Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen

  • Kinderbuch
  • Illustrationen: Marc Boutavant
  • Text: Toon Tellegen
  • Übersetzung aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
  • Carl Hanser Verlag 2015 www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden,  Fadenheftung
  • Format: 19 x 27 cm
  • 80 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-446-24677-5
  • ab 6 Jahren zum Selbsterlesen
  • ab 4 Jahren zum Vorlesen
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MUT  ZUR  WUT

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wut hat viele Gesichter und Ausdrucksformen, einige davon werden in den zwölf Geschichten des Bilderbuches „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ anschaulich vorgeführt.

Da können sich Käfer und Regenwurm nicht darüber einigen, wer von ihnen am wütendsten ist, und geraten darüber so richtig feurig-wetteifernd in Rage. Doch nachdem sie sich ausgetobt haben, können sie sich auch wieder miteinander vertragen.

Die Grille nimmt beim Käfer Nachhilfeunterricht im Wütendsein. Sie lernt den intensiv funkelnden Blick, die passende Mimik und Körperhaltung, aber sie kann sich einfach keine bösen Gedanken ausdenken. Schließlich provoziert der Käfer die Grille, indem er sie und ihr Grillenzirpen als häßlich bezeichnet. Da wird die Grille wirklich wütend und verpaßt dem Käfer eine Ohrfeige, die ihn umwirft. Freundlich hilft die Grille dem Käfer wieder auf, denn ihre bösen Gedanken sind schon wieder verflogen, und sie ist nicht nachtragend. Allerdings ist jetzt der Käfer beleidigt …

Der Elefant ist wütend auf sich selbst, weil er bei seinem Konflikt zwischen Gefühl und Verstand eine schmerzliche Erfahrung – wider besseres Wissen – wiederholt …

Der Igel hingegen wundert sich, daß er das Gefühl der Wut noch nie selbst empfunden hat und es nur aus der Beobachtung anderer Tiere kennt …

Der Klippschliefer ist wütend auf die Sonne, die jeden Abend untergeht und nicht wenigstens einmal für den Klippschliefer eine Ausnahme macht. Doch egal wie sehr er tobt und schimpft: Die Sonne macht, was sie will, und kümmert sich nicht um den Wunsch des Klippschliefers. Ja, wahrscheinlich hört sie ihm noch nicht einmal zu, gleichgültig wie böse er auf sie wird …

Das Eichhörnchen läßt sich von den Unverschämtheiten der wütenden Spitzmaus nicht zu einer Wutreaktion verleiten. Trotz der heftigen Wortattacken und Beleidigungen bleibt es  gelassen, was die Spitzmaus zum enttäuschten Rückzug veranlaßt.

Nilpferd und Nashorn begegnen sich auf einem schmalen Weg, und keines von beiden will ausweichen und den anderen vorbeilassen. Nachdem sie drohend klargestellt haben, daß keines von ihnen nachzugeben bereit ist, setzen sie sich erst einmal hin und schweigen. Dann teilen sie ihren Proviant, schließlich tanzen sie sogar miteinander, und am Abend verabschieden sie sich freundlich und versprechen sich gegenseitig gutgelaunt, einander beim nächsten Treffen auf keinen Fall aus dem Wege zu gehen.

Der Krebs kommt mit einem Musterkoffer voller Wut zur Maus ins Maleratelier und bietet seine Ware an. Die Maus entgegnet, daß sie ganz gut von alleine wütend sein könne, wenn sie das wolle, aber sie läßt sich dennoch das ganze Sortiment zeigen: „leichte, hellrote Wut, runzliger grauer Ärger, grünlicher Zorn und schneeweiße Raserei“.

Ganz unten im Koffer zieht etwas Hellblaues die Aufmerksamkeit der Maus auf sich. Das sei Wehmut, sagt der Krebs, und diese sei eigentlich unverkäuflich. Die Wehmut schaut aus wie ein halbdurchsichtiger Schal, und den wickelt sich die Maus um den kleinen Hals, und schon sagt sie seufzend „Ach…“

Die Ameise erklärt der wütenden Kröte, was sie mit ihrer Wut machen könne. Sie könne die Wut wegpusten, begraben, vergessen, aufessen, ins Meer werfen, sie wegsingen, übermalen, mit ihr tanzen, aber sie könne sie auch hegen und pflegen – doch am besten würfe sie die Wut einfach weg. Also wirft die Kröte die Wut weg, und danach unterhalten sich die beiden über die Zufriedenheit, mit der man nämlich „nie etwas tun müsste.

Die in diesem Kinderbuch versammelten Wutepisoden zeigen, daß Wut (oder sogenannte böse Gefühle und Gedanken) zum Empfindungsspektrum des Daseins gehören. Die vorgestellten Wutszenarien sind nicht todernst, sondern lustig, selbstironisch und leise philosophisch. Die Wut ist keine unausweichliche Naturgewalt, sondern sie ist beherrschbar, dosierbar und sogar verwandelbar.

Die  ausdrucksvollen Zeichnungen von Marc Boutavant geben den Figuren und ihren wechselvollen Gefühlen glaubwürdige Gestalt.

Der Autor Toon Tellegen plaudert nicht alles plakativ aus, sondern deutet an, läßt offen und weckt ein psychologisch-poetisch-philosophisches Nachspürecho, das der Reflexion und Akzeptanz eigener Wuterfahrungen dienlich sein kann. Mit diesem Bilderbuch können Kinder lernen, der eigenen und der fremden Wut mitfühlend zu begegnen und sie etwas schelmischer zu betrachten. Die zwölf Wutgeschichten eignen sich auch als Impuls, um mit Kindern über Wut und Wutanfälle zu sprechen, deren Ursachen zu entdecken und konstruktive Umgangsformen mit der Wut zu finden.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/man-wird-doch-wohl-mal-wuetend-werden-duerfen/978-3-446-24677-5/

 

Der Illustrator:

»Marc Boutavant, 1970 im französischen Dijon geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er zählt zu den stilprägenden Illustratoren seiner Generation und ist insbesondere für seine farbenfrohen Werke für Kinder bekannt. Die Geschichten um seinen Bären Mouk und den Esel Ariol wurden beide für das Fernsehen verfilmt. Im Hanser Kinderbuch erschien nach Die große Reise des kleinen Mouk (2008) das von ihm illustrierte Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen (2015).«

Der Autor:

»Toon Tellegen, am 18.11.1941 in Den Briel, Niederlande geboren, studierte Medizin in Utrecht, arbeitete als Arzt in Kenia und ließ sich als Lyriker in Amsterdam nieder. Heute ist er einer der bekanntesten Schriftsteller der Niederlande. 1997 erhielt er den Theo Thijssenprijs für Literatur, 2004 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, den Goldenen Griffel bekam er 1988 und 1994, den Silbernen Griffel 1990, 1994, 1997 und 1999. Im Hanser Kinderbuch erschienen sind Josefs Vater (1994), Richtig dicke Freunde (1999) sowie Briefe vom Eichhorn an die Ameise (Hanser 2001). 2015 folgte das von Marc Boutavant illustrierte Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“.«

Querverweis:

Hier geht es zu einem weiterem Kinderbuch von Toon Tellegen: Ein Garten für den Wal
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/27/ein-garten-fuer-den-wal/

PS:
Da der konstruktive Umgang mit Gefühlen ein wesentlicher Bestandteil  heilsamer kindlicher Herzensbildung ist, reihe ich meine Rezension von „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ gerne bei  Petra Pawlowskys Projekt KINDER IM AUFWIND ein. Die Künstlerin Petra Pawlowsky hat auf ihrer Webseite „da sein im Netz“ https://pawlo.wordpress.com/ das Projekt KINDER IM AUFWIND initiiert:
»Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…«

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

Sie lädt weitere Blogger dazu ein, thematisch passende Texte, Bilder, Fotos, Musik, Gemälde, digitale Kunst, Gedichte, Lieder, Zitate usw. per Linkhinweis ergänzend hinzuzufügen. Die bisherigen gesammelten Beitragslinks der anderen aufwindigen Teilnehmer finden sich – thematisch geordnet – hier: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

Giesbert in der Regentonne

  • Text und Illustrationen von Daniela Drescher
  • Kinderbuch
  • Verlag Urachhaus August 2016  www.urachhaus.com
  • 112 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 17 x 24 cm
  • 17,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7988-5
  • ab 5 Jahren
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W A S S E R T R E U

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Daniela Dreschers neues Kinderbuch lädt uns in Wort und Bild in ihren eigenen Garten ein. Ob es der echte Garten oder der Garten ihres Herzens ist, kann ich nicht beurteilen, aber es gefällt mir zauberhaft gut darin.

Die Autorin erzählt, wie eines Regentages Giesbert, ihr hauseigener Regenrinnen-Wicht, so heftig durch die Regenrinne ins Regenfaß gespült wird, daß dabei seine Flöte zerbricht. Giesbert ist untröstlich und weint und klagt und jammert und schreit,  bis ihm der alte Holundergeist, der im Holunderstrauch neben der Regentonne wohnt, eine neue Flöte schnitzt. Da kehrt wieder Ruhe ein, und Giesbert spielt überglücklich eine lustige Danke-schön-Melodie für den alten Holundergeist.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Außer fürs Flötespielen hat der Regentonnen-Wicht eine Vorliebe für selbstgemachte Gedichte, Schnittlauchbrot und Wasserstreiche. Im Kontakt mit den Tieren des Gartens erweist er sich als ebenso hilfsbereit wie verspielt.

 

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Er füttert ein verletztes Rotkehlchen, er veranstaltet ein Schneckenwettkriechen, er hilft einem vergeßlichen Eichhörnchen beim Wiederfinden von Haselnußverstecken, er diszipliniert feuchtfröhlich einen aufdringlichen Waschbären, er ärgert den Kater und verträgt sich wieder mit ihm, er kämpft mit dem verstopften Gartenschlauch, er rettet eine Goldfischdame und begleitet den Quakgesang eines Froschprinzenfroschs mit der Flöte …

Die Heilpflanzengeister (Huflattich und Spitzwegerich) heilen Giesberts Husten, und ein lebenserfahrener Igel hilft ihm, seinen Liebeskummer wegen der unerreichbaren Blumenelfe Gisela zu überwinden.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

Die Menschen unterstützt Giesbert – wie der Name schon andeutet – beim Gießen der Pflanzen, und die Regentonne ist immer gefüllt, auch wenn seit langem kein Regen mehr gefallen ist. So ein Regentonnen-Wicht ist halt nur im Wasser ganz in seinem Element. Allerdings kann er – wenn er sehr wütend wird – jedes Wasser zum Überlaufen bringen. Das kommt jedoch nur selten vor, und er hilft auch reumütig beim Aufwischen, wenn es in der Küche oder im Bad zu kleinen Überschwemmungen kommt. Denn sonst hätte die Autorin Giesbert gewiß nicht dazu eingeladen, den Winter in ihrer häuslichen Badewanne zu verbringen. Während draußen das Wasser in der Regentonne vereist und im Garten die Schneeflocken tanzen und wirbeln, sitzt Giesbert gemütlich am Fenster und dichtet:

»Leise fallen Sterne nieder.
Tausend fallen immer wieder!
Jeder bringt uns einen Traum
aus dem großen Weltenraum.
Tausend Träume – immer wieder –
fallen als Schneeflocken nieder.
Und ein Traum, der ist sicherlich
ganz allein und nur für mich

Daniela Drescher ©
  (Seite 110)

Giesberts heiter-umtriebiges Wesen und Wirken wird in kurzen Kapiteln erzählt, die mit einem Umfang von vier bis acht Seiten eine angenehme Vorleselänge haben. Die zahlreichen märchenhaft-schönen – teilweise ganzseitigen –  Begleitbilder sind eine anregende Augenweide.

Daniela Dreschers aquarellierte Illustrationen sind sehr atmosphärisch und zeugen – in ihrer botanischen sowie zoologischen Stimmigkeit – von sehr tiefer Naturverbundenheit und einer entsprechenden Beobachtungsgabe.

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Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2016

„Giesbert in der Regentonne“ bietet unbeschwerte, warmherzige Vorlesekost. In jeder Episode finden sich für Kinder leicht mitzuempfindende Gefühle und Regungen sowie konstruktive Interaktionen und Problemlösungen.

Der Regentonnen-Wicht, zahlreiche sprechende Tiere und knollennasig-knuffige Pflanzengeister-Wichtel garantieren hier die Verzauberung des Gartenalltags und die Beflügelung der kindlichen Phantasie. Der augenzwinkernd-witzige, sich in die kleinen Nöte und großen Freuden des Regentonnen-Wichts einfühlende Erzählton trägt zusätzlich zur gelungenen Vorlesegeborgenheit bei.

Und ich werde mich nun einmal nach einer Regentonne für meinen Garten umschauen …

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlags-Webseite:
http://trapped.geistesleben.de/buecher/9783825179885/giesbert-in-der-regentonne

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durchihre Illustrationen inzwischen weltweit bekannt. Von den USA über ganz Europa bis China sind ihre Bücher in den Kinderzimmern zu Hause – eine Künstlerin, die ihr Spektrum immer wieder erweitert und sich neu erfindet. Daniela Drescher gestaltet die Kinderseite im Lebensmagazin a tempo. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.«
http://www.danieladrescher.de

Querverweis:

Hier entlang zu Daniela Dreschers erstem und ebenfalls sehr lesens- und sehenswertem Erzählbuch „Abenteuer mit Ungeheuer“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/16/abenteuer-mit-ungeheuer/
»Eine romantisch-poetisch gestimmte und gelungene Symbiose aus Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Märchen.«

Vom mutigen Manxmaus Mäuserich

  • Kinderbuch
  • von Paul Gallico
  • Aus dem Englischen von Adolf Himmel
  • mit durchgehend farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus     August 2015   www.urachhaus.de
  • gebunden, fadengeheftet
  • 205 Seiten
  • 15,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7938-0
  • ab 7 Jahren
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
    Manxmaus-Mäuserich Titelbild

F R O H G E M U T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Kann es sagenhafte Mäuse geben? Das ist ein weites Feld. Sicher jedenfalls ist, daß eine solche Maus bzw. ein Mäuserich in der Geschichte von Paul Gallico eine ganz zentrale Rolle spielt. An diesem zauberhaften Mäuseabenteuer können wir erlesen, daß Mut keine Frage der körperlichen Kraft ist, sondern eine Frage der Herzensgröße und Lebenszugewandtheit.

Der schöpferische Geburtshelfer von Manxmaus-Mäuserich ist ein Keramiker, der sich auf das Modellieren von Mäusen spezialisiert hat. Er lebt und wirkt in dem kleinen Dorfe Buntingdowndale, und obwohl er sehr naturgetreue Mäuse fabriziert, ist er nie ganz zufrieden mit seinem Werk. Er strebt mit unermüdlicher Hingabe danach, das Wesentliche, das in seiner mäusezugeneigten Sichtweise absolut „Mäusliche“ darzustellen.

Doch eines Nachts, nach einer feuchtfröhlichen Hochzeitsfeier, kommt er so beschwingt und beschwipst nach Hause, daß er spontan und irgendwie verzaubert eine Mäusefigur modelliert. All sein Wissen, sein Können, seine Hoffnung und seine Lebens- und Liebeskonzentration fließen in dieses Mäusemeisterwerk. Beglückt schiebt er die Mäusefigur in den Brennofen und legt sich freudig-erschöpft schlafen.

Manxmaus-blau

Illustration Linde Faas ©

(Anklicken vergößert die Bilderansicht)

Am nächsten Morgen betrachtet er das Ergebnis seines nächtlichen Schaffensrausches und traut seinen Augen kaum. Der Körper seiner Meistermaus gleicht einem dicken kleinen Opossum, die Hinterbeine sehen aus wie von einem Känguru, die Ohren erinnern an Kaninchenohren, das Fell ist blau, und da, wo ein langer Mäuseschwanz hingehört hätte, befindet sich nur ein kleiner Knubbel. Gleichwohl hat das blaue Geschöpfchen eine Mäuseausstrahlung und einen überaus zärtlichen Gesichtsausdruck. Der Kunsthandwerker nimmt es mit Humor und stellt die Figur auf sein Nachtschränkchen.
Na schön, dann habe ich also eine Manxmaus gemacht“, schmunzelt er in Anspielung auf die schwanzlosen Katzen der Insel Man, die Manxkatzen genannt werden.

Manxmaus-Laternenlichtkegel

Illustration Linde Faas ©

In der Nacht wird der Manxmaus-Mäuserich lebendig und verläßt das Haus. Er läuft durch das Dorf und trifft als erstes einen Klatterbampf. Ein Klatterbampf ist etwas, das erst dann Gestalt annehmen kann, wenn man eine Angstvorstellung hat; dann zeigt es sich in genau der Gedankenform, die der Angst entspricht. Es ist die Berufung eines Klatterbampfes, andere Wesen zu erschrecken – doch dies funktioniert nur, wenn jemand eine schreckliche Angstvorstellung hat.

Manxmaus-Mäuserich kennt jedoch keine Angst, und der Klatterbampf bleibt vollkommen unsichtbar. Also versucht der Klatterbampf, durch gruselige Geräusche auf sich aufmerksam zu machen und vielleicht doch irgendeine Furcht auszulösen. Als das nicht funktioniert, stellt sich der Klatterbampf dem Mäuserich vor, gibt mit seinem Gruselexamen an und erkundigt sich diensteifrig, ob er denn keine Angst habe, nicht einmal vor Katzen. Manxmaus-Mäuserich verneint freundlich und entschuldigt sich damit, noch nicht lange genug dazusein und vieles von der Welt noch nicht zu kennen.

Der Klatterbampf ist zwar in seiner Ehre gekränkt, weil er nicht einmal einer Maus einen Schrecken einjagen kann, aber er gibt Manxmaus gleichwohl den Rat, sich vor dem Manxkater zu hüten.

Wenig später wird der Mäuserich von einem alten Kater gefangen und fast verspeist, aber eben nur fast; denn als der Kater sieht, daß er eine Maus ohne Schwanz vor sich hat, nimmt er sofort Abstand von seinem Vorhaben und entschuldigt sich sogar ausdrücklich. Er erklärt dem Mäuserich, daß eine Manxmaus nur vom Manxkater gefressen werden dürfe.

Manxmaus-Mäuserich findet das ziemlich verwirrend; aber auch der Frosch, dem er am Teich begegnet, wiederholt, daß es ein Gesetz sei, daß eine Manxmaus nur von einem Manxkater verspeist werden dürfe.

Manxmaus-Zweig

Illustration Linde Faas ©

Ein flugbegeisterter Habicht greift sich Manxmaus-Mäuserich, schaut ihn an und frißt ihn ebenfalls nicht. Er stellt sich ein bißchen selbstherrlich-angeberisch als Kapitän Habicht vor, spricht in Pilotenjargon, lädt den kleinen blauen Mäuserich gönnerhaft auf eine Flugreise nach London ein und hält während des Fluges einen sehr anschaulichen Vortrag über Thermik.

Manxmaus trifft auf seinem Weg noch viele große und kleine Tiere, gütige und gierige Menschen, und stets sagt man ihm, daß er dem Manxkater gehöre. Nun bekommt er doch ein bißchen Angst vor dem Manxkater und dem prophezeiten Verschlungenwerden.

Doch nach einer Besinnungsrunde in Madame Tussauds Wachsfiguren-Kabinett kommt Manxmaus zu dem Schluß, sich besser mutig seinem Schicksal zu stellen, und macht sich tapfer auf den Weg zur Insel Man, wo er bereits vom Manxkater erwartet wird.

Manxmaus-Teatime

Illustration Linde Faas ©

Ob und wie sich die Prophezeiung erfüllt, dürfen Sie sich gerne selbst erlesen. Ich will nur soviel verraten, daß Prophezeiungen oft nur halbe Sachen sind und durch beherztes Handeln ganz unerwartete Erfüllung finden können …

Der ganz besondere Charme dieser Geschichte geht von der liebenswerten Wesensart des Manxmaus-Mäuserichs aus. Seine große Hilfsbereitschaft steht in rührendem Kontrast zu seiner körperlichen Kleinheit, gleichwohl gelingt es ihm oft wesentlich größere Tiere zu ermutigen. Schließlich lernt er auch seine eigene Angst kennen, er ergibt sich der Angst jedoch keineswegs, sondern nutzt sie, um seinen Mut daran zu schärfen.

Der Autor erzählt die Abenteuer des Manxmaus-Mäuserichs in einer warmherzigen, schelmisch-poetischen Sprache und mit lebenserprobter Dramaturgie. Die zahlreichen, einfühlsamen und gewitzten Illustrationen von Linde Faas fügen sich sehr harmonisch in den Text ein.

Meiner Einschätzung nach ist Manxmaus-Mäuserich ein ideales Vorlesebuch ab fünf vielleicht auch schon ab vier Jahren, der lebendige Erzählfluß und die interessanten Dialoge rufen geradezu nach einer Vorlesestimme. In Anbetracht der umfänglichen Textmenge empfehle ich es zum kindlichen Selberlesen erst ab acht Jahren.

Selten habe ich ein Kinderbuch genossen, daß so gekonnt Heiterkeit mit Tiefsinn verknüpft und ganz spielerisch Lebensweisheit – auch noch für den erwachsenen Leser – vermittelt. Ich glaube fast, ich habe mit Paul Gallico einen neuen Lieblingsschriftsteller für mich entdeckt …

Manxmaus-Pfote in Pfote mit Manxkater

Illustration Linde Faas ©

 

Der Autor:

»Paul Gallico, (1897 – 1976) wurde als Sohn eines italienischen Pianisten und einer österreichischen Violinistin in New York geboren. Bis zu seinem 40. Lebensjahr verdiente er seinen Unterhalt als Journalist, der jedoch nicht aufhörte, von einem Leben als Schriftsteller zu träumen.
1936 gelang es ihm, ein Drehbuch an eine Filmproduktionsfirma zu verkaufen – das Honorar nutzte er, um nach England zu gehen und dort als freier Schriftsteller zu leben.
Neben seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen machte er sich auch als Autor von Kinderbüchern einen Namen. Seitdem J.K. Rowling verlauten ließ, dass Manxmaus zu ihren drei Lieblingsbüchern gehört, wurde das Buch auch in den USA mit großem Erfolg neu aufgelegt. Im Verlag Urachhaus erschienen bereits Die Liebe der kleinen Mouche und der Erzählungsband Pepino/Die Schneegans. Paul Gallico starb 1976 in Antibes an der Côte d’Azur.«

Die Illustratorin:

»Linde Faas,1985 geboren in Zeist / Niederlande studierte Animation an der St. Joost-Kunstakadamie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Prädikat ab. Dieser Film erhielt verschiedene Preise auf internationalen Filmfestivals.
Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit den Schwerpunkten Grafik und Zeichnung.«

PS:
Manxkatzen gibt es übrigens wirklich, sie entstammen einer Genmutation, die sich bei den Katzen der Insel Man, u.a. aufgrund der isolierten Lage (Genetischer Flaschenhals) entwickelt hat. https://de.wikipedia.org/wiki/Manx_%28Katze%29