Wölfe

  • Ein Portrait
  • von Petra Ahne
  • Matthes & Seitz Verlag  Oktober 2016   http://www.matthes-seitz-berlin.de
  • Nr. 27 der Reihe NATURKUNDEN          http://www.naturkunden.de
  • 144 Seiten
  • mit zahlreichen farbigen Abbildungen
  • Kleinoktav-Format: 12 x 18 cm
  • gebunden, fadengeheftet
  • Mit schwarzem Kopfschnitt
  • 18,– € (D), 18,50 € (A), 22,90 sFr
  • ISBN 978-3-95757-333-9
    woelfe-titelbild

EIN  WOLF  IST  EIN  WOLF  IST  EIN  WOLF

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Petra Ahne nähert sich dem Wolf kulturhistorisch und vergleicht kurzweilig und facettenreich die menschliche Haltung gegenüber Wölfen im Wandel der Zeit. Dabei verrät der menschliche Blick auf die wilde Natur – selbst bei manchem Naturforscher – meist sehr viel mehr über die menschliche Werteskala und anthropozentrische Vorurteile als über das schlicht biologisch-überlebensnotwendig begründete Verhalten des Wolfes.

In der Vergangenheit galt der Wolf als böse und bedrohlich, und er wurde gnadenlos und grausam vom Menschen gejagt und verfolgt. Beiläufig diente er auch noch als Projektionsfläche für diverse ungezügelte Triebe, wie sie beispielsweise bei den erotischen Untertönen des Märchens vom Rotkäppchen (in der mündlichen Überlieferung) mitschwingen. Die Schriftstellerin Angela Carter reanimierte Ende der Siebzigerjahre mit der Geschichte „Die Gesellschaft der Wölfe“ diese leicht verstörende Urversion des Rotkäppchens.

Im Hexenhammer, dem juristischen Grundlagenwerk der Hexenverfolgung, wurde die zauberische Verwandlung von Menschen in Tiergestalten bzw. Werwölfe ausführlich erörtert, und somit war die Dämonisierung des Wolfs als Verbündeter des Teufels perfekt.

Lange noch wurde der Wolf in Generationen von Tierlexika als böswilliger Schädling und blutrünstiger, heimtückischer Jäger dargestellt, mit abschreckenden Illustrationen wurde seine Bedrohlichkeit entsprechend untermalt. Angesichts der brutalen und rücksichtslosen Jagdmethoden, die Menschen gegenüber Wölfen anwandten und die den Wolf vielerorts gänzlich ausgerottet bzw. vertrieben haben, ist die  Frage berechtigt, wer hier eigentlich die Verkörperung des Bösen ist.

Die Autorin demontiert den einst so beliebten Mythos vom Alpha-Wolf. Der amerikanische Wolfsforscher David Mech hat herausgefunden, daß intensive Dominanzhierarchie nur bei willkürlich zusammengeführten Wölfen in Gefangenschaft vorkommt. In freier Wildbahn bestehen die Rudel aus einem erweiterten Familienverband, in dem die Elterntiere als natürliche Autorität tonangebend sind.

In diesem vielfältigen Panoptikum wird auch auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Hund und Wolf eingegangen und über Jack Londons Roman „Ruf der Wildnis“, in dem ein „zivilisierter“ Hund wieder verwildert, also wölfisch wird, reflektiert.

Wölfe sind sehr anpassungsfähige Tiere, mit ausgeprägtem familiären und kommunikativen Sozialverhalten, deren Nahrung Fleisch ist (bevorzugt Wildfleisch). Daß sie damit menschlichen Jägern nach wie vor in die Quere kommen, ist verständlich; indes sind Menschen, im Gegensatz zu Wölfen, keineswegs auf fleischliche Nahrung angewiesen.

Erst in jüngerer Zeit geht die menschliche Biophilie so weit, daß auch der Wolf als schützenswert und als relevanter Bestandteil des ökologischen Gleichgewichtes positive oder zumindest faszinierte Aufmerksamkeit erfährt.

Bei manchen Menschen ist die Faszination dermaßen groß, daß sie ihr Leben den Wölfen widmen. So finden u.a. die Pianistin Hélène Grimaud und der Philosoph Mark Rowland mit ihrer Liebe zu den Wölfen Erwähnung – moderne Romantiker auf der Suche nach dem inneren Wolf, denen der Wolf als Symbol menschlicher Wildnissehnsucht erscheint.

Petra Ahne gelingt eine wohlausgewogene Perspektive, die zwischen kulturhistorischen und aktuellen zoologischen Informationen sowie naturliebhaberischer Zuneigung gekonnt changiert und uns das fremdvertraute Wolfswesen nahebringt und viele suggestive Vorurteile kompetent entkräftet.

Seit der Wolf unter Artenschutz gestellt wurde und nicht mehr verfolgt wird, kehrt er zurück. Im Bundesland Sachsen leben inzwischen die meisten Wolfsrudel Deutschlands. Hier gibt es seit dem Jahr 2003 das Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und –forschung. Mit Hilfe der Telemetrie werden per Sender die Wege der Wölfe und die Reviergröße kartographisch erfaßt. Außerdem werden Wolfskotproben untersucht, um herauszufinden welche Beutetiere gefressen wurden. Die Untersuchung mehrerer tausend Proben ergab, daß die Wölfe zu 96 Prozent Rehe, Hirsche und Wildschweine fressen und nur zu 0,6 Prozent Schafe und andere Nutztiere.

In Deutschland leben bereits in sechs Bundesländern wieder Wölfe. Für Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wird Wolfsbesiedelung erwartet, sie „gelten als Wolferwartungsland“ (Seite 96).

Zahlreiche farbige Illustrationen runden den Text anschaulich ab. Die historischen Abbildungen zeugen deutlich von der ideologischen und psychologischen Wertung, mit der die Darstellung des Wolfs auch im zeichnerischen Ausdruck erfolgte. Erst die zwölf Wolfsportraits, in denen die weltweit bekanntesten Wolfsarten (vom Eurasischen Grauwolf über den Polarwolf bis zum Mexikanischen Wolf) beschrieben werden, zeigen gegenwärtige Illustrationen von Falk Nordmann, die den Wolf, ohne menschliche Zugaben einfach Wolf sein lassen.

Besondere Erwähnung und ausdrückliches Lob verdient zudem die schöne gestalterische Ausstattung des Buches: schmeichelgriffiges Papier für Einband, Vorsatzblätter und Buchseiten, satte, lesefreundliche Typographie, farbliche Abstimmung des Kopfschnittes und der Fadenheftung mit der Farbgebung des Bucheinbandes. Hier finden wir den harmonischen Einklang von substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe Naturkunden Standard ist.

Da kommt Sammellust auf, und von den 36 bisher erschienen Titeln dieser exquisiten Buchreihe interessieren mich sogleich drei Titel brennend, drei glühend, und weitere drei funkeln mich verführerisch an …*

Zum Ausklang nun noch ein Zitat, das eine schöne Kostprobe von Petra Ahnes subtilem Sprachstil serviert:

»Es passiert etwas mit einer Landschaft, in der Wölfe leben. Ihre unsichtbare Anwesenheit ist wie eine leise Melodie, die die Stimmung verändert. Indem sie ihre Fremdheit und Ungreifbarkeit in den Wald unserer Spaziergänge tragen, machen sie aus ihm einen reicheren, geheimnisvolleren Ort. Einen, der den Menschen spüren lässt, dass hier eine größere Ordnung gilt als die, die er zu seinem Vorteil geschaffen hat; eine die ihn vom Zentrum an den Rand rückt. Es sieht so aus, als müssten wir dieses Gefühl öfter zulassen, wenn wir eine Zukunft haben wollen. Der Wolf könnte uns dabei helfen.«
(Seite 112)

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Russischer Wolf: Illustration von Falk Nordmann © Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016

Die Autorin:

»Petra Ahne, geboren 1971 in München, studierte Komparatistik, Kunstgeschichte und Publizistik in Berlin und London. Sie ist Redakteurin im Ressort Seite 3/Magazin bei der Berliner Zeitung

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/woelfe.html?lid=5

*Hier entlang zur Buchreihe NATURKUNDEN:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/reihe/naturkunden.html

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Das geheime Leben der Bäume

  • Was sie fühlen, wie sie kommunizieren –
  • die Entdeckung einer verborgenen Welt
  • von Peter Wohlleben
  • Hörbuch
  • gelesen von Roman Roth und Peter Wohlleben
  • vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag 2015/16
  • erschienen im Hörverlag Oktober 2016   www.hoerverlag.de
  • Buchvorlage: Ludwig Verlag
  • 6 CDs in Pappschachtel
  • Laufzeit: ca. 6 Stunden, 54 Minuten
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2477-2
    Das geheime Leben der Baeume von Peter Wohlleben

B A U M S C H U L E

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohlleben führt uns mit Gefühl, Verstand und Sinnlichkeit durch den Wald und lehrt uns das Staunen. Er doziert nicht, er erzählt!

Aktuelle naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden von ihm sehr eingängig- komprimiert wiedergegeben und um seine langjährigen persönlichen Erfahrungen als Förster kurzweilig ergänzt.

Hätten Sie gewußt, daß Buchen gerne kuscheln? Ja, auch wenn sie sehr nahe beieinanderstehen, konkurrieren sie keineswegs miteinander um Nährstoffe, Licht und Wasser, sondern bei Bedarf füttern sie sich wechselseitig – über das komplexe unterirdische Wurzel- und Pilzfädchensystem – mit Glucoselösung. Buchenkinder stehen sehr lange im Schatten ihrer Mutter, weshalb sie nur langsam wachsen können. Doch diese „Erziehung durch Lichtdrosselung“ führt zu wesentlich stabilerem Wachstum und somit auf lange Sicht zu überlebenstüchtigeren Buchen.

Bäume kommunizieren über Duftstoffe und über chemische sowie elektrische Signal-übertragungen miteinander. Werden beispielsweise die Blätter eines Baumes von Raupen angefressen, so teilt der befallene Baum dies seiner Nachbarschaft über Duftsignale mit. Sowohl der befallene Baum wie auch die benachbarten verändern daraufhin die chemische Zusammensetzung des Pflanzensafts in ihren Blättern – was von Bitterstoffen bis hin zu  insektenspezifischen Giftstoffen reicht. Darüber hinaus verfügen Bäume auch über besondere Rettungslockdüfte, um natürliche Freßfeinde der angreifenden Insekten herbeizurufen.

Auch unterirdisch wird lebhaft kommuniziert. Ein Teelöffel Waldboden enthält mehrere Kiometer Pilzhypen. Der Vergleich dieser Pilzfäden mit der Glasfaservernetzung des Internets liegt nahe. Tatsächlich spricht man inzwischen schon vom „woodwideweb“.

Peter Wohlleben beschreibt die Bäume mithin nicht als isolierte Einzelwesen, sondern als Teil einer Lebensgemeinschaft. Dazu gehören auch Waldtiere, konkurrierende sowie kooperative Verhältnisse zwischen Bäumen und anderen Pflanzen sowie der erst zu einem kleinen Teil erforschte Mikrokosmos des Waldbodens. Die Mikroorganismen, die an der „Schnittstelle von Werden und Vergehen“ ihre wertvolle, unsichtbare Arbeit verrichten, werden ebenso gewürdigt wie Klimarelevanz, Luftfilterwirkung, Wasser- und CO₂-Speicherkapazität der Bäume.

Schädliche menschliche Eingriffe in den Gleichgewichtsorganismus Wald werden fundiert kritisiert und sinnvollen Maßnahmen zur ökologischen Bewirtschaftung, zum Schutz, Erhalt und zur Reanimierung heimischer Urwälder gegenübergestellt.

Egal welchem Detail sich der Autor widmet, stets ist seine Darstellung faszinierend, anschaulich und geradezu spannend, und stets fügen sich die Einzelheiten zu einer ganzheitlich Einheit.

Peter Wohllebens Buch „Das geheime Leben der Bäume“ ist ein wahrer Lichtblick in der Vermittlung von Wissen über Wald und Bäume. Seine einfühlsame, naturliebhaberische Haltung ist in jeder Zeile zu spüren und dürfte vielen Lesern/Hörern eine lebensdienliche Baumperspektive eröffnen.

Die Hörbuchversion enthält eine Bonus-CD, auf der Peter Wohlleben von seinem beruflichen Werdegang erzählt. Dies ist eine interessante Zugabe – im O-Ton -, die sehr authentisch davon berichtet, wie ein Mensch seiner Berufung folgt und nicht damit aufhört, von den Bäumen zu lernen.

Hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e514159.rhd

Das geheime Leben der Baeume von Peter WohllebenDie Buchausgabe ist im Mai 2015 beim Ludwig Verlag erschienen: Das geheime Leben der Bäume
Was sie fühlen, wie sie kommunizieren –
die Entdeckung einer verborgenen Welt
von Peter Wohlleben
gebunden, mit Schutzumschlag, 224 Seiten
19,99 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN 978-3-453-28067-0
Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e478046.rhd
Seit Oktober 2016 gibt es das Buch zusätzlich als Bildband: https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e502460.rhd

 

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb in der Eifel, den er zu einem urwaldähnlichen Laubwald zurückgeführt hat. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Im Ludwig Verlag erschien 2016 sein Bestseller „Das Seelenleben der Tiere“.«

Der Vorleser:

»Roman Roth, geboren 1980 in Frankfurt am Main, hat über Umwege zu seiner jetzigen Tätigkeit als Schauspieler und Sprecher gefunden. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Lehre als Bankkaufmann. Nach ersten Erfahrungen als Schauspieler entschied er sich 2006 für eine Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Er übernimmt regelmäßig Rollen in Theater, Film und Fernsehen, spielte u.a.    in dem Spielfilm Der letzte Zug. Seit 2012 lebt er als freischaffender Schauspieler in Berlin.«

Querverweis:

Hier entlang zu Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/30/das-seelenleben-der-tiere/
und zu Christopher D. Stones Klassiker des Umweltrechts „Haben Bäume Rechte?“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/06/18/haben-baume-rechte/

 

PS:
Schon mein Leben lang habe ich ein inniges Verhältnis zu Bäumen. Was dabei herauskommen kann, wenn man Bäumen zuhört, mag ein Poem illustrieren, das ich meiner alten Lieblingsbuche abgelauscht habe:

 

BAUMSCHULE

 

Ich sehe was
was Du nicht siehst
sagt mir der Baum
mit einer Hand in der Erde
mit der Anderen im Himmel
aus meinem Holz
sind Türen gemacht
die sich nur nach innen öffnen
komm näher Menschlein
hier lernst Du was fürs Leben
verlier ruhig ein bißchen
den Verstand
und laß Dich ein
sieh nur
hör nur
spüre
und vergiß es nie
auch in Deinem Körper
schlägt das Herz der Erde

 

Ulrike Sokul©
10/ 1995

 

 

 

 

Titus und der verwunschene Wald

  • Die Märchenabenteuer von Titus Haselschein
  • von Theodor Serapion
  • mit Illustrationen  von Mirjam Zels
  • erschienen bei der MÄRCHENAKADEMIE Bamberg www.maerchenakademie.de
  • konzipiert und herausgegeben von »Innovation durch Sprache«:
  • Dr. Martin Beyer/ Corporate Story & Creative Writing
  • gebunden, mit grünem LESEBÄNDCHEN
  • 160 Seiten
  • Format: 21,4 cm x 21,4 cm
  • 14,95 €
  • ISBN 978-3-00-052964-1
  • Altersempfehlung: 8 bis 12 Jahre
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MÄRCHEN  MITMACHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Märchenakademie – das wäre etwas für mich gewesen! Doch ich bin kein Kind mehr, und so bleibt mir nur der kleine Trost, eine feenstaubige Buchbesprechung zu verfassen und beiläufig die Kunde von der Märchenakademie zu verbreiten.

Der Märchenlehrling Titus Haselschein darf – im Gegensatz zu mir – die Märchenakademie besuchen. Dies tut er mit Begeisterung schon seit zwei Jahren. Der Musterschüler kann viele Märchen auswendig, und in den Fächern Ausdauererzählen, Spannung & Gänsehaut, Richtiges Atmen, Märchenbuchbinderei und Märchengesang hat er lauter Einser. Nur in Märchentanz hat er eine Vier, da ist er einfach zu schwerfällig und zu tollpatschig.

Das dritte Ausbildungsjahr ist ein Praktisches Jahr, d.h. alle Märchenlehrlinge werden zur Erweiterung ihres Märchenhorizontes in die verwunschenen und wilden Wälder rund um die Märchenakademie geschickt. Jeder muß alleine losziehen und bekommt lediglich einen Schnurberryrucksack aus echtem Piratensegeltuch, gefüllt mit Proviant und Werkzeug, sowie einen Kompaß mit. Bücher sind im Praktischen Jahr nicht erlaubt, denn es ist Sinn und Zweck dieses Jahres, Märchen am eigenen Leibe zu erfahren.

Titus ist schon ein wenig mulmig zumute, denn der Wald birgt viele geheimnisvolle Wesen, die Nächte sind richtig dunkel, und er ist ganz auf sich alleine gestellt. Doch seine erste Begegnung mit Märchenwesen beginnt ziemlich lustig mit den Sieben Zwergen.

Als diese von Titus darüber informiert werden, daß er als Märchenlehrling unterwegs sei, um spannende Abenteuer zu erleben, warnen sie ihn eindringlich vor den Gefahren, die auf ihn lauern, und bieten ihm die freigewordene Stelle als Haushälter in ihrem Häuschen an, das nach Schneewittchens Heirat ganz schön verwahrlost sei. Dort wäre er auch sicher und geschützt, und nach einem Jahre stellten sie ihm gerne ein löbliches Zeugnis aus.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Dankend lehnt Titus das wenig verlockende Angebot ab und wird kurzerhand von den Zwergen an die nächstbeste Kastanie gefesselt. Dort habe er Bedenk- und Befürchtungszeit genug, und wenn die Zwerge später aus dem Bergwerk von ihrer Arbeit zurückkämen, fragten sie ihn gerne noch einmal, ob er nicht doch ihr Haushälter sein wolle.

So hatte sich Titus seine ehrenvollen Märchenabenteuer nicht vorgestellt. Hilflos an einen Baum geschnürt, unerreichbaren Juckreizen ausgesetzt und – raschel, raschel, raschel – wer naht sich Titus da von oben aus dem Kastanienblätterdach? Rabea Wintergrün, eine Elfe, eine sehr schnippische Elfe, die sich vehement dem Klischee widersetzt, das Elfen schön, zart und hilfsbereit seien. Erst nachdem Titus ihr den Schneewittchen-Rap vorgesungen und ihn sogar mit ihr einstudiert hat, ist sie bereit, ihn zu befreien.

Von nun an bestreiten Titus und Rabea die Märchenabenteuer gemeinsam, auch wenn wir das Wort bestreiten durchaus buchstäblich verstehen dürfen. Denn die beiden können sich einfach nicht darüber einigen, ob die goldene Märchenregel, daß das Gute über das Böse triumphiere und die Gerechtigkeit siege, wahr sei oder ob alles, was geschehe, reiner Zufall sei.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Titus und Rabea begegnen einem seltsamen Hexenhausmakler (mit dem Namen Stanislaus McKimsey), Aschenputtels Stiefschwestern, diversen Prinzen und Königen, dem Bösen Wolf (der Reime reimt und Früchte verzehrt), einem Botenfrosch, Rapunzel, Dornröschen, einem überarbeiteten Schloßgärtner, dem Gestiefelten Kater, den Bremer Stadtmusikanten und mehrfach dem explosiven Rumpelstilzchen.

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

Die Märchencharaktere verhalten sich meist nicht der Erwartung gemäß. Titus und Rabea müssen ganz schön improvisieren, um Gefahren zu meistern und Probleme zu lösen. Das Rumpelstilzchen ist der einzige Charakter, der unverschlechterlich so agiert, wie es im Märchenbuche steht.

Nach einem Jahr und vielen unfreiwilligen Tanzstunden mit Rabea kehrt Titus an die Märchenakademie zurück; sein Professor lobt ihn besonders dafür, daß er die Freundschaft einer Elfe gewonnen hat …

Der geheimnisvolle Autor erzählt das Märchen im Märchen vergnüglich-humorvoll und mit metafiktiven Randbemerkungen, die „interprosaische“ Dialoge zwischen dem Erzähler und Titus sowie die direkte einbeziehende Ansprache der Leser ermöglichen. Die metafiktiven Einlassungen tragen zur Verzauberung des Leseerlebnisses bei und regen zu eigenen Reflexionen an.

Stilistisch bedient sich der Autor einer sprachlichen Kombination aus klassischem Märchenton und maßvoller Umgangssprache sowie amüsanten Wortspielen, witzig-rätselhaften Wortabkürzungen und anspielungsreichen Namensschöpfungen. Für zusätzliche Spannung und Heiterkeit bürgen die überraschenden, oft untypischen Verhaltensweisen der Märchenfiguren und die Beziehungsdynamik zwischen Rabea und Titus.

Voraussetzung für diesen märchenselbstironischen Lesegenuß ist selbstverständlich, daß Kinder mit den Originalmärchen vertraut sind! Das hoffe ich jedenfalls. Denn eine Kindheit ohne Märchen ist zwar möglich, aber eigentlich eine unmögliche Kindheit.

In „Titus und der verwunschene Wald“ wird ebenso anschaulich wie anregend vorgespielt, wie vielseitig sich der klassische Märchenschatz  weiterspinnen und in andere Darstellungsformen übersetzen läßt. Das zeitlose Element der Märchen kann sich mit modernen musischen Ausdrucksformen durchaus fruchtbar verbinden, wie man an den im Buch vorgestellten Märchen-Rap-Liedtexten ablesen kann. Zwei Refrains aus dem Rapunzellied mögen dies demonstrieren:

» Rapunzel lass dein Haar herunter!
Hier draußen wär‘ dein Leben bunter.
Rapunzeldidunzeldipunzeldidu,
niemand singt so traurig wie du.

Rapunzel lass Dein Haar herunter!
Jetzt wird dein Leben endlich bunter.
Rapunzeldidunzeldipunzeldidu,
niemand singt so fröhlich wie du. «

(Seite 103/104)

Wenn eine solche Märchenzubereitung heutigen Kindern die Beschäftigung mit Märchen schmackhaft macht und sie darüber hinaus dazu animiert, sich zum Mitgestalter märchenhafter Inszenierungen „ausbilden“ zu lassen und eine Karriere als Märchenerzähler anzustreben, dann finde ich das ganz zauberhaft. So ist „Titus und der verwunschene Wald“ zugleich ein originelles, spannendes, phantasieanstiftendes und vergnügliches Kinderbuch und ein charmant-verlockender Botschafter für die Märchenakademie.

 

Eine fast zwanzigminütige Vorleseprobe kann man hier belauschen:
http://maerchenakademie.de/buch/

 

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Illustration Mirjam Zels © Märchenakademie 2016

 

Der Autor:

»Theodor Serapion ist ehemaliger Schüler der Märchenakademie. Mehr über ihn findet sich auf seiner Webseite: www.theodor-serapion.de

Die Illustratorin:

«Mirjam Zels lebt in Hamburg und illustriert und schreibt preisgekrönte Kinderbücher, unter anderem für Carlsen und für die Märchenakademie. www.mirjamzels.de «

Die Märchenakademie:

Die Märchenakademie gibt es wirklich. Sie hat ihren Sitz in Bamberg.
»Die Märchenakademie bildet aus! Schülerinnen und Schüler der 3. bis 6. Schulklassen können bei der Märchenakademie mitmachen und sich zu wunschpunschgenialen Märchenexperten ausbilden lassen: in Workshops, auf der Webseite und in weiteren Spiel- und Lernformen, die an der Universität des Saarlandes entwickelt werden!
Alle Informationen darüber gibt’s auf unserer Webseite www.maerchenakademie.de

 

PS:
Die Künstlerin Petra Pawlowsky hat auf ihrer Webseite „da sein im Netz“ https://pawlo.wordpress.com/ das Projekt KINDER IM AUFWIND initiiert.

In ihren eigenen Worten: »Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…«

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

Sie lädt weitere Blogger dazu ein, thematisch passende Texte, Bilder, Fotos, Musik, Gemälde, digitale Kunst, Gedichte, Lieder, Zitate usw. per Linkhinweis ergänzend hinzuzufügen.

Da ich der kindheitsselbsterfahrenen Überzeugung bin, daß Märchen ein elementarer Bestandteil heilsamer Herzensbildung sind und daß der kindliche Geist von Märchen beflügelt wird, reihe ich meine Rezension von „Titus und der verwunschene Wald“ gerne bei KINDER IM AUFWIND ein.

Hier folgen die bisherigen gesammelten Beitragslinks der anderen aufwindigen Teilnehmer:

Petra Pawlowsky

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/22/liebevolle-wegbegleiteraffectionate-company/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/25/von-zeitdruck-hektik-und-ruhe/

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/30/kinderrechte-childrens-rights/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/02/die-widerstandskraft-staerken-1/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/07/die-widerstandskraft-staerkenstrengthening-resilience-2/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/10/generationenreigen-round-dance-of-generations/

https://pawlo.wordpress.com/2016/09/13/malen-singen-rhythmus-unbedingt/

https://pawlo.wordpress.com/2016/10/04/die-kraft-in-der-ruhe-strength-in-calm-1/

https://pawlo.wordpress.com/2016/10/08/die-kraft-in-der-ruhestrength-in-calm-2/

https://pawlo.wordpress.com/2016/11/05/geborgen-in-security/

Random Randomsen

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/19/kia-1-%e2%80%a2-die-kinderwelt-ist-klang/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/23/kia-2-%e2%80%a2-pity-the-child/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/08/28/%e2%98%85-kia-3-liebeserklaerung/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/09/08/kia-4-%e2%80%a2-eternity-in-progress/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/09/15/kia-5-%e2%80%a2-lebenslaeufe/

https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/11/13/kia-6-%e2%80%a2-tomine-tyler/

Sylvia Kling

https://wiedaslebenklingt.wordpress.com/2015/11/19/kinder-erfahren-und-eltern-sprechen/

https://sckling.wordpress.com/2016/08/22/schluesselerlebnis-kinder-im-aufwind-children-upwind/

https://sckling.wordpress.com/2016/10/15/unverbraucht-kinder-im-aufwind/

Annes Lesetagebuch
https://anneslesetagebuch.wordpress.com/2016/08/19/rainer-engelmann-kinder-ausgegrenzt-und-ausgebeutet-in-zusammenarbeit-mit-amnesty-international/

Leselebenszeichen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/24/henriettes-heim-fuer-schuechterne-und-aengstliche-katzen/

Mitzi Irsaj
https://mitziirsaj.wordpress.com/2016/08/26/kinder-im-aufwind-ein-projekt-von-petra-pawlofski-und-ein-kleiner-beitrag-von-mir/

Vro jongliert
http://vrojongliert.blogspot.de/2016/09/kinder-sind-keine-prufung-ein-pladoyer.html

Diana Klute https://artscope.de/2016/06/28/you-are-my-home/

Gerda Kazakou  https://gerdakazakou.com/2016/10/16/wie-die-alten-sungen/

 

 

 

Abenteuer mit Ungeheuer

  • Text und Illustration von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus   August 2015     http://www.urachhaus.com
  • 144 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 17 x 24 cm
  • 19,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7937-3
  • ab 5 Jahren
    Abenteuer mit Ungeheuer

M U T E R T Ü C H T I G  U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Daniela Dreschers erstes Erzählbuch „Abenteuer mit Ungeheuer“ ist eine romantisch-poetisch gestimmte und gelungene Symbiose aus Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Märchen.

Piff, das Eichhörnchen, klopft aufgeregt an die Eingangstür zur Wurzelbehausung des Wichtels Tock und berichtet atemlos von einem schrecklichen Ungeheuer, das in der vergangenen Nacht rücksichtslos seine Eichelvorräte geklaut habe. Der weise Wichtel lädt Piff und den mitaufgeschreckten Maulwurf Eduard erst einmal zum ausgiebigen Frühstück ein, um in Ruhe die Einzelheiten aus dem Bericht des Eichhörnchens zu sortieren.

Tocks Haustür

Illustration von Daniela Drescher ©

Danach besichtigen die drei den „Tatort“, und sie müssen erkennen, daß wahrlich ein großes Wesen seine Wühlspuren hinterlassen hat. Tapfer fassen die kleinen Freunde den Entschluß, das diebische Ungeheuer zu verfolgen.

Waldweg am Tage

Illustration von Daniela Drescher ©

Das flinke Eichhörnchen hüpft die erste Wegstrecke locker zweimal ab, während sich Tock und Eduard mit ihren kurzen Beinchen über Stock und Stein und Kraut abmühen müssen. Ungeduldig treibt Piff die Freunde zur Eile an; aber schließlich wird auch er müde, und gemeinsam verbringen sie die erste Nacht im Walde.

Nachtwald

Illustration von Daniela Drescher ©

Die Verfolgung des Ungeheuers dauert länger, als sie sich zunächst gedacht haben. Nebenbei müssen sie sich noch mit Waldzauseln herumärgern, die das Prädikat „kleine Ungeheuer“ durchaus verdient hätten.

Waldzausel

Illustration von Daniela Drescher ©

(Anklicken vergrößert die Bildansicht)

Unterwegs treffen sie einen Dachs und ein Kaninchen, die beide ebenfalls von den ungeheuerlichen Spuren eines fremden Lebewesens erzählen, das offenbar auf dem Weg zum dunklen Weiher sei. Nun sinkt den Freunden der Mut, denn der Weiher des alten Wassermann-Königs gilt als sehr gefährlich, und kaum jemand hat es bisher gewagt, sich ihm zu nähern.

Während eines schrecklichen Gewitters finden sie Unterschlupf bei einem freundlichen Kräuterweiblein, der Waldgundel. Diese bewirtet sie köstlich und warmherzig und amüsiert sich still über die ganze Ungeheueraufregung und meint seelenruhig, es gebe kein Ungeheuer. Näher erläutert sie ihr geheimnisvolles Wissen zwar nicht, aber sie versorgt die drei kleinen Freunde großzügig mit Proviant und gibt ihnen ein verschnürtes Päckchen mit, das sie öffnen sollen, wenn sie es brauchen.

Waldgundelstube

Illustration von Daniela Drescher ©

Von einem Uhu bekommen sie die Information, daß das Ungeheuer sich ungehobelt im Schlamm gewälzt habe und inzwischen schon am dunklen Weiher angekommen sein müßte. Doch als sie schließlich den einsamen Weiher inmitten einer lieblichen Waldlichtung erreichen, sind sie überrascht, wie schön und friedlich und gar nicht dunkel es dort ist.

Piff ist sogleich wieder übermütig, fällt bei der Suche nach dem Ungeheuer ins Wasser und muß von seinen Freunden gerettet werden. Doch – oh Schreck! – da bittet noch jemand um Hilfe – und das ist das Ungeheuer, das im Uferschlamm feststeckt und eigentlich sogar sehr höflich – wenn auch etwas seltsam – spricht.

Piff ist mißtrauisch, Eduard hilfsbereit, und Tock packt flink und geistesgegenwärtig das Geschenk der Waldgundel aus: Eine kleine Flöte. Tock bläst in die Flöte, eine wunderschöne Melodie erklingt, und mit ihr taucht der Wassermann-König nebst Nixengefolge aus der Tiefe des Weihers auf. Der Wassermann-König schaut zunächst streng umher, wer ihn da in seiner Ruhe zu stören wage, aber er ist dennoch recht umgänglich. Die Besucher müssen sich der Reihe nach vorstellen und ihre Geschichte erzählen.

Das Ungeheuer nennt sich Lionel Wildschwein und kommt von weither … So erfahren die kleinen Helden, daß ihr Ungeheuer keinerlei feindliche oder böse Absichten hat, sondern einfach nur fremd in ihrem Wald ist und nicht wußte, daß es die Eichelvorräte von Piff gefressen hatte. Schließlich bieten sie dem einsamen Lionel aufrichtig ihre Freundschaft an und kehren gemeinsam zum Ausgangspunkt zurück, bereichert um die Erkenntnis, daß die meisten Ungeheuer nur in Gedanken und Vorstellungen ihr Unwesen treiben.

Wildschweinritt

Illustration von Daniela Drescher ©

Der feinsinnige Erzählton sowie die harmonisch begleitenden, atmosphärschen Bilder von Daniela Drescher offenbaren märchenhafte Vielschichtigkeit, eine detailliert-kenntnisreiche Liebe zur Natur und eine überaus warmherzige  Mitgeschöpflichkeit.

Zahlreiche einheimische, namentlich erwähnte sowie zeichnerisch dargestellte Pflanzen und Kräuter geben dem waldigen Abenteuer sinnliche Würze.

Akelei

Illustration von Daniela Drescher ©

Abenteuer mit Ungeheuer“ ist ein ideales Vorlesebuch, geschrieben und gemalt von einer Künstlerin, die weiß, wie eine Vorlesegeschichte für Kinder sinnvoll strukturiert sowie handlungs- und dialogdramaturgisch lebhaft inszeniert werden sollte.

Dazu gehört die gelungene Beziehungsdynamik zwischen dem sowohl innerlich wie äußerlich sprunghaften und wichtigtuerischen Eichhörnchen Piff, dem behäbig-verträumten, diplomatischen Maulwurf Eduard und dem besonnenen, fürsorglichen und tapferen Wichtel Tock. Auch die rituellen Wiederholungen, wie z.B. das allabendliche Pfeifchenpaffen von Tock, das in seiner Rauchwölkchenbildung die jeweiligen Tagesgeschehnisse reflektiert, sind für den Vorleserhythmus geradezu maßgeschneidert.

Sehr ansprechend sind zudem die gelegentlichen metafiktiven, ja, philosophischen Abzweigungen des Erzählverlaufs, in denen die Autorin aus dem Buch heraus ins wirkliche Leben greift, so wie in den nachfolgenden Zitaten:

„Er sah, dass es Tock sehr ernst damit war, und niemand, nicht einmal Piff, wagte es, dem Wichtelmann zu widersprechen. So wie man dem Weihnachtsmann nicht widerspricht, oder dem ersten Schnee, dem Frühlingssturm oder dem Duft der Pfefferminze.“
(Seite 21)

Eduards Seele war berührt vom Zauber des Wachsens. Denn wenn die Seele größer wird, wird man immer auch ein wenig traurig … Weißt du, was ich meine? Etwa so, wie sich das Wachsen deiner Knochen mit einem leisen Ziehen bemerkbar macht.“
(Seite 139)

 

Die Autorin & Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durch ihre Illustrationen weltweit bekannt, von den USA über ganz Europa bis China sind ihre Bücher in den Kinderzimmern zu Hause. Neben ihren eigenen Bilderbüchern ha sie mehrere Klassiker der Weltliteratur illustriert und gestaltet die Kinderseite im Lebensmagazin a tempo. Abenteuer mit Ungeheuer ist ihr erstes erzählendes Kinderbuch, das sie selbst geschrieben und illustriert hat.«
Mehr Informationen auf ihrer Webseite: http://www.danieladrescher.de

Querverweise:

Hier folgen die Links zu drei weiteren sehens- und lesenswerten Kinderbüchern mit Illustrationen von Daniela Drescher:

Die Wichtelreise  (Denys Watkins-Pitchford)
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/09/22/die-wichtelreise/

Ein Sommernachtstraum (William Shakespeare)
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/09/ein-sommernachtstraum/

Die kleine Elfe feiert Weihnachten (Text und Illustration von Daniela Drescher)
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/18/die-kleine-elfe-feiert-weihnachten/

Herr Eichhorn und der König des Waldes

  • BILDERBUCH
  • Text und Illustrationen von
  • Sebastian Meschenmoser
  • Thienemann Verlag Juli 2015           http://www.thienemann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 64 Seiten
  • 14,99 € (D), 15,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-522-43800-1
  • ab 4 Jahren
    Herr Eichhorn und der König des Waldes

D U F T N O T E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie freue ich mich über das Bilderbuchwiedersehen mit Herrn Eichhorn!
Denn ich bin schon seit dem ersten Band (HERR EICHHORN UND DER MOND https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/) unsterblich in Herrn Eichhorn verliebt.

Nun liegt der fünfte Band „Herr Eichhorn und der König des Waldes“ vor und becirct mich aufs neue mit dem naiven Charme seines Eichhornhauptdarstellers und den wunderbar naturbelassenen, lebendigen Zeichnungen von Sebastian Meschenmoser.

Herr Eichhorn und seine beiden besten Freunde, Igel und Bär, besuchen den alten Steinbock und lauschen ergriffen seiner Sage vom König des Waldes.

Der König des Waldes erscheine alle hundert Jahre nur einmal, er sei von tierischer Mischgestalt, könne den Körper eines Hirschen haben, den Kopf eines Fuchses, die Ohren vom Hasen. Seine Krone sei aus Laub, und der Morgenstern ziere sein weises Herz. „Was der König sagt, ist Recht und Gesetz.“ und sollte befolgt werden, weil es zu einem besseren Leben führe. Herr Eichhorn ist tief beeindruckt und träumt die ganze Nacht vom König.

 

Herr Eichhorn und der König des Waldes. NESTjpg(Anklicken vergößert die Ansicht)

Wenig später stromert ein kleiner Hund, ein Jack-Russel-Terrier, der zu kampierenden Ausflüglern gehört, durch Herrn Eichhorns Waldviertel. Er trägt ein Halsband mit einem deutlich sichtbaren Stern, und beim Herumwühlen im Unterholz haben sich zwei belaubte Zweige so in seinem Halsband verfangen, daß sie wie ein kleines Geweih hinter seinen Ohren hervorlugen. Wie es Hundeart ist, hebt er hier und da sein Bein und hinterläßt seine Duftmarke.

Dies macht er auch an Herrn Eichhorns Baumstamm. Da Eichhörnchen SEHR feine Nasen haben, erwacht Herr Eichhorn, klettert auf seinen Ausguckast und „erkennt“ staunend, daß anscheinend der König des Waldes erschienen ist. Ehrfürchtig verneigt er sich vor dem König und bittet um Anregungen für ein besseres Leben.

Der verspielte Hund führt nun anschaulich und zum Mitmachen vor, was für ihn erfüllende Tätigkeiten sind, und Herr Eichhorn sowie verschiedene weitere Waldbewohner buddeln eifrig Löcher, laufen im Kreis herum, kratzen sich an den Ohren und lassen sich darüber belehren, wie oberwichtig es ist, überall – besonders an seinem Wohnorte – seine Duftmarke zu hinterlassen. Danach verabschiedet sich der „König“, denn sein Mittagessen wartet.

Herr Eichhorn und der König des Waldes. Königsregelnjpg.(Anklicken vergrößert die Bilder)

Die Duftmarkenregel macht schnell die Runde, und alle Tiere halten sich an den Rat des Königs. Doch ein besseres Leben kommt durch diese neue Regel nicht in Sicht, im Gegenteil – der Wald beginnt zu stinken.

Herr Eichhorn hält sich dauernd die Nase zu und sehnt sich nach neuerlichem königlichen Rat, doch der ist ja erst in hundert Jahren fällig. Nach einem kräftigen Regenguß besinnen sich die Tiere des Waldes indes darauf, daß sie ganz gut auf eine solch zweifelhafte, königliche Lebensregel verzichten können.

Nun, da die Luft wieder gereinigt ist und es einfach nur angenehm nach Gras duftet, begreifen sie, daß sie schon JETZT ein schönes Leben haben und eigentlich gar kein Verbesserungsbedarf besteht.

Das ganz besondere Stilmerkmal Sebastian Meschenmosers ist seine zeichnerische Meisterschaft in der Wiedergabe der Körpersprache, Mimik und Physiognomie der dargestellten Tiere. Der gelungene Eindruck lebendiger Bewegung, die naturbelassene, dezente Farbgebung sowie die dynamische Choreographie von sparsamem Text und üppiger Bildwelt mit Texturen von Baumrinden, Flechten und Fell sind eine entdeckenswerte Augenweide.

Der skizzenhafte und doch detailverspielte, ja, an Naturstudien erinnernde Zeichenstil mit Blei- und Buntstift wird in diesem Band um drei Doppelseiten in Öltechnik ergänzt. Diese waldigen „Ölgemälde“ illustrieren die Sage vom „König des Waldes“ und sind eine absichtliche Anspielung auf die romantischen Waldansichten Caspar David Friedrichs.

In Respekt vor dem künstlerischen Schaffen Caspar David Friedrichs erschiene mir jedoch ein diesbezüglicher Hinweis im Buche angemessen. Bereits im zweiten Band HERR EICHHORN UND DER ERSTE SCHNEE gab es eine köstliche Anspielung auf das Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich.

Die Bilderbücher von Sebastian Meschenmoser eignen sich ebenso für kindliche wie für erwachsene Betrachter. Die kunsthistorischen Anspielungen sind keineswegs eine Überforderung für Kinder, sondern eine sanfte Hinführung zu alternativen künstlerischen Sichtweisen, die zumindest bei musisch veranlagten Kindern auf zusätzliche Resonanz treffen können. Auch für den Kunstunterricht in der Grundschule öffnen sich hier interessante gestalterische Spielräume, um die Bildsprache eines Malers „lesen“ zu lernen oder sich zu eigenen Bildvariationen anregen zu lassen.

Doch abgesehen von malstiltheoretischen Erwägungen ist „Herr Eichhorn und der König des Waldes“ eine heiter-nachdenkliche Geschichte, mit liebenswerten Tiercharakteren und witzigen Wendungen. Kurz: „Herr Eichhorn und der König des Waldes“ laden ein zu einem phantastisch-natürlichen Bilderbuch-Waldspaziergang, der viel Anlaß zum Schmunzeln gibt.

Mit seiner Doppelbegabung als Zeichner und Erzähler erschafft Sebastian Meschenmoser eine entzückend lebendige und warmherzige Symbiose aus Bild und Wort.

Herr Eichhorn und der König des Waldes.frische Luft.Alle Illustrationen  von Sebastian Meschenmoser ©.

Der Autor und Illustrator:

»Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte freie bildende Kunst in Mainz, lebt und arbeitet in Berlin. Mit „Fliegen lernen“ veröffentlichte er 2005 bei Esslinger sein erstes Bilderbuch, das sofort viel Beachtung fand. Sein zweites Buch, „Herr Eichhorn und der Mond“, der erste Band der erfolgreichen Reihe, wurde 2007 für den Jugendliteraturpreis nominiert. Inzwischen erschienen neun Bilderbuch-geschichten, zuletzt „Gordon und Tapir“, ebenfalls nominiert für den Jugendliteraturpreis 2015 in der Sparte Bilderbuch.«
Seine künstlerische Webseite: http://www.sebastian-meschenmoser.de/

Ein nettes Interview mit Sebastian Meschenmoser gibt es hier zu besichtigen:
http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/extras-events/geschichten-detail/im-gespraech-mit-kuenstler-sebastian-meschenmoser/

 

QUERVERWEISE auf die ersten vier Bände vom Herrn Eichhorn:

HERR EICHHORN UND DER MOND
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/

HERR EICHHORN UND DER ERSTE SCHNEE
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/21/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee/

HERR EICHHORN UND DER BESUCHER VOM BLAUEN PLANETEN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/28/herr-eichhorn-und-der-besucher-vom-blauen-planeten/

HERR EICHHORN WEISS DEN WEG ZUM GLÜCK
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/26/herr-eichhorn-weis-den-weg-zum-gluck/

Ein Märchen im Schnee

  • von Loek Koopmans
  • Bilderbuch
  • durchgehend farbig illustriert
  • gebunden, Fadenheftung
  • 24 Seiten
  • Format: 24 cm x 22 cm
  • 10. Auflage 2014            Verlag Freies Geistesleben     www.geistesleben.com
  • 12,90 €
  • ISBN 978-3-7725-1136-3
  • ab 2 Jahren
    Ein Märchen im Schnee

PLATZ  IST  IM  KLEINSTEN  HANDSCHUH

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Ein Märchen im Schnee“ basiert auf einem russischen Märchen und ist vom niederländischen Illustrator Loek Koopmans nacherzählt und nachgezeichnet worden.

Ein Holzfäller durchquert, begleitet von seinem kleinen Hund, den winterlichen Wald; unbemerkt verliert er einen bunten Wollhandschuh. Der erste Finder des Handschuhs ist ein kleines Mäuschen namens Eil-dich-flink, und genauso flink bezieht es den Handschuh als Winterquartier.

Langsam fängt es an zu schneien. Der Frosch Hinkebein kommt des Weges und fragt, ob er auch in das gemütliche Handschuhheim einziehen darf. Freundlich bittet das Mäuschen Eil-dich-flink den Frosch herein. Es schneit weiter, und ein Häschen namens Schnell-zu-Fuß bittet ebenfalls um Einlaß, und so geht es in einem fort: Es schneit und schneit, und nach und nach bitten ein Fuchs, ein Wildschwein und sogar ein Bär um Unterkunft in der Handschuh-WG.

Gemütlich kuscheln sich die sechs Tiere in dem wundersam dehnbaren Handschuh aneinander, bis der Holzfäller auf der Suche nach seinem Handschuh zurückkehrt und das schöne Märchen leider ein recht nüchternes Ende findet.

Die feinen, ausdrucksvollen Zeichnungen, die kühle Schneestimmung im Kontrast zur bunten Geborgenheit der Tiere in der Handschuhhöhle und der warmherzig-lustige Text: All dies macht „Ein Märchen im Schnee“ zum idealen Vorlesebilderbuch für die Winterjahreszeit.

Das Bedürfnis nach Schutz, Wärme und gemeinschaftlicher Verbundenheit ist gerade ganz kleinen Kindern besonders vertraut. Diese Lebensbedürfnisse am Beispiel tierischer Mitgeschöpfe darzustellen wird zudem Bestätigung und Ermunterung für die kindliche Empathie sein.

Die lustigen Namen der Tiere, die bei jeder erneuten Frage um Einlaß in den Handschuh aufgezählt werden, geben dem kindlichen Vorlesepublikum außerdem die willkommene Gelegenheit, selber die Namen der Tiere aufzusagen oder weitere zu erfinden.

 

Der Illustrator:

»Loek Koopmans ist ein bekannter Illustrator und lebt in Zwolle (Holland) Er wurde 1943 in Haarlem geboren. Seine Bilderbücher sind außer in Niederländisch auch mehrfach in Deutsch, Englisch und Japanisch erschienen. Er war mit seinen Arbeiten bei den berühmten Illustratoren-Ausstellungen in Belgrad, Bologna und Bratislava vertreten

Querverweis:

Wer gerne noch mehr SCHNEEGEFÜHLE kennenlernen möchte, dem sei nachdrücklich das feine Bilderbuch von Sebastian Meschenmoser: Herr Eichhorn und der erste Schnee“ ans Herz gelegt. Dort kann man sehen und staunen, in was sich Schneeflocken verwandeln können, wenn man noch nie welche gesehen hat.
Hier folgt der Link zur Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/21/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee

Der Bücherschnapp

  • Jeder braucht eine Gutenachtgeschichte
  • Bilderbuch von Helen Docherty (Text) und
  • Thomas Docherty (Illustration)
  • Deutsch von Dorothee Haentjes-Holländer
  • Ellermann Verlag, Januar 2014                   http://www.ellermann.de
  • gebunden, Format 25 x 27,5 cm
  • 32 Seiten
  • 12,95 €
  • ISBN 978-3-7707-4500-5
  • ab 4 Jahren
    9783770745005.jpg Der Bücherschnapp

BÜCHERGEBORGENHEIT  FÜR  ALLE

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der nächtliche Wald in diesem Bilderbuch wird erleuchtet von behaglichen Einblicken in vorbildliche Vorleseinterieurs: Hasen, Kaninchen, Dachse, Igel, Eulen, Mäuse und Eichhörnchen lesen ihren Kindern Gutenachtgeschichten vor, und in jeder Baum- oder Erdhöhle befindet sich ein gut- und buntbestücktes Bücherregal.

Jedoch wird die buchstäbliche Harmonie im Kaninchental empfindlich gestört, als ein geheimnisvoller Dieb nach und nach immer mehr Bücher stiehlt. Schon keimen Angst und Mißtrauen im waldigen Tal.

Elisa Braun, ein Hasenkind, beschließt, den Dieb zu fangen. Sie stapelt ein Büchertürmchen als Köder in ihrem Zimmer auf und legt sich herzklopfend auf die Lauer. Plötzlich hört sie Flügelschlagen und ein riesiger Schatten fällt durchs Fenster in ihre Wohnhöhle. Tapfer öffnet sie das Fenster und befiehlt dem Dieb, seine Beute herzugeben.

Eine überraschend piepsige Stimme antwortet und bittet um Verzeihung. Das Stimmchen gehört zu einem kleinen, geflügelten Tierchen mit großen Augen. Elisa hat Mitgefühl mit dem Bücherschnapp, und als dieser erklärt, er habe die Bücher nur gestohlen, weil er niemanden habe, der ihm etwas vorlese, kann sie ihn sogar verstehen.

Er sah so richtig traurig aus,
Elisa war beklommen.
Mit Eltern, die ihm vorlesen,
wär’s nicht so weit gekommen!“

Sie hilft dem Bücherschnapp, alle Bücher heimlich wieder zurückzugeben, erklärt am nächsten Morgen allen Tiernachbarn, daß der Bücherschnapp eigentlich ganz lieb sei und seinen Fehler einsehe. Natürlich kümmert sie sich auch darum, daß die Vorlesesehnsucht des kleinen Wesens erfüllt wird. Auf dem letzten Bild sehen wir den Bücherschnapp andächtig lauschend in der gemütlichen Vorleserunde bei Elisas Hasenfamilie sitzen.

In dieser Geschichte spielen die liebevoll-lebhaften Bilder eindeutig die Hauptrolle, und der sparsame, lustig gereimte Text unterstreicht die ohnehin aussagekräftigen Illustrationen. Die Reime sind zwar manchmal etwas holperig und stolperig, aber das beeinträchtigt nicht das lauschige Vergnügen geteilter Lese- und Vorleseerfahrung. Eben dieses Vorleseglück wird im „Bücherschnapp“ mit unwiderstehlicher Anziehungskraft in Szene gesetzt.

 

Die Autorin:

»Helen Docherty hat die meiste Zeit ihrer Kindheit damit verbracht, zu lesen oder ihre eigenen Bücher zu machen. Später studierte sie Spanisch und Französisch und verbrachte einige Jahre in Frankreich, Spanien, Kuba und Mexiko

Der Illustrator:

»Thomas Docherty hat in der Schule gar nicht gerne gelesen und geschrieben. Aber gezeichnet hat er schon immer gerne. Heute hat er selbst zwei Töchter und sorgt dafür, dass immer genügend Zeichenpapier im Haus ist

Herr Eichhorn und der Besucher vom blauen Planeten

  • Bilderbuch
  • Text und Illustration von Sebastian Meschenmoser
  • Esslinger Verlag 2012                       http://www.thienemann-esslinger.de
  • gebunden, Fadenheftung, Querformat 17 x 22 cm
  • 62 Seiten
  • ISBN 978-3-480-22883-6
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A), 14,90 sFr.
  • ab 4 Jahren
    Herr Eichhorn und der Besucher

U N B E K A N N T E    F L U G O B J E K T E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Im vierten Herr-Eichhorn-Band entwischen zwei leuchtend blaue Wellensittiche aus einer Orangerie und fliegen in den Wald. So kommt es, daß der Bär morgens aufwacht und ein unbekanntes und unheimlich-blaues Wesen auf seinem Kopf vorfindet. Der Bär flieht vorsichtshalber, aber das blaue Wesen verfolgt ihn beharrlich, und er kann es nur mit Mühe abhängen.

Der Bär sucht Rat bei Herrn Eichhorn, und sogleich geht die Eichhörnchenphantasie mit ihm durch: Das unbekannte Wesen kann nur von einem anderen Planeten stammen, wahrscheinlich ist es nicht allein gekommen, vielleicht würden sie den Bären entführen und in schreckliche „intergalaktische Schwierigkeiten“ bringen usw.

In Herrn Eichhorns Vorstellungen, die uns auf einigen ganz in schwarz-weiß gehaltenen Bilderbuchseiten präsentiert werden, wimmelt es von amüsanten Anspielungen auf bekannte Science-Fiction-Ikonen. Diese werden zwar wohl hauptsächlich von erwachsenen Lesern erkannt und zugeordnet werden können, aber das beeinträchtigt für kindliche Betrachter nicht das Verständnis der Geschichte.

Herr Eichhorn hat eine tollkühne Idee, um die Außerirdischen in die Irre zu führen. „Dazu musste der Bär sich einfach als Baum verkleiden und einen Baum als Bären.“

Gesagt getan – und schon liegen Herr Eichhorn, der getarnte Bär und der Igel auf der Lauer, um die Außerirdischen bei der Entführung des gefälschten Bären zu beobachten. Doch die unbekannten blauen Flugsubjekte lassen sich nicht täuschen.

Nun beschließen die drei Freunde, das Raumschiff zu suchen und zu verstecken. Sie finden auch wirklich ein unbekanntes, sehr blaues Objekt und tarnen es mit allerlei Grünzeug. Das angebliche Raumschiff ist das blaue Zelt eines Menschen, der im Wald campiert. Im Umfeld des Zeltes treffen wir übrigens auf alte Bekannte aus dem zweiten Band: Zahnbürste, Blechdose und Socken (siehe: „Herr Eichhorn und der erste Schnee“).

Doch die Außerirdischen durchschauen jeden Trick und geben ihre Bärenverfolgung nicht auf.

Voller Panik vor dem Unbekannten fliehen die Tiere auf einen Berg, wo der weise Bock wohnt. Auch dorthin folgen ihnen die blauen Wesen getreulich und zutraulich, und schließlich erkennen Herr Eichhorn, der Bär und die versammelten geflohenen Waldtiere, daß diese blauen Außerirdischen gar keine bösen Absichten haben. Die fremden blauen Wesen hatten bloß ihre Eier auf den Kopf des Bären gelegt und wollten sie dort ausbrüten.

Endlich können sich alle Tiere entspannt zurücklehnen und sich mit den komischen Vögeln anfreunden.

Die Illustrationen sowie der Erzähltext spiegeln einen warmherzigen Blick auf die Tiercharaktere und ihre „menschlichen“ Schwächen. Die heitere Auflösung der vorurteilsbeladenen Angst vor dem Fremdartigen führt zu einem angenehm lehrreichen Schluß.

Sebastian Meschenmoser ist seinem faszinierenden, naturbelassen-künstlerischen Zeichenstil treugeblieben. Besonders beeindruckend sind die Fell- und Gefiederzeichnung und die Wiedergabe der körpersprachlichen Gefühlsregungen der dargestellten Tiere. Der mimische und gestische Ausdruck ist humorvoll und lebhaft, und die Pflanzenwelt grünt und blüht gar sommerlich.

Alle fünf Herr-Eichhorn-Bilderbücher sprechen gleichermaßen zum kindlichen wie zum erwachsenen Betrachter und Leser. Für mich ist es ein Kennzeichen besonders guter Kinderbücher, daß sie über mehrere geistige „Abholebenen“ verfügen. Sebastian Meschenmoser ist dies mit allen vier Bänden herausragend gelungen. Ich lege sie Ihnen allerwärmstens ans Herz!

 

Der Illustrator und Autor:

»Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte freie bildende Kunst in Mainz. Mit „Fliegen lernen“ hat er 2005 bei Esslinger seinen Erstling veröffentlicht. Dieses ganz besondere Buch hat in den Medien und in der Buchbranche viel Beachtung gefunden. Die Illustrationen daraus wurden auf der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna als eine der innovativsten Neuerscheinungen präsentiert. 2006 erschien mit „Herr Eichhorn und der Mond“ das zweite Buch von Sebastian Meschenmoser, das ebenfalls große Begeisterung auslöste und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007, Sparte Bilderbuch, nominiert wurde.«

PS
Hier folgt der Link zum ersten Band von Herrn Eichhorn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/

und zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/21/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee/

sowie zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/26/herr-eichhorn-weiss-den-weg-zum-gluck/

und zum fünften Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/22/herr-eichhorn-und-der-konig-des-waldes/

Herr Eichhorn und der Mond

  • Bilderbuch
  • Text und Illustration von Sebastian Meschenmoser
  • Esslinger Verlag 2007                       http://www.thienemann-esslinger.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Querformat 17 x 22 cm
  • 48 Seiten
  • ISBN 978-3-480-22231-5
  • 9,95 € (D), 10.30 € (A), 14,90 sFr.
  • ab 4 Jahren
    Herr Eichhorn und der Mond

M O N D T H E A T E R

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Herr-Eichhorn-Bilderbücher von Sebastian Meschenmoser bieten überaus ansprechendes, köstlich-augenzwinkerndes Bilderbuchtheater für kleine und für große Leser bzw. Vorleser. „Herr Eichhorn und der Mond“ ist der erste Band einer Reihe von fünf Bilderbüchern mit dem putzigen Herrn Eichhorn, der von seinem Illustrator in einer – zum Niederknien – drolligen und zugleich natürlichen Art und Weise dargestellt wird.

Ein großer gelber Käseleib rutscht von einem Lieferwagen herunter und rollt die Alm hinab. Er „fliegt“ über einen Felsvorsprung und landet im darunterliegenden Wald – ausgerechnet auf einem Ast vor Herrn Eichhorns Baumhöhle. Herr Eichhorn schaut verschlafen auf das große runde Gelb und denkt, es sei der Mond.

Seine Verwunderung über den ungebetenen Mondbesuch wandelt sich in Sorge, daß man ihn des Monddiebstahls verdächtigen könnte, und schon malt sich Herr Eichhorn in düsteren Farben aus, wie er unschuldig im Gefängnis hockt und den schönen Mond nur noch durch Gitterstäbe betrachten kann.

Da hilft nur eines: Er muß den Mond unauffällig loswerden. Herr Eichhorn strengt sich deshalb mächtig an, den Mond wegzurollen, und schließlich bricht der Ast unter dem Gewicht des Mondes durch, und der gelbe Störenfried folgt der Schwerkraft.

Doch der Käsemond landet nicht auf dem Boden, sondern auf dem Rücken eines Igels. Herr Eichhorn und der Igel mühen sich vergeblich ab, um den Mond vom Igel zu trennen. Dabei werden sie von einem Bock beobachtet, der kurzentschlossen mit seinen Hörnern den Mond aufspießt. Im darauffolgenden Bock-Mond-Igel-Eichhörnchen-Gewühle rennt der Bock vor einen Baum und bleibt mit den Hörnern im Baumstamm stecken. Nun stecken alle, außer Herrn Eichhorn, fest. Herr Eichhorn hält Nachtwache und fragt sich, ob man den Mond wohl wieder reparieren könne.

Nach einer Weile kommt eine Schar Mäuse, die den Mond weitgehend abnagen und somit Bock und Igel befreien. Während die Mäuse mit dicken Bäuchlein ein kollektives Verdauungsschläfchen halten, rauft sich Herr Eichhorn verzweifelt sein Fell. Vom vollen Mond ist nur noch ein sichelförmiges Randstück erhalten geblieben, und Herr Eichhorn sieht sich schon mit Bock, Igel und Mäuseschar in einer Gefängniszelle hocken, und durch die Gitterstäbe fällt kein Fünkchen Mondlicht mehr…

Doch mit vereinten Kräften gelingt es den beteiligten Tieren, den Mond wieder in den Himmel zu schleudern. Andächtig schauen sie sich den himmlischen Sichelmond an, und Herr Eichhorn ist ganz zuversichtlich, daß sich der Mond bald wieder runden wird.

Herr Eichhorn und die anderen Tiere werden von Sebastian Meschenmoser wunderbar naturbelassen und mit ausdrucksvollem Gestus und „sprechender“, gefühlvoller Mimik gezeichnet. Die Farbgebung seiner Bilder ist nicht farbenfroh, sondern sehr dezent. Die Hauptattraktion seiner Zeichnungen ist nicht Farbe, sondern der Eindruck der lebendigen Bewegung und Körperlichkeit der dargestellten Tiere. Sebastian Meschenmoser muß ein sehr feiner und genauer Naturbetrachter sein.

Die Doppelseiten, auf denen Herr Eichhorn sich und seine tierischen Genossen zusammen mit einem Menschen in einer Gefängniszelle eingeschlossen sieht, sind ganz in Schwarzweiß gehalten. Damit grenzt der Autor und Zeichner die Szenen, die nur in Herrn Eichhorns Vorstellung stattfinden, von den wirklichen Szenen in der freien Natur ab.

In Sebastian Meschenmosers Bilderbuch gibt es mehrere Perspektivebenen: der natürliche Lebensraum des Waldes, die Vorstellungen und Ideen von Herrn Eichhorn, und ganz am Rande bzw. in der Kulisse und als Requisitengeber erscheinen Menschen, die jedoch vollkommen ahnungslos bei den Abenteuern der Tiere mitwirken.

 

Der Illustrator und Autor:

»Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte freie bildende Kunst in Mainz. Mit „Fliegen lernen“ hat er 2005 bei Esslinger seinen Erstling veröffentlicht. Dieses ganz besondere Buch hat in den Medien und in der Buchbranche viel Beachtung gefunden. Die Illustrationen daraus wurden auf der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna als eine der innovativsten Neuerscheinungen präsentiert. 2006 erschien mit „Herr Eichhorn und der Mond“ das zweite Buch von Sebastian Meschenmoser, das ebenfalls große Begeisterung auslöste und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007, Sparte Bilderbuch, nominiert wurde.«

PS
Hier folgt der Link zur Besprechung des zweiten Bandes vom Herrn Eichhorn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/21/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee/

und zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/26/herr-eichhorn-weiss-den-weg-zum-gluck/

und zum vierten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/28/herr-eichhorn-und-der-besucher-vom-blauen-planeten/

und zum fünften Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/22/herr-eichhorn-und-der-konig-des-waldes/

 

 

Der liebste Wolf der Welt

  • Bilderbuch
  • Text von Agnès Lestrade
  • Illustrationen von Constanza Bravo
  • Übersetzung aus dem Französischen von Marcel Glück
  • Hanser Verlag  2008                                http://www.hanser.de
  • Format: 21 x 26 cm
  • 32 Seiten, 12,90 €
  • ab 5 Jahren
    Der liebste Wolf der Welt

DER  WOLF  IM  GEMÜSEPELZ   

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Wolf will seinen Speiseplan abwechslungsreicher gestalten, er mag sich nicht mehr so einseitig von Kaninchen und Maulwürfen ernähren, er hat Appetit auf Menschenfleisch. Also zieht er vom Wald in die Stadt, und dort läuft ihm auch gleich ein wohlgenährtes Mädchen über den Weg.

Doch anstatt sich, gelähmt vor Schreck, fressen zu lassen, hält ihm das vorwitzige Mädchen einen Vortrag über Ernährung, ungesundes tierisches Eiweiß und Blutfettwerte sowie über die Gesundheitskraft von Gemüse.

Nun ist der Wolf  fast gelähmt vor Schreck und läßt sich dazu überreden, die Großmutter des Mädchens zu besuchen, die den „schönsten Gemüsegarten weit und breit“  besitzt. Außerdem, so denkt sich der Wolf, könnte er ja das Kind und die Großmutter auffressen, falls das mit dem Gemüseessen nicht funktionieren sollte.

Nach ein paar vegetarischen Tagen nennt ihn das Mädchen den „liebsten Wolf der Welt“. Doch die viele Gartenarbeit, die er für die Großmutter verrichtet, macht ihn ganz schön hungrig, und obwohl die großmütterlichen Gemüsespeisen sehr lecker sind, sättigen sie den Wolfshunger nicht.

Eines Nachts kann er sich nicht mehr beherrschen und frißt alle Kaninchen aus dem Kaninchenstall, in der folgenden Nacht sind die Hühner aus dem Hühnerstall dran, und schließlich will er auch das wohlgenährte Mädchen verspeisen, aber dieses überlistet ihn dermaßen, daß er wieder in den Wald zurückkehrt und die Menschen endgültig satt hat.

„Der liebste Wolf der Welt“ ist eine pfiffige, ernährungslehrreiche Abwandlung des Märchens vom Rotkäppchen.

Die Illustrationen von Constanza Brava spiegeln den augenzwinkernden, ironischen Tonfall der Geschichte durch schräge Perspektiven, ungewöhnliche Proportionen und plakatives Mienenspiel.

Und die Moral von der Geschicht‘:  Der Wolf läßt sich vielleicht zähmen, aber der Wolfshunger nicht!

Die Autorin:

»Die Schweizerin Agnès de Lestrade, wurde früh zum Geschichtenerzählen inspiriert – von ihrer Großmutter, die ihr gern die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf erzählte.«

Die Illustratorin:

» Constanza Bravo, ist Schweizerin chilenischer Abstammung und studierte an der Hochschule für bildende Künste in Genf, wo sie heute als freie Künstlerin und Illustratorin lebt.«