Der blaue Stein

  • 1. Oli-Band
  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Eve Tharlet
  • Text von Anne-Gaëlle Balpe
  • Deutsche Textbearbeitung von Bruno Hächler
  • Michael Neugebauer Edition  2011 www.minedition.com
  • 3. Auflage 2016
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 22 x 29,3 cm
  • 32 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-86566-131-9
  • ab 3 Jahren

S T E I N R E I C H

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der blaue Stein“ ist ein Bilderbuch der leisen Töne; es vermittelt einfühlsam, daß es sich lohnt, der eigenen Intuition zu folgen.

Der Wichtel Oli findet einen blauen Kieselstein. Fasziniert vom intensiven Blauton des Steines trägt er ihn während seines Waldspazierganges mit sich herum.

Unterwegs trifft Oli ein Wildschwein, das ihn fragt, was er denn mit dem Stein anfangen wolle, der sei doch nutzlos und gehörte weggeworfen. Doch Oli behält den Kieselstein und entgegnet, daß er sich sicher sei, diesen Stein noch brauchen zu können.

Auf dem weiteren Weg begegnet er einem Wolf und drei Zwergen. Alle finden den Stein nutzlos und wollen ihn Oli ausreden. Doch Oli bleibt sich treu und behält den schönen Kieselstein.

Oli wandert weiter und entdeckt ein kleines, weinendes Mädchen mit einer rothaarigen Puppe. Freundlich erkundigt sich Oli nach dem Kummer des Mädchens. Daraufhin zeigt sie ihm ihre Puppe, der ein Auge fehlt, und erzählt ihm, daß ihr alle sagten, sie solle doch die kaputte Puppe fortwerfen.

Zufällig hat Olis Kieselstein genau die richtige Farbe und Größe und paßt perfekt als Ersatzauge in die Puppe. Das Mädchen freut sich, weil ihre Puppe wieder ganz ist, und Oli freut sich, weil er immer schon gewußt hat, daß der Stein nicht nutzlos sei.

Fröhlich winkend verabschieden sich die beiden voneinander, und Oli hebt einen roten Wollfaden auf, den die Puppe aus ihrem Haar verloren hat … Dieser rote Faden wird im  zweiten Bilderbuch mit den kleinen Oli noch eine tragende Rolle spielen.

Die zarten, aquarellierten Illustrationen greifen mit ihren unaufdringlichen, durchscheinenden Farbtönen den behutsamen Tonfall des Erzähltextes harmonisch auf.

Der Wichtel Oli folgt unbeirrbar seiner inneren Stimme und läßt sich von den äußeren Stimmen, die seiner Wertschätzung für den blauen Stein widersprechen, nicht umstimmen. Damit ist ein Vorbild, das nicht nur Kindern wohltut.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite, http://www.minedition.com/de/main.php?qs=der+blaue+stein&sp=search
dort kann man das Bilderbuch auch komplett virtuell und hörbar durchblättern:
http://www.minedition.com/de/book/185/

 

Die Autorin:

»Anne-Gaëlle Balpe wurde 1975 geboren und lebt in Paris. Schreiben ist ihre Leidenschaft. Die Bücher, die sie als Kind fasziniert haben, begleiten sie auch heute noch. Mit ihren eigenen Geschichten möchte sie Kindern diese Faszination, die sie selber erlebt hat, weitergeben.«

Die Illustratorin:

»Eve Tharlet ist Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt von ihren pfiffigen Märchen-Interpretationen und natürlich vom Erfolgskaninchen PAULI her bekannt. 1956 in Frankreich geboren, wuchs sie in Deutschland auf. Sie absolvierte ihre Studien an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg. Seit 1981 publiziert Eve Tharlet Bücher, für die sie diverse Auszeichnungen erhielt. Die Künstlerin lebt heute in Priziac, Frankreich.«

 

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Das Herz der Puppe

  • von Rafik Schami
  • Mit Bildern von Kathrin Schärer
  • Hanser Verlag  2012       www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden
  • 192 Seiten
  • 12,90 € (D), 13,30 € (A), 18,90 sFr.
  • ISBN 978-3-446-23896-1
  • ab 8 Jahren
    Schami_23896_MR.indd

PUPPENVERSTEHER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Warmherzig und weise sowie mit einem stets schelmisch-verständnisvollen Blick für die kindliche und die elterliche Perspektive – so zeigt sich Rafik Schamis Erzählkunst auch in dieser Geschichte.

Die kleine Nina besucht mit ihren Eltern einen Flohmarkt. Während ihre Eltern mit einem Standinhaber über den Preis einer Lampe verhandeln, hört Nina zu, was verschiedene Stofftiere und Spielzeugfiguren ihr erzählen. Nina ist ein intuitives und empfindsames Kind, das noch die Beseeltheit der Dinge wahrnehmen kann.

Ganz verborgen, im Gekürmel unter dem Verkaufstisch entdeckt Nina eine alte Puppe mit grünen Augen und feuerroten Haaren. Für Nina ist es Liebe auf den ersten Blick, und nachdem sie den Preis von drei Euro auf zwei Euro heruntergehandelt hat, drückt sie die neue, alte Puppe an ihr Herz.

Die Puppe, die Widu heißt, hatte lange vergessen auf einem Dachboden gelegen, und sie freut sich sehr, nun wieder einem Kind Gesellschaft leisten zu können. Widu kann viele Geschichten erzählen, sie hat stets guten Rat für die alltäglichen Ängste, Probleme und Sorgen Ninas, und sie kann Nina die Angst sogar aus dem Herzen saugen. Seit Nina mit Widu im Arm schläft, haben Albträume keine lange Haltbarkeitsdauer mehr, und Nina fühlt sich weniger alleine.

Nina hat sehr liebevolle, aber vielbeschäftigte Eltern und eine warmherzige Tante. Nach dem kürzlich erfolgten Umzug sind ihre alten Kinderfreundschaften beendet, in der neuen Schule ist Nina noch nicht heimisch, und in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt leider gar kein Kind, was Widu zu der  treffenden Bemerkung veranlaßt: „Ohne Kinder ist jede Straße eine Wüste.“

Widu übt mit Nina lustige Zungenbrecher und Scherzverse,  philosophiert aber auch über ernste Themen  wie beispielsweise Leben und Tod. Dabei erfährt Nina, daß Puppen, da sie kein Herz hätten, unsterblich seien. Sie könnten sich allerdings ein Herz wünschen, doch dann wäre ihre Lebensdauer davon abhängig, wie lange das Kind, zu dem sie gehören, das Staunen nicht verlerne.

Die Verbundenheit mit Widu ermutigt Nina zu mehr Selbstvertrauen. Als Nina bei einem vorweihnachtlichen Einkaufsgehetze ihre Puppe verliert, ist sie fast untröstlich. Nach drei schlaflosen Nächten kann Nina ihre Puppe jedoch in einem ganz besonderen Fundbüro wieder abholen. Der Leiter des Fundbüros gehört jedenfalls zu der Sorte Erwachsener, die das Staunen nicht verlernt haben; aber das ist eine andere Geschichte …

Widu ist eine humorvolle und wunderbar-wortspielerische Begleiterin. Mit Widus kluger Hilfe lernt Nina, sich gegen einen aufdringlichen Schulkameraden zu wehren, und sie lernt den Unterschied zwischen echter und unechter Freundschaft.

Als Nina wegen einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus muß, kommt Widu selbstverständlich mit. Den Gesprächen  der Krankenschwestern entnimmt Widu, daß die Lage sehr ernst ist …  Zum Glück erwacht Nina aus ihrer Bewußtlosigkeit, und sie wird wieder gesund.

Das erste, was Nina spürt, als ihr Fieber sinkt, ist das Herzklopfen ihrer Puppe. Verwundert fragt Nina, warum Widu denn ihre Unsterblichkeit aufgegeben habe. Und Widu antwortet: „… Weißt du, Puppen möchten eigentlich kein Herz haben, und ich habe mir lange eingeredet, dass das auch bei mir nicht anderes sein kann. Ich habe mich versteckt, aber die Liebe findet einen doch. Sie braucht ein Zuhause, und sie braucht ein Herz.“ (Seite 183)

Keine Frage, daß Nina sich schwört, niemals ihr Kinderherz zu verlieren und auch als Erwachsene ein Kind zu bleiben! Das Rezept dafür bekommt sie von Widu:

„Solange du Raureif und Tau für ein Wunder hältst und jeden Vollmond anschaust, als stünde er zum ersten Mal am Himmel, solange du über jede Blume staunst und jeden Schmetterling und jeden Stern als einzigartiges Wunder betrachtest – so lange bleibst du ein Kind.“ (Seite 184)

Dieses Buch voller Alltag und Wunder, spielerischem Tiefsinn und poetischer Phantasie zeugt von Rafik Schamis lebendigem Kinderherzen. Ich lege es Lesern von acht bis achtundachtzig Jahren ans Herz.

Link zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-herz-der-puppe/978-3-446-23896-1/

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. 1979 promovierte Rafik Schami im Fach Chemie. Seit 2002 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste. Sein Werk wurde in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Preis „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“ (2011) und zuletzt mit dem Großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur sowie dem Preis der Stiftung Bibel und Kultur (2015). Im Hanser Kinderbuch erschien zuletzt Das Herz der Puppe (2012) und Meister Marios Geschichte (2013), im Erwachsenenprogramm des Verlages Die dunkle Seite der Liebe (Roman, 2004) Das Geheimnis des Kalligraphen (Roman, 2008), Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (2011) und Sophia oder Der Anfang aller Geschichten (2015).«
Mehr auf: http://www.rafik-schami.de/

Querverweis:

Hier geht es zu meiner Besprechung von Rafik Schamis Kinderbuch Meister Marios Geschichte, in der sich Marionetten als Freiheitskämpfer entpuppen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/22/meister-marios-geschichte