Der Streik der Farben

  • Illustrationen von Oliver Jeffers
  • Text von Drew Daywalt
  • Originaltitel: »The Day the Crayons Quit«
  • Übersetzung ins Deutsche: Anna Schaub
  • Handschrift: Kris Di Giacomo
  • NordSüd Verlag   2016   www.nord-sued.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • durchgehend farbig illustriert
  • 40 Seiten
  • Format: 25,4 x 25,4 cm
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10359-9
  • ab 4 Jahren

F A R B T Ö N E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Streik der Farben“ ist ein witziges Bilderbuch für malfreudige Kinder, das konventionelle Farbzuordnungen spielerisch in Frage stellt und zu freifließender Farbenfreude anregt.

Duncan greift vergebens in seine Schachtel mit Farbstiften. Die Farbstifte streiken und haben ihm einen Stapel Briefe mit ihren Klagen und Wünschen hinterlassen.

Der rote Farbstift ist überarbeitet, er muß nicht nur alle Feuerwehrautos und roten Obstsorten malen, sondern auch noch an Feiertagen Nikoläuse und Herzen.

Die Farbe Lila ist zwar ganz zufrieden damit, für Weintrauben und Zauberwesen eingesetzt zu werden, aber Duncan sollte wirklich mehr Mühe darauf verwenden, ordentlich innerhalb der Randlinien zu bleiben und nicht unachtsam darüber hinaus zu kritzeln.

Beige fühlt sich sehr vernachlässigt und gegenüber Braun ungerecht behandelt. Beige will auch Bären, Ponys und Hunde malen und nicht bloß Getreidehalme.

Illustration von Oliver Jeffers © Nord Süd Verlag 2016

Der graue Stift ist übermüdet vom vielen Elefantenmalen. Ob Duncan denn nicht gelegentlich kleinere Tiere oder Kieselsteine mit ihm malen könne?

Die Farbe Grün ist ausgesprochen zufrieden und dankbar, daß Duncan sie immer für Bäume, Krokodile, Dinosaurier und Frösche wählt. Doch sie weist Duncan darauf hin, daß er dringend den Streit zwischen Gelb und Orange schlichten müsse; beide Farben bestehen nämlich darauf, die wahre Farbe der Sonne zu sein. Keine Frage, daß sich Gelb und Orange in ihren jeweiligen Briefen ziemlich selbstgefällig dazu äußern.

Die Farbe Blau hat es als Duncans langjährige Lieblingsfarbe auch nicht leicht. Nach all den Meeren, Flüssen und Regenwolken ist sie schon ganz kurz und stummelig geworden und braucht dringend eine Pause.

Schwarz und Weiß sowie Pink und Rosa kommen auch noch ausführlich zu Wort …

Duncan beherzigt die Hinweise seiner Farbstifte, und sein nächstes Bild zeugt von einem ganz anderen Umgang mit Farben: Es ist himmelgrün, grasblau, regenbogenschwarz, flugzeugrosa, walorange, katzenweiß usw. …

Auf jeder Doppelseite befinden sich ein Brief und die dazugehörige Farb- zeichnung. Die Briefe sind in einer leserlichen Krickelkrakel-Handschrift auf knitterige, faksimilierte Blätter geschrieben. Die Zeichnungen sowie das lebhaft-personalisierte Aussehen des jeweiligen Farbstiftes spiegeln anschaulich das vorgebrachte Anliegen wider.

Die Ausführung der Bilder ist so kindlich-echt, daß es wirkliche Kinder- zeichnungen sein könnten. Oliver Jeffers‘ gekonnt-amateurhafter Malstil eignet sich gut für den Protest der Farbstifte gegen die farbklischeehafte Motivmonotonie und dürfte für Kinder eine vorbildliche Ermutigung zu mehr künstlerischer Gestaltungsfreiheit beim Malen und Zeichnen sein.

„Der Streik der Farben“ bietet zudem spielerische Anregungen für den Kunstunterricht in Grundschulen und vor allem für die Erweiterung des kindlichen Farbhorizontes.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.nord-sued.com/programm/index.asp
Hier entlang zur Leseprobe:
http://www.book2look.com/book/3sMZ12dFsc

Der Autor:

»Drew Daywalt, geboren 1970, ist ein amerikanischer Filmemacher, der vor allem für Fantasy- und Horrorfilme bekannt ist. Zusammen mit Oliver Jeffers hat er mit The Day the Crayons Quit einen enormen Erfolg erzielt.«

Der Illustrator:

»Oliver Jeffers, geboren 1977, studierte in Ulster an der School of Art and Design. Er hat weltweit ausgestellt und bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise gewonnen. Heute lebt er in Brooklyn.«

Arche Literatur Kalender 2017

  • Von Nähe und Ferne
  • Wochenkalender
  • Herausgegeben von Elisabeth Raabe und Regina Vitali
  • ARCHE KALENDER VERLAG   http://arche-kalender-verlag.com/startseite.html
  • Graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • 60 Blätter, 58 Fotos
  • Format: 31,5 x 24 cm
  • 22,– €
  • ISBN 978-3-0347-6017-1
    arche-literatur-kalender-2017

DIS – TANZ

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Arche Literatur Kalender 2017 befaßt sich mit dem Thema Nähe und Ferne.

Schriftsteller und Dichter sind auch nur Menschen, und sie haben es ebenso leicht oder schwer mit der angemessenen zeitlichen und räumlichen Choreographie und Verbindlichkeit ihrer Ehen, Freundschaften, Liebschaften und Familienverhältnisse wie andere Menschen auch – nur hinterlassen sie beredte schriftliche Zeugnisse darüber, die wir nachlesen können.

Wieder ist es den Verlegerinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali gelungen, für jede Kalenderwoche ein ausdrucksvolles Autorenfoto in korrespondierender Begleitung eines konzentriert-mitteilsamen Textes zusammenzustellen.

Die ausgewählten Schriftstellerinnen und Schriftsteller reflektieren über das ausgewogene oder unausgewogene Verhältnis von Nähe und Distanz in ihren persönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen, manchmal auch über Entfernung oder Wiederannäherung sowie über Fernweh und Heimatverbundenheit.

Oft läßt sich angesichts der Fotos die nah- oder ferngestimmte schriftstellerische Paarverfassung ebenso gut erkennen wie bei der Lektüre der angefügten Texte.

Briefe an Freunde, Kollegen, Geliebte oder Kinder müssen das ersehnte Gespräch mit dem fernen Ansprechpartner ersetzen, Gedichte künden von Herzenserfüllung und Liebesverlusten, von befremdender Entfernung und inniger Harmonie. Tagebuchnotizen schwelgen in freudiger Erwartung und wehmütiger Erinnerung, in sehnsuchtsvoller Hoffnung und schmerzlicher Reue sowie in selbstkritischer Analyse.

Jedes Kalenderblatt wird zudem um Hintergrundinformationen und Querverweise zu Leben, Werk und Beziehungsgeschichte der betroffenen Autoren ergänzt.

Die „mediale“ Gestaltung der Kalenderblätter erfolgt im traditionell farblich und typgraphisch dezent-untermalenden Stil des Arche-Hausgraphikers Max Bartholl.

Der Arche Literatur Kalender 2017 bereichert unser Lesejahr mit abwechslungsreichen, anregenden und anrührenden Worten und ausdrucksvollen Bildern von Schriftstellern und Dichtern, die uns zeitlich meist fern sind, jedoch menschlich oft ganz nah.

 

Hier entlang zum Kalender auf der Verlagswebseite. Dort entblättert er sich zu Besichtigungszwecken:
http://arche-kalender-verlag.com/arche-literatur-kalender-2017.html

 

arche-literatur-kalender-tolkien-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

arche-literatur-kalender-carson-mccullers-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

arche-literatur-kalender-robert-gernhardt-2017

© 2016 by Arche Kalender Verlag GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

PS:
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Arche Kalender Verlag außer dem besprochenen Literatur Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert hat:

Arche Geburtstagkalender (immerwährend)
http://arche-kalender-verlag.com/arche-geburtstagskalender.html
Arche Kinder Kalender 2017    (Besprechung folgt … )
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kinder-kalender-2017.html
Arche Küchen Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-kuechen-kalender-2017.html
Arche Musik Kalender 2017
http://arche-kalender-verlag.com/arche-musik-kalender-2017.html

Querverweis:

Eine elegant-eloquente Besprechung des Arche Musik Kalenders – in harmonischer Kombination mit musikalisch vielsaitiger Vertonung – findet sich beim MAESTRO von der Websaite Random Randomsen:
https://randomrandomsen.wordpress.com/2016/11/08/schrittmacher-fuer-musikliebende-herzen/

 

 

Der Wörterschmuggler

  • Roman
  • von Natalio Grueso
  • Übersetzung aus dem Spanischen von
  • Marianne Gareis
  • Atlanik Verlag   August 2015     www.atlantik-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 256 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A), 24,50 € sFr.
  • ISBN 978-3-455-60019-3
    Der Wörterschmuggler

FRAGMENTE  DES  HERZENS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Wörterschmuggler“ beschreibt eine emotionale Weltreise, die in Venedig beginnt und über Argentinien, Shanghai, Paris, Genf, Sankt Petersburg sowie einige weitere Zwischenaufenthalte wieder glücklich in Venedig mit einem neuen Anfang endet.

Eine junge und sehr schöne Japanerin, Keiko, sitzt in Venedig an ihrem Schreibtisch und bereitet sich auf das vor, was sie poetische Gerechtigkeit nennt. Sie liest aufmerksam die Briefe mit Versen und Geschichten, die man oder auch frau ihr in den Briefkasten geworfen hat. Derjenige, dessen Worte sie am meisten rühren, ist der Auserwählte, der eine paradiesische Liebesnacht mit Keiko verbringen darf. Allerdings gewährt sie ihre Gunst immer nur ein einziges Mal, dafür aber auch ohne Vorbehalte in Hinsicht auf Attraktivität, sozialen Status, Alter oder Geschlecht. Wenn die Worte Keikos Herz berühren, dann öffnet sie dem Absender die Tür.

So lesen wir mit Keiko einige Geschichten von abenteuerlichen, tragischen und phantastischen Schicksalen: Da gibt es einen Mann, der den Menschen rezeptmäßig Bücher verschreibt und dem dadurch manch zwischenmenschlicher Trost und sogar eine Lebensrettung gelingt; wir lernen einen berühmten argentinischen Radiomoderator kennen, der seinem geliebten Großvater ein wunderbares letztes Geschenk macht und dafür seine Karriere opfert; wir bestaunen den märchenhaften Erfindungsreichtums eines verliebten armen Jungen, der in einer Gesellschaft lebt, in der man für jedes einzelne Wort bezahlen muß, und dem es dennoch gelingt, seine Liebe poetisch zum Ausdruck zu bringen …

Und wir werden über mehrere Lebensstationen, Verführungen und Juwelendiebstähle, Kaviarschmuggel und regen Champagnergenuß vertraut gemacht mit einem gealterten, charmanten Abenteurer, namens Bruno Labastide, der sich in Venedig zur Ruhe gesetzt hat und der selbstverständlich in Keiko verliebt ist.

Wie „Der Wörterschmuggler“ sich schließlich doch ins Keikos Herz schmuggelt, das ist eine eigene Geschichte …

Dieser Roman hat von Anfang an eine erotische Essenz. Der Autor ist indes erfreulich andeutungsgenügsam in der sprachlichen Darstellung, was viel erotischer ist, als wenn er alles ausplauderte.

„Manchmal geschehen Dinge, die so intim sind, dass es unfein wäre, darüber zu berichten. Deshalb wollen wir die Einzelheiten dieser Nacht in der Wohnung von Dorsoduro, in der das Licht des Vollmonds, ohne an die Fensterscheiben anklopfen zu müssen, sogar bis zum Bett vordrang, lieber aussparen.“
(Seite 243)

Ich hätte gerne mehr über Keikos Lebenshintergrund und die Entstehung ihrer erotisch-poetischen Philosophie erfahren, aber auch dies verschweigt der Autor.

Gleichwohl harmonieren die skizzenhaften Charaktere gut mit dem lose verknüpften, fragmentarisch-episodenhaften Erzählstil dieses Romans, der neben sinnlichem Charme, Menschenkenntnis und Abenteuerlust einen tiefempfundenen Geschmack von Einsamkeit hat.

„Das Gewicht der Erinnerung kann unerträglich sein, und es ist schwer zu sagen, welche mehr schmerzen, die glücklichen oder die unglücklichen. Am Ende sind sie alle traurig.“ (Seite 119)

Die Romankomposition hat jedoch keinen langen literarischen Atem. Die poetische Potenz der einzelnen Geschichten erzeugt kein substanzielles erzählerisches Gesamtbild. Vereinzelte literarische Sterne bilden noch kein Firmament. Für anspruchsvolle Leser bleibt hier manches zu wünschen übrig.

„Der Wörterschmuggler“ enthält auf der anderen Seite viele feine Erzählideen, Figurenentwürfe und Impulse, die eine ausführlichere schriftstellerische Ausarbeitung und mehr Tiefenschärfe verdient hätten.

Der Autor:

»Natalio Grueso ist Regisseur am Teatro Español und am Institut für Performing Arts of the City of Madrid. Zuvor war er Leiter des Oscar-Niemeyer-Kulturzentrums im spanischen Avilés, das der legendäre brasilianische Architekt Oscar Niemeyer entworfen hat. Der Wörterschmuggler ist Gruesos erster Roman.«

Zusatzinformationen auf der Verlagswebseite: http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/der-woerterschmuggler-buch-7567/#Buch

 

Blaue Blumen

  • von Carola Saavedra
  • Roman
  • Aus dem Portugiesischen
  • von Maria Hummitzsch
  • C.H. Beck Verlag, März 2015       http://www.beck.de
  • 222 Seiten
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 18,95 € (D)
  • ISBN 978-3-406-67567-6
    BLAUE BLUMEN_cover

B L A U E   F L E C K E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Schauen wir uns erst einmal die äußere Gestaltung dieses Buches an: Da liegen mit einer Hanfschnur gebündelte Briefe auf einer Tischplatte, mit abblätterndem türkisfarbenen Anstrich. Die Briefumschläge sind blaßblau und die leicht hervorlugenden handbeschriebenen Seiten verblichen-cremefarben. Die vier zitierten Sätze auf dem hinteren Buchdeckel klingen melancholisch-sehnsuchtsvoll und verheißen eine poetische Liebesgeschichte:

Liebster, eine Trennung, sagt man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, mit dem ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.“ (Seite 5)

Ich sage es direkt und deutlich: Eine Liebesgeschichte werden Sie in diesem Buch beim besten Willen nicht entdecken. Der Verlag preist zwar an, dies sei „Ein kluger, intensiver und leidenschaftlicher Roman über Gefühle und Sprache, über Liebe und ihre Macht, über Trennungen und Neuanfänge.“

Indes empfinde ich gänzlich anders. Um es polemisch auszudrücken: Ein kopflastiger, liebeskümmerlicher und schmerzverherrlichender Roman über Liebesunfähigkeit, Machtspiele und Manipulation, Gewalt und leblose Herzensleere.

Eine Frau, die namenlos bleibt, ist verlassen worden und schreibt dem Mann, der sie offenbar wortlos verlassen hat, Briefe, die sie lediglich mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens unterschreibt.

Ein anderer Mann zieht nach der Trennung von Frau und Tochter in eine neue Wohnung und erinnert sich an die Beziehungsgeschichte seiner Ehe und die wachsende Entfremdung zwischen sich und seiner Frau. Die Briefe der verlassenen Briefschreiberin landen in seinem Briefkasten. Den ersten Brief öffnet und liest er nur, weil er sich Auskunft über die Absenderin erhofft, da eine Absenderadresse fehlt, und er überlegt auch schon, sich nach der Adresse seines Vormieters zu erkundigen, da er diesen als den korrekten Adressaten annimmt.

Doch die Geschichte der unbekannten Frau, die offenbar auch eine Trennung zu verkraften hat, beschäftigt ihn von Brief zu Brief zunehmend, so daß er sogar seine Arbeit vernachlässigt und erwartungsvoll auf den nächsten Brief hofft.

Darüber hinaus beginnnt er mit einer amateurdetektivischen Suche nach der Absenderin. Dabei reflektiert er über sein Verhältnis zu Frau und Tochter und entpuppt sich als ein Mann von mangelnder Authentizität und Willenskraft, der sich Frauen gegenüber unterlegen fühlt. Zugleich ist er wütend und findet, daß die Frauen in seinem Leben zuviel von ihm verlangen und immer in der Nehmerrolle sind und ihm nichts geben. Er hegt die diffuse Hoffnung, daß die unbekannte Briefschreiberin hingebungsvoller sei.

Bei der Lektüre ersten Brief kann der Leser noch glauben, daß die Frau mit dem Verlust des Mannes etwas verloren hat, das der Trauer wert sei. Auch deutet sie ein Geschehen an, das zur Trennung führte, was selbstverständlich einige Neugier weckt.

Doch von Brief zu Brief erfahren wir in sich steigernden, sadomasochistischen Mißhandlungsstufen von einer ausgesprochen lieblosen, grausamen Beziehung. Schon nach der ersten „Liebesnacht“ ist der Körper der Frau von blauen Flecken übersäht, die sie sich im Spiegel anschaut und die sie als Verschönerung ihres verletzlichen Körpers betrachtet sowie als Beweis und Andenken der Aufmerksamkeit des „Liebhabers“.

Der in jedem von insgesamt neun Briefen wiederholte Refrain der freiwilligen Unterwerfung, des selbstquälerischen, co-abhängigen Verletztseins, Verletztwerdens und Verletztenwollens, dieses angestrengten Schmerz mit Schmerz Betäubens und der Verwechslung von grobmotorischem Körperkontakt mit Sinnlichkeit und innerer Nähe ist nervtötend und öde.

Der Höhepunkt der Unterwerfung kommt im vorletzten Brief zur Sprache: Die Frau, nur bekleidet mit hochhackigen Pumps, wird zum Tisch befohlen, über den sie sich zu beugen hat, damit der Herr sie von hinten … Weitere schmerzliche Einzelheiten erspare ich Ihnen hier gerne. Dieses abgedroschene Klischee wurde schon mit hinreichender Penetranz von Helmut Newton fotografiert.

Der Höhepunkt der Lesequal wird schließlich im letzten Brief erreicht: Die Bereitschaft der Frau, diesem „Liebhaber“ zu vergeben, ihr ausdrücklicher Wunsch, ihn zurückzubekommen, ihre unsinnige Sehnsucht, endlich von ihm wahrgenommen zu werden, ihn gefühlsmäßig zu erreichen, ihre kläglich wiederholte Leidensleier und pseudophilosophische Haßliebe und Schmerzverherrlichung sind eine arge Zumutung.

Der rote Faden der Brief-Geschichte ist der vergebliche Versuch ein brutales Beziehungsmuster und äußerst verletzende Verhaltensweisen SCHÖNzuschreiben und geradezu religiös zu idealisieren. Der erzählerische Zwischenraum von Brief zu Brief wird von den blassen Befindlichkeiten des Briefempfängers gefüllt, der durch die Briefe ein winziges bißchen aus seiner Seinstaubheit geweckt wird. Doch kann das ganze Buch nur herzensverarmte Figuren buchstabieren.

Dieses mogelverpackte Romänchen ist sprachstilistisch nicht explizit pornographisch, sondern kitschig-möchtegernlyrisch. Die sexuellen Handlungen werden durch die dezente Wortwahl intellektualisiert und aus der emotionalen Distanz erzählt.

Die weichzeichnerische, zarte Empfindsamkeit des Titelbildes steht in eklatantem Widerspruch zu der schmerzverzerrten Geschichte einer Frau, die ins Leiden verliebt ist. Welche ZIELGRUPPE schwebte dem Verlag eigentlich bei dieser romantischen Titelbildwahl vor? Empfindsame Erwartungen werden in diesem Buch keineswegs erfüllt.

Das Mindeste, was man von einer vernünftigen und nachhaltig werbewirksamen Buchgestaltung erwarten können sollte, ist ein EHRLICHES Titelbild, das dem Inhalt ENTSPRICHT. Dies ist hier auf der ganzen Linie mißlungen.

Ich rege einen nachträglich aufzubringenden WARNHINWEISAUFKLEBER an:

Achtung: Mißbräuchlicher Einsatz eines romantischen Motivs sowohl beim Titelwortlaut wie beim Titelbild. Bei der Lektüre drohen schmerzliche Enttäuschung und qualvoller Überdruß.

 

Die Autorin:

»Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman „Landschaft mit Dromedar“. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Mit „Toda Terça“ (2007) gewann sie den APCA-Preis in der Kategorie „Bester Roman“. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens. „Blaue Blumen“ erschien zuerst 2008. «

Die Übersetzerin:

»Maria Hummitzsch, 1982 geboren, übersetzt aus dem Englischen und Portugiesischen,
u. a. Helen Walsh, Beatriz Bracher und Shani Boianjiu, für C.H.Beck Carola Saavedras „Landschaft mit Dromedar“ und von Jessica Keener „Schwimmen in der Nacht“ (2014).«

Querverweis:

Dieser Verriß ergänzt schamlos  meinen Verriß von »Feuchtgebiete«:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/feuchtgebiete/
sowie meine Abrechnung mit  »Alle meine Wünsche«:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/03/21/alle-meine-wunsche/

 

Anna und Anna

  • von Charlotte Inden
  • Carl Hanser Verlag,  Juli 2013                         http://www.hanser-literaturverlag.de
  • 174 Seiten, gebunden 12,90 €
  • ISBN  978-3-446-24172-5
  • Taschenbuchausgabe  dtv Februar 2015           http://www.dtv.de
  • 7,95 € (D), 8,20 € (A)
  • ISBN 978-3-423-62597-5
  • ab 12 Jahren
    Inden_24172_MR1.indd

H E R Z E N S B I L D U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Anna und Anna“ von Charlotte Inden ist eine ausgesprochen entdeckenswerte Ausnahmeerscheinung auf dem gegenwärtigen Jugendbuchmarkt.

Ein Jugendbuch in Form eines Briefromans zu schreiben finde ich gewagt, aber in diesem Falle sehr gelungen. Die Gefühlsausdruckspalette geht weit über das belanglose E-Mail- oder SMS-minimalistische „hi, smile, grins“ hinaus und beschenkt uns mit solch schönen Wortschöpfungen wie: weihnachtswunschlosglücklich (Seite 144)

Oma und Enkelin tragen den gleichenVornamen, und sie haben ein wirklich inniges und vertrauensvolles Verhältnis zueinander. Oma Anna und Enkelin Anna schreiben sich wechselseitig Briefe, in denen sie sich sehr ehrlich und gefühlvoll berichten, was sie betrifft und bewegt.

Die junge Anna ist zum ersten Mal verliebt – in ihren Kindheitsfreund Jan, und die alte Anna ist zum letzten Mal verliebt – in  Henri. Beide Annas schreiben außerdem Briefe, die nie abgeschickt werden, die also mehr wie eine Tagebucheintragung oder ein gefühlsordnendes Selbstgespräch erscheinen.

Wir nehmen bei der Enkelin Anna teil an Liebesunsicherheiten und an der rührend-verletzlichen Aufregung über das Gelingen des ersten Kusses, aber auch an der Fürsorge und Anhänglichkeit gegenüber der Oma. Bei Oma Anna sind die Herzensangelegenheiten lebenserfahrungsbedingt zwar abgeklärter, gleichwohl hat auch sie viel Herzklopfen auszuhalten, zumal Henri sie zu einer abenteuerlichen Weltumsegelung einlädt.

Der abwechselnd alte und junge Blick auf die Geschehnisse ist sehr einfühlsam und glaubwürdig.

In diesem Jugendbuch geht es um das Lieben und Lassen, Binden und Lösen, Blühen, Reifen, Fruchten und Welken, Weinen und Lachen, zu denen das Leben uns alle immer wieder herausfordert. Selten habe ich ein Buch gelesen, das diese Themen in einer solch leisen und leichten, ja: in der Schwebe des Lebendigen gehaltenen Sprache wiedergibt.

Charlotte Inden vermittelt anschaulich, daß Briefe etwas ganz Wertvolles sind, besonders wenn sie so schön lebendig und wahrhaftig geschrieben werden wie in diesem Liebes-Briefroman.

Und nach der Lektüre solcher Briefe lassen sich hoffentlich einige (junge und alte) Leser dazu anregen und inspirieren, selbst  zur Feder zu greifen und ihren Empfindungen und Erfahrungen Wortgestalt zu geben.

 

PS:
Die Gestaltung des Titelbildes ist auffällig unauffällig und spiegelt bei aufmerksamer Betrachtung sehr präzise die Buchstruktur. Ein cremeweißer Hintergrund, der an altmodisches Briefpapier erinnert, wird von tintenblauen Linien durchzogen, die in Schreibschrift Titel und Autorin benennen und  kleine Wellenkräusel und ein Segelboot andeuten. Parallel zu den blauen Linien laufen rote Linien, die sozusagen den roten Faden illustrieren, der auf der Buchvorderseite von einem kleinen Herzen gekrönt wird und auf der Buchrückseite in einen Anker ausläuft.

 

Die Autorin:

»Charlotte Inden, geboren 1979, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Film- und Fernsehwissenschaften in Marburg, London und Straßburg. Sie lebt mit ihrem Mann in Karlsruhe, arbeitet als Redakteurin bei einer Tageszeitung und hat eine Botschaft an die Welt:
Schreibt mehr Briefe!«

Dem kann ich nur zustimmen!