsreiche Bücherplauderei, die auf unterhaltsame und informative Weise Burkhard Spinnens Sympathie für das gedruckte Buch aufblättert. Die feinen Schwarz-weiß-Illustrationen von Line Howen bereichern den Text um stimmungsvolle Leseszenen.

Dieses Bücherbuch ist nostalgisch nah für ältere Leser (ab Jahrgang 1950) und nostalgisch fern für jüngere Leser (ab Jahrgang 2000) – leselohnenswert ist es indes generationenübergreifend für Bibliophile jeden Alters.

Außerdem regt es dazu an, sich eigene Gedanken darüber zu machen, warum wir gedruckte Bücher gegenüber Textdateien bevorzugen, wie unsere lebenslängliche Leseerfahrung uns geprägt und kultiviert hat, welche Geschenke, Erkenntnisse, Rettungen und Ermutigungen und welch erfreulich-freundschaftliche Vertrautheit wir mit sinnlich-greifbaren Büchern immer wieder erlesen und erleben.

Ich persönlich gehe zuversichtlich davon aus, daß gedruckte Bücher und elektronische Bücher gut und gerne nebeneinander leben können. Schließlich hat die elektrische Zahnbürste auch nicht die manuelle Zahnbürste verdrängt, sondern jeder kann sich aus der Fülle der Produkte das Instrument wählen, das ihm angemessen scheint.

Gleichwohl erschließe ich mir geistige Nahrung bevorzugt aus einem gedruckten Buch mit einem Körper aus Papier, Tinte, Leim und Leinen, begleitet von Blätterrascheln, beseelten Buchstaben und Sätzen, die ich streicheln kann.

 

»In der Welt der Texte sind die Bücher die Häuser.
Sie geben ihren Bewohnern Obdach und Schutz, verorten sie,
machen sie auffindbar und wiedererkennbar.
Aus seinem festen Haus schaut der gedruckte Text heute noch mitleidig,
vielleicht sogar ein wenig herablassend nach draußen
auf seine ungedruckten Brüder und Schwestern,
die als Manuskripte, Typoskripte oder Dateien frei flottieren,
obdachlos und in der ständigen Sorge spurlos zu verschwinden.
«

(Seite 17)

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.schoeffling.de/buecher/burkhard-spinnen/das-buch

 

Der Autor:

»Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Erzählungen, Romane, Kinderbücher. Essays, Glossen und Rezensionen. Für seine Werke wurde er vielfach ausgezeichnet. Er lebt in Münster.«

Die Illustratorin:

»Line Hoven lebt und arbeitet als Comiczeichnerin und Illustratorin in Hamburg. In Zusammenarbeit mit Jochen Schmidt entstanden die Bücher Dudenbrooks und Schmythologie. Ihre Arbeiten sind vor allem aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekannt.«

Musikmomente

  • von Hanns-Josef Ortheil
  • btb Verlag   Januar 2018    www.btb-verlag.de
  • 288 Seiten
  • Format: 9 cm x 15 cm
  • Geschenkausgabe im kleinen Format
  • bedrucktes Ganzleinen mit LESEBÄNDCHEN
  • ISBN 978-3-442-71586-2
  • 10,00 € (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.

M U S I K   S P R I C H T !

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hanns-Josef Ortheil präsentiert uns mit seinen Musikmomenten episodenhaft ein klangvolles, musikalisch-biographisches Kaleidoskop und gewährt dezent-persönliche Einblicke in sein Leben, sein künstlerisches und menschliches Werden und seine innige Liebe zur Musik. Musik und Sprache gehen dabei Hand in Hand.

Der Autor kommt als fünftes Kind – nach bereits vier verstorbenen Geschwistern – zur Welt. Dies ist kein leichter Anfang. Seine Mutter ist nach den traumatischen Verlusten verstummt, und Hanns-Josef Ortheil tut es ihr nach und stellt im zarten Alter von drei Jahren ebenfalls das Sprechen ein.

Eines Tages zieht ein geschenktes Klavier in die elterliche Wohnung ein. Dieses neue „Möbelstück“ übt sogleich großen Reiz auf den vierjährigen Hanns-Josef aus, und als die Mutter beginnt, Klavier zu spielen, erkennt das Kind, daß Musik ein der Sprache mindestens ebenbürtiges Ausdrucksmittel ist.

Der Mutter entgeht das rege Interesse des Kindes nicht, und sie läßt es spielerisch auf dem Klavier improvisieren und sich im Wortsinne an das Instrument herantasten. Sie unterrichtet ihr Kind, und die Musik wird das Medium, über welches sich die beiden miteinander verständigen können.

Später spricht die Mutter auch wieder und ermuntert ihren Sohn, seine Eindrücke zur Musik aufzuschreiben – d.h. sie spielt ihm beispielsweise einige Etüden von Carl Czerny vor, und er soll zu jedem Stück spontan notieren, was er beim Hören sieht. Denn, so  erlesen wir, Musik kann man hören und sehen – eine Auffassung, die Synästheten ganz gewiß teilen.

Da Hanns-Josef Ortheil dank begeisterten und willig-disziplinierten Übens rasch große Fortschritte macht, kümmert sich die Mutter um professionelle Klavierlehrer, und der erst achtjährige Junge wird wegen seiner außergewöhnlichen Begabung und seiner frühreif-eigenwilligen Musikauffassungen Schüler von Erich Forneberg.

Er nimmt erfolgreich an Musikwettbewerben teil, bei denen er niemals Lampenfieber empfindet, weil er gänzlich in der Musik aufgeht. Bereits als Kind und Jugendlicher gibt er Konzerte, und eine Laufbahn als Pianist scheint vorgezeichnet. Nach dem Abitur bekommt er ein Stipendium am Conservatorio in Rom. Nach einigen Monaten des Studiums bremst eine starke Sehnenscheidenentzündung seinen musikalischen Ehrgeiz.

Ärztlich verordnete Spielverbote werden stur nicht eingehalten, mit dem Ergebnis, daß eine Heilung der Krankheit in noch weitere Ferne rückt. Durch die Zwangsspielpausen verliert er nach und nach seine Virtuosität, und schließlich muß für den Berufswunsch Pianist eine sinnvolle Alternative gefunden werden.

Diese Alternative findet Ortheil im theoretischen Studium von Musik und im Schreiben über Musik. Vom Schreiben über Musik findet er dann auch zum literarischen Schreiben.

In Ortheils Anthologie „Musikmomente“ wechseln sich die oben umrissenen lebensläuf-lichen Erinnerungen, mit persönlichen musikalischen Reflexionen und Skizzen ab.

Hanns-Josef Ortheils erste Komponistenliebe gilt Mozart, und dieser Neigung ist er bis heute treugeblieben. Des weiteren erzählt er ausführlich von seinem anhänglich-ambivalenten Verhältnis zu Robert Schumann, er mokiert sich über Frédéric Chopin, er bevorzugt Domenico Scarlattis Klaviersonaten als Begleitmusik beim Schreiben, er serviert eine kleine und äußerst appetitanregende Abschweifung zur Musikalität Sizilianischer Dolci im allgemeinen und Cannoli im besonderen, er schreibt einen Liebesbrief an Hélène Grimaud, er erinnert sich schwärmerisch an Konzertbesuche und läßt sie sprachlich-virtuos nachklingen …

Interessant und durchaus nachahmenswert sind zudem Ortheils Berichte über seine  Experimente, Musik nicht nur in geschlossenen Räumen zu lauschen, sondern draußen, unterwegs, während einer langen Zugfahrt, in einer Gondel in Venedig und beim Schwebebahnfahren in Wuppertal … Moderne, tragbare Musikabspieltechnik macht es leicht, „seine“ Begleitmusik einfach mitzunehmen und zu hören, wann und wo immer es beliebt, und so den Musikgenuß um eine lebendige Kulisse zu ergänzen.

„Musikmomente“ ist ein Potpourrie erlebter, erlittener, erliebter, erhörter und erspielter Musik – in eine Sprache übersetzt, die der Musik ein bis in die Fingerspitzen spürbares Echo gibt.

 

»Wenn es mir gelingt, hoch konzentriert zu bleiben, bemerke ich nämlich sonst nichts mehr, nicht einmal mein eigenes Spiel. Es ist eine Art Trance, ich bewege mich in der Musik, als fülle sie mich vollständig aus, als wäre ich mit diesem Klangraum identisch.«  (Seite 182)

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Musikmomente/Hanns-Josef-Ortheil/btb-Taschenbuch/e516138.rhd

Der Autor:

»Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln als einziges Kind einer Bibliothekarin und eines Vermessungs-ingenieurs geboren. Vor seiner Geburt hatten die Eltern vier Söhne im Krieg und in der Nachkriegszeit verloren. Im Alter von drei Jahren folgte Ortheil seiner wegen dieser traumatischen Ereignisse verstummten Mutter und sprach ebenfalls nicht mehr. Erst von seinem achten Lebensjahr an wurden diese schweren Störungen durch einen täglichen, unkonventionellen Schreibunterricht der Eltern allmählich behoben (davon erzählt Ortheil ausführlich in „Der Stift und das Papier“). Kurze Zeit später wurde seine besondere Begabung für das Erzählen bereits deutlich, und er veröffentlichte erste Erzählungen in Tageszeitungen. Das Schreiben wurde mit der Zeit immer mehr zu einem existentiellen Medium des Überlebens. Neben der Literatur hatte die Musik für den anfangs Sprachlosen die größte Bedeutung. Er erhielt früh Klavierunterricht und setzte seine pianistische Ausbildung später als Schüler von Daniela Ballek und Claudio Arrau fort. In Köln, Wuppertal und im Westerwald aufgewachsen, machte er 1970 in Mainz Abitur, danach ging er für längere Zeit nach Rom. Dort finanzierte er sein pianistisches Studium am römischen Conservatorio als Organist an einer deutschen Kirche. Nach einem krankheitsbedingten Abbruch seiner pianistischen Laufbahn arbeitete er als Film- und Musikkritiker und begann später ein Studium der Musikwissenschaften, Philosophie, Germanistik und Vergleichenden Literaturwissen-schaft in Mainz, Rom, Göttingen und Paris, das er 1976 in Mainz mit der Promotion abschloss. Von 1976 bis 1988 war er Assistent am Deutschen Institut der Universität Mainz, 1990 übernahm er eine Dozentur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. 1988 war er „Writer in residence“ an der Washington-University in St. Louis/Missouri und 1991 und 1993 „Villa Massimo-Stipendiat“ in Rom. Später übernahm er Poetikdozenturen an den Universitäten von Paderborn, Bielefeld, Heidelberg, Zürich und Bamberg. 2003 erhielt er an der Universität Hildesheim die erste Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Deutschland. Hanns-Josef Ortheil ist Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 2009 wurde er erster Direktor des neu gegründeten „Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft“ der Universität Hildesheim.«  http://www.hanns-josef-ortheil.de

Erzähler der Nacht

  • von Rafik Schami
  • Roman
  • Beltz & Gelberg Verlag, 1. Auflage 1989 www.beltz.de
  • Taschenbuchausgabe  2016
  • 288 Seiten
  • Format: 12,6 x 18,8 x 1,7 cm
  • 9,95 € (D)
  • ISBN  978-3-407-78987-7

L E S E L A U S C H E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Rafik Schamis Buch „Erzähler der Nacht“ ist ein märchenhaftes Werk von zeitloser Schönheit und Erzählkunst. Es ist schon lange überfällig, daß ich dieses poetisch-phantasievolle Lieblingsbuch anpreise, empfehle, ja, es jedem eindringlich ans Leseherz lege, denn es gehört wahrlich zu den seltenheitswerten Büchern, deren Lektüre man sich nicht entgehenlassen sollte.

Die Geschichte spielt im Jahre 1959 in der Altstadt von Damaskus. Der alte Kutscher Salim, der ein Leben lang ein begnadeter Geschichtenerzähler war, bekommt eines Nachts Besuch von einer Frau, die er noch nie zuvor gesehen hat. Sie duftet nach Orangenblüten und offenbart ihm, daß sie seine Geschichtenfee sei.

Nach all den Geschichtenverschachtelungen, aus denen sie ihn immer wieder zum folgerichtigen Abschluß geführt habe, ginge sie nun in den wohlverdienten Ruhestand. Das bedeute für Salim, daß er seine Stimme verlieren werde. Ihm stünden jetzt noch exakt einundzwanzig Wörter zur Verfügung, und danach sei er stumm.

Doch da die Fee ihn so lieb gewonnen hat, habe sie den Feenkönig um Gnade gebeten, und der Feenkönig erkläre sich bereit, Salim eine junge Fee zur Seite zu stellen, wenn er folgende Bedingung erfülle: Er müsse innerhalb von drei Monaten sieben einmalige Geschenke bekommen, dann könne er wieder sprechen und erzählen.

Welche Geschenke dies seien, müsse er selbst herausfinden. Wie es Salim am nächsten Tag gelingt, mit der geringen Wörterzahl seinen sieben Freunden mitzuteilen, was ihm die Fee gesagt hat, ist bereits eine eigene kleine Geschichte.

Die Freunde, die sich seit Jahren jeden Abend bei Salim einfinden, seinen Tee trinken und seinen Geschichten lauschen, sind selbstverständlich ausgesprochen hilfsbereit. Die Freunde, das sind der Schlosser Ali, der Geographielehrer Mehdi, der Friseur Musa, der ehemalige Minister Faris, der Emigrant Tuma, der Gemüsehändler Isam und der Kaffeehausbesitzer Junis.

Zunächst versuchen es die Freunde mit materiellen Geschenken; sie laden Salim siebenmal zum Essen ein, besorgen sieben Hemden und Hosen, servieren sieben Weine und sieben feine Parfüms … Doch selbst eine Reise durch sieben Städte, über sieben Berge, durch sieben Täler und Ebenen bringt Salims Stimme nicht zurück.

Schließlich sind es nur noch acht Tage, bis die vom Feenkönig gesetzte Frist abgelaufen ist. Besorgt sitzen die Freunde beieinander und grübeln nach einer Lösung. Plötzlich hat der Lehrer eine Eingebung und regt an, sie sollten sieben Geschichten erzählen. Der Vorschlag wird eifrig diskutiert, und dann wird ausgelost, wer am nächsten Abend die erste Geschichte erzählen soll.

So kommt ein lebhafter Reigen von Geschichten zu Wort, in dem sich Abenteuer, Märchen, Gesellschaftskritik, Menschenkenntnisreichtum, Todesmut und Lebensfreude, Persönliches und Politisches, Wahrheit und Lüge, Tragik und Komik, Sehnsucht und Erfüllung, Verzauberungen, Flüche, Erlösungen, wahre Liebe und echter Lebensalltag sowie Phantasie, Philosophie und Mitmenschlichkeit die Hände reichen und abwechs-lungsreich, kunterbunt sowie immer wieder überraschend umeinander kreisen.

Vorzüglich gelingt es Rafik Schami zudem, die eigenwilligen Schicksalsgeschichten und Charakterisierungen der sieben Freunde und Salims Lebenslauf in fügsamer Dramaturgie in die Rahmenhandlung einzuweben und zusätzlich eine sinnlich-dufterfüllte, farbenfrohe nostalgische Liebeserklärung an die Stadt Damaskus zu schreiben. Außerdem erlesen wir einige feine Unterweisungen in der Kunst des guten, fesselnden Erzählens und des hingebungsvollen Zuhörens, wie sie die Tradition der Hakawatis, der orientalischen Kaffeehauserzähler, repräsentiert.

In der orientalischen Erzählweise enthält jede Geschichte kleinere und größere Abzweigungen, man erzählt nicht geradlinig von A nach B und von B nach C, oh nein, das wäre viel zu einfach und langweilig – man beginnt eine Geschichte, und diese Geschichte hat selbst schon eine eigene Biographie, die ebenfalls miterzählt wird, und auch bestimmte Figuren oder Requisiten haben eine Vorgeschichte, die erwähnenswert ist, ganz zu schweigen von freundschaft- lichen, feindlichen oder verwandtschaftlichen, heimlichen oder unheimlichen Bezügen zwischen diversen Figuren und Orten und nicht zu vergessen die fließenden Übergänge zwischen reiner Phantasie, wahrer Lüge und unmöglicher Wahrheit.

Sehr amüsant spielt Rafik Schami auch mit der Verschiedenheit von östlicher und westlicher Mentalität. Als der ehemalige Emigrant Tuma ganz reell von seinem Lebensalltag in Amerika erzählt und beispielsweise berichtet, daß dort in den Geschäften die Preise für die Waren feststehen und keineswegs gehandelt wird, daß die Menschen Sonntagsspaziergänge auf den Friedhöfen unternähmen und daß es üblich sei, daß die Gäste dem Gastgeber Speisen mitbrächten, halten die Freunde ihn für einen Lügner – denn solche Barbaren könnten doch selbst die Amerikaner nicht sein.

Zu den einfachen, gleichwohl wohlgeformten und feingewürzten Worten gesellt sich harmonisch die bibliophile Gestaltung des Buches. Jedes Kapitel wird von einer eigenen arabesken Zierleiste dekoriert und endet mit einer arabesken Medaille. Die Titelbildzeichnung mit ihrem farbenfrohen Häusermosaik ist eine wunderschöne Einladung in die verwinkelten, warmherzigen, weisen und schelmischen Geschichten eines meisterhaften Erzählers.

 

»Lügen und Gewürze sind Geschwister.
Die Lüge macht jedes fade Geschehen zum würzigen Gericht.
Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit wollen nur Richter hören.
Aber genau wie die Würze soll die Lüge das Geschehen abrunden.
„Nicht zuwenig, aber auch nicht zuviel macht dessen Genuß köstlich“, dachte Salim …«
(Seite 99)

 

Hier entlang zum Buch beim Beltz Verlag:
http://www.beltz.de/kinder_jugendbuch/produkte/produkt_produktdetails/3608-erzaehler_der_nacht.html

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE im DTV-Verlag:  
https://www.dtv.de/buch/rafik-schami-erzaehler-der-nacht-11915/

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren. Von 1966 bis 1969 war er Herausgeber und Mitautor der Wandzeitung »Al-Muntalak« im alten Viertel von Damaskus. 1971 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland über. Er promovierte in Chemie. Seit 1982 ist er freier Schriftsteller und lebt in Marnheim/Pfalz. Für sein literarisches Werk erhielt er viele wichtige Auszeichnungen, u.a. den Adalbert-von-Chamisso-Preis, Hermann-Hesse-Preis, den Tüddelbandpreis, den Preis der Stiftung Bibel & Kultur und den großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Außerdem wurde der Roman »Eine Hand voller Sterne« in Wien für »Eine Stadt, ein Buch« (2011) und in Köln für »Ein Buch für die Stadt« (2015) ausgewählt. Sein Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt. Seit 2002 ist Rafik Schami Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Bei Beltz & Gelberg erschienen von Rafik Schami außerdem die Romane  »Der ehrliche Lügner« und »Sami und der Wunsch nach Freiheit« sowie die Bilderbücher »Der Wunderkasten« (Bilder Peter Knorr) und »’Hast du Angst‘, fragte die Maus« (Bilder Kathrin Schärer). «

Hier entlang zur informativen Webseite von Rafik Schami:
http://www.rafik-schami.de/

Einige Bücher von Rafik Schami gibt es – bequem über den deutschen Buchhandel zu bestellen – auch in arabischer Sprache beim Hans Schiler Verlag: http://www.rafik-schami.de/special-alle-buecher-alle-buecher/arabische-ausgaben/c-1478

Querverweise:

Hier entlang zu Rafik Schamis berühmtem Bilderbuch „Der Wunderkasten“,
das von der Zauberkunst handelt, mit Worten zu malen und Kinder zu lehren, mit dem Herzen zu sehen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/14/der-wunderkasten/

Hier geht es zu meiner Besprechung von Rafik Schamis Kinderbuch Meister Marios Geschichte“, in der sich Marionetten als Freiheitskämpfer entpuppen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/22/meister-marios-geschichte

Und hier klopft „Das Herz der Puppe, ein Buch voller Alltag und Wunder, spielerischem Tiefsinn und poetischer Phantasie, das von Rafik Schamis lebendigem Kinderherzen zeugt. Ich lege es Lesern von acht bis achtundachtzig Jahren ans Herz:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/07/28/das-herz-der-puppe/

 

Der Schwan

  • Das Leben der Anna Pawlowa
  • Illustrationen von Julie Morstad
  • Text von Laurel Snyder
  • Aus dem Englischen von Elisa Martins
  • NordSüd Verlag   August 2017    http://www.nord-sued.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 21,5 x 28 cm
  • 48 Seiten
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10393-3
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

SCHWERELOSER  FLÜGELSCHLAG

Zu Anna Pawlowas 87. Todestag am 23. Januar 2018

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Manchmal werden die großen Träume kleiner Mädchen wahr. Anna Pawlowa kam am 12. Februar 1881 in Sankt Petersburg als uneheliches Kind einer Waschfrau zur Welt. Trotz der Armut, in der sie aufwuchs, ermöglichte die Mutter ihrem Kind gelegentlich ein besonderes Vergnügen. So geht sie eines Winterabends mit der achtjährigen Anna ins Mariinski-Theater, und sie sehen das Ballett „Dornröschen“ und hören Tschaikowskys dazugehörige Musik.

Illustration von Julie Morstad © NordSüd Verlag 2017

Fortan kennt Anna nur noch ein Ziel: Sie will Ballettänzerin werden. Die Mutter warnt, daß dies kein leichter Weg sein werde, aber Anna folgt unbeirrbar ihrem inneren Lied und findet im Alter von zehn Jahren Aufnahme in der Kaiserlichen Theaterakademie.

 

Illustration von Julie Morstad © NordSüd Verlag 2017

Damals waren die Tänzer und Tänzerinnen kräftig gebaut, und Anna wurde wegen ihres elfenhaft-zarten Körperbaus belächelt. Doch sie entwickelt ihre eigene anmutig-ausdrucksvolle Bewegungssprache und ertanzt sich unermüdlich ihren Weg zur Primaballerina.

Ihre tänzerische Interpretation der von Michel Fokine für sie entwickelten Solo-Choreo-graphie „Der sterbende Schwan“ zur Musik von Camille Saint-Saëns aus dem Ballett „Der Karneval der Tiere“  macht sie unsterblich berühmt.

Ruhm und Ehrungen sowie Europa- und Welttourneen mit eigenem Ensemble folgen. Sie tanzt in den renommiertesten Theaterhäusern großer Städte, aber auch in kleinen Dörfern, Stierkampfarenen, Tanzlokalen und Turnhallen. Anna Pawlowa möchte für alle Menschen tanzen, sie hat nicht vergessen, woher sie kommt …

Illustration von Julie Morstad © NordSüd Verlag 2017

Jahrzehntelang verausgabt sie sich auf der Bühne, und 1931, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, stirbt sie an einer Lungenentzündung. Angeblich ruft sie im Fieberwahn nach ihrem Schwanenkostüm, doch vielleicht ist das nur eine romantische Legendenranke. Heute, am 23. Januar 2018, jährt sich der Todestag von Anna Pawlowa zum 87. Mal.

Das Bilderbuch „Der Schwan“ gibt Anna Pawlowa mit leichten, luftigen Zeichnungen, dezenter Farbgebung und stimmungsvollen, auf Zehenspitzen balancierenden Zeilen die Ehre. Der Entwicklungsweg der weltberühmten, schwerelosen Ballerina wird im Begleittext mit gleichsam filigraner Wortwahl erzählt. Neben einigen winterlichen Außenaufnahmen und den bescheidenen Interieurs ihrer Kindheit stellt es hauptsächlich Bühnen- und Rollencharakter- szenen dar, die Anna Pawlowas unerschütterliche Tanzsehnsucht und Tanzerfüllung illustrieren.

So ist es ebenso folgerichtig wie poetisch, daß die vorletzte Doppelseite eine leere Bühne mit einigen weißen, zu Boden schwebenden Federn zeigt. Das gibt dem Abschied vom Leben eine zärtlich-schwebende Note, die mit dem „Sterbenden Schwan“ feinsinnig harmoniert.

Ein angefügtes Nachwort liefert Hintergrundwissen zu Anna Pawlowas Lebenslauf und rundet die Bilderbuchkomposition informativ ab.

Für ballettbegeisterte Kinder ist dieses Bilderbuch genau richtig – und für Traumtänzer ebenfalls.

 

Als nostalgische Zugabe serviere ich gerne noch eine Originalaufnahme von Anna Pawlowa:

 

Die Autorin:

»Laurel Snyder, geboren 1974, schreibt Kinderbücher und Gedichte. Sie ist in Baltmore, Maryland, aufgewachsen, wo sie auch Ballettunterricht an verschiedenen Schulen genommen hat. Heute lebt Laurel Synder in Atlanta, Georgia. Sie tanzt noch immer, aber meistens in ihrer Küche.«

Die Illustratorin:

»Julie Morstad, geboren 1976, ist eine preisgekrönte Illustratorin, die mit ihrer Vancouver lebt. Sie teilt ihre kreative Energie zwischen Zeichnungen, Illustration, Animation und Grafik auf. Bei der Arbeit am Bilderbuch „Der Schwan“ konnte Julie Morstad ihre Begeisterung für die Mode, die Stoffe, Interieurs und die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts voll ausleben.«

 

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren Ballett-Bilderbuch, dem Ballett-Märchen
 „Der Nußknacker“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/12/18/der-nussknacker/

Was man von hier aus sehen kann

  • von Mariana Leky
  • Roman
  • Dumont Buchverlag Juli 2017   http://www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 320 Seiten
  • 20,00 €
  • ISBN 978-3-8321-9839-8

B U C H S T A B E N G I R L A N D E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Was für eine wunderbare, transparente Prosa, eine generationenumarmende, sehr schneckenpostlangsame Liebesgeschichte, so warmherzig, gefühlvoll-nachdenklich, heiter-tiefsinnig und sprachschön, daß man diesen Roman nach der ersten Lektüre sofort noch einmal lesen möchte!

Die Geschichte beginnt im August 1983, als die Ich-Erzählerin zehn Jahre alt ist. Luise lebt in einem kleinen Dorf im Westerwald. Sie wohnt mit ihren Eltern im ersten Stockwerk des windschiefen Hauses von Luises verwitweter Großmutter Selma. Selma selbst wohnt im Parterre, und Luise übernachtet oft und gerne bei ihr.

Luises bester Freund ist der gleichaltrige Martin, der später Gewichtheber werden möchte und bevorzugt Luise zum Trainieren hochhebt. Selmas bester und ältester Freund ist der Optiker, der schon seit Jahrzehnten heimlich-unheimlich in Selma verliebt ist und der eine wachsende Sammlung angefangener, unabgeschickter Liebesbriefe an Selma pflegt.

Selma und der Optiker kümmern sich warmherzig und zugewandt um Luise und Martin. Sie sind es, die ihnen geduldig das Schnürsenkelschleifenbinden, Fahrradfahren und Schwimmen beibringen.

Im örtlichen Eiscafé üben die Alten mit den Kindern anhand der Eiskarte und der Zuckertütchenhoroskope das Lesen. So sind Luises erste selbstentzifferte Worte „Eisbecher Heimliche Liebe“  und die astrologische Charakterisierung des Sternzeichens Löwe.

Wenn Luise gewollt oder ungewollt sich selbst oder andere belügt, fallen stets zuverlässig Dinge von der Wand: Handharken, Makramee-Eulen, Lesetafeln, Pfannen, Schilder usw. – dann weiß Luise, daß sich die Wahrheit bemerkbar macht. Dieser eigenwillige Lügendetektor vermittelt Luise immer wieder interessante Erkenntnisse.

Da das Dorf zu klein für eine Schule ist, pendeln Luise und Martin jeden Morgen mit dem Bus ins Nachbardorf, und vom Bahnhof des Nachbardorfes fahren sie mit dem Regional-zug in die Kreisstadt zur Schule. Die viertelstündige Zugfahrt nutzen sie als spielerische Gedächtnisübung; Martin hat nach und nach alle auffälligen Landmarken auswendig gelernt und zählt sie Luise mit geschlossenen Augen, streckensekundengenau auf, was besonders bei verschneiter Landschaft reizvoll ist.

Das Dorf wird von einem übersichtlichen Soziotop bevölkert.  Da sind noch Luises Vater, der im Dorf als Arzt praktiziert, Luises Mutter, die einen Blumenladen mit dem Namen „Blütenrein“ führt, Alberto, der Inhaber des Eiscafés, Selmas abergläubische Schwägerin Elsbeth, Martins Vater, die traurige Marlies, der Einzelhändler, der Postbote, einige Bauern und sonstige Randfiguren sowie ein großer Hund namens Alaska.

Eine weitere tragende Rolle spielt das Okapi. Es ist zwar nur ein geträumtes Okapi, aber es hat in jeder Hinsicht eine nachhaltige Wirkung. Selma hat in ihrem Leben dreimal von einem Okapi geträumt, und jedesmal ist innerhalb von 24 Stunden jemand Nahes aus dem Dorf gestorben.

Nun hat Selma wieder von einem Okapi geträumt. Sie ist bemüht, dieses Omen gegenüber Luise herunterzuspielen, aber das funktioniert ganz und gar nicht. Die Nachricht über Selmas Okapitraum macht sehr schnell die Runde im Dorf. Alle Menschen sind beunruhigt und liegen mehr oder weniger auf der Lauer: Schlägt das Herz normal? Könnte einen heute eine friedliche Kuhherde überrennen? Drohen Dachziegel, Äste oder schwere Lampen vom Himmel zu fallen? Welche Wahrheit muß noch unbedingt ans Licht, bevor es vielleicht zu spät ist? Wegen der zu lüftenden Wahrheiten werden viele Briefe geschrieben und mündliche Geständnisse gemacht, die ohne die Aussicht auf den Tod weiter im Verborgenen geblüht hätten …

Zwölf Jahre später macht Luise in der Kreisstadt eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Bei einem Wochenendbesuch im Dorf läuft ihr am Waldrand der buddhistische Mönch Frederick, der gerade Gehmeditation praktiziert, über den Weg. Frederik ist Gast im „Haus der Einkehr“, einem zum Seminarhaus umfunktionierten Hof. Die beiden kommen etwas holperig und zugleich seltsam vertraut ins Gespräch, und Luise faßt sich ein Herz und bittet Frederik um seine Telefonnummer.

Fredrik lebt in einem buddhistischen Kloster in Japan. Es wird viele Ungewißheiten, Freiräume, Verstockungen, Selbstreflexionen und ausführliche Briefgespräche sowie den regelmäßigen Pulsschlag von zahlreichen Selma-Geburtstagsfeiern brauchen, bis sich Luise und Frederik wiedersehen und das Gleichgewicht der Herzen endlich erreicht ist.

Wir lesen hier keine rosa Liebeszuckergußromanze, sondern gefühlsechte, menschenkenntnisreiche, reife Herzensqualität. Die Geschenke und Verluste des Lebens gehen in diesem weisen Roman harmonisch Hand in Hand, Gefundenes wird verloren und Verlorenes wird gefunden, Vertrauen umarmt Verletzlichkeit.

Mariana Leky charakterisiert und inszeniert ihre Figuren mit einer bewundernswerten psychologischen Tiefenschärfe und einem feinen Sinn für Humor. Eine überaus zärtliche, sinnlich-schwebende Sprachmelodie und augenzwinkernde Verspieltheit erleichtert die Schwerkraft des Schicksals.

Mariana Lekys Roman wartet nicht nur mit einer der schönsten und längsten Liebeserklärungen auf, die ich je gelesen habe, sondern mit lebensechten Originalen, die man nicht so schnell vergißt, ja, die man nach Beendigung der Lektüre sogar ausdrücklich vermißt.

 

Als Leselockhäppchen folgen nun noch drei  Zitate:

»„Du gehst selbstverständlich trotzdem zur Schule“, sagte Selma, die immer wusste, was ich dachte, als hingen meine Gedanken in Buchstabengirlanden über meinem Kopf… « (Seite 18)

»„Sind noch alle da?“ fragte ich.
Selma und der Optiker sahen sich an, und dann erfand Selma die Welt zum zweiten Mal.
„Nein“, sagte sie. „Es sind nicht mehr alle da. Aber die Welt gibt es noch. Die ganze Welt minus eins.“ « (Seite 122)

»Er schaute auf seine Hände, als läge meine Frage dort, als hielte er sie, damit wir sie von allen Seiten betrachten konnten.« (Seite 198)

 

Hier entlang zum Buch und zur aussagekräftigen LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.dumont-buchverlag.de/buch/leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-9783832198398/

Eine feine und ansteckend-begeisternde Besprechung des Hörbuches findet sich in Petras Bücher-Apotheke: https://petrasbuecherapotheke.wordpress.com/2017/09/03/was-man-von-hier-aus-sehen-kann-mariana-leky/

Die Autorin:

»Mariana Leky studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Bei DuMont erschienen der Erzählband ›Liebesperlen‹ (2001), die Romane ›Erste Hilfe‹ (2004) und ›Die Herrenausstatterin‹ (2010) sowie ›Bis der Arzt kommt. Geschichten aus der Sprechstunde‹ (2013). Sie lebt in Berlin und Köln. Mit ihren ersten Erzählungen gewann sie den Allegra Preis 2000. Für den 2001 bei DuMont erschienenen Erzählband ›Liebesperlen‹ wurde sie mit dem Niedersächsischen Literaturförderpreis und dem Stipendium des Landes Bayern ausgezeichnet. 2005 wurde sie für ihren Roman ›Erste Hilfe‹ mit dem Förderpreis für junge Künstler in der Sparte Dichtung/Schriftstellerei des Landes NRW ausgezeichnet.«

Lennart Malmkvist und der ganz und gar wunderliche Gast aus Trindemossen

  • von Lars Simon
  • Roman
  • 2. Band der Lennart-Malmkvist-Reihe
  • Originalausgabe
  • DTV  Verlag   November 2017   http://www.dtv.de
  • Taschenbuch
  • 319 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-2170-0

ZAUBERHAFTE  EHEKRISEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist noch gar nicht so lange her, da führte Lennart Malmkvist ein ganz normales Besserverdienerleben als erfolgreicher Unternehmensberater in Göteborg. Doch von heute auf morgen geriet sein Leben auf eine magische Abzweigung, und er erbte von seinem freundlich-schrulligen Nachbarn Buri Bolmen ein Geschäft für Zauberei- und Scherzartikel und einen sprechenden Mops namens Bölthorn.

Lennart erfuhr von Bölthorn und vom geheimnisvollen Anwalt und Testamentsvoll-strecker, Advokat Cornelius Isaksson, daß er nun einer der Hüter des sagenhaften Dunklen Pergamentes sei. Es gibt vier Teile dieses Pergaments, welche die magische Kraft des Schwarzmagiers Olav Tryggvason, genannt Krähenbein, bannen und somit  Welt und Wirklichkeit vor Tryggvasons schlechtem Einfluß bewahren.

Lennarts Erbe ist mit der Verpflichtung verbunden zu verhindern, daß sich der böse Magier dieser Pergamente, die an verschiedenen geheimen Orten versteckt und gehütet werden, bemächtigt. Dafür muß Lennart so schnell wie möglich wirklich zaubern lernen. Wer sich über diese Vorgeschichte gerne genauer informieren möchte, möge bitte meine Rezension des ersten Lennart-Malmkvist-Bandes konsultieren:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/31/lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen/

Bölthorn und Lennart sind inzwischen gute Freunde geworden und arbeiten eine Namensliste ab, die Advokat Isaksson in Buri Bolmens Unterlagen gefunden hat. Diese Namensliste verzeichnet mögliche Mitglieder der  okkulten Sekte „Tryggvasons Erben“, deren erklärtes Ziel es ist, dem bösen Magier Olav Tryggvason wieder zu seiner alten Macht zu verhelfen.

Henrietta Hellström steht auf dieser Liste, und da sie zufällig in Göteborg wohnt, beschließt Lennart, ihr einen vorsichtigen Besuch abzustatten. Als Adresse ist ein Nebengebäude des Naturhistorischen Museums angegeben. An der Haustür werden Lennart und Bölthorn von einem sichtlich verwirrten Herrn empfangen, welcher der Direktor des Museums und der Ehemann Henriettas ist.

Eine magische Einflußaura ist im ganzen Haus spürbar, und der Hausherr klagt darüber, daß jeden Tag ein unsichtbares Wesen seine Küche demoliere, seit seine Frau verschwunden sei.  Es stellt sich heraus, daß Henrietta entführt worden ist; am Runenstein im innerstädtischen Wald Trindemossen, der sich an den Museumspark anschließt, hat man ihre blutverschmierte Jacke gefunden.

Die Polizei tappt im Dunklen und bei der strengen Kommissarin Maja Tysja steht Lennart auch sogleich wieder unter Generalverdacht, da er immer dort auftaucht, wo gerade ein mysteriöses Verbrechen geschehen ist.

Während Lennart mit verborgenen magischen Mitteln und unter offensichtlicher polizei-licher Observierung seine Nachforschungen anstellt, räumt sein Freund Frederik das Lager des Zauberladens auf, um das Geschäft auf die baldige Neueröffnung vorzu- bereiten. Außerdem richtet er einen Online-Verkauf ein und verkauft ahnungslos das unscheinbare Keksdosen-Orakel, das Lennart mit wohlgereimten Vorhersagen zu versorgen pflegt. Doch dies ist nur eine Panne von vielen und bei weitem nicht die schlimmste …

Das Finanzamt plagt Lennart mit einer beträchtlichen Erbschaftssteuerforderung, da er nicht nur den krimskramigen Laden von Buri Bolmen geerbt hat, sondern auch die dazugehörige wertvolle Immobilie.

Lennarts seltsame Liebesallergie, die ihm, sobald er auch nur eine leise Herzensneigung zu einer Frau entwickelt, unerträglich juckende rote Pusteln am ganzen Körper beschert, zeigt sich diesmal sowohl bei der Wiederbegegnung mit seiner ehemalige Kollegin Emma als auch bei einer „unwirklichen“ Begegnung mit Kommissarin Maja Tysja. Der zwielichtige Leierkastenmann, der schon in ersten Band eine dubiose Rolle spielte, erklärt Lennart, daß er diese Liebesallergie, einem Fluch verdanke.

Ein Kobold mit dem Namen Svartalf muß mit magischen Kochkünsten gebannt werden. Lennart erfährt – nach einigem magischen Kräftemessen – vom durchaus kooperativen Svartalf, daß dieser mit der Fee Vanadia verheiratet ist. Wegen seiner kulinarischen Fleischgelüste hat sie ihn aus ihrem Feenreich verbannt. Er liebe seine Fee jedoch noch immer und wolle sehr gerne zu ihr zurückkehren.

Bölthorn und Lennart wagen einen Ausflug ins Feenreich, dessen Eingang sich an mobilen Portalen stets irgendwo im Trindemossen-Wald befindet. Dazu müssen gefährliche, aber humorvolle Wächter überzeugt werden, doch dies gelingt besser als erwartet. Die Fee ist verwirrend schön und äußerst machtvoll und durchaus verhandlungsbereit, sofern Svartalf dem Fleischgenuß abschwöre. Lennarts scherzhafte Bemerkung, im Feenreich ernähre man sich also feegan, versteht sie zwar nicht, aber sie verspricht Lennart eine großzügige Belohnung, wenn es ihm gelänge, Svartalf von seinem Fleischhunger zu kurieren.

Die Aufklärung der Entführung, der Schutz des Dunklen Pergaments, die Ehekrise von Svartalf und Vanadia, das Entziffern von Runen, das Ertragen von Verwandlungsdruck-wellen und die magische Präparierung eines Elfensteins sowie die Verteidigung des eigenen Lebens gegen menschliche und magische Angreifer bringen Lennart Malmkvist an seine Grenzen. Er ist magiebegabt, aber er hat erst wenig Erfahrung und Übung, und so endet dieser Band mit einem ziemlich harten Klippenhänger …

Auch Lennart Malmkvists zweiter Zauberfall bietet spannende kriminalistische Verwinkelungen, abwechslungsreiche Szenerien mit Göteborger Lokalkolorit, charakterstarke, skurrile Figuren, Dialog- und Situationskomik und erstaunliches Zaubererlatein sowie angedeutete Zusammenhänge, welche die Leseneugier auf eine weitere Fortsetzung unbedingt wachhalten.

Besonders vergnüglich sind Malmkvists alltägliche Schwierigkeiten, sein zauberhaftes Wissen und magisches Wirken und Tun angemessen zu vertuschen und zu tarnen. Hantieren Sie mal unauffällig mit einem Zauberstab oder sprechen mit geschraubten Reimen in eine verbeulte Keksdose, ganz zu schweigen von lebhaften Diskussionen mit einem Mops  …

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ganz-und-gar-wunderliche-gast-aus-trindemossen-21704/

Hier entlang zum ersten Lennart-Malmkvist-Band:
https://www.dtv.de/buch/lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen-21651/

 

Der Autor:

»Lars Simon, Jahrgang 1968, hat nach seinem Studium lange Jahre in der IT-Branche gearbeitet, bevor er mit seiner Familie nach Schweden zog, wo er als Handwerker tätig war. Heute lebt und schreibt der gebürtige Hesse wieder in der Nähe von Frankfurt am Main. Bisher sind von ihm bei dtv eine dreibändige Comedy-Reihe, das Weihnachtsbuch „Gustafssons Jul“ sowie der erste Band der Lennart-Malmkvist-Reihe „Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen“ erschienen. Lars Simon ist ein Pseudonym.«

 

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

  • Ein somnambules Märchen aus Zamonien
  • von Hildegunst von Mythenmetz
  • Aus dem Zamonischen übertragen von Walter Moers
  • und illustriert von Lydia Rode
  • Roman
  • Knaus Verlag August 2017        www.knaus-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • mit hellviolettem Kopfschnitt und LESEBÄNDCHEN
  • Format: 17,0 x 24,0 cm
  • 344 Seiten
  • 24,99 € (D), 25,70 € (A), 33,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8135-0785-0

TRAUMWANDLERISCHE  TRAUMTRUNKENHEIT

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

 

 

»Wenn die Minuten durch die Jahre rufen
Erhebt sich der ewige Träumer
Über seine irdische Last
Und reist mitten hinein
Ins dunkle Herz der Nacht«

Anonym

 

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ fabuliert eine kuriose Exkursion in eine schlaflose Nacht mit hellwachen Träumen – abenteuerlustig, humorvoll, spannend, phantasiegesättigt, gedankenbunt, wortverspielt und sprachverliebt und sogar ein bißchen romantisch und wehmütig.

Prinzessin Dylia, die unter chronischer, periodischer Schlaflosigkeit leidet, bezeichnet sich selbstironisch als Prinzessin Insomnia. Sie stellt sich tapfer ihrer Krankheit nebst deren unangenehmen Begleiterscheinungen und kultiviert eine ebenso selbstreflexive wie phantasievolle philosophische Perspektive. Langeweile ist ein Fremdwort für ihren regen Geist, sie ist empfindsam, kapriziös, neugierig, musikalisch, sprachbegabt, synästhetisch, tagträumerisch, wißbegierig, aber auch Weltmeisterin im Verdrängen unangenehmer Erfahrungen und Gedanken.

Ihre Strategien, sich von der Schlaflosigkeit abzulenken, sind höchst kreativ. So denkt sie sich beispielsweise neue Traumfarben von A bis Z aus,  sie nimmt ausgiebige Mondlichtbäder, die ihr Mondlichtekstasen bescheren, und sie entspannt sich durch ridikülisierendes Anagrammieren – so wird aus Blutdruck Drutbluck und aus Zuckerspiegel Spuckerziegel …

Jeden Morgen wählt Dylia aus dem Zamonischen Wörterbuch dreizehn neue Lieblings-wörter aus, die sogenannten Pfauenwörter, und sie macht es sich zur Aufgabe, diese schillernden Vokabeln im Verlaufe des Tages sinnvoll unterzubringen. Versuchen Sie einmal nach achtzehn schlaflosen Nächten Worte wie „Amygdala, Hoyotojokomeshi, Linguamundivagant, Mamihlapinatapaai, Niemalsweh, Quoggonophobie, Pisanzapra“ usw. sinnvoll in einen Tagesablauf zu integrieren – das schafft nur Prinzessin Dylia.

Eines Nachts wird ihre kreative Nichtschlafroutine durch einen überraschenden Besucher unterbrochen: Havarius Opal, ein versierter Nachtmahr, stellt sich unverblümt-selbstgefällig vor und erklärt ihr nonchalant, daß er gekommen sei, um sie in den Wahnsinn zu treiben.

Dylia vermutet zunächst einen Scherz des Hofnarren oder einen neuen Therapieversuch des Hofalchemisten, aber der kleinwüchsige Gnom mit der vielfarbig-changierenden Mosaikschuppenhaut ist echt und auch kein Traum, wie er ihr greifbar-handgreiflich versichert.

Gönnerhaft bietet er Prinzessin Dylia jedoch an, zuvor mit ihr eine Reise nach Amygdala, ins dunkle Herz der Nacht, zu unternehmen. Das ist eine Versuchung, der die entdecker-freudige Dylia nicht widerstehen kann, und so reisen die beiden nach Innen, in Dylias Gehirn.

Der Weg führt von der Großhirnrinde in der Höhe des Scheitellappens über den Cortex cerebri zum Thalamus, von dort geht es von der Stria terminalis über den Nucleus accumbens bis nach Amygdala. Das klingt jetzt etwas neurologisch, aber keine Angst, es wird wirklich abenteuerlustig, und diversen Ängsten werden wir auch unvermeidlich begegnen.

In den Gehirnwindungen wimmelt es von unglaublichen Lebens- und Gedankenformen: seifenblasenzarthäutige Geistgeister und Zwielichtzwerge, Ideenschmetterlinge, Zweifelspfützen, Gehirnschnecken, bürokratische Egozetten und systematische Thalamiten, Gedankenblitze, Gedankenfalten, Gedankenfäden, Gedankensplitter, Grillos, Ideennebel, rationale und irrationale Geome, Irrschatten und nicht zu vergessen die vielgestaltigen, verfressenen Zergesser und der Subconsciounelle Sumpf, in den abzustürzen weniger empfehlenswert ist.

Gedankenendlosschleifen und kognitive Teufelskreise sind noch das Harmloseste, was einem im eigenen Gehirn passieren kann – da ist beispielsweise der hypnotische Zwangsoptimismus viel bedrohlicher.

Auch den hirnjuristischen Verwaltungsapparat sollte man nicht unterschätzen. Havarius Opal und Prinzessin Dylia müssen einiges an amtsbürokratischer Willkür-Logik ertragen, als sie im Großraumbüro des Thalamus eine Durchreisegenehmigung zur Amygdala nebst Eigenrisikobescheinigung beantragen und von einer gnadenlos-sachlichen Egozette einer Befragung unterzogen werden. So etwas Nervenaufreibendes haben Sie noch nie zuvor erlesen …

Walter Moers beginnt dieses Märchen zunächst gemächlich mit der ausführlichen, detailreichen Ausmalung von Prinzessin Dylias Charakter und ihren Lebensumständen. Mit dem Erscheinen des täuschend-trügerischen, seltsam-sympathischen, launisch-unberechenbaren Nachtmahrs Havarius Opal bekommt Dylias beschauliches Leben aufregenden Gegenwind. Havarius Opal ist ein ambivalenter Mentor, ein unterhaltsamer Reisebegleiter, ein irritierend-irisierender Schelm und Meister traumhafter Täuschungsmanöver. Er funktioniert gewissermaßen „spiegelverkehrt und gegen den Uhrzeigersinn …“ (Seite 212)

Der Autor verbindet die neckische Beziehungsdynamik des ungleichen Paares, ihre gehirngeographischen Erkundungen und traumphilo- sophischen Diskussionen, die erlesenen Gedankenspiele und die phantasievollen Requisiten zu einer raffinierten epischen Dramaturgie, die uns ein traumsinniges Lesevergnügen bereitet.

Der ausgeprägte Sinn für geistreich-sprachspielerischen Humor, der alle Werke Walter Moers‘ aus- und kennzeichnet, kommt besonders in der Figur Prinzessin Dylias zu Wort. Diesmal wortschöpft Moers wahrlich aus dem vollen und erfindet solch köstliche Pfauenwörter, daß ich es kaum erwarten kann, wenigstens ein paar davon in den Duden einwandern zu sehen. Er ist einfach unübertrefflich „linguamundivagant“ …

Die zahlreichen Bilder, die den Text stimmungsvoll schmücken, stammen diesmal nicht vom Autor selbst, sondern von Lydia Rode. Ihre bunten Aquarellzeichnungen illustrieren das märchenhaft-neurologisch-zamonische Panoptikum ganz vortrefflich und bereichern die Geschichte um lebhaften Formenreichtum und feminine Farbenfreude.

In einer Nachbemerkung berichtet Walter Moers, wie Lydia Rode, die von der Krankheit Chronisches Fatiguesyndrom (CFS) betroffen ist, brieflich in Kontakt zu ihm aufnahm und ihn wissen ließ, wie sehr ihr seine Zamonienromane beim Ertragen ihrer Schlaf- losigkeitsphasen geholfen hätten. Aus der gemeinsamen Korrespondenz entstand die Idee zu einer zamonischen Erzählung, die Lydia Rode gerne illustrieren wollte. Dieser Inspirationskeim wuchs sich dann zu vorliegendem traumiversellen Roman aus.

Mit dem siebten Zamonien-Roman beschert uns Maestro Moers von Mythenmetz also nicht die Fortsetzung von „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“, sondern ein originäres zamonisches Märchen: eine regenbogenbunte Traumreise mit neuen eigenwilligen, unvergeßlichen Charakteren und mit einer Gebrauchsanweisung für Nachtmahre, die Sie sich nicht hätten träumen lassen.

Ich bin absolut begeistgeistert!

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Prinzessin-Insomnia-&-der-alptraumfarbene-Nachtmahr/Walter-Moers/Knaus/e529505.rhd

 

Der Autor:

»Walter Moers ist der Schöpfer vieler erfolgreicher Welten und Charaktere. Von ihm stammen unter anderem die Comicwelten um „Das kleine Arschloch“ und dem „Alten Sack“, „Adolf, die Nazisau“ und die Figur des Käpt`n Blaubär. Seit fast 20 Jahren schreibt er fantastische Romane, die auf dem Kontinent Zamonien spielen. Dazu gehören unter anderem die internationalen Bestseller „Die 13 ½ Leben des Käpt`n Blaubär“, „Die Stadt der Träumenden Bücher“ und zuletzt „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“. „Prinzessin Insomnia“ ist der siebte Zamonienroman.«
http://www.zamonien.de/

Die Illustratorin:

»Lydia Rode lebt, malt und zeichnet in Berlin. Ihre Aquarelle für „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ sind ihre ersten veröffentlichten Illustrationen.«

 

Zum dazugehörigen Hörbuch:

„Prinzessin Insomnia  & der alptraumfarbene Nachtmahr“ gibt es auch kongenial vertont in vollständiger szenischer Vorlesung von Andreas Fröhlich.

 

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr
von Walter Moers
Gelesen von Andreas Fröhlich
Produktion: der Hörverlag  August 2017 www.hoerverlag.de
1mp3-Cd
Laufzeit: ca. 11 Stunden, 23 Minuten
Pappschuber
Begleitheft mit Romantextschnipseln
und Zeichnungen von Lydia Rode
ISBN: 978-3-8445-2809-1
24,99 € (D), 28,10 € (A), 35,50 sFr.

 

Andreas Fröhlich erweist sich erneut als virtuoser Vorleser der moeresken Vielstimmigkeit und verleiht den Charakteren munter und nuancenreich mit einfühlsamer Dramaturgie akustische und emotionale Gestalt. Er spricht fließend Anagrammisch, Bürokratisch, Drehsilbisch, Nachtmarisch und Prinzessisch sowie Traumtrunkisch.

Summa summarum: Eine Hörgelegenheit, die Sie nicht verträumen sollten!

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Prinzessin-Insomnia-&-der-alptraumfarbene-Nachtmahr/Walter-Moers/der-Hoerverlag/e530083.rhd

Der Sprecher:

»Andreas Fröhlich, geboren 1965, wurde im Alter von sieben Jahren im Kinderchor des SFB entdeckt. Mittlerweile ist er als „Hörspieler“ Interpret unzähliger Hörbücher und erhielt 2010 nach drei Nominierungen den Deutschen Hörbuchpreis als bester Interpret für den Titel „Doppler“, der in seiner eigenen Hörbuchreihe „Edition Handverlesen“ erschien. Für den Hörverlag übernahm er unter anderem Rollen in den Hörspielen von Alexandre Dumas „Die drei Musketiere“, den „Wallander“-Hörspielen, der „Otherland“-Saga, sowie „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ von Tad Williams. Darüber hinaus liest er den Bestseller „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ von Walter Moers. Andreas Fröhlich zählt zu den bekanntesten Synchronsprechern Deutschlands und leiht u.a. John Cusack und Edward Norton seine Stimme. Zudem ist er als Dialogbuchautor und Dialogregisseur tätig und u.a. für die deutsche Synchronfassung der „Herr der Ringe“-Trilogie verantwortlich, in der er auch die Rolle des Gollum übernahm.«

Hier gibt es noch ein amüsantes Interview mit Andreas Fröhlich zur Hörbucharbeit an „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“:
https://www.randomhouse.de/Interview-mit-Hoerbuch-Sprecher-Andreas-Froehlich-Hoerverlag/Das-Interview/aid76953_14612.rhd

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Zamonienroman: Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/25/die-13½-leben-des-kaptn-blaubar/
und zum zweiten: Ensel & Krete
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/02/05/ensel-und-krete/
sowie zum dritten: RUMO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/05/28/rumo/

 

 

Penguin Bloom

  • Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete
  • von Cameron Bloom und Bradley Trevor Greive
  • FOTOBUCH
  • Aus dem australischen Englisch von Ralf Pannowitsch
  • Originaltitel:»Penguin Bloom – The odd little bird who saved a family«
  • KNAUS Verlag  Februar 2017   http://www.knaus-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • Format: 20 x 18 cm
  • 208 Seiten
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8135-0761-4

H O F F N U N G S F E D E R F L A U M

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es kann einem das Leben retten, einem kleinen Vogel das Leben zu retten. Diese beflügelnde Erfahrung machten der australische Fotograf Cameron Bloom und seine Frau Sam, nachdem ein tragischer Unfall ihr Leben erschüttert hatte.

Cameron und Sam Bloom bereisten stets gerne und auf touristisch unausgetretenen Pfaden ferne Länder und Kulturen. Sie waren in Marokko, Mali, Mauretanien, Burkina Faso, Ghana, Togo, Botswana und Äthopien sowie in einigen Ländern des Nahen Ostens, die heutzutage für Touristen zu gefährlich sind.

Nach den Geburten ihrer drei Söhne ruhte die Reiselust eine Weile. Doch als die Jungs aus dem Kleinkinderalter heraus waren, entschieden sich die Blooms weltneugierig und unternehmungslustig zu einer Reise nach Thailand.

Weit abseits vom Massentourismus peilten sie ein kleines Küstendorf am Golf von Thailand an. Nach einem ausgelassenen Tag am Strand entdeckten sie in der Nähe ihres Hotels eine Aussichtsterrasse. Eine Wendeltreppe führte sie hinauf, und alle genossen den weiten Rundumblick, der sich ihnen in nur sechs Metern Höhe bot. Sam lehnte sich an das Geländer, das morsche Geländer gab nach, und Sam stürzte ab …

Sie erlitt viele innere Verletzungen, die schlimmsten davon waren die Wirbelsäulen-verletzungen. Nach diversen Operationen, vielen Monaten medizinischer Behandlungen und Rehamaßnahmen kehrte Sam im Rollstuhl zurück nach Hause.

Sams Körper hatte überlebt, doch ihr Lebenswille war gebrochen. Die Querschnitts-lähmung, der Verlust ihrer Beweglichkeit und Bewegungsfreiheit, immer wieder auftretende Schmerzen und Muskelkrämpfe und das Angewiesensein auf Hilfe machten ihr schwer zu schaffen. Trotz der familiären Fürsorge, Geborgenheit und Liebe, die sie umgab, spürte ihr Mann, daß sich Sam entfernte, daß sie sich merklich vom Leben abwandte.

Eines Tages findet Sams Sohn Noah auf einem Parkplatz ein aus dem Nest abgestürztes Elsterküken mit verletztem Flügel. Sam beschließt spontan, daß sie dieses Küken retten werden. Die kleine Elster bekommt wegen ihres schwarz-weißen Gefieders den Namen Penguin, und Sam kümmert sich mit Eifer um das geschwächte Küken, das anfangs alle zwei Stunden gefüttert werden muß.

Foto Cameron Bloom © KNAUS Verlag 2017

Tatsächlich findet Sam über die Fürsorge und Verantwortung für Penguin neuen Lebensmut. Penguins Flügel heilt, und aus dem Küken wird ein ausgewachsener Vogel, der lebhaft am Familienleben teilnimmt, aber auch unabhängige Ausflüge in die Umgebung unternimmt und das Überleben in der Wildnis meistert.

Foto Cameron Bloom © KNAUS Verlag 2017

Cameron Bloom hat Penguins Aufwachsen und seine Interaktionen mit Sam und den Kindern in anrührenden, heiteren, schönen, tiefsinnigen und „sprechenden“ Fotos dokumentiert. Die kurzen Begleittexte erzählen in warmherzigem Tonfall von den Empfindungen, Erkenntnissen und Erlebnissen mit Penguin, die immer auch Reflexionen der besonders zutraulichen Beziehung zwischen Sam und Penguin sind sowie Zeugnisse von Sams reanimierter Liebe zum Leben. 

Foto Cameron Bloom © KNAUS Verlag 2017

Auf den letzten 18 Seiten des Buches äußert sich Sam selbst zu ihrem Schicksal und beschreibt schonungslos und unsentimental ihre Daseinsbedingungen als Querschnitt-gelähmte; sie erklärt, was ihr hilft und was ihr nicht hilft, und sie verschweigt auch nicht die schmerzliche Sehnsucht nach Beweglichkeit und die Wut und Verzweiflung, die damit einhergehen. Einfühlsam vermittelnd benennt sie, welche Lebensfreuden ihr trotz der Krankheit möglich sind und dankbar von ihr wahrgenommen werden.  Schließlich weist sie noch hoffnungsvoll auf die Arbeit von Wings for Life www.wingsforlife.com hin, eine Stiftung, die medizinische Forschung für die Heilung von Rückenmarksverletzungen finanziert.

Dieser Buchkomposition voll ausdrucksvoller, vielschichtiger Fotografien mit sehr authentischen, feinfühligen Texten gelingt eine beeindruckende Balance von Tapferkeit und Verletzlichkeit, von Sehnsucht und Dankbarkeit. Tiefe Liebe, innige familiäre Lebensverbundenheit, überwältigende Zärtlichkeit und natürliche Wahrhaftigkeit leuchten ermutigend aus jeder Zeile und jedem Bild.

Foto Cameron Bloom © KNAUS Verlag 2017

»Am wichtigsten war jedoch, dass Penguin uns eins gelehrt hat: Wenn wir uns selbst besser fühlen wollen, gelingt uns das am einfachsten und besten, indem wir anderen Menschen helfen, sich besser zu fühlen.«

(Seite 164)

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf  der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Penguin-Bloom/Cameron-Bloom/Knaus/e515201.rhd

 

Der Fotograf und Autor:

»Cameron Bloom begann seine Karriere mit 16 Jahren als Surf-Fotograf an den Stränden Sydneys. Als Fotograf reiste er mit seiner Familie durch die ganze Welt. Seine Arbeiten wurden in internationalen Zeitschriften wie Harper’s Bazaar, Vogue und dem Gourmet Traveller veröffentlicht. „Penguin Bloom“ ist sein erstes Buch.«

Der Mitautor:

»Bradley Trevor Greive AM, 1970 in Tasmanien geboren, wurde mit „The Blue Day Book“ zum internationalen Bestsellerautor. Seine Bücher sind in 115 Ländern erschienen und verkauften sich bisher über 25 Millionen Mal. Für seinen außergewöhnlichen Beitrag zur Literatur und zum Naturschutz wurde ihm im Jahr 2014 der Order of Australia verliehen.«

PS:
Gerne reihe ich „Penguin Bloom“  – sozusagen als Familienlektüre – in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/