Was das Gedicht alles kann: Alles

  • Eine Führung durch das Haus der Poesie
  • von Robert Gernhardt
  • 5 Poetikvorlesungen / Live-Mitschnitt
  • Sprecher: Robert Gernhardt
  • Produktion: Der Hörverlag 2002   www.hoerverlag.de
  • erschienen Januar 2010
  • Buchvorlage S. Fischer
  • 5 CDs in Pappschuber
  • Laufzeit ca. 290 Minuten
  • 29,95 € (D), 33,60 € (A), 41,90 sFr
  • ISBN 978-3-86717-347-6
    Was das Gedicht alles kann Alles von Robert Gernhardt

NEHMEN  SIE  RUHIG  MAL  WIEDER  EIN  GEDICHT  IN  DEN  MUND

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist eine LUST, Robert Gerndhardts ebenso heiteres wie kluges Plädoyer für die Poesie zu lauschen!

Gernhardt beginnt seine fünfteilige Poetikvorlesung, indem er dem Wort Gedicht auf den Zahn fühlt, es umgangssprachlich durchkaut – „dieser Kuchen ist ja ein Gedicht“ – und sich und uns fragt, wieso in unserer Zeit – selbst bei „kapitalen Kulturmenschen“ – eine solch beträchtliche Lyrikignoranz herrsche. Und – wie uns Gernhardt wissen läßt – selbst Goethe klagte schon in einem Brief an Schiller, daß das Großstadtpublikum viel zu zerstreuungssüchtig sei, um sich mit der gebotenen Sammlung und Konzentration der Poesie zu widmen.

Launig zitiert Gernhardt literaturwissenschaftliche Standardwerke und ihre Poetikdefinitionen, um sie sodann mit praktischen Gedichtbeispielen zu konterkarieren. Gekonnt versteht er es, das selbst Gelesene mit selbst Geschriebenem geistreich und amüsant zu verbinden.

Sein Streifzug durch das Haus der Poesie führt uns in viele Zimmer, wenn auch nicht in alle. Diese architektonische Ordnung ist anschaulich und thematisch sowie wortwörtlich raumfüllend. Wir beginnen mit der Krabbelstube und dem Kinderzimmer und belauschen Stabreim und Endreim-Gedichte, im Schulzimmer lernen wir mit Merkversen, und im Clubraum wird es langsam anspruchsvoller: Xenien und Distichen werden erklärt und mit Gedichtproben erläutert.

Im Lesesaal geht es um Dichtung als Gesellungsmedium, um Dichter, die auf Dichter antworten, um Terzinen und Alexandriner, um Nachgedichtetes und Gegengedichtetes, beiläufig auch um Lyrikkritik sowie um die Möglichkeit der Kommunikations-beschleunigung und -Veredelung durch den lyrisch belesenen und kennerischen, pingpong-mäßigen Austausch von Gedichtzeilen.

In der Werkstatt vermittelt Gernhardt Wissenswertes zum Handwerk des Dichtens, zu Ordnung, Systematik, Vers, Zeile, Strophe, Reim, Reimfolgen und Rhythmus. Er betont die suggestive Kraft des Reims, der sich äußerst vielseitig einsetzen läßt in beispielsweise wenig kunstvollen, doch einprägsamen Paarreimen für Demo-Transparente und Werbesprüche  oder – wesentlich komplexer und kunstvoller – durch Terzinen und Stanzen.

Hingebungsvoll schwärmt er vom Sonett und unterscheidet ungeniert zwischen ordentlichen und verwahrlosten Sonetten. Vollends entzückt zeigt er sich von den – leider vergriffenen –  Kriminal-Sonetten von Ludwig Rubiner, Friedrich Eisenlohr und Livingstone Hahn aus dem Jahr 1913.

Gernhardt führt uns weiter in den Schlafraum der Lieder, ins Sterbezimmer, ins Krankenzimmer, in den Fundus, ins Kuriositätenkabinett, in den Elfenbeinturm und in die Schatzkammer.

Auch Anagramm und Akrostichon werden in ihrem abgelegenen Winkel besucht und angemessen gewürdigt.

In seinen Poesievorlesungen macht Gernhardt Literaturgeschichte ebenso lehrreich wie vergnüglich lebendig. Mit Esprit und freudiger Wortverspieltheit, trefflichen Zitaten, unkonventionellen Verknüpfungen und Selbstironie streift er von Goethe zu Schiller und Hölderlin, von Heine zu Brecht, von Enzensberger zu Eichendorff, von Peter Rühmkorf zu Ernst Jandl …

Er lustwandelt von Komik zu Ernst, von Lob zu Tadel, von Bewunderung zu Parodie, von Reflexion zu Paraphrase und von Nonsens zu Tiefsinn.

Wer bei Robert Gernhardts köstlicher Vorlesung nicht auf den Geschmack der Gedichte kommt, der ist für die Poesie wohl für immer verloren.

Mit seinem begeisterten, sprachsouveränen und zugewandten Vortragsstil bringt er Wort und Text nuancenreich zum Klingen. Gernhardt verfügt über eine poetische Präsenz, die in diesen O-Ton Aufnahmen geradezu ansteckend zum Ausdruck kommt.

Läßt sich Liebe zur Lyrik wirksamer wecken?

 

Und hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Was-das-Gedicht-alles-kann:-Alles/Robert-Gernhardt/der-Hoerverlag/e386642.rhd

Der Autor:

»Robert Gernhardt, geboren 1937 in Reval/Estland, hatte viele Talente. Er studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin; er war Maler, Zeichner, Schriftsteller, Satiriker und Cartoonist. Seine größten Erfolge feierte er mit seinen satirischen Cartoons in Zeitschriften wie PARDON und TITANIC; außerdem sind mehrere Bände mit satirischen Texten von ihm erschienen, z.B. Die Toscana-Therapie und Kippfigur. Einem breiteren Publikum wurde er als Drehbuchautor der Otto-Filme bekannt. Er starb 2006.
Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt „Toscana mia“ (2011) und „Hinter der Kurve“ (2012). Gernhardt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Neben „In Zungen reden“ sind von Robert Gernhardt im Hörverlag erschienen: „Ostergeschichte“, „Die Falle“, „Was das Gedicht alles kann: Alles“ und „Versonnen blickt der Borstenigel“

Querverweis:

Hier entlang für weitere O-Ton-Poetisierungen von Robert Gernhardt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/18/in-zungen-reden/

 

 

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Löwen zählen

  • Tiere der Wildnis ganz nah
  • Illustrationen von Stephen Walton
  • Text: Katie Cotton
  • Mit einem Vorwort von Virginia McKenna
  • Originaltitel: „Counting Lions“
  • Aus dem Englischen von Brigitte Elbe
  • Verlag Freies Geistesleben  Februar 2016   http://www.geistesleben.com
  • Format: 28 x 34 cm
  • 32 Seiten
  • gebunden, Fadenheftung
  • 19,90 € (D), 20,50 € (A)
  • ISBN 978-3-7725-2790-6
  • ab 5 Jahren
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HIER  ZÄHLT  DAS  LEBEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Worte verblassen angesichts der stillen Schönheit dieser Bilder!

Stephen Walton ist ein Künstler, dem eigene und fremde Fotografien als Vorlage für seine Kohlezeichnungen dienen. Seine Tierzeichnungen sind sehr lebendig und geben die Texturen von Fell und Gefieder sowie die artspezifische Körpersprache wunderbar plastisch wieder. So echt und dreidimensional erscheinen die aufgeblätterten Tiere, daß man unwillkürlich versucht, sie zu streicheln.

Es werden keine dramatischen Szenen dargestellt, sondern ruhige, friedlich-aufmerksame Momentaufnahmen; gleichwohl haben sie eine starke Ausstrahlung ungezähmter, freier und würdevoller Wildheit.

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llustration Stephen Walton © Verlag Urachhaus 2016 „Löwen zählen“

Ehrfurcht und Staunen wachsen von Seite zu Seite. Es gibt keine Handlung, sondern einfach nur kurze, meditativ-poetische Bildbeschreibungen. Faszination und Spannung entströmen der beinahe atmenden, körperlichen Nähe zu den abgebildeten Tieren.

Gezeigt werden ein Afrikanischer Löwe, zwei Berggorillas, drei Giraffen, vier Tiger, fünf Afrikanische Elefanten, sechs Äthiopische Wölfe, sieben Kaiserpinguine, acht Unechte Karettschildkröten, neun Gelbbrustaras und zehn Steppenzebras.

Bei der Betrachtung dieser Tiere geht es indes nur beiläufig ums Zählen, sondern recht eigentlich geht es darum, Mitgefühl zu wecken.

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llustration Stephen Walton © Verlag Urachhaus 2016 „Löwen zählen“

 

Auf den letzten vier Seiten des Bilderbuches gibt es zoologische und ökologische Hintergrundinformationen zu den vorgestellten Tieren sowie deutliche Hinweise auf den jeweiligen Schutzstatus und die Bedrohung ihres Lebens und Lebensraumes durch den Menschen und weiterführende Links zu Naturschutzorganisationen. Das eindringliche Vorwort der Naturschützerin Virginia McKenna unterstreicht die Schutzbedürftigkeit der Wildtiere und die damit verbundene Verantwortung des Menschen.

Die eindrücklichste Qualität, die das vorliegende  Bilderbuch auszeichnet, liegt jedoch in der feinsinnlichen Bildersprache von Stephen Walton, der es mit ihrer intensiven Präsenz nachhaltig gelingt, große und kleine Betrachter zu respektvoller Naturverbundenheit zu animieren.

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llustration Stephen Walton © Verlag Urachhaus 2016 „Löwen zählen“

Der Illustrator:

»Stephen Walton ist Betreuer und Fotograf im Bury Art Museum in Manchester. Seine künstlerische Ausdrucksform und seine Technik haben sich parallel zu seiner Liebe für die Fotografie herausgebildet. Er wurde als Wildlife Artist des Jahres 2013 ausgezeichnet.«

Die Autorin:

»Katie Cotton, die an der Universität Oxford Englisch studiert hat, war im Bildungsbereich tätig. Bevor sie anfing, Bilderbücher für Kinder zu schreiben und herauszugeben.«

 

Die Frau, die an einem ganz normalen Sommertag plötzlich keine Gedanken mehr im Kopf hatte

  • Erfahrung einer Erleuchtung
  • von Yolande Duran-Serrano
  • und Laurence Vidal
  • Originaltitel: Le Silence Guérit
  • Aus dem Französischen von Jochen Lehner
  • 224 Seiten, Klappenbroschur
  • 14,99 €
  • KNAUR MENSSANA Verlag, März 2014                         http://www.mens-sana.de
  • ISBN 978-3-426-65744-7
    Die Frau, die an einem ganz normalen Sommertag

BESPRECHUNG  DES  UNAUSSPRECHLICHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie sagt man Erleuchtung weiter?

Beginnen wir mit dem greifbar Faktischen: Yolande Duran-Serrano war keine spirituelle Sucherin, dennoch erfaßte sie im Sommer 2003 eine plötzliche Erleuchtungserfahrung. Auf einmal waren ihre Gedanken einfach weg, und sie fand sich in der Stille wieder, bzw. die Ich-Identifikation löste sich in gedankenloser, stiller Präsenz auf.

Das Buch besteht aus Gesprächen/Interviews, die die Journalistin und Autorin Laurence Vidal mit Yolande Duran-Serrano geführt hat. Die Kapitel mit den präzisen Fragen und den von Stille getränkten Antworten wechseln sich ab mit Verarbeitungsreflexionen und geistigen „Verdauungserfahrungen“ der Autorin, der im Verlauf der tiefen Begegnungen mit Yolande auch „eigene“, belichtende Entwicklungsschritte geschehen.

Doch das EIGENTLICHE findet sich in diesem Buch zwischen den Zeilen, die Sprache ist Bestandteil der polaren Wirklichkeit und kann die Erfahrung von EINSSEIN, von NICHTGETRENNTHEIT, von absoluter PRÄSENZ, von UNSICHTBARER KLARHEIT nur andeuten und umschreiben. Wenn es sich mitteilt, dann hört das Hören – unabhängig von der Persönlichkeit des Lesers oder der Leserin.

Yolande beschreibt den Zustand, in dem sie sich befindet, in einfachen, klaren Worten:
„Wie ich früher nicht aufhören konnte zu denken, selbst wenn ich wollte, so kann ich heute zu denken versuchen, und es geht nicht. So einfach ist das. Alles ist einfach. Alles ist ruhig. Alles ist neu und bleibt ohne Kommentar. Ein Augenblick erscheint und stirbt. Dann wieder einer. Du gehst vollkommen im Augenblick auf.“ (Seite 40/41)

Befreit von mentalen Filtern und psychologischen Bedingungen, erlebt Yolande eine „erfüllte Leere“, ein intensives, lebendiges Empfindungsspektrum, das stets begleitet wird von bedürfnisloser und bedingungsloser Liebe. Ohne PERSÖNLICHKEIT lebt es sich offenbar wesentlich freier, leichter und heiterer.

„So einfach: nicht mehr diese Person zu sein, die fühlt. Da ist Fühlen, sonst nichts.“ (Seite 135)

Das Leben, das sie führt, bzw. das Leben, dem sie sich einfach überläßt, ist nicht abgehoben oder asketisch abgesondert, es ist kontaktfreudig: Es wird gesungen, getanzt, gelacht, meditiert, gesprochen und geschwiegen, Essen und Trinken (und sogar Rauchen) werden genossen. Es gibt Beziehungen, Freundschaften, Einkaufsbummel, Arbeit, Reisen und grenzenloses Vertrauen.

Da ist niemand – da ist Erleuchtetsein, Einsicht, Freude, Gelassenheit, Hingabe, Heilung, Liebe und Wissen, aber kein subjektives Meister-Ego. Yolande hebt immer wieder hervor, daß es nichts zu tun gibt, nichts zu denken, nichts zu erreichen. Sie mischt sich nicht mehr ein, sondern sie kann einfach alles Geschehen geschehen lassen!

„Lasst Euch vollkommen auf das ein, was der Augenblick euch gerade bietet. Euer individuelles Bewusstsein ist universelles Bewusstsein, legt also euer Herz und euren Geist hinein. Denkt an nichts anderes. Wenn das natürlich geschieht, ohne Anstrengung, ist es der höchste Zustand überhaupt. Es ist »diese Sache«, das Absolute, die höchste Wirklichkeit – und sie sucht euch. Sie wird euch in dem Augenblick finden, den sie als den richtigen bestimmt. In diesem Zustand jenseits aller Zustände, in diesem ewig und spontan schlagenden großen Herz wird euch offenbar werden, wer ihr wirklich seid.“ (Seite 141)

Erwachen, das ist das Offenbarwerden der Einheit von allem. Darin zeigt sich etwas: Bevor du dieses gewordene Bewusstsein bist, gleich ob individuell oder universal, bist du etwas, das gleichsam flussaufwärts liegt. Wir alle sind »diese Sache «, dieses Absolute, nur wird das von diesem Bewusstsein verdeckt.
»Diese Sache« ist also da, diese Kraft ist da. Sie wird dich finden. Sie wird Besitz von dir ergreifen und dich die wahre Wirklichkeit sehen lassen. Sie ist es, die dich lehrt.
Euer wahres Wesen entdecken: Da ist nichts als ihr, und wenn ihr das einmal wisst, nichts als Liebe.“
(Seite 142)


In diesem „Erleuchtungsbuch“ finden sich Passagen von berührender Anziehungskraft und atmender Weite. Es ist eine Einladung in eine Wirklichkeit, die zugleich wirklicher und unwirklicher erscheint als das „normale“ Alltagsbewußtsein, und es ist eine erinnernde Ermutigung dazu, EINFACH das SEIN sein zu lassen.

Dem Text dieses Buches ist eine Widmung vorangestellt. Mit diesem ganz offen bleibenden Satz, dessen Echo mich sanft erschüttert hat, möchte ich diese Besprechung des Unaussprechlichen gerne ausschwingen lassen:

Dem Leben, das für uns sorgt

PS:
Yolande Duran-Serrano wurde 1963 in Frankreich geboren. Nach ihrer spontanen Erleuchtungserfahrung ging sie zu Ärzten und Psychotherapeuten, weil sie sich das Geschehen, das sich in ihr abspielte, überhaupt nicht erklären konnte. Doch es hält bis heute mit steigender Intensität an.

Inzwischen ist Yolande eine spirituelle Lehrerin ohne Anbindung an irgendeine spezielle Tradition.

http://www.yolande.info

 

 

Ensel und Krete

  • Ein Märchen aus Zamonien
  • von Walter Moers
  • ungekürzte Lesung von Dirk Bach
  • 1 mp3-CD,  Laufzeit: 7 Stunden, 20 Minuten
  • der Hörverlag, November 2013               www.HOERVERLAG.DE
  • ISBN  978-3-8445-1353-0
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
    Ensel und Krete HÖRBUCH

Sprecher: Dirk Bach
Regie: Thomas Krüger
Buchvorlage: Knaus Verlag
Produktion: Hessischer Rundfunk 2002

HEXENHUTPILZE  IM  CHLOROPHYLLIDYLL

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der zweite ZAMONIEN-Roman von Walter Moers knüpft gekonnt an das verheißungsvolle Ende des ersten an – siehe meine genüßliche und kennerische Besprechung vom Dezember 2013: „Die 13 ½  Leben des Käpt’n Blaubär“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/25/die-13½-leben-des-kaptn-blaubar/

Ich sollte vielleicht noch erwähnen, daß Walter Moers nicht der wirkliche Autor des vorliegenden Werkes ist, sondern der Übersetzer des wahren Schriftstellers, Hildegunst von Mythenmetz. Walter Moers nimmt die spielerische Mühe auf sich, uns das ausufernde Werk dieses Schreibosauriers aus dem Zamonischen ins Deutsche zu übertragen. Dank und Orm-Segen sind ihm für diese literarische Meisterleistung gewiß!

Nachdem Käpt’n Blaubär und seine Buntbärenartgenossen wieder im Großen Wald eingezogen sind, herrschen eitel Sonnenschein und strenge Chlorophylleuphorie im wiederbesiedelten Forst.

Wir folgen Dirk Bachs lesespielfreudiger Stimme in ein erstaunliches Waldparadies:
Die Buntbären haben den Großen Wald weitgehend  kultiviert und zivilisiert (aber nicht weitgehend genug – da müßte jetzt ein schadenfrohes Stollentroll-„Kähähä“  ertönen). Sie bewirtschaften und pflegen den Wald nachhaltig, sie betätigen sich als fleißige Imker und Blaubeerenwinzer, und sie haben für jeden Touristengeschmack die passende Waldpension nebst graduell abgestimmtem, wohldosiertem Verwilderungsangebot.

Bauming, so der neue Name des Großen Waldes, hat sich in ein attraktives, zamonisches Traumurlaubsziel verwandelt. Die Besucher können wandern, picknicken, Waldlehrpfaden folgen, ihre Kinder botanisch-pädagisch betreuen lassen, Forellen räuchern und beruhigt schlafen, gut bewacht von den allgegenwärtigen „Brandwächtern“ und „Waldhütern“.

Dieser grüne Himmel auf Erden enthält jedoch sehr viele Verbotsschilder, die ausdrücklich davor warnen, den wirklich wilden Bereich des Waldes zu betreten. Das sollte uns zu denken geben, schließlich gibt es kein Licht ohne Schatten …

Die kleinen Heldchen in dieser Geschichte heißen Ensel und Krete und gehören zur Daseinsform der freundlich-friedlichen und niedlichen Fhernhachenzwerge. Ensel und Krete sind Zwillinge und achteinviertel Jahre jung, und sie verbringen ihren Urlaub in Bauming.

Während Krete ganz zufrieden mit dem Kinderprogramm ist, langweilt sich ihr Bruder, der sich, inspiriert von seiner ausgiebigen „Prinz-Kaltbluth-Romane“-Lektüre, nach verbotenen Abenteuern jenseits der vorgeschriebenen Touristenpfade sehnt. Beim vorschriftsmäßigen Himbeerensammeln überredet Ensel seine Schwester dazu, einmal etwas UnerLAUBtes zu tun:

Sie verlassen den erLAUBten, befestigten Wanderweg und gehen richtig in den Wald hinein. Ensel will eine Eiche erklettern oder wenigstens einen verborgenen Schatz finden. Um sich nicht zu verlaufen, legen die beiden eine Spur aus gepflückten Himbeeren, die leider hinter ihrem Rücken von einem Erdgnömchen freudig entdeckt und eingesammelt werden.

Natürlich finden die beiden Herzchen nicht mehr zurück und verirren sich immer tiefer im unbewohnten, finsteren Teil des Waldes…

Walter Moers, alias Hildegunst von Mythenmetz, unterbricht die weitere Erzählung mit diversen „Mythenmetzschen Abschweifungen“, in denen er die eigene Geschichte kommentiert und gesellschaftskritische und literaturkritikerkritische Anmerkungen macht. Einmal gibt er aus purer künstlerischer Freiheit sowie launischer Willkür einige Seiten lang nur „Brummli, Brummli, Brummli“ von sich. Diese Passage abwechslungsreich zu lesen ist Dirk Bach  –  Hexenhut ab  –   wirklich gelungen.

Hildegunst erweist uns die Gunst und lädt uns in seine Schreibwerkstatt ein: Er öffnet seine Inspirationsduftschubladen, schwadroniert gönnerhaft über gute und schlechte Bücher, über das Orm (eine Art mystischer, dichterischer Inspirationsgabe, ein unfaßbares poetisches Fluidum),  klärt uns über die „Sieben Grundtugenden des Dichters“ auf und verabreicht uns Regelsätze wie z.B. „Alle gute Literatur lügt. Gute Literatur lügt gut, schlechte Literatur lügt schlecht.“

Kurz: Er zählt auf und rechnet ab, zieht literarische Bilanz, doziert über seine poetischen Auffassungen und übt Kollegenschelte, zudem schweift er auch noch ab zu Fragen des zamonischen Steuerrechts, zu Feinschmeckerrezepten, zu seinen hypochondrischen Befindlichkeiten und so weiter und so weiter … wobei er sich ununterbrochen in geistreicher Selbstgefälligkeit die Ehre gibt.

Diese metafikitiven, mythenmetzschen Ausschweifungen sind höchst unterhaltsam und charakterisieren eine Figur, die in den Romanen  „Die Stadt der Träumenden Bücher“ und  „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ die Hauptrolle übernehmen wird. Doch da sind wir jetzt noch nicht  –  kehren wir zurück zu den armen verirrten Zwergenkindern.

Ensel und Krete begegnen der dunklen, verdrängten, ungezähmten Seite des Waldes, und sie werden beinahe von einem Laubwolf verspeist. Sie müssen hungern, da ihre botanischen Kenntnisse nicht ausreichen, um die seltsamen und teilweise makaber-unnatürlichen Gewächse, die ihren strapaziösen Weg säumen, als giftig oder ungiftig einzuordnen.

Auf der Suche nach Wasser tritt Ensel in einen Tümpel aus schwarzer, zäher Flüssigkeit und schließt so Bekanntschaft mit einem geschmolzenen Meteor. Dieser vermittelt ihm eine telepathisch übertragene, meteorschweifige Reise durchs Weltall;  außerdem erfährt Ensel, wie die böse Waldspinnenhexe einst im Großen Wald  ankam.

Der Wald wird immer bedrohlicher, unheimlicher und verhexter. Ensel und Krete werden vom Stollentroll getäuscht und von Sternenstaunern enttäuscht.

Krete ertrinkt fast im Treibgras und wird von einer kapriziösen Orchidee mit sehr, sehr langer Pflanzenzunge gerettet. Zum diplomatischen Dank graben sie die ausgesprochen kommunikative Pflanzendiva aus und versprechen, sie zu einem behaglicheren Waldstandort zu transportieren.

Ganz klassisch finden Ensel und Krete auf einer Waldlichtung ein kleines Häuschen. Zögernd treten sie ein, auf dem Herd steht ein Topf, gefüllt mit verführerisch duftenden Knödeln (leckere alte Bekannte aus „Die13 ½  Leben des Käpt’n Blaubär“). Ahnungslos und ausgehungert verschlingen die Kinder die köstlichen Knödel, die leider, leider, leider ein ganz fieser, fieser Hexenköder sind …

An dieser Stelle lasse ich Sie jetzt ganz und gar und gnadenlos im Ungewissen über den Ausgang des Märchens.

Und bevor es feministische Schelte wegen der bösen Hexe gibt: Hildegunst von Mythenmetz läßt es sich nicht nehmen, in einer seiner Abschweifungen eine herzhafte Hexenapologie zu formulieren und den Begriff der bösen Hexe nur für bedauerliche seltene und böse Ausnahmen gelten zu lassen.

Mit „Ensel und Krete“ gelingt Walter Moers neben einer spannenden Märchenneuerzählung eine sehr einfühlsame Darstellung kindlicher Charaktere. Die Figurenzeichnung, Beziehungsdynamik und das Erfahrungswachstum der Geschwister Ensel und Krete zeugen von psychologischem Feinsinn und erfreulich kindlichem Gemüt.

Walter Moers‘ Sprachstil ist amüsant, anspielungsreich, erfinderisch, geistreich, genüßlich, sinnlich, vieldeutig und wortspielerisch. Dirk Bach, als Vorleser, wird allen Facetten der moers-mythenmetzschen Eloquenz AUSGESPROCHEN gerecht. Dirk Bach (1961 – 2012) bespielt virtuos und nuanciert das Instrument seiner Stimme und verleiht allen Charakteren eine eigene lebhafte, akustische Gestalt. Es ist wahrlich ein Fest, ihm zu lauschen! DANK sei ihm dafür in seinen himmlischen Höhen.

Im Anschluß an das Märchen von „Ensel und Krete“ erzählt uns Walter Moers noch – als kleine, kurzweilige Zugabe  – die halbe Biblio-Biographie des Hildegunst von Mythenmetz. Spätestens nach diesen ersten fünfhundert Lebensjahren (Hildegunst gehört zur Daseinsform der vernunftbegabten, aufrechtgehenden Dinosaurier, die eine durchschnittliche Lebenserwartung von tausend Jahren haben) schwant uns, daß das nicht das letzte mythenmetzsche Wort gewesen sein kann.

Hier wie auch an anderen Stellen des vorliegenden bzw. vorgelesenen Buches zeigt sich Walter Moers‘ erzählerischer Weitblick. Leser, die mit den nachfolgenden Werken vertraut sind, werden in „Ensel und Krete“ viele Ideenkeime erkennen, die in späteren ZAMONIEN-Romanen bunteste Blüten und reichhaltigste Früchte treiben.

Walter Moers besitzt eine Vorstellungskraft, die ich lieber Vorstellungsmagnetismus nenne, da sie so unwiderstehlich-anziehend ist und eine unheilbare Lesesucht auslösen kann.

Der Autor verfügt über eine wunderbare Beobachtungs- und Beschreibungsgabe, nichts ist ihm zu klein oder zu groß, um nicht dichterisch bemerkt, erfaßt und verarbeitet zu werden. Dazu kommen spürbare kreative Ausgelassenheit, die verwegene Verbindung von Tiefsinn und Verspieltheit, herzhafter Humor, schriftstellerische Selbstironie und absolute dramaturgische Präsenz.

Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus!

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Ensel-und-Krete/Walter-Moers/der-Hoerverlag/e451649.rhd

 

PS:
Die Taschenbuchausgabe von „Ensel und Krete“ ist im Goldmann Verlag erschienen.

Ensel und Krete von Walter Moers

  • Ensel und Krete
  • von Walter Moers
  • 254 Seiten
  • mit Illustrationen von Walter Moers
  • ISBN  978-3-442-45017-6
  • 9,95 € (D), € 10,30 € (A),  13,50 sFr.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Ensel-und-Krete/Walter-Moers/Goldmann-TB/e79201.rhd

 

 

 

Der Autor:

»Der Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz ist der bedeutendste Großschriftsteller Zamoniens. Berühmt wurde er durch seine 25-bändige Autobiographie „Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers“, ein literarischer Bericht über seine Abenteuer in ganz Zamonien und vor allem in der Bücherstadt Buchhaim.
Sein Schöpfer Walter Moers hat sich mit seinen phantastischen Romanen, weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus, in die Herzen der Leser und Kritiker geschrieben. Alle seine Romane wie „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“, „Die Stadt der träumenden Bücher“, „Der Schrecksenmeister“ und „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ waren Bestseller.
Neben dem Kontinent Zamonien mit seinen zahlreichen Daseinsformen und Geschichten hat Walter Moers auch so erfolgreiche Charaktere wie den Käpt’n Blaubär, das Kleine Arschloch und die Comicfigur Adolf, die Nazisau geschaffen.«

 

Der Sprecher:

»Dirk Bach (1961-2012) war Schauspieler, Moderator, Hörbuch- und Synchronsprecher und zählte im deutschen Fernsehen wie auf der Bühne zu den populärsten Komikern.
Nach ersten Erfahrungen auf Studentenbühnen wurde er 1992 festes Ensemblemitglied des Kölner Schauspielhauses. Einem breiteren Publikum wurde er 1992 mit der „Dirk Bach Show“ (RTL und Super RTL) bekannt. Es folgten die Serien „Lukas“ (1996-2001, ZDF) und „Der kleine Mönch“ (2002, ZDF). Seit 2004 führte er zusammen mit Sonja Zietlow durch die RTL-Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“. In der „Schillerstraße“ (Sat.1) wirkte Dirk Bach 2004 und 2005 als Freund von Cordula Stratmann mit und kehrte 2009 als Kurier und Freund von Jürgen Vogel dorthin zurück. 2009 moderierte er die Sendung „Einfach Bach“ bei Sat.1. Im Sommer 2010 gehörte er zum Ensemble der Wormser Nibelungen-Festspiele.
Zu seinen Auszeichnungen zählen: 1996 ‚Telestar‘, 1999 und 2007 ‚Deutscher Comedypreis‘ und 2001 die ‚Goldene Kamera‘. Für seinen sozialen Einsatz hat er im Jahr 2000 den ‚Humanitary Award‘ erhalten.«

 

 

 

 

 

 

Der Tigerbericht

  • übermittelt und erläutert von Shunryu Suzuki-roshi
  • aufgeschrieben und erzählt von Dietrich Wild
  • Bilder von Holde Wössner
  • Sheema Medien Verlag, 2004                                     http://www.sheema-verlag.de
  • illustrierte Buchausgabe, gebunden
  • 72 Seiten
  • 5 Abbildungen
  • Lesezeichen
  • mit 2 Audio-CDs
  • 29,70 €
  • musikalische Begleitung: Al Gromer Khan
  • ISBN 978-3-931560-17-1
    buchcover_tigerbericht

BÜCHER  ZU  LESEN  HEISST  AUCH  BÜCHERN  ZU  LAUSCHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Beim Tigerbericht, der in Kombination von Textbuch und Hörbuch vorliegt, bietet sich die Gelegenheit, je nach Neigung lesend zu lauschen oder lauschend zu lesen. In jedem Falle werden sich die KonZENtration, die erfrischende Weite und die weise Gelassenheit dieser Geschichte wohltuend offenbaren.

Der Erzähler erzählt, wie er bei einer einsamen Wanderung durch die Wüste Sinai an einer Oase rastet und einem Meister begegnet. Zunächst wird er ohne Worte unterrichtet, durch freundliches, achtsames Wahrgenommensein und alltägliche Verrichtungen: Wasser holen, Feuer machen, Teetrinken, Lächeln, Verbeugungen und durch einfaches miteinander Schweigen. Ein Dialog entsteht erst, nachdem der Wanderer sich vollkommen der Stille hingegeben hat. Danach vermittelt ihm der Meister gleichnishaft anhand des Tigerberichtes den Wesenskern der Lehre des Zen-Buddhismus.

„Der Tiger tut das, was er tut, ganz. Er geht nicht zur Tränke, ehe er durstig ist. Er geht nicht vom Bach fort, ehe sein Durst gestillt ist. Auch wenn er sichert, tut er dies ganz und mit allen Sinnen. Er kratzt sich nicht am Hintern, während er wittert. Er pinkelt nicht, während er lauscht. Er tut stets das eine oder das andere. Er ist ganz und gar einfach. Und doch erlebt der Tiger alles, was er erlebt, mit einer vielen Menschen unvorstellbaren Intensität.“

„Wenn dein Geist groß und weit ist und gähnend leer, dann ist darin Platz für alles, was immer geschieht. Wenn er aber klein ist und eng und möbliert mit Wissen und Erinnerungen und Befürchtungen, dann ist darin vor lauter solchem Gerümpel kein Platz mehr für das Neue. Das Jetzige. Das Lebendige. Das Wahre.“

 „Der Tiger ist über die fünf Sinne mit der Außenwelt in Verbindung und sie mit ihm. Er ist ganz und gar in der Welt, und diese Welt ist in ihm, denn er ist vollkommen leer. Kein Tigerstolz. Keine Tigerbiografie. Kein Tigerkindheitstrauma. Kein Tigerzukunftsprojekt. So ist er mühelos bemüht zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen und zu denken, was ist.“

Die schmucklose Sprache ist von einer poetischen und philosophischen Präzision, die Inhalt und Form zu einer stillen Harmonie vereint und gerade durch das Weglassen übergewichtigen Wortgepäcks eine Ruhe und kontemplative Präsenz hervorzurufen vermag, die den Leser – weit über jedes Wort hinaus – zuhören lehrt.

Für mich ist diese Wirkung stärker, wenn ich der angenehm sonoren Stimme des Erzählers (der Autor liest selbst und macht das wirklich gut) folge und einfach lausche. Beim Hinhören füge ich mich dem besinnlichen Tempo, der untermalenden Musik, den Atempausen… Dies ist eine reinigende Erfahrung, die sich durch Wiederholung nicht verschleißt, sondern vertieft.

Der Tigerbericht ist eine gute Medizin, wenn man mal wieder in komplizierten Gedankengebäuden herumirrt und sich selbst zu ernst und das Leben zu schwer nimmt. Er räumt die Gedanken auf, klärt und leert den aufgewühlten Geist, schärft die Sinne und erinnert mit unaufdringlicher Eindringlichkeit an das Wesentliche: an das Dasein und Dabeisein im Jetzt und an die heilsame Selbstvergessenheit im reinen Tun.

Wer bin   i c h   noch, wenn das Lesen liest und das Hören hört?   I c h   werde leichter, die Egobetonung verschwindet und gibt dem Leben Raum.

So einfach ist das!

Weitere Informationen auf der Verlagswebseite:
http://www.sheema-verlag.de/verlagsprogramm/der-tigerbericht/


»Shunruy Suzuki-roshi,
geboren 1904 in Shonganji, einem ländlich-armen buddhistischen Tempel bei Tokio, ging im Alter von 55 Jahren mit seiner Familie nach Kalifornien, wo sich rasch Schüler aus  aller Welt im Zen-Center von San Francisco um ihn scharten. Er starb am 4. Dezember 1971.«

»Dietrich Wild,  geb. 1942, der Übermittler des “Tigerberichts” stieß im Dezember 1975 im berühmt chaotischen Anglia Bookshop in München auf den bis dahin einzigen Text aus Suzuki-roshi´s Denken, das Buch “Zen Mind, Beginner`s Mind”. Während der Lektüre fasste er den Entschluss, nach Kalifornien zu gehen und Suzuki-roshi´s Schüler zu werden. Im Dezember 1979 reichte das Geld für die Reise: im Zen-Center in San Francisco bat er, den Meister sehen zu dürfen. Das sei unmöglich, sagte man ihm: Suzuki-roshi sei seit acht Jahren tot.
Für den Autor änderte sich also nichts: Shunryu Suzuki-roshi hatte ihn all die Jahre angeleitet mit seinen Unterweisungen für den in jedem Augenblick des Alltags praktizierten Zen: Alles ist Zen, ohne Tempel, ohne Mönchskostüm, ohne Firlefanz – nichts Besonderes! Immerwährender Anfänger, schrieb er im Winter 1985/86 nach mehreren Aufenthalten in der Abgeschiedenheit des Sinai, den “TIGERBERICHT” auf. Dietrich Wild lebt zurückgezogen in einem Zen-Kloster in Japan.«

»Al Gromer Khan, geboren 1946, wurde in die Imdad Khani-Gharana, die legendäre Dynastie der Sitarspieler aufgenommen, die bis ins Indien der Moguln zurückreicht. Seinen eigenen Stil hat er aus der vornehmen Tradition von Ustad Vilayat Khan entwickelt. Er ist der Schöpfer der kontemplativen Paisley Music

Die Brandungswelle

  • von Claudie Gallay
  • aus dem Französischen von Claudia Steinitz
  • btb Verlag 2011                                                       http://www.btb-verlag.de
  • Taschenbuch
  • 557 Seiten
  •  10,99 (D), 11,30 € (A), 15,50 sFr.
  • ISBN 978-3-442-74313-1
    Die Brandungswelle von Claudie Gallay

Ein leises Buch mit Tiefsinn

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die Brandungswelle“ wird von einem Ich erzählt, dessen Namen wir bis zum Schluß nicht erfahren, doch das fällt mir erst jetzt beim Schreiben dieser Buchbesprechung auf. Auch der verstorbene Liebste der Erzählerin, an den sie manchmal unmittelbar das Wort richtet, bleibt für uns Leser ein namenloses Du.

Die Erzählerin ist Biologiedozentin, hat sich nach dem Tod ihres Mannes von der Universität beurlauben lassen und sichtet nun im Auftrag eines ornitologischen Zentrums Vögel an der nordwestlichen Küste der Normandie. In dem kleinen Hafenort La Hague wohnt sie im ersten Stockwerk eines Hauses, das gefährlich nah am Meer steht. Im Stockwerk darunter wohnt der Bildhauer Raphaël zusammen mit seiner jüngeren Schwester Morgane. Diese drei Zugereisten leben familiär-freundschaftlich beieinander.

Jeder ist auf seine Weise in La Hague gestrandet und vorläufig geblieben. Jeder respektiert den verletzlichen Gefühlsraum und das Schweigen des anderen, überbrückt aber auch die individuelle Einsamkeit durch eine Form des Mitgefühls, die mehr in körperlichen Gesten als in tiefschürfenden Worten  zum Ausdruck kommt.

Lambert,  ein neuer Gast in La Hague, erweckt die vorsichtige Neugier der Erzählerin und sorgt bei den Einheimischen für Unruhe. Er bezieht das alte Ferienhaus seiner Eltern, und wir erfahren, daß er als Kind bei einem tragischen Bootsunfall seine Eltern und seinen kleinen Bruder verloren hat. Angeblich war das Leuchtturmlicht ausgeschaltet worden und das Boot seiner Eltern dadurch an den Küstenfelsen zerschellt. Nach und nach zeigen sich die Verstrickungen einiger Dorfbewohner mit diesem Unglück, alte Geheimnisse werden gelüftet, aber die Zuordnung von Schuld und Unschuld, Gut und Böse erweist sich als sehr komplex und ambivalent.

Während Lambert seine Nachforschungen vorantreibt und auch die Erzählerin ihren Anteil am Entwirren der Schicksalsfäden hat, kommen sich diese beiden verlustgeprüften Menschen sehr behutsam und langsam näher.

Die Sprache, in der diese Geschichte vom Verlieren und Finden gestaltet ist, verdient besondere Beachtung; sie ist von ganz außergewöhnlicher Textur. Wie der Bildhauer Raphaël mit seinen Figuren unausgesprochenen Gefühlen sichtbare Gestalt gibt, so meißelt die Autorin ihre Geschichte aus der Sprache heraus: schnörkellos, karg, rauh, elementar, durchatmet von einer beeindruckenden Demut. Sie erschafft damit eine naturbelassene Gefühlslandschaft von starker und unmittelbarer Präsenz.
Eine Kostprobe davon gibt das folgende Zitat, dem ich hiermit auch gerne das Schlußwort überlasse:

 „Wir machten ganz dicht an der Steilküste Halt, fast am Rand, zwei verlorene Seelen im Angesicht des Meeres, des Ursprungs der Welt. Das Meer wich zurück, kam wieder, Bäume wuchsen, Kinder wurden geboren und starben.

Andere Kinder traten an ihre Stelle. Und das Meer blieb dabei immer gleich. Eine Bewegung, die keiner Worte bedurfte. Die wirkte. Seit Monaten verschmolz ich mit dieser Landschaft, langsam wie ein Tier im Winterschlaf. Ich schlief. Ich aß. Ich lief. Ich weinte.Vielleicht war meine Anwesenheit hier deswegen möglich. Weil sie akzeptabel war. Wegen meiner Stille.“

 

Die Autorin:

»CLAUDIE GALLAY, 1961 im Département Isère geboren, ist eine der populärsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Ihr internationaler Durchbruch war der Bestseller »Die Brandungswelle«, der monatelang auf der französischen Bestsellerliste stand, mehrfach ausgezeichnet wurde und in weiteren elf Ländern erschien.«