Überall & Nirgends

  • Gedichte über Tod und Trauer
  • Text von Bette Westera
  • Illustrationen von Sylvia Weve
  • Originaltitel: »Doodgewoon«
  • Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
  • Susanna Rieder Verlag 2016  www.riederbuch.de
  • Halbleinen, gebunden
  • Format: 26 x 23 cm
  • 112 Seiten
  • 3 LESEBÄNDCHEN
  • 25,00 € (D), 26,00 € (A)
  • ISBN 978-3-946100-09-6
  • Für Kinder ab 8 Jahren und für Erwachsene

T R A U E R S T I M M E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bette Westera wagt es, sich einen Reim auf den Tod zu machen. Ihre Gedichte über Tod und Trauer formulieren viele Gefühlsfacetten. Sie öffnen das Herz und bringen Tränen zum Fließen. Die einfühlsamen, ebenso tief ernsthaften wie zuweilen auch sanft schmunzlerischen Gedichte „sprechen“, wo sonst oft Schweigen herrscht.

Die Autorin widmet sich schonungslos hin- und mitfühlend dem Tod von Großeltern, Müttern, Vätern, Geschwistern, Kindern, Neugeborenen und Haustieren. Alters- schwäche, schwere Krankheit, Unfall, Selbstmord oder Nahtoderfahrung – all diesen Erscheinungsformen der Sterblichkeit wird in diesem Buch ausdrücklich Raum und Ehre gegeben. Das ist zugleich schmerzlich und tröstlich; der Tod ist kein Ausnahmefall, er gehört zum Leben.

Die Texte stellen sich der Sterblichkeit, der Trauer, dem Verlust, der Verletzlichkeit, der Verzweiflung, dem plötzlichen Riß im Lebens- und Liebesgefüge, der Sehnsucht und der wehmütigen Präsenz der Abwesenheit und weisen zugleich auf die kostbaren Geschenke des Gewesenen hin und nähren – manchmal ganz direkt, manchmal zwischen den Zeilen – eine Haltung der Dankbarkeit, Demut und Wertschätzung für die erlebte Bindung.

Die Gedichte sind stilistisch in einfacher Sprache geschrieben, gleichwohl feinsinnig und getragen von einem eingängigen sprachmelodischen Klang – wofür dem Übersetzer ausdrücklicher Dank gebührt.

In den vielschichtigen Illustrationen von Sylvia Weve finden die Gedichte eine spiegelnd-ergänzende Entsprechung. Die Illustrationen sind abwechselnd sparsam zurückhaltend und farblich angegraut sowie üppig und bunt. Einige Doppelseiten sind mit Halbseiten zum Umklappen versehen, aus denen sich zusätzliche Verbindungen ergeben.

Bestattungsformen (Erd-, Feuer-, Wasser- und Luftbestattung), verschiedene Jenseits-vorstellungen und Trauerrituale unterschiedlicher Kulturen und Zeitepochen werden dargestellt und ebenso die Themen Erbschaft und Haushaltsauflösung. Kindlich-philosophische Betrachtungen zur Winzigkeit des menschlichen Lebens angesichts der Unendlichkeit des Sternenhimmels fügen sich harmonisch in den poetischen Vergänglichkeitschor ein.

© Sylvia Weve & Bette Westera / Susanna Rieder Verlag

© Sylvia Weve & Bette Westera / Susanna Rieder Verlag

Im Anschluß an die illustrierten Gedichte folgen einige Glossarseiten mit kurzen sachlichen, kindgemäßen Erklärungen zu den zuvor erwähnten Begriffen, die thematisch von Allerseelen über Hospiz bis Reinkarnation reichen.

„Überall & Nirgends“ ist mit drei Lesebändchen ausgestattet, die einer schnellen Markierung von besonders ansprechenden Lesepassagen angenehm entgegenkommen.

Dieses berührende Buch kann Herzen öffnen und Trauer befreien. Zumindest bei einem akuten Trauerfall empfehle ich eine Lektüre gemeinsam mit dem Kind, damit sich aufgewühlte Fragen und Gefühle in einem liebevoll-geborgenen Umfeld entfalten und ausweinen können.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.riederbuch.de/programm/lyrik-fuer-junge-leser/

Die Autorin:

»Bette Westera, geboren 1958, ist eine sehr vielseitige Schriftstellerin. Ihr umfangreiches Werk umfasst Bilderbücher, Lyrik, erzählendes Kinderbuch und modernes Märchen. Zielgruppe sind dabei Kinder bis zum Alter von 10 Jahren. Nach einer kurzen Zeit als Grundschullehrerin studierte sie Psychologie. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet.«

Die Illustratorin:

»Sylvia Weve, geboren 1954, hat bereits über 150 Bücher illustriert. Ihre ausdrucksvollen, energiegeladenen Illustrationen korrespondieren wunderbar mit Bette Westeras Texten. Die beiden sind ein erprobtes und äußerst erfolgreiches Autorenduo.«

Der Übersetzer:

»Rolf Erdorf, geboren 1956, studierte Germanistik, Romanistik und Niederländische Philologie in Bonn, Köln und Berlin. Für sein umfassendes Übersetzerwerk wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis

Gerne widme ich diese Buchbesprechung Petra Pawlofskys wertvoller Sammlung „Kinder im Aufwind“:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/fundgrube-3-kurzvorstellung-der-beitraege-ab-juli-2017/

Querverweis:

Hier folgen ergänzende Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:

Ente, Tod und Tulpe
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/13/ente-tod-und-tulpe/
Erik und das Opa-Gespenst

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Nur ein Tag
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Opa Meume und ich 
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/opa-meume-und-ich/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Wie lange dauert Traurigsein?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/03/wie-lange-dauert-traurigsein/

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Rigo und Rosa

  • 28 Geschichten aus dem Zoo und dem Leben
  • Bilderbuch
  • Text von Lorenz Pauli
  • Bilder von Kathrin Schärer
  • Atlantis Verlag  Februar 2016   www.atlantis-verlag.ch
  • Format: 17,6 x 26,4 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • durchgehend vierfarbig
  • 16,95 € (D), 17,50 € (A), 26,80 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0710-0
  • ab 5 Jahren
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P H I L O Z O O L O G I S C H

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eines Abends findet der alte und schon etwas müde Zooleopard Rigo eine kleine Maus in seinem Gehege. Kurz ist er geneigt, sie einfach aufzufressen, aber da sie ihn so rührend und vertrauensselig um Schutz vor bösen Tieren bittet, unterhält er sich amüsiert mit ihr. Die Maus heißt Rosa und darf schließlich, eingekuschelt in den Leopardenschwanz, bei Rigo übernachten.Rigo und Rosa Innen 1

Aus: Rigo und Rosa © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

Am nächsten Morgen geht das Kennenlernen und Miteinanderplaudern munter weiter. Rosa ist jung, neu- und wißbegierig und springlebendig. Rigo genießt die täglichen Besuche von Rosa und die abwechslungsreichen Ideen, Phantasien und Fragestellungen, die sie stets mitbringt.

In heiter-schelmischen Dialogen erörtern sie die Themen Angst und Vertrauen, richtige und falsche Geschenke, wie man Feste feiert, die Kugelform der Erde, Schönheit und Wahrheit sowie Freude und Weisheit, und sie beschäftigen sich damit, wie man die Welt verändert, Langweile vertreibt, Schnupfen mit Kräutern heilt u.v.a.m.Rigo und Rosa Innen 2

Aus: Rigo und Rosa © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

 

Während all dieser spielerisch-philosophischen Betrachtungen geht es auch immer wieder um die wechselseitig wachsenden freundschaftlichen Gefühle, und manchmal erfinden sie auch ganz neue Worte, wie z.B. „flatterastisch“ für die Schönheit der Schmetterlinge oder „extratopoflorios“ für eine besonders schöne Pflanzen- und Tautropfenszenerie.

„Alles, was wir tun, ist wichtig.
Wenn du willst, dass etwas passiert,
dann musst du es selber tun.
Du musst es tun, als ob es nur auf dich
alleine ankommen würde.
Denn es kommt auf dich an.“  (Seite 115)

In diesen 28 Geschichten gibt Lorenz Pauli großen Gedanken, tiefsinnigen Fragen und lebhaften Gefühlen mit meisterhafter Einfachheit kindgerecht einen warmherzigen, erzählerischen Entwicklungsraum. Die weitgehend naturbelassenen Illustrationen von Kathrin Schärer werden den beschriebenen Charakteren mimisch, gestisch und szenisch ausdrucksvoll gerecht und harmonieren wunderbar mit dem einfühlsam-nachdenklichen, humorvollen Tonfall des Textes.

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite, dort gibt es auch Einblick ins Buch: http://ofv.ch/kinderbuch/detail/rigo-und-rosa/101821/

Der Autor:

»Lorenz Pauli, geboren 1967. Nach einer Banklehre machte er die Ausbildung zum Kindergärtner. Seit 1989 arbeitet er in einem Kindergarten in Zollikofen; längst mit reduziertem Pensum, denn oft ist er unterwegs als Erzähler. Mit wenigen Requisiten und mit sympathischer Bühnenpräsenz fasziniert er Kinder und Erwachsene. 2012 bekam Lorenz Pauli Ehrerweisung auch von offizieller Seite – mit einem Platz auf der IBBY-Honour-List für die Qualität seines Textes in »Oma Emma Mama« (2010, Atlantis). Pauli lebt mit seiner Familie in Bern. Hinweise auf seine Veröffentlichungen in Berner Mundart, auf Bücher und Tonträger unter: Webseite:  http://www.mupf.ch  «

Die Illustratorin:

»Kathrin Schärer, 1969 geboren, studierte an der Hochschule für Gestaltung Basel, wo sie auch lebt. Sie hat wiederholt eigene Texte illustriert und in langjähriger Zusammenarbeit und mit Erfolg Geschichten von Lorenz Pauli. Für ihr Gesamtwerk war sie für den Hans-Christian-Andersen-Preis 2012 und den Astrid Lindgren Award 2014 nominiert. Zuletzt wurde „Der Tod auf dem Apfelbaum“ (2015, Atlantis) stark beachtet und mehrfach ausgezeichnet. Infos unter:  www.kathrinschaerer.ch  «

Querverweis:

Hier entlang zu einer weiteren Bilderbuch-Kokreation von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer „böse“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/03/02/boese/

Hier geht es zu meiner Besprechung  von Kathrin Schärers Bilderbuch „Der Tod auf dem Apfelbaum“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/

 

Der Bär und das Wörterglitzern

  • Bilderbuch
  • Text von Agnès de Lestrade
  • Illustration von Valeria Docampo
  • Aus dem Französischen von Anna Taube
  • mixtvision Verlag  Juli 2015       http://www.mixtvision-verlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 40 Seiten
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3-95854-026-2
  • ab 3 Jahren
  • Dem Buch liegt ein E-Buch-Code bei.
  • Dieser individuelle Code berechtigt zum einmaligen
  • kostenfreien Herunterladen des E-Buches.
    95854-026-2_Der Bär und das Wörterglitzern_300dpi_verkleinert auf 15cm

WÖRTERWANDELN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nach dem sehr erfolgreichen Bilderbuch „Die große Wörterfabrik“ (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/08/die-grose-worterfabrik/) haben Agnès de Lestrade (Autorin) und Valeria Docampo (Illustratorin) wieder ein poetisches Bilderbuch zum Thema Sprache gestaltet.

„Der Bär und das Wörterglitzern“ handelt davon, Gefühle und Gedanken in Worte zu kleiden, und zwar in Worte, die man sich selbst gleichsam maßschneidert.

Der leuchtend blaue Bär führt uns durch seine Erfahrungsräume: Eine Doppelseite zeigt und beschreibt mit einfachen Worten, was er erlebt, und die nächste Doppelseite zeigt und beschreibt seine persönliche Neukombination von üblichen Worten zu neuen, ihm gemäßer erscheinenden Worten.

langeweilschleichen

Illustration von Valeria Docampo © mixtvision Verlag 2015

stillenecken

Illustration von Valeria Docampo © mixtvision Verlag 2015

So lernen wir ganz neue Vokabeln wie beispielsweise:
traumschweben,
eiszapfenglitzern,
meerrieseln,
langeweilschleichen,
stillenecken,
tränenschwimmen und randspringen.

 

(Anklicken vergößert
die Bilderansicht)

 

 

Die ausdrucksstarken Bilder mit ihren abwechslungsreichen Proportionen und intensiven Farbkontrasten reflektieren mit spielerischer Raffinesse die unterschiedlichen Gefühlsstimmungen und Gedanken sowie die hinspürige Wahrnehmungsweise des Bären.

Der Bär fühlt sich groß, klein, zugewandt, alleine, verträumt, nachdenklich, neugierig, traurig, zuversichtlich, mutig … als gefühlsabschmeckender, wörterverwandelnder und eigenwilliger Namensgeber seiner Empfindungen geht er von Erfahrung zu Erfahrung und öffnet sich und dem Leser sprachpoetische Horizonte.

Da kann man nur noch lesestaunen und sich – ganz am Rande – vielleicht dazu animieren lassen, selbst neue Worte zu wagen.

PS:
Voraussetzung für einen ergiebigen Genuß dieses anspruchsvollen Bilderbuches ist eine entsprechende Bilderbuchvorerfahrung und eine dadurch gewonnene Imaginationsfähigkeit.

Und hier geht es zum SEHR feinen und SEHENSWERTEN Werbefilm zum Bilderbuch: http://www.mixtvision-verlag.de/player_video.php?playerID=134

Querverweis:

Die große Wörterfabrik
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/08/die-grose-worterfabrik/

Die Autorin:

»Wenn Agnès de Lestrade gerade nicht schreibt, liest, träumt oder eine Tasse Tee trinkt, erfindet sie Gesellschaftsspiele, Lieder und hat sogar die Zeit gefunden, selbst zwei hübsche Kinder zu fabrizieren, um all das an ihnen auszuprobieren. Seit ihrem Debüt 2003 erschienen von Agnès de Lestrade bereits über 20 Bücher in französischer Sprache.«

Die Illustratorin:

»Die Inspiration für ihre Illustrationen findet Valeria Docampo im Alltag: der Blick eines Hundes, das Rauschen des Regens im Herbst oder der Duft des Frühstücks. Geboren wurde sie in Buenos Aires, Argentinien, wo sie auch ihr Diplom in Grafikdesign und visueller Kommunikation machte. Seit 2003 widmet sie sich ganz der Illustration für Kinderbücher, immer auf der Suche nach neuen grafischen Techniken.«

Unter dem Milchwald / Under Milk Wood

  • von Dylan Thomas
  • Drei Hörspielinszenierungen
  • BBC 1963, NWDR 1954, MDR 2003
  • 6 CDs
  • Laufzeit: 4 Stunden, 43 Minuten
  • der Hörverlag   Juni 2014           http://www.hoerverlag.de
  • Sprecher: Richard Burton (BBC 1963)
    Ludwig Cremer, Dietrich Haugk (NWDR 1954)
    Harry Rowohlt, Boris Aljinovic, Sophie Rois (MDR 2003)
    u.v.a.
  • Regie: Götz Fritsch, Douglas Cleverdon, Fritz Schröder-Jahn
  • Übersetzung: Erich Fried
  • Buchvorlage: Carl Hanser Verlag
  • ISBN 978-3-8445-1410-0
  • 24,99 € (D), 36,90 sFr
    Unter dem MilchwaldUnder Milk Wood von Dylan Thomas

OHRENBETÖRENDE   W O R T B E R A U S C H UNG

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der einhundertste Geburtstag von Dylan Thomas (27.10.2014) wurde beim Hörverlag ausgiebig gefeiert: mit einer üppigen CD-Edition, die gleich drei legendäre Hörspielinszenierungen eines der berühmtesten Hörspiele der Rundfunkgeschichte in einem Gesamtpaket für nur 24,99 € anbietet. Die schöne, praktische Faltpappverpackung enthält neben sechs CDs ein umfängliches Textheftchen mit Hintergrundinformationen zu Dylan Thomas‘ Leben und Werk sowie zu Übersetzung (von Erich Fried) und Produktion.

Die ersten beiden der insgesamt sechs enthaltenen CDs bringen uns das englische Original, mit Richard Burton als Erzählerstimme, beeindruckend zu Gehör. (Richard Burton war mit Dylan Thomas befreundet, und er wurde nach seinem Tode zusammen mit einem Gedichtband von Dylan Thomas begraben.). Die weiteren vier CDs enthalten eine ins Deutsche übersetzte Vertonung aus dem Jahre 1954 (mit Ludwig Cremer und Dietrich Haugk als Erzähler) und aus dem Jahre 2003 (mit Harry Rowohlt und Boris Aljinovic als Erzähler).

Diesen drei Hörspielinszenierungen hintereinander zu lauschen ist keineswegs eintönig, sondern hochinteressant und dank der unterschiedlichen dramatischen, schauspielerischen und stimmlichen Darstellung durchaus abwechslungsreich. Für die englische Originalfassung bedarf es allerdings recht guter Englischkenntnisse oder der Geduld für wiederholtes Zuhören, welches das Verständnis vertieft.

Für mich ist „Unter dem Milchwald“ eine faszinierende Entdeckung und das Schließen einer literarischen Lesewissenslücke, kannte ich doch bisher lediglich das berühmte Gedicht „Geh nicht gelassen in diese gute Nacht“ von Dylan Thomas.

Die lautmalerische, sprachmagische Wortwirkung kommt im englischen Originalhörspiel selbstverständlich am lebhaftesten zur Geltung; indes braucht sich die Übersetzung von Erich Fried keineswegs verschämt in die Ecke zu stellen, sondern sie wird den blühenden Metaphern und wildwüchsigen Wortwesensarten von Dylan Thomas sehr gerecht.

Zur Einstimmung fangen wir mit dem Anfang an:

„Anfangen, wo es anfängt: Es ist Frühling, mondlose Nacht in der kleinen Stadt, sternlos und bibelschwarz, die Kopfsteinpflasterstraßen still, und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehenschwarzen, zähen, schwarzen, krähenschwarzen, fischerbootschaukelnden See…“

Geleitet vom roten Faden der dichterischen Zeilen und gebannt von zauberspruchartigen Wortwendungen, spazieren wir einen frischen Frühlingstag lang durch das fiktive walisische Kleinstädtchen Llareggub und werden als erste Einweihung in die ausklingenden nächtlichen Träume verschiedener Einheimischer getaucht.

Nach und nach erwacht der kleine Fischerort, die Kirchglocke wird vom blinden Kapitän Cat, der im Dunkeln sehen kann, geläutet, der örtliche Priester spricht auf seiner Türschwelle einen poetisch-heimatverbundenen Segen auf Llarggub, die Menschen frühstücken und gehen ihrer Arbeit nach, Möwen durchrufen die meersalzige Luft, und die Zeit vergeht.

Das Wellengekräusel und -Geschäume zwischenmenschlicher Gefühle und Gedanken, subjektiver Zu- und Abneigungen durchpulst in schonungslosen Schattierungen das Wohl und Wehe der Einwohner von Llarggub.

Der Postbote Willy Nilly liest ganz ungeniert die Post, es gibt Klatsch und Tratsch, Gerüchte und Gerüche, Gemuschel und Getuschel, Liebe und Haß, Träume, Sehnsüchte, Verbitterung und Glück, Hoffnung und Verzweiflung, Momentaufnahmen, kindliche Liebespfänderspiele, wehmütige Erinnerungsrückblenden, gutmütige, böswillige Charaktere und skurrile Charaktere, z.B. Mrs Ogmore-Pritchard, eine sauberkeitsfanatische Pensionswirtin, die sogar noch ihre beiden verstorbenen Ehemänner als Gespenster zum Staubwischen verdonnert. Sinnliches und Übersinnliches gehen reibungslos ineinander über, und neben vielen Lebenden kommen auch einige Tote ganz munter zu Wort.

Die Menschen und silbensummenden Szenerien von „Unter dem Milchwald“ scheinen einfach dem Alltag abgelauscht, doch zugleich modelliert Dylan Thomas seine Figuren aus dem TON seiner verdichteten Worte heraus und erschafft einen sehr eindringlich-assoziativen Bewußtseinsstrom, ein vielstimmiges, organisches Ganzes, dessen verschlungene Wege, eigenwillige Formulierungen, sinnliche Vibrationen und anschauliche Sprachverspieltheiten ein überaus intensives, ja, unvergeßliches Klanggebilde erzeugen.

Mögen zum Abschluß nun einige Lieblingsformulierungsperlen glänzen:

„… von Glühwürmchen brautumjungfert…“

„… ehrbar eheberingt…“

„… unter tugendhaft arktischen Bettüchern …“

„…gemauserte Federn von Träumen…“

 

Der Autor:

»Dylan Thomas, geboren 1914 in Swansea / Wales, ging 1934 nach London und arbeitete dort für Zeitschriften und für die BBC. 1949 zog er sich in den kleinen walisischen Fischerort Laugharne zurück. Er gab sich selbst den Namen „Rimbaud vom Cwmdonkin Drive“, und stellte sich damit selbst in die Ahnenreihe der rebellischen Dichter. Zeitlebens gefährdete er sich selbst durch exzessiven Alkoholgenuss. 1945 erhielt er von der BBC den Auftrag, ein Hörspiel zu schreiben. So entstand „Under Milk Wood – A Play for Voices“, das heute zu den wichtigsten und erfolgreichsten Werken des Walisers zählt. Es wurde im Januar 1954 zum ersten Mal gesendet. Der Autor selbst erlebte den Welterfolg jedoch nicht mehr, er war 1953 zwei Monate vor der Erstausstrahlung während einer Lesereise in New York verstorben. Zu Lebzeiten ebenso umstritten wie berühmt, gehört sein Werk inzwischen zum festen Bestandteil der modernen Poesie. Seine Sprache vereint Weltschmerz und Lebenskraft, Sprachwitz und Morbidität. Einer seiner größten Bewunderer war Bob Dylan, der sich nach ihm benannte.«

Hier geht es zu Hörproben zu jedem der drei Hörspiele:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Unter-dem-Milchwald-Under-Milk-Wood-Drei-legendaere-Hoerspielinszenierungen/Dylan-Thomas/e454205.rhd

Die Buchausgabe von Hanser, welche als Textgrundlage für die deutschen Hörspiel-Inszenierungen diente, ist leider vergriffen. Die Übersetzung von Erich Fried findet sich nun beim Reclam Verlag.

Bei Reclam gibt es jeweils eine deutsche und eine englische Buchausgabe:

Dylan Thomas
Unter dem Milchwald
Ein Spiel für Stimmen
Dt. Nachdichtung: Fried, Erich
Nachwort: Bender, Hans 1988
Reclam Universal-Bibliothek Nr.7930
Kartoniert, 107 Seiten, 4,60 €
ISBN 978-3-15-007930-0

Dylan Thomas
Under Milk Wood
A Play for Voices
Hrsg. v. Reinhard Gratzke 1989
Reclam Universal-Bibliothek Nr.9248         http://www.reclam.de
Kartoniert, 159 Seiten, 4,60 €
ISBN 978-3-15-009248-4

»Ungekürzte und unbearbeitete Textausgabe in der Originalsprache, mit Übersetzungen schwieriger Wörter am Fuß jeder Seite, Nachwort und Literaturhinweisen.«

Querverweis:

Hier entlang zu den Liebesbriefen, die Dylan Thomas an die Frauen seines Lebens geschrieben hat:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/08/02/die-liebesbriefe-dylan-thomas/

 

Wie lange dauert Traurigsein?

  • Für alle, die jemanden verloren haben
  • von Maria Farm
  • aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
  • Einband von Anna Harvard
  • Illustrationen von Bianca Schaalburg
  • Oetinger Verlag, März 2014                     http://www.oetinger.de
  • 144 Seiten, gebunden
  • 12.95 €
  • ISBN 978-3-7891-8557-1
  • Ab 9 Jahren
    9783789185571.jpg Wie lange dauert Traurigsein

LICHTSTREIFEN  IN  DER  DUNKELHEIT 

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist schon für Erwachsene eine Herausforderung, konstruktiv mit den schmerzlichen Gefühlen umzugehen, die mit den Themen Tod, Verlust und Trauer verbunden sind. Umso wichtiger ist es, daß Kinder, die vom Tode eines nahen Angehörigen betroffen sind, eine gute Unterstützung und Begleitung zur Trauerverarbeitung bekommen.

Auch ein Ratgeberbuch kann ein solcher hilfreicher Wegweiser sein. Die Autorin von „Wie lange dauert Traurigsein?“ ist Psychologin, und der Umgang und das Arbeiten mit Menschen in Krisensituationen ist ihr Beruf. Ihr Buch ist für Kinder und Jugendliche ab 9 Jahren geschrieben, aber es ist auch gut für Erwachsene geeignet, die – beruflich oder persönlich – in irgendeiner Weise trauernden Kindern beistehen und helfen möchten.

Gefühle müssen zur Sprache gebracht werden, und dieses Buch geht mit gutem Beispiel voran:
Es wird nichts beschönigt, aber auch nichts dramatisiert. Mit ausdrücklicher Sensibilität und spürbarem Mitgefühl beschreibt die Autorin Gefühle von Angst, Betäubtheit, Verwirrung, Schuld, Wut, Verletzlichkeit, Sinnlosigkeit und Traurigkeit sowie Möglichkeiten, mit diesen schmerzlichen Gefühlen umzugehen. Sie spricht zudem auch unterschiedliche Todesarten (Unfall, Krankheit, Gewaltverbrechen und Selbstmord) an.

Sie wendet sich auch an Kinder, die einen gewalttätigen oder vernachlässigenden familiären Hintergrund haben und denen verantwortungsvolle Bezugspersonen fehlen. In solchen Fällen empfiehlt sie diesen Kindern und Jugendlichen, außerfamiliäre Hilfe in Anspruch zu nehmen. (Auf den Seiten 123/24 werden Internetseiten und Telefonnummern von Beratungsstellen angegeben.)

Die vier Phasen der Trauer (Schock, Reaktionsphase, Verarbeitung, Neuorientierung) werden sehr verständlich erläutert, aber auch der Unterschied zwischen Trauer und Depression wird anschaulich dargelegt. Auch die Möglichkeit, in der Trauer steckenzubleiben, wird thematisiert und die Notwendigkeit, sich in diesem Falle mit professioneller therapeutischer Begleitung an die Trauerverarbeitung zu machen.

Wiederholt wird darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, die traurigen und schmerzlichen Gefühle und Gedanken sowie die schönen Erinnerungen an die verstorbene Person zum Ausdruck zu bringen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen, z.B. durch Aufschreiben oder Malen und durch die Gestaltung eines persönlichen Ortes der Erinnerung, der mit einigen besonderen Erinnerungsgegenständen und vielleicht einer Kerze geschmückt wird.

Der Wellengang der Gefühle, das Hin und Her von Kummer und Trost, die Erschöpfung und die dunklen Gedanken, die aufkommen können, all dies sollte man sich von der Seele reden. Das Gespräch mit vertrauten Erwachsenen, mit den eigenen Freunden, aber auch ein Selbstgespräch können beruhigen, trösten und helfen. Natürlich muß auch die Sprache der Tränen fließen, wann immer einem danach zumute ist.

Es fehlt auch nicht an ganz pragmatischen Anregungen, gut für sich selbst zu sorgen, z.B. durch Bewegung an der frischen Luft oder die Ausübung einer Sportart. Auch hier wird ganz einfach erklärt, daß man dem Körper dadurch hilft, Stress abzubauen sowie durch die Ausschüttung körpereigener „Glückspillen“ die eigene Gefühlstimmung positiv beeinflußen kann.

Die Autorin beschreibt den Ausnahmezustand der Trauer in einer sehr warmherzigen Sprache mit kindgemäßer Wortwahl, und es gelingt ihr, auf berührende Weise Trost und Verständnis zu vermitteln sowie eine Vielzahl von konstruktiven Anregungen und Hilfen.

Den Weg der Trauerverarbeitung muß ein betroffenes Kind zwar trotzdem selber gehen. Aber mit dem glaubwürdigen, „buchförmigen“ Versprechen eines lebenserfahrenen Erwachsenen, daß das Leben wieder heller werden wird, sieht der Weg nicht mehr ganz so düster aus. Und vielleicht reift dann langsam eine Erkenntnis, wie die eines Jungen, der bei der Autorin in Behandlung war und der sehr um seine Mutter trauerte:

»Eines Tages strahlte er übers ganze Gesicht: „Du, ich bin jetzt dahintergekommen!“ „Was denn?“ fragte ich. „Also“, antwortete er, „alle wissen ja, dass gute Gefühle vorbeigehen, oder? Ich weiß, wenn ich jetzt im Moment froh bin, heißt das nicht, dass ich immer froh sein werde. Und darum kann man genauso über anstrengende Gefühle denken: Genau wie die frohen Gefühle werden auch sie natürlich vorübergehen!« (Seite 81)

Die farblich zurückhaltenden Illustrationen (von Bianca Schaalburg) – in schwarz, weiß, grau und rosa – bereichern den einfühlsamen Text um schlichte, aber sehr sprechende Bilder.

Eine weitere sinnvolle Ergänzung sind die textfreien letzten 14 Buchseiten, die dem Kind ganz unmittelbar Raum für eigene Notizen lassen.

 

Die Autorin:

»Maria Farm ist Psychologin, und der Umgang und das Arbeiten mit Menschen in Krisen ist ihr unmittelbar vertraut. „Wie lange dauert Traurigsein?“ ist ihr drittes Buch und basiert auf Erfahrungen aus ihrer Praxis.«

 

Die Illustratorin:

»Bianca Schaalburg, geboren 1968 in Berlin, studierte dort auch Grafik und Visuelle Kommunikation. Schon während des Studiums konnte sie regelmäßig Cartoons und Comics veröffentlichen und erste Kinderbücher illustrieren. Seit 2006 hat sie einen Platz an der Sonne im Atelier petit 4 in Berlin. Dort arbeitet sie mit viel Spaß an ihren Kinder- und Jugendbüchern und an Aufträgen für Zeitschriften und Agenturen. «

Querverweis:

Hier folgen ergänzende Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:

 

Ente, Tod und Tulpe
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/13/ente-tod-und-tulpe/
Erik und das Opa-Gespenst
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/ ‎
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Nur ein Tag
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Opa Meume und ich 
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/opa-meume-und-ich/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Überall & Nirgends / Gedichte über Tod und Trauer
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/07/03/ueberall-nirgends/

 

 

Der Sommernachtsball

  • von Stella Gibbons
  • Aus dem Englischen von Gertrud Wittich
  • DEUTSCHE  ERSTAUSGABE
  • Originaltitel: »Nightingale Wood«
  • MANHATTAN Verlag  2013      http://www.manhattan-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 558 Seiten
  • 18,99 € (D),  19,60 € (A),   25,90  sFr.
  • ISBN 978-3-442-5426-5
    Der Sommernachtsball von Stella Gibbons

WER   KRIEGT   WEN   UND   WARUM

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 Der Sommernachtsball“ von Stella Gibbons ist eine vergnügliche Lektüre mit gleichwohl nachdenklichen Seiten. Die englische Originalausgabe erschien in den 1930er-Jahren; bei der nun vorliegenden Übersetzung von Gertrud Wittich handelt es sich um die deutsche Erstausgabe. Vordergründig bekommen wir hier eine Aschenputtelvariante zu lesen:

Liebliches armes Frauchen begegnet auf einem Wohltätigkeits-Sommernachtsball dem begehrtesten, reichsten und charmantesten Männchen, sie tanzen miteinander und fühlen sich zueinander hingezogen. Einen Ball bzw. ein ländliches Gartenfest später kommt es zu einvernehmlichen, heimlichen Küssen.

Ein lästiges Hindernis ist die Tatsache, daß der Herr des Herzens bereits mit einer anderen verlobt ist, aber solche Besitzansprüche lassen dennoch genug Raum für Liebesträume. Nach umfänglichem Herzeleid, Ungewißheiten, Sehnsuchtszerreißproben, Tränen, Mißverständnissen, Gewissensfragen und rettenden Wahre-Liebe-Antworten unter dramatischen Begleitumständen wird wunderschön und mit dem standesübergreifenden Segen von Groß- und Kleinbürgertum geheiratet.

In Stella Gibbons Roman ist das Aschenputtelthema die ROMANtische Verpackung für eine scharfsinnige, selbstironisch-sozialkritische Darstellung zwischenmenschlicher Stärken und Schwächen. Die Charaktere werden uns geschminkt und ungeschminkt vorgeführt. Es bleibt uns nichts erspart: keine Dummheit, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, keine männlichen und weiblichen Klischees, aber auch keine echte Herzensöffnung. Die Entwicklung der Figuren bekommt dadurch eine angenehm-desillusionierende, amüsante und zeitlose Glaubwürdigkeit.

Die Einblicke in die hintersten Hinterstübchen ihrer Gedanken (Seite 44) gehören zu den psychologischen Stilmitteln, die diesem Roman einen besonderen und augenzwinkernd- bissigen Reiz verleihen.

Klassenunterschiede bei den Damen werden z.B. durch die Erwähnung der Preisklasse ihrer Gesichtscremes illustriert, was einer anschaulichen und treffenden, sozialbuchhalterischen Bestandsaufnahme gesellschaftlicher und finanzieller Verhältnisse gleichkommt.

Das Aschenputtel, die junge, frisch verwitwete und verarmte Viola Withers, ist auf die Gnade ihrer Schwiegereltern angewiesen. Diese leben zusammen mit zwei überreifen, unverheirateten Töchtern auf einem ländlichen Anwesen in Essex. Der Hausherr ist gehoben-mittelständisch wohlhabend, aber geizig, sein Horizont eher kleinkariert:
„Elf Gänseblümchen, elf unordentliche Gänseblümchen, wuchsen noch immer illegal auf seinem Rasen.“
(Seite 34/35)

Die Schwiegertochter wird im Witherschen Haushalt aufgenommen und mit durchgefüttert, aber wirklich willkommen ist sie nicht. Schon die Entscheidung des verstorbenen Sohnes, eine „kleine Verkäuferin“ zu heiraten, war den Schwiegereltern unbegreiflich und peinlich; und man unterstellte Viola unmoralische Verführungskünste und parasitäre Absichten.

Die beiden Schwägerinnen verkörpern unterschiedliche Frauentypen: Madge ist der sportlich-robuste Kumpeltyp; ihr Sehnen gilt einem eigenen Hund und dessen Erziehung. Tina ist der zarte, empfindsam-nachdenkliche Frauentyp; sie sehnt sich nach Liebeserfüllung, und sie ist das einzige Familienmitglied, das sich über den Einzug von Viola freut.

Saxon ist der Chauffeur und Gärtner der Withers und der ehrgeizigste, schönste und sympathischste Mann im ganzen Roman.

Aschenputtels Prinz, der attraktive und elegante Victor Spring, entspringt der reichsten und geldadeligsten Familie der Gegend und wohnt – wenn er nicht gerade geschäftlich in London unterwegs ist  –  auf dem benachbarten und deutlich luxuriöseren Anwesen.

Dort leben außer ihm noch seine verwitwete Mutter, die nur hübsches Personal beschäftigt, um ihre Stimmung täglich aufzuhellen, und seine Cousine Hetty, die von den gedankenlosen Vergnügungen ihrer reichen Familie angeödet ist. Cousine Hetty  zieht die Gesellschaft von Büchern der Gesellschaft von Menschen vor, und sie liest lieber über Gefühle, als selbst wirkliche Gefühle zu spüren oder Zeuge von Gefühlsausbrüchen anderer Menschen zu werden.

Phyllis Barlow, die elegante, stilsichere und verwöhnte Verlobte Victor Springs, tanzt von Vergnügen zu Vergnügen und läßt Männer im allgemeinen und Victor Spring im besonderen nach ihrer Pfeife tanzen.

Viola-Aschenputtel-Withers ist jung und schön, aber im Gegensatz zu Phyllis Barlow stilunsicher, warmherzig, intellektuell eher schlicht – ja einfach ganz naiv-romantisch und aufrichtig.

Eine wichtige Nebenfigur ist der alte, rücksichtslos-unbekümmerte Landstreicher Dick Falger, der die Aufgabe  erfüllt, unaussprechliche Geheimnisse lautstark auszusprechen. Denn Viola ist nicht die einzige, die sich Liebesskandale und unstandesgemäße Lebensformen leistet. Parallel zu Violas Liebesdrama reift die Liebesgeschichte von Tina und Saxon, ein willkommener Tratschstoff im ansonsten ereignislosen Landleben.

Zum allseitigen Happy-End gibt es eine feierliche Märchenhochzeit, die der Autorin als Kulisse dient, um alle Figuren und Hochzeitsgäste noch einmal Revue passieren zu lassen und den zukünftigen Fortgang der familiären Beziehungen im Zeitraffer weiterzuerzählen.

Das snobistische Schlußwort überlasse ich gerne Lady Dovewood :

„Was für ein nettes Mädchen, diese Viola, nicht aus der obersten Schublade, natürlich, aber was kann man heutzutage schon erwarten…“  (Seite 540)

Die Autorin:

»Stella Dorothea Gibbons, 1902 in London geboren und 1989 in London verstorben, besuchte die North London Collegiate School und studierte Journalismus am University College in London. Sie arbeitete für diverse Zeitungen und Zeitschriften, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Ihre erste Veröffentlichung im Jahr 1930 war eine Gedichtsammlung unter dem Titel »The Mountain Beast«. 1932 erschien ihr erster und zugleich bekanntester Roman »Cold Comfort Farm«.
1938 erschien  »Der Sommernachtsball«  unter dem Originaltitel »Nightingale Wood«.«

Hier folgt der Link zur Verlagswebseite:
http://www.randomhouse.de/Buch/Der-Sommernachtsball/Stella-Gibbons/Manhattan-Hardcover/e422796.rhd