Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der dem Mond Gute Nacht sagen wollte

  • Band 6 vom kleinen Siebenschläfer
  • Text von Sabine Bohlmann
  • Illustrationen von Kerstin Schoene
  • Thienemann Verlag, Januar 2021    www.thienemann.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 296 x 237 mm
  • 32 Seiten
  • 14,00 € (D), 14,40 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-522-45949-5
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

Die-Geschichte-vom-kleinen-Siebenschlaefer-der-dem-Mond-Gute-Nacht-sagen-wollte-
U N E R H Ö R T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der kleine Siebenschläfer liegt gemütlich in der familiären Siebenschläferhöhle und sagt nacheinander Mama, Papa und seiner Schnuffeldecke Gute Nacht, und alle erwidern seinen Gutenachtgruß. Auch dem Mond, der voll und rund durch das Höhlenfenster scheint, ruft er einen Gutenachtgruß hinauf. Da der Mond jedoch nicht antwortet, schlußfolgert der kleine Siebenschläfer, daß der Mond ihn wohl nicht gehört habe, da die Entfernung zwischen ihnen zu groß sei.

Also geht er hinaus, stellt sich auf die Zehenspitzen und wiederholt seinen Gutenacht- ruf. Der Mond reagiert wieder nicht, aber die kleine Haselmaus ist vom Ruf des Sieben-schläfers wachgeworden und bietet ihre Hilfe an. Sie klettern auf einen Maulwurfshügel und rufen, und wieder bleibt der Mond stumm. Doch nun ist der Maulwurf von den lauten Gutenachtrufen aufgewacht und beteiligt sich an der Suche nach einem höheren Ausrufpunkt.

Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der dem Mond Gute Nacht sagen wollte draußen mit Haselmaus

Illustration von Kerstin Schoene © Thienemann Verlag 2021

Sie besteigen den großen Popo des schlafenden Bären, aber diese „Erhöhung“ weckt auch nur den Bären auf. Im Gespräch mit dem Bären fällt dem Siebenschläfer ein, daß sie auf einen Baum klettern könnten, um dem Mond deutlich näher zu rücken. Der Bär ist sogar so freundlich, die kleinen Tiere auf den untersten Ast eines hohen Baumes zu heben.

Beim Erklettern des Baumes treffen sie ein Eichhörnchen, das sie ganz hoch in den Baumwipfel führt. Von dort aus rufen sie alle zusammen und so laut sie können: „Gute Nacht, Mooooooond!“ – und siehe da, der Mond ruft zwar nicht zurück, aber er lächelt …

Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der dem Mond Gute Nacht sagen wollte Astaussicht

Illustration von Kerstin Schoene © Thienemann Verlag 2021

Der kleine Siebenschläfer eröffnet auch im 6. Band seine unwiderstehliche Niedlich- keitsoffensive und überwindet mit unermüdlicher Zielstrebigkeit und zuverlässiger freundschaftlicher Unterstützung die kommunikative Distanz zum Mond.

Sabine Bohlmann erzählt diese buchstäbliche Gute-Nacht-Geschichte auf gewohnt warmherzige und heiter-unbeschwerte Weise. Die Illustrationen von Kerstin Schoene statten die Geschichte mit einer stimmungsvollen Mondnachtkulisse aus und geben den Figuren durch lebhafte Mimik und amüsante Körpersprache anschauliche Gestalt.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.thienemann-esslinger.de/produkt/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-dem-mond-gute-nacht-sagen-wollte-isbn-978-3-522-45949-5

Die Autorin:

»Geboren wurde Sabine Bohlmann in München, der schönsten Stadt der Welt. Als Kind wollte sie immer Prinzessin werden. Stattdessen wurde sie (nachdem sie keinen Prinzen finden konnte und der Realität ins Auge blicken musste) Schauspielerin, Synchronsprecherin und Autorin und durfte so zumindest ab und zu mal eine Prinzessin spielen, sprechen oder über eine schreiben. Geschichten fliegen ihr zu wie Schmetterlinge. Überall und zu allen Tages- und Nachtzeiten (dann eher wie Nachtfalter). Sabine Bohlmann kann sich nirgendwo verstecken, die Geschichten finden sie überall. Und sie ist sehr glücklich, endlich alles aus ihrem Kopf rausschreiben zu dürfen. Auf ein blitzeblankes, weißes – äh – Computerdokument. Und das Erste, was sie tut, wenn ein neues Buch in der Post liegt: Sie steckt ihre Nase ganz tief hinein und genießt diesen wunderbaren Buchduft.« www.sabinebohlmann.com

Die Illustratorin:

»Kerstin Schoene studierte Kommunikationsdesign an der Bergischen Universität Wuppertal. Schwerpunkt ihres Studiums war Illustration bei Professor Wolf Erlbruch. Seit ihrem erfolg- reichen Abschluss arbeitet sie freiberuflich als Illustratorin und Grafikdesign-erin. Sie zeichnet für verschiedene Verlage, schreibt und illustriert eigene Kinderbücher. Sie lebt, unter Beobachtung eines Fellknäuels, in Haan.« www.kerstinschoene.de

Querverweis:

Hier entlang zu den vorhergehenden siebenschläfrigen Bilderbüchern:

Band 1: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der nicht einschlafen konnte
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/02/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-nicht-einschlafen-konnte/
Band 2: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der nicht aufwachen wollte
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/24/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-nicht-aufwachen-wollte/
Band 3: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der seine Schnuffeldecke nicht hergeben wollte  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/05/09/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-seine-schnuffeldecke-nicht-hergeben-wollte/
Band 4: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der den ganzen Tag lang grummelig war  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/08/12/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-den-ganzen-tag-lang-grummelig-war/
Band 5: Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der überhaupt keine Angst im Dunkeln hatte

Und hier entlang zum Gutenachtgeschichtenbuch vom kleinen Siebenschläfer „Eine Schnuffeldecke voller Gutenachtgeschichten“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/01/30/der-kleine-siebenschlaefer-eine-schnuffeldecke-voller-gutenachtgeschichten/

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Zwischenzeit

  • von Natalie Berghahn
  • Roman
  • WESTKREUZ Verlag 2016, www.westkreuz-verlag.de
  • Broschur
  • 224 Seiten
  • 19,90 €
  • ISBN 978—3-944836-29-4

Zwischenzeit
NACHBARSCHAFTEN  UND WAHLVERWANDTSCHAFTEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieser Roman setzt sich aus einem spannenden Figuren- und Perspektivenmosaik zusammen, dessen Zentrum die eigenbrötlerische Johanne und ihr Refugium bilden. Da Johanne zu Beginn des Romans sehnsüchtig auf die alljährliche Wiederkehr der Mauer-segler wartet, deren luftige Anmut sie bewundert, wage ich zunächst eine Vogelperspek-tive auf die Romanszenerie.

Aus dieser erhöhten Sicht zeigt sich eine alte Siedlung am Stadtrand. Das Haus von Johanne und das ihrer unmittelbaren Nachbarin Eva verfügen noch über die ursprüng-lichen großen Gärten, während die anderen Grundstücke inzwischen durch einige neue Häuser bauverdichtet und entsprechend kleingartig ausfallen.

Eva hat Alzheimer und unzählige Katzen. Kontaktfreudig bietet sie jedem Passanten eine Hausbesichtigung an. So spricht sie auch Juan an, einen illegalen Einwanderer aus Ecuador, der nach einem Streit mit seiner deutschen Freundin auf der Suche nach einem vorübergehenden Schlafplatz ist. Er nimmt die Einladung ins Haus an, ist aber nicht angetan vom desolaten Zustand des Haushalts, und als Evas mobiler Pflegedienst eintrifft, versteckt er sich flugs im Garten. Dort entdeckt er ein Gartenhäuschen, das seinen Bedürfnissen genügt, und richtet sich dort ein.

Etwas entfernter, aber doch in fußläufiger Nachbarschaft lebt Petra recht gutbürgerlich mit ihrem Mann. Petra hat nach schmerzlich unerfüllt gebliebenem Kinderwunsch ein Pflegekind aufgenommen. Die achtjährige Brinda wurde aus der Obhut ihrer psycho-tischen Mutter genommen, doch der Schatten der mütterlichen Wahnvorstellungen und Ängste „vor der Strafe der Engel“, deren obskure Vorschriften man befolgen müsse, wirkt  nach und erschwert Petra den Herzenszugang zu Brinda. Vielleicht ist es aber auch Petras eigene Liebesbedürftigkeit, die dem traumatisierten Kind nicht angemessen gerecht werden kann.

Nun nähern wir uns Johanne: Johanne spricht fünf Fremdsprachen und kennt die latei-nischen Namen von Pflanzen und Tieren, aber sie hat große Probleme, mit Menschen zu sprechen. Selbst einfache zwischenmenschliche Begegnungen bedeuten für sie Angst und Unsicherheit. Ihre seltsam verzögerte kommunikative Reaktionszeit führt zu pein- lichen Mißverständnissen, die dann wiederum den Streß erhöhen. Deshalb meidet sie Menschen weitmöglichst, verhält sich meist mürrisch abweisend und einsilbig, wenn sie angesprochen wird, und möchte vom – wie sie es nennt – „Sprech“ am liebsten verschont bleiben.

Dabei ist Johanne durchaus selbstreflektiert und bedenkt ihr Anderssein und ihre kommunikative Phasenverschiebung recht selbstironisch mit folgenden Worten:  „Ein Strickfehler in Johannes Kopf, eine Laufmasche im Hirngespinst sozusagen, eine von vielen.“ (Seite 53)

Am besten versteht sie sich mit Tieren und Pflanzen. Sie lebt sehr zurückgezogen, in einem alten Haus, das sie von ihrer Großmutter geerbt hat, kultiviert selbstversor- gerisch ihren großen Garten, hält eine kleine Schar Hühner und pflegt einen drei- pfotigen Igel, den sie als Unfallopfer auf der Straße gefunden hat. Das wenige Geld, das sie braucht, verdient sie sich mit der polyglotten Übersetzung diverser Spielanleitungen.

Gelegentlich zieht sie nachts los und macht mit Hilfe eines sehr scharfen Jagdmessers – die Klinge besteht aus zweiundreißiglagigem Damaszenerstahl – die Straßen igelsicher und die Autoreifen platt.  

Deshalb ist sie, neben ihren üblichen Ängsten – „schimmelige Haustierangst und grelle Planetenangst“ -, auch entsprechend erschrocken, als zwei Polizisten bei ihr anklopfen. Doch sie erkundigen sich bloß, ob Johanne zufällig ein Kind aus der Nachbarschaft ge- sehen habe. Dieses Kind sei seinen Pflegeeltern weggelaufen und man vermute, daß es sich irgendwo in der Nähe versteckt habe. Davon hat Johanne – bis auf die Suchplakate – nichts mitbekommen, und nachdem die kriminalistische Begutachtung von Johannes Gartenschuppen auch nichts ergeben hat, verabschieden sich die Polizisten wieder.

Johanne hat aber durchaus gemerkt, daß sich in ihrem Schuppen nicht alles am rechten Platz befindet und schaut später noch einmal nach, wobei die das vermißte Mädchen entdeckt. Nach dem ersten Schreck lädt Johanne das Kind einfach zum Mittagessen ein. Erstaunlicherweise funktioniert die Kommunikation in diesem Fall ziemlich reibungslos. Johanne empfindet Brinda nicht als Störenfried, und Brinda weiß die unaufdringliche Fürsorge Johannes zu schätzen.

Juan, der vom Fenster „seines“ Gartenhäuschens schon gelegentlich neugierige Blicke auf Johanne geworfen hat, möchte den Versuch wagen, die spröde Schöne zu verführen. Er pflückt einen Blumenstrauß und klopft an Johannes Tür. Sie ist keineswegs empfäng- lich für seinen Charme, aber sie bietet ihm immerhin einen Brennesseltee an. Langsam wird es voll in Johannes Einsiedlerleben.

Später bringt dann noch ein sympathischer, einarmiger Tierschützer mit dem Internet-spitznamen „Mauersegler“ einige aus einem Tiertransporter befreite Hühner vorbei. Denn Johanne hatte sich zuvor angeboten, diese armen Hühner aufzupäppeln.

Die Situation wird immer komplizierter und verwickelter, indes – so viel darf ich verraten –  löst sich alles passabel auf. Brinda und Petra kommen auf dem Umweg über Johanne zu einer ersten echten Annäherung und Vertrauensbasis, und schließlich wird sogar Brindas Geburtstag in Johannes Garten gefeiert, und es scheint, als keime langsam auch für Johanne ein erfreulicher Zuwachs an möglicher zwischenmenschlicher Nähe und Verbundenheit.

Bei diesem Roman ist die einfühlsame, sehr stimmige Figurenzeichnung besonders her- vorzuheben und zu loben. Dieses lebhafte Panoptikum außergewöhnlicher Charaktere, die ebenso in biografischen Rückblenden wie aktuellen Verhaltensmustern dargestellt werden, transportiert vielfältige Sichtweisen auf das Leben, stellt so manche Selbstver- ständlichkeit in Frage und weitet den Horizont für jene Menschen, deren Daseinsvor-aussetzungen beängstigend, schwierig und verletzlich oder schlicht etwas schräg und seltsam sind.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.westkreuz-verlag.de/de/zwischenzeit

 

Die Autorin:

»Natalie Berghahn, geboren 1966, ist gelernte Kinderkrankenschwester und lebt mit ihrem Sohn und zwei Pflegekindern am Rand von Hamburg. Sie hat ein Faible für Tiere, Gärten und ungewöhnliche Geschichten.«
Hier entlang zu weiteren Informationen rund ums Buch auf Natalie Berghahns Blog: „FUNDEVOGELNEST- GEFUNDENES UND ERFUNDENES“ https://fundevogelnest.wordpress.com/about/

Querverweis:

Johannes kommunikative Blockade hat mich stark an das noch wenig bekannte Phänomen des selektiven Mutismus erinnert. Daher bietet sich ergänzend „Das Mundschloß“ von Simone Dräger an. Dieses Buch ist ein autobiografischer Bericht über das Leben mit selektivem Mutismus, einer Krankheit aus dem Autismusspektrum, die es den Betroffenen sehr schwer macht, in kommunikativen Kontakt zu kommen.
„Wie soll ein Mensch sich weitersagen, wenn die Anwesenheit unvertrauter Menschen oder das Betreten ungewohnter Räume so viel Angst auslösen, daß sich das wahre Selbst ver- schließt, der sprachliche Ausdruck blockiert und der Körper beinahe erstarrt ist, während das Denken krampfhaft darum kreist, irgendwie doch noch passende Worte und soziale Gesten hervorzubringen, ja, schließlich sogar das Denken verschwimmt und nur noch das Überleben eine Rolle spielt? Das ist mehr als „normale“ Schüchternheit, das ist selektiver Mutismus.“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/09/das-mundschloss/

 

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Der Geist in der British Library

Der Geist in der British Library

  • und andere Geschichtenvon Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Tales from the Folly«
  • Deutsche Übersetzung  von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe
  • DTV Verlag, März 2021 www.dtv.de
  • 224 Seiten
  • Format: 12,2 x 19 cm
  • 10,95 € (D), 11,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21958-7

Der Geist in der Britisch Library (Peter-Grant-Kurzgeschichten)

M A G I S C H E S    A L L E R L E I

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hat man sich erst einmal wie Ben Aaronovitch in Bestsellerhöhen hinaufgeschrieben, finden auch schriftstellerische Schnipsel beachtliche Beachtung. Die in diesem Band gebündelten Kurzgeschichten hat der Autor auf Anregung der Buchhandelskette „Waterstones“ geschrieben. Diese einzelnen Geschichten wurden zunächst nur den limitierten Sonderausgaben von Aaronovitchs Peter-Grant-Romanen hinzugefügt. Deshalb stehen sie auch in einem chronologischen Zusammenhang mit der Serien- reihenfolge. Entgegenkommenderweise listet Aaronovitch einleitend zur besseren Übersicht noch einmal die korrekte bisherige Titelchronologie auf und erläutert in seinen ein- bis halbseitigen Vorbemerkungen zu jeder Kurzgeschichte den Ideenimpuls und die Zeitlinie.

Wer Ben Aaronovitch und Peter Grant, seinen sympathisch-attraktiven Ermittler mit zauberkundiger Zusatzkompetenz, noch nicht kennt, sollte sich besser erst einmal durch die Lektüre meiner Besprechung des ersten Bandes mit den magischen Rahmen- bedingungen dieser Krimiserie vertraut machen und dem nachfolgenden Link folgsam folgen: Die Flüsse von London

So, nun setze ich Grundkenntnisse zur Peter-Grant-Serie voraus und widme mich den vorliegenden Kurzgeschichten. Stilistisch und inhaltlich sind diese Geschichten ebenso wie die Romane der Serie fantasievoll, schwarzhumorig, spannend, voller Londoner Lokalkolorit und amüsanter Bemerkungen zu modernen architektonischen Entglei- sungen. Auch diverse magische Wesen, die allseits omnipräsenten charmanten bis selbstgefälligen Flußgöttinnen und mehr oder weniger offensichtliche magische Wesen und Geister spielen lebhaft – manchmal auch tothaft – mit.

Wir lernen den Genius loci einer Buchhandlung kennen, dem wenigstens einmal wöch- entlich vorgelesen werden sollte, damit er nicht wahllos mit Büchern um sich wirft, einen Immobilienmakler, der sich einbildet, eine Ratte zu sein und sich auch so verhält, einen unsterblichen Weihnachtsonkel und eine ältere Dame, die elektronische Geräte zu ihren Gunsten manipulieren kann. Außerdem gibt es einen Fall spukhafter häuslicher Gewalt, eine unkonventionelle Hochzeitsfeier mit einer nachfolgenden naturmagischen Adoption und noch allerlei mehr an unerklärlichen magischen Irritationen und ent- sprechenden zauberhaften kriminalistischen Aufklärungen.

Diese Kurzgeschichten haben nur einen Nachteil: Sie sind kurz, kaum hat man sich ein-gestimmt, die neuen Charaktere kennengelernt und mitgelesefiebert – da sind sie auch schon vorbei. Es bleibt bei allem Ideenreichtum, charakterstarken Figurenzeichnungen, schlagfertigen Dialogen und aller gelungenen Dramaturgie der Eindruck des Fragmen-tarischen und Unvollständigen. Einigen Figuren und Handlungssträngen wäre ich jeden- falls gerne ausführlicher und länger gefolgt. Das gilt ganz besonders für die etwas längere (28 Seiten) Kurzgeschichte „A Dedicated Follower of Fashion“, deren köstlicher psychedelischer Farb- und Stoffmusterrausch mich fasziniert hat.

„Der Geist in der British Library“ taugt für eingefleischte Peter-Grant-Fans als netter Leseimbiß mit magischer Würze in der Kürze, aber so richtig satt macht diese Lektüre nicht. Da hoffen wir lieber auf den schon leise angedeuteten zukünftigen neunten Band der Roman-Reihe …

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-geist-in-der-british-library-und-andere-geschichten-aus-dem-folly-21958/

 

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter ›Doctor Who‹, geschrie- ben und als Buchhändler gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben. Er lebt nach wie vor in London. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.«

Die Übersetzerin:

»Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. Für dtv überträgt sie u. a. Ben Aaronovitch ins Deutsche.«

Hier entlang zu den Vorgängerbänden:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBORN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/
Band 7: DIE GLOCKE VON WHITECHAPEL
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/06/10/die-glocke-von-whitechapel/
Band 8: EIN WEISSER SCHWAN IN TABERNACLE STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2021/01/13/ein-weisser-schwan-in-tabernacle-street/

Hier entlang zu einer kurzen Peter-Grant-Geschichte, etwas außerhalb der Reihe:
GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE/Eine Peter-Grant-Stoy

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/28/geister-auf-der-metropolitan-line/
Hier entlang zu Ben Aaronovitchs Schreibausflug in deutsche Gefilde:
DER OKTOBERMANN/Eine Tobi-Winter-Story
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/11/18/der-oktobermann/ 

 

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Der große Sommer

Der große Sommer

S O M M E R A T E M

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die atmende Wahrhaftigkeit der literarischen Figuren, die ich bereits in meiner Rezension zu Ewald Arenz‘ vorhergehendem Roman „Alte Sorten“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/07/29/alte-sorten/ hervorhob, zeigt sich auch wieder in seinem neuen Roman, der uns zurückführt in die frühen 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Friedrich Büchner, der Ich-Erzähler, erinnert sich an den Sommer, in dem er sechzehn Jahre jung war und einige besonders prägende Lebenserfahrungen machte.

Nun, Friedrich Büchner – nomen est omen – ist ein literarisch interessierter Jugend- licher, sehr empfänglich für Jahreszeitenstimmungen, Blättertanz und Lichtspiele, fotogene Szenerien und Musik, aber er ist weniger empfänglich für Latein und Mathe- matik. Dementsprechend fallen seine Noten aus, und mit je einer Fünf in diesen Fächern wird seine Versetzung diesmal nur noch mit einer erfolgreichen Nachprüfung am Ende der Sommerferien möglich sein.

Während die Eltern mit seinen jüngeren Geschwistern verreisen, wird Friedrich die Sommerferien über bei den Großeltern wohnen und für die Nachprüfung lernen. Friedrich hat seine künstlerisch und kulinarisch begabte Großmutter sehr gerne, aber er fremdelt mit seinem strengen, distanzierten Großvater, der als Leiter eines Bakterio-logischen Instituts arbeitet und auch privat einen sehr disziplinierten Alltagsablauf verlangt. So bestimmt er, daß Friedrich jeden Tag von acht bis zwölf Uhr zu lernen habe und nach dem Mittagessen und einigen nachtischlichen lateinischen Zitatübersetzungen frei über seine Zeit verfügen dürfe.

Zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien war Friedrich bei Sommerregen ins Freibad gegangen, weil es bei Regen wesentlich leerer und stiller dort ist und er diese spezielle Atmosphäre schätzt. Er wollte endlich den Sprung vom Siebeneinhalber-Sprungturm wagen, und während er noch zögernd in die Tiefe schaute, sprach ihn hinterrücks ein schönes Mädchen mit grünen Augen an, das ebenfalls zum ersten Mal diesen Sprung wagen wollte und ihm spontan anbot, mit ihm zusammen zu springen. So lernte er Beate kennen und verliebte sich in sie.

Da er es in seiner jugendlichen Unbeholfenheit und Verwirrung versäumt hatte, nach ihrer Adresse zu fragen, und er lediglich ihren Vor- und Nachnamen wußte, telefonierte er mit Hilfe seines besten Freundes Johann und seiner Schwester Alma von einer Tele-fonzelle aus umständlich sämtliche in Frage kommenden Namen aus dem Telefonbuch ab, bis sie nach unzähligen Versuchen die richtige Adresse fanden.

Vor der Hintergrundmusik des Sri Sri Sri der Mauersegler lernt Friedrich vormittags Latein und Mathematik – gelegentlich mit sehr nützlichen großväterlichen Erklärungen –, und den Rest der Tage und teilweise auch der Nächte widmet er einigen von Johann initiierten riskanten Unternehmungen, der Annäherung an Beate sowie guten Liebesrat- und Familienerinnerungs-Gesprächen mit seiner Großmutter.

Friedrich vertieft durch diese Gespräche sein Verständnis für seine familiären Wurzeln und für die unterschiedlichen historischen Bedingungen, unter denen er im Vergleich zu seinen Großeltern und Eltern aufwächst. Er entwickelt ein Bewußtsein für größere Zusammenhänge und die unberechenbare Choreographie des Schicksals. Dies und die hilfreiche Krisenintervention des Großvaters bei zwei nicht unbeträchtlichen Problem-situationen, in die Friedrich und Johann im Verlauf der Sommerferien geraten, ver- ändern Friedrichs ablehnende Haltung zur Autorität des Großvaters zum Positiven, ja, beinahe zur Bewunderung.

Die Kontaktaufnahme mit Beate verläuft nach anfänglichen Holprigkeiten sehr gut. Beate ist bemerkenswert selbstbewußt, ohne arrogant zu sein, sie ist witzig und verfügt über eine sinnliche Souveränität, die den ersten erotischen Schritten der beiden uner- fahrenen Liebenden eine unkomplizierte Leichtigkeit verleiht. Als Leserin hat es mich angerührt hier einmal die männlich-jugendliche Perspektive auf die ersten tieferen Liebesgefühle, Sehnsüchte und Zärtlichkeiten erlesen zu können.

Alle Figuren werden vom Autor innerlich und äußerlich differenziert und lebensecht dargestellt. Selbst die Lehrer an Friedrichs Gymnasium, die nur kurze Nebenrollen besetzen, erscheinen in sehr greifbarer körperlicher und charakterlicher Gestalt.

Das hervorragend eingefangene konkrete und zeitgeistige Ambiente der 80er-Jahre bietet bei der Lektüre zudem lebhafte nostalgische Nebeneffekte. Erinnern Sie sich noch an selbstgebatikte T-Shirts, Demos und Aufkleber gegen die Stationierung von Atom-waffen, an scheußlich-bunte Getränke wie Kiba oder Orangensaft mit Blue Curaçao oder daran, wie es war, als man zum öffentlichen Telefonieren eine Telefonzelle und mindes-tens zwei Groschen gebraucht hat, als Musik aus Plattenspielern und Kassettenrekor- dern abgespielt wurde und Fotos erst einmal geduldig eine Woche lang entwickelt werden mußten? Das liegt zwar nur 40 Jahre zurück, und doch merkt man beim Lesen, wie sehr sich die Welt und ihre „Spielsachen“ seitdem verändert haben.

Zeitlos ist in diesem Roman hingegen das jugendliche Changieren zwischen Leichtsinn und Tiefsinn, zwischen Trotz und Respekt, zwischen Eigenwilligkeit und Orientierungs- bedürfnis, zwischen Angst und Übermut, zwischen Torheit und Selbsterkenntnis. All die Lebenserfahrungsabschmeckungen, freundschaftlichen Bewährungsproben, Schmer- zen, Freuden und bittersüßen ersten und letzten Male, die zur zwischenmenschlichen Reifung gehören, bündeln sich in diesem Roman zu einem atmosphärischen, sinnlich-sommerlichen und poetischen Panorama jugendlichen Herzenserwachens.

»Ich glaube, dass ich nie wieder so geküsst habe. Dass es nie wieder so einen voll-kommenen Augenblick des Rauschs gegeben hat, so eine perfekte Berührung. Beates kühle Lippen, ihr glatter, nasser Körper, ihre lachenden grünen Augen. Wir ließen uns im Kuss untergehen und es war in Wirklichkeit ein Schweben durchs Wasser auf den Grund zu; küssend bis wir absolut keine Luft mehr bekamen und zusammen aufstiegen. Das war der wirkliche Anfang dieses verrückten Sommers.« (Seite 123/124)

„Warum gab es eigentlich so wenige Wörter für alles, was besonders schön war?“
(Seite 167)


Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dumont-buchverlag.de/buch/arenz-der-grosse-sommer-9783832181536/

Der Autor:

»Ewald Arenz, 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seine Romane und Theaterstücke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. „Alte Sorten“ (DuMont 2019) stand auf der Shortlist »Lieblingsbuch der Unabhängigen« 2019 und platzierte sich als Hardcover wie als Taschenbuch auf den Spiegel-Bestsellerlisten. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Fürth.«

Querverweis:

Hier entlang zu Ewald Arenz‘ Roman „Alte Sorten“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/07/29/alte-sorten/




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21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

  • 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert
  • von Yuval Noah Harari
  • Hörbuch
  • Sprecher: Jürgen Holdorf
  • der Hörverlag, September 2018    www.hoerverlag.de
  • BUCHAUSGABE: C.H.Beck Verlag
  • Übersetzung von Andreas Wirthensohn
  • Gesamtlaufzeit: 12 Stunden, 46 Minuten
  • leicht gekürzte Lesung
  • 2mp³-CDs in Pappklappschuber
  • 23,00 € (D), 23,70 € (A), 32,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-3041-4

KLAR, KLUG UND KONKRET

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Yuval Noah Harari skizziert mit seinen „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ eine schlüssige Differentialdiagnose unseres gesellschaftspolitischen, religiösen, ideo- logischen, technologischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen sowie auch zwischenmenschlichen Zustands. Dabei berücksichtigt er die historischen Wurzeln der Menschheitsentwicklung, betrachtet scharfsinnig die Gegenwart und denkt mit großer geistiger Flügelspannweite voraus in mögliche zukünftige menschliche Daseins- bedingungen.

Auf den kritischen Prüfstand kommen u.a. Liberalismus und Demokratie, Ethik, Religion und Säkularismus, Nationalismus und Zuwanderung, Krieg, Terrorismus, Arbeit, Bildung, Gerechtigkeit, Gleichheit, Demut, Bewußtsein und Intelligenz, Dummheit, Macht und Wahrheit, Propaganda, Science-Fiction, Freiheit und Meditation sowie der rasante Fortschritt von Informations- und Biotechnologie.


„Haben Sie je über das Internet abgestimmt? Das demokratische System ist immer noch damit beschäftigt, zu begreifen, von was es da getroffen wurde, und es ist schlecht gerüstet, um mit den nächsten Erschütterungen wie dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz und der Blockchain-Revolution fertig zu werden.“ (Seite 29/30)

Die Verschmelzung von Bio- und Informationstechnologie wird drastische Verände-rungen der Alltags-, Arbeits- und Berufswelten mit sich bringen. Ein biometrisches Armband, das permanent ihren Gesundheits- und Gemütszustand mißt, diese Daten speichert, weiterleitet und paßgenaue Behandlungsempfehlungen veranlaßt, kann sinnvolle medizinische Vorsorge bedeuten, es kann aber auch in extremer Kontrolle, medikamentöser Manipulation und strengen Verhaltensmaßregeln münden. Eine digitale Diktatur ist gewiß nicht erstrebenswert, also sollte der Besitz von Daten sorgfältig demokratisch-gesetzlich und gemeinwohlorientiert geregelt werden.

„Wenn wir nicht wollen, dass die Zukunft des Lebens den Quartalsberichten von Unter-nehmen anvertraut wird, brauchen wir eine klare Vorstellung davon, was das Leben überhaupt ausmacht.“
(Seite 19)

Harari schreibt klug und sehr konkret, er schreibt nicht distanziert-abgehoben aus dem akademischen Elfenbeintürmchen, sondern menschenfreundlich, ehrlich besorgt um die Zukunft der Menschheit und der Welt. Sein Stil ist dabei gleichwohl entspannt, elegant und geschmeidig, wohlportionierte Informationen werden mit alltagstauglichen, lebens-nahen – gelegentlich amüsanten – Beispielen illustriert und vermitteln nahbares Wissen und ebenso interessante wie spannende Fragestellungen zum Weiterdenken.

Er bietet keine Patentlösungen und einfachen Antworten an, sondern eine mündige Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken weltweiter Probleme und möglichen konstruktiven Lösungswegen. Dazu gehört für Yuval Noah Harari auch, daß wir uns der persönlichen Selbsterkenntnis und Bewußtseinsbildung vertiefend widmen sollten, bevor die Algorithmen uns besser kennen als wir selbst und uns unser Leben programmieren.

„Für ein paar Jahre oder sogar Dekaden haben wir noch eine Wahl. Wenn wir uns anstrengen, können wir immer noch erforschen, wer wir wirklich sind. Aber wenn wir diese Chance nutzen wollen, sollten wir das jetzt tun.“
(Seite 487)

Jürgen Holdorf liest dieses Hörbuch mit gelassener Klarheit und Konzentration, die mit Hararis Text ausgesprochen harmonisch korrespondieren.

Selbst wenn man nicht in jeder Hinsicht mit Hararis Einschätzungen und Wertungen übereinstimmt, ist diese Auditüre wissenswert, denkanregend und horizonterweiternd.
In Zeiten medialer Angstlenkungen ist Yuval Noah Harari eine aufklärende und wohltuend deeskalierende Stimme der Vernunft.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.penguinrandomhouse.de/Hoerbuch-MP3/21-Lektionen-fuer-das-21-Jahrhundert/Yuval-Noah-Harari/der-Hoerverlag/e544780.rhd

Hier entlang zur BUCHAUSGABE und LESEPROBE beim C.H.Beck Verlag:
https://www.chbeck.de/harari-noah-21-lektionen-21-jahrhundert/product/24603105
Hier entlang zur Taschenbuchausgabe beim C.H.Beck Verlag:
https://www.chbeck.de/harari-noah-21-lektionen-21-jahrhundert/product/27670799

Der Autor:

»Yuval Noah Harari, geboren 1976, wurde 2002 in Oxford promoviert und ist Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem mit einem Schwerpunkt auf Universalgeschichte; 2012 wurde Harari mit 25 weiteren Nachwuchswissenschaftlern in die neugegründete Junge israelische Akademie der Wissenschaften gewählt. Sein Kult-buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« wurde in knapp 40 Sprachen übersetzt und weltweit zu einem Bestseller ebenso wie seine Zukunftsvision »Homo Deus«. 2017 wurde er mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis und dem Preis für das Wissensbuch des Jahres ausgezeichnet.«

Der Vorleser:

»Jürgen Holdorf, geboren 1956, lernte Schauspielkunst am Margot-Höpfner-Studio in Hamburg. Neben Engagements an verschiedenen Bühnen ist es vor allem die Hörspiel-szene, in der Holdorf sich bewegt. Er sprach und spielte in »Die Drei ???«, »Ein Fall für TKKG«, »Fünf Freunde« u.v.m. Außerdem ist Holdorf in Funkhörspielen des NDR und des Hessischen Rundfunks zu hören.«

Querverweis:

„21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ ergänzt sich hervorragend mit Sarah Spiekermanns Sachbuch „Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert“. Die Autorin wirft einen kenntnisreichen, komplexen und ethisch engagierten Blick auf die Digitalisierung und ihre gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Auswirkungen. Dabei geht sie auf Licht- und Schattenseiten technischen Fortschritts und die sich daraus ergebenden Forschungs- und Entwicklungsziele ein und erörtert das wahlweise negative oder positive Menschenbild, das Digitalisierungsprozessen zugrunde liegt.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/03/25/digitale-ethik/

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Die Mitternachtsbibliothek

  • von Matt Haig
  • Roman
  • Originaltitel: »The Midnight Library«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • Droemer Verlag, Februar 2021  www.droemer-knaur.de
  • gebunden
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 320 Seiten
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-426-28256-4

LEBENSWECHSEL / WECHSELLEBEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nora Seed ist eine junge Frau mit vielen Talenten, sie ist klug, musikalisch und vielseitig interessiert, sie hat einen Universitätsabschluß in Philosophie und einen Kater namens Voltaire. Sie arbeitet bei „String Theory“, einem Gitarren- und Musikzubehörladen, und sie leidet an Depressionen, ihre beste Freundin ist nach Australien ausgewandert, und ihr Bruder ist von ihr enttäuscht, weil sie einst in seiner Band wegen ihrer Panik- attacken als Leadsängerin zurücktrat, weshalb ein verheißungsvoller Plattenvertrag nicht zustande kam. Außerdem hat sie vor einiger Zeit ihre eigene Hochzeit kurz vor der Trauung abgesagt. Nora bereut viele ihrer bisherigen Lebensentscheidungen, und ihre zwischenmenschlichen Kontakte sind recht reduziert.

Als sie ihre Arbeit bei „String Theory“ verliert, ihr einziger privater Klavierschüler wegen ihrer Unpünktlichkeit abspringt und dann auch noch ihr Kater stirbt, ist das Maß an Ver-lust, Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung so übervoll, daß sich Nora mit einer Überdosis Tabletten umbringt.

Doch anstelle himmlischer Ruhe findet sie sich anschließend in der „Mitternachtsbiblio-thek“ wieder. Dort steht die Uhr stets auf Mitternacht, und die für Nora zuständige Bibliothekarin klärt sie freundlich darüber auf, daß sie sich in einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod befinde und sie hier die Gelegenheit habe, Einblick in alter- native Nora-Seed-Lebensläufe zu bekommen.

Endlose Reihen von Büchern unterschiedlicher Dicke, in verschiedenen Abstufungen von Grün füllen die Regale der Bibliothek. Doch bevor sie ein anderes Leben „anprobieren“ darf, muß sie das graue und sehr schwere „Buch des Bereuens“ aufschlagen und lesen. Nora ist die alleinige Autorin dieses Buches, wie ihr die Bibliothekarin erläutert, und Nora ist erschüttert, all diese großen und kleinen, alten und jungen Reuegedanken und -Gefühle so buchstäblich zur Kenntnis nehmen zu müssen.

„Du hast so viele Leben, wie du Möglichkeiten hast. Es gibt Leben, in denen du andere Entscheidungen triffst. Und diese Entscheidungen führen zu anderen Resultaten. Hättest du nur eine Entscheidung anders getroffen, dann hättest du eine andere Lebensgeschichte gehabt. Und all diese Möglichkeiten existieren in der Mitternachts- bibliothek.“ (Seite 43)

Zunächst trotzt Nora noch herum, daß sie doch einfach nur sterben wolle, doch dann überwiegt eine leise Neugier, und sie bittet die Bibliothekarin, ihr das Lebensbuch zu geben, in dem sie ihre Hochzeit nicht abgesagt hat. Nora schlüpft in diese Lebensvaria-tion und muß feststellen, daß sie sich dort auch nicht wirklich glücklich fühlt, so kehrt sie nach wenigen Stunden enttäuscht in die Bibliothek zurück.

Unter behutsamer Anleitung der Bibliothekarin besucht sie einige weitere naheliegende Leben, in denen sie die Entscheidungen, die sie bisher stets bereut hatte, anders fällte. Doch egal, ob sie beispielsweise als erfolgreiche, berühmte Sängerin in der Band ihres Bruders auf der Bühne steht oder den bescheidenen Job im Tierheim ausübt anstelle der Arbeit bei „String Theory“, ob sie ihre Freundin nach Australien begleitet oder gar als Gletscherforscherin an einer spannenden Arktis-Expedition teilnimmt – sie merkt immer wieder, daß sie gar nicht ihren eigenen Wünschen folgt, sondern die Erwartungen ihrer Eltern, ihres Ehemanns, ihres Bruders oder ihrer besten Freundin erfüllt, während zugleich ihre Erwartung, mit dieser Wahl eine wesentlich bessere Lebensabzweigung genommen zu haben enttäuscht wird.

Ihre Vorstellung des Hätte-ich-doch-dies-oder-das-getan-oder-gelassen steht immer nur unter einem positiven Erwartungsvorurteil, das sich in der Realisation dann doch nicht ganz so vortrefflich entfaltet. Alle diese Leben enthalten neben Liebe, Glück, Freude, Dankbarkeit, Erfüllung, Freiheit, Ordnung und Verbundenheit auch Angst, Chaos, Ein- samkeit, Enttäuschung, Unzufriedenheit, Zwang, Schmerz und Trauer.

Nach und nach wagt sie sich an Lebensversionen heran, die nichts mehr mit dem Reue-katalog zu tun haben und viel weiter von ihrer alten Lebensentwicklung entfernt sind. In einer sehr gefährlichen Situation in einem dieser Leben spürt sie, daß sie doch noch einen Lebenswillen hat. Die Bibliothekarin nimmt dies erfreut zur Kenntnis und ermun- tert Nora zu weiteren Lebensanproben, da Nora dadurch mehr über sich und ihr Potenzial lernen kann.

„Der einzige Weg zu lernen ist zu leben.“ (Seite 100)

Nora erkennt, welche Lebenszeitverschwendung es ist, sich übermäßig mit dem „Was-gewesen-wäre-wenn“ zu beschäftigen und daß es konstruktiver ist, die guten Anteile des Jetzt wahrzunehmen und auch selbst etwas zu den guten Anteilen beizutragen. Ihr Selbstmitleid verwandelt sich nachhaltig in Selbstmitgefühl und Selbstakzeptanz, und nachdem Nora endlich begriffen hat, daß jedes Leben voller unendlicher Möglichkeiten ist und daß sie es sich von nun an wert sein will, die ihr wesensgemäßen Entscheidun- gen zu treffen, findet sie auch einen tragfähigen Weg zurück in ihr ursprüngliches Leben.

Matt Haig ist es mit diesem spannenden, gedanken- und schicksals- spielerischen Roman sehr anschaulich gelungen, die Thematisierung von Depression und Lebensangst mit der Idee multiverseller Leben zu verbin- den. Die sehr detailliert durchdachte, raffinierte Romankomposition bietet eine ebenso berührende wie faszinierende sowie gelegentlich amüsante philosophische, quantenphysikalische und zwischenmenschliche Inszenie- rung, die glaubwürdig von Lebensverneinung zu Lebensbejahung führt.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/matt-haig-die-mitternachtsbibliothek-9783426282564

 

Der Autor:

»Matt Haig, Jahrgang 1975, ist ein britischer Autor. Seine eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen sind auch stets ein zentrales Thema in seinen Büchern. Bei dtv sind von ihm zuletzt die Romane „Ich und die Menschen“ (2014)  und „Wie man die Zeit anhält“ (2018) sowie die Sachbücher „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ (2016) und „Mach mal halblang“ (2019) erschienen. Matt Haig lebt mit seiner Familie in Brighton.«

Die Übersetzerin:

»Sabine Hübner übersetzt seit 1989 Sachbücher, Belletristik und Lyrik, u.a. von Mark Haddon, Michael Frayn und Edward St. Aubyn.«

Querverweis:

Hier entlang zu Matt Haigs nachdenklich-amüsantem Roman „Ich und die Menschen“, in dem uns die außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation einen ganz besonderen Blick auf das Alltägliche verschafft: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/
Hier entlang zu seinem Roman „Wie man die Zeit anhält“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/05/27/wie-man-die-zeit-anhaelt/
Und zu seinem autobiographischen Buch zum Thema Depression „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/14/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben/

Noch ein Querverweis:

Das Thema biografischer Variationen wird auch in Laura Barnetts Roman „Drei mal wir“ anschaulich durchgespielt. Dieser Roman erzählt die Liebesgeschichte von Eva und Jim, ausgehend von ihrer ersten schicksalhaften Begegnung. Doch das, was sich aus dieser ersten Begegnung an Lebens- und Liebesabzweigungen entwickelt, erzählt die Autorin in drei unterschiedlichen Variationen. Diese drei Variationen werden durch drei unter- schiedliche Druckfarben von einander abgegrenzt, so daß man immer weiß welche Variante gerade leseaktuell ist. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/28/drei-mal-wir/

 

 

 

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Ein weißer Schwan in Tabernacle Street

  • Band 8 der übersinnlichen Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »False Value«
  • Deutsche Übersetzung von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe
  • DTV Verlag, Oktober 2020 www.dtv.de
  • 423 Seiten
  • Format: 13,5 x 21 cm
  • Klappenbroschur
  • 15,00 € (D), 15,5o € (A)
  • ISBN 978-3-423-26278-1


DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  NR. 8

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Diesmal spannen die Ermittlungen Peter Grants einen weiten Bogen von den Anfängen elektronischer Datenverarbeitung mit Ada Lovelace und Charles Babbage bis hin zur Entstehung der ebenso gefürchteten wie erhofften KI–Singularität und der Frage, ob eine Maschine bzw. ein Computerprogramm wirklich denken und zu Bewußtsein kommen kann.

Für diejenigen, die hier zum ersten Male von Police Constable Peter Grant lesen, erlaube ich mir einen freundlichen Hinweis auf meine ausführliche Besprechung des ersten Bandes, wo die komplexen Details der mehr oder weniger geheimen kriminalistischen Spezialeinheit der Metropolitan Police von London, die sich mit magieverdächtigen  Verbrechen befaßt, anschaulich erklärt werden: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Inzwischen – also seit dem vorletzten Band – ist Peter übrigens die Karriereleiter zum Police Detective aufgestiegen und hat seine magischen Fähigkeiten sowohl theoretisch als auch praktisch deutlich verbessert.

Standort der Spezialabteilung ist das altehrwürdige Folly, wo auch die magischen Studien und praktischen Übungen unter Leitung des eleganten Detective Chief Inspectors und Meistermagiers Thomas Nightingale stattfinden.

Peter Grant wohnt allerdings nicht mehr im Folly, sondern in einem Haus mit Garten am Ufer des Flusses Beverley Brook. Denn seine Lebensgefährtin und zukünftige Mutter seiner Kinder ist die leibhaftige Flußgöttin des Beverley Brooks und trägt auch exakt diesen Namen. Kurz und kosend darf man sie Bev nennen, und während ihrer aktuellen Schwangerschaft schreibt sie an ihrer Dissertation zum Thema „Positive ökologische Aspekte der Gewässerrenaturierung“.

Flußgöttinnen und –Götter mäandern durch alle Bände der Peter-Grant-Serie. Sie sind einerseits übernatürliche Wesen mit sehr viel elementarer Macht, erscheinen gleich- wohl ganz irdisch-körperlich in attraktiver menschlicher Gestalt, und sie sind zumindest den naturverbundeneren Menschen durchaus zugeneigt. Allerdings sind sie manchmal etwas launisch und gewissen Opfergaben und feierlichen Huldigungen nicht abgeneigt.

Diesmal ist Peter mit einer verdeckten Ermittlung bei „Serious Cybernetics Corporation“ kurz: SCC, beschäftigt. SCC gehört dem Milliardär und Silicon-Valley-Abkömmling Terrence Skinner. Peter wird in der Sicherheitsabteilung eingesetzt und bekommt die Aufgabe, eine „Ratte“ unter der Belegschaft zu finden.

Die SCC bezeichnet ihre Angestellten offiziell als „Mäuse“ und simuliert eine unkonven-tionelle, kreativ-verspielte, wenig hierarchische und transparente Unternehmens- struktur. Terrence Skinner flaniert – scharfäugig, scharfsinnig und scharfschützig begleitet von seiner Leibwache – alltäglich durch die Abteilungen und plaudert mit seinen „Mäusen“.

Auf jeder Etage des großzügigen Bürokomplexes gibt es abwechslungsreiche, kostenlose Essensautomaten, die Peter systematisch durchkostet. Amüsante Pychogramme seiner zum Teil sehr klassischen IT-Nerd-Kollegen, die Spitznamen wie „Update“ tragen, und
ein bißchen Nachhilfe hinsichtlich der frühen Anfänge von Computerprogrammen führen uns anschaulich in die digitale Moderne und ihre ambitionierten Zukunftsziele ein.

Als es während der Arbeit zu einem bewaffneten Angriff auf Terrence Skinner kommt, kann Peter Grant das Schlimmste verhindern und zugleich feststellen, daß der Angreifer unter Magieeinfluß zu seiner Tat manipuliert wurde. Peter verlangt, unter dem Vorwand besser für Skinners Sicherheit sorgen zu können, Zugang zur Geheimabteilung des Unternehmens.

Skinner lädt Peter daraufhin ein, mit dem geheimen IT-Projekt zu plaudern. Das Geheimnis heißt „Deep Thought“ und ist eine funktionierende AGI (Artificial General Intelligence), die im Gespräch mit Peter den sogenannten Turing-Test besteht. Diese Generelle Künstliche Intelligenz will Terrence Skinner selbstverständlich noch weiter entwickeln und verfeinern.

Peter hat den berechtigten Verdacht, daß dies nicht alleine mit technischen Mitteln, sondern auch mit magischen Werkzeugen geschehen soll, und das könnte noch gefähr-licher werden als die KI-Singularität. Dies führt Peter zu Recherchezwecken über Ada Lovelace, Charles Babbage und Mary Somerville in die London Library und zufällig zu zwei amerikanischen Magieagenten, die bereits die gleiche Spur verfolgen.

Nach einem spontanen, sportlichen Magieduell beschließen die Amerikaner, die dem Geheimbund der „Librarians“ angehören, mit Peter zusammenzuarbeiten und ihre bisherigen Informationen mit ihm zu teilen. Angeblich gebe es eine verschollene magisch-mechanische Maschine, die sogenannte „Mary-Maschine“ (aus der Weiterent-wicklung von Charles Babbages unvollendeter „Differenz-Maschine“), und diese – so vermuten die Librarians – wolle sich Terrence Skinner zur Vervollkommnung der KI zu Nutze machen.

Alle sind sich einige, daß dies unbedingt verhindert werden muß, wobei die Librarians die Maschine auf jeden Fall zerstören wollen und Peter Grant sie lieber unter magischem Verschluß im Folly aufbewahren möchte. Nach der Ausschaltung einer kniffligen Dämonenfalle und dramatischen Verfolgungsjagden durch angriffslustige Drohnen und aufschlußreichen Streitgesprächen mit mißgünstigen Geistern in Rosen- gläsern sowie weiteren magischen Kampfkunstdarbietungen wird das KI-Vorhaben von Terrence Skinner explosiv beendet, und Peter kann sich wieder ungestört dem zauberzärtlichen Salben von Flußgöttin Beverly Brooks Bäuchlein widmen.

In diesem Roman führt Ben Aaronovitch die geldmächtige IT-Moderne, nebst ihrer Arbeitsphilosophie und ihres Menschenbildes, und die aus den vorhergehen Bänden vertrauten magischen Ermittlungsmethoden zusammen. Der bürobühnenbildnerische Anteil an der Handlung ist allerdings reichlich überproportioniert und geht auf Kosten der magischen Spezialeffekte.

Die Figurenzeichnungen sind sehr gelungen, die Dialoge knackig und schlagfertig und die Dramaturgie filmreif. Dennoch kommen die liebgewonnen Charaktere aus den vorhergehenden Bänden entschieden zu kurz.

Seltsam ist auch der deutsche Wortlaut des Titels, bei dem sich nicht der geringste Anknüpfpunkt zur Romanhandlung findet. Und warum der DTV-Verlag das Format des Buches (von 12,2 x 19 cm zu 13,5 zu 21 cm) vergrößert hat, wissen wahrscheinlich nicht einmal die Druckteufelchen – das wird für treue Peter-Grant-Leser die Reihenharmonie im Bücherregal empfindlich stören. Aber dafür kostet diese vergrößerte Klappen- broschur auch nur 4,05 € mehr als die ersten sieben Bände.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-ein-weisser-schwan-in-tabernacle-street-26278/

Hier entlang zur interessanten und informativen DTV-Webseite zur Peter-Grant-Serie:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter „Doctor Who“, geschrie-ben und als Buchhändler gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben. Er lebt nach wie vor in London.«

Die Übersetzerin:

»Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. Für dtv überträgt sie u. a. Ben Aaronovitch ins Deutsche.«

PS
Nebenbei bemerkt, offenbart mir mein professioneller Blick in die Glaskugel der digitalen DTV-Verlagsvorschau, daß schon am 18. März 2021 ein neuer Band mit Geschichten aus dem magischen Radius des smarten Peter Grants erscheinen wird:
DER GEIST IN DER BRITISH LIBRARY UND ANDERE GESCHICHTEN AUS DEM FOLLY https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-geist-in-der-british-library-und-andere-geschichten-aus-dem-folly-21958/

Hier entlang zu den Vorgängerbänden:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBORN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/
Band 7: DIE GLOCKE VON WHITECHAPEL
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/06/10/die-glocke-von-whitechapel/

Hier entlang zu einer kurzen Peter-Grant-Geschichte, etwas außerhalb der Reihe:
GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE/Eine Peter-Grant-Stoy
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/28/geister-auf-der-metropolitan-line/
Hier entlang zu Ben Aaronovitchs Schreibausflug in deutsche Gefilde:
DER OKTOBERMANN/Eine Tobi-Winter-Story
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/11/18/der-oktobermann/
DER GEIST IN DER BRITISH LIBRARY  und andere Geschichten aus dem Folly
(KRIMI-KURZGESCHICHTEN) Originaltitel: Tales from the Folly   Der Geist in der British Library

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Stein und Flöte

  • und das ist noch nicht alles
  • Märchenroman von
  • Hans Bemmann
  • Hörbuch
  • Sonderausgabe
  • Hörbuch Hamburg Osterwold, März 2020 http://www.osterwold-audio.de
  • ungekürzte Lesung von Oliver Rohrbeck
  • Laufzeit: 2519 Minuten bzw. fast 42 Stunden
  • 4 mp3-CDs im Klappschuber
  • 18,00 € (D), 20,20 € (A)
  • ISBN 978-3-86952-451-1

Persönliches Vorwort zu dieser Rezension:

Dies ist meine 500. Buchbesprechung! Aus diesem Anlaß widme ich mich heute mit dem größten Vergnügen einem meiner Lieblingslieblingsbücher: „Stein und Flöte und das ist noch nicht alles“ von Hans Bemmann, in der ungekürzten Hörfassung, gelesen von Oliver Rohrbeck.

M Ä R C H E N W E I S E S

Hörbuchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

„Wenn du erst einmal die Töne greifen kannst, wird die Flöte deine Gedanken selbst zum Klingen bringen. Und sie wird jeden, der sie hört, zu dem verleiten, was du beim Spielen im Sinn hast. Vergiß das nie! Du mußt wissen, daß mit der Weitergabe der Flöte eine Bedingung verknüpft ist: Dem Erben darf nur die Griffweise erklärt werden; was er dann auf der Flöte spielt, muß er selbst bestimmen. Mein Unterricht wird also kurz sein.“  (Seite 202)

„Stein und Flöte“ ist ein tiefsinniger, vielschichtiger und weiser Märchenroman von beträchtlicher Länge. Es ist eine klassische Heldenreise, in der ausführlich und charaktertief der Lebenslauf und die Verwandlungen von Lauscher, dem Enkelsohn des Sanften Flöters, erzählt werden. Lauschers Lebensweg ist verbunden mit den schicksals- wendigen Menschen und auch einigen Tieren, die ihm – sei es zugeneigt oder abgeneigt – begegnen, ihn beeinflussen und die seiner auf die eine oder andere Art bedürfen. So bietet dieser Roman nicht nur spannende Einblicke in Lauschers Charakter und Ent- wicklung, sondern auch in weitere interessante und starke männliche und weibliche Charaktere, die ihm zugesellt sind.

Der Held dieses Märchenromans heißt deshalb „Lauscher“, weil er sehr leise spricht und auf lautes Ansprechen oder gar Schreien mit Verwirrung und Unverständnis reagiert. Sein Vater ist der „Große Brüller“, ein haariges, kompakt-kräftiges, zupackendes und stimmgewaltiges Mannsbild, das in der Stadt Fraglund das lokale Richteramt ausübt. Seine aus einigen Tagesritten Entfernung zugereiste zarte und leise Mutter ist die Tochter des „Sanften Flöters“, dessen Ruf als diplomatischer Vermittler bei Krisen, Kriegen und Konflikten legendär ist.

Dabei spielt der Sanfte Flöter mit seiner silbernen Flöte keineswegs manipulativ, sondern seine – gewissermaßen mit absichtsloser Absicht gespielten – meditativ besänftigenden, einfühlsam mitschwingenden Flötentöne berühren die Herzen der Zuhörer, wecken ihr Mitgefühl, bringen Tränen zum Fließen oder lösen je nachdem auch Lachen und Schmunzeln aus, sie erinnern an das Verbindende zwischen den Menschen, lösen psychische Verhärtungen auf und führen so dazu, daß sich wieder ein Raum öffnet für ein konstruktives Gespräch zwischen verfeindeten oder zerstrittenen Parteien oder für die sachliche oder heitere Aufklärung von Mißverständnissen.

Als der Stadt Fraglund ein Überfall der Beutereiter droht, versammelt der Große Brüller die waffenfähigen Männer, um den Beutereitern in einer Schlucht eine Falle zu stellen. Lauscher, der zu diesem Zeitpunkt siebzehn Jahre alt ist, soll mitkommen und mit- kämpfen, erbittet sich aus, zwar mitzureiten, sich jedoch um die Verwundeten kümmern zu dürfen, da ihm der Umgang mit Waffen nicht liege.

Widerwillig stimmt sein Vater zu. Die örtliche Gemeinschaft kann die Beutereiter erfolg-reich in die Flucht schlagen. Lauscher findet einen tödlich verwundeten, alten Beute- reiter namens Arni, kümmert sich um ihn und gibt ihm zu trinken. Lauscher und der Beutereiter unterhalten sich eine Weile, und kurz bevor Arni stirbt, schenkt er Lauscher zum Dank seinen Talisman, einen Stein, der in den Farben blau-grün-violett schimmert und dessen pulsierendes Farbmuster an ein Auge erinnert.

Dieser Augenstein, den Arni einst selbst von der weisen alten Urla geschenkt bekommen hatte, diente ihm dazu, seinem eigenen unkonventionellen Weg zu folgen, und Lauscher hofft, daß dieser Stein sich auch für ihn als schicksalhafter Wegweiser eignen werde.

Nach der Begegnung mit Arni ist Lauscher von Unruhe erfüllt und bittet seinen Vater um ein Pferd, um seine Großeltern zu besuchen. Der Vater hätte Lauscher gerne zu seinem Nachfolger im Richteramt herangebildet, doch er sieht auch ein, daß Lauschers Wesensart wohl eher zu der des Sanften Flöters hinneigt, und so läßt er ihn ziehen. Der Weg zu den Großeltern ist weit und führt durch tiefe Wälder. Etwa auf der halben Strecke, in der Nähe der Stadt Barleboog, hat Lauscher eine „zauberhafte“ Begegnung, die ihn sowohl wortwörtlich als auch zwischenmenschlich von seinem Wege  ablenkt.

So findet er erst nach dramatischen Umwegen zu seinem Großvater, dem nun nur noch eine kurze Zeit bleibt, Lauscher in der Kunst des Flötenspiels zu unterweisen, bevor er sanft stirbt und Lauscher seine silberne Flöte hinterläßt.

Auf der Flöte findet sich eingraviert folgender Spruch:

„Lausche dem Klang,
folge dem Ton,
doch übst du Zwang,
bringt mein Gesang
dir bösen Lohn.“

Lauscher wird noch sehr, sehr, sehr lange brauchen, bis er mit seinem Flötenspiel diesem Leitspruch gerecht wird. Er bekommt zu früh machtvolle magische Gaben ge- schenkt, für die er noch nicht reif ist. Lauscher ist ungeduldig und selbstgefällig und wähnt sich wiederholt zu schnell und viel zu vordergründig am Ziel, und so geht er auf der Suche nach Bedeutsamkeit und Würde grandios in die Irre, erliegt den Versuchung- en von Eitelkeit, Macht und kurzfristigem persönlichen Vorteil. Er tut schlimmes Unrecht und löst eine Kette von Ereignissen aus, die auch ihn selbst schwer treffen und verletzen und ihn nach und nach zu mehr Selbsterkenntnis, Demut, Geduld und Weisheit führen.

»Nur wer Angst hat, strebt nach Macht. Dazu ist deine Flöte nicht geschaffen.«

Lauscher erfährt viele Verwandlungen, lernt die Sprache der Tiere und knüpft lebhafte Freundschaften mit ihnen. Zudem braucht Lauscher lange, bis er seinem Namen wirk- lich gerecht wird. Wieder und wieder hört er Geschichten darüber, wie der Sanfte Flöter die Macht seiner Flöte zum Wohle der Menschen und zum Wohle des Ganzen genutzt hat. All diese Geschichten und die Begegnung mit den Menschen, die sie erzählen, vermitteln ihm nach und nach auch ein umfassenderes Verständnis für die tieferen Zusammenhänge und Verstrickungen seines eigenen Lebens und Wirkens und weisen ihn schließlich den Weg zu Liebe, Versöhnung, Frieden, Freiheit, Heilung und Selbstgenügsamkeit.

»Alle wesentlichen Dinge sind einfach, wenn man sie erst einmal begriffen hat. Schwierig ist nur der Weg, den man bis dahin gehen muß.« (Seite 646)

Parallel zur Entfaltung von Lauschers Bestimmung und seiner individuellen Gaben handelt dieser Roman auch davon, wie sich soziales, gesellschaftliches Leben und seine Traditionen gestalten und verändern, wie innere und äußere Führung sich wechsel- seitig ausbalancieren und zu einer tragfähigen, möglichst gerechten und mündigen Gemeinschaft verbinden können, aber auch, wie die bloß formelhafte Nachahmung eines verehrten Vorbildes konterkarierend zu neuer gesellschaftlicher Unfreiheit, Erstarrung, Ungerechtigkeit und Unfrieden führen kann.

Eine abwechslungsreiche Landschaft aus weiten Wäldern, Gebirgen, Mooren, Grasland und Steppen bildet die Kulisse dieses Romans. Hier erfreut der Autor mit stimmungs-vollen Naturbeschreibungen und poetisch-präzisen botanischen Beobachtungen von Pflanzen, Jahreszeiten und Wetterlagen. Mythologische Pflanzen- und Heilpflanzen- kenntnisse fließen ebenso selbstverständlich mit ein wie feine Bemerkungen zur magischen Wirkung von Musik.

Da „Stein und Flöte“ ein Märchenroman ist, fehlt es auch nicht an sprechenden Tieren. So trifft Lauscher auf musikalisch-wegweisende Amseln, eine ironische Kröte, einen treuen Esel, eine Geborgenheit gebende Ziegenherde, eine weise Schlange, mehrere tapfere Mäuse, ein wendiges Wiesel und auch auf gefährliche Wölfe und einen sehr speziellen mit Vorsicht zu genießenden, grünäugigen Falken.

Lauscher erfährt unterwegs den Schutz, den Ebereschen vor bösen Kräften bieten, er schließt Freundschaft mit eine Nixe, und er bekommt in einer sehr einsamen Phase seines Lebens von einem geheimnisvollen Steinsucher einen Zirbelholzstab mit einge-schnitztem Gesicht geschenkt, der sich, nachdem er endlich dessen Namen herausge-funden hat, als sehr bedächtiger und angenehm duftender Holzgefährte und ebenso kluger wie tiefenentspannter Ratgeber entpuppt.

Der erzählende Vorleser Oliver Rohrbeck gibt einem beachtlich umfänglichen Stimmen-spektrum abwechslungsreich Ausdruck. Er verleiht männlichen, weiblichen, mütter- lichen, väterlichen, kindlichen, jugendlichen, erwachsenen, alten, lauten, leisen, genüg- samen, gierigen, ängstlichen, tapferen, herrischen, dienenden, stolzen, gütigen, zornigen, zärtlichen, schelmischen, menschlichen, tierischen, hölzernen und magischen Wesen überzeugende stimmliche Gestalt und Ausstrahlung.

Das Einzige, was mir bei dieser Hörbuchproduktion fehlt, ist eine musikalische Ein- rahmung des Erzähltextes. Zu Beginn und Ende wesentlicher Teilabschnitte wäre eine kurze Flötenspieleinlage eine schöne akustisch-atmosphärische Abrundung und Bereicherung der Lauscherfahrung. 

Die komplex-verflochtene und sinnlich-lebensvolle Komposition dieses Romans fügt sich aus eigenwilligen, charakterstarken Figuren, vielen Geschichtenverzweigungen, Zeitebenen, Bewußtseinszuständen, philoso- phischen Betrachtungen, poetischer Naturverbundenheit und phantasie- vollen Einzelheiten zu einem faszinierenden Ganzen zusammen. Hans Bemmann verbindet in „Stein und Flöte“ mit großem psychologischen Fingerspitzengefühl östliche und westliche Erzähltraditionen zu einem menschenkenntnisreichen und selbsterkenntniswirksamen Reigen.
 
Romane mit einem solchen Reichtum an archetypischer Seelentiefe, märchenhafter Herzensbildung und gütiger Geistesweite haben Seltenheitswert und lohnen eine wiederholte Lektüre bzw. Auditüre.

 

» „Darin liegt ja gerade das Geheimnis“, sagte Lauscher. „Wäre das Böse nicht in dieser Welt, wäre jedem Menschen die Freiheit genommen, sich aus eigenem Antrieb für das Gute zu entscheiden. Auf solche Weise ist das Böse stets auch der Diener des Guten. Du kannst die Welt nicht auf einen Schlag ändern. Zunächst geht es immer um den einzelnen Menschen.“ « (Seite 786)

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/bemmann-stein-und-floete-5227/

 

Der Autor:

»Hans Bemmann (1922–2003) studierte Musikwissenschaft und Germanistik. Seine ersten Werke veröffentlichte er in den frühen 1970er-Jahren unter Pseudonym, bis er 1983 mit dem Märchenroman Stein und Flöte eines der Kultbücher der phantastischen Literatur schuf. Das Werk wurde vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die späteren Romane, in denen der Autor wiederum Märchen und Mythen mit der Bewusstwerdung des Menschen verknüpfte, sind ebenfalls sehr erfolgreich.«

Der Sprecher:

»Oliver Rohrbeck, geboren 1965 in Berlin, ist Schauspieler und ein gefragter Synchron- und Hörbuchsprecher. Bekannt wurde seine Stimme vor allem durch die legendäre Hörspielreihe »Die drei ???«. Außerdem ist Oliver Rohrbeck die deutsche Stimme von Hollywood-Star Ben Stiller.«

Musikalische Zugabe:

Da ich das Fehlen einer musikalischen Einrahmung dieses Hörbuches beklagt habe, will ich nachfolgend eine Flötenmusik von Jacob van Eyck, gespielt von François Lazarevitch, darbieten, die recht gut zu diesem Roman paßt.  🎶 🎶  🎶 

Mit herzlichtem Dank an meinen Musikagenten 😉 Maestro Random Randomsen https://randomrandomsen.wordpress.com/ für die umfangreiche Recherche zu den passenden Flötentönen.  🎶 🎶 🎶

 

Persönliches Nachwort zur Buchausgabe:

„Stein und Flöte“ ist ein SEHR umfangreiches Werk, das ich vor mehr als 25 Jahren gelesen habe. Dieser Märchenroman von Hans Bemmann ist 1983 in der Edition Weitbrecht als gebundenes Buch erschienen, mit 818 Seiten, bedruckt  in der Schriftype Garamond neun Punkt – also eine ameisenspurenkleine Minischrift. Wäre dieser Roman eine aktuelle Neuerscheinung würde man ihn wohl mindestens in drei Bänden publizieren und vermarkten. 1983 waren die Verlage noch nicht so papierverschwenderisch und marketingstrategisch wie heute, wo bedeutend kleinere und kurzatmigere Werke durch entsprechende Schrifttypen- vergrößerung mindestens auf Trilogie-Format aufgeplustert werden.

 

Zur Zeit gibt es diesen Leseleckerbissen nur noch
im Taschenbuchformat
im Piper Verlag zu 16,00 € (D), 16,50 € (A):
https://www.piper.de/buecher/stein-und-floete-isbn-978-3-492-28230-7

 

 

 

 

Es ist wahrlich mehr als wünschenswert, diesen wertvollen Roman in drei gebundenen Bänden, vielleicht noch mit einem feinen Leinenschuber und mit Illustrationen von Friedrich Hechelmann, ganz neu aufzulegen. Hechelmann wäre meiner Ansicht nach der ideale illustratorische „Übersetzer“ für dieses märchenhafte Werk. Also liebe mitlesende Verlage: Ran an eine standesgemäße Buchgestaltung für diese zeitlose Lesekostbarkeit!

 

 

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Das Antiquariat der Träume

  • von Lars Simon
  • Roman
  • DTV Verlag, Mai 2020  www.dtv.de
  • gebunden
  • 320 Seiten
  • 12,00 € (D), 12,40 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21931-0

LITERARISCHE  HALLUZINATIONEN

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Im „Antiquariat der Träume“ geht es um wahre Liebe, unsterbliche Hoffnung und um die zeitlose Magie von Büchern und Geschichten sowie um die Einwirkungskraft von Büchern auf die Wahrnehmung und Gestaltung von Welt und Wirklichkeit.

Der Stockholmer Verleger Johan Andersson hat bei einem durch einen Orkan verursach-ten Schiffsunglück in der Ostsee die große Liebe seines Lebens verloren. Lina hatte Johan, der ein Liebhaber der Klassiker ist, kurz zuvor ein ganz besonderes Geschenk überreicht: eine handsignierte Erstausgabe der „Singoalla“ von 1864, die sie bei einem geheimnisvollen und schrulligen Antiquar erworben hatte. Dieser Roman von Viktor Rydberg ist ein berühmtes Werk der schwedischen Spätromantik. Kurz nach der Geschenkübergabe verlor Johan im panischen Durcheinander des leckgeschlagenen Schiffs Lina aus den Augen und das Buch aus der Hand.

Für Johan ist Linas Verlust Grund genug, in seinem Leben als Überlebender nun andere Schwerpunkte zu setzen. Er verkauft seine Anteile am Verlag, zieht sich aufs Land zurück und eröffnet im kleinen Örtchen Hedekas ein Antiquariat mit angeschlossenem Literaturcafé.

Er freundet sich mit dem örtlichen Pfarrer an, und Agnes, die früh verwitwete Schwester des Pfarrers, backt für Johans Café köstliche Kuchen und Torten mit wechselnden litera-rischen Motti, und sie hilft auch beim Bedienen aus. Eine gewisse freundschaftliche Ver-trautheit und Zuverlässigkeit bieten diese zwischenmenschlichen Kontakte; dennoch pocht die schmerzliche Leerstelle in Johans Herzen auch vier Jahre nach dem Verlust Linas weiter.

Immer wieder hatte Johan versucht, Angehörige von Lina zu finden, aber sie scheint nicht nur ertrunken zu sein, sondern auch nirgendwo hingehört zu haben. Seine Nach-forschungen zu Linas Identität führen jedoch zu keinem Ergebnis. So rätselt er weiterhin herum, hadert mit dem Schicksal und kann seine Sehnsucht nicht loslassen.

Trost und auch Inspiration bieten indes die Gespräche, die er mit den Figuren aus seinen Lieblingsbüchern führt. Diese Figuren erscheinen ihm leibhaftig, und sie stehen Johan – stets gemäß ihrem fiktiven Charakter – mit klugem Rat und anteilnehmender Reflexion zur Seite. So spricht er ebenso mit William von Baskerville aus „Der Name der Rose“ wie mit Pippi Langstrumpf oder dem weißen Kaninchen aus „Alice im Wunderland“. Und auch Harry Haller aus „Der Steppenwolf“, Gregor Samsa, Doktor Dolittle und Sherlock Holmes sowie Cyrano de Bergerac erscheinen in passenden und gelegentlich auch unpassenden Situationen und geben ihren Betrachtungen des echten Lebens und Einschätzungen zu Problemlösungen lebhaften Ausdruck.

Manchmal, wenn zufällige Ohrenzeugen Johan bei seinen „Selbstgesprächen“ mit in deren Augen unsichtbaren Dialogpartnern ertappen, gerät Johan in den Verdacht geistiger Verwirrung. Doch Johan genießt diese buchstäblichen Literaturgespräche und empfindet sie als Bereicherung. Den von seinen Freunden gelegentlich angeratenen professionellen psychologischen Beistand lehnt er ab. 

Eines Tages trifft Johan beim Einkaufsbummel für sein Antiquariat auf einen alten Antiquar, der ihn in ein interessantes Gespräch verwickelt und der ihm erklärt, daß er wichtige Bücher nur an jene Menschen verkaufe, die sie auch verdienten. Schließlich verkauft er Johan ein verpacktes Buch, das seiner Ansicht nach zu ihm gehöre – allerdings unter der Bedingung, daß auch Johan dieses Buch innerhalb einer bestimmt- en Frist weiterverkaufen solle – ebenfalls ausdrücklich nur an eine Person, bei der dieses Buch in den richtigen Händen sei.

Fasziniert und verwundert läßt sich Johan auf diesen eigenwilligen Handel ein, und als er zu Hause das Buch auspackt, ist es exakt die Ausgabe der „Singoalla“, die er einst von Lina bekommen hatte …

Wie sich nun daraus ein klassisches Happy-End entwickelt, werde ich hier selbstver- ständlich nicht verraten. Die lange offen bleibende Frage nach Linas Verbleib und Herkunft ist spannend, zumal man nicht umhinkommt, diverse eigene Vermutungen zu ihrer realen oder vielleicht doch fiktiven Existenz anzustellen.

Der größte Reiz dieses Romans geht jedoch nicht so sehr von der Liebes- geschichte, sondern viel mehr von den Gesprächen zwischen Johan und seinen literarischen Lieblingsfiguren aus. Es ist sehr amüsant, wie diese jeweils im Habitus und in der sprachlichen Tonlage ihres fiktiven Charakters in Johans Leben treten und ihn beraten, mit ihm philosophieren und ihn auch ein wenig in die richtige Richtung lenken, ohne ihm dabei das eigene Denken, Erkennen, Suchen und Finden abzunehmen. 

 

»Alte Bücher sind die Essenz des Lebens, der Quell aller Freude und manchmal sogar der Ursprung revolutionärer Strömungen. Sie konservieren Gedanken und Emotionen, und setzt man sie in Bezug zur Zeit ihrer Entstehung und hat den Mut, sich darauf einzu- lassen, so wird man genau das bei sich selbst erleben, was derjenige beabsichtigte, der das Werk einst verfasst hat,  ganz gleich wie viele Jahre später man es zur Hand nimmt. Eine gute Geschichte, eine brillante Idee und ein tiefempfundenes Gefühl haben immer-währende Gültigkeit, sie verlieren nichts, sie sind wie exquisiter Wein und werden mit der Zeit immer reifer und wertvoller, allerdings – und das ist der Unter- schied zu gutem Wein – erst sobald man sie genossen hat. Sie reifen im Herzen und nicht in Fass und Weinkeller, wenn Sie verstehen.«  (Seite 239/240)

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/lars-simon-das-antiquariat-der-traeume-21931/

Der Autor:

»Lars Simon, Jahrgang 1968, hat nach seinem Studium lange Jahre in der IT-Branche gearbeitet, bevor er mit seiner Familie nach Schweden zog, wo er als Handwerker tätig war. Heute lebt und schreibt der gebürtige Hesse wieder in der Nähe von Frankfurt am Main. Bisher sind von ihm bei dtv eine dreibändige Comedy-Reihe, das Weihnachtsbuch ›Gustafssons Jul‹ sowie die Urban-Fantasy-Reihe um Zauberlehrling Lennart Malmkvist und seinen sprechenden Mops Bölthorn erschienen. Lars Simon ist ein Pseudonym.«

Querverweis:

Hier entlang zu Lars Simons zauberlehrlingsmagischer Trilogie über Lennart Malmkvist, seinen geerbten Zauberzubehörladen und seinen sprechenden Mops.

Band 1: Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/31/lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen/
Band 2: Lennart Malmkvist und der ganz und gar wunderliche Gast aus Trindemossen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/28/lennart-malmkvist-und-der-ganz-und-gar-wunderliche-gast-aus-trindemossen/
Band 3: Lennart Malmkvist und der überraschend perfide Plan des Olav Tryggvason
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/01/26/lennart-malmkvist-und-der-ueberraschend-perfide-plan-des-olav-tryggvason/

 

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Marzahn mon Amour

  • Geschichten einer Fußpflegerin
  • von Katja Oskamp
  • Verlag Hanser Berlin 2019 hanser-literaturverlage.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 145 Seiten
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A)
  • ISBN 978-3-446-26414-4

F U S S N O T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Autorin Katja Oskamp entschließt sich mit Mitte vierzig, ihrem Leben eine pragma-tische Wende zu geben. Die Schriftstellerei stagniert, ihre letzte Novelle wurde von zwanzig Verlagen abgelehnt, ihr Mann ist erkrankt und das Kind ist flügge. Sie macht eine Umschulung zur Fußpflegerin und findet eine Anstellung in einem Kosmetikstudio in Marzahn. „Ich hatte zwei gesunde Hände, die einer nützlichen Arbeit nachgehen würden. Der Anfang würde nicht leicht sein, aber schön wie jeder Anfang.“ (Seite 12)

Was theoretisch wie ein Karriereknick erscheint, erweist sich praktisch als eine befriedi-gende Tätigkeit, die stets zu einem sichtbaren Ergebnis, ja, meist sogar Erfolgserlebnis führt. Die Arbeit als Fußpflegerin bringt sie buchstäblich mit Menschen in Berührung, und durch die Gespräche, die sich während der Behandlung ergeben, erfährt sie viel über das Schicksal, die Lebenseinstellungen, Marotten und Charakterzüge ihrer Kundinnen und Kunden.

Diese Lebensgeschichten erzählt die Autorin nun in ihrem Buch nach, sie übersetzt also das Leben sogenannter kleiner Leute aus Berlin-Marzahn in Literatur. Es gelingt ihr dabei eine Kunstform, die zwischen sozialhistorischer Dokumentation, würdigender Kurzbiographie und (meist) sympathisierender Charakterisierung changiert. Sie hört sehr gut hin, betrachtet aufmerksam den Zustand von Füßen und Persönlichkeiten und skizziert mit wachem Einfühlungsvermögen, zugeneigter Achtsamkeit und wenigen gleichwohl umfassenden Zeilen immer wieder ein ganzes Lebenspanorama nebst historischer Kulisse. 

Ihre Kundschaft führt ein eher unscheinbares Leben. Auch Füße führen im Allgemeinen ein solch unscheinbares, ja, fast verborgenes Leben, obwohl sie uns doch durch dieses Leben tragen und wir mit ihnen all‘ unsere Wege  beschreiten.

Bei der Behandlung der strapazierten Füße lauscht Katja Oskamp mit ihrer einfühlsam-einladenden kommunikativen Kompetenz den Lebenswegen ihrer Kunden nach. Nicht wenige verdanken den angegriffenen Zustand ihrer Füße körperlich anstrengenden beruflichen Tätigkeiten oder Erkrankungen, oder sie sind schlicht nicht mehr dazu im-stande, ihre Füße selbst zu pflegen. Für viele alte und einsame Menschen ist der Fuß-pflegetermin ein Festtag des vertrauten Berührtwerdens in einer berührungsarmen Welt.

Die meisten Stammkunden sind betagt, leiden an diversen Krankheiten und verfügen nur über geringen finanziellen Spielraum. Es gibt viel Mühsal, Tragik, Verlust, Verletz- lichkeit, manchmal auch Verwahrlosung, aber auch unendliche Tapferkeit, weise Heiterkeit, Charme, Selbstironie, sympathische Eigenwilligkeit, Genußfreude, wahre Lebenskunst und bescheidene und daher umso würdevollere Großzügigkeit. Meist wird in den Gesprächen, die in direkter Rede wiedergegeben werden, munter berlinert, gelegentlich auch gesächselt. 

Dieses kleine Buch ist randvoll mit zwischenmenschlichen Begegnungen. In diesen Geschichten spielen jene Menschen die Hauptrolle, die sonst nur Nebenrollen oder Statistenrollen zugestanden bekommen.

Katja Oskamp offeriert mit „Marzahn mon Amour“ eine Milieustudie ohne Berührungsängste, anrührende Schicksale ohne herablassendes Mitleid und amüsante Szenen sowie witzige Dialoge ohne Bloßstellung. Sie schreibt nicht ÜBER all diese Menschen, sie schreibt auf Augenhöhe MIT ihnen und verleiht ihren Geschichten und Lebensläufen dadurch eine selbstver- ständliche Erzählenswertigkeit, die beim Lesen unwillkürlich lebhaftes Interesse und Anteilnahme weckt. Hierin sehe ich das beachtenswerteste Merkmal ihrer schriftstellerischen Darstellung.

 

Hier entlang zum Buch, zur Leseprobe und zu weiteren Zusatzinformationen auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/marzahn-mon-amour/978-3-446-26414-4/

Hier entlang zu einer weiteren Rezension auf dem Bücherblog „Feiner reiner Buchstoff“:
https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2020/02/09/grossartige-literatur-und-pflichtlektuere/
Und auf dem Blog „Spätlese“ gibt es ebenfalls lebhafte Lesezustimmung:
https://vogelsspaetlese.wordpress.com/2019/11/27/von-unten/

Die Autorin:

»Katja Oskamp, geboren 1970 in Leipzig, ist in Berlin aufgewachsen. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft arbeitete sie als Dramaturgin am Volkstheater Rostock und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Bisher wurden von ihr der Erzählungsband Halbschwimmer und die Romane Die Staubfängerin und Hellersdorfer Perle veröffentlicht.«

 

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