Mach die Biege, Fliege!

  • Text und Illustrationen von Kai Pannen
  • Tulipan Verlag Februar 2017  www.tulipan-verlag.de
  • 104 Seiten
  • Format: 24,5 x 17 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86429-339-9
  • ab 4 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen


HERAUSSPAZIERT!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Stubenfliege Bisy und Hausspinne Karl-Heinz leben seit dem letzten Weihnachtsfest in einträchtiger Wohngemeinschaft zusammen. Wie es zu dieser außergewöhnlichen Freundschaft kam, erfährt man aus dem ersten Band „Du spinnst wohl“ (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/27/du-spinnst-wohl/ ).

Es genügt zu wissen, daß Karl-Heinz Bisy zuliebe Vegetarier geworden ist und daß die Temperamente der beiden Freunde sehr unterschiedlich sind. Bisy ist quirlig, gesellig, vorwitzig, unternehmungslustig, hat ein flottes Mundwerk und kennt sich mit der Welt außerhalb des Hauses aus. Karl-Heinz ist einzelgängerisch, schüchtern, schwerfällig, vorsichtig, hat gerne seine ungestörte Ruhe und scheut Veränderungen.

Bisy wird nach den langen Wintermonaten frühjahrsmunter und sehnt sich nach mehr Aufregung und Spannung, aber Karl-Heinz hockt lieber gemütlich auf seinem Sofa und will sich von Bisy nicht zu neuen Abenteuern animieren lassen. Beide schmollen und fragen sich, ob sie auf Dauer noch zusammenpassen.

Der gnadenlos-gründliche Frühjahrsputz der Menschen zwingt die beiden zur Flucht nach draußen. Karl-Heinz reagiert zögerlich auf die Attacken von Staubwedel, Putzbürsten und Wischlappen und liest erst noch einmal in seinem „Haushaltsratgeber für Krabbeltiere“ nach, was es mit dem sogenannten Frühjahrsputz auf sich hat, und gibt sich der Illusion hin, noch ein sichereres Plätzchen im Hause zu finden.

Bisy drängt Karl-Heinz zur Eile und schwärmt ihm von der großen, weiten Welt des Gartens vor, von Freiheit, Frischluft und Pflanzenfülle. Erst als das Dröhnen des Staubsaugers immer näher kommt, rafft sich Karl-Heinz widerwillig auf und folgt Bisy zum Fenster und von dort aus in den Garten.

Auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen für ein neues Wohnnetz krabbelt der naturbanausige Karl-Heinz zum ersten Mal in seinem Leben durch Wiesengras, hört es überall rascheln und flüstern und wird von Bisy über die Lebensgefahr durch Vögel aufgeklärt. Das Wetter ist feuchtkalt und windig, und Karl-Heinzens Laune ist nicht sehr wetterfest.

Sie begegnen einer revierverteidigenden Wespenkönigin, hilfsbereiten Kellerasseln, einer Truppe preußischer Ameisensoldaten und einem Regenwurm, der das feuchte Wetter als ganz vorzüglich lobt und vor einer Aufheiterung des Wetters warnt.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Schließlich finden sie eine Buchenhecke, in deren Geäst Karl-Heinz ein unkonventionelles Netz knüpft. Die Regenwolken verziehen sich, und die Sonne scheint auf das neue Heim der ungleichen Freunde. Kaum haben sie sich „häuslich“ eingerichtet, da kreuzt eine griesgrämige Blattwanze auf und verlangt eine Baugenehmigung.

 

Bisy macht sich über das beamtische Gehabe lustig, und Karl-Heinz überlegt, ob er sich eine Ausnahme im vegetarischen Speiseplan erlauben könne – natürlich nur bei nervigen Mitinsekten, zumal Blattwanze doch ziemlich nach Gemüse klinge.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Während Bisy einen größeren Erkundungsausflug unternimmt und beinahe von einer Libelle gefangen wird, macht Karl-Heinz in der obersten Etage der Buchenhecke Bekanntschaft mit Constanze, einer molligen, kapriziösen Schmetterlingsraupendiva, die ihn „dicker Herr Spinnerich“ nennt.

Außerdem entdeckt Karl-Heinz in der näheren Umgebung den Bonbonmarkt der  Blattläuse. Sie fabrizieren aus süßen Pflanzensäften  Ahorndrops, Birkenlutscher, Efeuschlotzer, Fliederbonschen, Holunderpastillen, Kirschstangen, Ligusterheckenkamellen, Rosengutsle … So langsam findet Karl-Heinz das Leben in der Wildnis ganz attraktiv.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Er strickt für Bisy einen Wespenanzug, damit er keine Angst mehr vor Libellenangriffen haben muß, und  Bisy bastelt für Karl-Heinz ein Skateboard für seine körperliche Ertüchtigung.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Bisy organisiert heimlich eine Geburtstagsfeier für Karl-Heinz, es gibt heftigen Streit, ja, sogar Freundschaftsverrat wegen Constanze. Bisy zieht aus dem Netz aus und sucht vergeblich eine anderweitige Bleibe. Nach einigem Hin und Her und lehrreichen zwischeninsektischen Erfahrungen finden die beiden jedoch wieder zueinander.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Und das mit der Baugenehmigung klappt dann übrigens auch noch!

Sowohl zeichnerisch als auch sprachlich wartet „Mach die Biege, Fliege!“ mit einfühlsamen, farbenfröhlichen, phantasievollen und witzigen Details auf. Die 23 Einzelkapitel sind zwischen drei bis fünf Seiten lang und großzügig illustriert. Der Lesespaß dürfte somit für Vorlesenehmer, Vorlesegeber und Selbstleser garantiert sein.

Die Beziehungsdynamik zwischen den beiden schrägen Insektentypen speist sich aus ihren sehr unterschiedlichen Charakteren, ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit und den Reaktionen der Mitwelt auf ihre ungewöhnliche Verbindung. Vordergründig ist dies amüsant, skurril und oft situationskomisch. Zwischen den Zeilen enthält diese Geschichte indes gänzlich unaufdringlich eine Riesenportion beispielhafter Toleranzübung, kommunikativer Kompetenz und Herzensbildung.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.tulipan-verlag.de/Buecher/Kinderroman/Mach-die-Biege-Fliege.html?listtype=search&searchparam=biege
Und als Hörbuch gibt es den versponnenen Spaß (2 CDs zu 14,95 €)  auch noch:
http://www.headroom.info/neu-2-cds-mach-die-biege-fliege.html

 

Der Autor und Illustrator:

»Kai Pannen wurde am Niederrhein geboren. Er studierte Malerei und Film in Köln und arbeitet seitdem als Illustrator und Trickfilmer. In den letzten Jahren hat er zahlreiche Bücher für verschiedene Verlage illustriert. An der Animation School Hamburg war er Dozent für Animation und Storyboard. Daneben betätigt er sich als Produzent für animierte Kinder-Kurzfilme. Kai Pannen lebt mit seiner Familie in Hamburg.«
Mehr auf www.kaipannen.de.

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band mit Bisy und Karl-Heinz: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/27/du-spinnst-wohl/

Advertisements

Minima Animalia

  • Ein Stundenbuch der Natur
  • von Andreas Weber
  • mit einem Vorwort von Hildegard Kurt
  • im Oktober 2012 erschienen bei:
  • thinkOya, einem Imprint des Drachen Verlages        http://www.think-oya.de
  • 144 Seiten, Klappenbroschur, Fadenheftung
  •  ISBN 978-3-927369-68-9
  • 22,80 €

Weber_MinimaAnimalia

VOM   SCHNEEGLÖCKCHENGLÜCK

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit seinem Stundenbuch der Natur „Minima Animalia“ durchstreift Andreas Weber einen Jahreskreis, der dem natürlichen Kalender folgt: also beginnt das Jahr nicht mit dem ersten Januar, sondern mit dem Frühling  –  der wahren Zeit des Anfangs.

Andreas Weber läutet den Frühling mit einem Loblied auf die Schneeglöckchen ein. Zunächst schenkt er uns eine sinnliche, ja: liebkosende Beschreibung der anmutigen kleinen Blumen und in der „gedanklicheren“ Fortsetzung eine philosophische und biologische Reflexion über Wildnis und Zivilisation.

Wie bereits in seinem bekanntesten Buch „Alles fühlt“  (siehe meine Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/03/21/alles-fuhlt/  )
geht es dem Autoren darum, die Trennung zwischen Verstand und Gefühl, Subjekt und Objekt, Mensch und Natur als künstlich zu enttarnen und die dementsprechend fließenden Grenzen zwischen Innen und Außen zu illustrieren.

In seiner Einleitung zu „Minima Animalia“ schreibt er: „Eine Biologie als Wissenschaft des Mit-Fühlens zeigt: Das Poetische ist das stärkste Moment der Wirklichkeit. Die lebenden Wesen machen diesen Grundcharakter bloß sichtbar. Poiesis – die verkörperte Selbstherstellung des Organischen – ist eine Variante des grundlegend poetischen Charakters des Ganzen. Poesie eine andere. Die empirische Avantgarde der Biologie nähert sich dabei wieder einer alten Position an: Für Aristoteles bestand der Charakter des Lebendigen genau in seinem poietischen Charakter – diesseits der Spaltung in Sprache und Fleisch.“  (Seite 24)

Andreas Weber läßt sich von den Naturerscheinungen berühren und inspirieren und tastet Wort für Wort, Blütenblatt um Blütenblatt nach einer Sprache, welche die Freude, die Poesie und den Zauber des Lebendigen möglichst unmittelbar wiedergibt. Er bemüht sich um einen frisch-geschlüpften Blick in die Mitwelt und um eine Sprachgestaltung, die sinnlich- körperliche Erfahrungen und seelische Empfindungen evoziert.

„Alles sind poetische Bilder, es besteht einzig die Hürde, sie zu erkennen, und alle geben im Wahrgenommenwerden wieder einer neuen Poesie Raum. Alles ist Ausdruck, weil ich mitten darin bin.“  (Seite 68)

Der Autor verfügt über eine naturempfindsame, teilnehmende Wahrnehmung, die uns allen gegeben ist, aber nur von einigen gepflegt wird. Als wehmütiger Biograph des Lebens spricht er auch den zerstörerischen Einfluß des menschlichen Umganges mit der Natur an und stellt sich wahrheitstapfer der Sorge und dem Schmerz über die alltäglichen Verluste an lebendiger Vielfalt und regenerativem Gleichgewicht.

Zugleich erschreibtschafft er eine poetische NaturKUNDE, deren mitfühlende Spiegelung wesentlich, WIRKlich und lebensdienlich ist. Hier erlesen und erleben wir Lebensnähe statt Lebensferne und Lebensfülle statt Lebensleere.

Der Puls des GANZEN Lebens schlägt im Refugium dieser kurzen poetisch-verdichteten Textminiaturen und Meditationen. Sie umkreisen Begegnungen und Vorkommnisse in und mit der natürlichen Welt: Sonnenauf- und Untergänge, Bäume, Blumen, Gräser, Moose, Flechten, Vögel, Insekten, Eidechsen, Eichhörnchen, Steine, Kastanienfrüchte, Kinder, Gewässer, Fische, Steine, Wolken, Wind und Wetter, Sonne, Mond und Sterne und die Jahreszeitenstimmung kommen hier zu Wort  –  natürlich- kultürlich durch die Perspektive und die Sprachwerkzeuge eines menschlichen Wesens.

Ein Mensch ist als Lebewesen unter Lebewesen unterwegs und erfährt dabei eine zutiefst beglückende Lebensverbundenheit und Lebensfreude, ein Dasein im MITEINANDERSEIN. Mensch und Natur sind nicht getrennt, sondern Natur und Mensch sind ineinander enthalten, also gibt es kein Geschehen, das uns nicht alle MITEINANDER betrifft.

„Das Gefühl bleibt, dass die Wesen und Gestalten eigentlich vollkommen transparent sind, dass sich in ihrem So-Sein so deutlich ihr Wie-Sein enthüllt, in ihren Qualitäten ihre Qualität, dass alle ihre Rolle im Leben spielen und ich sie darin sehe – etwas von abgrundtiefer Solidarität.“ (Seite 104)

Andreas Weber sind Natur und Leben eine Herzensangelegenheit, und das sollten sie für uns alle sein.

 

Der Autor:

»Andreas Weber, geboren 1967, studierte Biologie und Philosophie in Berlin, Freiburg, Hamburg und Paris und promovierte bei Hartmut Böhme und Francisco Varela über Natur als Bedeutung. Als freier Publizist schreibt er regelmäßig Beiträge für Geo, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Greenpeace Magazin, National Geographic, mare und Oya.«

Im Berlin Verlag erschienen 2007: „Alles fühlt“ und 2008: „Biokapital“,
bei Ullstein „Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur“ (2011)

PS: (post scriptum = Nachschrift)

Nur eines finde ich schade – gerade bei einem Buch von solcher Sprachsensibilität – :
Die Textüberschriften sind auf lateinisch (Gattungsbezeichnungen, wie ich mir als Nichtlateinerin zwar durchaus zusammenreimen kann), und das kann auch gerne so sein; aber eine zusätzliche Übersetzung ins Deutsche (vielleicht in Klammern dahinter oder darunter gestellt oder ∗ fußnotig ∗ souffliert) fände ich entgegenkommend. Bei den gelegentlichen englischen und französischen Gedichten und Zitaten halte ich es sogar für unerläßlich.

Pandemonium

  • (chaos, wirrnis, tumult)
  • Band 2 der AMOR-Trilogie
  • von Lauren Oliver
  • Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
  • Carlsen Verlag 2012                      http://www.carlsen.de
  • 978-3-551-58284-3
  • 349 Seiten, 17,90 €
  • ab 14  Jahren
    9783551582843.jpg pandemonium

LIEBESWUND

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine kurze Rückblende zur Erinnerung an Band 1 ( „Delirium“ ):  Für die restriktive, diktatorische Gesellschaft, in der Lena lebt, ist die Liebe Staatsfeind Nummer 1. Liebe wird als Krankheit definiert, und diese Krankheit trägt den Namen „Deliria“ . Spätestens im Alter von 18 Jahren wird daher jeder durch einen neurologischen  Eingriff gegen „Deliria“ immunisiert. Für die sogenannten noch „ungeheilten“  Kinder und Jugendlichen herrscht strikte Geschlechtertrennung, um einem möglichen Aufkeimen der „Deliria“  keine Gelegenheit zu geben.

Dieser eingezäunten, zwanghaft gefühlskontrollierten städtischen Gesellschaft steht die Wildnis gegenüber. Dort leben die Menschen, die vor der Gesellschaft geflohen sind, weil sie sich ihr Gefühlsleben nicht verbieten und zurechtstutzen lassen wollen. Für die Gesellschaft gelten die Bewohner der Wildnis als „Invalide“.

Die Wilden wollen nicht nur anders leben, sie leisten auch aktiven Widerstand gegen die Gesellschaft. Sie sind Rebellen, organisieren Sabotageakte und verfügen über ein ausgeklügeltes Netzwerk von Sympathisanten sowie über sehr kreative Kommunikatons-  und Versorgungskanäle. Die Gesellschaft ist also bei weitem nicht so gleichgeschaltet und konform, wie sie sich gerne in der Öffentlichkeit darstellt.

Nachdem im ersten Band „Delirium“ das Liebespaar, Lena und Alex, auf der Flucht in die Wildnis äußerst gewaltsam getrennt worden ist und wir nicht wissen, ob Alex überhaupt noch unter den Lebenden weilt, beschreibt der zweite Band „Pandemonium“ fast ausschließlich Lenas weiteren „verwilderten“ Weg.

Lena irrt hilflos und verletzt durch die Wildnis und wird von Raven gefunden und zu einem der geheimen Stützpunkte der Rebellen getragen und dort gesund gepflegt. Der Stützpunkt befindet sich in den Kellergewölben einer  alten Kirche. Es gibt keinen Strom, kein fließendendes Wasser, außer am Fluß, und das Nahrungsmittelangebot ist bescheiden. Nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten an die zwar freien und ungezwungenen, aber deutlich unbequemeren Lebensbedingungen fügt sie sich recht gut in ihre neue Wahlfamilie ein.

Ihr persönlicher Verlust schmerzt sie zutiefst, aber sie lernt von ihren Gefährten und Gefährtinnen, die Vergangenheit so still wie möglich ruhenzulassen und sich um das Überleben in der Gegenwart zu kümmern. Um mehr Abstand zur ihren jeweiligen alten Biographien zu bekommen, geben sich die meisten Einwohner der Wildnis sogar ganz neue Namen, und sie reden nur sehr selten und sparsam über ihre zurückgelassene Identität. Jeder, der in die Wildnis geflohen ist, hat mit einem sehr radikalen Schnitt sein altes Leben zurückgelassen. Alle haben an ihren ungeweinten Tränen und abschiedslosen Abschieden schwer zu tragen, dennoch oder gerade deshalb wollen sie für die Freiheit der Liebe kämpfen.

Außer den Rebellen und den Gesellschaftskonformen gibt es noch eine dritte Gruppierung, die Schmarotzer: ein anarchistischer, brutaler, krimineller Haufen, der keine neue Gesellschaftsordnung anstrebt, sondern nur den eigenen Vorteil und das eigene Überleben berücksichtigt. Da Solidaritätsprinzipien nicht zu ihren Vorlieben gehören, sind sie jedoch nicht so gut organisiert wie die Rebellen.

Zusammen  mit Raven und  ihrem Gefährten Tack  wird Lena von einem Rebellenstützpunkt in der Nähe von NY aus unter einer Tarnidentität wieder in die zivilisierte Gesellschaft eingeschleust.

Als Agentin des Widerstandes hat Lena den Auftrag, die „VDFA Vereinigung für ein Deliria-freies Amerika“  zu beobachten. Deren Gründer, Thomas Fineman, geht sogar noch einen Schritt weiter als die Regierung, denn er propagiert einen früheren Termin für den neurologischen Eingriff, der die Menschheit vor der Ansteckung durch „Deliria“ schützen soll. Für das Wohl der Mehrheit will er die Minderheit einfach opfern, die durch einen zeitlich vorgezogenen Einsatz des Heilmittels in Lebensgefahr geriete. Die alte Schallplatte vom Überleben der Besten, Gesündesten und Stärksten wird eifrig wiedergekäut.

Fineman ist sogar bereit, seinen eigenen Sohn, Julien, zu opfern. Julien Fineman hat seit seiner Kindheit schon mehrere Tumoroperationen überlebt, deshalb ist gerade für ihn der „Heilmitteleingriff“ ein großes Risiko.

Lena besucht eine öffentliche Versammlung, bei der Fineman seine übliche Propaganda abspult und zu einer Großkundgebung aufruft. Danach hält auch sein Sohn Julien eine mitreißende Rede und kündigt an, sich im Anschluß an die Kundgebung freudig seiner Heilungs-OP  hinzugeben –  als historischer Wegweiser zur Gesundheit der Gesellschaft.

Am Tag der Großdemonstration der VDFA ist es Lenas Aufgabe, Julien zu beschatten. Kaum hat die Kundgebung begonnen, da wimmelt es plötzlich von Schmarotzern. Julien und seine Leibwächter verschwinden in einem nahegelegenen stillgelegten U-Bahntunnel. Lena verfolgt Julien und wird schließlich mit ihm zusammen entführt und eingekerkert.

Die beiden Jugendlichen kommen sich zwangsläufig näher, und obwohl sie eigentlich Feinde füreinander sind, finden sich beide  –  zunächst heimlich und uneingestanden  –  sympathisch. Während der gefährlichen gemeinsamen Flucht und wechselseitigen Lebensrettungen keimt in Lenas Herzen eine neue Liebe auf, und Julien erlebt überhaupt zum ersten Mal das Herzklopfen der „Deliria“.  Julien ist auch gar nicht so angepaßt, wie es anfangs schien; er hat heimlich viele verbotene Bücher gelesen und sehnt sich nach einer anderen Art zu leben.

Im weitverzweigten U-Bahn-Tunnelsystem werden Lena und Julien von einer weiteren ungeahnten „Spezies“ vor ihren Verfolgern gerettet. Diese wortwörtliche Subkultur von ausgesetzten, körperbehinderten oder anderweitig nicht der gesellschaftlichen Gesundheitsnorm entsprechenden Menschen lebt zurückgezogen im Untergrund und folgt ihren eigenen Gesetzen.

Doch der Weg in die Freiheit stellt die Frischverliebten noch vor harte Bewährungsproben, Solidaritätskonflikte und ungeahnte Verstrickungen, bis sie einander in die Arme sinken dürfen.

Und damit wir uns jetzt nicht  –  genüßlich seufzend   –  auf einem Happy End ausruhen und der Spannungsfaden auch schön reißfest gespannt bleibt, erscheint auf der vorläufig letzten Seite der Geschichte  –  na, wer wohl? Dreimal dürfen Sie raten:  Liebesdreiecksdrama, ick hör‘ dir trapsen…

Lauren Olivers Jugendbücher haben einen sympathisch aufklärerischen Zug, der sich darin zeigt, daß die Personen größere gesellschaftliche Zusammenhänge und ihre eigene Mitwirkung daran erkennen. Der Wunsch nach Veränderung oder einer Revolution der Verhältnisse beginnt zwar bei der persönlichen Erfahrung von Unterdrückung und Not, geht aber letztlich weit über das jeweilige Einzelschicksal hinaus.

Auch das Problem aller Revolutionen, für ein idealistisches Zukunftsziel Menschenleben zu riskieren und zu opfern, wird von der Autorin glaubwürdig dargestellt.

Lena durchschaut, daß die Bekämpfung eines Feindes (oder Feindbildes) fast zwangsläufig zu einer gegenseitigen Spiegelung rücksichtsloser und unmenschlicher Verhaltensmuster führt: Es besteht die Gefahr, sich selbst in das zu verwandeln, was man eigentlich bekämpfen will.

Besonders bemerkenswert ist, daß Lena die innere Stärke und Entschlossenheit entwickelt, sich nicht nur von der Normgesellschaft zu emanzipieren, sondern auch von manchen Ansprüchen und Entscheidungen der Rebellen.

„Pandemonium“ ist eine sehr lesenswerte, spannende Fortsetzung von „Delirium“ , und die weibliche Hauptfigur ist ein ausgesprochen mutiges, tapferes und liebesfähiges Mädchen, an dessen Schicksal man gerne und mitbebend Anteil nimmt .

Hier folgt der Link zu meiner Besprechung des ersten Bandes:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/03/delirium/

 

Die Autorin:

»Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Lauren Oliver lebt in Brooklyn.«

Delirium

  • (amor deliria nervosa)
  • Band 1 der AMOR-Trilogie
  • von Lauren Oliver
  • Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
  • Carlsen Verlag 2011                               http://www.carlsen.de
  • 978-3-551-58232-4
  • 409 Seiten, 18,90 €
  • Taschenbuchausgabe, März 2013
  • 978-3-551-31200-6
  • 8,99 €
  • ab 14 Jahren
    9783551582324

STAATSFEIND  NUMMER 1: LIEBE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Lena lebt in einer äußerst restriktiven Gesellschaft, in der Liebe als ansteckende und tödlich endende Krankheit definiert wird. Dementsprechend werden alle Menschen durch einen neurologischen Eingriff gegen diese die gesellschaftliche Stabilität und Volksgesundheit gefährdende Krankheit immunisiert.

Klassiker der Weltliteratur wie z. B. „Romeo und Julia“ sind schulische Pflichtlektüre im Fach Gesundheitslehre, um vor den Gefahren und tödlichen Folgen unkontrollierter Emotionen zu warnen. In den Schulen herrscht strikte Geschlechtertrennung, um einem Aufkeimen der Krankheit „ Amor deliria nervosa“ so wenig Gelegenheit wie nur möglich zu geben. Die neurologische Operation, die vor der Liebe schützen soll, kann frühestens mit achtzehn Jahren erfolgen, und somit gelten alle Kinder und Jugendlichen als Ungeheilte, die des besonderen Schutzes und der besonderen Kontrolle bedürfen.

Es gibt jedoch Menschen, bei denen der Eingriff nicht funktioniert und die nach wie vor ein lebendiges Gefühlsspektrum zur Verfügung haben. Wenn es ihnen nicht gelingt, ihre Gefühle zu verbergen, werden sie entweder erneut zwangsoperiert oder, in unheilbaren Fällen, in sogenannte Grüfte weggesperrt. So wurde Lenas Mutter von einer Patrouille dabei beobachtet, wie sie über einem Foto ihres verstorbenen Mannes weinte. Angeblich zog sie den Freitod der Gefangenschaft und Unterdrückung vor.

Das ist der Grund, warum Lenas sozialer Status besonders verletzlich ist, allein ihre Herkunft und genetische Mitgift machen sie verdächtig. Wäre Lena nicht von ihrer Tante aufgenommen worden, müßte sie in einem staatlichen Waisenhaus leben; für diese Rettung vor dem endgültigen sozialen Abstieg ist sie dankbar.

Die amerikanische Küstenstadt, in der Lena lebt, ist von einem bewachten hohen Elektrozaun umgeben, der die Stadt von der Wildnis abgrenzt. In dieser Wildnis leben noch Menschen, die nicht gegen Liebe bzw.  „Amor diliria nervosa“ immun sind und die das von der Gesellschaft verordnete  „Heilmittel“  ablehnen. Offenbar gab es vor der Errichtung des Schutzzaunes eine Massenflucht von Menschen, die der Liebe treu bleiben wollten. Diese „Wilden“ gelten als Staatsfeinde und werden abfällig als „Invalide“  bezeichnet.

Auch bei den „geheilten“  Mitgliedern der Gesellschaft gibt es noch „ Sympathisanten“ der Liebe. Wobei in der Bezeichnung Sympathisant eine unfreiwillige Selbstironie des liebesfeindlichen Systems liegt, denn die Vertreter und insbesondere die exekutiven Vertreter dieser Gesellschaftsordnung sind ausgesprochen unsympathisch und zeigen im harmlosesten Fall einfach keine Empathie und im schlimmsten Fall ausdrücklichen Sadismus.

Es gibt sehr grausame Strafen, Umerziehungsmaßnahmen, Sperrstunden, Kontrollen, Razzien und den gebührenfreien Deliria-Präventionsnotruf: eine Einladung zur Denunziation von Personen, die angeblich Symptome der „Amor deliria nervosa“  zeigen.

Die Geschichte beginnt 95 Tage vor Lenas Immunisierungseingriff. Lena geht auf dem Weg zum Prüfungslabor mit ihrer Tante noch einmal die einstudierten Antworten für das Evaluierungsgutachten durch. Diese Gesinnungsprüfung und peinliche Begutachtung, bei der die Prüflinge, nur mit einem durchsichtigen Plastikkittel bekleidet, befragt, betrachtet und nach einem Punktesystem bewertet werden, hat entscheidenden Einfluß auf die zukünftigen beruflichen Möglichkeiten und die Zuordnung eines passenden Ehepartners. Die Gutachter entscheiden sogar darüber, wieviele Kinder ein Paar zu bekommen hat.

„Wir werden erwachsen sein, geheilt, markiert, etikettiert, identifiziert, mit einem Partner versehen und ordentlich auf unseren Lebensweg gesetzt, perfekte runde Murmeln, die in gleichmäßigen, gespurten Bahnen rollen.“

Während Lenas Befragung kommt es zu einer Störung: Plötzlich rennt eine Herde panischer Kühe durch die Laborräume, Lena rettet sich hinter einen OP-Tisch, die Kühe knabbern die Notizen der Gutachter an, und im allgemeinen Chaos bemerkt nur Lena den unbekannten Jungen, der von der Tribüne aus amüsiert diesen Sabotageakt beobachtet und ihr zuzwinkert.

Am  nächsten Tag bespricht Lena mit Hana, ihrer besten und einzigen Freundin, den Vorfall im Labor. In den offiziellen Nachrichten  ist von einem Lieferfehler die Rede. Hana, die eigenwilliger und rebellischer ist als Lena, macht sich über die offizielle Erklärung lustig. Sie erwartet  keineswegs sehnlich den bevorstehenden Immunisierungseingriff, sondern hinterfragt ihn kritisch.

Lena, die sich bemüht, alle Regeln zu befolgen und nicht negativ aufzufallen, reagiert ängstlich und abwehrend auf Hanas Freiheitsverlangen. Als Hana auch noch von einer ganzen Subkultur berichtet, wo sich Mädchen und Jungen heimlich an entlegenen Orten zu Konzerten und Tanz treffen und unkontrolliert begegnen, fühlt sich Lena einsamer als je zuvor.

Verwirrt und widerwillig folgt Lena Hana zu einer solchen Veranstaltung und ist schon allein durch die ungewohnt emotionale  – und natürlich verbotene – Musik,  die sie dort zu hören bekommt, so aufgewühlt, daß sie gleich wieder fortgehen will. Doch dann trifft sie den geheimnisvollen und anziehenden Jungen aus dem Labor wieder. Sie kommen ins Gespräch, tanzen sogar miteinander, und Lena zeigt erste Anzeichen von „Amor deliria  nervosa“ 

Es dauert eine Weile,  bis sich Lena von dem indoktrinierten Glauben an die Krankhaftigkeit der Liebe und der damit verbundenen körperlichen Symptome freimachen kann. Doch schließlich entwickelt sich, trotz der widrigen Umstände, eine schöne, gefühlvolle – allerdings auch tragische – Liebesgeschichte.

Ob dieses vorläufig tragische Ende eine positive Wende nehmen wird, erlesen wir dann hoffentlich in der Fortsetzung…

Lauren Oliver beschreibt sehr anrührend, wie Lena sich von den inneren und äußeren Verboten, Vorschriften und Vorurteilen emanzipiert und – nach anfänglichem Zögern und verständlicher Unsicherheit – ihrem  Herzen folgt und lernt, ihren Gefühlen zu trauen.

 „Sie können Mauern bis zum Himmel bauen, und ich werde doch darüber hinwegfliegen. Sie können mich mit hunderttausend Armen festhalten, und ich werde mich doch wehren. Und es gibt viele von uns da draußen, mehr als ihr denkt. Menschen, die in einer Welt ohne Mauern leben und lieben. Menschen, die gegen Gleichgültigkeit und Zurückweisung anlieben, aller Vernunft zum Trotz und ohne Angst.“

Auch in ihrem zweiten Jugendroman erweist sich Lauren Oliver als eine überzeugende und leidenschaftliche Anwältin der Liebe.

Querverweis:

Hier entlang zur Rezension des ersten Jugendromans von Lauren Oliver:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/wenn-du-stirbst-zieht-dein-ganzes-leben-an-dir-bei-sagen-sie/

Und hier geht es zur Fortsetzung von Delirium:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/24/pandemonium/ von


Die Autorin:

»Schon als Kind hat Lauren Oliver leidenschaftlich gern Bücher gelesen und dann Fortsetzungen dazu geschrieben. Irgendwann wurden daraus ihre eigenen Geschichten. Sie hat Philosophie und Literatur studiert und kurz bei einem Verlag in New York gearbeitet. Lauren Oliver lebt in Brooklyn.«