Der Donnerstagsmordclub

  • von Richard Osman
  • Originaltitel: »The Thursday Murder Club«
  • aus dem Englischen von Sabine Roth
  • Band 1 der MORDCLUB-Serie
  • List Verlag, Mai 2021, www.ullstein.de
  • Klappenbroschur
  • 464 Seiten
  • ISBN 978-3-471-36014-9
  • 15,99 € (D), 16,50 € (A), 18,50 sFr.

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M E H R G E N E R A T I O N E N K R I M I

Rezension von Ulrike Sokul ©

Willkommen in Coopers Chase, einer Seniorensiedlung der gehobenen Preisklasse, schön gelegen auf einem ehemaligen Klostergelände zwischen den Hügeln der Graf- schaft Kent. Zum Leben im Ruhestand gehört hier selbstverständlich die eifrige Pflege diverser Hobbys, und wer hier mit Bridgespielen, Sport, Wellness-Ertüchtigungen, Puzzlelegen, Spazierengehen und Teetrinken nicht ausgelastet ist sowie zudem eine gute Portion Neugier, Wagemut und Subversivität mitbringt, wird bald Mitglied im Donnerstagsmordclub.

Folgende Mitglieder haben sich schon zusammengefunden: Die optimistische Joyce Meadowcroft, passionierte Kuchenbäckerin und ehemalige Krankenschwester, die strenge, mißtrauische Elizabeth Best, ehemals Geheimagentin, der lautstarke und gerne zupackende Ron Ritchie, ehemaliger Gewerkschaftsführer, auch als der „Rote Ron“ be-titelt, sowie der elegante, feinsinnige Ibrahim Arif, ein Psychiater im Ruhestand, der gleichwohl nach wie vor das eine oder andere therapeutische Gespräch anbietet.

Ursprünglich haben sich die vier Amateur-Detektive damit begnügt, alte, ungelöste Kri-minalakten – deren Herkunft wir einmal diskret augenzwinkernd nicht hinterfragen – zu studieren und diese Fälle zu ihrem eigenen Vergnügen aufzuklären. Doch da nun Tony Curran, einer der Bauunternehmer, der Coopers Chase geplant und gebaut hat, mit einem Schraubenschlüssel erschlagen wurde, fühlt sich der Donnerstagsmordclub geradezu aufgefordert, kriminalistische Nachformungen anzustellen. Zudem waren Joyce und Ron nach der Informationsveranstaltung über die geplanten Erweiterungs- bauten von Coopers Chase zufällig Zeugen eines Streits zwischen dem Mordopfer und Ian Ventham, dem zweiten Bauunternehmer.

Als PC Donna De Freitas in der Seniorenresidenz einen Vortrag zum Thema „Sicherheits-tipps für das häusliche Umfeld“ hält, wird sie vom Donnerstagsmordclub anschließend zum Mittagsessen eingeladen und sehr geschickt eingewickelt, ja, auch ein bißchen adoptiert. Gute Kontakte zur örtlichen Polizei sind für die kriminalistische Arbeit von nicht geringer Nützlichkeit. Und so dauert es nicht lange, bis auch Donnas Vorgesetzter, DCI Chris Hudson, vom unschätzbaren Wert der inoffiziellen Ermittlungsfähigkeiten der Mitglieder des Donnerstagsmordclubs überzeugt wird.

Ian Ventham will für die Erweiterung der Seniorenwohnanlage den alten Klosterfriedhof umbetten und eine nahegelegene schöne alte Baumgruppe fällen lassen, was bei vielen Bewohnern auf Ablehnung stößt. Außerdem erwecken einige Personen seit dieser Ankündigung den Eindruck, als hielten sie im Bereich des Friedhofs heimlich Wache. Hat jemand etwas zu befürchten, wenn die alten Gräber ausgehoben werden sollten?

Jedenfalls ist für die Bagger, die Ian Ventham beauftragt hat, um Tatsachen zu schaffen, kein Durchkommen. Denn, angeführt vom aufbrausenden Ron Ritchie, blockiert eine große Schar von Coopers-Chase-Bewohnern die Zufahrt, und das Zugangstor haben sie mit einem Vorhängeschloß versperrt. Die mehr oder weniger rüstigen Rentner veran- stalten einen gemütlich-gepolsterten Sitzstreik, picknicken seelenruhig und trinken Tee und Hochprozentiges aus Thermosflaschen. Ian Ventham tobt und ruft die Polizei.

Donna und Chris deeskalieren sowohl Ian Ventham als auch die Sitzstreikenden. Doch dann betritt Pater Matthew Mackie die Blockadebühne. Er hatte Ian Ventham schon mehrfach wegen seines ausdrücklichen Widerstandes gegen den „Frevel der Friedhofs-verlegung“ aufgesucht und genervt. Der selbstherrliche Ian Ventham verliert erneut die Beherrschung, beschimpft und schubst den Pater, der daraufhin stürzt.

Die älteren Herrschaften halten Ian Ventham mühsam zurück, und Donna hilft dem Pater auf, der bei seinem Sturz zum Glück unverletzt geblieben ist. Chris befiehlt Ventham, sich zurückzuziehen. Widerwillig geht Ventham zu seinem Auto und fällt dort tot um – eine Überdosis des Betäubungsmittels Fentanyl hat ihn buchstäblich umge- hauen.

Angesichts dieses zweiten Mordes kommt der Donnerstagsmordclub nun so richtig in Fahrt …

„Der Donnerstagsmordclub“ wartet mit einer facettenreichen, stimmigen und sympa-thischen Personalauswahl auf. Der Club besteht aus sehr unterschiedlichen Charak-teren, die sich mit ihren Stärken und Schwächen hervorragend ergänzen.

Während die alten Damen und Herren eine abgeklärte, gleichwohl begeisterungsfähige und sogar todesmutige Lebensperspektive vertreten, äußert sich in Donna und Chris eine jüngere Generation mit größerem Zukunftserwartungshorizont und entsprechen- den Sehnsüchten. Die Verletzlichkeiten und Verluste des Alters werden äußerst respektvoll, anrührend und gelegentlich auch mit einer gewissen Selbstironie darge- stellt. Die abwechslungsreiche Beziehungsdynamik zwischen den Generationen und den charakterstarken Persönlichkeiten ist reizvoll und unterhaltsam.

Der aktuelle Kriminalfall ist komplex und reicht zudem noch weit in die Vergangenheit zurück. In ausführlicher Erzählweise werden nach und nach neue Details und Zusam-menhänge enthüllt – manchmal von der Polizei, jedoch öfter vom Donnerstagsmordclub. Es kommen viele Personen als Täter in Frage, und das trägt sehr zur Spannung und zum Lesemitfiebern bei.

Amüsant sind die ebenso tastenden wie neugierig aufgeschlossenen Versuche, insbe-sondere von Joyce, sich mit sozialen Medien auseinanderzusetzen. So kommt sie nicht umhin, angesichts der Wisch-und-Weg-Romantik des Online-Dating-Portals Tinder sehr weise zu konstatieren: »Man kann auch zu viel Auswahl haben. Und wenn jeder zu viel Auswahl hat, wird es entsprechend schwerer, erwählt zu werden. Und wir alle wünschen uns doch, Auserwählte zu sein.« (Seite 396/397)

So mäandert diese Kriminalgeschichte mit stilvoller Dramaturgie und humorvollen Wortwechseln zwischen gefährlichen Ermittlungssituationen und bereichernden zwischenmenschlichen Begegnungen und Betrachtungen. Es ist gut, daß am Ende der Gerechtigkeit Genüge getan wird, gleichwohl ist das Beste, daß durch die gemeinsame Aufklärungsarbeit eine innige Verbundenheit zwischen den Figuren gewachsen ist. Das sind hervorragende Voraussetzungen für weitere Kriminalfälle, die dringend einer Lösung harren. Umso erfreulicher ist es, daß der zweite Band des „Donnerstags- mordclubs“ bereits erschienen ist – meine Besprechung folgt in einigen Tagen. 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/der-donnerstagsmordclub-die-mordclub-serie-1-9783471360149.html

Der Autor:

»Richard Osman ist ein englischer Fernsehmoderator, Produzent und seit Neuestem auch Autor. Die Idee für seinen Krimi kam ihm, als er eine Verwandte in einer luxuriösen Senioren- residenz besucht hat und ihm das Schlimmste zugestoßen ist, was einem modernen Menschen widerfahren kann: Er hatte keinen Handyempfang. Wer denkt da nicht sofort an Mord und Totschlag? »Der Donnerstagsmordclub« ist sein erster und bisher bester Roman.«

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25 Kommentare zu “Der Donnerstagsmordclub

  1. Tun sie wirklich, es gibt bekanntlicherweise Autoren, die fest an die Duplizität der Ereignisse glauben, C.G.Jung zum Beispiel, der hat von Synchronizität geredet, oder der unglückliche Paul Kammerer (Arthur Koestlers „Krötenküsser“), der über das Phänomen ein ganzes Buch geschrieben hat. Man mag daran glauben oder nicht, aber wenn solche Ereignisse passieren, bleiben sie natürlich im Gedächtnis haften, und dann wird man misstrauisch und überlegt, waltet da ein geheimer Plan? Vermutlich nicht, aber der Gedanke ist gar zu schön. Achte mal, darauf, liebe Ulrike, ob dir nicht in den kommenden Tagen ganz unvermutet der Name „Arthur Kostler“ unterkommt, und dann wird dir ein angenehmes Frösteln den Rücken runterlaufen. Bei dieser Gelegenheit nochmals Dank für die professionelle und kundige Seite, die immer wieder großartige Anregungen bringt.

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    • Lieben Dank für Deine ausdrückliche Wertschätzung meiner Leselebenszeichen!
      Mit Synchronizität habe ich schon oft interessante Erfahrungen machen können, gerade auch in Hinsicht auf Bücher, die mir „zufällig“ wiederholt und auf diversen kommunikativen Wegen begegnen. Deshalb sage ja auch gerne, daß die Bücher mich finden und deshalb habe ich auch nie die Sorge, irgend ein Buch zu verpassen, das für meine Aufmerksamkeit oder Wissenserweiterung bestimmt ist.:-)

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  2. Zuweilen geschehen schon seltsame Zufälle. Habe heut abend meine Lieblings-Stadtbücherei besucht, und was lag gleich vornean bei den Neuanschaffungen? Richard Osman, The Thursday Murder Club, Penguin Books. Habe nur einen Augenblick gestutzt, woher kenne ich das? – dann fiel mir die Rezension auf dieser Seite ein. Wäre ja wohl ein Verbrechen gewesen, würdig der Aufklärung durch den Donnerstags-Club, das Buch liegenzulassen, also habe ich es mitgenommen. Auf der letzten Seite blickt der Autor mit dem Blick eines höchst skeptischen Mathematik-Lehrers durch eine gewaltige Hornbrille auf den Leser, der innerlich gleich Haltung annimmt. Die Fortsetzung ist auch schon angekündigt, mit den Worten: „The good news is that everyone who survives the first book is back to face even more trouble in the second“ – „Es gibt gute Nachrichten. Jeder, der das erste Buch überlebt hat, taucht im zweiten wieder auf. Er wird dort in immer noch größeres Ungemach geraten.“ Nehmen wir den Autor beim Wort!

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  3. Bei Kriminalfällen spielen ja kleine Details eine große Rolle. Hier ein hübsches Detail zum Buch.
    Es gehört seit geraumer Zeit zu meinen Gepflogenheiten, bei deinen Rezensionen der Verbindung zur Verlagsseite zu folgen und dort nach Möglichkeit auch die Leseprobe aufzurufen. Dabei bin ich auf den schönen Satz gestossen: „Sonst ergäbe ihre ganze Fragerei ja gar keinen Sinn.“ Fein gemacht. So mit Konjunktiv. Und dass etwas einen Sinn ergibt. Man hört das ja recht unselten auch ganz anders. 😉 Neubegierdehalber habe ich eine englische Leseprobe heimgesucht. Und wie zu erwarten, steht an besagter Stelle die Formulierung „…make sense…“ Die Versuchung wäre also durchaus gegeben gewesen… 😀

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    • Verbindlichen Dank für Deine detaillierte Leseaufmerksamkeit und Sprachsensibiliät. 🙂 Die Übersetzerin ist offensichtlich nicht nur der Englischen Sprache mächtig, sondern pflegt auch ein kultiviertes Deutsch. Der für mich – als immerhin Halbengländerin mütterlicherseits – stets unbegreiflich nachlässige und inflationäre Gebrauch der deutschen Fehllübersetzung von „make sense“ in „Sinn machen“ wird hier erfreulich gemieden. Und auch der würdevolle 😉 Einsatz des Konjunktivs findet meinen lebhaften Beifall. 😀

      Gefällt 3 Personen

    • Liebe Gerda, es handelt sich in diesem Roman zunächst um eine Wohnanlage, in der die älteren Menschen selbständig wohnen. Es ist diesem Wohnkomplex jedoch auch ein Pflegeheim angeschlossen, falls der Gesundheitszustand Pflege und mehr Betreuung erfordert.
      Die Mitglieder des Donnerstagsmordclub sind jedoch noch recht rüstig und munter und dementsprechend umtriebig.

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      • Hättest Du gewußt, wie nahe ich einer Notiz war, dieses Buch auf meinen NichtGleichAberSpäter-Zettel zu schreiben, wäre die Erwähnung, daß der Folgeband eines guten Bestellers noch besser gelungen wäre, beinahe eine unfreundliche Geste gewesen, auch wenn sie richtig ist.
        Alleine die Tatsache, daß ich einen ganzen Band Briefe eines gewissen Mr. Shandy durchzuarbeiten habe, hat mich davor bewahrt, diese sicherlich außerordentlich amüsante Lektüre gleich anzugehen; wobei mich der soziale Aspekt der Verquickung der Beziehungen untereinander mehr interessiert hätte, als den Täter zu erkennen, noch bevor es die Kriminalisten können …
        Vorgemerkt trotzdem 😉 …

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      • Verbindlichen Dank für Deine zwar aufgeschobenene gleichwohl lesezugeneigte Resonanz. Wenn Du Dich dereinst zur Genüge mit Mr. Shandy beschäftigt haben wirst, landest Du also keinesfalls in einer Leseflaute. 😉
        Das zwischenmenschliche Zusammenspiel der Romanfiguren ist die Haupstärke der MORDCLUB-Serie von Richard Osman, wenngleich die Konstruktion und Lösung des Falls bzw. der Fälle auch reizvoll und spannend sind. 😀

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