Alles fühlt, Neuausgabe

  • Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften
  • von Andreas Weber
  • mit einem Vorwort von Michael Succow
  • thinkOya Verlag, Neuausgabe September 2014   www.think-oya.de
  • Klappenbroschur
  • 260 Seiten
  • Format: 22,7 x 16,7 cm
  • 24,90 €
  • ISBN 978-3-927369-86-3
    9783927369863.jpg Alles fühlt, Neuausgabe

LEBENSWEISE   LEBENSKREISE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist mir eine große Freude, daß dieses poetische Biologiebuch in einer schön gestalteten, aktualisierten Neuausgabe bei think-Oya wieder erschienen ist, nun ergänzt durch ein eindringliches Vorwort von Michael Succow, dem renommierten Biologen, Naturschützer und Träger des Alternativen Nobelpreises.

Das Buch „Alles fühlt“ folgt dem roten Faden des Lebens, und es ist sehr hilfreich dabei, den Verirrungen lebensfeindlicher und naturzerstörerischer gesellschaftlicher Bedingungen nicht mehr zu folgen, sondern sich konsequent auf LEBENSWERTE neu zu besinnen.

Dabei gibt es ein neues, altes Land zu entdecken: Die LIEBE zum LEBEN, die LIEBE zur NATUR im umfassenden SINNE als Liebe zur natürlichen MITWELT und zu den MITGESCHÖPFEN sowie als Liebe zur innersten menschlichen Natur – kurz: Alles Leben und alle Lebensformen bilden eine tatsächliche, leibliche – und nicht bloß ideelle – EINHEIT in wechsel- wirksamer VERBUNDENHEIT. „Alles fühlt“ ist eine höchst lebensdienliche Lektüre!

» Durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weltinnenraum.
Die Vögel fliegen still durch uns hindurch.
O, der ich wachsen
will, ich seh‘ hinaus, und in mir wächst der Baum. «
Rilke

Dieses Rilke-Zitat faßt die Kernaussage von „Alles fühlt“ wunderbar zusammen; Leser, die mehr wissen wollen, bekommen in Andreas Webers Buch eine Fülle an neuen und revolutionären Forschungsergebnissen und Entdeckungen aus Biologie, Biosemiotik, Genetik, Neurologie, Ökologie und Physik geboten. Die besondere Qualität dieses naturwissenschaftlichen Sachbuches besteht in der bewußt persönlich-gefühlvollen Darstellung.

Andreas Weber zeigt uns das ganzheitliche Miteinandersein von Mensch und Natur, er erinnert uns an unsere lebenswichtige Verbundenheit mit dem schöpferischen und vielfältigen Reichtum der Natur. Am Anfang des Lebens steht hier nicht das Wort, sondern der fühlende Körper, der darum bemüht ist, sein Leben zu entfalten und zu erhalten.

Jeder Leib ist bereits Sprache.“

Und dieser Leib existiert nicht in individueller Getrenntheit, sondern in und mit komplexen Symbiosen und Kooperationen, die bereits auf der Zellebene anfangen und sich bis in ganze Ökosysteme erstrecken.

An den Fäden eines einzelnen Lebens hängen immer die ganze Welt und ihre unzähligen Interessen.“

Wir sind absolut angewiesen auf die Natur in uns und um uns herum: Ohne Darm- bakterien müßten wir verhungern, ebenso ohne die unermeßliche Bestäubungsleistung der Bienen, wir atmen ein, was die Pflanzen ausatmen, und über die materiellen Stoffwechselkreisläufe hinaus brauchen wir für unser gesundes Selbstverständnis und Wahrnehmungsvermögen die Spiegelung anderer Lebewesen.

„Wir sind nicht nur Teil der Natur, sondern sie ist Teil von uns. Um uns ganz selbst zu verstehen, müssen wir uns selbst in anderen Lebewesen wiedererkennen. Widerspiegelung ist ein zentrales Element der menschlichen Identität: Ein Neugeborenes erfährt sich nur dann vollständig, wenn es sich mit seiner Bezugsperson identifizieren kann. Mit dem Schwinden der Natur droht uns damit eine ganz besondere Gefahr: der Verlust der Liebe.“

Descartes‘ „Ich denke also bin ich“ wird gründlich abgelöst durch ein „Ich fühle also bin ich.“ Dieses Lebensgefühl gilt gleichermaßen für Blaualgen und Pantoffeltierchen, für Eichhörnchen und Bäume und für jede einzelne Zelle, die uns unseren menschlichen Körper erst ermöglicht, sowie für unsere leibseelische Identität als Mensch.

„In der Welt der Lebewesen, aus der wir als eine Art unter vielen hervorgegangen sind, ist es die Möglichkeit dieser Liebe, die uns erst Menschlichkeit gibt. Das Schwinden der Tiere ist für uns darum nicht nur ein äußerer Verlust -… Mit den Tieren nehmen wir vielmehr Abschied von Möglichkeiten zu fühlen.“

Der Autor beschreibt eine Lebenswirklichkeit, die nicht aus einer abstrakten Ideenwelt kommt, sondern die in Hand und Fuß, Flosse und Pfote, Blatt und Blüte wurzelt. Das Innenleben der Geschöpfe ist Bestandteil ihrer Gestaltwerdung – so wird Unsichtbares sichtbar, greifbar, hörbar und, da wir die Erfahrung verletzlicher Körperlichkeit mit allen Wesen teilen, auch mitfühlbar. Das bedeutet, daß die moderne Biologie das poetische Naturverständnis von Dichtern wie Goethe, Novalis und Rilke bestätigt.

„Alles fühlt“ ist ein Buch, das von großer Liebe zum Leben und tiefer Fürsorge für die Natur spricht. Andreas Weber liegt sein Thema am Herzen, und seine Natur- beschreibungen sind voller Poesie.

Die dargestellten Erkenntnisse und Zusammenhänge ermöglichen die Wahrnehmung einer seelenvolleren Lebenswelt – ja, sie „reanimieren“ unsere Verbundenheit mit der Natur.

Überdies verfügt das kluge Buch über ein Glossar, das die naturwissenschaftlichen und philosophischen Fachbegriffe zusätzlich erklärt. Und es gibt eine  –  für diese Neuaus- gabe aktualisierte und um zahlreiche Bücher ergänzte  – Liste mit Empfehlungen für weiterführende Literatur mit informativen, kurzen Zusammenfassungen.

Alles in allem ein Buch, das Wissen mit Weisheit verbindet und einen wertvollen Beitrag leistet zu einem wahrhaft naturverbundenen und demütigen menschlichen Selbstverständnis.

Im Vorwort zu „Alles fühlt“ schreibt Michael Succow:

Der schmale, sich verengende Gratweg zwischen Verändern und Zerstören kann nur in einer Gesellschaft gelingen, die sich mit ihrem Wirtschaften in den Naturhaushalt einfügt und die sich in ihrer Ethik als Teil der Natur empfindet. Üben wir uns im Erhalten, üben wir uns im Haushalten, üben wir uns im Maßhalten, gewähren wir der Natur Raum, geben wir ihr Zeit – um ihrer und unserer eigenen Zukunft willen!“
(Seite 12/13)

Und nun, liebe Leserinnen und Leser, geben  Sie  sich Zeit für die Lektüre von „Alles fühlt“.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: https://www.think-oya.de/buch/alles-fuehlt.html

Der Autor:

»Andreas Weber, geboren 1967, studierte Biologie und Philosophie und promovierte bei Hartmut Böhme und Francicso Varela. Er zählt zu den Pionieren einer neuen Wissenschaft des Lebendigen.
Als freier Publizist schreibt er regelmäßig Beiträge für Magazine und Zeitschriften wie Geo, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Greenpeace Magazin, National Geographic, Mare und Oya. 2010 erhielt er den Deutschen Reporterpreis. «
www.autor-andreas-weber.de

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren Buches von Andreas Weber, das ebenfalls im Verlag think-Oya erschienen ist „Minima animalia“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/12/minima-animalia/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

 

Herr Eichhorn und der Mond

  • Bilderbuch
  • Text und Illustration von Sebastian Meschenmoser
  • Esslinger Verlag 2007   http://www.thienemann-esslinger.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Querformat 17 x 22 cm
  • 48 Seiten
  • ISBN 978-3-480-22231-5
  • 9,95 € (D), 10.30 € (A), 14,90 sFr.
  • ab 4 Jahren
    Herr Eichhorn und der Mond

M O N D T H E A T E R

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Herr-Eichhorn-Bilderbücher von Sebastian Meschenmoser bieten überaus ansprechendes, köstlich-augenzwinkerndes Bilderbuchtheater für kleine und für große Leser bzw. Vorleser. „Herr Eichhorn und der Mond“ ist der erste Band einer Reihe von fünf Bilderbüchern mit dem putzigen Herrn Eichhorn, der von seinem Illustrator in einer – zum Niederknien – drolligen und zugleich natürlichen Art und Weise dargestellt wird.

Ein großer gelber Käseleib rutscht von einem Lieferwagen herunter und rollt die Alm hinab. Er „fliegt“ über einen Felsvorsprung und landet im darunterliegenden Wald – ausgerechnet auf einem Ast vor Herrn Eichhorns Baumhöhle. Herr Eichhorn schaut verschlafen auf das große runde Gelb und denkt, es sei der Mond.

Seine Verwunderung über den ungebetenen Mondbesuch wandelt sich in Sorge, daß man ihn des Monddiebstahls verdächtigen könnte, und schon malt sich Herr Eichhorn in düsteren Farben aus, wie er unschuldig im Gefängnis hockt und den schönen Mond nur noch durch Gitterstäbe betrachten kann.

Da hilft nur eines: Er muß den Mond unauffällig loswerden. Herr Eichhorn strengt sich deshalb mächtig an, den Mond wegzurollen, und schließlich bricht der Ast unter dem Gewicht des Mondes durch, und der gelbe Störenfried folgt der Schwerkraft.

Doch der Käsemond landet nicht auf dem Boden, sondern auf dem Rücken eines Igels. Herr Eichhorn und der Igel mühen sich vergeblich ab, um den Mond vom Igel zu trennen. Dabei werden sie von einem Bock beobachtet, der kurzentschlossen mit seinen Hörnern den Mond aufspießt. Im darauffolgenden Bock-Mond-Igel-Eichhörnchen-Gewühle rennt der Bock vor einen Baum und bleibt mit den Hörnern im Baumstamm stecken. Nun stecken alle, außer Herrn Eichhorn, fest. Herr Eichhorn hält Nachtwache und fragt sich, ob man den Mond wohl wieder reparieren könne.

Nach einer Weile kommt eine Schar Mäuse, die den Mond weitgehend abnagen und somit Bock und Igel befreien. Während die Mäuse mit dicken Bäuchlein ein kollektives Verdauungsschläfchen halten, rauft sich Herr Eichhorn verzweifelt sein Fell. Vom vollen Mond ist nur noch ein sichelförmiges Randstück erhalten geblieben, und Herr Eichhorn sieht sich schon mit Bock, Igel und Mäuseschar in einer Gefängniszelle hocken, und durch die Gitterstäbe fällt kein Fünkchen Mondlicht mehr…

Doch mit vereinten Kräften gelingt es den beteiligten Tieren, den Mond wieder in den Himmel zu schleudern. Andächtig schauen sie sich den himmlischen Sichelmond an, und Herr Eichhorn ist ganz zuversichtlich, daß sich der Mond bald wieder runden wird.

Herr Eichhorn und die anderen Tiere werden von Sebastian Meschenmoser wunderbar naturbelassen und mit ausdrucksvollem Gestus und „sprechender“, gefühlvoller Mimik gezeichnet. Die Farbgebung seiner Bilder ist nicht farbenfroh, sondern sehr dezent. Die Hauptattraktion seiner Zeichnungen ist nicht Farbe, sondern der Eindruck der lebendigen Bewegung und Körperlichkeit der dargestellten Tiere. Sebastian Meschenmoser muß ein sehr feiner und genauer Naturbetrachter sein.

Die Doppelseiten, auf denen Herr Eichhorn sich und seine tierischen Genossen zusammen mit einem Menschen in einer Gefängniszelle eingeschlossen sieht, sind ganz in Schwarzweiß gehalten. Damit grenzt der Autor und Zeichner die Szenen, die nur in Herrn Eichhorns Vorstellung stattfinden, von den wirklichen Szenen in der freien Natur ab.

In Sebastian Meschenmosers Bilderbuch gibt es mehrere Perspektivebenen: der natürliche Lebensraum des Waldes, die Vorstellungen und Ideen von Herrn Eichhorn, und ganz am Rande bzw. in der Kulisse und als Requisitengeber erscheinen Menschen, die jedoch vollkommen ahnungslos bei den Abenteuern der Tiere mitwirken.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/herr-eichhorn-und-der-mond-isbn-978-3-522-45823-8/

 

Der Illustrator und Autor:

»Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte freie bildende Kunst in Mainz. Mit „Fliegen lernen“ hat er 2005 bei Esslinger seinen Erstling veröffentlicht. Dieses ganz besondere Buch hat in den Medien und in der Buchbranche viel Beachtung gefunden. Die Illustrationen daraus wurden auf der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna als eine der innovativsten Neuerscheinungen präsentiert. 2006 erschien mit „Herr Eichhorn und der Mond“ das zweite Buch von Sebastian Meschenmoser, das ebenfalls große Begeisterung auslöste und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007, Sparte Bilderbuch, nominiert wurde.«

 

Querverweis:

Hier entlang zur Besprechung des zweiten Bandes vom Herrn Eichhorn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/21/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee/
und zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/26/herr-eichhorn-weiss-den-weg-zum-gluck/
und zum vierten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/28/herr-eichhorn-und-der-besucher-vom-blauen-planeten/
und zum fünften Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/22/herr-eichhorn-und-der-koenig-des-waldes/

 

 

Was Pflanzen wissen

  • Wie sie sehen, riechen und sich erinnern
  • von Daniel Chamovitz
  • Aus dem Englischen von Christa Broermann
  • Hanser Verlag 2013            http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 206 Seiten, mit Illustrationen
  • 17,90 € (D), 18,40 € (A)
  • ISBN 978-3-446-43501-8
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SINN  UND  SINNLICHKEIT  IM  PFLANZENREICH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Als Trägerin des grünen Daumens und Liebhaberin fast aller Pflanzen (außer Begonien) habe ich das Buch „Was Pflanzen wissen“ mit wachsender Neugier verschlungen.

Daniel Chamovitz ist Biologe und Direktor des „Manna Center for Plant Biosciences“ an der Universität von Tel Aviv. Der Autor verknüpft in jedem Kapitel geschickt historische Forschung mit moderner Forschung, und er stellt stets die menschliche Körperlichkeit der pflanzlichen Körperlichkeit gegenüber. Dieser Vergleich macht die sehr komplexen Darstellungen anschaulich und faszinierend.

Wir erfahren, daß Pflanzen auf genetischer Ebene komplexer sind als viele Tiere, doch sie verfügen weder über ein Gehirn noch über ein zentrales Nervensystem. Dennoch haben Pflanzen die Fähigkeit der Eigenwahrnehmung (Propriozeption), und sie können sehen, riechen, fühlen und sich erinnern.

Daß sich Pflanzen dem Licht zuwenden (Phototropismus), hat wohl jeder schon – auch ohne Forschungs- und Laborbedingungen – beobachten können. Die Wissenschaft bestätigt in der Tat, daß Pflanzen sehen können, nicht in Bildern, wie wir Menschen sehen, sondern sie erkennen Licht und Farben (darunter Farben wie ultraviolettes Licht, die wir nicht sehen können), werten sie aus und lenken ihr Wachstum entsprechend.

Für eine Pflanze ist Licht zugleich ein Signal sowie lebenswichtige Nahrung (Photosynthese); mit Hilfe ihrer Photorezeptoren kann sie ihr Wachstum präzise an die Lichtverhältnisse anpassen. Menschen sehen mit Hilfe ihrer Photorezeptoren vom Gehirn erstellte Bilder, die interpretiert werden und auf die reagiert wird.

Pflanzen und Menschen haben auch einen gemeinsamen Rezeptor für blaues Licht: Cryptochrom. Die innere Uhr bzw. der circadiane 24-Stunden-Rhythmus, der für unsere Körpervorgänge bestimmend ist, wird durch die Wahrnehmung blauen Tageslichtes reguliert und gegebenenfalls korrigiert. So erkennen auch Pflanzen Tag-Nacht-Zyklen und wechselnde Jahreszeiten.

Pflanzen duften nicht nur, sie können auch selber riechen. Ich kannte den Haushaltstipp, zwecks Reifungsnachhilfe einen Apfel neben unreife Bananen zu legen. Der Autor beschreibt die familiär überlieferte Empfehlung, eine reife Banane mit einer unreifen Avocado in eine Papiertüte zu stecken, um die Avocado schneller weich, also reif zu bekommen.

Der „Zaubertrick“ dabei heißt Ethylen, ein Reifungsgas, das von reifenden Früchten in die Umgebung abgegeben wird und dadurch die Reifung ihrer unmittelbaren Nachbarn anregt, aber auch über größere Distanzen wirkt. Blütendüfte umwerben bestäubende Insekten, und Fruchtdüfte locken tierische und menschliche „Freßfreunde“ an, die durch den Verzehr und Weitertransport die Samen in den Früchten in einem größeren Radius verteilen.

Inzwischen haben Forscher herausgefunden, daß Pflanzen bei Raupenfraß an ihren Blättern Pheremone an die Luft abgeben und somit ihre Nachbarblätter und auch Nachbarpflanzen dazu anregen, den Phenol- und Tanningehalt in den Blättern zu erhöhen, was den gefräßigen Raupen den Geschmack verdirbt und das Raupenwachstum hemmt.

Am Beispiel des Teufelszwirns (Cuscuta pentagona), einer parasitären Pflanze, die Tomatenpflanzen anzapft, konnte nachgewiesen werden, daß der Teufelszwirn stets in Richtung der bevorzugten Wirtspflanze wächst, selbst wenn nur ein „Tomatenduftwasser“ angeboten wurde. Der Teufelszwirn erriecht nicht nur seine unwiderstehliche Lieblingsspeise, er wendet sich z.B. auch von Weizenpflanzen ab, die eine chemische Substanz enthalten, die er nicht „mag“.

Alle Pflanzen können bei Bedarf durch die Bildung von Salicylsäure ihr Immunsystem stärken und sich gegen bakterielle und virale Infektionen wehren. Infizierte Blätter senden ein Gas namens Methylsalicylat aus, das die befallene Pflanze zur Bildung von Saliclysäure animiert. Nachdem der wasserlösliche Botschafter Salicylsäure über die pflanzeninternen Leitbündel die ganze Pflanze über einen bakteriellen Angriff informiert hat, reagieren die gesunden Pflanzenteile darauf, indem sie um den infizierten Bereich eine Blockade aus abgestorbenen Zellen (ein lokal begrenzter Zellenselbstmord zur Selbstverteidigung des Pflanzenganzen) bilden, die eine Ausbreitung der Infektion verhindert.

Menschen nutzen übrigens bereits seit der Antike die Salicylsäure aus Weidenrinden zur Fiebersenkung und Schmerzlinderung.

Über einen Hörsinn verfügen – laut gegenwärtigem Wissenschaftsstand – Pflanzen nicht. Es lassen sich sogar Taubheitsgene in Pflanzen finden. Vermutlich ist die Hörfähigkeit für eine im Erdboden fest verwurzelte Lebensform, die nur über sehr langsame Bewegungsabläufe verfügt, nicht überlebenswichtig.

Der Autor nutzt diese Gelegenheit, sich ein wenig lustig zu machen über die Versuche, Pflanzen einen bestimmten, angeblich wachstumsförderlichen Musikgeschmack zu unterstellen. Er meint, daß diese Experimente mehr etwas über den Musikgeschmack der menschlichen Wissenschaftler aussagen, als über WIRKliche akustische Resonanzen.

Bei der Propriozeption geht es sowohl bei Pflanzen wie bei Menschen um die Eigenwahrnehmung. Dank dieses inneren Sinns wissen wir, wo sich unsere verschiedenen Körperteile im Verhältnis zueinander befinden, ohne dass wir hinschauen müssen“. „Propriozeption umfasst nicht nur unseren Gleichgewichtssinn, sondern auch die koordinierte Bewegung- “ (Seite 117)

Mit Hilfe von Otolithen (Ohrsteine), die auf die Schwerkraft reagieren, wissen wir, wie unsere räumliche Position gelagert ist. Wir Menschen haben Gravirezeptoren im Innenohr, und Pflanzen haben Gravirezeptoren verteilt in Wurzeln und Stängeln, die Statolithen heißen.

Die Entwicklung der Raumfahrt ermöglichte Experimente zur Bedeutung der Schwerkraft für die räumliche Orientierung von Pflanzen. In Schwerelosigkeit zeigten Pflanzen keine gravitropische Krümmung, sie konnten also nicht mehr spüren, wo oben oder unten ist.

Auch die Circumnutation (der „Spiraltanz“, den Pflanzen vollziehen – in je nach Art unterschiedlich großem Radius und unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Bewegungsmustern) steht in Zusammenhang mit der durch das Pflanzenwachstum bedingten Verlagerung der Gravirezeptoren und bringt die Pflanze ins Gleichgewicht.

Daniel Chamovitz geht in einem weiteren Kapitel auf den Tastsinn ein und beschreibt spannende Forschungsergebnisse zur Berührungssensibilität von Venusfliegenfallen und Mimosen.

Im letzten Kapitel holt er aus der aktuellen Forschungsvorratskammer Erkenntnisse über das Erinnerungsvermögen von Pflanzen. Ich lasse jetzt einmal die epigenetischen und biochemischen Ausführlichkeiten weg und beschränke mich darauf, daß wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, daß Pflanzen – ähnlich dem menschlichen Immungedächtnis – ein „prozedurales Gedächtnis, also ein Gedächtnis dafür, wie man etwas macht(Seite 164), haben.

Bemerkenswert fand ich allerdings, daß Pflanzen typisch menschliche Glutamatrezeptoren besitzen, obwohl sie kein Gehirn haben.

Die Lektüre von „Was Pflanzen wissen“ bereichert den Leser mit interessanten Informationen über das Innenleben von Pflanzen und ihre Wahrnehmungsbesonderheiten.

Sehr sympathisch finde ich den betonten Hinweis des Autors, daß wir völlig auf Pflanzen angewiesen sind: Sie schenken uns nicht nur Nahrungs- Genuß- und Heilmittel, sondern liefern auch den materiellen Grundstoff für unzählige alltägliche Dinge.

Ein Rundgang durch meine Wohnung und ein Blick auf die Kleidung, die ich trage genügt und ich finde Buchen (Bücherregale), Eichen (antikes Küchenbufett und Eßtisch), Nußbäume (Stühle), Leinöl (Linoleumbodenbelag), Bambus (diverse Obstkörbe), Kork (Untersetzer), Zirbelkiefer (Schneidbrett), Baumwolle, Leinen, Kautschuk und Papier.

Und unsichtbar und unentbehrlich: Sauerstoff. Was, wenn die gesamte Pflanzenwelt in einen kleinen Photosynthesestreik treten würde?

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/was-pflanzen-wissen/978-3-446-43501-8/

PS:
In diversen Fußnoten weist der Autor – jeweils passend zum beschriebenen Thema – auf Webseiten hin, die Zeitraffer-Filme von Pflanzen zeigen. Das sind sehr sehenswerte und beeindruckende Ergänzungen zum Text.

 

Wo ist Thursday Next?

  • Thursday Next, Band 6
  • von Jasper Fforde
  • Übersetzung ins Deutsche Joachim Stern
  • dtv Verlag Juli 2013    http://www.dtv.de
  • 978-3-423-21453-7
  • 396 Seiten
  • 10,95 €
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LESEN  ODER  GELESEN WERDEN,  DAS  IST  HIER  DIE  FRAGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nachdem mich Herr Fforde nach den ersten 5 Thursday Next-Bänden lange, lange, lange und lesesehnsüchtig auf Ungewißheitspünktchen … hat sitzen lassen, kann ich mich nun endlich dem 6. Band widmen.

Wer die ersten 5 Bände noch nicht kennt, sollte zunächst meine diesbezügliche Besprechung vom Mai 2013 lesen, https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/ sonst versteht man hier nämlich nur Buchstabensalat.

Die Frage, wo Thursday Next ist, begleitet uns als roter Faden durch den 6. Band. Die echte Thursday Next ist verschwunden, und – soviel darf ich wohl verraten –  bis Seite 385 bleibt sie auch verschwunden. Doch bis Seite 385 ist es noch ein langer, aufregender und skurriler Leseweg mit vielen Verfolgungsjagden, dramatischen Ungewißheiten und Verwirrspielchen.

Der Kosmos der Thursday-Next-Reihe besteht aus einer Realwelt und einer Buchwelt. Dazwischen gibt es Schnittstellen und wechselseitige Beeinflussungen, z.B. „Feedback-schleifen“, die dazu führen, daß die äußere Erscheinung aller Figuren in der Buchwelt von der Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser beeinflußt wird. „Harry Potter war auch stinksauer, weil er den Rest seines Lebens wie Daniel Radcliffe aussehen mußte.“
(Seite 81)

Auch die Auswirkungen von eBooks auf die Arbeitsbedingungen der Buchwelt sind nicht zu unterschätzen, genauso wenig wie die Macht des „Snooze-Knopfes“, den die Darsteller in den Büchern gelegentlich als Notbremse drücken, wenn sie von zu vielen Lesern gleichzeitig gelesen werden. Jetzt wissen wir endlich, woran es liegt, daß wir bei manchen Lektüren plötzlich einschlafen!

Im 6. Band haben sich die Buchweltbedingungen etwas verändert. Der „Gattungsrat“ hat entschieden, die Buchwelt nach dem Vorbild der realen Welt geografisch zu ordnen. Während früher der Mikrokosmos jeden Buches im „Inter-Buch-Nichts“ schwebte, gibt es jetzt Landschaften zwischen den Büchern, und die verschiedenen Literaturgattungen schwimmen als Inseln im Meer.

Die Thursday-Next-Romane „wohnen“ am „spekulativen Ende der Fantasy“, in direkter Nachbarschaft zum „Eiland der Literaturkritik“. Ach ja – und die neue Buchwelt bevöl- kert die Innenseite einer Kugel. Wie das funktioniert, können Sie auf den Seiten 21 – 22 bitte selbst nachlesen.

Die geschriebene Thursday bekommt einen dubiosen Hinweis, daß ihr Vorbild aus der realen Welt vermißt wird. Wegen schwindsüchtiger Leserzahlen deutlich unterbe- schäftigt, beginnt sie mit halblegalen Nachforschungen. Unterstützt wird sie dabei von einem Roboter-Butler, namens Sprockett, dessen mimikloses Porzellangesicht durch einen Augenbrauenzeiger mit Gefühlswortskala belebt wird.

Außerdem drohen die Feindseligkeiten zwischen den Gattungen „Scharfe Romane“, „FemLit“ und „Religiöses Dogma“ zu eskalieren. Das offizielle Buchwelt-Presseorgan „The Word“ berichtet, daß die echte Thursday am kommenden Freitag als diplomatische Vermittlerin zu den Friedensverhandlungen erwartet wird.

Die fiktionale Thursday scheut keine Mühen und Opfer, um die echte Thursday aufzu- spüren, dabei setzt sie sich zwischen alle bürokratischen Stühle, wird von heftigen Selbstzweifeln geplagt und muß mehrfach buchstäblich ihr eigenes Leben verteidigen.

Sehr amüsant sind die Kapitel, in denen die geschriebene Thursday einen geheimen Erkundungsausflug in die reale Welt unternimmt und von Agent Square, einem zweidimensionalen Wesen aus Flatland, darin angeleitet wird, mit der ungewohnten Körperlichkeit der wirklichen Welt zurechtzukommen. Echte Atemzüge und die Fortbewegung unter Schwerkraftbedingungen erfordern einige wortwörtliche Übungsschritte und Koordinationsberechnungen. »„Zweifüßiges Gehen ist ständig gehemmtes Fallen“, sagte Square. «  (Seite 206)

Auf der Suche von Thursday nach Thursday wird fast die gesamte Buchlandschaft der Buchwelt durchquert, und jede Gattung bietet ihre spezifischen Überraschungen und literarischen Umgangsformen dar.

Nachdem die fiktionale Thursday die wirkliche Thursday aufgespürt und zur Lebens- rettung in „Gray’s Anatomie“ abgeliefert hat, kann sie sich zufrieden und, um einige echte Lebenserfahrungen reicher, wieder – ganz wie es im Buche steht – in die erzählerische Ordnung der Buchwelt einfügen.

Auch im 6. Band spickt Jasper Fforde die flotte Handlung mit literarisch einfallsreichen Anspielungsschnörkeln, Wort- und Gedankenspielen und witzigen Details, wie z.B. das „Komma-Kommissariat“, die „Metaphern-Krise“, das „Labyrinth der Verschwörungs- theorien“ und die „Achse der Unlesbarkeiten“ oder die Angst der „textbasierten Lebensformen“ vor Sprachstörungen: „Wenn man die Wortstellung vermurkst, versteht keiner Yoda außer die Sätze man hat.“ ( Seite 27)

Es ist auch reizvoll, dabei „zuzulesen“, wie Romanfiguren aus „Schuld und Sühne“ ihre umständlichen Namen und ihre komplexen Beziehungsverflechtungen miteinander durchdiskutieren, bevor sie sich wieder in ihren Roman „einleben“.

Mir hat die Lektüre viel Vergnügen bereitet, und so schließe ich meine Leseempfehlung mit einem Zitat von Thursday, die –  leicht abgewandelt – den stürmischen Shakespeare zitiert: „Oh, schöne neue Welt, die solche Bücher mit sich führt!“

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der DTV-Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/jasper-fforde-wo-ist-thursday-next-21453/

Hier entlang zu meiner gebündelten Besprechung der ersten fünf Thursday-Next-Bände:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/

 

DER AUTOR:

»Jasper Fforde ist Waliser(daher das markante doppelte F!) und wurde 1961 geboren. Seine Romane schrieb er 14 Jahre lang neben seiner Arbeit als Kameramann bei verschiedenen Filmproduktionen. Er ist einer der intelligentesten, witzigsten und hintergründigsten Autoren der Fantasy. Nach 76 Ablehnungen erschien im Jahre 2001 der erste Band der Abenteuer von Thursday Next. Inzwischen hat die Reihe weltweit Kultstatus erlangt, und Jasper Fforde wurde aufgrund seiner literarischen Verdienste zum zeitweiligen Ehren-Bürgermeister von Swindon ernannt.«  http://www.jasperfforde.com

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

Alles fühlt

  • Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften
  • von Andreas Weber
  • Berlin Verlag 2008                                           http://www.berlinverlage.de
  • 340 Seiten,  9,90 €
  • 978-3-8333-0423-1
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DIE   WELT  ALS   LEBEWESEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine sehr bereichernde Lektüre, die mir zutiefst aus der Seele  gesprochen hat!

„Durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weltinnenraum.
Die Vögel fliegen still durch uns hindurch.
O, der ich wachsen will, ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.“   Rilke

Dieses Rilke-Zitat faßt die Kernaussage von „Alles fühlt“  wunderbar zusammen, doch Leser, die mehr wissen wollen, bekommen in Andreas Webers Buch eine Fülle an neuen und revolutionären Forschungsergebnissen und Entdeckungen aus Biologie, Biosemiotik, Genetik, Neurologie, Ökologie und Physik geboten. Die besondere Qualität dieses naturwissenschaftlichen Sachbuches besteht in der bewußt gefühlvollen Darstellung.

In seiner Einleitung  schreibt Andreas Weber: „Ich schildere Natur nicht als Objekt der Forschung, sondern als Ort der Erfahrung… Ich nehme den Leser mit in die Natur, und diese Reise ist zugleich eine Expedition in die Denkweise der modernen Biologie. Ich verknüpfe die Schilderung meiner Begegnungen mit Tieren und Pflanzen mit Analyse, Hintergrundsreflexion und Erfahrungsbericht und erzähle so Wissenschaft anhand von Erlebnissen.

Andreas Weber zeigt uns das ganzheitliche Miteinandersein von Mensch und Natur, er erinnert uns an unsere lebenswichtige Verbundenheit mit dem schöpferischen und vielfältigen Reichtum der Natur.

Am Anfang des Lebens steht hier nicht das Wort, sondern der fühlende Körper, der darum bemüht ist, sein Leben zu entfalten und zu erhalten. „Jeder Leib ist bereits Sprache.“

Und dieser Leib existiert nicht in individueller Getrenntheit, sondern in und mit komplexen Symbiosen und Kooperationen, die bereits auf der Zellebene anfangen und sich bis in ganze Ökosysteme erstrecken. An den Fäden eines einzelnen Lebens hängen immer die ganze Welt und ihre unzähligen Interessen.“ Wir sind absolut angewiesen auf die Natur in uns und um uns herum: Ohne Darmbakterien müßten wir verhungern, ebenso ohne die unermeßliche Bestäubungsleistung der Bienen, wir atmen ein, was die Pflanzen ausatmen, und über die materiellen Stoffwechselkreisläufe hinaus  brauchen wir für unser gesundes Selbstverständnis und Wahrnehmungsvermögen die Spiegelung anderer Lebewesen.

„Wir sind nicht nur Teil der Natur, sondern sie ist Teil von uns. Um uns ganz selbst zu verstehen, müssen wir uns selbst in anderen Lebewesen wiedererkennen. Widerspiegelung ist ein zentrales Element der menschlichen Identität: Ein Neugeborenes erfährt sich nur dann vollständig, wenn es sich mit seiner Bezugsperson identifizieren kann. Mit dem Schwinden der Natur droht uns damit eine ganz besondere Gefahr: der Verlust der Liebe.“

Descartes‘ „Ich denke also bin ich“ wird gründlich abgelöst durch ein „Ich fühle also bin ich.“ Dieses Lebensgefühl gilt gleichermaßen für Blaualgen und Pantoffeltierchen, für Eichhörnchen und Bäume und für jede einzelne Zelle, die uns unseren menschlichen Körper erst ermöglicht, sowie für unsere leibseelische Identität als Mensch.

„In der Welt der Lebewesen, aus der wir als eine Art unter vielen hervorgegangen sind, ist es die Möglichkeit dieser Liebe, die uns erst Menschlichkeit gibt. Das Schwinden der Tiere ist für uns darum nicht nur ein äußerer Verlust -… Mit den Tieren nehmen wir vielmehr Abschied von Möglichkeiten zu fühlen.“

Der Autor beschreibt eine Lebenswirklichkeit, die nicht aus einer abstrakten Ideenwelt kommt, sondern die in Hand und Fuß, Flosse und Pfote, Blatt und Blüte wurzelt. Das Innenleben der Geschöpfe ist Bestandteil ihrer Gestaltwerdung – so wird Unsichtbares sichtbar, greifbar, hörbar und, da wir die Erfahrung verletzlicher Körperlichkeit mit allen Wesen teilen, auch mitfühlbar. Das bedeutet, daß die moderne Biologie das poetische Naturverständnis von Dichtern wie Goethe, Novalis und Rilke bestätigt.

„Alles fühlt“ ist ein Buch, das von großer Liebe zum Leben und tiefer Fürsorge für die Natur spricht. Andreas Weber liegt sein Thema am Herzen, und seine Naturbeschreibungen sind voller Poesie.

Die dargestellten Erkenntnisse und Zusammenhänge  ermöglichen die Wahrnehmung einer seelenvolleren Lebenswelt – ja, sie „reanimieren“ unsere Verbundenheit mit der Natur.

Überdies verfügt das kluge Buch über ein Glossar, das die naturwissenschaftlichen und philosophischen Fachbegriffe zusätzlich erklärt. Und es gibt eine Liste mit Empfehlungen für weiterführende Literatur, mit informativen, kurzen Zusammenfassungen.

Alles in allem ein Buch, das Wissen mit Weisheit verbindet und einen wertvollen Beitrag leistet zu  einem wahrhaft naturverbundenen und demütigen menschlichen Selbstverständnis.

Das letzte Wort überlasse ich nun gerne noch einmal Andreas Weber:

„Wir sollten auf die Melodien der Tiere zählen. Sie sind das zentrale Symbol für jene unsagbaren Wege des Empfindens. Sie sind der Ton des Lebens selbst. Gerade das macht die Stimmen der anderen kostbar…In der Stimme der Wesen singt sich die Welt…Aber die messende, zählende Wissenschaft, welche die Welt als gigantischen Mechanismus begreift, ist allzu lange mit leeren Händen zurückgekehrt. Jetzt endlich stellt sie fest: Orpheus‘ Stimme ist immer schon da gewesen. Sie ertönt in den Rufen der Tiere wie eine endlose Variation über das Thema am Leben zu sein. Ihre Wellen durcheilen unseren Körper und finden ein Echo in ihm. Wir haben daran teil.

Es ist dies die unaussprechliche Überlegenheit der Tiere: ganz zu sein in jedem ihrer Augenblicke. Darin können sie uns Leben schenken, wir aber bleiben für immer in ihrer Schuld.“

 

Der Autor:

»Andreas Weber, geboren 1967, studierte Biologie und Philosophie in Berlin, Freiburg, Hamburg und Paris und promovierte bei Hartmut Böhme und Francisco Varela über Natur als Bedeutung. Als freier Publizist schreibt er regelmäßig Beiträge für Geo, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Greenpeace Magazin, National Geographic, mare und Oya.«

Im Berlin Verlag erschienen 2007 „Alles fühlt“ und „Biokapital“ (2008),
bei Ullstein „Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur“ (2011)

PS:
Und hier geht es zu meiner Besprechung der Neuausgabe von „Alles fühlt“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/