Wildlife Gardening

  • Die Kunst, im eigenen Garten die Welt zu retten
  • von Dave Goulson
  • Originaltitel: »The Garden Jungle or Gardening to Save the Planet«
  • Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke
  • Illustrationen von Nils Hoff
  • Hanser Verlag März 2019 http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 304 Seiten
  • 24,00 € (D), 24,70 € (A)
  • ISBN 978-3-446-26188-4

WAS  UNS  BLÜHT  UND  FRUCHTET

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dave Goulson vermittelt uns mit seinem neuen Buch „Wildlife Gardening“ fundiertes, nachhaltiges und vielseitiges Wissenswerkzeug, um im Einklang mit der Natur und unseren pflanzlichen und tierischen Mitgeschöpfen einen ebenso schönen wie fruchtbaren Garten zu gestalten.

Anschaulich verknüpft der Autor seine Kenntnisse als Insekten- und Bienenforscher mit seiner persönlichen biologischen Gartenpraxis. Zwar stehen nicht jedem Leser Dave Goulsons 8000m²-Gartenfläche zur Verfügung, aber selbst auf nur einem einzigen Qua- dratmeter oder in einem einzigen Blumentopf lohnt es sich, mit der Natur zu gärtnern.

„Für ein erfolgreiches Naturgärtnern ist das, was man nicht tut, genauso wichtig wie das, was man tut.“ (Seite 13)

So muß man beispielsweise nicht unbedingt umständlich mit Rasenbodenabtragung, Sanduntermischung und der Aussaat von Wildblumensamen eine Wildblumenwiese gestalten, sondern man kann zunächst einfach nur den Rasen wachsen lassen und schauen, welche Stauden in Wartehaltung sich daraufhin ausbreiten, da sie endlich Gelegenheit zur Blüten- und Samenbildungsreifung haben.

Die Arten, die von Natur aus bereits am gegebenen Standort gedeihen, kann man um zusätzliche Inselpflanzungen weiterer einheimischer Wildblumen ergänzen. Gegen ein Übermaß horstiger Gräser hilft die Aussaat von Kleinem Klappertopf, einer einjährigen Wiesenpflanze, deren Sämlinge parasitisch „die Wurzeln der umliegenden Gräser anzapfen und die Nährstoffe heraussaugen…“ (Seite 47/48) Das Gras wird deutlich reduziert, und es entsteht mehr Freiraum für den Klappertopf und auch für andere Wildblumen.

Pestizide, Insektizide & Co. sowie Kunstdünger werden selbstverständlich keinesfalls benutzt. Mit durchaus gebotener Eindringlichkeit beschreibt Dave Goulson die zerstör-erischen Auswirkungen solcher „Pflanzenschutzmittel“, deren Einsatz in der indu- striellen Landwirtschaft, aber auch in privatem und kommunalem Gebrauch lebens- feindliche Teufelskreise aus stärkerem Schädlingsbefall, stärkerem Gifteinsatz und kumulierenden Giftanreicherungen im Boden, in Wasserkreisläufen und pflanzlichen, tierischen und menschlichen Nahrungsketten zur Folge haben.

Selbst als besonders bienenfreundlich etikettierte Blumen, die man im konventionellen Gartenhandel erwerben kann, sind in ihrer Aufzucht vielen Giften ausgesetzt gewesen, die sie systemisch – also im gesamten Pflanzenorganismus – über ihre Pollen und den Nektar weitergeben.

Haben Sie einen Hund oder eine Katze? Womit werden Ihre Vierbeiner gegen Flöhe behandelt? Ein häufiger Wirkstoff, mit dem Halsbänder imprägniert werden oder der in flüssiger Form auf die Hundehaut aufgebracht wird, ist Imidacloprid, ein Neonicotin- oid, dessen Bienengiftigkeit erwiesen ist. Wenn Sie Ihren Hund streicheln, kommen Sie unweigerlich in Berührung mit Neurotoxinen. Wahrscheinlich sind diese Toxine auch im Urin des Hundes und werden beim Gassigehen verteilt. Die 250 Milligramm Imadaclop- rid, mit denen ein mittelgroßer Hund gegen Flöhe „imprägniert“ wird, reichen aus, um 60 Millionen Honigbienen zu töten.

Sie sehen schon: Man muß sehr ganzheitlich und weit vorausschauend handeln, um Giftbelastungen für die Mitwelt und für sich selbst möglichst zu vermeiden. Pflanzen und Samen aus Biogärtnereien, freundschaftlicher und nachbarschaftlicher Ableger- austausch und das Gärtnern mit den bereits vorhandenen Pflanzenschätzen sind gute Voraussetzungen, um die Welt wenigstens im eigenen Garten zu retten. 

Beim Wildnisgärtnern hält man eine maßvolle Ordnung, die ungestörte Nist- und Über-winterungsmöglichkeiten für Wildbienen, Insekten, Vögel und Kleintiere bietet, bei- spielsweise durch Insektenhotels, Steinhaufen, Totholzstapel und Schutzhecken. Stand- ortgemäße, abwechslungsreiche Nektar- und Pollenpflanzen, Gemüsemischbeete und Kräuter und – je nach Raumverfügung – auch Obstbäume, Beerensträucher sowie vielleicht sogar ein selbstgestampfter Lehmteich erhöhen die Artenvielfalt und verbessern das natürliche Gleichgewicht im Garten.

Für den Garten gilt die Grundregel: » … je mehr Vegetation, desto mehr Co₂-Speicher- ung « (Seite 249). Mehr Pflanzenvielfalt zieht mehr Insektenvielfalt an und mehr Insekten wiederum mehr Vögel.

In Dave Goulsons Obstgarten halten Ohrwürmer die Blattläuse in Schach, was ihn zu einem regelrechten Loblied auf den Ohrwurm veranlaßt und uns interessante Einblicke in das Liebesleben und die erstaunlich ausgeprägte Mutterliebe der Ohrwürminnen gewährt. Überaus köstlich ist beim Thema Obstanbau die Schwärmerei des Autors über die vielen außergewöhnlichen Apfelsorten, die er hegt und pflegt und genießt und die uns im Supermarktangebot wohl kaum jemals begegnen werden.

Wir erfahren ausführlich von der enormen Leistung, die Regenwürmer für die Boden-fruchtbarkeit, die Bodenbelüftung und Bodenlockerung erbringen. Angesichts der wesentlich höheren Regenwurmdichte in Gärten im Vergleich zu Ackerböden kann man Dave Goulsons Forderung nach einem „landesweiten Langzeit-Wurmüberwachungs-programm“ (Seite 207) zur Erforschung der besten Wurmdichtebedingungen nur zustimmen.

Empfehlungen zum Kompostieren oder wahlweise zur Installation eines kleinen Wurm-farmbehälters sowie übersichtliche Listen mit Blühpflanzen für Bestäuber und Beeren-pflanzen für Vögel runden diesen facettenreich-informativen Gartenratgeber sinnvoll ab. Die feinen Zeichnungen von Nils Hoff greifen die Thematik ebenso naturalistisch wie gelegentlich etwas augenzwinkernd-ironisch auf.

Dave Goulson leitet jedes Kapitel seines Buches mit einem Koch- oder Backrezept ein. Dies fügt sich harmonisch zur abschließenden, hoffnungsnährenden Erkenntnis, daß der Ernteertrag aus Gärten und Schrebergärten den Ertrag der konventionellen Landwirt-schaft um das Vier- bis Elffache übertrifft.

Mit „Wildlife Gardening“ gelingt Dave Goulson eine ermutigende Balance aus ökologischer Aufklärung und aufwühlender Gefahrenanalyse sowie praktisch-konstruktiven zukunftsweisenden Anregungen, die vorhandenen natürlichen Handlungsspielräume selbstwirksam im eigenen Garten und Lebensalltag zu nutzen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/wildlife-gardening/978-3-446-26188-4/

Hier entlang zu Dave Goulsons erstem Werk Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/
sowie zu Dave Goulsons Buch „Wenn der Nagekäfer zweimal klopft. Das geheime Leben der Insekten“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/07/wenn-der-nagekaefer-zweimal-klopft/

Der Autor:

»Dave Goulson, Jahrgang 1965, ist einer von Europas führenden Hummel- und Wild-bienenschützern. Bei Hanser erschienen Und sie fliegt doch (2014), Wenn der Nagekäfer zweimal klopft (2016) und Die seltensten Bienen der Welt (2017). Dave Goulson lebt in Blackboys, East Sussex, wo er seit vielen Jahren Wildlife Gardening betreibt.«
www.sussex.ac.uk/lifesci/goulsonlab
https://twitter.com/DaveGoulson

Die Übersetzerin:

»Elsbeth Ranke, geboren 1972, hat in Erlangen und Nantes Romanistik, Latein und Angewandte Sprachwissenschaft studiert. Sie übersetzt aus dem Französischen und Englischen u.a. Erin Hunter, Frédéric Lenoir, E.O. Wilson, Lewis Wolpert und Hélène Beauvoir. 2004 erhielt sie den André-Gide-Preis.«

Der Illustrator:

Seltsamerweise erfährt man vom Verlag – bis auf den Namen – nichts über den Illustrator. Deshalb verweise ich nachfolgend auf die Webseite von Nils Hoff: http://www.nilshoff.de/info/

Querverweis:

Gerne und nachdrücklich lege ich Ihnen noch Almuths bienenfleißige Webseite „Natur auf dem Balkon“ ans Herz. Dort finden sich viele praktikable Anregungen für welt- rettende (wild)bienenförderliche Lebensbedingungen, zu denen jeder etwas beitragen kann. Feine Fotos und liebevoll-informative Texte bieten jede Menge wissenswerte Nachhilfe in Hinsicht auf die Gestaltung eines bienen- und insektenfreundlichen Balkon-Ambientes. https://naturaufdembalkon.wordpress.com/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

  • Das geheime Leben der Insekten
  • von Dave Goulson
  • Originaltitel: »A Buzz in the Meadow«
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • Hanser Verlag   Februar 2016  http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 320 Seiten
  • 21,90 € (D), 22,60 € (A)
  • ISBN 978-3-446-44700-4
    Goulson_Insekten_Sitzung.indd

I N S E K T E N R E I C H

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dave Goulson ist Biologe und Hummelforscher und ein sehr guter Erzähler. Bereits in seinem ersten Buch „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“ (siehe: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/ ) vermittelte er sein umfängliches Wissen in anschaulicher und allgemeinverständlicher Weise und umrahmte sein Thema seines Sachbuches mit persönlichen Naturerfahrungen und dem dringenden Appell zum Naturschutz im allgemeinen und zum Hummelschutz im besonderen.

Auch in seinem neuen Buch trägt die persönliche Note des Autors sehr zur Leseannehmlichkeit und gleichsam spielerischen Wissensvermittlung bei. Im Jahr 2003 erwarb der Autor das alte französisches Landhaus „Chez Nauche“ mit 13 Hektar Wiesenfläche und richtete dort nach und nach ein privates Naturschutzgebiet ein, frei von den vernichtenden Belastungen der modernen Landwirtschaft.

Zunächst ging es ihm hauptsächlich um die Einrichtung geschützter Habitate für Hummeln, seine Lieblingsforschungsobjekte. Die hummelfreundliche Gestaltung der Wiesen, die Wildblumenvielfalt und die Einrichtung von Teichen lockten auch zahlreiche weitere Insekten ins kleine Paradies „Chez Nauche“.

Dorthin lädt uns der Autor zu einem Wiesenspaziergang ein und öffnet uns die Augen für die Vielfalt der Insektenfamilien und die faszinierenden Erkenntnisse, die wir bereits über sie und ihre Rolle im Lebensgefüge erlangt haben. Sehr deutlich weist er darauf hin, daß all unser naturkundliches Wissen nur die Spitze des Eisberges darstellt und daß der Einsatz giftiger Chemikalien (in der Landwirtschaft) schon mehr zerstört hat, als unserem ganzheitlichen Lebensgefüge gut tut.

Zum Teil wissen wir gar nicht, welche Spezies schon ausgelöscht sind und mit ihnen all die geheimnisvollen Gaben und Funktionen, die sie im komplexen, ökologischen Beziehungsgeflecht erfüllt haben.

Hätten Sie gewußt oder auch nur geahnt, daß der  Gescheckte  Nagekäfer mit seinen Füßen hört? Oder daß der Schaum, in dem sich die Nymphen der Schaumzikaden verbergen, so bitter schmeckt, daß Vögel keine Neigung verspüren, die Nymphen aus ihrem „Schaumbad“ herauszupicken? Oder daß manche Blumen (z.B. Magnolien, Lilien, Krokusse und Löwenmäulchen) nicht nur Pollen und Nektar anbieten, sondern auch Wärme erzeugen und deshalb von  wärmebedürftigen Hummeln und Bienen bevorzugt werden? Außerdem werden die Bestäuber während des Blütenaufenthaltes nicht nur gewärmt, sondern auch der Nektar ist angewärmt – eine schöne Belohnung fürs fleißige Bestäuben an kalten Tagen.

Es ist das Anliegen des Autors, unsere Achtung vor dem Mikrokosmos der Insekten zu vergrößern, und dies gelingt ihm sogar bei den unappetitlichen Vertretern wie z.B. der Stubenfliege, die zwar unhygienische Tischmanieren hat, aber irgendwer muß ja auch den organischen Abfall wegfressen und als Vogelfutter dienen.

Ameisen, Bienen, Blattläuse, Glühwürmchen, Gottesanbeterinnen, Grillen, Grashüpfer, Hummeln, Käfer, Libellen, Nagekäfer, Papierwespen, Schmetterlinge, Tanzfliegen, Stielaugenfliegen, Schwebfliegen und Wanzen … sie alle werden von Dave Goulson kürzer oder länger beschrieben, erklärt und in ihre natürlichen Zusammenhänge eingeordnet.

Stets klingt die Bewunderung des Autors für seine Gartenbewohner und Studienobjekte, ihre Lebens- und Überlebenskunst sowie ihre komplexen Wechselwirkungen anregend mit. Atmosphärisch und einfühlsam weckt er das Interesse des Lesers und erzählt spannend und lebensliebevoll von der wissenswerten Vielfalt des Insekten- und Pflanzenreichs.

Eindringlich geht er auch auf das Bienensterben und den  Einfluß der Neonicotinoide in Insektiziden ein. Dieses Kapitel birgt angesichts behördlicher und agrochemischer Ignoranz und Verharmlosung zugunsten von Konzerninteressen aufregendes,  aufwühlendes und hoffentlich aufweckendes Informationsmaterial.

Er zitiert E.O. Wilson, den berühmtesten lebenden Entomologen:

»Wenn irgendwann die ganze Menschheit verschwinden sollte, würde sich die Natur regenerieren und wieder in jenen artenreichen Balancezustand gelangen, der noch vor 10 000 Jahren existierte. Würden jedoch die Insekten verschwinden, würde die Natur ins Chaos versinken.« (Seite 47)

Dave Goulson ist mit „Chez Nauche“ ein Biotop geglückt, sozusagen ein „Schöner Wohnen mit Insekten“. Er weiß, daß es nur eine Insel im Meer weltweiter Zerstörung ist. Doch je mehr lebensdienliche Inselbiotope es überall gibt desto bessere Lebenschancen und Lebensqualität haben alle Mitgeschöpfe. Und sei es nur der eigene Balkon oder Garten, oder im günstigsten Falle sogar ein Biobauernhof, ein Bioforst oder ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet.

Möge jeder dort beginnen, wo er selber etwas Naheliegendes bewahren und bewirken kann.

„Ich hoffe, Sie haben inzwischen erkannt, dass jedes Lebewesen seine eigene Geschichte hat und dass die meisten Geschichten erst noch erzählt werden müssen.“ (Seite 229)

Wenn wir der Natur RAUM geben, sorgen wir dafür, daß noch viele, viele Geschichten erzählt werden können.

 

Gerne weise ich in diesem Zusammenhang auf die bienenfleißige  und hummelsummende Webseite von Almuth hin: »NATUR AUF DEM BALKON«: https://naturaufdembalkon.wordpress.com/ . Dort kann man bewundernd zuschauen (klasse Fotos) und mitlesen (heiter-informative Texte), wie gut man die Welt auch auf kleinem Raum retten kann … und sich zu eigenem Mitwirken inspirieren lassen.

 

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite, dort findet sich auch ein Insektenfragequiz, bei dem man ein luxuriöses Insektenhotel gewinnen kann: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/wenn-der-nagekaefer-zweimal-klopft/978-3-446-44700-4/

Der Autor:

»Dave Goulson, Jahrgang 1965, ist Hummelforscher und einer von Englands bekanntesten Naturschützern. Sein „Sunday Times“-Bestseller „A Sting in the Tale“ stand auf der Shortlist des Samuel Johnson Prize, des renommiertesten Sachbuchpreises Großbritanniens. Bei Hanser erschien 2014 „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“. Dave Goulson lebt in Blackboys, East Sussex.«

www.sussex.ac.uk/lifesci/goulsonlab
https://twitter.com/DaveGoulson

Querverweis:

Hier entlang zu Dave Goulsons erstem Werk: „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“ : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/

Und hier entlang zu einer weiteren fundierten Rezension aus der Blognachbarschaft:

Dave Goulson: Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

 

 

Und sie fliegt doch

  • Eine kurze Geschichte der Hummel
  • von Dave Goulson
  • Originaltitel: »A Sting in the Tale«
  • Übersetzung aus dem Englischen
  • von Sabine Hübner
  • Hanser Verlag    Juli 2014        http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 320 Seiten
  • ISBN 978-3-446-44039-5
  • 19,90 €
  • ePUB-Format 15,99 €
  • ISBN 978-3-446-44067-8
    Goulson_FliegenDoch_125x205_P05.indd

DER  HUMMELFLÜSTERER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zwar bin ich keine Biologin, sondern Buchhändlerin, habe aber schon als Kind gerne Hummeln gestreichelt und tue dies auch heute noch. Außerdem liebe ich es, wenn Erscheinungsformen der Natur sogenannten naturwissenschaftlichen Gesetzen trotzen. Denn nach den bisherigen Erkenntnissen der Aerodynamik ist die Flügelfläche der Hummel zu klein im Verhältnis zu Körpergröße und Gewicht, um fliegen zu können. Aber sie fliegt ganz offensichtlich dennoch, und das gefällt mir außerordentlich gut. Daher ist auch der deutsche Titel des vorliegenden Sachbuches „Und sie fliegt doch“ eine schöne, doppeldeutige und geistreiche Anspielung, auf die ich sofort geflogen bin.

Aus dem Prolog zum Buch erfahren wir, daß der Autor ebenfalls schon als Kind von Hummeln fasziniert war. Er verbrachte seine Kindheit in einem Dörfchen bei Shropshire und pflanzte im elterlichen Garten Lavendel, Katzenminze, Salweide und Sommerflieder, um Hummeln und Schmetterlingen ein attraktives Büfett zu bieten, und Geißblatt, um Nachtfalter anzulocken. Sein lebhaftes Interesse für Insekten verband sich natürlicherweise mit dem lebhaften Interesse für Pflanzen.

Eine inspirierende Grundschullehrerin, die nicht mit praktischen Naturerfahrungen geizte, sowie sehr tolerante Eltern, die die unterschiedlichsten geglückten und mißglückten Tierrettungs- und Erforschungsmaßnahmen mit großer Nachsicht duldeten, waren fördernde und anregende Voraussetzungen für ein späteres Biologiestudium.

Dave Goulson wurde der führende Hummelforscher Englands und gründete im Jahr 2006 den Bumblebee Conservation Trust“ (BBCT), eine Stiftung zur Rettung der Hummeln. Diese Stiftung schafft in Zusammenarbeit mit Bauern, Kommunen und Gärtnern neue Habitate für Hummeln, verbreitet eine Informationsbroschüre zur hummelfreundlichen Gartengestaltung, verteilt Wildblumensamen, organisiert Hummel-Bestimmungs-Spaziergänge und betreibt zusätzliche Aufklärungsarbeit auf Gartenschauen und in Grundschulen.

Denn die Rettung dieses pummeligen Insekts ist notwendig, und dies erläutert der Autor auf eine so einleuchtende und ganzheitliche, ja, BEWUSSTSEINSBILDENDE Weise, daß man Landwirtschaft, Pflanzen, Hummeln und menschliche Einflußnahmen mit neuen Augen sieht.

Zunächst ein kurzer historischer Rückblick: Bevor es Kunstdünger, Insektizide und Co. sowie Benzinmotoren gab, waren Pferde ein wesentlicher Bestandteil der Landwirtschaft. Um die Arbeitskraft der Pferde zu erhalten, bauten die Bauern Klee an, der eine beliebte Futterpflanze für Pferde ist; und, um im Winter genug Futter für Vieh und Pferde zu haben, wurden Heuwiesen angelegt, die nur ein bis zweimal jährlich gemäht wurden.

Auf diesen nährstoffarmen Böden gediehen Wildblumen gut, „besonders jene mit symbiotischen Wurzelbakterien, die Stickstoff aus der Luft banden“ (Seite 31), also Pflanzen aus der Familie der Leguminosen. Bienen und Hummeln fanden bei diesen Pflanzen nahrhafte Pollen und Nektar, bestäubten aber auch die Nutzpflanzen, die auf den nahegelegenen fruchtbaren Böden angebaut wurden.

Die fruchtbaren Böden wurden jahrhundertelang durch die abwechselnden Fruchtfolgen der Drei- und Vierfelderwirtschaft gewonnen und lebendig erhalten.

Die Erfindung des Verbrennungsmotors machte die Pferde als Arbeitskraft überflüssig, künstliche, stickstoffbasierte Düngemittel erhöhten die Ernteerträge, die Felderwirtschaft wurde scheinbar überflüssig und Kleewiesen sowieso, da Pferde keine Rolle mehr spielten. Da auch die Heuwiesen künstlich gedüngt wurden, verschwanden fast alle Wildblumen, zumal durch die Möglichkeit, Winterfutter durch Ensilage zu gewinnen, die Heuwiesen auch viel häufiger als früher gemäht wurden.

Das Thema DDT und den zunehmenden monokulturellen Strukturwandel der Landwirtschaft lasse ich hier aus. Kurz: Es sah ganz schlecht aus für die Habitate und Überlebensbedingungen der britischen Hummeln, und die Erdbauhummel war bereits ausgestorben.

Langsam setzt jedoch ein Umdenken ein, und inzwischen bekommen die britischen Bauern staatliche Unterstützung dafür, wieder blühende Hecken zu pflanzen und Wildblumenwiesen anzulegen. Dave Goulson versuchte, die Erdbauhummel aus Neuseeland zu „reimportieren“, denn die im 19.Jahrhundert dorthin „ausgewanderten“ Hummeln gedeihen dort nach wie vor – dank ausgedehnter Rotkleefelder.

Aus der überquellenden Wissensfülle dieses wunderbaren Buches kann ich hier nur wenige kleine Appetitanreger servieren.

Hummeln sind sehr relevante Bestäuber zahlreicher menschlicher Nahrungspflanzen. So können z.B. Tomaten und Paprikablüten nur durch Vibrationsbestäubung befruchtet werden, eine Technik, die von den Hummeln besonders gut beherrscht wird.

Faszinierend und auch noch nicht ganz ausgeforscht ist die Fähigkeit der Hummel zu „erriechen“, ob sich zuvor eine andere Hummel oder ein anderes nektarsaugendes Insekt an einer Blüte gütlich getan hat. Denn sie wählen nachweislich d i e Blüte, die Nektar enthält.

Zwischen verschiedenen Pflanzenarten gibt es große Unterschiede darin, wie schnell die Blüte wieder mit Nektar befüllt wird: Borretschblüten brauchen dafür nur zwei Minuten, während Beinwellblüten 40 Minuten brauchen und Hornklee 24 Stunden. Hummeln wissen und erkennen das und können dadurch effizienter Nektar sammeln.

Es gibt auch Hummeln, die schummeln: Wenn der Saugrüssel zu kurz ist, um einen tiefkelchig verborgenen Nektarvorrat zu erreichen, beißt die Hummel seitlich ein Loch in die Blüte und begeht den sogenannten „Nektarraub“.

Hummeln sind nicht kaltblütig, sondern sie haben eine durchschnittliche Körper- temperatur von 35° C und verfügen über eine sehr komplexe Art der Wärmeregulierung, und ihr Pelz dient tatsächlich der Wärmeisolierung.

Der Autor zieht interessante Parallelen zwischen der evolutionären Entwicklung von Bienen und Hummeln aus vegetarischen Abkömmlingen von Wespen und menschlichen Vegetariern und Veganern. Letztere nutzen zur Deckung ihres Proteinbedarfs bevorzugt Hülsenfrüchte (Leguminosen), deren Blüten wiederum besonders proteinreiche Pollen enthalten, die von Bienen und Hummeln bevorzugt gesammelt und an die Brut verfüttert werden.

Hummelköniginnen halten bis zu sieben Monate Winterschlaf. Wenn sie im Frühjahr aus ihrem unterirdischen Schlafplatz hervorkrabbeln, sind sie ausgehungert, und wenn nicht genug Nektarpflanzen zur Verfügung stehen, haben sie ein lebensbedrohliches Problem. Wenn man in dieser Jahreszeit eine erschöpfte Hummel auf dem Boden kriechen sieht, kann man sie mit verdünntem Honig füttern und stärken.

Honig mit etwas Wasser verdünnt, sollte man auf einem kleinen Löffel oder Kronkorken möglichst so anbieten, daß die Hummel nicht in die Flüssigkeit plumpst, sondern nur ihren Saugrüssel eintunken und sich stärken kann.

Dave Goulson gibt sein Wissen und seine Begeisterung in einem heiteren, kompakt-informativen Tonfall wieder. Er ERZÄHLT lebendig und engagiert von der akribischen Hummelerforschung, dem jährlichen Lebenszyklus der Hummel, ihren „Familienverhältnissen“ und von natürlichen und unnatürlichen Feinden der Hummel sowie von ihrem bemerkenswerten Orientierungssinn.

Voller Bewunderung für die erstaunlichen Fähigkeiten der Hummeln und voll demütiger Dankbarkeit für die unermeßliche ökologische Dienst- leistung, die diese Geschöpfe für die menschliche Ernährung erbringen, setzt der Autor sich dafür ein, neue Lebensräume für Hummeln zu schaffen.

„Naturschutz sollte man nicht einfach anderen überlassen.“ (Seite 294), meint Dave Goulson und regt jeden dazu an, einen Beitrag zu leisten und im eigenen Garten und auf Balkon oder Terrasse hummelfreundliche Nektarpflanzen (Aklelei, Beinwell, Fingerhut, Lavendel, Lupinen, Natternkopf, Stockrosen, Skabiosen…) sowie klassische Kräuter (Oregano, Rosmarin, Salbei, Schnittlauch, Thymian …) zu kultivieren.

„Und sie fliegt doch“ ist ein höchst wissenswertes, lehrreiches Buch von ansteckender Faszination und inspirierender Naturverbundenheit.

„Wenn wir heute lernen, wie man eine Hummel rettet, können wir morgen vielleicht die Welt retten!“
(Seite 311)

 

PS:
Bücher können Leben retten: Wenige Stunden nachdem ich das vorliegende Buch ausgelesen hatte (Anfang Mai), fand ich eine geschwächte Hummel auf meiner Türschwelle und wußte, was ich zu tun hatte, um ihr zu helfen. Ich verdünnte in einem Teelöffel etwas Honig mit Wasser, ließ die ermattete Hummel auf meine Hand krabbeln und hielt ihr den Löffeln so hin, daß sie ihren Saugrüssel eintunken konnte. Entzückt beobachtete ich, wie sie aus dem Rüssel eine sehr bewegliche winzige Zunge ausfuhr und offensichtlich trank und nach einer Weile gestärkt von dannen flog.

Der Autor:

»Dave Goulson ist Hummelforscher und einer von Englands bekanntesten Naturschützern. Er ist der Gründer des Bumblebee Conservation Trust. 2013 gewann er den Marsh Prize for Conservation Biology der Zoological Society of London. Sein Sunday Times Bestseller „A Sting in the Tale“ stand auf der Shortlist des Samuel Johnson Prize, des renommiertesten Sachbuchpreises Großbritanniens.«    www.sussex.ac.uk/lifesci/goulsonlab

 

QUERVERWEIS:

Hier gibt es noch eine sehr informative, naturschützliche und umfängliche Webseite zum Thema Bienen, Hornissen, Hummeln und Wespen:
https://beekarma.wordpress.com

Und hier findet sich noch ein sehr empathischer Bienenroman: Laline Paull: Die Bienen
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Und natürlichDie Geschichte der Bienenvon Maja Lunde:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/09/07/die-geschichte-der-bienen/

 

 

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/