Wie laut war eigentlich der Urknall ?

  • Wie sich die Menschen unser Universum vorstellen
  • Text & Illustrationen von Guillaume Duprat
  • Wissenschaftliche Beratung: Jean-Philippe Uzan
  • Originaltitel: »Univers. Des mondes grecs aux multivers«
  • Aus dem Französischen  von Susanne Schmidt-Wussow
  • KNESEBECK Verlag 2018 www.knesebeck-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 26 x 27 cm
  • 48 Seiten mit zahlreichen Illustrationen
  • 20,00 €
  • ISBN 978-3-95728-208-8
  • Sachbilderbuch ab 8 Jahren (laut Verlag)

KOSMISCHE  PERSPEKTIVEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nachdem Guillaume Duprat in seinem vorherigen Buch das Erdenrund betrachtet hat, siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/04/21/seit-wann-ist-die-erde-rund/ widmet er sich in seinem neuen Buch dem Weltall. Mit diesem Werk gelingt es ihm, uns einen Zipfel der Unendlichkeit des Universums in die Hand zu geben.

Die Faszination für den gestirnten Himmel und die Frage, wie das Universum entstanden sei, hat die Menschheit immer schon beschäftigt. Das Sachbilderbuch „Wie laut war eigentlich der Urknall?“ beschreibt und illustriert verschiedene Vorstellungen vergangener Zeiten sowie moderne wissenschaftliche Erkenntnisse und spekulative Vermutungen aus der aktuellen Astrophysik, Kosmologie und Quantenphysik.

Im antiken Griechenland (Aristoteles, Ptolemäus) etwa stellte man sich den Kosmos ebenso kugelförmig vor wie die Erde. Die Erde bildet den unbeweglichen Mittelpunkt und wird umkreist von Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn, und die Fixsterne sind an der geschlossenen Kugel des Kosmos (der sogenannten Fixstern- sphäre) befestigt.

Arabische und europäische, mittelalterliche Gelehrte kultivierten diese geozentrische Vorstellung des Universums weiter, bis der Astronom Nikolaus Kopernikus mit seiner heliozentrischen Vorstellung des Kosmos, die Sonne in den Mittelpunkt stellte und die Erde damit „nur“ zu einen Planeten unter anderen Planeten wurde. Die Fixsternsphäre blieb dabei jedoch erhalten.

1576 löste sich der britische Astronom Thomas Digges von der Vorstellung einer ge-schlossenen Fixsternsphäre und ersetzte sie durch einen grenzenlosen Raum. Der Philosoph Giordano Bruno wurde für die revolutionäre Idee eines unendlichen Weltalls 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und Galileo Galilei wurde für die Auffassung, daß die Erde um sich selbst kreise und daß das Universum – im Gegensatz zur Kirchen-lehre – unendlich sei, 1633 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt, und er mußte seinem „Irrglauben“ abschwören.

Es gab immer schon Menschen, die ihrer Zeit weit, weit, weit voraus waren. So gab es im antiken Griechenland eine „Schule der Atomisten“, die der Auffassung war, daß unsere Erde nur eine von unendlich vielen Welten sei, und Nikolaus von Kues (14. Jahrhundert) stellte sich ein Universum ohne Mittelpunkt mit einer beweglichen Erde vor.

1671 revolutioniert Isaak Newton mit seinem Gravitationsgesetz nachhaltig unsere Betrachtungsweise des Universums.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt Albert Einstein die Relativitätstheorie, in der er einen Zusammenhang zwischen Raum und Zeit herstellt und die Vorstellung einer elastischen Raumzeit in die berühmte Formel E = mc² faßt. Das Universum selbst betrachtet Einstein jedoch noch als statisch.

Der Russe Alexander Friedmann und der Belgier Georges Lemaître schlußfolgern aus Einsteins Relativitätstheorie, daß das Universum dynamisch sei. 1927 kann der amerikanische Astronom Edwin Hubble mit Hilfe des leistungsstärksten Teleskops seiner Zeit die Expansion des Universums beobachten und die Existenz anderer Galaxien beweisen. Die Urknalltheorie ist nicht mehr aufzuhalten und wird 1964 durch die Messung der kosmischen Hintergrundstrahlung bewiesen.

Die moderne Physik vergleicht die Gesetzmäßigkeiten von Makro- und Mikrokosmos und findet  im Inneren der Materie auffällige Teilchen, die zur Theorie der Quanten- mechanik führen. Von hier aus betreten wir Leser das Reich der wissenschaftlichen Spekulation und betrachten Schwarze Löcher, Wurmlöcher, Multiversen und sogar Räume mit mehr als unseren gewohnten vier Dimensionen …

„Wie laut war eigentlich der Urknall“ ist eine intergalaktisch gute, kom- pakte Darstellung der naturwissenschaftlichen Ausdehnung des mensch- lichen Wissenshorizonts über die Struktur und Entstehung des Universums. Der Wissensstoff  ist in übersichtliche, klar konzentrierte Textportionen eingeteilt. Die ebenso ästhetisch wie anschaulich-präzisen Illustrationen fördern und vertiefen das Verständnis der durchaus anspruchsvollen Thematik, und die zahlreichen integrierten Aufklappseiten wecken und stillen die kindliche Forscherneugier. Ein Glossar erklärt zusätzlich kurz und bündig Fachbegriffe von Dunkler Materie bis Urknall.

Die Gestaltung dieses Sachbilderbuches ist äußerst animierend, wahrlich faszinierend und eröffnet buchstäblich neue Wissensräume. „Wie laut war eigentlich der Urknall“ ist eine wissensfunkelnde Buch-Sternschnuppe, die wenig zu wünschen übrig läßt, außer vielleicht der lichtgeschwinden Anschaffung eines sehr, sehr guten Teleskops …

Indes erscheint mir die Altersangabe des Verlages (ab 8 Jahren) in Hinsicht auf das hohe sprachliche und inhaltliche Niveau dieses beeindruckenden Buches recht gewagt.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.knesebeck-verlag.de/wie_laut_war_eigentlich_der_urknall/t-1/710

Hier entlang zu Guillaume Duprats Sachbilderbuch „Seit wann ist die Erde rund?“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/04/21/seit-wann-ist-die-erde-rund/

 

Der Autor & Illustrator:

»Guillaume Duprat wurde 1973 in Paris geboren und arbeitet als Illustrator und Autor. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Kinderbücher geschrieben. Bei Knesebeck erschienen zuletzt seine erfolgreichen Bücher Seit wann ist die Erde rund? und Was sieht eigentlich der Regenwurm?«
http://www.cosmologik.wordpress.com

 

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Seit wann ist die Erde rund ?

  • Wie sich die Völker unseren Planeten vorstellten
  • Text & Illustrationen von Guillaume Duprat
  • Originaltitel: »Le Livre des Terres imaginées«
  • Aus dem Französischen von Stephanie Singh
  • KNESEBECK Verlag 2009 www.knesebeck-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 26 x 27 cm
  • 64 Seiten mit 60 Illustrationen
  • 22,00 €
  • ISBN 978-3-86873-135-4
  • Sachbilderbuch ab 8 Jahren

W E L T B I L D E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wir wissen, daß unsere Erde ein rundlicher Planet ist, der im Weltall kreist und Teil eines Sonnensystems ist. Aber in früheren Zeiten, an anderen Orten und bei anderen Völkern war (und ist) das durchaus anders.

Das Sachbilderbuch „Seit wann ist die Erde rund?“ erweitert unseren Horizont um andere Weltbetrachtungen und Erdkörpererklärungen, die oft poetisch-mythisch-religiös inspiriert, manchmal kurios, manches Mal jedoch auch erstaunlich nahe an unserer modernen, an alltägliche Satellitenbilder gewöhnten Perspektive sind.

Guillaume Duprat blättert uns vielfältige Erdgestalten auf: Inselwelten, Wasser- und Luftwelten, unterirdische, bergige, birnenförmige, eckige, dreieckige, flache, kreisför-mige, linsenförmige, scheibenförmige, gewölbte, hohle und kugelrunde Welten.

Die Inselwelten ruhen oft auf einer Riesenschlange, auf einem Wasserbüffel, auf einer Riesenschildkröte oder auf Elefantenrücken. Nach einer Sage der Tartaren schwimmt die Erde auf dem Rücken eines riesigen Fisches durchs Meer. So hat man auch gleich eine plausible Erklärung für Erdbeben, denn wenn eines der Tiere sich bewegt oder kratzt, wackelt die Erde zwangsläufig mit.

Im 11. Jahrhundert v. Chr. erklärten die taoististischen Chinesen die Erde als viereckig und schwer (Yang) und den Himmel als rund und leicht (Yin). Drachen in vielen Farben leben an den Grenzen der Erde, und einer davon, ein Grünfarbener, ist dafür zuständig, Wolken zu speien. Die alten Ägypter (um 1800 v. Chr.) stellten sich die Erde quadratisch vor, und bei den Azteken wiederum war die Erde flach und kreuzförmig.

Persische, babylonische, afrikanische, indianische, christliche, muslimische, hinduis- tische, buddhistische, asiatische, russische und europäische Vorstellungen von der Gestalt der Erde sind in diesem wahrlich weltläufigen Buch versammelt. Einleuchtend ist, wie maßgeblich dabei die lokalen landschaftlichen Bedingungen und mythisch-religiösen Systeme sinnvoll miteinander verknüpft wurden und ein wechselwirksam sich selbstbestätigendes Weltbild etablieren konnten.

Im antiken Griechenland glaubte man aufgrund der Beobachtung von Mondfinster- nissen und des kreisförmigen Erdschattens, der dabei sichtbar wird, daß die Erde eine Kugel sei. Auch Platon (5. Jahrhundert v. Chr.) und Pythagoras teilten diese Ansicht und stellten sich die Erde unbeweglich im Raum schwebend vor. Platon stellte zudem Spekulationen zur Landgröße und zum einstigen Standort des versunkenen Atlantis an und vermutete das Vorhandensein weiterer unbekannter Kontinente.

Der Astronom und Mathematiker Ptolemäus (Griechenland, 2. Jahrhundert) fand eine Methode, um den kugelförmigen Körper der Erde auf einer flachen Landkarte darzustellen.

Die Vorstellung der Erde als Kugel führte zu Überlegungen, wie das Erdinnere beschaffen sein könnte. Leonardo da Vinci (Italien, 15. Jahrhundert) vermutete, daß das Erdinnere mit Wasser gefüllt sei, Galileo Galilei (Italien, 17. Jahrhundert) vermutete einen gigan-tischen magnetischen Stein. Athanasius Kirchner (Deutschland, 17. Jahrhundert) nahm an, daß es im Inneren der Erde ein Kanalsystem mit Feuer oder Wasser gebe.

Isaac Newton (England, 17. -18. Jahrhundert) bezweifelte die kugelrunde Form der Erde und vertrat die Ansicht, die Erde sei durch ihre Eigenrotation an den Polen abgeflacht, und somit sei die Erde nicht ganz rund, sondern elliptisch geformt. Mehrere damalige Forschungsreisen und Vermessungen bestätigten Newtons Ansicht, die bis heute Gültigkeit hat.

Das letzte Kapitel bringt uns schließlich auf den gegenwärtigen Stand des Wissens über unsere Erde. Die abschließende Doppelseite verschafft durch eine Zeittafel von 1000 v. Chr. bis zum Jahr 2000 einen schnellen Überblick über die vorgestellten Weltbilder und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und ihre geographische und historische Einordnung.

Die ansprechenden farbigen Illustrationen von Guillaume Duprat verleihen den vielfältigen Erdvorstellungen lebhafte und faszinierende Gestalt. Diverse Aufklappseiten vermitteln Entdeckerlust und spannende, zusätz- liche Perspektiven. Das ausgewogene Verhältnis zwischen Textinformation und Bildmaterial erschließt Kindern ebenso spielerisch wie konzentriert weltbewegendes Wissen.

 

Auf www.cosmologik.wordpress.com  finden wißbegierige Eltern zudem ein ausführliches – allerdings französischsprachiges – Literaturverzeichnis der Quellen, aus denen Guillaume Duprat für die Gestaltung seines Buches geschöpft hat. Ein solcher Hinweis ist bei Kindersachbüchern leider eher selten, weshalb er hier lobend erwähnt sein soll.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.knesebeck-verlag.de/seit_wann_ist_die_erde_rund/t-1/701

 

Der Autor und Illustrator:

»Guillaume Duprat wurde 1973 in Paris geboren und arbeitet als Illustrator und Autor. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Kinderbücher geschrieben. Bei Knesebeck erschienen zuletzt seine erfolgreichen Bücher Wie laut war eigentlich der Urknall? und Was sieht eigentlich der Regenwurm?«  http://www.cosmologik.wordpress.com

 

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Manolito

  • Ein fantastischer Märchen-Roman
  • von Friedrich Hechelmann
  • Knesebeck Verlag September 2017   www.knesebeck-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • Format: 19,5 x 23,00 cm
  • 176 Seiten
  • mit 10 schwarzweißen Abbildungen
  • und 30 farbigen Abbildungen
  • ISBN 978-3-95728-060-2
  • 29,95 € (D), 30,80 € (A)
  • ab 10 Jahren

LE B E N S K R Ä F T E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Friedrich Hechelmann ist Maler und Buchillustrator, und er hat für das vorliegende Buch nicht nur zum Pinsel, sondern auch selbst zur Feder gegriffen. Achtsame Liebe zur Natur, Ehrfurcht vor der Schöpfung und eine naturmagisch-poetische Perspektive lassen sich an seinen Bildern ablesen.

Mit seinem Märchen-Roman-Debüt „Manolito“ erzählt Friedrich Hechelmann in Wort und Bild ein modernes Märchen über die Bedrohung der Natur und des Lebens durch menschliche Herzenskälte und Profitgier und über eine mögliche Bewußtseinswende durch heilsame, naturgeistige Lebenskräfte.

Knuth Rabenhorst arbeitet in einem wissenschaftlichen Versuchslabor der Pharma-industrie und führt gehorsam die verlangten Versuche an den „Probanden“ durch. Des Nachts meldet sich bei ihm jedoch angesichts der Qualen der Versuchskaninchen immer häufiger das Gewissen, denn eigentlich ist Knuth ein empfindsamer Mensch – so pflegt er beispielsweise eine Fütter-Freundschaft mit einem dem Raben Kasimir, der ihn regelmäßig auf seinem Balkon besucht.

Doch erst als Knuth seine Anstellung verliert, kommt er ernsthaft  zur Besinnung. In seiner Labor-Kitteltasche findet er den heimlich entflohenen Probanden Nr. 226. Nr. 226 ist nur kichererbsenklein, er hat eine menschliche Gestalt und fleht Knuth an, ihn nicht wieder in das schreckliche Labor zurückzubringen. Knuth läßt endlich sein Mitgefühl zu und verspricht Nr. 226 Schutz und Hilfe und gibt ihm den Namen „Manolito“.

Manolito freut sich, daß er keine Nummer mehr ist, und Knuth freut sich über die anre-gende Gesellschaft Manolitos. Sie diskutieren lebhaft das menschliche, lebensfeindliche Verhalten gegenüber den natürlichen Geschöpfen, und Knuth überlegt sich berufliche Alternativen, da er sich an diesem Zerstörungswerk nicht mehr beteiligen mag.

Während sich Knuth auf Arbeitssuche begibt, erkundet Manolito sein neues Zuhause und freundet sich mit der Hausspinne Liesa und dem Raben Kasimir an. Manolito ist die körperliche Miniaturausgabe eines Menschen, indes hat er die Seele eines Elfen, und deshalb kann er mit allen Tieren sprechen. So erfährt er auch, daß sich immer mehr Tiere auf den geheimen Kontinent Aronia zurückziehen, um der menschlichen Grausamkeit und den durch Umweltverschmutzung lebensverarmten und zerstörten Lebensräumen zu entkommen.

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

Der Zugang nach Aronia wurde vor vielen Jahrtausenden von den Elfen hinter einer für Menschen unsichtbaren Wasserwand verborgen. Tiere finden den Weg nach Aronia jedoch instinktiv, und die wenigen Elfen, die noch als Botschafter in der Menschenwelt unterwegs sind, haben selbstverständlich ebenfalls leichten Zugang. Und so landet Manolito nach einer dramatischen Wende unvermittelt in Aronia.

Die Hummelkönigin Klara nimmt Manolito als Flugpassagier auf und zeigt ihm die wilden, menschenleeren Landschaften Aronias, in denen außer den noch in der Menschenwelt existierenden Tieren auch ausgestorbene Tiere und fast vergessene Fabelwesen leben und wirken. Im Herzen Aronias liegt der Elfenwald. Dort erfährt Manolito mehr über seine Herkunft und seine Bestimmung, und er bekommt ein wertvolles Geschenk, das ihm bei der Erfüllung seiner Aufgabe dienlich sein wird.

So groß, weitläufig und verborgen Aronia auch ist, es ist nicht unverwundbar. Die menschliche Gier nach Bodenschätzen unterhöhlt buchstäblich auch dieses Refugium, und es besteht die akute Gefahr, daß Aronias Schutzschleier gelüftet wird. Aronia benötigt elementare Unterstützung, um sich gegen einen Angriff und eine drohende Invasion der Menschen zu verteidigen.

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

Der Zentrale Rat der Vereinigten Arten Aronias beauftragt Manolito, die Hummelkönigin Klara, die Grasmücke Mathilde, die Fledermaus Philomena und weitere tierische Ver-bündete zum Meister des Windes zu reisen und um seine Unterstützung zu bitten. Die Bewohner Aronias werden ihr Refugium nicht kampflos den „Paarfüßlern“ – so werden die Menschen von den Tieren genannt – überlassen.

Es wird eine sehr abenteuerliche Reise mit harten Bewährungsproben und mit unverhofft-hilfreichen und inspirierenden Begegnungen. So weiß beispielsweise der Delphin Ody, der sie beim Überqueren des Meeres vor dem Ertrinken rettet, weitsichtige Worte über das Wasser zu sagen:

»Ich weiß es vom Wasser … Es hat die gesamte Geschichte der Erde und seiner Bewohner gespeichert. Dem Wasser kann man nichts vormachen. Was man dem Wasser antut, tut man sich selbst an. Bei Luft und Erde ist es dasselbe. Das haben die Paarfüßler nur bis heute nicht begriffen.« (Seite 111)

Die spannende, märchenhafte Handlungsinszenierung fügt sich wunderbar in die vielfältigen Landschaften, ja, eigentlich Seelenlandschaften, die Friedrich Hechelmann entwirft. Dabei eröffnet er einfühlsam Perspektiven der Tiere auf das Handeln der Menschen.

Die katastrophal-zerstörerischen Folgen lebensabgehobener Naturentfremdung werden deutlich formuliert, indes fehlt es keineswegs an weisen Anregungen zu einem Leben in naturachtsamer, wechselseitiger Verbundenheit.

Friedrich Hechelmanns phantastische Illustrationen bieten der Imagination des Lesers ein einladendes Bühnenbild voll geheimnisvoller Lebenstiefe und poetischer Vielschichtigkeit. Sein Erzählstil ist im Vergleich dazu schnörkellos und präzise sowie in den Dialogpassagen gelegentlich etwas schelmisch. Er benutzt klare Worte und kurze Sätze. „Manolito“ ist ein leseleichter, gleichwohl substanzieller und inspirierender Märchen-Roman für kleine und große Menschen, denen die Natur am Herzen liegt. Ich würde die Lesealtersangabe des Verlages dahingehend korrigieren, daß „Manolito“ eine Lektüre von 10 bis 100 Jahren ist.

Zum Ausklang lasse ich uns gerne die Hummelkönigin Klara ihre Vision ins Ohr summen:

»Ich wollte, die Menschen fänden zu ihrer Bestimmung zurück und gingen achtsam mit der Natur um, würden die Geschöpfe und alles, was lebt, bewahren und lieben. Die Erde wird auch dann kein Paradies sein. Solange der Planet um sich selbst und um die Sonne kreist, wird es Tag und Nacht geben. Jedes Ereignis, jedes Lebewesen wird eine dunkle und eine helle Seite haben. Aber im Kern jeden Lebewesens sollte der Respekt vor dem Geheimnis des Lebens stehen. Wenn es so weit ist, werden auch die Elfen ihre Isolation aufgeben und zu uns zurückkehren, zum Wohle aller.« (Seite 90)

Illustration © Friedrich Hechelmann/Knesebeck Verlag

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.knesebeck-verlag.de/manolito/t-1/594

Querverweis:

Hier entlang zu einer von Friedrich Hechelmann illustrierten Märchensammlung
Das Buch der Märchen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/01/28/das-buch-der-maerchen/

 

Der Autor und Illustrator:

»Friedrich Hechelmann wurde 1948 in Isny im Allgäu geboren. Er studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und zählt seither zu den bedeutendsten Malern des Realismus. In der Kunsthalle im Schloss Isny im Allgäu, wo er heute lebt und arbeitet, hat er einen besonderen Ort gefunden, den er durch großes Engagement zu einem kulturellen Zentrum verwandelt hat. In den mit großer Liebe zum Detail restaurierten Räumen des Schlosses stellt er seine Originalwerke aus, darunter auch Buchillustrationen. Denn Friedrich Hechelmann wurde auch als Illustrator zahlreicher Bücher populär, wie Michael Endes Momo (2009), Cornelia Funkes Die Geisterritter (2011) oder Selma Lagerlöfs Nils Holgersson (Knesebeck, 2013). Manolito ist der erste Roman des Künstlers.«
Besuchen Sie Friedrich Hechelmann auf seiner Webseite: www.hechelmann.de

 

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Der Fluch der Spindel

  • Graphic Novel
  • von Neil Gaiman
  • Illustriert von Chris Riddell
  • Originaltitel: „The Sleeper and the Spindle”
  • Aus dem Englischen übersetzt von Reinhard Tiffert
  • Deutsche Erstausgabe KNESEBECK Verlag September 2015
  • http://www.knesebeck-verlag.de
  • Format: 19 x 26,2 cm
  • gebunden mit transparentem Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • 72 Seiten
  • durchgehend zweifarbig illustriert
  • 16,95 € (D), 17,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86873-872-8
    Der Fluch der Spindel Titelbild

 

S C H L A F W A N D E L

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Neil Gaiman spielt im „Fluch der Spindel“ nonchalant mit dem Bruch der Märchenkonvention und schafft eine anspielungsvolle Melange aus bekannten Märchenzutaten, genreselbstironischen Elementen und eigenwilligem Rollentausch.

Eine schöne, junge Königin macht sich so ihre Gedanken eine Woche vor ihrer Hochzeit. Wachgeküßt ist sie bereits, und der Gedanke an die Endgültigkeit des Ehelebens scheint ihr nicht so recht zu behagen.

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Der Fluch der Spindel: Illustration von Chris Riddell © KNESEBECK Verlag 2015

Drei Zwerge wollen im benachbarten Reich ein Hochzeitsgeschenk für ihre Königin erwerben. Unterwegs erfahren sie von einem Wirt, in dessen Schänke sie eine Pause machen, von einer geheimnisvollen Seuche, die sich immer weiter im Land ausbreite.

Es handelt sich um einen Zauberschlaf, der von einem alten Fluch herrühren soll. Vor ungefähr hundert Jahren sei eine Prinzessin durch den Stich einer Spindel mitsamt ihrem Hofstaat in Dauerschlaf gefallen. Die Burg wäre inzwischen von undurchdring- lichen Dornenranken überwuchert, in denen schon so mancher tapfere Held sein Leben verlor. Seit einiger Zeit dehne sich nun aber dieser Zauberschlaf aus, und die Menschen wären auf der Flucht vor der unwiderstehlichen Müdigkeit.

Beunruhigt kehren die Zwerge sogleich zurück und berichten ihrer Königin von der Gefahr, die früher oder später auch ihr Reich berühren werde. Kurzentschlossen läßt sie sich Kettenhemd, Schwert, Pferd und Proviant geben, gibt ihrem prinzlichen Verlobten einen Abschiedskuß und macht sich auf den Weg, die Prinzessin zu retten und den Fluch zu brechen. Die drei tapferen Zwerge begleiten sie.

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Der Fluch der Spindel: Illustration von Chris Riddell © KNESEBECK Verlag 2015

Zwar muß die Königin, je näher sie der verfluchten Burg kommen, gegen den Drang einzuschlafen, kämpfen, doch die Zwerge, die diesem Zauber gegenüber immun sind, halten sie wach. Ziemlich pragmatisch lösen sie das Problem mit der Dornenhecke und dringen in die Burg ein.

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Der Fluch der Spindel: Illustration von Chris Riddell © KNESEBECK Verlag 2015

Tatsächlich liegen alle Lebewesen in tiefem Schlaf, scheinen ansonsten jedoch unversehrt, abgesehen davon, daß sie eingestaubt und spinnwebenüberzogen sind. Im Turm finden sie die wunderschöne schlafende Prinzessin und eine ganz, ganz alte Frau, die nicht schläft.

Doch die Prinzessin ist nicht die Lieblichkeit, die sie zu sein scheint. Die Königin ist jedoch klug und stark und läßt sich nicht umgarnen …

Der Fluch wird gebrochen, das Böse weicht dem Guten, und alle erwachen wieder aus dem Zauberschlaf.

Und die weitere Heldenreise der jungen Königin?
Nun, ich will einmal ganz märchenhaft ausdrücken: Und wenn sie nicht geheiratet hat, dann abenteuerreist sie wohl noch heute …

Die zahlreichen ganz- und doppelseitigen Illustrationen von Chris Riddell erzeugen eine durchaus düstere Spannung und eine unheimlich gruftige Stimmung, die für meinen Geschmack etwas zu nekrophil gestaltet ist. Gleichwohl ist der Anblick nicht so finster, daß man Albträume davon bekommen muß.

Neil Gaimans zwischen den Zeilen schwebender, magisch durchwobener Schreibstil und sein charmanter schwarzer Humor harmonieren vorzüglich mit der morbiden zeichnerischen Ästhetik Chris Riddells.

Für Liebhaber makaber-magischer, skurriler, schwarzhumoriger Geschichten und Bilder, die viel Interpretationsspielraum offenlassen, bietet „Der Fluch der Spindel“ reizvollen Stoff.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.knesebeck-verlag.de/der_fluch_der_spindel/t-1/403

 

Querverweis:

Hier geht es zu Neil Gaimans „Das Graveyard Buch“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/das-graveyard-buch/
und hier zu: „Der Ozean am Ende der Straße:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/01/14/der-ozean-am-ende-der-strase/

Der Autor:

»Neil Gaiman schrieb bereits zahlreicher Bücher für Kinder und Erwachsene, die von den Kritikern gefeiert wurden, zuletzt Der Ozean am Ende der Straße (2013). Sein Werk Das Graveyard Buch erhielt zahlreiche Preise und die New York Times hat seine mehrere Millionen Mal verkaufte Graphic Novel-Serie Der Sandmann als Meilenstein der Comicgeschichte bezeichnet. Viele seiner Bücher wie Coraline oder Sternenwanderer wurden verfilmt oder als Hörspiel adaptiert. Außerdem hat er einige Episoden der Serie Doctor Who verfasst und tat als er selbst bei den Simpsons auf.«

Der Illustrator:

»Chris Riddell ist ein beliebter und vielfach ausgezeichneter Illustrator und Cartoonist unter anderem für den Observer. Er hat bereits zahlreiche Preise gewonnen, darunter zwei Kate Greenaway Medals, und ist Mitautor des New York Times Bestsellers Die Klippenland-Chroniken

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