Der Fluch des Wüstenwolfs

  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen  von Carl Hollander
  • Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
  • Verlag Urachhaus  Februar 2016   http://www.urachhaus.de
  • 189 Seiten
  • gebunden, Halbleinen
  • 16,90 € (D), 17,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7965-6
  • ab 10 Jahren
    Der Fluch des Wüstenwolfs-Titelbild

G O L D R A U S C H

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit der Geschichte vom unbestechlichen, vernunftbetonten Doktor Kroch, seinem treuherzigen Gehilfen Valet, den beiden dummheitsbegabten, gierigen Räubern Bunk und Unk, der anmutig-heiteren Sylvia und dem düster-tragischen Herzog von Wüstenwolf präsentiert Paul Biegel eine witzige Abenteuergeschichte, in der es zwischen den Zeilen so manchen tiefsinnigen, lebensweisen Schatz zu entdecken gibt.

Doktor Kroch rührt in seinem Laboratorium ein Gebräu zusammen und zitiert dabei die Anfangszeilen von Vergils Aeneis – notabene auf Latein, damit wir hier gleich wissen, wer hochgebildet ist. Valet, sein Knecht und Gehilfe, unterbricht die Konzentration des Doktors mit der Nachricht, daß eine schwere Kiste als Geschenk abgegeben worden sei.

Fluch des Wüstenwolfs Laboratorium

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

In der Kiste befindet sich ein veritabler Goldschatz: funkelnde, edelsteinbesetzte Armreifen, Ketten, Ringe, Becher, Schalen …  Valet ist sprachlos, und der Doktor fragt unwillig, was er mit dem Plunder solle und wer ihm solchen Kram schicke. Dann liest er den dazugehörigen Brief, in dem der Herzog von Wüstenwolf den „sehr geehrten Meister der Heilkunst“ um einen Hausbesuch bittet. Er möge ihn doch bitte vom Goldfieber, an dem er schon seit Jahrhunderten leide, kurieren und das mitgeschickte Gold als Anzahlung für deine Dienste akzeptieren.

Gleichgültig und kopfschüttelnd schiebt der Doktor das Gold in eine Ecke und widmet sich seinen Patienten, denn seine Sprechstunde hat begonnen. Weniger gleichgültig hat der Räuber Bunk die Inspektion der Kiste heimlich durchs Fenster beobachtet und schmiedet kurz darauf mit seinem Arbeitskollegen Unk raffinierte Pläne, wie sie sich diese vielversprechende Beute aneignen könnten.

Diese Pläne gehen grandios schief, führen jedoch Doktor Kroch zu der Erkenntnis, daß es mit dem Golde etwas Magisches auf sich hat; denn beim Blick in die goldene Schale wird das Gold durchsichtig und offenbart einen Blick auf die Burg Wüstenwolf. Nun ist des Doktors wissenschaftlicher Ehrgeiz geweckt, und er macht sich mit Valet, der den Schatz schleppen darf,  auf den Weg zur Burg. Die Räuber Bunk und Unk verfolgen sie in gewohnter Manier.

Fluch des Wüstenwolfs Bufett

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Unterwegs rasten sie in einem Kloster und erfahren dort, vom Fluch des Wüstenwolfs. Eindringlich werden sie vor den unheimlichen Kräften des Herzogs von Wüstenwolf gewarnt. Für den Doktor sind das abergläubische Lappalien, und die Reise geht weiter, nebst weiteren erfolglosen Raubversuchen der tollpatschigen Räuber.

Fluch des Wüstenwolfs Aufwachen

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Sie begegnen Sylvia, einer schönen, jungen Frau, die von einem Tanzfest auf einer prächtigen Burg zu berichten weiß und ihnen erklärt, daß sie mit Hilfe eines goldenen Ringes dorthin gelangt sei. Sie könne sich jedoch nicht erinnern, wie sie zurückgekehrt wäre, und überhaupt erschiene ihr das Ganze inzwischen etwas traumhaft. Sylvia schließt sich Doktor Kroch und Valet an, um das Geheimnis um Burg Wüstenwolf und ihre seltsamen nächtlichen Tanzausflüge zu lüften.

Die nächste Stadt, die sie erreichen, verfügt über eine Burgruine, und die Nachforschungen der Helden zur Person des Wüstenwolfs ergeben langsam einen verborgenen Sinn. Gleichwohl müssen sie alle miteinander noch einige spannende, sinnverwirrende und gefährliche Herausforderungen meistern, da die Ruine des Nachts zu gespenstischem Leben, illusionären Räumen, Geheimgängen, Wendeltreppen und unheimlichen Zeitverschiebungen erwacht. Und auch Bunk und Unk pfuschen mit ihren ständig mißlingenden diebischen Künsten dazwischen herum.

 

Fluch des Wüstenwolfs Über den Dächern

Illustration Carl Hollander © Verlag Urachhaus 2016

Doch mit den vereinten Kräften von Kopf (Doktor Kroch) und Herz (Sylvia und Valet) gelingt es, den Fluch unschädlich zu machen. Das heißt zwar auch, daß das Zaubergold sich gewissermaßen in Luft auflöst; aber wer braucht schon Gold, das ihm ohnehin nicht gehört?

Die Illustrationen von Carl Hollander begleiten und bereichern die phantasievolle Erzählung mit geheimnisvoll-atmosphärischen und amüsanten Bildern, wobei die Zeichnungen der unterschiedlichen architektonischen Kulissen ganz besonders romantisch gelungen sind.

Auch in diesem Kinderbuch zeigt sich Paul Biegels einfühlsam-augenzwinkernde und lebhaft-spannende Erzählerqualität, die ganz beiläufig schatzkistenweise Herzensbildung verteilt, ohne jemals zeigefingerig daher zu kommen.

 

Querverweis:

Ich habe alle deutschsprachigen Bücher von Paul Biegel rezensiert, thematisch schließen sich hier am trefflichsten Der Räuber Hupsika und Die Prinzessin mit den roten Haaren an:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/21/der-rauber-hupsika/
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/11/20/die-prinzessin-mit-den-roten-haaren

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) – der niederländische Michael Ende – gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckmann und Annie M.G. Schmidt zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem Silbernen  und  Goldenen Griffel.«

Der Illustrator:

»Carl Hollander (1934 – 1995) studierte an der Kunstakademie in Den Haag. Nach dem Examen erhielt er schnell erste Illustrationsaufträge. Seine Zeichnungen und Aquarelle erfreuten sich einer solchen Beliebtheit, dass er sich neben den Arbeiten für die Bücher Paul Biegels auch über die Kinderbücher Annie M.G. Schmidts und Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf einen Namen machen konnte.«

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Wie Tim am Strand ein Mädchen fand

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von
  • Ita Maria Neuer
  • Mit farbigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen
  • Verlag Urachhaus   August 2015   http://www.urachhaus.com
  • gebunden, Halbleinen
  • 158 Seiten
  • 15,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7949-6
  • ab 8 Jahren
    Wie Tim am Strand ein Mädchen fand

S T R A N D G U T    AHOI!

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die vielschichtigen Kinderbücher von Paul Biegel sind stets eine verlockende Einladung in einen faszinierenden Geschichten-Abenteuerspielplatz: Sie bieten Spaß, Spannung, Geheimnisse, Gefahren, Rätsel, Kraft- und Mutproben, phantasievolle Möglichkeiten zwischenmenschliche Erfahrungen sowie spielerische Anregungen und Übungen für Körper, Geist und Seele.

So macht auch der zwölfjährige Tim im vorliegenden Buch viele lebenslehrreiche, elementare Erfahrungen, die sein Denkvermögen, seine Eigenwilligkeit und Verwegenheit herausfordern, seine zwischenmenschliche Perspektive schärfen und sein Mitgefühl und sein Gerechtigkeitsempfinden schulen.

Tim entstammt einer echten Seefahrerfamilie. Sein Vater ist Kapitän eines Dreimasters, seine Brüder sind Seemänner und seine Schwestern Seefrauen. Tim mag das Meer, aber er mag nicht auf dem Meer sein – es ist ihm zu schaukelig.

Wie Tim-Dachboden

Alle hier abgebildeten Illustrationen sind von Annemarie van Haeringen ©

Die Familie bewohnt ein Haus, weit oben auf den felsigen Klippen bei Plymouth, und eine lange steinerne Treppe führt von dort aus direkt zum Strand. Alle ziehen Tim mit seiner „Seekrankheit“ auf, nur seine jüngste Schwester findet, daß er doch Leuchtturmbauer werden könne. Denn Tim liebt es, am Meer zu sein und aufs Meer zu schauen, und er sammelt täglich Strandgut auf.

Als er zwölf Jahre alt ist, findet seine Mutter, daß er alt genug sei, sich selbst zu versorgen, und daß sie nunmehr als Wäscherin auf einem Ozeanriesen anheuern könne. Jetzt ist Tim allein und muß sich selber seine Suppe kochen und auch noch das Haus sauberhalten. Doch unverzagt geht er erst einmal Strandgutsammeln und findet diesmal sogar etwas Abenteuerverheißendes: eine klassische, hölzerne Seemannskiste mit verschlossenem Schloß.

Das kann nur ein Piratenschatz sein, frohlockt Tim und schleppt das schwere Ding ins Haus. Da es ihm widerstrebt, das Schloß gewaltsam aufzubrechen, probiert er sämtliche Schlüssel aus, die sich im Haus befinden, und wundersamerweise paßt der kleine Schlüssel zur kleinen Dachbodenkammer exakt hinein, und das Schloß öffnet sich.

Es ist kein Schatz in der Truhe, sondern ein außergewöhnlich langausziehbares Seefahrer-Fernrohr. Als Tim damit aufs Meer schaut, sieht er zu seiner Verwirrung ein Wikingerschiff, was er zunächst nicht versteht. Denn wenn er ohne Fernrohr auf Meer hinausblickt, ist kein Wikingerschiff zu sehen. Im Fernrohr landen die Wikinger am Strand und vergraben etwas im Sand. Ohne Fernrohr ist der Strand ganz leer.

Mehr als zehn Fragezeichen tauchen in Tims Kopf auf, und erst am nächsten Tag schlußfolgert er, daß er ein Vergangenheits-Fernrohr gefunden hat. Das eröffnet ihm abenteuerliche Einsichten und Möglichkeiten …

Wie Tim-BibliothekWie Tim-Meerjunfrau getragen

 

 

 

 

 

 

 

 

Da Tim fein zwischen angebrachtem und unangebrachtem Gehorsam unterscheiden kann, gelingt es ihm, seinen fiesen Onkel Thaddäus (das schwarze Schaf der Familie), der sich einfach im Haus einnisten will, auszutricksen. Außerdem kann er eine echte Meerjungfrau retten und lernt die Licht- und die Schattenseiten dieser Meereswesen und ihres Schwarmverhaltens kennen.

Bei Frau Priscilla, einer anspruchsvollen Gouvernante mit strengem Dutt und goldenem Herzen, lernt er, besser zu denken, sich zu streiten und zu vertragen und Schatzkarten aufmerksam zu lesen. Er rettet ein unechtes Waisenmädchen vor dem Ertrinken und lernt Sein und Schein zu unterscheiden und daß die Beweislage für die Wahrheit vor Gericht eine knifflige Angelegenheit ist.

In lockerer episodischer Folge, mit skurrilem Humor, pädagogischem Augenzwinkern, tiefsinnigen Schattierungen und ironischer Märchenhaftigkeit erzählt Paul Biegel von den Bewährungsproben seines kleinen, gutherzigen Helden. Die farbigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen begleiten den Text mit ausdruckvoll heiteren und dramatischen Szenerien.

Wie Tim-Offene Arme

Alle hier abgebildeten Illustrationen sind von Annemarie van Haeringen ©

 

Querverweis:

Dieses Buch von Paul Biegel ergänzt sich seemannsgarnlich mit einem anderen Werk aus seiner Feder: „Das Große Buch vom kleinen KapitänHier ist der Link dazu: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/19/das-grose-buch-vom-kleinen-kapitan/

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel.«

Die Illustratorin:

»Annemarie van Haeringen, Jahrgang 1959, wuchs zwischen Katzen, Hunden, einem Pony und zahllosen anderen tieren auf. Daher, so glaubt sie, rührt ihre Vorliebe für Tiergeschichten. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und sie gehört zu den bedeutendsten Kinderbuchillustratorinnen der Niederlande. Mit Coco und das kleine Schwarze ist sie für den Deutschen Jugendliteraturpries 2015 nominiert.
Annemarie van Haeringen lebt und arbeitet in Amsterdam.«
http://www.annemarievanhaeringen.nl

 

 

Virgilius Tulle auf Tortenjagd

  • Der zweite Band der Tulle-Zwerge
  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen von Mies van Hout
  • Aus dem Niederländischen von Marie-Thérèse Schins
  • Verlag Urachhaus    Februar 2015                             http://www.urachhaus.de
  • 112 Seiten
  • gebunden, Halbleinen
  • 13,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7808-6
  • ab 6 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selbsterlesen
    Virgilius Tulle auf Tortenjagd

NICHT  KLEINZUKRIEGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Paul Biegels herzhafte Geschichtenmixtur aus heiterer Spannung, lebensweisen Charakterstudien und phantasievoller Dramaturgie bewährt sich auch in dieser Fortsetzung der Tulle-Zwerge ganz vorzüglich. Die 31 kurzen Kapitel mit ihrer wohlportionierten Erzählstruktur eignen sich hervorragend zum Vorlesen.

Die Illustrationen von Mies van Hout übersetzen den spielerisch-weisen Tonfall dieser Geschichte in warmherzig-pfiffige, farbenfrohe Bilder.

Im vorliegenden zweiten Band der „Tulle-Zwerge“ macht sich Virgilius, der abenteuerlustigste und dickste aus der großen Familie der kleinen Tulle-Zwerge, auf den Weg, eine Torte zu besorgen. Denn der Zwergenälteste, Ate, wird demnächst ungefähr tausend Jahre alt, und das muß einfach mit einer schönen Torte gefeiert werden.

Wer die Tulle-Zwerge noch nicht kennt, kann sich in meiner Besprechung des ersten Bandes der „Abenteuer der Tulle-Zwerge“ mit ihnen vertraut machen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/11/06/die-abenteuer-der-tulle-zwerge/

Während die anderen Zwerge Virgilius dringend davon abraten, sich in die Menschenwelt zu begeben, und zahlreiche mögliche Gefahren auflisten, läßt der weise alte Ate ihn gehen. Denn Virgilius ließe sich selbst von einem Riesen nicht aufhalten – wenn er einmal einen Plan in seinem kleinen Köpfchen hegt, wird er ihn auch ausführen.

Die Heimat der Tulle-Zwerge ist die Heide, und so läuft Virgilius lange, lange bis zu ihrem Rand. Dort picknickt gerade eine Menschenfamilie, und Virgilius findet, daß er sich doch ganz bequem von diesen Menschen in die Stadt tragen lassen könne. Er versteckt sich in einer Tasche und landet schließlich auf dem Küchentisch der Familie und wird ausgiebig bestaunt.

Nach einer kurzen und bündigen Lektion zum Thema höfliche Umgangsformen mit Zwergen und gegenseitiger artiger Namensvorstellung erzählt Virgilius von seiner Absicht, eine Torte zu besorgen. Die Familie ist zwar sehr verwundert über diesen forschen Zwerg, aber sie ist auch sehr hilfsbereit. Der Vater verspricht, eine Torte zu spendieren und diese zusammen mit Virgilius am nächsten Nachmittag am Rand der Heide abzuliefern.

Doch zuvor möchte der Sohn den Zwerg – als Naturfundstück – seinem Lehrer zeigen. Virgilius ist einverstanden und läßt sich zu diesem Zweck sogar in ein leeres Honigglas stecken und besichtigen. Doch damit beginnen die Komplikationen. Der Lehrer ist ganz aufgeregt angesichts dieses Wunders – da es ja angeblich gar keine Zwerge gibt – und informiert Presse, Radio und Fernsehen.

Virgilius ist empört und gibt im Presse und Fernseh-Interview patzige Antworten und wiederholt seinen schlichten Wunsch, eine Torte zu besorgen. Nun werden Torten über Torten an den Rand der Heide gelegt in der Hoffnung, daß sich dann die anderen Zwerge zeigten. Doch die versteckten Photographen warten vergeblich darauf, daß sich die viel besser versteckten Zwerge aus der Reserve locken lassen. Sie sind halt menschenscheu – und das zu Recht, wenn man nun erfährt, wie es mit Virgilius weitergeht.

Sieben Professoren untersuchen Virgilius „wissenschaftlich“, und diesem Forschungslabor entkommt er nur, weil er entführt wird. Sein Entführer fliegt mit Virgilius in ein fernes Land und verkauft ihn dort an eine alberne Prinzessin, die Virgilius in ihre Raritätensammlung aufnimmt. Obwohl sie dem Zwerg ein bequemes und wohlgenährtes Leben anbietet, ist er nicht glücklich und schmiedet raffinierte Fluchtpläne.

Es gelingt ihm, sich in ein frankiertes Postpacket zu schmuggeln, das er zuvor noch mit seiner Adresse beschriftet hat: „An Virigilius Tulle. Mitten auf der Heide. Luftpost.“ (Seite79) Leider reicht das Porto nicht für Luftpost, und so wird das Paket mit dem tapferen Zwerg auf dem Seeweg transportiert. Auf dem Schiff macht sich Virgilius auf die Suche nach etwas Eßbarem und tappt ahnungslos in eine Rattenfalle.

Der Matrose Jan findet den verriegelten Zwerg, und nach anfänglicher Irritation befreit er Virgilius und verköstigt ihn mit einem Ernußbutterbrot. Er erzählt Virgilius, daß sie einen Maschinenschaden haben, und die einzige „Kurbelwellenbefestigungsmutter“, die sie noch gehabt hätten, um die Kurbelwelle zusammen zu schrauben, sei leider ins Abflußrohr gefallen und unerreichbar. Naja, da kann ein kleiner Zwerg doch ziemlich nützlich sein, und Virgilius bietet großzügig seine Hilfe an.

Der Kapitän und die Mannschaft staunen nicht schlecht, als Jan ihnen ihren Retter präsentiert. Virgilius wird mit einem Sicherungsbindfaden abgeseilt und findet die Kurbelwellenbefestigungsmutter. Mit großem „Hurra“ wird Virgilius gewaschen und getrocknet, und er darf den Rest der Reise in der Kapitänskajüte wohnen.

Doch es ist schließlich der freundliche Matrose Jan, der Virgilius heimlich zurück an den Rand der heimatlichen Heide bringt – in einer köstlichen Geburtstagstorte verborgen – zur Freude und Feier aller endlich wiedervereinten Tulle-Zwerge.

Paul Biegel macht sich in diesem Buch augenzwinkernd über menschliche Schwächen lustig und zeigt Kindern anschaulich, wie relativ man Größe betrachten kann. Virigilius Tulle ist ein gutes Vorbild dafür, wie man sich trotz der eigenen Kleinheit selbstbewußt und authentisch in der großen, weiten Welt bewegt und tapfer sein Ziel erreicht.

Der kleine Zwerg ist ausgesprochen mutig und vorwitzig, gleichwohl kann er Gefahren richtig einschätzen und weiß, wann er vorsichtig sein muß. Er läßt sich von den Unverschämtheiten, die sich manche großen Menschen ihm gegenüber erlauben nicht kleinkriegen, und er erkennt schnell, welcher Charakter vertrauenswürdig ist und welcher nicht.

Doch nach den aufregenden Strapazen der Tortenjagd hat Virgilius erst einmal genug von zwergzwischenmenschlichen Begegnungen, und das kann wirklich jedes Kind verstehen…

Der eigenwillige Zwergenmut läßt Virgilius groß erscheinen, während die offensichtlichen menschlichen Eitelkeiten und „wissenschaftlichen“ Dummheiten manche Menschen ziemlich klein erscheinen lassen.

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006)  gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckmann und Annie M.G. Schmidt zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfaßte über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem »Silbernen« und » Goldenen Griffel «.

Die Illustratorin:

»Mies van Hout wurde 1962 in Eindhoven geboren. Sie ist ausgebildete Kunstpädagogin und studierte Grafisches Gestalten an der Akademie Groningen. Seit 1989 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin und Grafikerin. Sie hat bereits etliche Bilderbücher veröffentlicht und wurde für den Drentse cultuurprijs nominiert.«
http://www.miesvanhout.nl

 

 

Ich will so gerne anders sein

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von Herbert Kranz
  • Mit farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus August 2014                         www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 189 Seiten
  • 16,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7807-9
  • ab 7 Jahren
    9783825178079_10922.png Ich will so gerne anders sein

ZAUBERHAFTE  NACHHILFE  

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein kleiner Junge namens Robert sitzt an seinen Rechenhausaufgaben und müht sich vergeblich damit ab, das Einmaleins mit der Sieben aufzuschreiben. Überhaupt ist die Schule ein schwieriger und eher unerfreulicher Ort für ihn. Weil er die Frage, was denn einmal aus ihm werden solle, immer damit beantwortet, daß er anders werden will, nennen ihn schließlich alle »Anders«.

Im Frisörsalon seines Vaters schnappt er zufällig die Bemerkung eines Kunden auf, der Frau Buhl, eine heilkundige alte Frau, die am Dorfrande wohnt, abfällig als zauberkundige Hexe bezeichnet. Anders schöpft Hoffnung und bittet Frau Buhl schüchtern, aber sehr präzise, ob sie ihn „anders“ zaubern könne: „Ich möchte eben anders werden, als ich bin. Ich möchte keine Brille mehr tragen müssen. Ich möchte groß und stark sein. Und alles, was ich lernen muss, das möchte ich ganz leicht und fest im Kopf behalten.“ (Seite 8)

Die freundliche Frau Buhl erwidert, daß er sich für einen solchen Zauber an den Großen Zauberer wenden müsse. Er solle nachts am offenen Fenster bei Vollmondlicht das Einmaleins mit der Sieben aufsagen, und wenn ihm dies fehlerfrei gelänge, wäre ihm die Hilfe des Großen Zauberers gewiß.

Hochmotiviert übt Anders den ganzen Nachmittag.In der Nacht öffnet er sein Fenster und sagt dem Vollmond das Einmaleins mit der Sieben auf. Allerdings macht er schon bei zweimal sieben den ersten Fehler, und nach dem vierten Fehler hört er ein leises Lachen und sieht auf seiner Fensterbank ein weißgekleidetes, kleines Mädchen sitzen.

Das Mädchen heißt Federchen, weil sie so federleicht ist und mit dem Wind fliegen kann. Sie bietet Anders an, ihm das Einmaleins mit der Sieben beizubringen. Federchen sagt einmal „Huiii!“, und schon fliegt er mit ihr davon. Anders landet auf einer Wiese, und er ist plötzlich winzig klein und ganz allein, denn Federchen ist schon wieder weitergeweht worden.

Auf seinem Weg trifft er eine Waldameise, die ihn zum Ameisenhaufen bringt und dort sogleich in die Ameisenschule verfrachtet, weil er offenbar noch viel zu lernen hat. Mit dem Ameisenlehrstoff ist Anders natürlich völlig überfordert, aber angesichts einer Belagerung des Ameisenhaufens hat er eine raffinierte Idee zur Verteidigung und bekommt sogar eine Audienz bei der Ameisenkönigin.

Federchen kommt zurück und nimmt ihn fliegeflugs mit zu einer Mohnblüte. Dort bündelt er zusammen mit Brommel, einem freundlichen Hummelmann, die Staubgefäße zu Viererbündeln und lernt ganz anschaulich, daß vier mal sieben achtundzwanzig ergibt.

Anders trifft noch verschiedene andere Insekten, er wird von grünen Raupen eingewickelt, sieht einen Schmetterling aus seinem Kokon schlüpfen, wird von drei altjüngferlichen Schneckendamen unterrichtet, überlistet eine Spinne und singt einer Grille Lieder vor.

Er ist eine ganze Weile alleine unterwegs, während Federchen nach ihm sucht, und er ist viel tapferer und lebensklüger, als er je von sich gedacht hätte. Beiläufig ergeben sich auch immer wieder Gelegenheiten, die nächste Stufe des Einmaleins mit der Sieben durch Erfahrung zu lernen.

Beim Sommerabschieds-Konzert der Insekten, zu dem ihn die Grille, der er vorgesungen hat, mitnimmt, trifft er endlich wieder auf Federchen. Nun machen sie sich gemeinsam auf den weiteren Weg zum Großen Zauberer. Anders muß nur noch neun mal sieben lernen, denn zehn mal sieben kann er schon. Doch der Winter macht den beiden buchstäblich einen eisigen Strich durch die Rechnung.

Wieder werden sie getrennt, wieder findet Anders Zuflucht im Ameisenhaufen. Dort befindet sich ein Abschiedsbrief von Federchen, die ihm u.a. das Ergebnis von neun mal sieben vorsagt bzw. schreibt. Doch weil sie ihm vorgesagt hat, muß sie zur Strafe für immer in eine Feder bleiben. Anders hält traurig die Daunenfeder fest, in deren Gestalt das Mädchen nun gefangen ist.

Schließlich trägt ihn der Wind wieder zurück zu seiner Fensterbank, und hier sagt Anders endlich einwandfrei das Einmaleins mit der Sieben auf. Als der Große Zauberer erscheint, wünscht Anders sich nicht mehr, anders zu sein, sondern er wünscht sich von ganzem Herzen, daß Federchen in ihre Mädchengestalt zurückverwandelt wird.

Die Bitte wird ihm gewährt, und natürlich ist Anders durch seine kleine Heldenreise sowieso irgendwie anders geworden…

Paul Biegel ist ein Autor, der Kinder ernst nimmt und der noch genau weiß, wie sich ein Kind als Kind fühlt. Er erschließt Kindern einen Spielraum phantasievoller Schicksalserprobung, in dem leichte und schwere, dunkle und helle, einfache und komplexe Aspekte des Daseins erscheinen. Seine Geschichten sind ein Füllhorn witziger Weisheit, nachdenklicher Verspieltheit und augenzwinkernder Beziehungspsychologie.

Paul Biegel serviert Kindern keine leichte, seichte Süßkost, sondern eigenwillige, elementare, unergründliche und vielschichtige Lebensgeschmacksvielfalt.

Die Illustratorin Linde Faas findet eine märchenhaft-atmosphärische und facettenreiche Bilder- und Farbsprache, die sich dem Text und dem Erzählverlauf – je nach Bedarf – dramatisch, humorvoll, melancholisch, sensibel, spannend, warmherzig und zauberhaft anschmiegt.

Zum Ausklang möge das folgende Zitat die geistige Weite des besprochenen Kinderbuches andeuten:

» „Höre zu, Zweibein“, sagte sie, „der Verstand ist ein großes Netz mit viereckigen Maschen. Wir werfen es aus, um das Leben zu fangen, aber das Leben ist wie Wasser und nicht zu fassen. Alles, was wir erwischen sind Zahlen, und mit diesen Zahlen messen wir alles. Wir sagen: Messen ist Wissen, und wir messen alles. Aber in unserer Schule lernst du: Messen ist Vergessen. Merke dir den Reim:

Wisst: Wer nur zählt und misst,
der vergisst, dass Leben wie Wasser ist
.“ «   (Seite 97)

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Linde Faas (geboren 1985 in Zeist, Niederlande) studierte Animation an der St. Joost-Kunstakademie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Auszeichnung ab und erhielt zudem verschiedene Preise bei internationalen Filmfestivals. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit dem Schwerpunkt Grafik und Zeichnung

Die Gärten von Dorr

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von Hans-Joachim Schädlich
  • Mit farbigen Illustrationen
  • von Charlotte Dematons
  • Verlag Urachhaus März 2014                     http://www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 212 Seiten
  • 15,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7806-2
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
  • ab 9 Jahren zum Selberlesen
    9783825178062_10413.png Die Gärten von Dorr

B L U M E N H E R Z

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zu Beginn betreten wir eine Szene, die sich selbst verhüllt und die erst nach und nach ihre geheimnisvollen Zusammenhänge offenbart.

Ein Mädchen, das silberne Schuhe trägt, läßt sich in einem Schilfboot von einem böswilligen Zwerg über ein schwarzes Gewässer fahren. Sie will in die verlorene Stadt Dorr, und dort will sie die Gärten von Dorr finden. Der Torwächter erklärt ihr, daß in der Stadt schon lange nichts mehr wächst und daß alles Leben und alle Menschen ergraut und mehr oder weniger versteinert seien. Er rät ihr, umzukehren, um nicht ebenso traurig zu enden. Doch das Mädchen hat ein mächtiges Motiv, allen Gefahren zu trotzen, und sie betritt die Stadt Dorr.

Der Spielmann Jarrik ist dem Mädchen auf der Spur und läßt sich wenig später ebenfalls von dem unwirschen Zwerg über das dunkle Wasser fahren. Als Wegezoll verlangt er, daß Jarrik ihm unterwegs eine Geschichte erzählen soll.

So erfahren wir, daß das Mädchen mit den silbernen Schuhen eine Prinzessin ist, deren liebster Spielkamerad und Herzensgefährte der Gärtnerjunge war. Diese Kinderliebe wurde von der bösen Hexe Sirdis, die sich in die königliche Familie eingeschmeichelt hatte, gar nicht gern gesehen, und die Kinder spürten schon, daß ihnen Trennung drohe. Aus einem Wortspiel heraus erfanden sie sich neue Namen: Die Prinzessin heißt seitdem Verlier-mich-nicht, und der Gärtnerjunge heißt Komm-zurück.

Diese Namen werden schließlich bittere Wahrheit, denn Sirdis verwandelt den Jungen in eine Blume. Die Prinzessin wacht über die Blume und birgt das Samenkorn, in dem ein Herz schlägt, und bewahrt es in einem kleinen silbernen Döschen auf. Der Spielmann Jarrik ist ihr einziger Verbündeter, und er rät ihr, das väterliche Schloß zu verlassen und den Blumensamen besser fern von Sirdis Einflußbereich neu einzupflanzen.

Jahr um Jahr wächst die Blume, die ein Junge ist, heran und bildet ein neues Samenherz, Jahr um Jahr kümmert sich die Prinzessin aufopfernd um die Pflanze, in der Hoffnung, daß endlich wieder ein Mensch aus ihr hervorwächst.

Der Spielmann Jarrik findet inzwischen heraus, daß das Samenkorn in die Erde der Gärten von Dorr gepflanzt werden muß, um den Bann zu brechen. Als er dies dem Mädchen mitteilt, ist sie nicht mehr aufzuhalten.

In der Stadt Dorr begegnet die Prinzessin einer alten Frau und dem blinden Zauberer Aljassus, und diese erzählen ihr, wie es zu der schrecklichen Lebenserstarrung gekommen ist, die in der Stadt herrscht. Wo die Gärten von Dorr sind, können sie ihr jedoch auch nicht sagen, weil die Gärten zusammen mit allen jungen Männern der Stadt einfach verschwunden sind. Silberne Soldaten patrouillieren regelmäßig durch die Gassen, und wer ihnen in die Quere kommt, wird für viele Stunden in ein steinernes Standbild verwandelt.

Das Mädchen sucht unermüdlich weiter, liest in alten Stadtchroniken und ist schon ganz entmutigt, da sie kein Fleckchen Erde findet und erst recht keine Gärten. Als sie auf der Flucht vor einem silbernen Soldaten das nächstbeste Haus betritt, befindet sie sich in einem Hotel.

Der Hotelbesitzer ist hocherfreut, endlich wieder einen Gast beherbergen zu können, und gibt dem Mädchen ein Zimmer mit Aussicht auf den Innenhof. Stolz verweist der Hotelier auf das fein geharkte leere Rosenbeet, das einst die blühende Zier des Innenhofes war.

In der Nacht schleicht sich Verlier-mich-nicht in den Hof und pflanzt den Samen von Komm-zurück in die Erde des alten Rosenbeetes. Lebensmüde und verzweifelt nimmt sie Abschied von ihrer Hoffnung und begießt die Erde über dem Samenkorn mit Tränen.

Am nächsten Morgen beginnt die Erstarrung der Stadt zu bröckeln, Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg, Farben leuchten auf, Freude keimt, der Spielmann spielt, und die Stadtbewohner tanzen und singen mit ihm. Aus dem eingepflanzten Blumensamen ist über Nacht eine mannshohe Blume gewachsen, die sich vor den Augen der Prinzessin wieder in ihren geliebten Gärtner verwandelt.

Endlich ist die ganze Stadt vom bösen Zauber erlöst, und alle Verlorenen finden glücklich wieder zueinander.

Soweit meine stark gekürzte und vereinfachende Zusammenfassung der „Gärten von Dorr“. Paul Biegel hat diese Geschichte kunstvoll aus vielen ineinander verschachtelten Geschichten zusammengefügt und das schwermütige Thema der Liebestrennung mit Hilfe der heiteren, wortspielerischen Lieder und Verse des Spielmanns Jarrik aufgelockert. Der Autor läßt neben den Sympathieträgern richtig finstere Charaktere in Erscheinung treten. Trotz der märchenhaften Erzählweise ist dieses Buch in keinster Weise süßlich, sondern es gibt Licht und Schatten Raum und läßt – durchaus lebensweise – manches in der Schwebe des Angedeuteten.

Wer sucht, der findet. Aber nicht immer das, was er sucht.“ (Seite 67)

Die Illustrationen von Charlotte Dematons geben die Vielschichtigkeit dieser Geschichte feinsinnig wieder. Das Farbspektrum von ganz düster-schattig bis leuchtend-licht-bunt und die feinen Figurenzeichnungen werden der geheimnisvollen und unergründlichen Atmosphäre ausdrucksvoll gerecht.

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Charlotte Dematons, geboren 1957, studierte Kunst in Amsterdam. Sie hat bereits viele Kinderbücher illustriert und erhielt unter anderem für die Märchen der Brüder Grimm 2006 den »Silbernen Pinsel«, eine der höchsten Auszeichnungen für Kinderbuchillustration in den
Niederlanden. Sie lebt in Haarlem

Der Räuber Hupsika

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von
  • Eva Schweikart
  • s/w Illustrationen von Carl Hollander
  • Verlag Urachhaus 2011                                http://www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 128 Seiten
  • 12,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7801-7
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen
    9783825178017_7441.png Räuber Hupsika

EIN  EHRLICHER  RÄUBER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Als erwachsene Leser kennen wir die Umverteilung des Geldes von unten nach oben zur Genüge; da ist es erholsam und inspirierend, den Helden eines Kinderbuches dabei zu erleben, wie er Geld von oben nach unten verteilt.

Die Geschichte vom Räuber Hupsika hat eine sehr flotte, wendige und heiter-spannende Handlung, die auf entsprechend quirlige Weise erzählt wird. Hupsika ist ein herzhafter, schelmischer Held: empfindsam, mutig, munter, klug und verspielt.

Der Räuber Hupsika überfällt nur die Kutschen reicher Leute, bittet die Herrschaften höflich um ihr Geld und bedankt sich mit einer tadellosen Verbeugung für die Beutel voller Goldgulden und Silberdukaten. Dann reitet er mit seinem treuen Pferd in sein geheimes Haus, bekommt angesichts des Portraits seiner verstorbenen Mutter regelmäßig ein schlechtes Gewissen und verschenkt das Geld an die Armen.

Eines Tages pflückt er sich wieder Geldbeutel aus einer noblen Kutsche. Einer der reichen Herren wagt die Frage, ob Hupsika, da er doch so ein geschickter Räuber sei, vielleicht seine weggelaufene Tochter aus der Gewalt eines Schurken namens Eisengriff befreien könne. Nachdem Hupsika gemeinsam mit dem Vater einige Tränen über die Gefangenschaft von Tochter Josefine vergossen hat, werden sie handelseinig: Hupsika soll Josefine aus Eisengriffs Burg herausstehlen, und zur Belohnung erhält Hupsika tausend Goldgulden.

Frohgemut erzählt Hupsika dem Portrait seiner Mutter, daß er nun einer ehrlichen Arbeit nachgehe, und macht sich auf den Weg. Dank seiner Geschicklichkeit gelingt es Hupsika, die eigentlich uneinnehmbare Burg Eisengriff zu betreten und Josefine zu erblicken. Er verliebt sich augenblicklich und ist durch sein Räuberherzklopfen so sehr ablenkt, daß er von Eisengriffs Kriegsknechten überwältigt wird und unsanft im Kerker landet.

Eisengriff teilt ihm noch höhnisch mit, daß er nun für ein halbes Jahr mit Josefine verreisen werde, und wenn sie zurückkämen, wäre Hupsika wohl schon verhungert. Doch Hupsika gibt nicht so schnell auf. Mit einer lustigen List gelingt ihm die Flucht aus dem Kerker, und er nimmt die Verfolgung von Eisengriffs Kutsche auf.

Er scheut keine Gefahr, er verkleidet sich als Vogelscheuche, spielt wagemutige Glücksspiele und findet beiläufig einen Schatz. Mit beträchtlicher akrobatischer Wendigkeit rettet sich Hupsika aus mancher Bedrängnis, und solange er seine silbernen Sporen an den Stiefeln hat, kann ihn auch keine Fessel lange fesseln.

Das Einzige, was ihn fesselt, ist der Blick in die Augen Josefines, da wird ihm „ganz weich ums Herz, wie schmelzende Schokolade“. (Seite 39) Nach einigen wechselseitigen Verfolgungsrunden kann der Räuber Josefine endlich befreien. Hupsika pfeift auf die Belohnung und bittet erfolgreich um Josefines Hand.

So, erledigt“, sprach der Räuber und klopfte sich die Hose sauber, „jetzt noch schnell heiraten, und dann komme ich endlich wieder mal dazu, in Ruhe ein Buch zu lesen.“ (Seite 137)

Das ist doch mal Leseförderung, wie sie im Buche steht; hier zeigt sich der Autor als ebenso schelmisch wie sein Räuber Hupsika.

Die Schwarz-weiß-Zeichnungen von Carl Hollander setzen die turbulente Handlung lebhaft und fröhlich in Szene.

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Der Illustrator:

»Carl Hollander ( 1934 – 1995) stammte aus Amsterdam. Er war u.a. Dozent an der Amsterdamer Rietveld Academie und illustrierte mehr als hundert Kinderbücher, darunter die Pippi Langstrumpf-Serie von Astrid Lindgren, zahlreiche Bücher von Paul Biegel, Annie M.G. Schmidt und An Rutgers van der Loeff. Er arbeitete gern mit Feder und Tusche, Bleistift, Buntstift und Aquarelltechniken. Durch ihre feinen, liebevoll ausgearbeiteten Details wirken seine lllustrationen besonders lebensnah und frisch. «

 

 

 

 

Das große Buch vom kleinen Kapitän

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von Frank Berger
  • Mit farbigen und schwarz-weißen Illustrationen
  • von Carl Hollander
  • Verlag Urachhaus 2011                           http://www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 400 Seiten
  • 17,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7800-0
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen
    Das große Buch vom kleinen Kapitän_7123

 

STURMERPROBT  UND  MEERGEWANDT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der kleine Kapitän wohnt auf seinem kleinen Dampfschiff „Nieleck“, das nach einem Sturm auf einer Düne gestrandet ist. Seine Herkunft bleibt ungewiß, aber das erhöht nur den Reiz, den er für andere Kinder hat. Diese helfen ihm begeistert, sein Schiff mit allerlei Improvisationsfundstücken wieder seetüchtig zu machen. Alle wollen mit ihm zu der „Insel, wo alles wächst und gedeiht“, weil man dort über Nacht groß und erwachsen wird.

Als es schließlich so weit ist, mit der nächsten hohen Welle in See zu stechen, begleiten den kleinen Kapitän drei Kinder: Tonne, Martinka und Heini Hasenfuß. Tonne betätigt als lebender Blasebalg den Kanonenofen, Martinka backt in der Kombüse endlose Pfannkuchen, Heini Hasenfuß schrubbt das Deck blitzeblank, und der kleine Kapitän steht „breitbeinig hinter dem Steuerrad und hat seine Augen fest auf den Horizont gerichtet“.

Die Reise ist abenteuerlich, aber der kleine Kapitän steuert sein Schiff unerschütterlich durch alle Gefahren und Hindernisse, und auch die mitreisenden Kinder leisten, jedes nach seinen Fähigkeiten (und Unfähigkeiten), wichtige Beträge zum Erfolg.

Auf der Insel finden die Kinder einen Schiffbrüchigen, Seemann Rolf, und sie erfahren, daß das mit dem Über-Nacht-Großwerden nur eine vorübergehende Erscheinung ist, die sich beim Verlassen der Insel wieder verflüchtigt. Zusammen mit dem Schiffbrüchigen steuern sie wieder den heimischen Hafen an, aber vorher entdecken sie noch eine Vulkan-Insel mit ausgesetzten Zirkustieren und einem weiteren Schiffbrüchigen, Seemann Hinrich.

Nun werden die Kinder von zwei erfahrenen Matrosen begleitet, und sie besuchen eine geisterhafte Stadt, die auf Stelzen im Meer steht. Dort herrscht der gräuliche König Unwirsch, den die Kinder mit einer klugen, dramatischen Inszenierung in einen netten, farbenfrohen Herrscher verwandeln. Nebenbei gabeln sie den dritten Schiffbrüchigen auf, den Matrosen Schlummermann.

Doch der Weg nach Hause ist noch weit, und Hindernisse wie Meeresstrudel, Unterwassergärten sowie Ebbe- und Flut-Schleusen werden tapfer überwunden. Ein irreführender Leuchtturm lockt sie zum „Land des Wahns und der Weisheit“, wo die Kinder sieben verrückte Prüfungen absolvieren müssen.

Sie kreuzen ein Geisterschiff, das von dem verfluchten Piraten Schrubbebein gesteuert wird, und mit dessen unfreiwilliger Hilfe finden sie die sieben gestohlenen Schatzkisten, denen der Pirat seine Verfluchung verdankt. Um diese Schätze den rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben, sind weitere Umwege nötig – einmal geht es sogar zu Land durch die Wüste.

Der kleine Kapitän und seine Besatzung ernähren sich zwar die ganze Zeit etwas einseitig von selbstgebackenen Pfannkuchen, doch dafür sind die Begegnungen und Wagnisse, denen sie sich aussetzten, ausgesprochen vielseitig.

Mit vereinten Kräften meistern sie alle Herausforderungen, und nachdem die Kinder das Meer vom Tiefen Süden über den Stürmischen Westen bis in den Hohen Norden durchquert haben, kehren sie sturmerprobt und wohlbehalten in den heimatlichen Hafen zurück.

Die zahlreichen bunten und schwarz-weißen Zeichnungen – viele davon ganz- und doppelseitig – fügen sich harmonisch in den Text ein, und sie decken das ganze Spektrum von dramatischer Gefahr, lustigem Erstaunen, gruseligem Schauder und behaglicher Gemütlichkeit ab.

Neben den exotischen Landschaften, märchenhaften Gebäuden, unterschiedlichen Meeresstimmungen und tollen Segelschiffdarstellungen gibt Carl Hollander auch den menschlichen Figuren charakterstarke, ausdrucksvolle Gesichter, so daß man sie stets auf jedem Bild wiedererkennen und zuordnen kann.

„Das große Buch vom kleinen Kapitän“ ist in Wort und Bild ein spannendes und kindgerechtes Seemannsgarn-Geschichtenbuch zum Vorlesen und zum Selberlesen.

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Der Illustrator:

»Carl Hollander ( 1934 – 1995) stammte aus Amsterdam. Er war u.a. Dozent an der Amsterdamer Rietveld Academie und illustrierte mehr als hundert Kinderbücher, darunter die Pippi Langstrumpf-Serie von Astrid Lindgren, zahlreiche Bücher von Paul Biegel, Annie M.G. Schmidt und An Rutgers van der Loeff. Er arbeitete gern mit Feder und Tusche, Bleistift, Buntstift und Aquarelltechniken. Durch ihre feinen, liebevoll ausgearbeiteten Details wirken seine lllustrationen besonders lebensnah und frisch. «

Eine Nachtlegende

  • von Paul Biegel
  • Mit Illustrationen von Charlotte Dematons
  • Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
  • Verlag Urachhaus   August 2013                              http://www.urachhaus.de
  • ISBN 978-3-8251-7805-5
  • 183 Seiten, gebunden, Halbleinen
  • 15,90 €
  • ab 8 Jahren
    9783825178055_Eine Nachtlegende

NACHTSCHATTENGEWÄCHSE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mein lieber kleiner Kobold, dies hier ist eine gehaltvolle Geschichte, die weder Tod noch Leben scheut!

Es fängt ganz gemütlich an: Auf dem Dachboden einer alten Villa hat sich der gutmütige Hauskobold in einem ausrangierten Puppenhaus eingerichtet. Des Nachts macht er seinen Rundgang durch das Haus und achtet darauf, daß alles seine Ordnung hat, daß alle Kerzen gelöscht sind und alle Türen verschlossen, und  er zupft sogar die Falten aus dem Teppich, damit die einzige verbliebene menschliche Bewohnerin der Villa – eine alte Dame – nicht stolpert und stürzt.

Jeden Samstagabend bekommt der Kobold Besuch von den Kellerbewohnern Kröte und Ratte. Der Kobold ist ein guter Gastgeber und serviert echten Tee, und sie spielen Karten miteinander. Kröte und Ratte sind recht unhöfliche Gäste und streiten unentwegt über alles und nichts. Eigentlich mag der Kobold sie gar nicht mehr empfangen, aber er kann einfach nicht Nein sagen.

In einer dunklen, stürmischen Novembernacht weht es so heftig, daß der Wind sogar die Kerzenflamme im Puppenhaus ausbläst; zugleich klopft es an die Tür des Kobolds, und ein ihm unbekanntes Stimmchen bittet um Einlaß.

Der unbekannte Gast ist eine sanft schimmernde, tropfnasse, windzerzauste Fee, die um ein Nachtquartier bittet. Der Kobold hegt zwar Mißtrauen gegenüber Feen und ihre angeblichen Zauberkräfte, aber er hat auch spontanes Mitgefühl für dieses so verletzlich wirkende kleine Wesen. Also beherbergt er sie, entzündet die Kerze neu, damit sich die Fee aufwärmen und trockenen kann, und richtet ihr das Sofa als Schlafplatz ein. Dankbar nimmt die Fee seine Gastfreundschaft an.

In dieser  Nacht findet der Kobold keinen Schlaf, da sein Gedankenkarussell, beladen mit widersprüchlichen Empfindungen und Gedanken, kreist und kreist. Seine Angst rät ihm dazu, die  Fee gleich am nächsten Tag fortzuschicken, seine Neugier hingegen würde gerne mehr über die Fee erfahren, und sein Herz ist – auch wenn er es sich noch nicht eingesteht – schon längst berührt.

Doch am nächsten Tag ist die Fee verschwunden, und der Kobold ist zunächst erleichtert, dann aber vermißt er sie, und es gelingt partout nicht, nicht an die Fee zu denken.

Am Abend ist die Fee plötzlich wieder da, und der Kobold erhält seine erste Lektion in Feenkunde: Feen schlafen tagsüber und sind im Schlafzustand unsichtbar! Dem Kobold ist das unheimlich und faszinierend zugleich, und schon führen die aufgeworfenen Fragen und Antworten dazu, daß die Fee beginnt, ihre Geschichte zu erzählen.

Nacht für Nacht unterbricht die Fee ihre Erzählung natürlich stets an einer dramatischen Stelle, und der Kobold verschiebt immer wieder seinen Vorsatz zur Verabschiedung der Fee.

Die Fee hat  einen sehr langen, abenteuerlichen und gefährlichen Weg hinter sich, auf dem ihr gute und böse Wesen begegnet sind, Heilung und Verletzung, Krieg und Frieden. Sie verfügt auch gar nicht über Zauberkräfte – wenn man von der bezaubernden Wirkung ihrer freundlich-lieblichen, zugewandten Wesensart absieht – tatsächlich hat sie erst ein einziges Mal und nur in der selbstlosen Absicht, ein Menschenkind vor dem Tode zu bewahren, einen hilfreichen Zauber bewirkt. Auch ihre eigenen zerrupften Flügel kann sie nicht wieder flugtüchtig machen, so daß sie ganz irdisch zu Fuß gehen muß.

Kröte und Ratte bleibt der neue Gast des Kobolds nicht verborgen, und sie bemühen sich, gegen die Fee zu intrigieren. Jedoch werden sie schließlich lebhaft eines Besseren belehrt, als die Fee ihnen allen das Leben rettet.

Paul Biegel hat mit der „Nachtlegende“ eine  Geschichte geschrieben, die märchenhafte und mythische Elemente enthält und besonders in den Charakterdarstellungen und der Beziehungsentwicklung der Charaktere schmunzlerisch emotionale Untiefen auslotet.

Die Illustrationen von Charlotte Dematons – meist in geheimnisvoll-blauschattigen Farbtönen gestaltet – geben die Atmosphäre des Textes sehr gut und eindringlich wieder.

Besonders hervorheben möchte ich, daß es sich hier um eine Erzählung handelt, die das Leben bejaht, ohne den Tod zu verneinen. Das kommt in Kinderbüchern selten in einer solch anschaulichen Tiefsinnigkeit vor.

Mir fällt dazu nur ein vergleichbares und leider vergriffenes Kinderbuch ein: „Die wundersame Reise der kleinen Sofie“ von Els Pelgrom (illustriert von The Tjong Khing). Es kann kein Zufall sein, daß beide Bücher mit dem  » Goldenen Griffel «   –  dem bedeutendsten niederländischen Jugendliteraturpreis  –  ausgezeichnet worden sind.

 

Der Autor:

Paul Biegel (1925 – 2006) – der niederländische Michael Ende – gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckmann und Annie M.G. Schmidt zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfaßte über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem  » Silbernen «  und  » Goldenen Griffel «.

Die Illustratorin:

»Charlotte Dematons, geboren 1957, studierte Kunst in Amsterdam. Sie hat bereits viele Kinderbücher illustriert und erhielt unter anderem für die Märchen der Brüder Grimm 2006 den »Silbernen Pinsel«, eine der höchsten Auszeichnungen für Kinderbuchillustration in den
Niederlanden. Sie lebt in Haarlem.«

Die Prinzessin mit den roten Haaren

  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Aus dem Niederländischen von Siegfried Mrotzek
  • Verlag Urachhaus  2013                                                   http://www.urachhaus.de
  • ISBN 978-3-8251-7804-8
  • 147 Seiten, gebunden mit Halbleinen
  • 14,90 €
  • ab 8 Jahren
  • Meine Empfehlung:
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
    9783825178048_Prinzessin mit den roten Haaren

H  E  R  Z  E  N  S  R  Ä  U  B  E  R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Prinzessin mit den roten Haaren lebt vom „Rest der Welt“ weitgehend isoliert hinter den Mauern des Weißen Turmpalastes und kennt nur ihre Eltern, ihre Großmutter, zwei Hofdamen und drei Lakaien. Das Volk weiß über seine Prinzessin nur, daß sie feuerrote Haare hat und nennt sie deshalb „Rote Prinzessin“.

Zur Feier ihres zwölften Geburtstages sollen die Prinzessin und das Volk einander zum ersten Male begegnen. Aber es kommt ganz anders als geplant. Denn das Volk mag sich vielleicht regieren lassen, aber nicht die drei verwegenen Räuber, welche die Prinzessin mitsamt zwölfpferdiger Kutsche und inklusive Hofdamen einfach entführen, kaum daß die Kutsche das Palasttor verlassen hat.

Die allgemeine Aufregung ist groß, und die königlichen Eltern sind außer sich vor Sorge. Nur die königliche Großmutter, die in mehrfacher Hinsicht über Weitblick verfügt, bleibt besonnen und handlungsfähig. Sie heckt einen Verfolgungsplan aus und trifft Vorbereitungen für eine speziell getarnte soldatische Sondereinheit.

Nach einer Weile kehren die freigelassenen Hofdamen, vom ungewohnten Fußmarsch ramponiert und strapaziert, zum Palast zurück und überbringen einen Brief mit der Lösegeldforderung der Räuber:

» König «, stand da.  » Sie bekommen die Prinzessin nur wieder, wenn Sie zwölf Pfund Gold und zwölf Pfund Silber am Rand des Knorrenwaldes hinterlegen. Am liebsten in Säcken und in fünf Tagen.
In Erwartung verbleiben wir,
die Räuber Holz, Bolz und
Schwanenstolz. «
 (Seite 16)

Doch das Schlimmste, was die Hofdamen zu berichten wissen, ist folgendes: Die Prinzessin hat mit Begeisterung bei den Räuberliedern der Räuber mitgesungen und ist freudig von der Kutsche auf ein Räuberpferd umgestiegen und abenteuerlustig mit ihren Entführern in die Wildnis fortgeritten.

Das Volk wird informiert – schließlich läßt der König für die Lösegeldforderung beim Volk einsammeln -, und alle machen sich Sorgen und stellen die unterschiedlichsten und wirrköpfigsten Vermutungen an.

Drei Tage reitet die Prinzessin mit den Räubern Holz, Bolz und Schwanenstolz durch wilde Landschaften, bestaunt die unvermutete Ausdehnung der Welt und nimmt verwundert zur Kenntnis, daß die Räuber alles selber machen können und ganz ohne Personal zurechtkommen. Furchtlos und aufmüpfig majestätisch besteht sie darauf, daß die Räuber sie stets mit „Königliche Hoheit“  und im Pluralis majestatis anzusprechen haben.

Zudem fordert sie auch einige blaublütige Bequemlichkeiten, die der Räuber Schwanenstolz diplomatisch an die bescheiden vorhandenen Möglichkeiten anpaßt. Nach Ankunft in der Räuberzuflucht futtert sie mit den Räubern Möhreneintopf und verlangt eine Gutenachtgeschichte, bevor sie von Schwanenstolz einen halben stoppelschmatzigen Gutenachtkuß auf die Stirn bekommt und endlich einschläft.

Am nächsten Tag macht sich Schwanenstolz allein auf den Weg, das Lösegeld abzuholen. Die Räuber Holz und Bolz haben keine Lust, sich von der kleinen Majestät herumkommandieren zu lassen, und sperren sie in ihrem Zimmer ein.

Doch die Prinzessin denkt in ihrem Majestätsplural: „Zwölf Jahre haben wir eingeschlossen gelebt, jetzt reicht es. Dann gehen wir eben ohne Lakaien.“  (Seite 65) Sie klettert aus dem Fenster und macht sich auf den Heimweg. Es wird ein langer, gefahrvoller und schwieriger Weg, und die Prinzessin muß nun auch wirklich alles selber machen, u.a. Kerbel suchen, Zwiebeln schneiden, Tisch decken und abwaschen und sogar kellnern. Sie lernt Machtlosigkeit und Verzweiflung kennen, denn niemand glaubt ihren Beteuerungen, daß sie die vermißte Rote Prinzessin sei.

Während die Prinzessin barmherzige und unbarmherzige Erfahrungen mit dem „Rest der Welt“ macht, werden die drei Räuber gefangengenommen, eingekerkert und zum Tode verurteilt. Am Tag der Hinrichtung erreicht die Prinzessin die Hauptstadt, klettert aufs Schafott und rettet Schwanenstolz sowie Holz und Bolz das Leben. Nun endlich wird die Rote Prinzessin  „zum ersten Mal und für alle Zeit“ (Seite 141) vom ganzen Volk gesehen.

Paul Biegel erzählt eine sehr vielschichtige und hintergründige Geschichte. Die naiv-selbstbewußte, mutige Unvoreingenommenheit, mit der sich die Rote Prinzessin auf den „Rest der Welt“ einläßt, ist sympathisch und faszinierend. Ihr trotzköpfiges Beharren auf die Anwendung des Pluralis majestatis ist eine heitere Quelle für zahlreiche wortspielerische Dialoge. Auch die anderen Charaktere werden menschenkenntnisreich-nuanciert dargestellt. Wer ist hier gut, wer ist hier böse, wer ist schlau und wer ist dumm? Der Deutungsspielraum bleibt sehr weit und offen.

Die abenteuerliche Spannung und die augenzwinkernde Ironie entstehen durch den häufigen Perspektivwechsel: Mal schauen wir von den Herrschenden auf das Volk, mal vom Volk auf die Herrschenden.

Aber am liebsten schauen wir durch die Augen der Prinzessin, denn die blickt – trotz aristokratischer Allüren  – vom Anfang bis zum Ende mit den Augen des Herzens in die Welt.

Die farbigen Illustrationen von  Linde Faas setzen den Erzähltext sehr einfühlsam und lebhaft in Szene und lassen zugleich genug Freiraum für die persönliche kindliche Vorstellungskraft.

 

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Linde Faas (geboren 1985 in Zeist, Niederlande) studierte Animation an der St. Joost-Kunstakademie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Auszeichnung ab und erhielt zudem verschiedene Preise bei internationalen Filmfestivals. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit dem Schwerpunkt Grafik und Zeichnung

 

 

Eine Geschichte für den König

  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Aus dem Niederländischen von Lotte Schaukal
  • Verlag Urachhaus  2012                                              http://www.urachhaus.de
  • 160 Seiten
  • gebunden, Halbleinen
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7803-1
  • ab 8 Jahren
    9783825178024_Abenteuer der Tulle-Zwerge

L E I S E    W E I S E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul©

Geschichten als Lebenselixier – das ist ein beliebtes und ergiebiges Märchenmotiv, so auch in „Eine Geschichte für den König“.

Der uralte König Mansolin lebt in einer Burg unter den Kupfernen Bergen und führt ein ruhiges Leben zusammen mit seinem letzten Gefährten und Diener, einem Hasen, der des Nachts auf dem langen, langen weißen Bart des Königs schläft.

König Mansolin ist fast tausend Jahre alt, und der Hase sorgt sich um die Gesundheit seines Königs. Er läßt den Wunderdoktor kommen, der feststellt, daß des Königs Herz aus dem Takt geraten ist und gewissermaßen wie ein Uhrwerk neu aufgezogen werden muß.

Das einzige materielle Mittel zu dieser Heilung ist das Schlüsselkraut. Doch dies zu finden ist zeitaufwendig, und der Doktor bezweifelt, daß er schnell genug mit dem Heilmittel zurückkehren kann. Für die Zwischenzeit empfiehlt er, daß der König jeden Abend eine spannende, herzklopfenförderliche Gutenachtgeschichte zu hören bekommen soll.

Betrübt antwortet der Hase, daß er dem König schon alle Geschichten, die er kenne, erzählt habe. Daraufhin beschließt der Wunderdoktor, sich sogleich auf den Weg zum Schlüsselkraut zu machen und unterwegs jeden, den er trifft, zu bitten, mit einer Geschichte zum König zu eilen.

Schon am ersten Abend klopft ein Wolf ans Burgtor und bringt eine Geschichte für den König mit. Und so geht es Tag für Tag weiter, stets kommen große, kleine, gefährliche und possierliche Tiere zur Kupfernen Burg, erweisen König Mansolin die Ehre und schenken ihm ihre Geschichten. Nach und nach füllen sich die Gästezimmer, und es kommen sogar ein dreiköpfiger Drache und ein mürrischer Zwerg hinzu.

So unterschiedlich, wie die Gäste sind, so verschieden sind auch ihre Geschichten. Das Spektrum ist vielfältig: abenteuerlich, alltäglich, geheimnisvoll, lebensklug, naiv, gruselig, niedlich, sagenhaft, ernst oder lustig.

Die Geschichtenmedizin tut ihre Wirkung und hilft dem König durchzuhalten, bis der Wunderdoktor mit dem Schlüsselkraut wiederkommt. Danach beginnt für den wahrlich herzerquickten König Mansolin und seine Geschichtengäste ein neues, langes, märchenhaftes Leben.

„Eine Geschichte für den König“ ist ein schönes, tiefsinniges Vorlesebuch, mit einer wohlportionierten Erzählstruktur, bereichernd geschmückt mit den sehr stimmigen und empfindsamen Bildern von Linde Faas.

Besonders ansprechend finde ich, daß sich die vielen einzelnen Geschichten am Ende zu einem zusammenhängenden Ganzen fügen, wie ein buntes Märchenmosaik.

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Linde Faas (geboren 1985 in Zeist, Niederlande) studierte Animation an der St. Joost-Kunstakademie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Auszeichnung ab und erhielt zudem verschiedene Preise bei internationalen Filmfestivals. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit dem Schwerpunkt Grafik und Zeichnung