Die Prinzessin mit den roten Haaren

  • von Paul Biegel
  • Mit farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Aus dem Niederländischen von Siegfried Mrotzek
  • Verlag Urachhaus  2013                                                   http://www.urachhaus.de
  • ISBN 978-3-8251-7804-8
  • 147 Seiten, gebunden mit Halbleinen
  • 14,90 €
  • ab 8 Jahren
  • Meine Empfehlung:
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
    9783825178048_Prinzessin mit den roten Haaren

H  E  R  Z  E  N  S  R  Ä  U  B  E  R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Prinzessin mit den roten Haaren lebt vom „Rest der Welt“ weitgehend isoliert hinter den Mauern des Weißen Turmpalastes und kennt nur ihre Eltern, ihre Großmutter, zwei Hofdamen und drei Lakaien. Das Volk weiß über seine Prinzessin nur, daß sie feuerrote Haare hat und nennt sie deshalb „Rote Prinzessin“.

Zur Feier ihres zwölften Geburtstages sollen die Prinzessin und das Volk einander zum ersten Male begegnen. Aber es kommt ganz anders als geplant. Denn das Volk mag sich vielleicht regieren lassen, aber nicht die drei verwegenen Räuber, welche die Prinzessin mitsamt zwölfpferdiger Kutsche und inklusive Hofdamen einfach entführen, kaum daß die Kutsche das Palasttor verlassen hat.

Die allgemeine Aufregung ist groß, und die königlichen Eltern sind außer sich vor Sorge. Nur die königliche Großmutter, die in mehrfacher Hinsicht über Weitblick verfügt, bleibt besonnen und handlungsfähig. Sie heckt einen Verfolgungsplan aus und trifft Vorbereitungen für eine speziell getarnte soldatische Sondereinheit.

Nach einer Weile kehren die freigelassenen Hofdamen, vom ungewohnten Fußmarsch ramponiert und strapaziert, zum Palast zurück und überbringen einen Brief mit der Lösegeldforderung der Räuber:

» König «, stand da.  » Sie bekommen die Prinzessin nur wieder, wenn Sie zwölf Pfund Gold und zwölf Pfund Silber am Rand des Knorrenwaldes hinterlegen. Am liebsten in Säcken und in fünf Tagen.
In Erwartung verbleiben wir,
die Räuber Holz, Bolz und
Schwanenstolz. «
 (Seite 16)

Doch das Schlimmste, was die Hofdamen zu berichten wissen, ist folgendes: Die Prinzessin hat mit Begeisterung bei den Räuberliedern der Räuber mitgesungen und ist freudig von der Kutsche auf ein Räuberpferd umgestiegen und abenteuerlustig mit ihren Entführern in die Wildnis fortgeritten.

Das Volk wird informiert – schließlich läßt der König für die Lösegeldforderung beim Volk einsammeln -, und alle machen sich Sorgen und stellen die unterschiedlichsten und wirrköpfigsten Vermutungen an.

Drei Tage reitet die Prinzessin mit den Räubern Holz, Bolz und Schwanenstolz durch wilde Landschaften, bestaunt die unvermutete Ausdehnung der Welt und nimmt verwundert zur Kenntnis, daß die Räuber alles selber machen können und ganz ohne Personal zurechtkommen. Furchtlos und aufmüpfig majestätisch besteht sie darauf, daß die Räuber sie stets mit „Königliche Hoheit“  und im Pluralis majestatis anzusprechen haben.

Zudem fordert sie auch einige blaublütige Bequemlichkeiten, die der Räuber Schwanenstolz diplomatisch an die bescheiden vorhandenen Möglichkeiten anpaßt. Nach Ankunft in der Räuberzuflucht futtert sie mit den Räubern Möhreneintopf und verlangt eine Gutenachtgeschichte, bevor sie von Schwanenstolz einen halben stoppelschmatzigen Gutenachtkuß auf die Stirn bekommt und endlich einschläft.

Am nächsten Tag macht sich Schwanenstolz allein auf den Weg, das Lösegeld abzuholen. Die Räuber Holz und Bolz haben keine Lust, sich von der kleinen Majestät herumkommandieren zu lassen, und sperren sie in ihrem Zimmer ein.

Doch die Prinzessin denkt in ihrem Majestätsplural: „Zwölf Jahre haben wir eingeschlossen gelebt, jetzt reicht es. Dann gehen wir eben ohne Lakaien.“  (Seite 65) Sie klettert aus dem Fenster und macht sich auf den Heimweg. Es wird ein langer, gefahrvoller und schwieriger Weg, und die Prinzessin muß nun auch wirklich alles selber machen, u.a. Kerbel suchen, Zwiebeln schneiden, Tisch decken und abwaschen und sogar kellnern. Sie lernt Machtlosigkeit und Verzweiflung kennen, denn niemand glaubt ihren Beteuerungen, daß sie die vermißte Rote Prinzessin sei.

Während die Prinzessin barmherzige und unbarmherzige Erfahrungen mit dem „Rest der Welt“ macht, werden die drei Räuber gefangengenommen, eingekerkert und zum Tode verurteilt. Am Tag der Hinrichtung erreicht die Prinzessin die Hauptstadt, klettert aufs Schafott und rettet Schwanenstolz sowie Holz und Bolz das Leben. Nun endlich wird die Rote Prinzessin  „zum ersten Mal und für alle Zeit“ (Seite 141) vom ganzen Volk gesehen.

Paul Biegel erzählt eine sehr vielschichtige und hintergründige Geschichte. Die naiv-selbstbewußte, mutige Unvoreingenommenheit, mit der sich die Rote Prinzessin auf den „Rest der Welt“ einläßt, ist sympathisch und faszinierend. Ihr trotzköpfiges Beharren auf die Anwendung des Pluralis majestatis ist eine heitere Quelle für zahlreiche wortspielerische Dialoge. Auch die anderen Charaktere werden menschenkenntnisreich-nuanciert dargestellt. Wer ist hier gut, wer ist hier böse, wer ist schlau und wer ist dumm? Der Deutungsspielraum bleibt sehr weit und offen.

Die abenteuerliche Spannung und die augenzwinkernde Ironie entstehen durch den häufigen Perspektivwechsel: Mal schauen wir von den Herrschenden auf das Volk, mal vom Volk auf die Herrschenden.

Aber am liebsten schauen wir durch die Augen der Prinzessin, denn die blickt – trotz aristokratischer Allüren  – vom Anfang bis zum Ende mit den Augen des Herzens in die Welt.

Die farbigen Illustrationen von  Linde Faas setzen den Erzähltext sehr einfühlsam und lebhaft in Szene und lassen zugleich genug Freiraum für die persönliche kindliche Vorstellungskraft.

 

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Linde Faas (geboren 1985 in Zeist, Niederlande) studierte Animation an der St. Joost-Kunstakademie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Auszeichnung ab und erhielt zudem verschiedene Preise bei internationalen Filmfestivals. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit dem Schwerpunkt Grafik und Zeichnung

 

 

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9 Kommentare zu “Die Prinzessin mit den roten Haaren

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