Manchmal rot

  • Roman
  • von Eva Baronsky
  • Aufbau Verlag April 2017  www.aufbau-verlag.de
  • Taschenbuch
  • 353 Seiten
  • 9,99 € (D)
  • ISBN 978-3-7466-3240-7

VORHER – NACHHER
MAL  GANZ  ANDERS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wer wird man, wenn man nicht mehr weiß, wer man war? Ohne Hindernisparcours aus Gedankenbremsen, Glaubenssätzen und Gewohnheitsbewertungen wäre der Blick auf Welt und Menschen weitgehend ungetrübt von einer persönlichen Vorgeschichte. Es wäre eine großartige Chance, Ungewagtes zu wagen, Unverhofftes zu hoffen und seine Fähigkeiten, Neigungen, Stärken und Schwächen frisch auszumessen, zu erproben und vielleicht sogar eine zuvor unmögliche Möglichkeit zu wählen.

Eine solche Selbstneubestimmung in Verbindung mit den poetischen Besonderheiten synästhetischer Wahrnehmung wird in „Manchmal rot“ anschaulich und faszinierend sowie mit sprachlicher Virtuosität durchgespielt und beiläufig mit der extremen sozialen Spaltung unserer Gesellschaft verknüpft.

Zunächst erscheint es, als wäre Angelina Niemann, die weibliche Hauptfigur des Romans, weit davon entfernt, musische Neigungen zu entwickeln, die über die Betrachtung von Spielfilmen und einen ausgeprägten Sinn für Farben hinausgehen.

Angelina kommt auf dem Weg zu ihrer Putzstelle an einem Wollgeschäft vorbei und verliebt sich auf den ersten Blick in zwei Wollknäuel mit blautürkispetrolem Farbverlauf. Die Wolle ist preisreduziert auf vier Euro, doch nach einem schnellen kopfrechnerischen Kassensturz nimmt sie betrübt Abstand vom Kauf der Wolle. Sie tröstet sich damit, daß sie heute wenigstens in „ihrer“ schönen Lieblingswohnung aufräumt und saubermacht.

Zweimal wöchentlich kümmert sie sich um diese luxuriöse Penthouse-Wohnung mit grandioser Aussicht auf den Main. Den Besitzer der Wohnung hat sie noch nie gesehen, seine Freundin hatte sie eingestellt, und nachdem diese offensichtlich ausgezogen ist, hat sich an dem illegalen Arbeitsverhältnis nichts geändert.

Immer wartet ein Fünfziger an der vereinbarten Stelle auf dem Küchentresen und manchmal eine Notiz mit Sonderwünschen. Diese Notizen bedeuten Streß für Angelina, denn sie kann nicht richtig lesen und muß die Hilfe ihrer Freundin Mandy in Anspruch nehmen, der sie die Nachricht per Handyfoto sendet.

Mandy ruft dann zurück und erklärt ziemlich genervt, was auf dem Zettel steht. Diesem Telefonat kann man deutlich anmerken, daß Angelinas Selbstbewußtsein ausgesprochen bescheiden ist. Sie ist ängstlich, unsicher und menschenscheu und zieht sich zur Entspannung gerne zum Stricken auf ihr Sofa zurück. Von ihrem erputzten Schwarzgeld profitiert ihr Freund Pit, der immer nur dann aufkreuzt, wenn ihm das Spielgeld ausgegangen ist oder er gewisse hormonelle Bedürfnisse an ihr austobt.

Dr. Christian von Söchting ist der Besitzer der gediegenen Wohnung. Er arbeitet als erfolgreicher Anwalt in einer internationalen Wirtschaftskanzlei, hat ein Jahresgehalt von gut 500.000 Euro und steht kurz vor der nächsthöheren Karrierestufe, für die er allerdings seinen Seniorchef und einstigen Mentor bei den Fusionsplänen mit einer amerikanischen Kanzlei austricksen muß.

Er fährt einen Porsche 911, und in seiner Wohnung steht ein echter Steinway-Flügel, den er einst für seine künstlerisch-ambitionierte Exfreundin Charlotte als Geschenk gekauft hatte. Dennoch hat Charlotte ihn wegen eines Kulturprofessors verlassen und ist nach Berlin gezogen. Neuerdings leidet Christian an Flugangst, was sehr anstrengend für ihn ist, da er berufsbedingt mindestens zweimal wöchentlich mit dem Flieger unterwegs ist.
Schwächen, Unsicherheiten und Fehler kann er sich in keiner Form leisten, denn seine Berufswelt ist ein Haifischbecken.

Neben seinem Liebeskummer wegen Charlotte hat Christian auch verzweifelte finanzielle Probleme. Wohin mit der illegalen Provision von 1,5 Millionen Euro in bar, und wie soll er unauffällig das schweizerische Schwarzgeldkonto seines Vaters mit immerhin 30 Millionen Euro nach Deutschland transferieren? Ja, diese Leistungsträger tragen schon schwer an der existenziellen Notwendigkeit, gutes Geld vor bösen Steuern zu beschützen.

Bis auf den indirekten dienstleistungsbezogenen Kontakt gibt es keine lebensweltlichen Berührungspunkte zwischen Angelina und Christian. Doch dies ändert sich wortwörtlich schlagartig, als Angelina beim Auswechseln einer defekten Glühbirne einen Stromschlag bekommt und in Christians Wohnung von der Leiter fällt. Christian findet die bewußtlose Putzfrau und veranlaßt ihre Einlieferung ins Krankenhaus.

Angelina erwacht nach einer längeren Bewußtlosigkeit und weiß nicht mehr, wer sie ist. Doch sie sieht Stimmen, Laute und Musik ganz deutlich in farbigen Mustern und Bildern. Die Klinikneurologin macht einige Tests mit ihr. Angelinas Faktenwissen ist intakt, nur ihr biographisches Gedächtnis funktioniert nicht. Sie müsse Geduld mit sich haben, ihre Lebenserinnerungen kämen sehr wahrscheinlich nach und nach zurück.

Christian besucht Angelina im Krankenhaus und erzählt ihr, daß sie seine Putzfrau sei, und wenn sie wolle, könne sie sich nach ihrer Genesung gerne weiter um seine Wohnung kümmern. Er bringt auch ihre Handtasche mit, die in seiner Wohnung liegengeblieben war. Angelina muß erst die Scheu überwinden, einen Blick in diese ihr fremde Handtasche zu werfen. Das Gefühl, sich sozusagen unbefugt in einem fremden Leben zu bewegen, begleitet sie noch lange.

Sie forscht der Vorher-Angelina nach, läßt sich von ihrer Mutter und von Mandy erzählen, wie und wer sie sei, aber ihr fehlt der emotionale Bezug. Die Nachher-Angelina ist wesentlich willensstärker und zielstrebiger sowie mangels Vergangenheitsbezügen sehr gegenwärtig.

Die nette ältere Dame, die das Bett neben Angelina belegt, benutzt häufig altmodische Wörter, und Angelina schmeckt diese Worte aufmerksam für sich ab und findet Gefallen an Formulierungen wie „unbeugsame Beharrlichkeit“. Mit unbeugsamer Beharrlichkeit bringt sie sich während des vierwöchigen Krankenhausaufenthalts selbst das Lesen und Schreiben bei, Buchstabe für Buchstabe, Silbe für Silbe.

In der zur Klinik gehörenden Kirche findet täglich ein Gottesdienst statt, bei dem Schwester Benedicta Orgel spielt. Diese Gottesdienste werden zusätzlich im Fernsehen übertragen. Als Angelina diese Musik hört, ist sie hingerissen, und es zeigt sich ihre klangfarbensynästhetische Wahrnehmung – sie kann Musik sehen:

„Lange Bänder in Grün und Blau, die kennt sie, hat sie schon mal gehört, aber jetzt wachsen Punkte mit fedrigen Spitzen raus, fliegen zu Blüten zusammen und tanzen herum. Jede Blüte hat acht Töne, das weiß ich, ohne zu zählen, und obwohl alle grün und blau sind, hat jede eine andere Farbe. Als sie die Augen aufmacht, sieht sie im Fernseher die Tasten. Schwarz und weiß, sie braucht gar nicht hinzugucken, um zu wissen, dass es immer abwechselnd Zweier- und Dreierpacks sind, damit kenn ich mich aus, dazwischen weiße, also eigentlich fünf und sieben, macht zwölf, zwei Hände, die darauf spielen, ganz groß im Bild. Sobald ein Ton da ist, weiß sie genau, welche Taste als Nächstes kommt.“ (Seite 115)

Später wird sie von Schwester Benedicta dreimal wöchentlich praktisch und theoretisch musikalisch unterrichtet werden und täglich auf Christians verwaistem Steinway-Flügel Etüden üben …

Christian hat derweil einige komplizierte und knifflige Verträge zu überprüfen, jagt von Mandant zu Mandant, von Sitzung zu Sitzung,  beäugt mißtrauisch seine Kanzleikollegen und fädelt seine rücksichtslose, geheime Vorteilsnahme in die Vorverhandlungen für die angestrebte Kanzleifusion ein. Ein Versteck für die 1,5 Millionen in gebündelten Hunderteuroscheinen hat er auch spontan gefunden – solche Noten würde man doch niemals im Inneren eines Steinway vermuten oder gar suchen.

Angelina kehrt, begleitet von Mandy, in ihre eigene Wohnung zurück und versucht vergeblich ihr Leben wiederzuerkennen. Zum Befremden ihrer Freundin spricht sie nur in der dritten Person Singular von Angelina und erkundigt sich nach den Einzelheiten ihres Lebens. Offenbar war die liebste Freizeitbeschäftigung der Vorher-Angelina das Stricken, doch die Nachher-Angelina findet das langweilig.

Die neue Angelina ist wißbegierig und wird eine eifrige Leserin. Sie entdeckt die Schönheit der Sprache für sich: „… in diesem Buch gibt es massenhaft Sätze, die sie nicht auf Anhieb kapiert. Aber wenn sie die Stelle zwei- oder dreimal gelesen hat, kann’s passieren, dass einer zu leuchten anfängt und sie staunen muss, wie viel Schönheit man aus so ein paar Buchstaben zusammensetzen kann, es ist, als würde vor lauter Schönheit auch in ihr drin was zu leuchten anfangen.“ (Seite 190)

Plötzlich steht Angelinas angeblicher Freund Pit vor der Tür und reklamiert ihre lange Abwesenheit. Mit analytischer Distanz betrachtet sie sein unverschämtes Gebaren und denkt, daß sie Mandys Einschätzung, daß sie Pit getrost vergessen könne, innerlich zustimmt. Sie wird gewissermaßen doppelt wütend auf sich selbst und auf die alte Angelina, die sich eine solche grobmaschige Machobehandlung hat gefallen lassen.

Als sie sich verbal und körperlich deutlich von ihm abgrenzt, wird er gewalttätig, und Schlimmeres wird nur dadurch verhindert, daß sie kein Bier im Kühlschrank für ihn bevorratet hat und er erst mal abzischt, welches zu kaufen – natürlich mit ihrem Geld. Geistesgegenwärtig packt sie eine Tasche mit dem Nötigsten und flüchtet in Christian von Söchtings Wohnung, über deren Schlüssel sie nach wie vor verfügt.

Christian ist zunächst nicht amüsiert beim häuslichen Feierabend, seine Putzfrau vorzufinden. Sie tritt ihm gegenüber selbstbewußter auf, als sie sich fühlt, und sagt frech, daß sie vorübergehend das Gästezimmer beziehen werde. Seinen Hinweis, daß er die Polizei rufen könne, um sie loszuwerden, kontert sie mit einem dezenten Hinweis auf die Banknoten, die sie im Steinway gefunden habe, und auf die ungesicherte Strom-leitung, der sie ihren Stromschlag verdanke; sie habe schließlich nichts zu verbergen …

Ausschlaggebend für Christians Einverständnis mit Angelinas Einzug in seine Wohnung ist jedoch, daß er ihre Verletzlichkeit spürt, und dies weckt zu seiner eigenen Verwunderung Beschützerinstinkte in ihm.

Während Christian beruflich wie gewohnt weitermacht, kümmert sich Angelina um den Haushalt, liest sich durch Christians Bücherschrank, hört seine Musik-CDs und übt eifrig und unermüdlich Klavierspielen. Sie probiert Gewürze und verschiedene Kaffeevarianten aus und findet heraus, was ihrem Geschmack entspricht und was nicht.

Angelina formt und festigt ihr neues Ich. Sie entwickelt einen bemerkenswert klaren Blick auf ihre Mitmenschen, sie durchschaut ihre Masken und inneren Beweggründe. Abends stellt sie Christian viele Fragen zu Wörtern und Themen, die sie in Büchern gefunden und nicht ganz verstanden hat, und Christian beantwortet diese gerne.

Ihr Auffassungsvermögen ist sehr gut und ihre Folgefragen sind durchaus originell und zeugen von einem ausgeprägten Sinn für sprachliche Mehrdeutigkeiten und Zwischentöne. Angelinas Attraktivität wächst in Christians Augen, und er versteht gar nicht mehr, warum er sie früher für unscheinbar hielt …

„Manchmal rot“ ist das komplexe Psychogramm zweier Charaktere, deren soziale, lebensweltliche Distanz extrem ist. Geschickt gibt die Autorin jedem Charakter einen eigenen Sprachausdruck: Angelinas Sprache ist eher umgangssprachlich, direkt und mit einfachem Vokabular. Ihr Denken und Fühlen kreist um zwischenmenschliche Belange, um Resonanz und Sympathie, um ihre sinnliche und synästhetische Wahrnehmung sowie um ihre Selbstentdeckung und ihre Hingabe an die Musik als Ausdruckskraft.

Christians Sprache ist anspruchsvoller, gebildet und durchsetzt mit Wirtschaftsenglisch. Sein Denken und Fühlen ist bestimmt von Ehrgeiz, Konkurrenz, Leistung, Mißtrauen, Status, berechnendem Taktieren und monetären Werten sowie von gelegentlichen Selbstzweifeln und Angst. Er ist mehr im Haben zu Hause und Angelina mehr im Sein.

Sowohl inhaltlich als auch sprachlich ist „Manchmal rot“ von außer gewöhnlicher Einfühlsamkeit und eröffnet dem Leser lebhaft-sinnlich fremde Perspektiven. Romanfiguren mit synästhetischer Wahrnehmung gibt es nicht oft. Da ich selbst Synästhetin bin, fand ich diese spezielle Thematik selbstverständlich besonders ansprechend und gelungen.

Wer aufgrund der Überbrückung der großen sozialen Distanz zwischen Angelina und Christian ein romantisches Ende à la „Pretty Woman“ erwartet, wird mit dem offenen Ende der Geschichte hadern. Wer jedoch gerne miterlesen möchte, wie sich eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen beherzt emanzipiert, zu Selbstbewußtsein kommt und sich durch ihre Klangfarbensynästhesie einen neuen musikalischen Horizont erschließt, der findet in  „Manchmal rot“ eine ebenso berührende wie seltenheitswerte Charakterstudie mit wohldosierten Prisen trefflicher Gesellschaftskritik.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/manchmal-rot-3982.html

 

Querverweis:

Bereits Eva Baronskys erster Roman „Herr Mozart wacht auf“ spielte virtuos und amüsant mit der außergewöhnlichen Perspektive eines zeitgereisten Mozarts, der unversehens in der heutigen Gegenwart erwacht.
Hier entlang zu meiner Rezension von „Herr Mozart wacht auf“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/14/herr-mozart-wacht-auf/

Die Autorin:

»Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren überraschenden und sehr erfolgreichen Debütroman „Herr Mozart wacht auf“ (2009) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Nach „Magnolienschlaf“ (2011) erschien 2015 ihr dritter Roman „Manchmal rot“

Aufbau Literatur Wochenplaner 2017

  • Schreibtischkalender
  • Wochenkalender
  • Herausgegeben von Amelie Thoma und Catrin Polojachtof
  • Aufbau Verlag  2016   http://www.aufbau-verlag.de
  • Spiralbindung
  • Format: 30 cm x 11 cm / aufgeklappt 22 cm)
  • 11,95 € (D), 11,95 € (A)
  • ISBN 9778-3-351-03624-9
    aufbau-literatur-wochenplaner-2017

LITERARISCHE  ZEITPLANUNG

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieser ebenso schöne wie praktische Schreibtischkalender läßt sich nicht nur lesen und anschauen, sondern mit eigenen Terminen beschriften. Jede Woche blättern wir einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin auf, sehen in der oberen Kalenderhälfte ein entsprechendes Foto oder  – im historisch weiter in die Vergangenheit reichenden Falle – eine Illustration und selbstredend ein literarisches Zitat.

Die untere Kalenderhälfte enthält die üblichen wöchentlichen, kalendarischen Organisationszutaten, nebst kleingedruckten Geburts- und Todestagsvermerken zu berühmten Autoren.

Das Christa-Wolf-Zitat auf dem Titeldeckblatt stimmt bereits sehr konstruktiv auf das kommende Jahr ein. Und im Verlaufe des Jahres folgt eine vielstimmige Auswahl unterschiedlichster Autoren aus aller Welt sowie naher und ferner Vergangenheit und aktueller Gegenwart.

Manche Stimme ist amüsant, schelmisch, selbstironisch, manche klug, weise, nachdenklich, philosophisch, manche elegant, geheimnisvoll, poetisch, manche pragmatisch, psychologisch, politisch, manche verliebt, leidenschaftlich und sehnsuchtsvoll, manche nüchtern, manche berauscht, manche ernst und manche heiter.

Kurz: Hier kommen viele Gemütslagen wohlformuliert und anregend zu Wort.

Fünf ausgewählte Beispiele mögen dies abschließend illustrieren:

 

Hans Fallada gebührt in der 5. Woche der zeitlose Satz:

»Wo die Tatsachen unverrückbar feststehen,
hofft man auf Wunder.«

(Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun?, 1932)

Altersweise äußert sich in der 12. Woche  Andrea Maria Schenkel:

»Ich habe 50 Jahre gebraucht,
bis ich mich getraut habe,
ich selbst zu sein.
Jetzt bin ich angekommen.
Ich möchte keinen einzigen Tag jünger sein.«

(Andrea Maria Schenkel, 2012)

In der 23. Woche wird es mit Miguel Ángel Asturias kryptisch:

»Ich bin das Leben,
der Rotapfel des Paradiesvogels,
ich bin die Lüge von allem,
was wirklich ist,
und ich bin die Wirklichkeit aller Einbildungen

(Miguel Ángel Asturias, Der Herr Präsident, 1943)

In der 25. Woche offenbart John Cheever Lebensdankbarkeit:

»Das überwältigende Bewusstsein der Einzigartigkeit
unserer vielfältigen Möglichkeiten in der unermesslichen Schöpfung.
In jedem Augenblick empfand er es als außerordentliches Privileg,
als großes Geschenk, dass wir hier leben und uns
durch Liebe erneuern konnten.«

(John Cheever, Ach, dieses Paradies, 1982)

In der 48. Woche sinniert Annette Kolb gewitzt über das Schreiben:

»Mit dem Schreiben ist es
wie mit der Kaltwasserheilanstalt;
einmal drinnen, wird einem schon warm,
aber erst hinein!«

(Annette Kolb, Schriftstellers Klage, 1932)

Hier entlang zum Kalender auf der Verlagswebseite:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/aufbau-literatur-wochenplaner-2017.html

Aufbau Literatur Wochenplaner 2016

  • Schreibtischkalender
  • Wochenplaner
  • Herausgegeben von Amelie Thoma und
  • Catrin Polojachtof
  • Aufbau Verlag  2015   http://www.aufbau-verlag.de
  • 122 Seiten
  • Spiralbindung
  • Format: 30 cm x 11 cm / aufgeklappt 22 cm)
  • 11,95 € (D), 11,95 € (A)
  • ISBN 978-3-551-03584-6
    Aufbau Literatur Wochenplaner 2016

WOCHENSCHAU

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das neue Jahr hat zwar schon angefangen, aber es ist noch jung genug, Ihre geneigte Leseaufmerksamkeit auf den feinen literarischen Wochenplaner für das Jahr 2016 zu lenken.

Seit zehn Jahren ergänzt dieser Schreibtischkalender den literarischen Wandkalender des Aufbau Verlages um einen wöchentlichen Terminplaner mit kalendarischem Beschriftungsraum und konzentriert-prägnanten Zitaten aus Werken, Tagebüchern und Briefen von Literaten – bekannten und (höchst anregend!) auch weniger bekannten.

Ausgestattet mit den üblichen Kalenderdaten sowie den wichtigen Feiertagen und Schulferienterminen (auch für Österreich und die Schweiz), wird die aufgeklappte Kalenderwoche wöchentlich von einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin begleitet. Die Literaten werden in Wort und Bild vorgestellt; beispielhafte Zitate, aber auch die Gesichter, in denen wir lesen können, lassen uns sowohl Werke als auch Persönlichkeiten neu entdecken oder erfreut wiederfinden.

Von Elizabeth von Arnim bis Marina Zwetajana, von Thomas Bernhard bis Robert Walser, von Hildegard von Bingen bis William Shakespeare, von Axel Hacke bis Christa Wolf, von Laura Esquivel bis Heinrich Heine, von Higuchi Ichiyo bis Patty Smith, von Fjodor Dostojewski bis Luigi Pirandello reicht der literarische Jahresreigen 2016.

Hier wird jedem literarischen Geschmack etwas geboten: alte und junge, lebende und dahingegangene, weibliche und männliche Schriftsteller, poetische und politische, optimistische und pessimistische, lebensmüde und lebensmuntere, abenteuerliche und vernünftige …

Beispiele gefällig? Bitte sehr:

„Das Leben ist zu kurz,
um Animositäten zu pflegen und
sich auf das Schlechte zu Konzentrieren.“

Charlotte Brontë, Jane Eyre, 1847

„Ich habe einen Hausengel. Ich kann ihn weder sehen
noch hören, ich merke nur: Jetzt ist er da! Tu etwas,
flüstert er einem ein, warte nicht länger, wage den
ersten Schritt. Mein Hausengel steckt in mir, ist mein
Unruhegeist und der geduldige Zubringer guten Mutes.“

Lenka Reinerová, Mein Hausengel, 2000

„O schwankender Löwenzahn und glückliche Stockrose,
das tut aber meiner Nase gut.
da kann mir der künstliche Kram gestohlen bleiben,
das hier ist was andres als Rosenöl und Kölnischwasser.“

Jack London, Der Ruf der Wildnis, 1903

Ich weiß: Das Jahr 2016 läßt sich auch ohne einen solchen Kalender planen und organisieren – aber mit ihm wohl deutlich angeregter und beflügelter!

http://www.aufbau-verlag.de/index.php/aufbau-literatur-wochenplaner-2016.html

 

Herr Mozart wacht auf

  • von Eva Baronsky
  • Aufbau Verlag,  Februar 2011        http://www.aufbau-verlag.de
  • 978-3-7466-2696-3
  • 320 Seiten
  • Taschenbuch
  • 8,99 €
    herr-mozart-wacht-auf-grossestitelbild

S P R A C H M U S I K

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mozart entschläft auf seinem Sterbebett und erwacht in einer StudentenWG im Jahr 2006. Anfänglich wähnt er sich im Vorzimmer zum Paradies. Er bestaunt viele ihm völlig unbekannte und unerklärliche Dinge, wie z.B.  den elastischen Hosenbund der Jogginghose, die man ihm überlassen hat, die feine Seidenglätte des Schreibpapieres und einen Kugelschreiber, der „über einen mirakulösen Vorrat an Tinte verfügt“.

Er vermutet, daß er sein Requiem vollenden soll, bevor er in den Himmel darf, doch stattdessen fliegt er aus der WG und irrt durch ein ihm fremdes Wien bis zum St.-Stephans-Dom, dem einzigen Gebäude, das er wiedererkennt. Dort geht er zur Beichte und erfährt, daß er seit 215 Jahren tot ist und für einen von vielen Spinnern gehalten wird, die sich einbilden, Mozart zu sein.

Nun begreift er, daß er einen unfreiwilligen Zeitsprung erlitten hat und versucht sich zu orientieren, ohne seine Identität preiszugeben. Piotr, ein polnischer Stehgeiger, nimmt sich seiner an, läßt ihn bei sich wohnen und beschafft ihm Arbeit in einer Jazzbar. Mozart nennt sich fortan Wolfgang Mustermann und improvisiert sich aufgeschlossen und neugierig durch die fremde Zeit, er nutzt die Gelegenheit, in Bibliotheken und auf CDs seinem Ruhm nachzuforschen, besucht Opernaufführungen und macht sich lustig über Mozartkugeln.

„Ich mag als armer Schlucker ihr erscheinen – verfüge ich indes auch über Fertigkeiten, welche ich mir erlaube als meine Reichtümer gelten zu lassen.“  Und so ermusiziert sich Mozart Mustermann auch einige sehr lyrische Liebeserfahrungen – dezent angedeutet mit „legato – crescendo – stakkato“.

Eva Baronsky läßt Mozart so sprechen, wie man ihn aus den zahlreichen erhaltenen Briefen kennt, und allein dies ist schon sehr amüsant.

Viel Situationskomik ergibt sich aus den Begegnungen Mozarts mit modernen sanitären Anlagen, elektronischen Geräten, Damenmode und heutigen Umgangsformlosigkeiten.

Die besondere Qualität des Buches liegt darin, daß es der Autorin einfühlsam gelingt, sich in Mozarts Zeitperspektive hineinzuversetzen  und all die – für uns alltäglichen Gegebenheiten – völlig neu zu sehen und zu hören und in Mozarts Tonfall wiederzugeben.

Leser, die mit Mozarts Musik und Sprache schon vertraut sind, werden beide mit Vergnügen wiedererkennen;  und wer noch kein Mozartkenner ist,  könnte durchaus auf den Geschmack kommen. Dieser Roman macht sowohl musikalisch als auch sprachlich Lust auf mehr Mozart.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/herr-mozart-wacht-auf-2197.html

 

Die Autorin:

»Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren überraschenden und sehr erfolgreichen Debütroman „Herr Mozart wacht auf“ (2009) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Nach „Magnolienschlaf“ (2011) erschien 2015 ihr dritter Roman „Manchmal rot“.«