Der Bücherdrache

  • von Walter Moers
  • Ein Roman aus Zamonien von
  • Hildegunst von Mythenmetz
  • Aus dem Zamonischen übertragen
  • und illustriert von Walter Moers
  • PENGUIN Verlag März 2019 www.penguin-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • Format: 17 x 24 cm
  • 192 Seiten
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • ISBN 978-3-328-600064-0
  • 20,00 € (D), 20,60 (A), 28,90 sFr.

VON BUCHLINGEN, ORMLINGEN UND DRACHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Um auch den noch nicht mit der faszinierenden Welt Zamoniens vertrauten Lesern das Verständnis dieser Buchbesprechung zu erleichtern, erkläre ich zunächst einige zamo-nische Spezialitäten.

Zamonien zeichnet sich durch vielschichtig-abwechslungsreiche ober- und unterirdische Lebenswelten und noch vielfältigere botanische, zoologische und märchenhafte Daseinsformen aus. Einige dieser Daseinsformen sind der Literatur in besonderer Weise zugeneigt, und zwar die Lindwürmer, zu denen Hildegunst von Mythenmetz gehört, und die Buchlinge, die in den Katakomben von Buchhaim leben.

Hildegunst stammt von der Lindwurmfeste und lernt bei einem Besuch der Katakomben unter der Stadt Buchhaim unfreiwillig einen Teil der zamonischen Untenwelt kennen – dies wird im vierten Zamonien-Roman „Die Stadt der träumenden Bücher“ ausführlich ausgemalt.

Die Buchlinge sind kleine, kluge, kultivierte und friedliebende Zyklopen, die in einem gut verborgenen Teil der Katakomben von Buchhaim, in der Ledernen Grotte, zu Hause sind. Sie leben buchstäblich vom Lesen und brauchen ansonsten nur noch Wasser, sauerstoff-arme Luft und Kerzenlicht. Jeder Buchling sucht sich einen lebenden oder toten Schrift-steller aus, lernt dessen Werke auswendig und nimmt unwillkürlich auch ein wenig die Charakterzüge des von ihm verinnerlichten Schriftstellers an.

Als Hildegunst von Mythenmetz einst in den Katakomben unterwegs war, fand er bei den freundlichen Buchlingen Zuflucht und Gastfreundschaft. Eines Tages präsentierten sie ihm einen kleinen Nachwuchsbuchling, der gerne Hildegunstens Werke auswendig lernen wollte – ein Angebot, das Hildegunst zutiefst anrührte, zumal er zu diesem Zeit- punkt noch garkein Buch geschrieben hatte, aber die Buchlinge waren damals schon von seinem Schreibtalent überzeugt.

„Der Bücherdrache“ handelt nun von einem Abenteuer, welches dem Buchling, Hilde- gunst Zwei, in seiner Jugend widerfahren ist. In der Buchlingsschule wurde Hildegunst Zwei während der Katakombenmythologiestunde über die Legende von Nathaviel, dem Bücherdrachen, unterrichtet. Nathaviel, der in anagrammischer Variation auch Eliva- than, Thanaviel, Levanthia oder Ilathevan genannt wird, solle seit Jahrhunderten im Ormsumpf hausen.

Im Ormsumpf sind durch den Untenweltfluß Magmoss unzählige alte, wertvolle Bücher gestrandet bzw. versumpft. Der riesige Drache, der einst auf der Flucht vor drachen-jagenden Rittern Schutz im Ormsumpf gefunden hatte, legte sich zum Schlafen also unvermeidlich auf einen Untergrund aus Büchern, und diese blieben nach und nach in seiner Schuppenhaut hängen und wuchsen dort fest.

Zunächst vergrößerte diese ganzkörperliche Bücherverschalung nur Umfang und Gewicht des Drachens, doch im Laufe der Jahre drangen die Sprache, das Wissen, der Geist und das Orm (das Orm ist ein zamonischer Fachbegriff für die substanzielle Inspirationsqualität eines literarischen Werkes) dieser Bücher in den Blutkreislauf des Drachen, und er konnte plötzlich denken und lesen.

Nathaviel verwandelte sich vom instinktgesteuerten Tier zu einem literarisch, philo-sophisch und wissenschaftlich hochgebildeten, polyglotten, weisen und gütigen Drachen, der keine sprechenden Lebewesen mehr fraß und auf jede Frage ein Antwort wußte. Zwar neigte er dazu, diese Fragen auf etwas kryptisch-orakelhafte Weise zu beantworten, doch dies mehrte nur seinen Ruhm bei den zahlreichen Ratsuchenden.

Der Lehrer weist seine Buchlingsschüler schließlich darauf hin, daß der Bücherdrache selbstverständlich nur eine Metapher für den Wunsch sei, alles Wissen ohne die Mühen des Lernens, wiederholten Übens, Memorierens und Schlußfolgerns zu erlangen. Als Hausaufgabe gibt er den Buchlingen gleichwohl auf, sich eine gute Frage für den Bücherdrachen auszudenken.

Hildegunst Zwei unterhält sich nach dem Unterricht mit einigen älteren Mitschülern, der sogenannten „Klassikerbande“, denn diese sechs Buchlinge tragen die Namen antiker Klassiker: Estrakos, Arkaneon, Eliastrotes, Eideprius, Steraphasion und Klosophes.

Beiläufig erwähnt Hildegunst Zwei, daß er eine gute Frage für den Bücherdrachen wisse. Estrakos hört sich aufmerksam diese Frage an und ist beeindruckt, und auch die anderen Klassiker bescheinigen Hildegunst Zwei eine erstaunliche Geistesreife. Deshalb weihen sie ihn in ihren Geheimbund der „Ormlinge“ ein und erzählen ihm, daß es den Bücherdrachen wirklich gebe und daß sie ihn selbst schon gesehen hätten.

Als Aufnahmeprüfung in den Bund der „Ormlinge“ soll Hildegunst Zwei den Bücherdra-chen im Ormsumpf aufsuchen, ihm seine Frage stellen und eines der ormgetränkten Schuppenbücher mitbringen. Sie geben ihm noch eine vage Wegbeschreibung mit, und dann überlassen sie den zukünftigen Ormling seinem Schicksal.

Als Leser merkt man selbstverständlich, daß die Klassiker den naiv-unerfahrenen Hildegunst Zwei veräppeln, aber jeder Buchling muß seine eigenen Erfahrungen machen – da können wir als Lesezeugen dem Jungbuchling nur die Daumen drücken.

Hildegunst Zwei macht sich tapfer auf den Weg in den Ormsumpf, und alleine dieses Bio-bibliotop mit seinem morastigen Boden, seinen seltsamen Gewächsen, seinen Bücher-blätterkompostschichten, gefräßigen Bücherwürmern und vielbeinigen größeren und kleineren Insekten und seinem die Weitsicht begrenzenden Bodennebel bietet mehr als genug Gefahren und Fallen für wenig wehrhafte Geschöpfe, wie Buchlinge es von ihrer schöngeistigen Wesensart her sind.

Nach einer stundenlangen mühsamen und zähflüssigen Wanderung, kurz bevor Hilde-gunst Zwei in Erwägung zieht, besser den Rückweg anzutreten, trifft er auf den Bücher-drachen Nathaviel. Dieser beginnt die launige Konversation mit dem unerwarteten Besucher zunächst einmal mit einem Diskurs zur Abstammung der Drachen von Vögeln.

Hildegunst empfindet angesichts des Bücherdrachens tatsächlich mehr Respekt als Angst, und das Gespräch zwischen Buchling und Drachen entwickelt sich recht ange- nehm. Der Bücherdrache ist wirklich enorm groß: Walter Moers verteilt die anschau- liche Illustration des langen Drachenleibes auf dreizehn Buchseiten hintereinander (Seite 93 – 106)!

Nathaviel erzählt Hildegunst Zwei bereitwillig seine Lebensgeschichte und reichert sie mit spannenden Details und amüsanten, persönlichen Drachenbefindlichkeiten an. Wir erfahr-en von der Verehrung und Verfolgung, die ihm wechselweise im Verlauf der zamonischen Historie widerfahren sind, sowie von den durchaus verständlichen Gründen für seine drastischen Selbstverteidigungsmaßnahmen gegen Bücherschuppen- räuber und seinem sich daran anschließenden Rückzug ins ungestörte – aber auch einsame – Reich der Legende.

Er beantwortet sehr weise und selbsterkenntnisfördernd die Frage des Buchlings, warum er selber kein Buch schreibe, und schwadroniert eloquent über die mühselige Arbeit, ängstliche Besorgnisse und inspirationsbedingte Schlafstörungen des Schrift- stellerdaseins im Vergleich zum unbeschwerten, freudig-gemütlichen Genuß des Lesers. Die Liebe des Bücherdrachens zur Sprache und zu kostbaren Wortschätzen ist dem Buchling (und der Rezensentin) höchst sympathisch und vertraut.

Doch nun weiß unser kleiner Buchling zuviel über die Stärken und Schwächen des Bücherdrachens, und Nathaviel kündigt an – nicht ohne ehrliches Bedauern –, Hildegunst Zwei leider töten zu müssen, denn er könne nicht riskieren, wieder von Scharen von Bücher- und Drachenjägern belästigt zu werden, wenn sich herumspräche, daß es den Ormdrachen wirklich gäbe.

Eine kurze Gnadenfrist bleibt Hildegunst Zwei, weil der Bücherdrache zunächst dringend ein Nickerchen machen muß. Damit der Buchling nicht fliehen kann, sperrt der Drache ihn einfach in seinem großen Maul ein. Er legt den Kopf auf den Boden, damit Hildegunst Zwei nicht in den Drachenmagen herabrutscht, und zieht die Lefzen hoch, damit der kleine Gefangene Luft bekommt.

Da sitzt also Hildegunst Zwei hinter einem Zahngitter, während der Drache seelenruhig und selbstgewiß seinem Drachenschlaf frönt. Indes, Rettung naht, denn die Klassiker-bande hat sich nach dem Verschwinden von Hildegunst Zwei fürsorglich und mit Gewissensbissen auf die Suche nach ihrem Klassenkameraden gemacht.

Wie und ob und mit welchen Folgen es den kleinen Helden gelingt, dem Bücherdrachen und dem Ormsumpf zu entkommen, werde ich jedoch nicht verraten …

Hildegunst von Mythenmetz beschert uns mit „Der Bücherdrache“ einen sprachverlieb- ten, spannenden, phantasievollen, geistreich-unterhaltsamen Roman, mit sehr leben- digen Charakteren, wohldurchkomponierter Handlungsdramaturgie und meisterhafter Dialogroutine. Schelmische literarische Anspielungen und selbstreferenzielle Zitate aus vorhergehenden Zamonienromanen zeigen Hildegunst von Mythenmetz ganz auf der Höhe seines ebenso ruhmreichen wie einfallsreichen und bücherliebhaberischen Könnens.

Dank Maestro Moers‘/Mythemetz‘ Doppelbegabung als Schriftsteller und Zeichner ist dieses Buch mit vielen filigranen, detailreichen Schwarz-weiß-Zeichnungen geschmückt. Jeder Kapitelanfang wird von einer feinen Initiale eingeleitet und mit einer Vignette abgeschlossen. Die Vorsatzblätter wimmeln vor vielgemusterten Bücherschuppen, daß dem Betrachter die Augen flimmern, und die ersten zehn Seiten des Romans sind als Graphik-Novelle gestaltet, sozusagen als Geschichte in der Geschichte, die nur ein Traum in einem Traum oder ein Buch in einem Buch ist …

Köstlich sind auch wieder die von Moers formulierten Anagramme berühmter Schrift-steller. Während sich die Mitglieder der Klassikerbande leicht entschlüsseln lassen: Estrakos ist Sokrates, Arkaneon ist Anakreon, Eliastrotes ist Aristoteles, Eideprius ist Euripides, Steraphasion ist Aristophanes und Klosophes ist Sophokles, verlangt die Buchstabenrekombinatorik angesichts einiger anderer erwähnter Schriftsteller etwas mehr Tüftelei. Oder wissen Sie auf Anhieb, wer sich hinter „Dölerich Hirnfiedler“, Ojann Golgo van Fontheweg“ und „Perla La Gadeon“ verbirgt ???

ACHTUNG!!! Jetzt gibt es hier ein GEWINNSPIEL:

Also, welche berühmten Schriftsteller verbergen sich hinter „Dölerich Hirnfiedler“, „Ojann Golgo van Fontheweg“ und „Perla La Gadeon“ ??? Wer diese drei Anagramme oder wenigstens eines davon löst, kann seine Gripsfindigkeit gerne in der Kommentarsektion kundtun und dabei sogar etwas gewinnen. Leider kann ich keine Bücherdrachenschuppen zur Belohnung verteilen, aber der PENGUIN Verlag war so großzügig, mir ein Verlosungsexemplar des „Bücherdrachens“ sowie drei Buchlings-Broschen zur Verfügung zu stellen. Wem es also gelingt, alle drei Anagramme zu lösen, der bekommt den Roman, und wer nur eine Anagrammlösung schafft, bekommt als Trostpreis eine Buchlings-Brosche. Bei mehreren richtigen Antworten, werde ich unter ormonös-notarieller Aufsicht, die Gewinner auslosen.

Ich werde die korrekte Lösung 48 Stunden nach der Publizierung meiner Rezension bekannt geben.

Nun ist es soweit und die richtige Lösung lautet:

  • Dölerich Hirnfiedler ist Friedrich Hölderlin
  • Ojann Golgo van Fontheweg ist Johann Wolfgang von Goethe
  • Perla La Gadeon ist Edgar Allen Poe

Die glückliche Gewinnerin wurde durch unbestechliches Auslosen ermittelt, und ich werde sie auf dem Kommentarwege benachrichtigen.

»Eine gute Frage erkennt man daran, dass sie das Rätsel erkannt hat, welches einer befriedigenden Erklärung bedarf.« (Seite 27)

Möge das Orm mit Ihnen sein!

 

Hier entlang zum Buch und zum Buchtrailer auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Buecherdrache/Walter-Moers/Penguin/e541770.rhd

 

„Der Bücherdrache“ empfiehlt sich auch vorzüglich als Auditüre! Der Sprecher Andreas Fröhlich erweist sich auch im Ormsumpf als virtuoser Interpret von Hildegunst von Mythenmetz und verstimmlicht den kleinen Buchling Hildegunst Zwei, die Mitglieder der Klassikerbande und den belesenen und kommunikativen Bücherdrachen mit ebenso viel spielerischem Tiefsinn wie mit einfühlsamen und feinsinnig-schelmischen Klangnuancen einschließlich ausgesprochen überzeugender drachenspezifischer Atemakustik.

Der Bücherdrache
von Walter Moers
Gelesen von Andras Fröhlich
Produktion: Der Hörverlag März 2019 http://www.hoerverlag.de
Vollständige Lesung
Laufzeit: 4 Stunden, 25 Min.
4 CDs im Pappklappschachtel
ISBN 987-3-8445-3323-1
20,00 € (D), 20,60 € (A), 28,90 sFr.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Der-Buecherdrache/Walter-Moers/der-Hoerverlag/e553301.rhd

 

Hier entlang zur Zamonien-Webseite: http://www.zamonien.de/

 

Der Autor:

»Der Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz ist der bedeutendste Großschriftsteller Zamoniens. Berühmt wurde er durch seine 25-bändige Autobiographie «Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers», ein literarischer Bericht über seine Abenteuer in ganz Zamonien und vor allem in der Bücherstadt Buchhaim.
Sein Schöpfer Walter Moers hat sich mit seinen phantastischen Romanen weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus in die Herzen der Leser und Kritiker geschrieben. Alle seine Romane wie «Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär», «Die Stadt der Träumenden Bücher», «Der Schrecksenmeister» und zuletzt «Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr» sowie «Weihnachten auf der Lindwurmfeste» waren Bestseller.«

 

Der Vorleser:

»Andreas Fröhlich wurde 1965 geboren und hatte bereits mit sechs Jahren seinen ersten Hörspielauftritt. Seine wohl bekannteste Rolle ist die des Bob Andrews für die Hörspiel-serie „Die drei Fragezeichen“. Andreas Fröhlich lebt in Berlin und arbeitet als Schau-spieler, Synchron- und Hörspielsprecher, Synchronregisseur sowie Dialogbuchautor.«

 

Querverweis:

Hier entlang zu meinen vorhergehenden Moers-Mythenmetz Rezensionshuldigungen:

Zum ersten Zamonien-Roman: Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/25/die-13½-leben-des-kaptn-blaubar/
zum zweiten: Ensel & Krete
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/02/05/ensel-und-krete/
zum dritten: RUMO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/05/28/rumo/
sowie zum siebten Streich: Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/01/prinzessin-insomnia-der-alptraumfarbene-nachtmahr/
zum achten Lesehäppchen: Weihnachten auf der Lindwurmfeste
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/12/22/weihnachten-auf-der-lindwurmfeste/

 

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Die verlorenen Wörter

  • Ein Buch der Beschwörungen
  • von Robert Macfarlane
  • Originaltitel: »The Lost Words«
  • Aus dem Englischen von Daniela Seel
  • illustriert von Jackie Morris
  • NATURKUNDEN No. 49 www.naturkunden.de
  • 1. Auflage Matthes & Seitz Verlag, Oktober 2018  www.matthes-seitz-berlin.de
  • 2. Auflage Januar 2019
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 33,4 cm x 22,6 cm
  • 134 Seiten mit 100 Abbildungen
  • 38,00 €
  • ISBN 978-3-95757-622-4

WÖRTER  WECKEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Von Blauglöckchen bis Zaunkönig blättern wir mit diesem Buch ein verwunschenes Alphabet der Natur auf. Es wurzelt in dem alten, magischen Glauben, daß die Namen der Wesen, diese Wesen hervorrufen können.

Die Verarmung der Natur spiegelt sich in der Verarmung des Wortschatzes. Im Vorwort dieses Buches wird vor allem der die Kinder betreffende Wortverlust beklagt – die Wörter für die Natur gingen leise und fast unbemerkt verloren, „ein Verdunsten wie von Wasser auf Stein“. Die Entfremdung von der Natur korrespondiert mit dem Verschwin- den von Worten, die einst selbstverständlich in den Mund genommen wurden, weil man mit der lebendigen Natur alltäglich in Berührung war.

Mit dem vorliegenden Buch lassen sich einige solcher Wörter und Wesen bewahren, wiederentdecken und heraufbeschwören. „Die verlorenen Wörter“ ist eine wunderbare Spurensuche, die wechselwirksam von der Sprache ins wilde Leben und vom Leben in die Sprache führt.

So finden wir beispielsweise auf einer Doppelseite die Blauglöckchen zunächst buch-stäblich verstreut als blauviolette Buchstaben, die zwischen Baumstämmen „wachsen“. Auf der nächsten Doppelseite wird das Blauglöckchen in einer schönen botanischen Illustration gezeigt und von einem wildpoetischen Text begleitet, dessen Zeilenan- fangswort – nach der Versform des Akrostichons – stets mit dem Buchstaben beginnt, welcher der Buchstabenfolge des Wortes BLAUGLÖCKCHEN entspricht. Dann folgt eine Doppelseite mit einer Illustration, die das Blauglöckchen in seiner natürlichen Umgebung zeigt.

Buchstaben werden hier zu Wortgebilde-Bildern geformt, die sich zu Zeilen und gemalten Bildern verdichten. Blauglöckchen, Brombeere, Efeu, Eiche, Eisvogel, Elster, Farn, Heide, Kastanie, Lerche, Löwenzahn, Molch, Natter, Otter, Rabe, Reiher, Star, Weide, Wiesel und Zaunkönig werden sinnlich-assoziativ-imaginativ beschworen und mit Worten eingefangen. Das klingt manchmal wie ein Märchen, manchmal wie ein Zauberspruch oder Rätsel und immer respektvoll-bewundernd. Zudem bleibt stets eine freie, offene Atemweite, die der geneigte Betrachter und Leser selbst ergänzen kann.

Illustration von Jackie Morris © Matthes & Seitz Verlag 2018

Die verspielten Buchstabengebilde, welche die Wuchsformen, die Flugbahnen oder die Silhouette der Naturwesen aufgreifen, stimmen auf das im folgenden Text beschriebene Wesen ein. Die sich daran anschließenden Illustrationen fügen das Einzelwesen dann in seine natürliche Umgebung und Gesellschaft ein.

Dem im Vorwort angekündigten löblichen pädagogische Anspruch, dem verlorenen sprachlichen Terrain der Natur in der Lebenswelt von Kindern etwas entgegenzusetzen, wird dieses Buch meiner Ansicht nach nur bedingt gerecht. Die Texte und die Wortwahl sind sehr anspruchsvoll und entfalten ihre literarisch-lyrische Sprachmagie durch gekonntes Vorlesen. Ob dadurch wirklich viele Kinder erreicht werden können, sei einmal dahingestellt.

Jackie Morris Illustrationen sind ebenso botanisch und zoologisch präzise wie schön und einfühlsam. Das Suchen und Finden, Lauschen und Schauen, Erinnern und Imaginieren, das uns dieses bemerkenswerte Buch bildlich sowie sprachlich ermöglicht, sind ein zauberhaftes, wildniswirksames Vergnügen, bei dem wir in den geheimnisvollen Wortwedeln, Fiederzeilen, Fragefrüchten, Rankenzeichen und Federworten des Autors Robert Macfar-lane der Natur begegnen.

Sehr ansprechend sind auch die wortschöpferischen Namensvariationen, die sich aus den Beschreibungen ergeben. So wird beispielsweise der Löwenzahn u.a. „Schirmchenstreu“ genannt, was wirklich entzückend anschaulich ist. Die lyrische Sprachmelodie und die Bindung an die Anfangsbuchstabenfolge (Akrostichon) waren gewiß eine übersetzerische Herausforderung, der die Übersetzerin, Daniela Seel, gleichwohl kongenial gewachsen war.

Das großzügige Quart-Buchformat, das schmeichelgriffige 150g/m² Papier, die satte, lesefreundliche Typografie, die Kombination aus sorgfältigen naturalistischen Illustrationen und naturliebhaberischem Sprachstil zeugen für den harmonischen Einklang von substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATURKUNDEN Standard ist. Da kommt Sammellust auf …

 

Hier entlang zum Buch und zur großzügigen, unbedingt sehenswerten LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/die-verlorenen-woerter.html

 

Der Autor:

»Robert Macfarlane, geboren 1976 in Nottinghamshire, studierte Literaturwissenschaft in Cambridge und begann schon als Kind mit dem Bergsteigen. Sein erstes Buch Mountains of the Mind (2003) erhielt zahlreiche Preise, darunter den Somerset Maugham Award. Nach einer wissenschaftlichen Arbeit über Plagiate im 19. Jahrhundert veröffentlichte er 2007 The Wild Places. Es wurde von Kritik und Publikum gefeiert und zur Grundlage einer bbc-Dokumenta- tion. 2012 erschien die Fortsetzung Old Ways. 2011 wurde Macfarlane, der auch als Essayist und Kritiker für den Guardian tätig ist, zum Mitglied der Royal Society of Literature ernannt. Macfarlane gilt als wichtigster britischer Autor des Nature Writings. Im März 2015 erschien Landmarks; Robert Macfarlane untersucht darin die Verbindung von Sprache und Natur. In deutscher Sprache erschienen bei Matthes & Seitz Berlin bislang Karte der Wildnis, Alte Wege und Die verlorenen Wörter, welches mit dem BAMB Beautiful Book Award 2017, dem Hay Festival Book of the Year und dem The Sunday Times Top Ten Bestseller ausgezeichnet wurde.«

Die Illustratorin:

»Jackie Morris 1961 in Birmingham geboren, lebt als freie Autorin und Künstlerin in Wales. Ihre Illustrationen zu Verlorene Wörter wurden mehrfach ausgezeichnet und brachten dem Buch u.a. den von britischen Buchhändlern vergebenen Titel Schönstes Buch des Jahres ein

Die Übersetzerin:

»Daniela Seel 1974 in Frankfurt am Main geboren, ist Verlegerin des unabhängigen Verlags kookbooks, Übersetzerin und Lyrikerin. Zuletzt erschien ihr Gedichtband »was weißt du schon von prärie« (kookbooks). Daniela Seel lebt in Berlin.«

 

Querverweis:

„Die verlorenen Wörter“ ergänzen sich für erwachsene Leser gut mit Andreas Webers empathiesophischen, sprachempfindsamen Naturkunden „Alles fühlt“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/ und „Minima Animalia“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/12/minima-animalia/
Für Kinder eignet sich ergänzend Antje Damms BuchWas wird aus uns? Nachdenken über die Natur: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/02/28/was-wird-aus-uns/

 

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FLUSSRAUSCHEN

  • Roman
  • von Lilian Muscutt
  • erschienen im Selbstverlag Dezember 2017 http://www.flussrauschen.de
  • Taschenbuch
  • 314 Seiten
  • 13,99 €
  • ISBN Buchausgabe    978-3-9818878-0-8
  • ISBN E-Buchausgabe 978-3-9818878-1-5 (8,99 €)

SCHICKSALS  SCHLÄGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es gibt Romane, die zwar bei einem Verlag erschienen sind, bei denen man sich jedoch wundert, wie sie jemals die Schwelle vom Lektorat zum Druck überschreiten konnten. Dann gibt es selbstverlegte Romane, bei denen es einen keineswegs wundert, daß das Manuskript keine Gnade vor einem Verlag fand. Lilian Muscutts Roman „Flussrauschen“ hingegen gehört zu der Sorte Roman, bei der man sich tatsächlich beim Lesen die Augen reibt und kaum glauben mag, daß sich kein Verlag für ihn fand und die Autorin selbst- verlegerisch aktiv werden mußte.

Der Journalist Udo Moosbach knabbert bitter an seinem Karriereknick: Nach einund- dreißig engagierten Dienstjahren wird seine Lokalredaktion geschlossen, und da er angesichts weitreichender medialer Personalschrumpfungen nicht der einzige arbeits- lose Journalist ist, sind seine beruflichen Aussichten trübe. Miserabel bezahlte Aufträge als sogenannter freier journalistischer Mitarbeiter hellen diese Aussichten nicht wirklich auf.

Da kommt ihm eine kleine Auszeit zur Besinnung und Neuorientierung ganz gelegen. Sein guter alter Freund Jan hat ihn dazu eingeladen, während einer längeren reisebe-dingten Abwesenheit in sein Backsteinhäuschen an der Wupper zu ziehen, seinen Hund Zorro zu hüten und sich in der guten Luft des Bergischen Landes und der kleinen Groß-stadt Solingen zu erholen. Im nahegelegenen Ausflugslokal „Am Wupperstrand“ hat Moosbach schon bald einige Bekanntschaften geschlossen und während einer geselligen Runde ein bißchen zu viel vom selbstgebrauten Bier des Wirts genossen.

Am nächsten Tag geht Udo Moosbach – wegen der Nachwehen seines Katers noch etwas ungelenk – mit Zorro im Wald Gassi und bestaunt die üppig wuchernde Pflanzenwelt der Wupperberge. Prompt stolpert er und läßt dabei die Hundeleine los, Zorro prescht zum Wupperufer vor und bleibt laut bellend an einem umgestürzten, in den Fluß hinein- ragenden Baumstamm stehen.

Moosbach folgt dem umtriebigen Hund und erkennt beim Näherkommen, daß Zorro eine Frauenleiche entdeckt hat, die sich in den Ästen des im Wasser liegenden Baum- stamms verfangen hatte. Das ist schon schlimm genug, aber Moosbach sieht zudem, daß es sich um die Leiche der schüchternen jungen Frau handelt, die er am Tag zuvor beim Gespräch mit Lore Berkenkötter, der Wirtin des Wupperstrands, flüchtig kennen- gelernt hatte.

Er informiert die Polizei, und nachdem die üblichen Formalitäten erledigt sind, unterhält sich Moosbach bei Kaffee und Brötchen lange mit Lore Berkenkötter über die junge Tote. Magda Albrecht, so erfährt er, lebte zusammen mit ihrer Großmutter unauffällig in einem kleinen, heruntergekommenen, feuchten und einsam gelegenen Fachwerk- haus im Wald. Sie war ebenso wie ihre Großmutter äußerst ängstlich, verschlossen, scheu und streng religiös. Vor einigen Monaten war die Großmutter an Krebs gestorben, und Magda hätte sich daraufhin fast von einer Brücke in die Wupper gestürzt.

Zufällig war Lores Mann wegen des drohenden Hochwassers zu einem Kontrollgang unterwegs gewesen, und so hatte die junge Frau gerettet werden können. Magda verbrachte einige Monate in der Psychiatrie und war an dem Tag entlassen worden, als Moosbach sie im Gespräch mit Lore am „Wupperstrand“ gesehen hatte. Als Moosbach anmerkt, wie extrem schüchtern ihm die junge Frau erschien, meint Lore, daß Magda an diesem Tag so aufgeschlossen und gesprächig, ja fast heiter, gewesen sei wie nie zuvor.

Das paßt nicht zur kriminalistischen Selbstmordvermutung, und Moosbachs journalisti-scher Spürsinn regt sich. Am nächsten Tag taucht Sanna auf, eine junge Frau, die sich in der Psychiatrie mit Magda das Zimmer geteilt hatte und die ebenfalls bestätigt, daß es Magda wesentlich besser gegangen und sie bei ihrer Entlassung voller Zuversicht war.

Moosbach und Sanna recherchieren gemeinsam weiter und bringen Licht in eine sehr, sehr dunkle Vergangenheit, in der die grausamen Kindesmißhandlungen in kirchlichen Waisenhäusern aus den 50er- und 60er-Jahren und die familiäre Weitergabe trauma-tischer Erfahrungen und Schuldkomplexe eine unheilvolle Rolle spielen. Wenn Magda also ermordet wurde, hängt dies offenbar mit gefährlichen Geheimnissen und früheren, vertuschten Verbrechen zusammen …

Der Kriminalroman „Flussrauschen“ von Lilian Muscutt hat viele Facetten, er ist spannend, er ist sozialkritisch, er bietet einfühlsame, kontrastreiche, zwischenmenschliche Milieustudien und schöne Beschreibungen der wild- romantischen, teilweise urwaldähnlichen Natur des Wupper-Flußlaufs. Besonders hervorzuheben sind die lebensechten Charaktere – was bei den Psychogrammen der sympathischen Figuren angenehm ist und bei den Psychogrammen der unsympathischen Figuren, den „Muffzoppen“, durchaus schmerzlich.

Die Romanstruktur ist abwechslungsreich, der Haupterzählstrang wird durch Magdas Tagebucheinträge sowie diverse Erinnerungsrückblenden verschiedener Figuren polyperspektivisch erweitert und sinnvoll ergänzt.

Das ernste Thema bekommt durch die warmherzig-mütterliche Wirtin Lore, die mit ihrem ausgeprägten Solinger Platt bei Moosbach und bei der ermit- telnden Kriminalkommissarin für amüsante Sprachverwirrung sorgt, eine vergnüglich-behagliche Note. Es dauert eine Weile, bis sich Moosbach in den Solinger Zungenschlag eingehört hat. Für die nicht ortskundigen Leser werden die schwer verständlichen Ausdrücke in Fußnoten übersetzt. Für mich als gebürtige Solingerin löst gelesenes Solinger Platt stets Schmunzeln aus, da ich seinen Klang sogleich mithöre.

 

Das Taschenbuch „Flussrauschen“ kann beim lokalen Buchhändler bestellt werden, sofern dieser mit dem Großhändler Libri zusammenarbeitet, weitere Bestellmöglich- keiten – auch für die elektronische Variante – finden sich auf der Webseite der Autorin: https://www.flussrauschen.de/roman/

Hier entlang zum Buchtrailer:

Die Autorin bietet außerdem musikalisch untermalte Lesungen aus „Flussrauschen“ an:
»Während die Solinger Autorin Lilian Muscutt liest, untermalen Robin Graff (Gesang, Gitarre) & Andreas Merten (Gitarre) die Passagen musikalisch. Die beiden Musiker – seit September 2017 als „The Roan River Project“ unterwegs – präsentieren Songs, die in den Flussrauschen-Proben entstanden. Die englischsprachigen Texte handeln von den Charakteren und wurden überwiegend von der Autorin verfasst. Auch die Musiker kommen beim Lesen zum Einsatz: So erlebt das Publikum ein faszinierendes „Hörbild“ mit verteilten Rollen.«

Aktuelle Termine (26.5.2019 Wuppertal und 7.6.2019 BÜCHERBUMMEL/Düsseldorf) finden Sie hier:  https://www.flussrauschen.de/termine/

Foto von Roman Holtwick ©

Die Autorin:

»Lilian Muscutt (*1977) studierte an der Universität von Sussex, England. Danach arbeitete sie über zehn Jahre als Journalistin. Sie lebt in Solingen. »Flussrauschen« ist ihr zweiter Roman.«  http://www.flussrauschen.de

 

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Wallace

  • Roman
  • von Anselm Oelze
  • Verlag Schöffling & Co. Februar 2019 www.schoeffling.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag
  • 264 Seiten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-89561-132-2

NACHRUHM  MIT  NACHHILFE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wenn Sie sich für Biologie interessieren oder zumindest in der Schule Biologieunterricht hatten, kennen Sie gewiß Charles Darwin und verknüpfen selbstverständlich die Evolu-tionstheorie mit seiner Person. Aber sagt Ihnen der Name Alfred Russel Wallace etwas? Wahrscheinlich nicht – doch mit der Lektüre des Romans „Wallace“ läßt sich diese durchaus lohnende Bekanntschaft nachholen.

Albrecht Bromberg arbeitet als Nachtwächter im Museum für Natur- und Menschheits-geschichte. Mit uhrwerksähnlicher Präzision geht er seinen Aufsichtspflichten nach, löst im Kopf Kreuzworträtsel, und während seiner halbstündigen Pause um exakt drei Uhr raucht er allnächtlich vor dem Museumsportal eine Pfeife und plaudert mit dem Landstreicher Henri Clochard.

Nach dieser traditionellen Pfeifenpause inspiziert er die Museumsbibliothek und sammelt dort die von nachlässigen Besuchern verstreut liegengelassenen Bücher ein, um sie zur Ausleihtheke zu bringen. Eines Nachts stolpert Bromberg über einen auf- gewellten Läuferrand und fällt zusammen mit seinem Bücherstapel zu Boden. Aus den aufgeschlagenen Seiten eines Buches „schaut“ ihn von einem Foto aus dem neun- zehnten Jahrhundert ein bärtiger Mann mit kleiner Nickelbrille schmunzelnd an.

Am nächsten Abend passiert Bromberg auf dem Weg zur Arbeit ein Antiquariat und sieht im Schaufenster auf einem Buch ein weiteres Foto des bärtigen Mannes. Kurz- entschlossen erkundigt er sich beim Antiquar Schulzen nach der Identität dieses Menschen und wird umfassend darüber aufgeklärt, daß es sich um Alfred Russel Wallace handele, der parallel zu Charles Darwin die Evolutionstheorie entwickelt habe und auch in der Einleitung von Charles Darwins Buch „Entstehung der Arten“ namentliche Erwähnung finde.

Der lebhafte biographische Abriß, den der Antiquar Bromberg – begleitet von einigen Gläsern Gin – serviert, weckt in Bromberg den Wunsch, mehr über Wallace zu erfahren und ihm nachträglich zu seinem verdienten Ruhm zu verhelfen. Dies führt dazu, daß Albrecht Bromberg in unverhoffter Komplizenschaft mit einer Museumsbibliothekarin ganz neue und, angesichts seiner sonstigen bescheidenen Zurückhaltung, recht aben- teuerliche Wege beschreitet …

Der Autor wechselt kapitelweise zwischen der Handlung in der Gegenwart und Rück- blenden in das Leben Alfred Russel Wallace‘. Während Bromberg in der Gegenwart seine Nachforschungen betreibt, werden wir in den Rückblenden Lesezeugen von Wallace‘ Lebenslauf.

Wir begleiten Alfred Russel Wallace auf seinen strapaziösen Entdeckungsreisen, bei seinem Artensammeleifer, seinen akribischen Dokumentationen, Protokollen und Vermessungen, seinen aufmerksamen Naturbetrachtungen und klugen Schluß- folgerungen und schließlich auch während seines Malariafieberschubs, bei dem sich seine angehäuften Beobachtungen und Entdeckungen zur Erkenntnis der Gesetz- mäßigkeiten der natürlichen Selektion verdichten. Wallace verfaßt später einen Aufsatz über seine Erkenntnisse und sendet diesen an Charles Darwin, mit dem er in Korrespondenz steht …

Die Beschreibung von Wallace‘ Forschungstätigkeit und Entdeckerleiden- schaft sowie die durchaus schwierigen klimatischen und organisatorischen Bedingungen, unter denen sie litten, vermitteln eine anschaulich-sinnliche Ahnung davon, welche mühevolle Anstrengung, aber auch unermüdliche Begeisterung hinter einer solchen Lebensleistung stecken.

Dem Autor gelingt es auf beeindruckend-einfühlsame Weise, uns gleichsam über die Schulter des Naturforschers und Artensammlers Alfred Russel Wallace‘ blicken zu lassen und einer Persönlichkeit nahe zu kommen, der Entdeckungsfreude und Wissensdrang wesentlich wichtiger waren als wissenschaftliches Ranggerangel.  

Die fiktiven Romanfiguren verfügen über eine sympathische Eigenwilligkeit und im Falle des Antiquars Schulzen auch über eine ausgesprochen amüsante Schrulligkeit.

Dieser Debütroman von Anselm Oezle erfreut mit feingestimmt-niveau- vollem Sprachwerkzeug, geschmeidiger Dialog-Eloquenz, gedanklicher Komplexität und sehr atmosphärischen Szenerien. Er ist auf intelligente Weise unterhaltsam und auf beschauliche Weise spannend.  

Bedauerlich ist jedoch, daß Hinweise auf die verwendeten Quellen zu Leben und Werk Alfred Russel Wallace‘ fehlen. Denn dieser Roman kann ein nach- haltiges Interesse an Alfred Russel Wallace wecken, und ein informatives Nachwort mit entsprechenden Literaturhinweisen, wäre eine entgegen- kommende Zugabe gewesen. Vielleicht könnte dies für eine der nächsten Auflagen in wohlwollende Erwägung gezogen werden. 

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.schoeffling.de/buecher/anselm-oelze/wallace

Der Autor:

»Anselm Oelze, geboren 1986 in Erfurt, studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Philosophical Theology in Freiburg und Oxford. Nach seiner Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin forschte er an der Universität Helsinki. Derzeit lehrt er an der LMU München und lebt mit seiner Familie in Leipzig. Wallace ist sein erster Roman.«

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Lennart Malmkvist und der überraschend perfide Plan des Olav Tryggvason

  • Roman
  • von Lars Simon
  • 3. Band der Lennart-Malmkvist-Reihe
  • Originalausgabe DTV Verlag Dezember 2018  http://www.dtv.de
  • Taschenbuch
  • 352 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21760-6

ENTHÜLLUNGEN,  VERWANDLUNGEN  &  EIN  MOPSFIDELES  HAPPY-END

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nach Lennart Malmkvists plötzlicher Umschulung vom Unternehmensberater zum Magier und schicksalshaften Wächter eines von vier Dunklen Pergamenten, welche eine Reanimierung des unheilvollen Schwarzmagiers Olav Tryggvason verhindern sollen, ist sein Leben – gelinde gesagt – gefährlich turbulent geworden. Wer sich über die zauber- haften Details der Vorgeschichte ausführlicher informieren möchte, lese bitte meine Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/31/lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen/

Beiläufig sei jedoch erwähnt, daß unser Zauberlehrling von einem dubiosen Leierkasten- mann mit einem Fluch belegt wurde, der ihm, sobald er eine zarte Herzensneigung zu einer Frau entwickelt, juckenden, pusteligen Hautausschlag beschert – mit einer solchen Liebesallergie werden romantische Entwicklungen sofort erfolgreich blockiert.

Lennart lebt in Göteborg und hat von seinem liebenswert-schrulligen Nachbarn Buri Bolmen einen Zauber- und Scherzartikel-Laden geerbt. Der Testamentsvollstrecker, Advokat Cornelius Isaksson,  hatte Lennart im ersten Band über die magischen Pflichten aufgeklärt, die mit diesem Erbe verbunden sind.

Die mütterlich-herzhafte Nachbarin, Maria Calvino, bekocht Lennard mit köstlichsten italienischen Spezialitäten, und sein guter alter Freund, Frederik Sandberg, ein IT-Spezialist und Star-Wars-Fan, unterstützt und begleitet Lennarts magische Fortschritte und Unternehmungen unbefangen mit den Hilfsmitteln moderner Technik.

Der sprechende Mops Bölthorn, der einst von Olav Tryggvason in diese Hundegestalt gebannt wurde, gibt Lennart Nachhilfeunterricht in Magie – d.h. er gab ihm Nachhilfe, denn am Ende des zweiten Bandes wurde Bölthorn bei einem magischen Kampf gegen Olav Tryggvasons Helfershelfer böse verletzt, und Lennart bangt nun um das Leben des Mopses, der ihm seit seiner magischen Berufung sehr ans Herz gewachsen ist.

Zauberhafte Fügungen, an denen Maria Calvinos Kochkünste nicht ganz unschuldig sind, führen Lennart auf die Spur des zweiten Wächters der Dunklen Pergamente. Kapitän Darraban, Pirat und Magier in einer Person, ist nach einer launigen Unterwasser-Unterredung zwischen Seemann und Landratte ausgesprochen kooperativ.

Ein magisches Segelschiff mit Tarnvorrichtung ist schnell organisiert, und Kapitän Darra-ban verfügt glücklicherweise auch über das richtige Heilmittel für Bölthorn. Über- raschend zeigt sich zudem, daß das Keksdosen-Orakel, mit dem Lennart zuvor stets in Reimform kommunizieren mußte, unter Darrabans barscher Anrede auch in Prosa sprechen kann und daß „es“ tatsächlich der dritte Hüter der Dunklen Pergamente ist.

Blöd ist bloß, daß inzwischen nur das Pergamentviertel des vierten Hüters, als welcher sich Advokat Cornelius Isaksson entpuppt, noch nicht in Olav Tryggvasons Hände gefallen ist. Wenn erst einmal alle vier Teile vereint sind, dann wird der böse Magier seine ganze unheilvolle Macht entfalten können.

Ein abwechslungsreiches, mit zahlreichen weiteren Überraschungen aufwartendes Ver-steckspiel beginnt und ein Wettlauf mit der Zeit, mit der Polizei und Küstenwache, mit den fanatischen Sektenanhängern von „Trygvassons Erben“, die schon seit langem an der Wiederermächtigung Olav Tryggvasons arbeiten, und mit Lennarts ehemaligem Chef, dem Multimillionär Harald Hadding, dessen geheimnisvolle Rolle im magischen Spiel sich erst nach und nach offenbart.

Beim dramatischen magischen Großkampf der vier Wächter und einiger menschlicher Mitstreiter mit Olav Tryggvason und seinen Helfershelfern wird der böse Magier vernichtend geschlagen.

Infolge des Sieges der Wächter kommt es zu einer hochinteressanten – wenn auch für den aufmerksamen Leser nicht unerwarteten – Rückverwandlung von Mops Bölthorn in …

Nun – Elfenzwinkern – ich kann schweigen und verrate nur so viel, daß dadurch beiläufig auch Lennarts verfluchte Liebesallergie keine Rolle mehr spielt.

Die Handlung des dritten und letzten Lennart-Malmkvist-Bandes entwickelt sich nach einem zunächst gemächlichen Beginn rasant. Mit dem Auftauchen des trink- und fluchfesten Charakters des Kapitän Darraban nimmt die Geschichte buchstäblich Fahrt auf. Seine seemännisch-forsche, unberechen- bare Wesensart ist höchst erfrischend und sein Vorrat an maritim-ange- hauchten, schrägen Schimpfworten, Redewendungen und Befehlen schier unerschöpflich. Beinahe gelingt es ihm, Bölthorn als Lesesympathieträger Konkurrenz zu machen – aber nur beinahe.

Lars Simon führt alle Erzählfäden zu einem sinnvoll-zusammenhängenden Ende und serviert uns eine amüsant-aufregende, skurrile Lesekost; gewürzt mit phantasievollen, magischen Details, charakterstarken Figuren, spannender Dramaturgie und vergnüglichem Dialogwitz.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der  Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ueberraschend-perfide-plan-des-olav-tryggvason-21760/

Hier entlang zum ersten Lennart-Malmkvist Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/31/lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen/
und hier zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/28/lennart-malmkvist-und-der-ganz-und-gar-wunderliche-gast-aus-trindemossen/

Der Autor:

»Lars Simon, Jahrgang 1968, hat nach seinem Studium lange Jahre in der IT-Branche gearbeitet, bevor er mit seiner Familie nach Schweden zog, wo er als Handwerker tätig war. Heute lebt und schreibt der gebürtige Hesse wieder in der Nähe von Frankfurt am Main. Bisher sind von ihm bei dtv die Comedy-Romane ›Elchscheiße‹, ›Kaimankacke‹ und ›Rentierköttel‹ sowie der Urban-Fantasy-Roman ›Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen‹ erschienen. Lars Simon ist ein Pseudonym.«

 

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Weihnachten auf der Lindwurmfeste

  • oder
  • Warum ich Hamoulimepp hasse
  • von Hildegunst von Mythenmetz
  • Aus dem Zamonischen übertragen von Walter Moers
  • Illustriert von Walter Moers und Lydia Rode
  • PENGUIN Verlag  November 2018  www.penguin-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 112 Seiten
  • Format: 17 x 24 cm
  • durchgehend vierfarbig illustriert
  • LESEBÄNDCHEN
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-328-60071-8

M Y T H E N M E T Z S C H E S   I N T E R M E Z Z O

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Da ich nicht voraussetzen darf, daß alle meine geneigten Leserinnen und Leser lese-lückenlos in Walter Moers‘ Zamonien-Welt zu Hause sind, möchte ich gerne einige auf-klärende Informationen vorausschicken, die das Verständnis des hier besprochenen Werkes erleichtern mögen.

Der fiktive Kontinent Zamonien zeichnet sich durch seine faszinierende, märchenhafte und phantasievolle Daseinsformenvielfalt aus. Zu einer dieser Daseinsformen gehören die Lindwürmer, die auf der Lindwurmfeste, einer kegelförmigen Felsformation im Westen Zamoniens, zu Hause sind. Die Lindwürmer sind aufrechtgehende, zweibeinige, intelligente Echsen, die von den Dinosauriern abstammen und in Zamonien ein sehr zivilisiertes und kultiviertes Leben führen. Sie haben eine Lebenserwartung von 1000 Jahren sowie eine starke Neigung zu Literatur und Schriftstellerei. Deshalb bekommt jedes Kind einen Dichtpaten zur Seite, der über literarische Bildung, poetische Inspirationstalente und anfängliche Schreibversuche der kleinen Lindwürmchen wacht.

Hildegunst von Mythenmetz ist der wohl berühmteste und literarisch produktivste Lindwurm der Lindwurmfeste; sein Dichtpate war Danzelot von Silbendrechsler, der Hildegunst von seinem Sterbebett aus gewissermaßen testamentarisch in sein erstes großes Abenteuer schickt, welchselbiges man in seinem Roman „Die Stadt der träumenden Bücher“ nacherlesen kann.

Die Artenvielfalt Zamoniens führt zu einer Vielzahl von speziesspezifischen Feier- und Festtagen. So feiern die Holzgnome das Borkenfest, die Gurkenzwerge das Essigfest, die Nebelheimer den Trompaunenvollmond, die Venedigermännlein eine Mandolinen- woche, die Buchlinge ihr Silvester-Ormen … – und die Lindwürmer feiern alle Jahre wieder Hamoulimepp.

Das vorliegende, für mythenmetzsche Verhältnisse kurze Buch, streng genommen ist es ein ausführlicher Brief an seinen Freund, den dreigehirnigen Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer aus der Bücherstadt Buchhaim, ist Mythenmetz‘ Abrechnung mit dem zamonischen Fest Hamoulimepp. Dieses dreitägige Fest wird auschließlich von den Lindwürmern gefeiert und hat seltsame Ähnlichkeiten, aber auch Unähnlichkeiten mit unserem Weihnachtsfest.

Neben zahlreichen Belagerungen, die die Bewohner der Lindwurmfeste im Verlaufe ihrer Geschichte schon erleiden mußten, gibt es den alljährlichen, festlichen Ausnahmezustand „Hamoulimepp“. Mit diesem Fest sind einige Bräuche und Zeremonien verbunden, denen Mythenmetz ausdrücklich kritisch bis ablehnend gegenübersteht.

Es gibt eine das Fest legitimierende Legende mit mehr oder weniger glaubwürdigen Haupt- und Nebenfiguren, dazu Geschenkestreß und Dekozwang, umweltschädlichen Verpackungswahn, unglaubliche Materialverschwendung durch die bemalten Hamouli- meppbäume, welche in Ermangelung von Nadelbäumen aus tannbaumförmigen Felsen- spitzen der Lindwurmfestesubstanz bestehen, und eine musikalische Beschallrieselung, für die das Wort Musik eigentlich nicht erfunden worden ist.

Ja, auch die Lindwürmer lassen ihre Kinder anscheinend von einem mythischen Wesen beschenken, selbstverständlich nur, wenn die Kleinen das ganze Jahr über brav waren und immer auf ihren Dichtpaten gehört haben. Im unwahrscheinlichen Falle der Unfolg-samkeit drohen Schläge mit der Hamoulirute, die aus gebündelten Brenndisteln besteht – eine „pädagogische Einschüchterungsmethode“, die Mythenmetz nicht ganz zu Unrecht in Frage stellt.

Hinzu kommt, daß man den Lindwurm-Kindern erst den Glauben an märchenhafte Wesen wie den Hamouli, den Mepp und die Hamoulimeppwurmzwerge eintrichtert, nur um sie dann ab einem gewissen Alter aufklärerisch damit zu desillusionieren, daß es diese Figuren garnicht gibt. Dieser brutale Verlust der kindlichen Unschuld und des märchenhaften Vertrauens ist ein Trauma, das Hildegunst von Mythenmetz seinen Erziehungsberechtigten niemals verzeihen konnte.

Mythenmetz läßt kaum ein gutes Haar an den Hamoulimepp-Feierlichkeiten und zählt nur vier Aspekte auf, die ihm zusagen:

  1. Die Lindwurmfesteschneckengedichte: Dabei werden anläßlich des Festes die Gehäuse der Lindwurmfesteschnecken mit Gedichten beschrieben, die man dank der langsamen Bewegungsweise gemächlich mitlesen kann, wenn man einer solch poetisierten Schnecke über den Weg läuft. Außerdem stehen solcherart beschrif- tete Schnecken unter Artenschutz, was der Vermehrungsrate dieser zamonischen Delikatesse wohlbekommt.
  2. Der Bücher-Räumaus: Hier stellt jeder Bewohner der Lindwurmfeste seine aussortierten Bücher wettergeschützt vor die Türe, damit die Passanten sich nach Leselust und -Laune gänzlich unkommerziell davon bedienen dürfen.
  3. Das Festessen: Nun, das Essen ist auf der Lindwurmfeste schon sehr zamonisch-speziell, ich nenne hier nur stellvertretend die Trilobitensuppe; indes ist die Wirkung gemeinsamen, üppigen, mehrgängigen Schlemmens und die damit verbundene gemütliche, gedankenlähmende, bewegungsverlangsamende Trägheit ein universelles Phänomen, das keiner weiteren Erklärung bedarf.
  4. Das Feuerlose Feuerwerk: Dieses Spektakel erfreut einerseits durch seinen leisen, explosionsfreien Auftritt und anderseits mit seiner wunderbaren Farbenpracht. Es wird aus Lindwurmschuppenmehl hergestellt, welches aus den leuchtendsten Farbpigmenten besteht, die Sie und ich leider noch nie gesehen haben.

Einige Abschweifungen zu zamonischen Pflansekten, Edelsteinen, Rostigen Gnomen, Türen, Tellergerichten usw. werden an passenden Stellen sowohl im Fließtext unter- gebracht als auch im Anhang auf den sechzehn Taxonomischen Tafelns farbenfroh illustrativ dargestellt.

„Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ ist ein vergnüglich-bissiger Lesehappen für zwischendurch, die Textmenge ist überschaubar und die graphische Gestaltung sehr attraktiv. Der Fließtext erscheint auf pergamentfarbenen Briefbögen, die kontrast- effektiv auf fast, aber nicht gänzlich schwarzem Seitenhintergrund aufliegen. Die großformatige, bordeauxrote Texttypographie mutet handschriftlich an, ist dabei jedoch erfreulich klar und lesefreundlich.

Die anhängenden Taxonomischen Tafeln sind kunterbunt illustriert und geben einen anschaulichen und amüsanten Einblick in die exotisch-skurrile, phantastische Gedanken- und Lebenswelt der zamonischen Lindwürmer.

Schutzumschlag und Einband üben mit ihrem feingerillten Papier einen haptischen Reiz aus, ein Lesebändchen rundet die sorgfältige Buchausstattung vorzüglich ab.

Das Buch enthält zudem eine achtseitige Leseprobe des für Frühjahr 2019 zu erwarten-den Romans „Der Bücherdrache“. Dies stimmt mich vorsichtig lesevorfreudig; vorsichtig deshalb, weil Moers alias Mythenmetz schon des öfteren die Geduld seiner Lesege- treuen mit verheißungsvollen Romanankündigungen auf eine harte und ausdauernde Warteprobe gestellt hat. Ich sage dazu nur (für die bezüglich der Buchling-Tradition Leseeingeweihten): „Möge er prangen!“

 

Hier entlang zur Buchausgabe und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Weihnachten-auf-der-Lindwurmfeste/Walter-Moers/Penguin/e546137.rhd

 

Zum dazugehörigen Hörbuch:

Weihnachten auf der Lindwurmfeste
von Walter Moers
Hörbuch

ungekürzte Lesung von Andreas Fröhlich
erschienen im Hörverlag November 2018 www.hoerverlag.de
1 CD
Laufzeit: 1 Stunde und 8 Minuten
Pappklapphülle mit Begleitheft und 16 taxonomischen Tafeln
14,99 € (D), 16,90 € (A), 21,90 sFr.
ISBN 978-3-8445-3061-2

„Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ kann ich auch zum Belauschen sehr empfehlen!
Andreas Fröhlich erweist sich auch bei dieser Brieflesung als virtuoser Interpret des dramaturgisch-eloquenten, köstlich-selbstherrlichen und phantasieempfindsamen Hildegunst von Mythenmetz. Subtil, sonor, nuancenreich, pointiert und schelmisch gibt er ihm lebhafte, akustische Gestalt.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Weihnachten-auf-der-Lindwurmfeste/Walter-Moers/der-Hoerverlag/e546249.rhd

 

Der Autor:

»Der Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz ist der bedeutendste Großschriftsteller Zamoniens. Berühmt wurde er durch seine 25-bändige Autobiographie «Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers», ein literarischer Bericht über seine Abenteuer in ganz Zamonien und vor allem in der Bücherstadt Buchhaim.

Sein Schöpfer Walter Moers hat sich mit seinen phantastischen Romanen, weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus, in die Herzen der Leser und Kritiker geschrieben. Alle seine Romane wie «Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär», »Ensel & Krete«, «Die Stadt der träumenden Bücher», «Der Schrecksenmeister» und zuletzt «Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr» waren Bestseller.«

Die offizielle Zamonien-Website mit weiteren Infos www.zamonien.de

Die Mitillustratorin:

»Lydia Rode lebt, malt und zeichnet in Berlin. Ihre Aquarelle für „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ sind ihre ersten veröffentlichten Illustrationen.«

Der Vorleser:

»Andreas Fröhlich wurde 1965 geboren und hatte bereits mit sechs Jahren seinen ersten Hörspielauftritt. Seine wohl bekannteste Rolle ist die des Bob Andrews für die Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“. Andreas Fröhlich lebt in Berlin und arbeitet als Schauspieler, Synchron- und Hörspielsprecher, Synchronregisseur sowie Dialogbuchautor.«

 

Hier entlang zu meinen Rezensionshuldigungen einiger Vorgängerwerke Walter Moers‘ alias Hildegunst von Mythenmetz:

Zum ersten Zamonien-Roman: Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/25/die-13½-leben-des-kaptn-blaubar/
zum zweiten: Ensel & Krete
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/02/05/ensel-und-krete/
zum dritten: RUMO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/05/28/rumo/
sowie zum siebten Streich: Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/01/prinzessin-insomnia-der-alptraumfarbene-nachtmahr/
und zum neunten Zamonien-Roman: Der Bücherdrache
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/04/10/der-buecherdrache/

 

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Der kleine Prinz feiert Weihnachten

  • von Martin Baltscheit
  • mit Zeichnungen des Verfassers
  • Nach einer Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry
  • Karl Rauch Verlag  September 2018   www.karl-rauch-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format:17 x 24 cm
  • 96 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-7920-0155-4

© 2018 Martin Baltscheit, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf

MAN  LIEST  NUR  MIT  DEM  HERZEN  GUT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Kein geringes Wagnis ist es, zu einem Kultbuch wie dem kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry eine Fortsetzung zu schreiben.

Doch ganz ehrlich: Warum sollte es so unwahrscheinlich sein, daß der kleine Prinz noch einmal die Erde besucht und einen Schriftsteller inspiriert? Immerhin bleiben am Schluß des „Kleinen Prinzen“ genug Fragen offen, die einer weiteren Betrachtung und Entwick-lung wert sind.

So reist also der kleine Prinz erneut auf die Erde und landet ausgerechnet zu Weihnacht-en auf dem Hinterhof einer Bäckerei. Er will unbedingt seinen Freund aus der Wüste wiederfinden, der ihm damals das gewünschte Schaf gemalt hat, das die Schößlinge der Affenbrotbäume auf seinem kleinen Planeten auffressen sollte. Dem Maulkorb, den der Freund ebenfalls gemalt hatte, fehlte allerdings ein Riemen, und so geschah es, daß das Schaf eines Nachts die geliebte Rose des kleinen Prinzen auffraß. 

Der Hinterhof gehört zum Futterrevier einer Krähe, die auf Plätzchenreste vom Bäcker hofft. Der kleine Prinz bittet die Krähe, ihm eine Rose zu zeichnen, und die Krähe verspricht Hilfe, wenn der kleine Prinz Plätzchen aus der Bäckerei organisieren könne.

Tatsächlich ist der eifrige und geschäftstüchtige Bäcker von der naiv-zugewandten Aufmerksamkeit des seltsam gekleideten Jungen, der ihn da am frühem Morgen in seiner Backstube aufsucht, gerührt, und er schenkt ihm, da er keine Zeit hat, eine Rose zu malen, eine Tüte feiner Rosenkekse mit Marzipan und Zuckerguß.

Die Krähe ist entzückt und gewissermaßen auch schon gezähmt, und sie hilft dem kleinen Prinzen bereitwillig und lebenserfahren bei der Suche nach seinem Freund. Da der kleine Prinz jedoch nicht den Namen seines Freundes kennt, gestaltet sich die Suche schwierig. Um einige Nachhilfelektionen in die Lebensbedingungen der Neuzeit, Herzensirritationen, Hindernisse, Umwege und christkindliche Mißverständnisse sowie eine enttäuschende Wunschzettellotterie kommt der kleine Prinz nicht herum.

Erst als dem kleinen Prinzen das Buch „Der Kleine Prinz“ in die Hände fällt, erfährt er den Namen seines Freundes und daß ihre gemeinsame Geschichte in einem Buch aufgeschrieben wurde. Nun gibt es kein Halten mehr für die Sehnsucht des kleinen Prinzen. Der behutsame Einwand der Krähe, daß Antoine de Saint-Exupéry im Zweiten Weltkrieg mit seinem Flugzeug abgeschossen worden und im Meer zwischen Korsika und Frankreich versunken sei, entmutigt ihn nur vorübergehend.

Denn der kleine Prinz wäre nicht der kleine Prinz, wenn der Tod keine unüberwindliche Schwelle für ihn bedeutete …

Martin Baltscheit hat den Charakter des kleinen Prinzen einfühlsam und gänzlich unverändert in diese Fortsetzung transportiert. Man erkennt den kleinen Prinzen beim Lesen sofort wieder und fremdelt kein bißchen. Seine kindliche Herzensunmittelbarkeit, seine Beharrlichkeit, seine Naivität, seine Einsamkeit, seine Wehmut und Empörung sowie seine lächelnde Zuversicht und sein sonniges Lachen – alles ist da, um ihn seinen Weg durch die neue Geschichte meistern zu lassen.
  
In den Erklärungen der Krähe über die Gepflogenheiten der Menschenwelt bringt der Autor zeitgemäße gesellschaftskritische Facetten unter, und auch der kleine Prinz ist befremdet, daß alles mit Geld bemessen und bezahlt wird: »Alles kostet hier auf diesem Planeten. Kekse, Geschichten, Freundschaft – die Freiheit oft ein ganzes Leben. Wenn sie immer nur für alles bezahlen, werden sie eines Tages dafür bezahlen – mit ihrer Menschlichkeit!« (Seite69)

Bemerkenswert ist auch die Verwunderung des kleinen Prinzen über die große Anzahl der Leser seines Buches und die Masse der Buchnebenprodukte zum „Kleinen Prinzen“; ihm wird ganz schwindelig angesichts der unzähligen Tassen, Teller, Spieluhren, Stifte, Spardosen, Nachtlichter, Püppchen, Schneekugeln, Postkarten und Vitaminbonbons, die mit ihm illustriert sind. Das ist einerseits ein gelungener metafiktiver Seitenhieb auf die Markenvermarktungsmaschinerie und andererseits ein Beispiel für des Prinzen unheilbare Naivität in Hinsicht auf die Größenordnungen und Menschen- sowie Warenmengenverhältnisse der modernen Welt.

Selbstverständlich unterscheidet sich Martin Baltscheits Schreibstil von dem Antoine de Saint-Exupérys, gleichwohl aber trifft er weitgehend den dichterischen Ton und den seelischen Klang, die der schriftstellerische Vorgänger vorgegeben hat. Auch die Illustrationen von Martin Baltscheit schmiegen sich harmonisch an ihr Vorbild an.

»Ich bin ein Dichter, kleiner Prinz. Dichter erfinden das Lachen und Weinen in Büchern. Du bist die Idee meines Verstandes, der viel im Verstand anderer Menschen gelesen hat. Denn das ist Lesen, wir denken mit fremden Gehirnen und leben in anderen Leben. So bauen wir uns jeden Tag eine neue Wahrheit.« (Seite 91)

Wer Antoine de Saint-Exupérys kleinen Prinzen liebt, wird sich mit Martin Baltscheits Fortsetzung guten Lesegewissens zumindest anfreunden können.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://karl-rauch-verlag.de/buecher/baltscheit-weihnachten-mit-dem-kleinen-prinzen/

© 2018 Martin Baltscheit, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf

Der Autor & Illustrator:

»Martin Baltscheit zählt zu den großen Talenten zeitgenössischer Kinder-und Jugend- literatur. Für die Geschichte des kleinen Prinzen, der an Weihnachten auf die Erde zurückkehrt, hat er die Illustrationen selbst angefertigt und auch das Buch gestaltet. Für ein halbes Jahr lebte der Prinz in seinem Atelier und hat ihm die Geschichte diktiert und die Ausfertigung der Bilder streng überwacht. Ob es eine weitere Geschichte geben wird, steht noch in den Sternen.«  http://www.baltscheit.de

»Antoine de Saint-Exupéry war schon zu seinen Lebzeiten ein anerkannter und erfolgreicher Autor und wurde ein Kultautor der Nachkriegsjahrzehnte, obwohl er selbst sich eher als einen nur nebenher schriftstellernden Berufspiloten sah. Seine märchenhafte Erzählung ›Der kleine Prinz‹ gehört mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Büchern der Welt.«

 

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Der vielleicht größte Schatz

  • Wesentliches in wenigen Worten
  • Band 1
  • von Markus Mirwald  http://www.wesentliches.at
  • Eigenverlag, Wölbling 2017
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 100 Seiten
  • Querformat: 20,8 x 1,9 x 14,6 cm  (DIN A5 quer)
  • LESEBÄNDCHEN
  • 18,50 €
  • ISBN 978-3-903212-00-8

I N N E H A L T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Markus Mirwald präsentiert in seinem Buch fünfzig Aphorismen aus seiner eigenen Feder. Doppelseite für Doppelseite blättern wir je einen einzelnen Aphorismus auf. Die linke Seite zeigt in kleiner Ziffer lediglich die Nummerierung des Aphorismus. Die jeweils rechte Seite enthält den Text, einmal fettgedruckt in der flüssig-schwungvollen Handschrift des Autors und darunter, mit etwas Abstand, ein zweites Mal in klarer Druckschrift.

Der weite, freibleibende Seitenraum, in dessen Mitte sich die Schriftzeilen treffen, trägt zur konzentrierten Wahrnehmung des Gelesenen bei. Das dezente graphische Layout auf cremefarbigem, schmeichelgriffigem 160g/m²-Papier ist in seiner minimalistischen Klarheit sehr attraktiv und angenehm lesefreundlich.

Markus Mirwalds Aphorismen sind unaufdringlich, feinsinnig, vielsaitig und zwischen-menschlich-verbindlich, sie eignen sich gut zur alltäglichen Kontemplation. Man kann sich Seite für Seite bedienen oder orakelartig intuitiv irgendeine Seite aufblättern und schauen, was sich gerade zeigt. Sodann kann man die Zeilen für sich erwägen und als Impuls in sein Denken, Fühlen und Handeln integrieren – oder aber auch verwerfen. Diese Anregungen zum Nachdenken, Zustimmen oder In-Frage-Stellen sind stets eine Nebenwirkung der Aphorismen-Lektüre. 

Es versteht sich von selbst, daß man Aphorismen nicht zum Zwecke einer Rezension zusammenfassen kann wie einen Erzähltext. Einige nachfolgende Zitate mögen daher pars pro toto sprechen:

 

Verblüffende Erkenntnisse
beruhen meist auf ungewollten Erfahrungen.

 

Die Fähigkeit, Weitblick zu entwickeln,
ergibt sich nicht aus unseren Aussichten,
sondern erwächst aus unseren Einsichten.

 

Erst wenn wir begreifen,
was der andere nicht zu sagen vermag,
beginnen wir, ihn zu verstehen.

 

In jenem Moment,
in dem Geld vom Mittel zum Zweck wird,
verliert Wesentliches an Wert.

 

Es ist das Unaussprechliche,
das uns am treffendsten beschreibt –
und sich zwischen den Zeilen auszudrücken vermag.

 

Im übrigen ist die hochwertige und zugleich ökologisch-nachhaltige Gestaltung dieses Buches zu loben. Für den Druck wurde der höchste Standard für Ökoeffektivität (Cradle to Cradle™-zertifizierte Printprodukte), der Druckerei gugler*print   www.gugler.at in Anspruch genommen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Webseite des Autors:
https://wesentliches.at/shop/der-vielleicht-groesste-schatz-wesentliches-in-wenigen-worten-band-1/
Und hier entlang zum 2018 erschienenen Fortsetzungsband „Bei Licht besehen“:
https://wesentliches.at/shop/bei-licht-besehen-wesentliches-in-wenigen-worten-band-2/

Bitte beachten Sie, daß die Bücher ausschließlich beim Autor unter www.wesentliches.at bezogen werden können.

 

Der Autor:

»Markus Mirwald, 1982 in Vorarlberg geboren, ist Autor zahlreicher Aphorismen, die seit 2017 in mehreren Bänden erscheinen. Er wurde zunächst von Abenteuern in Büchern, schließlich von der weiten Welt angezogen: Nach Reisen durch Europa und Südamerika folgten Aufenthalte in Afrika, im Nahen Osten und ein Jahr in Nordamerika. Angeregt durch diese Erfahrungen begann er, sich mit dem Wesen des Mensch-Seins und des sozialen Miteinanders zu beschäftigen. Dieses Interesse mündete im Studium der Soziologie und dem Aufbau eines Cohousing-Projekts in der Nähe von Wien.«  http://www.wesentliches.at

 

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Die kleinen Wunder von Mayfair

  • Roman
  • von Robert Dinsdale
  • Originaltitel: »The Toymakers«
  • Aus dem Englischen von Simone Jakob
  • KNAUR Verlag Oktober 2018   www.droemer-knaur.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • und LESEBÄNDCHEN
  • 464 Seiten
  • 20,00 € (D)
  • ISBN 978-3-426-22672-8

S P I E L R Ä U M E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die wunderoffene Perspektive eines Kindes kann imaginativ Unmögliches möglich machen: Aus leblosen Stofftieren werden echte Tiere, aus Puppen und Figuren echte Spielgefährten, und Bilderbücher blättern buchstäblich Geschichtenräume auf. Der Schauplatz des vorliegenden Romans ist ein Spielwarenhaus, in dem Spielsachen angeboten werden, die gekonnt zwischen technischer Perfektion und Magie changieren und damit erfolgreich das kindliche Bedürfnis nach Verzauberung befriedigen und bei Erwachsenen kindheitsnostalgische Zuneigung hervorrufen.

Die entscheidenden Zutaten für die Herstellung dieses märchenhaften Spielzeugs sind neben handwerklich-künstlerischem Geschick eine lebhafte Phantasie und die Fähig- keit, sich in die Perspektive eines Kindes zurückzuversetzen. Der Inhaber des Spiel- warenhauses, des Emporiums, ist Papa Jack, dessen Spielzeugmachergabe ihm einst das Leben und die Seele rettete. Seine beiden Söhne Kaspar und Emil erfinden und produ- zieren ebenfalls Spielsachen und wetteifern um die Anerkennung ihres Vaters, der der unübertreffliche Meister seines Fachs ist.

Im Jahre 1906 ist der Spielraum für unverheiratete Mütter sehr klein. Die fünfzehn-jährige Cathy erwartet ein Kind. Ihre Eltern beabsichtigen, Cathy in einem „Heim zur Förderung der Moral“ unterzubringen, wo sie unauffällig ihr uneheliches Kind zur Welt bringen und es anschließend zur Adoption freigeben soll, um die Schande zu vertuschen.

Doch Cathy möchte ihr Kind behalten. Zufällig entdeckt sie die unkonventionelle Stellenanzeige eines Londoner Spielwarenhändlers:

„Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich?
Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben?
Dann sind Sie bei uns richtig.
Das Emporium öffnet beim ersten Winter-
frost seine Tore.
Keine Erfahrung erforderlich. Kost und
Logis inbegriffen …“
(Seite 24)

Cathy flieht nach London und trifft genau zur alljährlichen Großen Eröffnungsfeier des größten Londoner Spielwarengeschäfts ein. Das Emporium öffnet seine verheißungs- vollen Pforten stets mit dem ersten Winterfrost und schließt seine Pforten, sobald das erste Schneeglöckchen aufblüht. Das ist zwar eine kurze Verkaufssaison, aber das Weihnachtsgeschäft und der zauberhafte Ruf der außergewöhnlichen Spielwaren bescheren dem Emporium in dieser Zeitspanne so viele kaufwillige und kaufkräftige Kunden, daß das Geschäft den Rest des Jahres geschlossen bleiben kann.

Papa Jack und seine Söhne Kaspar und Emil widmen sich also stets von Februar bis Oktober der Erfindung und handwerklichen Herstellung neuer und verbesserter Spiel-sachen und vom ersten Winterfrost bis zum ersten Schneeglöckchenerblühen dem Verkauf ihrer Kreationen. Für die Verkaufssaison werden viele Verkäuferinnen und Verkäufer eingestellt, die während dieser Zeit auch im Emporium wohnen.

So findet Cathy unkompliziert Aufnahme in Papa Jacks Emporium und lernt von den erfahrenen Verkäufern, den Umgang mit den außergewöhnlichen Spielwaren und die Orientierung in den verwirrend beweglichen Gängen, Etagen und verschachtelten Räumen des Emporiums.

Bei den zauberhaften Spielsachen im Emporium verwischen die Grenzen zwischen feinmechanischer Raffinesse und echter Magie. Es gibt Spielzeugtruhen, die von innen wesentlich größer sind als ihre äußere Erscheinung, Spielzeugtiere, die, obwohl sie täglich aufgezogen werden müssen, eine solch lebhafte und situationsbezogene Reaktionsweise zeigen, daß man ernsthaft an ihrem handwerklichen Ursprung zweifelt, Schaukelpferde, die, bevor sie in den Verkauf kommen, erst einmal gezähmt werden müssen, Vögel aus Pfeifenreinigern, die eigentlich unmögliche Strecken fliegen können, und aufziehbare Spielzeugsoldaten, die exerzieren, marschieren, schließen und „tot“ umfallen können und mit denen man große Schlachtformationen nachspielen kann.

Es gibt zusammengefaltete Papierbäume in kleinen Schachteln, die sich nach dem Öffnen ihrer Verpackung zu lebensgroßen Bäumen entfalten, Patchwork-Hasen, die man mit Filz- und Stoffresten und Schrauben füttern kann und die dann kleine Hasen gebären, die bei entsprechender Fütterung noch kleinere Hasen gebären.

Kaspar und Emil interessieren sich beide für die zurückhaltende Cathy, und es dauert nicht lange, bis sie ihr Geheimnis entschlüsseln und dafür sorgen, daß Cathy auch nach der Verkaufssaison im Emporium bleiben darf.

Papa Jack gewährt Cathy Zuflucht, und er gewährt ihr zudem einen tieferen Einblick in seine Herkunft und seine besonderen Fähigkeiten als Spielzeugmacher. Mit einem speziellen Diorama, das Cathy gewissermaßen leibhaftig als Zeugin in Papa Jacks Ver- gangenheit transportiert, erfährt sie, wie er ein sibirisches Arbeitslager überlebt hat. Im Arbeitslager stellte er aus einfachen Zweigen, Blättern, Kiefernzapfen, Moos und Grä- sern bewegliche kleine Figuren her, deren unerklärliche Lebhaftigkeit selbst brutalste Mitgefangene und Wärter in ihren Bann zog und sie milder stimmte.

Aus dieser schweren Zeit seines Lebens stammt Papa Jacks Credo, daß Spielzeug zwar kein Leben retten kann, aber eine Seele. „Einem Menschen können die schrecklichsten –Dinge zustoßen, aber er wird sich nie verlieren, wenn er sich immer daran erinnert, dass  er einmal ein Kind war.“ (Seite 170)

Kaspar, der ältere Sohn von Papa Jack, entwirft Spielzeug, das den magisch-imaginativen Fähigkeiten seines Vaters sehr nahe kommt. Emil, der jüngere Sohn, stellt mit begeister- ter Hingabe, die aufziehbaren Spielzeugsoldaten her, die der absolute Verkaufsschlager des Emporiums sind. Allerdings funktionieren Emils Soldaten wirklich rein mechanisch und vorhersehbar, und Emil beneidet seinen Bruder um das gewisse magische Extra, das er seinen Schöpfungen zu verleihen vermag.

Nun konkurrieren die beiden auch noch um Cathys Gunst; daß sich Cathy für Kaspar entscheidet und dessen Ehefrau wird, kränkt Emil zusätzlich. Doch zunächst leben und arbeiten alle weiter zusammen, und Cathys Tochter Martha wächst in einem geborgen- en familiären Umfeld auf. Kaspar und Emil wetteifern nach wie vor alljährlich mit ihren neuen Spielzeugerfindungen gegeneinander, und man darf Kaspar durchaus vorwerfen, daß er seine erfinderische Überlegenheit gegenüber Emil übertrieben ausspielt.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird Kaspar Soldat, und Emil, der wegen seiner Herz-schwäche nicht eingezogen wird, bleibt im Emporium und genießt die konkurrenzlose Zeit. Kaspar kehrt nach Ende des Krieges traumatisiert zurück und spielt unentwegt mit einer Spieluhr, die er im Lazarett konstruiert hat. Diese Spieluhrmelodie, versetzt den Zuhörer, solange er die Kurbel dreht, in eine glückliche Lebensphase zurück, hält ihn jedoch in dieser Zeitschleife gefangen.

Martha gibt im Gegensatz zu den Erwachsenen die Versuche nicht auf, Kaspar aus seiner Erstarrung zu holen, und sie hat damit wortwörtlich spielerischen Erfolg. Kaspar ist zwar sehr verändert, aber er nimmt wieder am Leben Anteil, arbeitet tatkräftig mit und entwirft neues Spielzeug.

Diesmal tritt er jedoch auf eine Weise in Konkurrenz zu Emil, die für Emil unverzeihlich ist. Denn es gelingt Kaspar, die Spielzeugsoldaten so umzuarbeiten, daß sie sich gegen-seitig selber aufziehen können. Diese Unabhängigkeit führt dazu, daß sie langfristig eigenwillig werden und anstelle von Waffen weiße Fahnen schwenken und schließlich eine Rebellion gegen ihren ursprünglichen „Herrscher“, Emil, planen. Der ewige Streit zwischen den Brüdern eskaliert …

Das vorliegende Buch öffnet eine Spielzeug-Wunderkammer nach der anderen und erfreut den Leser mit faszinierenden Spielzeugfantasien und verspielten Geschöpfen, denen die innige Bezugnahme und kindliche Betrachtungsweise mehr Leben einhaucht, als die eingebaute Mechanik vorsieht.

Die psychologische Tiefe der menschlichen Figuren – abgesehen von Papa Jack – und ihre Beweggründe lassen indes zu wünschen übrig. Der Autor steht zudem den männlichen Figuren wesentlich näher als den weiblichen, deren Innenleben er deutlich weniger kenntnisreich auslotet und beschreibt. Folglich erscheinen die liebesgeschichtlichen Elemente des Romans blaß und beiläufig, und die angekündigte Romantik kommt zu kurz. Das unerbittliche Wetteifern zwischen Emil und Kaspar ist der dramaturgische Handlungsantrieb, der fast alle emotionalen Vorräte für sich beansprucht.

Der Einfallsreichtum des Autors bezüglich wundervoller, ja, beseelter Spielzeuge und imaginärer Spielräume ist größer, detailverliebter und hingebungsvoller als der für seine menschlichen Charaktere.

Dies führt dazu, daß man beim Lesen schließlich mehr Anteil am Schicksal der zu Be- wußtsein gekommenen Spielzeugsoldaten nimmt als an der Entwicklung der familiären Situation zwischen den konkurrierenden Brüdern und ihrem Verhältnis zu Cathy. Tat- sächlich ist das Spielzeug – insbesondere der anhängliche Patchwork-Hund Sirius und der würdevolle Kaiserliche Rittmeister – in diesem Roman sympathischer, entwicklungs- und lebenslernfähiger als die Menschen.

Gleichwohl fasziniert dieser Roman mit der Erschaffung eines Ortes, an dem Kindheits-träume wahr werden, und man erliegt gerne dem erlesenen Charme märchenhafter Spielzeugwelten.

„Wenn man jung ist, will man Spielzeug, weil man sich älter fühlen möchte. Man tut so, als wäre man ein Erwachsener, und stellt sich vor, wie das Leben später sein wird. Aber ist man dann erwachsen, ist es umgekehrt; nun will man Spielzeug, weil man sich dadurch wieder jung fühlt. Man will zurück an den Ort, wo einem nichts schaden kann, hinein in eine Zeitschleife, die aus Erinnerungen und Liebe besteht.“
(Seite 247)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/9595139/die-kleinen-wunder-von-mayfair

 

Der Autor:

»Robert Dinsdale, Jahrgang 1981, wuchs in North Yorkshire auf. Er lebt mit seiner Tochter in Essex. Wenn er sie nicht gerade zur Schule fährt, geht er am Meer spazieren, arbeitet am Computer oder besucht die örtliche Bibliothek. „Die kleinen Wunder von Mayfair“ ist sein dritter Roman.«

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Beim Morden bitte langsam vorgehen

  • Roman
  • von Sara Paborn
  • Originaltitel: »Blybröllop«
  • aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
  • DVA Deutsche Verlags-Anstalt April 2018  http://www.dva.de
  • gebunden
  • Pappband
  • 272 Seiten
  • 18,- € (D), 18,50 € (A), 24,50 sFr.
  • ISBN 978-3-421-04802-8

B E Z I E H U N G S G I F T E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie und warum wird eine freundliche, kultivierte Bibliothekarin zur raffinierten und erfolgreichen Giftmörderin? Diese Frage wird im vorliegenden Kriminalroman beredt, bedenkenswert und schwarzhumorig beantwortet. Obwohl wir gleich zu Beginn in Form eines freiwilligen, ja, geradezu heiter-gelassenen Tagebuch-Geständnisses von der vollbrachten Tat und der Täterin erfahren, bleibt die faszinierende Spannung dieser Geschichte bis zum Schluß erhalten. Denn es geht nicht um die sonst übliche Frage, wer es war, sondern, wie es dazu kam und was sich daraus ergab.

Manche Ehen sind einfach nicht gut bekömmlich. Die kluge, nette Bibliothekarin Irene und der pedantisch-rationale Elektroinstallateur Horst passen halt nicht gut zu einander. Die Frau übernimmt um der familiären Harmonie willen den größten Teil der zwischenmenschlichen Anpassung, zieht zwei Kinder groß und tröstet sich mit Büchern.

Sie nimmt sogar hin, daß ihr gemütliches Büchernest vom Speicher in den muffigen Heizungskeller verbannt wird, da Egozentrik-Horst den Speicher für seinen perfekt ausgetüftelten Audioraum mit seiner echtgoldenen Verkabelung beansprucht.

Die Kinder sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Die Bibliothek, bisher Irenes willkommener beruflicher Zufluchtsort, verwandelt sich von einem Raum erlesener Bücherschätze, leiser Gespräche und stiller Lesekonzentration in einen lautstarken, kommunikativen Sozialanimationsraum. Der „verhuschte Zeitgeist“, verkörpert vom neuen medienfachstudierten Chef der Bibliothek, läßt anspruchsvolle Bücher zugunsten leseleichter Bücher aussortierten und hält dies für Leseförderung.

Irene nimmt die aussortierten Klassikerausgaben mit nach Hause und sammelt sie in einigen Kartons im Heizungskeller. Horst macht sich über diese „Altpapiersammlung“ lustig. Er konnte noch nie verstehen, was seiner Frau Bücher und schöne Sprache bedeuten. Irene steht kurz vor der Rente und erschrickt angesichts der Aussicht, noch mehr Zweisamkeit mit dem unsensiblen und literaturresistenten Gatten ertragen zu müssen.

Als Horst dann eines Tages einfach alle Bücherkartons zur Mülldeponie bringt, um Platz für vier Säcke Zement aus dem Baumarkt-Sonderangebot zu schaffen, ist das Maß voll. Irene steht zornentbrannt im bücherentleerten Keller und entdeckt eine alte Holzkiste, in der noch Vorhänge aus dem Erbe ihrer Mutter lagern. Sie betrachtet nostalgisch die schön gemusterten Stoffe und findet mehrere Tütchen mit Bleiband. Der Verpackungs-aufdruck warnt eindringlich vor den Gesundheitsgefahren, die von Blei ausgehen – da keimt eine Idee in Irene.

Beflügelt eilt sie am nächsten Morgen in die Bibliothek, sie recherchiert, besorgt sich chemische und metallurgische Fachbücher, und wenig später stellt sie in ihrer Küche aus den Bleibandkügelchen und einigen weiteren Zutaten Bleizucker her. Nach und nach füllt sie ihre Vorratsgläser mit den Erzeugnissen ihres Küchenlabors.

Zunächst spielt sie nur mit der Möglichkeit, den Gatten mit solchem Süßstoff langsam aber sicher ins Jenseits zu befördern, und erfreut sich an ihren Fähigkeiten als Gift- produzentin. Irene staunt über ihr giftmischerisches Talent, entwickelt ein neues Selbstbewußtsein und perfektioniert ehrgeizig den Inhalt ihres Giftschranks.

Irene reflektiert über die neununddreißig Ehejahre mit Horst, und nach dieser ernüch-ternden Herzensinventur und zahlreichen aufgelisteten Beispielen für Horstens geringe Empfindungsreichweite, seine poetische Unfähigkeit, seine unromantisch zweck- mäßigen Geschenke und seine pragmatische Selbstgefälligkeit wird die Vorstellung eines freien Lebens unter Büchern ohne den lästig-langweiligen Gatten und seine unverbesserliche Ignoranz immer attraktiver.

Schließlich versüßt sie Horst den Kaffee und die eine oder andere Speise mit Bleizucker. Nach einigen Wochen beginnt Horst zu kränkeln und zu schwächeln, und die ehelichen Machtverhältnisse verschieben sich dramatisch …

Während dieser Lektüre sympathisiert man durchaus mit der Mörderin. Zwar bekommt der Gatte zum Ende hin auch etwas Lesemitgefühl ab, gleichwohl gönnt man Irene ihre gewonnene Freiheit.

Dieser unterhaltsam-makabere Krimi ist in einem unaufgeregten Erzählton geschrieben, weise zum Handlungsverlauf passende Zitate und giftige Rezepturen untermalen den Fließtext stimmungsvoll. Die anschaulich geschilderten, betrüblichen ehelichen Szenen, dürfen gerne als warnende Beispiele beziehungstödlichen Miteinanders gelesen werden.

„Beim Morden bitte langsam vorgehen“ ist das augenzwinkernd-realitätsnahe Psychogramm einer gefährlich-inkompatiblen Zweisamkeit, die man zwar auch mit einer Scheidung hätte beenden können, aber: „Was ist eine Scheidung schon gegen einen Giftmord von neronischer Klasse?“ (Seite 213)

 

Hier entlang zum Buch und zur garantiert giftfreien LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Beim-Morden-bitte-langsam-vorgehen/Sara-Paborn/DVA-Belletristik/e531062.rhd

Die Autorin:

»Sara Paborn, 1972 in Sölvesborg geboren, war früher in der Werbebranche tätig und lebt heute als Autorin in Stockholm. 2009 veröffentlichte sie ihr Debüt. Ihr Überaschungsbestseller „Beim Morden bitte langsam vorgehen“ ist ihr vierter Roman; damit ist Sara Paborn erstmals auf Deutsch zu entdecken.«

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