Fingerhut-Sommer

  • Band 5 der übersinnlichen Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Foxglove Summer«
  • Übersetzung ins Deutsche
  • von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe August 2015   DTV-Verlag   www.dtv.de
  • 416 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21602-9
  • EPUB
  • 400 Seiten, 7,99 € (D & A)
  • ISBN 978-3-423-42725-8
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DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  Nr. 5

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Allerdings, dass kein Beweis für etwas da ist, ist nicht unbedingt ein Beweis dafür, dass etwas nicht da ist.“ (Seite 77)

Dieses Zitat möge als kleine Einstimmung in einen Krimi mit magischen Zutaten dienen. Wenn Sie die Peter-Grant-Reihe noch nicht kennen, sollten Sie zunächst meine Besprechung des ersten Bandes anklicken, um sich mit den außergewöhnlichen und übersinnlichen Rahmenbedingungen vertraut zu machen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Also nicht nur anklicken, auch lesen, wenn ich bitten darf … ich warte hier solange gaaaanz geduldig auf Ihre Rückkehr … hmhm – sehr brav … also weiter im Text:

Peter Grant, der attraktive und sehr sympathische Police Constable im Falle magieverdächtiger, krimineller Energien, wird von seinem Chef, Detective Chief Inspector Thomas Nightingale, aufs Land geschickt. DCI Nightingale ist der letzte praktizierende Meistermagier Englands und Leiter der geheimnisvollsten und zugleich meistbelächelten Spezialabteilung für „abstrusen Scheiß“ der Metropolitan Police Londons.

In einem Dorf in Nord-Herefordshire sind zwei elfjährige Mädchen verschwunden, die „gewöhnliche“ Polizei ergreift die üblichen Maßnahmen: Angehörigenbetreuung, großangelegte Suchaktionen, Zeugenbefragungen, Recherchen, die aasgeierigen Medien möglichst weit auf Abstand halten usw.

Eigentlich soll Peter nur routinemäßig ausschließen, daß Hugh Oswald, ein ehemaliges Mitglied der Magiergilde, der zufällig in der Nähe des Dorfes zurückgezogen seinen Ruhestand pflegt, nichts mit dem Fall zu tun hat. Denn ein gewisser abtrünniger Magier, der sogenannte „Gesichtslose“, manipuliert für sein zauberhaftes Unwesen gelegentlich altgediente Zauberer und macht sie zu Instrumenten seiner dunklen Absichten. Erst kürzlich – im letzten Fall „Der böse Ort“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/ – war es ihm gelungen, Lesley May, Peters Kollegin in Polizei- und Zauberdiensten, auf seine Seite der Macht zu locken, und Peter leidet noch immer unter diesem Verrat.

Hugh Oswald lebt in einem Turm und züchtet Bienen. Er ist indes schon so alt und geschwächt, daß sich seine bienenfleißige Enkelin um ihn kümmern muß. Nach einem freundlichen Gespräch bei Tee und Honiggebäck sowie einer kooperativen Turmbesichtigung nebst Bienenstock schließt Peter aus, daß Hugh Oswald etwas mit dem Entführungsfall zu tun hat.

Gleichwohl bietet Peter Grant den örtlichen Polizeikollegen seine Unterstützung an, denn bei Kindesentführung kann er nicht achselzuckend zur Tagesordnung übergehen, auch wenn zunächst keine magischen Einflüsse erkennbar sind.

Nach dem üblichen kollegialen Geplänkel wegen Peters „inoffizieller“ Sonderabteilung greifen die Kollegen jedoch herzhaft zu und integrieren Peter in die laufende Ermittlung. Er bekommt Akteneinsicht, und dabei fallen ihm doch einige magieverdächtige Kleinigkeiten auf: so hatte eines der entführten Mädchen eine unsichtbare Freundin und die Mikroprozessoren in den aufgefundenen Handys der Mädchen waren zu Sand zerbröselt – eine eindeutige Nebenwirkung magischer Energie.

Außerdem gilt die Gegend als ein Ort gehäufter Ufosichtungen – als wären Peters Leben und sein beruflicher Status nicht schon kompliziert genug.

Zu Peters Freude taucht Beverley Brook auf, eine leibhaftige Flußgöttin, mit der Peter in London auf vertrautem, und verspielt-verliebtem Fuße weilt. Sie unterstützt ihn bei seinen Nachforschungen mit ihren speziellen Landschaftslesefähigkeiten und kümmert sich zugleich rührend um erotische Entspannungsübungen und betörende Übersinnlichkeiten.

Magische Handlungen und magische Wesen hinterlassen sogenannte „Vestigia“, magische Spuren, die sich jedoch an Gegenständen und Gebäuden länger speichern als an natürlichen Objekten. Dementsprechend schwierig ist die magische Spurensicherung und Deutung in dieser ländlichen Umgebung, und Peter studiert die örtlichen Sagen und Legenden, um Anhaltspunkte zu finden. Nach und nach verbinden sich alte Geschichten von Wechselbälgern und neuere Berichte von Ausreißerkindern zu konkreten Hinweisen, wo der Aufenthaltsort der Mädchen sein könnte …

Schließlich muß sich Peter mit gar nicht niedlichen Einhörnern herumschlagen, diversen Fremdbetörungen widerstehen und sich auf einen Tauschhandel mit einer undefinierbaren Art von Fae einlassen …

Zwischendurch trudeln noch etwas zusammenhanglose, kryptische Kurzmitteilungen der abtrünnigen Kollegin Lesley May ein, die eine Bedrohung andeuten, die wohl erst im nächsten Band eine Rolle spielen wird.

Im Vergleich zu den quecksilbrig-quirligen, sehr aufregenden ersten vier magieverdächtigen Fällen ist der fünfte Fall deutlich entschleunigt und kommt mit angenehm wenig Blutvergießen aus. Irgendwie ahnt man von Anfang an, daß den Mädchen kein Leid angetan wurde; spannend sind nur die Enträtselung ihres Verschwindens und Wiederkehrens sowie die Aufdröselung der damit verbundenen familiären Verstrickungen.

Die Schilderung der bürokratischen Handlungs- und Verantwortungshierarchien sowie die Maßnahmenvorschriften der Polizei bekommt vielleicht etwas viel Raum, wird jedoch durch die durchgängig witzig-ironischen und situationskomischen Dialoge unterhaltsam ausgeglichen.

Die Betrachtungen zur Auswirkung stur-gerader alter Römerstraßen auf die wildgeschwungenen Wegegewohnheiten ortsansässigen Feenvolkes verbreiten durchaus märchenanspielerischen Schmunzelgenuß.

Der Schauplatz London, der in den vorhergehenden Bänden die Kulissenhauptrolle gespielt hat, scheint sowohl Peter Grant als auch seinem Autor wesensnäher zu sein. In „Fingerhut-Sommer“ ist Peter Grant deutlich abzulesen, daß ihn das viele Grünzeug irritiert. Ohne Beverley Brooks naturkundliche Kenntnisse würde er ahnungslos Fingerhuttee trinken und sich dann über seine „Vergeistigung“ wundern.

Die menschlichen Charaktere sind in diesem Fall einfach durchschaubarer, harmloser und provinzieller und die magischen Wesen deutlich „altmodischer“ als die, welche sich in Londons Großstadtgetriebe herumtreiben.

„Fingerhut-Sommer“ bewegt sich an der Grenze zum Genre des Kuschel-Krimis, zumal Peter Grant hier soviel Tee trinkt wie in den vorangegangenen Bänden zusammen. Mich stört dies nicht, gleichwohl sollte es Erwähnung finden. Wer Kriminalromane mit aggressiverer Handlung bevorzugt, sollte sich also anderes Lesefutter suchen oder die ersten vier Bände nocheinmal lesen.

Im fünften Band ist Peter Grant in magischer Hinsicht, bis auf die Hilfe von Beverley Brook, ganz auf sich selbst gestellt. Vielleicht ist dieser Fall deshalb nicht ganz so dramatisch und gefährlich, sozusagen ein mild-spannendes Vorwort zum sechsten Band, in dem hoffentlich wieder alle – vielleicht sogar die abtrünnige Lesley May – ihren Zauberstab schwingen.

 

PS:
Der sechste Band »The Hanging Tree« erscheint im Mai 2017 bei DTV unter dem deutschen Titel »Der Galgen von Tyburn«.

 

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie DOCTOR WHO verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«
Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Hier geht zu den chronologischen Besprechungen der ersten vier Peter-Grant-Krimis:

Band 1 : DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Paul Temple und der Fall Gregory

  • von Francis Durbridge
  • Hörspiel
  • mit BASTIAN PASTEWKA & KOMPLIZEN
  • der Hörverlag   November  2014                  http://www.hoerverlag.de
  • 2 CDs in Vinyloptik in Faltpappschuber
  • Laufzeit 107 Minuten
  • 14,99 € (D), 14,99 (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1718-7
  • Regie: Leonhard Koppelmann
  • Hörspielbearbeitung: Leonhard Koppelmann und Bastian Pastewka
  • Musik: Hans Jönsson
  • Schlageradaption: Mike Herting
  • Technische Realisation: Hans-Günther Kasper
  • Regieassistenz: Cordula Dickmeiß und Andreas von Westphalen
  • Dramaturgie: Holger Heddendorp
  • Redaktion: Martina Müller-Wallraff
  • Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln mit dem Südwestrundfunk, 2014
  • Die Rollenaufteilung:
  • Bastian Pastewka: Paul Temple
  • Janina Sachau:  Steve Temple
  • Alexis Kara:  Sir Donald Murdo, Edward Day,Peter Davos, Wirt, Charlie, der Diener
  • Inga Busch:  Dr. Kay Wiseman, Madison,Virginia van Cleve, Kellnerin, diverse Sergeants
  • Kai Magnus Sting:  Bill Harcourt, Sir Graham Forbes, Charles Zola, Marcia

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B E I   M O R P H E U S !

Hörspielbesprechung von Ulrike Sokul ©

Diese Neuinszenierung eines verschollenen alten Francis-Durbridge-Kriminalhörspiels aus dem deutschen Radioausstrahlungsjahr 1949 ist ein Muß und ein Genuß für alle Kenner und für alle Neulinge ein verführerischer Einstieg in Mythos und Kult der straßenfegenden Paul-Temple-Hörspiele.

Die Radiohörspiel-Straßenfeger von Francis Durbridge aus den 1950er-Jahren habe ich erst Anfang der 2000er-Jahre kennengelernt, als sie nach und nach – beim Hörverlag und DAV-Verlag – als Hörspiel-CDs neu aufgelegt wurden. Ich war sogleich begeisterungsinfiziert, habe diese Hörspiele eines nachdem anderen „verschlungen“ und mich unsterblich in ihren angestaubten Charme verliebt. Die Schauspielstimmkunst der damaligen Hörspielsprecher (René Deltgen, Annemarie Cordes, Kurt Lieck, Lilly Towska, Peter René Körner, Herbert Hennies, Heinz Schimmelpfennig) ist von beeindruckend lebhaft-vorbildlicher Virtuosität.

Und die dramatische Untermalung durch die ORIGINALMUSIK  von Hans Jönsson versetzt einen sogleich vor ein imaginäres wirtschaftswunderliches Radio mit Holzkorpus, dicken elfenbein-farbenen Tasten, magischem grünen Auge, stoffüberspannten Lautsprechern und seltsam-ungewohnt deutschsprachigen Beschriftungen wie: Bass-Regler, Raumklang, Lautstärke, Höhen-Regler, Klangregister – ganz zu schwärmen von der von innen beleuchteten Wählskala mit den Namen bekannter Radiosender und klangvoller Weltstadtnamen wie Berlin, Budapest, London, Paris, Prag, Rom, Wien und Langenberg 😉 …

Doch ich schweife ab – zurück zur aktuellen Hörspiel-Rekonstruktion.

Das erste ins Deutsche übersetzte Kriminalhörspiel von Francis Durbridge, „Paul Temple und der Fall Gregory“, wurde 1949 gesendet und verschwand aus den Rundfunkarchiven. Einzig eine Karteikarte mit Löschvermerk blieb erhalten. Leider wurden auch bei der BBC zahlreiche Aufzeichnungs-Bänder gelöscht, und erst als das deutsche Skript wiedergefunden worden war, konnte eine Rekonstruktion ins magische Auge gefaßt werden.

Für die Neulinge folgt nun eine Nachhilfegedenkminute bezüglich des Paul-Temple-Kriminalschnittmusters:

Paul Temple ist ein smarter Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv, der im London der 50er-Jahre von Sir Graham Forbes, dem Chef von Scotland Yard, gerne und häufig zur Mitarbeit an der Lösung kniffliger Kriminalfälle gebeten wird. Mit weiblich-intuitiver Unterstützung seiner Ehefrau Steve (wenn sie sich nicht gerade bei allfälligen Hutkäufen entspannt) heftet sich Paul an die Fersen des mysteriösen Verbrechens (wahlweise sowie auch kombiniert: Mord, Diebstahl, Entführung, Erpressung …) und muß aus verdächtig vielen Verdächtigen raffiniert schlußfolgernd den wahren Täter entlarven – gerne bei einem als einladende Cocktailparty getarnten Showdown.

Während der Ermittlung geraten Paul und Steve stets auch ins Visier der Täter, und sie müssen lebensgefährliche Anschläge überleben. Doch solche Widrigkeiten und andere dramatische Überraschungen dienen als willkommene Klippenhänger, um die Zuhörer ans Radio zu fesseln.

Zur weiteren Standardausrüstung gehören das eheliche Frühstücksfutterneid-Geplänkel zwischen Steve und Paul, die vergeblichen Versuche, den Okay-Jargon des jungen Hausdieners Charlie in ein kultiviertes „Sehr wohl, Sir“ umzubilden, männliche Frotzeleien über Steves „weibliche Eingebungen“, außerdem zwielichtige Nachtclubs, falsche Fährten (sogar unschuldige Parfümspuren) und Steves Refrain: „Also, was ich nicht verstehe, ist…“ sowie Pauls beliebter Ausruf: „Bei Morpheus!“ Häufig konsumierte Getränke sind Kaffee, Whisky-Soda und Dry-Martinis.

In „Paul Temple und der Fall Gregory“ taucht eine vermißte Frau als Leiche wieder auf, dekoriert mit einem Zettel, der die kryptische Botschaft trägt: „Mit den besten Empfehlungen von Mister Gregory.“  Wer ist Mister Gregory und wieviele Leichen und Entführungen später wird es dauern, bis Paul Temple Mister Gregory endlich entlarvt? Das erfahren Sie selbstverständlich nicht in dieser Besprechung…

Die rekonstruierte Paul-Temple-Version wartet mit einem geschickt choreographierten Drehbuch im Drehbuch auf, das sowohl mit der Hommage an die Kriminalrezeptur Francis Durbridges als auch mit den metafiktiven Kommentaren und der inszenierten Gruppendynamik der gegenwärtigen Darsteller einen ganz eigenen Reiz entfaltet.

Abgesehen davon, daß drei der beteiligten Schauspieler (Alexis Kara, Inga Busch, Kai Magnus Sting) bravourös und vielschichtig mehrere Rollen ausfüllen, spielen sie sich gewissermaßen selbst, eben als Schauspieler, die miteinander ein Hörspiel erarbeiten und dabei das Drehbuch, ihre Rollen und ihr eigenes Spielvermögen kommentieren, kritisieren und ironisieren.

Beiläufig werden in den Unterbrechungen der eigentlichen Hörspielhandlung sehr interessante Zusatzinformationen und Erläuterungen zur Radiohistorie der Paul-Temple-Hörspiele hineininszeniert, indem die Schauspieler das Schnittmuster der Paul-Temple-Krimis analysieren, die einstigen Produktionsbedingungen mit den heutigen Genre-Gegebenheiten vergleichen und sich über Rollenklischees wundern sowie den weiteren Verlauf der Handlung in Frage stellen und schließlich so in ihre Rollen hineinwachsen, daß sie manchmal den Rollennamen mit dem Schauspielernamen verwechseln und umgekehrt.

Die beiden Schlager (Arrangements von Mike Herting), die das Ensemble in den Nachtclubszenen selber singt, sind ganz und gar altmodisch-köstlich und beschwingt und eine kongeniale Zugabe zu der ansonsten verwendeten DRAMATISCHEN Originalmusik des Komponisten Hans Jönsson.

Diese „moderne“ Reinszenierung von „Paul Temple und der Fall Gregory“ bietet zugleich eine amüsant-informative Spurensuche, ehrwürdigende radiohistorische Reflektionen, humorige Randbemerkungen und vergnüglich-spannende Unterhaltung, garniert mit schönen Nostalgieeffekten und vielen erhörenswerten Details.

 

Hörpröbchen gefällig? http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Bastian-Pastewka-und-Komplizen-in-Paul-Temple-und-der-Fall-Gregory/Francis-Durbridge/e468881.rhd

 

Die Darsteller:

BASTIAN PASTEWKA als „Initiator, Co-Bearbeiter und Seele des Projekts“ – wie so schön im CD-Beiheftchen geschrieben steht – spricht und spielt einen clever-frischen und souverän-snobistischen Paul Temple und – in seiner Rolle als Schauspielerschauspieler – einen romantisch-schwärmerischen Francis-Durbridge-Jünger.

JANINA SACHAU als Paul Temples Ehefrau Steve Temple hört sich wirklich zum Verwechseln ähnlich anschmiegsam-charmant-intuitiv wie einst Annemarie Cordes an. Allein die Betonung (mit diesem eingebauten Fragezeichen), mit der sie den Vornamen ihres Gatten ausruft, – ganz großes Kino!

Und sie sprichseufzt einen meiner Lieblingssätze: „Meine Füße weinen schon.“

INGA BUSCH meistert in diesem Hörspiel nonchalant ganz unterschiedliche Frauentypen von damenhaft-intellektuell über betäubungsmitttelgeschwächt bis verrucht-verführerisch sowie auch diverse männliche Nebenrollen und Türklinken.

ALEXIS KARA und KAI MAGNUS STING offenbaren ein bewundernswürdig-abwechslungsreiches Stimmenregister; die Bandbreite reicht vom norwegischen Akzent bis zum herrlich rollenden R über diverse männliche Temperamente und Altersstufen bis zu einem kurzen Ausflug in weibliche Stimmgefilde.

 

DIE VERPACKUNG:

Die beiden in Vinyloptik gekleideten CDs erscheinen in einem Faltpappschuber mit informativem Beiheftchen, beides im graphischen Stil der 1950er-Jahre gestaltet. So rundet die zeitgemäß-altmodische Verpackung dieses stimmige neue, alte Paul-Temple-Hörspiel vortrefflich ab. Und gerne wiederhole ich nun noch einmal mein anfängliches Lob:

Ein Muß und ein Genuß für alle Kenner und für Neulinge ein verführerischer Einstieg in Mythos und Kult der straßenfegenden Paul-Temple-Hörspiele.

 

Der Autor:

»FRANCIS DURBRIDGE, geboren 1912 in Hull/England, studierte Altenglisch an der Universität Birmingham. Er arbeitete kurz als Börsenmakler, bevor er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Schreiben, widmete. Seine Schriftsteller-Laufbahn begann er mit Bühnenstücken und Kurzgeschichten. Von 1938 an war Francis Durbridge dreißig Jahre lang als Hörspielautor für BBC tätig. Mit seinen spektakulären Fortsetzungskrimis, ob als Hörspiel oder Fernsehproduktion, schrieb er Geschichte.«

Initiator, Co-Bearbeiter und Seele des Projektes:

»BASTIAN PASTEWKA, geboren 1972 in Bochum, beendete sein Studium der Pädagogik, Germanistik und Soziologie frühzeitig und trat ab 1992 mit verschiedenen Bühnen-programmen auf. Bekannt wurde er als Ensemblemitglied der Sat-1-Wochenshow, seit 2005 überzeugt er als er selbst in seiner vielfach preisgekrönten Serie Pastewka. Auch auf der Kinoleinwand (u.a. in den Edgar-Wallace-Parodien Der WiXXer und Neues vom WiXXer), am Theater, im Hörspiel und als Synchronsprecher (z.B. Madagascar, Megamind) feierte er große Erfolge. Als einer der beliebtesten Komiker Deutschlands erhielt er bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrfach den Deutschen Comedypreis, den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und die Goldene Kamera.«

Bearbeitung und Regie:

»LEONHARD KOPPELMANN, geboren 1970 in Aachen, führte 1996 zum ersten Mal bei einem eigenen Hörspiel Regie. Seitdem arbeitet er als freier Hörspielautor und als Theater- und Hörspielregisseur. So sind inzwischen unter seiner Regie über 200 Hörspiele entstanden, z.B. Maria, ihm schmeckt’s nicht sowie Drachensaat von Jan Weiler, Die Reise zum Mittelpunkt der Erde von Jules Verne, Baudolino von Umberto Eco, und – hochgelobt – Wassermusik von T.C.Boyle und Doktor Faustus von Thomas Mann, die alle im Hörverlag erschienen sind. In seinen Inszenierungen stehen vor allem die Schauspieler im Mittelpunkt, mit ihnen arbeitet er intensiv die Individuellen Qualitäten der verschiedenen Autoren aus. So entstehen äußerst vielfältige und höchst verschiedenartige Produktionen unter seiner Regie.«

 

PS
Wer Lust auf die elf erhalten gebliebenen Originalhörspiele hat, kann sich „in diesem Internet, von dem man jetzt so viel liest“ weiterführend informieren und sich auch Hörkostproben genehmigen unter:

www.hoerverlag.de

Francis Durbridge:

PAUL TEMPLE und der Fall Alex
PAUL TEMPLE und der Fall Genf
PAUL TEMPLE und der Fall Curzon
PAUL TEMPLE und der Fall Lawrence
PAUL TEMPLE und der Fall Gilbert

www.der-audio-verlag.de

Francis Durbridge:

PAUL TEMPLE und der Fall Conrad
PAUL TEMPLE und der Fall Jonathan
PAUL TEMPLE und der Fall Vandyke
PAUL TEMPLE und der Fall Madison
PAUL TEMPLE und der Fall Spencer
PAUL TEMPLE und der Fall Margo

Kühn hat zu tun

  • von Jan Weiler
  • Hörbuch
  • ungekürzt gelesen vom Autor
  • erschienen März 2015  bei der Hörverlag     http://www.hoerverlag.de
  • Regie: Angela Kübrich
  • Produktion: der Hörverlag 2014
  • Buchvorlage: Kindler Verlag
  • 7 CDs, Laufzeit ca. 8 Stunden 40 Minuten
  • 19,90 € (D), 29,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1822-1
    Kühn hat zu tun HÖRBUCH

GEDANKENSALAT  MIT  SCHNIPPIKÄSE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Jan Weiler serviert mit seinem Roman „Kühn hat zu tun“ ein gelungenes Potpourri aktueller und historischer deutscher Befindlichkeiten.

Das Faszinierendste an diesem Gesellschaftsroman im Krimigewand sind die einfühlsamen Minimilieustudien, die überzeugende tragik-komische psychologische Dramaturgie sowie die schonungslose historische und gesellschaftskritische Selbstironie – eine Humorfacette, die in Deutschland ein eher seltenes Pflänzchen ist.

Die Vorgeschichte beginnt Ende März 1945, als Rupert Baptist Weber, Inhaber der „Weber Zündhütchen- und Munitionsfabrik“, kurz „WZM“, widerwillig zu der Einsicht kommt, daß der Krieg für Deutschland verloren ist. Obwohl er sich eben noch über zu kurz geratene Patronen, die als Projektil untauglich wären, empört hat und er Sabotage seitens „seiner“ Zwangsarbeiter vermutet, überlegt er sich ganz kühl, wie es ihm wohl ergehen werde, wenn die Siegermächte ihn und seine Fabrik eroberten.

Weber beschließt, dem Feind kein brauchbares Material und keine Informationen über seine absolute Regimetreue und seine grausamen Menschenversuche zur Wirkung von Giftstoffen zu hinterlassen. Er ordnet an, sämtliche Unterlagen in sein Privatlabor zu bringen; dann läßt er 700 t Kampfgiftstoffe aus den Lagertanks einfach in den Boden seines Firmengeländes abfließen, übergießt den Inhalt seines Labors sorgfältig mit Benzin, entzündet sein Feuerzeug und nimmt eine selbsthergestellte Zyankalikapsel. Nach dem spektakulären Brand des Labors und dem Selbstmord des Firmeninhabers verlassen nach und nach alle Angestellten und Zwangsarbeiter diesen Ort des Schreckens.

Als schließlich die amerikanischen Besatzer die „WZM“ und ihre Rüstungsprodukte inspizieren, stellen sie verwundert fest, daß alle Waffen kampfuntauglich sind, und sie mißverstehen diese Entdeckung als genialen Sabotageakt Rupert Baptist Webers. Mangels Gegendarstellungen entsteht so die Legende des „guten Nazis“, deren Höhepunkt 1955 erreicht wird – mit einer rührseligen Hollywood-Verfilmung über das Leben des angeblichen Kriegssaboteurs und Humanisten Rupert Baptist Weber.

Das 130 Hektar große Firmengelände am Stadtrand Münchens liegt lange Zeit brach. Was wird auf solcherart wortwörtlich vergiftetem Boden in Zukunft noch wachsen? In den 70er Jahren wird das Areal als Hippiekommune genutzt, die in den 90er Jahren von einer Phase als Techno-Party-Lokation abgelöst wird.

Schließlich entsteht auf dem Gelände eine moderne Mustersiedlung, ein nachhaltig konstruiertes Stadtviertel – urban und ländlich zugleich – , das, im Angedenken an Rupert Baptist Weber, den Namen „Die Weberhöhe“, eine eigene S-Bahn-Haltestelle und sogar ein eigenes Einkaufszentrum die „Weber-Arkaden“ bekommt. Unter der Flagge von Toleranz und Solidarität wird eine möglichst multikulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung angestrebt, die sich in der tatsächlichen Praxis leider nicht recht durchsetzt.

Hier tragen die Straßen die Namen berühmter Kinderbuchautoren, und hier hat auch Martin Kühn, Leiter der Mordkommission, für sich, seine Frau und seine beiden Kinder ein Haus gekauft, das er noch viele, viele, viele Jahre abzuzahlen hat.

Wir lernen den sympathischen Kühn bei der Arbeit kennen, er hat ein feines kriminalistisches Gespür und verfügt über eine sehr geschickte Vernehmungstaktik. Erinnerungsrückblenden illustrieren seinen psychischen und sozialen Werdegang. Kühn reflektiert gelegentlich über die wechselseitige Spiegelung von Gesetzeshütern und Gesetzesbrechern, und er hat Humor.

Doch Kühn hat seit kurzem Konzentrationsschwierigkeiten; während einer Vernehmung liest er eine SMS seiner Frau, die ihm einen Einkaufszettel geschickt hat, und rätselt dabei, was denn „Schnippikäse“ sei. Dann fällt ihm auf, daß er zwar wildfremde Menschen zu Geständnissen bewegen kann, aber zwischen ihm und seinem pubertierenden Sohn herrscht in der letzten Zeit eine schmerzliche Kommunikationsblockade.

Eines Tages hat er einen kurzen Weg zum Tatort, denn nur 30 Meter hinter seinem Garten liegt ein Mordopfer. Die eigenartige man könnte sagen – „künstlerische Handschrift“ – dieses Mordes läßt auf einen Serienmörder schließen… Kühn und seine Kollegen führen eine umfangreiche Befragung der Nachbarschaft durch und es ergeben sich interessante und glaubwürdige Einblicke in diverse Soziotope, Mülltrennungsdramen, sexuelle Spezialitäten, Rosenkriege und Klassenkämpfe.

Aber auch die kollegialen Verhältnisse, Hierarchien und Bedingungen von Mordkommission und Justiz lassen durchaus in bürokratische Abgründe blicken und bieten Raum für beeindruckende zwischenmenschliche Psychogramme und schichtspezifische Vorurteile.

Im Verlauf der weiteren Ermittlungen verliert Kühn immer mehr den Faden, Gedankenbilder überlagern sich, sein Denken macht unübersichtliche, assoziative Sprünge und die emotionalen Herausforderungen seines Berufes irritieren und überfordern ihn plötzlich. Liederstrophenrefrains, Haushaltsplanberechnungen, Karrierespekulationen, Werbesprüche, biographische Nachbesinnungen, zusammenhanglose Erinnerungspuzzleteilchen aus alten Kriminalfällen, Kindheitserlebnissen, Nachbarschaftsklatsch, siedlungstypische Bepflanzungsregeln – alles vermischt sich zu „Milchreis in seinem Kopf“, wie er selbstironisch bemerkt.

Nachts liegt er stundenlang grübelnd wach und spürt, daß er irgendetwas Wichtiges nicht erkennen kann. Irgendein unbewußter Gedächtnisinhalt führt zu einem Ungleichgewicht in seiner Wahrnehmung der gegenwärtigen Ereignisse und Zusammenhänge, doch er findet nicht den klärenden Anknüpfungspunkt. Der übermüdete Kühn versteht die Welt nicht mehr und sucht verzweifelt nach einer Lösung, nach Klarheit und Ordnung in seinem Kopf.

Als Kühn endlich aus seinen Gedankenkreiseln und Assoziationswirbeln „erwacht“ und ihm die verdrängte Erinnerung bewußt wird, klärt sich auch der Mordfall ganz selbstverständlich…

Trotz der kriminalistischen Handlung konzentriert sich der zentrale Spannungsbogen nicht auf die Entlarvung des gesuchten Serienmörders, sondern auf die Figur von Polizeihauptkommissar Martin Kühn und seinen Kampf um gedankliche Klarheit.

Der Autor Jan Weiler liest seinen Roman ganz ausgezeichnet – lebendig und mit passgenauer stimmlicher Charakterisierung.

Zeitgleich mit dem Hörbuch ist im Kindler Verlag das Buch erschienen.
http://www.rowohlt.de/verlag/kindler

  • Kühn hat zu tun                                              WEILER_ponzi_kompl_lese_03b.indd
  • Roman
  • erschienen 6.3.2015
  • gebunden
  • 320 Seiten
  • 19,95 €
  • ISBN 978-3-463-40643-5

 

Der Autor:

»Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete zunächst als Texter in der Werbung. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und war viele Jahre Chefredakteur des Süddeutsche Zeitung Magazins. Jan Weiler lebt mit seiner Familie südlich von München.
2003 erschien sein erster Roman Maria, ihm schmeckt’s nicht!, mit dem er über Nacht zum Bestsellerautor wurde.«

Mehr Informationen finden Sie auf Jan Weilers Webseite:
http://www.janweiler.de/

Elizabeth wird vermisst

  • von Emma Healey
  • Aus dem Englischen von Rainer Schumacher
  • Bastei Lübbe Verlag März 2014                             http://www.luebbe.de
  • 348 Seiten, kartoniert
  • 14,99 €
  • ISBN 978-3-7857-6110-6
  • Die Taschenbuchausgabe erscheint am 08.10.2015  ebenfalls bei
  • Bastei Lübbe
  • 10,99 €
  • ISBN: 978-3-404-17273-3

    Adobe Photoshop PDF

D U R C H E I N A N D E R G E R A T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Emma Healey, hat im Alter von 28 Jahren ein einfühlsames und spannendes Buch geschrieben, in dem eine 82-jährige Frau, die an Alzheimer erkrankt ist, die Hauptrolle spielt.

Maud, als Ich-Erzählerin, berichtet von ihrem gegenwärtigen Alltag: Morgens kommt kurz eine Pflegekraft, die u.a. einen Mittagsimbiß für sie vorbereitet, danach ist sie sich selbst überlassen und freut sich auf den täglichen Besuch ihrer Tochter. Doch die Zeit ist lang, und Maud vertreibt sich die Langeweile, indem sie einkaufen geht, obwohl ihre Tochter immer mit ihr schimpft, wenn sie stapelweise Dosenpfirsiche kauft und hortet.

Die Innenperspektive auf das Alzheimer-Geschehen eröffnet uns einen ebenso schmerzlichen wie würdigenden Einblick in ein Schicksal des Vergessens. Zudem verknüpft die Autorin die Geschichte von Mauds Vergessen versiert mit einer kriminalistischen Parallelgeschichte aus Mauds Vergangenheit.

Mit Notizzettelchen und Weckerstellen bemüht sich Maud, ihre Gedächtnislücken zu überbrücken, aber das funktioniert nur sehr bedingt. Sie ärgert sich über ihre Schwierigkeiten, den Dingen die richtigen Namen zuzuordnen oder konzentriert über einen Sachverhalt nachzudenken und ständig den Faden zu verlieren. Anfänglich bemerkt sie ihre Aussetzer noch und gerät in ängstliche Verlegenheit und zusätzliche Verwirrung.

Aber eines ist ganz sicher: Maud vermißt ihre beste Freundin Elizabeth. Anscheinend will ihr keiner verraten, was mit Elizabeth geschehen ist.

So lückenhaft und durcheinandergeraten die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart für Maud ist, so lückenlos und präzise sind im Ausgleich dazu die Erinnerungen an ihre Jugendzeit. Nach und nach erfahren wir, daß ihre ältere Schwester, Sukey, 1946 spurlos verschwunden ist, und dieser schmerzliche Verlust beschäftigt sie noch immer.

Die Autorin läßt Maud chronologisch und faktisch plausibel die Umstände von Sukeys Verschwinden erzählen. Diese biographischen Erinnerungsrückblenden wechseln sich mit den Berichten über die Ereignisse der Gegenwart ab. Da wir als Leser alles nur durch Mauds Wahrnehmungs- und Erinnerungsfilter „sehen“, wächst sowohl die Spannung bezüglich der alten Geschichte über die verlorene Schwester als auch bezüglich der neuen Geschichte über die „verschwundene“ Freundin Elizabeth.

Maud sucht im Rahmen ihrer eingeschränkten Möglichkeiten nach Elizabeth und hat dabei stets das nagende Gefühl, daß sie etwas vergessen hat. Sie verzettelt sich – wortwörtlich – immer mehr und mißtraut sich selbst und allen anderen. Die Gegenwart und der Realitätskonsens entgleiten ihr Stück für Stück und Wort für Wort.

Die Abstufungen des Vergessens – vom vagen Gefühl, etwas vergessen zu haben und sich noch an das Vergessen zu erinnern, bis zum Vergessen des Vergessens – werden sehr plastisch und berührend dargestellt.

Die Linearität von Mauds Lebensgeschichte löst sich – anfangs schleichend, später beschleunigt – auf, ihr Zeitgefühl verschwimmt, ihre Erinnerungen verblassen und überlagern sich und werden von ihr teilweise neu kombiniert, Erinnerungsbruchstücke überkreuzen sich mit Anforderungen der Gegenwart. Mauds Wahrnehmungsdeutungen und Äußerungen werden für ihre Umwelt und ihre Angehörigen immer unverständlicher. Dennoch sind ihre Tochter und ihre Enkelin rührend und geduldig um sie besorgt.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen intensive Nähe zu Mauds Erleben zu vermitteln. Wie es Emma Healey schafft, Mauds Hilfslosigkeit, Orientierungslosigkeit, Verletzlichkeit und Verlorenheit für uns zu übersetzen, nachlesbar und mitfühlbar zu machen, das ist außergewöhnlich anrührend und lehrreich und eine sehr reife schriftstellerische Leistung.

 

Die Autorin:

»Emma Healey wuchs in London auf. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Buchbinderin. Doch als ihr die Buchherstellung nicht mehr ausreichte, legte sie 2011 noch einen Master in Kreativem Scheiben an der University of East Anglia ab.
ELIZABETH WIRD VERMISST ist ihr erster Roman.«

Der böse Ort

  • Band 4 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Broken Homes«
  • Deutsch von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe  DTV Verlag  Mai 2014                     http://www.dtv.de
  • 398 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21507-7
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DAS   GEWISSE   MAGISCHE   ETWAS   Nr. 4

Buchbesprechung von Ulrike Sokul©

Nach einer Lesegeduldsübung von zehn (!) Monaten ist nun endlich der vierte Band der übersinnlichen Krimi-Serie mit dem sympathisch-verführerischen Police Constable und Zauberlehrling Peter Grant, seiner tapferen, zauberbegabten Kollegin Lesley May und dem elegant-unerschütterlichen Meistermagier und Detective Chief Inspektor Thomas Nightingale erschienen.

In meiner Besprechung des ersten Bandes
( siehe https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/ )
findet sich eine ausführliche Darstellung der magischen Besonderheiten und Bedingungen, unter denen sich die Ermittlungen abspielen.

Hier mache ich es kurz: Die Metropolitan Police von London verfügt über eine magische Abteilung, die geheimer als geheim operiert und die trotz ihrer belächelten Außenseiterstellung wichtige kriminalistische Arbeit leistet.

Diese Abteilung hat einen eigenen, speziell magiegeschützten Arbeits, Schulungs- und Wohnsitz, das „Folly“, und sie wird vom letzten inoffiziellen Meistermagier und offiziellen Detective Chief Inspektor Thomas Nightingale geleitet. Peter Grant und seine Kollegin Lesley May sind Police Constables und Magier in der Ausbildung.

Diese magische Ausbildung beansprucht viel Zeit und viel, viel Disziplin und noch mehr Übung, Übung, Übung. Doch als Ausgleich für das Pauken von Latein (Zaubersprüche funktionieren hier nur auf Lateinisch), diverse Studien in theoretischer Magie und endlose – nicht ganz ungefährliche – praktische Übungen pflegt man vertraulichen Umgang mit den Flußgöttinnen und -Göttern Londons, mit Halb- und Ganztagsfeen, mit Geisterzeugen, Vampiren und allerlei Wesen der magischen Demi-monde.

Neben einem spannenden, teils amüsanten und teils schaurigen Panoptikum magischer Charaktere und der dementsprechend ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden fühlt der Autor der Stadt London nicht nur kriminalmagisch auf den Zahn, sondern auch architektonisch. Zauberlehrling Peter Grant ist sehr an Architektur interessiert und spart nicht mit bissig-sozialkritischen und ästhetischen Kommentaren zu diversen Auswüchsen moderner Architektur und Stadtverplanung.

Im vierten Fall entpuppt sich gar ein berühmt-berüchtigtes Hochhaus, ein sogenannter Sozialwohnblock, als experimentelles magisches Machwerk in Sichtbetonverkleidung.

Aus dem Haus eines berühmten deutschen Exilarchitekten namens Erik Stromberg wird ein Buch mit dem Titel „Über die Prinzipien, welche der Ausübung der Magie zugrunde liegen“ gestohlen, und wenig später wird das seltene Werk bei einem Antiquariatsbuchhändler auf der Charing Cross Road zur Werteinschätzung vorgelegt. Der erfahrene Buchhändler schöpft sofort Verdacht, daß dieses Buchangebot nicht legal ist, und der Anbieter verläßt fluchtartig das Geschäft, nachdem er entdeckt hat, daß die Buchhandlung über eine Überwachungskamera verfügt.

Dank diverser Kameraaufzeichnungen (Geschäfte, Lokale, Straßenverkehrsüberwachung) kann PC Grant die Wegstrecke der verdächtigen Person verfolgen, bis zum geparkten Auto nebst Autonummer und der sich daraus ergebenden Identität und Adresse.

Diese Adresse sucht der Ermittler auf, und er findet schon an der Eingangstür den magischen Fingerabdruck eines altbekannten Gegenspielers: Der gefährliche „gesichtslose“ Magier, dessen Spur Peter und seine Kollegen bereits seit dem vorletzten Fall („Schwarzer Mond Über Soho“) verfolgen, ist ihm zuvor gekommen. Peter findet nur noch eine Leiche, deren Aussagekraft sich auf ihre außergewöhnliche Todesart beschränkt. So hat wenigstens der Kryptopathologe Dr. Walid wieder interessantes Forschungsfutter auf dem Seziertisch.

Da unterschiedliche Nachforschungen alle auf „Skygarden Tower“ (einen Wohnblock mit Hochhausturm, der ausgerechnet von dem Architekten Stromberg entworfen wurde) hinweisen, mieten sich Peter und seine Kollegin Lesley dort ein und ermitteln verdeckt vor Ort, während Meister Thomas Nightingale in Rufbereitschaft aus dem Hintergrund mithilft.

Die menschliche Nachbarschaft erweist sich als magieunverdächtig. Im unvermutet schönen und baumreichen Garten, der zu der Wohnanlage gehört, lernt Peter lediglich eine verspielte Dryade (Baumnymphe) kennen, die eindeutig keine bösen Absichten verfolgt.

Als unsere Magiespezialisten endlich herausgefunden haben, was der „Gesichtslose“ mit dem Hochhaus vorhat, ist es fast zu spät, und wir können uns – beim Zauberstab – nicht über mangelnde Dramatik beklagen.

Am Schluß des vierten Falles bleiben viele Fragen offen, und so mancher Handlungsfaden ist längst noch nicht zu Ende abgespult; gewiß werden sie im fünften Band wieder aufgegriffen. Auf diese Weise gelingt es dem Autoren fürwahr, die Neugier auf die Fortsetzung stets lebendig zu halten.

Die Ergänzung der alltäglichen Wirklichkeit durch eine magische Wirklichkeit macht den faszinierenden Reiz dieser Krimi-Serie aus. So wie die menschlichen Ermittler magische Züge tragen, so tragen die unterschiedlichen magischen Charaktere menschliche Züge, und das läßt die übernatürlichen Wesen irgendwie fast normal erscheinen. Doch auch wenn Oberon hier Calvin-Klein-Boxershorts trägt, sollte man ihn keinesfalls unterschätzen.

Die Verbindung von archetypischen, magischen und übersinnlichen Wesen mit modernen Accessoires ist charmant und paßt zu den kontrastierenden Charakteren der menschlichen Ermittler. Daß sich solche Gegensätze zu einer mitreißenden Dramaturgie fügen und der Spielraum für unterhaltsame Dialoge und einige Prisen Genreselbstironie weidlich genutzt wird, ist das Verdienst des Autoren, der gekonnt und raffiniert eine magische Mischung serviert, in der sich Überraschungs-, Gänsehaut- und Schmunzeleffekte angenehm abwechseln.

Die Titelbildgestaltung von Lisa Höfner verdient ausdrückliches Lob, sie ist absolut stimmig und wirkt gleichzeitig nostalgisch und modern. Magisches Markenzeichen ist stets ein Ausschnitt aus einem Stadtplan oder einem historischen Luftbildgemälde Londons und einige stichwortartige, graphische Zugaben, die Bezug zur Handlung haben.

Erfreulich haptisch ist der Prägedruck des Titels und im vierten Falle die typographische Ausschmückung des Buchstabens O mit kleinen Teufelshörnchen. Solche liebevollen Details beeindrucken mich.

Das Warten auf den fünften Band wird wiederum eine Geduldsübung, denn die englische Originalausgabe (Foxglove Summer, ORION Publishing Group, ISBN 978-0-575-13251-1, ca. 17,60 € ) erscheint erst im Juli 2014; und bis die deutsche Übersetzung (voraussichtlich im September 2015)  unter dem Titel Fingerhut-Sommer bei DTV erscheint, hat Peter Grant viel Zeit, seine magischen Fähigkeiten zu erweitern und zu verfeinern, was er – angesichts des verräterischen Endes des vierten Falles – auch bitter nötig hat.

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie DOCTOR WHO verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Hier folgen die Links zu meinen Besprechungen der ersten drei Peter-Grant-Krimis:

Band 1 : DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Ich und die Menschen

  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »The Humans«
  • Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • Deutsche Erstausgabe, dtv premium  April 2014                 http://www.dtv.de
  • 352 Seiten
  • zweiundsiebzigtausendneunhundertfünfzig Wörter
  • Klappenbroschur
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-423-26014-5
  • Taschenbuchausgabe  August 2015       DTV Verlag
  •  9,95 € (D),  10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21604-3
    ich_und_die_menschen-9783423260145

LIEBE  ODER  LOGIK,  DAS  IST  HIER  DIE  FRAGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation hat ihren ganz eigenen Reiz. Sie verschafft uns den besonderen Blick auf das Alltägliche.

Der Ich-Erzähler in „Ich und die Menschen“ ist ein Vonnadorianer, und er kommt von sehr, sehr weit her; um Zahlen sprechen zu lassen: der Planet Vonnadoria befindet sich in 8 653 178 431 Lichtjahren Entfernung zum Planeten Erde, und auf Vonnandoria ist Mathematik die einzige Religion. Selbstverständlich ist der Erzähler auch logisch-intellektuell sowie bio-technologisch um Lichtjahre weiter entwickelt als unsereiner.

Der Gast aus dem All hat eine Mission zu erfüllen: Um des universellen Friedens willen soll der menschliche Fortschritt aufgehalten werden. Ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das soll aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden, da die menschliche Spezies ohnehin schon über zu viele technische Mittel verfügt – bei gleichzeitiger psychosozialer und logischer Unterbelichtung. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, daß man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickelt.

Nun – zunächst ist der Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martin an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen,an die Funktionen des menschlichen Körpers, die rätselhaften Bekleidungscodes, den Sprachkontext und die widersprüchlichen menschlichen Verhaltensweisen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Befürchtungen und negativen Vorurteile bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart. Irritiert nimmt er zur Kenntnis, daß die Nachrichten nur auf Menschen bezogen sind und daß die anderen drei Millionen Arten, die den Planeten bevölkern, buchstäblich ignoriert werden. Die Nachrichten berichten über Politik, Geld und Krieg, aber nicht über neue mathematische Erkenntnisse, geschweige denn über Ereignisse, die außerhalb des irdischen Sonnensystems stattfinden. Der Interessenshorizont der meisten Menschen geht offenbar nicht weit über den eigenen Vorgarten hinaus.

Der vonnadorianische Agent hat den Auftrag herauszufinden, wer, außer dem Professor, vom Beweis der Riemannschen Vermutung Kenntnis hat, und die betreffenden Personen zu töten. Dazu stehen ihm gewisse „Gaben“ (bio-technische Implantate) zur Verfügung, mit denen er eine natürliche Todesursache initiieren kann. Es fällt ihm leicht, die Dateien auf Professor Martins Rechner unwiderruflich zu löschen, denn „auf der Erde waren die Computer noch auf der präsensointelligenten Stufe ihrer Evolution; sie standen einfach herum und ließen den Benutzer auf sie zugreifen und sich nehmen, was er wollte, ohne den leisesten Protest.“
(Seite 79)

Schließlich soll verhindert werden, daß die Menschen noch mehr Erfindungen machen, die sie anschließend nicht mehr in den Griff bekamen (die Atombombe, das Internet, das Semikolon)…“ (Seite 100)

Doch nachdem er den ersten menschlichen Mitwisser (einen Mathematikerkollegen) durch einen Herzinfarkt getötet hat und Zeuge des emotionalen Aufruhrs geworden ist, den dieser Verlust bei der Witwe verursacht, fängt er langsam an, die außerirdische Distanz zu verlieren. Die Aussicht, noch weitere Menschen in die Nichtexistenz zu befördern, gefällt ihm immer weniger.

Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit seiner „Familie“ und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er nach und nach die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik, und er entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Seine Gewissheiten geraten ins Wanken. Er zweifelt an der Rechtmäßigkeit seines Auftrages und versucht, die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, davon zu überzeugen, daß die Vernichtung der Informationen ausreiche und keine weiteren Menschen für den Frieden im All geopfert werden müssen. Die Moderatoren drängen auf die Erfüllung der Mission und lehnen seinen Vorschlag ab, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu lernen.

Wenn man zu einer Lebensform gehört, die unsterblich ist, ewigen Tag, ewigen Frieden, kein Wetter, keinen Schmerz und nur heilbare Krankheiten kennt, kann man schon Rührung und Faszination und sogar Bewunderung empfinden angesichts der absoluten Verletzlichkeit, Endlichkeit, Komplexität und Widersprüchlichkeit der menschlichen Daseinsform- besonders wenn man angefangen hat, Bindungsgefühle und Empathie für bestimmte Menschen zu entwickeln.

Der Außerirdische wird entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Das führt zwangsläufig zu dramatischen Komplikationen, doch am Ende ist der Gast auf Erden endlich hier zu Hause.

Matt Haigs Roman hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des sehr vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden und denkenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Drei Zitate zur Einstimmung:

„Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil, ihr Hauptzweck ist, den Lesern Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie als Nächstes kaufen sollen. Es ist eine ewige Spirale des Unglücklichseins, die man Kapitalismus nennt.“ (Seite 28)

Egal wie lange ich auf diesem Planeten bleiben würde, dachte ich, an den Anblick von Autos würde ich mich nie gewöhnen, die durch die Schwerkraft und minderwertige Technik an den Boden gebunden waren und dort nicht mal vom Fleck kamen, weil es so viele von ihnen gab.“ (Seite 129)

„Im Grunde waren soziale Netzwerke die Nachrichtenshow, auf die die Menschen gewartet hatten. Die Nachrichtenshow, in der es nur um sie ging. (Seite 221)

Und die Romantiker dürften den Fortschritten und Reflexionen, die der Außerirdische zum Thema „Liebe“ macht, gewiß zustimmen – auch wenn die nachfolgende Liebesdefinition von etwas geometrischer Poesie ist – mir gefällt sie einfach!

Zwei Spiegel, im perfekten Winkel einander gegenüber aufgehängt, die sich selbst im anderen sahen, die Sicht so tief wie die Unendlichkeit.“ (Seite 251)

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des numerischen Begriffsvermögens der Menschen charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu, trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der „Riemannschen Vermutung“ handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Buch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung auf den Seiten 82 bis 84 anschaulich erklärt.

Querverweis:

Und das HÖRBUCH – gelesen von Christoph Maria Herbst – habe ich nachfolgend besprochen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/07/09/ich-und-die-menschen-horbuch/


Der Autor:

»Matt Haig, wurde 1975 in Sheffield geboren. Er hat bereits einige Romane und Kinderbücher veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er lebt in York und London.
Matt Haig wurde mit seinen Roman ›Ich und die Menschen‹ für den Edgar Award, Kategorie »Best Novel« nominiert.
Der Edgar Allan Poe Award (kurz Edgar genannt) ist der weltweit populärste und gleichzeitig bedeutendste Preis für kriminalliterarische Werke in den USA.«

 

PPS:
Die Lektüre dieses Romans und die darin zitierten Emily-Dickinson-Gedichte haben mich übrigens dazu angeregt, endlich meine Lesewissenslücke bezüglich Emily Dickinson zu schließen…
Und nun – 600 Gedichte belesener als zuvor  –  folgt der Link zu meiner Rezension einer umfangreichen, zweisprachigen GEDICHTAUSWAHL von Emily Dickinson (übersetzt von Gunhild Kübler) :
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/18/emily-dickinson-gedichte/

 

 

Ein Wispern unter Baker Street

  • Band 3 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Whispers Under Ground«
  • Deutsch von Christine Blum
  • DTV Taschenbuch  Juni 2013                  http://www.dtv.de
  • 445 Seiten
  •  9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21448-3
    ein_wispern_unter_baker_street-9783423214483

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS Nr. 3

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Willkommen zum dritten Abenteuer mit dem magischen Police Constable Peter Grant, der nicht mehr der einzige Zauberlehrling von Detective Chief Inspector Thomas Nightingale ist. Die magische Abteilung der Metropolitan Police Londons hat weiblichen Zuwachs bekommen:

Lesley May, Peters Kollegin aus dem „normalen“ Polizeidienst, deren schönes Gesicht im vorletzten Fall durch magischen Mißbrauch zerstört wurde, zeigte bereits im letzten Fall ein lebhaftes Interesse an Zaubertraining, weil sie hofft, daß das, was durch Magie zerstört wurde, auch durch Magie wiederhergestellt werden kann. Sie war im zweiten Band wegen ihrer Verletzungen nur mit datentechnischen Hintergrundrecherchen beschäftigt und offenbarte erst ganz am Schluß ihr magisches Naturtalent.

Thomas Nightingale, Peters Meister und Vorgesetzter, ermahnt seinen männlichen Zauberlehrling zu mehr Disziplin beim Zaubertraining, denn Peter neigt manchmal zu Improvisationen und Ablenkungen, deren Wirkungen – nett ausgedrückt – unkontrolliert ausfallen.

Aber im Vergleich zu Nightingale, der um 1900 geboren wurde und aus noch unerklärlichen Gründen seit den 70er Jahren rückwärts altert, ist Peter einfach noch sehr jung.

Thomas und Peter sind weiterhin auf der Suche nach „ethisch fragwürdigen Magiern“. Sie haben inzwischen herausgefunden, daß es in den fünfziger Jahren in Oxford einen „Little Crocodiles“- Club gab, dessen studentische Mitglieder illegal in Magie unterrichtet wurden. Einer dieser Burschen ist der „Gesichtslose“, mit dem Peter im zweiten Band bereits unangenehm e Bekanntschaft gemacht hat.

Doch auch die „normale“ Polizei bittet mal wieder um magischen Beistand. In einem U-Bahn-Tunnel unterhalb der berühmten Baker Street wurde die Leiche eines Kunststudenten gefunden. Peter soll den Tatort und den Toten auf magische Einflüsse hin untersuchen. Bei der Tatwaffe, einer biskuitfarbenen Tonscherbe, wird er fündig; diese strahlt ein deutliches „Vestigium“ aus: also eine magische Spur.

Die Nachforschungen zur Herkunft der geheimnisvollen Tonscherbe führen Peter und Lesley zu diversen offiziellen und inoffiziellen Trödel- und Kunstmärkten und  in die ungeahnten Tiefen Londons: U-Bahn-Tunnel sind da noch die Spitze des Eisberges. Die Forschungsreise geht in die Abgründe der Kanalisation und verschiedene verborgene Zwischenräume und führt zur Entdeckung einer faszinierenden Population von künstlerisch begabten  „Subspezies“.

Dann sind noch äußerst lebensgefährliche Dämonenfallen zu entschärfen, unzuverläßige Halbfeen zu disziplinieren und überempfindliche Flußgöttinnen – ja, die schon wieder, wie auch in den ersten beiden Bänden – zu besänftigen. Ein zwanghaft, zyklisch wiederkehrender, graffitisprühender Geist im U-Bahn-Tunnel ist dagegen fast schon eine Erholung von den sonstigen magischen Strapazen.

Eine angenehme Abwechslung für Peter, Lesley und Thomas ist, daß sie endlich einmal einen ganz schlicht menschlichen Täter aus Fleisch und Blut zur Verhaftung abliefern können. Damit machen sie sich bei den gewöhnlichen Kollegen doch etwas beliebter.

Auch der dritte Peter-Grant-Band bietet spannende Unterhaltung, raffinierte Krimihandlung, witzige Randbemerkungen und Wortspiele, lesenswerte Charaktere und eine perfekte Dramaturgie sowie eine magische Perspektive auf die Stadt London.

Und falls Sie endlich wissen wollen, was Magie ist – hier kommt ein typisches Peter-Grant-Zitat:Ich sollte einfach behaupten, Magie entstünde durch Feenstaub oder Quantenverschränkung (was  im Prinzip das Gleiche ist wie Feenstaub, nur mit dem Wort »Quanten« drin).“  (Seite 22)

PS:
Nun warte ich ungeduldig-vorfreudig auf den vierten Band, der im Mai 2014 auf Deutsch bei DTV erscheinen wird.

Für die Englischkönner ist der vierte Band bereits lieferbar:

  • „Broken Homes“
  • 2013 Orion Publishing Group
  • ISBN 978-0-575-1327-7
  • 320 Seiten, ca. 17 €

Doch bevor der vierte Band von mir für Sie „vorgelesen“ und besprochen wird, genehmige ich mir einige Nachhilfestunden in „Doctor Who“. Ben Aaronovitch hat u.a. Drehbücher für diese englische TV-Kultserie geschrieben.

Wenn ein Autor es schafft, dank seiner Schreib-und Imaginationsfähigkeit, mich – die Fernsehverächterin – dazu zu bewegen, Filme anzuschauen, will das schon etwas heißen! Ich erhoffe mir  –  neben der Science-Fiction-Unterhaltung  −  ein besseres Verständnis für die kleinen „Doctor Who“-Anspielungen, die Ben Aaronovitch in seine Peter-Grant-Serie einarbeitet.

Ich verlasse also jetzt mein Word-Programm und schalte um aufs DVD-Programm…
Tschüß – man liest sich wieder!

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie DOCTOR WHO verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Hier geht es zu den ersten beiden magieverdächtigen Fällen von Peter Grant:

Band 1 : DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Und hier zu den Folgebänden:

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

 

 

 

Schwarzer Mond über Soho

  • Band 2 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Moon Over Soho«
  • Deutsch von Christine Blum
  • DTV Taschenbuch  Juli  2012                   http://www.dtv.de
  • 412 Seiten
  •  9,95 € (D),  10,30 € (A)
  • ISBN 978-3.423-21380-6
    schwarzer_mond_ueber_soho-9783423213806

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  Nr. 2

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Falls Sie sich schon von meiner ersten Peter-Grant-Besprechung  (https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/ ) beGEISTERN haben lassen, so können Sie sich auch beim 2. Band auf zauberhafte Freuden und Gefahren gefaßt machen.

Police Constable und  frisch vereidigter Zauberlehrling Peter Grant, sein Chef und Meistermagier Detective Chief Inspector Thomas Nightingale sowie Lesley May, Peters Kollegin aus dem „gewöhnlichen“ Polizeibetrieb, haben sich noch nicht ganz von den Blessuren und Schrecken des letzten Falles erholt, da lauert schon ein neuer Fall an der nächsten Ecke Londons.

Und weiter geht’s im Zaubererlatein, denn Peter Grant hat seit seinem ersten Einsatz einiges dazugelernt.

Fangen wir mit dem Vestigium an, dem lateinischen Wort für Spur. In diesem speziellen Kriminalkontext bezeichnet Vestigium  „den Abdruck, den Magie auf Gegenständen hinterläßt.“ Es ist eine Mischung aus Geräuschen, Gerüchen, Bildern und Gefühlsstimmungen/ladungen, die dem geschulten Zauberer auswertbare Hinweise auf Täter gibt, die magische Mittel eingesetzt haben.

Gegenstände haben eine recht gute Speicherkapazität, selbst wenn es sich nur um kleine Magiemengen handelt, und menschliche Körper verfügen nur über eine geringe und kurze Speicherkapazität. Um auf einem toten Körper einen magischen Eindruck zu hinterlassen bedarf es eines großen magischen Energieaufwandes.

Zu Peters Leidwesen muß er mal wieder eine frische Leiche in Hinsicht auf Vestigia beschnuppern: Cyrus Wilkinson, ein Jazzmusiker, der an plötzlichem Herzversagen verstorben ist und der dem Kryptopathologen Dr. Walid verdächtig magisch klingt. Das kann Peter nur bestätigen, denn das Vestigium spielt eindeutig eine beschwingte Version von „Body and Soul“.

Peters Vater, ein talentierter, aber erfolgloser Jazzmusiker mit dem Spitznamen „Lord Grant“, findet für seinen Sohn heraus, daß diese Version von „Body and Soul“  aus dem Jahr 1939 stammt. Peter ermittelt, daß in den vergangenen Jahren eine auffällig große Zahl von Jazzmusikern einem plötzlichen natürlichen Tode erlegen ist.

So führt uns der Autor diesmal durch den Stadtteil Soho und ins Jazzmusikermilieu. Das ist fast ein bißchen romantisch, zumindest für PC Grant, den seine Recherchen bezüglich des magisch beeinflußtenTodes von Cyrus Wilkinson zu einigen erfreulich sinnlichen Begegnungen der weiblich-kurvenreichen Art führen.

Doch für einige andere Männer kommt es zu einer weiblichen Begegnung, die sowohl ihrer Männlichkeit als auch ihrem Leben ein ziemlich abruptes Ende bereiten. Bei einem dieser Mordopfer findet die Polizei gestohlene magische Bücher, und Nightingale befürchtet, daß ein „ethisch fragwürdiger“ Magier heimlich Zauberer ausgebildet oder für seine Zwecke abgerichtet habe.

In einen zwielichtigen Nachtclub finden sie sogar einen Augenzeugen. Aber der gibt glaubwürdig verzweifelt zu Protokoll, das Gesicht des Magieverdächtigen nicht beschreiben zu können, da es nicht zu erkennen gewesen sei, was wiederum ein Hinweis auf die magische Gewandtheit des Gesuchten ist.

Als wäre das nicht schon gefährlich genug, stellt sich auch noch heraus, daß der „Gesichtslose“  Chimären – Mischwesen aus Mensch und Tier – gezüchtet hat. Das ist zwar eine Erklärung für einige Todesarten, aber es erschwert die Arbeit, besonders bei Verfolgungsjagden, enorm.

Doch PC Grant setzt auch im zweiten Fall all seine sinnlichen und übersinnlichen Kräfte ein, und er überlebt ein magisches Duell mit dem „Gesichtslosen“, was ihm das erste Lob seines Meisters einbringt.

Wir treffen auch einige mehr oder weniger hilfreiche Themseflußgötter und -Göttinnen aus dem ersten Fall wieder, und auch im zweiten Band beschert uns der sozioarchitektonische Blickwinkel Peter Grants aufs neue brillante Beschreibungen zweifelhafter Großstadtbaumaßnahmen.

Ganz nebenbei kann Peter sogar seinem Vater zu einer musikalischen Wiederbelebung verhelfen.

Trotz der Aufklärung diverser Todesfälle und Morde kann wiederum niemand verhaftet werden. Da müssen wir und die Metropolitan Police uns wohl bis zum dritten Band gedulden.

 

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie >Doctor Who< verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Und hier geht es munter weiter zu den Folgebänden:

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

 

Die Flüsse von London

  • Band 1 der neuen übersinnlichen Krimi-Serie mit Peter Grant
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Rivers of London«
  • Deutsch von Karlheinz Dürr
  • DTV Taschenbuch  Januar 2012        http://www.dtv.de
  • 464 Seiten
  •  9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21341-7
    die_fluesse_von_london-9783423213417

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  Nr.1

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nehmen Sie sich Zeit für eine ausführliche, aufregende, kriminalistische, übersinnliche und witzige Reise durch London! Unser Reiseführer ist Peter Grant, ein junger Police Constable von gemischt ethnischer Herkunft, der sich nach Aussage seiner attraktiven und pfiffigen Kollegin Lesley May durchaus als Obama-Double bewerben könnte.

Peter Grant bewacht zusammen mit Lesley May einen abgesperrten Tatort am Covent Garden. Hier wurde in der Nacht ein Leichnam entdeckt, der einen auffällig großen Abstand zu seinem Kopf aufwies. Kurz: Er wurde geköpft.

Peter Grant steht frierend in der Säulenvorhalle der St.Paul’s Kirche, die auch „Schauspielerkirche“ genannt wird; aus Langeweile sowie aus persönlicher architektonisch-historischer Neugier liest er sich eine dort befindliche Informationstafel durch und läßt uns in einem netten Plauderton an seinen Erkenntnissen über die lokale Geschichte teilhaben.

Während Lesley Kaffee holen geht, taucht zwischen den Säulen plötzlich ein altertümlich gekleideter Mann auf, der sich als Augenzeuge des Mordes zu erkennen gibt. PC Grant fragt zunächst vorschriftsmäßig die Personaldaten ab, und dabei stellt sich der Zeuge namens Nicholas Wallpenny als Geist heraus.

Doch davon professionell unbeeindruckt, läßt sich Peter den Tathergang beschreiben und nimmt staunend zur Kenntnis, daß der Geisterzeuge, darauf besteht, daß der Mörder etwas Unheimliches hatte und  „sein Gesicht wechseln“  konnte.

Als Lesley mit dem Kaffe zurückkommt, verschwindet Nicholas natürlich bzw. übernatürlich und Peter beschließt, seine unheimliche Erfahrung erst einmal für sich zu behalten.

Am nächsten Abend spaziert er am Portikus der St.Paul’s Kirche herum und hofft vergeblich auf das Wiedererscheinen von Nicholas Wallpenny. Stattdessen spricht ihn ein eleganter Herr mit silberknaufigem Gehstock an, und auf seine Frage, was er denn hier so treibe, antwortet Peter spontan und wahrheitsgemäß, er sei auf Geisterjagd. So lernt er seinen zukünftigen Vorgesetzten Detective Chief Inspector Thomas Nightingale kennen.

Nightingale ist der letzte Zauberer Englands und leitet eine Spezialabteilung, die  –  ein wenig inoffiziell und relativ geheim  – dafür zuständig ist, in Kriminalfällen mit sozusagen magischen Fingerabdrücken zu ermitteln. PC Grant wird der erste Auszubildende seit fünfzig Jahren für diese vom Aussterben bedrohte Berufsgattung, die zudem ein belächeltes Außenseiterdasein in der bürokratischen Hierarchie der Metropolitan Police fristet.

Was macht es schon, daß die Zauberlehrlingsausbildung zehn Jahre dauert, die Sprachen Latein, Griechisch, Arabisch und technisches Deutsch gelernt werden müssen, und es langer und intensiver Übungen sowie millimetergenauer geistiger Disziplin bedarf, um auch nur ein kleines Werlicht zu erzeugen, wenn man als Dienstwagen einen „Jaguar Mark 2 mit  XK6-Motor und 3,8 Litern Hubraum“ fahren darf?

Und auch die unverhofften Gelegenheiten, mit wunderschönen, gefährlich-verführerischen Themseflußgöttinnen und Nixen zu flirten, können einem die Polizeiarbeit schon versüßen.

Zudem bekommt Peter nette neue Kollegen, von deren Existenz er zuvor noch nicht einmal geahnt hat, wie zum Beispiel den auf Kryptopathologie spezialisierten Dr. Walid, der Peter gleich zum Kennenlernen einen Gehirnquerschnitt serviert, an dem man die Schäden besichtigen kann, die der falsche übermäßige oder unfreiwillige Gebrauch von Magie anrichtet.

Wohn- und Studiensitz der magischen Spezialeinheit ist das Folly, die  „offizielle Residenz der englischen Magie seit 1775“. Das Folly ist ein vornehmes Haus mit Eingangshalle, zahlreichen Gästezimmern, verschiedenen Speisezimmern, einem rechteckigen Innenhof, einem Salon, drei Bibliotheken (nach Sprachen geordnet) und einem magischen Übungslabor; denn hier wird die Magie als Wissenschaft betrieben und sehr ernst genommen.

Und dann wäre da noch das unheimlich-schöne, fast lautlose Hausmädchen Molly, ein vorläufig nicht näher definiertes „Geschöpf der Nacht“, mit sehr spitzen Zähnen.

Selbstverständlich gibt es zauberhafte Schutzvorrichtungen, die das Haus vor unbefugten Eindringlingen und Kräften magisch abschirmen. Die moderne Informationslogistik, die zusammen mit Peter ins Folly einzieht (Internetanschluß, Computer und Flachbildfernseher), muß aus diesem Grund in der ehemaligen Remise untergebracht werden, da eine Breitbandkabelverlegung den Schutzwall beeinträchtigen würde.

Überhaupt hat die Anwendung magischer Energie den Nachteil, elektronische Geräte, die über einen Akkubetrieb laufen, „auszuschalten“   –  durch Zerbröselung der Mikroprozessoren zu Sand.

Der Zauberlehrling PC Peter Grant arbeitet zusammen mit seinem Meister DCI Nightingale und dem normalen Ermittlungsteam weiter an der Lösung des Mordfalles von Covent Garden. Sie finden durch magische und konventionelle Methoden recht schnell den Mörder – allerdings ist der auch schon tot, und zwar eindeutig nicht getötet durch Waffengewalt, sondern durch die Anwendung eines Zauberspruches, der das Aussehen eines Menschen verändert und den betroffenen Menschen nach Abzug der magischen Energie wortwörtlich verformt und tödlich verwundet zurückläßt.

Jemand (ein rachdurstiger Geist?, ein Schwarzmagier?) benutzt eindeutig magische Kräfte, manipuliert unschuldige Menschen und führt mit ihnen ein grausames Puppenspiel auf. Wie soll man da noch Lateinvokabeln und magische Formen üben, wenn sich die Ereignisse dermaßen überstürzen und man nebenbei noch als diplomatischer Vermittler zwischen zerstrittenen Flußgöttern (Mutter Themse und Vater Themse) zu fungieren hat?

Peter hat es wahrlich nicht leicht, und dann wird auch noch Nightingale angeschossen, und alles hängt von den Fähigkeiten und dem Spürsinn unseres unerfahrenen Zauberlehrlings ab – das wird richtig dramatisch und rasend spannend und kann nur magisch ausgehen. Aber was tut man als treuer Zauberlehrling und Krimimalbeamter nicht alles, um den Ruf des eigenen Meisters und das Leben seiner Kollegin Lesley zu retten – ein bi(ss)chen Blut muß Peter dafür schon opfern…

Der Autor, Ben Aaronovitch, der u.a. auch Drehbücher für die englische TV-Kultserie ›Doctor Who‹ verfaßt hat, verbindet in „Die Flüsse von London“ eine komplexe Krimihandlung mit einer liebevoll-kritischen Betrachtung der Stadtentwicklung Londons, er spart nicht mit ironischen Beschreibungen moderner Architekturversündigungen und amüsiert uns auch ganz allgemein mit witzigen und treffsicheren Bemerkungen zu menschlichen Schwächen und Eitelkeiten.

Seine Figurenzeichnung sowohl für körperliche wie für übersinnliche Personen und Wesen ist sehr prägnant, lebhaft und knackig. Die Handlung beginnt gemächlich, der Autor gibt uns die Gelegenheit, mit den Charakteren und der besonderen Kulisse angenehm vertraut zu werden, und steigert sich dann mit quecksilbriger Eleganz zu äußerster Spannung.

Im letzten Kapitel finden auch brav alle Handlungsfäden zu einem sinnvollen Ende, und es wird schon ein neues Fädchen angedeutet, das wahrscheinlich/hoffentlich der Vorbote für den zweiten Band mit unserem magischen Ermittler Peter Grant ist.

Ich jedenfalls bin SEHR gespannt auf weitere magieverdächtige Fälle!

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie >Doctor Who< verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Und hier geht es munter weiter zu den nächsten magieverdächtigen Fällen von Peter Grant & Co:

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

Wo ist Thursday Next?

  • Thursday Next, Band 6
  • von Jasper Fforde
  • Übersetzung ins Deutsche Joachim Stern
  • dtv Verlag Juli 2013                                                             http://www.dtv.de
  • 978-3-423-21453-7
  • 396 Seiten
  • 9,95 €
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LESEN  ODER  GELESEN WERDEN,  DAS  IST  HIER  DIE  FRAGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nachdem mich Herr Fforde nach den ersten 5 Thursday Next-Bänden lange, lange, lange und lesesehnsüchtig auf Ungewißheitspünktchen … hat sitzen lassen, kann ich mich nun endlich dem 6. Band widmen.

Wer die ersten 5 Bände noch nicht kennt, sollte zunächst meine diesbezügliche Besprechung vom Mai 2013  lesen,    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/   sonst versteht man hier nämlich nur Buchstabensalat.

Die Frage, wo Thursday Next ist, begleitet uns als roter Faden durch den 6. Band.

Die echte Thursday Next ist verschwunden, und – soviel darf ich wohl verraten –  bis Seite 385 bleibt sie auch verschwunden. Doch bis Seite 385 ist es noch ein langer, aufregender und skurriler Leseweg mit vielen Verfolgungsjagden, dramatischen Ungewißheiten und Verwirrspielchen.

Der Kosmos der Thursday-Next-Reihe besteht aus einer Realwelt und einer Buchwelt. Dazwischen gibt es Schnittstellen und wechselseitige Beeinflussungen, z.B. „Feedback-schleifen“, die dazu führen, daß die äußere Erscheinung aller Figuren in der Buchwelt von der Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser beeinflußt wird. „Harry Potter war auch stinksauer, weil er den Rest seines Lebens wie Daniel Radcliffe aussehen mußte.“  (Seite 81)

Auch die Auswirkungen von eBooks auf die Arbeitsbedingungen der Buchwelt sind nicht zu unterschätzen, genauso wenig wie die Macht des „Snooze-Knopfes“, den die Darsteller in den Büchern gelegentlich als Notbremse drücken, wenn sie von zu vielen Lesern gleichzeitig gelesen werden. Jetzt wissen wir endlich, woran es liegt, daß wir bei manchen Lektüren plötzlich einschlafen!

Im 6. Band haben sich die Buchweltbedingungen etwas verändert. Der „Gattungsrat“ hat entschieden, die Buchwelt nach dem Vorbild der realen Welt geografisch zu ordnen. Während früher der Mikrokosmos jeden Buches im „Inter-Buch-Nichts“ schwebte, gibt es jetzt Landschaften zwischen den Büchern, und die verschiedenen Literaturgattungen schwimmen als Inseln im Meer.

Die Thursday-Next-Romane „wohnen“ am „spekulativen Ende der Fantasy“, in direkter Nachbarschaft zum „Eiland der Literaturkritik“. Ach ja – und die neue Buchwelt bevölkert die Innenseite einer Kugel. Wie das funktioniert, können Sie auf den Seiten 21 – 22 bitte selbst nachlesen.

Die geschriebene Thursday bekommt einen dubiosen Hinweis, daß ihr Vorbild aus der realen Welt vermißt wird. Wegen schwindsüchtiger Leserzahlen deutlich unterbeschäftigt, beginnt sie mit halblegalen Nachforschungen. Unterstützt wird sie dabei von einem Roboter-Butler, namens Sprockett, dessen mimikloses Porzellangesicht durch einen Augenbrauenzeiger mit Gefühlswortskala belebt wird.

Außerdem drohen die Feindseligkeiten zwischen den Gattungen „Scharfe Romane“, ,„FemLit“ und „Religiöses Dogma“  zu eskalieren. Das offizielle Buchwelt-Presseorgan „The Word“ berichtet, daß die echte Thursday am kommenden Freitag als diplomatische Vermittlerin zu den Friedensverhandlungen erwartet wird.

Die fiktionale Thursday scheut keine Mühen und Opfer, um die echte Thursday aufzuspüren, dabei setzt sie sich zwischen alle bürokratischen Stühle, wird von heftigen Selbstzweifeln geplagt und muß mehrfach buchstäblich ihr eigenes Leben verteidigen.

Sehr amüsant sind die Kapitel, in denen die geschriebene Thursday einen geheimen Erkundungsausflug in die reale Welt unternimmt und von Agent Square, einem zweidimensionalen Wesen aus Flatland, darin angeleitet wird, mit der ungewohnten Körperlichkeit der wirklichen Welt zurechtzukommen. Echte Atemzüge und die Fortbewegung unter Schwerkraftbedingungen erfordern einige wortwörtliche Übungsschritte und Koordinationsberechnungen. »„Zweifüßiges Gehen ist ständig gehemmtes Fallen“, sagte Square. «  (Seite 206)

Auf der Suche von Thursday nach Thursday wird fast die gesamte Buchlandschaft der Buchwelt durchquert, und jede Gattung bietet ihre spezifischen Überraschungen und literarischen Umgangsformen dar.

Nachdem die fiktionale Thursday die wirkliche Thursday aufgespürt und zur Lebensrettung in „Gray’s Anatomie“ abgeliefert hat, kann sie sich zufrieden und, um einige echte Lebenserfahrungen reicher, wieder – ganz wie es im Buche steht – in die erzählerische Ordnung der Buchwelt einfügen.

Auch im 6. Band spickt Jasper Fforde die flotte Handlung mit literarisch einfallsreichen Anspielungsschnörkeln, Wort- und Gedankenspielen und witzigen Details, wie z.B. das „Komma-Kommissariat“, die „Metaphern-Krise“, das „Labyrinth der Verschwörungstheorien“ und die „Achse der Unlesbarkeiten“ oder die Angst der „textbasierten Lebensformen“ vor Sprachstörungen: „Wenn man die Wortstellung vermurkst, versteht keiner Yoda außer die Sätze man hat.“ ( Seite 27)

Es ist auch reizvoll, dabei „zuzulesen“, wie Romanfiguren aus „Schuld und Sühne“  ihre umständlichen Namen und ihre komplexen Beziehungsverflechtungen miteinander durchdiskutieren, bevor sie sich wieder in ihren Roman „einleben“.

Mir hat die Lektüre viel Vergnügen bereitet, und so schließe ich meine Leseempfehlung mit einem Zitat von Thursday, die –  leicht abgewandelt – den stürmischen Shakespeare zitiert: „Oh, schöne neue Welt, die solche Bücher mit sich führt!“

PS
Hier folgt der Link zu meiner Besprechung der ersten fünf Thursday-Next-Bände:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/

 

DER AUTOR:

»Jasper Fforde ist Waliser(daher das markante doppelte F!) und wurde 1961 geboren. Seine Romane schrieb er 14 Jahre lang neben seiner Arbeit als Kameramann bei verschiedenen Filmproduktionen. Er ist einer der intelligentesten, witzigsten und hintergründigsten Autoren der Fantasy. Nach 76 Ablehnungen erschien im Jahre 2001 der erste Band der Abenteuer von Thursday Next. Inzwischen hat die Reihe weltweit Kultstatus erlangt, und Jasper Fforde wurde aufgrund seiner literarischen Verdienste zum zeitweiligen Ehren-Bürgermeister von Swindon ernannt.«

Weitere Informationen:   http://www.jasperfforde.com