Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet

  • Die 100 häufigsten Fragen und Antworten
  • von Sylvia Harke
  • Verlag Via Nova     März 2016  www.verlag-vianova.de
  • kartoniert
  • 286 Seiten
  • Format: 15,5 x 22 cm
  • 18,95 € (D), 19,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86616-356-0

ENDLICH  HOCHGESCHÄTZT: HOCHSENSIBILTÄT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zum Thema Hochsensibilität gibt es noch reichlich aufklärerischen Bedarf, sowohl für Menschen, die mit dieser neurologisch bedingten Gabe ausgestattet sind, als auch für die sogenannten Normalsensiblen – schließlich müssen wir alle miteinander auskommen, und gegenseitiges Verständnis ist hilfreich, erleichtert die Kommunikation und das Zusammenleben.

Hochsensibilität ist nicht ansteckend, denn sie ist keineswegs eine Krankheit, Neurose oder Heulsusigkeit, sondern ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das bei ungefähr 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung auftritt. Hochsensible Menschen HABEN nicht Hochsensibilität, sondern sie SIND hochsensibel!

Hochsensible verfügen über eine sehr differenzierte Wahrnehmung und ausgeprägte Empathie. Sie denken in größeren Zusammenhängen, sie neigen zu Reflexion, zu Verantwortungsbewußtsein und Sorgfalt, zu schöngeistigen Interessen und zu Naturverbundenheit. Meist sind sie empfindsame Idealisten, denen Wettbewerbs-mentalität fremd ist und die Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitssinn wertschätzen. Tiefsinnige Gespräche und Qualitätsbeziehungen liegen ihnen deutlich näher als oberflächlicher „Smalltalk“ und flüchtige Bekanntschaften.

Oft interessieren sie sich schon in der Kindheit für metaphysische und philosophische Fragen und haben Freude an künstlerischem Selbstausdruck. Phantasie, Intuition und Selbstgenügsamkeit sind vertraute und zuverlässige Begleiter hochsensibler Menschen, sofern man ihnen diese Begabungen nicht „aberzieht“.

Die kognitive und sensorische Wahrnehmung ist bei Hochsensiblen intensiver und detailreicher. Dies führt einerseits zu einer wesentlich tieferen und komplexeren neurologischen Informationsverarbeitung und zu einem sehr guten Gedächtnis; andererseits ist der Punkt der Reizüberflutung schneller erreicht. Daher rührt u.a. die Abneigung Hochsensibler gegenüber Lärm, Hektik, Menschenmassen und Gewalt (etwa Gewaltszenen in Filmen und Büchern).

Wenn alle  Erfahrungen einen langen und nachhaltigen, emotionalen Nachgeschmack hinterlassen, ist es ratsam, die Reizmenge zu dosieren und für ausreichenden Entspannungsausgleich zu sorgen.  Die kommerzialisierte, laute, naturentfremdete, stumpfherzige und konkurrenzbetonte neoliberale Arbeits- und Lebenswelt ist für Hochsensible besonders belastend. Es gelingt nicht jedem, sich gegenüber ungesunden Normierungen abzugrenzen, und die Anpassung an wesensfremde Bedingungen kann auf die Dauer zu Chronischer Erschöpfung, Depression und Burn-out führen.

Das vorliegende Buch bietet eine eingängige Einführung in die Hochsensibilität und gibt gezielt und komprimiert Antwort auf 100 Einzelfragen. Die Fragen sind nach sinnvollen Oberbegriffen geordnet und erlauben ein direktes Nachschlagen bei den Themen, die den jeweiligen Leser besonders ansprechen. Es werden die Lebensbereiche Beruf, Partnerschaft, Kindheit, Streßverarbeitung, Gesundheit, Gesellschaft und Spiritualität aufgegriffen. Jedes Kapitel klingt mit einer Liste konstruktiver Affirmationen aus.

Im Kapitel „Hochsensible und ihr Gefühlsleben“ findet sich zudem eine bemerkenswert klare und einleuchtende tabellarische Darstellung der wissenswerten Unterschiede zwischen emotionaler Intensität (Hochsensibilität) und emotionaler Instabilität (Bipolare Störung, Borderline, Folgen komplexer Traumatisierungen und anderer Persönlichkeitsstörungen).

Im Kapitel „Hochsensible Kinder“ listet eine ebenfalls sehr stringente tabellarische Darstellung die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ADHS und Hochsensibilität auf. Dies sind wichtige Informationen, die ein Kind vor Fehldiagnosen bewahren können.

Dieses Buch entstand als Fortsetzung zu Sylvia Harkes erstem Buch „Hochsensibel – Was tun?“ (erschienen 2014 beim Verlag Via Nova:
https://www.verlag-vianova.de/hochsensibel-was-tun.html).

Die Autorin hat die vielen neuen und zum Teil auch provokanten Fragen zum Thema Hochsensibilität, die im Verlauf ihrer Seminar– und Vortragstätigkeit an sie gestellt wurden, gesammelt und im vorliegenden, sehr praxisbezogenen Buch schlüssig und lösungsorientiert beantwortet.

„Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet“ informiert umfassend über das Phänomen der Hochsensibilität, erklärt kompetent viele Detailfragen und erfreut durch lebensnahe Anregungen zum konstruktiven Umgang mit feinfühligen „Antennen“ und filterloser Wahrnehmung. Die Autorin ermutigt Hochsensible zu Selbsterkenntnis und zur Selbstwertschätzung ihrer hochsensiblen Eigenschaften sowie zur Selbstrücksichtnahme auf die persönlichen, empfindsamen Bedürfnisse.

Hochsensibilität birgt ein reiches Bündel achtsamer, empathischer, harmonisierender, idealistischer, kommunikativer, musischer, sozialkompetenter und zwischen- menschlicher Fähigkeiten, die für jede Gesellschaft bereichernd und im Idealfall wegweisend sind.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.verlag-vianova.de/hochsensibel-ist-mehr-als-zartbesaitet.html

Die Autorin:

»Sylvia Harke ist Diplom-Psychologin und selbst hochsensibel. Sie lebt in Süddeutschland und gründete mit ihrem Mann Arno die hsp academy. Gemeinsam halten sie Vorträge und Seminare zur Hochsensibilität. Die Autorin ist Expertin in den Bereichen HSP Coaching, Kreativitätsförderung und Kinderpsychologie.«
mehr unter: www.hsp-academy.de

Querverweis:

Ein weiteres leselohnendes Buch über Hochsensibilität habe ich voriges Jahr rezensiert.
»Hochsensibel. Wie Sie Ihre Stärken erkennen und Ihr wirkliches Potenzial entfalten«
von Eliane Reichardt: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/20/hochsensibel/
Das Thema hat SEHR große Publikumsresonanz und einen ellenlangen Kommentarschweif (da fanden sich viele Hochsensible) ausgelöst …

Musikalischer Querverweis:

Die Stuttgarter Sängerin und Liedermacherin Rebekka Adam kann sogar ein Lied von Hochsensibilität singen: https://beckyadam.wordpress.com/2013/10/17/13/

Weiterführende Webseiten zur Hochsensibilität:

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität,
IFHS e.V. in Deutschland, Österreich und der Schweiz:
www.hochsensibel.org
www.zartbesaitet.net
www.ifhs.ch

(Berufs-)verband pro Sensitivität und Empathie im Beruf,  VSEB e.V.: www.vseb.org

Hilfe für hochsensible Kinder und Jugendliche: www.hochsensiblehilfe.de

Wer gerne wissen möchte, ob er hochsensibel ist, kann den nachfolgenden kleinen Test absolvieren. HSP-Test-Fragebogen: http://www.zartbesaitet.net/survey/site.php?a=su_onepage&su_id=1

Wer mag, kann mir seine hochsensible Punktezahl in der Kommentarsektion kundtun.
Ich habe 282 ……………………………………………………………………………………………………………………….

 

 

 

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Der Sommernachtsball

  • von Stella Gibbons
  • Aus dem Englischen von Gertrud Wittich
  • DEUTSCHE  ERSTAUSGABE
  • Originaltitel: »Nightingale Wood«
  • MANHATTAN Verlag  2013      http://www.manhattan-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 558 Seiten
  • 18,99 € (D),  19,60 € (A),   25,90  sFr.
  • ISBN 978-3-442-5426-5
    Der Sommernachtsball von Stella Gibbons

WER   KRIEGT   WEN   UND   WARUM

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 Der Sommernachtsball“ von Stella Gibbons ist eine vergnügliche Lektüre mit gleichwohl nachdenklichen Seiten. Die englische Originalausgabe erschien in den 1930er-Jahren; bei der nun vorliegenden Übersetzung von Gertrud Wittich handelt es sich um die deutsche Erstausgabe. Vordergründig bekommen wir hier eine Aschenputtelvariante zu lesen:

Liebliches armes Frauchen begegnet auf einem Wohltätigkeits-Sommernachtsball dem begehrtesten, reichsten und charmantesten Männchen, sie tanzen miteinander und fühlen sich zueinander hingezogen. Einen Ball bzw. ein ländliches Gartenfest später kommt es zu einvernehmlichen, heimlichen Küssen.

Ein lästiges Hindernis ist die Tatsache, daß der Herr des Herzens bereits mit einer anderen verlobt ist, aber solche Besitzansprüche lassen dennoch genug Raum für Liebesträume. Nach umfänglichem Herzeleid, Ungewißheiten, Sehnsuchtszerreißproben, Tränen, Mißverständnissen, Gewissensfragen und rettenden Wahre-Liebe-Antworten unter dramatischen Begleitumständen wird wunderschön und mit dem standesübergreifenden Segen von Groß- und Kleinbürgertum geheiratet.

In Stella Gibbons Roman ist das Aschenputtelthema die ROMANtische Verpackung für eine scharfsinnige, selbstironisch-sozialkritische Darstellung zwischenmenschlicher Stärken und Schwächen. Die Charaktere werden uns geschminkt und ungeschminkt vorgeführt. Es bleibt uns nichts erspart: keine Dummheit, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, keine männlichen und weiblichen Klischees, aber auch keine echte Herzensöffnung. Die Entwicklung der Figuren bekommt dadurch eine angenehm-desillusionierende, amüsante und zeitlose Glaubwürdigkeit.

Die Einblicke in die hintersten Hinterstübchen ihrer Gedanken (Seite 44) gehören zu den psychologischen Stilmitteln, die diesem Roman einen besonderen und augenzwinkernd- bissigen Reiz verleihen.

Klassenunterschiede bei den Damen werden z.B. durch die Erwähnung der Preisklasse ihrer Gesichtscremes illustriert, was einer anschaulichen und treffenden, sozialbuchhalterischen Bestandsaufnahme gesellschaftlicher und finanzieller Verhältnisse gleichkommt.

Das Aschenputtel, die junge, frisch verwitwete und verarmte Viola Withers, ist auf die Gnade ihrer Schwiegereltern angewiesen. Diese leben zusammen mit zwei überreifen, unverheirateten Töchtern auf einem ländlichen Anwesen in Essex. Der Hausherr ist gehoben-mittelständisch wohlhabend, aber geizig, sein Horizont eher kleinkariert:
„Elf Gänseblümchen, elf unordentliche Gänseblümchen, wuchsen noch immer illegal auf seinem Rasen.“
(Seite 34/35)

Die Schwiegertochter wird im Witherschen Haushalt aufgenommen und mit durchgefüttert, aber wirklich willkommen ist sie nicht. Schon die Entscheidung des verstorbenen Sohnes, eine „kleine Verkäuferin“ zu heiraten, war den Schwiegereltern unbegreiflich und peinlich; und man unterstellte Viola unmoralische Verführungskünste und parasitäre Absichten.

Die beiden Schwägerinnen verkörpern unterschiedliche Frauentypen: Madge ist der sportlich-robuste Kumpeltyp; ihr Sehnen gilt einem eigenen Hund und dessen Erziehung. Tina ist der zarte, empfindsam-nachdenkliche Frauentyp; sie sehnt sich nach Liebeserfüllung, und sie ist das einzige Familienmitglied, das sich über den Einzug von Viola freut.

Saxon ist der Chauffeur und Gärtner der Withers und der ehrgeizigste, schönste und sympathischste Mann im ganzen Roman.

Aschenputtels Prinz, der attraktive und elegante Victor Spring, entspringt der reichsten und geldadeligsten Familie der Gegend und wohnt – wenn er nicht gerade geschäftlich in London unterwegs ist  –  auf dem benachbarten und deutlich luxuriöseren Anwesen.

Dort leben außer ihm noch seine verwitwete Mutter, die nur hübsches Personal beschäftigt, um ihre Stimmung täglich aufzuhellen, und seine Cousine Hetty, die von den gedankenlosen Vergnügungen ihrer reichen Familie angeödet ist. Cousine Hetty  zieht die Gesellschaft von Büchern der Gesellschaft von Menschen vor, und sie liest lieber über Gefühle, als selbst wirkliche Gefühle zu spüren oder Zeuge von Gefühlsausbrüchen anderer Menschen zu werden.

Phyllis Barlow, die elegante, stilsichere und verwöhnte Verlobte Victor Springs, tanzt von Vergnügen zu Vergnügen und läßt Männer im allgemeinen und Victor Spring im besonderen nach ihrer Pfeife tanzen.

Viola-Aschenputtel-Withers ist jung und schön, aber im Gegensatz zu Phyllis Barlow stilunsicher, warmherzig, intellektuell eher schlicht – ja einfach ganz naiv-romantisch und aufrichtig.

Eine wichtige Nebenfigur ist der alte, rücksichtslos-unbekümmerte Landstreicher Dick Falger, der die Aufgabe  erfüllt, unaussprechliche Geheimnisse lautstark auszusprechen. Denn Viola ist nicht die einzige, die sich Liebesskandale und unstandesgemäße Lebensformen leistet. Parallel zu Violas Liebesdrama reift die Liebesgeschichte von Tina und Saxon, ein willkommener Tratschstoff im ansonsten ereignislosen Landleben.

Zum allseitigen Happy-End gibt es eine feierliche Märchenhochzeit, die der Autorin als Kulisse dient, um alle Figuren und Hochzeitsgäste noch einmal Revue passieren zu lassen und den zukünftigen Fortgang der familiären Beziehungen im Zeitraffer weiterzuerzählen.

Das snobistische Schlußwort überlasse ich gerne Lady Dovewood :

„Was für ein nettes Mädchen, diese Viola, nicht aus der obersten Schublade, natürlich, aber was kann man heutzutage schon erwarten…“  (Seite 540)

Die Autorin:

»Stella Dorothea Gibbons, 1902 in London geboren und 1989 in London verstorben, besuchte die North London Collegiate School und studierte Journalismus am University College in London. Sie arbeitete für diverse Zeitungen und Zeitschriften, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Ihre erste Veröffentlichung im Jahr 1930 war eine Gedichtsammlung unter dem Titel »The Mountain Beast«. 1932 erschien ihr erster und zugleich bekanntester Roman »Cold Comfort Farm«.
1938 erschien  »Der Sommernachtsball«  unter dem Originaltitel »Nightingale Wood«.«

Hier folgt der Link zur Verlagswebseite:
http://www.randomhouse.de/Buch/Der-Sommernachtsball/Stella-Gibbons/Manhattan-Hardcover/e422796.rhd

Delirium

  • (amor deliria nervosa)
  • Band 1 der AMOR-Trilogie
  • von Lauren Oliver
  • Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
  • Carlsen Verlag 2011                               http://www.carlsen.de
  • 978-3-551-58232-4
  • 409 Seiten, 18,90 €
  • Taschenbuchausgabe, März 2013
  • 978-3-551-31200-6
  • 8,99 €
  • ab 14 Jahren
    9783551582324

STAATSFEIND  NUMMER 1: LIEBE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Lena lebt in einer äußerst restriktiven Gesellschaft, in der Liebe als ansteckende und tödlich endende Krankheit definiert wird. Dementsprechend werden alle Menschen durch einen neurologischen Eingriff gegen diese die gesellschaftliche Stabilität und Volksgesundheit gefährdende Krankheit immunisiert.

Klassiker der Weltliteratur wie z. B. „Romeo und Julia“ sind schulische Pflichtlektüre im Fach Gesundheitslehre, um vor den Gefahren und tödlichen Folgen unkontrollierter Emotionen zu warnen. In den Schulen herrscht strikte Geschlechtertrennung, um einem Aufkeimen der Krankheit „ Amor deliria nervosa“ so wenig Gelegenheit wie nur möglich zu geben. Die neurologische Operation, die vor der Liebe schützen soll, kann frühestens mit achtzehn Jahren erfolgen, und somit gelten alle Kinder und Jugendlichen als Ungeheilte, die des besonderen Schutzes und der besonderen Kontrolle bedürfen.

Es gibt jedoch Menschen, bei denen der Eingriff nicht funktioniert und die nach wie vor ein lebendiges Gefühlsspektrum zur Verfügung haben. Wenn es ihnen nicht gelingt, ihre Gefühle zu verbergen, werden sie entweder erneut zwangsoperiert oder, in unheilbaren Fällen, in sogenannte Grüfte weggesperrt. So wurde Lenas Mutter von einer Patrouille dabei beobachtet, wie sie über einem Foto ihres verstorbenen Mannes weinte. Angeblich zog sie den Freitod der Gefangenschaft und Unterdrückung vor.

Das ist der Grund, warum Lenas sozialer Status besonders verletzlich ist, allein ihre Herkunft und genetische Mitgift machen sie verdächtig. Wäre Lena nicht von ihrer Tante aufgenommen worden, müßte sie in einem staatlichen Waisenhaus leben; für diese Rettung vor dem endgültigen sozialen Abstieg ist sie dankbar.

Die amerikanische Küstenstadt, in der Lena lebt, ist von einem bewachten hohen Elektrozaun umgeben, der die Stadt von der Wildnis abgrenzt. In dieser Wildnis leben noch Menschen, die nicht gegen Liebe bzw.  „Amor diliria nervosa“ immun sind und die das von der Gesellschaft verordnete  „Heilmittel“  ablehnen. Offenbar gab es vor der Errichtung des Schutzzaunes eine Massenflucht von Menschen, die der Liebe treu bleiben wollten. Diese „Wilden“ gelten als Staatsfeinde und werden abfällig als „Invalide“  bezeichnet.

Auch bei den „geheilten“  Mitgliedern der Gesellschaft gibt es noch „ Sympathisanten“ der Liebe. Wobei in der Bezeichnung Sympathisant eine unfreiwillige Selbstironie des liebesfeindlichen Systems liegt, denn die Vertreter und insbesondere die exekutiven Vertreter dieser Gesellschaftsordnung sind ausgesprochen unsympathisch und zeigen im harmlosesten Fall einfach keine Empathie und im schlimmsten Fall ausdrücklichen Sadismus.

Es gibt sehr grausame Strafen, Umerziehungsmaßnahmen, Sperrstunden, Kontrollen, Razzien und den gebührenfreien Deliria-Präventionsnotruf: eine Einladung zur Denunziation von Personen, die angeblich Symptome der „Amor deliria nervosa“  zeigen.

Die Geschichte beginnt 95 Tage vor Lenas Immunisierungseingriff. Lena geht auf dem Weg zum Prüfungslabor mit ihrer Tante noch einmal die einstudierten Antworten für das Evaluierungsgutachten durch. Diese Gesinnungsprüfung und peinliche Begutachtung, bei der die Prüflinge, nur mit einem durchsichtigen Plastikkittel bekleidet, befragt, betrachtet und nach einem Punktesystem bewertet werden, hat entscheidenden Einfluß auf die zukünftigen beruflichen Möglichkeiten und die Zuordnung eines passenden Ehepartners. Die Gutachter entscheiden sogar darüber, wieviele Kinder ein Paar zu bekommen hat.

„Wir werden erwachsen sein, geheilt, markiert, etikettiert, identifiziert, mit einem Partner versehen und ordentlich auf unseren Lebensweg gesetzt, perfekte runde Murmeln, die in gleichmäßigen, gespurten Bahnen rollen.“

Während Lenas Befragung kommt es zu einer Störung: Plötzlich rennt eine Herde panischer Kühe durch die Laborräume, Lena rettet sich hinter einen OP-Tisch, die Kühe knabbern die Notizen der Gutachter an, und im allgemeinen Chaos bemerkt nur Lena den unbekannten Jungen, der von der Tribüne aus amüsiert diesen Sabotageakt beobachtet und ihr zuzwinkert.

Am  nächsten Tag bespricht Lena mit Hana, ihrer besten und einzigen Freundin, den Vorfall im Labor. In den offiziellen Nachrichten  ist von einem Lieferfehler die Rede. Hana, die eigenwilliger und rebellischer ist als Lena, macht sich über die offizielle Erklärung lustig. Sie erwartet  keineswegs sehnlich den bevorstehenden Immunisierungseingriff, sondern hinterfragt ihn kritisch.

Lena, die sich bemüht, alle Regeln zu befolgen und nicht negativ aufzufallen, reagiert ängstlich und abwehrend auf Hanas Freiheitsverlangen. Als Hana auch noch von einer ganzen Subkultur berichtet, wo sich Mädchen und Jungen heimlich an entlegenen Orten zu Konzerten und Tanz treffen und unkontrolliert begegnen, fühlt sich Lena einsamer als je zuvor.

Verwirrt und widerwillig folgt Lena Hana zu einer solchen Veranstaltung und ist schon allein durch die ungewohnt emotionale  – und natürlich verbotene – Musik,  die sie dort zu hören bekommt, so aufgewühlt, daß sie gleich wieder fortgehen will. Doch dann trifft sie den geheimnisvollen und anziehenden Jungen aus dem Labor wieder. Sie kommen ins Gespräch, tanzen sogar miteinander, und Lena zeigt erste Anzeichen von „Amor deliria  nervosa“ 

Es dauert eine Weile,  bis sich Lena von dem indoktrinierten Glauben an die Krankhaftigkeit der Liebe und der damit verbundenen körperlichen Symptome freimachen kann. Doch schließlich entwickelt sich, trotz der widrigen Umstände, eine schöne, gefühlvolle – allerdings auch tragische – Liebesgeschichte.

Ob dieses vorläufig tragische Ende eine positive Wende nehmen wird, erlesen wir dann hoffentlich in der Fortsetzung…

Lauren Oliver beschreibt sehr anrührend, wie Lena sich von den inneren und äußeren Verboten, Vorschriften und Vorurteilen emanzipiert und – nach anfänglichem Zögern und verständlicher Unsicherheit – ihrem  Herzen folgt und lernt, ihren Gefühlen zu trauen.

 „Sie können Mauern bis zum Himmel bauen, und ich werde doch darüber hinwegfliegen. Sie können mich mit hunderttausend Armen festhalten, und ich werde mich doch wehren. Und es gibt viele von uns da draußen, mehr als ihr denkt. Menschen, die in einer Welt ohne Mauern leben und lieben. Menschen, die gegen Gleichgültigkeit und Zurückweisung anlieben, aller Vernunft zum Trotz und ohne Angst.“

Auch in ihrem zweiten Jugendroman erweist sich Lauren Oliver als eine überzeugende und leidenschaftliche Anwältin der Liebe.

Querverweis:

Hier entlang zur Rezension des ersten Jugendromans von Lauren Oliver:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/wenn-du-stirbst-zieht-dein-ganzes-leben-an-dir-bei-sagen-sie/

Und hier geht es zur Fortsetzung von Delirium:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/24/pandemonium/ von


Die Autorin:

»Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Lauren Oliver lebt in Brooklyn.«