Ein ganz besonderes Jahr

  • Roman
  • von Thomas Montasser
  • Thiele Verlag   September 2014  www.thiele-verlag.com
  • 192 Seiten
  • Format 11,5 x 18,5 cm
  • gebunden mit Schutzumschlag & LESEBÄNDCHEN
  • 18,- € (D), 18,50 € (A), 25,90 sFr
  • ISBN 978-3-85179-305-5
    Ein ganz besonderes Jahr

DER  BÜCHER  BLÜTENSTAUB

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hier geht es um die Liebe zu Büchern, die Verführungskraft von Geschich- ten, die Berührung durch Poesie, die Zauberkraft von Sprache, um schicksalhafte Wendungen, rätselhafte Fügungen, zwischenmenschlich-einflußreiche Buchhändler, phantasievolle Spielräume und nicht zuletzt um den roten Faden der Liebe im allgemeinen und im besonderen.

Mit „Ein ganz besonderes Jahr“ betreten wir den Schauplatz einer kleinen, schönen altmodischen Buchhandlung, deren bescheidene räumliche Ausdehnung in inspirierendem Kontrast zur geistigen Weite und Weltläufigkeit der dort verborgenen literarischen Schätze und Horizonte steht.

Die Inhaberin, die fast achtzigjährige Charlotte, ist einfach verschwunden und hat lediglich einen Zettel hinterlassen mit der Anweisung, ihre Nichte Valerie möge „sich umalles kümmern“. (Seite 13)

Valerie besitzt einen frischen Abschluß in Betriebswirtschaft und hat bereits viele Bewerbungen an erfolgreiche Unternehmen verschickt. Doch sie stellt sich dieser – ihren bisherigen beruflichen Plänen widersprechenden – Herausforderung. Ein wenig widerwillig schließt sie nun die Türe der Buchhandlung „Ringelnatz & Co“ auf und beginnt mit einer systematischen betriebswirtschaftlichen Bestandsaufnahme. Dabei läßt sie auch angenehme Erinnerungen an die in ihrer Kindheit dort glücklich verbrachten Lesezeiten und die fast ein halbes Jahrhundert währende Lebensgeschichte der Buchhandlung Revue passieren.

Nach Valeries desillusionierender Auswertung des handschriftlich geführten Kassen- buches braucht sie erst einmal eine Teepause und setzt Tante Charlottes Samowar in Gang.

Während sie darauf wartet, daß das Wasser kocht, beginnt sie mit der Lektüre eines Romans und merkt erst 248 Seiten später, daß der Samowar gemütlich vor sich hin köchelt und daß sie sich kein bißchen gelangweilt hat. Ja, bereits an dieser Stelle dürfen wir uns der berechtigten Hoffnung hingeben, daß Valerie sich nach und nach, von Lek- türe zu Lektüre und von Buch zu Buch in eine veritable Buchhändlerin verwandeln wird.

Valerie entdeckt bei der Durchsicht von Tante Charlottes ordentlichen Ordnern wunderschöne Dankesbriefe von buchbeglückten Kunden, die bezeugen wie sehr die Lektüre eines Buches Einfluß auf das wirkliche Leben nehmen kann.

Schritt für Schritt arbeitet sich Valerie in die – ohne Computerunterstützung – funktionierende Buch- und Bestellkärtchensystematik von Tante Charlotte ein. En passant kommt auf diesem Wege auch Tante Charlotte zu Wort – mit ihren dort hinterlassenen Notizen, Bewertungen, Charakterisierungen und Empfehlungs- argumenten zu bestimmten Werken.

Valerie geht gewissermaßen in die Lehre bei ihrer abwesenden Tante und den anwesenden Büchern. Der anregende kommunikative Austausch mit einigen ganz besonderen Kunden eröffnet ihr zudem zusätzliche, bereichernde Leseperspektiven und Buchbetrachtungsweisen.

Im Lagerbestand von „Ringelnatz & Co“ entdeckt Valerie ein Buch, dessen Geschichte sie ganz persönlich anspricht, doch dieser Roman mit dem Titel „Ein ganz besonderes Jahr“ verliert sich nach wenigen beschriebenen Seiten in einen Buchblock voll unbeschrie- bener Blätter – offenbar (oder scheinbar?) ein Fehldruck. Ihre Recherche nach Autor und Verlag verläuft im Sande, und so legt sie das Buch in eine Schachtel mit vorläufig noch unentschiedenem Papierkram.

Eines Tages betritt ein sehr attraktiver, elegant-kultivierter Kunde die Bühne der Buch- handlung, der genau diesen unvollständigen Roman schon lange sucht. Andächtig liest er den ersten Satz („Der Wetterumschwung hatte sich durch nichts angekündigt.“) leise vor und fragt nach dem Preis des Buches. Valerie schenkt es ihm spontan. Der junge Mann bedankt und verabschiedet sich, und Valerie schaut ihm nach, während wir – als aufmerksame Leser – schon Amors Flügelschlagen, oder zumindest Amors Pfeilchenjustierung zu hören vermeinen.

Valerie wächst zu ihrer eigenen Überraschung in ihre Buchhändlerinnenrolle hinein, der Blütenstaub der Bücher befruchtet ihren Geist, der Frühling folgt dem Sommer, Valerie stellt einen Stuhl und ein Tischchen auf den Bürgersteig vor „ihrer“ Buchhandlung und trinkt dort ihren Tee. Zwischen Teeblättergenuß und vielseitigem Büchergeblätter lernt sie ihre Nachbarn kennen und verfeinert ihr buchberaterisch-zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl.

Gänzlich unerwartet, aber keineswegs unerwünscht, erhält Valerie einen zauberhaften Brief, nebst einem wohlgewählten Buchgeschenk, von jenem sympathischen jungen Mann, dem sie „Ein ganz besonderes Jahr“ geschenkt hat. Das Echo von Valeries Herz- klopfen ist zwischen den Zeilen nicht zu überhören, doch leider hat der Absender keine Adresse und nur eine unleserliche Unterschrift hinterlassen…

Indes habe ich hier schon mehr als genug ausgeplaudert und werde nur noch andeuten, daß Bücher auch Fahrkarten sein können …

Thomas Montassers „Ein ganz besonderes Jahr“ ist ein feines, buchlieb- haberisches Buch, mit erlesenen Leseappetitanregungen auf literarischem Niveau. Formulierungsflirtend lockt uns der Autor auf alte und neue Lese- wege, streut hier und da ein passendes Zitatblütenblatt als literarische Duftnote auf den Weg und fügt diesen Bücherreigen charmant-changierend in den Handlungsverlauf des eigenen Buches ein.

Neben der sprachlich-inhaltlichen Würdigung zahlreicher Werke der Weltliteratur gibt der Autor auch dem Druck- und Buchbindekunsthandwerk sowie der haptischen Qualität der Buchgestaltung die gebührende Ehre und Anerkennung – getreu dem Motto eines Stammkunden von „Ringelnatz & Co“, der sehr treffend bemerkt: Ein Buch ist weit mehr als die Summe seiner Buchstaben! (Seite 94)

So schließt sich der Lesekreis, denn auch das vorliegende Buch ist von liebevoll-sorg- fältiger Ausstattung: eine satte, leseangenehme Typographie auf chamoisfarbenem Papier, 1950er-Jahre Schreibmaschinentastatur-INITIALEN zu jedem Kapitelanfang und Vorsatzblatt- und Schutzumschlagmotive, die schön mit dem Romaninhalt korres- pondieren, sowie ein grünes Stofflesebändchen.

Zum Abschluß noch ein verführerisches Zitatblütenblatt als Leseeinladung:

„Ein Buch zu entdecken, das bedeutet, sich frei über die Notwendigkeiten des Alltags zu erheben und auch das eigene Leben für die Dauer der Lektüre aus dem Hier und Jetzt zu pflücken, um es an einen anderen Ort zu verpflanzen.“ (Seite 147)

 

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.thiele-verlag.com/buch/ein-ganz-besonderes-jahr

 

PS:
Mein besonderer Dank gebührt der erfreulichen Tatsache, daß Thomas Montasser nicht nur ein Herz für Bücher, sondern auch ein Herz für Buchhändler hat. Als „alte“ Buchhändlerin, die sich von Jahr zu Jahr mehr als Mitglied einer vom Aussterben bedrohten Berufsspezies fühlt, ist es tröstlich, ein solch freundlich-emphatisches und liebkosendes Lob echter buchhändlerischer Qualitäten zu lesen.


Querverweis:

Und hier gibt es einen weiteren lesenswerten Roman von Thomas Montasser:
Monsieur Jean und sein Gespür für Glück
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/07/monsieur-jean-und-sein-gespuer-fuer-glueck/

 

Der Autor:

»Thomas Montasser arbeitete als Journalist und Universitäts-Dozent und war Leiter einer kleinen Theatertruppe. Er schrieb große Epochenromane (Die verbotenen Gärten), unter dem Pseudonym Fortunato auch Kinderbücher (Zauber der Wünsche). Als Vater von drei Kindern lebt er mit seiner Familie in München. Er ist Literaturagent und kennt nichts Schöneres, als in kleinen Buchhandlungen zu stöbern. Mit Ein ganz besonderes Jahr hat er sich seinen Traum erfüllt, endlich ein Buch über die Macht der Geschichten und über ihren Zauber zu verwirklichen.«

 

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Annabel und Anton

  • Tür an Tür in Haus Nr. 9
  • von Sigrid Zeevaert
  • Illustrationen von Eva Muszynski
  • Gerstenberg Verlag  Januar 2015   www.gerstenberg-verlag.de
  • 128 Seiten
  • Format: 16 x 21,5 cm
  • gebunden
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 18,60 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5848-6
  • ab 7 Jahren zum Selbsterlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
    Anabel und Anton

K L O P F Z E I C H E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Einfühlsam und authentisch beschreibt die Autorin Sigrid Zeevart im ersten Kapitel, wie Annabel sich von ihrer Familie ungerecht behandelt fühlt, weil sie immer die einzige ist, die ihr Zimmer aufräumen muß. Außerdem hätte sie viel lieber ein Pony oder ein Pferd und KEINE zwei kleinen Brüder. Nachdem sie ausgiebig ihren Kater, die Möbel, den Teddy und ihre Puppe ausgeschimpft und immer noch nicht genug Wut abgeleitet hat, schleicht sie sich heimlich aus der Wohnung und wandert nach Afrika aus – allerdings nicht ganz, zuvor will sie doch noch einmal auf den nahegelegenen Spielplatz gehen und schaukeln.

Nachdem sie eine zukünftige berufliche Karriere als Schaukelprüferin in Erwägung gezogen und sich danach leider beim Abspringen von der Schaukel einen Fuß und ein Knie leicht verletzt hat, verschiebt sie ihre Reise nach Afrika vorläufig und humpelt wieder nach Hause. Die Welt ist zwar ungerecht zu Annabel, aber die mütterlichen Pfannkuchen schmecken trotzdem vorzüglich.

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

Am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder etwas rosiger aus, Annabel hat ein paar brüderfreie Frühstücksminütchen mit ihrer Mutter, und in die leere Wohnung von nebenan ist eine neue Familie mit einem Kind eingezogen. Daß dieses Kind ausge- rechnet ein Junge in ihrem Alter ist, findet Annabel jedoch wieder ungerecht – schließlich hat sie mit ihren kleinen Brüdern genug Jungs, die sie nur ärgern.

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

Zunächst freut sie sich jedoch auf den Abend, denn da kommt Lena, um auf die Kinder aufzupassen, während Annabelas Eltern ins Konzert gehen. Annabel bewundert Lena und stellt sich vor, später auch als Babysitterin zu arbeiten. Doch diesmal hat Lena schlimmen Liebeskummer und schläft weinend auf dem Sofa ein. Vorbildlich lieb und leise spielen Annabel und ihre Brüder Mensch-ärgere-dich-nicht – bis sich doch einer ärgert und das Spielbrett vom Tisch fliegt und eine Bodenvase anstößt, die daraufhin mit großem Getöse zu Bruch geht.

Nun sind alle wach und alle weinen. Zum Glück klingelt die neue Nachbarin besorgt und hilft Lena, die Scherben zusammenzufegen und die Kinder zu beruhigen.

Annabels Eltern verlangen am folgenden Tag von ihren Kindern eine originelle und – wie ich finde – sehr empfehlenswerte Art und Weise der Wiedergutmachung: Was, wenn sich jedervoneuch etwas einfallen lässt, womit er anderen eine Freude macht?“ ( Seite 43)

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

Die Kinder sind begeistert, und Annabel beschließt, den Hund eines alten, schwer- hörigen Nachbarn auszuführen und Anton zu fragen, ob er vielleicht mitkommen mag. Dann kann sie ihm auch gleich die nähere Umgebung zeigen und erklären, denn schließlich kennt er sich ja noch nicht aus. Anton nimmt Annabels Kontaktangebot freundlich an. Sie besichtigen den Spielplatz und die örtliche Bäckerei. Danach hilft Annabel Anton beim Auspacken der Umzugskartons. Schließlich schenkt Anton ihr auch noch einen glitzernden Stein, den er einmal in einer Höhle gefunden hat. Von Stund‘ an ist dieser Stein für Annabel ein ganz besonderer Wunschstein…

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

Die wachsende Verbundenheit mit Anton tut Annabel gut, sie kann über so manche Ungerechtigkeit hinwegsehen und fühlt sich besser wahrgenommen. Die beiden können einträchtig den Kopf schütteln über Lenas Liebeskummer und Wiederverliebung, sie finden den entlaufenen, schwerhörigen Hund des alten, schwerhörigen Nachbarn wieder, sie schmieden Weltreisepläne, und sie erkunden gemeinsam die geheimen Schätze des Dachbodens. Sie gehen zusammen zur Schule, und abends vorm Einschlafen geben sie sich heimlich Klopfzeichen von Wand zu Wand. Ein bißchen Herzklopfen ist auch mit dabei – doch das ist nur eine Nebenwirkung des Glücks.

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015Bei diesem Kinderbuch wird man als erwachsener Leser ganz wunderbar in die kindliche Perspektive versetzt, und als Kind fühlt man sich gewiß wunderbar verstanden und erkannt. Die erzählerische Inszenierung der kindlichen Weltsicht, der Gefühle und Gedanken ist hervorragend gelungen. Die Ausdrucksweise ist glaubwürdig und anrührend sowie zum Schmunzeln, nimmt jedoch – bei aller Heiterkeit – die kindlichen Bedürfnisse ernst.

Die quirligen Zeichnungen von Eva Muszynksi mit ihrem gefühlsbetonten mimischen Ausdruck spiegeln die psychologische Dramaturgie dieser Freundschaftsgeschichte überaus stimmig wider.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836958486&highlight

 

Annabel und Anton-Nudeln

Illustration von Eva Muszynski © Gerstenberg Verlag 2015

 

Die Autorin:

»Sigrid Zeevaert, geboren 1960, lebt mit ihrer Familie in Aachen. Schon während des Lehramtsstudiums begann sie mit dem Schreiben. Ihr erstes Buch (Max, mein Bruder) entstand als Teil der Abschlussprüfungen. Weitere Bücher folgten, und so führte sie ihr Weg statt in die Schule in die schriftstellerische Selbstständigkeit. Neben zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern, die in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet wurden, entstanden Texte für den Hörfunk, für Anthologien, ein Drehbuch und mehrere Kindertheaterstücke. Für ihr Gesamtwerk erhielt sie den Friedrich-Bödecker-Preis. Bei Gerstenberg ist von ihr erschienen: Liebe, liebe Fanni.«  www.sigridzeevaert.de

Die Illustratorin:

»Eva Muszynski wurde 1962 in Berlin geboren und studierte Grafikdesign an der Hochschule der Künste Berlin. Früher zeichnete sie Comics für Erwachsene, seit 1997 illustriert sie Kinderbücher, zu denen sie auch eigene Geschichten schreibt. Bei Gerstenberg ist von ihr erschienen: Gilberts grausiges Getier

 

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Anna und Anna

  • von Charlotte Inden
  • Carl Hanser Verlag,  Juli 2013                         http://www.hanser-literaturverlag.de
  • 174 Seiten, gebunden 12,90 €
  • ISBN  978-3-446-24172-5
  • Taschenbuchausgabe  dtv Februar 2015           http://www.dtv.de
  • 7,95 € (D), 8,20 € (A)
  • ISBN 978-3-423-62597-5
  • ab 12 Jahren
    Inden_24172_MR1.indd

H E R Z E N S B I L D U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Anna und Anna“ von Charlotte Inden ist eine ausgesprochen entdeckenswerte Ausnahmeerscheinung auf dem gegenwärtigen Jugendbuchmarkt.

Ein Jugendbuch in Form eines Briefromans zu schreiben finde ich gewagt, aber in diesem Falle sehr gelungen. Die Gefühlsausdruckspalette geht weit über das belanglose E-Mail- oder SMS-minimalistische „hi, smile, grins“ hinaus und beschenkt uns mit solch schönen Wortschöpfungen wie: weihnachtswunschlosglücklich (Seite 144)

Oma und Enkelin tragen den gleichenVornamen, und sie haben ein wirklich inniges und vertrauensvolles Verhältnis zueinander. Oma Anna und Enkelin Anna schreiben sich wechselseitig Briefe, in denen sie sich sehr ehrlich und gefühlvoll berichten, was sie betrifft und bewegt.

Die junge Anna ist zum ersten Mal verliebt – in ihren Kindheitsfreund Jan, und die alte Anna ist zum letzten Mal verliebt – in  Henri. Beide Annas schreiben außerdem Briefe, die nie abgeschickt werden, die also mehr wie eine Tagebucheintragung oder ein gefühlsordnendes Selbstgespräch erscheinen.

Wir nehmen bei der Enkelin Anna teil an Liebesunsicherheiten und an der rührend-verletzlichen Aufregung über das Gelingen des ersten Kusses, aber auch an der Fürsorge und Anhänglichkeit gegenüber der Oma. Bei Oma Anna sind die Herzensangelegenheiten lebenserfahrungsbedingt zwar abgeklärter, gleichwohl hat auch sie viel Herzklopfen auszuhalten, zumal Henri sie zu einer abenteuerlichen Weltumsegelung einlädt.

Der abwechselnd alte und junge Blick auf die Geschehnisse ist sehr einfühlsam und glaubwürdig.

In diesem Jugendbuch geht es um das Lieben und Lassen, Binden und Lösen, Blühen, Reifen, Fruchten und Welken, Weinen und Lachen, zu denen das Leben uns alle immer wieder herausfordert. Selten habe ich ein Buch gelesen, das diese Themen in einer solch leisen und leichten, ja: in der Schwebe des Lebendigen gehaltenen Sprache wiedergibt.

Charlotte Inden vermittelt anschaulich, daß Briefe etwas ganz Wertvolles sind, besonders wenn sie so schön lebendig und wahrhaftig geschrieben werden wie in diesem Liebes-Briefroman.

Und nach der Lektüre solcher Briefe lassen sich hoffentlich einige (junge und alte) Leser dazu anregen und inspirieren, selbst  zur Feder zu greifen und ihren Empfindungen und Erfahrungen Wortgestalt zu geben.

 

PS:
Die Gestaltung des Titelbildes ist auffällig unauffällig und spiegelt bei aufmerksamer Betrachtung sehr präzise die Buchstruktur. Ein cremeweißer Hintergrund, der an altmodisches Briefpapier erinnert, wird von tintenblauen Linien durchzogen, die in Schreibschrift Titel und Autorin benennen und  kleine Wellenkräusel und ein Segelboot andeuten. Parallel zu den blauen Linien laufen rote Linien, die sozusagen den roten Faden illustrieren, der auf der Buchvorderseite von einem kleinen Herzen gekrönt wird und auf der Buchrückseite in einen Anker ausläuft.

 

Die Autorin:

»Charlotte Inden, geboren 1979, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Film- und Fernsehwissenschaften in Marburg, London und Straßburg. Sie lebt mit ihrem Mann in Karlsruhe, arbeitet als Redakteurin bei einer Tageszeitung und hat eine Botschaft an die Welt:
Schreibt mehr Briefe!«

Dem kann ich nur zustimmen!

Pandemonium

  • (chaos, wirrnis, tumult)
  • Band 2 der AMOR-Trilogie
  • von Lauren Oliver
  • Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
  • Carlsen Verlag 2012                      http://www.carlsen.de
  • 978-3-551-58284-3
  • 349 Seiten, 17,90 €
  • ab 14  Jahren
    9783551582843.jpg pandemonium

LIEBESWUND

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine kurze Rückblende zur Erinnerung an Band 1 ( „Delirium“ ):  Für die restriktive, diktatorische Gesellschaft, in der Lena lebt, ist die Liebe Staatsfeind Nummer 1. Liebe wird als Krankheit definiert, und diese Krankheit trägt den Namen „Deliria“ . Spätestens im Alter von 18 Jahren wird daher jeder durch einen neurologischen  Eingriff gegen „Deliria“ immunisiert. Für die sogenannten noch „ungeheilten“  Kinder und Jugendlichen herrscht strikte Geschlechtertrennung, um einem möglichen Aufkeimen der „Deliria“  keine Gelegenheit zu geben.

Dieser eingezäunten, zwanghaft gefühlskontrollierten städtischen Gesellschaft steht die Wildnis gegenüber. Dort leben die Menschen, die vor der Gesellschaft geflohen sind, weil sie sich ihr Gefühlsleben nicht verbieten und zurechtstutzen lassen wollen. Für die Gesellschaft gelten die Bewohner der Wildnis als „Invalide“.

Die Wilden wollen nicht nur anders leben, sie leisten auch aktiven Widerstand gegen die Gesellschaft. Sie sind Rebellen, organisieren Sabotageakte und verfügen über ein ausgeklügeltes Netzwerk von Sympathisanten sowie über sehr kreative Kommunikatons-  und Versorgungskanäle. Die Gesellschaft ist also bei weitem nicht so gleichgeschaltet und konform, wie sie sich gerne in der Öffentlichkeit darstellt.

Nachdem im ersten Band „Delirium“ das Liebespaar, Lena und Alex, auf der Flucht in die Wildnis äußerst gewaltsam getrennt worden ist und wir nicht wissen, ob Alex überhaupt noch unter den Lebenden weilt, beschreibt der zweite Band „Pandemonium“ fast ausschließlich Lenas weiteren „verwilderten“ Weg.

Lena irrt hilflos und verletzt durch die Wildnis und wird von Raven gefunden und zu einem der geheimen Stützpunkte der Rebellen getragen und dort gesund gepflegt. Der Stützpunkt befindet sich in den Kellergewölben einer  alten Kirche. Es gibt keinen Strom, kein fließendendes Wasser, außer am Fluß, und das Nahrungsmittelangebot ist bescheiden. Nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten an die zwar freien und ungezwungenen, aber deutlich unbequemeren Lebensbedingungen fügt sie sich recht gut in ihre neue Wahlfamilie ein.

Ihr persönlicher Verlust schmerzt sie zutiefst, aber sie lernt von ihren Gefährten und Gefährtinnen, die Vergangenheit so still wie möglich ruhenzulassen und sich um das Überleben in der Gegenwart zu kümmern. Um mehr Abstand zur ihren jeweiligen alten Biographien zu bekommen, geben sich die meisten Einwohner der Wildnis sogar ganz neue Namen, und sie reden nur sehr selten und sparsam über ihre zurückgelassene Identität. Jeder, der in die Wildnis geflohen ist, hat mit einem sehr radikalen Schnitt sein altes Leben zurückgelassen. Alle haben an ihren ungeweinten Tränen und abschiedslosen Abschieden schwer zu tragen, dennoch oder gerade deshalb wollen sie für die Freiheit der Liebe kämpfen.

Außer den Rebellen und den Gesellschaftskonformen gibt es noch eine dritte Gruppierung, die Schmarotzer: ein anarchistischer, brutaler, krimineller Haufen, der keine neue Gesellschaftsordnung anstrebt, sondern nur den eigenen Vorteil und das eigene Überleben berücksichtigt. Da Solidaritätsprinzipien nicht zu ihren Vorlieben gehören, sind sie jedoch nicht so gut organisiert wie die Rebellen.

Zusammen  mit Raven und  ihrem Gefährten Tack  wird Lena von einem Rebellenstützpunkt in der Nähe von NY aus unter einer Tarnidentität wieder in die zivilisierte Gesellschaft eingeschleust.

Als Agentin des Widerstandes hat Lena den Auftrag, die „VDFA Vereinigung für ein Deliria-freies Amerika“  zu beobachten. Deren Gründer, Thomas Fineman, geht sogar noch einen Schritt weiter als die Regierung, denn er propagiert einen früheren Termin für den neurologischen Eingriff, der die Menschheit vor der Ansteckung durch „Deliria“ schützen soll. Für das Wohl der Mehrheit will er die Minderheit einfach opfern, die durch einen zeitlich vorgezogenen Einsatz des Heilmittels in Lebensgefahr geriete. Die alte Schallplatte vom Überleben der Besten, Gesündesten und Stärksten wird eifrig wiedergekäut.

Fineman ist sogar bereit, seinen eigenen Sohn, Julien, zu opfern. Julien Fineman hat seit seiner Kindheit schon mehrere Tumoroperationen überlebt, deshalb ist gerade für ihn der „Heilmitteleingriff“ ein großes Risiko.

Lena besucht eine öffentliche Versammlung, bei der Fineman seine übliche Propaganda abspult und zu einer Großkundgebung aufruft. Danach hält auch sein Sohn Julien eine mitreißende Rede und kündigt an, sich im Anschluß an die Kundgebung freudig seiner Heilungs-OP  hinzugeben –  als historischer Wegweiser zur Gesundheit der Gesellschaft.

Am Tag der Großdemonstration der VDFA ist es Lenas Aufgabe, Julien zu beschatten. Kaum hat die Kundgebung begonnen, da wimmelt es plötzlich von Schmarotzern. Julien und seine Leibwächter verschwinden in einem nahegelegenen stillgelegten U-Bahntunnel. Lena verfolgt Julien und wird schließlich mit ihm zusammen entführt und eingekerkert.

Die beiden Jugendlichen kommen sich zwangsläufig näher, und obwohl sie eigentlich Feinde füreinander sind, finden sich beide  –  zunächst heimlich und uneingestanden  –  sympathisch. Während der gefährlichen gemeinsamen Flucht und wechselseitigen Lebensrettungen keimt in Lenas Herzen eine neue Liebe auf, und Julien erlebt überhaupt zum ersten Mal das Herzklopfen der „Deliria“.  Julien ist auch gar nicht so angepaßt, wie es anfangs schien; er hat heimlich viele verbotene Bücher gelesen und sehnt sich nach einer anderen Art zu leben.

Im weitverzweigten U-Bahn-Tunnelsystem werden Lena und Julien von einer weiteren ungeahnten „Spezies“ vor ihren Verfolgern gerettet. Diese wortwörtliche Subkultur von ausgesetzten, körperbehinderten oder anderweitig nicht der gesellschaftlichen Gesundheitsnorm entsprechenden Menschen lebt zurückgezogen im Untergrund und folgt ihren eigenen Gesetzen.

Doch der Weg in die Freiheit stellt die Frischverliebten noch vor harte Bewährungsproben, Solidaritätskonflikte und ungeahnte Verstrickungen, bis sie einander in die Arme sinken dürfen.

Und damit wir uns jetzt nicht  –  genüßlich seufzend   –  auf einem Happy End ausruhen und der Spannungsfaden auch schön reißfest gespannt bleibt, erscheint auf der vorläufig letzten Seite der Geschichte  –  na, wer wohl? Dreimal dürfen Sie raten:  Liebesdreiecksdrama, ick hör‘ dir trapsen…

Lauren Olivers Jugendbücher haben einen sympathisch aufklärerischen Zug, der sich darin zeigt, daß die Personen größere gesellschaftliche Zusammenhänge und ihre eigene Mitwirkung daran erkennen. Der Wunsch nach Veränderung oder einer Revolution der Verhältnisse beginnt zwar bei der persönlichen Erfahrung von Unterdrückung und Not, geht aber letztlich weit über das jeweilige Einzelschicksal hinaus.

Auch das Problem aller Revolutionen, für ein idealistisches Zukunftsziel Menschenleben zu riskieren und zu opfern, wird von der Autorin glaubwürdig dargestellt.

Lena durchschaut, daß die Bekämpfung eines Feindes (oder Feindbildes) fast zwangsläufig zu einer gegenseitigen Spiegelung rücksichtsloser und unmenschlicher Verhaltensmuster führt: Es besteht die Gefahr, sich selbst in das zu verwandeln, was man eigentlich bekämpfen will.

Besonders bemerkenswert ist, daß Lena die innere Stärke und Entschlossenheit entwickelt, sich nicht nur von der Normgesellschaft zu emanzipieren, sondern auch von manchen Ansprüchen und Entscheidungen der Rebellen.

„Pandemonium“ ist eine sehr lesenswerte, spannende Fortsetzung von „Delirium“ , und die weibliche Hauptfigur ist ein ausgesprochen mutiges, tapferes und liebesfähiges Mädchen, an dessen Schicksal man gerne und mitbebend Anteil nimmt .

Hier folgt der Link zu meiner Besprechung des ersten Bandes:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/03/delirium/

 

Die Autorin:

»Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Lauren Oliver lebt in Brooklyn.«