Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh

  • von Julie Völk
  • Gerstenberg Verlag  Juni 2018    http://www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 25,2 x 30 cm
  • 32 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 16,95 € (D), 17,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5669-7
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

SCHULE  DES  SEHENS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit Julie Völks Bilderbuch „Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh“ betreten wir eine erstaunliche und vergnügliche Schule des Sehens.

In Zeiten digital-beschleunigter Wisch-und-weg-Aufmerksamkeit bietet Julie Völks Bilderbuch einen äußerst betrachtenswerten Gegenpol. Da ihre Bilderbücher reine Bildgeschichten ohne jeden Begleittext sind, erschließen sich die vielfältigen Erzählfäden nur mit geduldiger Entdeckungsneugier, meditativer Langsamkeit und detailverliebter Verknüpfungsbegeisterung.

Zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge, verabschieden sich von ihren Eltern und machen sich zu Fuß auf den Weg zur Schule. Der Blick in die gemütliche Küche zeigt diverse Zutaten, die auf einen musisch-künstlerischen Haushalt schließen lassen. Man sieht einen Becher mit Pinseln, Bücher, eine Gitarre und in einer Ecke zwischen Wand und Küchenschrank eine Schultüte mit Musiknotendekor. Eine schwarze Katze mit weißem Gesicht lugt possierlich hinter einem Türflügel hervor.

Durch die geöffnete Flügeltür erblickt man ein herbstlich getöntes Birkenwäldchen, das die Kinder auf der nächsten Doppelseite Hand in Hand durchqueren. Wenig später holen sie ein Nachbarmädchen ab, dessen Eltern eine kleine Flußfischerei betreiben. Nach der Überquerung  des Flusses  kommen die Kinder an einem Bauernhof vorbei, auch dort schließt sich ein weiterer Mitschüler an.

Lachend und verspielt herumstaksend, nähern sich die vier Kinder der Stadt, in der schon von weitem erkennbar ein Zirkus gastiert. An der am Stadtrand gelegenen Autowerkstatt werden ein Paar Zwillingsmädchen abgeholt, an den Zirkuswohnwagen ein weiterer Junge. Die Kinder passieren eine Bäckerei, eine Zoohandlung und Wohn- häuser, und so wächst die Kinderschar und wird immer bunter. Schließlich sitzen sechsundzwanzig Kinder im Klassenraum schauen und uns erwartungsvoll an …

Illustration Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Julie Völk reichert diesen alltäglichen Schulweg mit einfühlsam-zwischenmenschlichen und verspielt-phantasievollen Feinheiten an. So taucht auf fast jedem Bild ein winziges zwerglich-menschliches Wesen auf, das den Kindern heimlich folgt und schließlich auch mit seinen ungefähr 40 cm Körpergröße mit im Klassenzimmer sitzt bzw. steht, da es nur im Stehen über die Tischplatte hervorlugt.

Auch die schwarzweiße Katze aus dem künstlerischen Haushalt ist den Kindern, mal mehr mal weniger sichtbar, bis in die Schule gefolgt. Wo sie sich später im Klassenraum verbirgt, werde ich jedoch nicht verraten, das müssen Sie und ihre Mitguckkinder schon selber herausfinden.

Jede erneute „Lektüre“ des Bilderbuches erschließt andere Perspektiven und Details. So läßt etwas ein Junge unterwegs seinen roten Turnbeutel stehen. Eines der Zwillingsmäd-chen, das seinen Schultornister vergessen hat und noch einmal nach Hause zurückläuft, bringt auch diesen Turnbeutel wieder mit und wird entsprechend freudig von dem Jungen in Empfang genommen. 

Illustration Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Der Lehrer – leicht erkennbar an seiner ledernen Aktentasche – hat sich verschlafen und rennt eilig zur Schule und verliert bei seinem Sprint lose Blätter, so daß man stets die Spuren seines Wegs und schließlich auch die seiner Ankunft und Anwesenheit mitverfolgen kann.

Die Wohnaccessoires der verschiedenen Haushalte, in die wir Einblick bekommen, bieten Charakterisierungszugaben, mit deren Deutung man sich lange und unter- haltsam beschäftigen kann.

Ich bin jetzt fünfmal mit den Bilderbuchkindern augenfußläufig zur Schule gegangen und habe jedesmal eine weitere amüsante Einzelheit und einen neuen Zusammenhang gefunden.

Mit oberflächlich-kurzfristigen Bildschirmklick-Sehgewohnheiten findet man sich jedoch keineswegs in diese leise sprechenden Bilder hinein. Nur langsames, verweilendes Hinschauen führt zu Einsicht, erschließt beim wiederholten Betrachten und Blättern nach-und-nach-gemach Details, Querverbindungen, Handlungsabläufe und Schlußfolgerungen sowie Pointen.

Julie Völks Bilderbuch „Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh“ mutet nostalgisch an. Man fragt sich unwillkürlich, wie viele Kinder heute, angesichts der zwanghaften Übermotorisierung, noch zu Fuß zur Grundschule gehen und Erfahrungen sammeln, wie die Kinder aus dem vorliegenden Bilderbuch.

Dieses Bilderbuch ist eine wahre Augenweide voller lebensbereichernder Facetten und vermittelt mit seinen warmherzigen Szenerien und ebenso einfühlsamen wie schelmischen Details eine wünschenswerte Entdeckung und Wertschätzung der Langsamkeit.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836956697&highlight=wenn+ich+in+die+schule

Die Illustratorin:

»Julie Völk, geboren 1985 in Wien, wuchs im ländlichen Niedersachsen auf. Sie studierte an der HAW in Hamburg Illustration. Ihr Debüt Das Löwenmädchen ist gleich mit dem Nachwuchspreis Serafina und dem Troisdorfer Bilderbuchpreis ausgezeichnet worden. Für ihr zweites Buch Guten Morgen, kleine Straßenbahn! erhielt sie den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Die Künstlerin lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich.« www.julievoelk.de

Querverweis:

Hier entlang zu zwei weiteren Bilderbüchern  von Julie Völk:
„Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/04/guten-morgen-kleine-strassenbahn/
„Stille Nacht, fröhliche Nacht“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/18/stille-nacht-froehliche-nacht/

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/
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Der Trick

  • Roman
  • von Emanuel Bergmann
  • Diogenes Verlag Februar 2016     www.diogenes.ch
  • in Leinen gebunden mit Schutzumschlag
  • 400 Seiten
  • ISBN 978-3-257-06955-6
  • 22,00 € (D),  22,70 € (A), 30,00 sFr
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ZAUBERSEHNSUCHT  UND  SEHNSUCHTSZAUBER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Im gefühlvoll-nachdenklichen Roman „Der Trick“ erweckt Emanuel Bergmann atmosphärisch und menschkenntnisreich in einer sehr feinen, schönen Sprache faszinierende Charaktere zum Leben und verbindet ihre Lebenskreise miteinander. In diesem Roman geht es um Wahrheit und Lüge, Illusion und Manipulation, Schicksal und Zufall, Grauen und Gnade. Es geht um verlorenes Leben und gewonnenes Leben, um verlorene und wiedergefundene Liebe und um die Ironie des Schicksals, der man wohl am besten mit Humor begegnet.

Zwischen dem ersten Kapitel mit der Überschrift „Die Welt und wie sie hätte sein sollen“ und dem letzten Kapitel „Die Welt und wie sie ist“ spannt der Autor einen weiten Bogen, der in Prag zu Beginn des 20. Jahrhundert anfängt und in Los Angeles zu Beginn des 21. Jahrhunderts endet.

In Prag, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, wird dem gutmütigen Rabbi Laibl Goldenhirsch von seiner Frau Rifka endlich der langersehnte Sohn geboren. Das Kind, Mosche Goldenhirsch, wird von seinen Eltern innig geliebt, auch von seinem zweiten Vater, der unausgesprochen, der Zeugung des Kindes ein wenig nachgeholfen hat. Doch stumme Geheimnisse und verbotene Liebesgefühle tragen viele Menschen in sich. Laibl Goldenhirsch akzeptiert das Wunder der plötzlichen Empfängnis mit Demut und weiser Dankbarkeit.

Im Alter von fünfzehn Jahren läuft Mosche von zu Hause fort, schließt sich einem Zauberzirkus an und wird vom Zirkusdirektor, dem „Halbmondmann“, zum Zauberer ausgebildet. Er verliebt sich in Julia, die Assistentin des Direktors. Nach einem tragischen Unfall verlassen Mosche und Julia den Wanderzirkus und fahren nach Berlin.

Julia verschafft Mosche gefälschte Papiere, die ihn als Perser ausweisen. Mosche stilisiert sich zum „Großen Zabbatini“ und lernt sogar einige Vokabeln Farsi, die er als wohl-klingenden Zauberspruch einsetzt. Zusammen mit seiner Assistentin und Geliebten Julia verfeinert und professionalisiert er die Zaubervorführungen und ergänzt sie um die getrickste Kunst des Gedankenlesens. Sie haben großen Erfolg beim Publikum; besonders beliebt ist der Trick „Verschwundene Prinzessin“, für den sie einen speziellen Koffer mit doppeltem Boden und raffinierter Verspiegelung extra haben anfertigen lassen.

Doch Mosche wird verraten, von der Gestapo brutal verhört und mitsamt seinem Zauberzubehör in das KZ Theresienstadt deportiert. Der dortige Kommandant ist nämlich ein Verehrer von Zabbatini und möchte  alle Zaubertricks von ihm lernen. Mosche weiß, daß sein Überleben davon abhängt, wie lange er diesen „kultivierten“ Nazi bei Laune halten kann.

In Los Angeles muß sich der elfjährige Max Cohn schmerzlich darauf einstellen, daß sich seine Eltern scheiden lassen wollen. Er beratschlagt sich mit seinem Schulfreund Joey, dessen Eltern bereits geschieden sind, und seine kindliche Sorge, er könne irgendwie schuld daran sein, daß seine Eltern sich trennen, führt dazu, daß er fieberhaft überlegt, wie er eine neue Annäherung zwischen seinen Eltern herbeiführen könne.

Sein Vater hat bereits Kisten für seinen Auszug gepackt, denn er wird vorläufig ins Haus seiner Mutter umziehen. Max findet die Aussicht, seinen Vater nun immer bei Omchen besuchen zu müssen, nicht verlockend. Denn Omchen neigt dazu, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu sagen: „Und dafür habe ich die Lager überlebt?“, und Max, der das ohnehin noch nicht so recht begreifen kann, findet das anstrengend.

Max versucht, seinen Vater zum Bleiben zu bewegen, macht ihm eine rührende Liebeserklärung und bietet an, daß er in Zukunft auch immer freiwillig den Hasenkäfig sauber mache.

Der Vater läßt sich nicht umstimmen. Da stolpert Max über einen Umzugskarton. Ein altmodischer Datenträger in einer Papphülle, eine Schallplatte, zieht seine Aufmerksam-keit auf sich. Auf der Plattenhülle sieht man einen eleganten Zauberer mit Zauberstab und kleinem weißen Kaninchen:»Zabbatini: Seine größten Tricks.« Auf der Rückseite steht eine Liste seiner Zauberkunststücke, u.a. »Der Zauber der ewigen Liebe«; Max fragt, ob er die Schallplatte behalten dürfe und faßt einen kindlich-kühnen Plan.

Mit Elan und unter häufiger Überschreitung elterlicher Grenzen sucht Max nach Zabbatini. Er befragt den Inhaber eines Zauberzubehörgeschäfts und erfährt, daß Zabbantini tatsächlich früher im „Castle“, dem größten Cabarett für Zauberkünstler, regelmäßig aufgetreten sei. Doch dies sei lange her, der bescheidene Ruhm längst erloschen, und er wisse nicht, ob Zabbatini überhaupt noch lebe. Er rät Max, in einem bestimmten Altenheim nachzufragen, und Max wird fündig.

Es dauert sehr lange, bis Max den lebensmüden, verlotterten und verarmten Zabbatini überreden kann, noch einmal den „Zauber der ewigen Liebe“ auszuführen.  Maxens Hartnäckigkeit, Pfiffigkeit und seine sehnsüchtige Zaubergläubigkeit und Hoffnung rühren den alten Mann, und – zu seinem eigenen größten Erstaunen – findet er den kleinen Jungen sympathisch. Nach zähen Verhandlungen mit Maxens Mutter willigt er ein, auf Maxens bevorstehender Geburtstagsfeier noch einmal im alten Glanze ein junges Publikum zu verzaubern.

Der Große Zabbantini inszeniert einen grandiosen Liebeszauber, und als er seinen farsischen Zauberspruch aufsagt, wird der Zauberer von Maxens Omchen wiedererkannt … Wir erfahren wer wem sein Leben verdankt, und der kleine Max begreift die wunderbare Gabe des Lebens.

So schließen sich zwei Lebenskreise, und die alte Weisheit von Laibl Goldenhirsch kommt noch einmal zu Wort:

„Allein schon zu leben … ist ein Gebet.“ (Seite 371)

Sehr glaubwürdig und anrührend gelingt Emanuel Bergmann in diesem Buch der Wechsel zwischen der kindlichen und der erwachsenen Perspektive sowie die Verschränkung der unterschiedlichen Zeitebenen und die Annäherung beider Erzählstränge und Lebenswege bis zu ihrer endgültigen Kreuzung. Trotz der tragischen historischen Umstände und der damit verbundenen schonungslosen, aber im Text nicht überstrapazierten Grausamkeiten und trotz der kindlichen Liebesnot, findet der Autor einen heiter-abgeklärten Erzählton von bewundernswerter, wehmütiger Leichtigkeit und lebensbejahender Herzenswärme.

 

Der Autor:

»Emanuel Bergmann, geboren 1972 in Saarbrücken, ging nach dem Abitur nach Los Angeles, um dort Film und Journalismus zu studieren. Er war viele Jahre lang für verschiedene Filmstudios, Produktionsfirmen und Verlage in den USA und Deutschland tätig. Derzeit unterrichtet er Deutsch, übersetzt Bücher und schreibt Artikel für diverse deutsche Medien. ›Der Trick‹ ist sein erster Roman.«

 

Und nachfolgend noch das Hörbuch zum Buch:                    Der-Trick-gesprochen-von-Stefan-Kaminski-9783257803686

Der Trick
von Emmanuel Bergmann
Hörbuch      
Ungekürzte Lesung
von Stefan Kaminski
Diogenes Verlag Februar 2016
8 CDs, 9 Std. 43 Min.
978-3-257-80368-6
26.00€ (D), 29.20 € (A),  sFr 35.00

Hier geht es zur Hörprobe und zu weiteren Buchinformationen auf der Verlagswebseite:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/emanuel-bergmann/der-trick-9783257069556.html

 

 

 

 

TEO

  • von Lorenza Gentile
  • Aus dem Italienischen
  • von Annette Kopetzki
  • DTV Verlag  1.Mail 2015               www.dtv.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • und LESEBÄNDCHEN
  • 200 Seiten
  • 18,90 € (D), 19,50 € (A), 26,90 sFr
  • ISBN 978-3-423-28051-8
    teo-9783423280518

Z E I C H E N S P R A C H E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine Geschichte über ein Kind, das seinen Selbstmord plant, dürfte zunächst lektüreabschreckend wirken, aber ich verrate hier hemmungslos, daß die Geschichte ein gutes Ende nehmen wird. Damit Sie nun nicht denken, bei diesem Buch handele es sich eine reißerisch-hilflose Betroffenheitsjammerklageschrift, verrate ich außerdem, daß Teo kein Opfer ist, sondern ein kleiner tapferer Held, der sich mutig und einfallsreich für die Menschen einsetzt, die ihm am Herzen liegen.

„Aber ich mag es, wen ich mich was trauen muss, besonders wenn es um was Wichtiges geht.“ (Seite 11)

Der achtjährige Teo vermißt seit geraumer Zeit ein glückliches Familienleben. Seine Eltern streiten viel miteinander und scheinen sich immer weiter voneinander zu entfernen. Von seinen Klassenkameraden, die bereits Lebenserfahrung mit geschiedenen Eltern haben, weiß er, daß es drei elterliche Verhaltensphasen gibt: In der ersten Phase wird lautstark gestritten, in der zweiten Phase herrscht Schweigen, und in der dritten Phase verläßt ein Elternteil die familiäre Wohnung – und dann kommt die Scheidung.

Da sich die häusliche Stimmung in Teos Familie bereits der dritten Phase annähert, will und muß Teo irgendwie seine „Eltern retten“. In einem Buch über Napoleon hat Teo kürzlich gelesen, daß dieser Feldherr alle Schlachten gewonnen habe – allerdings hat Teo das Buch noch nicht ganz ausgelesen und ahnt noch nichts von Waterloo.

Teo möchte unbedingt Napoleon um Rat fragen, wie er die Schlacht für den Erhalt seiner Familie gewinnen könne. Zwar ist Napoleon schon gestorben, aber Teo kennt auch die Sage von Orpheus. Wenn es dem alten Griechen Orpheus gelungen ist, ins Jenseits zu gehen, um seine verstorbene Frau zurückzuholen, warum sollte Teo dann nicht auch Napoleon aufsuchen und befragen können?

Doch wo genau ist das Jenseits?

Teo forscht und sucht nach Orientierung. Im sonntäglichen Gottesdienst stellt er Gott fünfmal die gleiche Frage (als Kind muß man hartnäckig fragen, das kennt er schon von menschlichen Erwachsenen, und warum sollte ein göttlicher Erwachsener da über eine bessere Zuhörbegabung verfügen?), doch er bekommt keine Antwort. Er beschwert sich bei seiner Mutter über Gottes Schweigsamkeit, und seine Mutter erklärt ihm, daß Gott sich weniger durch direkte Rede äußere, sondern mehr durch Zeichen, die er einem schicke und die man dann entsprechend zu deuten habe.

Das Warten auf ein Zeichen Gottes wird für Teo zu einer ziemlichen Geduldsprobe, und er sorgt sich, ob Gott, da er ja schon sehr alt ist, vielleicht genauso vergeßlich wie Teos Großmutter geworden sei.

Sein fernöstliches Kindermädchen bereichert seine spirituelle Nachfrage mit Informationen zur Reinkarnation, die er, weil er sich das Wort nicht merken kann, einfach „Religion des Kreislaufs“ nennt.

Sein bester Freund Xian, der ein kleines Mathegenie ist und allen Menschen einen Zahlenwert zuordnet, erklärt Teo, daß man, wenn man stirbt, einfach eine negative Zahl werde, man gehe über die Null, wechsle die Seite und würde unsichtbar.

Eine Klassenkameradin behauptet folgende Adresse für das Paradies:
„Es ist ganz oben im letzten Stockwerk des Himmels, und nur Gottes Flugzeug kommt da hin.“ (Seite 32)

Die gesammelten Informationspuzzleteilchen über Gott und die Welt, Gut und Böse, Sünde, Beichte und Vergebung, Hölle und Paradies, die Wirkungskraft von Träumen und die indirekte Sichtbarkeit des Unsichtbaren führen zu kindlich vereinfachten, indes durchaus erfrischend-naheliegenden kosmologischen Schlußfolgerungen. Teo faßt seine Erkenntnisse u.a. folgendermaßen zusammen:

» KATHOLIKEN:
     HÖLLE: wenn du böse bist und NICHT beichtest

     PARADIES: böse oder gut, Hauptsache, du beichtest

RELIGION DES KREISLAUFS:
     Gut sein: du wirst als Mensch wiedergeboren
     Böse sein: du wirst als Tier, Gemüse oder Gießkanne
     wiedergeboren (das sind bloß Beispiele, es gibt un-
     endlich viele Möglichkeiten, so viele wie Eissorten)
     …

ATHEISTEN:
     Nichts, null, Leere   «
(Seite 136)

Dieser verwirrende Spielraum macht die Suche nach Napoleon leider nicht einfacher. Teo muß nicht nur herausfinden, ob Napoleon gut oder böse war – also im Himmel oder in der Hölle weilt. Sondern falls falls die Buddhisten recht haben, muß Teo herausfinden, in was sich Napoleon möglicherweise verwandelt hat.

Doch egal welche Glaubensrichtung Teo einschlägt: Der Weg ins Jenseits bedeutet, daß Teo sterben muß. Kurz bevor Teo seine Absicht in die Tat umsetzt, schenkt er spontan einem Penner einen Fünf-Euro-Schein – auch mit dem Hintergedanken, mit dieser kleinen guten Tat seine Chancen auf den Zutritt ins Paradies zu verbessern. Der Penner bedankt sich lächelnd, und die beiden kommen ins Gespräch. Dieses zufällige Gespräch rettet Teo das Leben und offenbart sich als das ermutigende Zeichen, auf das Teo sehnsüchtig gehofft hat.

Teo begreift, daß er als Lebender viel mehr bewirken kann und daß es mit dem Sterben – weiß Gott – noch längst nicht eilt.

„Ich muss mir nur vorstellen, dass mein Leben ein Buch ist und jeder Tag eine Seite, und wenn ich die von heute umblättere, steht da geschrieben: NOCH DAS GANZE LEBEN.“ (Seite 195)

Lorenza Gentile gelingt in dieser Geschichte eine subtile inhaltliche und stilistische Balance zwischen dem tiefen Ernst des kindlichen Anliegens und dem unbefangenen, naiven Charme der kindlichen Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen. Offenbar konnte sich die Autorin den unbestechlichen Kinderblick auf das Verhalten der Erwachsenen bewahren.

„Teo“ ist ein kurzes Buch, ein modernes Märchen, ein leichter Lesehapps für einen Nachmittag, gleichwohl mit einem lebhaften Nachgeschmack von Herzensbildung und philosophischem Humor.

Das wolkenschwebende Titelbild ist eine passende Illustration der unaufdringlichen Weisheit, die den Text umschwebt.

 

Die Autorin:

»LORENZA GENTILE wurde 1988 in Mailand geboren. Ihre Leidenschaft für Literatur und das Theater entstand schon in der Kindheit, die sie in Florenz und Mailand verbrachte. Sie studierte Drama und Theaterwissenschaften an der Goldsmith University, London, und besuchte die internationale Theaterschule Jacques Lecoq in Paris. Teo ist Lorenza Gentiles erster Roman.«

Ein sympathisches Interview mit der Autorin finden Sie unter:
http://www.dtv.de/special/lorenza_gentile­_teo/interview/2222/

Die Übersetzerin:

»ANNETTE KOPETZKI, geboren 1954 in Hamburg, war Universitätsdozentin und Journalistin in Italien. Sie übersetzt seit vielen Jahren Belletristik und Lyrik aus dem Italienischen, darunter Pier Paolo Pasolini, Erri De Luca, Andrea Camilleri und Alessandro Baricco.«

Die Prinzessin mit den roten Haaren

  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Aus dem Niederländischen von Siegfried Mrotzek
  • Verlag Urachhaus  2013                                                   http://www.urachhaus.de
  • ISBN 978-3-8251-7804-8
  • 147 Seiten, gebunden mit Halbleinen
  • 14,90 €
  • ab 8 Jahren
  • Meine Empfehlung:
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
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H  E  R  Z  E  N  S  R  Ä  U  B  E  R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Prinzessin mit den roten Haaren lebt vom „Rest der Welt“ weitgehend isoliert hinter den Mauern des Weißen Turmpalastes und kennt nur ihre Eltern, ihre Großmutter, zwei Hofdamen und drei Lakaien. Das Volk weiß über seine Prinzessin nur, daß sie feuerrote Haare hat und nennt sie deshalb „Rote Prinzessin“.

Zur Feier ihres zwölften Geburtstages sollen die Prinzessin und das Volk einander zum ersten Male begegnen. Aber es kommt ganz anders als geplant. Denn das Volk mag sich vielleicht regieren lassen, aber nicht die drei verwegenen Räuber, welche die Prinzessin mitsamt zwölfpferdiger Kutsche und inklusive Hofdamen einfach entführen, kaum daß die Kutsche das Palasttor verlassen hat.

Die allgemeine Aufregung ist groß, und die königlichen Eltern sind außer sich vor Sorge. Nur die königliche Großmutter, die in mehrfacher Hinsicht über Weitblick verfügt, bleibt besonnen und handlungsfähig. Sie heckt einen Verfolgungsplan aus und trifft Vorbereitungen für eine speziell getarnte soldatische Sondereinheit.

Nach einer Weile kehren die freigelassenen Hofdamen, vom ungewohnten Fußmarsch ramponiert und strapaziert, zum Palast zurück und überbringen einen Brief mit der Lösegeldforderung der Räuber:

» König «, stand da.  » Sie bekommen die Prinzessin nur wieder, wenn Sie zwölf Pfund Gold und zwölf Pfund Silber am Rand des Knorrenwaldes hinterlegen. Am liebsten in Säcken und in fünf Tagen.
In Erwartung verbleiben wir,
die Räuber Holz, Bolz und
Schwanenstolz. «
 (Seite 16)

Doch das Schlimmste, was die Hofdamen zu berichten wissen, ist folgendes: Die Prinzessin hat mit Begeisterung bei den Räuberliedern der Räuber mitgesungen und ist freudig von der Kutsche auf ein Räuberpferd umgestiegen und abenteuerlustig mit ihren Entführern in die Wildnis fortgeritten.

Das Volk wird informiert – schließlich läßt der König für die Lösegeldforderung beim Volk einsammeln -, und alle machen sich Sorgen und stellen die unterschiedlichsten und wirrköpfigsten Vermutungen an.

Drei Tage reitet die Prinzessin mit den Räubern Holz, Bolz und Schwanenstolz durch wilde Landschaften, bestaunt die unvermutete Ausdehnung der Welt und nimmt verwundert zur Kenntnis, daß die Räuber alles selber machen können und ganz ohne Personal zurechtkommen. Furchtlos und aufmüpfig majestätisch besteht sie darauf, daß die Räuber sie stets mit „Königliche Hoheit“  und im Pluralis majestatis anzusprechen haben.

Zudem fordert sie auch einige blaublütige Bequemlichkeiten, die der Räuber Schwanenstolz diplomatisch an die bescheiden vorhandenen Möglichkeiten anpaßt. Nach Ankunft in der Räuberzuflucht futtert sie mit den Räubern Möhreneintopf und verlangt eine Gutenachtgeschichte, bevor sie von Schwanenstolz einen halben stoppelschmatzigen Gutenachtkuß auf die Stirn bekommt und endlich einschläft.

Am nächsten Tag macht sich Schwanenstolz allein auf den Weg, das Lösegeld abzuholen. Die Räuber Holz und Bolz haben keine Lust, sich von der kleinen Majestät herumkommandieren zu lassen, und sperren sie in ihrem Zimmer ein.

Doch die Prinzessin denkt in ihrem Majestätsplural: „Zwölf Jahre haben wir eingeschlossen gelebt, jetzt reicht es. Dann gehen wir eben ohne Lakaien.“  (Seite 65) Sie klettert aus dem Fenster und macht sich auf den Heimweg. Es wird ein langer, gefahrvoller und schwieriger Weg, und die Prinzessin muß nun auch wirklich alles selber machen, u.a. Kerbel suchen, Zwiebeln schneiden, Tisch decken und abwaschen und sogar kellnern. Sie lernt Machtlosigkeit und Verzweiflung kennen, denn niemand glaubt ihren Beteuerungen, daß sie die vermißte Rote Prinzessin sei.

Während die Prinzessin barmherzige und unbarmherzige Erfahrungen mit dem „Rest der Welt“ macht, werden die drei Räuber gefangengenommen, eingekerkert und zum Tode verurteilt. Am Tag der Hinrichtung erreicht die Prinzessin die Hauptstadt, klettert aufs Schafott und rettet Schwanenstolz sowie Holz und Bolz das Leben. Nun endlich wird die Rote Prinzessin  „zum ersten Mal und für alle Zeit“(Seite 141) vom ganzen Volk gesehen.

Paul Biegel erzählt eine sehr vielschichtige und hintergründige Geschichte. Die naiv-selbstbewußte, mutige Unvoreingenommenheit, mit der sich die Rote Prinzessin auf den „Rest der Welt“ einläßt, ist sympathisch und faszinierend. Ihr trotzköpfiges Beharren auf die Anwendung des Pluralis majestatis ist eine heitere Quelle für zahlreiche wortspielerische Dialoge. Auch die anderen Charaktere werden menschenkenntnisreich-nuanciert dargestellt. Wer ist hier gut, wer ist hier böse, wer ist schlau und wer ist dumm? Der Deutungsspielraum bleibt sehr weit und offen.

Die abenteuerliche Spannung und die augenzwinkernde Ironie entstehen durch den häufigen Perspektivwechsel: Mal schauen wir von den Herrschenden auf das Volk, mal vom Volk auf die Herrschenden.

Aber am liebsten schauen wir durch die Augen der Prinzessin, denn die blickt – trotz aristokratischer Allüren  – vom Anfang bis zum Ende mit den Augen des Herzens in die Welt.

Die farbigen Illustrationen von  Linde Faas setzen den Erzähltext sehr einfühlsam und lebhaft in Szene und lassen zugleich genug Freiraum für die persönliche kindliche Vorstellungskraft.

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Linde Faas (geboren 1985 in Zeist, Niederlande) studierte Animation an der St. Joost-Kunstakademie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Auszeichnung ab und erhielt zudem verschiedene Preise bei internationalen Filmfestivals. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit dem Schwerpunkt Grafik und Zeichnung