Beim Morden bitte langsam vorgehen

  • Roman
  • von Sara Paborn
  • Originaltitel: »Blybröllop«
  • aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
  • DVA Deutsche Verlags-Anstalt April 2018  http://www.dva.de
  • gebunden
  • Pappband
  • 272 Seiten
  • 18,- € (D), 18,50 € (A), 24,50 sFr.
  • ISBN 978-3-421-04802-8

B E Z I E H U N G S G I F T E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie und warum wird eine freundliche, kultivierte Bibliothekarin zur raffinierten und erfolgreichen Giftmörderin? Diese Frage wird im vorliegenden Kriminalroman beredt, bedenkenswert und schwarzhumorig beantwortet. Obwohl wir gleich zu Beginn in Form eines freiwilligen, ja, geradezu heiter-gelassenen Tagebuch-Geständnisses von der vollbrachten Tat und der Täterin erfahren, bleibt die faszinierende Spannung dieser Geschichte bis zum Schluß erhalten. Denn es geht nicht um die sonst übliche Frage, wer es war, sondern, wie es dazu kam und was sich daraus ergab.

Manche Ehen sind einfach nicht gut bekömmlich. Die kluge, nette Bibliothekarin Irene und der pedantisch-rationale Elektroinstallateur Horst passen halt nicht gut zu einander. Die Frau übernimmt um der familiären Harmonie willen den größten Teil der zwischenmenschlichen Anpassung, zieht zwei Kinder groß und tröstet sich mit Büchern.

Sie nimmt sogar hin, daß ihr gemütliches Büchernest vom Speicher in den muffigen Heizungskeller verbannt wird, da Egozentrik-Horst den Speicher für seinen perfekt ausgetüftelten Audioraum mit seiner echtgoldenen Verkabelung beansprucht.

Die Kinder sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Die Bibliothek, bisher Irenes willkommener beruflicher Zufluchtsort, verwandelt sich von einem Raum erlesener Bücherschätze, leiser Gespräche und stiller Lesekonzentration in einen lautstarken, kommunikativen Sozialanimationsraum. Der „verhuschte Zeitgeist“, verkörpert vom neuen medienfachstudierten Chef der Bibliothek, läßt anspruchsvolle Bücher zugunsten leseleichter Bücher aussortierten und hält dies für Leseförderung.

Irene nimmt die aussortierten Klassikerausgaben mit nach Hause und sammelt sie in einigen Kartons im Heizungskeller. Horst macht sich über diese „Altpapiersammlung“ lustig. Er konnte noch nie verstehen, was seiner Frau Bücher und schöne Sprache bedeuten. Irene steht kurz vor der Rente und erschrickt angesichts der Aussicht, noch mehr Zweisamkeit mit dem unsensiblen und literaturresistenten Gatten ertragen zu müssen.

Als Horst dann eines Tages einfach alle Bücherkartons zur Mülldeponie bringt, um Platz für vier Säcke Zement aus dem Baumarkt-Sonderangebot zu schaffen, ist das Maß voll. Irene steht zornentbrannt im bücherentleerten Keller und entdeckt eine alte Holzkiste, in der noch Vorhänge aus dem Erbe ihrer Mutter lagern. Sie betrachtet nostalgisch die schön gemusterten Stoffe und findet mehrere Tütchen mit Bleiband. Der Verpackungs-aufdruck warnt eindringlich vor den Gesundheitsgefahren, die von Blei ausgehen – da keimt eine Idee in Irene.

Beflügelt eilt sie am nächsten Morgen in die Bibliothek, sie recherchiert, besorgt sich chemische und metallurgische Fachbücher, und wenig später stellt sie in ihrer Küche aus den Bleibandkügelchen und einigen weiteren Zutaten Bleizucker her. Nach und nach füllt sie ihre Vorratsgläser mit den Erzeugnissen ihres Küchenlabors.

Zunächst spielt sie nur mit der Möglichkeit, den Gatten mit solchem Süßstoff langsam aber sicher ins Jenseits zu befördern, und erfreut sich an ihren Fähigkeiten als Gift- produzentin. Irene staunt über ihr giftmischerisches Talent, entwickelt ein neues Selbstbewußtsein und perfektioniert ehrgeizig den Inhalt ihres Giftschranks.

Irene reflektiert über die neununddreißig Ehejahre mit Horst, und nach dieser ernüch-ternden Herzensinventur und zahlreichen aufgelisteten Beispielen für Horstens geringe Empfindungsreichweite, seine poetische Unfähigkeit, seine unromantisch zweck- mäßigen Geschenke und seine pragmatische Selbstgefälligkeit wird die Vorstellung eines freien Lebens unter Büchern ohne den lästig-langweiligen Gatten und seine unverbesserliche Ignoranz immer attraktiver.

Schließlich versüßt sie Horst den Kaffee und die eine oder andere Speise mit Bleizucker. Nach einigen Wochen beginnt Horst zu kränkeln und zu schwächeln, und die ehelichen Machtverhältnisse verschieben sich dramatisch …

Während dieser Lektüre sympathisiert man durchaus mit der Mörderin. Zwar bekommt der Gatte zum Ende hin auch etwas Lesemitgefühl ab, gleichwohl gönnt man Irene ihre gewonnene Freiheit.

Dieser unterhaltsam-makabere Krimi ist in einem unaufgeregten Erzählton geschrieben, weise zum Handlungsverlauf passende Zitate und giftige Rezepturen untermalen den Fließtext stimmungsvoll. Die anschaulich geschilderten, betrüblichen ehelichen Szenen, dürfen gerne als warnende Beispiele beziehungstödlichen Miteinanders gelesen werden.

„Beim Morden bitte langsam vorgehen“ ist das augenzwinkernd-realitätsnahe Psychogramm einer gefährlich-inkompatiblen Zweisamkeit, die man zwar auch mit einer Scheidung hätte beenden können, aber: „Was ist eine Scheidung schon gegen einen Giftmord von neronischer Klasse?“ (Seite 213)

 

Hier entlang zum Buch und zur garantiert giftfreien LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Beim-Morden-bitte-langsam-vorgehen/Sara-Paborn/DVA-Belletristik/e531062.rhd

Die Autorin:

»Sara Paborn, 1972 in Sölvesborg geboren, war früher in der Werbebranche tätig und lebt heute als Autorin in Stockholm. 2009 veröffentlichte sie ihr Debüt. Ihr Überaschungsbestseller „Beim Morden bitte langsam vorgehen“ ist ihr vierter Roman; damit ist Sara Paborn erstmals auf Deutsch zu entdecken.«

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Der Sommernachtsball

  • von Stella Gibbons
  • Aus dem Englischen von Gertrud Wittich
  • DEUTSCHE  ERSTAUSGABE
  • Originaltitel: »Nightingale Wood«
  • MANHATTAN Verlag  2013      http://www.manhattan-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 558 Seiten
  • 18,99 € (D),  19,60 € (A),   25,90  sFr.
  • ISBN 978-3-442-5426-5
    Der Sommernachtsball von Stella Gibbons

WER   KRIEGT   WEN   UND   WARUM

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 Der Sommernachtsball“ von Stella Gibbons ist eine vergnügliche Lektüre mit gleichwohl nachdenklichen Seiten. Die englische Originalausgabe erschien in den 1930er-Jahren; bei der nun vorliegenden Übersetzung von Gertrud Wittich handelt es sich um die deutsche Erstausgabe. Vordergründig bekommen wir hier eine Aschenputtelvariante zu lesen:

Liebliches armes Frauchen begegnet auf einem Wohltätigkeits-Sommernachtsball dem begehrtesten, reichsten und charmantesten Männchen, sie tanzen miteinander und fühlen sich zueinander hingezogen. Einen Ball bzw. ein ländliches Gartenfest später kommt es zu einvernehmlichen, heimlichen Küssen.

Ein lästiges Hindernis ist die Tatsache, daß der Herr des Herzens bereits mit einer anderen verlobt ist, aber solche Besitzansprüche lassen dennoch genug Raum für Liebesträume. Nach umfänglichem Herzeleid, Ungewißheiten, Sehnsuchtszerreißproben, Tränen, Mißverständnissen, Gewissensfragen und rettenden Wahre-Liebe-Antworten unter dramatischen Begleitumständen wird wunderschön und mit dem standesübergreifenden Segen von Groß- und Kleinbürgertum geheiratet.

In Stella Gibbons Roman ist das Aschenputtelthema die ROMANtische Verpackung für eine scharfsinnige, selbstironisch-sozialkritische Darstellung zwischenmenschlicher Stärken und Schwächen. Die Charaktere werden uns geschminkt und ungeschminkt vorgeführt. Es bleibt uns nichts erspart: keine Dummheit, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, keine männlichen und weiblichen Klischees, aber auch keine echte Herzensöffnung. Die Entwicklung der Figuren bekommt dadurch eine angenehm-desillusionierende, amüsante und zeitlose Glaubwürdigkeit.

Die Einblicke in die hintersten Hinterstübchen ihrer Gedanken (Seite 44) gehören zu den psychologischen Stilmitteln, die diesem Roman einen besonderen und augenzwinkernd- bissigen Reiz verleihen.

Klassenunterschiede bei den Damen werden z.B. durch die Erwähnung der Preisklasse ihrer Gesichtscremes illustriert, was einer anschaulichen und treffenden, sozialbuchhalterischen Bestandsaufnahme gesellschaftlicher und finanzieller Verhältnisse gleichkommt.

Das Aschenputtel, die junge, frisch verwitwete und verarmte Viola Withers, ist auf die Gnade ihrer Schwiegereltern angewiesen. Diese leben zusammen mit zwei überreifen, unverheirateten Töchtern auf einem ländlichen Anwesen in Essex. Der Hausherr ist gehoben-mittelständisch wohlhabend, aber geizig, sein Horizont eher kleinkariert:
„Elf Gänseblümchen, elf unordentliche Gänseblümchen, wuchsen noch immer illegal auf seinem Rasen.“
(Seite 34/35)

Die Schwiegertochter wird im Witherschen Haushalt aufgenommen und mit durchgefüttert, aber wirklich willkommen ist sie nicht. Schon die Entscheidung des verstorbenen Sohnes, eine „kleine Verkäuferin“ zu heiraten, war den Schwiegereltern unbegreiflich und peinlich; und man unterstellte Viola unmoralische Verführungskünste und parasitäre Absichten.

Die beiden Schwägerinnen verkörpern unterschiedliche Frauentypen: Madge ist der sportlich-robuste Kumpeltyp; ihr Sehnen gilt einem eigenen Hund und dessen Erziehung. Tina ist der zarte, empfindsam-nachdenkliche Frauentyp; sie sehnt sich nach Liebeserfüllung, und sie ist das einzige Familienmitglied, das sich über den Einzug von Viola freut.

Saxon ist der Chauffeur und Gärtner der Withers und der ehrgeizigste, schönste und sympathischste Mann im ganzen Roman.

Aschenputtels Prinz, der attraktive und elegante Victor Spring, entspringt der reichsten und geldadeligsten Familie der Gegend und wohnt – wenn er nicht gerade geschäftlich in London unterwegs ist  –  auf dem benachbarten und deutlich luxuriöseren Anwesen.

Dort leben außer ihm noch seine verwitwete Mutter, die nur hübsches Personal beschäftigt, um ihre Stimmung täglich aufzuhellen, und seine Cousine Hetty, die von den gedankenlosen Vergnügungen ihrer reichen Familie angeödet ist. Cousine Hetty  zieht die Gesellschaft von Büchern der Gesellschaft von Menschen vor, und sie liest lieber über Gefühle, als selbst wirkliche Gefühle zu spüren oder Zeuge von Gefühlsausbrüchen anderer Menschen zu werden.

Phyllis Barlow, die elegante, stilsichere und verwöhnte Verlobte Victor Springs, tanzt von Vergnügen zu Vergnügen und läßt Männer im allgemeinen und Victor Spring im besonderen nach ihrer Pfeife tanzen.

Viola-Aschenputtel-Withers ist jung und schön, aber im Gegensatz zu Phyllis Barlow stilunsicher, warmherzig, intellektuell eher schlicht – ja einfach ganz naiv-romantisch und aufrichtig.

Eine wichtige Nebenfigur ist der alte, rücksichtslos-unbekümmerte Landstreicher Dick Falger, der die Aufgabe  erfüllt, unaussprechliche Geheimnisse lautstark auszusprechen. Denn Viola ist nicht die einzige, die sich Liebesskandale und unstandesgemäße Lebensformen leistet. Parallel zu Violas Liebesdrama reift die Liebesgeschichte von Tina und Saxon, ein willkommener Tratschstoff im ansonsten ereignislosen Landleben.

Zum allseitigen Happy-End gibt es eine feierliche Märchenhochzeit, die der Autorin als Kulisse dient, um alle Figuren und Hochzeitsgäste noch einmal Revue passieren zu lassen und den zukünftigen Fortgang der familiären Beziehungen im Zeitraffer weiterzuerzählen.

Das snobistische Schlußwort überlasse ich gerne Lady Dovewood :

„Was für ein nettes Mädchen, diese Viola, nicht aus der obersten Schublade, natürlich, aber was kann man heutzutage schon erwarten…“  (Seite 540)

Die Autorin:

»Stella Dorothea Gibbons, 1902 in London geboren und 1989 in London verstorben, besuchte die North London Collegiate School und studierte Journalismus am University College in London. Sie arbeitete für diverse Zeitungen und Zeitschriften, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Ihre erste Veröffentlichung im Jahr 1930 war eine Gedichtsammlung unter dem Titel »The Mountain Beast«. 1932 erschien ihr erster und zugleich bekanntester Roman »Cold Comfort Farm«.
1938 erschien  »Der Sommernachtsball«  unter dem Originaltitel »Nightingale Wood«.«

Hier folgt der Link zur Verlagswebseite:
http://www.randomhouse.de/Buch/Der-Sommernachtsball/Stella-Gibbons/Manhattan-Hardcover/e422796.rhd