Das schräge Haus

  • Roman
  • von Susanne Bohne
  • Rowohlt Verlag, Dezember  2019 http://www.rowohlt.de
  • Taschenbuch mit dickem Pappeinband
  • 352 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-499-00051-5

STÖPSKEN, GLÜHWÜRMCHEN  &  HERZPUCKERN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ella hat eine wunderbare Großmutter, deren Warmherzigkeit und unakademisches psychologisches Fingerspitzengefühl sie seit ihrer Kindheit erhellend und haltgebend begleiten. Sie nennt ihre Großmutter nicht Oma, sondern Mina, und Mina wiederum nennt Ella meist nicht Ella, sondern Stöpsken. Stöpsken oder Stöppken ist ein ruhr- deutscher Kosename für ein kleines Kind.

Das Verhältnis zwischen Ella und ihrer Mutter ist distanziert, da sich die Mutter deutlich mehr für Ellas kleinen Bruder interessiert. Ella nimmt trotz ihres zarten Alters von acht Jahren deutlich wahr, daß sie und ihre Mutter „an getrennten Flussufern“ stehen.

Wir lernen Ella und Mina im Sommer 1986 im Schrebergarten beim Auslesen von Stachelbeeren kennen. Mina hat eine besondere Fähigkeit, in Menschen hineinzusehen und das, was sie dort als Gefühlsgemengelage erkennt, beschreibt sie stets im Bild eines Hauses mit vielen architektonischen und innenarchitektonischen Details, Farben, Formen, Lichtverhältnissen und landschaftlichen Aussichtsperspektiven. So spiegelt die Großmutter etwa Ellas Wesen als ein kleines, blaues windschiefes Haus mit mimosen- blütenblättrigen Fensterläden, die sich sehr schnell von alleine schließen, mit zwei Eingängen – einer schmiedeeisernen Tür mit großem Riegel und einem versteckten, kleinen unverschlossenen Holztörchen …

Ella hofft, daß sie eines Tages auch in der Lage sein werde, die inneren Häuser der Menschen zu sehen, um besser zu verstehen, wie es in ihnen aussieht, und um etwas Hilfreiches für sie tun zu können.

Zum Schrebergartenkosmos gehören der ehemalige Bergmann Manfred, der Minas Rasen kleingartenvorschriftmäßig ziseliert und ansonsten freundlich-depressiv im Liegestuhl ruht und sich sonnt, und die betagte, gleichwohl ganz flotte Ilse, die so schnell spricht, daß alle Wörter ohne Punkt und Komma zu beeindruckenden Ein- wortsätzen verschmelzen, etwa so „DeinFöttchenhatgleichKirmesdatkannichdir- abbasagenwennichdicherwischedukleinerHosenscheißer!“ (Seite 29)

An diesem Sommertag 1986 findet das alljährliche Kleingartensommerfest statt. Mina brutzelt Frikadellen fürs Buffet, und Ella stromert mit ihrer besten Freundin Yvonne durch die Gartensiedlung. Yvonne ist im Gegensatz zu Ellas zurückhaltender Wesensart sehr direkt und extrovertiert und spricht furchtlos aus, was sie denkt und fühlt. Auf Ellas Frage, wie sie das mache, antwortet Yvonne, sie müsse bloß tief einatmen und dann die Worte ausatmen. Aber Ellas Worte bleiben oft auf halbem Wege stecken, weil sie das Echo fürchtet, das ihre Worte auslösen könnten. Außerdem neigt Ella dazu, in emotional belastenden oder aufregenden Situationen in einem „Zeitpudding“ zu erstarren, aus dem sie sich nicht leicht wieder befreien kann. 

Ella findet im Verlauf des Sommerfestabends einen plötzlich verstorbenen Schrebergar-tennachbarn. Dieses Erlebnis löst ein zwar unangebrachtes, aber hartnäckiges Schuldge-fühl in ihr aus, nimmt ihr die kindliche Unbeschwertheit und vertieft die „Schräglage“ ihrer Lebenseinstellung.

Sechsundzwanzig Jahre später hat Ella eine psychotherapeutische Praxis. Mit viel Zunei-gung beschreibt sie ihre Patienten und deren unterschiedliche Verschrobenheiten; sie freut sich, wenn sie ihnen zu einem heilsamen Erkenntnisschritt und besserer Selbstfür-sorge verhelfen kann. Sowohl in ihrer beruflichen Praxis als auch in ihrer persönlichen Suche nach dem passenden Liebespartner findet sie immer wieder lebhafte Bestätigung für Minas alte Weisheit: „Wenn die Menschen nur noch mit sich selbst beschäftigt sind, dann vertrocknen sie. Innerlich.“ (Seite 117) Genau diesen Vertrocknungsprozeß möchte sie bei ihren Patienten aufhalten, ja, möglichst sogar in Richtung reanimierender Bewässerung umkehren.

Dabei fehlt es Ella auch keineswegs an Selbstironie: „Sie hatten verlernt, das zu betrach-ten, was sie hatten, und weinten bloß darüber, was sie nicht hatten. So wie ich. Ich saß ja auch in diesem Kreuzfahrtschiff der Wehklagenden und ließ mich übers Tränenmeer schippern.“ (Seite 166)

Doch dat Stöpsken Ella lernt schließlich, trotzt aller Verletzlichkeit, innerer Schräglagen und unvermeidlicher Abschiedswehen, sich dem unberechenbaren Verlieren und Finden des Lebens hinzugeben, sich selbst mehr zu vertrauen und ihr Herz befreit zu öffnen. Oder wie die lebensweise Mina raten würde: „Geh raus, lüfte und hör auf zu warten.“  (Seite 201)

Die Autorin Susanne Bohne hat ihren Roman „Das schräge Haus“ in einem warmherzigen, vielsaitig-zwischenmenschlichen Tonfall geschrieben. Es gibt berührende Szenen inniger Nähe, aber auch ausgesprochen situations- komische Dialoge. Ihre Kleingartenmilieustudie ist köstlich und voller nostalgischer Details (Frisuren, Schlagerhits), die Figurenzeichnung ist äußerst lebendig und ebenso anrührend wie amüsant, und die vorbildliche Herzensbildung von Oma Mina wirkt geradezu beglückend. Dieser Roman enthält sehr anschauliche Sprachbilder für emotionale Gestimmtheiten, Verhaltensmuster und Charakterzüge und begleitet mit großherzigem Schmunzeln und gütigem Blick menschliche Stärken und Schwächen. Minas liebevolles Herzpuckern durchströmt unüberhörbar den ganzen Text!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.rowohlt.de/taschenbuch/susanne-bohne-das-schraege-haus.html

 

Die Autorin:

»Susanne Bohne, selbst ein Ruhrpott-Kind, studierte Germanistik und arbeitete als Designerin, bevor sie – inspiriert von ihrer Tochter – anfing, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren. Sie findet, dass Humor eine gute Überlebensstrategie ist und dass die kleinen Dinge des Lebens oft größer sind, als sie scheinen. Davon erzählt auch ihr Roman „Das schräge Haus“.«
Hier entlang zu Susanne Bohnes Webseite: https://halloliebewolke.com/
und hier entlang zu einem Radio-Bericht zu Buch und Autorin : https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-westblick-serien/audio-susanne-bohne-das-schraege-haus-100.html

Querverweis:

Die sehr intensive Großmutter-Enkel-Beziehung und die schrägen Charaktere erinnern leiseleicht an Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“, siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/22/was-man-von-hier-aus-sehen-kann/

 

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Der Gesang der Flusskrebse

  • Roman
  • von Delia Owens
  • Originaltitel: »Where The Crawdads Sing«
  • Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
  • von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • Verlag hanserblau, Juli 2019   http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag und Lesebändchen
  • 464 Seiten
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-446-26419-9

MUTTER  NATUR

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

»Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt.« (Seite 11)

Außenseitern wird gerne und allzuschnell Schuld zugeschoben. Als die Leiche von Chase Adams am Fuße des alten Feuerwachturms von Barkley Cove gefunden wird und keiner- lei Spuren zu finden sind, fällt der Verdacht auf Kya, das Marschmädchen. Denn wenn jemand Spuren verwischen und sich fluchterprobt gewissermaßen unsichtbar machen kann, dann ist das Kya.

Kya wächst im wilden Marschland von North Carolina auf.  Sie lebt mit ihrer liebevollen und musischen Mutter, ihrem trunksüchtigen und gewalttätigen Vater und vier älteren Geschwistern in einer zusammengezimmerten Holzhütte, die an einer von vielen einsa-men Lagunen der Marschlandschaft liegt. Die Menschen, die in der nahegelegenen Stadt Barkley Cove wohnen, betrachten alle Menschen, die in der Marsch gestrandet sind, als Gesindel – wahlweise je nach Hautfarbe als weißes oder schwarzes Gesindel. Die Geschichte beginnt in den 50iger Jahren, und die Rassentrennung ist noch aktuell.

Von ihrem Bruder Jodie lernt Kya viel über die Natur, die Gestirne und darüber, wie man seine Spuren verwischt, sich sicher in der Marschlandschaft versteckt und wie man ein Boot durch die unzähligen Wasserläufe und Buchten steuert.

Als Kya sechs Jahre jung ist, bereitet die Mutter, deren Gesicht deutliche Spuren eines vorhergehenden gewalttätigen Streits trägt, noch einmal ein Frühstück für alle Kinder. Danach verläßt sie mit einem kleinen blauen Koffer das Haus, ohne sich zu verabschie- den. Kya schaut ihr ungläubig nach und hofft  auf das sonst übliche Winken; aber dies- mal schaut die Mutter nicht zurück, und sie wird auch nie mehr zurückkehren.

Nach und nach verlassen nun die älteren Geschwister ebenfalls das mutterlose Zuhau- se, um der Gewalttätigkeit des Vaters zu entkommen. So bleibt Kya allein zurück und er-nährt sich von Griesbrei und von Gemüse aus dem Garten. Der Vater ist häufig tagelang abwesend, kommt meist schlecht gelaunt zurück, schlägt Kya jedoch nicht und gibt ihr kleine Geldbeträge, mit denen sie in der Stadt ihre bescheidenen Einkäufe bezahlt.

Er trinkt deutlich weniger Alkohol und macht regelmäßige Bootsausfahrten mit ihr, bei denen sie gemeinsam angeln. Während dieser friedlichen Ausflüge plaudert der Vater ein bißchen aus der Familiengeschichte, und einmal nennt er Kya sogar freundlich Schätzchen. Dies ist mehr väterliche Zuwendung, als sie jemals zuvor erlebt hat.

Da Kya im schulpflichtigen Alter ist, wird sie aufgefordert, die Schule in Barkely Cove zu besuchen. Sie kommt barfuß in die Schule und wird von den anderen Schülern wegen ihrer Andersartigkeit, ihrer abgerissenen Kleidung und ihrer sozialen Unsicherheit aus- gelacht. Dies genügt Kya, um fortan mit der Schule garnichts und mit den Menschen aus der Stadt so wenig wie nur möglich zu tun zu haben. Den Nachforschungen der Schulin- spektion entkommt sie spielend, da ihre wachen Sinne und ihre überlegene Kenntnis der Marschlandschaft ihr stets ein sicheres Versteck bieten. Irgendwann gibt die Schul- behörde einfach auf, das wilde Kind einfangen zu lassen. So wird sie von den Bewohnern der Stadt schließlich nur noch „das Marschmädchen“ genannt.

In einer Bucht, in der Nähe der Siedlung für die schwarze Bevölkerung des Marsch- landes, gibt es eine Bootstankstelle mit einem kleinen Allerlei-Laden, der von dem freundlichen Jumpin‘ geführt wird. Dorthin fährt Kya regelmäßig mit dem Boot, tankt und kauft ein.

Als Kya zehn Jahre alt ist, kehrt der Vater eines Tages nicht mehr zurück. Kya überlegt, wie sie zu Geld kommen könnte, und beginnt damit, frühmorgens Muscheln zu sam- meln. Jumpin‘ kauft ihr die Muscheln ab und merkt nach einer Weile, daß Kya nun ganz alleine ist. Er bespricht sich mit seiner Frau Mabel, und diese organisiert über den Kirchenbasar Kleidung und Schuhe. Mabel und Jumpin‘ gelingt es, Kya zu beschenken, ohne sie zu beschämen. Mabel gibt Kya außerdem ganz pragmatisch verschiedene Gemüsesamen und erklärt ihr, wie sie diese in ihrem Garten nutzen kann.

Abgesehen von der Zuwendung von Jumpin‘ und Mabel, die als mitfühlende, aber den-noch räumlich entfernte Ansprechpartner für sie da sind, findet Kya Geborgenheit und Zuverlässigkeit in der Natur. Sie lebt in sinnlich-körperlicher, innerer und äußerer Nähe und Verbundenheit zur Natur. Kya sammelt Federn, Muscheln, Insekten und Pflanzen, sie beobachtet sehr fein und genau und etikettiert ihre Funde mit kleinen natura- listischen Zeichnungen des Fundorts, da sie nicht schreiben kann.

Im zarten Alter von vierzehn Jahren, bei einer ihrer alltäglichen Expeditionen ins Marschland, begegnet ihr Tate. Tate ist der Sohn eines örtlichen Krabbenfischers, einige wenige Jahre älter als Kya, und ebenfalls sehr interessiert an der Natur. Behutsam, ja, geradezu poetisch, nähert sich der sensible Junge dem scheuen Marschmädchen, und er gewinnt nach und nach ihr Vertrauen. Von Tate lernt Kya lesen und schreiben, er schenkt ihr Bücher, und gemeinsam erkunden sie die ersten Regungen jugendlichen Liebeserwachens. Kya blüht auf, ihr zuvor instinktiver Zugang zur Natur wird nun er- gänzt um naturwissenschaftliche Kenntnisse. Endlich hat sie selbständigen Zugang zu Wissen, erfährt Zugehörigkeit und Zärtlichkeit. Daß Kya sich inzwischen selbst zu einer Schönheit entwickelt hat, ist ihr indes nicht bewußt.  

Tate will Biologie studieren, und dafür ist ein Ortswechsel unvermeidlich. Er verspricht Kya, zu einem bestimmten verabredeten Zeitpunkt zurückzukehren. Doch wieder wartet Kya vergeblich auf die Rückkehr eines geliebten Menschen. Denn Tate geht auf dem College gänzlich in seinen wissenschaftlichen Studien und den Versuchungen des Stadtlebens auf und weiß, daß die menschenscheue Kya ihm niemals in diese Welt folgen würde.

Kya trauert, schmiegt sich dann wieder an die Natur an, füttert ihre Möwen, wiegt sich in Meereswellen und entfaltet ihr zeichnerisches Talent.

Chase Adams, der Frauenheld von Barkley Cove, bekommt Wind von Kyas Schönheit, was seinen Jagdtrieb weckt. Doch Kya ist keineswegs leicht zu erobern, und er übt sich – entgegen seiner Gewohnheit – in Geduld und verspricht Kya sogar die Ehe. Doch auch Chase Adams bricht sein Versprechen und heiratet eine andere Frau.

Kya zieht sich in ihre erprobte Einsamkeit zurück und meistert tapfer ihren Lebens- alltag. Sie verfeinert ihr Wissen durch eifrige Lektüre (der Weg in die Stadtbibliothek gelingt ihr inzwischen), vergrößert und systematisiert ihre Sammlung von Marsch- fundstücken, und sie zeichnet und aquarelliert unermüdlich. Sie sagt den Silbermöwen und dem Strand Gedichte auf und fügt sich harmonisch in die natürlichen Rhythmen.

In der Nähe von Barkely Cove wird eine wissenschaftliche Station zur Erforschung der Marsch-Ökologie eingerichtet, und Tate plant dort zu arbeiten. Er wagt einen Besuch bei Kya, der zwar zu einer lebhaften Aussprache führt, aber zunächst keine Aussicht auf eine Annäherung bietet. Allerdings erlaubt Kya, daß Tate einige ihrer Zeichnungen mitnimmt, um sie einem Verleger zu zeigen.

Einige Wochen nach dem Tode von Chase Adams wird Kya des Mordes an Chase Adams verdächtigt, angeklagt und vor das örtliche Geschworenengericht gestellt. Die Wahrheit über Chase Adams‘ Tod hat viele sichtbare und unsichtbare sowie widersprüchliche Facetten, die während der Gerichtsverhandlung ausführlich betrachtet werden. Zum Glück hat Kya einen engagierten Anwalt und unter den Geschworenen mehr Sympathisanten, als sie vermutet hätte …

Die Autorin Delia Owens wechselt erzählerisch zwischen den Phasen der Ermittlung zu Chase Adams‘ Tod und der biographischen Entwicklung Kyas. So entsteht von Kapitel zu Kapitel eine dramatisch wachsende Spannung zwischen Kleinstadtmilieustudie und Psychogramm.

„Der Gesang der Flusskrebse“ ist ein bemerkenswerter, sehr atmosphä- rischer Roman voll natürlicher Sinnlichkeit, elementarer Kraft und tiefer Gefühle. Die Einsamkeit des verlassenen Kindes ist so greifbar, daß man beim Lesen am liebsten mit der Hand zwischen die Zeilen greifen möchte, um die kleine Kya zu trösten. Wie oft kann ein verletztes Herz das tödliche Risiko eingehen, sich wieder auf Nähe einzulassen? Nun, dieser Roman mutet uns ebensosehr die schmerzlichen wie die schönen Gezeiten des Herzens ungeschminkt zu, und er verschafft uns die Bekanntschaft mit einer außergewöhnlich charakterstarken und bewundernswert eigen-willigen Figur, die die wortlose Sprache der Natur versteht wie sonst kaum ein menschliches Wesen.

 

»Sie lächelte zum ersten Mal. Seine Augen waren dieselben wie früher. Gesichter verän-derten sich durch den Tribut, den das Leben fordert, aber Augen bleiben ein Fenster zu dem, was war, und sie konnte ihn darin sehen.« (Seite 292)


Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-gesang-der-flusskrebse/978-3-446-26419-9/

 

Die Autorin:

»Delia Owens, geboren in Georgia, erforschte über zwanzig Jahre als Zoologin in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen. Vor kurzem ist sie nach North Carolina gezogen, an den Schauplatz ihres Romandebuts, wo sie als Kind mit ihren Eltern die Sommerurlaube verlebte.«  http://www.deliaowens.com

Die Übersetzer:

»Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, beide Jahrgang 1955, übersetzen seit vielen Jahren englische und amerikanische Literatur von Autoren wie Harper Lee, Dave Eggers, Jodi Picoult und Zadie Smith.«

 

Es gibt zwei Hörbuchausgaben, eine gekürzte und eine ungekürzte, beide gesprochen von Luise Helm und beide im Verlag HÖRBUCH HAMBURG erschienen.

Hier entlang zur gekürzten Hörbuchfassung:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/owens-der-gesang-der-flusskrebse-4981/
Hier entlang zum ungekürzten Hörbuch nebst feiner HÖRPROBE:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/owens-der-gesang-der-flusskrebse-5108/

 

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Gesang der Fledermäuse

  • Roman
  • von Olga Tokarczuk
  • Originaltitel: »Prowadź swój pług przez kości umarłych«
  • aus dem Polnischen von Doreen Daume
  • Kampa Verlag 2019 www.kampaverlag.ch
  • gebunden
  • 320 Seiten
  • 24,00 € (D), 24,70 € (A), 32,50 sFr.
  • ISBN 978-3-311-10022-5

RÜCKLÄUFIGER   MERKUR

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Janina Duszejo lebt in einer kleinen Siedlung auf einem extrem windigen Hochplateau, nahe der polnisch-tschechischen Grenze. Die meisten Häuser dienen nur als Sommer-residenz betuchter Städter, da der Winter in dieser Einöde sehr lang, sehr, sehr schnee-reich und sehr, sehr, sehr kalt ist. Nur Janina, ihr akkurater Nachbar Magota und ihr brutaler Nachbar Big Foot bleiben auch über den Winter dort.

Janina war einst Brückenbauingenieurin. Krankheitsbedingt wechselte sie in den Lehr- beruf und unterrichtete Englisch als Fremdsprache, was ihr durchaus Freude machte. Inzwischen hütet sie in der Wintersaison die verlassenen Häuser der abwesenden Nach-barn und entfernt bei ihren regelmäßigen Rundgängen durch den Wald heimlich die Drahtschlingenfallen, die ihr Nachbar Bigfoot zum Wildern auslegt.

Sie pflegt freundschaftlichen Kontakt mit Dyzio, einem ehemaligen Englischschüler, dem sie bei seinen Übersetzungen von William-Blake-Texten ins Polnische hilft. Einmal pro Woche macht sich Dyzio auf den im Winter mühsamen Weg von der Stadt zum Hoch- plateau, Janina kocht etwas Leckeres, sie befassen sich mit der Übersetzung und unterhalten sich angeregt.

Immer wieder wird deutlich, wie sehr Janina unter dem achtlosen Umgang der Men- schen mit der Natur und den Tieren leidet; dabei changiert ihre Betroffenheit zwischen weiß-glühendem Zorn und dunkler Trauer. Sie verfügt über einen ganzheitlichen Blick auf das Leben und eine durchdringende Menschenkenntnis, die durch die ernsthafte Beschäftigung mit Astrologie eine faszinierende Ergänzung findet.

Eines Nachts wird Janina von ihrem Nachbarn Magota aus dem Schlaf gerissen, da er die Leiche von Big Foot gefunden hat. Der Tote liegt auf seinem schmuddeligen Küchenbo-den, erstickt an einem Rehknochen, der ihm im Halse stecken geblieben ist. Zwar hegte Janina alles andere als Sympathie für den tierquälerischen Nachbarn und empfindet dabei seine Todesart sogar als ausgleichende Gerechtigkeit, dennoch hat sie zugleich ein allgemein menschliches Mitgefühl mit seiner Sterblichkeit.

Die Polizei bewertet den Tod von Big Foot als Unfall, und Janinas Auffassung, daß er auf gewundenen Wegen an der Rache der gequälten Tiere gestorben sei, wird nur verächt- lich belächelt. Daß sie außerdem astrologische Berechnungen zum Todeszeitpunkt und zur Todesart anführt, macht ihre Betrachtungsweise für die Polizei erst recht unglaub- würdig. Nun, Janina läßt sich davon nicht entmutigen, sie recherchiert einfach weiter.

Wenig später gibt es einen weiteren Toten, an dessen Fundort sich auffällig zahlreiche Rehspuren im Schnee befinden. Außerdem trägt der Tote sehr viel Bargeld bei sich, was aus Polizeiperspektive Vermutungen auf mögliche mafiöse Verbindungen nahelegt. Janina bleibt indes stur bei ihrer Theorie ausgleichenden Naturrechts und findet Parallelen zum Tod von Big Foot. Tapfer folgt sie Spuren, die gewöhnliche Menschen nicht wahrnehmen …

Die Sprache der Autorin ist niveauvoll und facettenreich und wird durch das astrologische Vokabular sinnvoll ergänzt und bereichert. Für Leser, die allerdings nicht mit der Systematik und Symbolik der Astrologie sowie mit den dazugehörigen psychologischen Archetypen vertraut sind, könnten die Textpassagen mit den Horoskopbeschreibungen willkürlich und unver-ständlich wirken.

Auf jedes Kapitel wird mit einem William-Blake-Zitat eingestimmt. Obwohl sich die Handlung über ein ganzes Jahr erstreckt und der Wechsel der Jahreszeiten die landschaftliche Kulisse verändert und begrünt, wirken die Szenerien stets wie Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit einigen Tupfern beleben- den Rots, also ähnlich, wie der Kampa-Verlag die Titelbildgrafik gestaltet hat. Zwar gibt es den literarischen Begriff  „In-Schwarz-Weiß-geschrieben“ nicht, aber hier erscheint er mir angebracht.

Dieser außergewöhnliche Roman verbindet kriminalistische Spannung mit philosophischen Betrachtungen zur Stellung des Menschen in Natur und Ge- sellschaft. Einerseits finden wir hier schmerzhaft-glasklare Psychogramme einiger recht unangenehmer Zeitgenossen, andererseits auch einen feinen, schelmischen Humor sowie eine anrührende Zärtlichkeit gegenüber Tieren und tiefe Demut vor der Natur.

 

»Jede unserer Taten, in winzige Vibrationen der Photonen verwandelt, fliegt letztlich in den Kosmos, wie ein Film, und die Planeten werden sie bis ans Ende der Tage ansehen.« (Seite 54)

»Die Tiere sagen etwas über das Land. Die  Beziehung zu den Tieren verrät, wie es um das Land bestellt ist. Wenn sich die Menschen den Tieren gegenüber bestialisch ver-halten, dann hilft ihnen keine Demokratie und auch sonst nichts.« (Seite 120)

»Die Welt ist ein großes Netz, eine Ganzheit, und es gibt nichts, was nicht dazugehört. Auch das allerkleinste Stückchen Welt ist mit anderen verbunden, durch den kompli-zierten Kosmos der Korrespondenz, der mit dem normalen Verstand nicht leicht zu ergründen ist.« (Seite 71)

 

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Gesang der Fledermäuse

 

Die Autorin:

»Olga Tokarczuk,  1962 im polnischen Sulechóv geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Sie zählt zu den bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Ihr Werk (bislang neun Romane und drei Erzählbände) wurde in 37 Sprachen über-setzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für die „Jakobsbücher“, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, ausgezeichnet und 2018 mit dem Jan-Michalsky-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für „Unrast“ (im Frühjahr 2019 im Kampa Verlag erschienen) für den sie auch 2019 wieder nominiert war: Ihr Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ stand auf der Shortlist. 2019 wurde Olga Tokarczuk mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Zum Schreiben zieht sich Olga Tokarczuk in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.«

 

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Die Tage mit Bumerang

POSTKARTENIDYLLE  MIT  SCHAF

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dies ist eine Geschichte mit eigenwilligen, sympathisch schrägen Charakteren, in der es um ein plötzliches Vorher/Nachher-Dasein, um die zähflüssige Überwindung von Schock-starre, Schuldgefühlen und Selbstbestrafung, um Verletzlichkeit und Vergebung, Er- wachsenwerden, Freundschaft und Wahlverwandtschaften und um eine neue Liebe geht. Ein Rettungssanitäter namens Kalle, ein Schaf namens Bumerang, ein Hund namens Helsinki und finnische Tangos spielen dabei mit und eine ganze Menge Schnee.

Annu hat ein besonders inniges Verhältnis zu Schnee. Der erste Schneetag des Jahres ist stets ein familiärer Feiertag gewesen, und diese Tradition setzt Annu auch nach dem Tod der Eltern gerne fort. 

Ihr finnischer Vater war Sportreporter und ihre Mutter Biathlon-Skilangläuferin. Nach- dem Annu zur Welt kam, zogen die Eltern in ein schiefes Haus am Waldrand, das zu einem kleinen bayrischen Dorf mit nur siebenundachtzig Einwohnern gehört.

Ein Vierteljahrhundert später lebt Annu, die inzwischen als freie Übersetzerin arbeitet,  zwar alleine in diesem Haus, aber sie ist keineswegs einsam. Annu hat lebhafte Erin-nerungen an ihre Eltern und führt oft innere Dialoge mit ihnen, wobei der Vater nie mit seinen bemerkenswerten finnischen Sprichwörtern spart.

Außerdem wohnt ihr ältester und bester Kindheitsfreund Lars in der unmittelbaren Nachbarschaft, und die beiden pflegen ihre Freundschaft u.a. durch den wöchentlichen Austausch von Frage-Antwort-Postkartenmitteilungen. Lars ist ein köstlich eigen- williger Mensch, der sich Anglizismen gegenüber konsequent verweigert und beispiels- weise statt Aftershave »Nachduft«, statt Smartphone »Schlautelefon«, statt Cliffhanger »Spannungsklippe« und statt Brunch »Spätstück« sagt. Auch mit Lars‘ Frau Birte ver- steht sich Annu gut, und zu Lars und Birtes kleinem Sohn Aron hat sie ebenfalls ein sehr herzlich-zugewandtes Verhältnis.

Lars und Birte veranstalten regelmäßig kulinarische Abendgesellschaften, bei denen Lars durchschaubar oft alleinstehende junge Männer hinzulädt, um sie erfolglos mit Annu zu verkuppeln. Annu behauptet, sie käme sehr gut ohne Mann zurecht, und Lars behauptet, sie sei einfach zu anspruchsvoll, erwarte ein vergleichbar schicksalhaftes Zusammenfinden, wie es einst bei ihren Eltern war; ganz zu schweigen von ihrem aus- geklügelten Fragenkatalog mit sage und schreibe vierundsiebzig Fragen, um herauszu- finden, ob der Kandidat eine ausreichend große Werte- und Interessensschnittmenge mit ihr habe.

Eines Tages holt Annu mit dem alten Volvo ihres Vaters, in dessen Rekorder seit Jahren eine Musikkassette mit finnischen Tangos von Numminen festgeklemmt ist, ein ausran-giertes Sofa bei Lars und Birte ab. Beim Rückwärtsausparken vergißt sie den Schulter-blick und übersieht Aron, der in der Ausfahrt mit Kreide den Asphalt bemalt.

Das Kind ist zwar nicht lebensgefährlich verletzt, aber seine Beine sind gebrochen, und dann kommt eine postoperative Wundinfektion mit resistenten Keimen hinzu, die den Heilungsprozeß sehr in die Länge zieht.

Durch den Unfall ist die vertraute Geborgenheit der wahlverwandtschaftlichen Nähe und alltäglichen kommunikativen Verbundenheit schmerzlich unterbrochen. Lars und Birte ziehen vorübergehend in die Stadt, in der sich die behandelnde Klinik befindet, und Annu versinkt in Sorge um Aron, in Schuldgefühlen und Schwermut. Die Dorfbe- wohner meiden Annu nach dem Unfall, nur der freundliche Rettungssanitäter Kalle besucht Annu und versucht, sie aufzumuntern und dabei näher kennenzulernen. Aber Annu konzentriert sich lieber auf ihre Arbeit, führt Selbstgespräche, quält sich mit Selbstvorwürfen und will niemanden mehr nahe an sich heran lassen. Eines Morgens steht ein entlaufenes Schaf in ihrem Garten. Dieses tollpatschig-sture Schaf bleibt und bringt Ablenkung und Bewegung in Annus Zurückgezogenheit, und es zieht weitere ungebetene – tierische und menschliche – Gäste nach sich …

Es dauert neun Monate, bis Aron wieder ganz gesund wird, Annu und Lars ihre innige Freundschaft erneuern, Annu und Kalle ihren wechselseitigen Nähe-Distanz-Parcours überwinden und der Neuschnee für alle voller Hoffnungsschimmern funkelt.

Dieser Roman wartet mit einem ernsten Thema auf, ohne niederzudrücken. Die Figuren müssen zwar leiden und eine Lebenskrise durchstehen, aber sie verirren sich nicht im Schmerz. Die Gefühlspalette reicht von lähmendem Selbstmitleid bis zu heilsamer Selbstironie, von kindlicher Begeisterung bis zu erwachsener Kleinkariertheit, von dunkler Verzweiflung bis zu spielerischer Zuversicht, von angestaubter Wehmut bis zu frischgelüftetem Lebensmut.

All diese Facetten fügen sich szenisch und dialogisch zu einem gelungenen atmosphä-rischen Ganzen, das neben menschenkenntnisreichem Tiefsinn genug Spielraum für Situationskomik und Schmunzelmomente läßt. Die Autorin erzählt mit sprachlicher Leichtigkeit, mit einer ungewöhnlichen Verbindung von konkreter, sinnlicher Alltäg- lichkeit und zärtlich-melancholischer Poesie.

Als literarische Beilage gibt es zudem einen sehr sättigenden Vorrat finnischer Weisheitssprüche.

„Guter Rat ist wie Schnee, je leiser er fällt, desto länger bleibt er liegen“ (Seite 152)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-tage-mit-bumerang/978-3-446-26446-5/

Die Autorin:

»Nina Sahm, geboren 1980 in Heilbronn, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik in Leipzig und Budapest und arbeitet als Verlagsredakteurin. Ihr Debütroman „Das letzte Polaroid“ erschien 2014. Nina Sahm lebt mit Freund und Hund in München.« http://www.ninasahm.de/

 

Und hier noch – mit Herzensdank an Random Randomsen  https://randomrandomsen.wordpress.com/ für die kompetente Recherche –
die
Klangkostprobe eines finnischen Tangos von Numminen:

 

 

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CORVUS 2020

  • Monatskalender
  • Illustrationen von Achim Natzeck
  • Weingarten Verlag, 2019 www.weingarten-kalender.de
  • Format: 30 x 39 cm
  • 14 Blätter
  • Spiralbindung
  • 16,99 € (D/A)
  • ISBN 978-3-8400-7780-7

R A B E N F E D E R N A H

Kalenderrezension von Ulrike Sokul ©

Corvus ist der lateinische Gattungsoberbegriff für Raben- und Krähenvögel. Für den Corvus-Kalender 2020 hat der Illustrator Achim Natzeck die Würde, Wildheit und geheimnisvolle Gewitztheit der Rabenvögel mit der Tusche- feder aufmerksam eingefangen und gewährt uns dadurch eine anschauliche Betrachtungsnähe.

Nicht umsonst wurde dieser außergewöhnliche Kalender am 16. Oktober 2019 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Kalenderpreis des Deutschen Buchhandels in der Kategorie „Bestes Kunst- und Grafikkonzept“ ausge- zeichnet.

Jedes Monatsblatt zeigt eine andere arttypische Körperhaltung des charakterstarken Vogels. Das Kalendarium wurde abwechslungsreich dem Raumbedarf der jeweiligen Körperhaltung angepaßt und befindet sich manchmal oberhalb, manchmal unterhalb und einmal seitlich der großflächigen Illustrationen.

Illustration von Achim Natzeck © Weingarten Verlag 2019

Vor dem grafisch und farblich dezent zurückhaltenden Hintergrund der Kalendermonatsblätter treten die feinen, naturalistischen Tusche- zeichnungen fast plastisch hervor.

Es ist keineswegs übertrieben zu  behaupten, daß uns in diesem Kalender der Rabe begegnet, wie er leibt und lebt, und seinen unergründlichen Rabenblick auf uns wirft.

Dieser Kalender ist somit das ideale Geschenk und ein beflügelnder Jahresbegleiter für alle Naturliebhaber, Hexen und Zauberer.

 

Hier entlang zum Kalender und zur vollständigen BETRACHTUNGSPROBE auf der Verlagswebseite: https://weingarten-kalender.de/corvus-2020/

Hier entlang zur Webseite des Illustrators Achim Natzeck:
https://www.natzeck-design.de/

Illustration von Achim Natzeck © Weingarten Verlag 2019

 

 

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Der Oktobermann

  • Eine Tobi-Winter-Story
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »The October Man«
  • Deutsch von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe
  • DTV Verlag, September 2019 www.dtv.de
  • 208 Seiten
  • Kurzroman
  • Krimi mit magischen Elementen
  • 8,95 € (D), 9,20 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21805-4

M A G I S C H E   W E I N L E S E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wer mit dem komplexen Hintergrund der siebenbändigen übersinnlichen Krimi-Serie von Ben Aaronovitch noch nicht vertraut ist, möge sich bitte durch die Lektüre meiner Buchbesprechung des ersten Bandes mit der magischen Materie vertraut machen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Ben Aaronovitch hat für seine treue deutsche Leserschaft einen magieverdächtigen Kurzkrimi geschrieben, der diesmal nicht in England, sondern in Deutschland spielt. Der deutsche Ermittler und Zauberpolizist heißt Tobias Winter und arbeitet beim KDA, der kriminalistischen Abteilung für „Komplexe und diffuse Angelegenheiten“.

Tobias Winter soll in Trier einem eigenartigen Todesfall auf den Grund gehen und dabei seine kriminalistisch-zauberhaften Spezialkenntnisse und Ermittlungsmethoden anwen-den. Vanessa Sommer, seine örtliche Kollegin von der „normalen“ Polizei, steht ihm hilfreich und ausgesprochen magieaufgeschlossen zur Seite.

Vanessa und Tobias begutachten in der Rechtsmedizin einen Toten, dessen Körper völlig von einem Schlauchpilz überwuchert ist, der im Weinanbau zur Impfung von Weintrau-ben verwendet wird, um die sogenannte Edelfäule anzuregen, die wiederum bei richti- ger Anwendung eine besondere Süße des Weins bewirkt. Menschen werden normaler- weise nicht von „Botrytis cinerea“ befallen, geschweige denn getötet. Es handelt sich eindeutig um einen Mord mit magischer Einflußnahme. Ob die freigelegte Tätowierung auf dem Arm des Opfers, die einen stilisierten Weingott darstellt, ein magischer oder zufälliger Hinweis ist, wird sich im Verlaufe der Fallaufklärung noch zeigen.

Da der Tote am Rande eines Weinbergs gefunden wurde, vernehmen die Ermittler Frau Stracker, die Besitzerin des betroffenen Weinberges. Dabei erfahren sie, daß Frau Strackers Großvater früher alljährlich eine Opfergabe (einige Flaschen Wein) am Flußufer deponiert habe, da er der Überzeugung war, sich solcherart den Segen der Flußgöttin und weitere gute Weinernten zu sichern.

Tobias findet, es sei nun an der Zeit, diese Brauch zu reanimieren, um die Flußgöttin hervorzulocken und sie zu befragen. Nach einigen bezaubernden Treffen mit der recht abweisenden, aber dennoch kooperativen Flußgöttin und ihrem vorwitzigen Nach- wuchs, der aufwendigen Dekontamination eines halben Weinberges, einem weiteren Todesfall sowie  der Verfolgung diverser magischer und menschlicher Spuren erweist sich, daß die Wurzel der aktuellen Probleme in einem halb menschlichen und halb magischen Verbrechen, welches bereits vor Hunderten von Jahren geschah …

„Der Oktobermann“ ist im lockeren, selbstironischen Plauderton, mit leb- haften Dialogen,  phantasievollen Details und süffisanter Kritik an bürokra- tischen Abläufen geschrieben, wie er für Ben Aaronovitch so angenehm bezeichnend ist. Gleichwohl merkt man diesem Kurzroman deutlich an, daß der Autor im deutschen Ambiente nicht wirklich zuhause ist. Es leuchtet beispielsweise nicht ein, wieso er den deutschen Flußgöttinnen (schlag nach bei Wagner) englische Namen gegeben hat, zumal er sich beim restlichen Figurenpersonal durchaus die Mühe gemacht hat, passable deutsche Namen auszuwählen.

Die Geschichte ist trotz des deutlichen Weineinflusses und Weingenusses nicht so flüssig, die Dramaturgie nicht so quecksilbrig und funkensprühend, wie man es aus den vorher-gehenden Romanen gewohnt ist. Die Charaktere bleiben blaß, und dementsprechend schwächelt die potentiell vielver- sprechende Beziehungsdynamik zwischen Tobias und Vanessa. Auch die magischen Sonderermittlungsmethoden wurden schon ausführlicher und aufregender dargestellt; gelegentliche nette Anspielungen (nur für Lese- eingeweihte) auf  Peter Grant und Thomas Nightingale, die in den anderen Bänden der Serie magisch maßgeblich sind, verstärken diese Schwach- stellen eher noch.

„Der Oktobermann“ ist im Vergleich zu  Ben Aaronovitchs Vorgängerro- manen kein raffiniertes Fünf-Gänge-Menü, sondern ein unterhaltsamer, maßvoll spannender, leicht verdaulicher Leseimbiß mit etwas provin- ziellem Nachgeschmack.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-oktobermann-21805/

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter „Doctor Who“ geschrieben und als Buchhändler gearbeitet. Seine Urban-Fantsay-Serie „Die Flüsse von London“ ist nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland sensationell erfolgreich und führt regelmäßig die Bestsellerlisten an. Inzwischen widmet sich Ben Aaronovitch ganz dem Schreiben, zur Freude seiner zahlreichen Fans. Er lebt nach wie  vor in London.«

Hier entlang zu den Vorgängerbänden:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBORN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/
Band 7: DIE GLOCKE VON WHITECHAPEL
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/06/10/die-glocke-von-whitechapel/

Hier entlang zu einer kurzen Peter-Grant-Geschichte, etwas außerhalb der Reihe:

GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/28/geister-auf-der-metropolitan-line/

Hier entlang zur interessanten und informativen DTV-Webseite zur Peter-Grant-Serie:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

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Der Literatur Kalender 2020

  • Vom Glück und Leid des Seins
  • Texte und Bilder aus der Weltliteratur
  • Herausgegeben von Elisabeth Raabe
  • Gestaltet von Max Bartholl
  • Wochenkalender
  • Verlag edition momente, Juni 2019 www.edition-momente.com
  • 60 Blätter
  • 55 Fotos und Abbildungen
  • Format: 32,5 x 24 cm
  • Spiralbindung
  • 22,00 €, 33,50 sFr.
  • ISBN 978-3-0360-2020-4

© 2019 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

G E M I S C H T E   G E F Ü H L E

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Das Glück ist wie das Licht, es braucht den Schatten des Leides!“dieses Zitat aus dem Roman „Mein innerer Elvis“ von Jana Scheerer könnte als Geleitwort für den Literatur Kalender 2020 stehen.

Der Literatur Kalender zeigt und zitiert ebenso weltberühmte wie nischenbekannte und auch ganz in Vergessenheit geratene Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus aller Welt. Jede Woche haben wir so die anregende Gelegenheit, neue literarische Bekannt- schaften zu machen und alte Bekanntschaften aufzufrischen.

Unter dem Jahresmotto für 2020 „Vom Glück und Leid des Seins“ beklagt Umberto Eco den Abschiedsschmerz, der ihm jeder vollendete Roman bereitet, Rudolf Borchardt schwärmt vom Garten und vom Gärtnern, der afroamerikanische Lyriker Langston Hughes besingt mit seinem berühmten Poem „I, too, sing America“ seine Vision der Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß, die Lyrikerin Maya Angelou würdigt den Wert und Trostgehalt afroafrikanischer Dichtung, Anna Achmatowa läßt abgeklärt den Abendsonnenschein erklingen, Sophie Mereau schreibt einen von Mut beschwingten Liebesbrief an Clemens Brentano, Amos Oz ist freudetrunken, weil sein literarisches Vorbild – Samuel Agnon – ihn in einem Brief ausdrücklich gelobt hat, Franz Werfel trauert schöpferisch um seine verstorbene Stieftochter, Boris Pasternak weint in schönen Worten um den Tod seines Dichterfreundes Paolo Jaschwili, Leonard Cohen erinnert sich dankbar daran, wie er durch die Lektüre der Gedichte García Lorcas zu seiner eigenen Stimme fand, Susan Sontag appelliert daran, daß Mitgefühl auch zu Erkenntnis und Verantwortung führen muß, der türkische Satiriker Aziz Nesin gibt seiner frühverstorbenen Mutter ebenso innig-liebevoll wie anklagend-gesellschafts- kritisch die Ehre und Jorge Luis Borges preist angesichts der Höhen und Tiefen des Lebens den Gleichmut …

© 2019 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

Die Zitate stammen überwiegend aus Autobiographien, Briefen, Essays, Reden und Tage-büchern. Kurze ergänzende Anmerkungen stellen das Zitat in den entsprechenden bio- graphischen oder publikatorischen Zusammenhang. Am Kalenderende finden sich in namensalphabetischer Reihenfolge weitere kurzbiographische Hinweise und Querver- weise.

Ausgesucht ausdrucksvolle, charakterstarke Fotos, gelegentlich auch Ge- mälde, Stiche oder Zeichnungen, die gewohnt ausgewogene, stilsichere graphische Gestaltung durch Max Bartholl und die einfühlsame, informa- tive Korrespondenz zwischen Zitaten und erläuternden Begleittexten der Herausgeberin Elisabeth Raabe servieren Woche für Woche ein attraktives literarisches Amuse-Gueule, das gewiß den Appetit auf die eine oder andere Vertiefung durch Buchlektüre weckt.

Der Literatur Kalender ist zudem als kultiviertes Gegengewicht zu der zwanghaft-neophilen Rezeption des Buchmarkts gut geeignet. Hier finden sich bekannte und unbekannte Größen und so manches Gesicht und Werk, die es verdient haben, dem Vergessen entrissen zu werden.

 

Hier entlang zum Kalender nebst vorköstlicher Blättermöglichkeit auf der Verlagswebseite: https://www.edition-momente.com/kalender/der-literatur-kalender-2020.html

 

© 2019 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Verlag edition momente außer dem hier besprochenen Literatur Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert:

Der Jazz Kalender 2020
Mit Texten von Roger Willemsen
https://www.edition-momente.com/kalender/der-jazz-kalender-2020.html

Der literarische Küchenkalender 2020
Mit Texten, Rezepten & Bildern

Herausgegeben von Sybil Gräfin Schönfeldt
https://www.edition-momente.com/kalender/der-literarische-kuechenkalender-2020.html

Der Kinder Kalender 2020  (meine Besprechung folgt in einigen Tagen)
Mit 52 Gedichten und Bildern aus aller Welt

Mehrsprachig
Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek München
https://www.edition-momente.com/kalender/der-kinder-kalender-2020.html

Der Musik Kalender 2020
Beethoven und ich
https://www.edition-momente.com/kalender/der-musik-kalender-2020.html

Hier entlang zur unwiderstehlichen, stilvollen und amüsant-informativen Kalenderrezension von Maestro Random Randomsen, die neben sprachlicher Eloquenz auch noch mit abwechslungs- reichen Beethoven-Hörkostproben aufwartet.
https://randomrandomsen.wordpress.com/2019/12/01/eine-runde-sache-zum-runden-geburtstag/

 

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Der Sprung

  • von Simone Lappert
  • Roman
  • Diogenes Verlag, August 2019 www.diogenes.ch
  • in Leinen gebunden
  • 336 Seiten
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A), 30,00 sFr.
  • ISBN 978-3-257-07074-3

K O N S T E L L A T I O N E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit dem Roman „Der Sprung“ hat Simone Lappert eine spannende und vielschichtige Choreographie des Schicksals geschrieben, die von sensibler Beobachtungsgabe für vielsaitige zwischenmenschliche Schattierungen und Lebenswelten zeugt.

Wenn eine junge Frau in Gärtnerlatzhose, die eindeutig kein Dachdecker ist, auf einem Dach steht und dort herumbalanciert, scheint die Vermutung naheliegend, daß es sich um eine suizidgefährdete Person handelt. Dementsprechend fällt das Polizeiaufgebot aus, von der Feuerwehr wird prophylaktisch ein Sprungkissen aufgepumpt, und die ersten schamlosen Schaulustigen versammeln sich entlang der Polizeiabsperrungen vor dem Haus. Einige Gaffer filmen rücksichtlos mit ihren Handykameras drauflos und son- dern blöde, herzlose und sensationsgierige Sprüche ab. Kaum jemand kommt auf die Idee, daß hier vielleicht ein fatales Mißverständnis vorliegt.

Als Leser schauen wir im weiteren Verlauf aus abwechslungsreichen Persönlichkeitsper-spektiven verschiedener Angehöriger, Anwohner und Passanten auf diese Situation. Streiflichternd und gleichwohl mit präziser Charakterzeichnung umkreisen Menschen, die nah, ganz entfernt oder nur indirekt mit der jungen Frau in Beziehung stehen, den Schauplatz.

Da ist Roswitha, die ein kleines Café betreibt. Sie ist berühmt für ihre frischen Schnitt-lauchschnittchen, und mit ihrer großzügigen, herzhaften, lebenserprobten und unkon- ventionellen Wesensart serviert sie so manchem Gast heilsame Impulse zum Nachtisch.

Egon Moosbach, der vegetarische Hutmacher, ist Stammgast bei Roswitha. Er ver- schenkt einen Hut aus seiner letzten Kollektion an den Fahrradkurier Finn und löst damit unverhofft eine Reihe glücklicher Fügungen für sich und andere aus.

Da sind Theres und Werner, die einen kleinen Lebensmittelladen betreiben und durch den Medienrummel und die vielen Gaffer soviel Umsatz machen wie schon lange nicht mehr. Dies führt auch zu einem deutlichen Aufschwung ihrer Lebenszuversicht.

Finn, der Fahrradkurier, ist zunächst nur genervt wegen der Straßenabsperrungen und wegen des Zeitverlusts, den diese für seinen dringenden Botenauftrag bedeuten. Doch dann schaut er wie die anderen Schaulustigen zum Dach hinauf und erkennt, wer dort oben steht – unmittelbar wird er vom unbeteiligten Beobachter zum zutiefst Betroffenen.

Felix, der Polizist, der vom Dachfenster aus vergeblich versucht, die junge Frau über ein therapeutisches Gespräch zum Zurückklettern ins Haus zu bewegen, kämpft mit seinen eigenen inneren Dämonen, die – ausgelöst durch seinen Aufenthalt auf dem staubigen Dachboden – seine Souveränität und seine kommunikative Kompetenz erschüttern.

Astrid, die ehrgeizige ältere Schwester der jungen Frau, erweist sich angesichts der dramatischen öffentlichen „Inszenierung“ als unerhört feige und hilflos.

Maren, die Besitzerin des Hauses, auf dessen Dach das Spektakel stattfindet, ist zur Genüge mit ihrem frisch geschlüpften Freiheitsdrang beschäftigt, und auch die Schülerin Winnie und Edna, die Nachbarin, die als erste die Polizei alarmiert hat, sind mit ihren eigenen Problemen ausgelastet.

Alle diese Menschen reagieren auf das Ereignis, bewerten und kommentieren es mehr oder weniger empathisch aus ihrer eigenen Befindlichkeit heraus.

Als meditativer Gegenpol erscheint der naturkundige, sympathische, weise Obdachlose Henry, der aus seinem Bauchladen für zwei Euro kleine Zettel mit klugen selbstverfaß- ten Fragen, die das Leben verändern können, an willige Passanten verkauft. Nachfol- gend eine Kostprobe:

„Wenn Sie einen Tag aus Ihrem bisherigen Leben wiederholen könnten, für welchen würden Sie sich entscheiden und warum?“  (Seite 234)

Die Komposition dieses außergewöhnlichen Romans ist detailliert durch- dacht, komplex verknüpft und empfindsam durchfühlt. Wie sich die Wege der Figuren kreuzen, manchmal verbinden, manchmal trennen, manchmal nur beiläufig streifen, wie ihre Erinnerungen, Gedanken, Selbstwahr- nehmungen, Gespräche und Handlungen sich freiwillig oder unfreiwillig, absichtlich oder unabsichtlich mitwirkend ins Geschehen fügen – das ist sehr beeindruckend.

Dabei verleiht die Autorin mit bewundernswerter sprachlicher Unge- zwungenheit und anschmiegsamer Formulierungskunst jeder Figur einen unverwechselbaren charakteristischen Tonfall und einen greifbar-sinn- lichen atmenden Körper. So kommen unterschiedliche soziale Milieus, Altersstufen und psychologische Klippen ebenso zu Wort wie scharfsinnige – durch das jeweilige Persönlichkeitsprisma gebündelte – zeitgeist- und gesellschaftskritische Bemerkungen.

Die schönen und die schrecklichen Augenblicke, die lauten und die leisen Stimmen, die Reibungen zwischen Innenwelt und Außenwelt, die lösbaren und die unlösbaren Verstrickungen, die aufkeimenden und welkenden Hoffnungen, die Selbsterkenntniswendepunkte und neuen Lebensweichen- stellungen der verschiedenen Figuren bilden ein faszinierend changierendes literarisches Episodenmosaik.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/simone-lappert/der-sprung-9783257070743.html

Und hier entlang zu einem aussagekräftigen Interview mit der Autorin:
https://www.diogenes.ch/leser/blog/2019/08/simone-lappert-der-sprung-interview.html

Eine weitere begeisterte Buchbesprechung gibt es bei „Feiner reiner Buchstoff“ von Bri:
https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2019/08/29/von-aussen-sieht-manches-anders-aus/

Die Autorin:

»Simone Lappert, geboren 1985 in Aarau in der Schweiz, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Mit ihrem Debütroman ›Wurfschatten‹ stand sie auf der Shortlist des ›aspekte‹-Preises. Sie ist Präsidentin des Internationalen Lyrikfestivals Basel und Schweizer Kuratorin für das Lyrikprojekt ›Babelsprech.International‹. 2019 erschien der Roman ›Der Sprung‹, der für den Schweizer Buchpreis nominiert ist. Sie lebt und arbeitet in Basel und Zürich.«  https://www.simonelappert.com/

 

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Leben Schreiben Atmen

  • Eine Einladung zum Schreiben
  • von Doris Dörrie
  • Diogenes Verlag, August 2019 www.diogenes.ch
  • in Leinen gebunden
  • mit Schutzumschlag
  • 288 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A), 24,00 sFr.
  • ISBN 978-3-257-07069-9

VOM  LEBEN  ZUM  SCHREIBEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Max Frisch sagte einst: „Schreiben heißt, sich selber zu lesen.“ Genau um diese Art des Schreibens kreist Doris Dörries Buch „Leben Schreiben Atmen“. Es geht hier nicht um Re- zepte für erfolgreiches schriftstellerisches Schaffen, sondern vielmehr um Schreiben als ganz alltägliches Medium, um das eigene Leben zu erkennen, sich selbst tiefer auf die Spur zu kommen, Erinnerungen zu reanimieren und infolgedessen dem ganzen Gefühls-spektrum des eigenen Erlebens Raum und Ausdruck zu geben und diese persönlichen Geschichten gegebenenfalls auch mit anderen Menschen zu teilen.

Doris Dörries Einladung zum autobiographischen Schreiben vermittelt eine ansteckende Schreiblust und Schreibneugier. Sie schreibt uns nichts vor, stellt keine Regeln auf, gibt nur Empfehlungen für Bedingungen und Geisteshaltungen, die den Schreibprozeß för-dern, sie ermutigt zur Freiheit, einfach loszuschreiben – ohne Erwartungen oder ehrgei-zige Qualitätsansprüche. 

Zunächst erklärt sie sehr einleuchtend, daß sich Inspiration nicht durch angestrengtes Nachdenken einstellt, sondern vielmehr durch einfaches – unkontrolliertes – Drauflos-schreiben. Für den Anfang genügen zehn Minuten pausenlosen, am besten handschrift-lichen Schreibens, bei dem nicht nachgedacht, zensiert oder korrigiert wird. Es ist gleich-gültig, ob wilder Blödsinn, ungeahnter Tiefsinn, kostbare Erinnerungen oder banaler All-tag dabei zum Vorschein kommen. Alles darf aufs Papier und sich uns dort buchstäblich zeigen.

Selbsterfahren listet sie weitverbreitete mentale Hindernisse auf, die uns einreden, wir könnten oder dürften nicht schreiben – erst recht nicht über uns selbst -, wir hätten nichts zu sagen, wir seien ängstlich, anmaßend, blöd, einfallslos, eitel, peinlich, unin-teressant, unfähig usw. Weg mit diesen nutzlosen Gedankenbremsen! Das pausenlose Schreiben überwindet solche sekundären Einflüsse und führt in tiefere Schichten, macht uns zum ebenso tapferen wie verletzlichen Entdecker des eigenen Lebens und Werdens.

Sollte uns wirklich einmal gar nichts einfallen, schreibe man die Zauberformel „Ich erinnere mich“ solange hintereinander auf, bis etwas ans Licht kommen will.

„Zu schreiben bedeutet, nicht vor der Wahrheit zu fliehen, sondern in sie zurückzu- finden. Jede Erinnerung, die ich wiederfinde, verbindet sich in dem Augenblick, in dem ich sie teile, mit den Erinnerungen der anderen. Woran erinnere ich Dich?“ (Seite 109)

Doris Dörrie gibt kurze Anleitungen zu befreienden Schreibübungen sowie zahlreiche Anregungen für Schreibthemen und kombiniert sie mit persönlichen biographischen Episoden, die thematisch zu den Schreibeinladungen passen.

Dabei geht sie chronologisch vor, beginnt mit Kindheitserlebnissen, geht weiter zu jugendlichen Lebensverkostungen bis hin zu erwachsenen, verantwortungsvollen Lebenslagen. Jede Zeitphase bietet reichlich Schreibanlässe: sei es ein Lieblingskleid, Lieblingsspeisen, ein Lieblingsbuch, Gerüche, Eltern und Großeltern, Licht und Dunkel- heit, Brot, Körper, Musik, Tanz, der erste Kuß, vertraute Orte und fremde Orte, Sehn- süchte, Möbel, Fußböden, Lügen, der erste Verlust, lebenstaugliche Freundschaften, besondere Begegnungen, Vorher-nachher-Momente, Reisen …  Durch das regelmäßige Schreiben finden wir ein Innehalten in der ganzen kleinen und großen, inneren und äußeren Welt, in der unser Dasein ununterbrochen geschieht. Tägliches Schreiben (mindestens zehn Minuten, gerne aber auch mehr) trainiert die „Schreibmuskeln“ und den Schreibmut.

Doris Dörrie rät beispielsweise dazu, spielerisch auszuprobieren, eine Erinnerung in der ersten Person und dann aus der Perspektive der dritten Person zu formulieren und dann nachzuspüren, welcher Text stimmiger ist. Bei Themen, die uns sehr nahegehen und auf-wühlen, kann das Schreiben in der dritten Person einfacher sein und gleichwohl ganz authentisch. Sie selbst wählt für die Beschreibung eines unausweichlichen zwischen-menschlichen Verlustes die Erzählperspektive der dritten Person, was der emotionalen Substanz des Textes nichts nimmt.

Freifließende Assoziationen, die sinnliche, ja, zugleich meditative Aufmerksamkeit für naheliegende Details und achtsame Gegenwärtigkeit sind wiederkehrende Refrains von Doris Dörries Schreibempfehlungen.

Ihre eigenen biographischen Einblicke illustrieren mit ihrer spontanen, lebhaften Dyna-mik, ihrem weltläufigen Bewegungsradius, der komplexen, assoziativen Korrespondenz zwischen Innen- und Außenwelt, dem abwechslungsreichen Zeitgeistkolorit sowie den schatten-schweren und licht-leichten Erfahrungen, wie beflügelnd, interessant, erkennt-nisbereichernd, schmerzlich, tröstlich, heilsam, spannend, klärend, demutweckend, dankerfüllend, beglückend und wiederbelebend autobiographisches Schreiben sein kann.

Doris Dörrie gibt viele konkrete Impulse zum Schreiben, geht mit eigenem praktischen Beispiel voran und ermutigt und ermuntert den geneigten Leser immer wieder zum Schreiben. Sie spricht uns unmittelbar an, fordert dazu auf, – JETZT genau JETZT – ein-fach zum Stift zu greifen und etwas zu schreiben, sich aus dem Leben heraus ins Leben hineinzuschreiben – von Wort zu Wort, von Satz zu Satz, von Atemzug zu Atemzug …

Auf wessen Erlaubnis warten Sie noch?

„Schreiben ist wie mit der Vergangenheit zu telefonieren und sie in die Gegenwart zu holen. Schreib deshalb möglichst nicht in der Vergangenheits-, sondern in der Gegen- wartsform. Alles wird gegenwärtig. Ist wieder da. Jetzt. (Seite 123)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/doris-doerrie/leben-schreiben-atmen-9783257070699.html

 

Die Autorin:

»Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Film-arbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschich-ten, Romane und Kinderbücher. Sie unterrichtet an der Filmhochschule München ›creative writing‹ und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.«

 

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Das große Rafik Schami Buch

  • von Rafik Schami
  • mit Illustrationen von Root Leeb
  • Hanser Verlag März 2019  http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • 208 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-446-26224-9

SEHNSUCHTSSCHWALBEN  &  LIEBESÜBUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das große Rafik Schami Buch bildet ein abwechslungsreiches, farbenfrohes Mosaik von Texten aus verschiedenen Erzählungen, Romanen und Bilderbuchgeschichten Rafik Schamis. Es eignet sich für den Neuling vorzüglich als Leseschnupperkurs und für den Kenner als vertrautes Wiederlesevergnügen. Der Hanser Verlag empfiehlt es als Kinderbuch ab 10 Jahren, ich hingegen empfehle es als zeitlose Lektüre für jedes Alter.

Märchenhaft wird uns vermittelt wie man Drachen überlistet und wie erkenntnis- fördernd und befreiend Verrücktheit sein kann.

Gerne nehmen wir Anteil am Liebesbriefnachhilfeunterricht eines verliebten Jünglings und an seinen ersten zärtlichen Fortschritten.

In den Fabeln illustrieren Schweine, Hühner, Füchse, Raben, Pfauen, Fische, ein reise-lustiger Baum und eine tapfere Mohnblume sowie einige fabelhafte Fürze die Spannung zwischen Individualität und Mitläufertum, Großzügigkeit und Kleinlichkeit, Eitelkeit und Originalität, unterwürfigem Gehorsam und mutiger Freiheit, engstirniger Beschränkt- heit und atmender Geistesweite sowie zwischen ängstlicher Gewohnheit und hoffnungsfroher Lebensneugier.

In dieser Textsammlung finden sich neben der bewährten Kombination aus Schamis persönlicher Lebenserfahrung und Fiktion alle Themen, die für Rafik Schamis Werk charakteristisch sind: die Stärke des Schwachen und die Schwäche des Starken, bittere und süße Menschenkenntnis, die Entlarvung von Vorurteilen, Gesellschaftskritik, der ebenso kennerische wie schelmische Blick auf klassische Mentalitätsunterschiede zwischen Orientalen und Deutschen, Wehmut und Lebensfreude, gerechter Zorn und heilsamer Humor, weise Kindlichkeit und kindliche Weisheit, wirkliche Wunder und wunderliche Wirklichkeiten – all dies getragen von Rafik Schamis warmherzigem erzählerischen Basso continuo.

„Ich wünsche mir in meinen schlaflosen Nächten, dass meine Lippen zu Schmetterlingen werden, die deine Haut leise küssen …“ (Seite 19)

„Sonne, Wind und Regen haben ihre tiefen, geheimnisvollen Zeichen in die Wand ge-meißelt. Menschen, Tiere und unvollendete Gestalten scheinen im Spiel von Licht und Schatten zu wechseln. Das Zirpen der Zikaden in der Mittagshitze begleitet den Meißel der Zeit mit rhythmischen Gesängen.“ (Seite 86)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-grosse-rafik-schami-buch/978-3-446-26224-9/

 

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. 1979 promovierte er im Fach Chemie. Sein umfangreiches Werk wurde in 32 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Hermann-Hesse-Preis, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ und dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis. Im Hanser Kinder- und Jugendbuch erschien u.a. Das ist kein Papagei (illustriert von Wolf Erlbruch, 1994), Die Sehnsucht der Schwalbe (2000); Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm (2003, illustriert von Ole Könnecke); Der Kameltreiber von Heidelberg  (2006, illustriert von Henrike Wilson); Das Herz der Puppe (2012, illustriert von Kathrin Schärer), Meister Marios Geschichte (2013, illustriert von Anja Maria Eisen); im Erwachsenenprogramm des Verlages Die dunkle Seite der Liebe (Roman, 2004), Das Geheimnis des Kalligraphen (Roman, 2008), Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (2011) und  Sophia oder Der Anfang aller Geschichten (2015). Im Herbst 2019 folgen sein Bilderbuch  Elisa oder Die Nacht der Wünsche (illustriert von Gerda Raidt) und der Roman  Die geheime Mission des Kardinals

Querverweis:

Hier geht es zu Rafik Schamis Kinderbuch „Meister Marios Geschichte“, in der sich Marionetten als Freiheitskämpfer entpuppen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/22/meister-marios-geschichte

Und hier klopft „Das Herz der Puppe“, ein Buch voller Alltag und Wunder, spielerischem Tiefsinn und poetischer Phantasie, das von Rafik Schamis lebendigem Kinderherzen zeugt. Ich lege es Lesern von acht bis achtundachtzig Jahren ans Herz:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/07/28/das-herz-der-puppe/

Hier entlang zu Rafik Schamis berühmtem Bilderbuch „Der Wunderkasten“,
das von der Zauberkunst handelt, mit Worten zu malen und Kinder zu lehren, mit dem Herzen zu sehen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/14/der-wunderkasten/

Und nun noch hereinspaziert in mein Lieblingsbuch Rafik Schamis: „Der Erzähler der Nacht“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/01/30/erzaehler-der-nacht/

 

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