Vom magischen Leuchten des Glühwürmchens bei Mitternacht

  • Und anderen kleinen großen Wundern der Natur
  • von Sy Montgomery
  • Originaltitel: »The Curious Naturalist. Nature’s Everyday Mysteries«
  • Übersetzung ins Deutsche von Dr. Cornelia Panzacchi
  • mit Illustrationen von Tine Pagenberg
  • Knesebeck Verlag  März 2019  www.knesebeck-verlag.de
  • Format: 17,00 x 24,00 cm
  • 240 Seiten
  • 26 Abbildungen
  • gebunden, Fadenheftung
  • LESEBÄNDCHEN
  • 24,00 € (D), 24,70 € (A)
  • ISBN 9-783-95728-291-0

PAN  OPTIKUM  &  BLICK  FANG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses Buch ist eine Spurenlese der Natur, ein sinnlich-vergnügter, wissenswertvoller Wegweiser zur achtsamen Wahrnehmung und vertieften Wertschätzung von Pflanzen, Tieren, Pilzen und Elementen.

In lockerem Plauderton führt uns Sy Montgomery in 45 Naturepisoden durch Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Sie lädt dazu ein, die alltägliche Tier- und Pflanzenwelt vor der eigenen Haustür mit offenen Augen und offenem Herzen wahrzunehmen. Egal wo, egal wann – es gibt immer etwas zu entdecken, zu bestaunen und kennenzulernen.

Illustration © Tine Pagenberg/Knesebeck Verlag 2019

Trotz der Kürze der Naturgeschichten gelingt der Autorin stets eine atmosphärische Einstimmung und eine spannende, faszinierende Darstellung, die, gewürzt mit wohlge-wählten Prisen Detailwissens und heiterer Anekdoten sowie sinnvoller Querverweise und Abzweigungen, einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Der Lesespaziergang führt von Flechten zu Fröschen, vom regen Regenwurm zum klangvollen Liebeswerben der Vögel, von eßbaren Wildpflanzen zu unterschiedlichen Erd- bzw. Schlammsorten, von den magischen Kräften des Farns zur Liebesakrobatik der Libellen, von Gesteinen zu Blitzen, von Fledermäusen zu Mücken, vom Gezeitentümpel zu Möwen, von Grillen und Zikaden zum architektonischen Können der Biber, von zarten Pilzen zu findigen Eichhörnchen, vom wandelbaren Eis zu schwarzen Schneeflöhen, von vorwitzigen Krähen zu schlauen Füchsen – um nur einige Stichworte herauszupflücken.

Illustration © Tine Pagenberg/Knesebeck Verlag 2019

Mit Staunen und Schmunzeln nimmt man zur Kenntnis, daß Grillen beim Zirpen stets mit dem rechten Flügel über den verhärteten inneren Flügelrand – die sogenannte Schrillleiste – des linken Flügels „geigen“, wohingegen Grashüpfer wie das Grüne Heupferd von Natur aus Linksflügler sind, oder daß die Spitzmaus zu den weltweit wenigen giftigen Säugetieren gehört und daß der kleine Körper der Spitzmaus dank einer Polsterung aus braunem Fettgewebe, das Wärme erzeugen kann, der Winterkälte trotzen kann.

Und fast ungläubig erfährt man, daß Flechten mehr irdische Fläche bedecken als die tropischen Regenwälder.

Illustration © Tine Pagenberg/Knesebeck Verlag 2019

Sy Montgomery gelingt eine buchstäbliche Verflechtung von zoologischen, botanischen und geologischen Erkenntnissen mit persönlichen Naturer- fahrungen. Mit ihrer den Erscheinungsformen der Natur stets liebevoll zugewandten Perspektive erinnert sie ebenso poetisch wie augenzwinkernd-heiter und animierend immer wieder an „die Großzügigkeit der Natur“.

Die schönen, graphisch-stilisierten naturalistischen Illustrationen von Tine Pagenberg machen dieses Lesebuch der Natur neben seiner inhaltlichen Vielfalt auch zu einer sehr attraktiven Augenweide, die durch buchgestal- terische Sorgfalt harmonisch ergänzt wird. Das großzügige Buchformat (Groß-Oktav) mit lesefreundlich sattem Schriftbild auf angenehm glattem Papier, die Fadenheftung und ein farblich abgestimmtes Lesebändchen sowie das attraktive Titelbild mit seiner farbkontrastreichen typogra- phischen Inszenierung sind ein sehr gelungener Blickfang und schmeichlen allen bibliophilen Sinnen.

„Dieses Buch will Ihnen, liebe Leser, alltägliche und doch erstaunliche Vorgänge aus der Natur näherbringen und Sie dazu anregen, vielleicht selbst Beobachtungen anzustellen und ein wenig über Lebewesen, Kräfte, Verhaltensweisen und Geschehnisse nachzu-denken, die wir ständig um uns haben und doch meistens übersehen. Denn jede Jahreszeit, jeder Monat steckt voller aufregender Geheimnisse.“ (Seite 10) 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.knesebeck-verlag.de/vom_magischen_leuchten_des_gluehwuermchens_bei_mitternacht/t-1/780

Illustration © Tine Pagenberg/Knesebeck Verlag 2019

Die Autorin:

»Sy Montgomery, 1958 geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete amerikanische Natur-forscherin, Drehbuchautorin und Verfasserin von über zwanzig Sachbüchern – „die perfekte Mischung aus Emily Dickinson und Indiana Jones“. Sie schwamm mit Piranhas und blauen Delfinen im Amazonas, bestieg das Altai-Gebirge auf der Suche nach Schneeleo-parden und wurde in Indien von Tigern gejagt. Immer findet man sie in nächster Nähe der Tiere, über die sie schreibt. Zuletzt erschien aus ihrer Feder hierzulande „Rendezvous mit einem Oktopus“. Der New-York-Times-Bestseller und Anwärtertitel auf den National Book Award 2015 schrieb eine echte Erfolgsgeschichte.«

Die Illustratorin:

»Tine Pagenberg ist leidenschaftliche Zeichnerin, Illustratorin und begeisterte Vogelkund-lerin. Sie studierte Malerei/Grafik an der HfBK Dresden. Mit einem liebevollen Blick auf die Natur zeichnet sie ihre fabelhaften Bildwelten. Die große Verbundenheit zu unserer Flora und Fauna ist die wichtigste Inspirationsquelle und spiegelt sich in all ihren Arbeiten. Nach dem Studium gründete sie das Label marga.marina – benannt nach ihrer Großmutter. Hier gestaltet sie eigene Produkte mit dem Schwerpunkt auf nachhaltige, umweltfreundliche Papierwaren.« https://www.margamarina.de/

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren Buch von Sy Montgomery: Einfach Mensch sein. Von Tieren lernen“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/07/11/einfach-mensch-sein/

Wer es naturwissenschaftlich gerne noch genauer wissen möchte, greife ergänzend zu Nick Bakers Schule der Spurenlese „Fährten lesen und Spuren suchen“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/31/fahrten-lesen-und-spuren-suchen/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh

  • von Julie Völk
  • Gerstenberg Verlag  Juni 2018    http://www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 25,2 x 30 cm
  • 32 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 16,95 € (D), 17,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5669-7
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

SCHULE  DES  SEHENS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit Julie Völks Bilderbuch „Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh“ betreten wir eine erstaunliche und vergnügliche Schule des Sehens.

In Zeiten digital-beschleunigter Wisch-und-weg-Aufmerksamkeit bietet Julie Völks Bilderbuch einen äußerst betrachtenswerten Gegenpol. Da ihre Bilderbücher reine Bildgeschichten ohne jeden Begleittext sind, erschließen sich die vielfältigen Erzählfäden nur mit geduldiger Entdeckungsneugier, meditativer Langsamkeit und detailverliebter Verknüpfungsbegeisterung.

Zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge, verabschieden sich von ihren Eltern und machen sich zu Fuß auf den Weg zur Schule. Der Blick in die gemütliche Küche zeigt diverse Zutaten, die auf einen musisch-künstlerischen Haushalt schließen lassen. Man sieht einen Becher mit Pinseln, Bücher, eine Gitarre und in einer Ecke zwischen Wand und Küchenschrank eine Schultüte mit Musiknotendekor. Eine schwarze Katze mit weißem Gesicht lugt possierlich hinter einem Türflügel hervor.

Durch die geöffnete Flügeltür erblickt man ein herbstlich getöntes Birkenwäldchen, das die Kinder auf der nächsten Doppelseite Hand in Hand durchqueren. Wenig später holen sie ein Nachbarmädchen ab, dessen Eltern eine kleine Flußfischerei betreiben. Nach der Überquerung  des Flusses  kommen die Kinder an einem Bauernhof vorbei, auch dort schließt sich ein weiterer Mitschüler an.

Lachend und verspielt herumstaksend, nähern sich die vier Kinder der Stadt, in der schon von weitem erkennbar ein Zirkus gastiert. An der am Stadtrand gelegenen Autowerkstatt werden ein Paar Zwillingsmädchen abgeholt, an den Zirkuswohnwagen ein weiterer Junge. Die Kinder passieren eine Bäckerei, eine Zoohandlung und Wohn- häuser, und so wächst die Kinderschar und wird immer bunter. Schließlich sitzen sechsundzwanzig Kinder im Klassenraum schauen und uns erwartungsvoll an …

Illustration Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Julie Völk reichert diesen alltäglichen Schulweg mit einfühlsam-zwischenmenschlichen und verspielt-phantasievollen Feinheiten an. So taucht auf fast jedem Bild ein winziges zwerglich-menschliches Wesen auf, das den Kindern heimlich folgt und schließlich auch mit seinen ungefähr 40 cm Körpergröße mit im Klassenzimmer sitzt bzw. steht, da es nur im Stehen über die Tischplatte hervorlugt.

Auch die schwarzweiße Katze aus dem künstlerischen Haushalt ist den Kindern, mal mehr mal weniger sichtbar, bis in die Schule gefolgt. Wo sie sich später im Klassenraum verbirgt, werde ich jedoch nicht verraten, das müssen Sie und ihre Mitguckkinder schon selber herausfinden.

Jede erneute „Lektüre“ des Bilderbuches erschließt andere Perspektiven und Details. So läßt etwas ein Junge unterwegs seinen roten Turnbeutel stehen. Eines der Zwillingsmäd-chen, das seinen Schultornister vergessen hat und noch einmal nach Hause zurückläuft, bringt auch diesen Turnbeutel wieder mit und wird entsprechend freudig von dem Jungen in Empfang genommen. 

Illustration Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Der Lehrer – leicht erkennbar an seiner ledernen Aktentasche – hat sich verschlafen und rennt eilig zur Schule und verliert bei seinem Sprint lose Blätter, so daß man stets die Spuren seines Wegs und schließlich auch die seiner Ankunft und Anwesenheit mitverfolgen kann.

Die Wohnaccessoires der verschiedenen Haushalte, in die wir Einblick bekommen, bieten Charakterisierungszugaben, mit deren Deutung man sich lange und unter- haltsam beschäftigen kann.

Ich bin jetzt fünfmal mit den Bilderbuchkindern augenfußläufig zur Schule gegangen und habe jedesmal eine weitere amüsante Einzelheit und einen neuen Zusammenhang gefunden.

Mit oberflächlich-kurzfristigen Bildschirmklick-Sehgewohnheiten findet man sich jedoch keineswegs in diese leise sprechenden Bilder hinein. Nur langsames, verweilendes Hinschauen führt zu Einsicht, erschließt beim wiederholten Betrachten und Blättern nach-und-nach-gemach Details, Querverbindungen, Handlungsabläufe und Schlußfolgerungen sowie Pointen.

Julie Völks Bilderbuch „Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh“ mutet nostalgisch an. Man fragt sich unwillkürlich, wie viele Kinder heute, angesichts der zwanghaften Übermotorisierung, noch zu Fuß zur Grundschule gehen und Erfahrungen sammeln, wie die Kinder aus dem vorliegenden Bilderbuch.

Dieses Bilderbuch ist eine wahre Augenweide voller lebensbereichernder Facetten und vermittelt mit seinen warmherzigen Szenerien und ebenso einfühlsamen wie schelmischen Details eine wünschenswerte Entdeckung und Wertschätzung der Langsamkeit.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836956697&highlight=wenn+ich+in+die+schule

Die Illustratorin:

»Julie Völk, geboren 1985 in Wien, wuchs im ländlichen Niedersachsen auf. Sie studierte an der HAW in Hamburg Illustration. Ihr Debüt Das Löwenmädchen ist gleich mit dem Nachwuchspreis Serafina und dem Troisdorfer Bilderbuchpreis ausgezeichnet worden. Für ihr zweites Buch Guten Morgen, kleine Straßenbahn! erhielt sie den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Die Künstlerin lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich.« www.julievoelk.de

Querverweis:

Hier entlang zu zwei weiteren Bilderbüchern  von Julie Völk:
„Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/04/guten-morgen-kleine-strassenbahn/
„Stille Nacht, fröhliche Nacht“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/18/stille-nacht-froehliche-nacht/

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