Viele Grüße, Deine Giraffe

  • Text von Megumi Iwasa
  • Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
  • Originaltitel: »Boku wa Africa ni Sumu Kirin to Iimasu«
  • Illustrationen von Jörg Mühle
  • Moritz Verlag   Februar 2017  www.moritzverlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 112 Seiten
  • Format: 15 x 21,6 cm
  • 10,95 € (D), 11,30 (A)
  • ISBN 978-389565-337-7
  • Kinderbuch ab 6 Jahren

HINTER  DEN  HORIZONT  SCHREIBEN

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Giraffe futtert Akazienblätter und schaut gelangweilt dem Sonnenuntergang in der Savanne zu. Sie sehnt sich nach Abwechslung, und ihr fällt ein, daß Pelikan kürzlich einen Postdienst eröffnet hat.

Also entscheidet sie sich, spontan einen Brief zu schreiben, einfach so ins Blaue bzw. an das erstbeste Tier, das dem Pelikan hinter dem Horizont begegnen würde. Pelikan, der sich auch schon gelangweilt hatte, freut sich über den ersten Postauftrag und macht sich aufgeregt auf den Luftpostweg.

Die Strecke ist viel weiter, als er vermutet hatte, und den Horizont hat er auch nicht erreicht, aber immerhin das Ufer des Meeres. Dort begegnet er einer freundlichen Robbe, die ebenfalls als Briefträgerin unterwegs ist. Sie übernimmt den Brief und transportiert ihn auf dem Wasserwege zu Pinguin.

Pinguin lebt in der Walsee und geht beim großkopfigen Professor Wal in die Schule. Neugierig liest Pinguin Giraffes Brief und wundert sich, denn Giraffe schreibt, sie habe einen langen Hals, und weder Pinguin noch Wal können sich unter einem Hals etwas vorstellen.

So entfaltet sich – trotz der sehr unterschiedlichen Lebenswelten – ein reger Brief-wechsel, der voller lustiger Mißverständnisse bezüglich der äußeren Erscheinung des jeweiligen Brieffreundes ist.

Schließlich will Giraffe Pinguin besuchen und sich als Zeichen besonderen Entgegen-kommens sogar als Pinguin verkleiden. In die freudig-spekulativen Vorbereitungen zur Verkleidung und zur Reise werden Pelikan, Robbe und Wal miteinbezogen, und dann kommt es zur aufschlußreichen Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Die Überraschung ist groß und löst sich in heiteres Gelächter auf. Das gemeinsame Vergnügen vertieft  die Freundschaft …

Dieser kindliche Briefroman skizziert einfühlsam die tierischen Charaktere, und Megumi Iwasa läßt sie in einfacher – gleichwohl schmunzelanspielungsreicher – Sprache zu Wort kommen.

Die Korrespondenz zwischen Giraffe und Pinguin wird in zwei unterschied- lichen, gut lesbaren „Handschriften“ graphisch dargestellt. Die durchgehend farbigen Illustrationen von Jörg Mühle geben den Figuren warmherzig und humorvoll Gestalt und eine entsprechende Kulisse.

„Viele Grüße, Deine Giraffe“ eignet sich gut als Leseanfängerbuch und bietet Kindern zudem eine anregende, verspielte Ermutigung zum Briefeschreiben sowie die erlesene Erfahrung, daß Brieffreundschaften Langeweile vertreiben und den Horizont erweitern.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.moritzverlag.de/Alle-Buecher/Erstlesebuecher/Viele-Gruesse-Deine-Giraffe.html

 

Die Autorin:

»Megumi Iwasa wurde 1958 geboren. Sie studierte Grafikdesign an der Kunsthochschule in Tokio, an der sie nach ihrem Diplom auch arbeitete. Megumi Iwasa lebt in Tokio. Die Geschichte zu Viele Grüße, Deine Giraffe hat sie zunächst geträumt und dann aufgeschrieben. «

Der Illustrator:

»Jörg Mühle, geboren 1973 in Frankfurt am Main, studierte Illustration in Offenbach und Paris. Er ist Mitglied der Ateliergemeinschaft labor und hat seine Fähigkeit, Pinguine zu zeichnen, bereits in  An der Arche um Acht  unter Beweis gestellt.«

 

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Ein ganz besonderes Jahr

  • Roman
  • von Thomas Montasser
  • Thiele Verlag    September 2014              www.thiele-verlag.com
  • 192 Seiten
  • Format 11,5 x 18,5 cm
  • gebunden mit Schutzumschlag & LESEBÄNDCHEN
  • 18,- € (D), 18,50 € (A), 25,90 sFr
  • ISBN 978-3-85179-305-5
    Ein ganz besonderes Jahr

DER  BÜCHER  BLÜTENSTAUB

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hier geht es um die Liebe zu Büchern, die Verführungskraft von Geschichten, die Berührung durch Poesie, die Zauberkraft von Sprache, um schicksalhafte Wendungen, rätselhafte Fügungen, zwischenmenschlich-einflußreiche Buchhändler, phantasievolle Spielräume und nicht zuletzt um den roten Faden der Liebe im allgemeinen und im besonderen.

Mit „Ein ganz besonderes Jahr“ betreten wir den Schauplatz einer kleinen, schönen altmodischen Buchhandlung, deren bescheidene räumliche Ausdehnung in inspirierendem Kontrast zur geistigen Weite und Weltläufigkeit der dort verborgenen literarischen Schätze und Horizonte steht.

Die Inhaberin, die fast achtzigjährige Charlotte, ist einfach verschwunden und hat lediglich einen Zettel hinterlassen mit der Anweisung, ihre Nichte Valerie möge „sich um alles kümmern“. (Seite 13)

Valerie besitzt einen frischen Abschluß in Betriebswirtschaft und hat bereits viele Bewerbungen an erfolgreiche Unternehmen verschickt. Doch sie stellt sich dieser – ihren bisherigen beruflichen Plänen widersprechenden – Herausforderung. Ein wenig widerwillig schließt sie nun die Türe der Buchhandlung „Ringelnatz & Co“ auf und beginnt mit einer systematischen betriebswirtschaftlichen Bestandsaufnahme. Dabei läßt sie auch angenehme Erinnerungen an die in ihrer Kindheit dort glücklich verbrachten Lesezeiten und die fast ein halbes Jahrhundert währende Lebensgeschichte der Buchhandlung Revue passieren.

Nach Valeries desillusionierender Auswertung des handschriftlich geführten Kassenbuches braucht sie erst einmal eine Teepause und setzt Tante Charlottes Samowar in Gang.

Während sie darauf wartet, daß das Wasser kocht, beginnt sie mit der Lektüre eines Romans und merkt erst 248 Seiten später, daß der Samowar gemütlich vor sich hin köchelt und daß sie sich kein bißchen gelangweilt hat. Ja, bereits an dieser Stelle dürfen wir uns der berechtigten Hoffnung hingeben, daß Valerie sich nach und nach, von Lektüre zu Lektüre und von Buch zu Buch in eine veritable Buchhändlerin verwandeln wird.

Valerie entdeckt bei der Durchsicht von Tante Charlottes ordentlichen Ordnern wunderschöne Dankesbriefe von buchbeglückten Kunden, die bezeugen wie sehr die Lektüre eines Buches Einfluß auf das wirkliche Leben nehmen kann.

Schritt für Schritt arbeitet sich Valerie in die – ohne Computerunterstützung – funktionierende Buch- und Bestellkärtchensystematik von Tante Charlotte ein. En passant kommt auf diesem Wege auch Tante Charlotte zu Wort – mit ihren dort hinterlassenen Notizen, Bewertungen, Charakterisierungen und Empfehlungsargumenten zu bestimmten Werken.

Valerie geht gewissermaßen in die Lehre bei ihrer abwesenden Tante und den anwesenden Büchern. Der anregende kommunikative Austausch mit einigen ganz besonderen Kunden eröffnet ihr zudem zusätzliche, bereichernde Leseperspektiven und Buchbetrachtungsweisen.

Im Lagerbestand von „Ringelnatz & Co“ entdeckt Valerie ein Buch, dessen Geschichte sie ganz persönlich anspricht, doch dieser Roman mit dem Titel „Ein ganz besonderes Jahr“ verliert sich nach wenigen beschriebenen Seiten in einen Buchblock voll unbeschriebener Blätter – offenbar (oder scheinbar?) ein Fehldruck. Ihre Recherche nach Autor und Verlag verläuft im Sande, und so legt sie das Buch in eine Schachtel mit vorläufig noch unentschiedenem Papierkram.

Eines Tages betritt ein sehr attraktiver, elegant-kultivierter Kunde die Bühne der Buchhandlung, der genau diesen unvollständigen Roman schon lange sucht. Andächtig liest er den ersten Satz („Der Wetterumschwung hatte sich durch nichts angekündigt.“) leise vor und fragt nach dem Preis des Buches. Valerie schenkt es ihm spontan. Der junge Mann bedankt und verabschiedet sich, und Valerie schaut ihm nach, während wir – als aufmerksame Leser – schon Amors Flügelschlagen, oder zumindest Amors Pfeilchenjustierung zu hören vermeinen.

Valerie wächst zu ihrer eigenen Überraschung in ihre Buchhändlerinnenrolle hinein, der Blütenstaub der Bücher befruchtet ihren Geist, der Frühling folgt dem Sommer, Valerie stellt einen Stuhl und ein Tischchen auf den Bürgersteig vor „ihrer“ Buchhandlung und trinkt dort ihren Tee. Zwischen Teeblättergenuß und vielseitigem Büchergeblätter lernt sie ihre Nachbarn kennen und verfeinert ihr buchberaterisch-zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl.

Gänzlich unerwartet, aber keineswegs unerwünscht, erhält Valerie einen zauberhaften Brief, nebst einem wohlgewählten Buchgeschenk, von jenem sympathischen jungen Mann, dem sie „Ein ganz besonderes Jahr“ geschenkt hat. Das Echo von Valeries Herzklopfen ist zwischen den Zeilen nicht zu überhören, doch leider hat der Absender keine Adresse und nur eine unleserliche Unterschrift hinterlassen…

Indes habe ich hier schon mehr als genug ausgeplaudert und werde nur noch andeuten, daß Bücher auch Fahrkarten sein können …

Thomas Montassers „Ein ganz besonderes Jahr“ ist ein feines, buchliebhaberisches Buch, mit erlesenen Leseappetitanregungen auf literarischem Niveau. Formulierungsflirtend lockt uns der Autor auf alte und neue Lesewege, streut hier und da ein passendes Zitatblütenblatt als literarische Duftnote auf den Weg und fügt diesen Bücherreigen charmant-changierend in den Handlungsverlauf des eigenen Buches ein.

Neben der sprachlich-inhaltlichen Würdigung zahlreicher Werke der Weltliteratur gibt der Autor auch dem Druck- und Buchbindekunsthandwerk sowie der haptischen Qualität der Buchgestaltung die gebührende Ehre und Anerkennung – getreu dem Motto eines Stammkunden von „Ringelnatz & Co“, der sehr treffend bemerkt: Ein Buch ist weit mehr als die Summe seiner Buchstaben! (Seite 94)

So schließt sich der Lesekreis, denn auch das vorliegende Buch ist von liebevoll-sorgfältiger Ausstattung: eine satte, leseangenehme Typographie auf chamoisfarbenem Papier, 1950er-Jahre Schreibmaschinentastatur-INITIALEN zu jedem Kapitelanfang und Vorsatzblatt- und Schutzumschlagmotive, die schön mit dem Romaninhalt korrespondieren, sowie ein grünes Stofflesebändchen.

Zum Abschluß noch ein verführerisches Zitatblütenblatt als Leseeinladung:

„Ein Buch zu entdecken, das bedeutet, sich frei über die Notwendigkeiten des Alltags zu erheben und auch das eigene Leben für die Dauer der Lektüre aus dem Hier und Jetzt zu pflücken, um es an einen anderen Ort zu verpflanzen.“ (Seite 147)

 

PS:
Mein besonderer Dank gebührt der erfreulichen Tatsache, daß Thomas Montasser nicht nur ein Herz für Bücher, sondern auch ein Herz für Buchhändler hat. Als „alte“ Buchhändlerin, die sich von Jahr zu Jahr mehr als Mitglied einer vom Aussterben bedrohten Berufsspezies fühlt, ist es tröstlich, ein solch freundlich-emphatisches und liebkosendes Lob echter buchhändlerischer Qualitäten zu lesen.


Querverweis:

Und hier gibt es einen weiteren lesenswerten Roman von Thomas Montasser:
Monsieur Jean und sein Gespür für Glück
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/07/monsieur-jean-und-sein-gespuer-fuer-glueck/

 

Der Autor:

»Thomas Montasser arbeitete als Journalist und Universitäts-Dozent und war Leiter einer kleinen Theatertruppe. Er schrieb große Epochenromane (Die verbotenen Gärten), unter dem Pseudonym Fortunato auch Kinderbücher (Zauber der Wünsche). Als Vater von drei Kindern lebt er mit seiner Familie in München. Er ist Literaturagent und kennt nichts Schöneres, als in kleinen Buchhandlungen zu stöbern. Mit Ein ganz besonderes Jahr hat er sich seinen Traum erfüllt, endlich ein Buch über die Macht der Geschichten und über ihren Zauber zu verwirklichen.«

Die Spieluhr

  • Eine Novelle
  • von Ulrich Tukur
  • Ullstein Verlag Berlin, Oktober 2013          http://www.ullstein-verlag.de
  • in Leinen gebunden
  • 150 Seiten
  • 18  €
  • ISBN 978-3-550-08030-2
  • Taschenbuchausgabe  Oktober 2014
  • 10,99 €
  • ISBN 978-354-861234-8
    csm_9783550080302_cover_ Die Spieluhr175f6ec799

B  I  L  D  E  R  R  E  I  G  E  N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die Spieluhr“ von Ulrich Tukur ist eine musische, malerische und musikalische Geschichte, poetisch, geheimnisvoll und vielschichtig; sprachlich wunderbar geschliffen, anziehend altmodisch, niveauvoll  –  ja: ELEGANT. Ich bin hingerissen, solches Sprachgut bei einem Autoren der Gegenwart erlesen zu dürfen!

Ulrich Tukur, der den meisten wohl als Schauspieler bekannt sein dürfte und vielleicht auch als Musiker und Sänger der Tanzkapelle „Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys“, offenbart mit der Novelle „Die Spieluhr“ ein weiteres beachtliches Talent als Schriftsteller.

Der Autor erzählt von den Dreharbeiten zur Filmbiographie der Malerin Séraphine Louis. Im Film verkörpert er Wilhelm Uhde, einen deutschen Kunstsammler, der 1912 bei einem Urlaubsaufenthalt in der französischen Kleinstadt Senlis das außergewöhnliche Maltalent von Séraphine entdeckt und fördert.

Ulrich Tukur beginnt als Ich-Erzähler mit der Gegenwart seiner Ankunft am Drehort, leitet dann über in die Vergangenheit und beschreibt einfühlsam Wilhelm Uhde und Séraphine Louis sowie die unkonventionelle Begegnung und Verbindung zwischen akademischer Kultiviertheit und mystisch-religiösem Naturtalent.

Zurück in der Gegenwart berichtet der Autor von einem Problem bei den Dreharbeiten: Der Filmarchitekt hat trotz umfänglicher Hausbesichtigungen noch nicht den passenden Drehort für die Inszenierung von Séraphines Unterkunft gefunden. Der Regisseur will keinen Studioaufbau, sondern unbedingt etwas Echtes.

Der Regieassistent Jean-Luc, der fertiges Filmmaterial nach Paris zum Entwickeln bringen soll, verschwindet spurlos und taucht sichtlich erschüttert zwei Tage später wieder auf und erzählt, daß er unterwegs zufällig (oder schicksalhaft) ein verborgenes Schloß entdeckt habe. Dort befände sich ein Raum, der sich perfekt als Séraphines Filmzimmer eigne. Er hätte schon alles mit dem Schloßherrn besprochen, der sogar bereit sei, die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Jean-Luc versucht seine irrlichternden Erfahrungen mit dem geheimnisvollen Schloß und seinen Bewohnern in Worte zu fassen; nicht ganz zu Unrecht befürchtet er, von seinen Zuhörern für verrückt gehalten zu werden. Der Schloßherr, der Marquis von Montrague, hat ihn freundlich und mit bescheidener Gastlichkeit im Küchengewölbe aufgenommen. Beim Abendbrot erklingt eine betörend schöne Musik aus der oberen Etage, und der Marquis erklärt, daß sein Sohn Amadé im alten Spiegelsaal Cembalo spiele; der Sohn habe das musikalische Talent einer Ahnin aus dem 18. Jahrhundert geerbt.

Während der Marquis erzählt, wie diese Ahnin, Marie-Élisabeth de Courtils, dank ihrer musikalischen Virtuosität und ihrer besonderen Schönheit zur Zeit der Französischen Revolution  – wortwörtlich – ihren Kopf retten konnte, schaut Jean-Luc gewissermaßen durch die Augen des Marquis auf das Portrait der Marquise Marie-Élisabeth de Courtils. Sodann sieht er, wie die Bildleinwand aus dem Rahmen gelöst wird; dahinter erscheint ein Schloßsaal, der vom revolutionären  Pöbel gestürmt und verwüstet wird… Plötzlich sitzt er wieder im Küchengewölbe und lauscht dem Bericht des Marquis, der inzwischen von den Verhältnissen im Schloß zur Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg berichtet.

Schließlich begleitet der Schloßherr Jean-Luc zu seinem Gastzimmer und erwähnt beiläufig, daß dort einst eine Magd gewohnt habe, die später als Malerin zu Ruhm gekommen sei. Auf dem Weg dorthin passieren sie eine Portraitgalerie; im unbeständigen Kerzenlicht  –  das Schloß verfügt nicht über einen Stromanschluß  –  scheinen die abgebildeten Personen seltsam bewegt und lebendig zu sein. Der Marquis schickt seinen Gast mit der ausdrücklichen Bitte und Warnung zu Bett, des Nachts keinesfalls sein Zimmer zu verlassen.

Jean-Luc inspiziert die altmodische Kammer und betrachtet eine gerahmte, sentimentale Mariendarstellung. Als er den Kerzenleuchter näher an das Bild hält, öffnet sich der gemalte Mund und die Madonna spricht zu Séraphine und gibt ihr Anweisungen zum Mischen der Farben für ein Gemälde des Paradiesbaumes…

Der Regisseur und die anderen Filmkollegen nehmen diese seltsame Geschichte erst einmal so hin und fahren für den Rest des Tages mit den Dreharbeiten fort. Nach Drehschluß soll Jean-Luc dem Aufnahmeleiter und dem Filmausstatter das Schloß zeigen. Er fährt mit ihnen den gleichen Weg, den er genommen hatte, aber es findet sich kein Schloß. Auf die scherzhafte Frage, welche Sorte Drogen er denn eingenommen habe, reagiert Jean-Luc empört; er macht sich alleine auf die weitere Suche und verschwindet im Wald.

Jean-Luc bleibt verschwunden und wird als vermißt gemeldet. Die Dreharbeiten gehen weiter und werden abgeschlossen. Ulrich Tukur genießt den letzten Sommerabend vor seiner Abreise auf der Terrasse seines Hotelzimmers und reflektiert selbstkritisch über seine Darstellung des Wilhelm Uhde. Unverhofft erscheint Jean-Luc in sehr abgerissener Verfassung auf der Terrasse, bittet um Speise und Trank und vertraut Ulrich Tukur die Fortsetzung seiner unglaublichen Geschichte an.

Trotz der Warnung des Marquis hatte Jean-Luc seine Schlafkammer verlassen undwar dem Klang der überirdischen Cembalomusik gefolgt, die ihn zum Spiegelsaal führte. Amadé, der Cembalospieler, freute sich sehr über den Besuch Jean-Lucs und ein wenig Unterhaltung und empfing ihn mit gutem alten Wein. Doch das im Saal befindliche, seltsam leuchtende Gemälde der Marquise Marie-Élisabeth de Courtils beanspruchte Jean-Lucs ganze Aufmerksamkeit, und er war mehr denn je unwiderstehlich angezogen von ihrer verheißungsvollen Schönheit und Ausstrahlung. Amadé machte sich zwar lustig über Jean-Lucs  Entflammtheit, führte ihm jedoch auch vor, wie er durch das Aufziehen einer magischen Spieluhr in die Welt hinter dem gemalten Bild gelangen könnte…

Nach dieser Beichte verschwindet Jean-Luc erneut, und erst ein halbes Jahr später erfährt Ulrich Tukur im Zusammenhang mit den Synchronisationsarbeiten zum Film, daß sich Jean-Luc erhängt hat. Außerdem hat er einen Brief für Ulrich Tukur hinterlassen. Dieser Brief und seine Betroffenheit über den Tod  des jungen Mannes veranlassen ihn, den Spuren Jean-Lucs zu folgen und sich selbst auf die Suche nach dem eigentümlichen Schloß zu begeben.

Er findet das wirklich-unwirkliche Schloß im Jahre 1944 und betritt eine Reihe von changierenden Räumen; Gobelins führen in wirkliche Landschaften, und Landschaften wieder in geschlossene Räume, Menschen gelangen in Bilder und Bilder in Menschen, man weiß nicht mehr, ob Menschen Bilder betrachten oder umgekehrt. Die Spieluhr spielt nach einer traumwandlerischen Choreographie mit Raum und Zeit und Leben.

Auch äußerlich hat dieses faszinierende Buch viel zu bieten:
Es ist in puderig-blaugrünes Leinen gebunden, mit einem floralen Motiv im Goldprägedruck als Titelbild, die Vorsatzblätter sind aus schwarzem, atlasseidig anmutendem Papier, die Serifen-Typographie  » Centaur «  ist reizvoll antiquarisch, gleichwohl gut und sehr klar leserlich. Das Verlagslogo ist unauffällig, beinahe unsichtbar ins Leinen eingeprägt, und es gibt ein LESEBÄNDCHEN. Ich liebe Lesebändchen, sie sind schön, praktisch und luxuriös.

Die Gestaltung (von Sabine Wimmer, Berlin) des Buches läßt es wie ein neues, altes Buch erscheinen, das gut in ein Buchhändlerschaufenster von 1913/14 gepaßt hätte. Angesichts unserer plakativen, bildinflationären Sehgewohnheiten ist diese Buchgestalt von wohltuender Unaufdringlichkeit und harmoniert ausdrücklich mit dem feinsinnigen Text.

Zum Ausklang noch ein Zitat als Leseleckerbissen:

„Ich sammelte die herausgefallenen Kerzen ein, steckte sie zurück und zündete sie an. Die Gegenstände um mich herum, ihrer nächtlichen Gestaltlosigkeit entrissen, flossen zögerlich zurück in die Form, die ihnen vom Licht bestimmt war.“ (Seite 54)

 

Der Autor:

»Ulrich Tukur, 1957 in Viernheim geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise, 2013 wurde ihm der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache verliehen. 2005 erschien sein Erzählungsband Die Seerose im Speisesaal. Ulrich Tukur lebt mit seiner Frau, der Fotografin Katharina John, in Venedig.«

 

Oma, die Miethaie und ich

  • von Tanya Lieske
  • illustriert von Daniel Napp
  • Beltz & Gelberg Verlag  2012        http://www.beltz.de
  • gebunden, 208 Seiten
  • 12,95 €
  • ISBN 978-3-407-82018-1
  • Taschenbuchausgabe Februar 2014 bei Gulliver
  • 6,95€
  • ISBN 978-3-407-74461-6
  • ab 9 Jahren
    9783407820181.jpg Oma, die Miethaie und ich

IM  LEBEN  LESEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das ist endlich wieder einmal ein Buch, das mir so gut gefällt, daß ich am liebsten seitenweise Zitate daraus wiedergeben möchte.

Kleiner Werkstattbericht gefällig, wie ich Buchbesprechungen verfasse? Während der Lektüre des Buches liegen in Griffnähe diese wunderbaren transparenten, ablösbaren Haftlesezeichen, die maßgeschneidert meine Textmarkierungsbedürfnisse befriedigen, ohne daß ich den Text mit einem Bleistift oder einem noch unauslöschlicheren Schreibutensil verunzieren muß. Wenn ich das Buch zu Ende gelesen habe, schauen mehr oder weniger bunte Lesezeichenfähnchen aus dem Buchblock heraus.

Im Falle von „Oma, die Miethaie und ich“  kamen 20 Fähnchen zusammen, das ist eine Menge bei einem Buch von 208 Seiten. Tja, da werde ich nun gnadenlos maximal 3 Stellen auswählen, die ich mir zu zitieren erlaube, der Rest muß dran glauben und darauf hoffen, bei der Lektüre des Buches vom geneigten Leser entdeckt zu werden.

Also fange ich jetzt damit an,  das Buch sprechen zu lassen:

„Ich heiße Salila. Den Namen habe ich bekommen, weil  Oma in Indien durch einen Fluss gewatet ist, als ich geboren wurde. Salila heißt » Wasser « .    …    Oma musste dann aus Indien zurückkommen, weil meine Mama bei meiner Geburt gestorben ist. Das passiert in Deutschland ganz selten. Man glaubt gar nicht, dass sich hinter 0,012 Prozent gestorbenen Leuten eine ganze Mama verbergen kann.“

Das Mädchen Salila lebt mit ihrer unkonventionellen Oma Henriette in einer schönen Altbauwohnung mit Kastanienbaumaussicht im Düsseldorfer Stadtteil Bilk. Die alleinerziehende Oma kann alles reparieren und ist im ganzen Stadtviertel für ihr handwerkliches Geschick berühmt, und so verdient sie den Lebensunterhalt durch nachbarliche Reparaturaufträge und mit der Aufarbeitung von Sperrmüllschätzen und Trödelfunden. Oma Henriette ist ausgesuchte Kaffeekennerin, sie spielt Black Jack, und sie verfügt über viel Zivilcourage.

Salila fällt das Lernen leicht, sie ist Klassenbeste, und ihr bester Freund ist Mehmet, der Neffe des türkischen Gemüsehändlers aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Multikulturelles Miteinander ist für Oma Henriette und Salila kein Sozialkundefach, sondern gelebter Alltag.

Oma Henriette ist zwar noch nie umgezogen, aber sie hat in jüngeren Jahren viele Reisen unternommen, sie hat in fremden Ländern gelebt und gearbeitet, daher spricht sie Englisch, Französisch und Spanisch, und sie  ist äußerst weltgewandt und kreativ. Von einem dieser Auslandsaufenthalte kehrte sie schwanger nach Düsseldorf  zurück und brachte ihre Tochter Linda zur Welt. Linda und Henriette wohnten in ebengenannter Altbauwohnung in Bilk, und als die Tochter erwachsen war, ging Mama Henriette nach Indien zu einem Yogameister. Linda setzte die Familientradition fort und wurde unehelich schwanger;  sie starb bei der Geburt ihrer Tochter, und Mama Henriette kam aus Indien zurück und wurde zu Oma Henriette.

Jeden Abend vor dem Einschlafen sitzt Oma bei Salila auf der Bettkante zum  „Dreierschwatz“, d.h. die beiden erzählen der verstorbenen Linda alles, was im Laufe des Tages geschehen ist und was sie vielleicht interessieren könnte: ein anrührendes Ritual und eine ausgesprochen einfühlsame Psychohygiene. Der Lebensstil von Oma Henriette ist fürsorglich, liebevoll, pragmatisch, humorvoll und manchmal weise.

Eines Abends sitzen die beiden vor dem von Oma Henriette bereits sechzehnmal reparierten Schwarz-Weiß-Fernseher und sehen einen Bericht über ihr Stadtviertel. Dort werden die schönen Altbauten gepriesen, die niedrigen Mieten, der kleinteilige Einzelhandel und die interkulturelle Sozialstruktur. Der Bericht endet mit dem Hinweis, daß die Wohnungsnachfrage in diesem Stadtviertel steigen werde und daß sich mit  der steigenden Nachfrage auch die Mieten erhöhen würden. Erwachsene Leser ahnen schon: Gentrifizierung droht. Dieses schwierige Wort kommt in der Geschichte jedoch nicht vor. Oma Henriette erklärt Salila das Problem mit dem anschaulichen und  bissigen Begriff Miethai.  Ihre Definition ist so treffend, daß sie zitiert gehört: Sie kaufen die alten Häuser auf und renovieren sie, und dann werden die Wohnungen so teuer, dass nur reiche Leute sie bezahlen können. Alle anderen müssen dann raus.“

Selbstbewußt und kämpferisch verspricht Oma Henriette, daß sie niemals aus ihrer Wohnung ausziehen würden. Salila ist vorläufig beruhigt, doch dann findet sie zufällig einen geöffneten Brief, aus dem hervorgeht, daß das Haus, in dem sie wohnen, durch einen Erbfall einen neuen Eigentümer bekommen hat, der in Hamburg lebt. Als ein weiterer Brief aus Hamburg eintrifft, erfährt Salila durch ihre heimliche Lektüre, daß ihnen die Wohnung gekündigt wurde.

Seltsamerweise reagiert Oma Henriette auf die Briefe nicht, bespricht die Angelegenheit nicht mit Salila und tut so, als gäbe es keinen Anlaß zur Sorge. Auf Salilas vorsichtige Nachfragen reagiert Oma Henriette ungewohnt ärgerlich und abwehrend trotzig.

Salila ist verwirrt und traurig, und sie spürt, daß ihre Oma etwas vor ihr zu verbergen versucht. Sie vertraut sich ihrem Freund Mehmet an, und die beiden überlegen, was man gegen Miethaie unternehmen könne und warum Oma Henriette sich so merkwürdig verhält.

Mehmet ist es, der auf die Idee kommt, daß Oma Henriette vielleicht nicht lesen kann. Salila mag das zunächst nicht glauben, aber als Mehmet unbefangen von einem seiner Onkel erzählt, der außer einer krakeligen Unterschrift nicht schreiben kann, fallen Salila eine Reihe von  Omagewohnheiten ein, die zu Mehmets Vermutung passen: Oma Henriette und Salila hinterlassen sich z.B.  kleine Nachrichtenzeichnungen auf dem Küchentisch, Oma Henriette läßt sich oft Texte von ihrer Enkelin vorlesen, weil sie gerade ihre Brille verlegt habe, Omas Unterschrift unter Salilas Zeugnis sah nicht nach einer flüssigen Erwachsenenschrift aus, und kürzlich öffnete sie eine angebliche Dose mit Erbsen, die sich dann als Makkaroni in Tomatensoße entpuppten.

Die Kinder entschließen sich, einfach selber einen Brief an den neuen Hauseigentümer zu schreiben. In diesem Brief erklärt Salila kindlich ehrlich und direkt, warum sie und ihre Oma keinesfalls aus der vertrauten und preiswerten Wohnung ausziehen können.

Mehmet druckt einen Wikipedia-Artikel über Analphabeten aus, und Salila erfährt, daß schätzungsweise jeder Zehnte in Deutschland mehr oder weniger analphabetisch ist. Salila wagt es nicht, Oma Henriette diesbezüglich Fragen zu stellen, und so muß es erst zu einer dramatischen Zuspitzung der Wohnsituation kommen, bis Oma Henriette endlich gesteht, daß sie nicht lesen und gerade mal mühsam ihre Unterschrift zusammenstoppeln kann.

Nachdem die beiden sich ausgesprochen haben und die Modernisierungsmaßnahmen im Haus schon so weit fortgeschritten sind, daß die ersten Stufen des Treppenhauses abgerissen werden, bekommt Salila eine freundliche Antwort auf ihren Brief. Der neue Hausbesitzer möchte seine Mieterinnen kennenlernen und kündigt seinen leibhaftigen Besuch an. Der Herr Miethai  ist ein überraschend sympathischer Mensch, und unter dem Einfluß von Oma Henriettes überragend köstlichem Kaffee findet sich eine für alle Parteien angenehme Lösung.

Besonders hervorheben möchte ich noch die wohldosierten Prisen Spiritualität, die der Geschichte zusätzlichen, unaufdringlichen Tiefsinn verleihen. So lernt Salila z.B., daß es beim Formulieren von Wünschen nicht sinnvoll ist, mit sprachlichen Verneinungsformen zu arbeiten, sondern daß nur die ausdrücklich positive Betonung des Erwünschten zum Ziel führt:

„Ich mache die Augen zu und  wünsche mir, dass wir nicht ausziehen müssen.» Ein Wunsch mit  >nicht<  drin geht nicht. «Ich brauchte einen Augenblick, bis ich verstanden habe, was sie meint. Dann mache ich die Augen zu und wünsche mir, dass wir hierbleiben dürfen, in unserer Wohnung unter dem Dach.“

„Oma, die Miethaie und ich“  zeichnet sich aus durch zwischenmenschliche Vielschichtigkeit, lebendige Figuren, Wortwitz, liebevolle Details und eine durchgehend erfreulich konstruktive und einfühlsame Behandlung sozialer Probleme. Die Sprache ist ausdrucksvoll, feinsinnig und kindgerecht.

Die Illustrationen von Daniel Napp passen vortrefflich und geben insbesondere die Charakterzüge und Stimmungen der Figuren ausgezeichnet wieder.


Die Autorin:

»Tanya Lieske ist Autorin und Literaturkritikerin. Sie schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene. Im Deutschlandfunk (Köln) moderiert sie die Literatursendung Büchermarkt. Tanya Lieske lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf, ein zweiter Schreibtisch steht in Irland.«
Weitere Informationen:       http://www.tanyalieske.de