So schön sind die Jahreszeiten

  • Mit Matz, Fratz und Lisettchen
  • von Kazuo Iwamura
  • Aus dem Japanischen von Hana Christen
  • Gereimt von Rose Pflock
  • Nord Süd Verlag März 2017  http://www.nord-sued.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 24,6 x 24,4 cm
  • 112 Seiten
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A), 28,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10401-5
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

E I C H H Ö R N C H I S C H

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die warmherzigen Bilderbücher mit den Eichhörnchengeschwistern Matz, Fratz und Lisettchen, die dem japanischen Pinselschwung Kazuo Iwamuras entsprungen sind, gibt es schon seit über 30 Jahren. Nun hat der Nord-Süd-Verlag vier der beliebtesten Bilderbücher von Kazuo Iwamura in einem Sammelband gebündelt.

Wir begleiten die niedlichen Eichhörnchenkinder durch einen Jahreslauf. Im Frühling entdecken sie ein hungriges Vogelküken und bemühen sich hilfsbereit, es mit Kiefernzapfen und Kirschblütennektar zu füttern. Doch der kleine Vogel hält seinen Schnabel geschlossen. Schließlich erscheint die Vogelmutter mit einer Raupe, und schon sperrt das Küken seinen Schnabel auf. So lernen die Eichhörnchen, daß Geschmäcker verschieden sind.

Illustration Kazuo Iwamura © Nord Süd Verlag 2017 Sammelband: „So schön sind die Jahreszeiten“

Im Sommer wird eifrig auf einer improvisierten Wippe gewippt, bis es zu regnen anfängt. Matz, Fratz und Lisettchen finden Schutz in einer Erdhöhle. Dort hocken schon zwei Mäuschen, und später gesellt sich noch ein Kaninchenkind hinzu. Nach anfänglichem Fremdeln rücken alle gemütlich zusammen und überstehen das heftige Sommergewitter. Als schließlich die Sonne wieder scheint, wird mit den neuen Spielkameraden noch eifriger gewippt, und alle haben großen Spaß miteinander.

Im Herbst helfen die Geschwister dem Eichhörnchenpapa beim Eichelnsammeln für den Wintervorrat, und die Mama strickt etwas aus roter Wolle. Am nächsten Morgen sind drei kleine Pullover fertig und werden von Matz, Fratz und Lisettchen erfreut angezogen. Wohlgewärmt hüpfen sie durch den herbstlichen Wald und treffen einen Bären, der sich mit roten Früchten vollfrißt und ihnen den Winterschlaf erklärt. Sie finden rote Pilze, rote Beeren, rote Blätter und einen leuchtend roten Sonnenuntergang.

»Der Tag war voller Abenteuer!
Nun sitzen sie zu Haus am Feuer
und ihre Mäulchen stehn nicht still,
weil jeder was erzählen will.«

Der Winter wartet selbstverständlich mit Schnee auf, und Matz, Fratz und Lisettchen lernen – mit allen dazugehörigen Aufs und Abs – Schlittenfahren …

„So schön sind die Jahreszeiten“ ist ein schönes, gemütliches und sehr familiäres Wohlfühlbilderbuch. Genau das Richtige für kuschelige Vorlesestunden mit kleinen und großen Eichhörnchen.

Die Illustrationen von Kazuo Iwamura sind ebenso präzise wie verspielt und vermitteln eine Atmosphäre von geborgener Entdeckerlust.

Der eingängige, lustig-gereimte Text von Rose Pflock harmoniert fein mit den augenzwinkernd-warmherzigen Illustrationen und gibt den Geschichten einen vorleseförderlichen melodischen Schwung.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseblätterprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.book2look.com/book/13X7zjKZlT

Der Illustrator:

»Kazuo Iwamura, geboren 1939 in Tokio, ist einer der bekanntesten japanischen Bilderbuchkünstler. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. Kazuo Iwamura lebt in Tochigi, Japan. Dort steht auch sein Museum für Bilderbuchillustration.«

Die Reimerin:

»Rose Pflock, geboren 1929 in Reichenau, Oberlausitz, Deutschland. Sie war nach ihrem Gesangsstudium mehrere Jahre als Sängerin an verschiedenen Theatern tätig. Rose Pflock schreibt seit Langem Texte für Kinder. Besonders gerne und gut schreibt sie Reime.«

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Vor den 7 Bergen

  • Davon, wie Schneewittchens Enkel in die Berge wollen und alles schiefgeht
  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Mareike Engelke
  • Text von Annette Feldmann
  • KUNSTANSTIFTER Verlag  März 2017       https://kunstanstifter.de/
  • Format: 30 x 22 cm
  • 36 Seiten
  • gebunden, mit Fadenheftung
  • 22 € (D), 22,70 € (A), 26 sFr.
  • ISBN 978-3-942795-48-7
  • ab vier Jahren

KINDERSEGEN,  BERGSEHNSUCHT  &  APFELKUCHEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern und einem kleinen Hund – das kann turbulent werden. Zunächst wird auf einer Doppelseite jedes Kind mit einem kleinen Steckbrief charakterisiert, und dann beginnt die Geschichte.

Es ist Winter, und statt Schnee gibt es Regen, Regen, Regen. Die Kinder beschließen, ihre Oma, die hinter den sieben Bergen wohnt, zu besuchen – denn „im Gebirge liegt immer Schnee“. Sie rufen ihre Oma an, und diese ist begeistert und backt schon mal einen Apfelkuchen.

Mama kommt von der Arbeit an ihrem Marktstand für Äpfel nach Hause und wird von den Kindern sogleich mit der freudigen Aussicht begrüßt, daß sie bald zur Großmutter in die Berge führen. Mama findet die Idee ebenfalls gut. Alle sind voller Vorfreude, doch dann bekommen die Zwillinge Windpocken, und ein Geschwisterkind nach dem anderen steckt sich an. Der Ausflug in die Berge muß auf den Herbst verschoben werden.

Den Sommer versüßen sich Mama und die Kinder mit Eis vom attraktiven, freundlich-zugewandten Eisverkäufer Bo. Der reparierfreudige, kleine Hanno begutachtet vorsorglich schon die familiären Skier- und Schlittenbestände.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist der Herbst da, aber Mama kann sich keinen Urlaub nehmen, da die Apfelernte so übermäßig reich ausgefallen ist, daß Mama den Marktstand nicht schließen kann. Die Kinder sind schwer enttäuscht. Die Mama verkauft Äpfel über Äpfel, der Eiskäufer Bo besucht sie am Marktstand und bekommt sogar einen Apfel geschenkt.

„© Mareike Engelke & Annette Feldmann / kunstanst!fter verlag“

Endlich ist wieder Winter, eifrig packen sieben Kinder, eine Mama und ein kleiner Hund ALLES ein, was unbedingt mit auf die Reise zur Oma muß – inklusive siebzehn Bilderbücher, zwölf Kuscheltiere, fünf Kilogramm Äpfel, sechzehn warme Stiefel und sieben Geschenke für die Oma.

Kaum sind sie mit dem vollgepackten Kombi losgefahren, da macht es PENG, und ein Motorschaden zwingt zum unfreiwilligen Parken mitten auf der Kreuzung. Zum Glück kommt Bo zufällig vorbei  und bietet großzügig an, sie mit seinem Eiswagen über die sieben Berge zu ziehen. Ein passendes Abschleppseil ist auch schnell zur Hand, und schon geht die serpentinenreiche Fahrt los.

Nach den üblichen Fragen („Ist es noch weit?“ und „Sind wir bald da?“) sowie dem allseits bekannten, universellen Kindergequengel auf langen Reisen kommen alle wohlbehalten in den Bergen an.

Oma hat schon Apfelkuchen gebacken und den Kamin befeuert und empfängt alle Gäste mit einer herzenswarmen Umarmung…

Die Illustrationen von Mareike Engelke wirken wie Kinderzeichnungen. Dies erzeugt für kindliche Betrachter eine ganz unmittelbare, suggestive Nähe zur kindlichen Perspektive. Die Bildkomposition ist gleichwohl gekonnt, zudem unkonventionell und verspielt und bietet diverse witzige Details. Die farbig gestalteten handschriftlichen Textanteile mit ihren variablen Schriftgrößen untermalen ausdrucksvoll die eigenwillige Bilddramaturgie und bereichern den in einheitlich schwarzer Typographie gedruckten Fließtext um zusätzliche Gefühlsnoten.

Der Text von Annette Feldmann ist in einer freundlich-unverblümten Sprache geschrieben und erfreut mit kinderleichten Dialogen, die eindeutige Gefühlsansagen vermitteln.

In dieser Geschichte bewegen sich Schneewittchens Enkel in einer bodenständigen Alltagswelt, in der die einzige Zaubermacht zwischenmenschliche Nähe und Geborgenheit ist. Doch wie wir hoffentlich alle wissen und erfahren haben, ist dies ein Zauber, der sehr lange wirkt …

Und es spricht absolut nichts dagegen, daß der Märchenprinz Eisverkäufer ist.

Sehr ansprechend sind auch die Vorsatzblätter gestaltet, auf denen sich bekannte und unbekannte Apfelsortennamen tummeln: Aprilschöner, Dickapfel, Hausmütterchen, Milchapfel, Schafsnase, Schlotterapfel, Seidenhemdchen, Weißer Eisapfel – da weiß man gar nicht, wo man zuerst reinbeißen soll, und es ist eine schöne Anregung, sich mit den eigenen Kindern auf die Suche nach diesen Apfelsorten zu machen und sie zu kosten.

 

Hier entlang zum Bilderbuch auf der Verlagswebseite:
https://kunstanstifter.de/buecher/vor-den-7-bergen

PS:
Als kleine Randbemerkung möchte ich gerne noch erwähnen, daß der unabhängige KUNSTANSTIFTER Verlag alle Bücher mit mineralölfreien Farben in Deutschland drucken läßt und die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene unterstützt.

 

Die Illustratorin:

»Mareike Engelke wurde 1979 am Niederrhein geboren. Sie studierte Kommunikations-design in Essen und Krefeld und machte ein Bilderbuch-Diplom. Sie arbeitet als freie Illustratorin für Magazine und Verlage und zeichnet in ihrem Duisburger Atelierhaus mit Blick auf einen großen blauen Kran. Ansonsten geht sie gerne auf Unsinnsuche und schätzt sich glücklich, eine Gärtnerenkelin, Katzenmutter und Lieblingstante zu sein. Sie lebt mit ihrem Mann in Duisburg.«      http://www.mareikeengelke.de

Die Autorin:

»Annette Feldmann, geboren 1975 am Niederrhein, studierte Kanadistik und Vergleichende Literaturwissenschaften in Augsburg und Vancouver. Sie arbeitete zunächst bei der Rheinischen Post und seit 2008 als freie Journalistin und Autorin sowie als Texterin in einer Werbeagentur. 2014 wurde sie mit dem dritten Platz beim Moerser Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr erstes Jugendbuch „Nichts sagen“ (Divan Verlag, 2015) wurde für den Goldenen Pick nominiert. Annette Feldmann lebt mit ihrem Mann in Kempen.«   http://www.netttext.de

Der Nachtgärtner

  • von Terry Fan und Eric Fan
  • Originaltitel: »The Night Gardener«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Edmund Jacoby
  • Verlagshaus Jacoby & Stuart    August 2016   www.jacobystuart.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 48 Seiten
  • Format: 21,6 x 30,5 cm
  • 14,95 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3-946593-03-4
  • ab 5 Jahren
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B L Ä T T E R T I E R E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses feine Bilderbuch mit seinem geheimnisvoll-märchenhaften Titelbild ist eine Einladung zum Träumen, und Träume sind bekanntlich ein guter Dünger nicht nur für Nachtgärtner, sondern auch für die Gestaltungskräfte des eigenen Lebens.

Ein Baum, dessen Laubkrone zu einer weisen Eule geformt ist, ein kleiner Junge, der andächtig vor dem Eulenbaum steht, die ganze Szenerie eingetaucht in nächtlich-vollmondliche, kühle Grüntöne. Dazu die silbernen Lettern der Buchbeschriftung und eine angenehm griffige Papierqualität – das ist ein stilvoller und verheißungsvoller Bilderbucheinstieg.

William lebt in einem Waisenhaus in der ergrauten, angestaubten Kleinstadt Grimloch. Er sitzt auf einem abgesägten Baumstamm im Vorgarten dieses Waisenhauses und zeichnet mit einem Stock eine Eule in den Gartenboden. Unauffällig geht ein älterer Herr mit einer Leiter und einer großen Umhängetasche vorbei. Das einzig Auffällige an ihm ist ein grünes Blatt, das aus der Brusttasche seines Jacketts hervorlugt.

In der folgenden vollmonderleuchteten Nacht packt der ältere Herr seine Tasche aus, und wir bekommen ein Sortiment von Gartenscheren zu sehen, die er sorgfältig prüft. Seine Leiter steht bereits angelehnt an einem Baum. Auf der folgenden Bilderbuchseite erkennen wir, daß er an einem der großen Bäume im Garten des Waisenhauses arbeitet.

Am nächsten Morgen entdeckt William den Baum, dessen Krone sich in die Gestalt einer Eule verwandelt hat. William ist völlig hingerissen und kann sich kaum sattsehen; er spürt, daß dies der Anfang einer weitreichenden, erfreulichen Lebensveränderung ist.

Jeden Tag finden sich neue in Tierskulpturen umgestaltete Baumkronen: eine Katze, ein Kaninchen, ein Papagei und sogar ein kleiner Elefant. William ist nicht der einzige, der aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Viele Menschen bewundern die Baumkunstwerke, und nach und nach wird die Welt farbenfroher und die Stadtbewohner mitteilsamer. Die Menschen lächeln, plaudern, tragen bunte Kleidung – kurz: Die Stimmung wird einfach besser.

Als der geheimnisvolle Nachtgärtner sein Meisterwerk – einen Drachen aus zwei miteinander verbundenen Baumkronen – geschaffen hat, feiern die Bewohner von Grimloch ein ausgedehntes Freudenfest. So geschieht es, daß sich auch William erst weit nach Sonnenuntergang auf den Heimweg macht, und dabei beobachtet er einen älteren Herrn, der eine Leiter auf der Schulter trägt. William schöpft Verdacht und folgt dem Herrn, der auf dem Weg zum Stadtpark ist. Freundlich wendet er sich William zu und sagt, daß er angesichts der vielen Bäume im Park gut und gerne ein wenig Unterstützung brauchen könne.

Die ganze Nacht arbeitet William nun mit dem Nachtgärtner an der Verwandlung der Baumkronen in vielerlei Tiergestalten. William schläft schließlich erschöpft ein, und der Nachtgärtner setzt ihn behutsam am Fuße eines Baumstammes ab. Als William von den fröhlichen Stimmen der Kinder, die mit ihren Eltern durch den Park spazieren, erwacht, findet er eine Gartenschere, an deren Griff ein Schildchen hängt: „Für William“.

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Illustration von Terry Fan © Verlagshaus Jacoby & Stuart 2016

Im Herbst lösen sich die Tiergestalten mit dem Fallen der Blätter auf, und im Winter ist den kahlen Baumstämmen nicht mehr anzusehen, welche Blättertierverkleidung sie im Sommer trugen. Gleichwohl ist die ganze Stadt nachhaltig verwandelt, das emotionale Klima freundlicher, und William tritt im nächsten Sommer mit dem größten Vergnügen sein geheimes Erbe als Nachtgärtner an …

In diesem Buch wird fast alles von den feingezeichneten, atmosphärischen Bildern erzählt. Der leise Text erscheint beiläufig, gibt kleine Hinweise in einfachen Worten, die mehr andeuten als ausplaudern, und dies paßt schön zu den ausdrucksstarken Bildern, die sehr gut und traumzauberhaft für sich selbst sprechen.

Im Bilderbuch „Der Nachtgärtner“ zeigt sich anschaulich die Überwindung von Trübsinn und Einsamkeit durch die Schönheit der Natur und die Gestaltungskraft des Träumens. Sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ist dies ein lobenswerter und schöner Hinweis auf die Macht der Selbstwirksamkeit bei Alltäglichkeiten und Wundern.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/neuerscheinungen/der-nacht-gaertner/

 

Die Autoren und Illustratoren:

»Eric Fan ist ein Künstler und Schriftsteller, der in Toronto, Kanada, lebt. Er studierte Illustration, Bildhauerei und Film am Ontario College of Art and Design. Er hat ein ausgesprochenes Faible für mechanische Uhrwerke und unmögliche Träume.«
Mehr auf: http://www.krop.com/opifan64/

»Terry Fan hat am Ontario College of Art and Design in Toronto, Kanada, seine Ausbildung erhalten. Seine Kunst ist eine Mischung aus traditionellen Tusche- oder Graphitzeichnungen und digitaler Technik. Er verbringt seine Tage und Nächte damit, magische Illustrationen zu kreieren.«
Mehr auf: http://www.krop.com/terryfan/#/

 

Der Glühwürmchensommer

  • von Gilles Paris
  • Übersetzt von Carina von Enzenberg
  • Roman
  • Bloomsbury Berlin Verlag   März2015        http://www.berlinverlag.de
  • 224 Seiten
  • Gebunden, mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A), 22,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-1229-6
    Glühwürmchensommer

ELTERN  WAREN  AUCH  MAL  KINDER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein sonniges Buch, in dem es zwar durchaus um Leben und Tod geht, aber auf eine so nonchalante Art, daß es berührt, aber nicht bedrückt. Es handelt zudem von der Liebe und ihren Spielarten und von unaufdringlich-übersinnlichen Wahrnehmungen, zu denen empfindsame Kinder leichter Zugang finden als Erwachsene.

Der neunjährige Victor Beauregard ist der Ich-Erzähler des „Glühwürmchensommers“. Seine Familienverhältnisse sind recht unkonventionell: Seine Eltern leben getrennt, wollen aber verheiratet bleiben, sein Vater arbeitet als Fotograf für Reiseführer und reist dementsprechend viel, seine Mutter hat eine Buchhandlung und liest dementsprechend viel.

Seine hübsche vierzehnjährige Schwester verliebt sich öfter als ihr guttut, und seine sogenannte zweite Mama ist die argentinische Malerin Pilar, die sich nach der ersten Buchempfehlung sofort in Victors Mama verliebt hat und seitdem zur Familie gehört.

Victors Vater scheint ziemlich negligeant zu sein, er öffnet seine Post nicht, versäumt Rechnungstermine und weigert sich, das Urlaubsdomizil, das er von seiner verstorbenen Schwester Félicité geerbt hat, jemals wieder zu betreten, da dieser Ort für ihn mit einem Kindheitstrauma belastet ist. Die Mutter behauptet, der Vater weigere sich, erwachsen werden.

Dennoch ist er ein liebevoller, großherziger Vater und offenbar auch nicht eifersüchtig auf Pilar, die er einfach akzeptiert, da sie seiner Ansicht und auch Victors Ansicht nach eine wohltuende Zugabe zum „normalen“ Familienleben ist, auf Mama Nr. 1 aufpaßt und den Alltag mit einer Prise Magie bereichert: z.B. legt sie Tarotkarten und schmuggelt den Kindern kleine Feengeschenke unters Kopfkissen.

Victor sehnt sich sehr nach seinem Vater und nach seiner ganz alltäglichen Anwesenheit. Es ist sein größter Wunsch, daß sie wieder alle zusammenleben, und es wäre auch wunderbar, wenn sein Vater mit an die Côte d‘Azur käme.

Weder die Mutter noch der Vater haben jemals Victors Fragen nach dem belastenden Ereignis aus der Vergangenheit des Vaters beantwortet. Er wird mit der Bemerkung abgespeist, seine Tante Félicité sei kein guter Mensch gewesen und er sei noch zu klein für weitere Informationen.

Doch die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht totschweigen, und sie werden noch großen – erlösenden – Einfluß auf den Verlauf dieses Sommerurlaubs haben.

So fährt nun die gesamte Familie – ohne den Vater – auch in diesem Sommer wieder nach Roquebrune-Cap-Martin bei Nizza in die vornehme Résidence, in der sich das geerbte Vier-Zimmer-Appartement befindet.

Victor hat dort einen guten Freund, Gaspard. Außerdem freundet er sich endlich mit Justine an, für die er schon seit dem vergangenen Sommer schwärmt. Die drei Kinder gehen gemeinsam schwimmen und erkunden die Umgebung.

In der Résidence residiert schon seit Jahrzehnten eine Baronin, und auch mit dieser freundet sich Victor an, denn er ist ein warmherziger, höflicher und durchaus schon charmanter Charakter, der offenbar auch bei älteren Damen Sympathie weckt. Von der Baronin erfährt er, daß die ungewöhnlich große Anzahl Glühwürmchen, die in diesem Sommer die Nächte beleuchten, eine besondere, wunscherfüllende Magie mitbrächten, der er Vertrauen schenken solle.

Es zeigt sich, daß die Baronin Tante Félicité kannte; und ihre Beschreibung von Félicités Wesensart schließt für Viktor einen Teil der Wissenslücken über die Kindheit seines Vaters und dessen Verhältnis zur eigenen Schwester.

Bei einem Spaziergang lernt Victor dann noch die Zwillinge Tom und Nathan kennen, die zwar sehr wasserscheu sind, indes aber über einen geheimnisvollen Schlüsselbund verfügen, mit dem sie sich Zugang zu den schönen Gärten und zeitweise unbewohnten Villen vor Ort verschaffen können. Freundlich laden sie Victor zu diesen heimlichen Besichtigungstouren ein und haben auch nichts dagegen, daß Gaston und Justine mitkommen.

Begeistert, entdeckungsfreudig und achtungsvoll dringen die Kinder in verwunschene Gärten und sehr schöne Villen ein und genießen den Reiz des Verbotenen. Tom und Nathan wissen zu jedem Gebäude interessante Hintergrundgeschichten zu erzählen, was die Faszination erhöht.

Indes ist es die Absicht der Zwillinge, Victor die Wahrheit über das tragische Ereignis aus der Kindheit des Vaters zu vermitteln und Victors Vater auf Umwegen dazu zu bringen, sich seinen Ängsten zu stellen.

Dies gelingt ausgesprochen spektakulär und hat viele positive Nebenwirkungen …

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein Buch mit viel Sonne, Wind und Meer und bunten Schmetterlingen zwischen den Zeilen. In einem ruhigen, unaufgeregten Tonfall legt Victor Zeugnis ab von einem Sommer voller neuer Lebensweichenstellungen und läßt uns teilhaben an seiner kindlichen Perspektive voller Lebensneugier, Poesie, Feingefühl und Liebesspürsinn.

Außer Zwergen kann jeder groß werden, körperlich jedenfalls. Das ist das, was man mit den Augen sehen kann. Aber innerlich groß werden, das ist schon komplizierter.“
(Seite 27)

„Aber ich möchte mit meiner Traurigkeit allein sein und warten, bis ein weißer Schmetterling sie mit seinem Flügelschlag verscheucht.“
(Seite 57)

„Schöne Worte sind wichtig, wenn man jemanden liebt, aber sich berühren und miteinander eins werden ist wie ein Schlüssel, der alle Türen aufschließt.“
(Seite 68)

Das Titelbild und das sonnengelbe LESEBÄNDCHEN korrespondieren harmonisch mit dem Buchinhalt: Licht, Luft, Meeresglühen, kindliche Unbeschwertheit, kindlicher Mut, frischer Lebensschwung und sonnige Herzenswärme.

Der Autor:

»Gilles Paris wurde 1959 in Suresnes geboren und verdingte sich nach seinem Abitur als Kellner, Medikamententester und Bürohilfe. Er war im Ministerium für Jugend und in verschiedenen Buchverlagen tätig, gründete eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und schrieb für mehrere Zeitungen als freier Journalist. „Der Glühwürmchensommer“ ist sein vierter Roman.«

 

QUERVERWEIS:

„Der Glühwürmchensommer“ ergänzt sich gut mit dem Roman „TEO“ von Lorenza Gentile, den ich im Mai 2015 besprochen habe : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/20/teo/

In beiden Geschichten geht es um die kindliche Perspektive auf erwachsene Lebensbedingungen, um die kindliche Sorge um den familiären Zusammenhalt und das kindliche Bedürfnis, die eigenen Eltern in Liebe vereint zu sehen.
TEO ist etwas philosophischer und schwerer im Vergleich zum etwas „leichtsinnigen“
GLÜHWÜRMCHENSOMMER.

Als der Sommer eine Farbe verlor

  • von Maria Regina Heinitz
  • Roman
  • Berlin Verlag  April 2015             http://www.berlinverlag.de
  • 496 Seiten
  • Taschenbuchausgabe
  •  9,99 € (D),  10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8333-1020-1
    Als der Sommer eine Farbe verlor

ZWISCHEN  DEN  ZEILEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Als der Sommer eine Farbe verlor“ erzählt in einer sinnlich-vielschichtigen, lasierenden Sprache von Nähe und Ferne, Lösung und Bindung, Imagination und Wirklichkeit, Schmerz und Heilung, Verlust und Geborgenheit sowie von Familie und Freundschaft, Liebe, Tapferkeit und Hoffnung. Dieser Roman ist berührend, ohne zu belasten, er enthüllt, ohne zu entblößen und er macht ein komplexes Gefühlsspektrum wunderbar sichtbar.

Die dreizehnjährige Bénédicte, kurz Bicky genannt, verbringt mit ihrem kleinen Bruder Marcel einen sommerlichen, heiter-verspielten Ferientag. Die Kinder sind einfach glücklich, alles blüht, zwitschert und lebt, der Jasmin duftet vor blauem Himmel, und ihre geliebte Großmutter, zärtlich Mamique genannt, ist bei ihnen in Hamburg zu Besuch.

Aimée, die Mutter der Kinder, ist eine bekannte Malerin, deren Gemüt sich immer wieder verdunkelt und die sich dann aus dem familiären Leben zurückzieht und in ihr Atelier verkriecht, um ihre emotionale Not auf die Leinwand zu bannten.

Die Kinder sind mit diesen mütterlichen Stimmungen vertraut und nennen sie „Farfadetnoir“ (schwarzer Kobold). Der Vater arbeitet als Mediziner und bittet in den Farfadetnoir-Notfällen Mamique, seine Schwiegermutter, um familiären Beistand.

Übermütig tollen die Kinder mit ihrer rüstigen Großmutter durch den Garten, anschließend bereitet Mamique ihnen ihre köstlichen Blaubeerpfannkuchen zu, und die Kinder futtern sich die Bäuche rund. Bicky wird mit einer Portion Blaubeerpfannkuchen ins Atelier geschickt, damit ihre Mutter auch in den Genuß dieser Lieblingsspeise kommt.

Im Atelier betrachtet Bicky nachdenklich das Bild, an dem ihre Mutter seit Monaten malt, und eine Ahnung schmerzlicher familiärer Verstrickung streift ihr Bewußtsein und weckt Fragen in ihr. Da die Mutter nicht im Atelier ist, vermutet Bicky sie im Badezimmer und steht nach wenigen Schritten in einer Blutlache, die der Selbstmordversuch der Mutter hinterlassen hat. Die Mutter kann gerettet werden und kommt in ein „Sanatorium“. Wie erholen sich die Kinder von einem solchen Schock?

Der Vater beschließt, ein Arbeitsangebot als Leiter einer psychiatrischen Klinik in einer Kleinstadt anzunehmen und Hamburg zu verlassen. Bereits zwei Wochen später zieht die Restfamilie von Hamburg nach Sprede, „eine heile Was-will-man-mehr-Kleinstadt“. Sie wohnen in einer alten Villa in unmittelbarer Nähe zur neuen Arbeitsstelle des Vaters. Den großen, verwilderten Garten, der die Villa umgibt, nennt der Vater eine „Paradies für Kinder“, aber zunächst fühlen sich die entmutterten Kinder alles andere als paradiesisch.

Mamique, die sie nicht begleiten kann, verspricht aber, wieder zu Besuch zu kommen. Eine resolute Haushälterin wird eingestellt, die für äußere Ordnung und geregelte Mahlzeiten sorgt. Einen Fernseher gibt es nicht, aber der Vater installiert in jedes Zimmer unsichtbare Lautsprecher und beschallt die Bewohner mit klassischer Musik („Brahms ordnet die Gedanken!“) und mit den täglichen Radionachrichten. So läßt die Autorin im Verlaufe des Romanhandlungszeitraums immer wieder streiflichternd die Nachrichtenereignisse der Jahre 1976 bis 1978 einfließen.

Fürsorglich bemuttert Bicky ihren kleinen Bruder, und die Geschwister richten sich eine gewisse Geborgenheit miteinander ein; sie freunden sich mit den neuen Räumen an und erkunden nach und nach entdeckungslustig die Umgebung. Die Mutter schreibt ihren Kindern regelmäßig Briefe (in Schriftform für Bicky und in Bildform für Marcel, der noch nicht lesen kann).

Bicky leidet nicht nur an dem Verlust der mütterlichen Zuwendung, sondern auch daran, daß die Erwachsenen ihr Zusammenhänge verschweigen. Sie tun dies zwar, um sie zu schonen, aber die Unstimmigkeiten und Unklarheiten bezüglich des Aufenthaltsortes der Mutter und der Hintergründe der mütterlichen Depression führen zu phantasievollen Vermutungen und kindlichen Fehlschlüssen, die ihr eigenes psychologisches Belastungspotential haben.

Zweimal wöchentlich geht Bicky auf Anordnung ihres Vaters zu einer Kinderpsychologin, um ihr Trauma zu verarbeiten. Doch sie hat längst eigene Wege gefunden, sich zu ermutigen und den Herausforderungen des Lebens konstruktiv und kreativ zu begegnen, beispielsweise ihre Methode der Eintagsfliegentage, die es ihr ermöglicht, Neues und Unerwartetes zu tun, weil es für die Verwirklichung mancher Dinge exakt nur diesen einen Moment gebe und sonst keinen. Diese Jetzt-oder-nie-Haltung hilft ihr über so manche Alltags- und Angsthürde hinweg.

Dank ihrer Feinfühligkeit erkennt sie die emotionalen Gegebenheiten, Charakterstärken und -Schwächen anderer Menschen sehr genau und beschreibt diese auf eine einleuchtend anschauliche, musisch-malerische Weise.

Und dann lernt sie Susi Engel kennen. Dieses hochbegabte, eigenwillige Mädchen wird ihre beste Freundin, mit der sie wirklich alles besprechen kann. Die beiden Einzelgängerinnen sind wie füreinander geschaffen, und gemeinsam forschen sie den abgründigen und romantischen Geheimnissen ihres Umfeldes nach.

Zwischen Bickys Spurensuche und ihren phantasievollen Versuchen, Ordnung in ihr aufgewühltes Gefühlsleben zu bringen, liegt ein weiteres Geheimnis, das erst ganz zum Schluß offensichtlich wird und den Leser erhellend überrascht. Tatsächlich sind die Hinweise auf diese verborgene Erlebnisebene wohldosiert und unauffällig über den Verlauf der ganzen Geschichte verstreut und werden uns Lesern erst im Rückblick so recht DEUTLICH.

Bicky lernt gewissermaßen SEHEN, sie reift und wächst, begeistert sich fürs Theater und sie verliebt sich in den Jungen Misha, der dort als Statist arbeitet. Misha kennt sich aus mit Verlust und Trauer; er hat bereits beide Eltern verloren und lebt bei seiner Tante. Die Liebesannäherung von Bicky und Misha ist von anrührender Zärtlichkeit und ein ganz großes Glück für Bickys Herzensheilung und Wahrheitsfindung.

Mit Mishas Hilfe tritt Bicky aus dem Schatten der mütterlichen Verstrickung und der verschwiegenen Vergangenheit heraus und betritt endlich ihre Gegenwart und ihren eigenen hoffnungsvollen Weg.

Dieser außergewöhnliche Roman ist von einer schwebenden Leichtigkeit, die man dem ernsten Thema kaum zugetraut hätte. Das Gleichgewicht von Ernst und Heiterkeit, Kinderspiel und Kindertragik, Verletzlichkeit und Tapferkeit, die geschickte Figurenchoreographie, die einfühlsamen Dialoge, der lebendige Spannungsbogen, die stimmungsvollen Szenerien und die sinnlich-musische Perspektive „malen“ eine sehr lesens- und sehenswerte Geschichte.

Zum Ausklang nun ein Zitat, das die poetische Bildhaftigkeit illustrieren mag:  

»Meine Träume in dieser Nacht waren verschachtelter als die, durch die ich mich sonst hindurchträumen musste. Sie waren wie unzählige Meeresoberflächen, durch die man auftaucht und meint, Luft holen zu können, das Ende erreicht zu haben, endlich Sauerstoff zu atmen. Traumende, und dann geht es doch weiter, immer weiter, ohne an den Eingang der Wirklichkeit zu gelangen, aber immer knapp davor.« (Seite 143)

 

Die Autorin:

»Maria Regina Heinitz, geboren 1968 in Isny (Allgäu), studierte Deutsche Sprache, Literatur und Französisch, arbeitete als Artbuyerin und Fotoproduzentin und erhielt 2009 den Literaturförderpreis der Kulturbehörde der Hansestadt Hamburg. Sie lebt in Hamburg.«
http://www.mariareginaheinitz.de/

QUERVERWEIS:

Eine feine Ergänzung zu diesem Roman ist das Sachbuch „Das bleibt in der Familie“ von Sandra Konrad, in dem die Risiken und Chancen transgenerationaler Übertragung einleuchtend dargestellt werden. Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/