Wazn Teez?

  • von Carson Ellis
  • Bilderbuch
  • Deutsche Textfassung von
  • Jess Jochimsen und Anja Schöne
  • Originaltitel: »Du Iz Tak«
  • Nord Süd Verlag  Januar 2017   http://www.nord-sued.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 24,8 x 30 cm
  • 48 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10386-5
  • ab 5 Jahren

AN  MIROBELLI  FREUENSCHUH
oder: Insektenparlando

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses ganz besonders phantasiebegabte Bilderbuch ist etwas für sprachliche Feinschmecker, detailverliebte Betrachter und naturverbundene Träumer.

Die amerikanische Illustratorin Carson Ellis hat sich für ihre Bilderbuch- geschichte eine Phantasiesprache ausgedacht, und Jess Jochimsen und Anja Schöne haben diese Kunstsprache ins Phantasiedeutsche „übersetzt“.

Den Bildern kann man zwar auch ohne Text ihre Erzählung ablesen, aber die kleinen Dialoge zwischen den beteiligten Figuren haben natürlich ihren ganz eigenen Reiz, weil man sie sich erst einmal – am besten ausgesprochen-lautmalerisch – aus dem Kontext des Bilderbuchbühnenbildes entschlüsseln muß.

Da wächst ein kleiner grüner Keim aus der Erde und drei Käfer schauen fragend in die Runde: „Wazn teez?“ Ein Käfer antwortet: „Mi mori an Plumpse.“ Und ein anderer fragt: „Wazn fümma Plumpse?“ Und die Antwort darauf lautet: „Mi nanüt.“

Illustration von Carson Ellis © Nord Süd Verlag 2017

Der Keimling wächst in die Höhe, bildet Blätter und Sproßachsen. Die drei Entdecker brauchen „an Sprossel“, um an der Pflanze hochzuklettern. Sie fragen bei der im nahegelegenen Baumstamm wohnenden Larve nach und bekommen von ihr die gewünschte Leiter geliehen.

Von Seite zu Seite wächst die Pflanze; nachts wird sie vom Mond beschienen und von einem Grillenkavalier mit Geigenmelodien erfrischt. Die drei Käferknirpse bauen mit großem Eifer eine Baumhausfestung, die sich über zwei Pflanzenetagen erstreckt.

Illustration von Carson Ellis © Nord Süd Verlag 2017

Doch als eine riesige Spinne diesen Abenteuerspielplatz mit ihrem Netz besetzt, fliehen die Insekten empört und lassen traurig ihre Fühler hängen. Ein vorüberfliegender Vogel schnappt sich die dicke Spinne und beendet die achtbeinige Invasion.

Erleichtert atmen die Käfer und ihre Nachbarinsekten auf. Die Käfer entfernen fein säuberlich die Reste des Spinnennetzes und spielen wieder in ihrer Festung. Die Pflanze wächst und entfaltet im Sommer eine wunderschöne Blüte. Nun endlich erkennen alle Insekten, daß es sich um „an mirobelli Freuenschuh“ handelt, und sie freuen sich offensichtlich sehr darüber.

Der Herbst kommt, die Blüte welkt, der Winter naht, die vergilbte Pflanze neigt sich samt aufgelöster Festung der Erde zu, die Insekten ziehen sich Schals und Mützen an und verabschieden sich in den Winterschlaf.

Schnee bedeckt den verstummten Schauplatz. Im nächsten Frühjahr schmilzt der Schnee, und viele, viele grüne Keimsprößlinge lugen vorwitzig aus der Erde. So kommt ein neues Jahr in Schwung …

Die Zeichnungen von Carson Ellis sind sehr detailreich; neben den drei käferigen Hauptfiguren tummeln sich diverse Insekten (Ameisen, Libellen, Fliegen, Raupen, Larven, Schmetterlinge …), zwei Schnecken und ein Salamander in der Szenerie. Die feingezeichneten, individualisierten Insekten tragen wahlweise Schühchen, Schals, Mützen, Hüte, Brillen, Handtaschen oder Spazierstöcke. Die Illustrationen vermitteln einen zärtlich-neckischen Blick auf Krabbeltiere.

Bei aller Verspieltheit ist gleichwohl der Verlauf der Jahreszeiten an den natürlichen Veränderungen des Ortes sehr präzise ablesbar. Hier wird die kindliche Aufmerksamkeit in wortwörtlich vielerlei Hinsicht angeregt und gefördert. In diesem Bilderbuch gibt es viel zu entdecken und zu entschlüsseln.

Als Bilderbuchvorleser hat man – zur angenehmen Abwechslung vom leichten Vorleseeinerlei – eine deutlich achtsamere  Vorlesekonzentration zu meistern. Man kann sich ausgiebig und wiederholt damit beschäftigen und vergnüglich an der Übersetzung der Phantasiesprache herumpuzzeln. Kinder werden diese „Fremdsprache“ witzig finden und sie bei entsprechender Neigung vielleicht sogar gerne weiterspinnen und mit eigenen Worterfindungen anreichern.

Also, machen Sie sich schon mal auf unerhörte „mirobellische“, wortspielerische Nebenwirkungen gefaßt!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.nord-sued.com/programm/index.asp

Hier entlang zur Leseprobe:
http://www.book2look.com/book/fJUUUMoNBp

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Carson Ellis, geboren 1975, lebt mit ihrem Mann, dem Folkmusiker Colin Meloy, in Portland. Mit ihm zusammen hat sie die Trilogie „Wildwood Chronicles“ veröffentlicht. Bei Nord-Süd erschien bereits ihr erstes, viel gelobtes Bilderbuch „Zuhause“. «

Die Übersetzer:

»Jess Jochimsen, 1970 in München geboren, lebt als Autor und Kabarettist in Freiburg. Seit 1992 tritt er auf allen bekannten deutschsprachigen Bühnen auf. Im Frühjahr 2017 erscheint bei DTV sein neuer Roman „Abschlussball“.«

»Anja Schöne, 1978 in Krefeld geboren, ist als Theaterregisseurin und Autorin tätig.«

 

Das geheime Leben der Bäume

  • Was sie fühlen, wie sie kommunizieren –
  • die Entdeckung einer verborgenen Welt
  • von Peter Wohlleben
  • Hörbuch
  • gelesen von Roman Roth und Peter Wohlleben
  • vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag 2015/16
  • erschienen im Hörverlag Oktober 2016   www.hoerverlag.de
  • Buchvorlage: Ludwig Verlag
  • 6 CDs in Pappschachtel
  • Laufzeit: ca. 6 Stunden, 54 Minuten
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2477-2
    Das geheime Leben der Baeume von Peter Wohlleben

B A U M S C H U L E

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohlleben führt uns mit Gefühl, Verstand und Sinnlichkeit durch den Wald und lehrt uns das Staunen. Er doziert nicht, er erzählt!

Aktuelle naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden von ihm sehr eingängig- komprimiert wiedergegeben und um seine langjährigen persönlichen Erfahrungen als Förster kurzweilig ergänzt.

Hätten Sie gewußt, daß Buchen gerne kuscheln? Ja, auch wenn sie sehr nahe beieinanderstehen, konkurrieren sie keineswegs miteinander um Nährstoffe, Licht und Wasser, sondern bei Bedarf füttern sie sich wechselseitig – über das komplexe unterirdische Wurzel- und Pilzfädchensystem – mit Glucoselösung. Buchenkinder stehen sehr lange im Schatten ihrer Mutter, weshalb sie nur langsam wachsen können. Doch diese „Erziehung durch Lichtdrosselung“ führt zu wesentlich stabilerem Wachstum und somit auf lange Sicht zu überlebenstüchtigeren Buchen.

Bäume kommunizieren über Duftstoffe und über chemische sowie elektrische Signal-übertragungen miteinander. Werden beispielsweise die Blätter eines Baumes von Raupen angefressen, so teilt der befallene Baum dies seiner Nachbarschaft über Duftsignale mit. Sowohl der befallene Baum wie auch die benachbarten verändern daraufhin die chemische Zusammensetzung des Pflanzensafts in ihren Blättern – was von Bitterstoffen bis hin zu  insektenspezifischen Giftstoffen reicht. Darüber hinaus verfügen Bäume auch über besondere Rettungslockdüfte, um natürliche Freßfeinde der angreifenden Insekten herbeizurufen.

Auch unterirdisch wird lebhaft kommuniziert. Ein Teelöffel Waldboden enthält mehrere Kiometer Pilzhypen. Der Vergleich dieser Pilzfäden mit der Glasfaservernetzung des Internets liegt nahe. Tatsächlich spricht man inzwischen schon vom „woodwideweb“.

Peter Wohlleben beschreibt die Bäume mithin nicht als isolierte Einzelwesen, sondern als Teil einer Lebensgemeinschaft. Dazu gehören auch Waldtiere, konkurrierende sowie kooperative Verhältnisse zwischen Bäumen und anderen Pflanzen sowie der erst zu einem kleinen Teil erforschte Mikrokosmos des Waldbodens. Die Mikroorganismen, die an der „Schnittstelle von Werden und Vergehen“ ihre wertvolle, unsichtbare Arbeit verrichten, werden ebenso gewürdigt wie Klimarelevanz, Luftfilterwirkung, Wasser- und CO₂-Speicherkapazität der Bäume.

Schädliche menschliche Eingriffe in den Gleichgewichtsorganismus Wald werden fundiert kritisiert und sinnvollen Maßnahmen zur ökologischen Bewirtschaftung, zum Schutz, Erhalt und zur Reanimierung heimischer Urwälder gegenübergestellt.

Egal welchem Detail sich der Autor widmet, stets ist seine Darstellung faszinierend, anschaulich und geradezu spannend, und stets fügen sich die Einzelheiten zu einer ganzheitlich Einheit.

Peter Wohllebens Buch „Das geheime Leben der Bäume“ ist ein wahrer Lichtblick in der Vermittlung von Wissen über Wald und Bäume. Seine einfühlsame, naturliebhaberische Haltung ist in jeder Zeile zu spüren und dürfte vielen Lesern/Hörern eine lebensdienliche Baumperspektive eröffnen.

Die Hörbuchversion enthält eine Bonus-CD, auf der Peter Wohlleben von seinem beruflichen Werdegang erzählt. Dies ist eine interessante Zugabe – im O-Ton -, die sehr authentisch davon berichtet, wie ein Mensch seiner Berufung folgt und nicht damit aufhört, von den Bäumen zu lernen.

Hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e514159.rhd

Das geheime Leben der Baeume von Peter WohllebenDie Buchausgabe ist im Mai 2015 beim Ludwig Verlag erschienen: Das geheime Leben der Bäume
Was sie fühlen, wie sie kommunizieren –
die Entdeckung einer verborgenen Welt
von Peter Wohlleben
gebunden, mit Schutzumschlag, 224 Seiten
19,99 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN 978-3-453-28067-0
Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e478046.rhd
Seit Oktober 2016 gibt es das Buch zusätzlich als Bildband: https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e502460.rhd

 

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb in der Eifel, den er zu einem urwaldähnlichen Laubwald zurückgeführt hat. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Im Ludwig Verlag erschien 2016 sein Bestseller „Das Seelenleben der Tiere“.«

Der Vorleser:

»Roman Roth, geboren 1980 in Frankfurt am Main, hat über Umwege zu seiner jetzigen Tätigkeit als Schauspieler und Sprecher gefunden. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Lehre als Bankkaufmann. Nach ersten Erfahrungen als Schauspieler entschied er sich 2006 für eine Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Er übernimmt regelmäßig Rollen in Theater, Film und Fernsehen, spielte u.a.    in dem Spielfilm Der letzte Zug. Seit 2012 lebt er als freischaffender Schauspieler in Berlin.«

Querverweis:

Hier entlang zu Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/30/das-seelenleben-der-tiere/
und zu Christopher D. Stones Klassiker des Umweltrechts „Haben Bäume Rechte?“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/06/18/haben-baume-rechte/

 

PS:
Schon mein Leben lang habe ich ein inniges Verhältnis zu Bäumen. Was dabei herauskommen kann, wenn man Bäumen zuhört, mag ein Poem illustrieren, das ich meiner alten Lieblingsbuche abgelauscht habe:

 

BAUMSCHULE

 

Ich sehe was
was Du nicht siehst
sagt mir der Baum
mit einer Hand in der Erde
mit der Anderen im Himmel
aus meinem Holz
sind Türen gemacht
die sich nur nach innen öffnen
komm näher Menschlein
hier lernst Du was fürs Leben
verlier ruhig ein bißchen
den Verstand
und laß Dich ein
sieh nur
hör nur
spüre
und vergiß es nie
auch in Deinem Körper
schlägt das Herz der Erde

 

Ulrike Sokul©
10/ 1995

 

 

 

 

Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

  • Das geheime Leben der Insekten
  • von Dave Goulson
  • Originaltitel: »A Buzz in the Meadow«
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • Hanser Verlag   Februar 2016  http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 320 Seiten
  • 21,90 € (D), 22,60 € (A)
  • ISBN 978-3-446-44700-4
    Goulson_Insekten_Sitzung.indd

I N S E K T E N R E I C H

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dave Goulson ist Biologe und Hummelforscher und ein sehr guter Erzähler. Bereits in seinem ersten Buch „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“ (siehe: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/ ) vermittelte er sein umfängliches Wissen in anschaulicher und allgemeinverständlicher Weise und umrahmte sein Thema seines Sachbuches mit persönlichen Naturerfahrungen und dem dringenden Appell zum Naturschutz im allgemeinen und zum Hummelschutz im besonderen.

Auch in seinem neuen Buch trägt die persönliche Note des Autors sehr zur Leseannehmlichkeit und gleichsam spielerischen Wissensvermittlung bei. Im Jahr 2003 erwarb der Autor das alte französisches Landhaus „Chez Nauche“ mit 13 Hektar Wiesenfläche und richtete dort nach und nach ein privates Naturschutzgebiet ein, frei von den vernichtenden Belastungen der modernen Landwirtschaft.

Zunächst ging es ihm hauptsächlich um die Einrichtung geschützter Habitate für Hummeln, seine Lieblingsforschungsobjekte. Die hummelfreundliche Gestaltung der Wiesen, die Wildblumenvielfalt und die Einrichtung von Teichen lockten auch zahlreiche weitere Insekten ins kleine Paradies „Chez Nauche“.

Dorthin lädt uns der Autor zu einem Wiesenspaziergang ein und öffnet uns die Augen für die Vielfalt der Insektenfamilien und die faszinierenden Erkenntnisse, die wir bereits über sie und ihre Rolle im Lebensgefüge erlangt haben. Sehr deutlich weist er darauf hin, daß all unser naturkundliches Wissen nur die Spitze des Eisberges darstellt und daß der Einsatz giftiger Chemikalien (in der Landwirtschaft) schon mehr zerstört hat, als unserem ganzheitlichen Lebensgefüge gut tut.

Zum Teil wissen wir gar nicht, welche Spezies schon ausgelöscht sind und mit ihnen all die geheimnisvollen Gaben und Funktionen, die sie im komplexen, ökologischen Beziehungsgeflecht erfüllt haben.

Hätten Sie gewußt oder auch nur geahnt, daß der  Gescheckte  Nagekäfer mit seinen Füßen hört? Oder daß der Schaum, in dem sich die Nymphen der Schaumzikaden verbergen, so bitter schmeckt, daß Vögel keine Neigung verspüren, die Nymphen aus ihrem „Schaumbad“ herauszupicken? Oder daß manche Blumen (z.B. Magnolien, Lilien, Krokusse und Löwenmäulchen) nicht nur Pollen und Nektar anbieten, sondern auch Wärme erzeugen und deshalb von  wärmebedürftigen Hummeln und Bienen bevorzugt werden? Außerdem werden die Bestäuber während des Blütenaufenthaltes nicht nur gewärmt, sondern auch der Nektar ist angewärmt – eine schöne Belohnung fürs fleißige Bestäuben an kalten Tagen.

Es ist das Anliegen des Autors, unsere Achtung vor dem Mikrokosmos der Insekten zu vergrößern, und dies gelingt ihm sogar bei den unappetitlichen Vertretern wie z.B. der Stubenfliege, die zwar unhygienische Tischmanieren hat, aber irgendwer muß ja auch den organischen Abfall wegfressen und als Vogelfutter dienen.

Ameisen, Bienen, Blattläuse, Glühwürmchen, Gottesanbeterinnen, Grillen, Grashüpfer, Hummeln, Käfer, Libellen, Nagekäfer, Papierwespen, Schmetterlinge, Tanzfliegen, Stielaugenfliegen, Schwebfliegen und Wanzen … sie alle werden von Dave Goulson kürzer oder länger beschrieben, erklärt und in ihre natürlichen Zusammenhänge eingeordnet.

Stets klingt die Bewunderung des Autors für seine Gartenbewohner und Studienobjekte, ihre Lebens- und Überlebenskunst sowie ihre komplexen Wechselwirkungen anregend mit. Atmosphärisch und einfühlsam weckt er das Interesse des Lesers und erzählt spannend und lebensliebevoll von der wissenswerten Vielfalt des Insekten- und Pflanzenreichs.

Eindringlich geht er auch auf das Bienensterben und den  Einfluß der Neonicotinoide in Insektiziden ein. Dieses Kapitel birgt angesichts behördlicher und agrochemischer Ignoranz und Verharmlosung zugunsten von Konzerninteressen aufregendes,  aufwühlendes und hoffentlich aufweckendes Informationsmaterial.

Er zitiert E.O. Wilson, den berühmtesten lebenden Entomologen:

»Wenn irgendwann die ganze Menschheit verschwinden sollte, würde sich die Natur regenerieren und wieder in jenen artenreichen Balancezustand gelangen, der noch vor 10 000 Jahren existierte. Würden jedoch die Insekten verschwinden, würde die Natur ins Chaos versinken.« (Seite 47)

Dave Goulson ist mit „Chez Nauche“ ein Biotop geglückt, sozusagen ein „Schöner Wohnen mit Insekten“. Er weiß, daß es nur eine Insel im Meer weltweiter Zerstörung ist. Doch je mehr lebensdienliche Inselbiotope es überall gibt desto bessere Lebenschancen und Lebensqualität haben alle Mitgeschöpfe. Und sei es nur der eigene Balkon oder Garten, oder im günstigsten Falle sogar ein Biobauernhof, ein Bioforst oder ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet.

Möge jeder dort beginnen, wo er selber etwas Naheliegendes bewahren und bewirken kann.

„Ich hoffe, Sie haben inzwischen erkannt, dass jedes Lebewesen seine eigene Geschichte hat und dass die meisten Geschichten erst noch erzählt werden müssen.“ (Seite 229)

Wenn wir der Natur RAUM geben, sorgen wir dafür, daß noch viele, viele Geschichten erzählt werden können.

 

Gerne weise ich in diesem Zusammenhang auf die bienenfleißige  und hummelsummende Webseite von Almuth hin: »NATUR AUF DEM BALKON«: https://naturaufdembalkon.wordpress.com/ . Dort kann man bewundernd zuschauen (klasse Fotos) und mitlesen (heiter-informative Texte), wie gut man die Welt auch auf kleinem Raum retten kann … und sich zu eigenem Mitwirken inspirieren lassen.

 

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite, dort findet sich auch ein Insektenfragequiz, bei dem man ein luxuriöses Insektenhotel gewinnen kann: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/wenn-der-nagekaefer-zweimal-klopft/978-3-446-44700-4/

Der Autor:

»Dave Goulson, Jahrgang 1965, ist Hummelforscher und einer von Englands bekanntesten Naturschützern. Sein „Sunday Times“-Bestseller „A Sting in the Tale“ stand auf der Shortlist des Samuel Johnson Prize, des renommiertesten Sachbuchpreises Großbritanniens. Bei Hanser erschien 2014 „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“. Dave Goulson lebt in Blackboys, East Sussex.«

www.sussex.ac.uk/lifesci/goulsonlab
https://twitter.com/DaveGoulson

Querverweis:

Hier entlang zu Dave Goulsons erstem Werk: „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“ : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/

Und hier entlang zu einer weiteren fundierten Rezension aus der Blognachbarschaft:

Dave Goulson: Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

 

 

 

 

Gemeines Getier

  • Das A-Z der Insekten,
  • die stechen, beißen, infizieren
  • und uns den letzten Nerv rauben
  • von Amy Stewart
  • Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
  • Radierungen und Zeichnungen von Briony Morrow-Cribbs
  • Berlin Verlag  März 2013    www.berlinverlag.de
  • Taschenbuch
  • 288 Seiten
  • 11,99 € (D), 12,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8333-0878-9
    Gemeines Getier

VON  ZWEIBEINERN  UND  TAUSENDFÜSSLERN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Gemeines Getier“ ist der Nachfolgeband zu Amy Stewards Buch „Gemeine Gewächse“ (siehe meine Besprechung vom 7. 4. 2016:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/07/gemeine-gewaechse/ ). Nach der Flora wirft die naturverbundene Autorin nun also einen Blick in die Dunkelkammer der insektischen (und arachnidischen) Fauna.

Während man angriffslustigen Pflanzen weitgehend aus dem Weg gehen kann, ist ein Ausweichen vor Insekten und kleinen Krabbelviechern schon deutlich schwieriger. Ungefragt und ungebeten spazieren sie ins Haus, verkriechen sich in Ritzen, Matratzen, Kleidern, Lebensmitteln, Holzbalken und Büchern und gehen uns schlimmstenfalls unter die Haut.

Ein paar nüchterne Zahlen zur Einstimmung: Es gibt über eine Million verschiedene Insektenarten (und das sind nur die bereits bestimmten), und es leben geschätzte „10 Quintillionen Insekten auf diesem Planeten. Das bedeutet, auf jeden von uns kommen 200 Millionen von ihnen.“ (Seite 13)

Sollten Sie diese Zahlenverhältnisse schon überwältigen, lesen Sie das Buch besser nicht. Auch entomophobischen (insektenängstlichen) Menschen bleibe dieses Wissen besser verschlossen.

Amy Stewart weist in ihrem Vorwort ausdrücklich darauf hin, wieviel Gutes und Lebensnotwendiges wir Insekten zu verdanken haben. Mit ihrem Buch beabsichtigt sie nicht, künstliche Ängste zu schüren, sondern sie wünscht sich, daß der Leser  „mit gesundem Menschenverstand und unvoreingenommener Neugier“ (Seite 11) zwischen Insektenhysterie und echter Lebensgefahr unterscheiden lernt.

Gleichwohl bleibt es beim Lesen nicht aus, daß man jedem harmlosen kleinen Juckreiz mißtrauisch nachspürt. Diese Lektüre garantiert wohl und übel Gänsehauteffekte und Gruselschauer.

Darf ich einige Kandidaten vorstellen?

Flöhe als Überträger von Beulenpest sind seltener geworden, aber Stechmücken in Kombination mit den von ihnen übertragenen Krankheitserregern und Parasiten sind weltweit immer noch die tödlichsten Insekten.

Die südamerikanische 24-Stunden-Ameise löst mit ihrem Nervengift extrem heftige, glühende Schmerzen aus, die etwa einen Tag lang andauern. Es gibt indigene Stämme, die solche Ameisenbisse als Initiationsritual kultivieren. Immerhin scheint das Ameisengift keine dauerhaften Schäden zu hinterlassen.

Dagegen ist der Bombardierkäfer  noch recht niedlich, solange man ihn nicht bedrängt; was übrigens für viele Krabbler gilt, mit Ausnahme derer, die sich parasitär auf uns als Blutspender und Brutstätte spezialisiert haben.

Der Bombardierkäfer verfügt über eine Drüse, die Hydrochinon und Wasserstoffperoxid herstellt; doch erst bei Gefahr wird dieser Chemiecocktail in eine körperinterne Explosionskammer gepresst, mit einem Katalysator vermischt, erhitzt und schließlich mit starkem Druck und lautem Knall abgefeuert. Für Menschen ist dies keine ernsthafte Bedrohung, aber für Frösche, Vögel und Spinnen durchaus.

Eine bedrohlichere Kandidatin ist die Asiatische Riesenhornisse, die fünf Zentimeter groß werden kann. Man sollte besser keine nähere Bekanntschaft mit ihr schließen, denn ihr Gift enthält neben den gewöhnlichen Bienen- und Wespengiften noch das Nervengift Mandaratoxin, das tödlich wirken kann.

Ein Giftbiß des Brasilianischen Riesenläufers, ein Hundertfüßler, der bis zu 30 cm lang werden kann, ist zwar nicht tödlich, aber sehr schmerzhaft und kann zu Nekrosen (absterbendes Gewebe) führen.

Weitere brasilianische Giftspezialisten sind die Feuerraupen, deren Wehrhaare ein so starkes Gift enthalten, daß man innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein Gegengift braucht, um nicht an inneren Blutungen und Organversagen zu sterben, wenn man barfuß versehentlich auf eine oder mehrere (die Raupen halten sich gerne in Gruppen auf dem Boden oder auf Baumrinden auf) getreten ist.

Amy Stewarts Panoptikum reicht vom Aasfresser bis zum Zeckenfieber, von Schwarzer Witwe bis spanischer Fliege, vom Lebensmittelschädling bis zum Bücherwurm, Feuerameisen, Flöhen, Gnitzen, Heuschreckenplagen, Kartoffelkäfern, Kriebelmücken, Küchenschaben, Läusen, Milben, Nagekäfern, Paederuskäfern, Skorpionen, Spinnen, Termiten und Wanzen – auch diverse Bandwürmer kommen nicht zu kurz 😉 .

Schwarzhumorig ergänzt dieAutorin die Informationen über die insektischen Nebenwirkungen z.B. um den „Schmidt Sting Pain Index“ (»Schmidt-Stichschmerz-Index«), den der Entomologe Jochen Schmidt  erstellt hat. Dort wird in sinnlich-überdeutlichen Worten der Schmerzgrad von Insektenstichen- und Bissen in zehn Abstufungen dargestellt.

Auch „Gemeines Getier“ ist mit feinen Radierungen und bissigen Zeichnungen von Briony Morrow-Cribbs ausgestattet, die Ihr Vorstellungsvermögen wortwörtlich beflügeln werden.

Die Autorin erzählt ihre schaurigen und kuriosen Kenntnisse auf lebhaft-spannende Weise, mit interessanten historischen Bezügen und mit abschreckenden Fallgeschichten, die man nicht so schnell vergessen wird. Trotzdem ist „Gemeines Getier“ nicht so amüsant wie das Vorgängerbuch „Gemeine Gewächse“, vielleicht weil man sich Insekten stärker ausgeliefert fühlt. Bei der Lektüre wird uns demütig bewußt, wie sehr unser gesundheitliches Wohlbefinden und unserere weitgehende Plagefreiheit den hohen hygienischen Standards und dem kühlen Klima zu verdanken sind, in dem wir zu Hause sind.

Nach all diesen Plagegeistern und Gesundheitsgefahren lobe ich mir den Bücherskorpion. Dieses kleine Spinnentier, das einen knappen halben Zentimeter groß wird und über „gefährlich aussehende Scherenarme“ verfügt, dient dem Schutz von Büchersammlungen, da es sich u.a. von Bücherläusen und Mottenlarven ernährt. Und die Bücherläuse?  Ach, die erspar ich Ihnen einfach …

Link zum Buch auf der Verlagswebseite: http://www.berlinverlag.de/buecher/gemeines-getier-isbn-978-3-8333-0878-9

Die Autorin:

»Amy Stewart ist die Autorin von mehreren Büchern über die Tücken und Freuden der Natur. Sie schreibt für die New York Times und ist Redakteurin für das Magazin Fine Gardening. Amy Stewart lebt in Eureka, Kalifornien, wo sie zusammen mit ihrem Mann ein Antiquariat betreibt.«
www.amystewart.com

Die Illustratorin:

»Briony Morrow-Cribbs‘ Werk umfasst Kupferstiche, kunstvoll gestaltete Bücher und Kuriositätenkabinette in Form von Keramikskulpturen, in denen sie auf faszinierende Weise die rationale Sprache der Wissenschaft und die oft bizarre Welt der Natur gegenüberstellt.
Nach ihrem Abschluss am Emily Carr Institute of Art in Vancouver lebt sie nun in Madison, wo sie gerade den Master of Fine Arts der University of Winconsin abgeschlossen hat. Ihre Arbeiten sind nicht nur in den USA und in Kanada, sondern auch in Japan und mehreren europäischen Ländern ausgestellt worden.
Darüber hinaus ist Briony Morrow-Cribbs Mitbegründerin der Twin Vixen Press in Brattleboro, Vermont. Vertreten wird sie durch die Davidson Galleries in Seattle und die Brackenwood Gallery auf Whidbey Island (Washington).«

Hugo, streck die Fühler aus!

  • von Lena Avanzini
  • Titelbild und Illustrationen
  • von Joelle Tourlonias
  • Obelisk Verlag   2013             http://www.obelisk-verlag.at
  • 144 Seiten, gebunden
  • 11,95 €
  • ISBN 978-3-85197-705-9
  • ab 10 Jahren
    HUGO, streck die Fühler aus-Titelbild

SEI  FREUNDLICH  ZU  ALLEN  LEBEWESEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wir Menschen leben in Wohngemeinschaft mit allerlei Krabbeltierchen, die sich zwar meist bemühen, für uns möglichst unsichtbar zu bleiben, z.B. indem sie sehr winzig oder nachtaktiv sind oder sich ausgezeichnet verstecken, aber gänzlich entgehen sie unserer Aufmerksamkeit nicht. Die menschliche Toleranzschwelle gegenüber diesen Mitessern und Untermietern reicht von freundlich-entspannt bis hygiene-hysterisch-feindlich.

Ich begegne den ein, zwei Silberfischchen, denen ich manchmal des Nachts auf meinen Badezimmerfliesen über den Weg laufe, mit respektvoller Gelassenheit; weiß ich doch, daß diese Winzlinge unseren Planeten schon ein paar Milliönchen Jahre länger bewohnen als die Menschheit.

Hugo, der kleine, tapfere Held in Lena Avanzinis „schabenteuerlicher“ Geschichte, ist ein belesener Silberfischjüngling mit ausgesucht höflichen Umgangsformen, der wegen zu großer Luftrockenheit aus der Städtischen Bibliothek ausziehen muß. Nach einem gefährlichen Weg durch diverse Abflußrohre kommt er in einer Badewanne an, die praktischerweise einen feinen Riß im Porzellan hat, so daß er herauskrabbeln kann.

Erschöpft landet er auf dem gefliesten Fußboden und stürzt sich hungrig auf das dortige Büfett: Hautschuppen und Haare. Dort findet ihn Bianca, ein Silberfischmädchen, und nach anfänglich futterneidischem Geplänkel lädt sie ihn zu sich nach Hause ein. In dieser Silberfisch-Kleinfamilienwohnung, die sich hinter einem Bodenriß befindet, lernt Hugo Biancas Vater, ihre heilkundige große Schwester und ihren kleinen Bruder Paulchen kennen. Sie wollen gerade Paulchens erste Häutung feiern und bereiten ein Würfelzucker-Fondue zu. Hugo wird herzlich aufgenommen und umfühlert.HUGO-Zuckerwürfel

Seine Gastfamilie klärt ihn über die günstigen Lebensbedingungen im Haushalt dieser Menschen auf, die sich nicht feindlich gegenüber ihren mehrbeinigen Untermietern verhalten. Die kleine Tochter des Hauses streut sogar manchmal extra Zuckerkrümel auf den Boden und empfindet keinen Abscheu, wenn sie gelegentlich ein Silberfischchen zu sehen bekommt.

Hugo, der in Menschenkunde immer nur von der tödlichen Gefahr dieser zweibeinigen Riesenspezies gehört hat, ist überrascht und erfreut. Nicht alle Menschen sind böse und insektentödlich, da kann man sich doch endlich mal entspannen.

In der Küche gibt es eine Schule für die Insektenkinder mit einer ganz außergewöhnlichen Lehrerin, einer vegetarischen Spinne, die Frau Merian heißt. In dieser Menschenwohnung leben u.a. noch zwei Grillen, einige Asseln, eine Motte, diverse Eintagsfliegen, Blattläuse und Staubläuse in friedlicher Koexistenz miteinander.

Neugierig und wagemutig beobachten Hugo und Bianca das Menschenmädchen im Schlaf, und da Hugo lesen kann, liest er Bianca vor, was das Menschenmädchen in ihr Tagebuch geschrieben hat. So erfahren sie, daß das Mädchen ihre verstorbene Mutter vermißt und sich wegen der neuen Frau, die ihr Vater kennengelernt hat, Sorgen macht.

HUGO-Tagebuchblatt

Die Sorgen sind nicht nur aus menschlicher, sondern auch aus insektischer Sicht berechtigt. Diese Frau zieht schließlich ein und putzfimmelt durchs Haus, so daß kaum ein Hautschüppchen mehr übrig bleibt, sie tritt und schlägt nach jedem Mehrbeiner, der ihr über den Weg läuft, und das Schlimmste ist: Sie hat einen Termin mit einem Kammerjäger vereinbart.

Weiterhin erfahren die Silberfischchen aus dem Tagebuch, daß die neue Menschenfrau sich auch als Stiefmutter ziemlich giftig verhält und die Stieftochter in ein Internat abschieben will.

Doch man soll kleine Menschen und winzige Insekten niemals unterschätzen. Wenn alle zusammenhalten, kann man sich erfolgreich wehren und Wahrheiten ans Licht bringen, die eine befreiende Wirkung für alle Beteiligten ermöglichen.

Mir gefällt es sehr, daß in dieser Geschichte nicht die typischen tierischen Niedlichkeitskandidaten auftreten, sondern Insekten. Die Autorin schildert die vielbeinigen Gestalten, ihre individuellen Charakterzüge, ihr soziales Miteinander und ihre natürlichen Lebensbedürfnisse und Überlebenssorgen sehr sympathisch und empathieweckend. Die Handlung ist abwechslungsreich, flott und spannend und wird in einem humorvollen, zartironischen Tonfall mit viel kreativem Wortwitz erzählt.

Die Illustrationen und warmherzig-lustigen Insektenportraits von Joelle Tourlonias sind eine gelungene und harmonische Zugabe zum Text.

 

Den Rat, den Hugo von seiner Mutter mit auf den Lebensweg bekommen hat:
„Sei freundlich zu allen Lebewesen!“, können sich große und kleine Menschen ruhig hinter die Ohren schreiben. Doch das tun sie gewiß alle gerne, nachdem sie Hugo und seine Mitsilberfische durch all die Freuden, Schrecken und Abenteuer des Haushaltsinsektenlebens begleitet haben.

HUGO-Kuschel

Alle  Illustrationen von Joëlle Tourlonias  (Anklicken vergrößert die Bilder)

 

Die Autorin:

»Lena Avanzini lebt als Musikpädagogin und Autorin in Innsbruck. Im Jahr 2012 veröffentlichte sie „Tod in Innsbruck“, für den sie 2012 mit dem  Glauserpreis für das beste Krimidebüt ausgezeichnet wurde. Wenn sie nicht an neuen Romanen schreibt oder mit Schülern ein Hühnchen rupft, bewundert sie die Berge. Meistens jedoch von unten.«  http://www.lena-avanzini.at

Die Illustratorin:

»Joëlle Tourlonias, geboren 1985 in Hanau, hat Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Illustration und Malerei an der Bauhaus Universität Weimar studiert. 2009 machte sie sich selbständig und zeichnet, malt, lebt und liebt seitdem in Düsseldorf.«
http://joelletourlonias.blogspot.co.at/

Die Geisterverschwörung

  • Mara deckt auf
  • von Susanne Mittag
  • Umschlaggestaltung von Iacopo Bruno
  • Ueberreuter Verlag 2013                                        www.ueberreuter.de
  • gebunden, 222 Seiten
  • 12,95 €
  • ISBN 978-3-8000-5734-4
  • ab 10 Jahren
    LIES_MICH_Logos_Ueberreuter.indd

E N T G E I S T E R U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Sie kennen Prometheus Schröder, den berühmten Geisterjäger und sein Buch »Die Wahrheit über Geister« nicht? Nun – dies ist nicht verwunderlich, denn es liegt in der Natur dieses geheimnisvollen Berufes, daß die Berühmtheit nur im Verborgenen blüht. Doch jedes Kapitel des im folgenden besprochenen Buches „Die Geisterverschwörung“ wird von einem nützlichen Zitat aus diesem Werk eingeleitet. Sie müssen also nicht gänzlich unwissend sterben.

Falls Sie der Ansicht sind, daß einem manche Menschen auf den Geist gehen können, dann haben Sie noch nicht erlebt, wie einem Geister auf den Geist gehen können. Davon kann das Mädchen Mara ein langes Lied singen.

Dabei war es einst ihr Wunsch gewesen, endlich einmal ein richtiges Gespenst zu sehen. Zwei Jahre zuvor hatte Mara in den Sommerferien bei ihrer Oma gewohnt und sich mit Kathi, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, angefreundet. Die beiden Mädchen verbrachten in einträchtigem Spiel eine schöne Zeit miteinander, bis Mara unbedingt darauf bestand, ein leerstehendes altes Haus, in dem es angeblich spuken solle, aufzusuchen.

Mara machte eine alberne Bemerkung über blutrünstige Geister und verlorene Seelen und erregte damit Kathis Zorn. Denn Kathi war tatsächlich selbst ein Geist, zwar keineswegs blutrünstig oder bösartig, aber doch verletzlich, was menschliche Überheblichkeit gegenüber Spukgestalten betraf. So endete die Freundschaft zwischen Mara und Kathi damit, daß sich Kathi in ihrer durchscheinenden Geistergestalt zeigte und Mara als Abschiedsgeschenk die Gabe verlieh, Geister zu sehen.

Seitdem hat sie viele Geister kennengelernt und wäre ihre Gabe gerne wieder los. Gleichwohl ist Mara inzwischen mit zwei Kindergeistern, Emilia und Adrian, gut befreundet. Die beiden wohnen sogar bei ihr. Adrian ist ein bißchen altklug, aber er hilft Mara in der Schule, indem er ihr in Mathe vorsagt, und Emilia, deren Kleiderfarbe je nach Stimmung wechselt, stammt aus dem 18. Jahrhundert und bemüht sich, Mara damenhaftes Benehmen beizubringen.

Manchmal sind die Geister ganz hilfreich und unterhaltsam für Mara. Da es jedoch ziemlich viele Geister gibt, macht Mara oft die Erfahrung, wie erschreckend lästig Geister sein können. Denn wenn sie bemerken, daß sie bemerkt werden, zeigen sie sich recht anhänglich, scheren sich nicht um abgeschlossene Türen und wollen mit Mara z.B. Schachspielen.

Als es in Maras Schule, im Musikraum zu Spukphänomenen kommt, ruft der neue Musiklehrer eine Geisterjägerin. Klar, daß Mara diese Frau heimlich bei ihrer Arbeit beobachtet. Mit Hilfe einer sogenannten Seelenkerze und freundlich-verständnisvollem Zureden lotst die Geisterjägerin den Geist eines musikbegeisterten Jungen ins Jenseits.

Doch Mara ist nicht die einzige heimliche Zeugin dieser „Entgeisterung“. Lucas , ein sehr technikaffiner Klassenkamerad, hat sich hinter dem Kontrabaß versteckt, denn er belauscht schon geraume Zeit die Gespräche zwischen Adrian, Emilia und Mara, vermutet jedoch eine ausgeklügelte, ultramoderne Kommunikationstechnik dahinter. An Geister glaubt er nicht – noch nicht… Mara wimmelt seine neugierigen Fragen ab und zieht ihn damit auf, daß er „zuviel Zeit mit künstlicher Intelligenz“ verbringe.

Adrian und Emilia betrachten die Geisterjägerin mit Skepsis, aber Mara fischt die Visitenkarte, die der Musiklehrer diskret im Papierkorb verschwinden läßt, neugierig wieder heraus. Frau de Santis steht auf der Karte und die Adresse des alten Spukhauses.

Tapfer besucht Mara Frau de Santis, vertraut sich ihr an und hofft darauf, daß sie einen Weg kennt, wie Mara ihre Geistersehbegabung loswerden könne. Die Geisterjägerin wiederum ist begeistert von Maras Gabe, da sie selbst nur Geister hören, aber nicht sehen kann, und bietet ihr, da die Sommerferien gerade beginnen, einen Ferienjob als Hüterin des Spukhauses an.

Während Frau de Santis Geister ins Jenseits befördert, soll Mara die Geister im Spukhaus beobachten und ein verborgenes magisches Schriftstück finden. Das Mädchen macht seltsame Entdeckungen in diesem Haus; an manchen Stellen duftet es nach Vanille, Insekten buchstabieren Botschaften und Dinge werden wortwörtlich wie von Geisterhand verrückt.

Außerdem wird sie gleich zweifach beschattet: Von einem unheimlichen Geisterschatten und von Lucas, der ihr nachspioniert. Als Mara Lucas schließlich zur Rede stellt, bietet er unerwartet und großzügig seine Hilfe an. Zwar ist er noch ausgesprochen geisterskeptisch und sucht nach rationalen Erklärungen für die geisterhaften Vorgänge, aber seine Hackerkünste und seine klugen Schlußfolgerungen fördern wichtige und durchaus rettende Informationen ans Licht.

Mara und Lucas sowie Adrian und Emilia kommen einer für Menschen und Geister gefährlichen Verschwörung auf die Spur, deren Initiatoren sich bemerkenswert gut getarnt haben. Auch bei Geistern menschelt es noch gehörig, und irdische Machtgelüste und kriminelle Energie sind manchmal nicht ganz totzukriegen.

Um die komplexen geisterhaften Verstrickungen aufzuklären, bedarf es ebenso Lucas‘ logischer Vorgehensweise wie Maras intuitivem Gespür. Und es wird lebensgefährlich-spannend, düster und dramatisch, bis die guten Geister sich durchsetzen…

„Die Geisterverschwörung“ von Susanne Mittag ist keine Horror-Schrecktüre – sonst hätte ich sie nicht gelesen und schon mal gar nicht besprochen -, sondern eine unterhaltsam-spannende, kurzweilige Lektüre. Die Autorin hat eine außergewöhnliche Geistergeschichte geschrieben, mit buchstäblich feingeistigem Grusel, überraschenden Wendungen, amüsanten Dialogen und sympathisch-schrägen Charakteren sowie einem durchgehend selbstironisch-gefühlvollen Tonfall.

Die graphisch-illustrative Gestaltung des Titelbildes mit Schwarz-weiß-Zeichnungen der Hauptfiguren und des Spukhauses – umwunden von einem sich schlängelndem, matt-kupferfarbenen Spruchband für Titel, Autor- und Verlagsnamen – ist sehr stimmig.

Weitere Zutaten wie die tiefschwarzen Vorsatzblätter, schwarze Tintenkleckse auf jeder Seite und die typographische Anmutung von handbeschriebenen Pergamentblättern bei den eingefügten Zitaten aus dem geheimnisvollen Buch von Prometheus Schröder runden die sorgfältige Buchgestaltung fein ab.

Ich habe bloß ein LESEBÄNDCHEN vermißt – oder ein irgendwie geisterhaftes, halbtransparentes, bespinnwebtes LESEZEICHEN.

Die Autorin:
»Susanne Mittag wurde 1967 geboren. Da sie mehrmals umzog, brauchte sie etwas, das sie immer bei sich tragen konnte, und so kam Susanne Mittag zu ihren Träumen und Geschichten. Sie lebt als freie Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nähe von Esslingen.«
www.susannemittag.de

PS:
Wer sich von „Die Geisterverschwörung“ angesprochen fühlt, dürfte sich auch für ein ähnlich geartetes Buch von Neil Gaiman interessieren. Deshalb folgt hier der Wink mit dem Link zu meiner Besprechung des „Graveyard Buches“:

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/das-graveyard-buch/